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Full text of "Münchener medizinische Wochenschrift"

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THE  UNIVERSITY 
OF  ILLINOIS 
LIBRARY 


V.702- 


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preis  der  einzelnen  Nummer  freibleibend  .K  1800.-.  .  Bezugspreis 
in  Deutschland  und  Ausland  siehe  unter  Bezugsbedingungen. 
Zusendungen  sind  zu  richten 

für  die  Schriftleitung:  Amulfstr.  26  (Sprechstunden  Sl-i— 1  Uhr), 
für  Bezug :  anj.  F.  Lehmanns  Verlag,  Paul  Ueyse-Strasse  26. 


MÜNCHENER 


Anzeigen- Annahme: 

Leo  Waibel,  München,  Theatinerstrasse  3  und  sämtliche 
Geschäftsstellen  der  „Ala“  Vereinigte  Anzeigen-Oesell- 
schaftenHaasenstcin&VoglerA.G.,  Daube&Co.m.  bH. 
Anzeigenschluss  immer  5  Arbeitstage  vor  Erscheinen. 


Medizinische  Wochenschrift. 


ORGAN  FÜR  AMTLICHE  UND  PRAKTISCHE  ÄRZTE. 


Nr.  27.  6.  Juli  1923. 


Schriftleitung:  Dr.  B.  Spatz,  Arnulfstrasse  26. 
Verlag:  J.  F.  Lehmann,  Paul  Heysestrasse  26. 


70.  Jahrgang. 


Der  Verlag  behält  sinh  dae  ausschliessliche  Recht  der  Vervielfältigung  und  Verbreitung  der  in  dieser  Zeitschrift  zum  Abdruck  gelangenden  Originalbeiträge  vor. 


Originalien. 

Ueber  die  Einwirkung  der  weissen  Blutkörperchen, 
der  Milz-  und  Leberzellen  auf  den  Blutfarbstoff. 

Eine  historische  Notiz  von  Friedrich  Müller. 

Die  Beobachtung,  dass  in  der  kruppösen  Pneumonie  die  Lungei.- 
schnittfläche  bei  dem  Uebergang  Von  der  roten  in  die  graue  Hepati¬ 
sation  den  roten  Farbenton  vollständig  verliert,  obwohl  doch  eine  sehr 
grosse  Zahl  von  Erythrozyten  im  Fibrinnetz  der  Alveolen  angehäuft 
waren,  wirft  die  Frage  auf,  was  aus  dem  Hämoglobin  dieser  roten 
Blutkörperchen  geworden  ist.  Man  kann  bei  der  grauen  Hepatisation 
zwar  noch  die  Schatten,  also  die  Stromata  der  roten  Blutkörperchen 
in  den  Alveolen  nachweisen,  sie  haben  aber  ihren  Farbstoff  verloren. 
Fs  muss  also  angenommen  werden,  dass  eine  Hämolyse  stattgefunden 
hat,  aber  der  Vorgang  der  Hämolyse,  also  des  Hämoglobinaustrittes 
aus  den  roten  Blutkörperchen  muss  von  demjenigen  des  Verschwin¬ 
dens  des  Farbstoffes  getrennt  werden,  was  nicht  immer  mit  genügen¬ 
der  Schärfe  betont  worden  ist.  Gewiss  liegt  die  Vermutung  nahe,  dass 
das  aus  den  roten  Blutkörperchen  ausgetretene  Hämoglobin  rasch  re¬ 
sorbiert  und  weggeschwemmt  wird,  aber  die  bekannte  Tatsache,  dass 
im  Stadium  der  grauen  Hepatisation  die  Kapillaren  meist  blutleer  ge¬ 
troffen  werden  und  grossenteils  nicht  einmal  mehr  injizierbar  sind 
(Mac  Call  um)  spricht  nicht  gerade  in  diesem  Sinne.  Jedenfalls 
muss  auch  mit  der  Möglichkeit  gerechnet  werden,  dass  das  aus  den 
roten  Blutkörperchen  ausgetretene  Hämoglobin  unter  dem  Einfluss  der 
massenhaft  eingewanderten  Leukozyten  eine  Umwandlung  in  ein  farb¬ 
loses  Produkt  erfährt. 

Dieser  Gedanke  erweckt  zunächst  gewisse  Bedenken,  weil  wir 
gewohnt  sind,  die  direkte  Umwandlung  des  Blutfarbstoffes  in  das  Bili¬ 
rubin  als  eine  gesicherte  Tatsache  anzusehen.  Freilich  darf  man  sich 
diese  Umwandlung  nicht  in  der  Weise  vorstellen,  als  ob  es  sich  dabei 
einfach  um  den  Austritt  des  Fisens  und  den  Eintritt  von  Sauerstoff  in 
das  Molekül  handelte;  vielmehr  haben  die  Untersuchungen  von  Hans 
Fischer,  P  i  1  o  t  y  und  Thannhauser  nachgewiesen,  dass  der 
Blutfarbstoff  in  seinem  chemischen  Aufbau  wesentlich  verschieden  ist 
von  dem  Bilirubin,  so  dass  bei  der  Umwandlung  des  ersten  in  das 
zweite  ein  völliger  Umbau  des  Moleküls  angenommen  werden  muss. 
Wenn  wir  auch  gute  Gründe  haben  für  die  Annahme  der  Bilirubiri- 
bildung  aus  dem  Blutfarbstoff,  so  ist  doch  noch  keineswegs  erwiesen, 
dass  die  Umwandlung  des  Blutfarbstoffes  in  das  andere  gefärbte  Pro¬ 
dukt  direkt  geschieht,  e§  könnten  dabei  auch  farblose  Zwischen¬ 
stufen  auftreten.  Ferner  ist  es  nicht  wahrscheinlich,  dass  das  aus 
den  roten  Blutkörperchen  ausgetretene  Hämoglobin  ausschliesslich 
und  vollständig  in  Gallenfarbstoff  umgewandelt  wird,  vielmehr  spricht 
manches  dafür,  dass  es  auch  auf  anderem  Wege  abgebaut  werden 
kann.  , 

Wenn  wir  von  der  Bildung  kleiner  Hämatoidin-  oder  Bilirubin¬ 
mengen  in  alten  Blutextravasaten  absehen,  so  galt  bis  vor  kurzem  nur 
die  Leber  als  die  Stätte  der  Gallenfarbstoffbildung,  und  diese  An¬ 
sicht  ist  vor  allem  durch  die  Experimente  von  Naunyn  und  Min¬ 
kowski  gestützt,  ln  neuerer  Zeit  mehren  sich  jedoch  die  Be¬ 
obachtungen,  welche  auch  der  Milz  eine  wichtige  Rolle  in  diesem 
chemischen  Prozess  zuschreiben.  Die  Tatsache,  dass  beim  hämo¬ 
lytischen  Ikterus  die  Gelbsucht  nach  Entfernung  der  Milz  verschwin¬ 
det,  ist  das  wichtigste  Argument  für  diese  Annahme.  Ferner  spricht 
der  therapeutische  Erfolg  der  Milzexstirpation  bei  der  B  a  n  t  i  sehen 
Krankheit  dafür,  dass  die  Milz  hei  dem  Untergang  der  roten  Blut¬ 
körperchen  beteiligt  sei.  Manche  Autoren  nehmen  direkt  die  Bildung 
von  Bilirubin  in  der  Milz  an,  während  andere  der  Milz  nur  eine  vor¬ 
bereitende  Rolle  zuschreiben,  und  die  endgültige  Bildung  des  Bili¬ 
rubins  doch  ausschliesslich  oder  in  der  Hauptsache  als  eine  Funktion 
der  Feber  ansehen.  Die  Gründe,  welche  für  eine  Bilirubinbildung  in 
der  Milz  sprechen,  sind  vorderhand  noch  wenig  beweiskräftig,  ein 
kleiner  Unterschied  im  Farbstoffgehalt  des  arteriellen  und  venösen 
Blutes  der  Milz  kann  nicht  als  ausschlaggebend  angesehen  werden 
(Gur  witsch);  sind  docli  überhaupt  die  Angaben  über  die  ver¬ 
schiedene  Zusammensetzung  des  arteriellen  und  venösen  Blutes,  be¬ 
sonders  der  Bauchorgane,  sehr  widersprechend. 

Bei  der  Durchsicht  der  neueren  Literatur  über  diese  Fragen  kam 
mir  die  Erinnerung,  dass  ich  während  meiner  Assistentenzeit  Dorpat.r 
Dissertationen  in  den  Händen  gehabt  hatte,  welche  entgegen  der  da¬ 
mals  herrschenden  Meinung  die  Ansicht  vertraten,  dass  der  Milz 


eine  wichtige  Rolle  bei  der  Umwandlung  des  Blutfarbstoffes  zuzu¬ 
schreiben  sei. 

Nachdem  ich  zunächst  vergeblich  versucht  hatte,  diese  Disser¬ 
tationen  wieder  aufzufinden,  gelang  es  durch  die  liebenswürdige  Ver¬ 
mittelung  von  Herrn  Gustav  v.Bergman  n,  mit  der  Familie  des  Dor- 
pater  Physiologen  Alexander  Schmidt  in  Verbindung  zu  treten,  in 
dessen  Laboratorium,  wie  ich  wusste,  die  Dissertationen  angefertigt 
worden  waren.  Der  Schwiegersohn,  Herr  Dr.  Egbert  Koch,  hatte 
die  Güte,  mir  aus  Reval  eine  Anzahl  dieser  Arbeiten  zu  schicken,  und 
nachdem  die  Spur  auf  gefunden  war,  konnte  das  Fehlende  aus  unserer 
Universitätsbibliothek  ergänzt  werden.  Die  Arbeiten  gehen  auf  das 
Jahr  1888  zurück  und  reichen  bis  1893.  Die  wichtigste  unter  ihnen 
ist  die  Dissertation  von  A.  Schwartz: 

Dieser  brachte  dünne  wässerige  Lösungen  von  kristallisiertem  Hämo¬ 
globin  mit  einem  Brei  von  weissen  Blutkörperchen  zusammen,  der  nach 
A.  Schmidts  Methode  aus  dem  Pferdeblut  gewonnen  worden  war.  Er 
konnte  beobachten,  dass  der  Hämoglobingehalt  in  wenigen  Tagen  vollständig 
verschwand  und  zwar  wurde  das  Hämoglobin  zunächst  von  den  Leukozyten 
aufgenommen,  was  daraus  zu  erkennen  war,  dass  der  Eisengehalt  in  der  über¬ 
stehenden,  nunmehr  farblosen,  Flüssigkeit  verschwand  und  dass  die  Eisen¬ 
menge  in  dem  Leukozytenbrei  zunahm.  Dieses  Verschwinden  des  Hämo¬ 
globins  wurde  spektroskopisch  verfolgt  und  es  stellte  sich  dabei  heraus,  dass 
als  Zwischenstufe  Methätnoglobin  auftrat.  Das  Hämoglobin  war  nicht  etwa 
von  den  Leukozyten  absorbiert,  sondern  es  war  auch  in  dem  Leukozyten- 
brei  nicht  mehr  nachweisbar.  Nach  völliger  Entfärbung  des  Gemisches  stellte 
sich  bemerkenswerterweise  etwa  nach  Ablauf  von  einem  Tage  wieder  eine 
Rotfärbung  ein,  welche  den  Streifen  des  reduzierten  Hämoglobins  darbot  und 
bei  Sauerstoffzufuhr  rasch  eine  ziegelrote  Farbe  und  die  beiden  Streifen  des 
Oxyhämoglobins  aufwies.  Schwartz  nimmt  eine  Regeneration  des  Hämo¬ 
globins  aus  den  farblosen  Abbauprodukten  an.  Versuche  mit  den  aus- 
gepressten  Gewebszellen  der  Lymphdrüsen  fielen  negativ  aus.  Die 
Lymphozyten  unterscheiden  sich  also  auch  hier  wieder,  ähnlich  wie  bei  der 
Autolyse  und  der  Oxydasereaktion,  von  den  anderen  Leukozyten,  indem  sie 
ohne  Einwirkung  auf  das  Hämoglobin  sind.  Derselbe  Versuch  wurde  nunmehr 
auch  mit  der  abgeschabten  Milzpulpa  durchgeführt  und  es  ergab  sich, 
dass  die  Milzzcllen  die  Entfärbung  des  Hämoglobins  noch  viel  energischer,  in 
3 — 4  mal  kürzerer  Zeit  zuwege  brachten.  Auch  hier  kam  nach  völliger  Ent¬ 
färbung  ein  Wiiederauftreten  der  roten  Farbe  zustande,  und  zwar  schien  es 
nach  spektrophotometrischer  Messung,  dass  schliesslich  der  Hämoglobingehalt 
noch  etwas  grösser  war,  als  ursprünglich,  so  dass  Schwartz  eine  Neu- 
b.ldung  von  Hämoglobin  durch  die  Milzzellen  als  wahrscheinlich  betrachtete. 

Auch  di'e  Leberzellen,  welche  ähnlich  wie  bei  der  Milz  durch 
stumpfes  Abschaben  der  frisch  entnommenen  Leber  als  Brei  gewonnen  worden 
waren,  haben  die  Fähigkeit  die  Hämoglobinlösung  zu  entfärben  und  sie  tun 
dies  auch,  wenn  sie  nach  Zerreib'ung  durch  Glassplitter  völlig  in  ihrer  Form 
zerstört  worden  waren.  Es  muss  sich  also  um  ein  in  den  Zellen  liegendes 
Ferment  handeln.  Aber  diese  Entfärbung  macht  im  Gegensatz  zu  den  Ver¬ 
suchen  mit  Milz-  und  Leukozytenbrei  nicht  wieder  einer  Rotfärbung  Platz  und 
diese  bleibt  auch  dann  aus,  wenn  man  dem  schon  entfärbten  Milz-Hämoglobin- 
gemisch  nachträglich  Leberbrei  zusetzt.  Die  Entfärbung  des  Hämoglobins 
durch  die  Leberzellen  ist  'also  bleibend,  eine  Regeneration  tritt  nicht  auf. 
Ferner  ist  bemerkenswert,  dass  die  Leberzellen  das  Hämoglobin  nur  dann  ent¬ 
färben,  wenn  der  Brei  genügend  glykogenhaltig .  ist  oder  wenn  man  ihtji 
Glykogen  oder  Traubenzucker  zusetzt.  Der  Traubenzucker  ist  also  unbedingt 
notwendig  für  die  Entfärbung  des  Hämoglobins  durch  die  Leberzellen,  er  wird 
dabei  vollständig  verbraucht  und  die  Autoren  glaubten  während  dieses  Pro¬ 
zesses  eine  Zunahme  von  Gallensäuren  in  der  Gesamtflüssigkeit  nachweisen 
zu  können. 

Durch  diese  Arbeiten  der  Alexander  Schmidt  sehen  Schule,  von 
denen  die  späteren  in  mancher  Beziehung  eine  Erweiterung  und  Er¬ 
gänzung  der  Angaben  von  Schwartz  bringen,  scheint  erwiesen  zu 
sein,  dass  das  Hämoglobin  unter  dem  Einfluss  der  weissen  Blutkörper¬ 
chen  und  der  Milzzellen  eine  Umwandlung  in  ein  farbloses  Produkt  er¬ 
fährt.  Diese  Umwandlung  ist  nicht  durch  Bakterieneinwirkung  oder 
Fäulnis  zu  erklären,  sondern  muss  auf  eine  Wirkung  der  Zellen  selbst 
und  ihrer  Fermente  zurückgeführt  werden.  Eine  Bildung  von  Bilirubin 
ist  dabei  nicht  beobachtet  worden,  wohl  aber  ist  die  Einwirkung  der 
Leberzellen  anders  geartet,  als  wie  diejenige  der  Milzzellen  und 
Leukozyten,  indem  bei  jener  ein  Produkt  gebildet  wird,  welches  im 
weiteren  Verlauf  nicht  wieder  zu  einem  roten  Farbstoff  umgebildet 
werden  kann.  Ob  der  von  der  Milz  und  den  weissen  Blutkörperchen 
regenerierte  rote  Farbstoff  wirklicli  identisch  ist  mit  dem  Hämoglobin, 
scheint  mir  nicht  sicher  erwiesen.  Der  regenerierte  Farbstoff  zeigt 
zwar  die  Streifen  des  Hämoglobins  und  dessen  Oxydierbarkeit,  aber 
er  verhält  sich  im  Farbenton  und  gegen  Essigsäure  etwas  anders. 

Fs  erscheint  als  ein  Gebot  wissenschaftlicher  Gerechtigkeit,  diese, 
interessanten  Studien  der  Vergessenheit  zu  entreissen,  weil  sie  uns 
neue  Möglichkeiten  eröffnen  ein  Problem  zu  studieren,  welches  chemi¬ 
scher  Art  ist  und  das  nicht  durch  morphologische  Untersuchungen 


R6(> 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


allein  gelöst  werden  kann.  Diese  schlichten  Dorpater  Dissertationen 
geben  uns  ein  anschauliches  Bild  von  dem  regen  wissenschaftlichen 
Leben,  welches  damals  an  jener  Universität  geblüht  hat.  und  von  dei 
geistigen  Bedeutung  der  Männer,  welche  an  ihr  gewirkt  haben. 
Unter  ihnen  ist  der  Physiologe  Alexander  Schmidt  vielleicht  nicht 
immer  in  dem  Maasse  anerkannt  worden,  als  es  dem  Ideenreichtum 
und  der  Gründlichkeit  seiner  Arbeiten  entsprochen  hatte.  war  er doch 
’/.u  bescheiden,  als  dass  er  in  seinen  beiden  Büchern  über  die  Blutlehiv. 
der  vorerwähnten  Arbeiten  seiner  Schüler  ausführlich  Erwähnung  g 

tan  DM  deutsche  Universität  Dorpat  ist  vernichtet  und  die  deutsche 
Kultur  ist  Schritt  für  Schritt  aus  dem  Osten  verdrängt  wie  durch  eine 
Völkerwanderung.  Wir  aber  sind  verpflichtet  die  Erinnerung  an  cl! 
vergangene  deutsche  Blüte  aufrecht  zu  erhalten. 

Möge  es  dem  Manne,  dessen  Bild  unsere  heutige  Wochen¬ 
schrift  ziert,  beschieden  sein,  dass  auch  seine  und  seiner  Schüler 
Werke  noch  nach  vielen  Jahrzehnten  eine  gerechte  Würdigung  er¬ 
fahren. 

Literatur. 

A.  Schwartz:  lieber  die  Wechselbeziehungen  zwischen  Hämoglobin 

und  Protoplasma.  Dissertation  Dorpat  188S-  Max  ,v'  $.!  5  n?>fäl!e 
Bestimmung  des  Hämoglobingehalts  im  Blut  der  zu-  und  abführenden  OcDs. 
der  Leber  und  Milz.  1888.  —  V.  ü  1  a  s  s:  Die  Milz  als  blutbildendes  Organ. 
igg9  —  g  Wiek  lein:  Experimenteller  Beitrag  zur  Lehre  vom  Muz- 
pigment  1889  —  N.  Hoff  mann:  Einige  Beobachtungen  betr  .die  Funk¬ 
tionen  der  Leber  und  Milzzellen.  1890.  -  Anthem  Ueber  die  Wu rk“"«  der 
Leberzellen  auf  Hämoglobin.  1889.  —  Kallmeyer:  J  Klein.  Ein  Be¬ 
trag  zur  Punktion  der  Leberzellen.  1890.  —  A.  P  a  n  s  k  i:  Ueber  den  Ptgment- 
gehalt  der  Stauungsmilz.  1890.  —  N.  H  ö  hl  ein:  Ueber  die  Einwirkung  der 
Milzzellen  auf  das  Hämoglobin.  1889.  —  S.  Ooltz:  Blutgefässe  der  Milz. 
1893  —  M.  Our  witsch:  Quantitative  Analysen  des  zu-  und  abstrornenden 
Milzblutes.  1893.  -  M.  Eliasberg:  Blutbildung  in  der  Milz.  893.  _ 
Alexander  Schmidt:  Zur  Blutlehre.  Leipzig,  F.  C.  W.  Vogel.  1892. 
Derselbe-  Weitere  Beiträge  zur  Blutlehre  (nach  dem  lode  des  Verfassers 
herausgegeben).  Wiesbaden.  J.  F.  Bergmann.  1895.  —  H.  Epp  inger  und 
F  Ranzi-  Die  hepatolienalen  Erkrankungen.  Enzyklopädie  der  klinischen 
Medizin.  Berlin,  Springer,  1920,  und  zahlreiche  Arbeiten  im  D.  Arch.  f. 
klin  Med.;  siehe  auch  L.  Asher:  Biochem.  Zschr.  1916,  72. 


Aus  der  experimentell-chirurgischen  und  wissenschaftlichen 
Abteilung  der  Chirurgischen  Klinik  München. 
(Vorstand:  Geh.  Hofrat  Prof.  Dr.  Sauer bruch.) 

Zelluläre  Abwehrvorgänge  und  ihr  Ausdruck  im  Para- 

bioseversuche. 

Von  F.  Sauer  bruch. 

Immunitätsvorgänge  und  Abwehrmassnalimcn  wurden  bisher  \  or- 
wiegend  von  serologischen  Gesichtspunkten  aus  betrachtet.  Dabei 
kamen  die  begleitenden  geweblichen  Veränderungen  zu  kurz. 

Und  doch  kennt  die  pathologische  Histologie  Gewebsreaktionen, 
die  zu  den  spezifisch-entzündlichen  gehören  und  versuchte  oder  ge¬ 
lungene  örtliche  Immunvorgänge  darstellen,  z.  B.  bei  der  tuber¬ 
kulöse,  der  Syphilis,  dem  Typhus.  Diese  örtliche  Abwehrreaktion 
wird  in  der  Hauptsache  von  mesenchymalen  Zellen  geleistet  (B  o  r  t, 
Borden,  Baum  garten,  Lu  bar  sch).  Es  kann  aber  auch  -- 
histologisch  verfolgbar  —  die  anfangs  auf  den  Herd  beschrankte  Ao- 
wehrleistung  auf  entfernte  Gebiete  des  m  e  s  e  n  c  h  y  m  a  1  e  n 
Gewebes  übergreifen  (M.  B.  Schmidt  u.  A.).  Sie  wird  dann  mit 
Vorliebe  in  jenem  mesodermalen  Zollgebiete  angetroffen,  das  an  der 
Phagozytose  von  Fremdkörpern  und  Bakterien  hervorragend  beteiligt 
ist  (Retikuloendothelien  —  Asch  off-Landau;  Ribbert). 

Innerhalb  einer  neuzeitigen  erweiterten  Auffassung  der  Abwehr¬ 
vorgänge  liegt  es  nahe,  anzunehmen,  dass  das  mesenchymale  Gewebe 
nicht  bloss  auf  anorganische  Fremdkörper  oder  spezifische  Bakterien, 
sondern  vielmehr  auf  alle  körperfremden  Stoffe,  ja  sogar  auf  Stofi- 
wechsel-  und  Zellzerfallserzeugnisse  des  eigenen,  aber  krankhaft  ver¬ 
änderten  Körpers  reagieren  werde. 

Diese  Gedankengänge  wurden  fruchtbar  bei  unseren  Parabiose- 

Zwischen  den  beiden  künstlich  vereinigten  und  anatomisch  fest 
verwachsenen  Parabiosepartnern  bildet  sich  gesetzmässig  ein  gegen¬ 
seitiger  Abwehrkampf,  eine  wechselseitige  Vergiftung  heraus.  Sie 
beruht  darauf,  dass  aus  einem  in  das  andere  Tier  normale  oder  krank¬ 
hafte  Erzeugnisse  des  fremden  Körpers  eingeschwemmt  werden  rnd 

zur  Abwehr  reizen.  . 

Bei  histologischen  Untersuchungen  haben  wir  uns  seit  längerer 
Zeit  davon  überzeugt,  dass  innerhalb  dieses  zellulären  Lebenskampfes 
in  dem  reaktionskräftigeren  der  beiden  Tiere  das  lymphatische 
Zellgewebe  wuchert  und  viele  Plasmazellen  bildet. 

Eng  verbunden  mit  solchen  Proliferationsvorgängen  im  lympha¬ 
tischen  Gewebe  haben  sich  nun  —  besonders  bei  langdauernden  Pa- 
rabiosen  —  weitere  Veränderungen  im  mesenchy¬ 
malen  Zellapparat,  zumal  der  Leber,  gefunden.  Solange  sie 
lediglich  als  Ausdruck  einer  Funktionsteigerung  des  makro- 
pliagen  Zellsystems  (vermehrte  erythrophage  Tätigkeit)  er¬ 
schienen,  haben  wir  ihnen  keine  entscheidende  Bedeutung  zumessen 
dürfen. 


Erst  in  letzter  Zeit  fanden’  wir  nun  mehrfach  in  der  Leber  des 
reaktionskräftigeren  Parabionten  Bilder  von  erheblicher  Neu- 
b  i  1  d  u  n  k  der  retikuloeudotheliulen  Zcllclenie  nt  c  in 
Gestalt  von  knötchenartiger  Wucherung  der  Sternzellen.  Sie  lassen 
kaum  einen  Zweifel,  dass  Funktion  Steiger  u  n  g  u  n  d  H  y  p  e  r- 
p  1  a  s  i  e  der  mensenchy  m  a  1  e  n  Z  e  1 1  e  n  e  i  n  e  n  a  1 1  g  e  m  e  i  - 
neu  Abweh  rversuch  bedeuten.  Auf  innige  Beziehungen  zwi- 
scheu  der  ersterwähnten  lymphatischen  und  einer  makrophagen  Zcll- 
reaktion  im  Gefolge  von  allgemeinen  Abwehrleistungen  hat 
Kuczynski  hingewiesen.  . 

Ich  halte  diese  aus  den  Untersuchungen  Nisse  ns  sich  er¬ 
gebende  Folgerung  für  wichtig  genug,  um  sie  an  dieser  Stelle  be¬ 
sonders  hervorzuheben. 

Ringt  sich  doch  die  Auffassung  mehr  und  mehr  durch,  dass  die 
Anlage  und  die  Lebenskraft  des  Mes  e  n  c  h  ,\  m  s 
Grundlagen  körperlicher  Konstitution  und  Dispo¬ 
sition  sind. 

Für  das  viel  zu  wenig  beachtete  sogenannte  „individuelle  Mo¬ 
ment“  bei  der  Krankheitsempfänglichkeit  und  -abwehr  gewinnt  diese 
Feststellung  besondere  Bedeutung. 

Die  ausführliche  Mitteilung  wird  an  anderer  Stelle  durch  Nissen 
erfolgen. 


Aus  der  Abteilung  für  Chemotherapie  des  Instituts  für 
Infektionskrankheiten  „Robert  Koch". 

Ueber  Zustandsänderungen  der  Streptokokken. 

(Zugleich  ein  Beitrag  zur  Kenntnis  des  Streptococcus 
viridans  der  Endocarditis  lenta.) 

Von  R.  Schnitzer  und  F.  Pul  vermachet. 

Es  soll  hier  in  Kürze  über  Beobachtungen  berichtet  werden,  die 
an  grünen,  als  solche  vom  Menschen  gezüchteten  Streptokokken  an¬ 
gestellt  wurden  und  in  engem  Zusammenhänge  stehen  mit  den  früher 
ausführlich  beschriebenen  Zustandsänderungen  hämolytischer 
:  Streptokokken  im  Tierkörper  *). 

Aus  diesen  Untersuchungen  hatte  sich  ergeben,  dass  die  Strepto¬ 
kokken  teilweise  in  den  ersten  Stunden  nach  der  intraperitonealen  Infektion 
von  Mäusen  einen  Niederbruch  der  Virulenz,  oft  bis  zur  völligen  Apathogenität 
für  Mäuse  erleiden,  für  welchen  das  Wachstum  mit  grüner  Verfärbung  des 
Blutagars  als  Indikator  dienen  kann.  Unter  den  verschiedenen  Graden  der 
durch  die  Vergrünung  angezeigten  Zustandsänderung  fanden  v/ir  auch  solche, 
bei  denen  die  vergrünten  Streptokokken  noch  die  Fälligkeit  besassen.  in  den 
i  folgenden  Nährbodenpassagen,  meist  aber  bei  Infektion  von  Mäusen  das 
Wachstum  mit  Hämolyse  und  damit  auch  die  —  oft  hohe  —  Virulenz  des 
hämolytischen  Ausgangsstammes  wiederzugewinnen. 

Das  Verhalten  der  Virulenz  stand  hei  unseren  Versuchen  von 
vornherein  im  Vordergrund  der  Betrachtungen*).  Die  Möglichkeit 
des  Auftretens  avirulenter  Modifikationen  in  virulenten  Populationen 
von  Streptokokken  findet  offenbar  ein  Analogon  auch  bei  anderen 
Bakterien. 

Das  zeigen  die  neuen  Untersuchungen  de  K  r  u  i  f  s * *  3)  über  die  Bazillen 
der  Kaninchenseptikämie,  bei  welchen  —  auch  bei  Anwendung  von  Einzell- 
kulturen  —  die  Abspaltung  einer  für  Kaninchen  fast  oder  ganz  avirulenten, 
durch  ihr  Verhalten  auf  Nährboden  charakterisierten  Modifikation  beobachtet 
wurde.  Bemerkenswert  war,  dass  Bazillen  in  diesem  avirulenten  Zustande, 
wie  sie  in  einigen  Fällen  auch  aus  dem  Nasensekret  gesunder  Kaninchen  ge¬ 
züchtet  wurden,  bisher  nicht  in  die  virulente  Form  übergingen. 

Nach  unseren  Erfahrungen  an  Streptokokken  ist  es  aber  — -  wie 
schon  erwähnt  —  durchaus  möglich,  dass  avirulente  Keime  in  die  für 
Mäuse  virulente  Form  übergehen  resp.  Zurückschlagen,  und  zwar 
war  damit  in  unseren  Versuchen4 * *)  das  Auftreten  der  hämolytischen 
Fähigkeit  verbunden. 

Aeltere  Beobachtungen  dieser  Art,  die  in  der  Literatur  vorliegen, 
sich  aber  hauptsächlich  mit  der  Klassifizierung  der  Streptokokken 
nach  dem  Merkmal  der  Hämolyse  beschäftigen,  sind  früher  ')  ein¬ 
gehend  besprochen  worden,  worauf  hier  nur  verwiesen  sei.  Neuer¬ 
dings  berichtet  Philipp“)  über  klinisch-bakteriologische  Befunde 
bei  puerperaier  Sepsis,  welche,  im  Gegensatz  zu  einer  von 
E.  F.  Müller7)  geäusserten  Ansicht  die  Möglichkeit  von  Zustands¬ 
änderungen  der  Streptokokken  im  Verlaufe  septischer  Erkrankungen 
'  des  Menschen  zulassen. 

Unsere  Beobachtungen  erstrecken  sich  auf  10  grüne,  als 
solche  vom  Menschen  gezüchtete  Streptokokken, 
die  teils  hei  Fortzüchtung  auf  Nährboden,  teils  im  Versuch  an  der 
!  Maus  hämolytisch  wurden. 

>)  Schnitzer  und  Munter:  Zschr.  f.  Hyg.  u.  Infektionskjkh. 
1921,  93,  96;  1921,  94,  107;  1923,  99.  366. 

*)  Morgenrot  h:  B.kl.W.  1919  S.  1172. 

3)  P.  de  Kruif:  Journ.  exp.  med.  1921,  33,  773;  1922,  35,  561;  Journ. 
of  gen.  physiolog.  1922,  4,  587,  395. 

4)  Neuerdings  berichten  Valentine  und  Krumwiede  (Journ.  exp. 
med.  1922.  36,  157)  über  Virulenzsteigerung  eines  grünen  Streptokokkus  durch 
14  Mäusepassagen  ohne  Rückschlag  zur  Hämolyse.. 

fi)  Schnitzer  und  Munter:  1.  c.  I.  Mitteilung;  s.  a.  F.  Munter: 

1  Inaug.-Diss..  Berlin  1921. 

“)  Philipp;  Arch.  f.  Qyn.  (im  Druck). 

Q  E.  F.  Müller:  Verhandl.  d.  34.  Kongr.  d.  D.  Oes.  f.  inn.  M.,  Wies¬ 
baden  1922.  S.  530, 


♦ 


6.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Diese  Stämme  bilden  die  Minderheit  der  zahlreichen  von  uns  im 
Laufe  der  letzten  Jahre  untersuchten,  im  grünen  Zustande  vom  Men¬ 
schen  gezüchteten  Streptokokkenstämme.  Die  weitaus  meisten 
grünen  Streptokokken  behielten,  ebenso  wie  wir  es  auch  bei  vielen 
experimentell  vergrünten  Streptokokken  gefunden  hatten,  während 
der  Beobachtungszeit,  die  stets  2 — 4  Wochen  betrug,  oft  wesentlich 
länger  war,  unter  allen  Bedingungen  den  grünen  Zustand  unverändert 
bei  und  zeigten  stets  das  für  diese  Keime  charakteristische  Merkmal 
geringer  oder  völlig  fehlender  Mäusepathogenität.  Einige  Stämme, 
darunter  auch  zwei  aus  dem  Blut  bei  Endocarditis  lenta  gezüchtete 
Streptokokken,  die  sich  im  übrigen  wie  die  anderen  Stämme  ver¬ 
hielten,  Messen  sich  nur  kurze  Zeit  in  künstlichen  Medien  fortzüchten 
und  gingen  dann  nicht  mehr  an. 

Die  grünen  Streptokokken,  welche  in  den  hämolytischen  Zustand 
übergingen,  sind  in  der  folgenden  Tabelle  I  zusammengefasst h) ;  sie 
zeigten  sämtlich  in  den  ersten  Kulturen  auf  Blutagar  das  typische 
Wachstum  in  zarten  Kolonien  mit  deutlicher,  oft  intensiv  grüner  Ver¬ 
färbung  des  umgebenden  Nährbodens. 

Bezüglich  der  in  unserem  Laboratorium  üblichen  Technik  der 
Züchtung  und  des  Tierversuchs  verweisen  wir  auf  die  ausführlichen 
Angaben  der  früheren  Mitteilungen8).  Die  hier  beschriebenen 
Stämme  wurden  bei  täglicher  bis  höchstens  zweitägiger  Ueber- 
impfung  in  regelmässigem  Turnus  auf  Serumbouillon,  Blutagar  u.  s.  f. 
geführt. 

Die  in  Tabelle  I  dargestellten  Versuche  zeigen  den  Uebergang 
von  10  grünen,  aus  menschlichen  Erkrankungen  gewonnenen  Strepto- 


867 


Wochen  langer  Fortzüchtung  und  im  Mäuseversuch  seinen  Zustand 
nicht  änderte;  nach  4  Wochen  wurde  er  in  Serum  übertragen,  und 
bei  seiner  Abimpfung  aus  diesem  Medium  nach  weiteren  4  Wochen 
wuchsen  lediglich  hämolytische  Kolonien.  Für  einen  Ein¬ 
fluss  gerade  der  anaeroben  Konservierung  sprechen  auch  Beobach¬ 
tungen  J.  H.  Browns 10),  dem  es  n  u  r  durch  anaerobe  Züchtung 
gelang,  Streptokokken  vom  a-Typ  (d.  h.  die  grünen  Streptokokken 
unserer  Benennung)  in  hämolytische  (ß-Typ  der  Amerikaner)  um¬ 
zuwandeln. 

Unsere  früher  mitgeteilten  Erfahrungen 41)  über  die  Konservie¬ 
rung  grüner  Streptokokken  in  Serum  nach  Ungerman  n,  dass 
diese  nämlich  schwer,  oft  nur  ganz  kurze  Zeit  zu  konservieren  sind, 
müssen  heute  dahin  ergänzt  werden,  dassdie  grünen  Strepto¬ 
kokken  im  Verlauf  der  Konservierung  auch  Zu¬ 
standsänderungen  im  Sinne  eines  Uebergang s  zum 
hämolytischen  Wachstum  erleiden  können.  Dieser 
Befund  ist  um  so  auffallender,  als  die  hämolytischen  Streptokokken 
bei  der  Konservierung  nach  dem  U  n  g  e  r  m  a  n  n  sehen  Verfahren 
ihren  Charakter  in  allen  seinen  Zügen  lange  Zeit  unverändert  be¬ 
wahren. 

Der  Umschlag  zur  Hämolyse  im  Tierversuch  erfolgte,  ent¬ 
sprechend  unseren  Beobachtungen  an  einer  Reihe  experimentell  ver¬ 
grünter  Stämme,  stets  in  der  I.  Tierpassage.  Dabei  zeigten  sich,  wie 
bei  den  auf  Nährboden  hämolytisch  gewordenen  Stämmen,  Unter¬ 
schiede  in  dem  Ausmass  der  Umwandlung.  In  den  meisten  Fällen  war 
der  Uebergang  zur  Hämolyse  komplett  (Str.  712,  902,  5,  123,  S.), 


Tabelle  1. 


St  re  |>t.- 
Stamm 


Herkunft 


Wachstum  in 
Serumbouillon 


I.  Mäusepassage 


Tag  nach  der 
Gewinnung 


Infektionsdosis 


Umschlag  zur 
Hämolyse  Ö 


Untersuchung 
Tage  nach  der 
Infektion 


Verhalten  der  grünen 
Stämme  bei  Fortziichtuns 


Umschlag 

zur 

Hämolyse 


Tag  nach  der 
Gewinnung 


Kl. 

I. 

19. 


? 

? 

Urin 


Klar  mit  Bodensatz 
Trübe „  „ 

Klar  ,,  ,, 


0,5  Vio-'/ioo  ip-  und  subkutan 

f  0,5  Vollkultur  ip. 

1  0,5  Vollkultur  subkutan 


Getötet  5 
Getötet  |  j 


+++ 

+++ 

)  C+> 


5 

3 

Siehe 

Anmerkuntr  *) 


712. 

902. 

5. 

123. 


JScharlacliangma 

Rachenabstrich 

Kieferhöhlenempyem 


Trübe , 

Klar  , 
Trübe , 
Klar  , 


0;5  Vollkultur  ip. 

0,3  Vollkultur  ip. 

0,5  Vollkultur  ip.  und  subkutan 
0,5  Vollkultur  subkutan 


+++ 

+++ 


Getötet  l 

t  3 

Getötet  1 
t  1 


+++ 

$ 

(+) 


6 

4 

6 

13 


S. 

73. 

F. 


Bronchitis  (Sputum) 

Pleuraexsudat 
Herzklappe  bei  Eudo- 
carditis  lenta 


Trübe , 

Trübe , 
Klar  , 


0,2  V, o  und  Vioo  subkutan 

0,2  Vollkultur  subkutan 
0,5  Vollkultur  ip. 


d — I — h  I 

lhäm.  Kol.  (subk.) 
3  häm.  Kol.  (Milz) 


Getötet  2 

Getötet  1 
Getötet  2 


i).  Die  Kreuze  veranschaulichen  die  Stärke  des  Umschlages;  bei  +4+  wachsen  nur  noch  hämolytische  Kolonien,  in  den  anderen  Fällen  waren  neben  grünen 
Kolonien  mehr  oder  minder  zahlreiche  hämolytische  aufgetreten.  6  =  kein  Umschlag  zur  Hämolyse. 

Der  Uebergang  zur  Hämolyse  erfolgte  in  der  2.  Näbrbodenpassago  nach  20-tägiger  Konservierung  des  Stammes  in  Serum  nach  Ungermann 


kokkenstämmen  in  den  hämolytischen  Zustand.  Drei  Stämme  wur¬ 
den  nur  bei  der  Fortzüchtung  auf  Nährboden  hämolytisch.  Bei  drei 
weiteren  Streptokokken  erfolgte  das  Auftreten  der  hämolytischen 
Kolonien  nur  im  Organismus  der  Maus,  und  vier  weitere  Stämme 
zeigten  sowohl  im  Tierversuch,  wie  auch  bei  der  Züchtung  in  künst¬ 
lichen  Medien  den  Uebergang  zum  hämolytischen  Wachstum.  Bei 
diesen  Streptokokken  trat  der  Umschlag  im  Tierkörper  stets,  einmal 
(Str.  123)  ganz  erheblich,  früher  ein  als  bei  Fortzüchtung. 

Damit  ist  erwiesen,  dass  die  frisch  vom  Men¬ 
schen  gezüchteten  grünen  Streptokokken  sich  be¬ 
züglich  eines  U  e  b  e  r  g  a  n  g  s  in  den  hämolytischen 
Zustand  analog  verhalten  wie  die  experimentell 
vergrünten,  aberzumRückschlagbereitenStämm  e. 
Auch  diese  werden  im  Tierkörper,  besonders  kurz  nach  ihrer  üe- 
winnung,  wieder  hämolytisch,  während  sie  auf  Nährboden  teils  sehr 
bald  (L— IV.  Generation),  unter  Umständen  aber  auch  spät  (Str. 
Schmidt  (Schnitzer  u.  Munter,  1.  Mitteilung,  1.  c. I  nach 
156  Tagen)  in  der  hämolytischen  Form  erscheinen  können. 

Der  Umschlag  zur  Hämolyse  bei  der  Fortzüchtung  auf  Nähr¬ 
boden  erfolgte  liier  innerhalb  der  ersten  14  Tage  in  den  meisten 
Fällen  in  der  Art,  dass  18  ständige  Serumbouillonkulturen,  die  von 
rein  grünen  Blutagarkulturen  angelegt  waren,  bei  Aussaat  auf  Blut¬ 
agarplatten  entweder  vollständig  hämolytisch  waren  (Str.  KL,  L.  712), 
oder  neben  den  noch  in  der  Ueberzahl  vorhandenen  grünen  Kolo¬ 
nien  mehr  oder  minder  reichlich  hämolytische  aufwiesen.  Eine  Son¬ 
derstellung  nimmt  dabei  der  Str.  19  ein,  welcher  — •  anfangs  bei  Eort- 
ziiclitung  und  im  Tierversuch  konstant  grün  —  nach  zirka  20  tägiger 
Konservierung  in  Serum  nach  Ungermann  in  der  darauffolgenden 
2.  Nährbodengeneration  Kolonien  mit  hämolytischem  Wachstum  auf¬ 
wies.  Ob  in  diesem  Fall  das  Verweilen  im  Serum  unter  anaeroben 
Bedingungen  den  Uebergang  des  Stammes  zur  Hämolyse  begünstigt 
hat,  lässt  sich  nicht  entscheiden.  Dass  aber  im  Konservierungs¬ 
medium  eine  Zustandsänderung  der  grünen  Streptokokken  erfolgen 
kann,  zeigt  ein  weiterer,  in  der  Tabelle  nicht  enthaltener  Stamm, 
Str.  6.  Dies  war  ein  grüner,  von  einem  Rachenabstrich  bei  Diph¬ 
therieverdacht  gezüchteter  Streptokokkus,  welcher  während  vier 


H)  Wir  verdanken  diese  Stämme  Herrn  Dr.  Kurt  Meyer,  Leiter  der 
bakteriol.  Abteilung  des  Virchow-Krankenhauses,  und  Herrn  Dr.  Levin- 
t  h  a  1  vom  Untersuchungsamt  des  Instituts. 

°)  Siehe  auch  R,  Schnitzer:  Zsehr.  f.  Hyg.  u.  Infektionskrkh.  1923. 

100,  59. 


zweimal  (Str.  73,  F.),  traten  nur  einzelne  hämolytische  neben  grünen 
Kolonien  auf. 

Die  weitere  Untersuchung  der  hämolytisch  gewordenen  Stämme 
hat  gezeigt,  dass  der  hämolytische  Zustand  nicht  in  allen  Fällen  kon¬ 
stant  bleibt.  Str.  902,  der  im  Tierversuch  und  bei  Fortzüchtung  in 
den  hämolytischen  Zustand  übergegangen  war,  liess  sich  in  dieser 
Form  nicht  weiterzüchten,  sondern  wuchs  schon  in  der  nächsten 
Blutagarpassage  ganz  anhämolytisch,  auch  ohne  Grünfärbung.  Nach 
einer  weiteren  Mäusepassage  zeigte  er  wieder  schwach  hämolyti¬ 
sches  Wachstum,  verlor  dies  aber  bei  neuerlicher  Mäusepassage,  aus 
welcher  er  wieder  im  grünen  Zustande  gewonnen  wurde. 

Auch  bei  Str.  5  wurde  einmal  wieder  das  Auftreten  grüner  Ko¬ 
lonien  beobachtet,  und  zwar  bei  Infektion  von  Mäusen  mit  sehr 
kleiner  Infektionsdosis. 

Während  0,2  ccm  1:1000  und  1:10  000  verdünnter  Serum¬ 
bouillonkultur  des  umgcschlagenen  und  rein  hämolytischen  Str.  5  bei 
subkutaner  Infektion  nach  24  Stunden  Phlegmonen  erzeugten,  aus 
denen  dichtester  Rasen  hämolytischer  Kolonien 
wuchs,  wurden  von  der  Infektionsstelle  einer  mit  0,2  1  :  100 000 -Kul¬ 
tur  infizierten  Maus  spärlich  grüne  Kolonien  gezüchtet. 

Ein  derartiges  Verhalten  zeigen  jedoch  auch  gelegentlich  Strepto¬ 
kokken,  die  von  vornherein  im  hämolytischen  Zustande  vom  Men¬ 
schen  gezüchtet  wurden.  Der  umgeschlagene  Str.  5  war  im  übrigen 
hinsichtlich  der  Hämolyse  bei  geeigneter  Dosierung  konstant  und 
hatte  vor  allem  eine  recht  hohe  Pathogenität  für  Mäuse,  indem  er 
noch  mit  1  :  10  000  -  Kultur  Phlegmonen  erzeugte,  was  bei  einem 
grünen  Streptokokkus  bisher  noch  nie  zu  beobach¬ 
ten  war. 

Dass  die  Streptokokken  im  grünen  Zustand  nur  eine  geringe 
Virulenz  für  Mäuse  haben,  geht  schon  aus  der  Tabelle  I  hervor.  In 
der  Mehrzahl  der  Fälle  vertrugen  die  infizierten  Tiere  —  soweit  sic 
nicht  vorzeitig  getötet  wurden  —  auch  die  liier  angewandten  grossen 
Infektionsdosen  ohne  Erkrankung.  Die  beiden  der  Infektion  er¬ 
legenen,  mit  Str.  902  bzw.  123  infizierten  Mäuse  zeigten  kompletten 
Uebergang  der  Streptokokken  in  den  hämolytischen  Zustand,  wo¬ 
durch  der  akut  eingetretene  Tod  hinreichend  erklärt  ist. 

Die  zur  Hämolyse  umgeschlagenen  Stämme,  die  im  hämolyti¬ 
schen  Zustand  relativ  konstant  bleiben,  zeigen  nun  —  wie  schon  bei 
Str.  5  erwähnt  wurde  —  in  besonders  eindringlicher  Weise  eine 

10)  J.  Howard  Brown:  Monographs  of  the  Rockefeller  Institute 

1919,  Nr.  9. 

41)  Pulvermacher:  Zschr.  f.  Hyg.  u.  Infektionskrkh.  1922.  97.  89. 


8b8 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRir 


Nr.  27. 


gegenüber  dem  grünen  Ausgangsstamm  erhöhte 

'  f Für  drei  von  den  zur  Hämolyse  -umgeschlagenen  Stämmen  liegen 
vergleichbare  Virulenzeinstellungen  mit  den  grünen  Ausgangsstam¬ 
men  vor,  die  in  der  folgenden  Tabelle  II  zusammengestellt  sind. 


T  a  b  e  1 1  e  2.  Vergleich  der  Virulenz  grüner  und  hämolytischer  Streptokokken 


Strept.- 

Stamm 

Tödi.  Dosis  bei  intraperit.  L  fekt. 

Minimale  Pkleumonendosis 

prün.  Stamm 

hämol.  Stamm 

grün.  Stamm 

hämol.  Stamm 

19 

123 

73 

>0,5  Vollkult. 

>0,5  Vollkult.  s) 

0,3  1/100  t  2.  Tag 

0,3  1,1000  f  2.  Tag 

0,3  1/10  MilLf  1.  -2.  Tag 

<0.3  Vollkult. 
>0,2  Vollkult. 
>0,2  Vollkult. 

0,2  1/10  000 

0,2  1/10  0 

0.2  1/10  Mill. 

Bei  intraperitonealer  Infektion  ist  danach  Str.  19  haem.  100 >mal 
virulenter  als  der  entsprechende  grüne  Stamm;  Str.  73  ist  im  hämo¬ 
lytischen  Zustand  sogar  mehr  als  das  10  -  Millionen  -  fache  starker 
virulent.  Auch  bei  subkutaner  Infektion  zeigt  sich  stets  eirje  gegen¬ 
über  den  grünen  Ausgangskulturen  erhöhte  Virulenz  der  hamolyt - 
sehen  Stämme.  Zur  Erzeugung  einer  Phlegmone  genügen  mindestens 
1000 fach  kleinere  Infektionsmengen;  für  Str.  73  ist  wiederum  der 
Unterschied  in  der  Virulenz  des  grünen  und  hämolytischen  Stammes 
ganz  besonders  gross,  annähernd  wie  1  :  10  Millionen. 

Es  zeigen  also  auch  hinsichtlich  der  Virulenz 
die  vom  Menschen  gezüchteten,  aus  dem  2 r  u n  e n  i  n 
den  hämolytischen  Zustand  ub.er.?e2^ng^,  pr 
Streptokokken  ein  ganz  charakteristischester- 
1,  alten,  das  den  Befunden  entspricht,  die  wir  an 
experimentell  vergrünten  und  In  den  hämolyti¬ 
schen  Zustand  zurückgeschlagenen  Strepto¬ 
kokken  erhobenhaben. 

Es  sei  ferner  erwähnt,  dass  den  hämolytisch  gewordenen  Stam¬ 
men  19.  73  und  123  auch  normal  hohe  Empfindlichkeit  gegenüber 
Rivanol  im  Reagenzglas-  und  Tierversuch  zukam,  wahrend  die  Wir¬ 
kung  des  Rivanols  auf  die  grünen  Ausgangskulturen  bedeutend  ge¬ 
ringer  war  (1:4).  Die  Beeinflussbarkeit  der  Streptokokken  durch 
spezifisch  wirkende  chemotherapeutische  Antiseptika,  wie  Vuzin  und 
Rivanol,  bildet  nach  unseren  neueren  Untersuchungen  *)  ein  wich¬ 
tiges  Merkmal  für  die  Kenntnis  der  Zustandsänderungen  der  Strepto¬ 
kokken.  Gleichzeitig  wurde  darauf  hingewiesen,  dass  vom  Menschen 
stammende,  grünwachsende  Streptokokken,  die  bei  fraktionierter 
Aussaat  frisch  gezüchteter  hämolytischer  Reinkulturen  isoliert  waren, 
sich  hinsichtlich  ihrer  Empfindlichkeit  gegenüber  chemotherapeutischen 
Antiseptika  durchaus  ebenso  verhielten  wie  die  experimentell  ver¬ 
grünten  Streptokokken. 

Die  Gesamtheit  unserer  Beobachtungen  berechtigt  uns  wohl  zu 

dem  Schluss,  dass  die  grünwachsenden  Streptokokken 

aus  men  schliclien  Erkrankungen  mit  den  experi¬ 
mentell  erzeugten,  in  den  avirulenten,  d  u  r  c  h  Ver¬ 
grünung  gekennzeichneten  Zustand  über  geführten 
Streptokokken  grundsätzlich  identisch  sind. 

Dabei  ist  es  von  besonderer  Bedeutung,  dass  auch  ein  grün- 
wachsender  Streptokokkus  aus  einem  Fall  von 
Endocarditis  lenta  (Str.  F.)  sich  nicht  anders  verhielt  als  die 
grünen  Streptokokken  im  allgemeinen. 

Der  in  Tab.  1  aufgeführte  Str.  F.  (für  die  Ueberlassung  des  Stammes, 
der  Krankengeschichte  und  des  Sektionsprotokolles  sind  wir  Herrn  l  rot. 
U.  Friedemann  zu  grossem  Dank  verpflichtet)  stammte  von  den  Aut- 
lagerungen  der  Herzklappen  eines  Kranken,  der  nach  einem  in  der  -lugen 
durchgemachten  Gelenkrheumatismus  an  einer  rezidivierenden  Endokarditis 
litt  und  mit  den  Symptomen  einer  infektiösen  Purpura  starb.  Bei  der  Sek¬ 
tion  fand  man  eine  ausgedehnte  verruköse  Endokarditis  mit  alten  und 
frischen  Auflagerungen,  von  denen  zahlreiche  Kolonien  von  Streptococcus 
viridans  gezüchtet  wurden.  Wie  aus  der  Tabelle  ersichtlich  ist,  schlug  der 
Stamm,  der  von  einer  Viridanskolonie  gewonnen  war,  in  dem  nach  6  1  agen 
vorgenommenen  Tierversuch  teilweise  in  den  hämolytischen  z  u  - 
stand  um.  Die  einige  Tage  später  mit  dem  regelmässig  fortgezuchteten 
grünen  Ursprungsstamm  wiederholten  Versuche  führten  trotz  Anwendung 
extrem  hoher  Dosen  (1—2  ccm  Kultur),  entsprechend  unseren  Anschauungen 
über  die  Bedeutung  gerade  der  frühen  Tierpass.ige.  nicht  mehr  zum  Umschlag 

des  grünen  Stammes.  .  ,  _  „  B 

Ein  weiterer,  gleichfalls  von  einem  klinisch  sicheren  Fall  von  Endo¬ 
carditis  lenta  stammender  grüner  Streptokokkus  ist  nach  neueren  Beobach¬ 
tungei)  von  Herrn  Dr.  Am  st  er  in  unserem  Laboratorium  bei  intra¬ 
venöser  Infektion  von  Mäusen  nach  3  Tagenim 
Schwanzblut  in  der  hämolytischen  Form  aufgetreten. 
Dieser  hämolytische  Stamm  hatte  gute  Mäusep  ithogemtät,  indem  er  hoch 
mit  0,2  ccm  1:  10  000  verdünnter  Serumbouillonkultur  Phlegmonen  erzeugte. 
Bei  intraperitonealer  Infektion  töteten  0.3  ccm  1:10  Kultur  akut  binnen 
24  Stunden.  Derselbe  grüne  Streptokokkus  sowie  noch  em  anderer,  gleich¬ 
falls  aus  dem  Blute  eines  Kranken  mit  Herzklappenentzündung  schlugen  im 
Tierversuche  unter  der  Einwirkung  starker  Rivanolkonzentrationen  in  den 
hämolytischen  Zustand  um.  Uebcr  diese  Versuche  wird  Herr  Dr.  Freund 
aus  unserem  Laboratorium  ausführlich  berichten. 

Derartige  Beobachtungen  an  grünen  Streptokokken  aus  klinisch 
und  z.  T.  auch  anatomisch  sicheren  Fällen  von  Endocarditis  lenta 
sind  für  die  Klärung  der  Frage  des  Streptococcus  viridans  der  endo- 

12)  Siehe  Morgenroth  und  Schnitzer:  Zschr.  f.  Hyg.  u.  ln- 
fektionskrkh.  1922,  97,  77;  1923,  99.  221. 


karditis  nicht  ohne  Belang.  Ergibt  s  i  c  h  d  o  c  h  d  ara  u  s  dass 
grüne  Streptokokken  von  Endokarditis  in  den 
hämolytischen  Zustand  üben:  eh  en  könne  n  u  n  d  in 
dieser  Hinsicht  den  grünen  Streptokokken  aus 
anderen  menschlichen  Erkrankungen  und  de.n  ex¬ 
perimentell  vergrünten  Stämmen  gleichzu stellen 

Bei  aller  Anerkennung  des  grossen  und  dauernden  Wertes,  wel¬ 
cher  der  Abgrenzung  des  Krankheitsbildes  und  der  Aet.ologie  der 
Endocarditis  lenta  durch  Schottmüller  für  die  Klinik  dieser 
Erkrankung  zukommt,  lässt  sich  nach  d  ®n,  n,°,u  e  r.c' n 
Untersuchungen  die  ätiologische  und  bakterio¬ 
logische  Sonderstellung  des  Streptococcus  yiri- 
dans  nicht  länger  aufrecht  erhalten.  Als  Erreger  der 
Endocarditis  lenta  fungieren,  wie  uns  auch  eigene  Untersuchungen  in 
dieser  Richtung  zeigen,  zwar  fast  stets  Streptokokken,  aber  so  wo 

_ selten —  hämolytische,  wie  auch  besonders  grüne 

Stämme.  Von  diesen  werden  neben  den  ganz  be¬ 
sonders  labilen,  schwer  oder  gar  nicht  fortzuent- 
baren  Formen,  wie  sie  auch  im  Mäuseversuch  in 
einzelnen  Fällen  von  uns  beobachtet  wurden  ),  gilt 
weiterzuzüchtende,  im  grünen  Zustand  relativ 
konstante  Formen  gefunden  und  sthliesslic h  auen 
Streptokokken,  welche  wie  die  hier  beschriebenen 
in  den  hämolytischen  Zustand  übergeh  en. 

In  diesem  Zusammenhänge  erscheint  besonders  bedeutungsvoll 
eine  ältere  Beobachtung  von  Much14),  aus  der  eindeutig  hervor- 
ging,  dass  ein  ursprünglicher  Streptococcus  viridans  kurz  vor  dem 
Tode  des  Kranken  in  einen  hämolytischen  Streptokokkus  ubergehen 
kann.  Ganz  im  selben  Sinne  ist  die  frühere  Beobachtung  M  or  gen¬ 
rot  hs15)  zu  verwerten,  dass  bei  einem  Fall  von  Endocarditis  lenta 
aus  dem  Herzblut  hämolytische,  aus  der  Niere  grüne  Streptokokken 
gezüchtet  wurden.  Ueber  die  Gewinnung  eines  hämolytischen  und 
eines  grünen  Streptokokkus  von  derselben  Aortenklappe  hat  kürzlich 
auch  Ho  well16)  berichtet.  .  ,  „ 

So  ordnet  sich  der  Streptococcus  viridans  in  das  Gesamtbild  du 
grünen  Streptokokken  ein  und  tritt  in  enge  Beziehung  zu  den  bio¬ 
logischen  Zustandsänderungen  der  Streptokokken  überhaupt;  er  ist 
nur  .ein  Glied  in  der  grossen  Reihe  der  mannigfachen  Zustandsande¬ 
rungen.  welche  die  Streptokokken  erleiden  können  (Schnitzer 
und  M  u  n  t  e  r,  III.  Mitt.  1.  c.  S.  389).  . 

Die  Wandelbarkeit  der  Streptokokken  in  bezug  auf  beide  lypen 
schafft  aber  neue  und  besondere  Schwierigkeiten  für  die  Erkenntnis 
der  Pathogenese  der  Endocarditis  lenta,  die  nicht  durch  einige  obei- 
flächliche  theoretische  Betrachtungen  beiseite  zu  schieben  sind,  son¬ 
dern  auf  dem  Wege  sachlicher  Forschung  überwunden  werden 
müssen.  Ob  der  Streptokokkus  der  Endocarditis  lenta  im  Beginn  der 
Infektion  im  grünen  oder  hämolytischen  Zustand  auftritt.  weiss  heute 
niemand.  Das  Vorkommen  grüner  Streptokokken  auf  den  Schleim¬ 
häuten  der  Atmungswege  lässt  die  Möglichkeit  einer  direkten  In¬ 
vasion  als  vorhanden  erscheinen1').  Aber  auch  eine  Umwandlung  m 
dem  einen  oder  anderen  Sinne  kann  sicher  unter  den  verschiedensten 
Bedingungen  eintreten 18). 


Aus  dem  staatlichen  Hygienischen  Institut  zu  Hamburg. 
(Dir. :  Geh.  Med. -Rat  Prof.  Dr.  med.  et  phil.  R  O.  N  e  u  m  a  n  n.) 

Zur  Frage  der  ärztlichen  Ueberwachunq  von  Stereo¬ 
typeuren,  Schriftgiessern  und  Schriftgiessereihilfs- 

arbeiterinnen. 

Von  Privatdozent  Dr.  med.  L.  Schwarz. 

Wie  in  dem  Bericht  Hl  über  die  auf  Veranlassung  des  Instituts 
für  Gewerbehygiene  in  Frankfurt  a.  M.  im  deutschen  Reich  vorgenom¬ 
menen  Untersuchungen  von  Buchdruckern  erwähnt  ist,  war  Gelegen¬ 
heit  gegeben,  eine  Anzahl  Stereotypeure,  Schriftgiesser  und  Schrift- 
giessereihilfsarbeiterinnen  unter  Benutzung  der  neueren  Blut-  und 
Urinuntersuchungsmethoden  auf  Bleiwirkung  zu  untersuchen.  Das  Er¬ 
gebnis  soll  hier  mitgeteilt  und  eine  kurze  Erörterung  daran  ange¬ 
schlossen  werden. 

Von  drei  Zeitungsbetrieben  kamen  insgesamt  33  Stereotypeure 
zur  Untersuchung.  Bei  keinem  (s.  I  abelle)  konnten  Symptome  von 
Bleiwirkung  gefunden  werden,  trotz  teilweise  jahrzehntelanger  Be¬ 
rufstätigkeit.  _  .  ..£,. 

Feiner  Bleistaub  entsteht  bekanntlich  bei  dieser  Beschäftigung 
so  gut  wie  gar  nicht,  und  etwaige  indirekte  Bleiaufnahme  durch  die 
Hände  wird  sehr  erheblich  herabgesetzt  infolge  Benutzung  von  Hand¬ 
schützern,  die  wohl  weniger  der  Bleigefahr  wegen  als  zum  Schurze 
gegen  Verbrennungen  durch  die  noch  recht  warmen  Stereotypie¬ 
platten  verwendet  werden. 


ls)  Schnitzer  und  Munter:  III.  Mitteilung.  1.  c. 

”)  Much:  Nachwort  zu  Zocppritz.  M.K1.  1909  S.  1112. 

15)  Schnitzer  und  Munter:  I.  Mitteilung.  1.  c.  S.  98. 

I8)  H  o  w  e  1  I:  Journ.  inf.  dis.  1922.  30.  299. 

17)  s.  And  re  wes  und  H  o  r  d  e  r:  Lancet  1906.  2.  S.  708. 

18)  S.  besonders  Libman  und  Ce  11  er  (Am.  Journ.  med  Sc.  1910. 
140,  S.  516),  welche  den  Str.  viridans  vorn  hämolytischen  Streptokokkus  resp. 
vom  Pneumokokkus  'ableiten. 


6.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCilENSCIIRIET. 


Beschäftigungs- 

Zahl  der 
Uuter- 

Typisches 

Blei- 

Saum 

Gekörnte 
Erythr. 
mehr  als 
100/  1000  000 

Ver¬ 

mehrtes 

Eosinophilie 

art 

suchten 

kolorit 

Porpliyrin 

Stereotypeure 

98 

__ 

_ 

—  *). 

nicht  untersucht 

Schriftgiesser 

51 

— 

2 

3 

8 

JJ  »7 

Schriftgiesser- 

hilfsarboiterin. 

37 

_ 

_ 

2 

7 

Jl  1» 

Schriftgiesser- 

lehruoge 

Bleisclmielzer 

13 

1 

I 

i 

1 

2 

1 

7  v» 

nicht  untersucht 

*)  Einer  hatte  gering  vermehrtes  Porphyriu.  Eine  Nachuntersuchung  ergab 
kein  vermehrtes  Porphyrin.  9)  Darunter  einer  mit  vermehrtem  Porphyrin. 


Soweit  man  aus  der  Zahl  der  untersuchten  Stereotypeure  S  hliis  e 
ziehen  darf,  kommt  demnach  für  Stereotypeure,  die  unter,  wie  hier 
vorliegend,  hygienisch  günstigen  Bedingungen  arbeiten,  eine  ärzt¬ 
liche  Ueberwachung  nicht  in  Frage. 

Wie  ferner  aus  der  Tabelle  ersichtlich  ist,  konnten  auch  in  Schrift- 
giessercien  nur  sehr  geringe  Befunde  von  Bleiaufnahme  festgestellt 
werden.  Von  51  Schriftgiessern  aus  zwei  Betrieben  zeigten  2  einen 
Bleisaum,  und  zwar  nur  .sehr  fein  oder  fein  (mit  Lupe  festgestellt), 
ohne  sonstige  Zeichen  von  Bleiwirkung  oder  Bleiaufnahme.  Bei  drei 
anderen  ergab  sich  als  einziges  Symptom  ein  geringer  für  Bleiwirkung 
sprechender  Blutbefund,  wenn  man  die  von  P.  S  c  h  m  i  d  t  aufgestellte 
Grenzzahl  100  1  000  000  der  Beurteilung  zu  gründe  legt.  Acht  Leute 
hatten  vermehrtes  Porphyrin  ohne  andere  Zeichen  von  Bleiwirkung. 

Im  Frühjahr  1921  untersuchte  ich  einen  Schriftgiesserlehrling,  der 
an  den  bekannten  für  leichte  Bleikolik  verdächtigen  Symptomen  er¬ 
krankt  war.  Er  hatte  sich  schon  längere  Zeit  schwach  und  matt  ge¬ 
fühlt.  Seine  Gesichtsfarbe  und  die  Augenbindehaut  waren  blass.  Sein 
Blut  zeigte  2000  basophil  gekörnte  Erythrozyten  auf  1  Million.  Wie¬ 
derholte  Nachuntersuchungen  ergaben  Schwankungen  in  der  Zahl  der 
gekörnten  Erythrozyten;  etwa  2  Monate  nach  der  ersten  Unter¬ 
suchung  hatte  er  noch  1Q0  auf  1  Million.  Der  Urin  zeigte  bei  der 
ersten  Untersuchung  Spuren  Eiweiss.  Vermehrtes  Porphyrin  war 
nicht  nachweisbar.  Da  sich  die  subjektiven  Beschwerden  nicht  bes¬ 
serten,  wurde  dem  Vormund  des  16  jährigen  Lehrlings  im  Einverneh¬ 
men  mit  dem  behandelnden  Arzt  angeraten,  sein  Mündel  den  Beruf 
wechseln  zu  lassen;  dem  Rat  wurde  Folge  geleistet. 

Die  Schriftgiesserlehrlinge  waren  bei  der  diesmaligen  Unter¬ 
suchung  durchweg  recht  blass  und  zeigten  nicht  die  sonst  in  diesem 
Alter  vorhandene  jugendliche  Frische.  Objektive  Zeichen  von  Blei¬ 
wirkung  waren  bei  im  ganzen  13  untersuchten  Lehrlingen  ausser 
dieser  Blässe,  wenn  man  sie  als  Bleiwirkung  ansprechen  darf,  nicht 
vorhanden,  mit  Ausnahme  zweier  Befunde  vermehrten  Porphyrins 
im  Urin.  Dagegen  zeigten  7  von  13  eine  Vermehrung  der  eosinophilen 
Leukozyten.  Ob  diese  Eosinophilie  vielleicht  durch  Darmparasiten  zu 
erklären  war,  konnte  aus  äusseren  Gründen  nicht  festgestellt  werden. 

Dies  Untersuchungsergebnis  steht  im  Einklang  mit  Befunden  von 
Schrumpf  und  Zabel  [2],  die  bei  Schriftgiesserlehrlingen  selten 
sichere  Zeichen  von  Bleivergiftung  fanden,  dagegen  in  mehreren  Fäl¬ 
len  ein  Krankheitsbild,  bestehend  in  müdem  Gesichtsausdruck,  Klagen 
über  Nervosität,  Reizbarkeit,  Schlaflosigkeit,  Müdigkeit.  Schwindel, 
Kopfweh,  Muskelschmerzen,  Brechreiz,  Appetitlosigkeit.  Magendarm¬ 
störungen  und  Verstopfung  fanden.  Die  Blutuntersuchung  ergab  eine 
auffällige  Verminderung  der  Gesamtzahl  der  Leukozyten  mit  relativer 
Vermehrung  der  eosinophilen  Zellen.  Schrumpf  und  Zabel  be¬ 
stätigten  in  Tierversuchen  mit  Antimon  die  beim  Menschen  erhobenen 
Blutbefunde  und  führen  deshalb  diese  Erscheinungen  auf  Antimon¬ 
wirkung  zurück. 

Es  ist  selbstverständlich  nicht  sicher,  dass  die  Blässe  der  Lehr¬ 
linge  nur  oder  überhaupt  auf  Blei-  oder  Antimonwirkung  beruht; 
kommen  doch  ausser  der  Stubenatmosphäre  gerade  bei  Jugendlichen 
auch  andere  Momente  in  Frage,  z.  B.  Onanie,  die  Blässe  des  Ge¬ 
sichtes  und  auch  Verstopfung  verursachen  kann. 

Die  37  Hilfsarbeiterinnen  aus  den  Schriftgiessereien,  meist  1  eile¬ 
rinnen  und  Fräserinnen,  zeigten  nur  in  2  Fällen  einen  unbedeutenden 
Blutbefund  ohne  andere  Zeichen  der  Bleiwirkung,  und  in  7  Fällen  ver¬ 
mehrtes  Porphyrin.  Bleisaum  ergab  sich  keinmal.  Dies  kann  auch 
damit  Zusammenhängen,  dass  Arbeiterinnen,  insbesondere  die  jungen, 
meist  eine  viel  bessere  Mundhygiene  und  Zahnpflege  treiben  als  die 
Arbeiter  der  gleichen  Altersklasse. 

Ein  Schriftgiessereischmelzer,  der  fast  ausschliesslich  an  einem 
grossen  Schmelzkessel  die  Abfälle  usw.  zu  schmelzen  hatte,  zeigte 
Bleisaum,  350  basophil  gekörnte  Erythrozyten  auf  1  Million  und  stark 
vermehrtes  Porphyrin.  Er  war  zur  Zeit  der  Untersuchung  in  ärzt¬ 
licher  Behandlung. 

Soweit  die  Zahl  der  Untersuchten  eine  allgemeine  Schlussfolge¬ 
rung  zulässt,  erscheint  demnach  in  hygienisch  einwandfreien  Betrie¬ 
ben  für  Schriftgiesser  und  Schriftglessereihilfsarbeiterinnen  die  Ge¬ 
fahr.  bleikrank  zu  werden,  sehr  gering. 

Durch  eine  in  gewöhnlicher  Weise  gehandhabte  ärztliche  Ucber- 
wachungsuntersuchung  ohne  Heranziehung  der  Blut-  und  Urinunter¬ 
suchungen  würden  nur  der  Bleischmelzcr,  zwei  Schriftgiesser  mit 
feinem  Bleisaum  und  vielleicht  noch  der  eine  oder  andere  wegen 
Blässe  des  Gesichts  als  bleiverdächtig  herausgefunden  sein.  Ausser¬ 
dem  würde  bei  sämtlichen  Lehrlingen  die  auffällige  Blässe  festge¬ 
stellt  sein. 

Was  würde  in  der  Praxis  mit  diesen  geschehen?  „ 


869 

Der  Schmelzer  würde  auf  Grund  der  subjektiven  Erscheinungen 
in  ärztliche  Behandlung  kommen;  ausserdem  würde  es  wünschens¬ 
wert  sein,  ihn  von  der  Bleischmelzarbeit  zeitlich  auszuschliessen,  bis 
die  verhältnismässig  unbedeutenden  subjektiven  Krankheitszeichen 
geschwunden  sind.  Mit  den  übrigen  würde  wahrscheinlich  nichts 
geschehen. 

Demnach  würde  der  Arbeitsaufwand  der  ärztlichen  Ueber¬ 
wachung  und  die  dadurch  entstehenden  Kosten  in  gar  keinem  Ver¬ 
hältnis  zu  den  prophylaktischen  Erfolgen  stehen. 

Die  Schriftgiesser  gehören  mit  zu  den  höchststehenden  Hand¬ 
werkern;  es  ist  daher  anzunehmen,  dass  sic  sich  schon  von  selbst 
ärztlich  untersuchen  und  behandeln  lassen,  wenn  sich  irgendwelche 
Krankheitszeichen  bei  ihnen  einstellen. 

Die’  Hilfsarbeiterinnen  sind  an  sich  sehr  wenig  gefährdet,  so  dass 
eine  ärztliche  Untersuchung  nicht  erforderlich  scheint.  Etwas  anders 
steht  es  mit  den  Lehrlingen.  Die  gewöhnliche  ärztliche  Ueberwachung 
wird  hier  nicht  sehr  erfolgreich  sein.  Nimmt  man  aber  regelmässig 
die  modernen  Blut-  und  Urinuntersuchungen  zu  Hilfe  und  untersucht 
die  Lehrlinge  vor  der  Einstellung  und  dann  in  halbjährlichem  Turnus, 
so  wird  man  an  der  Hand  der  regelmässig  aufgenommenen  Blut-  und 
Urinbefunde  etwaige  zu  Bleikrankheit  Disponierte  finden  und  sie  ge¬ 
gebenenfalls  zum  Berufswechsel,  der  alsdann  noch  ohne  grosse 
Schwierigkeit  möglich  ist,  veranlassen  können. 

Die  Zahl  der  Schriftgiesserlehrlinge  ist  so  gering,  dass  eine  dau¬ 
ernde  ärztliche  Ueberwachung  in  der  angegebenen  Weise  ohne 
Schwierigkeit  durchführbar  erscheint,  wenn  die  Ueberwachungsärzte 
sich  die  Mitarbeit  der  “hygienischen  Institute  oder  Medizinalunter¬ 
suchungsämter  sichern.. 

Nur  in  grossen  Schriftgiessereien  sind  besondere  Schmelzer  vor¬ 
handen;  da  sie  leicht  durch  Blei  geschädigt  werden  können,  erscheint 
eine  regelmässige  ärztliche  Ueberwachung  dieser  etwa  im  Vs  jähr¬ 
lichen  Turnus  erforderlich. 

Es  ist  erwünscht,  dass  auch  in  anderen  Städten  systematische 
Untersuchungen  in  Schriftgiesserei-  und  Stereotypeurbetrieben  unter 
Anwendung  der  gleichen  Methodik  [3]  wie  hier  ausgeführt  werden, 
zur  Feststellung,  ob  die  von  mir  vorgeschlagene  Art  der  ärztlichen 
Ueberwachung  allgemein  Anwendung  finden  kann. 

L  i  t  ej:  a  t  u  r. 

1.  M.itn.W.  1923,  Nr.  17,  S.  535.  —  2.  Arch.  f.  exper.  Path.  1910,  63.  — 
3.  Kl  in.  Wschr.  1922  S.  2426  und  D.m.W.  1923  S.  212. 


Aus  der  Universitäts  -  Frauenklinik,  Heidelberg. 
(Direktor:  Geh.  Rat  Menge). 

Eine  neue  Reaktion  der  Blutflüssigkeit  des  Neugeborenen. 

Von  Kj.  v.  Oettingen. 

In  einer  Reihe  früherer  Arbeiten  hatte  ich  Versuche  über  die 
Strukturverschiedenheiten  menschlichen  Blutplasmas  und  ihre  Resul¬ 
tate  veröffentlicht.  Ich  konnte  zeigen,  dass  ein  Parallelismus  zwischen 
Blutkörperchensenkung,  Plasmafällbarkeit,  Plasmagerinnung  (durch 
Schlangengifte  und  Kalksalze),  Bakterienagglutination,  hämolytischer 
Serumwirkung  und  kobragiftaktivierender  Wirkung  des  Serums  be¬ 
steht.  Als  gemeinsame  Ursache  dieses  Parallelismus  wies  ich  —  ab¬ 
gesehen  von  quantitativen  Unterschieden  der  einzelnen  Eiweissfrak¬ 
tionen  —  auf  die  variablen  Eigenschaften  der  physiko-chemischen 
Struktur  der  Blutflüssigkeit  hin.  Bei  diesen  Arbeiten  beschäftigte 
mich  lebhaft  der  Gedanke,  ob  und  wieweit  Veränderungen  im  bio¬ 
logischen  Ablauf  des  Zelllebens  durch  die  veränderte  physikalische 
Struktur  des  Plasmas  bedingt  sein  könnten  und  müssten.  Es  bedeutet 
diese  Erwägung  vielleicht  einen  Schritt  rückwärts  zur  .alten  Humo¬ 
ralpathologie,  die  bekanntlich  von  der  Zellularpathologie  abgelöst 
wurde.  In  neuerer  Zeit  scheint  aber  der  Gedanke  allgemeiner  sich 
aufzudrängen,  dass  die  Betrachtungsweise  biologischer  Vorgänge  auf 
der  gemeinsamen  Basis  humoral-zellularpathologischer  Anschauungen 
zweckmässig  und  fruchtbringend  ist.  Es  handelt  sich  hier  um  ein 
Gebiet,  welches  mir  Ausblicke  und  heute  noch  nicht  übersehbare 
Möglichkeiten  zur  Erkennung  biologisch-pathologischer  Vorgänge  zu 
eröffnen  scheint,  und  so  habe  ich  —  obwohl  nicht  Serologe  von 
Fach  — •  dieses  Arbeitsfeld  nebenher  weiter  gepflegt  und  versucht, 
Erfahrungen  zu  sammeln,  die  uns  dem  Verständnis  zahlreicher  un¬ 
aufgeklärter  Vorgänge  näherbringen  könnten. 

Ich  möchte  in  vorliegender  kurzer  Arbeit  über  eine  Eigenschaft 
des  Neugeborenenplasmas  berichten,  die,  bisher  unbekannt,  vielleicht 
von  Bedeutung  sein  kann  für  manche  Vorgänge  auf  geburtshilflichem 
Gebiete.  Ich  beschränke  mich  aber  in  der  Hauptsache  darauf,  die  be¬ 
obachteten  Tatsachen  zu  bringen,  und  überlasse  es  bewusst  den  spe- 
zialistisch  geschulten  Fachserologen,  besonders  dem,  der  physikalisch¬ 
chemisch  zu  denken  geneigt  ist,  eine  Analyse  dieser  Iatsachen  zu 
geben.  Je  tiefer  man  in  das  verschlungene  und  äusserst  schwer  zu 
beherrschende  Gebiet  der  Eiweisschemie  und  der  Kolloidchemie  ein¬ 
dringt,  um  so  mehr  lernt  der  Kliniker  sich  bescheiden,  der  in  seinen 
wissenschaftlichen  Arbeiten  im  allgemeinen  anders  orientiert  ist  und 
nicht  allumfassend  orientiert  sein  kann.  Ich  glaube,  cs  ist  frucht¬ 
barer,  Tatsachen  zu  bringen  und  den  Spezialisten  zu  bitten,  sich  der 


870 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  27 


Erklärung  und  weiteren  Bearbeitung  dieser  Tatsachen  anzunelnnen, 
als  selber  mit  halben  Kenntnissen  sich  auf  Irrwege  zu  begeben  und, 
statt  erklärend,  verwirrend  zu  wirken.  Wenn  ich  trotzdem  einige 
Versuche  einfüge,  die  sich  mit  den  ersten  Anfängen  der  Analyse  des 
zu  beschreibenden  Phänomens  abgeben,  so  geschieht  es  mit  aller  Zu¬ 
rückhaltung  aus  dem  Gedanken  heraus,  weitere  Bearbeiter  vor  zeit¬ 
raubenden  Versuchen  zu  bewahren,  oder  auch  —  ohne  vorgreifen  zu 
wollen  —  Wege  zu  zeigen,  die  der  Analytiker  vielleicht  als  Ansgangs¬ 
punkt  seiner  Arbeiten  zu  nehmen  geneigt  ist. 

Kottmann  veröffentlichte  vor  einigen  Jahren  eine  Versuchs¬ 
anordnung,  Seren  verschiedenen  Ursprunges  zu  differenzieren.  Die 
Methode,  die  er  anwandte,  war  an  sich  äusserst  originell  erdacht, 
scheint  aber  in  ihren  Resultaten  nicht  ganz  klar  zu  sein.  Ihre  Grund¬ 
lagen  sind  diese:  Um  das  Dispergierungsvermögen  verschiedener 
Seren  zu  bestimmen,  prüfte  er  den  durch  sie  bewirkten  Dispersitäts- 
mstand  kolloider  Jodsilbersalzc  vermittels  ihrer  Photosensibilität,  in- 
lem  er  die  mehr  oder  weniger  leichte  Reduzierbarkeit  derselben  nach 
/orausgegangener  Belichtung  beobachtete.  Als  äusserlich  sichtbarer 
Endeffekt  resultierte  eine  mehr  oder  weniger  starke  Verfärbung  des 
Serums  von  hellbrauner  bis  schwarzbrauner  Eabe.  Ich  versuchte 
nun,  dies  Verfahren  auf  Plasma  anzuwenden.  Im  Laufe  meiner  Ver¬ 
suche  sah  ich  mich  jedoch  veranlasst,  das  Jodsilber  durch  Bromsilber 
tu  ersetzen.  Die  Reaktion  verlief  schneller  und  trat  —  für  meine 
Zwecke  wenigstens  —  klarer  in  Erscheinung.  Hierbei  beobachtete 
ich  nun  folgendes: 

Während  im  Schwangerenplasma  das  entstehen¬ 
de  Bromsilber  kolloidal  gelöst  wurde  und  nach 
Belichtung  und  Entwicklung  mit  Hydrochinon  die 
kolloidale  Plasmabromsilberlösung  sich  tief¬ 
braunrot  färbte,  das  so  behandelte  Plasma  also  ein 
dem  Kollargol  sehr  ähnliches  Bild  bot,  wurde  im 
Neugeborenenplasma  eine  kolloidale  Bindung 
völlig  vermisst.  Das  Jodsilber  fällt  sehr  energisch 
und  in  schwarz-braunen  Flocken  ans,  während  das 
Plasma  an  sich  ungefärbt  bleibt.  Normalplasma, 
welches,  wie  ich  schon  in  früheren  Arbeiten  be¬ 
tonte,  in  seinen  Reaktionsverläufen  in  der  Mitte 
zwischen  Schwangeren  -  und  Neugeborenenplasma 
steht,  zeigte  auch  hier  ein  die  Extreme  verbinden¬ 
des  Verhalten,  indem  die  Fällung  eine  wesentlich 
geringere,  oft  nur  angedeutete  war.  Es  handelt 
sich  also  auch  hier  um  eine  den  eingangs  erwähnten 
Vorgängen  parallele  Erscheinung. 

Die  angewandte  Technik  war  folgende: 

In  1  ccm  Plasma  wird  */* oo  Bromkali  0,3  und  1/ 200  Argent.  nitric.  0,25 
gegeben.  Es  entsteht  das  lichtempfindliche  Bromsilber.  Als  zweckmässig 
erwies  es  sich,  das  Hydrochinon  sofort  zuzufügen  in  einer  Menge  von  0,3 
V100  Hydrochinon.  Dieses  Gemisch  wurde  dann,  um  eine  sich  gleichbleibende 
energische  Lichtquelle  zu  haben,  unter  der  Höhensonne  in  einem  Abstande 
von  1  m  5  Minuten  lang  belichtet.  Der  Erfolg  ist  aus  folgender  Tabelle  zu 
ersehen.  Der  Grad  der  Fällung  ist  durch  H — ^-Zeichen  kenntlich  gemacht. 


Tabelle  1. 

Vaoo  Bromkali  0,3  Vaoo  Argent.  nitric.  0,25  4-  V100  Hydrochinon  0,3 


1,0  com  Plasma 

Grad  der  Fällung  10  Min. 
nach  der  Belichtung 

Senkung  des  Blutes 
nach  20  Min. 

1.  Plasma  Schwanger  m.  X. 

—  Klar  braunrot 

43  mm 

2.  „  Normal  (Frau) 

+  Deichte  Fällung 

12  mm 

3.  ,,  Normal  (Mann; 

4-  ,1  ,■ 

4  mm 

4.  „  Neugeborenes 

Grobe  Fällung 

0  mm 

Es  ist  aus  der  Tabelle  ersichtlich,  dass  Fällung  und  Senkung  in 
einem  gewissen  Abhängigkeitsverhältnis  zu  einander  stehen.  Je 
stärker  die  Senkung,  um  so  geringer  die  Fällung. 

Wurde  der  gleiche  Versuch  mit  Serum  angestellt,  so  ergab  sich, 
dass  der  Unterschied  zwischen  den  einzelnen  Blutsorten  aufgehoben 
war.  Folgendes  Beispiel  möge  zur  Illustration  dienen: 


Tabelle  2. 


Vaoo  Bromkali  0,3  -f-  Vaoo  Argent.  nitric.  0,25  -(-  V400  Hydrocbmjn  0,3 


1,0  ccm  Serum 


Grad  der  Fällung  10  Min.  nach 
der  Belichtung 


1.  Serum  Schwanger  m  X. 

2.  „  „  +-  0,2  ccm  5°/o  Natr.  citric. 

3.  „  Normal  (Frau) 

4.  .,  „  -f-  0,2  ccm  5°  o  Natr.  citric. 

5.  „  Normal  (Mann) 

ß.  .,  „  +  0,2  ccm  50/<>  Natr.  citric. 

7.  „  Neugeborenes 

8.  .,  +  0,2  ccm  5%  Natr.  citric. 


Klar  braunrot 


Wie  die  Kontrollen  (Röhrchen  2,  4,  6  und  8)  zeigen,  ist  die  Fäl¬ 
lung  nicht  abhängig  von  dem  Natriumzitratzusatz,  der  zur  Verhütung 
der  Gerinnung  in  gewohnter  Weise  dem  Blute  zugesetzt  wurde. 

Nachdem  die  fällenden  Eigenschaften  des  Neugeborenenplasmas 
insbesondere,  in  geringerem  Grade  des  Normalplasmas,  und  völliges 
Fehlen  dieser  Eigenschaften  im  Schwangerenplasma  auf  diese  Weise 
in  zahlreichen  Versuchen  eindeutig  festgelegt  war,  prüfte  ich  das 
Verhalten  der  Plasmen  gegenüber  einem  Kolloid,  ich  verwandte 
Kollargol.  Folgende  Tabelle  illustriert  die  Resultate: 


Tabelle  3. 

0,5  ccm  Kollargol 


Plasma  1,0  ccm 

Fällung  nach  2  Stunden  Ziinmcrtem|>erHtwr 

1.  Plasma  Schwangerm.  X. 

* 

2.  „  Normal  (Frau) 

— 

3.  „  „  (Manu.) 

4.  „  Neugeborenes 

+-I-+ 

Der  gleiche  Versuch  mit  Serum  ergibt  keine  Fällung. 

Von  den  zur  Analyse  dieser  Erscheinung  ausgeführten  Versuchen 
möchte  ich  nur  2  hier  anführen.  Die  Tatsache,  dass  im  Serum  keine 
Fällung  zu  beobachten  ist,  nur  im  Plasma,  legt  den  Gedanken  nahe, 
dass  die  ausfällende  Wirkung  an  das  Fibrinogen,  welches  dem  Serum 
fehlt,  gebunden  ist.  Es  wurde  deshalb  Neugeborenenplasma  mit  Tier¬ 
kohle  geschüttelt,  abzentrifugiert  und  nun  der  Versuch  wiederholt. 
Es  zeigte  sich,  dass  das  Plasma  sein  Fällungsvermögen  nicht  ganz 
verloren  hatte,  wenn  es  auch  wesentlich  geringer  und  verzögert  in 
Erscheinung  trat. 

Ferner  wurde  das  Plasma  gegen  HsO  dialysiert,  um  zu  sehen,  ob 
durch  Dialyse  irgendwelche  kolloidfällenden  Stoffe  zu  erhalten  seien. 
Der  Versuch  gestaltete  sich  folgendermassen: 

10  ccm  Plasma  wurden  36  Stunden  lang  bei  3  maligem  Wasser¬ 
wechsel  dialysiert,  das  Dialysat  auf  5  ccm  eingedampft.  Das  Plasma, 
das  zunächst  noch  klar  geblieben  war,  zeigte  infolge  Entsalzung  grobe 
Eiweissfällung.  Die  Fällungsreaktion  ergab  folgende  Resultate: 

Tabelle  4. 

‘/•oo  Bromkali  0,3  -f  Vjoo  Argent.  nitric.  0,25  j-  'im  Hydrochinon  0,3 


1  ccm  Fällung  1  Stunde  nach  Belichtung 


1.  Neugeborenenplasma  (Ausgangsmaterial)  4  -H-T 

2.  „  serum  '  _ 

3.  HpO  _ 

4.  Dialysat,  nicht  eingedampft  _ 

5.  Dialysat,  eingedampft  — 

6.  Dialysat,  eingedampft  4-  Neugeboronenserum 
(0,5  4-  1,0  ccm  Serum) 

7.  Neugeborenenplasma,  dialysiert,  von  den  aus¬ 
gefallenen  Eiweisskörpern  abzentrifugiert 

Ich  bin  mir  bewusst,  dass  diese  der  Analyse  dienenden  Versuche 
völlig  unzureichend  sind,  und  verweise  auf  das  oben  Gesagte.  Immer¬ 
hin  glaube  ich  soviel  sagen  zu  dürfen,  dass  die  quantitative  Vertei¬ 
lung  und  die  Disponibilität  der  Eiweisskörper  infolge  ihrer  verschie¬ 
denen  Stabilität  eine  Rolle  bei  dem  Zustandekommen  dieser  Reaktion 
spielen.  Man  kann  sich  vorstellen,  dass  das  Fibrinogen  an  sich  fällend 
wirkt,  im  Ueberschuss  (im  Schwangerenplasma)  die  fällende  Eigen¬ 
schaft  verliert.  Im  Serum  fehlt  das  Fibrinogen,  also  tritt  keine  Fäl¬ 
lung  auf.  In  mit  Kohle  geschütteltem  Neugeborenenplasma  ist  es  nur 
teilweise  entfernt.  Bei  der  bekannten  Stabilität  des  Kinderplasmas 
ist  das  zu  erwarten.  Die  fällende  Wirkung  tritt  daher,  wenn  auch 
abgeschwächt,  ein.  Im  dialysierten  Plasma  ist  das  Fibrinogen  durch 
Entsalzung  völlig  gefällt.  Das  Plasma  verhält  sich  wie  Serum. 

Biologisch  ist  die  Tatsache  dieser  äusserst  heftig  kolloidfällenden 
Wirkung  des  Neugeborenenplasmas  vielleicht  von  Interesse.  Ob  die 
Veränderungen  in  der  Plazenta,  die  Infarktbildung,  die,  wie  v.  Ra¬ 
venstein  kürzlich  zeigen  konnte,  nicht  mit  der  Albuminurie 
Schwangerer  parallel  geht,  ob  ferner  die  Beeinflussung  der  Erreg¬ 
barkeit  des  Uterusmuskels  und  damit  der  Beginn  der  Geburt  mit 
diesen  Verhältnissen  in  Zusammenhang  zu  bringen  sind,  ist  ein  Ge¬ 
danke,  der  zu  prüfen  ist.  Experimentelle  Versuche,  die  zur  Klärung 
dieser  Fragen  beitragen  sollen,  sind  in  Vorbereitung. 


Aus  der  Psychiatrischen  Universitätsklinik  Jena. 

(Direktor:  Prof.  Dr.  Hans  Berger.) 

Bestehen  Unterschiede  im  Eiweissgehalt  des  Liquor 
cerebrospinalis  in  verschiedenen  Höhen? 

(Ein  Beitrag  zur  Frage  der  Liquorströmung.) 

Von  Privatdozent  Dr.  med.  Walter  Jacobi,  Assistenzarzt. 

Auf  Grund  der  Ausführungen  von  Weinberg,  W  e  i  g  e  1  d  t, 
Eskuchen,  Walter  u.  a.  in  dieser  Wochenschrift  besteht  wohl 
kein  Zweifel  mehr  darüber,  dass  die  Untersuchung  einer  einzigen  Li¬ 
quorportion  keine  Schlüsse  gestattet  auf  den  Zellgehalt  im  Gesamt¬ 
liquor.  Wenn  man  mit  noch  so  grossen  Vorsichtsmassregeln  (vgl. 
Matzdorff  und  L  o  e  b  e  1  1:  Zschr.  f.  d.  ges.  Neur.  u.  Psych.,  Bd.  75, 
H.  1,2,  S.  147  bis  157,  1922)  vergleichende  Untersuchungen  des  Zell¬ 
gehaltes  von  Liquorportionen  verschiedener  Höhen  anstellt,  wird  man 
auf  jene  fiir  theoretische  und  praktische  Fragestellungen  gleich  wich¬ 
tige  Tatsache  unabweislich  hingewiesen.  Eine  weitere  Frage,  die  für 
das  Problem  der  Liquorströmung  und  der  Homogenität  des  Liquor 
cerebrospinalis  nicht  minder  wichtig  ist,  die  Frage,  ob  auch  der  E  i  - 
w  e  i  s  s  gehalt  des  Liquors  in  verschiedenen  Höhen  Schwankungen 
unterworfen  ist,  bedarf  noch  weiterer  Erörterungen. 


6.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


871 


Walter  sah  bereits  im  Jahre  1908  bei  Entnahme  grösserer 
Mengen  von  Lumbalflüssigkeit,  die  er  nach  Nissl  und  Nonne  - 
A  p  e  1 1  untersuchte,  bei  einzelnen  Fällen  Differenzen  im  Eiweiss¬ 
gehalt,  der  dann  stets  in  den  ersten  Portionen  grösser  war  (Monats¬ 
schrift  f.  Psych.  u.  Neur.  1908,  24,  251).  Kafka  dagegen  beobach¬ 
tete  nur  selten  ein  geringes  Schwanken  des  Globulingehaltes,  soweit 
die  Phase  I-Reaktion  als  Indikator  hierfür  angesehen  werden  konnte 
(Zschr.  f.  d.  ges.  Neur.  u.  Psych.  1912,  Orig.  13,  S.  192). 

In  letzter  Zeit  haben  besonders  Weinberg  (M.mW.  1921,  S  577) 
und  Weigel  dt  (M.m.W.  1921,  S.838)  Untersuchungen  nach  dieser 
Richtung  angestellt.  Ersterer  fand  nach  Pandy  und  Nonne- 
Apelt  Unterschiede  im  Globulingehalt  und  in  der  Eiweissmenge; 
letzterer  erhielt  auf  Grund  quantitativer  Eiweissbestimmungen  nach 
Brandberg-Zalociecki  und  Mestreczak  sowie  auf  Grund 
vergleichender  Bestimmungen  des  spezifischen  Gewichts  Ergebnisse, 
die  für  eine  gewisse  Eiweissschichtung  des  Liquors  sprachen.  Die 
Konzentration  wurde  kaudalwärts  immer  höher. 

Es  k  uchen  (M.m.W.  1922,  S.  1537),  der  ebenfalls  für  eine  un- 
gleichmässige  Zusammenstellung  des  Liquor  eintrat,  hielt  im  Gegen¬ 
satz  zur  Zellverteilung  in  der  Spinalflüssigkeit  die  Verteilung  der  Ei- 
weiss-  und  luischen  Reaktionskörper  infolge  der  Liquorvermischung 
für  eine  glcichmässigere.  Eine  völlige  Uebereinstimmung  der  Wasser¬ 
mann-  sowie  der  Eiweissreaktionen  in  den  verschiedenen  Liquor¬ 
portionen  sahen  M  a  t  z  d  o  r  f  f  und  L  o  e  b  e  1 1  (Zschr.  f.  d.  ges.  Neur. 
u.  Psych.,  Bd.  75,  1922,  S.  147  bis  157).  Auch  der  Versuch  einer  Aus¬ 
wertung  der  Nonne  sehen  Reaktion  durch  Ansetzen  derselben  mit 
verschiedenen  Liquorverdünnungen  brachte  keine  Unterschiede  und 
wurde  wieder  aufgegeben. 

Auch  Schönfeld  beobachtete  nie  Unterschiede  im  Ausfall  der 
Globulin-  und  Wassermannreaktionen. 

Schliesslich  muss  in  diesem  Zusammenhang  hingewiesen  werden 
auf  die  Ergebnisse  von  Dahlström  und  W  i  d  e  r  ö  e  (Zschr.  f.  d. 
ges.  Neur.  u.  Psych.  1921,  S.  75),  die  ausgesprochene  Unterschiede  in 
der  Eiweisszusammensetzung  der  Gehirnventrikel-  und  Lumbalflüssig¬ 
keit  fgststcllten  (Sublimatreaktion,  Phase  I  -  Reaktion,  Titrierungs¬ 
untersuchungen  nach  B  i  s  g  a  a  r  d). 

Den  Anregungen  P.  A.  Höfers  (Berl.  klin.  W.  1921,  S.835)  fol¬ 
gend,  war  mir  daran  gelegen,  der  Lösung  des  aufgeworfenen  Pro¬ 
blems  auf  dem  Wege  vergleichender  interieroinetrischer  Liquorunter¬ 
suchungen  näherzukommen. 

Als  Versuchspersonen  wählte  ich  Liquorgesunde  (6  Fälle)  und 
Kranke  (13  Paralytiker,  davon  8  zweimal,  2  dreimal,  die  übrigen  ein¬ 
mal  untersucht).  Die  in  rechte  Seitenlage  gebrachten  Kranken  blieben, 
meist  noch  unter  der  Wirkung  von  Schlafmitteln,  morgens  punktions¬ 
bereit  etwa  20  Minuten  liegen,  bevor  Liquor  entnommen  wurde.  Hier¬ 
durch  sollte,  wenn  diese  mechanische  Vorstellung  überhaupt  am 
Platze  ist,  eine  Liquordurchmischung  infolge  körperlicher  Bewegungen 
nach  Möglichkeit  ausgeschaltet  werden. 

Nach  Ablassen  von  etwa  !4  ccm  wurden  nach  der  Versuchsanord¬ 
nung  von  Weinberg  in  Zentrifugiergläschen  langsam,  tropfenweise 
aufgefangen: 

In  Röhrchen  I:  1  ccm 

?»  ff 

J>  ff 

ff  ff 

ff  ff 

Dieser  frisch  aufgefangene  Liquor  wurde  zentrifugiert  und  an¬ 
schliessend  sofort  interferometrisch  untersucht,  so  dass  eine  Vor¬ 
täuschung  von  Konzentrationsveränderungen  durch  Verdunsten  oder 
bakterielle  Zersetzungsprozesse  mit  Sicherheit  auszuschliessen 

war. 

Auf  die  Technik  der  interferometrischen  Messungen  soll  hier  nicht 
näher  eingegangen  werden  (vgl.  Hirsch,  Paul,  Fermentstudien; 
Jena,  1917,  Fischer). 

Für  diese  Ausführungen  bleibt  lediglich  wichtig,  dass  bei  jenen 
Konzentrationsunterschiede  des  Liquor  durch  Differenzen  im  Liciit- 
brechungsvermögen  der  verschiedenen  gegen  destilliertes  Wasser 
ausgemessenen  Liquorflüssigkeiten  in  Erscheinung  treten.  Zur  Auf¬ 
nahme  der  beiden  zu  vergleichenden  Flüssigkeiten  dienen  Kammern, 
die  zwecks  Temperaturausgleichs  in  einem  Temperierbad  angeord¬ 
net  sind. 

Sind  die  beiden  Hälften  der  Doppelkammer  mit  Flüssigkeiten  der¬ 
selben  Konzentration  gefüllt,  zeigen  beide  Interferenzfiguren  das 
gleiche  Aussehen  (Nulllage),  enthält  jedoch  die  eine  Kammer  eine 
Flüssigkeit  von  grösserer  Konzentration,  so  wird  hierdurch  ein  Unter¬ 
schied  in  der  sogenannten  optischen  Weglänge  bedingt.  Demzufolge 
sind  beide  Interferenzbilder  verschieden.  Gegenüber  der  Nulllage  lässt 
sich  diese  Verschiebung  der  Interferenzerscheinung  sehr  leicht  be¬ 
obachten  und  durch  einen  Kompensator  zum  Ausgleich  bringen. 
Unterschiede  der  Liquorkonzentration  finden  daher  in  der  wechseln¬ 
den  Anzahl  der  Trommelteile,  die  notwendig  sind,  um  die  optische 
Weglänge  wieder  auszugleichen,  und  die  als  Ausschlag  an  einer  dreh¬ 
baren  Trommel  abzulesen  sind,  ihren  Ausdruck. 

Höf  er  (Berl.  klin.  Wschr.  1921,  S.835),  Wüllenweber 
M.m.W.  1922,  S.  927)  und  ich  (Zschr.  f.  d.  ges.  Neur.  u.  Psych.,  er¬ 
scheint  demnächst)  haben  auf  den  Wert  dieser  neuen  Methode  von 
Konzentrationsbestimmung  der  Spinalflüssigkeit  hingewiesen. 

Nr.  27. 


Die  Ergebnisse  der  interferometrischen  Untersuchungen,  die  für 
die  hier  aufgeworfene  Fragestellung  von  Wert  sind,  sind  nachfolgend 
aufgeführt: 


U  ebersicht  I.  (Liquorgesunde.) 


Name 

M. 

K. 

F. 

s. 

J. 

S. 

H. 

[nt.  Wert  I 

1317 

1278 

1337 

1356 

1360 

1339 

1340 

„  „  II 

1308 

1321 

1329 

1347 

1362 

1321 

1298 

„  „  in 

1315 

1321 

1326 

1324 

1338 

1318 

1  01 

„  ,.  IV 

1311 

1311 

1324 

1346 

1327 

1278 

1312 

„  „  v 

1306 

1312 

1324 

1343 

1335 

1302 

1300 

U  e  b  e  r  s  i  c  h  t  II.  (Liquorkranke.) 


Name 

G. 

K. 

M. 

H. 

I. 

R. 

B. 

H. 

M. 

s. 

L. 

K. 

B. 

Int.  Wert  I 

1464 

1379 

1513 

1542 

1462 

1502 

1523 

1380 

1465 

1416 

1532 

1377 

1430 

„  „  II 

1422 

1367 

1145 

1411 

1467 

1503 

1527 

1384 

1160 

1403 

1499 

1362 

1423 

„  III 

1425 

1370 

1415 

1406 

1466 

1502 

1523 

1387 

1457 

1408 

1478 

1373 

1425 

„  „  IV 

1419 

1357 

1451 

1400 

1468 

1485 

1507 

1387 

1449 

1409 

1450 

1356 

1427 

»  ..  V 

1433 

1353 

1437 

1396 

1462 

1462 

1519 

1378 

1443 

1403 

1443 

1359 

1417 

Erneute  Punktion 


WievielTage 
nach  der 

1.  Puuktion? 

12 

10 

14 

14 

14 

9 

11 

11 

Int.  Wert  I 

1410 

1350 

1385 

1416 

1478 

1485 

1531 

1471 

„  II 

1395 

1333 

1384 

1411 

1482 

1467 

1523 

1428 

„  „  HI 

1400 

1338 

1382 

1411 

1468 

1473 

1527 

1132 

„  „  iv 

1389 

1338 

1375 

1418 

1423 

1459 

1487 

1417 

„  „  V 

1390 

1327 

1374 

1417 

1431 

1479 

1486 

1413 

Abermalige  Punktion 


WievielTage 
nach  der 

2.  Punktion? 

12 

14 

Int.  Wert  1 

:: '  ::  äi 

-  .”  ^ 

»  ►>)  a  * 

1424 

1417 

1.22 

1420 

1415 

1325 

1308 

1306 

I3u8 

1306 

Die  Zahlen  stellen  Vergleichsziffern  dar,  die  in  ihrem  Schwanken 
Rückschlüsse  auf  eine  wechselnde  Liquorkonzentration  zulassen.  Eine 
prozentuale  Umrechnung  in  Eiweiss  ist,  wie  in  den  oben  aufgeführten 
Arbeiten  näher  dargetan,  zurzeit  noch  nicht  möglich.  Auf  alle  Fälle 
aber  genügen  die  gewonnenen  Ergebnisse,  um  Stellung  zu  nehmen  zu 
dem  von  uns-  erörterten  Problem. 

Walter  (M.m.W.  1921,  S.  1352)  hat  mit  vollem  Recht  darauf 
hingewiesen,  dass  zur  Feststellung  des  Liquor-Eiweissgehaltes  in  ver¬ 
schiedenen  Höhen  eine  Punktion  im  Liegen  Nachteile  hat  gegenüber 
einer  solchen  im  Sitzen.  Bei  noch  so  vorsichtiger,  langsamer  Ent¬ 
nahme  der  Spinalflüssigkeit,  wie  ich  sie  anstrebte,  wird  diese  von 
allen  Seiten  Zuströmen,  so  dass  eine  gewisse  Vermischung  derselben 
kaum  zu  vermeiden  ist.  Dazu  kommt,  dass  eine  Liquormenge  von 
etwa  15  ccm  nur  über  die  Zusammensetzung  sehr  gering  differierender 
Höhenquerschnitte  unterrichten  wird. 

Aber  gerade  auf  Grund  der  ungünstigen  Untersuchungsbedin¬ 
gungen  sind  meine  Ergebnisse  von  Belang,  weil  sie  hinweisen  auf 
regelmässige  Unterschiede  in  der  Konzentration  des  Liquoreiweiss¬ 
gehaltes  verschiedener  Höhen.  Beim  Ueberblicken  meiner  ge¬ 
samten  Ergebnisse  zeigt  sich  eine  deutliche  Tendenz  im  Sinne  einer 
Konzentrationsminderung  des  Eiweisses  mit  zunehmender  Höhe  des 
spinalen  Arachnoidealsackes.  Diese  kam,  was  mit  den  Ergebnissen 
Kafkas  versöhnt  und  wesentlich  ist,  in  den  gleichzeitig  angestellten 
Reaktionen  nach  Pandy,  Nonne-Apelt  und  Weichbrodt 
nicht  zum  Ausdruck. 

Jedenfalls  sprechen  auch  meine  Untersuchungen  für  eine  ge¬ 
wisse  Schichtenbildung  des  Liquoreiweisses  im  Sinne  von  Wei¬ 
gel  d  t,  die  allerdings  im  Einzelfall  nicht  immer  nachweisbar  zu  sein 
braucht.  Sie  stehen  im  Gegensatz  zur  Vorstellung  einer  regelrechten 
aktiven  Liquorströmung  im  Sinne  von  P  r  o  p  p  i  n  g  (M.  a.  d.  Grenz¬ 
geb.  d.  Med.  u.  Chir.  1909,  S.  441),  sind  aber  m.  E.  durchaus  vereinbar 
mit  den  Anschauungen  von  Becher  (M.m.W.  1921,  S.  837).  Becher 
stellt  sich  bekanntlich  vor,  dass  infolge  der  rhythmischen  Hirnbewe¬ 
gungen  periodische  Wellen  zustande  kommen,  die  über  die  Liquor¬ 
säule  des  Arachnoidealsackes  hinstreichen.  Hierdurch  brauchte  m.  E. 
die  Spinalflüssigkeit  in  Gegend  der  austretenden  Nervenwurzeln,  wo 
wohl  die  lebhafteste  Liquorresorption  vor  sich  geht,  und  in  Gegend 
der  durch  die  Wurzeln  und  das  Liq.  denticulatum  gebildeten  Taschen 
(F.  K.  Walter)  kaum  in  Mitleidenschaft  gezogen  zu  werden.  Mit 
dieser  Anschauung  scheint  mir  die  weitere  vereinbar,  dass  infolge  des 
vertikalen  Resorptionsstromes  eine  stetige  Liquorverschiebung  von 
den  Ventrikeln  nach  den  Subarachnoidealräumen  kaudalwärts  nach 
Art  eines  ständig  an  Konzentration  zunehmenden  Schichtensystems 
stattfindet. 


II:  5 
III:  1 
IV:  5 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. _ Nr.  27.  j 


872 

Aus  der  Hautklinik  der  städtischen  Krankenanstalten  in  Essen 

(Prof.  Dr.  Bering.) 

Ueber  physikalisch-chemische  Serumuntersuchungen  bei 

Hautkranken*). 

Von  Dr.  Alois  M  em  nies h  e  i  in  e  r. 

13a  man  mit  den  physikalisch-chemischen  Methoden  feinste  Ver¬ 
änderungen  der  Serumkolloide  feststellen  kann,  erschienen  uns  gerade 
bei  Hautkrankheiten  diese  Untersuchungen  interessant.  Für  die  nor¬ 
male  Arbeit  des  Organismus  ist  ein  ganz  bestimmter  Zustand  der 
Serumkolloide  erforderlich.  Jede  Erschütterung  des  Gleichgewichts 
in  diesem  System  bedingt  Störungen. 

Von  den  physikalisch-chemischen  Methoden  wählten  wir  1.  die 
Bestimmung  der  Viskosität,  2.  die  der  Oberflächenspannung,  3.  als 
Serumstabilitätsprüfungen  die,  Bestimmung  der  Koagulationstempera¬ 
tur  und  der  Alkoholzahl  und  4.  zur  Prüfung  der  Schutzwirkung  der 
Serumkolloide  die  Bestimmung  der  Goldzahl.  Die  Bestimmung  der 
Viskosität  erfolgte  im  Thermostaten  bei  28 0  C  mittels  des  Ost  wal  d- 
schen  Viskosimeters,  wobei  die  Ausflussgeschwindigkeit  von  5  ccm 
dest.  Wassers  1  gesetzt  wurde.  Die  Oberflächenspannung  bestimm¬ 
ten  wir  bei  fast  gleichbleibender  Zimmertemperatur  mit  dem 
T  r  a  u  b  e  sehen  Viskostagmometer,  wobei  wir  als  Mass  das  Volumen 
von  3  Tropfen  annahmen.  Die  Koagulationstemperatur  wurde  durch 
Erwärmen  von  1  ccm  Serum  im  engen  Reagenzglas  bestimmt,  wobei 
die  Temperatur  des  Wasserbades  unter  dauerndem  Umrühren  um 
zirka  1  Grad  pro  Minute  gesteigert  wurde.  Wir  unterschieden  erste 
Trübung  und  Kpagulation.  Als  Alkoholzahl  bezeichneten  wir  die 
Menge  95  proz.  Alkohols,  die  nötig  ist,  um  in  1  ccm  Serum  die  erste 
Trübung  zu  erzielen.  Etwas  abweichend  von  Zsigmondy  be¬ 
zeichneten  wir  als  üoldzahl  die  Volummenge  Serum,  die  gerade  noch 
nötig  ist,  um  1  ccm  roter  Goldsollösung  vor  dem  Farbenumschlag 
durch  0,1  ccm  einer  10  proz.  NaCl-Lösung  zu  schützen.  Die  Ablesung 
erfolgte  nach  14  Stunde.  Wir  mussten  zu  Serumverdünnungen  bis  zu 
1  : 500,0  gehen. 

Unsere  bis  jetzt  vorliegenden  Ergebnisse  beziehen  sich  auf 
Serumuntersuchungen  bei  Ekzem,  Psoriasis,  einzelnen  Fällen  ver¬ 
schiedenartiger  Krankheitsbilder  und  Lues. 

•  Unter  den  untersuchten  Ekzemfällen  finden  wir  bei  den  chro¬ 
nischen  in  der  Regel  eine  erhöhte  Viskosität  parallelgehend  mit  er¬ 
niedrigter  Oberflächenspannung.  Die  Serumstabilität  ist  herabgesetzt, 
die  Goldzahl  ist  meist  sehr  klein,  was  einer  erhöhten  Schutzwirkung 
entspricht.  Diese  Veränderungen  möchten  wir  aus  bestimmten  Grün¬ 
den  einer  Globulinvermehrung  im  Serum  zuschreiben.  Bei  den  akuten 
Krankheitsfällen  finden  wir  die  geschilderten  Veränderungen  in  ge¬ 
ringerem  Grade.  Von  Psoriasis  vulgaris  fanden  wir  in  den  bisher 
untersuchten  Fällen  bis  auf  erhöhte  Schutzwirkung  der  Kolloide  keine 
wesentlich  veränderten  Werte.  Zwei  Fälle  von  Pemphigus  vulgaris 
zeigten  hohe  Viskositätswerte  und  grosse  Serumschutzwirkung.  Ob 
hier  die  schon  mehrfach  festgestellte  Kochsalzretention  oder  ebenfalls 
ülobulinvermehrung  eine  Rolle  spielt,  können  wir  zurzeit  noch  nicht 
entscheiden.  Ein  Fall  von  idiopathischer  Hautgangrän  zeigte  neben 
hoher  Viskosität  und  geringer  Goldzahl  sehr  starke  Herabsetzung  des 
Koagulationspunktes.  Bei  frischen  unbehandelten  Lues-II-Fällen  fin¬ 
den  wir  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  erhöhte  Viskositätswerte,  in  einigen 
Fällen  Herabsetzung,  in  anderen  geringe  Erhöhung  des  Koagulations¬ 
punktes  und  schliesslich  eine  sehr  hohe  Schutzwirkung  des  Serums. 
Die  Bestimmung  der  Alkoholzahl  ergab  uns  in  allen  Fällen  keine 
sicheren  Werte.  Die  erhöhten  Viskositätswerte  bei  der  Lues  II  möch¬ 
ten  wir  der  schon  früher  nachgewiesentn  Vermehrung  der  Globulin¬ 
fraktion  zuschreiben. 

Die  Untersuchungen  gehen  weiter. 


Aus  der  Universitäts-,  Kinder-  und  Poliklinik  Qöttingen. 
(Direktor:  Prof.  F.  Göppert.) 

Zur  Klinik  und  Diagnose  der  protrahierten  Hirnhaut¬ 
reizung  nach  banalen  Infektionen. 

Von  Dr.  J.  Schwab. 

Göppert  hat  in  letzter  Zeit  erneut  auf  die  Beteiligung  der 
Hirnhäute  bei  den  fieberhaften  Infektionen  der  oberen  Luftwege  hin¬ 
gewiesen  (Klin.  Wschr.  1.  Jahrgang  Nr.  2).  Grundlegend  waren  die 
Beobachtungen  beim  Säugling  und  Kleinkind.  Es  hatte  sich  gezeigt, 
dass  banale  Infektionen  der  oberen  Luftwege  zuweilen  entweder  eine 
auffallende  Unruhe  oder  eine  Apathie  hervorriefen  im  Gegensatz  zu 
dem  weit  häufigeren  munteren  Verhalten  anderer  Säuglinge  oder 
Kleinkinder  mit  Schnupfen.  Fortlaufende  Beobachtungen,  Unter¬ 
suchungen,  gelegentliche  Lumbalpunktionen  bei  vorgewölbter  Fonta¬ 
nelle  oder  positivem  Kernig  gaben  den  Beweis  für  das  Bestehen 
einer  meningealen  Reizung  seröser  Natur.  Das  Kernigsymptom 
sagte  uns  auf  diese  Weise  oft,  wenn  durch  die  banale  Nasen-Rachen- 
infektion  das  ungewöhnliche  psychische  Verhalten  nicht  zu  erklären 
war,  dass  eine  Meningitis  vorliegen  musste.  Göppert  war  in  der 
Lage,  bei  einer  grossen  Anzahl  von  Kindern  mit  positivem  Kernig 
bei  oder  nach  Infektionskrankheiten  durch  die  Lumbalpunktion  einer¬ 


*)  Nach  einem  Vortrag  für  den  XIII.  Dermatologenkongress  in  München. 


seits  den  Zusammenhang  zwischen  Infektion  und  Meningitis  zu  be-  | 
weisen,  anderseits  auch  den  Beweis  erneut  zu  bringen,  dass  der 
positive  Kernig  ein  sicheres  Zeichen  für  Meningitis  ist,  eine  Frage,  | 
die  schon  von  Kernig  in  bejahendem  Sinne  beantwortet  worden  i 
war.  Diese  meningeale  Reizung  bestand  oft  noch  lange  nach  Ab-  i 
klingen  der  akuten  Erscheinungen  des  Schnupfens,  der  Bronchitis, 
kurz  der  Infektionen,  und  gab  so  die  Erklärung  für  nervöse  Sym¬ 
ptome,  von  deren  Häufigkeit  wir  uns  auch  beim  älteren,  schulpflich¬ 
tigen  Kind  in  letzter  Zeit  überzeugen  konnten.  So  kamen  wir,  durch  ! 
G  ö  p  p  e  r  t  s  Untersuchungen  veranlasst,  dazu,  weiter  auf  das  K  e  r  -  < 
nigsche  Symptom  auch  beim  älteren  Kinde  zu  achten  und  durch 
gelegentliche  Lumbalpunktion  seine  Bewertung  zu  erhöhen.  Genaue  1 
Aufnahme  der  Anamnese  auf  Häufigkeit  der  Erkältung  und  besonders  | 
auf  Grippe  ermöglichten  es,  ein  nicht  seltenes  Krankheitsbild  und  . 
seine  Therapie  erneut  festzulegen. 

Im  Vordergrund  des  Interesses  standen  für  uns  die  klinischen 
Reizerscheinungen,  Phänomene,  die  als  Erkennungszeichen  für  Reiz-  1 
zustande  des  zentralen  und  peripheren  Nervensystems  zu  deuten 
waren. 

Vielseitig  sind  die  Klagen  der  Kinder  und  noch  mehr  ihrer  Eltern  ' 
und  Lehrer.  Von  verschiedenen  Aerzten  bereits  behandelt,  kamen  ) 
diese  Kinder  in  unsere  Klinik.  Kopfschmerzen  morgens,  dann  nur  * 
abends,  oft  den  ganzen  Tag,  nach  der  Schule,  sind  ein  fast  ständiges  1 
Symptom.  Müdigkeit  ebenfalls  morgens,  abends,  nach  der  Schule,  i 
den  ganzen  Jag  über  bis  zu  leichten  Graden  von  Schlafsucht:  dann  i 
wieder  bei  anderen  Kindern  üereiztsein,  „Nervös“-sein,  schlechter  ] 
Schlaf,  Gequältsein  von  J  räumen,  unleidlich,  zänkisch  bis  zur  „Tob-  3 
sucht“,  wie  eine  Pflegerin  von  einer  Warteschule  uns  berichtete,  j 
bieten  in  allen  Graden  uns  ein  mannigfaches  Bild.  Oft  auch  wurde  ] 
nur  über  Müdigkeit,  Mattigkeit  in  den  Beinen  geklagt.  Dazu  gesellte  ] 
sich  bei  Kindern  im  schulpflichtigen  Alter  oft  ein  auffallendes,  plötz¬ 
liches  Nachlassen  in  den  Leistungen  des  bis  dahin  guten  Schülers,  3 
das  oft  zu  Bestrafung  des  Kindes  sowohl  in  der  Schule  als  auch  zu  ' 
Hause  führte.  Oft  gab  das  Kind  selbst  an,  dass  das  Lernen  schwerer 
sei,  „es  vergässe  alles  gleich  wieder“,  oft  sitzt  es  stundenlang  über  .5 
seinen  Büchern,  wie  eine  Mutter  uns  erzählte,  und  „döst*.  Dann  < 
wieder  gibt  es  Wochen,  wo  diese  Kinder  besser  lernen,  oft,  wenn  j 
eine  Erkältung  eine  Schonung  oder  ein  Fernbleiben  aus  der  Schule  auf 
Tage  bewirkt  hatte.  Wieder  bei  anderen  Kindern  fiel  der  Mutter 
auf,  dass  ihr  Kind  weniger  gern  spiele,  nicht  mehr  so  gern  auf  die 
Strasse  gehe  und  auch  zu  Hause  auf  dem  Sofa  müde  dasitze,  anstatt  j 
zu  spielen. 

Das  Auffallendste  und  bei  weitem  häufigste  Symptom,  oft  das  , 
einzigste,  das  zu  so  vielen  Fehldiagnosen  und  langdauernden  thera¬ 
peutischen  Behandlungen  ohne  Besserung  geführt  hatte,  war  die  i 
Appetitlosigkeit.  Ein  interessantes  Symptom!  Wie  oft  waren  Wurm¬ 
kuren  vorgenommen  worden!  Wie  oft  waren  dem  Kinde  die  besten  j 
Leckerbissen  zugeschoben  worden,  das  Kind  nahm  nichts  und  nahm 
ab!  „Es  ist  das  eines  der  dunkelsten  und  anziehendsten  Kapitel  der  •; 
klinisch-biologischen  Forschung  der  Infektionskrankheiten,  welches  j 
dringend  eingehendster  Aufklärung  bedarf,“  schreibt  v.  G  r  o  e  r  in 
seiner  Arbeit  zur  Kenntnis  des  Meningoenzephalismus.  v.  G  r  o  e  r 
fasst  die  Appetitlosigkeit  als  „nachschleppende,  verzögernde  Re-  j 
aktionserscheinung“  auf  und  spricht  von  „rasch  abklingenden,  nach 
Ablauf  der  Grundkrankheit  auftretenden  Psychosen  und  auch  längere  ! 
Zeit  nach  der  Entfieberung  fortdauernder  Apetitlosigkeit“.  Oft  geht  : 
Hand  in  Hand  hiermit  ein  anhaltender  Brechreiz.  Interessant  war,  < 
dass  oft  schon  nach  acht  Tagen  Bettruhe  die  Eltern  erfreut  von  : 
dem  wieder  guten  Appetit  des  Kindes  Mitteilung  machten,  während 
die  anderen  erwähnten  Symptome  noch  bestanden.  Auch  über  ; 
Schwindelgefühl  wurde  oft,  besonders  auch  von  Mädchen,  geklagt.  S 
Ein  nicht  so  häufiges  Symptom  war  das  Schwitzen,  besonders  nachts.  J 
Wiederholte  Temperaturmessungen  morgens  und  abends  bei  Bett¬ 
ruhe,  genaueste  wiederholte  Lungenuntersuchungen,  wie  Durch-  * 
leuchtung,  ergaben  keinen  Anhaltspunkt  für  Tuberkulose.  Dass  als  \ 
Begleiterscheinung  aller  dieser  Symptome  ein  schlechtes,  fahles,  mü-  | 
des  Aussehen  des  Kindes  in  allen  Fällen  vorhanden  war  und  auch  I 
deshalb  die  Kinder  von  Arzt  zu  Arzt  wunderten,  sei  nur  erwähnt. 

Bei  all  diesen  Klagen  ergab  nun  die  wiederholte  Untersuchung  1 
ausser  einem  positiven  Kernig  kein  anderes  fassbares  Symptom  I 
irgendwelcher  Organerkrankung.  Es  war  also  unsere  Aufgabe,  die  I 
klinische  Bedeutung  des  Kernig  auch  für  das  spätere  Kindesalter  zu  j 
prüfen  und  so  den  Zweifel  zu  beheben,  dass  die  Diagnose  durch  3 
einen  positiven  Kernig  allein  nicht  hinreichend  gesichert  sei. 

Die  Reflexe  waren  in  einzelnen  Fällen  gering  gesteigert,  durchweg  ,] 
jedoch  normal.  Der  Augenhintergrund  zeigte  keine  krankhafte  Ver-  1 
änderung.  Wir  gingen  nun  so  vor,  dass  wir  durch  genaue  Aufnahme  1 
der  Anamnese  das  Vorhergehen  einer  Grippe  bestätigen,  die  Tempe-  i 
ratur  bei  achttägiger  Bettruhe  messen,  den  Urin  kontrollieren  und  j 
den  Stuhl  auf  Würmer  beobachten  Hessen.  Nach  achttägiger  Bett-  • 
ruhe  wurden  die  Kinder  zum  ersten  Mal  wiederbestellt.  Oft  wurde 
dann  schon,  wie  oben  erwähnt,  von  dem  wiedergekommenen  Ap-  . 
petit  berichtet,  oft  fühlte  sich  das  Kind  wieder  ganz  gesund  und  war 
nicht  mehr  im  Bett  zu  halten.  Der  positive  Kernig  war  natürlich  ’ 
meist  noch  vorhanden.  Durch  öfteres  Wiederbestellen  der  Kinder 
konnten  wir  unsere  Notizen  über  den  Kernig  machen. 

Es  liegen  so  Beobachtungen  über  17  Fälle,  10  Jungen,  7  Mädchen, 
vor.  Das  Alter  der  Jungen  schwankte  zwischen  6  und  12,  das  der 
Mädchen  zwischen  8  und  13  Jahren.  Die  Dauer  der  Beobachtung 
des  Kernig  betrug  in  einem  Fall  2  Jahre,  die  kürzeste  1  Monat. 


■■ 


(».  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


bl  3 


Positiv  war  der  Kernig  in  2  Fällen  bei  110°,  in  5  Fällen  bei  120",  in 
9  Fällen  bei  130°,  in  einem  Fall  140°.  Geprüft  wurde  der  Kernig 
nach  der  von  Qöppert  in  der  oben  erwähnten  Arbeit  beschrie¬ 
benen  Weise.  Bei  11  Kindern  konnte  eine  Lumbalpunktion,  und  zwar 
stets  in  Narkose,  vorgenommen  werden.  Der  Druck  betrug  in  je 
2  Fällen  18  cm.  35  cm,  43  cm  und  in  je  einem  Fall  19  cm,  30  cm, 
33  cm,  3b  ein,  54  cm.  Das  Punktat  war  in  allen  Fällen  klar-serös. 
Die  Essigsäurekochprobe  war  in  allen  Fällen,  die  Non  ne  sehe  Glo¬ 
bulinreaktion  in  einem  Fall  positiv.  Zucker  (F  c  h  1  i  n  g  sehe  Probe) 
war  in  allen  Punktaten  nachweisbar.  Der  Zellgehalt  im  Punktat  be¬ 
trug  in  den  11  punktierten  Fällen  je  0,  1,  2,  2,  4,  6,  51,  63,  250,  500, 
966  Lymphozyten.  Der  Zellgehalt  im  Punktat  war  kein  Maassstab 
für  die  Schwere  des  Krankheitsbildes. 

Zum  Schluss  seien  einige  typische  Krankengeschichten  mitgeteilt. 

1.  F  a  1 1.  E.  R.,  9  Jahre  alt. 

16.  IV.  20.  Häufig  Kopfschmerzen,  Schmerzen  im  Leib,  seit  Wochen  ohne 
Appetit,  schwitzt  nachts  viel.  Mutter  vor  8  Jahren  an  Tuberkulose  gestor¬ 
ben.  Innere  Organe  o.  B.  Diagnose:  i.  B.  Therapie:  Nahruugsmittelattest. 

15.  XI.  20.  Klagen  wie  oben,  Attest  erneuert. 

8.  IV.  21.  Kommt  wegen  Mattigkeit  und  Kopfschmerzen.  Innere  Organe 
o.  B.,  keine  Nachtschweisse. 

23.  I.  23.  Vor  1  Jahr  Grippe,  immer  oft  erkältet  gewesen,  dauernd  Kopf¬ 
schmerz,  schlechter  Appetit.  Innere  Organe  o.  B.  Kernig:  +  (120°).  Bett¬ 
ruhe. 

31.  I.  23.  Kernig  +  (110°).  Reflexe  o.  B.,  Augenhintergruud  o.  B.,  innere 
Organe  o.  B.  Ektebin  +,  keine  erhöhten  Temperaturen.  Kopfschmerzen 
immer  in  Ruhe  und  nach  der  Schule.  Bettruhe. 

7.  II.  23.  Nur  immer  Kopfschmerzen  gehabt.  Kernig  fraglich  +. 

19.  II.  23.  Ausser  Bett  gewesen.  Kernig  wieder  +  (120°).  Lumbal¬ 
punktion  t  D.  =  33  cm,  E.  +,  Nonne  ߣ,  P.  —  klar,  Z.  +,  Z.  =  4*). 
Bettruhe.  Lymph. 

23.11.23.  Hausbesuch,  keine  Klagen.  Kernig  110°. 

2.  Fall.  O.  D„  6  Jahre  alt. 

29.  XII.  22.  Oft  erkältet,  zuletzt  Weihnachten,  schläft  schlecht,  blasses 
Aussehen.  Appetit  schlecht.  Innere  Organe  o.  B.  Kernig  +  (130°).  Bett¬ 
ruhe. 

5.  I.  23.  Kernig  +  (130°),  sehr  lebhaft,  nervös,  träumt  viel. 

12.  I.  23.  Appetit  besser,  lebhaft,  träumt  noch  viel,  wieder  erkältet  ge¬ 
wesen.  Kernig  +  (130°).  Innere  Organe  o.  B.  Urin  o.  B. 

13.  I.  23.  bis  1.  II.  23  im  Bett  gelegen  wegen  Windpocken.  Appetit  gut, 
keine  Klagen,  ausser  allzu  grosser  Lebhaftigkeit.  Kernig  +  bei  110°.  Keine 
Temperaturen.  Augenhintergrund  o.  B. 

8.  II.  23.  Ausser  Bett  gewesen,  Kernig  wieder  +  130  °. 

9.  II.  23.  Lumbalpunktion:  D.  =  43  cm,  E.  +,  N.  =  J2r,  P.  =  klar, 
Z.  +,  Z.  —  2  Lymph. 

13.11.23.  Keine  Klagen.  Kernig  +  (120°).  Appetit  gut.  Schonung. 

16.  III.  23.  Kernig  100°,  keine  Klagen. 

3.  F  a  1 1.  K.  H.,  6  Jahre  alt. 

2.  I.  23.  Februar  1920  die  ganze  Familie  Grippe.  Kind  lag  8  Tage  zu 
Bett.  Darauf  gut  erholt.  Nach  1  Jahr  müde,  appetitlos,  matter.  Müde  in  den 
Beinen,  Kopfschmerz,  blasses  Aussehen.  Innere  Organe  o.  B.  Kernig  +  (130"). 
Nabelekzem.  Tonsillen  geschwollen.  Bettruhe. 

26.1.23.  Kernig  +  (110°).  Bettruhe. 

5.  II.  23.  Appetit  gebessert,  nicht  mehr  so  müde.  Seit  einigen  Tagen 
Schnupfen.  Kernig  bis  130°.  Augenhintergrund  o.  B. 

6.  II.  23.  Lumpalpunktion.  D.  =  54  cm,  E.  +,  Nonne  -0",  P.  =  klar, 
Z.  +.  Z.  -  e. 

10.11.23.  Keine  Klagen.  Kernig  +  (120"). 

4.  Fall.  R.  W.,  11  Jahre  alt.  Früher  Pneumonie,  Rachitis,  oft  Bronchitis 

gehabt. 

20.  II.  22.  Vor  14  Tagen  Grippe  gehabt.  Seitdem  schlechter  Appetit, 
matt,  schwindelig.  Oft  Kopfschmerzen  gehabt.  Innere  Organe  o.  B.  Rachen 
gerötet.  Kernig  +  (140").  Bettruhe. 

27.11.22.  Kernig  +  (140°),  Kopfschmerzen,  Schwindelanfälle.  Bettruhe 

weiter. 

7.  III.  22.  Kernig  +  (110°),  munter,  keine  Klagen. 

1.  IV.  22.  War  inzwischen  zur  Schule.  Vor  8  Tagen  vom  Lehrer  wegen 
Doppelsehen  zur  Augenklinik  geschickt.  Kein  pathologischer  Befund  (Augen¬ 
klinik).  Schläft  viel,  wird  morgens  nicht  wach,  Oefters  Ohnmachtsanfälle. 
Ihnere  Organe  o.  B.  Kernig  +  (110°).  Kernig  bleibt  weiter  positiv.  Kein 
Doppelsehen.  Im  Sommer  zur  Erholung  in  der  Schweiz  gewesen. 

13-.  I.  23.  Gestern  mit  Fieber  erkrankt,  matt,  Kopfschmerzen,  starkes 
Schwitzen.  Rachen  rot,  sonst  kein  krankhafter  Organbefund.  Kernig  + 
(130").  Bettruhe. 

19.1.23.  Innere  Organe  o.  B.  Kernig  +  (130°).  Bettruhe  weiter. 

1.  II.  23.  Gebessert.  Keine  Kopfschmerzen  mehr.  Appetit  gut.  Noch 
leicht  müde,  besonders  morgens  nicht  wach  zu  bekommen.  Schläft  mittags 
mehrere  Stunden,  zänkisch,  „leicht  gereitzt,  bis  zur  Tobsucht“  (Bericht  der 
Warteschule).  Kernig  +  (130°).  Lumbalpunktion.  D.  =  35  cm,  E.  +, 
Nonne  ßt,  P.  =  klar,  Z.  +,  Z.  =  966  L. 

2.  II.  23.  Aufnahme  in  die  Klinik  wegen  heftiger  Schmerzen  nach  der 
Punktion.  Sicher  bewiesene  Aggravatio. 

19.1123.  Entlassen;  keine  Klagen.  Kernig  +  (120°). 

7.  111.23.  Kernig  120°. 

5.  F  a  1 1.  E.  W„  9  Jahre  alt. 

23.  II.  23.  Januar  22  und  Dezember  22  Grippe,  Matt  und  gedankenlos 
seit  der  Grippe.  Kind  in  der  Schule  sehr  nachgelassen,  wird  Sitzenbleiben, 
nach  Ansicht  der  Mutter  „wegen  der  Grippe“.  Früher  gut  in  der  Schule. 
Appetit  sehr  wechselnd.  Kopfschmerzen.  Kernig  +  (120").  Innere  Organe 

o.  B.  Bettruhe  8  Tage  lang. 

2.  III.  23.  Appetit  gut,  keine  Kopfschmerzen.  Anscheinend  nach  Bett¬ 
ruhe  nicht  mehr  so  matt.  Keine  Temperaturen.  Innere  Organe  o.  B.  Ker¬ 
nig  +  (120°).  Lumbalpunktion.  D.  =  30,  Z.  +,  Nonne  =  •©".  P.  —  klar, 

E.  +,  Z.  =  500  L. 

6.  Fall.  E.  W„  12  Jahre  alt. 

12.11.23.  Bisher  gesund.  Vor  4  Wochen  Grippe,  dann  Masern;  seit¬ 
dem  Kopfschmerzen,  schlechter  Appetit.  9  Wochen  im  Bett  gelegen,  seit 

*)  D.  =  Druck,  P.  =  Punktat,  E.  =  Eiweiss,  Z.  —  Zucker,  Z.  =  Zellen, 

L.  =  Lymphozyten. 


einigen  Tagen  wieder  auf.  Konjunktivitis.  Rachen  rot.  Innere  Organe  o.  B. 
Kernig  +  (120°).  Bettruhe. 

28.  II.  23.  Appetit  schlecht,  starke  Kopfschmerzen.  Innere  Organe  o.  B. 
Keine  Temperaturen.  Kernig  +  (120°).  Lumbalpunktion.  D.  =  43  cm, 
Z.  +  (Milchzucker-Osazone),  P.  —  klar,  E.  4*.  Nonne  =  ßr,  Z.  =  63  L. 

16.  III.  23.  Keine  Kopfschmerzen.  Besserer  Appetit.  Gutes  Allgemein¬ 
befinden.  Kernig  +  (120”). 

7.  Fall.  A.  K.,  6  Jahre  alt.  Früher  in  klinischer  Beobachtung  wegen 
Lungentuberkulose. 

13.  II.  23.  Weihnachten  1922  Grippe.  Seitdem  müde,  schläfrig,  keine 
Lust  zum  Spielen,  schläft  oft  auf  dem  Sofa  ein.  Kein  Appetit.  Leibschmerzen. 
Kernig  +  (130°).  Aufnahme  in  die  Klinik.  Bettruhe. 

15.  11.  23.  Lumbalpunktion.  D.  =  18  cm,  E.  +,  Nonne  ßi,  P.  —  klar, 
Z.  +,  Z.  =  1  L.  Kein  Spinngewebegerinnsel, 

8.  F  a  1 1.  B.  T„  12  Jahre  alt. 

9.  III.  23.  Herbst  1922  Grippe,  seitdem  viel  Kopfschmerzen,  Müdigkeit, 
Mattigkeit,  sitzt  viel  in  der  Ecke,  döst  viel,  unleidlich,  Appetit  schlecht. 
Innere  Organe  o.  B.  Kernig  +  (130°).  Lumbalpunktion.  D.  =  36  cm, 
E.  +,  Nonne  ßr,  Z.  +,  Z.  =  2  L. 

Der  Kernig  ist  also  ein  sicheres  Zeichen  für  eine  Meningitis.  Eine 
Meningitis  kann  als  Begleiterscheinung  oder  nach  einer  Infektion  auf- 
treten.  Nach  Infektionskrankheiten,  besonders  nach  Grippe,  bestehen 
oft  Monate,  ja  Jahre  Reizerscheinungen  des  Z.N.S.,  die  ein  man¬ 
nigfaches  Symptombild  zeigen.  Klinisch  wird  dieses  Krankheitsbild 
oft  nur  aus  dem  positiven  Kernig  zu  diagnostizieren  sein.  Die  Thera¬ 
pie  besteht  in  frischen  Fällen  in  einer  oft  wochenlangen  Bettruhe,  ln 
älteren  Fällen  muss  eine  den  Verhältnissen  entsprechende  Bettruhe 
bzw.  Schonung  verordnet  werden,  wie  z.  B.  Bettruhe  nach  Tisch,  Be¬ 
freiung  von  weniger  wichtigen  Schulstunden. 

Literatur. 

Göppert:  Beteiligung  der  Hirnhäute  bei  den  fieberhaften  Infektionen 
der  oberen  Luftwege.  Klin.  Wschr.  1.  Jg.  Nr.  2.  —  Blühdorn:  Meningitis 
serosa  und  verwandte  Zustände  im  Kindesalter.  B.'kl.W.  1912  Nr.  38.  — 
Harke:  Ueber  Meningitis  serosa  im  Kindesalter.  Mschr.  f.  Kinderhlk. 
1918/19,  15.  —  Kernig:  Ueber  ein  wenig  bemerktes  Meningitissymptom. 
B.kl.W.  1884  Nr.  52.  —  Kernig:  Ueber  die  Beugekontraktur  im  Kniegelenk 
bei  Meningitis.  Zschr.  f.  klin.  M.  1907,  64.  —  v.  Groer:  Zur  Kenntnis  des 
Meningoenzephalismus.  Zschr.  f.  Kinderhlk.  1909.  21. 


Aus  dem  Patholog.  Institut  der  Städt.  Krankenanstalt  Kiel. 
(Vorstand:  Prosektor.  Dr.  Emmerich.) 

Tonsillen  und  Tuberkulose. 

Von  Dr.  med.  P.  Fischer,  früher  Assistent  am  Institut. 

Bereits  in  einer  Anzahl  älterer  Arbeiten  wurde  auf  den  Zusam¬ 
menhang  der  Tuberkuloseinfektion  mit  den  Gaumenmandeln  hinge¬ 
wiesen,  ohne  dass  man  über  Vermutungen  und  über  die  wahrschein¬ 
liche  Annahme,  dass  eine  primäre  Infektion  der  Gaumenmandeln  mit 
Tuberkulose  sekundär  eine  Allgemeininfektion  verursachen  kann, 
wesentlich  hinausgekommen  ist.  So  gibt  z.  B.  Bandelier  [l]  an, 
dass  die  tuberkulöse  Erkrankung  der  Tonsillen  bei  Lungentuberku¬ 
lose  häufig,  bei  vorgeschrittener  Phthise  fast  die  Regel  sei.  Eine 
retrograde  lymphogene  Entstehung  der  Tonsillentuberkulose  sei  un¬ 
wahrscheinlich,  die  primäre  Entstehung  als  Fütterungs-  und  Aspira¬ 
tionstuberkulose  nicht  so  enorm  selten. 

Im  Gegensatz  dazu  ist  in  mehreren  neuen  Arbeiten  über  die  Ton¬ 
sillen  als  Eingangspforte  für  Infektionen  die  Möglichkeit  einer  In¬ 
fektion  durch  Tuberkulose  überhaupt  nicht  erwähnt.  Nur  in  einer 
englischen  Arbeit  aus  der  allerneuesten  Zeit  beschreibt  Ne  Hie 
Wall  [2],  dass  sie.  bei  Untersuchungen  von  170  Drüsen  und  Ton¬ 
sillen  von  120  Kindern  3  mal  Tuberkulose  der  Tonsillen  fand.  Es 
handelte  sich  in  diesen  Fällen  klinisch  nicht  um  Tuberkulose,  sondern 
nur  um  eine  Hyperplasie. 

Einer  Anregung  von  Herrn  Prosektor  Dr.  Emmerich  folgend, 
habe  ich  die  seit  dem  Jahre  1916  eingeleiteten  Untersuchungen  der 
Tonsillen  auf  tuberkulöse  Erkrankung  fortgesetzt  und  unsere  Ergeb¬ 
nisse  zusammengestellt.  Die  Untersuchungen  wurden  an  gefärbten 
Schnittpräparaten  nach  pathologisch-anatomischen  Gesichtspunkten 
bei  von  Sektionen  gewonnenenem  Material  angestellt.  Als  mit  I  u- 
berkulose  infiziert  wurden  die  Fälle  angesprochen,  wenn  sich  für 
Tuberkulose  charakteristische  Veränderungen  (Epitheloidknötchen 
mit  und  ohne  Riesenzellen  und  Verkäsung)  fanden.  Diese  Fälle  be- 
zeichneten  wir  als  positiv,  die  ohne  anatomische  Veränderungen  als 
negativ.  Der  Nachweis  von  Tuberkelbazillen  in  den  Krypten  hat  nur 
bedingten  Wert,  da  damit  eine  Infektion  der  1  onsillen  nicht  sicher¬ 
gestellt  ist.  Bei  den  von  uns  als  negativ  bezeichneten  Fällen  muss 
noch  gesagt  werden,  dass  sich  auch  ihre  Zahl  noch  verringern  würde, 
wenn  es  uns  möglich  wäre,  überall  Serienschnitte  anzulegen.  Im 
ganzen  wurden  173  Fälle  untersucht.  Davon  waren  161  an  luberku- 
lose,  12  an  anderen  Krankheiten  gestorben.  Wenn  ich  zunächst  die 
12  Fälle,  in  denen  die  Tuberkulose  nicht  die  Todesursache  war, 
herausgreife,  so  fand  sich  Tuberkulose  als  Nebenbefund  in  10  Fällen, 
davon  in  einem  Tuberkulose  der  Tonsillen,  ln  den  beiden  anderen 
keine  Tuberkulose,  auch  nicht  der  Tonsillen.  In  dem  Fall,  der  eine 
Tuberkulose  der  Tonsillen  aufwies,  handelt  es  sich  um  ein  8  jähriges 
Mädchen,  das  an  einer  Diphtherie  starb.  Die  Mesenterialdrüsen 
zeigten  mikroskopisch  z.  T.  in  Einschmelzung  begriffene  Epitheloid¬ 
knötchen,  im  übrigen  fand  sich  ausser  den  Tonsillen  keine  Tuberkulose 
der  anderen  Organe.  Es  wäre  also  wohl  denkbar,  dass  es  sich  hier 
primär  um  eine  Fütterungstuberkulose,  vielleicht  sowohl  der  Ion- 

3* 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


874 


Nr.  n. 


sillen,  als  der  Mesenterialdrüsen,  handelt;  zum  mindesten  muss  die 
Erkrankung  der  Tonsillen  als  solche  eine  primäre  sein,  selbst  wenn 
die  Mesenterialdrüsen  zeitlich  früher  ergriffen  waren. 

Leider  ist  dieses  der  einzige  Fall,  der  ein  derartig  eindeutiges 
Ergebnis  liefert.  Die  übrigen  161  Fälle,  bei  denen  die  Tuberkulose 
die  Todesursache  war,  bieten  indessen  gleichfalls  manches  Inter¬ 
essante.  Inwieweit  die  Tonsillen  in  diesen  Fällen  als  Eintrittspforte 
in  Frage  kommen,  lässt  sich  jedoch  nicht  entscheiden,  weil  es  sich 
zum  grossen  Teil  um  ulzerierende  Lungenprozesse  handelt,  bei 
denen  Kehlkopf  und  Tonsillen  auch  sekundär  durch  das  Sputum  in¬ 
fiziert  sein  können. 

Ich  lasse  eine  kurze  Zusammenstellung  der  161  Fälle  folgen.  Es 
handelt  sich  dabei  um  4  frische  und  157  chronische  Fälle. 

Im  ganzen  fanden  sich  die  Tonsillen  in  66,6  Proz.  der  Fälle  infiziert. 

Von  den  4  frischen  Fällen  war  einer  positiv  (Kavernenbildung  in  der 
Lunge),  3  Fälle  negativ. 

Das  ergibt  bei  den  157  chronischen  Fällen  einen  positiven  Befund  von 
67,5  Proz. 

Von  den  161  Fällen  waren  die  Lungen  in  158  Fällen  tuberkulös  erkrankt, 
die  Tonsillen  waren  in  diesen  158  Fällen  in  67,7  Proz.  der  Fälle  miterkrankt, 
ln  den  3  Fällen,  in  denen  die  Lungen  nicht  befallen  waren,  waren  auch  die 
Tonsillen  frei. 

ln  den  158  Fällen,  in  denen  die  Lungen  erkrankt  waren,  handelt  es  sich 
in  147  Fällen  um  ulzerierende  Prozesse,  unter  diesen  waren  die  Tonsillen  sogar 
in  73,2  Proz.  der  Fälle  mitbeteiligt  (wohl  infolge  der  Sputuminfektion). 

Von  den  11  Fällen,  wo  die  Lungen  nur  indurierende  Prozesse 
aufwiesen,  waren  nur  5  mal  die  Tonsillen  miterkrankt. 

Nach  dem  Lebensalter  geordnet,  ergibt  sich  folgendes: 

Von  161  an  Tuberkulose  Gestorbenen 


Im  Alter  bis  zu  1  Jahre: 

4  Fälle, 

davon 

1 

positiv, 

3  negativ, 

„  „  von  1 — 14 

Jahren:  9  „ 

9t 

5 

99 

4 

„  „  „  15—20 

99 

17  „ 

99 

11 

99 

6 

„  1,  „  21—30 

99 

38  „ 

99 

31 

99 

7 

„  *  „  31—40 

99 

28  „ 

99 

25 

99 

3 

,,  »,  41—60 

,, 

52  „ 

99 

29 

99 

23 

„  „  über  60  Jahre: 

13  „ 

99 

4 

99 

9 

Eine  Bevorzugung 

des 

männlichen 

oder 

weiblichen  Geschlechts 

liess  sich  nicht  nachweisen,  mit  Ausnahme  der  alten  Leute  über 
60  Jahre.  Hier  handelt  es  sich  um  8  Männer  und  5  Frauen;  von  den 
8  Männern  waren  5  positiv,  von  den  5  Frauen  keine.  Indessen  er¬ 
scheint  mir  die  Zahl  von  13  zu  gering,  um  irgendwelche  Rückschlüsse 
zu  gestatten. 

Auffallend  ist  dagegen  die  Mitbeteiligung  der  Tonsillen  im  Alter 
von  21—30  und  31—40  Jahren.  Es  scheint  mir  hier  der  Schluss 
berechtigt,  dass  es  sich  in  diesen  Fällen  doch  meist  um  eine  sekundäre 
Infektion  der  Tonsillen  handelt,  da  sich  in  diesem  Lebensalter  die 
schwersten  ulzerierenden  Lungenprozesse  mit  sekundärer  Kehlkopf- 
und  Darmtuberkulose  fanden,  während  besonders  im  späteren  Alter 
die  indurierenden  Lungenprozesse  überwiegen. 

Zusammenfassend  lässt  sich  sagen:  Nur  in  einem  Fall 
gelang  uns  mit  Wahrscheinlichkeit  der  Beweis,  dass  eine  primäre 
Infektion  der  Tonsillen  durch  Tuberkulose  erfolgt  ist.  Trotzdem 
scheint  uns  auch  dies  schon  von  Wichtigkeit  für  die  Möglichkeit  der 
Infektion  durch  Tuberkulose  zu  sein. 

Bei  ausgedehnten  Lungentuberkulosen  ist  die  Mitbeteiligung  der 
Tonsillen  eine  sehr  grosse,  bei  ulzerierenden  Lungenprozessen  bis  zu 
73,2  Proz.;  hier  handelt  es  sich  indessen  wohl  meist  um  eine  sekun¬ 
däre  Infektion  durch  das  Sputum. 

Immerhin  ist  es  auffallend,  dass  auch  bei  Fällen,  die  keine  ulze¬ 
rierenden  Lungenprozesse  haben,  eine  Tuberkulose  der  Tonsillen  vor¬ 
handen  sein  kann  und  dass  diese  infektiös  sowohl  für  andere,  als  für 
den  eigenen  Körper  sein  kann,  während  doch  allgemein  der  Stand¬ 
punkt  vertreten  wird,  dass  nur  die  offene  Lungentuberkulose  als  än- 
steckend  zu  betrachten  ist. 

Literatur-. 

Bandelier:  Tonsillen  als  Eingangspforte  der  Tuberkelbazillen. 
Brauers  Beitr.  z.  Klin.  d.  Tbk.  1906,  6,  H.  1.  —  Nellie  Wall:  The  bacteria  of 
the  tonsils  and  adenoids.  Brit.  med.  Journ.  1922  Nr.  3230  S.  1625. 


Der  Junge  gab  nun  an,  seit  der  Geburt  das  Leiden  gehabt  zu  haben,  des 
weiteren,  dass  diese  Abnormität  in  seiner  Familie  erblich  auftrete,  ln  der 
mir  zugänglichen  Literatur  habe  ich  über  angeborene  Ankylosen  und  Erblich¬ 
keit  derselben  nichts  finden  können.  Ich  untersuchte  daher  seine  Geschwister: 


Aus  der  Behörde  für  öffentliche  Jugendfürsorge. 
(Oberarzt;  Dr.  Man c hot.) 

Ueber  angeborene  Ankylosen  der  Fingergelenke. 

Von  Dr.  Brügger,  Assistenzarzt. 

In  diesem  Sommer  kam  ein  Zögling  von  uns,  Georg  B.,  geb.  11.  IV.  1907. 
aus  der  Böttcherlehre  zurück,  weil  er  die  Böttcherarbeiten  nicht  habe  verrichten 
können.  Es  ergab  sich  bei  der  Untersuchung,  dass  die  Mittelgelenke  des 
Mittel-,  Ring-  und  kleinen  Fingers  links  und  des  Ring-  und  kleinen  Fingers 
rechts  völlig  versteift  waren.  Die  Grundgelenke  waren  frei  beweglich.  Statt 
des  Mittelgelenks  fühlte  man  einen  Wulst.  Die  Hautfalten  über  dem  Gelenk 
fehlten  vollkommen.  Die  Mittelphalangen  waren  verkleinert,  die  Endgelenke 
wieder  frei  beweglich.  Die  Weichteile  der  fünf  befallenen  Finger  waren 
hypotrophisch,  besonders  an  den  Mittelphalangen.  Die  kleinen  Finger  waren 
im  ganzen  kurz,  ragten  nur  bis  zur  Mitte  der  Mittelphalangen  der  Ringfinger. 
Auch  die  Daumen  waren  abnorm  kurz,  ragten  bis  zum  Grundgelenk  der  Zeige¬ 
finger.  Der  weitere  Untersuchungsbefund  zeigte  keine  Besonderheiten.  Eine 
Röntgenplatte,  die  in  Eppendorf  angefertigt  wurde,  ergab  folgendes  (siehe 
Röntgenbild) : 

Knöcherne  Ankylose  der  prominenten  Epyphysenkerne  der  linken  3.,  4. 
und  5.  Mittelphalangen  und  der  rechten  4.  und  5.  Grundphalangen. 


Paula  B.,  geb.  6.  XII.  1900.  Die  Mittelgelenke  beider  kleinen  Finger 
waren  vollkommen  versteift,  die  Grundphalangen  erschienen  abnorm  lang,  die 
Mittelphalangen  waren  klein.  An  Stelle  des  Gelenks  fühlte  man  auch  dort 
einen  Wulst;  die  Hautfalten  über  dem  Gelenk  fehlten.  Die  kleinen  Finger 
waren  im  ganzen  abnorm  klein,  reichten  nur  bis  zur  Mitte  der  Mittelphalangen 
der  Ringfinger.  Ebensolche  Ankylose  bestand  in  den  Mittelgelenken  des 
rechten  Ringfingers  und  des  rechten  Mittelfingers.  Der  linke  Mittelfinger 
konnte  in  seinem  Grundgelenk  nur  in  geringem  Maasse  bewegt  werden,  ebenso 
der  linke  Zeigefinger.  Die  Weichteile  sämtlicher  Mittelphalangen  waren  hypo¬ 
trophisch,  ein  Faustschluss  war  ebenso  wie  bei  ihrem  Bruder  nicht  möglich. 
An  der  rechten  Hand  erreichte  nur  der  Zeigefinger  den  Handteller,  an  der 
linken  nur  der  Ringfinger.  Die  übrigen  Finger  standen  frei  dem  Daumen¬ 
ballen  gegenüber.  Handarbeiten  konnten  nicht  gemacht  werden,  nur  gröbere 
Hausarbeiten.  P.  ist  Bettnässer. 

Else  B.  Die  Mittelgelenke  der  kleinen  Finger  sind  ankylotisch,  die 
kleinen  Finger  sind  abnorm  klein,  die  Mittelphalangen  besonders  kurz.  Die 
Weichteile  der  kleinen  Finger  sind  hypotrophisch. 

Deren  Kirjd  hat  gesunde  Finger. 

Adele  B.  Die  Mittelgelenke  beider  Mittel-,  Ring-  und  kleinen  Finger  sind 
ankylotisch. 

Ein  Bruder  ist  an  Lungentuberkulose  gestorben,  hatte  normale  Finger, 
ebenso  haben  zwei  lebende  Schwestern  normale  Finger  (s.  anliegende  Zeich¬ 
nung). 

¥a 


Die  Kinder  gaben  an,  auch  ihre  1908  in  Eppendorf  an  Tuberkulose  ver¬ 
storbene  Mutter  habe  „steife  Finger“  gehabt.  Im  Eppendorfer  Krankenhause 
sei  diese  Eigentümlichkeit  aufgefallen  und  es  sei  eine  Röntgenaufnahme  an¬ 
gefertigt  worden.  Es  gelang  nun  dank  der  Liebenswürdigkeit  von  Herrn 
Dr.  L  o  r  e  y,  diese  Platte  noch  aufzutreiben.  Es  zeigte  sich  nun,  dass  auch 
bei  der  Mutter  sämtliche  Mittelgelenke  der  Finger  ankylotisch  waren,  be¬ 
sonders  am  4.  und  5.  Finger,  während  am  3.  und  2.  die  Ankylose  nur 
angedeutet  war.  Die  Mittelphalangen  waren  bei  allen  Fingern  sehr  klein,  die 
Daumen  ragten  nur  etwas  über  die  Grundgelenke  der  Zeigefinger  hinaus  (siehe 
Diapositiv  der  Röntgenplatte). 

Der  Vater  der  Kinder  endete  durch  Suizid. 

Die  Mutter  hatte  9  Geschwister,  die  ich,  soweit  sie  lebten,  aufgesucht 
habe.  Von  den  9  Geschwistern  (s.  anl.  Zeichnung)  starb  ein  Zwillingspaar 
an  Lebensschwäche:  gesunde  Finger.  Ein  Bruder  starb  mit  \'A  Jahren  an 
Krämpfen:  normale  Finger.  Eine  Schwester  starb  mit  19  Jahren  an  Tuberku¬ 
lose:  normale  Finger.  3  Schwestern  sind  verheiratet:  normale  Finger,  jede 
von  ihnen  hat  2  Kinder.  Von  diesen  6  Kindern,  Knaben  wie  Mädchen,  hat  nie¬ 
mand  diese  Abnormität. 

Ein  Bruder  hat  Ankylosen  der  Mittelgelenke  sämtlicher  Finger,  nur  die 
Zeigefinger  sind  im  Mittelgelenk  etwas  beweglich.  Die  kleinen  Finger  sind 
abnorm  kurz.  Er  hat  5  Kinder,  2  Mädchen  haben  normale  Finger,  1  Mädchen 
und  2  Knaben  haben  Ankylosen  der  Mittelgelenke  sämtlicher  Finger.  Auch 
bei  den  Kindern  sind  die  kleinen  Finger  abnorm  kurz. 


6.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


875 


Ein  Bruder  hat  Ankylosen  der  Mittelgelenkc  der  kleinen  Finger;  dessen 
drei  Kinder  sind  gesund. 

Die  Geschwister  der  verstorbenen  Mutter  erzählten  nun  einzeln  über¬ 
einstimmend,  auch  ihre  Mutter,  die  an  Asthma  gestorben  sei,  habe  Ankylosen 
der  Mittelgelenke  der  Ring-  und  kleinen  Finger  gehabt;  ihr  Vater  sei  in 
Langenhorn  an  Paralyse  gestorben. 

Per  einzige  Bruder  ihrer  Mutter  (sie  habe  auch  keine  Schwester  gehabt), 
habe  Versteifung  der  Mittelgclenke  sämtlicher  Finger  gehabt,  lieber  diese 
Familie  liess  sich  nichts  Näheres  ermitteln,  da  sie  schon  lange  von  Harburg 
zum  Rheinland  übergesicdelt  ist. 

Weiter  berichteten  die  Geschwister  von  ihrer  Grossmutter,  dass  sie 
normale  Finger  gehabt  habe,  Geschwister  habe  sie  nicht  gehabt.  Ueber- 
einstimmend  erzählten  sie  von  der  Urgrossmutter,  der  Ururgrossmutter  der 
vorhin  erwähnten  Zöglinge,  dass  Ring-  und  kleine  Finger  beider  Hände  in  den 
Mittelgclenkcn  steif  gewesen  seien,  und  zwar  auch  schon  von  Geburt  an. 

Da  diese  Abnormität  in  der  ganzen  Familie  wohlbekannt  ist  und 
sofort  bei  der  Geburt  auf  diese  Eigentümlichkeit  geachtet  wird,  dürfte 
man  den  Angaben  der  Geschwister  der  Mutter  über  ihre  Vorfahren 
doch  einigermassen  Glauben  schenken.  Aber  selbst  wenn  man  diese 
Angaben  bezweifelt,  so  steht  doch  die  Erblichkeit  der  Ankylosen  in 
der  Familie  fest,  da  von  den  7  Kindern  4  dasselbe  Leiden  wie  die 
Mutter  haben,  und  von  den  9  Geschwistern  der  Mutter  2  Brüder, 
von  denen  der  eine  es  auf  3- von  5  Kindern  vererbt  hat.  Irgendeine 
Regelmässigkeit  in  der  Vererbung  lässt  sich  nicht  nachweisen. 

Herrn  Oberarzt  Dr.  M  a  n  c  h  o  t  war  nun  ein  ähnlicher  Fall  in  Er¬ 
innerung,  der  früher  als  Zögling  im  Waisenhause  gewesen  war.  Es 
gelang,  den  jetzigen  Wohnort  zu  ermitteln.  Bei  diesem  Mädchen 
waren  die  Daumenendgelenke  versteift,  die  Falten  über  den  Gelenken 
fehlten  ebenfalls.  Die  Weichteile  der  Daumen  waren  hypotrophisch. 
Auch  hier  hatte  .die  Abnormität  seit  der  Geburt  bestanden.  Die  Rönt¬ 
genaufnahme.  die  auch  in  Eppendorf  gemacht  wurde,  zeigte  nichts  Be¬ 
sonderes.  Es  lag  hier  keine  knöcherne  Ankylose  vor,  sondern  wohl 
eine  bindegewebige.  Sämtliche  Angehörige  hatten  normale  Finger. 

Die  Ankylose  in  diesem  letzten  Falle  könnte  man  vielleicht  so  er¬ 
klären.  dass  bei  der  Bildung  der  Gelenke  eine  Hemmung  eingetreten 
ist.  Nach  Hertwig:  „Elemente  der  Entwicklungslehre“  werden  d>e 
einzelnen  Knorpelstücke  in  dem  Mesenchym  des  Körpers,  die  sich 
durch  Metamorphose  anleven,  durch  Reste  des  Muttergewebes  ver¬ 
bunden.  Dieses  wird  derbfaserig  und  gestaltet  sich  zu  einem  be¬ 
sonderen  Bande.  Hier  hat  die  Gelenkentwicklung  bei  obigen  Ge¬ 
lenken  anscheinend  haltgemacht.  Eine  derartige  Vereinigung  ist  bei 
niedrigen  Wirbeltieren,  wie  bei  den  Haien,  die  vorherrschende.  Bei 
höheren  Wirbeltieren  und  bei  Menschen  erhält  sie  sich  nur  an  man¬ 
chen  Orten,  wie  an  der  Wirbelsäule,  in  welcher  die  einzelnen  Wirbel¬ 
körner  durch  bindegewebige  Zwischenscheiben  Zusammenhängen.  An 
solchen  Stellen,  an  welchen  die  aufeinanderstossenden  Skeletteile 
einen  höheren  Grad  von  Wichtigkeit  zueinander  gewinnen,  tritt  an 
Stelle  der  einfacheren  bindegewebigen  Vereinigung  die  komplizier¬ 
tere  Gelenkverbindung. 

Bei  den  Ankylosen  der  Familie  B.  könnte  man  an  einen  ähnlichen 
Vorgang  denken.  Wie  aber  aus  der  bindegewebigen  eine  knöcherne 
Ankylose  wird,  bleibe  dahingestellt. 

So  glaube  ich  nachgewiesen  zu  haben,  dass  es  angeborene  Anky¬ 
losen  gibt,  die  im  ersten  Fall  sogar  erblich  auftraten  durch  mehrere 
Generationen,  im  letzten  Falle  nur  bei  einer  Person. 


Aus  meiner  Gerichtsmappe.  VII. 

Anklage  des  Dr.  G.  wegen  fahrlässiger  Tötung. 

Von  A.  D  ö  d  e  r  1  e  i  n. 

Am  19.  Juli  1911  starb  dahier  die  27  Jahre  alte,  ledige  Kassierin  D„  zu¬ 
letzt  als  Kellnerin  tätig. 

Die  näheren  Umstände  der  Erkrankung  und  des  Todes  der  D.  führten  zur 
Einleitung  einer  Voruntersuchung  gegen  den  die  Kranke  zuletzt  behandelnden 
praktischen  Arzt  Dr.  G„  der  nun  unter  Anklage  der  fahrlässigen  Tötung  steht. 

Dr.  G.  macht  über  seine  Behandlung  selbst  folgende  Mitteilung:  D.  kam 
erstmals  am  13.  VII.  1911  zu  Dr.  G.  in  die  Sprechstunde  mit  der  Angabe,  seit 
längerer  Zeit  an  Blutungen  aus  den  Genitalien,  kolikartigen  Leibschmerzen 
und  hartnäckiger  Obstipation,  verbunden  mit  Uebelkeit  und  Brechreiz,  zu 
leiden.  Die  Blutungen  bestünden  bereits  seit  7  Wochen  in  wechselnder  Stärke. 
Ob  sie  vorher  oder  während  dieser  Zeit  länger  ausgeblieben  waren,  ist  nicht 
bemerkt.  Als  Ursache  der  Blutungen  gab  sie  eine  Erkältung  in  einem  Eis¬ 
keller  an.  Die  Untersuchung  des  Genitalapparates  war  wegen  fettreicher 
Bauchdecken  und  starker  Spannung  der  Muskulatur  undurchführbar.  Aeussere 
Merkmale  einer  Schwangerschaft  konnten  nicht  nachgewiesen  werden.  Die 
untere  Bauchgegend  war  sehr  druckempfindlich.  Die  Beschaffenheit  des  Her¬ 
zens  war  eine  schlechte,  was  Dr.  G.  auf  starkes  Zigarettenrauchen  und  Trin¬ 
ken  bezog.  Es  wurde  in  die  Scheide  ein  kleiner  Tampon  eingeführt,  da  die 
Kranke  aus  den  Genitalien  blutete,  ausserdem  ein  Klysma  verordnet  und  bei 
Fortsetzung  der  Blutungen  ein  operativer  Eingriff  in  Aussicht  gestellt. 

Am  folgenden  Tage  kam  die  D.  wieder  zu  Dr.  G.  in  die  Sprechstunde. 
Wegen  weiterer  Blutungen  wurde  abermals  ein  Tampon  eingelegt.  Bauch¬ 
schmerzen  und  Uebelkeit  bestanden  weiter. 

Am  15.  Juli  fand  abermals  eine  Untersuchung  statt.  Nach  Einführung  des 
Mutterspiegels  zur  Feststellung  des  Sitzes  der  Blutungen  fand  Dr.  G.  den 
äusseren  Muttermund  für  ca.  1  Finger  durchgängig.  Wegen  starker  Schmerz¬ 
haftigkeit  war  eine  weitere  Untersuchung  unmöglich.  Es  wurde  ein  Jodoform¬ 
gazetampon  in  die  Scheide  eingelegt  und  Bettruhe  verordnet.  Bei  Fortbestand 
der  Blutungen  wurde  für  den  übernächsten  Tag  eine  Narkose  zu  genauer  Unter¬ 
suchung  und  ev.  Operation  (Kürettage)  in  Aussicht  gestellt.  Die  Blutungen 
verstärkten  sich  am  folgenden  Tage. 

Am  18.  Juli  kam  sie  nachmittags,  nachdem  sie  vorher  grüne  Kochäpfel 
gegessen  und  Bier  getrunken  hatte,  wieder  in  die  Sprechstunde.  Dort  bekam 


sie  einen  leichten  Ohnmachtsanfall  und  klagte  über  heftige  Schmerzen  im  Leib. 
Nachdem  sie  sich  etwas  erholt  hatte,  wurde  sie  nun  in  dem  Sprechzimmer  des 
Dr.  G.  auf  den  Operationstisch  gelegt  und  mit  Chloroform  narkotisiert,  wo¬ 
bei  die  Schwester  des  Dr.  G.  assistierte.  Die  Atmung  sei  schlecht  gewesen, 
was  Dr.  G.  auf  den  chronischen  Alkoholismus  bezog.  Beim  Tuschieren  spannte 
die  Kranke  so  stark,  dass  die  manuelle  Untersuchung  nicht  durchgeführt  wer¬ 
den  konnte.  Dr.  G.  sondierte  nun  den  Uterus,  „gelangte  jedoch  statt  in  die 
Uterushöhle  sehr  bald  in  unergründliche  Tiefen“.  Er  ging  nun,  „um  sich 
von  dem  Charakter  der  Schleimhaut  zu  überzeugen“,  mehrmals  mit  der 
Kürette  ein,  „brachte  aber  nur  uncharakteristische  Gewebsfetzen  zutage“. 
Plötzlich  wurde  ein  bläulicher  Streifen  im  inneren  Muttermund  sichtbar,  wor¬ 
auf  die  Narkose  abgebrochen  wurde,  da  Dr.  G.  den  Darm  vor  sich  zu  haben 
vermutete.  „Ein  fötider  oder  charakteristischer  Darmgeruch,  wie  er  sich 
sonst  bei  Eröffnung  der  Bauchhöhle  bemerkbar  macht  (?),  war  nicht  zu  be¬ 
obachten.“  Nach  kurzer  Spülung  wurde  ein  Tampon  eingeschoben  und  wegen 
bedrohlicher  Schocksymptome  wurden  Kamnferinjektionen  gemacht.  Als  bald 
darauf  stärkerer  Verfall  eintrat,  liess  Dr.  G.  die  Kranke  durch  die  Sanitäts- 
gescllschaft  nach  ihrer  Wohnung  überführen.  Im  Laufe  des  Abends  entwickel¬ 
ten  sich  rasch  die  Erscheinungen  einer  Bauchfellentzündung  mit  bedrohlichen 
Symptomen  von  Nachlassen  der  Herztätigkeit  und  am  folgenden  Tage  mittags 
12  Uhr  starb  die  Kranke.  Ob  die  D.  schwanger  war  oder  nicht,  vermochte 
Dr.  G.  nicht  aufzuklären. 

Am  21.  Juli  wurde  von  Landgerichtsarzt  Dr.  H.  und  Bezirksarzt  Dr.  B. 
die  gerichtliche  Sektion  ausgeführt. 

Aus  der  Bauchhöhle  entleerten  sich  nach  ihrer  Eröffnung  ziemlich  viel 
Gase,  die  anfänglich  einen  charakteristischen  Jodoformgeruch  an  sich  trugen. 
Die  Darmschlingen  waren  aufgetrieben,  mit  schmierigen,  rötlich  verfärbten, 
filzigen  Auflagerungen  und  im  oberen  Dritteile  mit  einem  stellenweise  mit 
Blutgerinnseln  versehenen  Netz  überdeckt.  Hinter  dem  Uterus  fand  sich  klum¬ 
pig  geronnenes,  übelriechendes  But  in  der  Grösse  einer  Welschnuss.  Im  vor¬ 
deren  Scheidengewölbe,  unmittelbar  an  der  Gebärmutterwand,  war  ein  mehr 
nach  links  verlaufender,  scharfrandiger,  3  cm  langer  Schlitz,  welcher  sich 
unter  dem  Bauchfellüberzug  etwas  in  die  Gebärmuttersubstanz  hinein  er¬ 
streikte.  Durch  dieses  Loch  waren  zwei  zusammengedrehte,  dunkelbräunlich 
verfärbte  Dünndarmschlingen  voreefallen,  so  dass  sie  aus  dem  Scheiden¬ 
eingang  herausragten.  3  cm  oberhalb  des  Muttermundes  befand  sich  in  der 
vorderen  Wand  des  Gebärmutterhalses,  schräg  nach  aussen  und  oben  ver¬ 
laufend.  eine  4  cm  breite,  scharfrandige  Oeffnung,  die  den  Oebärmutterkanal 
mit  der  vorderen  Bauchhöhle  verbunden  hatte.  In  diesem  Wundkanal  lagen 
teilweise  eingeklemmt  und  bis  in  die  Scheide  vorfallend  zwei  Dünndarm¬ 
schlingen,  welche  dem  untersten  Teil  des  Dünndarms  angehörten  und  zu¬ 
sammen  eine  Länge  von  76  cm  hatten.  In  der  Scheide  lag  ein  teilweise 
durch  die  vorgefallenen  Dünndarmschlingen  durchgesteckter.  2 54  m  langer,  mit 
übelriechender  Füssio'keit  getränkter  Gazestreifen.  In  der  Gebärmutterhöhle, 
namentlich  an  der  Rückwand  und  am  Gebärmuttergrunde,  hafteten  teilweise 
schwer  ablösbare,  schmierige  Gewebsfetzen  und  hantige  Reste,  welche  mit 
klumpig  geronnenem  Blut  durchsetzt  waren  und  die  Beschaffenheit  von  Nach¬ 
geburtsresten  zeigten.  Die  Oebärmutterhnhle  war  mit  stellenweise  zottig  ver¬ 
änderter,  glatter,  stark  geröteter  Schleimhaut  bedeckt.  Der  BaurhielHiberzug 
der  Gebärmutter  war  schmierig,  von  rotgelblicher  Färbung.  Das  Bauchfell 
war  überall  mit  jauchig-schmierigem  Sekrete,  teilweise  mit  flockig-gelblichen 
und  rötlichen  Gerinnseln  bedeckt,  von  rötlich-grauer  Färbung  und  sehr 
mattem  Glanze. 

Das  vorläufige  Gutachten  der  Gerichtsärzte  geht  dahin,  dass  der  Tod  in¬ 
folge  von  Bauchfellentzündung  und  daran  sich  anschliessender  allgemeiner 
Sepsis  eingetreten  ist.  „Diese  Bauchfellentzündung  ist  zurückzuführen  auf  eine 
instrumentebe  Verletzung  der  Gebärmutter  der  Verstorbenen,  die  sich  dem 
erhobenen  Befunde  nach  in  schwangerem  Zustande  befand.“ 

Die  gerichtliche  Untersuchung  erstreckte  sich  nun  auf  das  Vorleben  der 
Verstorbenen,  wobei  sich  ergab,  dass  sie  im  allgemeinen  einen  einwandfreien 
Lebenswandel  führte  und  zuletzt  ein  Verhältnis  hatte  mit  einem  gewissen 
K.  Dieser  gibt  zu,  14  Tage  vor  dem  Ableben  der  D.  mit  ihr  geschlechtlichen 
Verkehr  gepflogen  zu  haben.  Er  erklärte  es  für  ausgeschlossen,  dass  dabei 
eine  Verletzung  vorgekommen  sei.  Vorher  habe  die  D.  mehrfach  mit  anderen 
Männern  verkehrt.  Die  Recherchen,  ob  irgendwelche  Abtreibungsmanipu¬ 
lationen,  etwa  von  Kurpfuschern,  an  der  Verstorbenen  vorgenommen  worden 
waren,  haben  keine  positiven  Anhaltspunkte  dafür  ergeben. 

Aus  der  Krankengeschichte  und  dem  Leichenbefunde  geht  wohl 
mit  Sicherheit  hervor,  dass  bei  der  D.  eine  beginnende,  etwa  einige 
Wochen  alte  Schwangerschaft  bestanden  hatte  und  eine  unvollständige 
Fehlgeburt  erfolgt  war,  als  deren  Folge  die  heftigen  Blutungen  auf¬ 
traten,  weshalb  sie  Dr.  Q.  aufsuchte.  Die  Todesursache  ist  Bauchfell¬ 
entzündung  und  davon  ausgehend  allgemeine  Sepsis.  Die  Veranlassung 
zu  dieser  Bauchfellentzündung  gaben  die  Verletzungen  der  Scheide 
und  der  Gebärmutter,  die  zu  einer  Eröffnung  der  Bauchhöhle  geführt 
hatten  und  durch  die  hindurch  Darmschlingen  vorgefallen  waren. 
Diese  Verletzungen  sind  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  bei  dem  am 
18.  Juli  in  dem  Sprechzimmer  des  Dr.  G.  von  ihm  vorgenommenen 
operativen  Eingriffe  erfolgt.  Dr.  G.  gibt  zwar  selbst  an,  dass  der 
Wundkanal  mit  Eröffnung  der  Bauchhöhle  sicher  schon  vorher  be¬ 
standen  hatte.  Es  ist  jedoch  nicht  aus  den  Akten  ersichtlich,  worauf 
er  diese  Behauptung  stützt,  da  in  seinen  Untersuchungsbefunden  davon 
niemals  die  Rede  ist.  Sowohl  bei  der  Untersuchung  mit  dem  Finger 
als  auch  bei  der  Besichtigung  der  Scheide  durch  einen  eingeführten 
Spiegel  hätte  eine  derartige  Verletzung  im  vorderen  Scheidengewölbe, 
unterhalb  des  Muttermundes  dem  Untersucher  wohl  kaum  entgehen 
können.  Sicherlich  ist  erst  bei  der  Operation  der  Darmvorfall  ein¬ 
getreten.  welches  Ereignis  Dr.  G.  darauf  zurückführt,  dass  er  die  schon 
vorhandene  Oeffnung  bei  der  Einführung  der  Kürette  so  erweitert 
habe,  dass  der  Darmvorfall  erst  ermöglicht  wurde. 

Selbst  wenn  aber  auch  schon  in  der  Scheide  eine  derartige  Ver¬ 
letzung  vorhanden  gewesen  wäre,  so  könnte  sie  für  den  üblen  Aus¬ 
gang  deshalb  nicht  verantwortlich  gemacht  werden,  weil  die  D.  ja 
bis  zum  Augenblick  der  Operation  nicht  nur  ausser  Bett  war,  sondern 
auch  herumgehen  konnte,  was  eine  schwerere  Erkrankung  vollkom¬ 
men  ausschliesst.  Wenn  diese  Verletzung  etwa  durch  eine  von  unbe¬ 
fugter  Seite  ausgeführte  Abtreibung  veranlasst  worden  wäre,  wofür 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  27. 


876 

übrigens  kein  Anhaltspunkt  in  den  Akten  gegeben  ist,  so  war  sie  jeden¬ 
falls  relativ  ungefährlich.  Ausserdem  kommt  aber  in  Betracht,  dass 
der  Sektionsbefund  eine  zweite  in  der  Gebärmutter  selbst  vorhandene 
Oeffnung  aufwies,  durch  die  ebenfalls  Darmschlingen  vorgezogen 
waren,  ein  Befund,  der  unmöglich  vor  der  Operation  schon  bestanden 
haben  kann,  da  auch  diese  so  schwere  Erkrankungen  der  1).  nach 
sich  gezogen  hätte,  dass  sie  nicht  imstande  gewesen  wäre,  über  die 
Strasse  zu  gehen.  Es  darf  also  wohl  als  feststehend  betrachtet 
werden,  dass  diejenigen  Verletzungen,  die  die  schweren  Folgen  und 
den  Tod  der  D.  nach  sich  gezogen  haben,  erst  bei  der  Operation  vor¬ 
gekommen  sind.  Jedenfalls  könnte  nicht  gerechtfertigt  werden,  dass 
Dr.  G.  unter  den  ungünstigen  Verhältnissen  des  Privathauses  in  seiner 
Sprechstunde  ohne  geeignete  Assistenz  einen  derartigen  Eingriff  unter¬ 
nimmt,  der  um  so  mehr  hätte  unterbleiben  müssen,  wenn  schon  vorher 
vorhandene  Verletzungen  in  der  Scheide  die  Gefahr  des  Eingriffes 
dazu  noch  so  wesentlich  erhöhten. 

Eine  weitere  Frage  ist,  ob  dem  Dr.  G.  aus  der  Unterlassung 
weiterer  operativer  Eingriffe  nach  geschehener  Verletzung  der  Bauch¬ 
höhle  ein  Vorwurf  gemacht  werden  kann.  Wenn  nach  derartigen 
Vorkommnissen,  wie  Eröffnung  der  Bauchhöhle  mit  Vorfall  von  Darm¬ 
schlingen,  sofort  ein  grosser  chirurgischer  Eingriff  gemacht  wird, 
der  in  Leibschnitt  besteht,  in  Reinigung  der  Bauchhöhle,  Vernähen 
des  Loches,  vielleicht  auch  gleichzeitiger  Wegnahme  der  verletzten 
Organe,  so  kann  noch  eine  Heilung  der  Kranken  erfolgen,  sofern  eben 
nicht  schon  zwischen  der  Verletzung  und  dem  operativen  Eingriffe 
sowiel  Zeit  verstrichen  ist,  dass  inzwischen  eine  Entzündung  des 
soviel  Zeit  verstrichen  ist.  Dazu  ist  aber  nötig,  dass  dieser  opera¬ 
tive  Eingriff  möglichst  sofort,  jedenfalls  aber  in  den  nächsten  Stunden 
unternommen  wird.  Statt  nach  Hause  hätte  dann  die  Kranke  sofort  in 
eine  Klinik  transportiert  werden  müssen,  wo  allein  derartige  Opera¬ 
tionen  möglich  sind. 

Unser  Gutachten  geht  somit  dahin: 

1.  Dass  die  D.  an  den  Folgen  des  von  Dr.  G.  in  seinem  Sprech¬ 
zimmer  vorgenommenen  Eingriffes  gestorben  ist. 

2.  Ob  die  in  der  Scheide  vorhandene  Verletzung  schon  vor  der 
Operation  bestanden  hat  oder  nicht,  muss  offengelassen  werden. 
Jedenfalls  aber  war  dies  eine  relativ  ungefährliche  Verletzung.  Die 
Komplikationen,  Eröffnung  der  Bauchhöhle  unter  Vorfall  des  Darmes, 
die  den  unglücklichen  Ausgang  veranlasst  haben,  sind  bei  der  Opera¬ 
tion  erfolgt. 

3.  Nach  Auftreten  dieses  unglücklichen  Ereignisses  hätte  die  D. 
sofort  in  eine  Klinik  transferiert  werden  müssen,  um  dort  den  Ver¬ 
such  zu  machen,  das  sonst  verlorene  Leben  zu  retten. 


Aus  der  Klinik  für  Psychiatrie  und  Nervenheilkunde  der  k. 
ung.  Qr.  Stefan  Tisza  Universität  in  Debreczin. 
(Vorstand:  o.  ö.  Prof.  Dr.  Ladislaus  Benedek  ) 

Ueber  Anwendung  einer  neuen  Methode  zwecks  Wirk¬ 
samergestaltung  der  Salvarsantherapie  nervenluetischer 

Erkrankungen. 

Von  Dr.  Eugen  v.  Thurzö,  Assistent. 

Einige  Autoren  empfahlen  zwecks  Wirksamergestaltung  der  Sal¬ 
varsantherapie  luetischer  Erkrankungen  des  Zentralnervensystems 
verschiedene  Verfahren.  Das  bezweckte  eigentlich  die  von  Wech¬ 
selmann  1913  eingeführte  Methode  endolumbaler  Salvarsanein- 
spritzungen.  Gennerich  wendet  jetzt  eine  neue  endolumbale 
Salvarsantherapie  an  (M.m.W.  1922,  Nr.  42).  Er  stellt  zwei  Lumbal¬ 
punktionen  an;  in  zwei  voneinander  möglichst  fernliegenden  Zwischen¬ 
wirbelspalten  und  mit  zwei  Büretten  arbeitend,  löst  er  das  Salvarsan 
in  grösseren  Mengen  Liquors.  Durch  Salvarsanisieren  grösserer  Li¬ 
quormengen,  zirka  30 — 70  ccm,  und  dessen  Resorption  trachtet  er  die 
Behandlung  wirksamer  zu  machen  und  gibt  über  günstige  therapeu¬ 
tische  Erfolge  Mitteilung. 

1921  empfahl  Hoefer  (Ber.  kl  in.  W.  Nr.  36)  gleichzeitig  oder 
kurz  nach  intravenöser  Salvarsaninjektion  eine  Lumbalpunktion.  An 
Stelle  des  abgenommenen  Liquors  bildet  der  Organismus  rasch 
frischen,  so  wäre  das  Salvarsanisieren  des  Liquors  besser  zu  er¬ 
reichen.  Auf  dem  Wege  ücs  salvarsanisierten  Liquors  sind  einerseits 
der  Nervensubstanz  leichter  spirillozide  Stoffe  beizubringen,  •ander¬ 
seits  sind  aber  meningeale  luetische  Affektionen  leichter  zu  beein¬ 
flussen. 

Gennerich  will  in  Verbindung  mit  dem  Hoefer  sehen  Ver¬ 
fahren  die  ausgiebigere  Liquorsezernierung  mit  intravenösen,  physio¬ 
logischen  Kochsalzinfusionen  oder  mit  einer  eventuellen  Pilokarpin¬ 
dosierung  unterstützen.  Stern  und  G  a  u  1 1  i  e  r  hatten  unlängst  auf 
Grund  ihrer  Versuche  die  Hypothese  aufgestellt,  dass  das  Parenchym 
des  Zentralnervensystems  gegen  ihm  durch  den  Blutstrom  zuge¬ 
brachte  Stoffe,  Noxen  sowohl  als  Arzneimittel,  mit  gewisser  relativer 
Schutzwirkung  ausgestattet  sei.  Das  benennen  sie  als  hämatoenze- 
phalische  Schranke  (Barriere  haematoencephalique).  Nach  ihren  und 
anderer  Autoren  Versuchen  scheint  diese  Theorie  genügend  begründet 
zu  sein. 

Von  diesen  ausgehend,  möchte  ich  in  der  Salvarsantherapie  lueti¬ 
scher  Erkrankungen  des  Zentralnervensystems,  besonders  metalueti¬ 
scher  Affektionen,  eine  neue  Methode  empfehlen,  die  wir  an  der  Klinik 
für  Psychiatrie  und  Nervenheilkunde  in  Debreczin  in  manchen  Fällen 


von  Dementia  paralytica  progressiva  und  Tabes  dorsalis  auch  ange¬ 
wendet  hatten. 

Wir  machten  bei  den  Kranken  die  Bin  ge  Ische  endolumbale 
Lufteinblasung,  und  gleichzeitig  oder  Tags  darauf  begannen  wir  die 
antiluetische  Kur  (Einspritzungen  von  Neosalvarsan  bzw.  Neosilber- 
salvarsan,  besonders  aber  die  L  i  n  s  e  r  sehe  Mischspritze:  Neosalvar¬ 
san  +  Novasurol  oder  Neosilbersalvarsan  +  Novasurol).  Die  In¬ 
jektionen  wurden  intravenös,  in  manchen  Fällen,  nach  Knauer- 
Endcrlen1),  intrakarotisch  gegeben.  In  diesem  einleitenden  Auf¬ 
sätze  will  ich  bloss  ganz  kurz  die  Prinzipien  dieses  neuen  Verfahrens 
besprechen.  Gegenwärtig  wenden  wir  diese  kombinierte  Behandlung 
an  unserer  Klinik  in  mehreren  Fällen  an. 

Die  endolumbale  Lufteinblasung  geschah  mit  dem  in  Nr.  1  der 
M.m.W.  1923  bekanntgemachten  Apparate.  Es  genügt  bei  diesem  Ver¬ 
fahren  das  fraktionierte  Ablassen  von  30 — 40  ccm  Liquors  und  Ein¬ 
blasen  von  solchen  Luftmengen,  dass  bei  der  Kontrolle  des  Liquor¬ 
drucks  grössere  Schwankungen  des  Liquorspiegcls  vermieden  werden. 

Die  an  unserer  Klinik  behandelten  Fälle  von  „künstlicher  Pneu- 
menzephalie“,  wenn  sie  mit  Anwendung  von  Neosalvarsan  oder  L  i  n- 
s  e  r  scher  Mischspritze  (Sa  +  Hg)  am  folgenden  läge  kombiniert 
waren,  zeigten  als  Reaktionswirkung  am  nachfolgenden  Tage  bloss 
Temperatursteigerungen  bis  37,3 — 37,8°C.  Diese  Steigerung  ist  binnen 
1 — 2  l  agen  ebenso  verklungen,  als  wenn  man  nur  endolumbale  Luft¬ 
einblasung  appliziert  hätte.  Die  antiluetische  Kur  wurde  bei  den 
Kranken  von  nun  an  auf  die  übliche  Weise  fortgesetzt  oder  am  läge 
vor  jeder  dritten  Injektion  eine  neuerliche  künstliche  Pneumcnze- 
phalie  angestellt. 

Das  eben  dargestellte  kombinierte  Behandlungsverfahren  möchte 
es  bezwecken,  dass  durch  die  auf  endolumbale  Lufteinblasung  erfol¬ 
gende  leichte  meningeale  Irritation  die  hämatoenzephalischc  Schranke 
eliminiert  werden  könne  und  so  die  Resorption  des  in  den  Blutstrom 
gelangenden.  Neosalvarsans  bzw.  bei  der  L  i  n  s  c  r  sehen  Mischspritze 
des  Salvarsans  und  Quecksilbers,  das  heisst  das  Salvarsanieren  des 
rasch  sezernierten  frischen  Liquors,  leichter  erfolge,  infolgedessen  die 
spirillozide  Wirkung  im  Zentralnervensystem  wirksamer  zur  Geltung 
komme. 

Es  ist  bekannt,  dass  bei  luetischer  Meningitis  die  negative  WaR. 
in  hohem  Grade  positiv  wird.  Die  Wassermannsubstanz  wird  von  der 
normalen  Pia  nicht  durchgelassen.  Bei  Meningitis  erleidet  die  Permea¬ 
bilität  der  Hirnhäute  eine  Aenderung,  und  der  Liquor  zeigt  das  Bild 
grösster  Läsion  (hochgradige  Pleolymphozytose,  gesteigerter  Globu¬ 
lin-  und  Albumingehalt). 

Infolge  der  endolumbalcn  Lufteinblasungen  werden  in  gewissem 
Grade  die  Meningen  für  hämatogene  Elemente  durchgängiger.  So 
konnte  Camus  bei  seinen  Versuchen  mit  Salvarsaninjektionen  unter 
vier  Hunden  bei  einem  Arsen  im  Liquor  nachweisen,  wenn  vorher 
Natr.  nucleinicum  oder  Wollfettsäure  cndolumbal  gespritzt  wurden 
(Comptes  rendus  soc.  biol.  1913). 

Ich  möchte  meine  Untersuchungen  betreffend  Wirkung  der  endo- 
lumbalen  Lufteinblasungen  auf  Liquor  und  Liquorläsion  kurz  er¬ 
wähnen.  In  zahlreichen  Fällen  (von  Tabes  dors.,  Dementia  paralytica 
progr.,  Taboparalyse*  Epilepsie)  habe  ich  die  Reaktionsänderungen 
des  Liquors  nach  pncumenzephalischen  Einblasungen  serienweise 
untersucht.  Ueber  die  Ergebnisse  mich  nur  ganz  kurz  fassend  s),will 
ich  hervorheben,  dass  ausser  den  von  Hermann  beobachteten  und 
beschriebenen  Aenderungen  des  Zellwertes  (nach  seinen  Angaben 
steigt  der  Zellwert  nach  Pneumenzephalie  bis  3 — 4000,  ja  11000 
dann  fällt  er  stufenweise,  um  in  14  Tagen  nach  der  Einblasung  den 
normalen  Wert  zu  erreichen)  die  nach  der  Einblasung  in  6  Stunden 
oder  1 — 2  Tagen  genommenen  Liquore,  auf  Goldsol  oder  Normal¬ 
mastix  untersucht,  serotypische  Kurven,  in  vielen  Fällen  mehr  oder 
weniger  ausgesprochene  meningitische  Kurven  gaben.  Der  Zellwert 
erreichte  in  unseren  Fällen  in  5—12  Tagen  die  Werte  vor  der  Ein¬ 
blasung  und  sank  in  den  meisten  Fällen  von  Paralyse,  Taboparalyse 
und  Tabes  auf  normale  Werte:  seit  Monaten  konnte  ich  den  Schwund 
der  Pleozytose  konstatieren.  Mit  Sinken  der  Pleozytose  zeigten  auch 
die  Globulinreaktionen  Besserung;  in  manchen  Fällen,  wo  die  Serum- 
WaR.  negativ  war,  der  Liquor  aber  von  dem  niedrigsten  Titer  an  posi¬ 
tive  Wa.  gab,  wurde  sie  in  10 — 12  Tagen  nach  der  Einblasung  auch  im 
Liquor  negativ.  Also  konnte  die  Liquorläsion  in  vielen  Fällen  durch 
endolumbale  Lufteinblasungen  günstig  beeinflusst  werden. 

Auch  Reiche3)  und  Herman  n  verweisen  darauf,  dass  bei 
Meningitis  tbc.  mit  intralumbaler  Luft-  oder  eventuell  Sauerstoffein¬ 
blasung  therapeutische  Erfolge  zu  erzielen  seien.  S  c  h  a  r  p ')  refe¬ 
riert  bei  so  behandelten  Meningitis-tbc.-Fällen  von  günstigen  Erfolgen. 
Herman  n  warf  die  Frage  auf,  ob  bei  Pp.  durch  künstliche  Pneuineu- 
zcphalie  nicht  auch  ein  therapeutischer  Erfolg  zu  erwarten  wäre. 

Bei  Paralysis  progressiva  sind  paraspezifische  Verfahren  im  all¬ 
gemeinen  sehr  verbreitet,  besonders  in  der  klinischen  Praxis.  Auch 
die  endolumbalen  Lufteinblasungen  könnte  man  als  paraspezifische, 
lokale  Reiztherapie  auffassen.  Ausserdem  scheint  es  zweckmässig  zu 


*)  Knauer  hat  1919  zuerst  in  Fällen  von  Paralysis  progressiva  und 
Lues  cerebri  die  intrakarotische  Einspritzung  von  Neosalvarsan  und  Silber- 
salvarsan  angewendet;  in  Liegestellung  bei  hängendem  Kopfe  spritzte  er 
direkt  in  die  unter  der  Haut  palpable  Karotis  ein.  Ueber  seine  therapeutischen 
Erfolge  äussert  er  sich  günstig. 

’)  Meine  Untersuchungen  sind  noch  nicht  abgeschlossen.  Detaillierte  Mit¬ 
teilungen  in  Verbindung  mit  Fällen  werden  veröffentlicht.  Referierte  über 
meine  Untersuchungen  kurz  in  der  Satzung  der  Debrecziner  Aerzteschaft  im 
November  1922.  3)  Klin.  Wschr.  1923.  Nr.  8,  S.  252. 

*)  Zbl.  f.  ges.  Neurol.  u.  Psych.  1922.  28.  H.  10.  S.  529. 


f».  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


877 


sein,  die  künstliche  Pneumenzephalie  auf  die  von  mir  empfohlene  Weise 
zu  kombinieren  mit  intravenösen  oder  intrakarotischen  Neosalvarsan- 
bzw.  Linser  sehen  Neosal.-  +  Hg-Spritzkuren.  Aus  unseren  wenigen 
Fällen,  wo  wir  bei  Pp.-  und  Tabop. -Kranken  ausser  Besserung  der 
Liquorläsion  grössere  bis  kleinere  Erholung  auch  in  körperlicher  und 
geistiger  Hinsicht  verzeichnen  können,  will  icli  keine  Folgerungen  ab- 
lciten.  In  der  Behandlung  der  Metalues,  wo  doch  so  viele  Verfahren 
geprüft  werden,  möchte  ich  auch  diese  Methode,  schon  wegen  ihrer 
Gefahrlosigkeit  in  der  klinischen  Praxis  des  Ausprobierens  an  einem 
grossen  Material,  für  wert  halten,  ob  dadurch  die  übliche  antiluetische 
Behandlung  (Salvarsan  und  Neosalvarsan  +  Hg)  nicht  doch  wirk¬ 
samer  gestaltet  werden  könnte. 


Ueber  die  Wirkung  des  Neu-Cesols  auf  die  Magensekretion. 

Von  Felix  Böen  heim. 

Die  Zahl  der  Mittel,  welche  eine  bestellende  Hypersekretion 
hemmen,  bzw.  zu  viel  sezernierte  Magensäure  im  Mageninnern  neu¬ 
tralisieren,  beträgt  Legion.  Im  Gegensatz  dazu  kennen  wir  nur 
wenige  Mittel,  die  noch  funktionsfähige,  aber  ungenügend  arbeitende 
Magendrüsen  zu  verstärkter  Sekretion  anregen.  Neben  den  reflek¬ 
torisch  wirkenden  Stoffen,  wie  Wein,  Tinctura  Gentiana  usw.,  neben 
den  in  wenigen  Fällen  wirksamen  Inkreten  (besonders  Thyreoidea) 
sind  wir  in  solchen  Fällen  in  der  Hauptsache  gezwungen,  grobe  Sub¬ 
stitutionstherapie  zu  treiben,  indem  wir  Salzsäure,  ev.  in  Verbindung 
mit  Pepsin,  dem  Magen  zuführen. 

Von  L  ö  w  y  und  Wolffenstein  wurde  vor  kurzem  ein  Prä¬ 
parat  angegeben,  das  dem  Arecolin  ähnliche  Wirkung  habe,  aber  seine 
unangenehmen  Nebenerscheinungen  vermissen  lasse.  Es  wirkt  auf 
den  Parasympathikus.  Chemisch  handelt  es  sich  um  Anlagerung 
von  N-Methylgruppen  an  den  Nikotinsäurerest.  Der  so  entstan¬ 
dene  Körper  erhielt  den  Namen  Cesol.  Durch  Hydrierung  hieraus 
entsteht  das  „Neu-Ceso  1“.  Das  Neu-Cesol  verursacht  starken  Spei¬ 
chelfluss  und  wurde  daher  von  Umber  zur  Bekämpfung  von  lästi¬ 
gem  Durstgefühl  in  die  Therapie  eingeführt,  besonders  nach  Blutungen 
aus  dem  Magen-Darmkanal  infolge  von  Ulzera  oder  Karzinomen. 
Gute  Erfolge  hierbei  sah  auch  Horwitz  an  der  B  i  e  r  sehen  Klinik. 

Kollert  und  Bauer  geben  als  einzige  an,  dass  nach  dem  Mit¬ 
tel  Nausea,  Erbrechen  und  Sodbrennen  aufträte.  Ihre  Untersuchungen 
über  die  Beeinflussung  der  Magensalzsäure  ergaben,  dass  nach  20  Mi¬ 
nuten  die  Säurewerte  herabgesetzt  waren.  H  a  r  a  m  a  k  i  fand  an 
Hunden  mit  P  a  w  1  o  w  schem  Magenblindsack,  dass  das  Neu-Cesol 
„eine  stark  safttreibende  Wirkung  auf  den  Magen  ausübt“. 

Diese  Angaben  schienen  es  zu  erlauben,  das  Mittel  bei  Magen¬ 
kranken  auszuprobieren.  Naturgemäss  konnte  von  einer  fest  um- 
rissenen  Indikation  zunächst  nicht  die  Rede  sein.  Ich  möchte  ein 
paar  Fälle  skizzieren  und  zeigen,  aus  welcher  Ueberlegung  heraus 
im  einzelnen  das  Mittel  gegeben  wurde  und  mit  welchem  Erfolg. 

Fall  1.  24jährige  Kranke.  Klagen:  Gefühl  der  Völle.  Obstipation. 
Zur  Zeit  der  Menses  Verschlimmerung  der  Beschwerden. 

Druck  in  der  Magengegend.  Am  21.  3.  PF.:  75  ccm  von  der  Aeid.  15  :  25. 
Wenig  Schleim. 

Diagnose:  Subazide  Gastritis. 

Kranke  bekam  3  mal  täglich  eine  kleine  Tablette  Neu-Cesol  (  -  0,025  g). 
Nach  14  Tagen  waren  die  Beschwerden  gebessert.  Nach  einem  PF.  wurden 
160  ccm  ausgehebert  mit  der  Azid.  9:  30.  Wieder  etwas  Schleim. 

Wir  sehen  also  in  einem  Falle  von  leichter  subazider  Gastritis  eine  Besse¬ 
rung  auftreten.  Da  die  Menge  bei  der  zweiten  Exprimierung  vergrössert  war, 
und  da  wir  wissen,  dass  das  Arecolin  (und  nach  vorliegenden  Untersuchungen 
auch  das  Cesol)  die  Magenmotilität  fördert,  so  müssen  wir  annehmen,  dass 
der  Magen  stärker  sezerniert  hatte  als  vorher,  wobei  dahingestellt  bleiben 
muss,  ob  nicht  auch  mehr  Oesophagussekrct  und  Mundspeichel  beigemengt 
war  als  vorher.  Dagegen  spräche  allerdings  die  leichte  Erhöhung  der  Säure¬ 
werte.  Da  die  subjektiven  Beschwerden  unter  Neu-Cesol  behoben  waren 
(eine  weitere  unterstützende  Behandlung  hatte  nicht  stattgefunden),  so  konn¬ 
ten  wir  in  diesem  Falle  mit  dem  Erfolg  zufrieden  sein. 

Ungünstiger  lagen  die  Verhältnisse  von  vornherein  in  einem  zweiten  Falle 
von  sekundärer  Achylia  gastrica.  Nach  PF.  wurden  bei  dem  33  jährigen 
Kranken  nur  wenige  Kubikzentimeter  ausgehebert,  die  eine  kaum  merkliche 
Reaktion  mit  Lackmuspapier  zeigten.  An  dem  objektiven  Magenbefund  änderte 
sich  durch  Neu-Cesol  nichts.  Interessant  war  nun,  dass  der  Kranke,  der  in 
seinem  Beruf  viel  sprechen  muss  (er  ist  Oberlehrer),  klagte,  dass  er  nach  den 
Tabletten  (3mal  täglich  2)  mehr  Durst  habe  und  dass  sein  Mund  schneller 
austrockne.  Diese  paroxysmale  Erscheinung  ist  übrigens  auch  von  Oster- 
I  a  n  d .  beobachtet  worden.  Er  fand  nämlich,  dass  nach  dem  Abklingen  der 
Wirkung  „das  Gefühl  der  Trockenheit  im  Munde  entstand“,  ebenso  wie  Durst. 

Neben  dieser  merkwürdigen  und  interessanten  Erscheinung,  dass  nach 
Mehrleistung  eine  reaktive,  über  die  Norm  hinausgehende  Ruhe  eintritt,  lehrt 
diese  Beobachtung,  dass  Drüsenzellen,  die  erloschen  sind,  durch  Neu-Cesol 
nicht  wieder  zur  Arbeit  angeregt  werden.  Ob  ein  anderes  Mittel  grösseren 
Erfolg  erzielt  hätte,  ist  mehr  als  fraglich.  Am  ehesten  wäre  noch  ein  Versuch 
mit  Inkreten  in  Frage  gekommen. 

Ferner  möchte  ich  einen  Fall  von  Vertigo  e  stomacho  laeso  anführen. 
Es  handelt  sich  um  einen  26  jährigen  Mechaniker  mit  asystematischem  Schwin¬ 
del,  Schw.arzwerden  vor  den  Augen,  Brechreiz,  Blähungen.  Nach  PF.  wurden 
40  ccm  exprimiert  von  der  Azidität  40:  60.  Da  die  Möglichkeit  besteht,  dass 
nach  Neu-Cesol  vermehrte  Magensekretion  mit  einer  relativen  Verdünnung  ein¬ 
hergeht.  so  wurde  Neu-Cesol  gegeben.  Nach  14  Tagen  waren  die  Beschwer¬ 
den  schlimmer.  Die  Aziditätswerte  nach  PF.  waren  50  :  60  bei  einer  Menge 
von  25  ccm.  Das  Mittel  hatte  also  versagt. 

Schliesslich  sei  über  eine  26  jährige  Migränerin  berichtet,  die  über  Magen. 
I<  rümpfe  klagte.  Die  Beschwerden  werden  etwa  8  Tage  vor  der  Menstruation 
so  stark,  dass  die  Kranke  (eine  Studentin)  psychisch  und  physisch  arbeits¬ 
unfähig  war.  Auf  meinen  Vorschlag  war  die  Kranke  bereit,  für  die  nächsten 
6  Wochen  von  jeder  Medikation  ausser  Neu-Cesol  und  von  jeder  Diät  ab¬ 


zusehen.  Eine  Magenuntersuchung  bei  Beginn  der  Kur  ergab  nach  PF.  35  ccm 
von  der  Azidität  55  :  95.  Viel  Schleim.  Nach  6  Wochen  wurden  wieder 
35  ccm  exprimiert  mit  viel  Schleim.  Die  Azidität  war  auf  40:  70  gesunken. 
Diese  Depression  der  Säurewerte  liegt  sicher  ausserhalb  der  Fehlerquelle. 
Wir  müssen  hier  annehmen,  dass  eine  verstärkte  Sekretion  stattgefunden 
hatte.  Da  auch  die  Motilität  durch  Neu-Cesol  verstärkt  wird,  so  hatte  die 
ausgeheberte  Menge  nicht  zugenommen.  Die  Kranke  fühlte  sich  sehr  wohl. 
Ihre  Kopfschmerzen  waren  verschwunden.  Der  Circulus  vitiosus  war  unter¬ 
brochen  und  damit  auch  das  imponierendste  Symptom,  das  einer  Behandlung 
allein  jahrelang  getrotzt  hatte,  beseitigt.  Natürlich  wäre  dasselbe  erreicht 
worden  durch  jedes  andere  Mittel,  das  die  vermehrte  Azidität  des  Magen¬ 
inhalts  zur  Norm  heruntergedrückt  hätte.  Nur  die  Erkenntnis  des  Angriffs¬ 
punktes  des  Neu-Cesols  kann  die  Frage  entscheiden,  ob  es  irgendwelche  Vor¬ 
züge  dabei  hat.  Es  ist  anzunehmen,  dass  die  Werte  herabgingen  durch  ver¬ 
mehrte  Sekretion  alkalischer  Sekrete  (Oesophagus  und  Speichel),  die  ver¬ 
schluckt  wurden.  Diese  Kranke,  die  7  Jahre  lang  in  Badeorten  und  von  vielen 
Aerzten  behandelt  worden  war,  steht  jetzt  34  Jahr  lang  in  meiner  Beobachtung. 
Der  Erfolg  dauert  an. 

Wenn  ich  nun  auf  Grund  der  vier  Beispiele,  die  je  aus  einer 
Gruppe  ähnlich  gelagerter  Fälle  gegriffen  wurden,  das  Resultat  zu- 
sammenfassen  soll,  so  möchte  ich  es  dahin  fassen:  1.  Drüsen,  die 
erloschen  oder  fast  erloschen  sind,  werden  durch  Neu-Cesol  nicht  zu 
neuer  Tätigkeit  angeregt. 

2.  In  manchen  Fällen  von  Superazidität  gelingt  es,  eine  Abstum¬ 
pfung  des  Mageninhaltes  zu  erzielen,  wahrscheinlich  in  der  Haupt¬ 
sache  durch  verschluckte  Sekrete  aus  Speiseröhre  und  Speichel,  so 
dass  die  Wirkung  als  Analogon  zu  der  der  gallensauren  Salze,  die 
bekanntlich  einen  Rückfluss  aus  dem  Darm  erzielen,  angesehen  wer¬ 
den  kann.  Vielleicht  kommt  daneben  noch  eine  Wirkung  auf  den  Ma¬ 
gen  zustande,  derart,  dass  eine  grössere  Flüssigkeitsmenge  sezerniert 
wird.  Dafür  sprechen  die  Versuche  von  Haramaki. 

3.  In  Fällen  mit  Subazidität  auf  funktionell-entzündlicher  Basis 
gelingt  es,  eine  vermehrte  Tätigkeit  der  Magendrüsen  hervorzurufen. 
Ein  gleichguter  Erfolg  dürfte  auf  einfachere  Weise  (keine  Trink¬ 
kuren,  keine  Magenspülungen  wegen  Katarrhs)  nicht  erzielt  werden 
können,  so  dass  hier  das  eigentliche  Anwendungsgebiet  des  Neu- 
Cesols  liegt. 

Nebenwirkungen  habe  ich  niemals  auftreten  sehen.  Wenn  von 
anderer  Seite  Nausea,  Erbrechen  usw.  beobachtet  wurde,  so  liegt 
das  vielleicht  daran,  dass  das  Mittel  injiziert  wurde,  wofür  ich  niemals 
eine  Indikation  bisher  gefunden  habe.  Für  jedes  Mittel  ist  die  An¬ 
wendung  per  os  als  die  Therapie  der  Wahl  anzusehen,  wenn  nicht 
besondere  Indikationen  für  eine  Injektion  vorliegen. 

Literatur. 

Umber:  Ther.  d.  Gegenwart  1919.  —  Horwitz:  Arch.  f.  klin.  Chir. 
Bd.  118.  —  Kollert  und  Bauer:  Ther.  d.  Gegenwart  1921.  —  Hara¬ 
maki:  Biochem.  Zschr.  Bd.  130.  —  Osterland:  M.m.W.  1920. 


Aus  dem  Patholog.  Institut  der  Kgl.  Ungarischen  Elisabeth- 
Universität,  derzeit  in  Pest  (Vorst.:  Prof.  Dr.  B  el  a  v.  Entz). 

Ueber  das  Aufkleben  mikroskopischer  Schnitte  mittels 

Wasserglas. 

Von  Dr.  Franz  Wind  holz. 

Die  bisher  bekannten  Aufklebemethoden  mikroskopischer  Prä¬ 
parate  weisen  die  mannigfachsten  Nachteile  auf.  Gudern ätsch1) 
erwähnt  bereits,  dass  Präparate,  die  mit  Eiweissglyzerin  aufgeklebt 
worden  sind,  während  des  mehrstündigen  Aufenthalts  im  Thermo- 
state  oft  schrumpfen.  Es  kommt  auch  oft  vor,  dass  die  Entfernung 
des  überflüssigen  Klebemittels  sogar  im  absoluten  Alkohol  nicht  ge¬ 
lingt.  Dann  werden  die  zurückgebliebenen  Eiweissschollen  mit  den 
Präparaten  mitgefärbt;  jedermann  weiss,  wie  störend  dies  wirkt. 
Oft  schwimmen  auch  unsere  Präparate  ab,  wenn  wir  sie  mit  stark 
quellenden  Farbstoffen  behandeln;  es  ist  auch  keine  Seltenheit,  dass 
die  bereits  gefärbten  Präparate  durch  die  Mitfärbung  der  im  Eiweiss- 
glyzerin  angesammelten  Bakterien  unbrauchbar  werden.  Ein  wei¬ 
terer  Nachteil  dieser  Aufklebemethode  ist  die  Kostbarkeit  des  Ei¬ 
weissglyzerins,  und  auch  dieser  Umstand,  dass  nach  der  Original¬ 
vorschrift  [P.  Mayer 2)]  mehr  als  vier  Stunden  nötig  sind,  um  die 
Präparate  ordentlich  zu  trocknen. 

Die  Kapillarattraktionsmethodc  hat  dem  Eiweissglyzerinver¬ 
fahren  gegenüber  auch  verschiedene  Nachteile.  Wir  können  z.  B. 
mif  dieser  Methode  ausschliesslich  nur  die  glatt  anliegenden  Prä¬ 
parate  „aufkleben“.  Kommt  nämlich  zwischen  den  Objektträger  und 
das  Präparat  etwas  Luft  oder  Wasser,  dann  können  die  Kapillar¬ 
attraktionskräfte  nicht  zur  Geltung  kommen  und  die  Schnitte  schwim¬ 
men  glatt  ab.  Dies  bezieht  sich  in  erster  Linie  auf  Präparate,  die  in 
weichem  Paraffin  eingebettet  wurden,  weil  der  weiche  Paraffinmantel 
beim  Schneiden  sich  mehr  zusammenrollt  wie  die  Präparate  selbst. 
Nach  Ehrlich3)  kleben  auch  die  Knorpelschnitte,  sowohl  die 
mit  Chromsäure  oder  deren  Verbindungen  behandelten  Präparate, 
schlecht.  Von  all  dem  abgesehen,  setzt  diese  Methode  eine  lang¬ 
wierige  Vorbereitung  der  Objektträger  voraus,  und  es  dauert  aucli 
hier  zu  lange,  bis  die  Präparate  derart  trocknen,  dass  wir  sie  färben 
können. 


*)  Zur  Technik  der  Wasseraufkleb.ung.  Zschr.  f.  wiss.  Mikrosk.  22. 

2)  Einfache  Methode  zum  Aufkleben  rnikr.  Präparate.  Mitteil.  a.  d.  zoolog. 
Station  Neapel,  Bd.  4. 

3)  Ehrlich:  Enzyklopädie  der  mikroskopischen  Technik. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  27. 


878 


Die  Präparate,  die  mit  Zclloidin  aufgeklebt  wurden,  werden  oft 
durch  das  Mitfärben  der  Zelloidinschicht  unbrauchbar.  Die  Methoden, 
die  von  Schällibaum4),  Qiocomini,  Obregia,  Weigert 
und  von  anderen  angegeben  worden  sind,  geben  zwar  gute  Erfolge, 
aber  wegen  ihrer  schwierigen  und  langdauernden  Durchführung  haben 
sie  sich  in  der  allgemeinen  Laboratoriumspraxis  nicht  eingebürgert. 
Beim  Färben  mit  Lithiumkarmin  eiweissgeklebter  Präparate  bemerkte 
ich,  dass  10—12  Prozent  meiner  Präparate  abgeschwommen  sind,  und 
dieser  Umstand  hatte  mich  darauf  geführt,  dass  ich  mit  neuem  Klebe¬ 
mittel  Versuche  anstelle.  So  kam  ich  zum  Wasserglas,  das  als  Klebe¬ 
mittel  bereits  ausserhalb  des  Laboratoriums  seit  langer  Zeit  be¬ 
kannt  war. 

Das  Wasserglas  (NasSiOs)  ist  eine  alkalische  Flüssigkeit,  die  sich 
im  Wasser  in  jeder  Konzentration  löst  und  wegen  ihrer  vielfachen 
Benützung  überall  leicht  erhältlich  ist.  In  dünner  Schicht  trocknet 
es  in  einigen  Minuten,  und  dann  wird  sein  Brechungsvermögen  dem 
des  Glases  ganz  gleich.  Es  ist  im  trockenen  Zustande  weder  im  Was¬ 
ser,  noch  in  Chloroform,  Acther,  Xylol,  Alkohol,  Säuren  oder  Laugen 
löslich. 

Ich  habe  meine  Versuche  mit  dem  im  Handel  käuflichen  Wasser¬ 
glase  begonnen,  es  hat  sich  aber  sehr  rasch  gezeigt,  dass  eine  Ver¬ 
dünnung  aufs  2Va  fache  Volumen  optimale  Erfolge  zeigt.  Ich  be¬ 
merke  hier  gleichzeitig,  dass  kleinere  Differenzen  in  der  Konzen¬ 
tration  die  Wirkung  des  Wasserglases  nicht  beeinträchtigen.  Mit 
dem  verdünnten  Wasserglase  gestaltet  sich  nun  die  Aufklebemethode 
folgendermassen: 

1.  Wir  bringen  mit  einem  Glasstäbchen  oder  mit  der  Kleinfingerspitze 
ein  Tröpfchen  Wasserglas  auf  die  Mitte  des  Obiektträgers,  das  wir 

2.  ebenfalls  mit  der  Spitze  des  kleinen  Fingers  in  möglichst  dünner 
Schichte  auf  der  Oberfläche  des  Objektträgers  ausbreiten.  Wir  müssen  darauf 
achten,  dass  das  Verstreichen  nicht  länger  oder  kürzer  dauern  soll1,  als  wir 
es  mit  unserem  Finger  fühlen,  dass  die  Glattheit  des  Obiektträgers  bereits 
abnimmt.  Das  ist  der  richtige  Augenblick,  um  den  Objektträger  unter  den 
Schnitt  zu  bringen  und  nach  einer  nicht  mehr  als  10 — 15  Sekunden  dauernden 
Orientierung  holen  wir  den  Objektträger  mit  dem  Schnitte  aus  dem  Wasser. 

3.  Wir  löschen  den  Objektträger  mit  dem  Schnitte  gründlich  ab.  nach¬ 
dem  wir  die  überflüssige  Flüssigkeit  mit  einem  feuchten  Flanelltuche  ab¬ 
gewischt  haben.  Nach  10 — 15  Minuten  können  wir  die  Färbung  beginnen. 

Ich  stelle  mir  den  Mechanismus  der  Aufklebung  folgendermassen 
vor:  Das  Wasserglas,  welches  auch  in  seinen  dünnsten  Konzentra¬ 
tionen  alkalisch  reagiert,  quellt  die  Oberfläche  des  ihm  anliegenden 
Schnittes  in  ganz  geringem  Maasse  auf,  und  durch  den  Kapillardruck 
dringt  es  auch  in  den  Schnitt  hinein.  Nachdem  es  getrocknet  ist, 
fixiert  es  den  Schnitt  an  den  Objektträger. 

Durch  diese  Auffassung  des  Aufklebemechanismus  werden  uns 
auch  die  Fehlerquellen  vollkommen  klar.  Das  Präparat  kann  ab¬ 
schwimmen,  wenn  zu  wenig  Wasserglasteilchen  in  der  Aufklebung 
tcilnehmcn.  Das  kommt  in  folgenden  Fällen  vor: 

1.  Wenn  die  Konzentration  der  Lösung  zu  gering  ist. 

2.  Wenn  wir  den  Objektträger  früher  unter  den  Schnitt  gebracht  haben, 
als  unsere  Fingerspitze  es  gefühlt  hat.  dass  die  Oberfläche  des  Objektträgers 
von  seiner  Glätte  verliert.  In  diesem  Falle  sind  nämlich  die  einzelnen  Wasser¬ 
glasteilchen  noch  sehr  entfernt  voneinander;  wenn  dabei  die  Orientierung 
mehr  als  10 — 15  Sekunden  gedauert  hat,  kann  das  Wasser  noch  soviel  von 
ihnen  abspiilen  und  auflösen,  dass  in  der  Klebung  wieder  zu  wenig  Wasser- 
glasteilchen  in  Betracht  kommen. 

3.  Wenn  wir  den  Objektträger  zu  spät  ins  Wasser  gebracht  haben, 
dann  ist  ein  Teil  des  Wasserglases  bereits  an  der  Oberfläche  des  Objektträgers 
angetrocknet.  Wie  ich  es  bereits  erwähnte,  reagieren  die  trocknen  Wasser¬ 
glasteilchen  weder  chemisch  noch  mechanisch  weiter,  und  die  Zahl  der  zurück¬ 
gebliebenen  aktiven  Wasserglasteilchen  ist  wieder  zu  wenig,  um  die  Auf¬ 
klebung  genau  durchführen  zu  können. 

Nach  dem  oben  Gesagten  wünscht  diese  Methode  von  der  Handfertigkeit 
gar  nichts  mehr,  als  dass  wir  den  richtigen  Augenblick  treffen,  um  den 
Objektträger  unter  den  Schnitt  zu  bringen. 

Ausser  den  Paraffinschnitten  können  wir  nach  dem  oben  ge¬ 
schilderten  Vorgang  auch  Gefrierschnitte  aufkleben.  Die  bereits  vor 
der  Färbung  aufgeklebten  Schnitte  können  dann  viel  leichter  weiter¬ 
behandelt  werden,  als  wenn  wir  sie  mit  Glasnadeln  oder  Spateln 
von  Flüssigkeit  zu  Flüssigkeit  befördern  würden.  Natürlicherweise 
dürfen  Gefrierschnitte  nicht  ganz  getrocknet  werden. 

Meines  Erachtens  haben  wir  in  dem  in  der  Mikrotechnik  bisher 
nicht  angewandten  Wasserglase  ein  vorzügliches  Klebemittel  kennen 
gelernt,  welches  unsere  Präparate  in  10 — 15  Minuten  ohne  jede 
störende  Nebenwirkung  auf  den  Objektträger  fixiert. 

Die  Methode  ist  nicht  nur  billiger  und  rascher,  sondern  auch  viel 
einfacher  zu  handhaben  als  die  bisher  bekannten. 


Aus  der  Chirurg.  Abt.  des  Stadt.  Krankenhauses  Augsburg. 

(Leitender  Arzt:  Prof.  Dr.  P.  Ha  eck  er.) 

Ueber  einen  eigenartigen  Fremdkörper  im  Rektum. 

Von  Sekundärarzt  Dr.  Kurt  Wisotzki. 

Im  folgenden  möchte  ich  kurz  über  einen  Fall  berichten  der  aus 
mehrfachen  Gründen  erhöhtes  Interesse  beanspruchen  dürfte. 

Am  10.  III.  23  wurde  ein  Mann  au.f  die  Chirurg.  Abteilung  aufgenommen, 
dessen  Krankengeschichte  kurz  folgende  ist; 

L.  H.,  48  Jahre  alt,  angeblich  ausser  einem  Lungenspitzenkatarrh  nie 
ernstlich  krank  gewesen.  Am  8.  111.  will  er  von  starkem  Durchfall  geplagt 


4)  Ueber  ein  Verfahren,  mikroskopische  Schnitte  auf  dem  Objektträger  zu 
fördern.  Arch.  f.  mikrosk.  Anatomie  4. 


gewesen  sein.  Um  diesen  zu  beseitigen,  habe  er  sich,  dem  Rate  eines  guten 
Freundes  folgend,  einen  Stock,  dessen  vorderes  Ende  mit  „Hundefett“  ein¬ 
geschmiert  war,  in  den  Mastdarm  eingeführt.  Dabei  sei  ihm  der  Stock  ans  der 
Hand  geglitten  und  es  sei  ihm  nicht  mehr  möglich  gewesen,  denselben  zu  ent¬ 
fernen.  Da  am  9.  III.  Erbrechen  und  heftige  Leibschmerzen  auftraten,  suchte 
er  am  10.  III.  einen  Arzt  auf,  der  ihn  sofort  ins  Krankenhaus  wies. 

Kranker  kommt  zu  Fuss  ins  Krankenhaus.  Der  Aufnahmebefund  daselbst 
war  folgender:  Kleiner,  schwächlich  gebauter  Mann  in  leidlichem  Allgcmein- 
zustand.  H.  macht  psychisch  einen  verschlossenen,  ziemlich  dementen  Ein¬ 
druck. 

Bei  der  nach  der  erhobenen  Anamnese  sofort  erfolgten  digitalen  Rektum¬ 
untersuchung  fühlt  man  gerade  noch  mit  der  Fingerspitze  erreichbar  einen 
kreisrunden,  glatten  Fremdkörper.  Der  Leib  ist  iin  ganzen  mittelstark  auf¬ 
getrieben,  überall  auf  Druck  schmerzhaft.  Dicht  unterhalb  der  Gallenblasen¬ 
gegend  sieht  man  eine  deutliche  Vorwölbung,  die  besonders  schmerzhaft  ist. 
Bei  bimanueller  Untersuchung  von  aussen  und  vom  Rektum  aus  zeigt  cs  sich, 
dass  es  wohl  der  Fremdkörper  ist,  den  man  leicht  hin  und  her  bewegen  kann. 

Lungen-  und  Herzuntersuchung  ergibt  keinerlei  krankhaften  Befund.  Die 
Temperatur  beträgt  37.6,  der  Puls  80. 

Als  Nebenbefund  finden  sich  Tätowierungen  obszöner  Art  am  ganzen 
Körper. 

Da  am  Vormittag  noch  Erbrechen  aufgetreten  war  und  Kranker  noch  über 
Brechreiz  klagte,  so  lag  der  Verdacht  vor.  dass  der  Fremdkörper  den  Darm 
durchbohrt  haben  und  in  die  freie  Bauchhöhle  durchgetreten  sein  könnte.  Es 
wurde  deshalb  sofort  zur  Laparotomie  geschritten  (Prof.  Haecker).  In 
Aethernarkose  Medianschnitt;  nach  Eröffnung  der  Bauchhöhle  finden  sich  keine 
Zeichen  von  Peritonitis.  Das  Sigmoid  ist  stark  heraufgedrängt  bis  an  die 
Stelle,  wo  man  die  Vorwölbung  unterhalb  der  Gallenblasengegend  fühlte,  ist 
jedoch  nicht  perforiert  und  ausser  einer  Sugillation  in  der  Wandung  nicht 
wesentlich  geschädigt,  ln  ihm  fühlt  man  das  vordere  Ende  des  Fremd¬ 
körpers,  das  halbkugelig  abgerundet  erscheint.  Am  Mesokolon  finden  sich 
entsprechend  den  am  stärksten  durch  den  Stock  gespannten  Partien  einige 
kleine  Hämatome.  Ausserdem  sieht  man  alte  derbe  strahliee  Narben  am 
Sigmoid.  Es  gelingt  nicht  ohne  Schwierigkeit,  durch  kombinierten  Druck 
von  oben  und  Zug  vom  Rektum  aus  den  Fremdkörper  per  vias  naturales  zu 
entfernen.  Er  entpunnte  sich  als  ein  runder  Stock  mit  vorn  halbkugelig  ge¬ 
formtem  Ende,  der  die  beachtenswerte  Länge  von  24  cm.  sowie  einen  Durch¬ 
messer  von  3%  cm  besass.  Die  Bauchwunde  wurde  völlig  verschieden.  In 
den  ersten  Tagen  bestand  ziemlich  starke  Bronchitis  und  erhöhte  Tempera¬ 
tur.  Nach  einigen  Tagen  trat  völliges  Wohlbefinden  ein.  so  dass  Kranker  nach 
reaktionslosem  Heilverlauf  am  17.  Tage  das  Bett  verlassen  konnte.  Durch¬ 
fälle  sind  während  der  ganzen  Zeit  seines  Aufenthaltes  nicht  beobachtet 
worden. 

Der  Fall  ist  m.  E.  nach  mehreren  Richtungen  hin  interessant: 

1.  wegen  der  Grösse  des  Fremdkörpers,  der  ohne  irgendeine 
ernstere  Verletzung  zu  setzen  die  Sigmoidschlinge  bis  fast  zur  Leber¬ 
gegend  hinaufdrängte. 

2.  weil  trotz  der  starken  Spannung  der  Schlinge  und  des  Druckes 
durch  den  fast  3  Tage  im  Darm  liegenden  Holzstab  keine  Nekrose 
bezw.  Perforation  erfolgt  war. 

3.  wegen  des  eigenartigen  Verhaltens  des  Kranken,  der  ohne 
irgend  etwas  zu  unternehmen  noch  seinem  Dienst  als  Hausknecht  den 
nächsten  Tag  nachging  und  erst  am  übernächsten  Tage  auf  Anraten 
des  Arztes,  und  zwar  zu  Fuss  das  Krankenhaus  aufsuchte. 


Stieldrehung  eines  Ovarialtumors  beim  Kinde. 

Von  Dr.  J.  P.  zum  Rusch,  Chirurg  in  Kreuznach 
(früher  London). 

Der  von  Mittelstaedt  in  Nr.  21  dieser  Wochenschrift  be¬ 
schriebene  Fall  von  Stieldrehung  eines  Ovarialtumors  brachte  mir 
2  Fälle  in  Erinnerung,  die  ich  1898  und  99  im  Deutschen  Hospital  zu 
London  operiert  habe. 

,1m  ersten  Falle  wurde  ich  eines  Mittags  vom  Hausarzt  zu  einem  7  jährigen 
Mädchen  gerufen,  das  an  Appendizitis  leiden  sollte.  Das  Kind  war  wenige  Tage 
vorher  aus  Südafrika  gekommen  und  hatte  während  der  Seereise  2  mal 
einen  Anfall  gehabt,  der  vom  Schiffsarzt  als  ungewöhnlich  schwere  Seekrank¬ 
heit  betrachtet  wurde.  Beide  Male  soll  der  Leib  unter  heftigen  Schmerzen 
sich  anfgetrieben  haben,  es  sei  kein  Stuhl  abgegangen  und  das  Erbrechen  sei 
äusserst  heftig  und  anhaltend  gewesen.  Dann  seien  wieder  Tage  gekommen, 
wo  sich  das  Kind  ganz  wohl  gefühlt  habe,  seit  der  vor  einigen  Tagen  er¬ 
folgten  Landung  sei  das  Kind  munter  gewesen  und  herumgelaufen.  In  der  ver¬ 
gangenen  Nacht  seien  plötzlich  sehr  heftige  kolikartige  Schmerzen  aufgetreten, 
der  Bauch  sei  wieder  gespannt.  Stuhl  und  Winde  seien  nicht  mehr  ab¬ 
gegangen  und  alles  Aufgenommene  werde  erbrochen.  Ich  fand  ein  sonst  ge¬ 
sundes.  gut  genährtes  Kind  mit  normaler  Temperatur  und  mässig  be¬ 
schleunigtem  Puls,  das  über  sehr  heftige,  anfallsweise  auftretende  Schmerzen 
im  ganzen  Unterbauch  klagt.  Der  Bauch  ist  stark  gespannt,  besonders  rechts, 
man  fühlt  deutlich  einen  grossen  Tumor,  der  bis  über  den  Nabel  reicht  und  die 
ganze  rechte  und  einen  Teil  der  linken  Unterbauchvegend  einnimmt.  Der 
Schall  über  der  Geschwulst  ist  überall  gedämpft,  freie  Flüssigkeit  konnte  nicht 
nachgewiesen  werden.  Die  ganze  Entstehungsgeschichte  und  der  Befund 
wiesen  so  deutlich  auf  einen  stielgedrehten  Ovarialtumor  hin,  dass  die  Dia¬ 
gnose  mit  Sicherheit  gestellt  werden  konnte.  Die  sofort  vorgenommene  Opera¬ 
tion  ergab  eine  rechtsseitige  glattwandige  einkammerige  Eierstockszvste  mit 
blutigem  Inhalt,  der  Stiel  war  mehrfach  gedreht.  Im  Becken  geringe  Exsudat¬ 
mengen.  Es  erfolgte  glatte  Heilung.  Viele  Jahre  nachher  sah  ich  die  seither 
verheiratete  Frau  wieder,  sie  hatte  2  Kinder  geboren.  Es  ist  nicht  unmöglich, 
dass  die  aussergewöhnlich  stürmische  Seereise  mit  dem  vielen  Erbrechen 
und  Würgen  den  Anlass  zur  Stieldrehung  gegeben  hat. 

Im  zweiten  Falle  handelte  es  sich  um  ein  10  Tage  altes  Mädchen,  das 
wegen  eingeklemmter  rechtsseitiger  Leistenhernie  zur  Operation  kam.  H;er 
fand  sich  als  Bruchinhalt  der  stark  vergrösserte  und  geschwollene  rechte 
Eierstock,  dessen  Tube  eine  mehrfache  Drehung  und  beginnende  Gangrän  auf¬ 
wies.  Nach  Entfernung  von  Eierstock  und  Tube  sowie  Verschluss  des  Bruches 
in  üblicher  Weise  erfolgte  glatte  Heilung. 


6.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


879 


Max  v.  Gruber  zum  70.  Geburtstag. 

(6.  Juli  1923.) 

Wer  unseren  Jubilar  kennt,  wer  ihn  kürzlich  sprechen  gehört  hat, 
wird  es  kaum  glauben  wollen,  dass  der  Mann  mit  den  frischen  Earben, 
den  vollen  Haaren  und  blitzenden  Augen  wirklich  an  der  Schwelle 
des  achten  Jahrzehnts  angekommen  ist.  Sein  freiwilliger  Rücktritt  in 
ungeschwächter  Kraft  von  seinem  Lehramt  in  Bayern,  wo  gliicklicner- 
weise  keine  pedantische  Vorschrift  den  Abgang  bedeutender  Gelehrter 
erzwingt,  wird  von  all  seinen  zahlreichen  Freunden,  Schülern  und 
\  erehrern  mit  schmerzlicher  Ueberraschung  aufgenommen.  Es  liegt 
nahe  anzunehmen,  dass  der  scheidende  Gelehrte  Zeit  gewinnen  will 
für  Arbeiten,  die  bisher  unter  dem  Drucke  der  Tagesgeschäfte  liegen 
bleiben  mussten. 

Gruber  ist  am  6.  Juli  1853  als  der  Sohn  eines  angesehenen 
Ohrenarztes  in  Wien  geboren.  Er  studierte  Medizin  in  Wien,  München 
und  Leipzig,  wobei  Chemie,  Physiologie  und  Hygiene  bevorzugt  wur¬ 
den.  Die  Chemie  bildet  die  feste  Grundlage  seines  Wissens  und 
Könnens.  Er  war  5  Jahre  lang  Assistent  am  chemischen  Universitäts¬ 
institut  in  Wien  und  hat  mehrere  rein-  chemische  Abhandlungen  ver¬ 
öffentlicht,  von  denen  die  über  die  Einwirkung  von  Salpetrigsäure- 
Anhydrid  auf  Protocatechusäure  grosse  Beachtung  gefunden  hat. 
1882  habilitierte  er  sich  in  Wien, 

1884  wurde  er  a.o.  Professor  und 
1887  ord.  Professor  der  Hygiene  in 
Graz,  1891  in  Wien,  1902  in  Mün¬ 
chen;  er  ist  Mitglied  der  Akade¬ 
mien  der  Wissenschaften  in  Wien 
und  München. 

Sein  Lebensganz  ist  die  grad¬ 
linig  aufsteigende  Laufbahn  eines 
erfolgreichen  deutschen  Gelehrten. 

Früh  wurde  seine  Begabung  er¬ 
kannt  und  anerkannt,  im  besten 
Alter  erlangte  er  den  Lehrstuhl 
seines  verehrten  Lehrers  Max 
v.  Pettenkofcr.  Der  unver¬ 
gessliche  Hans  Büchner,  der 
nach  des  Altmeisters  Rücktritt  von 
1896 — 1902  die  Münchener  Stelle 
innegehabt,  sagte  auf  dem  Sterbe¬ 
bette  zu  seinem  erschütterten 
Freunde  Gruber:  „Wenn  ich  Dir 
nur  meine  Lebenslust  vermachen 
könnte!“  Nun,  die  Arbeitslust  hat 
er  ihm  jedenfalls  hinterlassen. 

Aus  den  engen  Räumen  des 
Instituts  in  der  Schwarzspanier¬ 
gasse  in  Wien  übersiedelte  Gru¬ 
ber  auf  der  Höhe  seiner  Kraft  und 
Erfahrung  in  Pettenkofers 
1879  begründetes  und  damals  v'on 
den  Münchenern  als  „Hypothesen¬ 
palast“  angestauntes  Institut  — 

280  000  M.  hatte  es  damals  ge¬ 
kostet!  Aber  1902  war  es  schon 
viel  zu  klein,  und  Anbauten  konn¬ 
ten  nichts  wesentliches  daran 
bessern,  der  Bau  eines  grossartig 
geplanten  neuen  Instituts  wurde 
erst  mehrfach  verschoben  und 
durch  den  Krieg  und  seine  Nach¬ 
wirkungen  bisher  vereitelt,  und 
so  hat  Gruber  auch  in  München 
unter  sehr  bescheidenen  äusseren 
Bedingungen  arbeiten  müssen,  aber 
er  hat  sich  dadurch  nicht 

lähmen  lassen  und  die  engen  Räume  waren  stets"  von  eifrigen  Schülern 

gefüllt. 

Eine  früchteschwere  Ernte  auf  den  verschiedensten  Gebieten  hat 
Gruber  nicht  im  leichten  Spiele,  sondern  in  der  vom  Dichter  ver¬ 
langten  Vereinigung  von  Talent  und  glühendem  Streben  eingebracht; 
es  war  mir  ein  Genuss,  in  den  letzten  Wochen  die  inhaltsreichen 

Arbeiten  wieder  zu  lesen. 

Es  würde  hier  zu  weit  führen,  die  schönen  physiologischen 
Jugendarbeiten  aus  den  Laboratorien  von  Ludwig  und  Voit 
(1881—1883)  über  seinen  Respirationsapparat  für  isolierte  Organe  (mit 
v.  Frey),  über  den  Stickstoffwechsel  und  den  Einfluss  von  Borax 
und  Kochsalz  auf  den  Stoffwechsel  und  die  schneidige  und  überlegene 
Abwehr  der  ungnädigen  Kritik  des  berühmten  Physiologen  Ernst 
Pflüger  über  die  Methoden  der  Harnstofftitrierung  eingehend  zu 
besprechen.  Ex  ungue  leonem  gilt  schon  für  diese  erste  Polemik. 
Unter  diesen  Stoffwechselarbeiten  hat  die  grösste  Anerkennung 
gefunden  seine  Arbeit  „Ueber  die  Ausscheidungswege  des  Stickstoffs“, 
mit  welcher  er  die  Bildung  von  elementarem  Stickstoff  im  Eiweiss¬ 
stoffwechsel  endgültig  widerlegte,  eine  Musterleistung  exakter 
Analyse  (1882). 

Aus  jener  Zeit  stammt  auch  die  erst  1901  veröffentlichte  Abhand¬ 
lung  „Einige  Bemerkungen  über  den  Eiweissstoffwechsel“,  in  welcher 

Nr.  27. 


Gruber  u.  a.  klarlegte,  dass  die  bis  dahin  ganz  ialsch  gedeuteten 
Eigentümlichkeiten  des  zeitlichen  Ganges  der  Stickstoffausscheidung 
einfach  auf  der  Superposition  der  über  länger  als  einen  lag  sich  hin¬ 
ziehenden  Ausscheidungskurven  beruhe  („Zirkulierendes  Eiweiss“). 

Der  Münchener  Zeit  (1883)  entstammt  eine  treflliche  Abhandlung  über 
die  Giftigkeit  des  Kohlenoxyds,  die  er  mit  Hilfe  des  Pettcnkofer- 
V  o  i  t  sehen  Respirationsapparates  bearbeitete  und  die  den  Nachweis 
der  Ungiftigkeit  kleiner  Dosen  auch  für  viele  Stunden  erbrachte. 
Erst  von  einem  bestimmten  Gehalt  ab  beginnt  rasch  ansteigend  die 
Giftwirkung.  Die  Arbeit  ist  das  Vorbild  vieler  ähnlicher  geworden 
—  indem  sie  Tiere  in  stets  frisch  zuströmenden,  genau  dosierten  Gas¬ 
gemischen  untersuchte. 

In  den  späteren  Arbeiten  waren  es  namentlich  zwei  Pole,  um  die 
Gr  ubers  Gedanken  immer  wieder  kreisten:  Bakteriologie  und 
Immunitätslehre  einerseits,  soziale  Hygiene  und  zwar  vor  allem 
Hygiene  des  Geschlechtslebens,  des  Ungeborenen  und  der  Rasse 
andererseits.  Beschäftigte  die  Bakteriologie  mehr  seinen  tief  schür¬ 
fenden  Verstand,  so  boten  ihm  die  sozialhygienischen  Probleme  Ge¬ 
legenheit,  auch  seinem  warmen  Empfinden  und  strengen  Verantwort¬ 
lichkeitsgefühl  für  sein  Volk  Worte  leihen  zu  dürfen. 

Die  Bearbeitung  bakteriologischer  Probleme,  die  in  den  achtziger 
Jahren  seit  den  bahnbrechenden  Arbeiten  von  Pasteur  und  Koch 

die  reizvollste  Aufgabe  für  jeden 
Hygieniker  sein  musste,  wurde 
schon  in  Graz  aufgenommen.  Die 
wichtigsten  Arbeiten  (1885  in  der 
W.m.W.  vorläufig  mitgeteilt  und 
mit  Fritsch  |Arch.  f.  Hyg.  1888, 
8]  weitergeführt)  über  die  Varia¬ 
bilität  der  Bakterien  bedeuteten 
schwere  Einwände  gegen  die  da¬ 
mals  noch  von  Koch  gelehrte 
Unveränderlichkeit  der  Bakterien¬ 
kultur.  Bei  genauer  Beobachtung 
zeigte  sich,  dass  insbesondere  die 
Verflüssigungskraft  für  Gelatine  in 
weiten  Grenzen  schwankt  und 
dass  sich  aus  einer  alternden 
Stammkultur  sehr  versenieden 
stark  verflüssigende  Rassen  ge¬ 
winnen  lassen.  Diese  Arbeiten 
waren  in  einer  Zeit,  wo  auf  die 
verschiedene  Verflüssigung  der 
Gelatine  die  Choleravibrionen  von 
ihren  Verwandten  dogmatisch  un¬ 
terschieden  wurden,  von  grosser 
Bedeutung,  sie  halfen  im  Verein 
mit  den  Studien  Pasteurs, 
Büchners  u.  a.  den  wichtigen 
Mittelweg  der  Auffassung  zu  fin¬ 
den  zwischen  der  Billroth- 
N  a  e  g  e  1  i  sehen  Irrlehre  des 
schrankenlosen  Variierens  und  dem 
Cohn-Koch  sehen  Dogma  der 
starren  Unveränderlichkeit.  —  Den 
Erregern  der  Buttersäuregärung 
ging  er  mit  neuen  anaeroben  Me¬ 
thoden  nach  (Zbl.f.  Bakt.  l.Jahrg., 
1887).  Hof  f  mann  von  W  ei¬ 
le  n  h  o  f  arbeitete  in  seinem  In¬ 
stitut  über  die  Frage  der  Bezie¬ 
hungen  der  Diphtherie  zu  Pseudo¬ 
diphtherie;  als  Micromyces  Hoff- 
manni  beschrieb  Gruber  einen 
interessanten  pathogenen  Aktino- 
myzeten,  den  sein  früh  verstorbe¬ 
ner  Schüler  entdeckte. 

Die  Choleraepidemie  in  Südösterreich  1885/86  veranlasste 
Gruber,  der  Epidemiologie  der  Cholera  und  dem  schwierigen 
Problem  der  Choleradiagnose,  Infektion  und  Immunität  in  einer 
Reihe  von  Arbeiten  näherzutreten.  Er  fand  eine  gewaltige  Bak¬ 
terienvermehrung  bei  intraperitonealer  Injektion  und  bestritt  die 
Pfeiffersche  Ansicht,  dass  freiwerdende  Proteine  der  Bakterien 
die  Krankheitsursache  seien.  Die  Choleravibrionen  bedürfen^  zeit¬ 
weise  einer  Kultur  auf  totem  Nährboden  bei  reichem  Sauer¬ 
stoffzutritt,  um  ihre  Infektionstüchtigkeit  zu  erhalten.  Das  Cholera¬ 
gift,  das  Hueppe  und  Scholl  durch  Hühnereiinfektion  gewonnen 
hatten,  lehrte  Gruber  von  Alkohol  und  Schwefelwasserstoff  befreit 
anzuwenden.  Diese  beiden  Körper  besitzen  bei  der  Versuchsanord¬ 
nung  von  Hueppe  und  Scholl  eine  so  gewaltige  Wirkung,  dass 
von  ihnen  die  bescheidenere  aber  wichtige  des  eigentlichen  Cholera¬ 
giftes  übersehen  werden  konnte.  Später  gelang  es  übrigens  Gruber 
nicht  mehr,  das  lösliche  Choleragift  so  typisch  wie  früher  zu  er¬ 
halten,  verschiedene  Stämme  verhalten  sich  biologisch  und  morpho¬ 
logisch  verschieden.  Ucbcrall  betrachtet  Gruber  die  Probleme 
gleichzeitig  vom  Standpunkt  des  Bakteriologen  und  Hygienikers. 
Unter  den  Arbeiten  über  Cholera  verdient  noch  die  Abhandlung  „Die 
Cholera  in  Oesterreich  1885/86“,  Bericht  des  VI.  internat.  Kongresses 
f  Hygiene  u.  Demographie  1887  genannt  zu  werden,  da  sie  mit  neuen 

4 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  27. 


oSO 


.statistischen  Mitteln  die  ausschlaggebende  epidemiologische  Bedeu¬ 
tung  der  „zeitlichen  Disposition“  klarstellt,  dagegen  die  ausschlag¬ 
gebende  Bedeutung  des  Erdbodens  für  die  „örtliche  Disposition“ 
widerlegt  und  schlagend  beweist,  dass  Qruber  niemals  ein  ein¬ 
seitiger  Bakteriologe  gewesen  ist.  Sie  zeigt  die  Bedeutung  von  Kultur, 
Bildung,  Einkommen,  sozialer  Lage  für  die  Ausbreitung  der  Seuchen 
und  gehört  zum  Besten,  was  über  Epidemiologie  geschrieben  wurde. 

Eingehende  Studien  über  physikalische  (Thursfiel ds  Desinfektor, 
nach  seinen  Angaben  gebaut)  und  über  chemische  Desinfektionsmittel 
hat  Grub  er  teils  selbst  ausgeführt  (Arch.  f.  Hyg.  16),  teils  von 
Beider  (Arch.  f.  Hyg.  15,  340),  Lode  (Arch.  f.  Hyg.  24),  P  i  c  k  u.  a. 
ausführen  lassen  und  auch  in  München  kehren  verwandte  Probleme 
wieder.  Einen  Fortschritt  in  der  Wasseruntersuchung  bedeutete  seine 
Abhandlung  „Grundlagen  der  hygienischen  Beurtei¬ 
lung  des  Wasser  s.“  D.  Vrtljschr.  f.  öff.  Ges.Pfl.  1893. 

Einen  gewaltigen  Eindruck  machten  die  zwei  Vorträge,  die 
G  r  u  b  e  r  in  seinem  letzten  Wiener  Jahre  zur  Kritik  der  Ehrlich- 
schen  Seitenkettentheorie  veröffentlichte.  Während  90  Proz.  der 
deutschen  Bakteriologen  begeistert  über  die  reiche  Ernte,  die  Ehr- 
1  i  c  h  s  fruchtbarer  Gedanke  von  den  Seitenketten  geliefert, 
Arbeit  auf  Arbeit  auf  den  Ausbau  der  Lehren  des  bewunderten  Mei¬ 
sters  verwendeten  und  Hilfshypothesen  häuften,  um  Unstimmigkeiten 
zu  erklären,  brachte  G  r  u  b  e  r  eine  Fülle  der  schwersten  Bedenken 
gegen  die  Ehrlich  sehe  Grundanschauung  vor.  Bedenken,  an  die 
zum  Teil  noch  niemand  gedacht  zu  haben  schien,  andere,  die  viele  sich 
zu  denken  stille  verboten,  sprach  er  unverhohlen  aus.  Die  unbequeme 
Kritik  wurde  teils  mit  scharfen  Gegenangriffen  beantwortet,  teils  (in 
den  Lehrbüchern)  ziemlich  totgeschwiegen.  G  r  u  b  e  r  blieb  aber 
keine  Erwiderung  schuldig,  auch  Witz  und  Ironie  boten  ihm  scharfe 
Waffen,  und  er  hielt  in  vollem  Umfange  seine  Einwände  aufrecht.  Man 
muss  anerkennen,  dass  die  Wirkung  insoferne  die  gewünschte  war, 
als  von  dieser  Zeit  ab  das  ganze  Gebiet  kritischer  und  undogmatischer 
auch  von  Ehrlich  und  seinen  Schülern  bearbeitet  wurde  und  dass 
die  Seitcnkettenlehre  seitdem  mehr  und  mehr  als  heuristische  Hypo¬ 
these  statt  als  bewiesene  Theorie  behandelt  wurde. 

Gr ubers  volkstümlichste  Entdeckung,  die  seinen  Namen  welt¬ 
berühmt  machte,  ist  das  Auffinden  der  spezifischen  Agglutination.  Mit 
Dur  ha  m  zusammen  entdeckte  er  die  spezifische  Verklumpung  der 
Bakterien,  speziell  von  Typhus-  und  Cholerabakterien,  durch  das  ver¬ 
dünnte  Serum  von  Tieren,  die  man  mit  den  Bakterien  vorbehandelt, 
immunisiert  hatte. 

Mit  dem  Scharfblick  des  genialen  Mannes  erkannte  Gruber 
sofort  das  Wesentliche:  Die  Bakterien  werden  nicht  getötet,  sondern 
nur  verklebt,  aber  zur  Tötung  durch  die  Alexine  vorbereitet.  Im 
Reagenzglas  erholen  sich  die  verklebten  Organismen  nach  einiger  Zeit 
von  der  Schädigung,  es  schwärmen  neue  bewegliche  Individuen  von 
dem  verklebten  Paket  aus. 

Die  Bedeutung  der  Entdeckung  für  die  Prüfung  eines  Bakteriums 
auf  Echtheit  durch  das  Serum  immunisierter  Tiere  haben  Gruber 
und  D  u  r  h  a  m  ganz  klar  erkannt.  Die  Entdeckung  war  eine  Be¬ 
reicherung  der  bakteriologischen  Diagnostik  von  erstem  Rang,  die 
Aehnlichkeit  der  Agglutinine  verwandter  Arten  —  die  „Gruppen¬ 
agglutination“  —  versprach  auch  für  die  Systematik  der  Bakterien 
erfolgreich  zu  sein. 

Auch  die  umgekehrte  Verwendung  der  Methode:  Echte  Bakterien 
mit  dem  Serum  zweifelhafter  Kranker  zu  behandeln,  um  über  das  Be¬ 
stehen  von  Typhus-  oder  Cholerainfektionen  ins  klare  zu  kommen, 
hat  (i  ruber  sofort  angegeben,  aber  mit  Grünbaum  aus  Mangel 
an  Menschenmaterial  nur  so  spärlich  und  langsam  studieren  können, 
dass  ihm  W  i  d  a  1  mit  der  Publikation  beweisenden  Materials  zuvor¬ 
kam  —  auch  diese  Anwendung  ist  von  grösster  Bedeutung  für  die 
Klinik  geworden.  Es  wird  heute  kein  Typhusbakterium  und  kein 
Typhuskranker,  ferner  keine  Cholera-  oder  Ruhrdiagnose  anerkannt, 
die  nicht  durch  Agglutination  gestützt  ist. 

ln  München  hat  Gruber  an  den  Büchner  sehen  Arbeiten 
weiterbauend  sich  mit  einer  Reihe  von  Schülern,  namentlich 
Schneider  und  F u t a k i,  jahrelang  mit  dem  verwickelten  Problem 
der  Abwehrkräfte  und  Abwehrstoffe  des  unvorbereiteten  und  des 
immunisierten  Organismus  einerseits  und  der  Parasiten  andererseits 
beschäftigt.  Es  gelang,  erhebliche  Tatsachen  über  die  Bedeutung  der 
Körpersäfte  und  der  Leukozyten  für  die  Abtötung  der  Bakterien  zu 
finden  (Entdeckung  der  Leukine  und  Plakine).  Keine  exklusive  Lehre 
erwies  sich  als  allgemein  richtig,  bei  jedem  Zusammenkommen  eines 
Makroorganismus  und  eines  Mikroben  liegen  die  Verhältnisse  anders, 
so  dass  das  Problem  in  zahllose  Einzelfragen  zerfällt.  Die  bisher  nur 
summarisch  veröffentlichten  Untersuchungen  über  das  Zustande¬ 
kommen  der  Infektion  bei  Milzbrand  (mit  F  u  t  a  k  i)  haben  die  For¬ 
schung  ganz  ungemein  vertieft.  Es  gibt  keine  Krankheit,  bei  welche1' 
die  Bedingungen  des  Kampfes  ums  Dasein  zwischen  Wirt  und  Parasit 
klarer  erkannt  sind.  —  Zu  seinen  wichtigsten  bakteriologischen  Mit¬ 
teilungen  gehört  die  Arbeit  über  „Die  Opsonine“.  Zbl.  f. 
Bakt.  1909. 

So  hoch  Gruber  als  Bakteriologe  und  Epidemieforscher  steht 
—  seine  Leistungen  gehören  zum  Besten,  was  das  letzte  Menschen¬ 
alter  hervorbrachte  — ,  für  unser  Volk  und  für  die  Hygiene  als  Wissen¬ 
schaft  hat  er  meines  Erachtens  als  Sozialhygieniker  fast  noch  eine 
höhere  Bedeutung  gewonnen.  Es  ist  nach  dem  Jahre  1918  vielfach 
der  Versuch  gemacht  worden,  die  Sache  so  darzustellen,  als  ob  in 
Deutschland  die  soziale  Hygiene  bisher  vernachlässigt,  ja  eben  erst 
entdeckt  worden  sei,  und  als  ob  ihre  Probleme  bisher  von  der  offi¬ 


ziellen  deutschen  Hochschulhygiene  gar  nicht  oder  hochmütig  und 
stiefmütterlich  behandelt  worden  wären.  Wie  falsch  das  ist,  beweist 
ja  schon,  dass  schon  Altmeister  Pettenkofer  die  Hygiene  als 
„Gesundheitswirtschaftslehre“  behandelt  hat  und  dass  er  selbst  sehr 
viele  Arbeiten  geschrieben  hat,  wo  soziale  Fragen  das  Thema  be¬ 
stimmt  hatten  oder  doch  durch  die  Arbeit  direkt  gefördert  worden 
waren.  Nicht  nur  seine  Schüler,  sondern  alle  deutschen  Hygienelehrer 
haben  sich  bei  jeder  Gelegenheit  bemüht,  aus  den  theoretischen  Er¬ 
gebnissen  ihrer  Arbeiten  sozialhygienische  Massnahmen  abzuleitcu; 
ja  die  meisten  haben  von  selbst  rein  sozialhygienischc  Themata  be¬ 
handelt.  Es  kann  doch  überhaupt  nur  jemand  Hygieniker  werden,  dem 
es  Selbstverständlich  ist,  in  diesem  Sinne  zu  denken  und  zu  handeln. 

Gruber  trat  schon  in  Graz  als  bewusster  Sozialhygieniker  und 
Sozialreformer  im  nationalen  Sinne  Adolf  Wagners  auf;  in  Wien 
war  er  mit  Prof.  v.  Philippovich,  dem  jetzigen  österreichischen 
Bundespräsidenten  H  a  i  n  i  s  c  h  u.  a.  Führer  der  sog.  „Fabier“,  welche 
den  zerfallenden  Staat  durch  Sozialreform  neu  zu  beleben  versuchten. 
Einen  grossen  Teil  seiner  besten  Zeit  und  Kraft  widmete  er  in  Wien 
und  München  der  Wolm-  und  Siedlungsrcform.  Er  war  20  lahre  l.Vor- 
sitzender  des  Vereins  zur  Verbesserung  der  Wohnungsverhältnisse  in 
München,  Mitgründer  des  Bayer.  Landesvereins  für  Wohnungswesen; 
man  verdankt  ihm  viele  wertvolle  Abhandlungen  über  diese  Fragen. 

Auch  das  begeisterte  und  planmässige  Eintreten  von  Gruber 
für  Erhaltung  und  Vermehrung  der  Tüchtigkeit  der  Rasse  beginnt 
schon  ganz  im  Anfang  seiner  Laufbahn. 

Die  festen  Fundamente  für  eine  streng  wissenschaftliche 
Behandlung  der  sozialhygienischen  Probleme  liefert  nur  eine 
gründliche  naturwissenschaftlich-medizinische  Bildung,  eine  logische 
Fragestellung  und  eine  gründliche  Vertrautheit  mit  den  Regeln  der 
Statistik,  deren  Aufzeichnungen  strengstens  nach  allen  Richtungen  zu 
prüfen  sind;  endlich  ist  zur  Kritik  der  statistischen  Ergebnisse  eine 
Kenntnis  des  praktischen  Lebens  auf  Schritt  und  Tritt  nötig. 

Wer  die  Schärfe  des  Kritikers  Gruber  an  einem  Beispiel 
kennen  lernen  will,  der  studiere  z.  B.  seine  Einwändc  gegen  K  ö  r  ö  s  i  s 
Lehre  von  der  relativen  Intensität  der  Todesursachen.  Der  aner¬ 
kannte  Pester  Statistiker  hatte  das  tolle  Resultat  errechnet,  dass 
Armut  die  Sterblichkeit  an  wichtigen  Infektionskrankheiten  licrab- 
setzt.  Gruber  wies  haarscharf  nach,  dass  zwar  die  Berechnungen 
von  K  ö  r  ö  s  i  richtig  sind,  seine  Fragestellung  aber  falsch  ist.  Die 
Hygiene  interessiert  bloss  das  Verhältnis  der  Todesfälle  an  Infektions¬ 
krankheiten  zu  den  Lebenden  und  nicht  zu  allen  Todesfällen.  Es  ist 
die  Vermehrung  der  Todesfälle  an  Infektionskrankheiten  auf  100  Arm¬ 
lebende  immer  erheblich  grösser  als  bei  100  Wohlhabenden,  darüber 
darf  uns  nicht  trösten,  dass  die  Gesamtzahl  der  Todesfälle  bei  den 
Armen  noch  in  grösserem  Prozentsatz  vermehrt  ist,  so  dass  die 
„relative  Intensität“  sinkt.  Die  relative  Intensität  ist  also  ein  absolut 
irreführender  Begriff  und  die  Schlüsse  daraus  ohne  jeden  praktischen 
Wert. 

Grossen  Eindruck  machte  die  Ausstellung  und  der  dazugehörige 
buchartige  reichillustrierte  Katalog  über  Fortpflanzung,  Vererbung  und 
Rassenhygiene  auf  der  Dresdener  Hygieneausstellung  1911.  Eine 
grosse  Menge  von  Erfahrungswissen  aus  dem  Gebiet  der  Botanik 
und  Zoologie  war  hier  in  Verbindung  mit  R  ti  d  i  n  zum  ersten  Male 
übersichtlich  zusammengestellt  als  Basis  für  ähnliche  Studien  am  Men¬ 
schen,  als  erwünschte  Materialsammlung  für  Vorträge  und  Vor¬ 
lesungen. 

Erst  in  den  letzten  Monaten  ist  der  von  Gruber  mit  K  a  u  p 
bearbeitete  Band  des  grossen  von  Gruber-Rubner-Fickcr 
herausgegebenen  sechsbändigen  Handbuchs  der  Hygiene  erschienen, 
in  dem  er  selbst  in  einer  sehr  lesenswerten,  streng  wissenschaftlichen 
Darstellung  mit  allen  Hilfsmitteln  der  Mathematik  die  theoretischen 
Grundlagen  der  Statistik  als  Rüstzeug  des  gewissenhaften  Hygienikers 
entwickelt  hat.  Es  sind  nur  50  Seiten,  aber  klar  und  bestimmt  tretem 
Aufgabe,  Leistungsfähigkeit  und  Leistungsgrenzen  der  Statistik  hervor. 
Die  Statistik  taugt  vorzüglich  zur  Dienerin,  aber  gar  nicht  zur  Herrin! 
Nie  kann  sie  das  Experiment  ersetzen,  aber  sie  lehrt  das  Experiment 
deuten. 

Wichtige  Entdeckungen  der  letzten  Jahre  über  das  Verhältnis 
zwischen  den  Körpermaassen  und  dem  „Grundumsatz“  an  Energie  sind 
bisher  von  ihm  erst  in  kurzer  vorläufiger  Mitteilung  publiziert,  wir 
dürften  jetzt  wohl  bald  auch  darüber  näheres  erfahren. 

Nicht  unerwähnt  bleiben  dürfen  G  r  u  b  e  r  s  zahlreiche  histo¬ 
risch-biographische  Arbeiten,  unter  denen  „Pasteurs 
Lebenswerk“  (1896)  und  Max  v.  Pettenkofer  s  Biographie 
(1904)  in  den  Berichten  der  Deutschen  chemischen  Gesellschaft  her¬ 
vorzuheben  sind,  da  sie  auf  sorgfältigem  Literaturstudium  beruhen, 
sich  grösster  Objektivität  befleissigen  und  daher  dauernden 
Wert  für  die  Geschichte  der  Mikrobiologie  und  Hygiene  haben. 

Mächtig  gewirkt  hat  Gruber  durch  seine  volkstümlichen  Vor¬ 
trage  auf  dem  Gebiete  der  Rassen-  und  Sozialhygiene.  Da  er  eigene 
Wege  einschlug,  die  Wege  bis  ans  Ziel  verfolgte  und  den  Mut  hatte 
auszusprechen,  was  er  am  Ziel  gefunden,  so  fehlte  es  nie  an  lebhaftem 
Beifall  und  scharfem  Widerspruch.  Der  Alkohol  hat  in  ihm  einen 
seiner  schärfsten  und  bewusstesten  Gegner  gefunden.  Mit  Kraepelin 
hat  er  Wandtafeln  über  die  Wirkung  des  Alkohols  auf  den  Menschen 
herausgegeben,  um  das  Tatsachenmaterial  zur  Unterstützung  von  Vor¬ 
trägen  zur  Hand  zu  haben.  Doch  verschmähte  Gruber  Ueber- 
treibungen;  er  war  niemals  geschworener  Abstinent  und  ist  niemals 
für  Prohibition  eingetreten. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1  iefdurchdacht  war  sein  Münchener  Vortrag  1913  über  Mädchen¬ 
erziehung,  worin  er  sich  gegen  das  allgemeine  Streben  der  Mädchen 
nach  Berufstätigkeit  aus  sozialhygienischen  Grundsätzen  aussprach, 
wobei  er  aber  für  besondere  Fälle  jegliche  geistige  Betätigung  auch 
den  Frauen  zubilligte.  Mann  und  Frau  sind  aber  verschieden  und 
man  soll  die  Gegensätze  nicht  ohne  Not  verwischen.  Man  ver¬ 
kümmere  nicht  die  subjektive,  naive,  gebende  Seite  des  Weibes. 
Im  Mutterberuf  liegt  vor  allem  die  Aufgabe  des  Weibes.  — 
Der  schwere  Ernst  der  Zeit  hat  seitdem  an  die  Tätigkeit  der  Frau 
weit  höhere  Ansprüche  gestellt  wie  früher  —  aber  trotz  allem  schein¬ 
baren  Zwang  zur  Berufstätigkeit  verdienen  Gr  ubers  ernste  Worte 
mit  dem  wundervollen  Einschlag  tiefen  Gcmiitslebens  von  allen 
Männern  und  Frauen  gelesen  und  gewissenhaft  bedacht  zu  werden. 

Grossen  Eindruck  machte  Grubers  machtvolles  Eintreten  für 
die  Pflicht,  dem  Vaterlande  tüchtige  Kinder  aufzuziehen  und  die  zum 
I  eil  einschneidenden  gesetzlichen  Vorschläge,  wie  dies  zu  ermöglichen 
sei,  auf  der  Versammlung  des  Deutschen  Vereins  für  öffentliche 
Gesundheitspflege  in  Aachen  1913:  Ursachen  und  Bekämpfung  des 
Geburtenrückganges  im  Deutschen  Reiche.  Weite  Verbreitung  hat 
Grubers  kleines  Buch  über  die  Hygiene  des  Geschlechtslebens 
gefunden,  ln  herrlichen  Worten  wird  hier  das  Ideal  der  Einehe 
körperlich  und  geistig  harmonierender  Gatten  geschildert  und  die 
gesundheitlichen,  moralischen  und  völkischen  Gefahren  des  ausser- 
ehelichen  Geschlechtsverkehrs  in  jeder  Form,  auch  in  der  Form  der 
freien  Liebe,  kritisch  dargestellt.  G  r  u  b  e  r  hat  nach  dem  frühen 
lode  der  ersten  geliebten  Gattin  eine  zweite  glückliche  Ehe,  beide 
mit  mehreren  Kindern  gesegnet,  erlebt  —  überall  spricht  er  aus  der 
reiten  Erfahrung  des  Mannes  und  Vaters  zu  seinen  Lesern.  Auch  die 
sexuellen  Gefahren  aller  Art  erfahren  warmherzige  Schilderung. 

Im  Weltkrieg  wurde  der  Hygieniker  Gr  über,  der  niemals 
.Parteimann  gewesen  ist,  zum  Politiker.  In  Zeitschriften  und  Zei- 
tungen,  vor  allern  aber  auch  brieflich  und  mündlich  in  Vorstellungen 
und  Reden  hat  Grube  r  vom  Kriegsbeginn  an  auf  die  furchtbare 
Grösse  der  Gefahr,  auf  den  Vernichtungswillen  der  Feinde  aufmerk¬ 
sam  gemacht  und  an  den  Opferwillen,  die  Einigkeit  und  Vaterlands¬ 
liebe  seiner  \  olksgenossen  ohne  Unterschied  der  Partei  sich  gewendet 
Seine  gewichtige  Stimme  hat  viele  zur  Erkenntnis  gebracht,  sein 
mannhaftes  Beispiel  viele  angefeuert.  Für  seine  Gegner  hatte  er  auch 
harte  Worte  und  nichts  konnte  ihn  abhalten,  die  Wahrheit,  die  er  er¬ 
kannt,  auch  zu  sagen.  Am  Königsthron  und  in  der  Volksversammlung, 
in  Fachausschüssen  und  Parteibesprechungen  suchte  er  zu  raten,  zu 
helfen,  zu  retten.  Seine  Voraussagen  waren  auf  streng  begründete 
Gedankenreihen,  auf  gründliches  Wissen  aufgebaut  und  haben  sich 
nur  allzusehr  als  richtig  bewährt. 

Den  Zusammenbruch  Deutschlands  hat  er  aufs  schwerste  emp¬ 
funden,  hat  aber  aufrecht  in  „Deutschlands  Erneuerung“,  in  den  „Süd¬ 
deutschen  Monatsheften“  und  im  „Archiv  für  Rassen-  und  Gesell¬ 
schaftsbiologie“  weiter  an  der  Willensstärkung  und  der  idealen  WeU- 
auftassung  seiner  Volksgenossen  gearbeitet. 

Schon  früh  wurde  Gruber  von  der  österreichischen  Regierung 
zur  Mitarbeit  an  der  Sanitätsgesetzgebung  herangezogen.  Auch  für 
Bayern  München,  das  Reich  und  gelegentlich  auch  für  Private  hat  er 
wertvolle  praktische  Beratung  auf  den  verschiedensten  Gebieten  der 
Gesundheitspflege  geleistet.  Von  diesen  vielen  Arbeiten  können  nur 
einzelne  erwähnt  werden,  so  Studien  über  die  soziale  Verwaltung 
Oesterreichs  am  Ende  des  19.  Jahrhunderts,  über  die  Wasserver- 
sorgung  und  Reinigung  der  Wässer  und  die  Verunreinigung  der  öster¬ 
reichischen  Gewässer,  Gutachten  über  die  Verwendung  des  Formalins 
als  Desinfektionsmittel,  den  Mutterkorngehalt  des  Brotes,  über  Ar¬ 
beiten  in  komprimierter  Luft,  Gasbeleuchtung  und  Ventilation,  über 
Konservierung  und  mancherlei  anderes.  So  oft  Gruber  sich 
ausserte,  hatte  er  gründliche  Studien  gemacht  und  unbestechlich  ver¬ 
trat  er  seine  Ueberzeugung,  wenn  sie  auch  von  der  landläufigen  nicht 
selten  erheblich  abwich.  Ueberall  suchte  er  aber  auch  den  BediirL 
mssen  des  praktischen  Lebens  Rechnung  zu  tragen.  Seine  hervor¬ 
ragendste  Leistung  auf  dem  Gebiete  der 'Sanitätsverwaltung  ist  das 
österreichische  Lebensmittelgesetz  und  die  Organisation  der  Lebens¬ 
mittelkontrolle  in  Oesterreich,  die  von  ihm  und  dem  späteren  Statt- 
nalter  r reih,  y .  Handel  geschaffen  wurden.  Jahrelang  war  er  selbst 
Direktor  des  Wiener  Untersuchungsamtes  und  hat  treffliche  Nahrungs- 
rmttclchemiker  heranbilden  geholfen;  einer  der  ausgezeichnetsten  war 
rührt2  ^c‘iara’nger’  von  ^em  die  bekannte  Milchreaktion  her- 

Neben  den  eigenen  Arbeiten  hat  Gruber  stets  viele  Schüler  zu 
Arbeiten  angeregt;  sie  alle  sprechen  von  ihrem  Lehrer  in  Worten 
höchster  Verehrung.  Lehrstühle  bekleiden  u.  a.  Schattenfroh 
und  Grassberger  in  Wien,  Lode  in  Innsbruck,  K  a  u  p,  Lenz 
und  S  u  P  fl  e  in  München,  Land  steiner,  jetzt  New  York,  Bail 
m  I  rag,  C  h  i  c  k  in  London,  B  e  1 1  e  i  in  Bologna,  F  u  t  a  k  i  in  Tokio- 
von  jüngeren  seien  Schneider,  Ilzhöfer,  Schumacher- 
Berlin  und  Cv.  Anger  er  genannt.  Die  G  r  u  b  e  r  sehe  Schule 
e  .g,rIosstenteils  die  Hauptgebiete  ihres  Lehrers,  Bakteriologie  und 
Sozialhygiene,  bearbeitet,  weit  über  den  Kreis  der  Schule  hinaus 
sind  alle  deutschen  Hygieniker  von  G  r  u  b  e  r  nach  diesen  Richtungen 
angeregt  und  beeinflusst. 

A|s  Hochschullehrer  geniesst  er  höchstes  Ansehen,  sein  Vortrag 
vereinigt  klare  schlichte  Sachlichkeit  mit  Herzenswärme.  Die 
Schriftleitung  des  Archivs  für  Hygiene  hat  nach  Rubners  Rück- 
Kchr  zur  Physiologie  im  wesentlichen  Gruber  geführt  —  streng 
gegen  sich  und  andere.  Viele  Arbeiten  hat  er  mit  kritischen  Bemer¬ 


kungen  zurückgesandt  und  um  Verbesserung  gebeten  zum  Nutzen  des 
Archivs,  das  trotz  mancher  Schwierigkeiten  noch  immer  den  Ruf  einer 
führenden  hygienischen  Zeitschrift  bewahrt  hat. 

Namentlich  der  Rassenhygieniker  Gruber  dürfte  seinem  Volke 
in  den  nächsten  Jahren  als  getreuer  Eckart  noch  vieles  zu  sagen 
haben  —  er  wird  ehrerbietige  Aufmerksamkeit  finden.  Möchte  ps 
unserem  Jubilar  vergönnt  sein,* noch  lange- Jahre  in  alter  Frische  die 
Wirkung  seiner  Lehren  und  seines  steten  Vorbildes  beobachten  zu 
können  und  den  Aufstieg  des  deutschen  Volkes  aus  tiefster  Schmach 
durch  Selbstzucht  und  opferfreudige  Einigkeit  zu  erleben. 

K.  B.  Lehmann-  Würzburg. 


Für  die  Praxis. 

Neuritis  und  Polyneuritis. 

Von  Prof.  Hans  C  ursch  mann. 

Sowohl  Mononeuritis,  als  besonders  Polyneuritis  sind  für  den 
Praktiker  in  therapeutischer,  noch  mehr  in  differentialdiagnostischer 
und  prognostischer  Beziehung  sehr  kennenswert.  Bei  den  Mononeuri¬ 
tiden  stehen  an  Häufigkeit  die  mit  dem  vorwiegenden  Schmerzsym¬ 
ptom,  also  die  Neuralgien,  wohl  voran;  sie  sind  bereits  bei  Bespre¬ 
chung  der  Ischias,  der  Meralgie,  der  Quintus-  und  Okzipitalneuralgie 
usw.  behandelt  worden.  Jede  Neuralgie  eines  rein  sensiblen  oder  ge¬ 
mischten  Nerven  kann  auch  durch  eine  Neuritis  bedingt  sein  (wobei 
den  sehr  fraglichen  Charakter  der  echten  Entzündung  und  seine  kli¬ 
nische  Feststellbarkeit  hier  zu  diskutieren,  zu  weit  führen  würde). 

Nicht  jede  Neuritis  eines  gemischten  Nerven  aber  führt  zum 
Schmerz,  zur  Neuralgie.  Es  ist  sogar  auffallend,  eine  wie  geringe 
Rolle  Schmerzen  und  andere  sensible  Störungen  bei  vielen  Neuritiden 
spielen  können. 

Der  Häufigkeit  nach  steht  unter  den  Mononeuritiden  die  periphere 
Fazialislähmung  an  erster  Stelle.  Allermeist  ist  sie  „rheumatischer“, 
d.  i.  unbekannter  Genese,  seltener  durch  eitrige,  oder  kariöse  Prozesse 
im  Felsenbein,  Affektionen  der  Gehirn-  oder  Schädelbasis,  Lues  oder 
Trauma  bedingt.  Zumeist  tritt  sie  einseitig  auf.  Plötzlich  „über 
Nacht"  ist  sie  da;  Kopf-,  Ohren-  oder  Gesißhtsschmerzen  können  sie 
begleiten,  oft  auch  fehlen.  Im  Gegensatz  zur  zerebralen  (supranukle¬ 
aren)  Lähmung  sind  alle  Aeste  des  Nerven,  d.  i.  auch  die  der  Stirn 
und  des  Augenschliessmuskels,  befallen.  Alle  Muskeln  sind  anfangs 
meist  total  gelähmt;  besonders  auffallend  wird  die  Störung  beim 
Lachen,  beim  Versuch  des  Augenschlusses,  des  Pfeifens  usw.  Bis¬ 
weilen  (je  nach  Lokalisierung  im  Nerven,  die  aber  für  die  Praxis 
nicht  von  Belang  ist)  sind  Tränen-  und  Speichelsekretion,  Geschmack 
und  Gefühl  der  Zunge  und  Gehörfunktion  (Hyperakusis)  mitbeteiligt. 
Die  Prognose  richtet  sich  bis  zu  einem  gewissen  Grade  nach  dem 
Ausfall  der  elektrischen  Prüfung:  komplette  Entartungsreaktion  (ER.) 
mahnt  zur  Skepsis,  leichte  Grade  der  partiellen  ER.  erlauben  einen 
(vorsichtigen)  Optimismus.  Der  Praktiker  kann  die  Reaktion  im  Not¬ 
fall  mittels  faradischer  Prüfung  allein  vornehmen:  sind  Muskeln  und 
Nerven  faradisch  völlig  unerregbar,  besteht  sicher  ER.,  d.  i.  schlechte 
oder  unsichere  Prognose. 

In  günstigen  Fällen  heilt  die  Fazialislähmung  in  5 — 6  Wochen,  in 
schwereren  braucht  sie  Monate,  in  vielen  Fällen  bleiben  Reste  (selten 
komplette  Lähmung)  dauernd,  zumeist  durch  Kontraktur  der  betref- 
[enden  Muskeln  etwas  korrigiert  werdend.  Dazu  gesellen  sich  Mit¬ 
bewegungen  oft  unschöner  Art. 

Die  Behandlung  ist  (m  Anfang  antirheumatisch  (Salizylate, 
Schwitzen,  Warmhaltung  der  Seite).  Später  galvanisiere  man  mit  der 
Kathode  stabil  (3 — 4  MA.)  und  labil  (5 — 6  MA.).  Hier  ist  m.  E.  die 
herrschende  elektrotherapeutische  Skepsis  nicht  am  Platze.  Ausser¬ 
dem  schütze  man  das  ungenügend  geschlossene  Auge.  In  allen  Fällen 
mache  man  die  Wassermannreaktion.  Luetische  Fälle  sind  häufiger 
als  man  glaubt,  sowohl  spontane,  wie  (seltener)  als  Neurorezidiv  auf¬ 
tretende.  Differentialdiagnostisch  kommt  nur  die  Kernlähmung  des 
Fazialis  in  Betracht,  die  zumeist  den  Abduzens,  oft  an  dem  Kerne,  und 
auch  die  kortikospinale  Bahn  mit  beteiligt.  Die  zerebrale  Fazialis¬ 
lähmung  verschont  Stirn-  und  Augenschliessmuskeln  (nach  Auf¬ 
hören  des  ersten  Schocks)  meist  völlig. 

Als  Mononeuritis  kann  auch  die  Bleilähmung  auftreten:  in  Ge- 
stalt  der  oft  ausschliesslichen  Radialislähmung,  bei  der  das 
häufige  Verschontbleiben  der  M.  supinator  longus  und  triceps  und  der 
diesen  Nerven  entsprechenden  Gefühlsfunktion  auffällt.  Oft  ist  die 
Lähmung  doppelseitig,  selten  befällt  sie  auch  andere  Muskelgruppen, 
z.  B.  des  N.  ulnaris,  medianus,  axillaris,  so  dass  eine  Polyneuritis 
saturnina  resultiert.  Schlaffe  Lähmung,  Muskelatrophie,  elektr.  ER., 
fibrilläre  Zuckungen  sind  konstant.  Nicht  selten  sind  inkomplette 
Lähmungen  oder  nur  leichte  Parasen,  z.  B.  nur  einzelner  Finger¬ 
strecker;  ausgedehnte  neue  Untersuchungen  unter  Bleiarbeitern 
zeigen  die  grosse  prozentuale  Häufigkeit  der  letzteren. 

Meist  bestehen  auch  andere  Bleisymptome,  vor  allem  Bleikolik 
und  -Obstipation,  Bleigicht,  seltener  die  Zeichen  der  Enzephalitis 
(Krämpfe,  zerebrale  Lähmungen). 

Die  Bleilähmung  kommt  sowohl  bei  allen  gewerblichen,  wie  bei 
zufälligen  Intoxikationen  vor;  man  beachte  ihre  Möglichkeit  auch  bei 
Steckschussträgern!  Die  Diagnose  wird  durch  die  Anamnese,  den 
Bleisaum  am  Zahnfleisch,  die  (nur  in  frischen  Fällen  nachweisbaren) 
basophil  getüpfelten  Erythrozyten,  bisweilen  durch  den  Bleinachweis 


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MÜNCHENER  MEDIZINISCHE^  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  27. 


im  Liquor  gestellt.  Die  Prognose  wird  durch  die  Möglichkeit  kom¬ 
plizierter  Bleianämie,  Nephritis  und  Enzephalitis  getrübt.  Auch  die 
Neigung  zu  sekundären  Psychoneurosen  (Hysterie)  haftet  der  Blei- 
intoxikation  an,  soweit  sie  entschädigungspflichtig  ist  (N  a  e  g  e  1  i). 

Es  gibt  auch  seltene  saturnine  Psychosen. 

Sitz  der  Bleilähmung  ist  nicht  nur  der  periphere  Nerv,  sondern 
wahrscheinlich  das  ganze  periphere  Neuron;  sicher  ist  die  Mitbeteili- 
gung  der  Meningen. 

Die  Therapie  erfordert  grösste  Vorsicht  und  Sauberkeit  bei 
der  betreffenden  Arbeit  (organisierte  Prophylaxe  in  den  Betrieben!), 
eventuell  Wechsel  des  Berufes,  der  in  schweren  Fällen  unbedingt  not¬ 
wendig  ist;  bei  nichtgewerblichen  Intoxikationen  suche  und  beseitige 
man  ihre  Quelle.  Medikamentös  gebe  man  Jod  in  mittleren  Dosen 
und  lasse  Schwefelbäder  nehmen.  Mit  der  operativen  Beseitigung 
von  Bieisteckschüssen  sei  man  vorsichtig;  ich  sah  nach  derselben 
akute  Exazerbation  der  Bleivergiftung  und  Tod. 

Zu  den  Mononeuritiden  gehören  auch  die  vielzitierten,  aber  im 
ganzen  seltenen  professionellen  Lähmungen  gewisser  ständig  über¬ 
anstrengter  oder  gedrückter  oder  sonstwie  irritierter  Nervmuskel¬ 
gebiete  (Hand-Unterarmlähmung  der  Trommler,  Krautschneider,  Gold¬ 
polierer,  Zigarrenwickler,  Feilenhauer,  Ruderer,  Xylographen,  Fräse¬ 
arbeiter  usw.).  Zu  diesen  gesellen  sich  auch  die  kombinierten  Plexus¬ 
lähmungen  des  Erb  sehen  oder  K 1  u  m  p  k  e  sehen  Typus  meist  in¬ 
folge  berufsmässiger  Kompression  des  Armnervengeflechts  über  dem 
Schlüsselbein  (z.  B.  bei  Stein-,  Kraxen-,  Baum-  und  anderen  Last¬ 
trägern)  und  die  Lähmungen  der  Tibialis-  und  Peroneusmuskeln  bei 
Arbeitern  in  kniender  Stellung  (Rüben-  und  Kartoffelbuddler  usw.), 
oder  bei  entsprechenden  Ueberanstrengungen  (z.  B.  Nähmaschinen¬ 
arbeiter!).  Schmerzen  sind  stets  vorhanden,  desgleichen  oft  Para- 
ästhesien,  selten  richtige  Hypästhesien.  Die  Muskelatrophien  sind 
meist  gering.  Komplette  ER.  ist  sehr  selten,  meist  ist  sie  nur  an¬ 
gedeutet. 

Viele  Fälle  sind  sicher  rein  myositischen,  die  Mehrzahl  aber  doch 
wohl  echt  neurogenen  Ursprungs.  Progagiert  werden  sie  durch  gleich¬ 
zeitigen  Alkoholismus,  Nikotinismus,  Unterernährung  (Avitami- 
nosen!)  u.  a.  m. 

Die  Therapie  besteht  im  zeitlichen  oder  dauernden  Aufgeben 
der  schädigenden  Tätigkeit,  Ruhe,  Wärme,  Galvanisation  und  Mas¬ 
sage.  Die  Prognose  ist  meist  auffallend  gut.  Heilung  in  wenigen 
Wochen  ist  häufig.  ' 

Mononeuritis  kann  auch  durch  örtliche  Erfrierungen  (auch 
professionelle)  entstehen,  wie  ich  bei  Eisarbeitern  u.  a.  sah;  auch  im 
Felde  hat  man  derartiges  oft  gesehen  (v.  S  a  r  b  o  u.  a.). 

Die  Polyneuritis  ist  zumeist  durch  infektiöse  oder  toxi¬ 
sche  Schädigungen  bedingt;  kennt  man  diese  nicht,  nennt  man 
sie  —  unnötigerweise  —  „idiopathisch“.  Von  den  ersteren  sei  als 
häufigste  und  darum  als  treffendes  Beispiel  für  die  ganze  Gruppe  ge¬ 
nannt:  die  postdiphtherische  Polyneuritis.  Sie  ist  recht  häufig  in  ge¬ 
ringer  Ausbildung  (Beschränkung  auf  Gaumensegel-  und  Akkommo¬ 
dationslähmung).  Dazu  treten  leichte  Paresen  und  Koordinations¬ 
störungen  mit  Abschwächung  der  Sehnenreflexe  an  den  Beinen.  In 
schwereren  Fällen  kommt  es  zu  ausgesprochener  Areflexie  und  Läh¬ 
mungen  an  Beinen  und  Armen,  die  besonders  die  Peroneusgruppe, 
und  das  Ulnaris-Medianusgebiet  bevorzugen.  Es  können  aber  auch 
die  Muskeln  des  Stammes  gelähmt  werden;  bisweilen  tritt  die  Läh¬ 
mung  sogar  vorzugsweise  in  denjenigen  des  Rückens  und  des  Schul¬ 
ter-  und  Beckengürtels  auf.  Die  motorischen  und  sensiblen  Hirn¬ 
nerven  bleiben  meist  ganz  verschont;  Augenmuskellähmungen  sind 
selten.  Blase-  und  Mastdarmlähmungen  kommen  —  selten  —  vor. 
Besonders  gefährlich  quoad  vitam  sind  die  Schluck-  und  Atemmuskel¬ 
lähmungen.  Die  Sensibilität  ist  fast  nie  intakt;  ihre  Störungen  sind 
aber  meist  gering,  schwer  abgrenzbar.  Schmerzen  fehlen  sehr  oft. 

Die  diphth.  Polyneuritis  tritt  meist  im  fieberlosen  Stadium,  d.  i. 
8 — 14  Tage  nach  Krankheitsbeginn,  auf  (also  zugleich  mit  der  Myo¬ 
karditis,  die  sie  ungemein  häufig  begleitet)  und  dauert  bis  zur  —  meist 
komplett  eintretenden  —  Heilung  5—10  Wochen,  in  schweren  Fällen 
auch  viele  Monate  lang.  Restlähmungen  sind  sehr  ungewöhnlich 
(z.  B.  an  den  Augenmuskeln,  Ptose!).  Die  Prognose  wird  durch 
die  obengenannten  speziellen  Lokalisationen  und  ganz  besonders 
durch  die  begleitende  Myokarditis  getrübt,  besonders  bei  kleinen 
Kindern.  Schwerste  diffuse  Polyneuritis  mit  Atemlähmung  kommt 
aber  gerade  bei  Erwachsenen  relativ  häufiger  vor. 

Bezüglich  der  anatomischen  Lokalisation  sei  bemerkt  —  was  für 
die  meisten  anderen  Polyneuritiden  auch  gilt  — ,  dass  nicht  nur  der 
periphere  Nerv  entzündlich  und  degenerativ  verändert  ist,  sondern 
auch  die  Wurzeln  und  die  spinalen  Meningen.  Dies  kommt  durch 
die  —  scheinbar  der  Polyneuritis  pathognomonische  —  erhebliche  Ei¬ 
weissvermehrung  bei  geringer  Pleozytose  des  Liquor  cerebr.  zum 
Ausdruck.  Man  hat  deshalb  das  Leiden  als  primäre  Radikulitis  ge¬ 
deutet. 

Therapeutisch  hat  das  Di-heilserum  keine  vorbeugende 
Wirkung  auf  die  Polyneuritis;  seine  heilende  (i  n  t  r  a  1  u  m  b  a  1  e)  An¬ 
wendung  (B  i  n  g  e  1)  wird  angenommen.  Grösste  Ruhe,  vorsichtige 
Massage  und  Galvanisation  sind  angezeigt.  Ob  Strychnin  hilft,  ist 
sehr  fraglich.  Wir  verordnen  es  wohl  mehr  aus  Gewohnheit,  als  aus 
Ueberzeugung. 

Aehnliche  Formen  der  Polyneuritis  (mit  Ausnahme  von  Gaumen¬ 
segel-  und  Akkommodationsparese)  können,  wenn  auch  viel  seltener, 
andere  Infekte,  Typhus,  Grippe,  Ruhr,  Erysipel,  Purpura, 


Sepsis,  Tuberkulose,  Malaria,  Lues  u. a.,  erzeugen.  Beim. 
Typhus  hat  man  sie  noch  relativ  am  häufigsten  gesehen.  Sie  können  — 
im  Gegensatz  zur  Di.  —  bisweilen  mit  psychischen  Störungen  des- 
K  o  r  s  a  k  o  f  f  sehen  Typs  (s.  u.)  verlaufen;  besonders  bei  Typhus  und 
Grippe  sah  ich  das.  Die  Therapie  ist  die  gleiche  wie  bei  Di.,  die  Pro¬ 
gnose  meist  besser  wegen  des  Fehlens  der  Schlinglähmung,  der  Sel¬ 
tenheit  der  Atemlähmung  und  des  Fehlens  der  Myokarditis. 

Auch  Autointoxikationen  (Diabetes,  Gicht,  Karzinom¬ 
kachexie)  können  bisweilen  Polyneuritis  erzeugen.  Häufiger  dürfte 
es  sich  dabei  um  funikuläre  Myelitis  handeln.  Auch  die  Arterioskle¬ 
rose  führt  manchmal  zu  neuritischen  Lähmungen  (besonders  an  den 
Beinen),  die  bisweilen  mit  den  Zeichen  der  arteriosklerotischen  Dys- 
basie  (Verlust  der  Fusspulse)  vereinigt  sind.  Uebrigens  kommen  ähn¬ 
liche,  nur  gutartigere  Gefässstörungen  (Spasmen?)  nach  meiner  Er¬ 
fahrung  auch  bei  postinfektiöser  Polyneuritis  (besonders  bei  Typhus) 
vor.  In  seltenen  Fällen  verlaufen  auch  die  Gravidität  und  das  nor¬ 
male  Puerperium  mit  einer  Polyneuritis  wiederum  besonders  in  den 
Beinen.  Es  handelt  sich  dabei  wohl  um  eine  echte  loxonose  (Syn- 
zytiolysine  oder  ähnliche  Gifte?).  Ihre  Prognose  ist  meist  besonders- 
gut.  Sie  kann  aber  bei  jeder  Gravidität  rezidivieren.  Auch  grosse 
Ueberanstrengungen  und  Strapazen  hat  man  während  des 
Krieges  als  Ursache  von  Polyneuritis  beschuldigt. 

Viel  häufiger  sind  Polyneuritiden  durch  exogene  Gifte. 
Neben  dem  bereits  erwähnten  Blei  spielt  der  Alkohol  die  weitaus¬ 
wichtigste  Rolle.  Geringe  Grade  der  Affektion  sind  bei  Trinkern  ausser¬ 
ordentlich  häufig.  Sie  äussern  sich  z.  B.  in  Wadenkrämpfen,  „rheu¬ 
matischen“  Schmerzen  und  dem  geradezu  pathognoinonischen  Verlust 
der  Achillessehnenreflexe.  In  schwereren  Fällen  werden  besonders  Ra- 
dialis-,  Ulnaris-,  Medianus-  und  Peroneusgebiet  befallen.  Hirnnerven- 
beteiligung  ist  sehr  selten.  Bisweilen  sahen  Nonne  und  i  c  h  echte 
Lichtstarre  der  Pupillen  dabei.  Blase  und  Mastdarm  bleiben  ver¬ 
schont.  Die  Sensibilität  ist  häufiger  gestört  als  bei  infektiösen  Fällen. 
Schmerzen,  Parästhesien  und  Hypästhesien  an  den  Beinen  fehlen 
selten. 

Besonders  oft  tritt  die  Alkoholpolyneuritis  mit  gröberen  atakti¬ 
schen  Geh-  und  Greifstörungen  auf:  „Pseudotabes  periphe¬ 
rica“;  ähnliches,  wenn  auch  seltener  sehen  wir  ja  auch  nach  Diph¬ 
therie.  In  solchen  Fällen  sollen  besonders  ausgeprägte  Störungen 
der  Tiefensensibilität  (der  Bewegungsgefühle)  vorhanden  sein,  die 
Paresen  sehr  zurücktreten.  (Nach  meinen  Erfahrungen  sind  auch  bei 
ihnen  stets  gröbere  Lähmungen  nachweisbar.  Wie  oft  wird  para¬ 
lytischer  Steppergang  mit  tabischem  Schleudern  verwechselt!)  Bei 
diesen  pseudotabischen  Formen  ist  der  (oben  erwähnte)  krankhafte 
Liquorbefund  besonders  ausgesprochen,  eine  prädilektorische  Beteili¬ 
gung  der  Hinterwurzeln  also  recht  wahrscheinlich. 

Oft  verläuft  die  Alkohollähmung  mit  toxisch  verursachter  Epi¬ 
lepsie  und  nicht  selten  mit  der  polyneuritischen  K  o  r  s  a  k  o  f  f  sehe» 
Psychose,  die  sich  vor  allem  in  hochgradigen  Merkfähigkeitsdefekten 
mit  entsprechenden,  oft  scharf  umrissenen  Erinnerungslücken  und 
starker  Neigung  zur  konfabulatorischen  Ausfüllung  und  Korrektur  der¬ 
selben  kennzeichnet.  Diese  Psychose  ist  langwierig  und  heilt  oft  nur 
mit  Defekt.  Natürlich  können  auch  alkoholisches  Delirium  oder 
Demenz  (Pseudoparalyse)  zu  einer  Polyneuritis  treten. 

Die  Prognose  ist  nicht  absolut  günstig.  Bei  völliger  Absti¬ 
nenz  können  die  Lähmungen  in  einigen  Wochen,  oft  erst  nach  Mo¬ 
naten  heilen;  Restlähmungen,  besonders  im  Peroneusgebiet,  sind,  aber 
nicht  allzu  selten.  Es  gibt  auch  hier  stürmische  akute,  wie  eine 
L  a  n  d  r  y  sehe  Paralyse  verlaufende  Fälle,  deren  rein  alkohologener 
Charakter  zweifelhaft  ist),  die  infolge  Atem-  und  Vaguslähmung  rasch 
letal  verlaufen.  Bei  Rückfall  in  die  Trunksucht  kann  die  Neuritis- 
rezidivieren.  Die  Therapie  heisst  demgemäss:  dauernde  Absti¬ 
nenz;  ausserdem  hat  sie  alles  zu  berücksichtigen,  was  bereits  oben¬ 
erwähnt  wurde.  ' 

Neuerdings  hat  man  besonders  schwere  akute  Intoxikationen  von- 
Methylalkohol  gesehen,  die  aber  selten  einen  polyneuritischen 
Charakter  haben  und  vor  allem  mit  Amblyopie  oder  Amaurose  ver- 
laufen. 

Seltener,  als  der  Alkohol,  erzeugen  Schwefelkohlenstoff  (bei  Gum- 
mifabrikarbeitern),  Arsen  bzw.  Salvarsan,  Nikotin  (bei  Rauchern  so¬ 
wohl,  wie  bei  Tabakarbeitern),  Kohlenoxyd,  Morphium,  Kokain, 
Quecksilber  (bei  Zinnober-,  und  Spiegelarbeitern!),  vielleicht  auch 
Kupfer,  Antimon.  Zink,  Schlafmittel  verschiedener  Art  u.  a.  m.  Poly¬ 
neuritiden.  Zum  Teil  haben  diese  verschiedenen  Formen  individuelle 
Züge;  im  ganzen  ähneln  sie  aber  doch  der  Alkoholpolyncuritis,  ohne 
aber  deren  spezifische  psychische  Züge  zeigen.  Andere,  vor  allem 
die  Schwefelkohlenstoffintoxikationen,  haben  wieder  eigene  psycho¬ 
tische  Syndrome,  die  bald  hysteriform,  bald  mehr  als  Amentia,  Manie¬ 
oder  katatonieähnlich  auftreten.  Bei  der  Nikotinneuritis  seien  die 
Sehstörungen  (Neuritis  retrobulbaris  u.  a.)  hervorgehoben,  bei  der  Ar¬ 
seniklähmung  ihr  relativ  häufiges  Auftreten  als  „periphere  Pseudo¬ 
tabes“  und  ihre  dermatitischen  Komplikationen. 

Ganz  im  allgemeinen  sei  bemerkt,  dass  die  Prognose  dieser  toxi¬ 
schen  Polyneuritiden,  wie  bei  Alkohol  und  Blei,  von  der  Entziehung- 
der  Giftaufnahme  abhängt  und  darum  meist  nicht  ungünstig  ist. 

Von  Bedeutung  sind  endlich  neuerdings  die  polyneuritischen  Syn¬ 
drome  der  Avitaminosen  geworden,  die  in  Deutschland  nicht, 
dagegen  in  tropischen  und  subtropischen  Gegenden  Vorkommen.  Ihr 
Hauptvertreter  ist  die  endemische  Polyneuritis  B  e  r  b  e  r  i,  in  Ja¬ 
pan  Kakke  genannt.  Es  ist  zwar  nicht  sicher,  ob  es  nicht  auch  eine- 


6.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


883 


infektöse  Form  bzw.  Komponente  des  Leidens  gibt.  Zumeist  wird  es 
jedoch  als  Avitaminose  gedeutet.  Man  nimmt  an,  dass  der  einseitige 
Genuss  von  enthülsten,  „polierten“,  d.  i.  seines  Silberhäutchens  be¬ 
raubten  Reises  sie  verursacht.  Das  „antineuritische  Vitamin“  steckt 
eben  nach  C.  Funks  Untersuchungen  in  dem  Silberhäutchen  des 
Reises,  der  Milch,  Gehirn  und  anderen  Substanzen,  mittels  deren  Zu¬ 
fuhr  cs  auch  gelingt,  experimentelle  Vogelberiberi  glatt  zu  heilen. 
Abgesehen  von  der  akuten  und  schwersten  kardio-vaskulären  Form, 
bei  der  es  scheinbar  nicht  zur  Ausbildung  der  Polyneuritis  kommt, 
findet  man  diese  ausgesprochen  sowohl  in  der  sensibel-motorischen 
Form,  sowie  deren  Folge,  der  trockenen  atrophischen  Form  der  Poly¬ 
neuritis.  Bei  der  ersteren  kommt  es  zu  Schmerzen,  Paresen  und 
leichten  Oedemen  der  Beine,  bei  der  letzteren  zu  atropischen  Läh¬ 
mungen  an  den  Unterschenkeln,  seltener  den  Händen.  Im  Endstadium 
treten  starke  Oedeme  dazu.  In  den  Nerven  überwiegen  die  degene- 
rativen  Veränderungen  vor  den  entzündlichen.  Die  Prognose  ist  zu¬ 
meist  günstig;  es  können  aber  Restparesen  und  -kontrakturen  Zurück¬ 
bleiben.  Die  Therapie  hat  neben  den  üblichen  Massnahmen  vor  allem 
das  fehlende  Vitamin  zuzuführen.  In  ihnen  liegt  auch  die  Prophylaxe 
des  Leidens.  Auch  die  Pellagra,  ebenfalls  eine  vorwiegende  Avi¬ 
taminose  (Mais!),  kann  bisweilen  mit  vorwiegend  polyneuritischen 
Symptomen  verlaufen.  Dasselbe  gilt  auch  von  der  Lepra. 

Es  sei  übrigens  nachgetragen,  dass  alle  schweren,  akuten  Poly¬ 
neuritiden  zuweilen  auch  mit  hohem  Fieber  verlaufen  können.  Auch 
trophische  und  vasomotorische  Symptome  kommen  ge¬ 
legentlich  bei  allen  Formen  vor,  z.  B.  Zyanose,  Hyperämie,  Hautatro¬ 
phien.  Abschilfern  der  Haut,  Glanzhaut.  Herpesausschläge,  Petechien, 
vor  allem  aber  neurogene  Oedeme.  Die  letzteren  treten  besonders 
im  Beginn  schwerer  Lähmungen  auf  und  können  sehr  hartnäckig  sein. 
In  selteneren  Fällen  kann  auch  eine  allgemeine  Dermatomyositis  mit 
neuritischen  Symptomen  verbunden  sein. 

Endlich  sei  noch  der  Landryschen  aufsteigenden  (seltener  abstei¬ 
genden)  Paralyse  gedacht,  die  in  manchen  Fällen  als  Polvneuritis  ge¬ 
deutet  wird,  in  anderen  aber  als  Verlaufsform  einer  Poliomyelitis, 
wahrscheinlich  auch  einer  epidemischen  Enzephalomyelitis  (gripposa). 
In  schweren  Fällen  verläuft  sic  unter  Fieber  und  entsprechenden  All¬ 
gemeinerscheinungen,  beginnt  an  den  Beinen,  aszendiert  am  Stamm 
und  ergreift  zum  Schluss  Arme,  Atemmuskulatur,  bisweilen  die  Hirti- 
nerven.  besonders  das  Bulbärgcbiet.  Solche  Kranke  sterben  oft  nach 
wenigen  Tagen  an  Atemlähmung  (mit  und  ohne  Pneumonie).  Leich¬ 
tere  Fälle  können  genesen.  Die  Gefühlsphäre  ist  meist  wenig  beteiligt; 
Schmerzen  fehlen  oft.  können  aber  in  Fällen  mit  meningitischem  Ein¬ 
schlag  auch  heftig  sein. 

Auch  bei  den  meisten  La  ndry  fällen  findet  sich  ein  positiver 
Liquorbefund  (Pleozytose,  Eiweissvermehrung  usw.),  der  darauf  hin¬ 
weist.  dass  neben  den  peripheren  Nerven  auch  Meningen  und  Wurzeln 
erkrankt  sind.  Die  Aetiologie  ist  sicher  nicht  einheitlich.  Ausser  der 
Heine-Medin  sehen  Krankheit  und  der  epidemischen  Enzepha¬ 
litis  können  auch  andere  Infekte  (z.  B.  Typhus,  Pneumokokken  u.a.) 
das  Syndrom  erzeugen. 

Die  Therapie  erfordert  in  Fällen  mit  meningitischem  Einschlag 
Lumbalpunktionen,  im  übrigen  Salizylate  oder  Urotropin,  grösste 
Ruhe  und  Pflege  (Vorbeugung  des  Verschluckens!),  vor  allem  aber 
Ueberwachung  der  Atmung,  bei  deren  Erschwerung  künstliche  At¬ 
mung  und  Sauerstoffinhalationen,  am  Platze  sind.  Später  sind  elek¬ 
trische  und  Massageprozeduren  auch  hier  angezeigt. 

Soziale  Medizin  und  Hygiene. 

Schularzt  und  Vererbungslehre. 

Von  Stadtschularzt  Dr.  Weide.  Kinderarzt  in  Leipzig. 

Jeder  Schul-  und  Fürsorgearzt,  Berater  von  Eltern,  jungen  Müt¬ 
tern,  Schwangeren,  Ehestandsaspiranten,  Berufsberater  und  Erzieher 
sollte  sich  umgehend  so  gründlich  wie  möglich  mit  der  Lehre  von  der 
Vererbung  vertraut  machen,  um  weitsichtiger  und  besser  als  bisher 
Kinderfürsorge  im  Sinne,  rechtzeitiger  Vorsorge  treiben  zu  können. 
Wer  sich  erst  einmal  die  Mühe  genommen  hat,  sich  mit  diesem  Stoff 
etwas  zu  beschäftigen,  den  lässt  er  einfach  nicht  wieder  los.  Man 
bekommt  dadurch  Unterlagen  für  die  ganze  Fürsorgetätigkeit,  die 
einem  viel  besser  begründet  erscheinen  als  viele  bisherige.  Und  was 
das  Erstaunlichste  und  Erfreulichste  ist,  man  stösst  dabei  auf  grosses 
Verständnis  in  der  Laienwelt,  die  bekanntlich  den  bisherigen  Begrün¬ 
dungen  über  Ziel,  Zweck  und  Nutzen  der  Fürsorge  oft  vollständig 
verständnislos  und  abgeneigt  gegenüberstand,  wie  ich  das  in  einer 
sehr  ausgedehnten  populären  Lehrtätigkeit  in  allen  Bevölkerungs¬ 
schichten  der  Grossstadt,  der  Kleinstadt,  des  Industriezentrums  und 
des  Bauerndorfes  immer  wieder  zu  meinem  Aerger  erlebt  habe.  Seit¬ 
dem  ich  mich  mit  den  Grundlagen  der  Vererbungslehre,  der  Familien¬ 
forschung,  der  Rassenhygiene  u.  ä.  etwas  vertraut  gemacht  habe  und 
sie  mit  zugrunde  lege,  habe  ich  viel  weniger  Schwierigkeiten,  auch 
an  die  einfacheren  Gemüter  heranzukommen,  denen  Sterbl ichkeits- 
und  Erkrankungsstatistiken  und  ähnliche  schöne  Sachen  vollständig 
gleichgültig  waren.  Mit  den  Lehren  von  der  Vererbung,  der  Rassen¬ 
hygiene  usw.  stösst  man  offenbar  beim  Volke,  besonders  beim  Tier¬ 
zucht  treibenden  Landvolk,  auf  alte  volkstümliche  Erfahrungen  und 
eigene  Beobachtungen,  die  ihm  nun  auch  im  modernen  wissenschaft¬ 
lichen  Gewände  einleuchten.  Ich  bin  z.  B.  nirgends  auf  Abneigung 


und  Widerstand  gestossen  mit  der  (von  jeher  vertretenen)  Forde¬ 
rung,  Fürsorge  zuerst  den  gesund  veranlagten  lebens-  und  entwick¬ 
lungsfähigen  Kindern  angedeihen  zu  lassen,  erst  in  zweiter  Linie 
(falls  dafür  noch  Mittel  vorhanden  sind)  den  kranken  und  minder¬ 
wertigen.  Auch  die  Ausführungen  darüber,  dass  eine  der  besten  und 
sichersten  Grundlagen  der  Kindererziehung  in  geeigneter  Gattenwahl 
besteht,  hat  allseits  das  Verständnis  der  Eltern-  und  Lehrerschaft  ge¬ 
funden.  Gerade  als  Schulärzte  haben  wir  ja  heute  in  den  Eltern-  und 
Lehrerversammlungen  mehr  denn  je  Gelegenheit,  über  solche  Dinge 
zu  sprechen,  und  wir  sollten  gerade  diesen  Teil  der  Aufklärung 
eifrigst  pflegen.  Aber  noch  in  einem  anderen  Zusammenhang  müssen 
wir  Schulärzte  uns  um  die  Vererbungslehren  kümmern,  den  ich  bitte, 
ganz  kurz  skizzieren  zu  dürfen. 

Die  schulärztliche  Untersuchung  und  Begutachtung  der  Schul¬ 
kinder  erfolgt  heute  wohl  fast  überall  nach  zwei  Richtungen.  Erstens 
versucht  man  den  allgemeinen  Gesundheitszustand  festzustellen,  zwei¬ 
tens  sucht  man  nach  konstitutionellen  oder  organischen  Fehlern.  Zur 
Beurteilung  der  körperlichen  Allgemeinbeschaffenheit  wird  ausser 
dem  sichtbaren  Fettpolster  Fülle  und  Tonus  der  Muskulatur,  Farbe 
und  Turgor  der  Haut  und  Schleimhäute  sowie  der  sonstige  Allge¬ 
meineindruck  (besonders  auch  der  ganzen  Körperhaltung)  berück¬ 
sichtigt.  Schriftlich  (zum  Zwecke  der  Statistik)  zusammengefasst 
wird  dieses  immerhin  aus  vielen  und  ätiologisch  unter  Umständen 
recht  verschieden  bedingten  Einzeleindrücken  entstehende  Gesamt¬ 
bild  in  die  lapidaren  Worte  „gut“,  „mittel“,  „schlecht“,  bzw.  I.  II,  III. 
Das  ergibt  schöne,  imponierende,  leicht  übersehbare  Statistiken,  die 
für  bestimmte  Zwecke  (z.  B.  Speisungsbedürftigkeit  u.  dergl.)  oder  für 
Propagandaschriften  leidlich  brauchbar  und  genügend  sein  mögen. 
Mir  hat  dieses  Bestreben,  einen  lebenden  menschlichen  Organismus, 
vollends  einen  noch  in  der  Entwicklung  begriffenen  jugendlichen,  in 
eine  dieser  drei  Rubriken  hineinzwängen  zu  müssen,  von  jeher  wider¬ 
strebt  (wenngleich  ich  seine  teilweise  Brauchbarkeit  nicht  verkenne). 
Man  hat  nun  geglaubt,  die  Beurteilung  des  kindlichen  Organismus 
auf  „exaktere“  Grundlagen  stellen  zu  müssen,  und  deshalb  Körper¬ 
länge  und  Gewicht  festgestellt.  Gewiss  lässt  sich  aus  diesen  beiden 
Befunden  und  ihren  Wechselbeziehungen  manches  Interessante  her¬ 
auslesen.  Aber  das,  was  uns  am  lebenden  Menschen  am  meisten  inter¬ 
essieren  sollte,  nämlich  seine  Leistungsfähigkeit,  geht  daraus  m.  E. 
keineswegs  genauer  hervor  als  aus  der  allgemeinen  Betrachtung.  Es 
fehlt  uns  bis  heute  (trotz  aller  Indizes)  eben  immer  noch  ein  ein¬ 
facher  Maassstab  für  die  Gesundheit  und  Leistungsfähigkeit  des  kind¬ 
lichen  Körpers.  Die  zweite  Untersuchungsrichtung,  die  Feststellung 
organischer  oder  sonstiger  Fehler,  bewegt  sich  vollends  in  negativer 
Richtung  und  ist  zudem  vielerlei  Fehlschlüssen  ausgesetzt.  Ein  Kind 
mit  Skoliose,  Herzfehler  und  dergleichen  ist  oft  im  ganzen  viel  lei¬ 
stungsfähiger  als  ein  anderes  ohne  jeden  organischen  Fehler.  Beim 
Erwachsenen  haben  wir  das  an  den  verschiedenartigen  Kriegsteil¬ 
nehmern  wieder  mit  Erstaunen  gesehen.  Wir  sind  also  noch  immer  in 
der  unangenehmen  Lage,  bei  unseren  Schulkindern  zwar  feststellen  zu 
können,  was  ihnen  alles  fehlt,  aber  nicht,  was  sie  eigentlich  nositiv  an 
Gesundheit  (=  Anpassungsfähigkeit),  Kraft  und  Leistungsfähigkeit  in 
sich  haben.  Und  gerade  heute  in  unserer  vaterländischen  Not  sollten 
wir  mit  erneuten  Kräften  dieses  ungeheuer  wichtige  Problem  zu  lösen 
suchen.  Wir  sehen  aus  unseren  bisherigen  schulärztlichen  Unter¬ 
suchungen,  wieviel  mehr  oder  weniger  kranke,  dürftige  und  fürsorge¬ 
heischende  Kinder  wir  in  Deutschland  haben,  und  sehen  die  Zahlen 
täglich  ansteigen.  Wir  haben  aber  tatsächlich  keine  Ahnung  davon, 
welche  Summe  von  Gesundheit  und  Kraft  sich  in  den  übrigen  Kindern 
verkörpert.  Wir  reden  dauernd  von  Wiederaufbau  und  hoffen  dabei 
vorwiegend  auf  die  nächsten  Generationen  und  wissen  gar  nicht,  mit 
welchen  Kräftemassen  und  -zahlen  wir  ungefähr  werden  rechnen 
dürfen.  Die  ganze  Frage  nach  dem  möglichst  einfach  feststellbaren 
Maassstab  für  die  Gesundheit  und  Leistungsfähigkeit  unserer  .Tugend 
ist  also  brennender  denn  je.  Und  da  geben  uns  m.  E.  die 
neueren  Lehren  der  Vererbung' und  der  Familien¬ 
forschung  ausgezeichnete  Hilfsmittel  an  die  Hand, 
der  Lösung  dieses  Problems  n  ä  herzu  kommen. 

Wir  müssen  uns  abgewöhnen,  das  zu  beurteilende  Schulkind  als 
isoliertes  Einzelindividuum  zu  betrachten  und  müssen  besser  lernen, 
es  als  Glied  einer  nach  oben  (Ahnen)  und  seitlich  (Geschwister)  ver¬ 
laufenden  Kette  von  Gliedern  zu  betrachten,  die  auf  seine  Beschaf¬ 
fenheit  von  entscheidendem  Einfluss  gewesen  sind  und  deren  Be¬ 
trachtung  uns  deshalb  wertvolle  Aufschlüsse  geben  kann.  Die  Herren 
Kollegen  brauchen  nicht  zu  erschrecken  und  zu  fürchten,  dass  sie 
nun  bei  jedem  Kind  die  ganze  Familie  bis  zur  Urgrossmutter  hinauf 
und  bis  zum  angeheirateten  Stiefzwilling  hinunter  selbst  untersuchen 
sollten.  Es  gibt  einen  relativ  einfachen  und  schon  ganz  brauchbaren 
Weg.  den  ich  mir  zunächst  einmal  an  einer  Mädchenfortbildungsschule 
ausprobiert  habe. 

1.  Man  besteht  darauf,  dass  Angehörige  bei  der  Untersuchung 
zugegen  sind.  Diese  Angehörigen  werden  kurz  mit  betrachtet. 
Eine  ganz  kurze  Famiüenannmnese  stellt  die  Tüchtigkeit  der 
Eltern  fest  (Kinderzahl,  Stillfähigkeit,  Erfolg  im  Beruf  u.a.). 
Kurze  diesbezügliche  Anfrage  über  die  Grosseltern  (erreichtes 
Alter?). 

2.  Man  veranlasst  die  Eltern,  das  Kind  gleichzeitig  mit  anzusehen, 
und  zwar  in  der  Richtung:  allgemeiner  Körperbau,  Kopfform, 
Gesichtsform.  Augen-  und  Haarfarbe  oder  sonstige  charakte¬ 
ristische  Merkmale. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


884 


3.  Und  nun  stellt  man  die  Frage,  wem  in  der  Familie  das  Kind 
am  meisten  ähnelt  (natürlich  auch  geistig).  Erfolgt  darauf  eine 
prompte  und  bestimmte  Antwort,  fragt  man  weiter,  was  der 
betreffende  Vorfahr  im  Leben  geleistet  hat,  und  ist  daraufhin 
doch  wohl  berechtigt,  gewisse  Schlüsse  zu  ziehen.  Ich  will 
natürlich  nicht  statt  der  kritisierenden  Rubriken  1,  II  und  III 
die  neuen  Rubriken  Marke  Qrossvater  oder  Vater  -  Mutter, 
Halb  und  Halb  und  dergleichen  einführen.  Und  ich  schicke 
gleich  voraus,  dass  bei  einer  gerade  in  Leipzig  sehr  grossen 
Zahl  von  Kindern  diese  Methode  keine  Resultate  ergibt  und 
nach  den  Mendel  sehen  Regeln  nicht  ergeben  kann,  nämlich 
bei  den  Mischtypen  im  Sinne  Virchows  (siehe  unten!). 

Man  darf  natürlich  keine  Schlüsse  ziehen  wollen  aus  der  Ueber- 
einstimmung  einzelner  Merkmale  (z.  B.  der  Haarfarbe,  Augen¬ 
farbe,  Schädelform,  Nasenform  oder  dergl.),  sondern  man  muss  auf 
Merkmalskomplexe  achten.  Wenn  ich  also  z.  B.  von  der  an¬ 
wesenden  Mutter  höre,  das  untersuchte  Mädel  hat  dieselben  hell¬ 
blonden,  schlichten  Haare  wie  der  Grossvater,  dieselben  hellblauen 
grossen  Augen,  dieselbe  dolichozephale  Schädelform  und  dieselbe 
hochgewachsene  schlanke  Figur  (also  einen  rassenmässig  bedingten 
Merkmalskomplex)  und  ausserdem  viele  seiner  Charaktereigenschaf¬ 
ten,  und  wenn  ich  höre,  dass  der  Grossvater  etwas  Tüchtiges  hat 
leisten  können  und  trotz  dürftiger  Lebensbedingungen  ein  hohes,  ge¬ 
sundes  Alter  erreicht  hat,  so  gehe  ich  wohl  nicht  irre,  wenn  ich 
diesem  Mädel  eine  günstige  Lebensprognose  stelle  und  ihr  sogar  die 
Zensur  I  zubillige,  trotzdem  sie  vielleicht  zurzeit  so  wenig  Fett  auf 
den  Rippen  hat,  dass  sie  eigentlich  nur  die  II  oder  III  haben  dürfte. 
Auch  für  die  Berufsberatung  erscheint  mir  diese  Vergleichsmethode 
wichtig.  Sie  ist,  wie  gesagt,  gar  nicht  so  zeitraubend  und  mühsam, 
wie  sie  auf  den  ersten  Blick  aussieht.  Erstens  kann  man  sich  dabei 
wirksamst  unterstützen  lassen  von  einer  interessierten  Lehrkraft  oder 
einer  Schulschwester  (das  heisst,  wenn  man  letztere  hat  —  Leipzig 
hat  noch  keine!),  zweitens  halte  ich  es  für  besser  und  rationeller,  die 
Kinder  im  ersten  Schuljahr  einmal  möglichst  gründlich  im  obigen 
Sinne  zu  untersuchen,  als  womöglich  jedes  Jahr  mehr  oder  weniger 
oberflächlich.  Mit  dieser  einmaligen  gründlichen  Untersuchung,  die 
die  Erbanlagen  soweit  als  möglich  berücksichtigt,  hat  man  einen 
ziemlich  dauerhaften  Grundstock  (trotz  etwaiger  späterer  Milieu¬ 
schädigungen)  und  kann  sich  dann  viele  weitere  Einzeluntersuchungen 
(zu  Turn-  und  Schwimmbefreiung,  Fürsorgemassnahmen  usw.)  er¬ 
sparen. 

Ich  weiss  natürlich,  dass  diese  Methode  noch  sehr  primitiv  ist 
und  die  Gefahr  vieler  Irrtümer  birgt,  und  die  Anthropologen,  Ver- 
erbungs-  und  Rassegelehrten  werden  sich  sicher  darüber  entrüsten. 
Hoffentlich  gelingt  es  ihnen,  praktische  Gegenvorschläge  zu  bringen. 
Eins  habe  ich  jedenfalls  schon  erreicht,  was  von  vornherein  meine 
Nebenabsicht  war.  Es  gelingt  mir  auf  diese  Weise  mehr  und  mehr, 
die  Kinder  sowohl  wie  die  Eltern,  Lehrer  usw.  von  der  durch  die 
Hungerblockade  heraufbeschworenen,  teilweise  zur  Zwangsvorstel¬ 
lung  gewordenen  Idee  etwas  abzubringen,  als  ob  der  Mensch  nun 
bloss  noch  nach  dem  Ernährungszustand  gewertet  werden  müsse.  Das 
Interesse  für  die  Erbanlagen  wird  dadurch  in  unaufdringlicher  Weise 
in  weiten  Kreisen  geweckt.  In  diesem  Sinne  habe  ich  beim  Neudruck 
unserer  Leipziger  Gesundheitsscheine  gebeten,  neben  dem  Schema 
für  Körpermaass  und  Gewicht  die  folgende  (den  Gedankengängen 
Virchows  nachgebildete)  Rubrik  anfügen  zu  können: 

i)  Augen-  und  Haarfarbe  bei  Kind.  Vater.  Mutter,  und  besondere 
Erbanlagen  in  der  Familie. 

Iin  Jahre  1872  beschloss  die  Deutsche  anthropologische  Gesell¬ 
schaft,  Erhebungen  über  die  Farbe  der  Haut,  der  Haare  und  der 
Augen  der  Schulkinder  in  Deutschland  anzustellen,  und  erliess  zu 
diesem  Zweck  ein  Rundschreiben  an  die  Lehrer  der  höheren  Unter¬ 
richtsanstalten  und  der  Volksschulen,  in  dem  sie  ihre  Mitarbeit  erbat. 
Sie  begründete  ihr  Ersuchen  damit,  dass  eine  Aufklärung  der  Ab¬ 
stammung  sämtlicher  Völker  unseres  Weltteils  nötig  sei  für  eine  ge¬ 
nauere  Kenntnis  der  Eigenschaften  der  einzelnen  Völker  und  Stämme 
und  für  das  Verständnis  der  Besonderheiten,  wie  sie  in  verschiedenen 
Abschnitten  derselben  Nation  —  und  so  auch  der  deutschen  —  mit 
grosser  Schärfe  hervorgehen.  Dieses  ganze  wissenschaftliche  Unter¬ 
nehmen  verfolge  dasselbe  Ziel,  dem  auch  die  Schule  zustrebe,  nämlich 
der  Selbsterkenntnis.  Die  Frage  aber  nach  unserer  Abstam¬ 
mung  werde  immerdar  ein  wichtiges  Glied  in  der  Erforschung  unseres 
natürlichen  Wesens  bleiben.  Die  Regierungen  unterstützten  diese 
Forschung  lebhaft.  1875  wurden  die  Hauotzählungen  vorgenommen 
(später  noch  etwas  fortgesetzt),  und  1885/86  konnte  Rudolf  Vir- 
cliow  im  Korrespondenzblatt  für  Anthropologie  (Band  16.  S.  89)  einen 
kürzeren  und  im  Archiv  für  Anthropologie  (Band  16,  S.  275 — 475)  den 
ausführlichen  Gesamtbericht  erstatten,  der  noch  heute  ungemein  an¬ 
regend  wirkt. 

Die  Gesamterhebung  erstreckte  sich  auf  6  758  827  Schulkinder 
(darunter  1.1  Proz.  Juden).  Von  dieser  Gesamtzahl  gehören  dem  sog. 
blonden  Typ  an  2  149 027  =  31,80  Proz..  dem  sog.  brünetten 
Typ  949822  =  14.05  Proz.  und  den  Mischformen  3659978  —  54,15 
Prozent.  Unter  blondem  und  brünettem  Typ  sind  keineswegs  Blond¬ 
haarige  oder  Braunhaarige  zu  verstehen,  sondern  die  „Blonden“ 
haben  die  Merkmalekombination:  blaue  Augen,  blonde 
Haare,  weisse  Haut,  die  „Brünetten“  die  Merkmale¬ 
kombination:  braune  Augen,  braune  Haare,  braune 

Haut.  Alle  anderen  Merkmalekombinationen  (z.  B.  blaue 


Nr.  27. 


Augen,  braune  Haare,  weisse  Haut  u.  a.;  im  V  i  r  c  h  o  w  sehen 
Formular  sind  9  der  häufigsten  Kombinationen  enthalten)  sind  zusam¬ 
mengefasst  unter  dem  Namen  „Mischformen“.  Virchow  begründet 
diese  Gruppierung  folgendermassen:  „Bei  denjenigen  Individuen  einer 
Rasse,  die  uns  als  typische  erscheinen,  besteht  ein  bestimmtes,  mehr 
oder  weniger  konstantes  Verhältnis  zwischen  den  Farben  der  Haut, 
der  Haare  und  der  Augen.  Häufig  sind  alle  drei  dunkel,  häufig  alle 
drei  hell;  es  besteht  in  der  Regel  ein  gewisser  Parallelismus  in  der 
Färbung  der  drei  Teile.  Eine  bloss  auf  die  Haarfarbe  oder  bloss  auf 
die  Augenfarbe  gestützte  Einteilung  wäre  höchst  unvollkommen.  Als 
leitendes  Prinzip  muss  die  Aufstellung  von  Gruppen  der  drei  gefärbten 
Teile  erfolgen.“ 

Die  genaue  Abgrenzung  der  einzelnen  Farben  voneinander  ist 
oft  recht  schwer.  Virchow  sagt  aber  dazu:  „Es  ist  freilich  schwer, 
manchmal  unmöglich,  ein  einzelnes  Individuum  nach  seiner  Farbe 
zu  klassifizieren.  Hätte  man  also  die  ganze  deutsche  Schuljugend  nur 
in  zwei  grosse  Abteilungen  eingereiht  (eine  blonde  und  eine  brünette), 
so  wäre  ganz  unbrauchbares  Material  entstanden.  Da  aber  neben  'j 
den  beiden  Haupttypen  noch  eine  Reihe  von  Mischtypen  aufgestellt 
und  den  Haupttypen  nur  die  sicheren  Individuen  zugewiesen  wurden, 
blieb  die  ganze  Reihe  der  zweifelhaften  für  die  grosse  Mittelklasse 
übrig.“ 

Virchow  zeigt  nun  an  Hand  zahlloser  ausführlicher  Tabellen 
und  mehrerer  Karten  die  geographische  Verteilung  des  blonden,  des 
brünetten  Typs  und  der  Mischformen  in  Deutschland  mit  vielen  inter¬ 
essanten  Einzelheiten  (Unterschiede  zwischen  Nord-,  Mittel-  und  Süd¬ 
deutschland,  zwischen  Land  und  Stadt,  besonders  Grossstadt,  Ver¬ 
halten  in  den  Flussgebieten  usw.).  Im  ganzen  lässt  sich  eine  deut¬ 
liche  vertikale  Schichtung  heller-  und  dunkelfarbiger  Zonen  erkennen, 
und  zwar  eine  Reihenfolge  von  west-östlichen  Gürteln  (Norden  heller, 
nach  Süden  dunkler,  Westen  relativ  dunkler,  Osten  relativ  heller). 
Virchow  erklärt  sich  diese  letztere  Erscheinung  aus  der  Rück¬ 
wirkung  der  während  der  karolingischen,  fränkischen  und  sächsischen 
Reichsorganisation  nach  Osten  gerichteten  Kolonisation  (Regermani- 
sierung  des  Ostens)  und  knüpft  noch  weitere  geschichtliche  und  ethno¬ 
logische  Betrachtungen  und  Kombinationen  an. 

Die  grosse  Frage  ist  nun  die,  ob  diese  ganze,  mit  fabelhaftem 
Fleiss  durchgeführte  Massenerhebung  für  uns  heute  nur  noch  histo¬ 
rischen  Wert  hat,  oder  ob  es  angezeigt  und  der  Mühe  wert  erscheint, 
sie  heute,  nach  fünfzig  Jahren,  die  nicht  nur  politische  Verschie¬ 
bungen,  sondern  auch  neuere  wissenschaftliche  Erkenntnisse  gebracht 
haben,  zu  wiederholen,  und  sei  es  auch  nur  in  kleineren  Gebieten, 
z.  B.  einer  einzelnen  Grossstadt.  Entgegen  verneinenden  Urteilen  der 
meisten  neueren  Fachleute  glaube  ich,  die  Frage  doch  bejahen  zu 
müssen.  Ich  übergehe  die  schon  zu  Virchows  Zeiten  erhobenen 
Einwände  wegen  Schwierigkeit  der  Technik,  Nachdunkeln  der  Far¬ 
ben  im  Kindesalter  u.  ä.  Sie  sind  von  ihm  selbst  bereits  entkräftet 
worden.  Die  Fehlerquellen  sind  im  übrigen  heute  dieselben  wie  da¬ 
mals,  und  der  Zweck  der  erneuten  Erhebung  wäre  weniger  die  Fest¬ 
stellung  der  heutigen  absoluten  Zahlen,  sondern  der  Vergleich 
zwischen  damals  und  jetzt,  der  immerhin  interessant  wäre.  Das 
wird,  wie  gesagt,  heute  von  vielen  Seiten  bestritten,  mit  der  Begrün¬ 
dung,  man  wolle  gar  nicht  wissen,  wieviel  wir  äusserlich  blonde 
oder  brünette  Typen  von  Schulkindern  hätten,  sondern  man  wolle 
wissen,  was  an  wichtigen  Erbanlagen  in  unseren  heutigen  Schul¬ 
kindern  stecke.  Und  das  könne  man  eben  aus  solchen  „äusserlichen“ 
Merkmalen  nicht  ersehen.  Diese  Begründung  erscheint  mir  nicht 
ganz  stichhaltig.  Erstens  sind  doch  wohl  Augen-,  Haar-  und  Haut¬ 
farbe  keine  so  ganz  äusserlichen  Merkmale,  sondern  stehen  im  innigen 
Zusammenhang  mit  Stoffwechsel,  Konstitution,  Anlagen  (vielleicht 
innerer  Sekretion?)  u.  ä„  worauf  mancherlei  klinische  Beobachtungen 
hindeuten,  so  dass  aus  der  Betrachtung  des  äusseren  Integumentcs 
doch  wohl  gewisse  Rückschlüsse  erlaubt  erscheinen.  Es  muss  aber 
ferner  immer  wieder  an  die  von  Virchow  geforderte  Trias  der 
äusseren  Erscheinung  erinnert  werden.  Wo  ein  deutlicher  Parallelis¬ 
mus  der  Beschaffenheit  dreier  verschiedener  Körpergewebe  besteht, 
sind  doch  wohl  weitere,  so  zu  sagen  in  die  Tiefe  reichende  Parallelen 
wahrscheinlich.  Ich  habe  darüber  bei  meinen  Fortbildungsschülerinnen 
merkwürdige  Beobachtungen  anstellen  können.  Ich  bin  von  dem 
Gedanken  ausgegangen,  dass  es  der  Geist  sei,  der  sich  den  Körper 
formt  (bzw.  färbt).  Siehe  auch  bildende  Kunst,  Schönheitsideal  ab¬ 
hängig  von  Rassenzugehörigkeit  u.  ä.,  wie  das  unter  anderem  auch  .1 
Günther  in  seiner  „Rassenkunde  des  deutschen  Volkes“  er¬ 
wähnt.  Von  Röse  u.  a.  ist  auf  überraschende  Parallelen  zwischen 
Körperbau,  besonders  Kopfform  und  -grosse,  und  Schulleistungen  hin¬ 
gewiesen  worden.  Ich  habe  einmal,  angeregt  durch  Virchow, 
Günther  u.  a„  gefahndet  auf  Parallelen  zwischen  Virchow  sehen  ' 
Farbentypen  und  Schönheitsidealen  bzw.  Rasseninstinkten,  und  bin 
dabei  ebenfalls  zu  überraschenden  Resultaten  gekommen,  dass  näm¬ 
lich  Mädchen  von  reinem  Farbtyp  auf  Befragen  prompt  gleichsinnige 
Schönheitsideale  kundtaten,  während  die  Mischformen  meist  über¬ 
haupt  keine  derartigen  Gefühle  kannten.  Der  äusserlich  erkennbare 
Typ  spiegelte  sich  auch  innerlich  wieder.  Natürlich  bedürfen  solche 
Beobachtungen  kritischster  Nachprüfung  anderer,  vielleicht  weniger 
voreingenommener  Untersucher.  Präktisch  bin  ich  so  verfahren,  dass 
ich  die  Mädchen  fragte,  wie  ihr  Zukünftiger  aussehen  solle,  mit  wem- 
sie  am  liebsten  umgingen,  wie  ihre  Lieblingspuppe  ausgesehen 
habe,  welcher  Theater-  oder  Romanheld  oder  -heldin  ihnen  am 
besten  gefalle  und  dergleichen.  Die  Mischlinge  konnten  sich  in 


6.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


885 


der  Mehrheit  zu  keinem  reinen  Typ  entscheiden  oder  lehnten  jedes 
Ideal  überhaupt  ab,  mit  der  Angabe,  das  Aussehen  sei  ganz  gleich¬ 
gültig,  die  Hauptsache  sei,  dass  „er“  Geld  habe  bzw.  dass  überhaupt 
einer  komme.  Die  reinen  Typen  hatten  fast  ausnahmslos  ganz  be¬ 
stimmte  Wünsche,  meist,  wie  gesagt,  gleichsinnige;  nur  wenige 
schwärmten  für  den  anderen  Typ  (da  stak  vielleicht  ein  rezessiv  in 
ihnen  schlummernder  Vorfahr  dahinter?!). 

Ich  komme  zuin  zweiten  Haupteinwand.  Man  sagt,  nach  der 
M  e  n  d  e  I  sehen  Unabhängigkeitsrogel  würden  beim  Menschen  die 
einzelnen  Vorfahreneigenschaften  unabhängig  voneinander  vererbt. 
Es  könne  deshalb  sein,  dass  ein  Mädchen  zwar  drei  äusserlich  sichtbare 
Merkmale  von  einem  Vorfahren  bzw.  einer  Vorfahrengruppe  (Rasse) 
geerbt  habe,  alle  bzw.  die  Mehrzahl  der  anderen  Erbanlagen  könnten 
aber  von  anders  gearteten  Vorfahren  stammen,  so  dass  eben  gerade 
mit  den  wichtigsten  inneren  Anlagen  keine  Parallele  zu  bestehen 
brauche.  Das  ist  theoretisch  richtig.  Ob  es  aber  häufig  vorkommt 
und  sehr  wahrscheinlich  ist?  Ich  glaube  es  nicht.  Es  muss 
doch  wohl  bedacht  werden,  dass  es  sieh  bei  der  Augen-, 
Haar-  und  Hautfarbe  nicht  um  drei  beliebige  isolierte  Einzelmerkmale 
handelt,  sondern  um  eine  Trias  auf  gleicher  ätiologischer  Grund¬ 
lage.  und  diese  Grundlage  liegt  nicht  ausserhalb  des  Körpers  (Milieu, 
Belichtung  oder  dergl.),  sondern  innerhalb.  Wo  aber  schon  so  deut¬ 
liche  Wechselbeziehungen  dreier  zusammengehöriger  Merkmale  be¬ 
stehen,  da  sollte  diese  Trias  ganz  isoliert  und  unabhängig  von  anderen 
Erbanlagen  sein  und  keine  irgendwie  wichtige  Rolle  spielen?  Ich  kann 
es  nicht  glauben,  wennschon  ich  noch  keine  exakten  Beweise  er¬ 
bringen  kann.  Das  ganze  Kapitel  der  kindlichen  Erbanlagen  muss 
eben  nunmehr  gründlichst  in  Angriff  genommen  werden,  und  zwar 
möglichst  in  die  Tiefe  gehend,  weniger  in  die  Breite.  Ich  muss  des¬ 
halb  einerseits  denjenigen  Recht  geben,  die  es  für  wissenschaftlich 
wertvoller  halten,  anstatt  die  Virchowschen  Erhebungen  nochmals 
zu  wiederholen,  lieber  eine  kleine  Anzahl  von  Kindern  nach  exakten 
anthrophologischen  und  Vererbungslehrenmethoden  gründlichst  zu 
untersuchen.  Anderseits  gebe  ich  zu  bedenken,  dass  sich  an  diesen 
Forschungen  nur  ein  kleiner  Kreis  spezieller  Fachgelehrter  wird  be¬ 
teiligen  können,  die  wiederum  keine  direkte  Fühlung  mit  der  schul¬ 
ärztlichen  Praxis  haben.  Ausserdem  werden  die  Resultate  dieser 
Forschungen  noch  mehrere  Jahre  auf  sich  warten  lassen  müssen  und 
dann  noch  schwieriger  als  heute  schon  an  weitere  Kollegen-  und  sonst 
interessierte  Kreise  heranzubringen  sein.  In  unserer  heutigen  Lage 
aber  tut  Eile  not,  und  man  muss  das  Eisen  schmieden  solange  es  heiss 
ist.  Das  Interesse  an  Vererbungsfragen,  Familienforschung  und  der¬ 
gleichen  nimmt  heute  mit  begrüssenswerter  Schnelligkeit  in  allen 
Kreisen  zu.  Wer  weiss,  wie  lange  in  unserer  unruhigen,  sprung¬ 
haften,  neuerungssüchtigen  Zeit  diese  Welle  anhält?  Ich  ziehe  des¬ 
halb  die  zwar  primitivere,  aber  schneller  ins  Werk  zu  setzende 
Virchowsche  Methode  vor  und  betrachte  sie  vorwiegend  als  an¬ 
regendes  Stimulans  für  unser  zurzeit  vom  „Ernährungszustand“  hyp¬ 
notisiertes  Volk. 

Ich  komme  zum  Schluss  auf  den  Anfangssatz  zurück,  dass  sich 
jetzt  jeder  Schularzt  mit  der  Lehre  von  der  Vererbung  vertraut 
machen  sollte.  Man  soll  solche  Forderungen  nur  aussprechen,  wenn 
man  praktisch  an  ihrer  Erfüllung  mitarbeiten  kann.  Das  ist  mir  in 
Leipzig  insofern  gelungen,  als  sich  unser  hiesiger  Anatom  Professor 
Kästner  auf  meine  Bitte  hin  dazu  verstanden  hat,  einen  zwölf- 
stündigen  allgemein  verständlichen  Einführungskursus  in  Vererbungs¬ 
lehre,  Familienforschung  und  Rassenhygiene  abzuhalten,  der  nicht  nur 
von  Aerzten,  sondern  auch  Lehrern,  Philologen,  Juristen  und  Be¬ 
amten  und  Beamtinnen  der  Wohlfahrts-  und  Gesundheitsämter  u.  a. 
überraschend  stark  besucht  war.  Die  Kurse  sollen  daraufhin  jedes 
Semester  wiederholt  werden.  Fortbildungskurse  sollen  auf  dieser 
Grundlage  weiterbauen.  Zur  Förderung  und  Organisierung  dieser 
Bestrebungen  ist  unter  dem  Vorsitz  von  Herrn  Obcrinedizinal- 
rat  Dr.  Hertzsch  (Kreikhauptmannschaft)  die  Bildung  einer  Leip¬ 
ziger  Gesellschaft  für  Vererbungsforschung  usw.  erfolgt,  über  die 
gelegentlich  genauer  zu  berichten  sein  wird. 


Haben  die  Beratungsstellen  für  Geschlechtskranke  eine 

Berechtigung? 

Von  Dr.  Leonhard  Qörl,  leitender  Arzt  der  Beratungs¬ 
stelle  Nürnberg. 

In  dem  gegenwärtig  zur  Beratung  stehenden  *)  Gesetzentwurf  zur 
Bekämpfung  der  Geschlechtskrankheiten  wird  den  Beratungsstellen 
eine  bedeutungsvolle  Stelle  angewiesen.  Ihnen  muss  vom  Arzt  Mel¬ 
dung  erstattet  werden,  wenn  ein  Geschlechtskranker  infolge  seines 
Berufs  oder  seiner  persönlichen  Verhältnisse  andere  besonders  ge¬ 
fährdet  oder  wenn  er  sich  der  ärztlichen  Behandlung  entzieht.  Der 
Kranke  ist  dann  verpflichtet,  den  Weisungen  der  Beratungsstelle  Folge 
zu  leisten,  widrigenfalls  die  Meldung  an  die  Gesundheitsbehörde 
weitergegeben  wird.  Die  Hauptarbeit  in  der  Bekämpfung  der  vene¬ 
rischen  Krankheiten  hat  also  die  Beratungsstelle  zu  leisten,  und  der 
Erfolg  der  beabsichtigten  Massnahmen  wird  in  erster  Linie  von  der 
verständnisvollen  Tätigkeit  dieser  Aemtcr  abhängen. 

Nähere  Bestimmungen  über  die  Einrichtung  der  Beratungsstellen 
enthält  das  Gesetz  nicht,  doch  wird  man  in  der  Annahme  nicht  fehl- 

*)  inzwisehen  angenommenen,  Schrftl. 


gehen,  dass  diese  Stellen  auf  der  Grundlage  der  bereits  bestehenden 
und  bewährten  Anlagen  der  Landesversicherungsanstalten  sich  auf¬ 
bauen  müssen  und  sich  deren  langjährige  Erfahrungen  zunutze  machen 
müssen. 

Da  ist  es  nicht  besonders  ermutigend,  zu  hören,  dass  die  Landes- 
versicherungsanstalt  Oberbayern  z.  13.  schon  einige  Beratungsstellen 
aufgehoben  hat  und  dass  man  anderweitig  auch  schon  zu  dem  Ergeb¬ 
nis  gelangt  sein  soll,  dass  der  Erfolg  der  Beratungsstellen  im  Ver¬ 
gleich  zu  dem  Aufwand  nicht  im  rechten  Verhält¬ 
nis  s  t  e  h  e. 

Ich  habe  nun  im  Verein  mit  Herrn  Dr.  Voigt  eine  Zusammen¬ 
stellung  der  im  Jahre  1922  an  der  Beratungsstelle  in  Nürnberg  be¬ 
ratenen  Kranken  gemacht,  um  an  Hand  der  erhaltenen  Zahlen  nach¬ 
zuprüfen,  ob  diese  Meinung  richtig  ist.  Allerdings  liegen  hier  in 
Nürnberg  die  Verhältnisse  insofern  günstig,  als  die  Landesversiche¬ 
rungsanstalt  Mittelfranken  die  hohe  Bedeutung  der'  Beratungsstellen 
stets  voll  gewürdigt  hat  und  aus  dieser  Erkenntnis  heraus  ihr  die 
weitgehendste  ideelle  und  materielle  Förderung  angedeihen  lässt. 

Gemeldet  und  beraten  wurden  im  Jahre  1922  1738  Personen,  dar¬ 
unter  befinden  sich  758  Geschlechtskranke  aus  früheren  Jahren.  Be¬ 
raten  wurden  1479  Personen  in  2367  Einzelberatungen.  Bei  431  Sy¬ 
philitikern  wurde  die  nötige  Kur  veranlasst,  ebenso  wurden  weitere 
165  zur  Durchführung  einer  vorbeugenden  Kur  bewogen.  114  Ga- 
norrhöekranke  wurden  der  Behandlung  zugeführt. 

Die  Entwicklung  der  Beratungsstelle  im  allgemeinen  möge  durch 
folgende  Zahlen  illustriert  werden: 


Jahr 

Neumeldungen 

darunter  Selbstmeldungen 

Beratungen 

1917 

118 

18 

106 

1918 

315 

49 

319 

1919 

995 

316 

1155 

1920 

1101 

392 

1493 

1921 

1504 

415 

2100 

1922 

1856 

365 

2367 

Ehe  ich  weiter  die  von  uns  gewonnenen  Zahlen  mitteile,  muss  ich 
kurz  auf  den  Geschäftsgang  eingehen. 

Das  Lokal  der  Beratungsstelle  befindet  sich  in  einem  Privathause, 
Panierplatz  35.  Sprechstunde  wird  zweimal  wöchentlich  abgehalten  und 
zwar  in  den  Abendstunden  von  5 — 6,  also  nach  Schluss  der  Arbeitszeit.  Für 
jeden  neu  zugehenden  Kranken  wird  das  vorgeschriebene  Krankenblatt  an¬ 
gelegt,  in  welches  die  Vorgeschichte  einschliesslich  der  bisher  geübten  Be¬ 
handlung  und  der  jeweilige  Befund  eingetragen  werden.  In  gleicher  Weise 
wird  bei  jedem  Besuch  des  Kranken  die  Krankengeschichte  weitergeführt. 
Ebenso  werden  sämtliche  für  später  ev.  wichtige  Notizen  vermerkt  (Schreiben 
an  Behörden,  ev.  Hausbesuche  etc.).  Die  Kranken  werden,  wenn  ihre 
weitere  Beobachtung  nötig  erscheint,  in  angemessenen  Zeiträumen  wieder 
bestellt.  Erscheinen  sie  nicht,  so  werden  sie  zweimal  schriftlich  gemahnt. 
Bleibt  auch  dies  erfolglos,  dann  wird  die  Schwester  zu  einem  Hausbesuch 
hingeschickt.  Meldet  sich  der  Kranke  auch  dann  nicht,  dann  wird  er,  soferne 
nach  Lage  des  'Falles  eine  Gefahr  für  andere  zu  bestehen  scheint,  dem 
städtischen  Gesundheitsamt  zur  weiteren  Veranlassung  übergeben. 

Auf  welch  verschiedenartige  Weise  die  Kranken  in  die  Beratungs¬ 
stelle  gelangen,  geht  aus  nachfolgender  Zusammenstellung  hervor: 

Im  Jahre  1922  wurden  gemeldet  durch: 


Männer 

Frauen 

Zusammen 

Krankenkasse 

151 

145 

296 

Aerzte 

165 

105 

270 

Freiwillige  Meldung 

147 

76 

223 

Krankenhaus 

48 

S6 

134 

Poliklinik 

49 

47 

96 

Gesundheitsamt 

28 

36 

64 

Beratungsstelle 

15 

•  17 

32 

Angehörige 

12 

13 

25 

Militär 

8 

— 

8 

Fürsorge 

.  1 

5 

6 

624 

530 

1154 

Die  Meldung  durch  die  Kassen  erfolgt  für  alle  Kranke,  von  denen 
sie  erfahren,  dass  sie  geschlechtskrank  Aaren  oder  sind,  einmal  durch 
schriftliche  Mitteilung,  anderseits  dadurch,  dass  die  Kranken  gleich 
direkt  zur  Nachuntersuchung  und  weiteren  Beobachtung  gesandt  wer¬ 
den.  In  gleicher  Weise  kommen  die  Meldungen  vom  Krankenhaus 
zugleich  mit  der  Angabe  des  Termins,  zu  welchem  eine  Vorladung  als 
nötig  erachtet  wird. 

Erfreulich  ist  auch  die  hohe  Zahl  der  von  den  Aerzten  gesandten 
Kranken,  und  legt  Zeugnis  dafür  ab,  dass  das  Vertrauen  der  Kollegen 
zu  der  Tätigkeit  der  Beratungsstellen  im  Wachsen  begriffen  ist.  Ein 
gutes  Verhältnis  zu  den  Aerzten  ist  für  eine  Beratungsstelle  Lebens¬ 
bedingung.  Um  dieses  gute  Einvernehmen  zu  erhalten,  ist  unbedingt 
zu  fordern,  dass  die  Beratungsstelle  keinerlei  Behandlung  vornimim, 
dass  auch  der  ärztliche  Leiter  in  taktvoller  Weise  sich  eines  Ein¬ 
griffs  in  die  Art  der  von  dem  einzelnen  Arzte  gewählten  Bchandlungs- 
massnahmen  enthält.  Ausserdem  ist  der  Vorteil,  welchen  die  prak¬ 
tizierenden  Aerzte  von  der  Beratungsstelle  ziehen,  ein  sehr  reeller. 
Durch  die  ständig  bis  zur  Heilung  erfolgenden  Vorladungen  werden 
die  Kranken  zur  Vornahme  der  etwa  nötigen  Kuren  immer  wieder  dem 
Arzte  zugeführt,  dem  sie  sonst  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  vollständig 
entgleiten  und  zum  grossen  Teil  ungehcilt  aus  der  Behandlung  weg¬ 
bleiben.  Sie  selbst  wieder  zu  holen,  ist  dem  einzelnen  Arzt  ja 
gänzlich  unmöglich.  Viele  Kranke  suchen  den  Arzt  schon  dann 
wieder  auf,  wenn  sie  nur  die  Vorladung  von  der  Beratungsstelle  er¬ 
halten.  Die  Meldung  der  Aerzte  an  die  Beratungsstelle  verfolgt  ver¬ 
schiedene  Ziele.  Praktische  Aerzte  melden  vielfach  zur  Vornahme 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


eingehender  Spezialuntersuchungen,  Fachärzte  oft  zur  Vornahme  der 
regelmässigen  Wassermann  nschen  Proben.  Auch  werden  Kranke 
angezeigt,  welche  ungeheilt  aus  der  Behandlung  wegbleiben. 

Ein  enge  Verbindung  besteht  mit  der  Poliklinik,  welche  ihre  Ein¬ 
träge  gleich  in  die  Krankenblätter  der  Beratungsstelle  macht  und 
diese  nach  Beendigung  der  Behandlung  der  Stelle  wieder  zulcitet. 
Ausbleibende  Kranke  werden  durch  die  Schwester,  die  auch  den 
Dienst  in  der  Poliklinik  mit  versieht,  sofort  namhaft  gemacht  und 
vorgeladen. 

Ebenso  ist  mit  dem  städtischen  Gesundheitsamt  (bzw.  Sitten¬ 
polizei)  eine  Vereinbarung  getroffen,  wonach  Kranke,  die  einer  poli¬ 
zeilichen  Aufsicht  eigentlich  nicht  bedürfen,  der  Beratungsstelle  zur 
weiteren  Behandlung  zugewiesen  werden  und  umgekehrt  dem  Ge¬ 
sundheitsamt  diejenigen  Kranken  abgegeben  werden,  welche  den  An¬ 
ordnungen  der  Beratungsstelle  nicht  Folge  leisten,  und  die,  da  sie 
noch  behandlungsbedürftig  sind,  eine  Gefahr  für  ihre  Umgebung 
bilden. 

Die  Zahl  der  freiwillig  sich  Meldenden  ist  auch  im  Zunehmen 
begriffen,  ein  Zeichen  dafür,  dass  die  Beratungsstelle  in  weiteren 
Kreisen  bekannt  wird  und  Vertrauen  geniesst.  Meistens  sind  es 
Kranke,  welche  glauben,  „nur  eine  Kleinigkeit“  zu  haben,  wegen  der 
sie  einen  Arzt  nicht  aufsuchen  wollen.  Manche  Syphilis  des  ersten 
Stadiums  konnte  auf  diese  Weise  einer  sofortigen  Behandlung  zu¬ 
geführt  werden,  die  sonst  viel  später  eingesetzt  hätte. 

Die  in  der  nachfolgenden  Tabelle  111  aufgeführten  Kranken  ,mit 
Lues  I  gehörten  fast  alle  dieser  Kategorie  an. 


Lues  I 

Männer 

32 

Frauen 

4 

Zusammen 

36 

Lues  II 

48 

63 

111 

Lucs  III 

19 

19 

38 

Lues  latens 

296 

294 

590 

Menineo-Enzephalitis 

4 

5 

9 

Lues  des  Herzens 

4 

3 

7 

Lues  cerebri 

9 

3 

12 

Tabes 

19 

9 

28 

Paralyse 

1 

— 

1 

Lues  congenita 

10 

10 

20 

Gemischter  Schanker 

3 

— 

3 

Gonorrhöe  und  Lues 

20 

21 

41 

Gonorrhöe 

159 

99 

258 

624 

530 

1154 

Die  relativ  niedige  Zahl  der  Gonorrhoiker  findet  dadurch  ihre 
Erklärung,  dass  diese  Kranken  gewöhnlich  nur  aus  dem  laufenden 
Jahr  stammen,  während  die  Beobachtungszeit  der  Syphilitiker  sich 
über  Jahre  hin  erstreckt.  Die  Hälfte  der  Kranken  macht  natürlich 
die  mit  Lues  latens  aus.  Viele  dieser  Kranken  waren  nur  mit  Mühe 
zu  weiterer  ärztlicher  Behandlung  zu  bewegen,  da  sie  sich  subjektiv 
vollkommen  wohl  fühlten.  Als  sie  aber  auch  auf  der  Beratungsstelle 
von  unparteiischer  und  uninteressierter  Seite  dasselbe  hörten,  was 
ihnen  bereits  der  Arzt  gesagt  hatte.  Hessen  sich  fast  alle  wieder  weitcr- 
behandeln,  wenn  man  ihnen  die  Folgen  ihrer  Handlungsweise  klar¬ 
machte.  Vielfach  war  leider  bei  den  Kranken  die  Meinung  ver¬ 
breitet,  dass  sie  nur  dem  Egoismus  der  Aerzte,  ihren  materiellen 
Interessen  zum  ODfer  fallen  sollten.  Die  Fälle  von  Lues  des  Herzens 
und  teilweise  auch  die  von  beginnender  Tabes  wurden  erstmalig  auf 
der  Beratungsstelle  entdeckt  und  zu  sofortiger  Behandlung  veranlasst. 
Wenn  man  bedenkt,  dass  ohne  rechtzeitige  Therapie  all  die  Kranken 
dieser  Kategorie  sicher  rasch  in  Invalidität  geraten  wären,  wird  man 
den  hohen  Wert  dieser  Institution  auch  für  die  Versicherungsträger 
erkennen. 

Grundsätzlich  bleiben  die  Kranken  solange  unter  Beobachtung, 


bis  sie  als  geheilt  betrachtet  werden 

können. 

Eine  solche 

Beobach- 

tungszeit  zieht  sich  oft  über  Jahre 
deutlich  wird: 

hin,  wie 

aus  folgender  Tabelle 

Jahr  der  Meldung  Männer 

Frauen 

Zusammen 

1917  — 

3 

3 

1918  6 

8 

14 

1919  43 

36 

79 

1920  77 

71 

148 

1921  184 

176 

360 

1922  414 

236 

550 

624 

530 

1154 

Wie  die  einzelnen  Fälle  behandelt  wurden,  geht  aus  nachfolgen¬ 
der  Zusammenstellung  hervor: 

Männer 

Frauen 

Zusammen 

Erledigt 

447 

322 

769 

Noch  in  Beobachtung 

148 

156 

304 

Nicht  auffindbar 

13 

6 

19 

An  auswärtige  Ber.-St.  gemeldet 

6 

7 

13 

An  das  Gesundheitsamt  gemeldet 

5 

27 

32 

Der  Beratung  entzogen 

3 

9 

12 

Nach  auswärts  verzogen  (wohin?) 

1 

3 

4 

Verstorben 

1 

— 

1 

624 

530 

1154 

Aus  technischen  Schwierigkeiten  liess  sich  diese  Ausscheidung 
nicht  genau  am  Ende  des  Jahres  durchführen,  sondern  erstreckt  sich 
im  Endresultat  bis  zum  Zeitpunkt  der  Vornahme  der  Statistik,  also 
April  1923.  Die  als  erledigt  geschriebenen  Luetiker  umfassen  meist 
solche,  welche  nach  Vornahme  einer  Sicherungskur  wieder  negativ 


befunden  wurden.  Ein  grosser  Teil  derselben  kommt  weiterhin  noch 
freiwillig  zu  Blutkontrollen.  Als  erledigt  betrachtet  werden  auch  ein¬ 
zelne  vertrauenswürdige  Personen,  welche  sich  ständig  in  ärztlicher 
Behandlung  bzw.  Beobachtung  befanden,  ausserdem  Leute,  bei  denen 
ein  Endzustand  erreicht  war,  der  sich  trotz  Behandlung  nicht  mehr 
ändert  (ältere  Fälle  von  Tabes  oder  Lues  111).  Ueber  die  Meldung 
an  das  Gesundheitsamt  würde  oben  schon  gesprochen.  Nach  auswärts 
Verziehende  werden,  wenn  sie  noch  der  Behandlung  bedürfen,  ihrer 
nächstgelegenen  Beratungsstelle  gemeldet.  4  Kranke  waren  nach 
auswärts  verzogen,  ohne  dass  der  neue' Aufenthalt  bekannt  geworden 
war.  Es  bleibt  nun  nur  mehr  ein  geringer  Rest  von  Kranken,  die  in 
Beratung  zu  bringen  nicht  möglich  war,  das  sind  31  oder  2,6  Proz. 
Bei  19  —  meist  vom  Krankenhaus  oder  den  Kassen  ohne  feste  Woh¬ 
nung  gemeldet  —  war  der  Aufenhalt  nicht  zu  ermitteln,  sie  können 
also  eigentlich  nicht  zu  den  Kranken  der  Beratungsstelle  gerechnet 
werden.  So  bleiben  nur  noch  12  qder  1  Proz.,  welche  sich  eigentlich 
der  Beratung  entzogen  haben  —  wirklich  ein  Erfolg,  mit  dein  man 
zufrieden  sein  kann  und  dem  gegenüber  man  nicht  von  einem  Fiasko  I 
der  Bciatungsstellen  sprechen  kann. 

Von  anderer  Seite  werden  verschiedentlich  viel  ungünstigere  Er-  ‘ 
gebnisse  berichtet.  Es  ist  nun  von  Interesse,  der  Frage  nachzugehen, 
warum  hier  in  Nürnberg  eine  so  günstige  Entwicklung  sich  anbahnen 
konnte,  und  warum  dies  anderwärts  nicht  in  gleichem  Maasse  mög¬ 
lich  war. 

Die  Gründe  hierfür  liegen  einerseits  in  der  Einrichtung  der  Be-  ' 
ratungsstelle  selbst,  anderseits  in  der  Art  des  Verkehrs  mit  dem  • 
Publikum. 

Zur  Einrichtung  einer  Beratungsstelle  sind  nur  grössere  Städte 
geeignet.  In  kleineren,  wo  die  Einzelnen  sich  fast  alle  kennen,  wird 
keiner  freiwillig,  und  wenn  gezwungen  nur  ungern  zur  Beratung  er- 
scheinen. 

Wichtig  ist  auch  die  Wahl  des  Lokals.  Ganz  verfehlt  dürfte  es 
sein,  die  Stelle  im  Polizeigebäude  unterzubringen,  wie  es  in  einer  bay¬ 
erischen  Stadt  der  Fall  ist.  Eine  scharfe  Trennung  von  der  Polizei  j 
ist  ein  dringendes  Erfordernis,  ja  man  muss  jeden  Schein  einer  Po-  i 
lizeimassnahme  vermeiden.  Für  endgültig  Widerstrebende  steht 
immer  noch  die  Gesundheitsbehörde  als  Ultimum  refugium  zur  Ver¬ 
fügung.  Sonst  aber  muss  es  unser  Bestreben  sein,  dem  zwar  starken, 
aber  immerhin  etwas  gröber  zugreifenden  Arm  der  Polizei  möglichst  ! 
viel  Kranke  zu  entreissen.  Auch  das  Gebäude  einer  Hautklinik  ist 
nicht  der  geeignete  Platz,  eben  weil  diese  als  Aufenthaltsort  polizei-  , 
lieh  eingewiesener  Dirnen  eine  gewisse  Berühmtheit  in  der  Stadt  ge¬ 
wöhnlich  hat  und  manchen  abschreckt.  Um  es  hier  auch  gleich  zu 
erwähnen:  Die  Vornahme  von  Behandlungen  auf  der  Beratungsstelle  ’ 
selbst  ist  auf  jeden  Fall  entschieden  zu  verwerfen,  weil  ein  solches  j 
Vorgehen  die  schärfste  und  berechtigte  Gegnerschaft  der  praktizie¬ 
renden  Aerzte  hervorrufen  wird  und  muss  und  weil  ein  gutes  Ver-  : 
hältnis  zur  Aerzteschaft,  wie  bereits  betont,  eine  Lebensnotwendig-  j 
keit  für  die  Beratungsstellen  bedeutet.  Auserdem  muss  an  dem  Grund¬ 
satz  der  freien  Arztwahl  unter  allen  Umständen  festgehalten  werderf,  1 
vor  allem  bei  Geschlechtskrankheiten,  wo  die  Wahl  des  Arztes  Ver¬ 
trauenssache  ist,  wie  bei  kaum  einer  anderen  Krankheit.  Die  ärzt¬ 
lich  geleitete  Beratungsstelle  darf  nicht  den  Traum  der  Krankenkassen 
von  einem  Behandlungsinstitut  der  Verwirklichung  näherbringen.  Am 
besten  ist  immer  noch,  wie  hier,  die  Unterbringung  in  einem  Privat-  i 
hause.  Günstig  wäre  auch  die  Verbindung  mit  anderen  Beratungs¬ 
stellen  im  gleichen  Hause  (Tuberkulose,  Mütterberatung  usw.),  wo  j 
sich  dies  ermöglichen  Hesse.  Wir  haben  hier  in  Nürnberg  eine  enge 
Verbindung  mit  der  Trinkerfürsorge  eingegangen,  dergestalt,  dass  die  | 
Räume  und  das  Bureaupersonal  das  gleiche  ist.  nur  die  Person  des  j 
ärztlichen  Leiters  ist  verschieden.  In  diesem  Fall  wird  der  Stelle  doch  ■ 
etwas  von  dem  ominösen  Charakter  genommen,  der  ihm  doch  immer  ' 
noch  anhaftet. 

Das  Rückgrat  einer  gutgeleiteten  Beratungsstelle  ist  die  Ordnung  j 
im  Betriebe  des  Bureaus.  Es  muss  jeder  Kranke  so  registriert  wer¬ 
den.  am  besten  in  einer  Karthotek.  dass  sein  Krankenblatt  jederzeit  j 
auffindbar  ist:  die  Hinausgabe  der  Vorladungen  muss  entsprechend 
der  ärztlichen  Vormerkung  ganz  automatisch  erfolgen.  Als  Leiter 
dieses  technischen  Teiles  hat  uns  die  Landesversicherungsanstalt  in 
der  Person  des  Herrn  Verwaltungsinspektors  Dill  mann  eine  aus-  . 
gezeichnete  Kraft  zur  Verfügung  gestellt.  AH  diese  weitverzweigten  . 
Fäden,  die  zu  allen  möglichen  Behören  und  Stellen  laufen,  müssen  in  : 
eine  selbsttätig  ordnende  Hand  zusammengefasst  werden.  Dass  an  j 
diesen  Posten  kein  Beamter  kommen  darf,  der  recht  und  schlecht  seine  ! 
acht  Stunden  Amtszeit  absitzt,  liegt  auf  der  Hand.  Es  muss  ein  Mann  , 
sein,  der  neben  peinlicher,  im  besten  Sinne  des  Wortes  bureaukrati-  j 
scher  Ordnung  auch  eigene  Initiative  besitzt  und  gewandt  im  Verkehr 
mit  Publikum  und  Behörden  ist.  der  vor  allem  auch  Interesse  für  die  j 
Sache  hat.  Wenn  der  Tätigkeitsbereich  wächst,  ist  eine  weitere  ; 
Schreibkraft  anzustellen.  Sehr  von  Vorteil  ist  auch  die  Verwendung  1 
einer  Krankenschwester,  welche  schon  durch  ihre  Tracht  den  Kranken  i 
das  Vertrauen  gibt,  dass  es  sich  hier  um  gesundheitliche  Fragen  dreht.  ! 

Der  rein  bureaukratische  Betrieb  muss  dem  ärztlichen  Leiter  1 
möglichst  erspart  werden,  damit  er  sich  der  rein  ärztlichen  Seite  ganz 
widmen  kann.  Am  besten  wird  dieser  aus  der  Reihe  der  in  der  Praxis  : 
stehenden  Aerzte  zu  wählen  sein,  weil  er  als  solcher  am  besten  Ver¬ 
ständnis  für  die  Interessen  der  Praktiker  haben  wird,  mit  denen  er 
doch  viel  zu  tun  haben  wird.  Ganz  ungeeignet  ist  es  natürlich,  wenn 
Hochschullehrer  die  Beratungsstelle  durch  einen  jungen  Assistenten 


6.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


887 


so  nebenher  mitfüliren  lassen.  Die  Untersuchung  und  Begutachtung 
älterer  Luetiker  erfordert  einen  allseitig  durchgebildeten  Arzt,  der 
niclit  nur  auf  dem  Liebiete  der  Haut-  und  Ueschlechtskrankheiten  er¬ 
fahren  ist,  sondern  der  auch  auf  dem  der  inneren  und  Nervenkrank¬ 
heiten  gute  Kenntnisse  besitzt. 

Wichtig  lür  die  gute  Einführung  einer  Beratungsstelle  ist  auch  die 
Art  des  Verkehrs  mit  den  Kranken.  Schon  das  Eormular,  auf  dem  die 
Vorladung  erfolgt,  muss  richtig  abgefasst  sein.  Da  man  nicht  weiss, 
in  welche  Hände  das  Schreiben  gelangen  kann,  wird  es  vorteilhaft 
sein,  den  Zweck  der  Vorladung  nicht  ganz  genau  anzugeben.  Auf 
unserem  Eormular  steht  nur,  dass  der  Betreffende  aufgefordert  wird, 
sich  zu  den  angegebenen  Zeiten  auf  der  Beratungsstelle  einzufinden 
und  Invalidenkarten  mitzubringen.  Auch  das  Kuvert  trägt  nur  die 
Aufschrift  eines  Postschliessfaches,  an  das  der  Brief,  wenn  unbestell¬ 
bar,  zurückgeht.  Dass  in  diesem  Schreiben  jede  Drohung  fehlen 
muss,  ist  selbstverständlich.  Die  Schwester,  welche  die  etwa  nötigen 
Hausbesuche  zu  machen  hat,  muss  auch  für  dieses  Amt  die  besondere 
Eignung  besitzen.  Wer  sich  in  ärztlicher  Behandlung  befindet,  braucht 
nicht  auf  die  Beratungsstelle  zu  kommen,  wenn  eine  Bestätigung  vom 
Arzt  vorliegt,  unter  Umständen  genügt  auch  ein  telephonischer  Anruf 
beim  Arzt. 

Volladungen  sollen  nur  erfolgen,  wenn  sie  nötig  sind.  Am  besten 
ist  es,  man  sagt  dem  Kranken  gleich  beim  letzten  Besuch,  wann  er 
wiederkommen  soll,  und  lädt  ihn  erst  vor,  wenn  er  ausbleibt.  Es 
muss  jede  unnötige  Belästigung  des  Kranken  vermieden  werden; 
14  tägige  Besuche,  wie  es  auf  einer  Beratungsstelle  verlangt  wird, 
sind  überflüssig  und  tragen  nur  dazu  bei,  die  Beratungsstelle  unbeliebt 
und  die  Kranken  renitent  zu  machen,  so  dass  sie  schliesslich  ganz 
wegbleiben.  Eine  oft  nicht  leichte  Aufgabe  ist  es  auch,  den  passiven 
Widerstand  mancher  Kranker,  die  vorgeladen  wurden,  zu  über¬ 
winden.  Einzelne  fühlen  sich  in  ihrer  persönlichen  Freiheit  dadurch 
beschränkt,  andere  halten  sich  für  vollkommen  gesund  usw.  Hier 
muss  die  psychische  Behandlung  individuell  abgestuft  werden  und 
das  Vertrauen  der  Kranken  gewonnen  werden,  eine  Aufgabe,  bei  der 
das  übrige  Personal  (Ueschättsführer  und  Schwester)  bereits  im  Vor¬ 
zimmer  unterstützend  nntwirken  können,  wenn  sie,  wie  bei  uns,  das 
nötige  Verständnis  dafür  haben.  Wie  aus  unseren  statistischen  Zahlen 
hervorgeht,  ist  es  uns  in  fast  allen  Eällen  gelungen,  die  Kranken  in 
Beratung  zu  bekommen  und  dann  in  Beobachtung  zu  halten.  Wer 
einmal  dagewesen  ist,  kommt  meist  regelmässig  wieder. 

Es  erünrigt  sich,  näher  auf  den  Wert  der  Beratungsstelle  für  den 
einzelnen  Kranken  einzugehen.  Die  Vorteile  liegen  aut  der  Hand.  Es 
!  wird  frulizeitig  eine  Behandlung  eingeleitet  und  durch  die  ständige 
Kontrolle  auch  bis  zum  Ende  durchgetührt. 

So  werden  die  schweren  Spätfolgen  der  Syphilis  immer  mehr  zu¬ 
rückgedrängt.  Aus  einer  im  Vorjahr  in  Nürnberg  vorgenommenen 
:  Statistik  geht  hervor,  dass  lUProz.  aller  wegen  Lues  bei  der  uesann- 
heit  der  Nürnberger  Aerzte  in  Behandlung  befindlichen  KranKen  an 
solchen  Erscheinungen  litten.  Weitaus  die  Mehrzahl  derselben  war 
nie  oder  nicht  ausreichend  behandelt.  Hieraus  ergibt  sich  auch  der 
Vorteil  für  die  Landesversicherungsanstalt  selbst.  Alle  diese  Kranken 
mit  Lues  cerebri,  Tabes,  mit  Syphilis  des  Herzens,  der  Augen  usw. 
werden  früher  oder  später  vollkommen  arbeitsunfähig  und  fallen 
selbstverständlich  der  Invalidenversicherung  für  eine  lange  Reihe  von 
Jahren  zur  Last.  Es  sind  riesige  Summen,  welche  von  den  Anstalten 
auf  diese  Weise  erspart  werden  und  die  das  in  der  Unterhaltung  der 
Beratungsstellen  investierte  Kapital  reichlich  wieder  zurückbringen. 
Die  Ausgaben  für  die  Nürnberger  Beratungsstelle  betrugen  im  Jahre 
1922  für  den  Arzt  181  807  M.,  für  das  Bureaupersonal  516  031  M.,  dazu 
die  sonstigen  Ausgaben  bis  zur  Gesamtsumme  von  753  048  M.  Rech¬ 
net  man  eine  durchschnittliche  Rente  von  nur  10  000  M.  pro  Invaliden, 
so  wird,  wenn  man  nur  5  Personen  pro  Jahr  annimmt,  die  Summe 
bei  einem  Rentenbezug  von  10  Jahren  schon  wieder  gedeckt  sein. 
Abgesehen  wird  dabei  von  den  hohen  Summen,  welche  öffentlichen 
Kassen  (Krankenkassen,  Ortsarmen-  und  Landarmenverbänden  usw.) 
durch  die  oft  Jahre  dauernde  Aufnahme  derartiger  Kranker  in  Irren¬ 
anstalten,  Kranken-  und  Siechenhäusern  erwachsen. 

Zweckentsprechend  eingerichtet  und  vorsichtig  geleitet  sind  also 
die  Beratungsstellen  eines  der  vorzüglichsten  Hilfsmittel  im  Kampfe 
gegen  die  Ueschlechtskrankheiten  und  ein  wirksames  Organ  zur 
Hebung  der  Volksgesundheit,  und  das  auf  einem  Gebiete,  wo  es  wirk¬ 
lich  möglich  ist,  etwas  Tatsächliches  zu  erreichen,  weil  es  sicli  liier 
um  Krankheiten  handelt,  die  unabhängig  von  wirtschaftlicher  Not  und 
Ernährungsschwierigkeiten  durch  relativ  einfache  medikamentöse  Be¬ 
handlung  geheilt  werden  können.  Leider  kann  man  dies  von  einem 
anderen  Gebiet  der  Volksgesundheitspflege,  für  das  sehr  grosse  Mittel 
aufgewendet  werden,  nicht  in  gleicher  Weise  behaupten  —  die  Tuber¬ 
kulosebekämpfung.  Diese  wird  letzten  Endes  immer  ein  Ernährungs¬ 
problem  bleiben.  Wird  man  dann  hier  bei  der  Geschlechtskranken¬ 
fürsorge,  wo  uns  ein  sicherer  Erfolg  winkt,  mit  der  Bewilligung  von 
Mitteln  zurückhalten  wollen? 

Zum  Schluss  kann  man  also  mit  vollem  Recht,  entgegengesetzt 
den  Erfahrungen  anderer  Landesversicherungsanstalten,  die  Meinung 
vertreten,  dass  bei  Einhalt  der  obenerwähnten  Grundsätze  auch  die 
durch  das  Reichsgesetz  vorgeschlagenen  Beratungsstellen  ebenso 
günstige  Resultate  haben  werden  wie  die  Beratungsstelle  der  Landes¬ 
versicherungsanstalt  Mittelfranken  in  Nürnberg. 


Bücheranzeigen  und  Referate. 

L.  Krehl:  Pathologische  Physiologie.  12.  Aufl.  Leipzig,  E.  C.  W. 
Vogel,  1923.  Grundpreis:  18  M.,  geb.  22  M. 

Seit  unserer  letzten  Besprechung  in  dieser  Wochenschrift  (Juli 
1920)  sind  wieder  2  Autlagen  des  beliebten  Krehl  sehen  Lehrbuchs 
notwendig  geworden.  Sie  haben  mit  der  Entwickelung  der  Wissen¬ 
schaft  Scnritt  gehalten,  manches  Alte  umgewandelt  und  Neues  auf¬ 
genommen.  Völlig  umgearbeitet  ist  in  den  beiden  neuesten  Auflagen 
die  „Einführung“.  Der  Verfasser  bekennt  darin,  dass  er  noch  keine 
allgemeine  Krankheitslehre,  wie  sie  ihm  vorschwebe,  geben  könne; 
er  müsse  sich  in  der  Hauptsache  an  der  bescheidenen  Aufgabe  der 
Organpathologie  genügen  lassen.  Aber  er  betont  mit  Nachdruck  die 
Notwendigkeit,  nicht  die  Krankheit  als  solche,  sondern  den  kranken 
Menschen  zu  erforschen  unter  Berücksichtigung  alles  dessen,  was  der 
Kranke  vermöge  seiner  Anlage  (Konstitution)  in  seine  Krankheit 
hineinbringt,  und  der  gesamten  Bedingungen,  die  auf  den  Organismus 
eingewirkt  haben  und  einwirken.  Dazu  gehört  auch  die  grundlegende 
Bedeutung  des  Ausgangsmaterials,  des  Keimplasmas,  wie  übernaupt 
die  in  unserer  Zeit  in  rascher  Entwicklung  begriffene  Vererbungs-  und 
Konstitutionsiehre.  So  wertvoll  die  Kehre  von  den  OrgankranKheiten 
ist,  ebenso  wichtig  ist  die  Korrelation  der  Störungen  vieler,  oder  aller 
Organe  unter  einander  und  die  Betrachtung  der  Einheit  aller  Gewebe 
und  Zellen  in  der  „Persönlichkeit“,  ln  diesem  Zusammenhang  brient 
auch  der  Verfasser  eine  Lanze  für  die  vielverlasterte  „Philosophie  der 
Natur".  Sie  müsse  —  allerdings  in  unzertrennlicher  Verbindung  mit 
induktiver  (physikalischer  und  chemischer)  Forschung  —  wieder  in 
ihre  Hoheitsrechte  eingesetzt  werden. 

Beim  Durchblättern  haben  wir  unter  vielem  anderen  die  bessernde 
Hand  des  Verfassers  bemerkt  im  Kapitel  „Nervensystem“,  in  dem  sich 
ein  Abschnitt  über  die  neueren  Eorschungen  über  das  Pallidum  und 
Striatum  und  ihre  Beziehungen  zum  Thalamus,  Gross-  und  Kleinhirn 
findet,  ferner  im  Kapitel  „Kreislauf“  in  einer  Stellungnahme  zu  den 
Ursachen  der  hypertonie  und  im  Kapitel  „Blut“  an  einer  Umarbeitung 
der  Anämien.  Bei  den  Störungen  des  Zusammenwirkens  der  Organe 
wird  neu  erörtert  die  Trage  der  allgemeinen  und  speziellen  Wirkungen 
krankhaft  funktionierender  Zellen,  eine  Trage,  die  eben  erst  in  Angriff 
genommen  ist,  und  die  über  den  unsicheren  Weg  der  biologischen 
Arbeitsmethode  nach  Verfassers  Ansicht  zur  chemischen  For¬ 
schung  führen  muss. 

Dass  die  12.  Auflage  das  in  der  vorhergegangenen  des  Raumes 
wegen  weggelassene  und  gewiss  von  Vielen  entbehrte  Register  wieder 
bringt,  das  wird  von  dem  Leser  als  wesentliche  Erleichterung  beim 
Nachschlagen  nur  begrüsst  werden.  Trotzdem  und  trotz  vieler  son¬ 
stiger  Ergänzungen  ist  es  der  Oestaltungskunst  des  Verfassers  ge¬ 
lungen,  den  alten  Umfang  des  Buches  beizubehalten. 

Zum  Schluss  kennzeichnet  der  Verf.,  zurückgreifend  auf  seine 
„Einführung“  noch  einmal  die  allgemeinen  Gesichtspunkte,  von  denen 
das  ärztliche  Handeln  getragen  werden  soll.  Sein  Buch  solle  einen 
Feil  der  „rationellen“  Vorgänge  des  krankhaften  Geschehens  schildern, 
aber  die  zukünftige  Torschung  müsse  und  werde  auch  neue  Wege 
finden  zur  Erklärung  und  Förderung  einer  zweiten  Torrn  des  Handelns, 
die  schon  heute  die  ärztliche  Tätigkeit  beherrscht:  die  Einwirkung 
des  im  weitesten  Sinne  als  seelisch  bezeichneten  Geschehens  auf  die 
ganze  Persönlichkeit,  auf  das  Sein  des  Kranken. 

Ein  Werk,  wie  das  vorliegende,  wird  wie  bisher  einen  aus¬ 
gewählten  Kreis  dankbarer  Verehrer  unter  den  Aerzten  und  Torschern 
finden,  die  ihren  Beruf  ernst  und  gewissenhaft  nehmen.  Und  das 
verdankt  es  neben  der  meisterhaften  Beherrschung  seines  reichen  In¬ 
halts,  neben  der  vorsichtig  abwägenden  Beurteilung  alles  nicht  voll¬ 
kommen  Gesicherten  und  der  Anregung  neuer  Tragestellungen  vor 
allem  den  idealen  Zielen,  denen  es  dienen  soll,  und  der  hohen  Auf¬ 
fassung  vom  ärztlichen  Berufe,  die  den  Verfasser  erfüllt. 

S  t  i  n  t  z  i  n  g. 

M.  Rubner,  M.  v.  Gruber,  M.  Ficker:  Handbuch  der 
Hygiene.  IV.  Band.  3.  Abteilung  mit  22  Abbildungen.  478  Seiten. 
1923.  Verlag  von  S.  H  i  r  z  e  1,  Leipzig.  Gz.  8  M.,  geb.  20  M. 

Der  neu  erschienene  Band  enthält  als  erste  Abhandlung  die  Arbeit 
von  Tritz  Lenz  über  Rassenhygiene.  Eine  ausgezeichnete 
Monographie,  in  der  die  Abgrenzung  der  Rassenhygiene,  die  Bedeu¬ 
tung  der  Erbanlagen  für  das  Gedeihen  der  Individuen,  für  Krankheit 
und  Sterblichkeit,  die  erbliche  Bedingtheit  der  geistigen  Begabung, 
die  Ursachen  der  Entartung  durch  Idiokinese  und  ungünstige  Auslese¬ 
verhältnisse  behandelt  wird.  Im  Schlusskapitel  über  Praktische 
Rassenhygiene  bespricht  Verf.  alle  Vorschläge  die  bisher  zur  Ver¬ 
besserung  der  Rasse  empfohlen  worden  sind  in  kritischer  und  sehr 
objektiver  Weise.  Das  ganze  Problem  hat  aber,  wie  man  sieht,  seine 
sehr  grossen  Schwierigkeiten,  Es  wäre  wünschenswert,  dass  diese 
gediegene  Bearbeitung  des  gesamten  Materials  auch  als  Sonder¬ 
ausgabe  weite  Verbreitung  fände. 

Die  zweite  Arbeit  über  Alkoholismus  stammt  von 
R.  Wlassak.  Auch  dieser  Artikel  bringt  an  der  Hand  von 
240  Literaturzitaten  eine  erschöpfende  Darstellung  der  Alkoholfrage 
und  behandelt  die  physiologischen  Wirkungen  des  Alkohols,  an  der 
Hand  von  medizinischen  und  statistischen  Erfahrungen  den  Einfluss 
des  Alkohols  auf  Erkrankungen  und  Todesfälle,  die  Schädigungen  des 
Alkohols  und  seine  Wirkungen  auf  Nachkommenschaft,  das  Volk  und 
die  mit  dem  Alkohol  im  Zusammenhang  stehenden  Verbrechen.  Das 
Schlusskapitel  beschäftigt  sich  mit  der  Bekämpfung  des  Alkoholismus. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  27. 


K88 


I )er  dritte  Abschnitt  ist  der  Hygiene  des  Sexuallebens 
gewidmet  und  von  L.  Bettmann  bearbeitet  worden.  Wie  es  bei 
dein  fast  unübersehbar  grossen  Gebiete  des  Geschlechtslebens  nicht 
anders  angängig  war,  hat  der  Verf.  nicht  nur  das  hygienische  Moment 
herausgegriffen,  sondern  die  ganze  Frage  im  Zusammenhang  dar¬ 
gestellt,  so  dass  jeder  Interessent  auch  seine  speziellen  Gebiete  be- 
1  iicksichtigt  findet.  Grosse  Sachlichkeit  und  sehr  ansprechende 
Schreibweise  zeichnete  die  Arbeit  aus.  Sie  zerfällt  in  die  Hygiene 
der  sexuellen  Entwicklung,  die  sexuelle  Hygiene  der  Ehe,  die  Be¬ 
kämpfung  der  Geschlechtskrankheiten,  die  gesundheitliche  Ueber- 
wachung  der  Prostituierten  und  in  die  persönliche  Prophylaxe.  (S.  u.) 

Als  vierte  Abhandlung  folgt  die  von  M.  v.Gruber  und  J.  K  a  u  p 
gegebene  Statistik.  Zunächst  hat  v.  Gr  über  in  geistvoller 
Weise  die  Theorien  der  Statistik  erörtert  und  macht  den  Leser  mit 
dem  Wesen,  den  Grundregeln  und  der  Methodik  der  Statistik  bekannt. 
Dann  folgt  das  sog.  Gesetz  der  grossen  Zahl,  die  Berechnungen  der 
Variabilität,  der  alternativen  Variabilität  und  der  Korrelation  und  die 
Darstellung  der  Sterblichkeitsverhältnisse.  Wir  finden  erstmalig  alles 
das,  worauf  sich  eine  Statistik  aufbaut  in  ausgezeichneter  Weise  dar- 
gestelit  und  lernen  dabei  die  Schwierigkeiten  kennen,  die  das  Problem 
der  Statistik  einschliesst.  Ueber  die  eigentliche  Statistik  gibt 
.1.  Kaup  in  dem  Bevölkerungsstande  und  der  Bevölke¬ 
rungsbewegung  Auskunft.  Zahlreiche  1  abeilen  veranschaulichen 
in  kritischer  Sichtung  das  Gesamtbild  der  Bevölkerungsdichte,  der 
Fluktuation  in  Stadt  und  Land,  den  Aufbau  nach  dem  Alter,  Geschlecht 
und  Religion,  sodann  die  Bewegungen  in  der  Eheschliessung,  Ehe¬ 
scheidung,  Geburten,  Totgeburten,  in  den  Berufen  und  in  der  Fa¬ 
milie  und  in  der  Säuglingssterblichkeit.  Wer  die  Zeit  abzuwägen  weiss, 
die  statistisches  Material  zusammenzustellen  fordert,  wird  die  gründ¬ 
liche  Arbeit  der  Verfasser  genügend  hoch  einschätzen. 

Mit  diesem  3.  Teil  des  4.  Bandes  ist  ein  Abschnitt  von  hohem 
sozialhygienischem  Wert  zu  Ende  geführt  worden,  und  zwar  von 
Fachmännern,  die  auf  diesen  Gebieten  führend  sind.  Es  muss  die  Er¬ 
wartung  ausgesprochen  werden,  dass  die  mühevolle  Arbeit  auf  guten 
Boden  fällt  und  reichlich  Früchte  trägt. 

R.  O.  Neumann  - Hamburg. 

Hilgertnann  und  Lossen:  Diagnostik  der  Infektionskrank¬ 
heiten  mittels  bakteriologischer,  serologischer,  zytologischer  und  che¬ 
mischer  Untersuchungsmethoden.  Mit  einem  Anhang:  Vakzine¬ 
therapie.  Mit  73  Abbildungen  und  2  Tafeln.  499  Seiten.  Verlag  von 
Gust.  Fischer,  Jena.  Grundpreis  br.  12  M.,  geb.  15  M. 

Es  ist  sehr  zu  begrüssen,  dass  sich  zur  Abfassung  dieses  Buches 
ein  Fachbakteriologe  und  ein  Kliniker,  beide  auf  ihrem  Gebiet  sehr 
erfahren,  zusammengefunden  haben,  der  erstere  als  gründlicher 
Kenner  seines  Faches,  insbesondere  der  bewährten  Methodik,  der 
letzere  als  Richtungsgebender,  wohl  auch  Beschränkender  bezüglich 
der  Auswahl  des  für  die  klinische  Praxis  Wesentlichen.  Bei  der 
erdrückenden  Fülle  des  Materiales  bestand  für  einen  einzelnen  Autor, 
entweder  den  Bakterio-Serologen  oder  den  Kliniker  allein,  ohne  Zweifel 
die  Gefahr  des  Versagens  bzw.  der  Produktion  eines  praktisch  oder 
auch  theoretisch  mangelhaften  Buches. 

In  ausgezeichnet  übersichtlicher  Disponierung  des  Stoffes  und 
Beschränkung  auf  wirklich  Bewährtes  und  Anerkanntes  bringen  die 
Autoren  zuerst  einen  allgemeinen  Teil  (Technik  der  bakteriologischen 
Methoden,  Untersuchung  der  verschiedenen  Körperbestandteile  und 
Ausscheidungen  etc.).  Zu  begrüssen  ist  hier  besonders,  dass  jede 
Methodik  ab  ovo  gelehrt  wird;  z.  B.  beginnt  die  Blutuntersuchung 
mit  der  Technik  der  Blutentnahme,  die  genau  so  sorgfältig  geschildert 
wird,  wie  irgendeine  feinere  Sonderuntersuchung  bakteriologischer, 
serologischer  oder  zytologischer  Art.  Gerade  bei  diesem  Kapitel 
fällt  die  gleichmässig  erschöpfende  und  ausgezeichnete  Dar¬ 
stellung  aller  eben  genannten  methodischen  Aufgaben  auf ;  ohne  Abirren 
auf  Dinge,  die  mit  den  Infektionskrankheiten  nichts  zu  tun  haben.  Wie 
ausgezeichnet  ist  auch  der  Abschnitt  über  Untersuchung  der  Spinal¬ 
flüssigkeit!  Auch  hier  —  trotz  der  bekannten  Polypragmasie  der 
Literatur  —  kritische  Beschränkung  auf  das  Wesentliche,  so  dass  der 
Kliniker  doch  den  Eindruck  des  durchaus  Erschöpfenden  hat. 

Nicht  minder  gut  ist  der  spezielle  Teil  geraten.  Er  zeigt  dieselben 
Vorzüge  der  klaren  Disponierung,  der  ausführlichen  (auch  für 
den  Anfänger  geeigneten)  Darstellung  des  Wichtigen  und  Richtigen 
und  der  Ausschaltung  strittiger  und  unwesentlicher  Dinge.  Hervor¬ 
zuheben  ist  beispielsweise  das  Kapitel  Typhus,  in  dem  die  Unter¬ 
suchung  des  Blutes  auf  Bazillen,  Agglutinine  (Ref.  möchte  aber  ener¬ 
gisch  dafür  eintreten,  stets  von  G  r  u  b  e  r  -  Widalscher  Reaktion  zu 
sprechen!),  andere  Serumreaktionen  und  Leukozyten,  alsdann  die 
Untersuchung  der  Ausscheidungen  und  Entzündungsprodukte,  endlich 
das  Thema  Bazillenträger  abgehandelt  wird.  Bei  der  Bewertung  der 
Gruber-Widalprobe  vermisste  ich  übrigens  den  Hinweis  auf  das 
Neuansteigen  des  Agglutinationstiters  ehemals  Schutzgeimpfter  nicht 
nur  auf  Fleckfieber,  sondern  auch  auf  ganz  alltägliche  unspe¬ 
zifische  Infekte  (Grippe,  Tuberkulose  etc.)  hin;  eine  praktisch  nicht 
unwichtige  Sache. 

Ganz  vortrefllich  scheint  mir  auch  das  Kapitel  der  Protozoen¬ 
erkrankungen,  insbesondere  der  Spirochätosen,  in  der  auch  neueste 
Forschungen  (z.  B.  multiple  Sklerose)  gebührend  gewürdigt  werden. 
Dass  die  Syphilis  eine  überaus  eingehende  Darstellung  erfährt,  ist 
natürlich.  Hier  bewährt  sich  so  recht  die  Mitarbeit  des  Klinikers. 
Ich  verweise  nur  auf  das  kritische  und  erschöpfende  Kapitel  der 
Liquordiagnose. 


Sehr  zu  begrüssen  ist  endlich  der  Anhang  der  Vakzinetherapie, 
die  —  entsprechend  der  Aufgabe  des  Buches  —  mehr  methodologisch, 
als  in  Einzelheiten  der  Indikationen  etc.  dargestellt  wird.  In  letzterer 
Beziehung  ist  ja  allerdings  noch  vieles  strittig  und  mehr  „Glaubens¬ 
sache“  als  Faktum.  Ich  wünsche  gerade  diesem  Kapitel  bei  der  näch¬ 
sten,  zweifellos  bald  folgenden  Neuauflage  eine  gewisse  Erweiterung. 

Zu  den  vielen  Vorzügen  des  Buches  treten  endlich  noch  gut  ge¬ 
wählte  und  reichliche  Litvraturangaben  und  eine  vorzügliche  Aus¬ 
stattung,  insbesondere  auch  in  der  reichlichen  Illustrierung  durch 
schwarze  und  farbige  Abbildungen. 

Alles  in  allem:  ein  hervorragend  gutes  Buch  für  den  Kliniker 
und  Arzt,  das  aber  auch  den  Fachbakteriologen  der  Human-  und 
Veterinärmedizin  sehr  interessieren  und  befriedigen  wird. 

H.  Curschmann  - Rostock. 

H.  Schottmüller:  Leitfaden  für  die  klinisch-bakteriologischen 
Kulturmethoden.  Urb  an -Schwarzenberg,  Berlin-Wien  1923. 
Grpr.:  3.3  M. 

Es  ist  das  Verdienst  Schottmüllers,  durch  systematische 
Anwendung  der  Blutagarplatte  einen  Einblick  in  die  Verschiedenheiten 
der  Strepto-  und  Staphylokokken  geschaffen  und  die  Diagnose  bei 
derartigen  Infektionen  erleichtert  zu  haben.  Auf  diesem  Verfahren 
baut  dann  auch  der  Leitfaden  auf,  der  die  bakteriologischen  Unter¬ 
suchungen  am  Krankenbett  für  Diagnostik  und  Therapie  fruchtbarer 
gestalten  soll.  Den  grössten  Teil  des  Heftchens  von  92  Seiten  nehmen 
„Die  bakteriologischen  Untersuchungen  des  Blutes“  ein.  Entnahme 
des  Blutes,  Züchtungsmethoden,  Ergebnisse  der  Blutuntersuchungen 
werden  aus  den  Erfahrungen  der  Praxis  heraus  besprochen.  Wertvoll 
ist  der  Abschnitt  über  die  Wachstumserscheinungen  der  einzelnen 
pathogenen  Bakterien  des  Blutes.  Die  Besprechung  der  bakterio¬ 
logischen  Untersuchung,  der  Se-  und  Exkrcte  und  Organe  berücksich¬ 
tigt  in  der  Hauptsache  die  Blutagarplatte  als  Kulturmedium  und  be¬ 
friedigt  wegen  dieser  Einseitigkeit  nicht  ganz.  Der  Leitfaden  gibt 
manche  Anregung  und  Belehrung  und  kann  daher  den  ärztlichen  Stel¬ 
len,  die  bakteriologische  Untersuchungen  des  Blutes  häufiger  zur  Di¬ 
agnosestellung  heranziehen  müssen,  nicht  minder  empfohlen  werden 
als  den  bakteriologischen  Untersuchungsstellen.  R  i  m  p  a  u  -  Solln. 

.Julius  Citron:  Die  Methoden  der  Imniunodiagnostik,  Immuno- 
tind  Chemotherapie  und  ihre  praktische  Verwertung.  4.  Aufl.  Georg 
T  h  i  e  m  e,  Leipzig  1923.  353  S.  Geh.  7.50  M.,  kart.  10.50  M. 

Das  gut  eingeführte  Lehrbuch  von  Citron  erscheint  zum 
grössten  Teil  unverändert.  Eingeflochten  in  den  Text  sind  alle  seit 
1919  bekannt  gewordenen  immunbiologischen  Tatsachen,  die  eine  we¬ 
sentliche  diagnostische  oder  therapeutische  Bedeutung  haben,  so  die 
Ausflockungsreaktionen  bei  Syphilis,  die  Besredka sehe  Methode 
der  Serodiagnostik  der  'Tuberkulose  u.  a.  Ebenso  kommen  die  be¬ 
deutsamen  Fortschritte  der  Chemotherapie,  das  Wismut,  Bayer  205 
und  das  Morgen  roth  sehe  Eukupin  zu  ihrem  Recht.  Der  in  den 
letzten  Jahren  erheblich  weiterentwickelten  unspezifischen  Immunität 
in  Form  der  Proteinkörpertherapie  wurde  ein  eigenes  Kapitel  einge¬ 
räumt,  in  dem  die  wesentlichen  Tatsachen  klar,  eingehend  und  kritisch 
behandelt  werden.  So  ist  dem  Buche  auch  diesmal  eine  möglichst 
weitgehende  Verbreitung  zu  wünschen.  S  a  a  t  h  o  f  f  -  Oberstdorf. 

Günther,  Dr.  Hans:  Die  Grundlagen  der  biologischen  Kon¬ 
stitutionslehre.  136  S.  Leipzig  1922.  Verlag  T  h  i  e  m  e.  Grund¬ 
preis:  2.10  M. 

Von  der  geistigen  Eigenart  des  Verfassers  gibt  seine  Entdeckung 
von  „Generationsrhythmen“  Kunde:  „Das  Studium  einer  grossen  Zahl 
von  Stammbäumen  mit  Vererbung  sowohl  dominanter  als  auch  rezes¬ 
siver  Anomalien  .  .  .  ergab  nun,  dass  tatsächlich  das  Auftreten  der 
betreffenden  Anomalien  an  bestimmte  Zeitintervalle  gebunden 
ist,“  „Wenn  wir  die  Zeitintervalle,  in  welche  die  anormalen  Indivi¬ 
duen  fallen,  als  .negative1,  die  andern  als  .positive*  Phasen 
bezeichnen,  so  finden  wir,  dass  immer  positive  Phasen  mit  negativen 
Phasen  abwechseln,  dass  diese  Intervalle  gleiche  Dauer,  und 
zwar  stets  die  Länge  von  214  Jahren,  haben.“  „Der  Rhythmus  wird 
durch  denjenigen  Elter  bestimmt,  der  allein  oder  vorwiegend  die  Ver¬ 
erbung  eines  Merkmals  bewirkt.  Der  234-Jahre-Rhythmus  beruht  da¬ 
tier  auf  konstitutionellen  Schwankungen  des  Menschen,  welche  nicht 
an  ein  bestimmtes  Geschlecht  gebunden  sind.“  „Auf  diesen  physio¬ 
logischen  Hauptperioden  können  sich  nun  weitere,  grössere  Perioden 
(Oberperioden)  aufbauen.“  „Der  Generationsrhythmus  beträgt 
hiernach  genau  33  Ovulationsperioden  oder  314  Fötalzeit  oder  34  Sta¬ 
dium.“  Diese  Periodenkonstruktion  ist  natürlich  unmittelbar  geistes¬ 
verwandt  dem  „Siebenjahr“  Swobodas,  welches  Referent  bei 
früherer  Gelegenheit  in  dieser  Zeitschrift  besprochen  hat.  Anderseits 
finden  sich  auch  mancherlei  beachtenswerte  Ausführungen  in 
Günthers  Büchlein.  Eine  Fülle  von  neuen  Ausdrücken,  Symbolen 
und  Formeln,  von  Irrtümern,  Schiefheiten  und  Druckfehlern  lassen 
indessen  nur  bei  sehr  kritischen  Lesern,  die  mit  dem  Gegenstand 
schon  einigermassen  vertraut  sind,  überwiegenden  Nutzen  von  der 
Lektüre  erhoffen.  Richtiggestellt  seien  hier  nur  die  Angaben  über 
angebliche  Anschauungen  des  Referenten  (Lenz);  es  trifft  absolut 
nicht  zu,  dass  er  den  Begriff  des  Paratypus  mit  dem  der  phäno¬ 
typischen  Konstitution,  den  des  Idiotypus  mit  genotypischer  Kon¬ 
stitution  gleichgesetzt  hätte.  Auch  stammen  die  Ausdrücke  Idiotypus 
und  Paratypus  nicht  von  ihm,  sondern  von  Siemens.  Bemerkt  sei 


b.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


889 


noch,  dass  der  Verfasser  nicht  etwa  mit  dem  Philologen  Hans 
G  ü  n  t  h  e  r  identisch  ist,  der  für  den  Verlag  1.  e  h  m  a  n  n  eine  „Rassen¬ 
kunde  des  deutschen  Volkes“  geschrieben  hat.  Lenz. 

Geschlechtsleben  und  Hygiene.  Erziehung  —  Ehe  —  Geschlechts¬ 
krankheiten  —  Prostitution  —  Persönliche  Prophylaxe.  (Sonderdruck 
aus  Handbuch  der  Hygiene  IV.  3)  von  S.  Bett  mann.  Leipzig  bei 
G.  H  i  r  z  e  1,  1923.  132  Seiten.  Gz.  2.50  M. 

Mit  ungemeiner  Gründlichkeit  ist  in  dem  B  e  1 1  m  a  n  n  scheu 
Werke  alles  zusammengetragen,  was  wesentlich  ist;  man  findet  alle 
Fragen,  welche  von  Interesse  sind,  besprochen.  Es  berührt  dabei  sehr 
angenehm,  dass  der  Verfasser  nicht  darauf  verzichtet,  seine  eigene 
Ansicht  auszusprechen,  dass  er  es  nicht  beim  blossen  Referieren  be¬ 
wenden  lässt.  Gerade  dadurch  ist  die  Lektüre  des  Buches  interessant, 
zumal  die  geäusserten  Meinungen  nach  Ansicht  des  Ref.  durchaus 
zutreffend  sind.  Dass  sich  der  Verf.  auf  durchaus  realem  Boden  be¬ 
wegt  und  utopischen  Vorstellungen,  die  ja  auf  diesem  Gebiet  leider 
eine  grosse  Rolle  spielen,  abhold  ist,  kann  als  sehr  erfreulich  be¬ 
zeichnet  werden;  nirgends  treiben  so  viele  Weltverbesserer  in  und 
ausserhalb  von  Vertretungskörpern  ein  solches  Unwesen,  wie  auf  dem 
Gebiete  der  Geschlechtskrankheitenbekämpfung.  Jedermann,  der  sich 
überhaupt  für  die  im  Titel  genannten  Fragen  interessiert,  wird  das 
Buch  mit  Nutzen  lesen  und  Belehrung  daraus  schöpfen. 

L.  v.  Zumbusch. 

Beiträge  zur  gerichtlichen  Medizin.  Herausgegeben  von  Pro¬ 
fessor  Dr.  Albin  H  a  b  e  r  d  a.  5.  Band.  Festschrift  zur  Eröffnung  des 
neuen  Instituts.  Leipzig  und  Wien,  Verlag  von  Franz  D  e  u  t  i  c  k  e. 
211  S.  Grpr.:  12.50  M. 

Der  vorliegende  Band  der  bekannten  Wiener  Beiträge  ist  aus 
Anlass  des  neubezogenen  Instituts  für  gerichtliche  Medizin  heraus¬ 
gegeben  worden;  dieses  Institut  ist  aus  der  früheren  Prosektur  des 
Garnisonspitals  Nr.  1  und  aus  dem  bakteriologischen  Laboratorium 
des  Militärsanitätskomitees  geschaffen  worden  und  entspricht  nach 
der  einleitenden  Beschreibung  in  der  vorliegenden  Festschrift  hin¬ 
sichtlich  seiner  Zweckmässigkeit  und  seiner  Ansgestaltung  den  mo¬ 
dernsten  Anforderungen  sowie  auch  dem  Ansehen,  das  die  Wiener 
Lehrkanzel  für  die  gerichtliche  Medizin  seit  dem  Anfang  des  vorigen 
Jahrhunderts  geniesst.  Die  vorliegenden,  in  dem  Band  vereinigten 
15  wissenschaftlichen  Arbeiten,  die  zum  Teil  aus  dem  Institut  selbst 
stammen  und  zum  Teil  aus  der  Feder  von  früheren  Schülern  des¬ 
selben,  reihen  sich  den  früheren  Publikationen  vollkommen  würdig 
an  die  Seite.  H.  Merkel-  München. 

B  i  a  c  h,  Paul:  Die  Therapie  an  den  Wiener  Kliniken.  Ein  Ver¬ 
zeichnis  der  an  denselben  gebräuchlichen  Heilmethoden  und  Rezepte. 
Begründet  von  Ernst  Land  es  mann.  10.  Aufl.  Leipzig  und  Wien 
1923,  bei  D  e  u  t  i  c  k  e.  740  Seiten  8°.  Grpr.:  17  M.  ungeb. 

Da  längere  Zeit  keine  neue  Auflage  des  Buches  erschienen  ist, 
musste  es  in  allen  Teilen  gründlich  umgearbeitet  werden.  Die  Rönt¬ 
gentherapie  ist  jetzt  eingehend  dargestellt  von  P  o  r  d  e  s,  ein  neues 
Kapitel  über  Heilquellenbehandlung  von  Schütz  ist  beigegeben.  Die 
Bearbeitung  der  einzelnen  Teile  ist  nicht  gleichwertig.  Schon  äusser- 
lich  fällt  auf,  dass  die  innere  Medizin  114  Seiten  umfasst,  die  Hals-, 
Nasen-  und  Ohrenkrankheiten  fast  ebensoviel,  101,  die  Haut-  und  Ge¬ 
schlechtskrankheiten  sogar  mehr:  123.  Kerschensteiner 


Zeitschriften- Uebersicht. 

Zeitschrift  für  klinische  Medizin.  Band  95.  Heft  4 — 6. 

J.  Burmeister:  Ueber  unspezifische  Protoplasmainaktivierung  als 
Heilfaktor,  unter  besonderer  Berücksichtigung  der  Kalziumtherapie. 

Die  Krankheit  ist  der  Ausdruck  des  Kampfes  zwischen  Organismus  und 
Noxe,  zu  dem  es  kommt  durch  Reaktion  der  Zelle  auf  die  Noxe.  Eine 
Unterstützung  des  Körpers  in  diesem  Kampf  ist  auf  dreierlei  Weise  möglich: 
Durch  Ablenkung  der  schädlichen  Einflüsse  —  Adsorptionstherapie,  durch 
Verstärkung  der  natürlichen,  aktiven  Abwehr  —  Reaktionstherapie  und  durch 
Verleihung  eines  passiven  Schutzes  —  Exklusionstherapie.  Gelingt  es  durch 
irgendwelche  Massnahmen  „die  Tätigkeit  der  gereizten  Zelle  zu  beruhigen, 
sie  zu  inaktivieren“,  also  gewissermassen  eine  Schranke  aufzurichten  zwi¬ 
schen  Zelle  und  Noxe,  so  ist  mit  dieser  „Exklusionswirkung“  ein  Eingriff 
geleistet,  der  in  seinem  Effekt  das  Wesen  der  Protoplasmainaktivierung  aus¬ 
macht.  Unter  den  protoplasmainaktivierenden  Mitteln  spielt  z.  Z.  das  Kalzium 
die  Hauptrolle.  Deshalb  wählt  Verf.  das  Kalzium  als  Beispiel  für  die  Be¬ 
sprechung  der  Beeinflussung  der  gesamten  Lebenstätigkeit  des  Organismus 
durch  pr.-inakt.  Stoffe.  An  Hand  eines  Schemas,  das  in  20  Punken  die 
Wirkung  pr.-akt.  und  pr.-inakt.  Stoffe  gegenüberstellt,  wird  unter  ausgiebiger 
Berücksichtigung  der  einschlägigen  Literatur  über  die  Einzelwirkungen  Bericht 
erstattet. 

A.  Loewy  und  H.  Zondek:  Ueber  endokrine  Fettsucht. 

Gaswechselbestimmungen  bei  4  Fällen  hypophysärer  Fettsucht  und 
5  weiblichen  Kranken  mit  lokalisierter  Fettvermehrung.  Es  findet  sich  keine 
Herabsetzung  des  Ruhestoffwechsels.  Der  Ruheumsatz  bewegt  sich  an  der 
oberen  Grenze  der  Norm  und  darüber,  in  einem  Falle  bis  100  Proz.  darüber. 
Unter  Thyreoidindarreichung  in  allen  Fällen  Steigerung  des  Sauerstoffver¬ 
brauches,  dabei  allgemeine  Abmagerung,  die  aber  gerade  die  fettleibigen 
Teile  verschonte.  Durch  direkte  Bestimmung  des  kalorischen  Umsatzes  kann 
das  Wesen  solcher  Fälle  daher  nicht  erschlossen  werden.  Nervöse  Einflüsse 
werden  zur  Erklärung  der  abnormen  Fettverteilung  herangezogen.  Neben 
einer  Störung  des  Fettunisatzes  wurde  in  einem  Falle  eine  Störung  des 
Wasserwechsels  beobachtet.  Da  bei  dem  mit  Thyreoidindarreichung  wieder¬ 
holten  Wasserversuch  eine  erhebliche  Steigerung  der  Diurese  beobachtet 


wurde,  schliessen  die  Verf.,  dass  die  mit  Wasserretention  einhergehenden 
Fälle  von  Fettsucht  thyreogenen  Ursprungs  sind. 

Annelise  Wittgenstein:  Endolumbale  Salvarsantherapie  bei  svphilo- 
genen  Erkrankungen  des  Zentralnervensystems,  zugleich  zur  Frage  der 
Liquorlues. 

Bericht  über  zweijährige  Erfahrungen  an  40  Kranken,  die  mit  der  W  e  c  h- 
selmann-Gennerich  sehen  Methode  behandelt  wurden.  Unter  300  In¬ 
fusionen  trat  kein  Kollaps  auf;  als  Begleiterscheinungen  werden  Kopfschmerzen 
und  zuweilen  Schweissausbruch  angegeben.  50 — 100  ccm  Liquorentnahme  sind 
durchaus  nötig.  Salvarsandosis  Va — 2  mg.  Die  Nachteile  der  Methode 
scheinen  ihre  Vorteile  zu  iiberwiegen.  Hinsichtlich  der  therapeutischen  Er¬ 
folge  verdient  sie  keine  höhere  Wertschätzung  als  die  intravenöse  Sa. -Be¬ 
handlung. 

Hans  Werner  Wollenberg:  Beiträge  zur  Monozytenfrage. 

Die  Monozyten  sind  eine  eigene  Zellart  mit  nahen  Beziehungen  zum 
Endothel.  Sie  geben  keine  Oxydasereaktion.  Weiteren  Untersuchungen 
bleibt  es  Vorbehalten,  zu  entscheiden,  ob  man  neben  der  reticulo-endothelialen 
auch  noch  eine  peripher-endotheliale  Abkunft  der  Monozyten  annehmen  muss. 

Hans  Oeller:  Ueber  die  nosologische  Stellung  der  Krankheitsformen 
des  Typhus  im  Rahmen  der  septischen  Erkrankungen.  Allergie  und  Ent¬ 
zündung.  Ein  Beitrag  zur  Pathogenese  des  Typhus. 

Weder  die  hämatogene  noch  die  enterogene  Theorie  der  Typhusausbrei¬ 
tung  vermag  die  verschiedenen  Aeusserungsformen  des  Typhus  befriedigend 
zu  erfassen.  Beide  Theorien  sind  häufig  nicht  in  Einklang  zu  bringen  mit  dem 
klinischen  Bild  und  dem  pathologisch-anatomischen  Befund.  Es  war  ein  grosser 
Irrtum,  den  pathologisch-anatomischen  Befund  als  Gradmesser  der  Schwere 
einer  Infektionskrankheit  zu  nehmen;  das  pathologisch-anatomische  Bild  ist  der 
(u.  U.  fehlende)  Ausdruck  allgemeiner  humoraler  und  lokalzellulärer  Abwehr¬ 
vorgänge,  die  abgesehen  von  der  Zahl  und  der  Virulenz  der  Infektionserreger 
wechseln  mit  den  allgemeinen  immunbiologischen  Bedingungen  des  befallenen 
Individuums.  Wenn  man  in  gewisser  Analogie  zur  Tuberkulose  den  Typhus 
als  septische  Erkrankung  vom  immunbiologischen  Standpunkt  betrachtet,  ge¬ 
lingt  es  leicht  und  gut  vereinbar  mit  der  heutigen  Lehre  vom  Wesen  der 
Entzündung,  alle  Krankheitsformen  des  Typhus  auf  eine  einheitliche  Patho¬ 
genese  zurückzuführen. 

Als  Endotoxinkeim  ist  der  Typhusbazillus  zur  Schleimhautoberflächen- 
infektion  nicht  befähigt;  er  gelangt  ins  Körperinnere  und  erreicht  einen 
„Siedelungsort“,  von  wo  eine  Aussaat  in  Schüben  oder  kontinuierlich  er¬ 
folgen  kann.  In  immunbiologisch  günstig  gelagerten  Fällen  bleibt  die  In¬ 
fektion  auf  die  Siedelungsherde  beschränkt  oder  die  in  die  Blutbahn  ge¬ 
langten  Keime  werden  durch  die  allgemeinen  Abwehreinrichtungen  ver¬ 
nichtet,  so  dass  es  zu  lokalisierten,  metastatischen  reaktiven  Prozessen  gar 
nicht  kommt.  Werden  Mikroorganismen  oder  ihre  Zerfallsprodukte  nicht 
völlig  unschädlich  gemacht,  so  wirken  sie  als  Gifte  und  rufen  Zellschädigungen 
verschiedenen  Grades  hervor,  von  der  Zellproliferation  (schwache  Giftwirkung) 
bis  zur  Nekrose  (schwerste  Giftschädigung).  Wird  der  zur  Bakterienvernich¬ 
tung  befähigte  Zellapparat  insuffizient,  geht  die  aktive  Zellwirkung,  die  im 
Blut  kreisenden  Keime  zum  Haften  und  zu  lokalem  Kampf  zu  zwingen,  ver¬ 
loren,  so  entsteht  das  Bild  der  Typhusseptikämie. 

Die  herdförmigen  Entzündungsprodukte  beim  Typhus,  die  jetzt  noch  den 
Mittelpunkt  der  Betrachtung  einnehmen,  stellen  somit  nur  einen  Teilausschnitt 
aus  dem  gesamten  Abwehrmechanismus  dar.  In  vielen  Fällen  wird  eine  der¬ 
artige  zelluläre  Reaktion  gar  nicht  nötig  sein,  während  sie  in  anderen  dem 
befallenen  Organismus  nicht  mehr  möglich  ist.  Klinische  Beobachtungen 
werden  angeführt,  die  den  Uebergang  von  dem  einen  in  das  andere  Stadium 
|  dartun;  durch  pathologisch-anatomische  Untersuchungen  wird  die  vor¬ 
getragene  Auffassung  gestützt. 

Anton  Hittmair:  Das  Adrenalinblutbild  bei  Erkrankungen  der  häino- 
poetischen  Organe. 

Die  Untersuchungen  an  Kranken  mit  Pseudoleukämie,  Lymphosarkom, 
Lymphadenosen,  tuberkulösen  Lymphdrüsen,  chronischer  Myelose,  Icterus 
haemolyt.,  essentieller  perniziöser  Anämie,  sekundärer  Anämie,  Polyzythämie 
ergeben,  dass  es  weder  bei  Erkrankungen  des  lymphatischen  noch  des 
myeloischen  Systems  zu  einem  bestimmten  Ablauf  der  Adrenalinreaktion 
kommt.  Zur  Funktionsprüfung  und  Diagnosenstellung  ist  der  Adrenalinversuch 
ungeeignet. 

Walter  Eliassow:  Ueber  den  Einfluss  der  Mono-  und  Polysaccharide 
auf  den  Blutzucker. 

Systematische  vergleichende  Untersuchungen  an  12  Diabetikern,  die  durch 
Behandlung  zuckerfrei  geworden  waren.  Es  wurden  gleichwertige  Mengen 
von  Glykose,  Lävulose,  Weizenmehl  und  Inulin  gereicht.  Ein  starker  Anstieg 
des  Blutzuckers  wurde  beobachtet  nach  Glykose-  und  Weizenmehlgabe,  ein 
merklich  geringerer  nach  Lävulosedarreichung;  Inulin  erhöhte  den  Blutzucker¬ 
spiegel  gar  nicht. 

J.  E.  Holst:  Studien  über  die  alimentäre  Glykosurie. 

Bei  der  Urinprobe  mit  Benedicts  Reagens  und  Alrauns  Reagens 
reduzierte  der  Harn  nach  zuckerreichen  Mahlzeiten  bei  31  von  159  Kranken 
mehr  oder  minder  stark. 

R.  Niemeyer:  Intravenöse  Traubenzuckerinfusionen  und  Blutzucker 
bei  Herzkranken. 

Hypoglykämie  als  Symptom  der  Kardiodystrophie  fand  sich  unter 
63  Herzkranken  nur  einmal,  bei  allen  übrigen  (darunter  7  Kranke  mit  Angina 
pectoris  und  17  mit  Myodegeneratio  cordis)  war  der  Blutzucker  zwischen 
70  und  120  mg-Proz.  Eine  den  Einspritzungstag  überdauernde  Hyperglykämie 
wurde  niemals  beobachtet.  Therapeutischer  Wert  ist  der  Zuckerinfusion  nicht 
beizumessen;  in  einigen  Fällen  wurde  eine  vorübergehende  Euphorie  beob¬ 
achtet,  in  anderen  traten  nach  der  Infusion  starke  Beschwerden  auf. 

Hans  Eisenstädt:  Zur  Frage  der  Theorie  und  praktischen  Brauch¬ 
barkeit  von  W  1  d  a  I  s  häinoklastischer  Krise. 

Verf.  lehnt  die  von  W  i  d  a  1  gegebene  theoretische  Begründung  der  hämo- 
klastischen  Krise  ab  und  schliesst  sich  der  Meinung  F.  Glasers  an.  der 
auf  Grund  seiner  Beobachtungen  in  der  hänioklastischen  Krise  eine  Art 
anaphylaktischen  Schocks  sieht.  Eigene  Untersuchungen  über  den  Ablauf  der 
Kurven  für  den  Bluteiweissgehalt,  den  Blutdruck,  die  Leukozytenzahl  und 
-Verschiebung  nach  Milchmahlzeit  überzeugen  den  Verf.  von  der  praktischen 
Unbrauchbarkeit  der  W  i  d  a  1  sehen  hämoklastischen  Krise  für  die  Diagnostik 
der  Leberkrankheiten. 

Julius  Rother:  Zur  Kritik  der  Blutharnsäurebestimmung. 

Bei  der  Ueberprüfung  der  von  F  o  1  i  n  und  W  u  angegebenen  Bestim¬ 
mungsmethode  der  Blutharnsäure  stellt  sich  heraus,  dass  beträchtliche  Anteile 


890 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  27. 


der  Blutharnsäure  mit  dem  Eiweisskoagulum  niedergerissen  werden.  Es  fehlt 
an  einer  Methode,  die  den  wahren  Harnsäuregehalt  eiweisshaltiger  Flüssig¬ 
keiten  quantitativ  zu  bestimmen  gestattet. 

Fritz  Breuer:  Beiträge  zur  biologischen  und  klinischen  Bedeutung  der 
Staiagmone. 

Stalagmone  =  oberilächenaktive  Harnkolloice,  kolloidale  und  semi¬ 
kolloidale  Stoffe  sind  vermehrt  bei  Entzündungen,  Tumoren,  Leber-  und 
Nierenschädigungen,  intra  graviditatem.  Nach  der  von  S  c  h  e  in  e  n  s  k  y  an¬ 
gegebenen  Methodik  wurden  bei  50  Kranken  (darunter  16  Ulcus  ventriculi 
und  16  Ca  ventriculi)  die  stalaginomelrischen  Werte  festgestellt.  Die  stalag- 
mometrischen  Quotienten  sind  normal  in  allen  Ulcusfällen,  sie  sind  erhöht  in 
allen  Fällen  von  Ca  ventriculi.  Mit  der  Grösse  des  Tumors  wächst  die  Er¬ 
höhung  des  stalagmometrischen  Wertes:  ein  Tumor  von  Kirschgrösse  fängt 
erst  an,  sich  in  dieser  Hinsicht  bemerkbar  zu  machen.  Eine  gewisse  differen- 
tialdiagnostische  Bedeutung  ist  der  Methode,  besonders  in  zweifelhaften 
Fällen,  nicht  abzusprechen. 

Heinrich  Higier:  Endemie  dysalimentärer  Osteoarthropathie,  Osteo¬ 
malazie  und  Spätrachitis  und  ihre  Stellung  zur  neuen  Lehre  von  den  Vitaminen 
oder  Nutramliien. 

Spätrachitis  und  Frühosteomalazie  sind  zwei  nahe  Verwandte,  wenn  nicht 
dieselbe  Krankheit;  sie  sind  gleich  hinsichtlich  ihrer  Symptomatologie,  ihres 
Verlaufes,  sowie  ihrer  therapeutischen  Beeinflussbarkeit.  Sie  bilden  die 
Mittelglieder  einer  Kette  von  Krankheitsbezeichnungen  für  dasselbe  Leiden, 
das  wir  beim  Föt  Chondrodystrophia  congenita,  beim  alten  Individuum  Osteo- 
malacia  senilis  nennen.  Bei  beiden  Leiden  können  wir  pathologisch-anatomisch 
regressive  und  reparatorische  Vorgänge  unterscheiden.  Aber  mit  dem  Alter 
des  befallenen  Individuums  werden  die  Wucherungsprozesse,  die  Osteophyt- 
bildung  und  die  Störungen  der  endochondralen  Ossifikation  immer  weniger 
lebhaft;  dafür  rückt  mit  dem  Nachlassen  der  allgemeinen  Wachstumsenergie 
die  Osteoporose  immer  mehr  in  den  Vordergrund.  Pathogenetisch  sind  Spät¬ 
rachitis  und  Osteopathie  wahrscheinlich  identisch.  Sie  sind  die  Folge¬ 
erscheinung  eines  „Partialhungers“,  sie  verdanken  dem  Fehlen  eines  wich¬ 
tigen  Ergänzungsstoffes,  des  sog.  lipoiden  Vitamins,  ihre  Entstehung. 

G6za  Hetönyi:  Die  Funktionsprüfung  der  Leber  mittels  gleichzeitiger 
Bilirubinbestimmungen  im  Blutserum  und  in  der  Galle. 

Die  Bestimmungen  wurden  mit  dem  Autenrieth  sehen  Kolorimeter 
ausgeführt.  Der  Vergleichskeil  ist  mit  einer  roten  Testlösung  unbekannter 
Zusammensetzung  gefüllt,  deren  Farbton  nicht  immer  mit  dem  des  zu  unter¬ 
suchenden  Serums  übereinstimmt.  Die  Resultate  der  Untersuchungen  bei 
Leberzirrhose,  Lues  hepatica,  Ca  hepatis,  Icterus  catarrhalis,  Cholelithiasis. 
Herzkrankheiten,  perniziöser  Anämie  und  an  Normalfällen  ergeben  keine  ein¬ 
deutigen,  differentialdiagnostisch  sicher  verwertbaren  Befunde. 

Ad.  M.  Brogsitter  -  München. 

Mitteilungen  aus  den  Grenzgebieten  der  Medizin  und  Chirurgie. 
Band  36,  Heft  2 — 4.  Jena  1923,  ü.  Fischer. 

Heft  2/3.  W.  Gold  Schmidt  (I.  Chir.  Klinik  Wien):  Einige  Be¬ 
merkungen  über  akute  Colitis  pseudodysenterica,  postoperative  Magen-Darm¬ 
blutungen  und  Geschwürsbildung. 

Die  genannten  Erscheinungen  lassen  sich  auf  gemeinsame  Ursachen, 
nämlich  Zirkulationsstörung  und  Nervenschädigung,  zurückführen;  sie  treten 
auf  nach  Traumen,  verschiedenen  Erkrankungen  und  Operationen.  Dieselbe 
Schädigung  kann  je  nach  ihrem  Grade  und  nach  der  lokalen  Disposition  zu  den 
verschieden  genannten  Störungen  führen,  z.  B.  das  retroperitoneale  Hämatom 
zur  Pseudodysenterie  (oft  mit  echter  Ruhr  verwechselt),  oder  zu  Obstipation 
und  Ileus.  An  Hunden  Hessen  sich  ähnliche  postoperative  Erscheinungen 
erzeugen, 

E.  Kirch  und  E.  Stalin  ke  (Path.  Inst.  u.  Chir.  Klinik  Würzburg): 
Pathologisch-anatomische,  klinische  und  tierexperimentelle  Untersuchungen 
über  die  Bedeutung  des  Soorpilzes  für  das  chronische  Magengeschwür. 

Unter  37  Ulcusmägen  fand  sich  das  Oidium  albicans  nur  6  mal;  Mägen 
mit  multiplen  Ulzera  waren  nicht  bevorzugt.  Der  Pilz  blieb  auf  die  ober¬ 
flächlichsten,  aus  totem  Material  bestehenden  Geschwürsschichten  beschränkt. 
Im  Hundeexperiment  war  ©ine  pathogene  Eigenschaft  desselben  nicht  er¬ 
kennbar.  Er  ist  in  der  Regel  also  ein  zufälliger,  harmloser  Saprophyt.  Aus¬ 
nahmsweise  mag  bei  echter  Soorerkrankung  in  Mund,  Schlund  oder  Speise¬ 
röhre  auch  der  Magen  metastatisch  beteiligt  werden. 

Eugen  F  r  a  e  n  k  e  1  -  Hamburg:  Ueber  Cholecystitis  typhosa. 

Nach  seinen  histologischen  Untersuchungen  glaubt  Verf.,  dass  der 
Typhusbazillus  wohl  in  einer  kranken,  aber  nur  ganz  ausnahmsweise  in  einer 
gesunden  Gallenblase  schwerere  Veränderungen  hervorrufen  kann.  Was  ihr 
Hineingelangen  betrifft,  so  ist  nur  soviel  sicher,  dass  sie  mit  dem  Gallen¬ 
strom  eingeschwemmt  werden  können.  Die  Cholezystektomie  bei  Typhus¬ 
bazillenausscheidern  hält  er  nur  dann  für  berechtigt,  wenn  die  Gallenblase 
nachweislich  erkrankt  ist,  was  keineswegs  der  Fall  zu  sein  braucht. 

E.  Grafe  und  E.  v.  Redwitz  (Chir.  und  Med.  Klinik  Heidelberg): 
Ueben  den  Einfluss  ausgedehnter  Strumaresektionen  auf  den  Gesamtstoff¬ 
wechsel  beim  Menschen. 

4  von  11  Kranken  mit  gewöhnlicher  Struma  zeigten  nach  Entfernung  der 
Schilddrüse  ein  vorübergehendes  erhebliches  Absinken  des  Stoffwechsels. 
Fälle  mit  vorher  erhöhtem  Stoffwechsel  zeigten  lange  eine  entsprechende  Er¬ 
niedrigung.  Die  Ergebnisse  erweisen  die  Berechtigung  der  weitgehenden  Re¬ 
duktion  der  Schilddrüse  mit  Unterbindung  der  4  Arterien. 

Hennig  und  Schütt  (Chir.  Klinik  und  Path.  Institut  Halle  a.  S.):  Ein 
Fall  von  diffusem,  kavernösem  Hämangiom  des  Mastdarmes. 

Bei  dem  jungen  Manne  bestand  ein  angeborenes  kavernöses  Lymph¬ 
angiom  am  Knie  und  ein  wahrscheinlich  ebenfalls  angeborenes  diffuses 
kavernöses  Hämangiom  des  Mastdarmes.  Die  Blutungen  aus  letzterem  hatten 
zu  schwerer  sekundärer  Anämie  geführt,  waren  aber  bis  kurz  vor  dem  Tode 
für  hämorrhoidale  gehalten  worden. 

Fritz  Schulze  (Chir.  Klinik  Berlin) :  Skelettveräuderungen  als  Ursache 
von  Verkalkungen. 

Bei  einem  16  jähr.  Mädchen  mit  schwerer  chronischer  Osteomyelitis  eines 
Femur  und  eines  Humerus  zeigte  sich  im  Röntgenbild  Verkalkung  der  Gefässe 
an  Rumpf  und  Extremitäten  und  zwar  gerade  an  den  kleinen  Verzweigungen 
am  deutlichsten.  Dem  gesteigerten  Kalkbedürfnis  der  osteomyelitischen  Kno¬ 
chen,  die  im  Eiter  Kalk  verlieren,  entspricht  eine  Kalkverarmung  auch  der 
entfernteren  Knochen.  Dementsprechend  ist  der  Kalkspiegel  im  Blut  erhöht 
(,, Kalkaushilfe“).  Bei  der  erwähnten  Kranken  war  die  Kalkausscheidung 
durch  chronische  Nephritis  gestört.  —  Aehnliche  „Störungen  des  Umbaues“ 


zeigte  ein  11  jähr.  Knabe,  bei  dem  der  Blutkalkgehalt  vermehrt,  der  Knochen¬ 
abbau  gehemmt  und  der  Anbau  gesteigert  war  (Albers-Schönberg- 
sche  „Marmorknochen“).  Es  fanden  sich  Kalkeinlagerungen  unter  der  Haut, 
in  Sehnen,  Gefässen,  auch  Koronararterien,  in  der  Magenschleimhaut,  in 
Lunge,  Niere  usw.  Im  Anschluss  an  die  V  i  r  c  h  o  w  sehe  Theorie  von  den 
„Kalkmetastasen“  erörtert  Verf.  die  theoretischen  Gesichtspunkte. 

B.  Breitner  (I.  Chir.  Klinik  Wien):  Studien  zur  Schilddrüsenfrage. 

Verf.  zeigt  die  Wege,  auf  denen  man  das  morphologische  Substrat  der 
Kröpfe  mit  der  funktionellen  Tätigkeit  in  Einklang  bringen  kann.  Diese 
Wege  sind  in  den  folgenden  Arbeiten  der  Eiseisberg  sehen  Klinik  be¬ 
schritten.  Jede  Aenderung  der  Schilddrüsenfunktion  zieht  entsprechende 
Schwankungen  im  gesamten  innersekretorischen  Ring  nach  sich  (pluriglandu¬ 
läre  Erkrankung).  Gesteigerte  und  verminderte  Sekretbildung  (Kolloid)  ist 
der  gesteigerten  oder  verminderten  Abfuhr  gegenüberzustellen.  Der  Zustand 
der  Sekretionszellen  der  Drüsenschläuche  und  die  Kolloidmenge  sind  der 
Ausdruck  der  jeweiligen  Funktionsphase.  Das  Kolloid  ist  der  Wertmesser 
für  die  Abfuhr,  ist  unfertiges  Sekret,  das  erst  durch  Jodierung  ausfuhrfähig 
wird.  Das  Adenom  nimmt  als  Geschwulstbildung  eine  Sonderstellung  ein. 
Aetiologisch  unterscheidet  Verf.  die  endogenen  und  die  exogenen  Strumen. 
Aus  der  funktionellen  Diagnose  leitet  er  die  prognostischen  und  therapeuti¬ 
schen  Richtlinien  ab.  Alle  endugen  durch  Sekretabfuhrbehinderung  bedingten 
Strumen  sind  durch  Jodgabe  weitgehend  beeinflussbar.  —  Die  Arbeit  erörtert 
das  Schilddrüsenproblem  nach  den  verschiedensten  Richtungen  und  enthält 
eine  Fülle  von  Anregungen  für  die  weitere  Forschung. 

R.  Demel,  St.  J  a  t  r  o  n  und  Ad.  W  a  1 1  n  e  r  (I.  Chir.  Klinik  Wien) : 
Beziehungen  der  Ovarien,  Nebennieren  und  des  Thymus  zur  Thyreoidea  bei 
Ratten. 

Experimentelle  Studie.  Verfolgt  wurde  die  Wirkung  der  Ovariektomie 
auf  die  Schilddrüse  (Kolloidvermehrung)  und  Nebenniere,  ferner  die  Wirkung 
der  Tliymusimplantatiion  auf  Nebenniere  (hemmend)  und  Schilddrüse,  sowie 
die  Wirkung  beider  Operationen  zusammen  (Umbau  der  Schilddrüse),  auch 
bei  trächtigen  Tieren,  ferner  unter  Hinzufügung  einseitiger  Vagusreizung  bzw. 
Exstirpation  einer  Nebenniere. 

F.  Starlinger  (1.  Chir.  Klinik  Wien):  Physikalisch-chemische  Unter¬ 
suchungen  zum  Schilddrüsenproblcm. 

Es  wurden  die  Dispersitätswerte  (Fibrinogenbestimmungen)  von  Schild¬ 
drüsenarterien-  und  -venenblut  vor  und  nach  der  Operation  verglichen.  Die 
Schilddrüse  hat  die  Fähigkeit  und  Aufgabe,  die  Plasmadispersität  zu  ver¬ 
feinern;  das  entsprechende  dissimilatorische  Hormon  ist  jedoch  kein  spe¬ 
zifisches  Schilddrüsensekret,  sondern  es  handelt  sich  um  abiurete  Umbau¬ 
körper  im  intermediären  Eiweissstoffwechsel,  bedingt  durch  ein  energetisches 
Moment  katalytischer  Natur.  Die  Ueberspannung  dieser  Funktion  durch 
dauernd  gesteigertes  Angebot  grobdisperser  Eiweissalkaloide  führt  zu  funk¬ 
tioneller  Hypertrophie,  Struma.  Für  viele  Strumen  erscheint  die  länger 
andauernde  Eibrinogenanreicberung  im  Plasma  —  ohne  exogene  Noxe  als 
genügende  Erklärung. 

St.  Jatron  (1.  Chir.  Klinik  Wien):  Die  Bedeutung  des  Chvostek- 
schen  Phänomens  für  die  postoperative  Tetanie. 

Das  Fazialisphänomen  als  Zeichen  einer  postoperativen  Tetanie  fand  sich 
bei  23  von  71  Strumen;  14  mal  auch  vor  der  Operation,  meist  bei  Rezidiv¬ 
strumen.  Nach  Thyreoideaimplantation  verschwand  es  vorübergebend.  Nach 
der  Operation  trat  es  zwischen  1.  und  9.  Tag  auf,  ziemlich  oft  einseitig  oder 
stärker  auf  der  einen  Seite;  es  überwogen  jugendliche  Kranke  und  solche 
mit  eutrophisch-hyperrhoischer  Struma.  Als  erste  Ursache  ist  Epithelkörper¬ 
chenschädigung  anzunehmen,  doch  haben  wahrscheinlich  auch  die  Wechsel¬ 
beziehungen  zu  Thyreoidea  und  anderen  innersekretorischen  Drüsen  Einfluss. 

E.  Just  (I.  Chir.  Klinik  Wien):  Die  postoperative  Temperatur  nach 
Strumektomlen. 

Adenomkröpfe  zeigten  in  80  Proz.  afebrilen,  Parenchymkolloidstrumen  in 
76  Proz.  febrilen  postoperativen  Verlauf.  Letzterer  wird  so  erklärt,  dass  das 
operative  Trauma  den  Abbau  hochwertiger  Eiweisskörper  bewirkt,  die  in 
ihren  Endphasen  das  Wärmezentrum  erregen.  Das  Fieber  führt  zum  rascheren 
Abbau  des  Restkolloids  und  stellt  die  innersekretorischen  Verhältnisse 
wieder  her. 

H.  Homma  (I.  Chir.  Kliink  Wien):  Kropfform  und  Jodwert. 

Die  höchsten  Jodwerte  zeigten  die  diffusen  Kolloidstrumen  des  eutrophisch- 
liyperrhoischcn  Typus.  Adoleszentenstrumen  und  jüngere  hatten  sehr  geringe 
Jodmengen.  Adenome  sehr  geringen  oder  keinen  Jodgehalt.  Die  funktionell 
hochwertige  Drüse  ist  jodrcich,  die  unterfunktioniereude  Speicherdrüse  jodfrei. 

V.  Orator  und  H.  Pöch  (I.  Chir.  Klinik  Wien):  Vorversuche  zu 
einer  konstitutionell-somatischen  Kennzeichnung  verschiedener  Krankheiten, 
insbesondere  des  Kropfes. 

Die  Untersuchungstabelle  enthält  1.  eine  anthropometrische  Messungs¬ 
tabelle,  2.  die  Anamnese  (Erblichkeit,  konstitutionell  wichtige  funktionelle 
Befunde),  3.  klinischen  Status  mit  Hervorhebung  aller  konstitutionell  wichtigen 
Merkmale.  Vorläufig  ergab  sich  hinsichtlich  der  Kröpfe,  dass  die  eutrophische 
Kolloidstruma  häufiger  grazil  gebaute  Astheniker  befällt,  während  die  Ar¬ 
thritiker  zu  Schilddrüsenadenomen  disponiert  zu  sein  scheinen. 

E.  Gold  und  V.  Orator  (I.  Chir.  Klinik  Wien):  Ueber  Kropfform 
und  -funktion. 

Der  Charakter  der  diffusen  Struma  =  Hyperplasie  ist  grundverschieden 
von  dem  der  Adenome  =  Geschwülste.  Bezeichnet  man  die  Kröpfe  je  nach 
ihrem  Kolloidgehalt  (Resultante  zwischen  Produktion  und  Abfuhr)  als  hyper-, 
eu-  und  hyporhoisch,  und  je  nach  dem  Zustand  des  Epithels  als  hyper-,  eu- 
und  hypotrophisch,  ferner  je  nach  dem  Zustand  des  Stromas  (Interfollikulär¬ 
gewebes)  als  normostromisch  und  dysstromisch  (degenerativ  verändert),  so 
ergibt  sich  folgende  Einteilung:  1.  diffuse  Kolloidstruma,  häufigste  Form; 
meist  neben  reichlichster  Kolloidanhäufung  keine  auffallenden  Epithelatrophien, 
aber  umschriebene  Zylinderepithelwucherung  und  Follikelneubildung  in  Form 
flacher  Polster  —  Struma  eutrophica  (selten  hypotrophica)  hyporhoica  normo- 
stromica;  2.  Basedowstruma,  diffus,  papillär  wuchernd,  kolloidarm  =  Struma 
hypertrophica  hyperrhoica,  3.  Adoleszentenkropf,  zur  alten  „diffusen  paren¬ 
chymatösen“  Form  gehörig,  kolloidarm  oder  meist  kolloidfrei  (gesteigerter 
Kolloidbedarf  des  Organismus),  deutlichste  Gliederung  in  Läppchen:  teils 
solide,  in  Follikel  auflösbare  Bläschen,  teils  verzweigte,  drüsenschlauchartige 
Hohlräume.  Epithel  hochkubisch  bis  zylindrisch,  Follikelwand  nur  wenig  ge¬ 
faltet,  fast  nirgends  Papillen.  —  Für  das  Adenom  ist  neben  dem  Mangel  eines 
Läppchenaufbaues  der  Degenerationszustand  des  Interfollikulärgewebes  be¬ 
zeichnend.  Die  Entartung  entwickelt  sich  entweder  in  fibrös-interstitieller 
oder  kolloid-zystischer  Richtung. 


r>.  Juli  1923. 


MÜNCH  liNPR  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


891 


V.  Orator  (I.  Chir.  Klinik  Wien):  Neue  Gesichtspunkte  in  der  Be¬ 
urteilung  der  pharmakodvnamischen  Funktionsprüfung. 

Versuche  mit  Adrenalin  und  Pilokarpin.  Bei  Menschen  mit  hochwertiger 
Schilddrüse  (Basedow,  diffuser  Parenchymkropf,  diffuse  eutrophische  Kolloid¬ 
struma)  zeigt  sich  rasche  Resorption  und  damit  starke  Allgemeinreaktion, 
während  bei  unterwertiger  Schilddrüse  (ältere  Knotenkröpfe)  bei  schwacher 
Allgemeinreaktion  eine  deutliche  Lokalreaktion  auftritt.  Nach  der  Operation 
ist  das  Verhalten  umgekehrt,  die  Allgemeinreaktion  ist  bei  Adenomen  ver¬ 
stärkt.  bei  diffusen  Kröpfen  abgeschwächt. 

Heft  4.  Daniel  Schuster  (Chir.  Klinik  Heidelberg):  Experimentelle 
Untersuchungen  über  lokale  bakterielle  Entzündungsvorgänge,  insbesondere 
über  die  Chemotaxis. 

Versuche  an  Meerschweinchen  und  Kaninchen  zeigten,  dass  die  Eiterbe¬ 
schaffenheit  abhängt  vom  Grade  der  Leukozytenauswanderung,  vom  Grade 
und  der  Beschaffenheit  der  Exsudation  und  von  der  Virulenz  der  Bakterien: 
I  je  stärker  letztere,  desto  geringer  die  Emigration.  Für  Tetanusbazillen  haben 
die  Leukozyten  grosse,  für  Tetanussporen  viel  geringere  Empfänglichkeit. 
Letztere  wird  durch  Tetanusgift  aufgehoben.  Theoretische  Ueberlegungen 
i  zur  Wirkung  der  prophylaktischen  Antitoxingabe. 

C.  Roesebeck  (Chir.  Abt.  d.  städt.  Krankenhauses  Siloah  zu  Han¬ 
nover):  Auskultatorische  Befunde  bei  der  Untersuchung  des  Bauches. 

Bei  Kindern  bis  zum  13. — 14.  Jahre  hört  man  das  Ateingeräusch  und  die 
Herztöne  physiologischer  Weise,  die  Herztöne  bei  einer  grösseren  Anzahl 
normaler  Erwachsener,  das  Atemgeräusch  bei  Zuständen  mit  Darmblähung 
(Entzündungen.  Unwegsamkeit). 

FT.  Schoening  (Städt.  Krankenhaus  Erfurt):  Ueber  einige  postopera- 
tive  Komplikationen  und  ihre  Entstehung.  Zugleich  ein  Beitrag  zur  Konsti- 
(utionsfrage. 

Besprechung  einiger  „personspezifischer"  Komplikationen,  die  von  der 
Konstitution  des  Operierten  abhängen,  mit  Beispielen:  Schock,  postoperative 
I  Darmparese.  Darmparalyse  (Atonie).  akute  Magendilatation.  Durchfälle  (kon¬ 
stitutionelle  Achylie,  Vagotonie),  trophisobe  Störungen:  Dekubitus.  Binde¬ 
ge  websanomalien:  Adhäsionen,  Ankylosen.  Keloide,  Thrombosen  und  Embolien 
(Thrombophilie,  Gefässschock). 

Grueter  (Chir.  Univers.-Klin.  Köln-Lindenburg):  Ueber  ein  objektives 
Symptom  bei  zerebralen  Läsionen  (Ohrlidschlagreflex  nach  Bruno  Kisch). 

Der  Kischreflex  (kurzer  Lidschlag  bei  kalorischer  oder  taktiler  Reizung 
der  tieferen  üehörgangteile  oder  des  Trommelfells)  findet  sich  physiologisch 
bei  Ohr-  und  Nervengesunden.  Ein-  oder  doppelseitiges  Fehlen  oder  Herab¬ 
setzung  deutet  auf  sichere  Veränderung  des  Zentralnervensystems.  Der 
Reflex  ist  daher  wichtig  für  Begutachtung  Schädelverletzter. 

Sicgm.  A  u  e  r  b  a  c  h  -  Frankfurt  a.  M.:  Neurologisches  und  Chirur¬ 
gisches  zur  Neurochirurgie. 

Verf.  mahnt  zu  möglichst  schonendem  Vorgehen  bei  allen  Manipulationen 
am  Gehirn  und  Rückenmark;  wo  vermeidbar,  sind  sie  zu  unterlassen.  A.  gibt 
strenge  Indikationen  für  die  diagnostische  Lumbal-  und  Hirnpunktion  (Technik; 
K  e  e  n  scher  Punkt  für  Seitenventrikclpunktion).  Nach  Hirnpunktion  ist  der 
Hirndruck  zu  überwachen,  man  muss  zur  Trepanation  gerüstet  sein.  Indika¬ 
tionen  zur  Dekompressionstrepanation,  zum  Balkenstich,  Okzipitalstich.  Rat¬ 
schläge  für  die  Lokaldiagnostik  der  Hirngeschwülste  und  ihre  operative  Frei¬ 
legung.  Gebrauch  von  Hammer  und  Meissei  wird  verpönt,  ebenso  die  Bauch¬ 
lage  wegen  Gefahr  der  Atmungslähmung;  Alkoholinjektionen  bei  Trigeminus¬ 
neuralgie  wird  abgelehnt. 

E.  Murr  (Chir.  Klinik  Rostock):  Zur  Beeinflussung  des  Wasserver¬ 
suches  durch  extrarenaie  Faktoren.  Nachprüfung  der  von  Gundermann 
und  D  ü  1 1  m  a  n  n  bei  Ulcus  und  Carcinoma  ventriculi  gefundenen  ..schlechten“ 
Wasserversuche. 

„Auf  der  Deutung  eines  jeden  Wasserversuches  lastet  das  Dunkel  einer 
Menge  von  Fehlerquellen,  die  im  Einzelnen  nicht  jedesmal  feststellbar  sind." 
M.  fand  den  Ausfall  der  Versuche  so  verschieden,  dass  er  die  Unterscheidung 
des  Ulcus  vom  Karzinom  mit  Hilfe  des  Wasserversuches  und  der  Kochsalz¬ 
ausscheidung  für  unmöglich  hält. 

Yuzo  Hara  (Chir.  Klinik  Bern):  Untersuchungen  über  die  pathologische 
Phy  siologie  des  Kropfes  mittels  der  A  s  h  e  r  sehen  Methode  der  Empfindlich¬ 
keit  der  Ratte  gegen  Sauerstoffmangel. 

Ratten  ohne  Schilddrüse  sind  weniger  empfindlich  gegen  Sauerstoff¬ 
mangel;  bei  Zufuhr  von  Schilddrüsensekret,  welches  den  Stoffwechsel  (Ei¬ 
weisszerfall)  anregt,  wird  die  Empfindlichkeit  der  Ratte  gegen  Sauerstoff¬ 
entzug  unter  der  Glasglocke  gesteigert.  Daher  wurde  weissen  Ratten  Kropf¬ 
substanz  per  os,  Blut  aus  der  Ellbogenvene  gesunder  und  kropfiger  Menschen 
und  Schilddrüsenvenenblut  von  Kropfträgern  subkutan  einverleibt  und  das 
Verhalten  gegen  Sauerstoffentzug  beobachtet.  Die  Aktivität  von  Kropfgewebe 
nahm  vom  Basedowkropf  über  den  Kolloid-  und  parenchymatösen  zum  Kre- 
tinenkropf  ab.  Das  Schilddrüsenvenenblut  des  gewöhnlichen  Kropfes  war 
aktiv,  das  des  Kretinen  inaktiv,  das  Armvenenblut  von  Kolloidkropfträgern 
schwach  aktiv,  bei  parenchymatösem  und  Kretinenkropf  inaktiv.  Dass  das 
Blut  von  Kretinen  mit  knotigem  parenchymatösem  Kropf,  noch  mehr  das  von 
Kretinen  mit  atrophischer  Schilddrüse  das  Sauerstoffbedürfnis  der  Ratte  berab- 
setzt,  spricht  für  eine  entgiftende  neben  der  stimulierenden  Funktion  der 
Schilddrüse. 

Yuzo  Hara  (Chir.  Klinik  Bern):  Die  Wirkung  des  Jods  auf  den  respira¬ 
torischen  üaswechsel. 

Rattenversuche  wie  in  der  vorhergehenden  Arbeit.  Beim  Kretinen  mit 
Kropf  aktiviert  Jodzufuhr  sowohl  das  Schilddrüsenvenenblut  wie  die  Kropf- 
substanz.  Jod  zusammen  mit  Normalmenschenseruni  hat  im  Durchschnitt  eine 
leichte  Steigerung  des  Sauerstoffbedürfnisses  der  Ratte  zur  Folge;  Serum 
Scliilddrüsengesunder  wirkt  am  1.  Tage  nach.  Jodkalikur.  am  3.  nicht  mehr. 

K.  La  qua  (Chir.  Klinik  Breslau):  Ein  Beitrag  zur  Kenntnis  der  Neben¬ 
nierenfunktion. 

Nach  Entfernung  von  1  +  J4  Nebenniere  beim  Menschen  wurde  in  den 
ersten  Tagen  erhebliche  Blutdrucksteigerung  beobachtet,  die  absoluten  Leuko¬ 
zytenwerte  waren  bei  relativer  Lymphozytenverminderung  vorübergehend 
erhöht.  Grashey  -  München. 

Zentralblatt  für  Chirurgie.  1923.  Nr.  24. 

K  r  o  n  a  c  h  c  r  -  München:  Ueber  kurzdauernde  Narkosen  mit  Aether  und 

Chloräthyl. 

Verf.  sieht  im  Aetherrausch  ein  prompt  wirkendes  und  völlig  gefahrloses 
Betäubungsmittel,  das  für  kleine  bis  mittelgrosse  Operationen  sich  vorzüglich 
eignet.  Vom  Chloräthyl  kann  man  dies  nicht  behaupten;  bei  ganz  harmlosen 


Eingriffen  sind  schon  üble  Zufälle,  sogar  Todesfälle  vorgekommen;  deshalb 
sollte  es  zur  Narkose  überhaupt  nicht  mehr  benützt  werden.  Nach  Aether¬ 
rausch  sind  bis  jetzt  in  der  Literatur  Todesfälle  noch  nicht  verzeichnet  worden! 

J.  Clemens-Bonn:  Beitrag  zur  Verbesserung  der  Allgemeinbetäubung 
mit  einer  neuen  Narkosenmaske.  (D.R.P.) 

An  der  Hand  von  2  Abbildungen  beschreibt  Verf.  seine  neue  Metallmaske, 
welche  die  Dosierung  und  gute  Uebcrwachung  der  Narkose  erleichtert,  für 
alle  Narkotika  sich  eignet,  für  gute  Ventilation  sorgt,  indem  gesonderte  Ein- 
und  Ausatmungsvent'ile  vorhanden  sind  und  endlich  die  Abkühlung  der 
Inspirationsluft  einschränkt. 

J.  iP  fo  i  1  i  p  o  w  i  c  z  -  Czernowitz:  Fall  von  Herz-  und  Atemlähmung  bei 
hoher  Rückenmarksanästhesie,  durch  Herzmassage  gerettet. 

Verf.  erlebte  bei  einer  Nephrektomie  nach  Eröffnung  des  Abdomens  bei 
einem  elenden  65  jährigen  Kranken  im  Anschluss  an  eine  hohe  Rückenmarks¬ 
anästhesie  mit  Stovain-Sirychnin  Stillstand  von  Herz  und  Atmung.  Dadurch, 
dass  Verf.  von  der  Operationswunde  aus  durch  das  Zwerchfell  hindurch  eine 
typische  Herzmassage  ausführte,  begann  wieder  regelmässige  Herz-  und  Atem¬ 
tätigkeit  sich  einzustellen,  so  dass  die  Operation  glücklich  beendet  werden 
konnte.  Dieser  Fall  zeigt  die  Gefährlichkeit  der  hohen  Rachianästhesie  bei 
kachektischen  Personen. 

J.  Philip  owiez-  Czernowitz :  Vereinfachte  Lokalanästhesie  zur 
Operation  der  Fissur  und  der  Hämorrhoiden. 

Mit  Kokainmiischung  nach  Schleich  spritzt  Verf.  in  der  Mittellinie 
2  Querfinger  hinter  dem  Analrand  um  und  in  den  Sphinkter  und  dann  intra.- 
und  subkutan  gegen  den  Analrand  zu  ein  und  kann  dann  schmerzlos  die  sonst 
so  schmerzhafte  Sphinkterdehnung  bei  Analfissur  vornehmen.  Zur  Entfernung 
der  Hämorrhoiden  spritzt  er  in  jeden  einzelnen  Knoten  nacheinander  3—5  ccm 
der  Schleich  sehen  Lösung.  Liegen  die  Knoten  nicht  vor,  dann  erfolgt 
zuerst  die  Anästhesierung  zur  Dehnung  des  Sphinkters.  Diese  beiden 
Methoden  hat  Verf.  an  mehr  als  500  Fällen  ohne  üble  Zufälle  und  ohne  Ver¬ 
sager  ausgeführt. 

P  f  e  i  1-S  c  h  n  e  i  d  e  r- Schönebeck  a.  Elbe:  Fall  von  Hermaphroditismus 
verus  alternans  unter  dem  Bilde  einer  Hodenverlagerung. 

Verf.  schildert  ausführlich  einen  Fall  von  Hermaphroditismus  verus  auf  der 
rechten  Seite,  der  stärkere  Beschwerden  machte  und  unter  dem  Bilde  einer 
Hodenverlagerung  zur  Operation  kam.  Dabei  zeigte  sich,  dass  es  sich  um 
einen  normalen  Eierstock  mit  Eileiter  und  Gebärmutter  handelte.  In  dem 
Hodensekret  Hessen  sich  niemals  Spermatozoen  nachweisen.  Nach  der 
Operation  schloss  sich  der  17  jährige  Kranke  mehr  an  seine  Kameraden  an 
und  zeigte  nicht  mehr  die  einstige  Abneigung  gegen  das  weibliche  Geschlecht. 

H.  A.  Grüter-Köln:  Zur  Behandlung  der  durch  hohe  Dünndarmfistein 
entstandenen  Bauchdeckenekzeme. 

Zur  Heilung  der  durch  Dünndarmfisteln  entstandenen  lästigen  Ekzeme 
empfiehlt  Verf.  Tierkohle,  die  früh  und  abends  aufgestreut  rasch  das  Ekzem 
zum  Verschwinden  bringt. 

Abrashanow  -  Ekaterinoslaw:  Geschlossene  Methode  der  Ignipunktur 
bei  der  Therapie  der  tuberkulösen  Gelenke. 

Die  vom  Verf.  geübte  zugedeckte  Ignipunktur  besteht  darin,  dass  er  vor 
der  Ignipunktur  durch  einen  Hautlappen  die  Gelenkkapsel  eröffnet,  dann  die 
ganze  Oberfläche  des  Gelenkes  mit  dem  Paquelin  durchbrennt  und  zuletzt  die 
ganze  ignipunktierte  Oberfläche  mit  dem  Hautlappen  bedeckt.  Diese  Methode 
schützt  die  Haut  und  verhütet  eine  von  aussen  eindringende  Sekundärinfektion. 

O.  B  e  c  k  -  Frankfurt  ä.  M.:  Schlussbemerkung  zum  sog.  Aktionsstrom 
der  granulierenden  Wunde.  (Zu  Nr.  7,  1923.) 

Verf.  setzt  kritisch  auseinander,  dass  der  von  Melchior  und  R  a  h  tri 
bezeichnete  „Aktionsstrom“  als  Aktionsstrom  der  granulierenden  Wunde  gar 
nicht  nachgewiesen  wurde;  ebensowenig  haben  sie  eine  ausreichende  Er¬ 
klärung  für  den  von  ihnen  gefundenen  Strom  erbracht. 

E.  Heim-  Schwoinfurt-Oberndorf. 

Zentralblatt  für  Gynäkologie.  1923.  Nr.  24. 

R.  M  e  y  e  r  -  Berlin :  Ueber  Epidermoidalisierting  (Ersatz  des  Schleim¬ 
epithels  durch  Plattenepithel)  au  der  Portio  vaginalis  Uteri  nach  Erosion,  an 
Zervikalpolypen  und  in  der  Zervikalschleimhaut.  Ein  Beitrag  zur  Frage  der 
Stückchendiiagnose  und  des  präkanzerösen  Stadiums. 

Häufig  wird  Schleiinepithei  an  Portio  und  Polypen  durch  atypisches 
mehrschichtiges  Plattenepithel  ersetzt.  Die  Entscheidung,  ob  es  sich  um 
präkanzeröses  Stadium  handelt,  kann  der  Pathologe  allein  nicht  geben,  obwohl 
Lubarsch  dies  nochmals  neuerdings  betont.  Nur  die  klinische  Erfahrung 
kann  lehren,  ob  derartige  Bildungen  zu  blastomiatösem  Wachstum  führen.  Auf 
Grund  der  sich  in  seiner  Person  vereinigenden  reichen  histopathologischen 
und  klinischen  Erfahrungen  warnt  Verf.  vor  vorschneller  Verwendung  der 
Bezeichnung  „präkanzerös“.  Insbesondere  sind  die  Polypen  fast  durchgängig 
gutartig.  Derartige,  pathologisch  noch  nicht  einwandfrei  sich  als  Karzinom 
charakterisierende  Fälie  können  erst  dann  vielleicht  als  präkanzerös  bezeichnet 
werden,  wenn  man  einmal  weiss,  welche  andere  Momente  (Disposition  usw.) 
noch  hinzutreten  müssen,  um  solche  Bildungen,  die  der  Mehrzahl  nach  gemäss 
der  klinischen  Erfahrung  nicht  bösartig  werden,  zu  destruktivem  Wachstum 
zu  bringen.  Umfangreiche,  mit  Abbildungen  versehene  Arbeit. 

P.  Rissmann  (Hebammensoliule  Osnabrück):  Ueber  maschinelle  und 
Handkompressioii  der  Aorta  in  der  Geburtshilfe. 

Verf.  empfiehlt  statt  des  maschinellen  sein  Handkompressorium,  das  zu 
wenig  beachtet  sei  und  besonders  auch  von  den  Lehrbüchern  nicht  erwähnt 
werde.  Seine  Anwendung  sei  weniger  schmerzhaft  als  die  des  maschinellen 
und  genüge  für  fast  alle  praktischen  Fälle.  Die  Uteringefässe  hören  oft  schon 
vor  der  Femoralis  zu  pulsieren  auf. 

E.  O  p  i  t  z  -  Freiburg:  Zur  Technik  der  Wendung. 

„Der  Streit,  welchen  Fuss  man  bei  dorsoposteriorer  Querlage  zur 
Wendung  nehmen  soll,  ist  müssig."  Verf.  lehrt,  den  Fuss  zu  nehmen,  den  man 
gerade  erfasst  hat.  Da  bei  Tiefertreten  docli  schliesslich  das  herunter¬ 
gezogene  Bein  führender  Teil  wird,  ist  die  Gefahr,  dass  der  Rücken  hinten 
bleibt  und  der  Steiss  sich  hinter  der  Symphyse  einhackt,  praktisch  sehr 
gering.  Bei  Schwierigkeit  hole  man,  wenn  nicht  besondere  Umstände  cs 
verbieten,  den  zweiten  Fuss  herunter.  Das  Auffinden  des  theoretisch  „rich¬ 
tigen“  Fusses  ist  für  den  Anfänger  auch  oft  zu  schwierig. 

J.  Schiff  mann  (Bettina-Stiftungspavillon  W'ien):  Ist  der  prophylak¬ 
tische  Kaiserschnitt  beim  engen  Becken  berechtigt?  (Zur  gleichnamigen  Ver¬ 
öffentlichung  E.  W.  Siegels  in  Heft  3  u.  4,  Bd.  LXII  der  Mschr.  f.  Geb. 
u.  Gyn.) 


#92 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  27. 


Neben  den  Kaiserschnitt  aus  absoluter  und  relativer  Indikation  tritt  der 
prophylaktische  bei  betontem  Wunsche  der  Mutter  nach  lebendem 
Kinde  und  relativer  Unwahrscheinlichkeit  weiterer  Graviditäten,  so  besonders 
erschwerter  Konzeption  und  höherem  Alter;  enges  Becken  ist  also  nicht  aus¬ 
schlaggebend.  Die  Sectio  ist  eben  sicherer  als  jede  andere  Methode,  besonders 
auch  als  Hebosteotomie,  zur  Gewinnung  eines  lebenden  Kindes.  Auseinander¬ 
setzung  mit  Siegel. 

E.  Frey  (Univ.-Fraucnklinik  Zürich):  Die  gleichzeitige  Unterbrechung 
der  Schwangerschaft  und  Tubensterilisation  auf  abdominalem  Wege 

Vor  Sellheim  hat  schon  der  Chef  des  Verf.,  W  a  1 1  h  a  r  d.  1912  bei 
der  die  Gravidität  verbietenden  tuberkulösen  und  Herzerkrankung  aut 
abdominalem  Wege  gleichzeitig  die  Gravidität  unterbrochen  und  sterilisiert. 
Da  die  Narkose  bei  diesen  Leiden  schädlich  ist.  wurde  neben  36  in  Allgemein¬ 
narkose  ausgeführten  Operationen  16  mal  mit  bestem  Erfolge  in  Lokal¬ 
anästhesie  operiert.  Verf.  empfiehlt  daher  dieses  Verfahren.  Bis  zum  3.  Monat 
schüesst  die  Züricher  Klinik  an  die  digitale  Ausräumung  bei  Lungenerkrankung 
die  Röntgenkastration  an,  die  sie  als  nützlich  zur  Ausheilung  der 
Tuberkulose  erachtet.  Robert  K  u  h  n  -  Karlsruhe. 

Klinische  Wochenschrift.  1923.  Nr.  24. 

M.  Rose  nfeld -Rostock:  nie  Lokalisation  der  Grosshirnfunktionen, 

Uebersichtsaufsatz.  It,  .  .. 

Pr.  W.  M  ü  1 1  e  r  -  Tübingen:  Form  und  Lage  des  menschlichen  Magens 

nach  neuen  Untersuchungen.  .. 

Verf.  erörtert  zunächst,  ob  der  Schatten  des  «Magens  überhaupt  die 
Formen  des  Magens  (Syphon-  oder  andererseits  Stierhornform)  richtig  wieder¬ 
gibt.  Aus  den  Ergebnissen  an  6  lebensfrisch  mit  Formalin  injizierten  Leichen 
Hingerichteter  kommt  Verf.  zur  Folgerung,  dass  es  eine  Stierhornform  des 
Magens  überhaupt  nicht  gibt;  das  Röntgenbild  täuscht  eine  Form  vor.  welche 
dem  Magen  selbst  niemals  zukommt,  sondern  nur  dem  Magensohatten  ent¬ 
spricht  Die  bezeichnete  Form  ist  nur  das  Kennzeichen  für  eine  bestimmte 
Stellung  des  Magens  bei  der  Durchleuchtung  oder  Aufnahme.  Die  Röntgen¬ 
methode  ist  für  sich  allein  überhaupt  nicht  imstande,  ein  zuverlässiges  Bild 

des  Organs  zu  liefern.  u 

Th.  F  a  h  r  -  Hamburg-Barmbeck:  Kurzer  Beitrag  zur  Frage  des  Myx¬ 
ödems  und  der  pluriglandulären  Insuffizienz. 

Die  beiden  Fälle  von  Myxödem  bei  Erwachsfenen.  welche  Verf.  imtteilt. 
waren  durch  eine  chronische  Thyreoiditis  hervorgerufen.  Die  schleichende 
Forin  letzterer  äusserte  sich  in  den  beiden  Fällen  „durch  Verkleinerung  und 
den  Mangel  an  Verwachsungen  mit  der  Umgebung“.  Bei  verspäteter  Dia¬ 
gnose  kann  aus  der  , reparablen  Schilddrüseninsuffizienz  eine  irreparable  pluri¬ 
glanduläre  Insuffizienz  werden. 

F.  R  o  s  e  ti  t  h  a  1  und  M.  v.  Falken  hausen  -  Breslau :  Ueber  eine 
quantitative  Bestimmung  der  Glykocholsätire  und  1  aurocholsäure  in  der 
menschlichen  Duodenalgalle. 

Vortrag  auf  der  diesjährigen  Tagung  der  Deutschen  Gesellschaft  tur 
innere  Medizin  in  Wien. 

A.  Heyn  und  Th.  M  e  s  s  t  o  r  f  f  -  Kiel:  Ueber  die  W  i  d  a  1  sehe  Leber- 

funktionsprüfuns»  an  Schwangeren.  ... 

Diese  Prüfung  ergibt  bei  einem  Drittel  der  Fälle  in  den  letzten  Gravi¬ 
ditätsmonaten  ein  positives  Resultat,  was  man  aber  auch  durch  Kohlehydrat¬ 
nahrung  erzielen  kann.  Als  eine  Methode  zur  Funktionsprüfung  der  Leber 
kann  die  Reaktion  nicht  angesehen  werden.  Der  positive  Ausfall,  zum 
mindesten  der  Grad  des  Leukozytensturzes,  ist  von  der  Höhe  des  Atifangs- 
wertes  der  im  peripheren  Blut  kreisenden  Leukozyten  abhängig.  Ein  gleich¬ 
starker  Leukozytenabfall  wurde  bei  gynäkologisch  kranken  Frauen  mit  Leuko¬ 
zytose  festgestellt.  Die  Erklärung  für  den  positiven  Ausfall  der  Reaktion  liegt 
wahrscheinlich  in  einer  Verteilungsleukopenie.  Veränderungen  in  der 
Stabilität  der  Plasmakolloide  scheinen  gleichfalls  eine  Rolle  zu  spielen. 

E.  E.  P  r  i  b  r  a  m  -  Giessen:  Konstitutionspathologie  und  Prolapsfraee. 

An  490  Frauen  mit  Prolaps  wurden  in  447  Fällen  ausgesprochene  Zeichen 
konstitutioneller  Minderwertigkeit  gefunden,  so  dass  offenbar  ätiologische 
Beziehungen  zwischen  diesen  Zuständen  anzunehmen  sind,  wie  Verf.  weiter 
darlegt.  Mit  der  gynäkologischen  operativen  Behandlung  des  Prolapses  darf 
daher  die  Behandlung  nicht  beendigt  sein.  Die  Widerstandsfähigkeit  des 
Körpers  gegen  äussere  Einflüsse  muss  gehoben  werden.  Wichtig  ist  auch  die 
Frage  der  Berufswahl. 

K.  H  e  1  I  m  u  t  h  -  Hamburg-Barmbeck :  Untersuchungen  über  Indlkanämie 
am  Ende  der  Schwangerschaft. 

Nach  den  Ergebnissen  des  Verfassers  liegt  der  Indikanspiegel  im  Blut¬ 
serum  am  Ende  der  normal  verlaufenden  Schwangerschaft  nicht  höher,  als  im 
nichtgraviden  Zustande.  Das  ergab  sich  nach  der  Methode  Rosenberg- 
R  ü  b  s  a  tn  c  n  an  38  Fällen.  Wieweit  pathologische  Schwangerscbafts- 
zustände  hierin  eine  Aenderung  bringen  können,  lässt  sich  nach  dortigem 
Material  noch  nicht  sagen. 

Ph.  K  i  s  s  o  f  f  -  Sofia-Heidelberg:  Ueber  Behandlung  der  Sänglings- 
dyspepsle  mit  Yoghurt. 

Wenn  die  Yoghurtmilch  nach  bestimmtem,  im  Artikel  angegebenen  Ver¬ 
fahren  gleichmässig  hergestellt  wird,  kann  sie  als  passende  Dyspepsienahrung 
verwendet  werden.  Auch  aus  anderen  Sauermilcharten  lassen  sich  nach  dem 
Prinzip  der  antibakteriellen  Diät  gleichwertige  Nahrungen  hersteilen. 

A.  W  a  1  I  g  r  en  -  Gothenburg:  Der  Arzt  als  Ansteckungsquelle  bei  Polio¬ 
myelitis.  .. 

Mitteilung  eines  einschlägigen  Falles,  wo  Verf.  selbst  als  Virustrager 
ernstlich  in  Betracht  kain. 

H.  S  c  h  ä  f  c  r  -  Altona :  Ein  Fall  von  nichttropischer  Sprue. 

Grassmann  -  München. 

Deutsche  medizinische  Wochenschrift. 

Nr.  24.  E.  M  a  n  g  o  I  d  -  Ereiburg  i.  B.:  Die  Muskelliärte. 

Beschreibung  des  „Sklerometers“  zur  objektiven  Bestimmung  der 
Muskelliärte. 

W.  L  i  p  s  c  h  i  t  z.  -  Frankfurt  a.  M.:  Die  Bedeutung  der  Gewebsatmung 
fiir  klinische  Fragestellungen. 

A  s  c  h  -  Breslau:  Obstipation  als  Frauenleiden. 

Die  Obstipation  ist  namentlich  bei  Frauen  und  Mädchen  ein  sehr  häufiger 
Zustand,  begünstigt  u.  a.  durch  verschiedene  unzweckmässige  Lebensgewohn- 
heiten  gerade  der  Frauen.  Für  die  Behandlung  kommt  daher  in  erster  Linie 
die  vernünftige  Regelung  dieser  Lebensgewohnheiten,  insbesondere  die  regel¬ 


mässige  Bedachtnahme  auf  die  Stu'hlentleerung,  geeignete  Ernährung  u.  dgl. 
in  Betracht,  wobei  Abführmittel  besonders  zu  vermeiden  odeT  nur  im  Aus- 
nahmefail  zu  gebrauchen  sind. 

O.  Grütz-Kiel:  Extragenitale  Syphilisepidemie  unter  holsteinischen 

Landarbeitern.  .  ,  „  .  _ 

Nicht  weniger  ais  15  Personen  erkrankten  an  extragenitaler  Lues  grössten¬ 
teils  der  Rachenorgane.  Die  Infektion  ist  höchstwahrscheinlich  auf  einen 
genital  infizierten  Arbeiter  zurückzuführen,  die  Uebertraguivg  erfolgte  wahr¬ 
scheinlich  durch  gemeinsame  Benützung  des  Ess-  und  I  rinkgeschirres. 

K.  K  o  v  a  c  s  -  Szegeditt:  Der  Wert  der  Senkungsreaktion  der  roten  Blut¬ 
körperchen  bei  Inneren  Erkrankungen. 

Bei  Gesunden  (ausgenommen  Gravidität)  kommt  beschleunigte  Senkung 
nicht  vor,  sie  weist  deshalb  auf  krankhafte  Vorgänge  hin;  bei  manchen  Krank¬ 
heiten  scheint  die  Senkung  auch  verlangsamt  zu  sein.  Bei  Tuberkulose  spricht 
die  Beschleunigung  für  einen  aktiven  Prozess,  dauernde  und  fortschreitende 
Beschleunigung  ist  prognostisch  ungünstig.  In  der  Differentialdiagnose 
zwischen  Magen-Darmgeschwür  und  Krebs  spricht  die  Beschleunigung  in 
letzterem  Sinne.  Bei  entzündlichen  Prozessen  und  Infektionen  gibt  sic 
Anhaltspunkte  für  die  Schwere  und  Ausbreitung  der  Krankheit. 

B.  M  e  n  d  e  1  -  Berlin:  Eine  Lcberfunktlonsprriifung  mittels  intravenöser 
Plilorrliizininiektion. 

M.  verwertet  die  Ausscheidungsdauer  des  intravenös  gegebenen 
Phlorrhizins  (0,005  g).  das  bei  Gesunden  und  Leberkranken  bereits  nach 
einigen  Minuten  Glykosurie  bewirkt.  Bei  Gesunden  hält  die  Glykosurie 
40—60  Minuten,  bei  Leberkranken  länger,  bis  zu  2  Stunden,  an.  Diuretiker 
und  Nephritiker  sind  für  die  Probe  auszuschiliessen, 

D.  K  1  i  n  k  e  r  t  -  Rotterdam:  Ueber  die  Bedeutung  des  Hautjuckens  als 
Anfangssvmptom  des  allergischen  Schocks. 

H.  G  öd  de -Honnef  a.  Rh.:  Ueber  Reaktionen  bei  Ouarzlampenbestrah- 
inng  Lnngentuberknlöser. 

Die  Quarzlampenbestrahlung  Lungentuberkulöser  ist  keineswegs  gefahr¬ 
los.  insbesondere  ist  es  unrichtig, .  dass  Lungenblutungen  eher  günstig  be¬ 
einflusst  werden  sollen.  Die  nicht  selten  erfolgende  Allgemeinreaktion  mit 
Fieberanstieg  und  die  Erscheinungen  der  Herdreaktion  mahnen  entschieden  zur 
Vorsicht  und  schränken  zumal  die  ambulante  Behandlung  ein. 

R.  Rolrbach  -  Bremen :  Erfahrungen  mit  der  K  1 1  n  g  m  ii  1 1  e  r  sehen 

Terpentintherapie.  . 

Das  Olobintin  unterstützt  oft  wirksam,  etwa  gleichwertig  mit  der 
Vakzine-  oder  Proteinkörpertherapie,  die  lokale  Behandlung  vieler  Hautleiden 
(Pyodermie,  Furunkulose,  manche  Ekzemformen,  Trichophytie,  Akne.  Lupus 
exulcerans,  Skrophuloderma  u.  a.). 

A  r  j  e  f  f  -  Petersburg:  Ueber  die  Tuberkulinbehandlung  des  Bronchial¬ 
asthmas. 

Erfolge  waren  nicht  oder  nur  im  mässigen  Grade  und  vorübergehend  zu 
verzeichnen. 

G.  A  b  e  1  s  d  o  r  f  f  -  Berlin:  Ein  weiterer  Fall  von  Optochlnainblyople  mit 
chorioretinalen  Degenerationsherden. 

Nach  3  mal  0.25  Optochin.  hydrochlor.  erfolgte  seinerzeit  Erblindung 
beiderseits,  von  welcher  auch  später  noch  beträchtliche  Sehstörungen  zurück¬ 
blieben.  Diese  toxische  Wirkung  auf  Sehnerv.  Netzhaut  und  Aderhaut  kommt 
nur  dem  Optochin  zu  und  verbietet  die  innere  Darreichung  des  wasserlöslichen 
Präparates. 

F.  L  o  e  w  e  n  li  a  r  d  t  -  Charlottenburg:  Ueber  die  „Helfenberger  Kal- 
züuminiektion“.  ein  neues  Präparat  zur  intravenösen  Kalktheraple. 

Bei  gleichem  therapeutischen  Wert  hat  das  Mittel  vor  dem  Kalzium¬ 
chlorid  den  Vorzug  völliger  Reizlosigkeit  auch  bei  nicht  einwandfreier  Technik 
der  Injektion. 

A.  A  I  e  x  an  d  e  r  -  Berlin:  Die  unblutige  Heilung  der  Hämorrhoiden  nach 
Boas. 

A.  empfiehlt  die  Methode  von  Boas  als  die  zweckmässigste  für  alle 
Formen  der  Hämorrhoiden.  Berge  a  t  -  München. 

Medizinische  Klinik.  Heft  24. 

,E.  Joel -Berlin:  Kokainismus. 

Eindrucksvolle  Darstellung  dieser  modernen  Sucht,  wobei  auf  Grund  von 
Schilderungen  der  Kranken  die  psychischen  Formen  und  Stadien  der  Ver¬ 
giftung  umrissen  werden. 

Umfrage  über  die  Anwendung  und  den  Nutzen  der  Bluttransfusion. 

Der  Herausgeber  fasst  die  Antworten  einer  Reihe  von  chirurgischen  und 
Frauenkliniken  zusammen,  die  auf  einen  Fragebogen  eingelaufen  waren.  Im 
wesentlichen  werden  die  Anzeichen  zum  Eingriff  bei  akuten  sekundären 
Anämien  gesehen;  andere  Indikationen  gelten  nur  vereinzelt.  Bei  der 
Methodik  und  den  Sicherungen  gegen  Nebenwirkungen  zeigen  sich  mehrfache 
Verschiedenheiten.  Das  Verfahren  von  Oeh  lecker  wird  allgemein  be¬ 
vorzugt. 

F.  Munk -Berlin:  Die  Chagaskrankheit. 

Fortsetzung  und  Schluss  des  vielseitigen  Reiseberichtes,  der  als  Ganzes 
auch  hinsichtlich  wirtschaftlicher  und  nationaler  Fragen  zu  denken  gibt. 

M.  Weiss-Wien:  Die  Behandlung  der  Lungenblutung. 

Empfehlung  der  Kampfertherapie:  6 — 10  ccm  25proz.  OL  camph.  subkutan 
wirkt  gewöhnlich  sicher  und  rasch,  der  Erfolg  hält  fast  immer  mindestens 
12  Stunden  an. 

G.  He  rrman  -  Prag:  Kasuistischer  Beitrag  zu  den  Hvpophvsentumoren. 

Krankengeschichte  und  Sektionsbefund  eines  Falles  mit  hervortretenden 
psychischen  Erscheinungen. 

U  n  v  e  r  r  i  c  h  t  -  Berlin:  Ist  die  P  o  n  n  d  o  r  f  sehe  KutanimpSiing  ein  un¬ 
gefährliches  Verfahren?  . 

Verf.  hat  mehrfach  unangenehme  Nebenwirkungen  vor  allein  in  Gestalt 
von  starken  Herdreaktionen  gesehen  (3  Krankengeschichten  als  Beispiele)  und 
muss  die  gestellte  Frage  verneinen. 

P.  Klein-Prag:  Ueber  einen  seltenen  Fall  von  Darniverschluss. 

Tödlicher  Obturationsileus  durch  2  Baryumsulf;flsteinc  nach  Kontrast¬ 
füllung  des  Darmes. 

F.  T  u  r  a  n  -  Franzensbad:  Die  Wirkung  intravenös  verabreichten  Kaliums 
auf  das  erkrankte  menschliche  Herz. 

Die  Versuche  des  Verf.  legen  es  nahe,  zur  Herabsetzung  der  Erregbarkeit 
das  Kalium  bei  Tachykardie,  Vorhofflattern  und  Vorhofflimmern  entweder 
allein  oder  in  Verbindung  mit  Kalzium  anzuwenden. 

R.  Kobes:  Die  Ausstossung  eines  Geschosssplltters  an  der  Eplglottis- 
wurzel. 


Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


S93 


6  Jahre  nach  der  Verwundung  an  der  linken  Halsseite  erfolgte  die 
spontane  Entbindung. 

H.  T  r  a  u  s  n  e  r  -  Knittelfeld:  Ein  Fall  von  Luxatlo  genu  mit  Einwärts¬ 
rotation  der  Patella  um  180  Orad. 

Blutige  Reposition. 

E.  J.  C  r  a  m  e  r  -Berlin:  Klinische  Erfahrungen  über  die  Wirkung  von 
„Cigll“  bei  erhöhtem  Blutdruck. 

(iünstige  therapeutische  und  prophylaktische  Wirkung. 

H.  W  e  i  s  e  -  Berlin :  lieber  Verodigcn  intravenös. 

Schnelle  und  intensive  Digitaliswirkung  bei  sparsamem  Gebrauch. 

W.  S  e  i  f  f  e  r  t  -  Freiburg  i.  B.:  Neue  Untersuchungen  über  den  Charakter 
des  d  ’  H  e  r  e  1 1  e  sehen  Phänomens. 

Neuartiger  Versuch  einer  Erklärung. 

H.  E  n  g  e  1  -  Berlin:  Arthropathia  tabica  in  einem  verletzten  Fussgelenk 
als  mittelbare  Unfallfolge  anerkannt.  S. 

Schweizerische  medizinische  Wochenschrift.  1923.  Nr.  17  u.  18. 

L.  As  her- Bern:  Eine  neue  Lehre  von  der  Unermüdbarkeit  des  will¬ 
kürlichen  Muskels  und  das  Problem  der  autonomen  Innervation  desselben. 

.Mit  einer  besonderen  Versuchsanordnung,  die  möglichst  physiologische 
Bedingungen  gewährleistete,  konnte  Verf.  an  Kaninchen  nachweisen.  dass  bei 
Anwendung  tetanisierender  Reize  in  bestimmter  Frequenz  auf  eine  kürzere 
Periode  der  „Anfangsermüdung“  eine  4 — 6  Stunden  dauernde  Periode  relativer 
Unermüdbarkeit  folgt  (darüber  hinaus  wurden  die  Versuche  bisher  nicht  aus- 
ged6hnt).  Selbst  bei  einer  Belastung  des  M.  gastroenemius  mit  600 — 700  g 
konnte  eine  langdauernde  relative  Unermüdbarkeit  festgestellt  werden.  Trat 
auf  eine  langdauernde  tetanische  Kontraktion  ein  Abfall  der  Kurve  ein.  so 
genügte  es,  wieder  auf  eine  rhythmische  Frequenz  der  Tetanie  zirka  jede 
dritte  Sekunde  zurückzukehren,  um  die  alte  Unermüdbarkeit  wieder  zum 
Vorschein  zu  bringen.  Es  besteht  also  eine  erstaunliche  Widerstandsfähigkeit 
der  Muskulatur  bei  physiologischer  Reizung.  Beim  Kaltblüter  (Frosch)  zeigte 
sich  eine  wesentliche  Steigerung  der  Unermüdbarkeit  bei  Erwärmung  des 
Tieres,  wahrscheinlich  infolge  Beschleunigung  des  Ablaufes  der  Restitutions¬ 
vorgänge  und  Begünstigung  der  Diffusion  von  schädlichen  Stoffwechsel¬ 
produkten.  Die  Ermüdung  der  Muskeln  beim  Menschen  muss  also  ihren 
Sitz  im  Zentralnervensystem  haben;  diesem  bzw.  der  Impulsgebung  in  ihm 
ist  eine  noch  höhere  Bedeutung  als  bisher  beizumessen.  Auch  bei  Tieren, 
bei  denen  die  gesamten  sympathischen  Nerven  der  Extremität  entfernt,  die 
zerebrospinalen  motorischen  erhalten  waren,  ergeben  die  Versuche  die 
gleiche  Unermüdbarkeit.  Durchschneidung  der  hinteren  Wurzeln,  also  voll¬ 
ständige  Desensibilisierung,  führte  zu  späterem  Auftreten  von  Ermüdung; 
ebenso  wirkte  Azetylcholin,  ein  parasympathisch  reizendes  Gift. 

G  o  o  d  -  Münsingcn:  Dauerausscheider  von  Typhusbazillen  und  deren 
chirurgische  Behandlung. 

Interessante  Darstellung  des  anfangs  fruchtlosen  Kampfes  gegen  den 
Typhus  in  einer  Irrenanstalt  (1908 — -1919  ca.  40  Fälle,  davon  9  mit  tödlichem 
Ausgang,  in  3  Jahren  Erkrankung  von  17  Wärterinnen!).  Schliesslich  wurden 
durch  Gruber-WidaLReaktion  und  Stuhluntersuchung  die  Dauerausscheider  zum 
Teil  herausgefunden  und  15  von  ihnen  operiert.  Trotzdem  dauerten  die 
Infektionen  fort,  weil  offenbar  nicht  alle  Dauerausscheider  unschädlich  ge¬ 
macht  waren.  Erst  nach  Einführung  der  Impfung  (sie  war  anfangs  von 
den  Behörden  abgelehnt,  weil  die  Kosten  ca.  100  Fcs.  betrugen!!)  hörten 
die  Erkrankungen  beim  Personal  völlig  auf,  verminderten  sich  bei  den 
Kranken. 

C.  Arnd-Bern:  Dauerausscheider  von  Typhusbazillen  und  deren  chi¬ 
rurgische  Behandlung. 

Verf.  gibt  zunächst  einen  Ueberblick  über  die  Literatur,  aus  dem  die 
Häufigkeit  der  Dauerausscheider,  ihre  Gefährlichkeit,  Erfolge  und  Misserfolge 
der  medikamentösen  Therapie  ersichtlich  sind  und  berichtet  dann  über 
15  Fälle  aus  der  Irrenanstalt  Münsingen,  bei  denen  er  die  Gallenblase  ent¬ 
fernte.  In  8  von  10  Fällen  verschwanden  nach  der  Operation  die  Bazillen, 
zweimal  traten  nachträglich  im  Stuhl  Paratyphusbazillen  auf,  trotzdem  in 
der  Gallenblase  und  im  Stuhl  Typhusbazillen  in  Reinkultur  vorhanden  waren. 
Unter  10  Typhusausscheidern  war  4  mal  die  Gallenblase  steril,  unter  5  Para¬ 
typhusausscheidern  dreimal.  Nur  8  Kranke  von  den  15  hatten  Steine  in  der 
Blase  (einmal  steril).  Die  Operation  ist  als  letzter  Versuch  zulässig,  ihr 
Erfolg  aber  zweifelhaft. 

A.  H  o  1 1  i  n  g  e  r  -  Basel:  Zur  Wirkungsweise  des  Schwefels. 

Der  Schwefel  wird  im  Darm  zu  Schwefelwasserstoff  reduziert:  dieser 
bindet  Schwefel  zu  Pölysulfiden,  die  sich  umlagern  und  leicht  S.  abspalten, 
lin  biologischen  Geschehen  wirkt  Schwefel  als  Wasserstoff-Akpepton  (W  i  e  - 
Und)  in  dem  er  sich  zu  Schwefelwasserstoff  reduziert.  Er  scheint  dadurch 
eine  grosse  Rolle  spielen  zu  können  bei  Oxydationsprozessen  im  Organismus, 
speziell  beim  Abbau  gewisser  saurer  Stoffwcchselprodukte. 

A.  Mül  ler -Bern:  Ueber  Pocken. 

Beobachtungen  an  ca.  300  Fällen,  die  durchweg  leicht  verliefen,,  ihrem  i 
Verlauf  nach  als  Variolois  zu  bezeichnen  sind.  Kontinuierliche  Entwicklung 
des  Ausschlags,  nicht  schubweise  wie  bei  Varizellen.  Enanthem  immer  erst 
nach  Entwicklung  des  Ausschlages  an  der  Haut,  wie  isoliert  am  harten 
Gaumen.  Der  Hauptunterschied  gegen  Varizellen  ist  in  der  viel  derberen 
Konsistenz  der  Eruptionen  zu  suchen,  sie  sind  hart,  hellkugelig,  kreisrund, 
die  Varizellenpusteln  dagegen  lassen  sich  mit  Leichtigkeit  ausdrücken.  Die 
Verteilung  des  Exanthems  lässt  sich  für  die  Diagnose  nicht  verwerten. 

Nr.  18. 

C  1  a  i  r  m  o  n  t  -  Zürich:  Der  lymphangitische  Halsabszess. 

An  Hand  von  3  Fällen  beschreibt  Verf.  eine  Form  des  Halsabszesses,  der 
klinisch  der  Strumitis  suppurativa  gleicht,  als  lymphangitischer  Abszess  auf- 
/ufassen  ist,  sich  im  unteren  vorderen  Halsabschnitt  zwischen  Schilddrüse  und 
Muse,  sternocleidomastoideus,  unter  der  mittleren  Halsfaszie,  dorsal  von  den 
kleinen  Halsmuskeln  ausbreitet.  Die  Prognose  ist  bei  Inzision  günstig. 

Jentzer  Ma'rkovic  und  Raskin:  Traiteinent  de  la  tuberciilosc 
au  moyen  du  Gamelan.  Schluss  folgt. 

T  i  e  c  h  e:  Einige  differentialdiagnostische  Bemerkungen  über  Variola  vera. 
modifizierte  Pocken  beim  Nichtgeimpften  und  Varizellen. 

Verf.  gebraucht  die  Bezeichnung  Variolois  für  die  modifizierten  Pocken 
beim  früher  Geimpften  und  bezeichnet  als  primär  modifizierte  Pocken  oder 
Variola  modificata  die  Form  der  Krankheit,  wie  sie  seit  1921  epidemisch  in 
der  Schweiz  sich  ausbreitete.  Charakteristisch  ist  die  grosse  Gutartigkeit  der 
Erkrankung  und  das  oft  sehr  spärliche  Exanthem,  so  dass  die  Abgrenzung 


gegen  Varizellen  oft  grosse  Schwierigkeiten  machte.  Es  ist  aber  kein  Zweifel, 
dass  es  sich  um  echte  Pocken  handelt,  eine  Abart  der  Variola  vera.  Nach¬ 
impfungen  bei  nicht  geimpften  Varizellenfällen  waren  immer  positiv,  während 
der  Pustelinhalt  von  Varizellen  immer  negative  Kutanreaktion  und  negative 
Paul  sähe  Reaktion  gab.  Fehlendes  Prodromalfiebcr  und  Fieberschübe 
während  der  Exanthemausbreitung  sind  charakteristisch  für  Varizellen,  die 
im  übrigen  in  Zürich  of  tein  schwereres  Krankheitsbild  machten  als  die  gleich¬ 
zeitig  beobachteten  Pocken.  Grosses  Gewicht  legt  Verf.  auf  die  Ausbreitung 
des  Exanthems;  auch  bei  diesen  modifizierten  Pocken  die  gleichmässige. 
gesetzmässige  Entwicklung  des  grössten  Teiles  der  Effloreszenzen.  besonders 
Befallensein  des  Gesichtes  und  der  Extremitäten  (an  diesen  zentrifugale  An¬ 
ordnung),  sehr  wenig  an  Brust  und  Abdomen.  Sehr  charakteristisch  ist  ferner 
das  Derbe,  Harte  der  Effloreszenzen,  die  sich  nicht  abwischen  lassen  wie  die 
Varizellenblasen.  Rosettenformen  sind  nicht  charakteristisch.  Irritationen 
führen  bei  Pocken  zu  deutlicher  Häufung  des  Exanthems,  bei  Varizellen  viel 
weniger. 

S.  Chapuis:  Contributlon  ä  l’etude  du  Rachitisme. 

Fehrmann:  Septacrol.  Experimentelle  und  klinische  Erfahrungen. 

Septacrol  ist  eine  Silberdoppelverbindung  mit  Brillantiphosphin,  wobei 
das  Silber  in  liondisperser  Form  verteilt  ist.  Verf.  sah  gute  Wirkung  als 
Desiinfiziens  hauptsächlich  lokal  in  Lösung  oder  Streupulvre  bei  eitrigen 
Prozessen  (Furunkel,  Wunden,  Angina,  Stomatitis).  L.  J  a  c  o  b  -  Bremen. 

Schweizer  Archiv  für  Neurologie  und  Psychiatrie.  Band  XII, 
Heft  1.  Zürich  1923.  Verlag  Orell  Füssli.  (Auswahl.) 

van  V  a  1  k  e  n  b  u  r  g  -  Amsterdam:  Zur  Psychologie  der  Aphasie. 

Ausgehend  von  der  Erfahrung,  dass  durch  vaskuläre  Herde  bedingte 
Sprachstörungen  sich  zum  Studium  der  Aphasie  unter  Umständen  mindestens 
ebensogut  wie  durch  Kopfschuss  entstandene  eignen,  falls  der  Gefässver¬ 
schluss  in  der  Aphasieregion  ein  Gehirn  trifft,  das  sonst  in  guten  Ernährungs¬ 
und  Kreislaufverhältnissen  sich  befindet  und  dessen  Träger  im  relativ  jugend¬ 
lichen  Alter  steht,  erörtert  Verf.  einen  solchen  Fall,  den  er  im  Residuärstadium 
während  vieler  Monate  klinisch  beobachten  konnte.  Die  Abweichung  der 
29  jähr.  gebildeten  Kranken,  die,  nach  vorausgegangener  Venenthrombose  einen 
Beines  im  Anschluss  an  Ovarialzystenoperation,  plötzlich  bewusstlos  wurde 
und  beim  Erwachen,  nach  24  Stunden,  völlig  aphasisch  war,  bot  bei  guter 
Disposition  dem  gewöhnlichen  Beobachter  kaum  etwas  Auffallendes,  zeigte 
aber  in  derselben  guten  Verfassung  bei  tieferem  Eindringen  mannigfache 
Unterschiede  sowohl  expressiver  wie  rezeptiver  Art  gegenüber  dem  normalen 
Verhalten:  Singen  war  unmöglich,  die  Auffassung  erschwert,  die  Reaktion 
auf  Reizworte  sehr  verlangsamt;  Folge  der  erschwerten  Auffassung  ist  die 
verminderte  Merkfähigkeit.  Der  ganzen  Symptomatologie  lag  ein  embolischer 
Vorgang  im  Bereich  der  linken  Arteria  fossae  Sylvii  zugrunde;  die  dadurch 
verursachte  „Betriebsstörung“  hat  sich,  wie  aus  des  Verfassers  Schilderung 
hervorgeht,  auf  ein  grosses  Gebiet  der  psychischen  Wirksamkeit  ausgedehnt 
und  stellt  eine  Hypofunktion  zerebraler  Mechanismen  dar,  zu  deren  Ver¬ 
ständnis  die  Berücksichtigung  der  chronogenen  Funktionslckalisation  nach 
Monakows  Darlegungen  notwendig  ist,  weil  sie  in  rein  anatomischem 
Sinne  nicht  zu  erklären  sind  (siehe  v.  Monakows  „Diaschisislehre“.  ine 
„Neue  Gesichtspunkte  in  der  Frage  nach  der  Lokalisation  im  Grosshirn“. 
Bd.  54  d.  Zschr.  f.  Psychol.  1909.  Ref.) 

Franziska  und  Eugen  Minkowski:  Probleme  der  Vererbung  von 
Geisteskrankheiten  auf  Grund  von  psychiatrischen  und  genealogischen  Unter¬ 
suchungen  an  zwei  Familien. 

Die  beiden  Verfasser  besprechen  ausführlich  die  Resultate  vieljähriger 
Untersuchungen  in  zwei,  umfangreiches  Material  liefernden  Familien.  Was 
sie  bringen,  beweist,  dass  auf  diesem  Gebiete  sich  der  Forschung  ein  frucht¬ 
bares  Arbeitsfeld  öffnet,  in  dessen  Verfolg  viele  wichtige  Fragen  sowohl 
der  Psychiatrie  als  auch  des  Lebens  und  Wirkens  der  Menschen  überhaupt 
gelöst  werden  könnnen.  Die  grosszügig  angelegte  und  durchgeführte  Arbeit 
schildert  eingehend  Ausgangspunkt  und  Methode  der  Untersuchungen,  die 
biologischen  und  sozialen  Probleme  der  Erblichkeitsforschung  und  die  aus 
diesen  sich  ergebenden  psychiatrisch-klinischen  Fragestellungen. 

Pick:  Sprachpsychologische  und  andere  Studien  zur  Aphasielehre. 

Die  linguistischen  Massenerfahrungen  an  Gesunden  bahnen  das  Ver¬ 
ständnis  an  für  die  Individualexperimente,  die  die  Natur  an  Aphasischen 
macht:  Das  Studium  verschiedenartiger  Sprachmischungen,  aus  deren  Konflikt 
der  Verlust  der  Grammatik  resultiert,  lässt  den  Gedanken  als_  richtig  er¬ 
scheinen,  dass  der  Telegrammstil  des  Motorisch-Aphasischen  in  seiner  Sprach- 
not  begründet  ist,  weil  ihm  die  geläufige  Münze  der  Wendungen,  Formeln, 
kleinen  Redeteile  nicht  zur  Verfügung  steht.  Der  ethnische  Agrammatismus 
stimmt  mit  dem  pathologischen  völlig  überein. 

F  o  r  e  I  -  Waldau-Bern:  Masochismus  und  Kleptomanie. 

Die  allgemeine  Ansicht,  Masochismus  führe  nicht  zu  Konflikten  mit  dem 
Strafgesetz,  sowie  die  geringe  Zahl  der  publizierten  Fälle  von  weiblichem 
Masochismus  veranlassen  F.  zu  seiner  Mitteilung:  die  Kleptomanie  des  Falles 
ist  als  unbewusst  ersonnenes  Mittel  aufzufassen,  strafrechtliche  Konflikte  zu 
erzwingen,  um  die  masochistische  Befriedigung  zu  erlangen.  Die  Klepto¬ 
manie  ist  das  Mittel,  der  Masochismus  das  Treibende,  die  sexuelle  Befriedi¬ 
gung  das  Ziel,  das  Ganze  auf  hysterischem  Boden. 

Zum  Schlüsse  kommt  ein  Aufruf  verschiedener  Bibliotheken  der  Schweiz, 
es  möchten  für  die  valutaschwachen,  sprachverwandtcn  Bibliotheken  in 
Deutschland  und  Deutschösterreich  wissenschaftliche  Bücher  und  Zeitschriften 
abgegeben  werden.  Die  Verteilung  erfolgt  durch  die  Notgemeinschaft  der 
deutschen  Wissenschaft  in  Berlin  und  „Arnba“  in  Wien. 

Richard  B  1  u  in  nt  -  Hof  (Saale). 

üesterreichisclie  Literatur. 

Wiener  klinische  Wochenschrift. 

Nr.  24.  H.  F  i  n  s  t  e  r  e  r  -  Wien:  Zur  chirurgischen  Behandlung  des  nicht 
resezierbaren  Ulcus  duodeni.  (Magenresektion  zur  Ausschaltung  des  Ulcus.) 

Siehe  Bericht  M.m.W.  1923  S.  792. 

L.  N  e  u  m  a  n  n  -  Agram:  Zur  Frage  der  Magenlues. 

Krankengeschichte  eines  Falles.  Wahrscheinlichkeitsdiagnose.  Wegen 
der  lebhaften  Beschwerden  Resektion  mit  Gastroenterostomie.  Dann  anti¬ 
luetische  Kur.  Heilung. 

G.  Hummer- Wien:  Eine  neue  Methode  der  Phimosenoperation  mit 
plastischer  Erweiterung  des  Inneren  Blattes  des  Präputiums. 

A.  E  i  s  e  1  s  b  e  r  g  -  Wien :  Gedächtnisrede  auf  W.  C.  v.  Röntgen. 


894 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  27. 


Wiener  medizinische  Wochenschrift. 

Nr.  21.  H.  E.  K  e  r  s  t  e  n  -  Münster  (Westf.):  Ueber  Fleckfieber  und  seine 
Behandlung  mit  kolloidalen  Silbermitteln. 

Günstige  Wirkung  auf  Temperaturverlauf  und  Allgemeinzustand  durch 
intravenöse  (event.  tägliche)  Injektionen  von  5  ccm  einer  5  proz.  Kollargol- 
lösung  oder  5  ccm  Fulmargin. 

Nr.  20/22.  H.  E.  Hering- Köln:  Nervöse  Herzstöruneen. 

Nr.  23.  H.  Katz-Wien:  Ein  Fall  von  Geburtsbehinderung  durch  fötale 
Zystenleber  und  Zystennieren.  B  e  r  g  e  a  t  -  München. 


Vereins-  und  Kongressberichte. 

Aerztlicher  Bezirksverein  Erlangen. 

Sitzung  vom  15.  Februar  1923. 

Herr  J  a  m  i  n  und  Herr  S  t  e  1 1  n  e  r:  Ernährung.  Leistung  und  Wachs¬ 
tum.  (Mit  Krankenvorstellung.) 

J  a  in  i  n  bespricht  an  der  Leitung  einer  schematischen  Aufstellung  die 
mannigfaltigen  Faktoren,  die  bei  der  Beurteilung  von  Ernährungs-  und  Wachs¬ 
tumsstörungen  berücksichtigt  werden  müssen.  Im  Mittelpunkt  stehen  die 
Lebensbedingungen  und  -erscheinungen  der  Zelle  mit  Stoffaustausch.  Aufbau 
und  Abbau,  Osmose,  Quellung,  Elektroosmose,  Leben,  Reizerscheinungen  und 
Ted.  Dieses  Zelleben  wird  bestimmt  durch  konstitutionelle  Faktoren 
(Erbanlage,  Alterszustand),  die  '.m  Körperverband  sich  auswirken  durch 
chemische  Wechselbeziehungen  (Anlage  des  endokrinen  Systems)  und 
unter  ihrem  Einfluss  durch  nervöse  Wechselbeziehungen  (animales  Nerven¬ 
system:  Funktion  und  Beanspruchung;  vegetatives  Nervensystem).  Anderer¬ 
seits  ist  die  Ausführung  der  Zelleistung  abhängig  von  der  äusseren 
Beeinflussung:  physikalische  Einflüsse:  Licht,  Wärme,  Schwere:  alimentäre 
Einflüsse:  Ernährung:  Einfuhr,  quantitatives  und  qualitatives  Angebot, 
Verwertung  in  Verdauungsarbeit  und  Stoffwechsel,  Ausfuhr;  Kreislauf:  alles 
in  Abhängigkeit  von  nervösen  Einflüssen,  innerer  Sekretion  und  Funktion. 
Dazu  kommt  die  Bedeutung  der  akzessorischen  Nährstoffe.  Vitamine: 
A.  (Wachstum),  B.  (Leistung  und  Nerventonus).  C.  (Erhaltung).  Endlich 
störende  Einflüsse:  Schädigung  örtlich  oder  allgemein  durch  Trauma, 
Infekt,  Vergiftung. 

Die  Bedeutung  dieser  Beziehungen  wird  an  folgenden  Beispielen  dar¬ 
gelegt:  A.  Innere  Sekretion  und  Nervensystem:  Fall  1.  A.  R„ 
13  jähr.  Mädchen:  Myxödem,  zerebrale  Diplegie,  Porenze¬ 
phalie,  motorische  Aphasie.  Heredität:  In  der  Familie  der 
Grossmutter  väterlicherseits  mehrere  Fälle  von  Geisteskrankheit,  in  der 
Familie  der  Grossmutter  mütterlicherseits  mehrere  Fälle  von  geistiger 
Minderwertigkeit.  Das  Kind  selbst  nach  Abschluss  des  1.  Lebensjahres  mit 
Schilddrüse  behandelt,  vom  6.  Lebensjahr  ab  regelmässig.  Lernte  mit 

6  Jahren  erst  laufen,  vom  7.  Lebensjahr  ab  bettrein.  Im  4.  Lebensjahr 
Sprachverständnis,  musikalisches  Gedächtnis.  Kann  singen,  aber  nicht 
sprechen,  nicht  schreiben.  Schilddrüsenimplantation  hatte  keinen  Dauererfolg. 
Körpergrösse  113,5  cm  ( — 31,5  gegenüber  dem  Altersdurchschnitt).  Körper¬ 
gewicht  21,1  der  Länge  entsprechend  ( — 14,3  gegenüber  dem  Altcrsdurch- 
schnitt  von  36,2  kg).  Die  Ossifikation  des  Handskeletts  etwa  dem  11.  Lebens¬ 
jahr  entsprechend.  Infolge  der  intermittierenden  Behandlung  mit  (verschieden¬ 
wertigen?)  Schilddrüsenpräparaten  zahlreiche  wie  Jahresringe  angeordnete 
Q  u  e  r  s  t  r  e  i  f  e  n  an  den  Epiphysen.  Türkensattcl  auffallend  klein  und  un¬ 
regelmässig.  Schädelknochen  verhältnismässig  dick.  Lymphozytose.  Die  auf 
früherem  Bild  sichtbare  Makroglossie,  Nabelhernie  und  Trommelbauch  sind 
verschwunden.  Die  Glieder  noch  plump.  Schwachsinn  ohne  Spontaneität, 
spricht  nur  stammelnd  einige  Silben.  Versteht  aber  gut,  spielt  und  ahmt  leicht 
alle  Handlungen  mit  häufigen  Wiederholungen  nach.  Spasmen,  gesteigerte 
Sehnenreflexe,  Babinski  +.  Ataktisch-spastischer  Gang.  Keine  Schilddrüse. 
Gute  Zahnentwicklung.  Keine  Hautverdickung,  keine  Fettanhäufung.  Infantiler 
Habitus  ohne  sekundäre  Geschlechtsmerkmale. 

B.  Ernährungsstörung  nach  Infektionskrankheiten 
in  der  Zeit  lebhaften  Wachstums  und  starker  Beanspruchung  der  Knochen. 
Ausserdem  vegetative  nervöse  Einflüsse  (?). 

Fall  2.  E.  K-,  6'/%  jähr.  Knabe:  Osteochondritis  deform  ans 
juvenilis  der  rechten  Hüfte,  Arthntismus,  leichte  Fettleibigkeit  In  der 
Familie  Gicht  und  Gallensteine.  Das  Kind  Yi  Jahr  gestillt,  1.  Zähne  mit 

7  Monat,  lernte  mit  l'A  Jahr  laufen.  Geboren  3.  IV.  12.  Im  Jahre  1918: 
Ende  Januar:  Angina,  Fieber,  Milzschwellung,  Erythema  nodosum  an  den 
Beinen,^  Endokarditis,  Mitralinsuffizitnz.  Anfangs  Februar  Rückfall:  Fieber, 
neues  Erythem,  Lymphdrüsenschwellung  am  Halse.  Ende  Juni:  Pertussis.  Er¬ 
brechen.  Anfangs  Juli  vorübergehende  rechtseitige  Armlähmung  und  Sprach¬ 
lähmung  (Hirnblutung).  Kurz  darauf  Mittelohrentzündung  mti  Fieber,  Darm¬ 
störungen,  Erbrechen.  Im  September  Besserung.  Nach  Weihnachten  Grippe. 
Im  Jahre  1919  i;m  Januar  Angina.  Erst  ab  Ostern  Schulbesuch.  Anfangs  Mai, 

8  Tage  nach  Schulbeginn,  hingeworfen  und  auf  die  rechte  Hüfte  gefallen. 
2  I  age  später  Hinken.  Nach  einigen  Tagen  Bettruhe  8  tägige  Muimpserkran- 
kung.  Nach  einem  längeren  Marsch  im  August  stärkeres  Hinken.  Im  Sep¬ 
tember  1919  ausgesprochene  Deformität  des  rechten  Hüftgelenkes  nach 
Perthes.  Zu  gleicher  Zeit  am  Röntgenbild  des  Handskeletts:  Verzögerung 
der  Ossifikation  etwa  um  1  Jahr,  zahlreiche  Qu  erstreifen  an  der  Epi¬ 
physe,  Verdichtung  und  ausgesprochene  Unregelmässigkeit  der  Rand¬ 
zonen,  massige  Kalkarmut  der  Knochen.  Nach  längerer  Behandlung  später 
wieder  fast  vollkommene  funktionelle  Herstellung, 

Fall  3.  L.  D.,  7'/’  jähr.  Knabe:  Osteochondritis  deform  ans 
j  u  v  e  n  i  1  i  s,  Neuropathie.  Von  gesunden  Eltern  normal  geboren  16.  VIII.  lb. 
Ein  halbes  Jahr  gestillt,  lernte  mit  \Vt  Jahr  laufen,  vor  dem  2.  Lebensjahre 
bettrein.  Mti  3  Jahren  Masern,  mit  4  Jahren  Keuchhusten.  Häusliche  Ver¬ 
hältnisse  gut,  einseitige,  vitaminarme  Ernährung  jedoch  wahrscheinlich  (Milch¬ 
end  Buttermangei).  Sehr  kluges,  lebhaftes,  etwas  ängstliches  und  leicht  erreg¬ 
bares  Kind.  Während  der  Beobachtung  einigemale  Enuresis  nocturna  und 
-  im  Affekt  —  Enkoprose  am  Tage.  Körpergrösse  110  cm  ( — 2),  Gewicht 
17,8  kg  ( — 3,2).  Deutliche  Deformität  am  rechten  Hüftgelenk  im  Röntgen¬ 
bild  (nach  Perthes)  mit  Atrophie  des  Oberschenkels,  Verkürzung  des 
rechten  Beines,  Trochanterhoehstand.  Beschränkung  der  Abduktion,  geringer 
der  Aussenrotation  (Untersuchung  durch  Herrn  Prof,  Dr.  v.  Kryger).  Im 
Rüntgenbild  des  Handskeletts:  Verzögerung  der  Ossifikation  um  etwa  2  Jahre, 


zahlreiche  Querstreifen,  Verdichtung  und  deutliche  Unregel¬ 
mässigkeiten  der  Randzonen  an  den  Epiphys -n,  Aehnlichc  Bilder  am 
Unterschenkel.  Deutliche  Kalkarmut  der  Knochen.  Nach  dreimonatiger  Behand¬ 
lung  Besserung.  Die  beiden  letzten  Fälle  lehren,  dass  die  Osteochondritis  juve¬ 
nilis  deformans  (Perthes)  der  durch  besondere  Umstände  bedingte  ört¬ 
liche  Ausdruck  einer  allgemeinen  Wachstums-  und  Ernährungsstörung 
der  Knochen  sein  kann,  die  durch  gleichzeitige  Röntgenuntersuchung  des 
Skeletts  an  mehreren  Stellen  aufgedeckt  werden  kann.  Die  Entstehungs¬ 
bedingungen  sind  auch  hier  aus  verschiedenen  endogenen  und  exogenen 
Faktoren  kombiniert.  Die  Prophylaxe  wird  vor  allem  die  am  leichtesten 
zugänglichen  alimentären  Grundlagen  (Nahrungsmängel,  Avitaminosen)  be¬ 
achten  müssen. 

Stettner:  Die  wesentlichsten  Wachstumsphasen  sind  Massenzuwachs, 
formaler  und  materieller  Aufbau.  Diese  3  Geschehnisse  äussern  sich  am 
Knochen  als  Längenwachstum,  Formveränderung  und  Anlage  von  Knochen¬ 
zentren.  und  als  EinFagerung  von  Mineralien. 

Unter  pathologischen  Verhältnissen  vermag  durch  lokale  und  allge¬ 
meine  Einflüsse  Beschleunigung,  Stillstand  und  Hemmung  dieser  Ge¬ 
schehnisse  zustande  zu  kommen. 

Lokale  Störungen,  welche  direkt  oder  indirekt  am  Intermcdiärknorpcl  an¬ 
greifen,  können  zu  den  verschiedenartigsten  klinischen  Bildern  führen.  Be¬ 
merkenswert  ist  der  partielle  Riesenwuchs,  der  Wachstumsstillstand  nach 
Epiphysenlösung,  die  lokale  Förderung  der  Differenzierung  (Auftreten  neuer 
Ossifikationspunkte)  durch  Zirkulationsänderung  infolge  benachbarter  Entzün¬ 
dung  (Tuberkulose),  das  Kalkarmwerden  traumatisch  verletzter  Knochen  nach 
chirurgischen  Eingriffen,  sowie  das  Auftreten  kalkarmer  Zonen  mit  sekundärem 
Umbau  in  geflechtartigen  Knochen,  der  sog.  L  o  o  s  e  r  sehen  Umbauzonen,  bei 
immer  wiederkehrender  lokaler  Einwirkung  erhöhter  Beanspruchung. 

Allgemeine  Störungen  vermögen  gleichfalls  den  Ablauf  der  genannten 
Phasen  zu  fördern  und  zu  hemmen.  Beispielsweise  werden  Steigerungen 
des  Längenwachstums  als  Folgen  des  Sommerklimas  gesehen,  Hemmungen 
durch  die  allgemeine  Ernährungsstörung  bei  Mangel  an.  Nahrungsangebot  oder 
Unmöglichkeit  einer  genügenden  Verwertung  des  Angebots,  besonders  bei 
Krankheiten.  Akuter  Wachstumsstillstand  wird  im  Röntgenbild  in  Form  des 
diaphysären  Randstreifens,  nach  dem  Wiedereinsetzen  des  appositionellen 
Wachstums  als  metaphysärer  Querstreifen  gesehen. 

Veränderungen  der  Differenzierung  sind  häufige  Begleiterschei¬ 
nungen  vieler  Krankheiten,  besonders  innersekretorischer  Störungen.  Hem¬ 
mungen  und  Förderungen  kommen  vor,  bei  vorübergehenden  Zuständen  viel¬ 
fach  „Reihenfolgestörungen“. 

Abweichungen  von  der  normalen  Knochenarchi¬ 
tektur  und  Form  sind  ständige  Begleiter  einiger  chronischer  Infek¬ 
tionen,  wie  Lues  und  Tuberkulose,  sowie  einiger  Ernährungsstörungen  im 
engeren  und  weiteren  Sinne  des  Wortes,  wie  des  Skorbuts  und  der  Rachitis. 
Die  Epiphysenzone  zeigt  sich  überhaupt  als  äusserst  empfindlich  gegen  jede 
Art  von  Allgemeinstörung,  besonders  an  den  funktionell  stark  beanspruchten 
Röhrenknochen  der  unteren  Extremität.  Als  Folge  der  Störung  der 
enchondralen  Ossifikation  kommt  es  zu  charakteristischen  „Unebenheiten“  an 
der  Knochenfuge  (Röntgenhilder).  Solche  Unebenheiten  sind  besonders  häufig 
zwischen  6  und  12  Jahren  und  finden  sich  generell  bei  chronischen  Er¬ 
krankungen,  wie  Diabetes,  schweren  Blutschäden,  Osteochondritis  juvenilis 
u.  a.  und  sind  offenbar  der  Ausdruck  eines  Missverhältnisses  von  Ernährung 
und  Waohstumsleitunig  dieser  Gebiete. 

Der  allgemeine  Körperschaden  macht  sich  aber  auch  durch  Störung  des 
materiellen  Aufbaues  des  Knochens  'bemerkbar.  Im  Röntgen- 
bilde  erkennen  wir  dies  leicht  an  der  mehr  oder  minder  starken  Schattendichte. 
Abnahme  des  Kalkgehaltes  ist  uns  von  den  Bildern  der  Rachitis  und  des  Skor¬ 
butes  her  lange  bekannt.  Eine  Durchsicht  von  1200  Randskelettaufnahmen  hat 
aber  gezeigt,  dass  Kalkarmut  des  Knochens  in  den  3  ersten  Lebensjahren  be¬ 
sonders  häufig  anzu  treffen  ist  und  dass  in  der  Zeit  von  März  1918  bis  August  1919 
unter  der  gleichen  Anzahl  von  Fällen  fast  3  mal  soviel  Fälle  von  Kalkarmut 
anzutreffen  sind,  wie  in  der  nachfolgenden  Zeit  bis  zur  Gegenwart.  Es  ‘.st 
naheliegend,  dafür  die  schlechten  Ernährungsbedingungen  der  Kriegs-  und 
Revolutionszeit  anzuschuldigen.  Der  Knochen  zeigt  sich  also  gegen  Hunger 
in  jeder  Form  äusserst  empfindlich,  es  kann  demnach  der  wahre  Ernährungs¬ 
zustand  eines  Kindes  ain  Knochen  leicht  und  objektiv  nachgeprüft  werden. 
Ein  Drittel  aller  Fälle  von  Kalkarmut  waren  direkt  auf  Hunger  und  Verwahr¬ 
losung  zurückzuführen;  die  übrigen  zwei  Drittel  begleiteten  Ernährungs¬ 
störungen  und  Darmkrankheiten,  eitrige  Infekte,  Erkrankungen  des  Zerebro- 
spinalsystems,  Blutschäden,  Nierenleiden,  Spasmophilie  u.  a.  Die  Kalkarmut 
bei  diesen  Erkrankungen  gewinnt  eine  besondere  Bedeutung,  wenn  gleich¬ 
zeitig  pathologische  Druck-  oder  Zugspannungen  vorhanden  sind,  wje  dies 
bei  zerebralen  Lähmungen  und  Empyem  der  Fall  ist.  Es  können  dann* 
Knochenverbiegungen  die  Folge  sein  und  schwere  deformierende  Verände¬ 
rungen  auch  ohne  Rachitis  auftreten.  Vorstellung  eines  2  jährigen  Jungen  mit. 
Kyphoskoliose  bei  Kalkarmut  infolge  Verwahrlosung  und  schlechter  Konsti¬ 
tution  ohne  Rachitis  (Röntgenbilder). 

Aussprache:  Herren  v.  Kryger,  Busch,  Weinland. 


Verein  der  Aerzte  in  Halle  a.  S. 

(Bericht  des  Vereins.) 

S  i  t  z  u  n  g  v  o  m  30.  M  a  i  1923. 

Vorsitzender:  Herr  F  i  e  1  i  t  z.  Schriftführer:  Herr  Grote. 

Herr  Grote:  Ueber  Novoprotinbehandlung  des  Magengeschwürs. 

Es  sind  über  100  Fälle  behandelt.  Ueber  70  genau  beobachtete  wird 
berichtet.  Die  Ulcusdiagnose  war  mit  allen  möglichen  Mitteln  sichergestellt. 
24  davon  wurden  im  ersten  Anfall  behandelt  (akute  Schmerzulcera),  46  waren 
schon  mehrere  Male  rückfällig  geworden.  In  17  Fällen  lagen  erheblichere 
Eva'kuationsstörungen  vor.  Im  ganzen  sind  52  Fälle  fast  völlig  beschwerdefrei 
geworden,  18  Fälle  verhielten  sich  refraktär.  Drei  Fälle  mit  typischer  Nische 
an  der  kleinen  Kurvatur  wurden  ebenfalls  schnell  besser,  allerdings  rezi- 
divierten  2  davon  schon  nach  2  Monaten  und  wurden  dann  operiert.  Im  ganzen 
wurden  9  Fälle  späterhin  chirurgisch  behandelt.  Die  Kranken  sind  durchwegs 
ohne  längere  Bettruhe,  als  höchstens  während  der  Fieberreaktionen,  und  ohne 
besondere  Schonungskost  gehalten  worden.  Ebensowenig  sind  Medikamente 
gegeben.  Der  Injektionsmodus  war  folgender:  In  Abständen  von  3 — 4  Tagen 
bekamen  die  Kranken  steigende  Dosen  von  0,2 — 1,0  ccm  intravenös.  Fast  alle 


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6.  Juli  1923.  _ MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCH RIFT. 


zeigten  Herdreaktionen  in  Form  von  Schmerz  in  der  Magengegend,  etwa 
K« — 1  Stunde  nach  der  Injektion  beginnend  und  1—2  Stunden  anhaltend.  Dabei 
gelegentlich  Erbrechen.  Fiebersteigerung  bis  zu  39,5"  kommt  vor.  Wir  sind 
aber  so  vorgegangen,  dass  wir  nur  immer  eine,  wenn  auch  schwache,  H  erd- 
r  e  a  k  t  i  o  n  erzielten  und  durch  niedrige  Dosierung  das  Fiche  r 
vermieden.  Nach  etwa  6  Injektionen  pflegt  das  Fieber  nicht  mehr  er¬ 
heblich  zu  werden  Fs  tritt  eine  üeWölmung  ein.  Eine  sichere  B  e  z  i  e  h  u  n  g 
zwischen  Starke  der  Herd-  und  Allgemeinreaktion  und  der 
erzielten  Besserung  besteht  nicht.  In  25  Fällen  injizierten  wir  mehr 
als  8  mal  (davon  20  gebessert),  in  45  Fällen  weniger  als  8  mal  (davon  32  ge¬ 
bessert).  Durch  während  der  Injektion  eingeleitete  fraktionierte  Ausheberung 
des  Magens  nach  Alkohol-Probefrühstück  —  in  Abständen  von  Hl  Minuten 
während  lX  Stunden  —  wurde  nachgewiesen,  dass  die  unmittelbare 
Reaktion  nach  der  Injektion  nicht  mit  Herabsetzung 
der  Magett-HCI  einhergeht.  Die  Kurve  der  fraktionierten  Aus¬ 
heberung  verlief  genau  so  wie  ohne  Injektion  (8  Fälle).  Die  Besserung  ist 
wohl  auf  eine  Resistenzsteigerung  der  Magenwandzelle,  nicht  auf  eine  Neu¬ 
tralisierung  des  Magensaftes  zurückzuführen.  Zusammengefasst  ergeben  sicli 
folgende  Vorteile  der  Methode:  Möglichkeit  der  ambulanten  Be¬ 
handlung,  relative  Unabhängigkeit  des  Erfolges  von 
der  Diät,  Entbehrlichkeit  differenter  Medikamente  und, 
namentlich  bei  akuten  Schmerzulcera,  schnelle  Anfangsbesseriung 
der  Beschwerden. 

Besprechung:  Herr  Kürten  demonstriert  2  Fälle  mit  schwerer 
Pylorusstenose,  bei  denen  die  Stenosenerscheinungen  gut  nach  12  Novoprotin- 
iniektionen  zurückgingen.  Gewichtszunahme  beträchtlich.  Röntgenbilder. 

Herr  V  o  I  ha  r  d  hat  einen  ausgezeichneten  Erfolg  bei  narbigem  Sanduhr¬ 
magen  gesehen.  Röntgenbild. 

Herr  J  V  o  I  k  m  a  n  n  hat  mehrere  Kranke  operiert,  die  mit  Novoprotin 
behandelt  waren  und  teils  unverändert,  teils  nach  vorübergehender  Besserung 
zur  Operation  kamen.  Wesentliche  Aenderungen  waren  weder  makro-  noch 
mikroskopisch  an  den  Geschwüren  nachweisbar.  Novoprotin  scheint  nicht 
d  a  s  Mittel  zu  sein,  das  die  Ulcuskrankheit  in  ihrer  Gesamtheit 
heilt.  V.  zieht  bei  der  Operation  die  Resektion  nach  Billroth  1  vor  und 
hat  gute  Dauerergebnisse  bis  zu  3  Jahren. 

1  ierren  Winternitz  und  S  c  h  i  e  c  k. 

Herr  Stleve:  Einfluss  höherer  Aussenwärme  auf  die  Keimdrüsen  der 
Maus. 

Weisse  und  graue  Hausmäuse,  die  bei  Zimmerwärme  gehalten  worden 
waren,  wurden  in  den  Brutschrank,  also  in  eine  Aussenwärme  von  37°  ge¬ 
macht.  Schon  24  Stunden  nach  dem  Beginn  des  Versuches  lassen  sich  schwere 
Veränderungen  an  den  Hoden  feststellen,  die  Samenbildung  kommt  mit  einem 
Schlage  zum  Stillstand,  die  Samenbildungszellen  werden  abgestossen.  Schon 
am  6.  Versuchstage  besteht  der  Kanälcheninhalt  nur  noch  aus  einer  einfachen 
-age  kleiner  Ursamenzellen,  der  ganze  Hoden  hat  sich  stark  verkleinert,  er 
hält  jetzt  kaum  noch  r>  des  früheren  Rauminhaltes.  Hand  in  Hand  mit  diesen 
Veränderungen  sinkt  das  Körpergewicht,  die  Tiere  nehmen  etwa  10 — 20  Proz. 
des  Gewichtes  ab.  Vom  14.  Versuchstage  an  steigt  das  Körpergewicht  wieder 
an.  allerdings  nur  bei  einem  Teil  der  Mäuse,  bei  einem  andern  Teil  sinkt  das 
Gewicht  dauernd  ab,  diese  Tiere  gehen  gewöhnlich  zwischen  dem  40  und 
.  Versuchstage  zugrunde.  Die  Tiere  aber,  bei  denen  das  Körpergewicht 
wieder  ansteigt,  passen  sich  mehr  oder  weniger  vollkommen  an  die  höhere 
Aussenwärme  an.  in  ihren  Hoden  beginnt  die  Keimzellenreifung  von  neuem, 
“"d."?ch  '^0—140  Tagen  sind  bei  ihnen  wieder  reife  Samenfäden  vorhanden, 
weibliche  Mäuse  verhalten  sich  etwas  anders.  Bei  ihnen  gehen  in  den  ersten 
Versuchstagen  alle  grösseren  Follikel  ohne  zu  platzen  zugrunde,  nach  und 
nach  befällt  dann  die  Atresie  auch  die  kleineren  Follikel,  so  dass  das  ganze 
Kenngewebe  zerstört  ist.  Die  weiblichen  Tiere  werden  also  durch  die  Hitze 
sterilisiert,  auch  bei  solchen  Weibchen,  die  sich  im  übrigen  vollkommen  an 
die  hohe  Aussenwärme  anpassen,  findet  keine  erneute  KeinmzeLlenreifung  statt. 

Herr  v.  Lanz:  Verhalten  des  Nebenhodens  von  Mäusen  bei  höherer 
Aussenwärme. 

a)  Die  allgemeine  Hitzewirkung  lässt  die  Zelleiber  schrump¬ 
fen  und  sich  intensiver  färben.  Kanälchenlumen  wird  enger.  Auch  makro¬ 
skopisch  tritt  diese  Volumensverminderung  in  Erscheinung,  allerdings  nicht 
im  gleichen  Maasse,  wie  bei  der  Keimdrüse.  Sekret  wird  spärlicher  Zell- 
zerfa  1  >st  gesteigert  Ersatz  erfolgt  teilweise  durch  Basalzellen. 
r.  ’V.  Das  Aufhören  der  Spermiogenese  bewirkt  im  Epithel  der 
Ductuli  efferentes  eine  Verschiebung  des  Verhältnisses  von 
Sekret  io  ns-  und  Flimmerzellen.  Vom  6.  Versuchstag  an  ver¬ 
drängt  das  Flimmerepithel  mehr  und  mehr  die  Schleimzellen.  Am  16.  Tag  sind 
kaum  noch  einzelne  nachweisbar.  Die  zeitliche  Inkongruenz  im  Auftreten 
der  Veränderungen  im  Hoden  und  Nebenhoden  lässt  die  Epithelumwandlung 
deutlich  als  sekundär  erscheinen.  Damit  stimmt  überein,  dass  das  Epithel 
bei  wieder  beginender  Soermiogenese  den  rückläufigen  Prozess  durchmacht 
bis  zu  annähernd  normalem  Verhältnis  von  1:  1. 

Der  Kanälcheninhalt  ist  stark  verändert.  Nach  24  Stunden  treten 
-  permatiden  auf.  Die  Mehrzahl  der  Samenfäden  quillt  zu  blassen,  unregel¬ 
mässigen  Gebilden,  die  ihre  Schwänze  verlieren.  Teilweise  werden  sie  von 
Riesenzellen  aufgenommen,  die  sich  von  eingewanderten  Leukozyten  her- 
leiten. 

Zur  Resorption  der  in  der  Pars  ampullaris  noch  bis 
,9  nach  Beginn  der  Hitzesterilität  angestauten  Spermienmassen  reichen 
die  Spermatophagen  bei  weitem  nicht  aus.  Für  dieses  Problem  ergeben  sich 
aus  den  Befunden  in  diesem  Abschnitt  neue  Gesichtspunkte.  Abgesehen  von 
Epithel  Veränderungen,  die  auf  Amitosen  und  Riesenzellbildung  schliessen 
lassen,  häufen  sich  vom  4.  Tag  an  im  Zwischengewebe  Rundzellen:  Lympho- 
zyten,  Bindegewebszellen,  sogar  Leukozyten,  diese  aber  nur  bei  Tieren  mit 
steilabfallender  Gewichtskurve.  Längs  der  Lymphgefässe  werden  vom  7.  Tag 
an  Bindegewebszellen  mit  Körncheneinlagerungcn  getroffen,  die  alle  Ueber- 
gänge  an  Zahl  und  an  Färbbarkeit  zeigen.  In  späteren  Stadien  verlieren  diese 
Zellen  immer  mehr  an  Zellsaft  und  ähneln  den  Kohlenstaubzellen  im  Lungen- 
zu  ■schengewebe.  Dieser  Reizzustand  der  Kanälchenwandung  wird  in  Zu- 
sammeiihang  mit  der  Stauung  des  sich  auflösenden  Kanälcheninhaltes  gebracht. 
..."  aucJ*  unter  normalen  Bedingungen  eine  Resorption  im  Nebenhoden  statthat, 
lasst  sich  aus  diesen  Befunden  nicht  entscheiden. 

Herr  Mett:  Der  Einfluss  höherer  Aussentemperatur  auf  Leber  und  Milz 
der  Mausmaus. 

Die  ersten  Zeichen  der  Hitzeeinwirkung  bestehen  in  Zunahme  des  Fett¬ 
gehaltes.  Zunächst  besteht  keine  deutliche  Bevorzugung  einzelner  Teile  des 
Läppchens.  Am  2.  bis  spätestens  3.  Tage  ist  die  Vermehrung  deutlich.  Später 


tritt  eine  abermalige  Vermehrung  des  Infiltrationsfettes  ein,  wobei  jetzt  be¬ 
sonders  die  Peripherie  des  Leberläppchens  betroffen  ist.  Am  4.  bis  5.  Tage  ist 
eine  ausgesprochene  periphere  Fettleber  entstanden.  Damit  ist  das  Maximum 
der  Verfettung  erreicht.  Bei  Tieren,  die  sich  rusch  anzupassen  vermögen, 
nimmt  das  Infiltrationsfett  wieder  ab,  so  dass  bei  vollkommen  angepassten 
I  icren  die  Leber  ihren  normalen  Gehalt  an  Fett  aufweist. 

Als  Folge  der  Ablagerung  von  Fettmassen  in  der  Zelle  entstehen  Kern- 
deformationen,  schliesslich  auch  Kerndegenerationen,  ln  den  Stadien  der 
Regeneration  wurden  Mitosen,  die  vom  Lebergewebe  selbst  ausgingen,  be¬ 
obachtet.  Hier  und  dort  im  Parenchym  von  Hitzelebern  vorkommende  In- 
filti  ationen  von  Rundzellen  und  Leukozyten  sind  mit  Resorptionserscheinungen 
von  zugrunde  gehendem  Gewebe  zusammenzubringen.  —  Riesenzellen,  die 
'-9  ,<?un  Kapillaren  der  Leber  gesehen  wurden,  stammen  von  ausgeschwemmtei, 
Zellen  der  Milz. 

Bei  Vergleich  der  gleichzeitig  in  anderen  Organen  festgestellten  Verände¬ 
rungen  ergab  sich,  dass  die  Leber  eher  regeneriert  als  der  Hoden,  so  dass 
deutlich  nachgewiesen  wurde,  dass  der  Hoden  abhängig  ist  vom  Zustand  des 
Gesamtkörpers. 

Bei  genauerer  Beobachtung  des  Körpergewichtes  der  Tiere  und  gleich¬ 
zeitiger  Organkontrollc  Hessen  sich  viele  individuelle  Varianten  feststellen. 
Neben  Geien,  die  sich  gut  anpassen,  wurden  auch  solche  beobachtet,  die  erst 
langsam  sich  den  veränderten  Bedingungen  anpassten.  Rin  gewisser  Prozent- 
satz  ging  bei  den  Versuchen  zugrunde. 

Die  in  der  Hitze  gehaltenen  Weibchen  werden  durch  die  hohe  Aussentem- 
peratur  kastriert.  Infolgedessen  setzen  sie  an  vielen  Stellen  des  Körpers  Fett 
an.  Ebenfalls  in  Vier  Leber  wurden  grössere  Infiltrationen  von  Fett  beobachtet. 
Diese  Fettleber  ist  nicht  als  direkte  Folge  der  Hitze  aufzufassen,  sondern  sie 
ist  sekundär  dadurch  entstanden,  dass  die  Hitze  die  Ovarien  geschädigt  hat. 

Die  Milz  zeigt  ebenfalls  starke  Veränderungen,  hauptsächlich  der  "Pulpa. 
Am  1.  und  2.  Tag  der  Hitzeeinwirkung  treten  in  der  Milzpulpa  Erthrolilasten 
aul  Die  Gruppen  dieser  Blutzellen  sind  in  ihrer  Hauptmasse  am  3.  Tag 
wieder  verschwunden  und  man  sieht  dann  besonders  die  sonst  spärlich  vor¬ 
kommenden  Riesenzellen  der  Milz  vermehrt,  so  dass  Teile  der  Pulpa  fast 
ganz  von  diesen  Zellen  eingenommen  werden.  Neben  den  Riesenzellen  waren 
die  kleinen  Pulpazellen  in  Mitose.  Vielleicht  liefern  die  Pulpazellen  in  der 
Hitze  mehr  Leukozyten  als  gewöhnlich.  Ausserdem  trat  in  der  Pulpa  bei 
riitzetieren  noch  Pigment  auf.  Alle  diese  Erscheinungen  schwinden  bei  all¬ 
mählicher  Anpassung. 

Die  Arbeit  erscheint  ausführlicher  anderenorts. 

Besprechung:  Herr  H  a  r  t  w  i  c  h  hat  bei  der  Untersuchung  der 
Hoden  von  unter  hohem  Fieber  verstorbener  Kranker  keine  wesentlichen  Ver¬ 
änderungen  gefunden.  Nur  chronische  Lungentuberkulose  und  Amyloidose 
scheinen  einen  Einfluss  auf  die  Spermiogenese  zu  haben. 

Herr  Roux:  Herr  Stieve  hat  heute  nur  seine  eigenen  Versuche  mit¬ 
geteilt.  Anderenfalls  würde  er  auch  über  frühere  Versuche  von  I.  Schiller 
und  Carlo  C  a  n  i  über  die  Wirkung  lokaler,  grobmechanischer  Eingriffe  am 
1  ierkörper  auf  die  Keimdrüsen  berichtet  haben.  Sch.  machte  Kaulquappen 
Brandnarben  an  der  Schwanzspitze  und  unterband  Mäusen  eine  Extremität. 
Die  danach  eingetretene  Degeneration  der  Keimdrüse  leitete  er  aber  nicht 
von  direkten  lokalen  Beziehungen  dieser  Organe,  sondern  von  der  Bildung  ab¬ 
normer  Stoffe  ab.  Er  hatte  auch  ermittelt,  dass  die  Keimdrüsen,  die  am  leicli- 
testen  durch  Einwirkung  auf  das  Tier  veränderlichen  Organe  sind  (Arch.  f. 
Entw.Mech.  Bd.  34  u.  38).  C  a  n  i  beobachtete  hochgradige  Degeneration  der 
Hoden  von  Hähnen  und  Hunden  nach  Beklopfen  des  Schädels.  Er  leitet  diese 
Wirkung  lokal  ab,  und  zwar  von  der  Wirkung  der  Erschütterung  der  Genital¬ 
zentren  des  Gehirns. 

Herr  Beneke:  Die  demonstrierten  Veränderungen  sind  verschiedenster 
Art  und  deshalb  schwer  analysierbar.  Das  Verbindende  sind  wohl  Verände¬ 
rungen  des  „fiebernden“  Blutes,  bei  denen  die  Zerlegung  leicht  angreifbarer 
flüssiger  Substanzen  gewiss  besonders  bedeutungsvoll  ist.  Sofern  diese  als 
Nährmaterial  gelten,  kann  ihr  Mangel  eine  Art  Hungeraustand  erzielen.  So 
erinnert  mich  der  Hodenzellschwund  an  die  beim  Hungerödem  vorkommenden 
Bilder  beim  Menschen.  Eine  neue  Arbeit  von  V  a  1  d  e  s  berichtet  über  jähen 
Glykogenschwund  in  den  Muskeln  des  Reizleitungssystems  des  Herzens  bei 
verschiedenen,  einer  Ueberhitzung  ausgesetzten  Versuchstieren. 

Hei  ren  V  o  1  h  a  r  d  und  W  i  n  t  e  r  n  i  t  z. 

Herr  P.  S  c  h  m  i  d  t:  Die  Untersuchungen  haben  mich  um  so  mehr  inter¬ 
essiert,  als  ich  vor  langer  Zeit  im  Hamburger  Tropeninstitut  an  weissen  Mäu¬ 
sen  Studien  über  den  Einfluss  der  Hitze  auf  das  Blut  anstellte.  E.  G  r  a  w  i  t  z 
hatte  mitgeteilt,  da  s  ihm  der  Nachweis  von  Blutveränderungen  (basophile 
Körnung.  Polychromasie,  Erscheinen  kernhaltiger  roter  Elemente)  bei  weissen 
Mäusen  nach  Einwirkung  von  Brutschranktemperatur  gelungen  sei.  Ich  konnte 
jedoch  feststellen,  dass  eine  Fehlerquelle  unberücksichtigt  geblieben  war:  die 
künstliche  Anämisierung  der  Tiere  durch  tägliche  Blutentnahme  mittels  Ab- 
schneidens  eines  Stückchen  Schwanz.  Ich  erhielt  bei  dem  von  E.  G  r  a  w  i  t  z 
geübten  Verfahren  genau  dieselben  Veränderungen,  nicht  aber,  wenn  ich  in 
Parallelreihen  die  Blutung  sorgfältig  mit  Eisenchlorid  stillte  oder  nur  eine  Ein¬ 
nahme  nach  ca.  5  Tagen  vornahm. 

Auf  Grund  dieser  Resultate  musste  ich  die  Schlussfolgerung  Gra  witz’ 
von  der  Entstehung  der  Hitzeanämie  bei  Mäusen  und  erst  recht  einer  Tropen¬ 
anämie  beim  Menschen  allein  durch  Tropenhitze  ablehnen. 

Einer  Anregung  meines  damaligen  Chefs,  Prof.  N  o  c  h  t,  folgend,  habe  ich 
die  Frage  auch  beim  Menschen  auf  einer  Tropenreise  bei  unsern  Schiffs¬ 
heizern  und  dem  Deckspersonai  geprüft  und  wiederum  ganz  ohne 
E  r  f  o  1  g.  Bei  einigen  Malariaf ällen  traten  natürlich  Blutveränderungen  ein. 
Ich  bin  geneigt,  die  Gewebsveränderungen,  die  die  Herren  sahen,  aus¬ 
schliesslich  auf  die  Hyperthermie  zurückzu  führen;  bei 
lemperatur  von  40"  Blutwärme  muss  ja  schon  erheblicher  Eiweisszerfall  und 
Verfettung  stattfinden. 

In  den  Tropen  gelingt  ja  die  Wärmeregulierung  auch  bei  Neuankömm¬ 
lingen  sehr  gut,  selbst  wenn  sie,  d.  h.  ihr  Nervensystem,  unter  dem  Klima 
litten.  Es  gibt  keine  Temperatursteigerung  von  Bedeutung  in  der  Zeit  der 
Akklimatisation,  es  sei  denn  durch  Hitzschlag,  durch  starke  körperliche 
Arbeit  oder  Infektionskrankheit.  Bekanntlich  leiden  auch  Zeugungsfähigkeit 
und  Empfangsfähigkeit  keineswegs  in  den  Tropen. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  :7. 


8% 


Naturforschende  u.  medizinische  Gesellschaft  zu  Rostock. 


(Medizinische  Sektion.) 

Sitzung  vom  17.  Mai  1923. 

Vorsitzender:  Herr  W.  Müller.  Schriftführer:  Herr  R.  Stahl. 


Erfahrungen  über  Pathologie  und  1  heraoie 


Hals-,  Nasen-  u.  Ohrenheilkde. 
Brunn,  Körner.  Hanne¬ 


werden 
der  volle 


noch 

nähere  Begründung 
den  selbst  in  der 


Tagesordnung: 

Herr  Körner:  Einige 
otogener  Hirnabszesse. 

Der  Vortrag  erscheint  in  der  Zschr.  f. 

Aussprache:  Herren  Müller,  v.' 
manu,  v.  W  a  s  i  e  1  e  w  s  k  i,  Körner. 

Herr  Dönges:  Ueber  Streptokokkenbefunde  und  Streptokokkenzüch¬ 
tung  aus  dem  Blute  von  Masernkranken.  Vorläufige  Mitteilung. 

In  14  Fällen  aus  dem  Blute  Masernkranker,  in  1  Falle  aus  Blut  und 
Schüppchen  eines  Masernkranken,  in  3  Fällen  aus  Schüppchen  Masernkranker 
und  in  1  Falle  aus  dem  Mandelabstrich  eines  Masernkranken  wurden  in  der 
<i  rüge  Ischen  Mucinbouillon  Streptokokken  gezüchtet,  die  morphologisch 
dein  Streptococcus  longissimus  und  conglomeratus  glichen;  alle  Reinkulturen 
zeigten  auf  Schottmüller  schein  Blutagar  Hämolyse. 

Erscheint  ausführlich  im  Zbl.  f.  Bakt. 

Aussprache:  Herren  E  h  r  i  c  h,  Dönges,  v.  Brunn.  Stahl. 
Felke,  Dönges  und  D  e  u  s  c  h. 

Herr  B  e  h  in:  Heber  die  Resektion  des  Nervus  laryngeus  Superior  bei 
Kehlkopftuberkulose. 

B.  berichtet  über  4  Fälle  von  Kehlkopftuberkulose,  bei  denen  die  durch 
die  tuberkulösen  Ulzerationen  im  Larynx  bedingten  Schluckschmerzen  durch 
Resektion  des  N.  laryngeus  superior  sofort  und  dauernd  beseitigt 
konnten.  Dreimal  genügte  einseitige  Nervenresektion.  einmal  trat 
Erfolg  erst  nach  beiderseitiger  Nervenresektion  auf.  In  einem  Falle  war 
ausserdem  deutlicher  Rückgang  der  Infiltration  und  Ulzeration  in  der  Arygegend 
zu  beobachten. 

Herr  v.  Wasielewskl:  Zur  Bakteriologie  der  Noma. 

Die  Deutung  der  S  e  i  f  e  r  t  -  P  e  r  t  h  e  s  sehen  Nomafäden  bedarf 
immer  einer  Klärung;  sie  wurden  von  Seifert  ohne 
als  eine  Cladothrixart  bezeichnet,  ein  Organismus,  über 
mikrobiologischen  Fachliteratur  nur  wenig  bekannt  ist.  Die  Beschaffung 
einer  Vergleiohskultur  war  uns  bisher  nicht  möglich.  Ein  Krankheitsfall, 
den  wir  auf  Wunsch  der  Chirurgischen  Klinik  bearbeiteten,  zeigte  ausser¬ 
ordentlich  reichliche  Mengen  der  im  Ausstrichpräparat  Gram-negativen, 
langen  Nomafäden.  Daneben  fanden  sich,  besonders  im  Abstrich  frisch  aus¬ 
geschnittenen  Nomagewebes,  ungeheure  Mengen  Spirochäten,  Kokken,  sehr 
schlanke  fusiforme  Stäbchen  und  zahlreiche  Exemplare  von  Spirillum  sputi- 
genum.  Das  vielfach  in  der  Literatur  geschilderte  Verhalten  der  Nomafäden 
im  Gewebsschnitt  war  nach  Sublimatalkoholfixierung  besonders  im  Giemsa- 
präparat  gut  zu  verfolgen;  nach  Gram  färben  sie  sich  hier  positiv.  Die  Noma- 
fäden  zeigen  im  feuchtfixierten  Ausstrichpräparat  grosse  Aehnliohkeit  mit 
dem  färberischen  Verhalten  der  fusiformen  Stäbchen,  so  dass  es  naheläge, 
sie  als  besondere  Wuchsformen  einer  der  von  Knorr  beschriebenen  Arten 
der  Gattung  Fusobakterium  Lehmann  zu  deuten.  Damit  würde  ihre  syste¬ 
matische  Einreihung  unter  den  bakterienähnlichen  Kleinwesen  im  Sinne  der 
Lehma  nn-Neumarin  sehen  Einteilung  geboten  sein  und  das  Interesse 
an  diesen  eigenartigen,  den  echten  Bakterien  verhältnismässig 
Lebewesen  gesteigert.  Die  Bezeichnung  der  Nomafäden 
Streptatricheen  erscheint  geeignet,  irrige  Vorstellungen 
formen  zu  erwecken:  echte  Verzweigungen  oder  Andeutungen  derselben  fanden 
sich  in  dem  für  die  Entscheidung  dieser  Frage  allein  entscheidenden  Aus¬ 
strichpräparat  bisher  niemals.  Auf  die  Herstellung  von  Reinkulturen  musste 
aus  äusseren  Gründen  verzichtet  werden;  eine  Anreicherung  der  Fäden  mit 
Gram-positiven  Kokken  gelang  ohne  Schwierigkeiten  anaerob  in  Aszites- 
bouillo'n.  Tierversuche  an  Meerschweinchen  und  Kaninchen  misslangen,  wie 
bisher  auch  anderwärts  in  den  allermeisten  Fällen.  Die  Ausführungen  wurden 
an  der  Hand  von  Schnitt-  und  Ausstrichpräparaten  näher  erläutert. 

Eine  Zusammenstellung  der  Nomaliteratur  durah  den  praktischen  Zahn¬ 
arzt  Herrn  Hans  Meier  (I  D.)  ergab,  dass  die  Mortalität  der  Krankheit 
trotz  der  Anwendung  von  Salvarsan  und  energischer  chirurgischer  Eingriffe 
in  den  seit  1900  in  Deutschland  publizierten  107  Fällen  noch  über  60  Proz.  lag. 

Wenn  auch  diese  Zahl  gegenüber  eine  Statistik  von  Springer  über 
1V7  bis  1904  beschriebene  Fälle  mit  92  Proz.  Mortalität  einen  Fortschritt 
bedeutet,  so  beweist  sie  doch,  wie  hilflos  wir  dieser  mörderischen  Krankheit 

gegenüberstehen.  „  ,  ,  . 

Es  muss  deshalb  bei  allen  zur  klinischen  Beobachtung  gelangenden 
Nomafällen  angestrebt  werden,  die  Biologie  und  ätiologische  Bedeutung  der 
beteiligten  Kleinwesen  weiter  zu  klären,  weil  nur 
wirksamen  Behandlung  gefunden  werden  kann. 


Würzburger  Aerzteabend. 


(Offizielles  Protokoll.) 


fernstehenden 
als  Pilzfäden  oder 
über  ihre  Wuchs- 


hierdurch  ein  Weg  zur 


Sitzung  des  Aerztlichen  Bezirksvereins 
im  Luitpoldkrankenhaus  am  19.  Juni 


Infiltrate,  links  ebenfalls  Dämpfung,  Bronchialatmen.  Röntgenologisch  ein 
grosser  Schatten.  Fieber.  Das  Allgemeinbefinden  besserte  sich,  das  Fieber 
verschwindet.  Der  Röntgenschatten  geht  zurück.  Später  Exitus  an  den 
Folgen  der  Tuberkulose;  bei  der  Sektion  ergibt  sich  an  der  Stelle  des  ge¬ 
heilten  „epituberkulösen  Herdes“  ein  deutlicher  käsiger  Herd  von  etwa 
Kirschkerngrösse,  um  den  herum  chronische  (bindegewebige)  pneumonische 
Infiltration  vorhanden  ist.  Keine  gelatinöse  Pneumonie,  kein  eigentliches 
alveoläres  Exsudat.  Die  Ansicht,  dass  die  Epituberkulose  ein  nichttuber¬ 
kulöser  Prozess  sei.  wird  durch  den  Sektionsbefund  nicht  bestätigt. 

5.  Ausführliche  Besprechung  der  neueren  Ansichten  über  die  Pathogenese 
der  Tetanie. 


Würz  bürg 
1923. 


Herr  Riet  sc  hei:  1.  Schwerer  Pylorospasmus.  Erstgeborenes  Kind. 
Knabe.  Trotz  aller  internen  Therapie  sistiert  das  Erbrechen  nicht  und  die 
Abnahme  schreitet  weiter  fort.  Kind  im  desolatesten  Zustand,  deshalb  Pyloro- 
plastik  nach  Weber-Ra mmstedt.  Vom  Tage  der  Operation  an  fort¬ 
schreitende  Zunahme  des  Gewichtes.  Dauernde  Besserung.  Heilung. 

2.  Hirschsprung  sehe  Krankheit.  Kind  8  Monate.  Seit  der  Geburt 
obstipiert.  Allmähliche  Auftreibung  des  Abdomens.  Die  Röntgenunter¬ 
suchung  mit  Füllung  des  Kolons  ergibt  ein  stark  erweitertes  S  romanum.  das 
bis  in  die  Zoekumgegend  herüberreicht.  Besprechung  des  Krankheitsbildes, 
das  im  wesentlichen  zustande  kommt  durch  ein  abnorm  langes  Mesenterium 
des  Sigmoideum  bzw.  des  ganzen  Kolon  bzw.  des  Mesenterium  ileocolicum 
commune  (G  o  e  b  e  1)  event.  kombiniert  mit  Spasmen. 

3.  Typischer  Fall  von  Mikromelie  oder  Chondrodystrophie  im  Alter  von 
<S  Monaten.  Die  Aermchen  und  Beinchen  sind  Itn  Längenwachstum  zurück¬ 
geblieben.  Kopf  gross.  Ausgeprägter  breiter  Nasenrücken.  Intelligenz 
normal.  Besprechung  des  Krankheitsbildes.  Therapeutisch  soll  Hypophysen¬ 
saft  des  Vorderlappcns  injiziert  werden. 

4.  Besprechung  eines  Falles  von  Tuberkulose  bei  einem  8  Monate  alten 
Säugling,  der  vorübergehend  im  linken  Oberlappen  die  Zeichen  eines  sog. 
„epituberkulösen“  Herdes  bot.  An  der  rechten  Seite  deutliche  tuberkulöse 


Gesellschaft  der  Aerzte  in  Wien. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  11.  Mai  1923. 

Herr  F.  Kumer  berichtet  über  die  Fortschritte  der  Technik  der  Ra- 
diumtherapie  und  demonstriert  von  Herrn  Ferna  u  hergestellte  Hohlnadeln, 
die  bei  2  mm  lichter  Weite  0,3  mm  Wandstärke  besitzen  und  5  mg  Radium¬ 
salz  enthalten. 

Herr  F.  Korltschoner  berichtet  über  Versuche  von  Uebertranune 
des  Enzephalitisvirus  auf  Hunde  und  Kaninchen. 

Ein  Kranker,  der  von  einem  Hunde  gebissen  wurde,  kam  zur  Schutz¬ 
impfung  nach  Pasteur.  Es  zeigten  sich  bei  dem  Manne  keine  Symptome 
\on  Lyssa.  6  Wochen  nach  dem  Biss  wurde  er  wegen  einer  schweren  Er¬ 
krankung  des  Zentralnervensystems  aufgenommen;  er  stand  unter  starker 
Morphinwirkung,  so  dass  eine  präzise  Diagnose  nicht  möglich  war.  Die  Ob¬ 
duktion  ergab  eine  Enzephalomyelits. 

6  Kaninchen  wurden  mit  Hirnsubstanz  geimpft,  5  subdural,  1  intramusku¬ 
lär.  Letzteres  lebt  noch,  wenngleich  in  einem  recht  schlechten  Zustand;  die 
subdural  infizierten  sind  ausnahmslos  zugrunde  gegangen,  und  zwar  unter 
ziemlich  gleichartigen  Umständen.  Zuerst  zeigt  sich  Parese  der  Hinter¬ 
beine,  dann  treten  Streckkrämpfe  auf.  Das  Rückenmark  der  Kaninchen  wurde 
auf  einen  jungen  Hund  (6  Wochen  alt)  überimpft.  Dieser  erkrankte  am  4.  Tage 
unter  spastischen  Lähmungen,  dann  traten  Zuckungen  in  den  hinteren  Ex¬ 
tremitäten  auf,  dann  Laufbewegungen  bei  dem  auf  der  Seite  liegenden  Tier. 
Von  diesem  Hund  Hess  sich  die  Krankheit  wieder  auf  ein  Kaninchen  über¬ 
tragen,  von  diesem  wieder  auf  einen  grösseren  Hund,  von  dessen  Verwendung 
man  ein  anderes  Resultat  erwartete,  weil  vermutet  wurde,  dass  vor  allem  in¬ 
folge  der  Jugend  des  vorhin  erwähnten  Hundes  der  Versuch  den  geschil¬ 
derten  Ausgang  nahm.  Die  Infektion  nahm  einen  protrahierten  Verlauf.  Am 
4.  Tag  wurde  Strabismus  divergens  beobachtet,  am  Abend  des  5.  Tages 
Ataxie  der  Hinterbeine,  dann  spastische  Lähmungen.  Später  lag  das  Tier 
ruhig  und  teilnahmslos  da.  Jede  halbe  Stunde  traten  anfallsweise  Lauf¬ 
bewegungen  in  allen  4  Beinen  auf.  Es  wurde  mit  Hilfe  von  Injektionen  von 
Koffein  und  Roborantien  aufrechterhalten.  Es  schrie  bei  jeder  Injektion,  war 
also  augenscheinlich  überempfindlich  geworden.  Vortragender  hat  über  seine 
Untersuchungen  berichtet,  weil  bisher  eine  Uebertragung  der  Enzephalitis  auf 
den  Hund  nicht  gelungen  ist.  Vielleicht  wird  sich  aus  diesen  Versuchen 
noch  manches  für  die  Aufhellung  der  Enzephalitis  ergeben. 

Herr  R.  O.  Stein  stellt  einen  Mann  (Melker)  mit  einer  Milzbrandpiistel 
am  Vorderarm  vor. 

Herr  A.  Strasser  demonstriert  einen  Mann  mit  Obliiteratiou  der 
Arterien  am  Fusse. 

Vor  einem  Jahre  bildete  sich  eine  Nekrose  an  der  Ferse  und  an  der 
kleinen  Zehe.  Wenn  die  Beine  herabhängen,  treten  starke  Schmerzen  .und 
Zyanose  auf;  beim  Anlegen  einer  Binde  entsteht  Zyanose  ohne  Schmerzen. 
Es  wäre  in  einem  solchen  Falle  die  soziale  Indikation  für  die  Ablatio  gegeben. 
Vorher  könnte  die  Entfernung  der  Adventitia  nach  L  e  r  i  c  h  e  versucht  werden. 

Herr  I.  K  o  f  1  e  r  und  Herr  H.  Seidel  berichten  über  Beseitigung  von 
Wagenstörungen  bei  chronischer  Tonsillitis  nach  Tonsillektomie. 

Herr  R.  Uhfirz:  Stand  der  Jugendfürsorge. 


Aus  ärztlichen  Standesvereinen. 


Aerztlicher  Bezirksverein  Nürnberg. 


277.  ordentliche  Mitgliederversammlung  am  22.  Juni  1 923. 

Nach  geschäftlichen  Mitteilungen  des  Vorsitzenden  Dr.  Stander 
ersucht  Herr  Bändel  den  Bezirksverein  im  Hinblick  auf  die  Impfgegner 
um  Stellungnahme  zum  Schutz  des  Impfgesetzes  und 
schlägt  folgende  Entschliessung  vor,  welche  ohne  Debatte  angenommen  wird: 
„Der  Aerztliche  Bezirksverein  hat  von  einer  im  Mai  d.  J.  hier  stattgefundenen 
Impfgegnerversammlung  und  einer  daselbst  angenommenen  Entschliessung 
Kenntnis  genommen.  Er  hält  in  dem  durch  Seuchen  viel  mehr  als  früher 
gefährdeten  Deutschen  Reiche  den  ungeschmälerten  Schutz  des  Rcichsimpf- 
gesetzes  notwendiger  als  je  und  hält  an  dem  auf  dem  39.  deutschen  Aerzte- 
tag  1913  zum  Ausdruck  gebrachten  Entschluss  der  deutschen  Aerzteschaft, 
das  Impfgesetz  unverrückt  beizubehalten,  fest.  Er  gibt  hiervon  der  Reichs¬ 
regierung  und  dem  Reichstag  Kenntnis  und  bittet,  impfgegnerischen  Be¬ 
strebungen  keinerlei  Folge  zu  geben.  Er  gibt  ferner  von  dem  neuerlichen 
Vorgehen  bayerischer  Impfgegner  dem  bayer.  ärztL  Landesausschuss 
Kenntnis  mit  dem  Ersuchen,  die  ärztl.  Bezirksvereine,  in  deren  Bereich 
jeweils  impfgegnerische  Veranstaltungen  stattfinden,  zu  entsprechender 
Gegenaufklärung  bei  der  Bevölkerung  insbesondere  auch  mit  Hilfe  der 
Schüler  (Elternabend)  anzuregen  und  impfgegnerischen  Resolutionen  an  den 
Reichstag  mit  einer  Gegenentsehliessung  gegenüberzutreten.“ 

Herr  Kreitmair  fragt  nach  dem  Stand  der  Bahnkassenarztfrage  und 
erinnert  daran,  dass  seinerzeit  die  Stadtärzte  und  die  Armenärzte  ihre  Stelle 
ohne  weiteres  zugunsten  der  Einführung  der  freien  Arztwahl  niedergelegt 
hätten.  Es  sei  nicht  recht  verständlich,  dass  und  warum  die  Einführung  der- 
freien  Arztwahl  bei  den  Bahn-  und  Postbetriebskrankenkassen  so  grosse 
Schwierigkeiten  bereite,  nachdem  dieselbe  im  ganzen  übrigen  Deutschland 
möglich  war.  Herr  Stander  erwidert,  dass  die  bayerischen  Bahnkassen¬ 
ärzte,  nicht  die  Nürnberger  Bahnkassenärzte,  das  grösste  Hindernis  bilden, 
weil  sie  Sabotage  in  der  Sache  und  in  der  Form  trieben.  Am  kommenden 
bayerischen  Aerztetag  werde  die  Angelegenheit  beraten  werden  und  hoffent¬ 
lich  zu  einem  guten  Ende  führen. 


f>.  Juli  1923. 


MÜNCH  RN  RR  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Kleine  Mitteilungen. 

Tarif  der  Deutschen  Röntgengesellschaft. 

Gültig  ab  20.  Juni  1923. 

I .  Unkostentarif. 

1.  Diagnostik:  9X 12  Platte  und  Zahnfilm  14  400  M.,  13Xl8  Platte 
17  550  M„  18X24  Platte  22  750  M.,  24  X  30  Platte  31  150  M..  30  X  40  Platte 
45  600  M„  4(lX50  Platte  71  750  M.;  Orthodiagranim  13  950  M.;  Dureh- 
leuchtung  12  450  M.;  Gitobaryummahlzeit  6300  M.;  Solllauchfüllung  12  600  M.; 
Einlauf  mit  Citobaryum  7550  M.;  Abzüge  bis  zur  Grösse  18  X  24  10  000  M.: 
Abzüge  darüber  hinaus  20  000  M.;  Glasdiapositiv  25  000  M. 

2.  Therapie:  a)  Oberflächentherapie  p.  M.A.M.  800  M.;  b)  (vollw.) 
Tiefentherapie  p.  M.A.M.  650  M. 

2.  Honorar  tarif. 

Allg.  Deutsche  Geb.-Ordn.  (Ausg.  in.  Deckbl.)  Ziffer  336 — 371  mal  200. 

Assistenten-  und  Studentenbelange. 

Der  bayer.  Landtag  stimmte  dem  Antrag  der  Regierung  betr.  die 
Unterstützung  der  Medizinalpraktikanten  (vorgl.  d.  Wschr.  S.  827)  zu. 

Wirtschaftshilfe  der  Deutschen  Studentenschaft. 

Aus  Berlin  erfahren  wir:  Der  Reichspräsident  empfing  nachmittags  zum 
Tee  im  Garten  seines  Hauses  Studierende  der  deutschen  Universitäten  und 
I  Hochschulen,  Professoren  und  führende  Persönlichkeiten  des  deutschen  wirt¬ 
schaftlichen  Lebens,  die  sich  zu  einer  Verwaltungsratssitzung  der  Wirtschafts¬ 
hilfe  der  deutschen  Studentenschaft  in  Berlin  eingefunden  hatten. 

Prof.  Lozano  in  München. 

Die  Münchener  Medizinstudierenden  hatten  die  Freude,  Prof.  Lozano, 
den  namhaften  Chirurgen  der  Universität  Saragossa,  im  Hörsaal  der  hiesigen 
chirurgischen  Klinik  begrüssen  zu  können.  Herr  Geh.  Rat  Sauerbruch 
hiess  Herrn  Prof.  Lozano  im  Namen  der  Studierenden  herzlich  willkommen 
und  sprach  ihm  die  Hochachtung  der  deutschen  Mediziner  vor  den  wissen- 
1  schaftlichen  Leistungen  der  spanischen  Kollegen  aus.  Desgleichen  ehrte 
Herr  Geh.  Rat  Sauerbruch  in  warmen  Worten  die  freundschaftlichen 
Beziehungen  der  spanischen  Nation  zu  Deutschland  und  dankte  Herrn  Pro¬ 
fessor  Lozano  besonders  für  seine  aktive  Teilnahme  und  das  grosse 
Interesse,  das  er  der  deutschen  med.  Wissenschaft  entgegenbringe.  Als 
Vertreter  der  Medizinerschaft  sprach  Herr  Ortner  Herrn  Prof.  Lozano 
den  Dank  und  das  Willkommen  der  Studenten  aus.  Herr  Pro.f.  L  o  z  a  n  o 
I  erwiderte  die  Ausdrücke  herzlicher  Freundschaft  und  überbrachte  die  ürüsse 
der  spanischen  Kollegen.  Darauf  hielt  er  eine  Vorlesung  über  traumatische 
Frkrankungen  der  Gelenke,  die  grosses  Interesse  fand.  —  An  einem  der 
nächsten  Tage  las  Herr  Geh.  Rat  Sauerbruch  den  Vortrag  Prof.  Lo¬ 
zano  s  über  Echinokokkenfälle  vor,  der  im  Aerzteverein  gehalten  worden 
war.  Am  30.  Juni  verliess  Herr  Prof.  Lozano  München  wieder,  er  hinter- 
liess  der  Studentenschaft  das  dankbare  Bewusstsein  der  aufrichtigen  Kol¬ 
legialität  der  spanischen  Mediziner  und  nahm  den  Ausdruck  gleicher  Ge¬ 
sinnung  als  Gruss  der  deutschen  Studentenschaft  mit  nach  Saragossa. 

P.  H.  T. 

Richtlinien  zum  Abschluss  eines  Tarifvertrages. für 
die  Assistenten  an  den  konfessionellen  und  charita- 
tiven  Krankenanstalten. 

Die  Geschäftsstelle  des  Bundes  deutscher  Assistenzärzte  schreibt  uns: 
Unsere  letzte  Notiz  ist  anscheinend  von  einigen  Stellen  falsch  verstanden 
worden.  Die  vereinbarten  Sätze,  d.  h.  im  1.  Dienstjahr  27/4  Proz.,  im 
2.  Dienstjahr  33%  Proz.,  im  3.  Dienstjahr  40  Proz.  der  Gruppe  X,  gelten 
als  Barentschädigung,  daneben  wird  freie  Beköstigung  vom  1.  Tisch,  Woh¬ 
nung,  Licht  usw.  gewährt,  ln  Zweifelsfragen  erteilt  die  Geschäftsstelle  des 
Bundes  deutscher  Assistenzärzte  Berlin  NW.  87,  Turmstr.  7-6,  Auskunft. 
Dortselbst  ist  auch  die  Abschrift  des  vollständigen  Tarifvertrages  zu  haben. 

Galerie  hervorragender  Aerzte  und  Naturforscher. 

Das  auf  S.  879  d.  Nr.  abgedruckte  Bildnis  Max  v.  G  ruber  s  ist  auch  als 
353.  Blatt  der  Galerie  erschienen.  Unsere  Bezieher  erhalten  es  gegen  Ersatz 
unserer  Auslagen  durch  Einzahlung  von  1000  M.  auf  das  Postscheckkonto 
J.  F.  Lehmanns  Verlag,  München  Nr.  129,  Nichtabonnenten  gegen  Ein¬ 
zahlung  von  2000  M.  Früher  erschienene  Blätter  können  zum  Preise  von 
500,  bzw.  1000  M.  mitbezogen  werden.  (In  letzter  Zeit  sind  erschienen 
A.  v.  S  t  r  ü  in  p  e  TI,  Quincke,  Marchand,  Schleich,  P  e  n  z  o  1  d  t.) 


Tagesgeschichtliche  Notizen, 

München,  den  4.  Juli  1923. 

—  Am  6.  d.  M.  feiert  der  ausgezeichnete  Hygieniker  der  Münchener 
Universität,  Geheimer  Rat  Prof.  Dr.  Max  v.  G  ruber,  seinen  70.  Geburtstag. 
Den  warmen  Worten,  mit  denen  er  aus  diesem  Anlasse  an  anderer  Stelle 
d.  Nr.  von  berufener'  Seite  begrüsst  wird,  wollen  wir  für  unsere  Schrift¬ 
leitung  nur  wenige  Worte  herzlicher  Beglückwünschung  beifügen.  Seit 
seiner  Uebersiedelung  nach  München  ein  stets  hochgeschätzter  Mitarbeiter 
unserer  Wochenschrift  und  seit  mehr  als  einem  Jahrzehnt  als  Mitglied  des 
Herausgeberkollegiums  enger  mit  ihr  verbunden,  hat  er  uns  unzählige  Be¬ 
weise  seiner  Freundschaft  und  seines  Interesses  für  unser  Blatt  gegeben. 
Dafür  danken  wir  ihm  heute.  Möge  er  der  Verehrung  und  Liebe,  die  er 
sich  als  Forscher  und  Lehrer,  als  Freund  des  VoTkes  und  als  kerndeutscher 
aufrechter  Mann  in  den  Herzen  aller  erworben  hat,  die  ihm  näher  getreten 
sind,  noch  viele  Jahre  hindurch  im  Vollbesitze  seiner  geistigen  und  körper¬ 
lichen  Kraft  sich  erfreuen  können. 

—  In  der  vergangenen  Woche  erfreute  sich  das  medizinische  München 
des  Besuches  eines  illustren  spanischen  Arztes,  des  Professors  der 
chirurgischen  Klinik  in  Saragossa,  Prof.  Lozan  o.  Der  Ruf  nicht  nur 
eines  der  ausgezeichnetsten  Vertreter  seines  Faches  in  seinem  Vaterlande, 
sondern  auch  der  eines  Freundes  der  deutschen  Wissenschaft  und  des 
deutschen  Volkes  ging  ihm  voraus;  man  wusste,  dass  Lozano  schon 


S07 

während  des  Krieges  aus  seinen  Sympathien  für  Deutschland  kein  Hehl  ge¬ 
macht  hatte  und  dass  er  nach  dem  Kriege  lebhaft  und  mit  bestem  Erfolge  für 
die  Anbahnung  eines  freundschaftlichen  Verhältnisses  zwischen  deutschen 
und  spanischen  Aerzten  eingetreten  ist.  Kein  Wunder,  dass  die  Münchener 
Aerzteschaft  und  die  med.  Fakultät  sich  freuten,  diesen  Mann  in  ihrer 
Mitte  zu  wissen  und  dass  sic  ihn  mit  allen  ihnen  zur  Verfügung  stehenden 
Ehren  empfingen.  Zunächst  stellte  sich  Herr  Lozano  den  Münchener 
Aerzten  vor  in  einer  Sitzung  des  AerztÜchen  Vereins,  in  der  er  einen 
inhaltsreicheti  Vortrag  über  die  „Cchinokokkenkrankheit"  hielt. 
Dieser  Vortrag  wird  ausführlich  in  d.  Wschr.  erscheinen.  Den  Höhepunkt 
der  Lozano-Feiern  bildete  ein  von  der  Medizinischen  Fakultät  gegebenes 
Essen,  bei  dem  der  Dekan  der  medizinischen  Fakultät,  Geheimrat  v.  Gru- 
b  e  r  den  Gast  mit  zündenden  Worten  begrüsste,  während  ihm  der  Rektor 
der  Universität,  Prof.  Pfeilschifter,  Diplom  und  Ehrenzeichen  eines 
Ehrenbürgers  der  Universität  München  überreichte.  Die  Antwort  L  o  - 
zanos  war  ein  erneutes  Bekenntnis  seiner  Anerkennung  deutscher  Wissen¬ 
schaft  und  deutschen  Wesens.  Besondere  Aufmerksamkeit  erwiesen  dem 
spanischen  Fachkollegen  Geheimrat  Sau  er  br  uch  und  dessen  Klinik, 
worüber  an  anderer  Stelle  d.  Nr.  (s.  Stud. -Belange)  berichtet  wird.  Wir 
wünschen,  dass  Prof.  Lozano  freundliche  Eindrücke  aus  München  in 
seine  spanische  Heimat  mitnehmen  und  dass  sich  sein  Besuch  für  die  Festi¬ 
gung  der  deutsch-spanischen  Beziehungen  als  erfolgreich  erweisen  möge. 

—  Der  Reichsrat  hat  am  2.  ds.  mit  48  gegen  13  Stimmen  beschlossen, 
gegen  das  Gesetz  zur  Bekämpfung  der  Geschlechts¬ 
krankheiten  in  der  vom  Reichstag  beschlossenen  Form  Einspruch  zu 
erheben,  obwohl  Reichsinnenminister  O  e  s  e  r  darauf  hinwies,  dass  dadurch 
das  ganze  Gesetz  gefährdet  sei.  Der  Einspruch  richtet  sich  vor  allem  gegen 
den  Paragraphen  6  des  Gesetzes,  wonach  die  Behandlung  von  Geschlechts¬ 
krankheiten  auch  „unter  der  verantwortlichen  Leitung  von  Aerzten  stehenden 
Personen“  gestattet  ist. 

—  Der  preuss.  Minister  für  Volkswohlfahrt  hat  zu  den  Sätzen  der 
preuss.  Gebührenordnung  für  appr.  Aerzte  und  Zahnärzte  vom 
10.  Dezember  1922  vom  1.  Juni  an  einen  Teuerungszuschlag  von  1700  v.  H. 
angeordnet.  —  Die  Gebühr  für  Besichtigung  einer  Apotheke  am  Wohnort 
des  medizinischen  Kommissars  wurde  ab  1.  April  d.  .1.  von  6  M.  auf  1500  M. 
erhöht.  Für  Besichtigungen  in  der  Zeit  vom  1.  Oktober  1922  bis  31.  März 
d.  J.  kann  auf  Antrag  ein  Zuschuss  von  je  174  M.  gezahlt  werden.  — 
Die  Gebühr  für  Ausstellung  eines  wiederholten  Impfscheins  wurde  auf 
100  M.  erhöht.  (Wenn  nur  bei  solcher  Freigebigkeit  die  Finanzen  des 
preuss.  Staates  nicht  Schaden  leiden!) 

—  Das  b.  Staatsministerium  des  Innern  hat  die  Verordnung  über  die 
Prüfung  des  ärztlichen  Staatsdienstes  dahin  abgeändert,  dass  §  12  1  mit  Wir¬ 
kung  vom  1.  Juli  1923  an  folgende  Fassung  erhält:  Die  Gebühr  für  die 
Gesamtprüfung,  die  bei  Zustellung  der  schriftlichen  Aufgaben  zu  erlegen 
ist,  beträgt  6000  M 

—  Von  der  biologischen  Reichsanstalt  für  Land-  und  Forstwirtschaft 
wird  uns  geschrieben:  Ameisen  als  Plage  in  Krankenhäusern. 
Die  aus  den  Tropen  (wahrscheinlich  aus  Indien)  stammende,  aber  seit  der 
Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  durch  den  Schiffsverkehr  weit  verbreitete  und 
auch  in  Deutschland  nicht  seltene,  kleine  gelbrote  Pharaoameise  (Monomorium 
pharaenis  [L]  Mayr)  ist  in  neuerer  Zeit  in  verschieden  grossen  Kranken¬ 
häusern  als  überaus  lästiger  Schädling  aufgetreten.  Diese  Ameisen  überfallen 
in  Scharen  die  Lebensmittel,  sind  besonders  begierig  auf  süsse  Stoffe,  wie 
Zucker,  Marmelade  und  Kuchen,  bevorzugen  aber  auch  frisches  Fleisch. 
Gefährlich  werden  sie  in  Krankenhäusern  durch  ihre  Vorliebe  für  Eiter,  Blut 
und  Sputum,  die  sie  verschleppen.  Es  ist  ferner  beobachtet  worden,  dass  sie 
kranke  Kinder,  gelegentlich  auch  Erwachsene  (besonders  an  Tuberkulose 
leidende)  massenhaft  überfielen  und  ihnen  in  Nase,  Mund,  Ohren  und  Augen 
krochen.  Im  bakteriologischen  Institut  einer  Krankenanstalt  drangen  sie 
in  die  Plattenkulturen  ein,  in  einer  pathologischen  Abteilung  nagten  sie  die 
I  Leichen  an.  Ihre  Bekämpfung  ist  sehr  schwierig,  weil  sich  ihre  Nester  meist 
I  in  den  Grundmauern  der  Häuser  befinden.  Noch  weit  unangenehmer  ist  eine 
zweite,  bisher  in  Deutschland  nur  in  Gewächshäusern  gefundene,  grössere 
1  Ameisenart,  die  argentinische  Ameise,  Iridomyrmex  humilis  Mayr,  die  in  den 
1  südlichen  Vereinigten  Staaten  in  Krankenhäusern  grossen  Schaden  anrichtet. 
I  Auf  ihr  Vorkommen  wäre  auch  bei  uns  zu  achten.  Ferner  treten  bei  uns 
!  in  Krankenhäusern,  ebenso  wie  in  Wohnhäusern,  auch  einige  einheimische 
Arten  der  Gattungen  Lasius  und  Formica  auf,  deren  Bekämpfung  leichter 
durchgeführt  werden  kann.  Die  Biologische  Reichsanstalt  für  Land-  und 
Forstwirtschaft,  Laboratorium  für  Vorrats-  und  Speicherschädlinge,  ist  mit 
der  Bearbeitung  solcher  Fälle  beschäftigt  und  bittet  um  Mitteilung  über  Vor¬ 
kommen  und  Schädigungsart  von  Ameisen  in  Krankenhäusern.  Jede  ge¬ 
wünschte  Auskunft  wird  kostenlos  erteilt.  Einsendungen  (Ameisen  in  denat. 
Alkohol)  und  Anfragen  sind  zu  richten  an  die  Biologische  Reichsanstalt  für 
Land-  und  Forstwirtschaft  (Laboratorium  für  Vorrats-  und  Speicherschädlinge), 
Berlin-Dahlem,  Königin-Luise-Strasse  17/19. 

—  Man  schreibt  uns:  Infolge  der  zunehmenden  wirtschaftlichen  Schwierig¬ 
keiten  ist  die  Geschäftsstelle  des  Re  ichsaus  Schusses  für  hygie  ni- 
sche  Volksbelehrung  (Sitz  Dresden),  die  bisher  gemeinsam  mit  der 
des  Sächsischen  Landesausschusses  von  Herrn  Dr.  Neu¬ 
st  ä  1 1  e  r  hauptamtlich  geleitet  wurde,  dem  Deutschen  Hygienetnuseum  un¬ 
gegliedert  worden.  Der  Sitz  des  Reichsausschusses  war  seinerzeit  des 
Hygienemuseums  wegen  nach  Dresden  gelegt  worden.  Die  engere  Ver¬ 
bindung  beider  Stellen  wird  ihrer  Zusammenarbeit  und  damit  der  hygieni¬ 
schen  Volksbelehrung  besonders  förderlich  sein.  Das  Amt  des  Generalsekre¬ 
tärs  für  beide  Ausschüsse  wird  in  Zukunft  von  Dr.  med.  Martin  Vogel. 
Kustos  und  Abteilungsvorsteher  am  Deutschen  Hygienemuseum  neben¬ 
amtlich  versehen.  (Anschrift:  Dresden-N.  6.  Grossenhainerstr.  9.  Fernspr. 
25  201.)* 

—  Am  17.  Mai  hielt  Professor  Dr.  K  11  h  n  in  Dresden  auf  Einladung 
des  Vereins  Sächsischer  Richter  und  Staatsanwälte  einen  Vortrag  über  „Ver¬ 
erbungslehre  und  Rechtspflege“,  in  dem  besonders  die  Sterilisierung 
Minderwertiger  gefordert  wurde.  Die  Versammlung  stimmte  den 
Ausführungen  des  Redners  zu. 

—  Geh.-Rat  Ln  barsch  ist  vom  Vorstand  der  „Robert  Koch-Stiftung 
zur  Bekämpfung  der  Tuberkulose“  als  Nachfolger  des  verstorbenen  Oeh.- 
Rats  Orth  zum  Mitglied  gewählt. 

—  Die  Mediz.  Fakultät  Tübingen  wird  in  der  Zeit  vom  22.  bis 
24  Oktober  einen  dreitägigen  Fortbildungskurs  für  praktische  Aerzte  abhalten. 
Hauptthema:  „Innere  Sekretion“,  behandelt  in  Vorträgen  und.  soweit  Kranken¬ 
material  vorhanden  ist,  an  der  Hand  von  Demonstrationen  von  allen  in  Be- 


m 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  21. 


t rächt  kommenden  Fachvertretern.  Ausserdem  Vorträge  und  Demonstrationen 
über  aktuelle  Nebenthemen.  Im  Anschluss  an  den  Kurs  Gelegenheit  zur  r.,- 
lernung  besonderer  Methoden.  Ausführlicher  Stundenplan  erscheint  nn  Sep¬ 
tember.  Kein  Honorar,  nur  Erstattung  der  aufiaufendert  Verwaltungskosten. 

—  Die  Fürsorgestellenkommission  des  Deutschen  Zentralkomitees  zur 
Bekämpfung  der  Tuberkulose  verunstaltet  während  des  Monats  Oktober  d.  J. 
in  Berlin  wieder  einen  Lehrgang  in  der  Tuberkulosenfürsorge  für  etwa 
30—40  Teilnehmerinnen.  Anmeldungen  sind  bis  spätestens  1.  September  d.  J. 
an  die  Geschäftsstelle  des  Tuberkulose-Zentralkomitees,  -Berlin  W.  9, 
Königin-Augusta-Strasse  7.  zu  richten.  . 

—  Vom  26.  bis  28.  Juli  findet  ein  Tuberkulose-Fortbil¬ 
dung  s  k  u  r  s  an  der  Universität  Rostock  statt.  Vortragende:  Brüning. 

C  ursch  mann.  Deusch,  Felke,  Fischer,  Grafe,  Körner, 
Müller.  I’  e  t  e  r  s,  Stahl.  Auskunft  erteilt  Prof.  Dr.  H.  G  u  r  s  Ch¬ 
ina  n  n  -  Rostock.  Medizinische  Klinik.  .  ,  , . 

—  An  dem  Fortbildungskurs  in  Bad  Kissingen,  3.  bis 
6.  September,  nehmen  ausser  den  schon  genannten  auch  die  Herren  1  ro- 
fessor  E  p  p  i  n  g  e  r  -  Wien  und  Prof.  M  a  s  i  n  g  -  Dorpat  als  Vortragende 

—  Der  Deutsche  Aerztetag  in  Bremen  (14.  und  15.  Sep¬ 
tember)  weist  folgende  Verhandlungsgegcnstände  auf:  1.  Regelung  der 
Facbarztfrage  (Berichterstatter:  S  t  u  e  1  p  -  Mülheim  a.  d.  Ruhr  und 
Küster  mann -München).  2.  Das  ärztliche  Versorgungswesen  (Bericht¬ 
erstatter:  Voll  mann- Berlin).  3.  Fürsorgerische  und  gesetzgebensche 
Massnahmen  zur  Bekämpfung  der  Geschlechtskrankheiten  (Berichterstatter. 

R  o  esc  hmann- Berlin).  Ferner  Antrag  des  Aerztevereins  Ostfriesland 
auf  Verschmelzung  des  Deutschen  Aerztevereinsbundes  und  des  Hartmann¬ 
bundes  und  Zusammenlegung  der  beiden  Publikationsorgane. 

—  Man  schreibt  uns:  Am  20.  Juli,  dem,  Vorabend  des  diesjährigen  bayer. 
Aerztctages  findet  vormittags  Vj9  Uhr  in  Nürnberg  in  den  Raumen  des 
ärztlichen  Vereins,  Luitpoldhaus  1.  Stock  die  Jahresv  er  s  a  in  ml  u  n  g 
des  Vereins  bayer.  Krankenhausärzte  statt  mit  Jahresbericht 
und  Besprechung  folgender  standespolitischer  Tagesfragen:  Zentrale  Verein¬ 
barungen  über  Dienst-  und  Besoldungsverhältmsse  und  ihre  Durchführung, 
zunehmende  Bedrohung  des  Fortbestandes  der  Provinzkrankenhauser  durch 
systematischen  Abtransport  der  operativen  Kranken  in  die  grossen  Kranken¬ 
häuser  und  Universitätskliniken  seitens  der  Krankenkassen  der  Provinz 
zwecks  kostenloser  Behandlung,  unentgeltliche  Behandlung  bemittelter 
Privatkranker  in  grossen  Krankenhäusern  und  Universitätskliniken.  Zu¬ 
lassung  der  praktizierenden  Aerzteschaft  zur  krankenhausärztbchen  Tätigkeit. 
Krankenkassenkontrolle  im  Krankenhause,  Vereinheitlichung  der  Verpflegs- 
sätze.  Am  Schlüsse  der  Tagung  findet  eine  Besichtigung  des  Stadt.  Kranken¬ 
hauses  Nürnberg  mit  seiner  mustergültigen  Einrichtung  durch  Herrn  Direktor 
Prof.  Dr.  Müller  statt.  Privatquartiere  stehen  durch  Vermittlung  des 
Landessekretariats  Nürnberg.  Klaragasse  5  zur  Verfügung. 

—  Alkoholverbotskonferenz  in  Hamburg.  Der  Al  ge¬ 
meine  Deutsche  Zentralverband  zur  Bekämpfung  des  Alkoholismus  (Vor¬ 
sitzende:  Prof.  Delbrück-  Bremen  und  Pater  Franke-  Berlin  ver¬ 
anstaltet  gemeinsam  mit  dem  Ausschuss  für  Alkoholyerbot  in  Deutschland 
(Vorsitzende:  Dr.  S  t  r  e  c  k  e  r  -  Darmstadt  und  Erl.  G.  v.  Blücher- 
Drcsden)  eine  Konferenz  vom  26.  bis  28.  August  in  Hamburg,  um  die  mit 
dem  Verbot  gemachten  Erfahrungen  durch  Vorträge  von  Vertretern  ver¬ 
schiedener  Länder  mit  teilweisem  oder  völligem  Verbot  und  durch  Personen, 
die  aus  eigener  Anschauung  und  Erfahrung  schöpfen,  klarzustellen.  Mit¬ 
teilungen  und  Anfragen  sind  an  Herrn  F.  Goesch,  Hamburg  30,  Eppendorfer 

Weg  211,  zu  richten.  .  ,  ..  , 

—  Die  Vereinigung  der  Mitteldeutschen  Psychiater  und  Neurologen 
hält  ihre  diesjährige  Tagung  am  28.  Oktober  in  Leipzig  ab.  Vortrage  sind  bei 
Herrn  Geheimrat  B  u  m  k  e,  Leipzig,  Windmühlenweg  29,  bis  spätestens 

1.  September  1923  anzumelden.  .  .  xl.  ,  „  , 

—  Die  Deutsche  Gesellschaft  für  gerichtliche  und 
.soziale  Medizin  tagt  vom  18.  bis  20.  September  in  Bad  St  eben 

—  In  Dresden  fand  am  4.  VII.  d.  J.  die  achte  Landestagung  der 
Zentrale  für  Jugendfürsorge  in  Sachsen  statt.  Es  wurden 
folgende  Vorträge  gehalten:  Dr.  Richard  B  ö  1 1  g  e  r,  Dozent  an  der  Gehe¬ 
stiftung  sprach  über  männliche  und  weibliche  Erziehung.  Ein  \  ortrag  vom 
Jugendrichter,  Amtsgerichtsrat  Beyer  behandelte  das  neue  Jugendgerichts¬ 
gesetz.  Am  Nachmittag  wurde  die  Jahresschau:  „Spiel  und  Sport  be- 

— -  in  Berlin  erfolgte  im  Januar  d.  J.  die  Gründung  einer  „Deutschen 
Gesellschaft  für  dentale  Anatomie  und  Pathologie. 
Der  Vorsitz  liegt  in  Händen  des  Herrn  Prof.  Dr.  Römer,  Direktor  des 
zahnärztlichen  Universitäts-Instituts  Leipzig.  Der  Zweck  der  Gesellsctiatt 
ist,  einen  Mittelpunkt  für  die  gesamte  wissenschaftliche  Adbeit  auf  dem 
Gebiete  der  dentalen  Anatomie  und  Pathologie  zu  bilden;  weiter  das  Interesse 
für  dieses  Gebiet  unter  der  Zahnärzte-  und  Aerzteschaft  zu  fordern  und 
die  Einführung  eines  speziellen  Unterrichts  in  der  dentalen  Pathologie  an 
den  zahnärztlichen  Universitätsinstituten  anzustreben.  Die  Gesellschaft  ver¬ 
anstaltet  mindestens  einmal  im  Jahre  eine  (ordentliche)  Tagung  im  Zu¬ 
sammenhang  mit  der  Jahresversammlung  des  Zentralvereins  deutscher  Zahn- 

. —  Pest.  Niederländisch  Indien.  Vom  1.  bis  15.  April  264  tödlich 
verlaufende  Pestfälle  auf  Java.  —  Aegypten.  Vom  14.  Mai  bis  3.  Juni 
207  Erkrankungen,  davon  in  Alexandrien  14,  Port  Said  8  und  Suez  1. 

—  Pocken.  Schweiz.  Vom  27.  Mai  bis  2.  Juni  46  Erkrankungen, 
und  zwar  in  den  Kantonen  Zürich  6  —  davon  in  der  Stadt  Ziilrich  2  . 

Bern  23  —  2—,  St.  Gallen  9,  Aargau  6,  Blaselstadt  und  Uri  je  1.  Vom 
3  bis  9  Juni  48  Erkrankungen,  und  zwar  in  den  Kantonen  Zürich  4  davon 
in  der  Stadt  Zürich -2  — ,  Bern  34  —  5—,  St.  Gallen  7,  Luzfern  2  und  Base>- 
landschaft  1.  —  England  und  Wales.  Vom  27.  Mai  bis  9.  Juni  101  Er¬ 
krankungen.  __  „„„  _  .  .  .  _ 

—  Fleckfieber.  Polen.  Vom  1 1.  bis  13.  März  1263  Erkrankungen 

(und  96  Todesfälle),  davon  in  der  Stadt  Warschau  17  (2). 

—  In  der  22.  Jahreswoche,  vom  27.  Mai  bis  2.  Juni  1923,  hatten  von 
deutschen  Städten  über  100  000  Einwohner  die  grösste  Sterblichkeit  Mainz 
mit  17.4.  die  geringste  Frankfurt  a.  M.  mit  8.4  Todesfällen:  in  der 
23.  Jahreswoche,  vom  3.  bis  9.  Juni  1923.  hatten  die  Kröss  e  Sterblichkeit 
Wiesbaden  mit  22.0.  die  geringste  Mannheim  mit  6,8  Todesfällen  pro  Jahr 
und  1000  Einwohner.  von.  • 


H  o.c  hscli  u  lnach  richten. 


Erlange  n.  Der  Oberarzt  an  der  psychiatrischen  Klinik.  Privat¬ 
dozent  Dr.  Gottfried  E  wa  1  d.  wurde  zum  a.  o.  Professor  ernannt. 

G  ö  t  t  i  n  g  e  n.  Der  Professor  für  innere  Medizin  Geh.  Med. -Kat 
Dr.  Otto  Dänisch.  Leiter  der  med.  Poliklinik,  ist  zum  1.  Oktober  1923 
von  den  amtlichen  Verpflichtungen  entbunden  worden,  (hk.) 

Heidelberg.  Das  Ordinariat  der  Physiologie  an  der  Universität 
Heidelberg  (an  Stelle  von  Geh.  Rat  A.  Kosscl)  ist  dem  ord.  Pr<«essor 
Dr.  phil.  et  med.  August  Pütt  er  in  Kiel  angeboten  worden.  Pütt  et. 
dessen  Arbeiten  besonders  vergleichende  Physiologie  und  allgemeine  Bio¬ 
logie  betreffen,  ist  ein  geborener  Stralsunder.  Er  studierte  in  Breslau  und 
Jena  Medizin  und  Naturwissenschaften,  besonders  Zoologie,  war  1903—1911 
Assistent  am  Göttinger  physiologischen  Institut  unter  Verwörn  und 
habilitierte  sieh  ebenda  als  Privatdozent.  1909  erhielt  er  das  Prädikat 

Professor  und  siedelte  2  Jahre  später  an  das  Bonner  physiol.  Institut  (wieder 
unter  V  e  r  w  o  r  n)  über,  wo  ihm  ein  Lehrauftrag  für  vergleichende  l  hysio- 
logie  erteilt  wurde.  Ostern  1922  kam  P  ü  1 1  e  r  als  Abteilungsvorsteher  an 
das  physiol.  Institut  in  Kiel  und  erhielt  zugleich  die  Ernennung  zum 

Ordinarius,  (hk.)  .  ,  ...  ....  .  . ... 

j  e  n  a.  Im  Sommersemester  1923  sind  an  der  Universität  Jena  immatn- 

kodiert :  Studierende  der  Medizin:  407  m.,  96  w„  darunter  1.  Semester: 
19  m.,  4  w.  Studierende  der  Zahnheilkunde:  44  m.,  11  w..  darunter  1.  Se¬ 
mester:  0  m..  0  w.  .  _  . 

M  a  r  b  u  r  g  Im  S.-S.  1923  beträgt  die  Frequenz  der  Studierenden 

insgesamt  2444.  davon  314  Damen  (im  W.-S.  1922/23  2080).  In  der  mediz. 
Fakultät  464  (409 :  55),  W.-S.  1922/23  484  (428 :  56).  Im  ersten  Semester 
befinden  sich  36.  darunter  2  Damen  und  4  Ausländer;  Studierende  der  Zahn¬ 
heilkunde  im.  ersten  Semester  36,  darunter  2  Damen  und  1  Ausländer. 

Rostock.  Der  Oberarzt  der  Chirurg.  Universitäts-Klmik.  Iriyat- 
dozent  Dr  Lehmann,  ist  zum  ausserplanmässigen  ausserordentlichen 
Professor  ernannt  worden.  —  Am  2.  Juli  wurde  als  Rektor  der  Universität 
der  o.  Professor  und  Direktor  der  psychiatrischen  Univ.-Klmik  Dr.  Rosen- 

f  e  1  d  ins  Amt  eingeführt.  .  _  ...  .  , 

Würzburg.  Dem  Privatdozenten  für  allgemeine  Pathologie  und 
pathologische  Anatomie  an  der  Würzburger  Universität,  Dr.  med.  Eugen 
K  i  r  c  h  (aus  Siegen  in  Wcstf.)  wurde  der  Titel  eines  ausserordentlichen 
Professors  verliehen,  (hk.) 


Todesfälle. 

Mit  dein  Tode  ihres  berühmten  Ophthalmologen,  des  Geh.  Rates  Prot 
Dr  C  v  Hess  erleidet  die  Münchener  Universität  einen  neuen  uner¬ 
setzlichen  Verlust.  Er  erlag  nach  anscheinend  nur  kudzer  Krankheit  im 
61.  Lebensjahre  einer  perniziösen  Anämie.  C.  v.  Hess  twar  eine  oer 
Säulen,  auf  denen  der  Weltruf  der  Münchener  Universität  ruht.  ein.  Förderer 
seines  Faches,  wie  ihn  die  Augenheilkunde  seit  A\  v.  O  r  a  e  f  e  nicht  mehr 
erlebt  hat,  ein  segenspendender  Arzt,  ein  scharfsinniger,  ideenreicher  For¬ 
scher.  Einen  solchen  Mann  in  der  Vollkraft  seines  Schaffens  Opfer  eines 
heimtückischen  Leidens  werden  zu  sehen,  ist  namenloser  Schmerz  Hir  seine 
Familie  und  Freunde,  ein  tragisches  Geschick  für  die  Wissenschaft  und 
die  Welt.  Seine  Lebensarbeit  wird  in  d.  Wschr.  von  berufener  Seite 
gewürdigt  werden.  _  . 

In  Innsbruck  ist  der  Direktor  der  dortigen  Universitäts-Frauenklinik, 
Prof.  Dr.  Paul  Mathe»,  im  Alter  von  52  Jahren  freiwillig  aus  dem  Leben 
geschieden.  _ 


Pensionsverein  für  Witwen  und  Waisen  Bayer.  Aerzte 


An  unsere  Mitglieder! 

Es  besteht  Aussicht,  dass  das  B.  Rote  Kreuz  in  München  im  Benchmei 
mit  einer  Schweizer  Persönlichkeit  einer  Anzahl  erholungsbedürftiger  Kintlei 
(Knaben  und  Mädchen),  hauptsächlich  Mittelschüler  im  Alter  von  8  14  Jahren 

einen  etwa  zweimonatlichen  unentgeltlichen  Aufenthalt  in  der  Schweiz  vc  ■ 
mittein  kann.  Nach  gegenwärtiger  Information  kommt  als  Zeit  der  Hmreisi 
die  2.  Augusthälfte,  event.  erst  Ende  August  in  Betracht.  Die  Vorstandschal 
des  Pensionsvereins  ist  eingeladen  worden  —  wofür  auch  an  dieser  Stelh 
namens  unserer  Mitglieder  herzlich  gedankt  wird  im  Laufe  der  nächste 
Wochen  eine  Anzahl  Vorschläge,  die  sich  nicht  nur  auf  München,  sonderi 
über  ganz  Bayern  erstrecken  sollen,  bezüglich  der  aus  den  Kreisen  unsere 
Mitglieder  zu  berücksichtigenden  Kinder  einzureichen.  Wir  fordern  dane 
unsere  in  Betracht  kommenden  Mitglieder,  besonders  auch  die  Witwen  au 
sich  in  dieser  Sache  bei  unserem  Geschäftsführer,  Herrn  Dr.  ningst-  "'er 
Aldringenstr.  2,  zu  melden  und  die  vorliegenden  Verhältnisse  schriftlich  dar- 
zulegen.  Besonders  soll  auch  die  Bedürftigkeit  (Angaben  über  Emkommei 
event.  Bestätigung)  nachgewiesen  werden.  F.twa  besonderer  FtlcKi 
bedürftige  Kinder  sind  besonders  zu  bezeichnen,  da  für  diese  die  Möglich 
keit  der  Aufnahme  in  Heime  besteht.  Die  Kosten  für  die  Ausrüstung  de 
Kinder  und  das  —  voraussichtlich  zu  ermässigende—  Reisegeld  bis  zu 
Schweizer  Grenze  müssen  von  den  Angehörigen  aufgebracht  (und  konntei 
bei  der  Lage  des  Vereins  nur  im  allerseltensten  Falle  vom  Vereine  selbs 
getragen)  werden.  Von  der  Schweizer  Grenze  ab  würden  die  Reise-  um 
anderen  Unkosten  von  der  Schweizer  Organisation  übernommen  werden 

Wir  erwarten  die  Anmeldungen  an  obige  Adresse  bis  längstens  10.  Juli 
Die  Vorstandschaft  ersucht  hiemit  zugleich  alle  Herren  Kollegen,  welche  diesi 
Notiz  lesen,  unsere  Mitglieder  und  deren  Angehörige,  von  welchen  sehr  viel 
eine  medizinische  Zeitung  längst  nicht  mehr  abonnieren  können,  in  kollegialen 
Geiste  auf  diese  den  Standesangehörigen  zugedachte  Wohltat  aufmerksai 

machen  zu  wollen.  _  ...  .  „ 

1.  A.  der  Vorstandschaft  des  Pensionsvereins  für  Witwen  und  Waise 

bayerischer  Aerzte:  *  c 

San.-Rat  Dr.  Grassmann,  München,  Ottostr.  8. 


Anmeldungen  an  Dr.  Hingst,  München.  Aldringenstr.  2. 


Reichsteuerungsindex. 

Der  Reichsteuerungsindex  für  Ernährung,  Heizung,  Beleuchtung,  Wohnun 
und  Kleidung  beträgt  für  den  Monat  Mai  3816  ^im  April  2954).  Die  Lrhöhuii 
beträgt  somit  29,2  v.  H.  Basiszahl  191314  —  1. 

Die  Buchhändler-Schlüsselzahl  ist  ab  30.  VI.  1923:  Umh 


VerUg  von  ]  F. 


,r, in  Mfinrhcn  SW?*  PauMleyse»Str.  26.  —  Bruck  von  b.  MüliUl.-iler'*  Huch-  und  Kunst  trucWrrei  <T  m  It.H.  Münob-n 


tTrrls  d<T  ein/elncii  Nummer  freibleibend  . M  l8ud.-.  .  Bezugspreis 
in  Deutschland  und  Aus’and  siche  unter  Bezugsbedingungen. 
Zusendungen  sind  zu  richten 

lür  die  Schriftle  tum':  Arnulfstr.  26  tSpreciistuiiden  8':;— 1  Uhr), 
liir  Bezug:  an  J.  h.  Lehmanns  Verlag,  Paul  Heyse-Strasse  2d. 


MÜNCHENER 


Anzeigen-  Vnnahmi: 

Leo  Wat  bei,  München,  Tlieatinerstrasse  3  und  sämtliche 
tieschäftsstellen  der  „Ala“  Vereinigte  Anzeigen-Gesel1- 
schalteiiHaasenstein&VoglerA.O.jDaube&Co.m.bH, 
Anzeigenschluss  immer  5  Arbeitstage  vor  Erscheinen. 


Medizinische  Wochenschrift. 

ORGAN  FÜR  AMTLICHE  UND  PRAKTISCHE  ÄRZTE. 


Nr.  28.  13.  Juli  1923. 


Schriftleitung:  Dr.  B.  Spatz,  Arnulfstrasse  26. 
Verlag:  J.  F.  Lehmann,  Paul  Heysestrasse  26. 


70.  Jahrgang. 


Der  Verlag  behält  sich  das  ausschliessliche  Recht  der  Vervielfältigung  und  Verbreitung  der  in  dieser  Zeitschrift  zum  Abdruck  gelangenden  Originalbeiträge  vor. 


Originalien. 

Outachten  für  die  Deutsche  Gemeinsame  Arzneimittel¬ 
kommission. 

Ueber  die  Auswahl  von  Digitalispräparaten. 

Von  Ernst  Romberg  (München). 

Per  Erfolg  jeder  Digitalisbehandlung  hängt  von  der  Dosis  des 
Mittels  ab,  die  zur  Wirkung  an  Herz,  Kreislauf  und  Gesamtorganis- 
tnus  gelangt,  und  weiter  vom  Zustand  des  Kranken,  vor  allem  vom 
Verhalten  seines  Herzens  und  seiner  Blutgefässe.  Je  nach  Anwen- 
dungsweise  und  Art  des  Präparats  ergeben  sich  in  den  genannten 
Richtungen,  aber  auch  in  Einzelheiten  der  Wirkung  bedeutsame 
Unterschiede.  Als  Digitalispräparate  bezeichnen  wir  in  weiterem 
Sinne  alle  Arzneien,  die  in  charakteristischer  Weise  Herz  und  Blut¬ 
gefässe  beeinflussen. 

Die  unbedingte  Voraussetzung  des  Erfolges  ist  die  üleichmässig- 
keit  des  Präparats.  Seit  man  den  wechselnden  Gehalt  des  natürlichen 
Mbterials  an  wirksamen  Stoffen  je  nach  Wuchsort  und  Zeit  der  Ein- 
s;  mmlung,  je  nach  der  Art  der  Zubereitung  und  Aufbewahrung 
kennen  gelernt  hat,  ist  die  erste  Forderung  eine  gleich  massige 
Einstellung  der  verwendeten  Arzneien  nach  ihrem  Wirkungs¬ 
grad.  Sie  erfolgt  biologisch  nach  der  Einwirkung  auf  das  Froschherz, 
r.r  ch  sogenannten  Froschdosen  (F.  D.).  Nicht  so  titrierte  Präparate, 
wie  die  gewöhnlichen  Digitalisblätter  der  früheren  Arzneibücher  für 
das  Deutsche  Reich,  die  daraus  hergestellten  Arzneiformen  und  gaie- 
nischen  Präparate,  wie  das  Infus,  Ta.  Digitalis,  Extract.  Digitalis, 
Acetum  Digitalis,  ebenso  nicht  titrierte  Strophanthustinktur,  Adonis 
vernalis,  Convallaria  majalis,  Apocynum  cannabinum,  Bulbus  Scillae 
inaritimae  sollten  grundsätzlich  nicht  mehr  gebraucht  werden.  Man 
kommt  mit  ihnen  nie  zu  ausreichender  Sicherheit  der  Digitalisbehand- 
lung,  jedenfalls  nicht  in  einem  ausgedehnteren  Wirkungskreis,  in  dem 
die  jeweilige  Qualität  des  verordneten  Mittels  nicht  zu  übersehen  ist. 
Freilich  hängt  die  Einstellung  eines  bestimmten,  meist  mittelstarken 
W  irkungsgrades  durch  entsprechende  Mischung  des  Ausgangsmate- 
rials  von  der  Zuverlässigkeit  der  Bezugsquelle  ab.  Bei  den  meist- 
gcbrauchten  Mitteln  darf  man  sie  aber  jetzt  als  gegeben  annehmeu. 

Die  gleichmässige  Einstellung  der  Präparate  nach  Froschdosen 
gibt  zwar  wohl  Gewähr  für  eine  stets  gleiche  Wirksamkeit  des  glei¬ 
chen  Präparats  unter  gleichen  Bedingungen,  gestattet  aber  in  keiner 
Weise  eine  Abschätzung  der  Wirksamkeit  verschiedener  Präparate. 
Sie  hängt  massgebend  von  der  Resorption  ab.  Abgesehen  von 
dem  nachher  zu  berührenden  Einfluss  mancher  starken  Pfortader¬ 
stauung,  üben  bei  der  gewöhnlichen  Verabfolgung  per  os  die  Digitalis¬ 
mittel  durch  die  ihnen  allen  gemeinsame  örtliche  Reizung  der  Appli¬ 
kationsstelle  einen  irritierenden  Einfluss  auf  Magen  und  Darm.  Je 
nach  der  Art  des  Mittels  und  je  nach  Reaktion  des  Kranken  ist  sie 
verschieden.  Bei  beträchtlicher  Stärke  stört  sie  die  Resorption  im 
Darm.  Auch  von  einem  am  Froschherzen  sehr  kräftigen  Mittel  kann 
dadurch  so  wenig  zur  Resorption  gelangen,  dass  die  Kreislaufwirkung 
recht  gering  wird.  So  enthalten  z.  B.  0,1  Pulv.  fol.  Digital,  titratus 
200  F.  D.,  eine  Tablette  Scillarcn  600  F.  D.;  beide  wirken  aber  nach 
den  Erfahrungen  meiner  Klinik  am  Menschen  gleich,  weil  die  starke 
Reizung  von  Magen  und  Darm  durch  das  Scillaren  nur  den  kleineren 
I  eil  seines  tatsächlichen  Gehalts  an  wirksamen  Stoffen  zur  Resorption 
in  bestimmter  Zeit  kommen  lässt.  So  entsprachen  5  Tropfen  einer  be¬ 
stimmten  titrierten  Strophanthustinktur  400  F.  D.  Die  Wirkung  war 
aber  wegen  der  viel  stärkeren  Magen-Darmwirkung  wesentlich 
schwächer  als  die  von  0,2  titriertem  Digitalisblätterpulver,  das  die 
gleiche  Wirksamkeit  im  Tierversuch  hatte.  So  muss  von  dem  in  ge¬ 
wöhnlicher  Weise  aus  zerschnittenen  Digitalisblättern  hergesteilten 
Infus  wohl  wegen  der  stärkeren  Magen-Darmschädigung  die  1  h  -2- 
fache  Menge  des  Mittels  wie  von  dem  Blätterpulver  zur  Erzielung 
des  gleichen  Erfolges  gegeben  werden. 

Die  störende  Wirkung  der  Gewebsreizung  für  die  Resorption 
lässt  sich  durch  intravenöse  Anwendung  umgehen,  zu  der  aber  natür¬ 
lich  nur  ein  Teil  der  Präparate  geeignet  ist.  Man  erhält  so  die 
Geh  erste  und  schnellste  Wirkung,  die  überhaupt  erreichbar  ist,  da 
die  intrakardiale  Anwendung  durch  Einstich  in  das  Herz  in  der  allge¬ 
meinen  Praxis  nicht  empfohlen  werden  kann.  Bemerkenswerterweise 
ist  hier  und  da  auch  vom  Mastdarm  aus  eine  bessere  Resorption  als 
per  os  zu  erzielen,  natürlich  auch  nur  bei  wasserlöslichen  Arzneien. 


Die  subkutane  Anwendung  ist  bei  allen  Digitalismitteln  wegen  der 
heftigen  Schmerzen  und  der  entzündlichen  Reizung  dringend  zu 
widerraten.  Auch  die  intramuskuläre  Einspritzung  ist  meist  recht 
empfindlich  und  kann  an  Sicherheit  und  Schnelligkeit  der  Wirkung 
mit  der  intravenösen  nicht  konkurrieren. 

Endlich  ist  noch  ein  wichtiger  Unterschied  auf  seiten  der  Prä¬ 
parate  zu  beachten.  Alle  aus  der  Digitalis  hergestellten  Arzneien 
wirken  erst  nach  einer  bestimmten  Anreicherung  im  Herzen, 
die  stets  eine  gewisse  Zeit  auch  bei  stomachaler  Einverleibung  des 
besonders  rasch  wirksamen  Verodigens,  selbst  bei  intravenöser  Ein¬ 
spritzung  anderer  Präparate,  braucht.  Die  S  t  r  o  p  h  a  n  t  h  i  n  e  wir¬ 
ken  dagegen,  sobald  sie  eine  bestimmte  Konzentration  im 
Blute  erreicht  haben,  unmittelbar  in  voller  Stärke.  Ihre  VVirku-.ig 
geht  aber  rascher  vorüber  als  die  der  Digitalispräparate,  welche  die 
Einverleibung  länger  überdauert.  Das  Cymarin  aus  Apocynum  canna¬ 
binum  scheint  den  Strophanthinen,  das  Scillaren  den  Digitaliskörpern 
ähnlich  zu  sein.  Ueber  andere  Substanzen  sind  wir  noch  nicht  ge¬ 
nügend  unterrichtet. 

Möglicherweise  werden  sich  noch  weitere  Unterschiede 
in  der  Art  der  Wirkung  für  die  verschiedenen  Mittel  her¬ 
aussteilen.  Bis  jetzt  ist  auch  für  die  eigentlichen  Digitalis- 
präparate,  trotz  ihres  verschiedenen  Gehalts  an  Aktivglykosiden, 
nichts  in  dieser  Richtung  bekannt,  wenn  von  der  mehrfach  betonten 
besonders  guten  diuretischen  Wirkung  des  Digipurats  abgesehen 
wird.  Die  therapeutisch  besonders  in  Betracht  kommenden  Stoffe, 
resp.  Fraktionen,  das  Gitalin  und  das  Digitalein,  scheinen  sehr  ähn¬ 
lich  zu  wirken.  So  sehen  wir  den  gleichen  Erfolg  von  den  ent¬ 
sprechenden  Mengen  titrierter  Digitalisblätter  mit  ihrem  1  Proz.  Ak¬ 
tivglykosiden,  zu  etwa  gleichen  Teilen  Gitalin,  Digitalein,  Digitoxin, 
des  Digitalysat  (Bürger)  und  des  Digipurat  mit  etwa  75  Proz. 
Gitalin,  25  Proz.  Digitalein  und  Spuren  von  Digitoxin,  des  Digipan 
und  Digalen  mit  54 — 57  Proz.  Gitalin,  46  Proz.  Digitalein  und  ohne 
Digitoxin,  und  endlich  der  reinen  Gitalinfraktion,  dem  Verodigen,  von 
dem  0,8  mg  etwa  der  Wirkung  von  0,1  g  Blätterpulver  entspricht. 
Welche  Bedeutung  die  Art  der  Herstellung  der  Arznei  hat,  sieht  man 
am  Infus.  Schon  nach  etwa  24  Stunden  wird  es  um  die  Hälfte  weniger 
wirksam,  wohl  weil  das  darin  enthaltene  Digitalein  unter  Säuerung 
zersetzt  wird. 

Sichere  Einstellung  des  Wirkungswertes  vorausgesetzt,  ist  es  so 
bedeutsam,  ob  man  Digitalispräparate  oder  Strophanthin  anwendet, 
ob  man  die  Mittel  stomachal  oder  intravenös,  ev.  rektal  appliziert, 
ob  man  unter  den  Digitalispräparaten  das  sehr  schnell  wirkende  Vero¬ 
digen  bevorzugt  und  den  Nachteil  in  Kauf  nimmt,  dass  seine  nützliche 
Menge  und  seine  schädigende  Dosis  näher  beieinander  liegen  als  bei 
den  übrigen  langsamer  wirkenden,  aus  Digitalis  hergestellten  Mitteln. 
Ganz  zwecklos  ist  es  dagegen,  nach  einem  wirklich  wirksamen  Digi¬ 
talispräparat  ohne  unerwünschte  Nebenwirkungen  zu  suchen.  Der 
Hauptvorzug  der  speziellen  Digitalispräparate,  die  lange  Nachwirkung, 
wird  bei  zu  anhaltendem  Gebrauch  zu  einem  Nachteil  durch  uner¬ 
wünschte  Kumulierung.  Die  Strophanthine  lassen  in  ihrer  Wirkung 
schneller  nach,  haben  aber  bei  ihrer  Abhängigkeit  von  der  jeweiligen 
Konzentration  im  Blute  in  viel  höherem  Maasse  den  Uebelstand  un¬ 
mittelbarer  Ueberdosierung,  der  zu  einer  wirklichen  Gefahr  werden 
kann,  wenn  zu  kurze  Zeit  nach  einer  noch  nachwirkenden,  wenngleich 
zur  Herzkräftigung  vielleicht  unzureichenden  Digitalisbehandlung 
Strophanthin  eingespritzt  wird.  Gar  nicht  zu  empfehlen  sind  Kom¬ 
binationen  von  Digitalis  und  Strophanthus,  wie  das  Disotrin  oder  das 
Digistrophan,  die  die  Kumulierung  vermindern  sollen.  In  Wirklichkeit 
verschlechtern  sie  die  Resorption,  wie  alle  Strophanthuspräparare. 
Man  würde  dasselbe  mit  kleineren  Digitalisdosen  erreichen.  Die  gute 
Wirksamkeit  dieser  Präparate  soll  damit  natürlich  nicht  bestritten 
werden.  Sie  sind  aber  überflüssig. 

Die  notwendige  Digitalismenge  hängt  weitgehend  vom  Zustand 
des  Kranken,  vom  Verhalten  seines  Herzens  und  seiner  Blutgefässe 
ab.  Bei  wirklich  gesundem  Herzen  scheinen  arzneiliche  Digitalisdosen 
wirkungslos  zu  sein.  Sie  nützen  nur  bei  kardialen  Kreislaufstörungen. 
Die  Schwere  der  Herzinfusionen  ist  für  die  Grösse  der  erforderlichen 
Dosis  weitgehend  gleichgültig.  Audi  leichte  Störungen  werden  erst 
durch  dieselben  Mengen  gebessert,  wie  schwere  Abweichungen.  Nur 
in  der  Notwendigkeit  öfterer  Wiederholung  oder  anhaltenden  Ge¬ 
brauchs  bestehen  natürlich  grosse  Unterschiede.  Dass  jede  Digitalis¬ 
behandlung  nur  bei  Erleichterung  der  äusseren  Herzarbeit,  bei  ent¬ 
sprechender  Einschränkung  körperlicher  und  geistiger  Tätigkeit,  bei 
zweckmässiger  Gestaltung  der  Ernährung,  besonders  der  Flüssigkeits- 

2* 


900 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  28. 


zufuhr,  Erfolg  hat,  ist  hier  nicht  zu  erörtern.  Nicht  zu  besprechen 
sind  hier  auch  die  Zeichen  schädlicher  Ueberdosierung,  das  Auftreten 
von  Extrasystolen,  besonders  von  Bigeminie,  Ueberleitungsstörungen, 
vereinzelt  bei  vorher  rhythmischen  Herzen  das  Erscheinen  perpetu- 
eller  Arhythmie,  die  öftere  Bremsung  befriedigend  einsetzender 
Harnausscheidung,  das  Auftreten  von  Angina  pectoris,  Embolien  und 
die  so  häufigen  Magen-Darmstörungen  durch  die  unmittelbare  Rei¬ 
zung  der  Schleimhaut,  oder  durch  ungünstige  zentrale  Nebenwir¬ 
kung,  endlich  das  Flimmern  vor  den  Augen,  das  ziemlich  oft  die  erste 
Mahnung  zur  Vorsicht  ist.  Um  so  nachdrücklicher  sind  die  Grund¬ 
sätze  der  Dosierung  zu  betonen,  von  deren  Beachtung  der 
Erfolg  massgebend  abhängt. 

Wie  bei  allen  eingreifenden  Arzneimitteln  ist  das  Lebensalter 
wichtig.  Als  Normaldosis  für  die  Behandlung  per  os  zwischen 
15  und  50  Jahren  betrachte  ich  die  Tagesdosis  von  0,3  Pulv.  fol. 
Digital,  titrat.  Meist  muss  sie  5 — 7  Tage  hindurch  zur  Erzielung  des 
Erfolges  gebraucht  werden.  Jenseits  des  50.  Jahres  gibt  man  zunächst 
3 — 4  mal  0,05,  bei  Leuten  zwischen  70  und  80  Jahren  zunächst 
1 — 2  mal  0,05  und  steigert  nur,  wenn  diese  Menge  nicht  zum  Ziel 
führt.  Zwischen  10  und  15  Jahren  werden  4 — 6  mal  0,05,  zwischen 
7  und  10  Jahren  3  mal  0,05,  bei  noch  jüngeren  Kindern  3— 4  mal 
0,025  verordnet. 

Bei  perpetueller  Arhythmie  sind  zur  Herbeiführung  der 
therapeutisch  wichtigen  Erschwerung  der  Ueberleitung  und  zur  Er¬ 
zielung  ausreichender  Verlangsamung  der  Kammern  durchschnittlich 
grössere  Mengen  erforderlich,  z.  B.  statt  3  mal  0,1  besser  4  mal  0,1 
Pulv.  fol.  Digital,  titrat.  Zu  beachten  ist  dabei,  dass  der  Erfolg  hier 
ab  und  zu  schon  nach  24—36  Stunden  auftreten  kann.  Diese  Kranken 
sind  zur  Vermeidung  einer  Ueberdosierung  besonders  gut  zu  über¬ 
wachen. 

Dieselbe  höhere  Dosis  ist  bei  fiebernden  Kranken,  z. B.  mit 
den  so  häufigen  Stauungspneumonien,  zu  wählen,  deren  erhöhte  Tem¬ 
peratur  freilich  oft  nur  bei  Darmmessung  festzustellen  ist.  Die  gleicne 
Menge  empfiehlt  sich  bei  thyreotoxischer  Herzschwäche. 
Kommen  Fieber  oder  thyreotoxische  Herzstörung  und  perpetuelle 
Arhythmie  zusammen,  kann  man  unter  Umständen  die  Tagesdosis 
auf  0,5  Pulv.  fol.  Digit,  titrat.  steigern. 

Umgekehrt  ist  bei  jeder  Hypertonie  mit  regelmässigem  Herz¬ 
schlag  wegen  der  oft  so  deutlichen  Ueberempfindlichkeit  ihres  Her¬ 
zens  und  ihrer  Uefässe  auf  arzneiliche  Einwirkungen  die  Dosis  jeden¬ 
falls  zunächst  eher  kleiner  zu  wählen,  also  3 — 4  mal  täglich  0,05.  Auch 
hier  bedingen  perpetuelle  Arhythmie,  Fieber  und  thyreotoxische  Stö¬ 
rungen  eine  entsprechende  Steigerung  der  Anfangsdosis.  Das  bei 
schweren  Störungen  oft  deutliche  Steigen  des  vorher  unter  Umständen 
bis  zur  Norm  erniedrigten  Blutdrucks  bildet  keine  Gegenanzeige  für 
die  Fortsetzung  der  Behandlung.  Es  zeigt  nur  die  bessere  Kompen¬ 
sation  des  bestehenden  Gefässwiderstandes  durch  das  Herz.  Bei 
leichteren  Störungen  geht  der  Blutdruck  ja  nicht  selten  unter  Digi¬ 
taliswirkung  herunter,  weil  die  Kontraktion  der  Gefässe  zusammen 
mit  Abnahme  der  Schweratmigkeit,  mit  Verminderung  des  Meteoris- 
mus  nachlässt. 

Aehnliche  kleinere  Dosen  gibt  man  zunächst  bei  empfind¬ 
lichem  Magen.  Bei  hochgradigen  Arteriosklerosen  mit 
ihrer  verminderten  Widerstandsfähigkeit,  bei  bedrohlich  pulsierenden 
sackförmigen  Aneurysmen,  bei  kurz  vorher  eingetretenen  Em¬ 
bolien,  wenn  das  Herz  eine  Störung  braucht. 

Von  den  anderen  per  os  zugeführten  Digitalispräparaten  sind  die 
entsprechenden  Dosen  zu  wählen. 

Bei  intravenöser  Anwendung  gelten  für  die  speziellen 
Digitalispräparate  dieselben  Regeln.  Für  Strophanthin  wird  man  sie 
meist  auch  bestätigt  finden.  Bei  der  Eigenart  seiner  Wirkungsweise 
ist  es  empfehlenswert,  stets  mit  der  kleinen  Menge  von  0,25  mg  zu 
beginnen,  mit  den  nächsten  Einspritzungen  0,5  ev.  0,75  mg  nach  je 
24  Stunden  zu  geben,  wenn  keine  Wirkung  erreicht  wurde,  erst  nach 
36  Stunden,  wenn  eine  Wirkung  auch  nur  angedeutet  war'.  Bei  ent¬ 
sprechender  Besserung  ist  die  gleiche  Menge  wie  das  letzte  Mal  zu 
wiederholen,  wenn  die  Wirkung  nachzulassen  anfängt.  Jede  schema¬ 
tische  Steigerung  der  Dosen  ist  zu  verwerfen.  Die  rektale  Zufuhr 
ist  nur  als  Notbehelf  zu  betrachten. 

Ob  man  intravenös  behandelt,  hängt  von  folgenden  Gesichts¬ 
punkten  ab:  Bei  manchen  hochgradigen  Stauungen  in  Leber  und 
Pfortaderkreislauf  gelingt  die  intravenöse  Digitalisierung  nicht  selten 
bei  Kranken,  bei  denen  durch  die  erschwerte  Resorption  vom  Darm 
aus  keine  ausreichende  Hebung  der  Herztätigkeit  erzielt  werden 
kann.  Die  intravenöse  Behandlung  ist  ferner  bei  sicher  bekannter 
Unverträglichkeit  von  Magen  und  Darm  gegen  Digitalispräparate  zu 
bevorzugen,  wenn  auch  die  Passage  des  Mittels  durch  den  Magen  in 
den  erst  im  Darm  löslichen  Pohl  sehen  Geloduratkapseln  die  Dys¬ 
pepsie  nicht  verhindert.  Strophanthin  ist  unbedingt  erforderlich  und 
durch  kein  anderes  Herzmittel  zu  ersetzen,  wenn  bedrohlichste  Herz¬ 
schwäche  sofortige  Hilfe  erfordert,  wenn  selbst  das  so  rasch  wir¬ 
kende  Verodigen  nicht  abgewartet  werden  kann,  freilich  nur  unter 
der  Voraussetzung,  dass  die  letzte  Digitalisanwendung  schon  etwas, 
am  besten  3 — 4  Tage,  zurückliegt.  Auch  bei  Herzinsuffienz  mit  Fieber 
ist  das  Strophanthin  bisweilen  der  intravenösen  Anwendung  anderer 
Digitalispräparate  überlegen. 

Ueberblicken  wir  von  dem  vorgetragenen  Standpunkt  die  wich¬ 
tigsten  zurzeit  in  Deutschland  benutzten  Digitalispräparate.  Der 


Oberapotheker  des  städtischen  Krankenhauses  lks.  d.  Isar,  Herr 
Dr.  Rapp,  hat  mich  bei  ihrer  Zusammenstellung  in  dankenswerter 
Weise  unterstützt. 

Ich  bespreche  zuerst  die  wichtigsten  Eigenschaften  der  einzelnen 
Mittel  und  gebe  dann  eine  Zusammenstellung  ihrer  im  Handel  be¬ 
findlichen  Formen  und  der  Kassenpreise  im  Mai  1923. 

1.  P  u  1  v.  f  c  1.  D  i  sc  i  t.  t  i  t  r  a  t.  in  Pillen  zu  0,05  oder  0,1  sollte  als  die 
Digitalisverordnung  der  Wahl  betrachtet  werden.  Die  Pillenform  sichert  die 
zuverlässige  Einnahme  der  verordneten  Mengen.  Der  unangenehme  Ge¬ 
schmack  des  Mittels  wird  dabei  nicht  empfunden.  Können  Kranke  Pillen 
nicht  schlucken,  ist  das  Pulver  zu  verordnen.  Die  Unverträglichkeit  des 
Magens  schon  gegen  kleine  Mengen  bei  einzelnen  Kranken  ist  durch  Ver¬ 
wendung  der  P  o  h  1  sehen  Geloduratkapseln  meist  auszuschalten  oder  ist 
durch  Verabfolgung  anderer  Digitalispräparatc  zu  verhüten.  Die  Pillen  sind 
vor  allem  die  bei  weitem  billigste  Verordnungsweise.  Die  viel  geübte 
Kombination  des  Digitalispulvers  mit  Diuretin,  Morphium  usw.  ist  nicht  zu 
empfehlen.  Zu  oft  muss  die  Dosierung  der  verschiedenen  Bestandteile  ge¬ 
wechselt  werden.  0,1  titrierten  Pulvers  enthält  200  F.D. 

2.  Das  I  n  f  u  s.  f  o  1.  Digit,  meist  1,5  :  150  steht  dem  Blätterpulver  an 
Wirksamkeit  nach.  Es  reizt  den  Magen  stärker.  Sein  Geschmack  ist  un¬ 
angenehm.  Wir  erwähnten  schon  die  geringe  Haltbarkeit  und  die  Not¬ 
wendigkeit  zur  Erzielung  des  gleichen  Erfolges  die  1/4 — 2  fache  Menge  wie 
vom  Pulver  zu  geben.  Auch  für  rektale  Anwendung  sind  die  modernen 
flüssigen  Digitalispräparate  zu  bevorzugen.  Zudem  ist  es  wesentlich  teurer 
als  die  Verordnung  von  Pillen.  Dass  Ta.  Digit.,  Extract.  Digit.,  Acetum 
Digit,  besser  nicht  gebraucht  werden,  wurde  schon  erwähnt.  Zu  ihrer  Her¬ 
stellung  aus  titrierten  Digitalisblättern  liegt  kein  Grund  mehr  vor,  wenngleich 
die  Erfolge  dadurch  wohl  etwas  sicherer  würden. 

3.  Digitalis- Dispert  Krause,  ein  Digitaliskaltextrakt  in 
Trockenform,  wirkt  ebenso  gut  wie  das  Pulver.  Die  unmittelbare  Reiz¬ 
wirkung  des  Magens  schien  mir  nicht  nennenswert  geringer.  Es  ist  die  wohl¬ 
feilste  Tablettenform  eines  Digitalispräparats.  Eine  Tablette  entspricht 
150  E.D.,  ein  Zäpfchen  300  F.D. 

4.  Digitalysat  Bürger,  ein  Dialysat  des  Presssaftes  frischer 
Blätter,  ist  ein  warm  zu  empfehlendes,  verhältnismässig  wohlfeiles  Präparat 
in  flüssiger  Form.  Einzelne  Kranke,  deren  Magen  gegen  feste  Digitalis¬ 
präparate  unverträglich  ist,  vertragen  dieses  Mittel  besser.  20  Tropfen  ent¬ 
sprechen  0,1  titriertem  Blätterpulver,  30  Tropfen  =  1  g  0,15  Blätterpulver. 

5.  Sehr  ähnlich  sind  L  i  q  u  i  t  a  1  i  s  Gehe,  die  die  kaltwasserlöslichcn 
Aktivglykoside  enthält,  und  das  Digitalysatum  Colaz.  Nur  ist  das 
letzte  etwas  schwächer  eingestellt,  da  1  g  0,1  titriertem  Blätterpulver  ent¬ 
spricht.  Beide  sind  wesentlich  teurer,  als  das  Digitalysat. 

6.  D  i  g  ip  u  r  a  t  u  m  K  n  o  1 1  ist  der  wichtigste  Vertreter  einer  ganzen 
Reihe  von  Digitalispräparaten,  die  von  den  für  die  Kreislaufwirkung  gleich¬ 
gültigen  und  für  den  Magen  schädlichen  Beimengungen  möglichst  befreit  sind. 
Es  wirkt  vortrefflich.  Seine  oft  besonders  gute  diuretische  Wirkung  wurde 
schon  betont.  Für  die  intravenöse  Anwendung  von  Digitalispräparatcn  ver¬ 
wende  ich  es  gern.  Leider  ist  es  besonders  kostspielig.  1  Tablette  oder 
1  ccm  entsprechen  0,1  titriertem  Digitalispulver. 

7.  Digifolin  Ciba  wird  nach  den  gleichen  Grundsätzen  wie  das 
Digipurat  gewonnen.  Nach  meiner  Kenntnis  ist  cs  zurzeit  in  Deutschland 
kaum  erhältlich.  Bei  intramuskulärer  Anwendung  hatte  es  von  allen  so  ver¬ 
wendeten  Digitalispräparaten  wohl  die  geringste,  aber  keineswegs  eine 
fehlende  Schmerzwirkung. 

8.  Digipan  Temmlerwerke,  ebenfalls  nach  denselben  Grund¬ 
sätzen  hergestellt,  hat  eine  etwas  abweichende  Dosierung.  Eine  Tablette 
entspricht  nur  0,075  titriertem  Blätterpulver,  1  ccm  =  24  Tropfen  0,15  davon. 
Bei  Berücksichtigung  dieser  abweichenden  Dosierung  ist  es  durchaus  zu 
empfehlen. 

9.  Vom  D  i  g  i  t  o  t  a  1  Heyden,  das  wohl  auch  in  diese  Reihe  gehört, 

entspricht  eine  Tablette  -  1  ccm  des  flüssigen  Präparats  0,15  Blätterpulver. 

10.  Digonorgine  Norgine  Prag  gehört  wohl  ebenfalls  hierher. 
1  ccm  entspricht  nach  Angabe  200  F.D.,  eine  Tablette  50  F.D.,  sie  werden 
aber  von  der  Fabrik  nicht  0,1  bzw.  0,025  titriertem  Blätterpulver,  sondern 
den  doppelten  Mengen  in  ihrer  Wirkung  gleichgesetzt.  Offenbar  ist  ein 
anderes  Vergleichsobjekt  als  bei  deutschen  Präparaten  gewählt.  Das  Prä¬ 
parat  kommt  wegen  seines  Valutapreises  für  Deutschland  nicht  in  Betracht. 

11.  Digalen  Grenzach  ist  ein  25  Proz.  Glyzerin  enthaltender 
Digitalisextrakt.  Dass  es  kein  Digitoxin  enthält  und  in  der  Zusammen¬ 
setzung  der  wirksamen  -Glykoside  etwa  dem  Digipan  entspricht,  wurde  schon 
oben  betont.  Wird  es  nach  der  noch  vorwiegend  durchgeführten  Vorschrift 
nach  Kubikzentimetern  abgemessen  gegeben,  so  ist  wichtig  zu  wissen,  dass 
man  auf  diese  Weise  eine  0,15  Blätterpulver  entsprechende  Menge  zuführt. 
Die  vielfach  hervorgehobene  besonders  kräftige  Wirkung  des  Mittels  erklärt 
sich  aus  dieser  höheren  Dosierung.  Tatsächlich  wirkt  es  sehr  gut,  ausser¬ 
ordentlich  gleichmässig,  aber  nicht  stärker  als  die  entsprechende  Menge 
Blätterpulver.  Als  Digitoxin  sollte  es  nach  dem  heutigen  Sprachgebrauch 
nicht  mehr  bezeichnet  werden.  Es  ist  ein  recht  teures  Mittel. 

12.  Vom  Digitrat  Kahlbaum,  das  eine  titrierte  Digitalistinktur 
darstellt,  entspricht  1  ccm  120 — 150  F.D.,  eine  Ampulle  100  F.D.  Es  ist  eben¬ 
falls  recht  kostspielig. 

13.  Das  D  i  g  i  n  o  r  m.  D  r.  Degen  und  K  u  t  h  ist  ein  von  magen¬ 
reizenden  Nebenbestandteilen  sorgfältig  befreiter  Auszug.  Es  hat  den 
Valor  IV  nach  F  o  c  k  e.  Auch  seine  Reizwirkung  auf  den  Magcn-Darmkanal 
wird  biologisch  geprüft.  Ob  es  mehr  zur  Reihe  des  Digipurat  oder  des 
Digalen  gehört,  konnte  ich  in  der  mir  zur  Verfügung  stehenden  Zeit  nicht 
ermitteln. 

Isolierte  Digitalisglykoside  enthalten  die  folgenden  Prä¬ 
parate: 

14.  Verodigen  Böhringer  ist  die  Gitalinfraktion  der  Blätter. 
Eine  Tablette  mit  0,8  mg  entspricht  0,1  Blätterpulver.  Es  wurde  schon 
erwähnt,  dass  das  Verodigen  ausserordentlich  rasch  wirkt.  Es  ist  deshalb 
das  Mittel  der  Wahl  bei  bedrohlichen  Zuständen,  die  rasche  Abhilfe  fordern 
und  bei  denen  eine  intravenöse  Behandlung  unmöglich  ist.  Sein  Nachteil  ist. 
wie  ebenfalls  hervorgehoben,  dass  die  nützliche  Dosis  und  die  unerwünschte 
Kumulierung  hervorrufende  Menge  näher  als  bei  allen  anderen  Digitalis- 


13.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Präparaten  zusummettliegen.  Die  Gefahr  der  UebcrdosieruiiK  ist  besonders 
gross.  Es  sollte  nur  bei  der  Möglichkeit  täglicher  ärztlicher  Uebcrwachung 
gegeben  werden.  Zu  anhaltender  Digitalisierung  ist  es  ungeeignet. 

15.  Das  Digitoxinuni  crystallisatum  Merck  wird  wohl 
wegen  seiner  Unlöslichkeit  im  Wasser  in  ganz  verschiedener  Menge  resor¬ 
biert.  Gleichmässige  Wirkungen  sind  damit  nicht  zu  erzielen.  Es  wird  besser 
nicht  gebraucht. 

16.  Digital  inum.  verum  Böhringer  ist  wohl  nicht  sicher 
identisch  mit  dem  jetzt  als  Digitalin  bezeichneten  Schmiedeberg  sehen 
Digitalin  in  den  Samen  der  Digitalis.  Auch  dieses  Mittel,  das  nur  bei  intra¬ 
muskulärer  Verwendung  Digitaliswirkung  einigermassen  regelmässig  zeigte, 
wird  jetzt  besser  nicht  gebraucht. 

17.  D  i  g  o  t  i  n  G  e  h  e,  die  kristallisierenden  Bestandteile  der  Blätter, 
ist  nach  den  mir  vorliegenden  Angaben  nicht  ausreichend  zu  beurteilen. 

Es  folgt  eine  Reihe  von  Mitteln,  die  aus  anderen  Pflanzen 

gewonnen  werden. 

18.  Tinctura  Strophanthi  hat  trotz  ihres  im  titrierten  Präparat 
hohen  Valors  von  100  nach  F  o  c  k  e  wegen  der  starken  Reizwirkung  auf 
Magen  und  Darm  eine  unverhältnismässig  schwache  Kreislaufwirkung.  Da 
es  zur  Erzielung  einer  Wirkung  auf  die  Herstellung  einer  gewissen  Kon¬ 
zentration  im  Blute  ankommt,  ist  die  stomachale  Anwendung  nicht  mehr  zu 
empfehlen. 

19.  Strophanthin  Böhringer,  amorphes  Glykosid  aus  Kombe- 
samen,  ist,  wie  hervorgehoben,  das  unentbehrliche  Mittel  der  intravenösen 
Digitalistherapie  in  Notfällen.  Sofort  nach  Herstellung  einer  gewissen  Kon¬ 
zentration  im  Blute  tritt  die  Wirkung  ein.  Es  bedarf  nicht  erst  der  eine  ge¬ 
wisse  Zeit  beanspruchenden  Anreicherung  im  Herzmuskel. 

20.  Strophanthin  gratus  Thoms,  Güstrow  Dr.  Hillring¬ 
haus  und  Dr.  Heilmann,  oder  Ouabaiin,  ein  kristallisierendes  Glykosid, 
ist  nach  Schmiedeberg  für  pharmakologische  Untersuchungen  wohl  das 
ideale  Vergleichspräparat.  Es  hat  eine  etwa  doppelt  so  starke  Herzwirkung 
wie  das  Strophanthin  Böhringer.  Aber  die  arzneiliche  und  die  toxische 
Dosis  liegen  näher  zusammen.  Für  die  allgemeine  Anwendung  kann  es  des¬ 
halb  einstweilen  nicht  empfohlen  werden. 

21.  Strophalen  T  o  s  s  e,  ebenfalls  mit  Strophanthin  gratus  her¬ 
gestellt,  kann  ich  nicht  beurteilen. 

22.  D  i  s  o  t  r  i  n  Fauth  &  Co.  enthält  nach  dem  Prospekt  0,3  mg 
Gesamtglykoside  von  Digitalis  purpurea  und  Strophanthus  Kombe.  Wie  schon 
besprochen  wurde,  ist  cs  nicht  zu  empfehlen,  da  die  durch  den  Strophanthus- 
zusatz  angestrebte  Wirkung  sich  auch  einfacher  erreichen  lässt. 

23.  Digistrophan  Goedecke  &  Co.  ist  ein  bei  niedriger  Tem¬ 
peratur  eingeengtes  Fluidextrakt  von  Digitalis  und  Strophanthus.  Eine 
Tablette  oder  3  Tropfen  oder  eine  Ampulle  entsprechen  0,1  Blätterpulver 
+  0,05  Sem.  Strophantin.  Für  seine  Beurteilung  gilt  dasselbe  wie  für  das 
Disotrin. 

24.  Von  Apocynuin  cannabinum  wird  nur  das  C  y  m  a  r  i  n, 
das  wirksame  Glykosid,  intravenös  gebraucht.  In  den  empfohlenen  Dosen 
von  0,5 — 1  mg  steht  es  weit  hinter  dem  Strophanthin  trotz  naher  chemischer 

Beziehungen  zurück. 

25.  Bulbus  Scillae  m  a  r  i  t  i  m  a  e  ist  neuerdings  wieder  warm 
empfohlen  worden.  Bei  gleicher  Dosierung  wie  beim  Blätterpulver  der 
Digitalis  soll  er  besonders  bei  Stickstoffretention  sehr  gut  wirken.  Die 
diuretische  Wirkung  wurde  besonders  hervorgehoben.  Für  die  angegebene, 
namentlich  die  Diastole  des  Herzens  steigernde  Wirkung  scheinen  mir  die 
pharmakologischen  Unterlagen  nicht  beweisend  zu  sein.  Die  bei  grösseren 
Dosen  lästigen  Nebenwirkungen,  Erbrechen  und  Durchfall,  haben  bisher  den 
allgemeinen  Gebrauch  des  Mittels  verhindert. 

26.  Scillaren  Sandoz,  das  wirksame  Glykosid  des  Bulbus  Scillae, 
wirkt  trotz  seines  hohen  Gehalts  von  600  F.D.  pro  Tablette  vom  Magen 
aus  nur  entsprechend  0,1  Blätterpulver,  eine  Folge  seiner  durch  die  starke 
örtliche  Reizwirkung  verursachten  schlechten  Resorption.  Irgendwelche  Vor¬ 
züge  vor  dem  Blätterpulver  konnte  ich  nicht  feststellen.  Zur  intravenösen 
Anwendung  kann  ich  es  nicht  empfehlen 

27.  Aus  den  Flores  Conva.llariae  majalis  wird  das  Kar- 
d io  ton  in  Degen  und  Kuth  als  Extrakt  unter  Zusatz  von  5,5  Proz. 
Coffeinum  natro-benzoicum  gewonnen.  Eine  deutliche  Digitaliswirkung  ist 
damit  nicht  zu  erreichen.  Aus  der  Reihe  der  eigentlichen  Digitalismittel 
wird  es  deshalb  wohl  besser  gestrichen. 

28.  Herba  Odonidis  verna  lis  wird  als  Infus  wegen  der  da¬ 
durch  hervorgerufenen  starken  Durchfälle  besser  nicht  gebraucht.  Emp¬ 
fehlenswerter  scheint  das  daraus  gewonnene  Adonigen  Chemische 
Werke  Bad  Homburg.  Seine  gleichmässige  Zusammensetzung  und 
das  Freisein  von  störenden  Nebenstoffen  werden  gelobt.  Ich  habe  darüber 
noch  keine  ausreichende  Erfahrung. 

Neben  den  aufgeführten  Mitteln  existiert  noch  eine  ganze  Anzahl 
brauchbarer  Präparate.  Es  ist  unmöglich,  sie  vollständig  aufzuzählen 
und  zu  würdigen.  Dringend  zu  widerraten  sind  Kombinationen  wie 
das  Digimorval,  ein  Gemisch  aus  Digitalis,  Valeriana  und  Mor¬ 
phium,  weil  es  untunlich  ist,  Herzkranken  bei  der  ganz  verschiedenen 
Grösse  einerseits  der  wünschenswerten  Digitalis-,  anderseits  der 
Morphiumdosen  die  beiden  Mittel  in  schematischer  Form  zusammen 
zu  verordnen. 

Die  Zusammenstellung  lässt  die  Unterschiede  zwischen  den  ver¬ 
schiedenen  Digitalispräparaten  ausreichend  erkennen.  Braucht  auf 
die  aufgewendeten  Kosten  keine  Rücksicht  genommen  zu  werden,  ist 
die  grosse  Auswahl  sicher  ein  Vorteil.  Für  den  angestrebten  Erfolg 
ist,  wie  gezeigt  wurde,  die  Wahl  des  Mittels  nach  bestimmten  Ge¬ 
sichtspunkten  sicher  wichtig.  Für  die  stomachale  Verabfolgung  brau¬ 
chen  wir  je  nach  den  persönlichen  Bedürfnissen  die  wirksame  Sub¬ 
stanz  in  Pillen,  Pulvern,  Tabletten  oder  in  flüssiger  Form.  Das  Vero¬ 
digen  ist  wegen  der  Schnelligkeit  seiner  Wirkung  kaum  entbehrlich. 
Die  intravenöse,  nicht  zu  missende  Behandlung  braucht  neben  dem 
ganz  unentbehrlichen  Strophanthin  Böhringer  ein  sicher  sterilisiertes, 
gleichmässig  haltbares,  flüssiges  Digitalispräparat.  Dies  voraus- 
Kesetzt,  istaberfürdenErfolgwenigerdie  Wahl  des 


901 


Mittels  unter  den  verschiedenen  Gruppen,  als  die 
richtige  Dosierung  massgebend.  So  kann  ohne  jeden 
Nachteil  für  die  Kranken  in  der  Kassenpraxis  und  ebenso  bei  allen 
mit  öffentlichen  Geldern  arbeitenden  Anstalten  und  Einrichtungen 
weitgehende  Rücksicht  auf  den  Preis  genommen  werden.  Ich  lasse 
eine  Zusammenstellung  darüber  folgen,  die  nach  den  Kassenpreisen 
für  Mai  1923  die  Kosten  einer  0,1  titriertem  Blätter¬ 
pulver  entsprechenden  Dosis  des  Mittels  angibt  und 
Angaben  über  die  im  Handel  befindlichen  Formen  der  ein¬ 
zelnen  Präparate  bringt.  Ich  verdanke  diese  Zusammenstel¬ 
lung,  wie  schon  bemerkt,  Herrn  Oberapotheker  Dr.  R  a  p  p  -  München. 


Pilul.  fol.  Digit.  0,1  30  St.  =  807  M.  1  St.  27  M. 

Pilul.  fol.  Digit.  0,05  30  St.  =  731  M.  2  St.  49  M 

Pilul.  fol.  Digit,  titr.  0,1  30  St.  878  M.  1  St.  29  M. 

Pilul.  fol.  Digit,  titr.  0,05  30  St.  768  M.  2  St.  51  M. 

Pulv.  fol.  Digit.  0,1  6o  M. 

Pulv.  fol.  Digit,  titr.  0,1  63  M. 

Geloduratkapseln  (Pohl)  c.  fol.  Digit,  titr.  0,05  20  St.  1100  M.  2  St.  110  M. 

Geloduratkapseln  (Pohl)  c.  fol.  Digit,  titr.  0,1  20  St.  1100  M.  1  St.  55  M. 

Infus,  fol  Digit.  1,5  :  150  90  M. 

Digitalis-Dispert  Krause  12  Tabletten  602  M.  66  M. 

3  Suppositorien  561  M.  125  M. 

Digitalysat  Bürger  10  ccm  1160  M.  77  M. 

6  Ampullen  1400  M.  155  M. 

Liquitalis  Gehe  7,5  ccm  1520  M.  136  M. 

6  Ampullen  3060  M.  340  M. 

Digitalysatum  Golaz  15  ccm  2500  M.  166  M. 

6  Ampullen  2500  M.  416  M. 

Digipuratum  Knoll  10  ccm  2760  M.  276  M. 

6  Tabletten  1070  M.  178  M. 

3  Ampullen  2640  M.  880  M. 

Digipan  15  ccm  2709  M.  121  M. 

12  Tabletten  1327  M.  139  M. 

3  Ampullen  1563  M.  347  M. 

Digitotal  Heyden  15  ccm  5000  M.  222  M. 

25  Tabletten  1800  M.  48  M. 

Digalen  7,5  com  2321  M.  207  M 

12  Tabletten  2089  M.  217  M. 

3  Ampullen  2321  M.  516  M. 

Digitrat  Kahlbaum  15  ccm  2630  M.  233  M. 

3  Ampullen  1834  M.  1222  M. 

Diginorm  Dr.  Degen  und  Kuth  15  ccm  3722  M.  248  M. 

12  Tabletten  1821  M.  151  M. 

5  Ampullen  5682  M.  1136  M. 

Vereidigen  Böhringer  (für  besondere  Fälle)  6  Tabletten  1000  M.  166  M. 

Digotin  Gehe  15  ccm  3060  M.  204  M. 

12  Tabletten  1790  M.  150  M. 

6  Ampullen  3680  M.  613  M. 

Tinctura  Strophanthi  titr.  10  g  1105  M. 

nicht  titriert  10  g  1053  M. 


Strophanthin  Böhringer  3  Ampullen  1830  M.  (besondere  Gefahr,  teuer) 
Strophanthin  gratus  Thoms  5  Amp.  2760  M. 

Strophalen  Tosse  20  ccm  3145  M. 

20  Drag.  1875  M. 

Yi  mg  5  Ampullen  2890  M. 

Yi  mg  5  Ampullen  3215  M. 

Disotrin  Fauth  u.  Co.  15  Tabletten  740  M. 


Digistrophan  Goedecke  u.  Co.  20  Tabletten  3120  M.  156  M. 

Bulbus  Scillae  maritimae  Pulv.  zu  0,1  68  M. 

Scillaren  Sandoz  20  ccm  3600  M.  180  M. 

20  Tabletten  3000  M.  150  M. 

6  Ampullen  3000  M.  500  M. 

Cardiotonin  Dr.  Degen  und  Kuth  15  ccm  3840  M. 

25  Tabletten  3840  M. 

Adonigen  10  ccm  2612  M. 


Digimorvan  20  Tabl.  4800  M.  (1  Tabl.  mit  0,05  Digit.  0,005  Morph.)  2  St.  480  M. 

Die  angeführten  Zahlen  werden  leicht  feststellen  lassen,  wieweit 
in  Rücksicht  auf  die  verfügbaren  Mittel  mit  der  Zulassung  der  ver¬ 
schiedenen  Arzneien  zur  Kassenpraxis  zu  gehen  ist. 


Auf  Grund  dieses  Gutachtens  hat  die  Gemeinsame  Arzneimittel¬ 
kommission,  nach  einem  Referat  von  Herrn  Geheimrat  H  e  f  f  t  e  r, 
beschlossen,  den  deutschen  Aerzten  die  folgenden  Herzmittel  zur 
Auswahl  zu  empfehlen: 


Pilul.  fol.  Digitalis, 

Pilul.  fol.  Digitalis  titr., 

Pulv.  fol.  Digitalis, 

Pulv.  fol.  Digitalis  titr., 
Geloduratkapseln  c.  fol.  Digit,  titr., 
Digitalis-Dispert, 

Digitalysat, 

Liquitalis, 

Dialysatum  Digitalis, 


Digipurat, 

Digipan, 

Digitotal, 

Digalen, 

Digitrat, 

Diginorm, 

Verodigen, 

Strophanthin. 


Zur  Anwendung  in  der  Kassenpraxis  empfiehlt  die  Gemeinsame 
Arzneimittelkommission  mit  Rücksicht  auf  den  Preis  Pillen  und 
Pulver  der  Digitalisblätter,  auch  Geloduratkapseln  mit  0,1  Pulv.  fol. 
Digit.,  aber  nicht  das  Infus,  ferner  Digitotal  und  Digitalis-Dispert  in 
Tabletten,  auch  das  Digitalysat:  für  besondere  Fälle  und  bei  drohen¬ 
der  Gefahr  wird  Verodigen  und  Strophanthin  empfohlen. 


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902 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  28. 


Aus  der  Universitäts-Kinderklinik  zu  Köln. 

Temporärer  Verschluss  der  Kardia  vom  Magen  aus 
wegen  erschöpfender  Rumination  des  Säuglings.  Heilung. 


Von  F.  Si  eger  t-Köln. 


Das  Wiederkauen  —  Rumination,  Merycismus  — ,  seit  fast 
200  Jahren  beim  älteren  Kinde  und  Erwachsenen  beschrieben,  befallt 
mit  Ausnahme  des  Säuglingsalters  fast  nur  das  männliche  Geschlecht. 
Relativ  häufig  ist  es  eine  familiäre  Unart,  in  3  Geschlechtern  fest¬ 
gestellt  (Literatur  bei  A.  W  i  r  t,  diese  Wochenschrift  1910,  bei  S  fern, 
R  i  e  h  n  u.  a.),  was  schon  Zeppenfeld  1835  bekannt  war.  Sicher 
gelangen  nur  die  wenigsten  familiären  Fälle  zur  ärztlichen  Kenntnis, 
da  das  Leiden,  wie  beim  Nägelkauen,  Lutschen,  Onanieren  der  Urn- 
gebung  verheimlicht  wird,  soweit  nur  möglich,  vor  allem  von  den 
Erwachsenen  wie  den  Eltern  dem  Arzt  gegenüber.  Beim  Säugling 
wurde  es  erst  in  jüngster  Zeit,  in  rasch  zunehmenden  Veröffent¬ 
lichungen,  bekannt,  wegen  der  früher  fehlenden  Krankenhausaufnahme 
der  dabei  zugrunde  gehenden  Säuglinge  und  damit  der  ärztlichen  Un¬ 
kenntnis  der  Pathologie  des  Säuglingsalters.  Auch  wurde  ^es  von 
Laien  und  Aerzten  erst  allmählich  vom  „habituellen  Speien  unter¬ 
schieden. 


Allerdings  wurde  die  Lehre  von  der  Rumination  von  der  Pädiatrie 
der  jüngsten  Zeit  zum  Teil  verwirrt,  statt  gefördert.  Denn  sie  be¬ 
achtete  nicht  die  eindeutigen  Erfahrungen  freimütiger  Aerzte,  welche, 
selbst  Wiederkäuer,  ihr  eigenes  Leiden  beschrieben  und  deren  An¬ 
gaben  über  intelligente,  erwachsene  oder  jugendliche  Wiederkäuer. 
Die  Aerzte  Rossbach  (Monographie,  Langensalza  1875,  Kling- 
hammersche  Buchhandlung),  Na  ecke  (Neurol.  Zbl.  1893),  Loewe 
(d.  Wschr.  1891)  und  H  o  1 1  i  d  a  y  (New  York  med.  Record  1897)  geben 
bessere  Auskunft  zur  objektiven  Beurteilung  als  alle  subjektiven, 
theoretischen  Ueberlegungen  Dritter.  Nach  Rossbach  wurden  als 
organische  Grundlage  zweimal  Anomalien  des  11.  Hirnnerven,  resp. 
des  N.  accessorius  Willis»  beschrieben  (Fr.  Arnold,  v.  Patru- 
ban).  er  selbst  litt  mit  13—14  Jahren  an  einem  klinischen  Krampt 
der  Muskulatur  in  dessen  Bereich.  Betreffs  des  Magens  wurde  Atome 
der  Kardia  wie  Magenerweiterung  wiederholt  behauptet,  andrerseits 
bestritten,  daneben  Hyperazidität  wie  Hypazidität  berichtet.  Viel  er¬ 
örtert  wurde  als  Beweis  der  Kardiaatonie  der  bekannte  Versuch  von 
A  1 1  (B.kl.W.  1898),  der  einen  24  jährigen  Ruminanten  nach  gründlicher 
Magenspülung  mit  54  Liter  Wasser  zwei  lebende  Goldfische  von  5/; 
und  6%  cm  verschlucken  liess,  die  nach  20  resp.  28  Minuten  wohl¬ 
behalten  durch  Rumination  wieder  heraufgelangten.  Der  Beginn  der 
Rumination  fällt  fast  stets  in  die  „früheste  Jugend  ,  in  die  Zeit  der 
ersten  Erinnerung,  tritt  gelegentlich  auch  später  ein  und  fuhrt  dann 
zuin  jahrelangen  oder  lebenslänglichen  Wiederkauen.  Bei  den  einen 
auch  willkürlich  auslösbar,  erfolgt  es  bei  den  andern  ungewollt  der¬ 
art,  dass  es  nach  dem  Einsetzen  bei  beiden  gar  nicht  oder  oft  auch 
nicht  in  Gesellschaft  unterdrückt  werden  kann,  was  peinlichst  empfun¬ 
den  und  mit  grossem  Geschick  zu  verbergen  gesucht  wird.  Niemals 
wird  zum  Wiederkauen  die  geringste  Anstrengung  gemacht  oder  etwa 
die  liegende  Stellung  eingenommen,  es  erfolgt  im  Gehen,  Reiten.  Je 
gröber,  ungekauter,  schmackhafter  die  Speisen,  um  so  sicherer,  langer, 
oft  auch  später,  bis  4  Stunden  nach  der  Mahlzeit  setzt  das  Wieder¬ 
kauen  ein  und  beginnt  sofort  nach  dem  Heraufkommen  der  Nahrung, 
von  ..Hcraufpumpcn“  (R  i  e  h  n)  ist  keine  Rede.  Erst  wenn  die  Mahl¬ 
zeit  fertig  kleingekaut  und  geschmacklos  oder  sauer  geworden,  hört 
das  Wiederkauen  auf,  das  vorher  angenehm  empfunden  wird  auch, 
wie  gesagt,  meist  bei  bestem  Willen  nicht  zu  unterdrücken  ist. 

Alles  das  spricht  durchaus  gegen  die  pädiatrischen  Behauptungen 
der  letzten  Zeit  von  „extrem  gesteigerter  Form  des  Latschens  ,  vom 
grässlichen  Egoismus“  der  ruminierenden  Säuglinge  ('),  von  der 
Auslösung  „besonders  durch  reichliche  flüssige  Nahrung  —  schon 
5(1  ccm  werden  ruminiert  und  zäher  Brei  so  gut  wie  Milch  ,  von 
„umgekehrtem  Saugmechanismus“  und  zu  dessen  Forderung  ein¬ 
genommener  Lage  mit  nach  hinten  gebogenem  Kopf,  wodurch  ener¬ 
gische  Muskelkontraktion  der  zum  Kinn  und  zur  Zunge  verlaufenden 
Muskeln  erreicht  werden  soll.  Wohl  mag  aktive  Rückenlage  un 
Rückwärtsbeugung  des  Kopfes  instinktiv  zum  Verhüten  des  Ablaufens 
der  ruminierten  Flüssigkeit  verwendet  werden.  Alle  diese  Angaben 
über  Ursprung  und  Verlauf  des  Wiederkauens  sind  subjektive  Ver¬ 
mutungen,  keine  begründeten  Anschauungen. 

Auch  die  Ansicht,  Ersatz  des  ..egozentrischen  Denkens“  des  Säug¬ 
lings  „durch  das  Interesse  an  den  Vorgängen  der  Umwelt  —  Goe  p- 
nert,  R  i  e  h  n  —  heile  die  Rumination.  ist  problematischer  Natur. 
Kinder,  wie  Erwachsene  ruminieren  jahrelang  trotz  grösstem  Interesse 
an  der  Umwelt,  ohne  „grässliche  Egoisten“  zu  sein. 


Das  Ruminieren  ist.  wo  kein  nennenswerter  oder  sehr  grosser 
Verlust  der  jieraufgekommenen  Flüssigkeit,  wie  beim  Säugling  zu¬ 
weilen.  eintritt.  für  den  Wiederkäuer  ohne  jeden  Schaden.  Erhöhte 
Reizemofän Hichkcit.  das  Zeichen  der  Neurasthenie.  Neuropathie,  oru- 
disponiert  sicher  auch  zur  Rumination,  ist  aber  kein  ätiologische  r 

Faktor.  _  „  , 

Wahrscheinlich  spielt  in  der  Aetiologie  eine  grosse  Rolle  das  ge¬ 
legentliche  Hinaufgelangen  von  eben  erst  verschluckter  Nahrung  m 
die  Mundhöhle.  Beim  Säugling  schon  wegen  seiner  Magenverhalt¬ 
nisse  und  flüssigen  bi«  breiigen  Kost  häufig,  durch  den  Schnuller,  das 
1  ut«rhen,  wie  das  Einführen  von  Hand  und  Fuss  in  den  Mund  oft  be¬ 
dingt,  veranlasst  ihn  zum  Kauen  und  Schlucken  der  im  Geschmack 


noch  unveränderten,  meist  zuckerhaltigen  Nahrung,  bei  schon  ver¬ 
zuckertem  Kohlehydrat.  Durch  wiederholte  Erfahrung  wird  der  Vor¬ 
gang  geläufig,  wohl  öfter  auch  gewollt,  die  Rumination  ist  da.  Die 
Angabe  so  vieler  Erwachsenen  „seit  frühester  Jugend“,  „im  4„  5.  Le¬ 
bensjahr“  bezieht  sich  auf  die  erste  Zeit  persönlicher  Erinnerung, 
besagt  nichts  gegen  den  früheren  Beginn.  Eher  besteht  eine  Ver¬ 
anlagung  dazu,  wie  sie  für  das  Lutschen,  Nägelkauen,  Erbrechen,  Bett¬ 
nässen  seit  langem  feststeht.  Gesteigerte  Reflextätigkeit  wird  objeK- 
tiv  nicht  häufiger  festgestellt,  wie  ausdrücklich  als  fehlend  angegeben. 
Einmal  längere  Zeit  geübt,  kann  ja  das  Wiederkäuen  nur  sehr  schwer 
bei  bestem  Willen  unterdrückt  werden,  nach  Einsetzen  des  Vorgangs 
überhaupt  fast  niemals.  Wäre  nicht  die  Tatsache  des  Ruminicrens  Er¬ 
wachsener  wie  Kinder  fast  nur  beim  männlichen  Geschlecht,  man 
müsste  an  die  hysterische  Auslösung  denken,  die  auch  trotzdem  nicht 
von  der  Hand  zu  weisen  ist  und  hier,  wie  bei  dem  Nagelkauen,  der 
Enuresis  als  monosymptomatische  Form  anzusprechen  wäre.  Da  das 
Ruminieren  ein  Lustgefühl  bereitet  —  sonst  käme  es  kaum  vor  , 
wie  es  seit  langen  Jahren  bekannt,  auch  von  Goett  wieder  betont 
wird,  also  einem  im  Unterbewusstsein  vorhandenen  Zweck  dient, 
anderseits  alle  möglichen  suggestiven  Massnahmen  und  Einflüsse  ge¬ 
legentlich  zur  sofortigen,  vorübergehenden,  wie  allmählichen  dauern¬ 
den  Heilung  führen,  da  ferner  zu  Zeiten  nervöser  Ermüdung  Rück¬ 
fälle  Vorkommen,  wird  der  Gedanke  an  die  Hysterie  als  ätiologisches 
Moment  nahegelegt,  die  auch  bei  normalem  „Egoismus“  und  bei 
„grösstem  Interesse  für  die  Vorgänge  der  Umwelt“  sich  findet. 

In  dem  nun  zu  besprechenden  Falle  war  für  die  I  herapie  aller¬ 
dings  in  erster  Linie  entscheidend  die  äusserste  Erschöpfung  des 
Säuglings  dadurch,  dass  er  beim  Ruminieren  nach  jeder  Mahlzeit, 
flüssig  wie  dickbreiig,  fast  die  ganze  aufgenommene  Nahrung  aus  dem 
Munde  verlor,  was  meist  fehlt,  oder  nur  ganz  gering  in  die  Erschei¬ 
nung  tritt,  sowie  dass  monatelange  therapeutische  Versuche  keine 
Besserung  brachten,  also  entweder  die  Rumination  einfach  untei- 
driiekt  werden  oder  aber  das  Kind  zugrunde  gehen  musste. 

Auch  dieser  Kranke,  der  sechste  meiner  Beobachtung,  ist  männ¬ 
lichen  Geschlechtes,  wie  alle  anderen  *). 

C.  E.  v.  B.,  geb.  am  2.  Vll.  22,  aufgenommen  am  7.  XL  22.  Nach 
schwerer  Dyspepsie  vor  3  Monaten,  die  etwa  1  Yi  Monate  dauerte,  gut  erholt, 
begann  er  vor  8  Tagen  sich  die  ganze  Faust  in  den  Mund  zu  stecken,  nach 
jeder  Mahlzeit,  dann  so  lange  diese  hochzubringen  und  zu  kauen,  bis  unge¬ 
fähr  alles  zum  Munde  hepausgelaufen  ist.  Rasche  Abmagerung.  Zur  Klinik 

gebracht.  , 

Befund:  Elender  Atrophikus,  Gewicht  4010g,  Bauch  tief  eingesunken. 
Grosse  Fontanelle  ebenso.  Rachenschleimhaut  gerötet.  Zervikaldrüsen  ver- 
grössert.  Ekzem  am  Rücken.  Sonst  nichts  Besonderes., 

Verlauf:  Nach  jeder  Mahlzeit,  ob  flüssig  oder  dickbreiig,  fährt  er  mit 
der  ganzen  Hand  bis  zmn  Gelenk  in  den  Mund,  bringt  den  Mageninhalt 
hoch,  ruminiert  andauernd,  wobei  die  Nahrung  allmählich  fast  vollständig 
über  die  Unterlippe  abläuft. 

17.  XI.  Fesselung  der  Hände,  Bauchlage,  Ablenkung  ohne  Erfolg, 
ebenso  Magenspülung  mit  folgender  Sondenfütterung.  Starkes  Oedem.  Angina. 
Temp.  bis  38,4".  Rapide  Gewichtszunahme  auf  4490  g  vom  13.  XI.  bis 
heute.  Aeusserste  Hydrolabilität.  . 

23.  XI.  Abstieg  um  540  g  auf  3950  g.  Temp.  38,8  .  Angina. 

24.  XI.  Temp.  39,6°.  Kochsalz  subkutan  und  per  Klysma  (Tröpfchen¬ 
klysma).  .  ,  _  .  . 

2.  XII.  Auf  Plasmonwasser  (2  Proz.)  +  Milch,  Brei  und  Gemüse  wird 
vorübergehende  Zunahme  erreicht.  Pferdeserum  2,0  pro  die  vom  5.  XII.  an. 
Gewichtsschwankungen  von  570  g  in  7  Tagen. 

14.  XII.  Abnahme  auf  3970  g,  gleichmässig  andauernd.  Schnupfen. 
Konjunktivitis.  Magensalzsäure:  freie  0,  gebundene  HO. 

23.  XII.  Fesselung  der  Hände,  Bauchlage,  auch  in  der  Schwebe.  Ab¬ 
lenkung.  andauernd  vergeblich.  Ruminiert  bis  ungefähr  die  ganze  Mahlzeit 
aus  dem  Munde  abgeflossen.  Dabei  munter  und  vergnügt.  Belladona,  Opium. 
Atropin  versagen,  ebenso  Chloralhydrat.  Gewichtsschwankungen  450  g  in 
7  Tagen. 

5.  I.  23.  Bei  gänzlicher  Verelendung  dauernde  Untertemperatur.  Ge¬ 
wicht  3920  g  mit  7  Monaten.  Versuch  des  Kardia  Verschlusses 
mit  Magensonde,  an  deren  Ende  eine  Fischblase  derart 
befestigt  ist  (mit  Paragummi  und  übergestreiftem 
Gummisch  lauchstreifche  n),  dass  sie  aufgeb  lasen  einen 
runden  Ballon  von  2  cm  Durchmesser  bildet.  Einfüh¬ 
rung  nach  jeder  Mahlzeit.  Abklemnxung.  Fesselung 
der  Hände.  Gemischte  Kost:  Milch,  Brei,  Gemüse. 

13.  I.  Zunahme  390  g!  Kardia  muss  verschlossen  werden,  sonst  sofort 

Rumination!  .  . 

Eine  interkurrente  Grippe,  gefolgt  von  fieberhafter  Bronchitis,  10  Tage 
später  eine  fieberhafte  Angina,  die  so  oft  bei  dem  elenden  hydrolabilen  Lym- 
phatiker  zu  schweren  Gewiichtsstürzen  geführt  hatte,  halten  die  dauernde, 
starke  Zunahme  nicht  auf.  Das  Kind  blüht  zusehends  auf. 

3.  II.  Nach  dickbreiiger  Nahrung  muss  die  Sonde  bis  2/2  Stunden  liegen 

bleiben,  aber  auch  ohne  aufgeblasenen  Ballon  unterbleibt  meist  das  Wieder¬ 
käuen,  selbst  spontan  an  einzelnen  Tagen.  . 

16.  II.  Sehr  rege  Esslust,  schreit,  sobald  er  seine  Mahlzeit  sieht,  bis 
er  sie  hat.  Ballon  muss  wieder  fast  regelmässig  aufgeblasen  werden.  P.  lässt 
die  Sonde,  die  durch  eine  grossere  Klemme  aussen  ain  tieferrutschen  be¬ 
hindert  ist,  ruhig  liegen,  lacht  vergnügt  dabei. 

1  III.  Keine  Veränderung  im  tadellosen  Gedeihen.  Aber  der  Ballon- 
verschluss  nach  jeder  Mahlzeit  nötig,  sonst  wird  ruminiert  und  alles  läuft  ab. 

10.  III.  Trotz  erneuter  Angina  und  Rhinitis  glänzendes  Gedeihen. 
Ballon  wie  Sonde  können  oft  fortbleiben.  P.  von  fröhlichstem  Sinn,  sitzt 
gern  aufrecht.  .  .  ,  _  . 

13.  III.  Hat  gestern  und  heute  nicht  mehr  ruminiert!  Sonde  weg 
20.  III.  Geheilt.  Zunahme  seit  dem -5.  I.  1830  g! 


•)  Andere  Beobachter,  R  i  e  h  n  und  Grimm-  Köln  nach  mündlicher  Mit¬ 
teilung.  sahen  auch  Mädchen  in  grösserer  Zahl. 


13.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


903 


E  p  i  k  r  i  s  e.  Bei  schwerstem  Fall 
von  Wiederkauen  mit  fast  restlosem 
Abfliessen  oder  Ausspucken  der  wieder 
heraufbeförderten  Nahrung,  aufgetreten 
nach  habituellem  Einführen  der  linken 
Hand  in  die  Mundhöhle,  tritt  äusserste 
Erschöpfung  ein.  Fehlschlagen  aller 
empfohlenen  Heilverfahren.  Verschluss 
der  Kardia  vom  Magen  aus  durch 
kleinen  Qummiballon  am  Ende  der  ein¬ 
geführten  Magensonde.  Sofortige, 
gleichmässige  Gewichtszunahme.  Hei¬ 
lung  des  aufblühenden  Kindes  in 
2V4  Monaten,  ohne  jede  Unterbrechung 
durch  aifth  nur  geringe  tägliche  Ge¬ 
wichtsschwankungen. 

Während  alle  therapeutischen 
Massnahmen  bisher  nur  gegen  das  ego¬ 
zentrische  Denken,  den  Egoismus,  die 
Rückenlage  des  Ruminanten,  gegen  die 
Auslösung  durch  grössere  Flüssigkeits¬ 
mengen,  gegen  das  Eingehen  mit  Hand 
oder  Fuss  in  den  Mund  sich  wenden, 
versuchte  und  erreichte  ich  in  die¬ 
sem  hoffnungslosen  Fall  die  Beseiti¬ 
gung  der  Ruminationsmöglichkeit  selbst 
durch  Aufblasen  eines  kleinen  Gummi¬ 
ballons  im  Magen  und  Verschluss  der  Kardia  sofort  nach  der  Mahlzeit 
und  nach  Erschöpfung  aller  bekannten  Massnahmen,  mit  Abnahme 
des  7  Monate  alten  Knaben  auf  3950  g,  die  sofortige  ununterbrochene 
Zunahme  auf  5780  g  in  2lA  Monaten  unter  vollständiger  Heilung  des 
Wiederkauens. 


4"  ■+■  —  +  —  —  + 

130  210  IW  90  130  200  180  90  10  10  110  250  VtO  100  2.00  160  200  130 


— - —  Gewichtswochenkurve.  - .  =  Gewichtsschwankungen  im  Verlau 

der  Wochenkurve. 

Vom  7.  XI.  1922  bis  5.  1.  1923  minus  160  g.  Nährklysmen.  NaC!  subkutan. 
I.eerserum.  Atropin.  Ablenkung!  Hände  gefesselt.  Sondenfütterung. 
Magenspülung.  Belladonna,  Opium,  Bauchlage.  Schwebe  nach  Y  1  p  p  o  e. 

Ich  empfehle  die  Nachprüfung  bei  allen  gleichen  und  ähnlichen 
i  allen,  wo  die  schnelle  Gewöhnung  an  die  liegende  Sonde  mit  dem 
aufgeblasenen  Ballon  eintritt.  Der  Erfolg  ist  sicher,  der  Eingriff  mühe¬ 
los  und  ungefährlich. 

Das  Verfahren  scheint  bisher  nie  versucht  worden  zu  sein. 

Es  eröffnet  Aussichten  für  weitere  Anwendung.  Zunächst  bei 
habituellem  Speien  und  bei  intermittierendem  Pyloruskrampf,  wie  bei 
unstillbarem  Erbrechen  auf  nervöser  Grundlage.  Sodann  ist  zu  den¬ 
ken  an  die  Luftfüllung  von  Blase  und  Dickdarm  mit  anschliessendem 
Ballonverschluss  des  Sphinkters  zur  erfolgreichen  Röntgenunter¬ 
suchung,  wie  zur  Luftfüllung  des  Oesophagus  ohne  jeden  gefährlichen 


Druck  durch  Einführung  eines  röhrenförmigen  Gummiballons  zur  Er¬ 
kennung  ring-  oder  bandförmiger  Verengerungen  oder  Erweiterungen. 

Anmerkung  bei  der  Korrektur:  Die  Arbeit  Wcrnstedts 
(Acta  Paediatrica,  Vol.  I,  iFasc.  1,  Upsala  1921)  geht  mir  nach  der  Korrektur 
leider  verspätet  zu. 


Aus  der  inn.  Abt.  des  evang.  Krankenhauses  Mülheim-Ruhr. 

Ueber  den  Unterschied  der  Wirkung  von  Milch  und 
Kasein  bei  der  intravenösen  Proteinkörpertherapie  der 

Lungenentzündung. 

Von  Privatdozent  Dr.  J.  Schürer  und  Dr.  K-  Eimer. 

In  einem  kritischen  Referat  über  die  parenterale  Behandlung  mit 
unspezifischen  Eiweisskörpern  ist  Stintzing  1922*)  zu  dem  Resultat 
gekommen,  dass  diese  Therapie  auf  gewisse  entzündliche  Erkran¬ 
kungen  einen  die  Entzündung  neu  anfachenden  Reiz  und  häufig  einen 
allgemeinen  Reiz  auf  den  Gesamtorganismus  ausübt  und  dass  diese 
Reizwirkung  bisweilen  heilsam  sein  kann.  „Aber  ob,  in  wel¬ 
chen  Fällen  und  durch  welche  Eiweisskörper  diese 
Heilwirkung  zu  erreichen  ist,  das  genauer  festzu¬ 
stellen  muss  die  Aufgabe  weiterer  Versuche  sei  n.“ 
Hiernach  ist  also  trotz  der  ungeheuren  Fülle  von  Arbeit  nicht  nur 
Anwendungsgebiet  und  Indikationsstellung  für  die  Proteinkörperthera¬ 
pie  weitgehend  ungeklärt,  sondern  es  lassen  sich  auch  noch  keine 
sicheren  und  wissenschaftlich  ausreichend  begründeten  Angaben  dar¬ 
über  machen,  welche  Eiweisskörper  besonders  oder  überhaupt  wirk¬ 
sam  sind.  Von  der  grossen  Zahl  von  eiweisshaltigen  Stoffen,  mit 
denen  therapeutische  Versuche  gemacht  sind,  hat  die  Milch  seit  den 
Arbeiten  von  R.  Schmidt  die  grösste  Bedeutung  gewonnen.  Aber 
die  Behandlung  mit  Albumosen  und  Pepton,  mit  arteigenem  oder 
tierischen  Serum  und  Gesamtblut,  mit  unspezifischer  Vakzine,  mit 
Sanarthrit  usw.  scheint  im  Prinzip  auf  der  gleichen  Stufe  zu  stehen. 
In  fast  allen  Fällen  arbeitet  man  mit  Mischungen  von  organischen 
Substanzen,  deren  Zusammensetzung  nicht  nach  exakten  chemischen 
Methoden  geprüft  wird  und  zum  Teil  auch  kaum  geprüft  werden 
könnte.  Die  bedeutungsvollen  experimentellen  Arbeiten  von  Schif¬ 
te  nhelm  und  Weich  ardt  über  die  Wirkung  von  einzelnen  Ei¬ 
weisskörpern  und  über  die  Gruppenwirkungen  haben  noch  keine  prak¬ 
tische  Auswirkung  für  die  Therapie  gefunden.  Das  liegt  wohl  in 
erster  Linie  daran,  dass  dem  Fremdkörperreiz  als  solchem  bei  der 
Proteinkörpertherapie  eine  immer  grössere  Bedeutung  zugeschrieben 
wurde,  nicht  der  spezifischen  Wirkung  bestimmter  Stoffe.  „Bestim¬ 
mend  für  den  Effekt  ist  vielleicht  weniger  die  Qualität  der  injizierten 
Substanz,  als  die  mit  Umgehung  von  Darm  und  Leber  parenteral  und 
parahepatal  erfolgende,  mehr  oder  minder  brüske  Einverleibung  eines 
.Etwas*  überhaupt“  (R.  Schmidt).  Unter  der  Voraussetzung,  dass 
diese  Vorstellung  richtig  ist,  würde  es  zweifellos  einen  grossen  Fort¬ 
schritt  bedeuten,  wenn  man  an  Stelle  so  kompliziert  und  variabel  zu¬ 
sammengesetzter  Produkte  wie  Milch  und  Serum  eine  exakt  dosier¬ 
bare  Substanz  verwenden  könnte.  In  diesem  Sinne  müssen  wir  die 
Arbeiten  von  L  i  n  d  i  g,  nach  denen  man  an  Stelle  der  Milch  eine 
Kaseinlösung  therapeutisch  benutzen  kann,  als  einen  bedeutungsvollen 
Versuch  betrachten.  Eine  vergleichende  Untersuchung 
der  therapeutischen  Wirksamkeit  der  Milch  und 
einer  Kaseinlösung  schien  uns  deshalb  von  Interesse  zu  sein. 
Die  häufigste  Anwendung  hat  die  Proteinkörperbehandlung  bei  chro¬ 
nischen  lokalen  Entzündungsprozessen  gefunden.  Ein  Urteil  über  den 
therapeutischen  Erfolg  ist  hierbei,  wie  bei  allen  chronischen  Infek¬ 
tionen,  besonders  schwierig,  weil  der  weitere  Krankheitsverlauf  sich 
kaum  voraussagend  bestimmen  lässt.  Wir  haben  deshalb  unsere  ver¬ 
gleichenden  Beobachtungen  über  die  Wirksamkeit  des  Kaseins  und 
der  Milch  an  Pneumoniekranken  angestellt.  Auch  hier  wird  das  Urteil 
über  den  therapeutischen  Enderfolg,  d.  h.  die  Mortalität  nur  an  einem 
ungewöhnlich  grossen  Krankenmaterial  möglich  sein.  Aber  der  cha- 
rakteristische  Krankheitsverlauf  lässt  doch  immerhin  noch  verhältnis¬ 
mässig  leicht  ein  Urteil  darüber  zu.  welchen  Einfluss  die  Therapie  auf 
die  Fieberkurve,  den  Kreislauf  und  das  Allgemein¬ 
befinden  hat.  Mit  diesen  drei  Kriterien  haben  wir  uns  vorläufig 
begnügt. 

lieber  die  Behandlung  der  Pneumonie  mit  Proteinkörpern  ver¬ 
schiedener  Art  liegt  noch  kein  sehr  grosses  Beobachtungsmaterial 
vor.  Allerdings  wird  man  vielleicht  einen  Teil  der  mit  Pneumokokken¬ 
serum  erzielten  Erfolge  hierher  rechnen  dürfen,  da  die  spezifische 
Wirkung  dieses  Serums  trotz  der  bedeutungsvollen  Arbeiten  des 
R  o  c  k  e  f  e  1 1  e  r  -  Instituts  noch  nicht  als  erwiesen  gelten  kann  (vgl. 
W.  S.  Thomas).  Mit  gewöhnlichem  Pferdeserum,  Diphtherie-  oder 
anderem  unspezifischen  Serum  hatten  Friedemann,  v.  d.  Vel¬ 
den,  V  a  u  b  e  1,  B  e  1 1  i  n  g  e  r  u.  a.  hauptsächlich  bei  Grippepneumo¬ 
nien  mehr  oder  weniger  eindeutige  Erfolge,  während  Alwens  und 
I  s  a  a  c  keine  besonders  günstige  Beeinflussung  feststellen  konnten. 
Wieweit  die  Behandlung  der  Grippepneumonie  mit  Gripperekonvales- 
zentenscrum  (E.  R  e  i  s  s,  Holwei»,  Pfeiffer,  Prausnitz  u.  a.) 
in  das  Gebiet  der  unsnezifischen  Proteinköroertherapie  zu  rechnen 
ist,  lässt  sich  noch  nicht  übersehen.  Ueberblickt  man  alle  diese  Ar¬ 
beiten,  «o  hat  man  den  Eindruck,  dass  in  einer  ganzen  Reihe  von 
Fällen  Erfolge  erzielt  wurden,  dass  aber  die  Resultate  doch  noch 

*)  M.m.W.  1922  S.  229. 


904 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  28. 


ausserordentlich  unsichere  sind.  Das  gleiche  gilt  von  der  bisherigen 
Anwendung  des  Caseosans  (R.  Neu  m  a  n  n)  und  der  Milch  bei  Pneu¬ 
moniekranken  (Pfitz).  Auch  über  die  Wirksamkeit  der  Milchem- 
spritzungen  bei  Grippeerkrankungen,  die  z.  1.  durch  Pneumonien 
kompliziert  waren,  ist  durchaus  noch  kein  abschliessendes  Urteil  mög¬ 
lich  (Müller  und  Zalewsky,  Patschkowsky). 

Wir  haben  24  Pneumoniekranke  mit  Einspritzungen  von  Milch 
und  Kaseinlösungen  behandelt.  Zum  grössten  Teil  handelte  es  sich 
um  kruppöse  Pneumonien.  Ais  Milchpräparat  wählten  wir  das 
A  o  1  a  n,  das  nach  den  Angaben  der  Hersteller  eine  entfettete,  keun- 
und  toxinfreie  Milch  ist.  Das  Kasein  wurde  in  5  proz.  Lösung  in  Form 
des  Caseosans  injiziert.  Alle  Einspritzungen  erfolgten  i  n  t  r  a  - 
venös.  Gegen  die  intravenöse  Einspritzung  der  Milch  bestanden 
keine  Bedenken,  da  das  Aolan  ja  weitgehend  entfettet  ist  und  da 
ausserdem  nach  den  neueren  Arbeiten  die  intravenösen  Injektionen 
von  Oel  relativ  ungefährlich  sind,  besonders  wenn  es  sich  um  Emul¬ 
sionen  handelt  (B.  Fischer,  Lenzmann  u. a.).  Die  Dosis  betrug 
gewöhnlich  1  ccm  Caseosan  und  10  ccm  Aolan.  Gelegentlich  schick¬ 
ten  wir  diesen  Mengen  probeweise  eine  geringere  Dosis  voraus, 
ln  einzelnen  Fällen  stiegen  wir  bis  auf  2  ccm  Caseosan.  Im  ganzen 
haben  wir  bei  unseren  24  Pneumoniekranken  17  Einspritzungen  von 
Aolan  und  38  Einspritzungen  von  Caseosan  ausgeführt.  Drei  Kranke 
wurden  nur  mit  Aolan,  9  Kranke  nur  mit  Caseosan  behandelt.  Bei 
den  übrigen  12  Kranken  wurden  beide  Mittel  angewandt,  indem  teils 
zuerst  das  Aolan,  teils  zuerst  Caseosan  injiziert  wurde. 

Ein  Vergleich  der  Wirksamkeit  der  intravenösen  Einspritzung 
der  Milch  und  des  Kaseins  ergab  nun  höchst  auffallende  und  bemer- 
kenswerte  Unterschiede.  Bei  13  Kranken  bewirkte  das  Aolan  keinerlei 
nachweisbare  Reaktion.  Die  Fieberkurve  verlief  völlig  unbeeinflusst, 
es  wurde  weder  Frösteln,  noch  Schüttelfrost  oder  irgendwelche 
Aenderung  des  teilweise  stark  darniedcrlicgenden  Kreislaufs  beobach¬ 
tet,  und  auch  das  subjektive  Befinden  besserte  sich  nicht.  Bei  einem 
Kranken  trat  innerhalb  24  Stunden  nach  der  Aolaninjektion  kritische 
Entfieberung  ein;  da  es  sich  aber  um  eine  unkomplizierte  Pneumonie 
am  7.  Krankheitstage  handelte  und  da  sonst  keine  direkte  Einwirkung 
des  Aolans  festgestellt  werden  konnte,  dürfte  es  sich  wohl  um  den 
normalen  Krankheitsablauf  gehandelt  haben.  Bei  einem  zweiten  Kran¬ 
ken  waren  zwei  Aolaneinspritzungen  ohne  jeden  sichtbaren  Effekt,  der 
dritten,  am  8.  Krankheitstage  ausgeführten  Injektion  folgte  eine  vor¬ 
übergehende  Temperatursenkung  von  39,1°  auf  36,2°.  Auch  hier  ist 
eine  zufällig  zu  diesem  Zeitpunkt  eintretende  Pseudokrise  wohl  um 
so  weniger  auszuschliessen,  als  die  beiden  vorausgehenden  Ein¬ 
spritzungen  am  6.  und  7.  Krankheitstage  wirkungslos  geblieben  waren. 
Im  ganzen  Hess  sich  also  bei  17  intravenösen  Aolan¬ 
einspritzungen,  die  bei  15  Pneumonickranken  aus¬ 
geführt  wurden,  in  keinem  Fall  öine  sichere  Beein¬ 
flussung  des  Krankheitsbildes  feststellen. 

Im  Gegensatz  hierzu  bewirkten  von  den  38  C  a  - 
seosaninjektionen  22  eine  ausgesprochene  Re¬ 
aktion.  Bei  11  Einspritzungen  konnte  keine  Reaktion  beobachtet 
werden;  meist  handelte  es  sich  um  die  Kranken,  bei  denen  wir  vor¬ 
sichtshalber  nur  0,25—0,5  ccm  Caseosan  angewandt  hatten,  ln  fünf 
Fällen  schien  es  uns  zweifelhaft,  ob  die  nach  dem  Caseosan  auftretende 
Steigerung  oder  Senkung  der  Temperatur  im  ursächlichen^  Zusam¬ 
menhang  mit  der  Einspritzung  gestanden  hat.  Die  durch  das  Caseosan 
hervorgerufenen  Reaktionen  waren  zum  Teil  recht  erheblicher  Natur. 
12  mal  trat  ein  ausgesprochener  Schüttelfrost  auf,  7  mal  statt  dessen 
ein  starker  Schweissausbruch.  Die  Temperatur  stieg  15  mal  vorüber¬ 
gehend  an  und  fiel  18  mal  um  mehrere  Grade  kritisch  ab.  In  der 
Mehrzahl  der  Fälle  kombinierten  sich  diese  Erscheinungen.  Eine  dau¬ 
ernde  kritische  Entfieberung  nach  der  Caseosaninjektion  wurde  aber 
nur  bei  zwei  Kranken  beobachtet,  bei  allen  übrigen  Kranken  handelte 
es.  sich  nur  um  vorübergehende  Temperatursenkungen.  Die  Vermin¬ 
derung  des  Fiebers  machte  durchaus  nicht  den  Eindruck  einer  Kol¬ 
lapstemperatur,  vielmehr  konnte  in  der  Regel  gleichzeitig  eine  Ver¬ 
besserung  des  Kreislaufs  festgestellt  werden;  der  Puls  wurde  lang¬ 
samer  und  kräftiger.  Schüttelfröste  von  bedrohlicher  Stärke  mit 
nachfolgendem  schweren  Kollaps  kamen  nicht  zur  Beobachtung.  Wie 
so  häufig  bei  der  Proteinkörpertherapie,  so  traten  auch  bei  der  Ca¬ 
seosa  nbehan  diu  ng  von  Pneumoniekranken  ganz 
eindeutige  Besserungen  des  subjektiven  Befin¬ 
dens  teilweise  mit  ausgesprochener  Euphorie 
auf,  während  wir  das  bei  der  Aolan  therapie 
n  i  e  s  a  h  e  n. 

Ueberblicken  wir  die  Erfolge  der  von  uns  durchgeführten  Protein¬ 
körperbehandlung  der  Pneumonie,  so  müssen  wir  zunächst  feststellen, 
dass  die  intravenösen  Injektionen  von  Aolan  gänzlich  wirkungslos 
sind.  Aber  auch  die  mit  Caseosan  erzielten  Besserungen  sind  doch  im 
ganzen  recht  bescheiden.  Vorübergehende  Herabsetzung  der  Tempe¬ 
ratur  mit  vorübergehender  günstiger  Beeinflussung  des  Kreislaufs 
und  des  subjektiven  Befindens,  das  sind  Wirkungen,  die  zwar  nicht 
unterschätzt  werden  dürfen,  denn  sie  können  in  dem  einen  oder  an¬ 
deren  Fall  wohl  gerade  die  Hilfe  bedeuten,  die  nötig  ist,  um  den  Kör¬ 
per  bis  zum  natürlichen  Heilungsablauf  der  Pneumonie  am  Leben  zu 
erhalten.  Aber  wir  dürfen  auch  nicht  vergessen,  dass  das  Caseosan 
derartige  Besserungen  nur  in  einem  Teil  der  Fälle  und  nicht  mit  aus¬ 
reichender  Sicherheit  bewirkt.  Von  unseren  21  mit  Caseosan  behan¬ 
delten  Pneumonickranken  starben  drei.  Davon  waren  zwei  ältere 
Männer  und  nur  ein  Mann  von  39  Jahren.  Die  Zahl  der  Todesfälle 
dürfte  also  wohl  der  durchschnittlichen  Krankenhausmortalität  ent¬ 
sprechen. 


Im  ganzen  möchten  wir  uns  dem  Urteil  R.  Neumanns  an- 
schliessen,  dass  die  bisherigen  Erfolge  der  Caseosanbchandlung  der 
akuten  kruppösen  Pneumonie  noch  nicht  dazu  ermutigen,  diese  I  he- 
rapie  für  eine  ausgedehntere  Anwendung  vor  allem  in  der  allgemeinen 
Praxis  zu  empfehlen.  Die  bisher  bei  einem  I  eil  der  Fälle  erzielten 
Besserungen  deuten  aber  doch  darauf  hin,  dass  die  Proteinkörper¬ 
therapie  auch  bei  akuten  Infektionen,  wie  bei  der  kruppösen  Pneu¬ 
monie  nicht  wirkungslos  ist.  Vielleicht  handelt  es  sich  hier  um  die 
ersten  Anfänge  einer  Therapie,  deren  weiterer  systematischer  Ausbau 
erfolgversprechend  wäre.  Für  die  Behandlung  der  chroni¬ 
schen  Pneumonie  mit  mangelhafter  Lö  su  n  g.  auf  die 
wir  an  dieser  Stelle  nicht  näher  eingehen  wollen,  möchten  wir 
schon  jetzt  die  Caseosanbchandlung  warm  empfeh- 
1  e  n.  Wir  sahen  hierbei  vor  allem  bei  chronischen  Influenzapneumo¬ 
nien,  die  wochenlang  vergeblich  hydrotherapeutisch  behandelt  waren, 
überraschend  schnelle  Lösungen  der  chronischer 
Infiltrationsherde.  Allerdings  wird  man  auch  hier  den  Erfolg 
nur  bei  einem  Teil  der  Kranken  erwarten  dürfen. 

Wie  erklären  sich  nun  die  auffallenden  Unterschiede  in  der  \\  irk- 
samkeit  der  intravenösen  Einspritzung  von  entfetteter  Milch  und  von 
Kasein?  Die  Angaben  über  den  Kaseingehalt  der  Kuhmilch  schwanken 
etwas.  In  10  ccm  Aolan  sind  etwa  0,3  g  Kasein  enthalten.  Diese 
Menge  war  gänzlich  wirkungslos,  während  die  so 
viel  geringere  Menge  von  0,05  g  Kasein  in  Form  des 
Caseosans  den  oben  geschilderten  starken  Ein¬ 
fluss  auf  Temperatur,  Kreislauf  und  subjektives 
Befinden  hatte.  Warum  das  Kasein  zusammen  mit  den 
übrigen  Milchbestandteilen  wirkungslos  ist,  während  das  i  s  o  1  i  e  r  t  e 
Kasein  schon  in  viel  kleinerer  Dosis  stark  wirksam  ist,  lässt  sich 
zurzeit  wohl  kaum  mit  Sicherheit  entscheiden.  Zwei  Erklärungs¬ 
möglichkeiten  kämen  vor  allem  in  Frage.  Erstens  läge  es  nahe,  daran 
zu  denken,  dass  es  nicht  auf  die  S  u  b  s  t  a  n  z  K  a  s  e  i  n  als  solche  an- 
kommt,  sondern  auf  ihren  physikalischen  Zustand.  Es 
braucht  nur  an  die  Vorstellungen  über  den  kolloidalen  Schock  und 
über  die  Proteinkörpertherapie  als  KolloidMierapie  erinnert  zu  wer¬ 
den.  Zweitens  scheint  es  durchaus  möglich,  dass  die  Wirksamkeit 
des  pharmazeutischen  Prännrats  Caseosan  gar  nicht  auf  dem  Kascin- 
gehnlt  beruht,  sondern  auf  Beimengungen,  die  erst  bei  der  Gewinnung 
des  Kaseins  aus  der  Milch  in  die  Lösungen  hineingclangen  oder  in  ihr 
entstehen.  Ich  meine  bakterielle  Zersetz  ungsnrodukte 
des  Kaseins  oder  Bakterien  protei  ne  selbst.  Diese 
zunächst  rem  hypothetische  Vorstellung  findet  eine  Stütze  in  zwei 
Tatsachen.  Bei  intramuskulärer  Einspritzung  wirkt  die  gewöhnliche, 
durch  Kochen  sterilisierte  Milch  mit  all  ihren  bakterie'Ien  Beimen¬ 
gungen  auf  chronische  lokale  Entzündungsprozesse  zweifellos  stärker 
e’n  als  die  keim-  und  toxinfreie  Milch  (Aolan).  Das  beweisen  viel¬ 
fältige  Erfahrungen.  Die  grosse  Sauberkeit  bei  der  Gewinnung  der 
Milch  und  die  Verhütung  des  Bakterienwachstums  in  der  Milch  beein¬ 
trächtigt  ihre  therapeutische  Wirksamkeit.  Die  Milchthcraoie  ist  min¬ 
destens  zum  Teil  eine  Heterovakzinetherapie.  Dass  diese  Erfahrungen 
auch  möglicherweise  auf  die  Caseosanbchandlung  übertragen  werden 
dürfen,  dafür  spricht  die  weitere  Tatsache,  dass  das  Caseosan  trotz 
seines  konstanten  Kaseingehaltes  in  seinen  verschiedenen  Lieferungen 
durchaus  nicht  gleichmässig  wirksam  ist.  Diese  Inkonstanz  der  Wir¬ 
kung  allein  mit  der  wechselnden  individuellen  Empfindlichkeit  zu  er¬ 
klären,  ist  nicht  angängig.  Das  scheint  mir  aus  der  ausgedehnten 
Anwendung  des  Caseosans  an  einem  grossen  Krankenmaterial  klar 
hervorzugehen.  Die  schwankende  Wirksamkeit  des  Caseosans  würde 
sich  ohne  weiteres  erklären,  wenn  man  der  Beimengung  von  Bak¬ 
terienproteinen  eine  erhebliche  Bedeutung  für  die  therapeutische 
Wirksamkeit  zuschreibt.  Das  verwendete  Kasein  könnte  trotzdem 
..chemisch  rein“  sein,  denn  die  biologische  Wirksamkeit  der  Bak¬ 
terientoxine  gehört  ja  wohl  einer  anderen  Grössenordnung  an  als  die 
chemische  Nachweisbarkeit. 


Ueber  die  Bedeutung  der  Onanie  und  ihre  Beziehung 

zur  Neurose. 

Von  Dr.  Hans  v.  Hattingberg,  Nervenarzt  in  München 

Dass  es  heute  noch  Bedeutung  haben  kann,  die  Onanie  in  einem 
so  allgemeinen  Sinne  zu  behandeln,  diese  Frage,  die  schon  die  römi¬ 
schen  und  griechischen  Aerzte  beschäftigte,  das  lässt  sich  ganz  nur 
verstehen,  wenn  man  Werke  etwas  älteren  Datums  zur  Hand  nimmt. 
Etwa  Rohleders  1902  in  zweiter  Auflage  erschienene  Monographie 
„Die  Masturbation“,  durch  längere  Zeit  die  wichtigste  wissenschaft¬ 
liche  Bearbeitung  unseres  Themas.  Man  blättert  darin  und  liest  z.  B. 
über  die  „Prophylaxe  der  Onanie  im  Schulalter“:  Schüler,  bei  denen 
die  Onanie  entdeckt  wurde,  sollten  am  besten  entweder  ohne  Rück¬ 
sicht  auf  die  Eltern  mit  einem  Vermerk  im  Abgangszeugnis  dimittiert 
werden,  oder  ausser  Karzerstrafen  empfindliche  körperliche  Züchti¬ 
gungen  —  vom  Lehrer  in  Gegenwart  des  Vaters  —  oder  des 
Familienarztes  erhalten.“  Oder  im  Kapitel  über  die  „operative 
Therapie  der  Onanie“,  dass  zwar  die  Infibulation,  die  schon  von 
Celsus  angegebene  Vernähung  der  Vorhaut  beim  Manne  und  die 
Klitoridektomie  bei  der  Frau  (abgesehen  von  ganz  verzweifelten 
Fällen)  abzulehnen  sei,  dass  jedoch  kleinere  mehr  oder  weniger 
schmerzhafte  operative  Eingriffe  „zur  Heilung  des  Lasters  wohl  be¬ 
rechtigt  sind“.  „So  hat  Fürbringe  r“,  heisst  es  dort,  „einen  jungen 


13.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIF  T. 


905 


Burschen,  bei  dein  keine  Belehrung  und  Strafe  half,  durch  Abköpfen 
des  vorderen  Teiles  seiner  Vorhaut  mit  schartiger  Schere  —  natürlich 
ohne  Narkose  (sic!)  —  dauernd  geheilt.“  Der  Geist,  der  aus  diesen 
kleinen  Proben  spricht  —  damals  der  Ausdruck  einer  sehr  allgemeinen 
Haltung  nicht  nur  der  Laieij,  sondern  auch  der  Aerzte,  hat  es  aui 
dem  Gewissen,  dass  eine  ernst  zu  nehmende  wissenschaftliche 
Literatur  erst  seit  wenigen  Dezennien  besteht.  Die  Behandlung  der 
Frage  von  hier  besonders  bedeutsamen  ätiologischen  Gesichtspunkten 
aus  und  damit  die  wahrhafte  Befreiung  von  jeder  einseitigen  Vor¬ 
eingenommenheit  durch  moralische  Vorurteile  brachten  erst  die 
Arbeiten  der  psychoanalytischen  Schule  unter  Freuds  Führung. 
Aber  auch  die  berühmte  Diskussion  der  Wiener  Psychoanalytiker 
über  die  Onanie  ')  führte  zu  keiner  Einigung  darüber  ob,  wieweit 
und  warum  die  Onanie  schädlich  sei,  in  welcher  Beziehung  sie  zu  den 
Neurosen  und  den  Perversionen  steht,  ja  sogar  darüber  nicht,  was 
man  unter  Onanie  verstehen  soll.  Deshalb  ist  auch  heute  noch  der 
Versuch  gerechtfertigt,  dem  Wesen  jener  eigentümlichen  Lebens¬ 
erscheinung  näherzukommen. 

Den  Zugang  zu  der  Kernfrage  unseres  Themas  finden  wir  am 
besten  von  der  instinktiven  Abwehr  des  gesund  empfindenden  Men¬ 
schen  gegenüber  der  Onanie.  Eine  solche  instinktive  Abwehr  müssen 
wir  voraussetzen  als  tiefere  Grundlage  der  allgemeinen  gesellschaft¬ 
lichen  Ablehnung  ebensosehr  wie  der  oft  verzweifelten  Abgewöhnungs¬ 
kämpfe  des  einzelnen  Onanisten.  Selbst  S  t  e  k  e  1,  der  eifrigste  Apo¬ 
stel  der  Behauptung,  die  Onanie  wäre  völlig  unschädlich,  wenn  sie 
nicht  verboten  wäre,  muss  zugeben,  dass  häufig  Menschen  zu  onanieren 
aufhören,  ohne  irgendwie  von  jemand  gewarnt  oder  sonst  beeinflusst 
worden  zu  sein;  eine  innere  Stimme  sagt  ihnen  plötzlich  etwa  „mache 
das  nicht,  es  ist  eine  Sünde“.  —  Die  Onanie  wird  in  zahlreichen  Fällen 
durchaus  nicht  deshalb  aufgegeben,  weil  sie  verboten  ist,  sondern 
weil  sich  in  dem  Betroffenen  ein  ihm  meist  nur  unklar  bewusstes  Etwas 
dagegen  wehrt. 

Man  kann  diese  Abwehr  verstehen  wollen  als  das  Lächeln  des 
erwachsenen  Mannes  gegenüber  einer  Sexualbetätigung  des  Knaben. 
Die  Onanie  ist  ein  Zug  von  Infantilismus,  es  bedeutet  ein  Stehenbleiben 
auf  der  Stufe  des  Kindes,  wenn  sie  die  einzige  geschlechtliche  Betäti¬ 
gung1  des  Erwachsenen  darstellt  Aber  wir  werten  das  Kindliche  am 
Menschen  ebensogut  positiv  (kindliche  Frische  und  Begeisterungs¬ 
fähigkeit);  damit  kann  also  nicht  das  wesentliche  getroffen  sein. 

Nun  heisst  uns  Onanie  „Selbstbefriedigung“,  und  wenn  wir  dieses 
Wort  in  seinem  tieferen  Sinne  verstehen,  dann  führt  es  auf  die  richtige 
Spur.  Wir  dürfen  freilich  Selbstbefriedigung  nicht  einfach  äusserlich 
nehmen  als  „Gewinnung  von  Sexuallust  durch  Manipulationen  am 
eigenen  Körper“,  wie  die  meisten  älteren  Definitionen.  Wir  müssten 
sonst  darauf  verzichten,  gewisse  Akte  zu  verstehen,  bei  denen  weder 
an  den  Genitalien,  noch  an  anderen  Körperteilen  herumgespielt  wird, 
die  aber  trotzdem  onanistischen  Charakter  tragen.  Gewohnheiten, 
wie  die  eines  jungen  Mädchens,  das  sich  täglich  oft  stundenlang 
zurückzog,  um  an  einem  verborgenen  Ort,  auf  dem  Dachboden,  im 
Keller,  sitzend  ununterbrochen  rhythmisch  den  Oberkörper  vor-  und 
zurückzuwiegen,  in  der  Art,  wie  es  die  orthodoxen  Juden  beim  Lesen 
der  hl.  Schriften  tun.  Sie  tat  das  gleiche  jeden  Abend  im  Bett  und 
konnte  anders  nicht  einschlafen.  Nachher  war  sie  dann  befriedigt, 
aber  auch  erschöpft,  entspannt,  müde,  hatte  halonierte  Augen,  genau 
wie  ein  Onanist  nach  dem  Akt.  Ebenso  blieben  unberücksichtigt  alle 
die  Formen  der  rein  psychischen  Onanie,  sei  es  durch  Erregung  an 
wollüstigen  Bildern  bis  zur  Ejakulation,  oder  die  später  eingehender 
zu  besprechende  Angstonanie.  —  Formen,  bei  denen  überhaupt  nichts 
am  Körper  geschieht.  Ungenügend,  weil  noch  äusserlich,  bleibt  auch 
Stekels  Fassung  der  Onanie  als  eines  „asozialen  Geschlechtsakts“, 
denn  damit  ist  für  ihn  „ein  Akt  ohne  Mithilfe  eines  anderen“  gemeint. 
Danach  wäre  die  so  ungemein  häufige  mutuelle  Masturbation  keine 
Onanie  und  noch  grössere  Schwierigkeiten  böte  das  Verständnis  des 
onanistischen  Koitus.  Für  manche  Männer  bedeutet  aber 
die  Frau  nur  einen  Ersatz  und  eine  Umkleidung,  für  manche  Frauen 
der  Mann  nicht  mehr  als  einen  article  de  Paris  und  zwischen  einem 
Koitus  solcher  Art  und  der  mutuellen  Onanie  besteht  psychologisch 
sicher  kein  wesentlicher  Unterschied. 

Psychologisch  gefasst  berührt  jedoch  das  Wort  vom  asozialen  Akt 
den  tieferen  inneren  Gegensatz,  der  unserem  Problem  zugrunde  liegt. 
Wenn  wir  sehen,  wie  ein  gesunder  Säugling  mit  seinem  Körper,  mit 
den  eigenen  Füssen  spielt,  dann  drängt  sich  fast  von  selbst  der  Ver¬ 
gleich  auf  mit  dem  Kreis,  der  in  sich  selbst  zurückkehrt,  dem  Sinn¬ 
bild  des  „in  sich  Geschlossenseins“.  In  all  seinem  Tun  ist  das  kind¬ 
liche  Wesen  ganz  und  ungeteilt,  der  Kreis  des  seelischen  Zusammen¬ 
hangs  ist  gleichsam  ungebrochen,  wie  beim  Tier.  Ich  und  Umwelt 
fallen  noch  in  eins.  Alles  ist  innen,  und  zugleich  ist  das  kleine  Wesen 
unmittelbar  eingeschlossen  in  den  Zusammenhang  seiner  Umgebung, 
weil  Aktivität  und  Passivität,  die  beiden  grossen  seelischen  Grund¬ 
richtungen,  noch  nicht  in  die  Spannung  der  Subjekt-Objektspaltung 
auseinandergetreten  sind. 

Es  ist  ein  völlig  anderes,  wenn  ein  erwachsener  Mensch  mit 
seinem  Körper  spielt,  sich  mit  sich  selbst  beschäftigt.  Hier  trennt 
Ich  und  Umwelt  eine  unüberbrückbare  Kluft.  Dem  Ich  gegenüber 
ist  die  Welt  nach  aussen  gerückt  und  auch  der  eigene  Körper,  ja  das 
eigene  Fühlen  kann  so  objektiviert,  zum  Gegenüber  gemacht,  d.  h. 
nach  aussen  geschoben  werden.  Der  Mensch  steht  dann  sich  selbst 
als  Objekt  gegenüber,  er  ist  entzweit,  in  eine  aktive  und  eine  passive 

*)  Urban  &  Schwarzenberg. 

Nr.  28. 


Hälfte.  Es  ist  etwas  ganz  anderes,  wenn  sich  hier  die  Aktivität  gegen 
die  eigene  Passivität  wendet  und  sich  mit  ihr  gleichsam  in  einem 
seelischen  Kurzschluss2)  zum  Kreise  zusammenschliesst. 
Es  ist  etwas  völlig  anderes,  wenn  hier  das  erotische  Interesse  im 
„Narzissmus“  an  das  eigene  Ich  gebunden  wird. 

Wie  jedes  lässt  auch  das  erotische  Interesse  neben  dem  geliebten 
Gegenstand,  auf  den  es  sich  bezieht,  alles  andere  zurücktreten.  Was 
nicht  in  seinen  Kreis  gehört,  wird  nicht  bemerkt  und  verschwindet 
schliesslich  überhaupt.  Der  Liebende  hört,  sieht  und  fühlt  nichts 
anderes  als  das  geliebte  Wesen,  die  übrige  Welt  ist  irgendwo  draussen 
und  rückt  immer  ferner,  je  stärker  er  die  üefühlsbeziehung  erlebt, 
die  sein  Bewusstsein  einengt,  wie  das  des  Hypnotisierten.  Richtet 
sich  nun  das  erotische  Interesse  auf  das  eigene  Ich,  auf  den  eigenen 
Körper,  so  kommt  es  zu  einem  Zustand,  dessen  höchste  Entwicklung 
in  der  schizophrenen  Geistesstörung  Bleuler  als  „Autismus“  be¬ 
zeichnet  hat.  Ein  solcher  Mensch  ist  seiner  Umgebung  gegenüber  in 
einer  eigentümlichen  Weise  isoliert  und  abgeschlossen.  Er  ist  nicht 
wie  der  üesundempfindende  unmittelbar  mit  Liebe  und  Hass  der  Welt 
und  den  Mitmenschen  zugewendet.  Sein  Interesse  macht  immer  den 
Umweg  über  das  Ich.  Er  fühlt,  empfindet,  denkt  im  Grunde  nur 
sich  —  er  erlebt  nur  das,  was  zu  der  Art  seines  Interesses  an  der 
eigenen  Person  passt,  er  erlebt  die  Umwelt  nur  als  Inhalt  und  Spiege¬ 
lung  seines  Ichs,  nie  als  das,  was  sie  ist,  das  heisst  was  sie  ilm  un¬ 
mittelbar  bedeuten  würde. 

Wie  grundverschieden  die  beiden  Haltungen  sind,  das  kann  jeder 
erleben,  der  gelernt  hat,  einfühlend  andere  Menschen  zu  erfassen. 
Während  die  Geschlossenheit  des  kindlichen  Lebens,  diese  in  sich 
ruhende  Ganzheit,  etwas  beglückendes  und  beruhigendes  hat,  emp¬ 
finden  wir  es  durchaus  anders,  wenn  sich  jemand  in  unserer  Gegen¬ 
wart  autistisch  abschliesst  oder  „isoliert“.  Wir  werden  in  der  Nähe 
solcher  Menschen  nicht  warm;  es  ist  als  ob  sie  eine  unsichtbare  aber 
undurchdringliche  Glaswand  umgäbe,  wir  fühlen  keinen  lebendigen 
Kontakt  mit  ihnen.  Tritt  die  Selbstliebe  nach  aussen  hervor,  dann  hat 
ihr  Verhalten  oft  etwas  eigentümlich  Aufreizendes  und  Lächerliches 
zugleich,  wenn  sie  etwa  im  Gespräche  scheinbar  uns  zugewandt  an¬ 
gelegentlich  ihre  Hände  besehen,  an  den  Fingernägeln  beissen,  oder 
sonst  irgendwie  an  sich  herumspielen,  als  ob  sie  sich  der  eigenen 
geliebten  Gegenwart  dauernd  versichern  müssten. 

Diese  Entwicklung  der  „I  s  o  1  i  e  r  u  n  g“,  der  Abschliessung  in 
sich  selbst,  liegt  nun  freilich  in  der  Richtung  eines  der  stärksten 
instinktiven  Bedürfnisse,  des  Triebes  zur  Ichbehauptung,  zur  Indi¬ 
viduation,  das  jedem  Menschen  eignet.  Immer  wenn  wir  Ich  sagen, 
scheiden  wir  uns  von  dem  Nichtich,  der  Umwelt,  und  je  mehr  wir  die 
Ichseite  betonen,  desto  grösser  wird  die  Entfernung  von  unserer 
Umgebung.  In  der  „Isolierung“  wird  dieses  Bedürfnis  auf  die  Spitze 
getrieben  und  das  zerreisst  das  natürliche  seelische  Gleichgewicht, 
denn  dem  Trieb  zur  Ichbehauptung  steht  als  sein  grosser  Gegenspieler 
ein  Drang  zur  Hingabe,  zum  Einssein  mit  der  Welt  und  mit  den 
anderen  Menschen  entgegen,  jener  Trieb,  der  uns  mit  dem  Natur- 
ganzen  verbindet,  der  den  Menschen  zum  animal  sociale,  zum  ge¬ 
selligen  Wesen  macht.  Diesem  Grösseren,  und  darauf  kommt 
es  für  unseren  Zusammenhang  vor  allem  an,  dient  auch  der 
Geschlechtstrieb.  Der  Geschlechtstrieb  geht  durchaus 
nicht  nur  auf  die  Detumeszenz,  auf  die  Entleerung  der  Samenblasen 
im  Orgasmus;  unzählige  Missverständnisse  sind  aus  einer  solchen 
oberflächlichen,  weil  seelenlosen  Auffassung  entstanden.  Er  geht 
zugleich  auf  die  seelische  Vermischung  mit  dem 
Geschlechtspartner,  auf  das  Einswerden  im  Rhythmus  der 
gleichen1  Erregung,  auf  die  Hingabe  an  das  Erlebnis  gemeinsamer  Lust. 
Wo  dieser  seelische  Kontakt  fehlt,  da  bleibt  nach  dem  Orgasmus 
eine  Leere  zurück,  als  Zeichen  dafür,  dass  das  Hingabebedürfnis  un¬ 
befriedigt  geblieben  ist. 

Aus  der  quälenden  Leere  dieser  Unbefriedigung  verstehen  wir 
den  Katzenjammer,  die  Depression,  welche  dem  onanistischen  Orgas¬ 
mus  folgt,  in  ihr  aber  begreifen  wir  zugleich  das  tiefste  Wesen  der 
Onanie.  Der  Onanist  erregt  sich  an  der  eigenen  Erregung.  Alles  in 
ihm  ist  auf  den  Augenblick  der  höchsten  Lust  gerichtet  und  diese 
seine  eigene  Lust  wird  ihm  Selbstzweck.  Seine 
sexuelle  Aktivität  ist  nicht  einem  Geschlechtspartner,  sondern  der 
eigenen  Passivität  zugewendet  und  dieser  „Kurzschluss“  verhindert 
den  seelischen  Kontakt,  die  Hingabe,  selbst  dann,  wenn  dabei  sein 
Körper  dem  eines  anderen  in  engster  Berührung  verschlungen  wäre. 
Wir  verstehen  ebenso  unmittelbar  aber  auch,  wie  sehr  die  Onanie 
in  die  Richtung  der  „Isolierung“  als  einer  seelischen 
Dauerhaltung  passt.  Sie  begünstigt  die  Entwicklung  dieser 
Abschliessung  in  sich  selbst  einmal,  weil  sie  heimlich  betrieben  werden 
muss.  Der  Onanist  kann  sein  Geheimnis  mit  niemand  teilen  und 
deshalb  steht  es  zwischen  ihm  und  den  anderen  Alenschen,  er  ist  da¬ 
durch  ausgeschlossen  aus  der  unbefangenen  Gefühlsgemeinschaft  des 
kindlichen  Vertrauens.  Alles  was  er  sonst  noch  zu  verbergen  hat, 
kann  sich  nun  an  diesen  Störungskern  ankristallisieren;  das  Ge¬ 
schlechtsgeheimnis  wird  Sinnbild  und  Inhalt  aller  Heimlichkeit  über¬ 
haupt,  die  Onanie  wird  Anlass  zur  Einsamkeit.  Sie  ist  aber  zugleich 
ihr  Trost,  denn  sie  verschafft  auf  die  einfachste  Weise  hohe  Lust, 
ohne  dass  man  auf  irgendeinen  anderen,  ohne  dass  man  auf  die  Um¬ 
welt  angewiesen  wäre;  man  ist  unabhängig,  man  befriedigt  sich  selbst. 

2)  Auf  die  Bedeutung  des  Begriffs  „seelischer  Kurzschluss“ 
kann  hier  nicht  eingegangen  werden.  Auch  die  „autohypnotischen“  Versen¬ 
kungszustände,  wie  sie  durch  die  verschiedensten  Techniken  (Yogha,  Atem¬ 
übungen,  Meditation)  erreicht  werden,  gehören  unter  diese  Rubrik. 

3 


900 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  2&. 


So  ist  die  Onanie  der  beste  Ausdruck  und  zugleich 
die  stärkste  Befestigung  der  seelischen  Ab- 
schliessungs  Haltung,  der  lsolieru  n  g.  Hi  e  r  in  1 1  e *  t 
ihre  eigentliche  Bedeutung.  Das  aber  ist  zugleich  de 
tiefere  Sinn  der  instinktiven  Abwehr  der  gesund  empfindenden  Men¬ 
schen  Sie  warnt  uns  meist  nicht  klar  und  bewusst,  deswegen  abe 
nicht  weniger  sicher  vor  jener  gefährlichen  Entwicklung,  vor  dei 
Absonderung  aus  der  menschlichen  Gefühlsgemeinschaft  Wir  ver¬ 
stehen  also  als  Onanie  eine  Betätigung  des  je 
s  c  h  1  e  c  h  t  s  t  r  i  e  b  s,  gerichtet  auf  den  eigenen  Orgas¬ 
mus  als  Selbstzweck,  welche  den  seelischen  Kon¬ 
takt  mit  dem  Geschlechtspartner  ausschliesst 

Den  Beweis  für  die  Brauchbarkeit  dieser  rein  psychologischen 
Begriffsbestimmung  bietet  die  Tatsache,  dass  sich  von  ihr  aus  ohne 
weiteres  der  Zugang  zu  der  Lösung  aller  leilfragen  finden  lasst,  v o  ■ 
denen  die  wichtigsten  hier  kurz  gestreift  werden  sollen.  Wir  ver¬ 
stehen  zunächst,  wann  und  warum  die  Onanie  s  c  h  a  d  1  u c  h  ist  J er 
einzelne  masturbatorische  Akt  als  solcher,  als  rascheste  Erledigung 
einer  auftauchenden  Sexualspannung,  die  Ersatz-  oder  Not- 
o  n  a  n  i  e,  ist  an  sich  ebenso  unschädlich  (oder  schädlich)  als  ein  nor¬ 
maler  Koitus.  Wo  es  sich  um  eine  Befriedigung  handelt,  die  sich 
der  Trieb  gleichsam  erzwingt,  fällt  der  einzige  von  den  gewöhnlich 
dafür  ins  Feld  geführten  Gründen  fort,  der  eine  schädliche  Wirkung 
der  Onanie  verständlich  machen  könnte,  die  Notwendigkeit,  bei  der 
Masturbation  die  sexuelle  Erregung  durch  Erhitzung  der  Phantasie 
zu  erzeugen  oder  besser,  die  (hypothetische)  Vermehrung  des  psychi¬ 
schen  Energieverbrauchs,  der  durch  dieses  sich  in  die  Kriegung- 
steigern  bedingt  sein  sollte.  Auch  tägliche  Masturbation  konnte  des¬ 
halb  (St  ekel  führt  zahlreiche  Fälle  dieser  Art  an)  völlig  ohne  nach¬ 
teilige  Folgen  bleiben,  wenn  der  Mensch  trotzdem  dadurch  in  seinem 
Gefühlsverkehr  zum  anderen,  in  seinem  Verhältnis  zum  üeschlechts- 
partner  nicht  behindert  wäre,  wenn  er  trotzdem  sein  Hingabebedurtnis 
befriedigen  könnte.  Gerade  das  aber  verhindert  die  Onanie,  wenn  sie 
den  Anstoss  zur  Entwicklung  der  Isolierungshaltung  gibt. 

Es  liegt  nur  zu  nahe,  dass  der  Onanist,  der  im  Katzenjammer 
nach  dem  Akt  die  Unbefriedigung  seines  Hingabedranges  als  quälende 
Leere  empfindet,  über  diese  Depression  hinwegzukommen  sucht,  aber¬ 
mals  durch  die  Onanie  als  Trösterin  der  Einsamkeit.  Dann  aber  ist 
ein  gefährlicher  Zirkel  geschlossen.  Je  einsamer  er  sich  fühlt,  desto 
mehr  onaniert  er,  je  mehr  er  onaniert,  desto  einsamer  wird  er,  oder 
je  mehr  er  onaniert,  desto  stärker  wird  die  Depression,  je  starker  die 
Depression,  desto  heftiger  der  Drang  zu  neuerlicher  Onanie  Die  De¬ 
pression  wird  dabei  um  so  tiefer  sein,  je  heftiger  der  Kampf  war,  der 
dem  Akt  voranging.  Denn  die  Niederlage  gegenüber  dem  Trieb  bringt 
die  Enttäuschung  an  der  Kraft  des  eigenen  Willens,  die  Enttäuschung 
an  sich  selbst.  Dieser  Enttäuschung  gesellt  sich  meist  eine  andere, 
wenn  aus  dieser  Haltung  heraus  die  Beziehung  zu  einem  Geschlechts¬ 
partner  gesucht  wird.  Ist  auch  dabei  alles  auf  den  Orgasmus  ge¬ 
richtet,  dann  kommt  es  zu  der  berühmten  tristitia  post  coitum,  dem 
typischen  Erlebnis  eines  Onanisten.  Es  gibt  dann  am  Weibe  nur  das 
Genitale,  weil  die  eigene  Lust  Selbstzweck  geworden  ist.  Ist  aber 
das  Weib  nur  „Objekt  der  Sinnlichkeit“,  dann  kann  die  natürliche  Ge¬ 
fühlsgemeinschaft  mit  dem  anderen  Menschen  nicht  zustande  kommen 
und  deshalb  bringt  der  onanistische  Koitus  die  Enttäuschung  am 
Weibe,  die  Enttäuschung  an  der  Liebe.  Diese  Enttäuschungen  ver¬ 
stärken  notwendig  die  Abkehr  von  einer  Aussenwelt,  die  an  Reiz  ver¬ 
liert,  je  mehr  ihr  das  erotische  Interesse,  die  wichtigste  seelische 
Triebkraft  entzogen  wird,  sie  bestärken  die  Isolierung  als  Schutz  für 
das  Ich,  an  dessen  besten  Kräften,  dem  eigenen  Willen  man  ver¬ 
zweifeln  musste.  Aus  dieser  Verzweiflung  heraus  wird  es  verständ¬ 
lich,  dass  manche  Menschen  ganz  ernstlich  den  Versuch  unternehmen 

sich  totzuonanieren.  .  , 

Nur  dann,  wenn  sie  in  diesen  Zusammenhang  eingegliedert  ist, 
nur  dann,  wenn  aus  der  dauernden  Unbefriedigung  des  Hingabe¬ 
dranges  der  Onanismus  oder  die  Zwangs  onanie  entsteht, 
nur  dann  ist  die  Onanie  schädlich;  dann  aber  auch  in 
Fällen,  wo  es  nur  alle  Monate  zu  einem  Akt  kommt.  Ihre  Schäden 
sind  also  rein  seelischer  Natur,  körperlicher  nur  dort,  wo  der  Onanie¬ 
zwang  zu  Exzessen  oder  zu  einer  latenten  sexuellen  Dauererregung 
führt.  Wie  jede  nervöse  Ueberreizung  kann  auch  diese  eine  rein 
physiologische  Schädigung  des  Nervensystems,  also  etwa  die  be¬ 
rühmte  „Spinalirritation“  der  Autoren  setzen.  Von  ihr  gilt  jedoch  das 
gleiche  wie  von  jeder  reinen  Erschöpfungsneurasthenie.  Sie  ver¬ 
schwindet  beim  Fortfall  der  Noxe  —  hier  der  sexuellen  Ueberreizung 
in  kurzer  Frist.  Bleibt  sie  länger  bestehen,  dann  wirkt  ein  psychi¬ 
scher  Ueberbau  fixierend.  Freuds  Auffassung  der  Neurasthenie 
als  einer  „Aktualneurose“,  d.  h.  als  einer  nicht  psychisch  bedingten 
Schädigung  des  Nervensystems  durch  die  Onanie  lässt  sich  mit  der 
hier  vertretenen  nicht  vereinigen. 

Aus  der  hier  skizzierten  Anschauungsweise  ergibt  sich  aber  auch 
unmittelbar  das  Verständnis  für  die  Beziehung  der  Onanie 
zu  den  Perversionen.  Sie  wird  am  deutlichsten  beim  Feti- 
schisten,  den  an  der  Frau  etwa  nur  der  Fuss,  das  Haar  oder  irgend¬ 
ein  anderer  Körperteil  erregt.  Zwischen  ihm  und  jenem  Onanisten,  tür 
den  an  der  Frau  nur  das  Genitale  existiert,  dem  der  Geschlechts¬ 
partner  nur  „Objekt“  seiner  „Sinnlichkeit“  ist,  besteht  kein  prinzmfeller 
Unterschied,  ja  man  könnte  sagen,  der  onanistische  Koitus  sei  die  ver¬ 
breitetste  Perversion.  Auch  dem  Fetischist en  kommt  es  nur  auf  den 
Orgasmus  an,  und  durch  die  ausschliessliche  Richtung  seines  ero¬ 
tischen  Interesses  auf  einen  Körper  teil  des  Geschlechtspartners, 


wird  der  seelische  Kontakt,  das  Einswerden  im  gleichen  Gefühl  mit 
Sicherheit  verhindert.  Die  gleiche  seelische  Haltung  liegt  aber  allen 
Perversionen  zugrunde.  Sie  alle  führen  zur  Isolierung  und  lassen  da¬ 
her  das  Hingabebedürfnis  unbefriedigt,  das  gilt  auch  für  den  ex¬ 
tremsten  Masochismus,  der  in  Selbsterniedrigung  vergeht  (die  „susse 
Herrin“  muss  den  „Knecht“  verachten,  darf  also  nicht  mit  ihm  un 
gleichen  Gefühl  vereinigt  sein).  Das  macht  die  Dämonie  der  1  er-  ^ 
Versionen,  das  macht  sie  unheimlich  für  den  gesunden  Dritten  wL 
für  den  Perversen  selbst.  Der  Perverse  steht  mit  seinem  Liebes- 
bedürfnis  ausgeschlossen  aus  der  Gefühlsgemeinschaft  der  Gesunden. 
Die  Perversionen  werden  so  in  einem  weiteren  Sinne  als  besondere  I 
Formen  der  Onanie  untergeordnet,  die  alles  umfasst,  was  ausserhalb 
des  normalen  Liebesaktes  ,  d.  h.  der  gleichzeitigen  körperlichen  und 

seelischen  Vermischung  liegt u).  .  ,  ,  .  ..  „ 

Ebenso  unmittelbar  verständlich  ergibt  sich  aber  auch  die  Be¬ 
ziehung  der  Onanie  zur  Neurose.  Auch  der  Neurotiker 
ist  durch  sein  Bewusstsein,  anders  als  die  anderen  zu  sein  (Getunl  der 
Minderwertigkeit  oder  Selbstüberschätzung),  abgesondert  aus  der 
natürlichen  Gefühlsgemeinschaft  mit  den  gesunden  Menschen.  Diese 
Absonderung,  die  viele  fast  körperlich,  wie  eine  unsichtbare,  aber 
undurchdringliche  Wand  empfinden,  die  sie  von  der  Weit  und  den  Men¬ 
schen  trennt,  so  dass  sie  sich  oft  gerade  in  Gesellschaft  anderer  am 
einsamsten  fühlen,  ist  durch  Freuds  Vergleich  der  Neurose  mit 
einem  Kloster  getroffen.  In  das  „Kloster“  der  neurotischen  Isolierung 
ziehen  sich  die  Menschen  zurück,  die  vom  Leben  enttause.it  wurden, 
die  sich  zu  schwach,  zu  verletzlich  fühlen,  ohne  dieses  Schneckenhaus 
zu  existieren.  Die  Grundhaltung  der  Isolierung  ist  also  der  Onanie 
und  der  Neurose  gemeinsam,  ebenso  wie  beide  in  einem  gleichen  binu- 
zusammenhang  eingeschlossen  sind.  Der  Sinn  der  Neurose  ist  Abwelu 
(oder  Sicherung)  gegen  das  vollverantwortliche  Leben  des  Er¬ 
wachsenen,  gegen  die  Uebernahme  der  üeschlechtsrolle  usw.,  Auf¬ 
gaben,  denen  sich  der  Nervöse  als  ewiges  Kind  nicht  gewachsen  fühlt. 
Ebenso  ermöglicht  es  die  Onanie  ihrem  Observanten,  sich  vor  dei 
Aufgabe  zu  drücken,  etwa  als  ein  rechter  Mann  die  seelische  Ver¬ 
antwortung  bei  Frau  und  Kinder  zu  übernehmen. 

Die  Analogie  beschränkt  sich  jedoch  nicht  auf  diese  allgemeinen 
Züge,  sie  gilt  auch  für  die  feineren  Mechanismen.  Es  ist  für  das  ner¬ 
vöse  Symptom  charakteristisch,  dass  es  verdrängten  Trieben  dienst¬ 
bar  wird,  die  sich  auf  diesem  Umwege  eine  Art  von  Befriedigung  ver¬ 
schaffen.  Völlig  Analoges  finden  wir  bei  der  Onanie,  wie  am  besten 
ein  einfaches  Beispiel  zeigt. 

Ein  Kriegsgefangener  Offizier  litt  unter  einem  qualvollen  Onaniezwang, 
der  ihn  trotz  verzweifelter  Abwehr  täglich  mehrmals  zum  Akt  nötigte.  Da 
erfuhr  er,  dass  einer  seiner  Leidensgefährten,  ein  besonders  gesunder  und 
kräftig  aussehender  Mensch  (er  selbst  war  immer  sehr  blass),  den  er  wegen 
seiner  fröhlichen  Schneidigkeit  und  wegen  seiner  sportlichen  Gewandtheit 
stets  besonders  bewundert  hatte,  ebenfalls  onaniere  und  das  g  e  n  ü  g  t  e, 
dass  der  Zwang  für  Monate  völlig  verschwand.  Er  fühlte 
sich  nun  nicht  mehr  als  einzig  Verworfener  einsam  unter  lauter  Gerechten, 
sein  Erniedrigungsdrang  (der  sich  ausserdem  in  einem  extremen  Masochismus 
kundgab)  kam  nicht  mehr  auf  seine  Rechnung,  wenn  er  onanierte  und  damit 
verlor  der  Zwang  seinen  Reiz. 

Der  Onaniezwang  ist  durchaus  nicht  etwa  einfach  durch  einen 
besonders  gesteigerten  Geschlechtstrieb  zu  erklären.  Andere,  dem 
Onanisten  unbewusste  seelische  Regungen  machen  ihn  erst  zu  einer 
Gewalt,  die  dem  Ich  als  etwas  Fremdes,  als  etwas  „Krankhaftes 
gegenübertritt,  und  diese  Regungen  verschaffen  sich  dabei  auf  dem 
gleichen  Umwege  ihre  Befriedigung,  den  wir  beim  nervösen  Symptom 
kennen. 

Die  Mitwirkung  solcher  Faktoren  wird  besonders  auch  durch  die  bekannte 
Tatsache  nahegelegt,  dass  gerade  skrupulös  veranlagte,  schwernehmerische 
Menschen,  die  zum  Selbstquälen  neigen,  besoners  häufig  von  dem  Zwang  be¬ 
fallen  werden.  So  erinnere  ich  mich  eines  jungen  Lehrers,  der  als  Kind  so 
prüde  war,  dass  er  sich  nicht  vor  seinen  Geschwistern  auskleiden  wollte,  der 
die  von  der  katholischen  Kirche  geforderte  Gewissenserforschung  ungeheuer¬ 
lich  übertrieb,  indem  er  sich  schon  den  leisesten  Gedanken,  der  irgendwie  mit 
dem  Geschlechtlichen  zusammenhing,  zur  schweren  Sünde  machte.  Derselbe 
Mensch  verfiel  später  in  einen  so  schweren  ünaniezwang,  dass  er  daran  denken 
musste,  seinen  Beruf  aufzugeben,  weil  er  sich  nicht  enthalten  konnte,  während 
des  Unterrichts  in  der  Hosentasche  zu  onanieren.  Die  Enttäuschung  eines 
inasslos  gesteigerten  Ehrgeizes,  sowie  ein  ausgesprochener  Selbstvernichtungs- 
drang  waren  die  Hauptmotive,  die  den  Zwang  begründeten,  der  mit  ihrer 
völligen  Bewusstmaehung  rasch  verschwand. 

Die  Motivierungen  dieser  Art  sind  so  vielfältig,  wie  die  des  ner¬ 
vösen  Symptoms  —  Liebesbedtirfnis,  Wut  und  Aerger,  I  rotz  und 
Todessehnsucht,  die  widerstreitendsten  Gefühle  können  ihren  Ausdruck 
in  der  Onanie  finden,  so  dass  schliesslich  das  ganze  seelische  Leben 
um  diesen  Störungskern  kreist,  geradeso  wie  sich  beim  Neurotikci 
alles  um  das  nervöse  Symptom  dreht,  das  den  Lebensmittelpunkt  be¬ 
setzt  hält.  Durch  diesen  psychischen  Oberbau  wirc 
die  Onanie  festgehalten  oder  „neurotisch  fixiert“ 
Der  einzelne  masturbatorische  Akt  ist  nicht  neuro 
tisch,  selbst  wenn  solche  Akte  gehäuft-  auftreten  (Not-  odei 
Ersatzonanie).  Ueberall  dort  aber,  wo  die  Onanie  Ausdrucl 
geworden  ist  und  zugleich  Befestigung  der  Isolierung,  des  seelischei 
Absonderungskrampfes,  als  einer  Grundhaltung,  wo  es  deshalb  zu 
Zwangsonanie  kommt,  haben  wir  es  mit  einem  neurotischen  Mecha 
nismus  zu  tun.  Der  Onanismus  ist  die  häufigste  mono 


3)  Ganz  analog  hat  schon  Steiner  in  der  Diskussion  der  Wiene 
Analytiker  die  Onanie  deiiniert  als  das,  „was  an  Geschlechtsbetätigung  ausser 
halb  des  normalen  Koitus  liegt,  gleichgültig  ob  diese  Betätigung  mehr  körper 
lieh  oder  mehr  geistig  ist“. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCH!:  WOCHENSCHRIFT. 


13.  Juli  1923. 

symptomatische  Neurose4).  Dieser  Satz  Kilt  mit  allen 
therapeutischen  Konsequenzen:  in  ausgeprägten  Hüllen  hilft  nur  syste¬ 
matische  Psychotherapie  (in  allererster  Linie  Psychoanalyse),  diese 
aber  mit  grosser  Sicherheit. 

Mit  dieser  Kennzeichnung  des  Onanismus  als  Neurose  sind  aber 
die  Beziehungen  zwischen  den  beiden  Erscheinungen  durchaus  nicht 
erschöpft,  es  lässt  sich  wahrscheinlich  machen,  dass  auch  in  jeder 
Neurose  ein  Stück  Onanie  steckt.  Diese  Behauptung  be¬ 
dürfte  keines  anderen  Beweises,  wenn  wir  als  Onanie  in  einem  er¬ 
weiterten  und  durchaus  möglichen  Sinn  jede  lustvolle  spielerische  Be¬ 
schäftigung  mit  sich  selbst  verstehen:  Jedes  nervöse  Symptom  dient 
offensichtlich  als  Anlass  und  Legitimation  einer  ausschliesslichen  Be¬ 
fangenheit  in  der  Selbstbeschäftigung,  die  sich  in  dem  schlechten  Ge¬ 
wissen  verrät,  das  den  Neurotiker  nie  ganz  verlässt,  und  das  ihn  un¬ 
sicher  macht,  wie  den  Onanisten.  Die  Behauptung  will  jedoch  in 
einem  viel  tieferen  und  buchstäblicheren  Sinne  genommen  werden. 
Um  das  wenigstens  in  grossen  Zügen  verständlich  zu  machen,  ist  es 
am  vorteilhaftesten,  an  einigen  praktischen  Beispielen  zu  verfolgen, 
wie  die  Zusammenhänge  verlaufen. 

Den  Ausgangspunkt  bilden  die  recht  häufigen  Fälle  von  Angst- 
o  n  a  n  i  e. 

So  berichtet  ein  Kollege  über  seine  sexuelle  Entwicklung:  „Mit  zirka 
9  Jahren  hatte  ich  die  erste  ausgesprochene  sexuelle  Erregung  und  zwar 
als  ich  zu  spät  in  die  Schule  kam  und  in  grosser  Hast  und  Angst  die  Treppen 
hinauflief.  Hierbei  trat  ein  Wollustgefühl  auf.  Später  verschaffte  icli  mir 
diese  Gefühle  absichtlich,  indem  ich  im  Schulhof  nach  dem  Klingeln  am  Ende 
der  Pause  noch  weiter  draussen  blieb  und  in  ängstlicher  Erregung  über  das 
Zuspätkomrnen  die  Kletterstangen  hinaufkletterte.  Hierbei  trat  das  Gefühl 
auf,  jedoch  nur,  wenn  die  erwähnte  Angst  dabei  bestand.  Ich  erwähne  dies 
namentlich  deshalb,  weil  es  nach  jahrelanger  Pause  wieder  auftrat  und  zwar 
während  des  schriftlichen  Abituriums,  als  ich  mit  der  französischen  Arbeit 
nicht  fertig  wurde,  während  der  Lehrer  ungeduldig  neben  mir  stand.  Ich 
bekam  damals  aus  Erregung  eine  regelrechte  Pollution.“ 

Diese  Angst-  oder  Spannungspollutionen  machen  es  verständlich, 
dass  sich  bei  manchen  Menschen  der  Angst  regelmässig  eine  sexuelle 
Erregung  beimischt,  so  dass  die  Angst  zur  A  n  g  s  1 1  u  s  t 5)  wird. 
Die  Folge  ist  die,  dass  eine  Situation,  die  Angst  erregt,  deshalb  nicht 
vermieden  wird,  wie  es  der  Wirkung  normaler  Angst  entspricht.  Sie 
wird  im  Gegenteil  festgehalten,  ja  sogar  aufgesucht.  Die  Angst  wird 
Selbstzweck  oder  sie  wird  (neurotisch)  fixiert  dadurch,  dass  sie  Lust 
bringt. 

Der  gleiche  Zusammenhang  wird  in  einem  anderen  Falle  wahr¬ 
scheinlich,  bei  dem  von  einer  absichtlichen  Herbeiführung  der 
sexuellen  Erregung  nicht  die  Rede  sein  konnte. 

Ein  intellektuell  gut  begabter,  jedoch  kindlich  verträumter  Mensch,  im 
allgemeinen  ein  sehr  guter  Schüler  (besonders  auch  in  der  Mathematik),  der 
sein  Abiturium  mit  der  Durchschnittsnote  I  bestand,  bekam  mittendrin  manch¬ 
mal  durch  einige  Zeit  schlechte  Noten,  Sein  Versagen  wird  aus  seinem  fol¬ 
genden  Bericht  unmittelbar  verständlich. 

„Wir  hatten  Mathematikschulaufgabe.  Vier  Arbeiten  waren  gestellt, 
Arbeitszeit  2  Stunden.  Nach  der  Bearbeitungsregel  fing  ich  mit  der  Lösung 
der  leichtesten  an  —  das  Resultat  war  falsch.  Bei  der  zweiten  blieb  ich  in 
der  Mitte  stecken  und  die  dritte  verpatzte  ich  bereits  im  Ansatz.  Inzwischen 
waren  1  Vi  Stunden  vergangen  und  ich  hatte  das  Gefühl,  die  Arbeit  würde 
schlecht  ausfallen.  Der  Gedanke  ah  die  furchtbaren  Unannehmlichkeiten  zu 
Hause  (sein  Vater  hielt  ihn  sehr  streng)  brachte  mich  zur  Verzweiflung  — 
da  gipfelte  mein  Zustand  in  einer  sexuellen  Erregung  — 
eine  Pollution  trat  ein.  Nach  Verlauf  derselben  wurde  ich  ruhig,  mein  Geist 
schien  auffallend  erleichtert,  und  meine  Denkkraft  gestärkt.  Ich  machte  mich 
sofort  an  die  Lösung  der  schwierigsten  der  Aufgaben  und  erzielte  in  10  Minuten 
ein  richtiges  Resultat,  ln  den  noch  übrigen  20  Minuten  löste  ich  mit  meister¬ 
haftem  Geschick  noch  2  Aufgaben,  so  dass  ich  als  Ergebnis  dieser  Schulaufgabe 
die  Note  1—2  erzielte.  Aehnliche  Erfahrungen  habe  ich  in  Physik,  Chemie 
und  sogar  im  deutschen  Aufsatz  gemacht.“ 

Ein  aus  dem  Gesamtverhalten  unverständliches  Versagen  (wäh¬ 
rend  der  ersten  1  X>  Stunden)  gegenüber  Aufgaben,  die  nach  den  vor¬ 
handenen  Fähigkeiten  eigentlich  spielend  bewältigt  werden  konnten 
(Beweis  ihre  Lösung  in  Vs  Stunde)  wird  hier  durch  eine  Angst  hervor¬ 
gerufen,  deren  Entstehung  und  Verlauf  von  dem  normaler  Angst  völlig 
abweicht.  Sie  entsteht  „unmotiviert“  und  verschwindet  in  einem  Zeit¬ 
punkt,  wo  sie  eigentlich  am  stärksten  sein  müsste.  Sie  diente  anderen 
Zwecken  —  der  sexuellen  Erregung,  war  diese  befriedigt,  d.  h.  war 
der  Zweck  der  Angst  erreicht,  dann  konnte  sie  wieder  verschwinden. 

Noch  bedeutsamer  heben  sich  die  gleichen  Zusammenhänge  end¬ 
lich  in  dem  folgenden  Falle  heraus,  der  deshalb  etwas  ausführlicher 
berichtet  werden  muss. 

Es  handelt  sich  um  einen  31  jährigen  Beamten  aus  einer  Emigrantenfamilie, 
dessen  Jugendgeschichte  ausser  einem  Hang  zur  Einzelgängerei  nichts  be¬ 
sonderes  bot.  Mit  18  Jahren  ging  er  freiwillig  als  Soldat  für  3  Jahre  nach 
China  und  dann  nach  Angola.  Im  Krieg  kam  er  schon  1914  in  französische 
Gefangenschaft,  wo  er  ausserordentlich  viel  auszustehen  hatte,  nicht  zuletzt, 
«eil  er  seine  Leiden  durch  herausforderndes  Benehmen  den  Franzosen  gegen¬ 
über  noch  verschlimmerte.  So  antwortete  er  einmal  einem  Kommandanten, 
der  ihn  auf  seinen  französischen  Namen  hin  ansprach,  er  würde  sich  anspucken, 
wenn  er  nur  noch  einen  Tropfen  französischen  Blutes  in  sich  hätte.  Er  ver¬ 
brachte  deshalb  und  besonders  auch  weil  er  sich  in  seiner  Stellung  als  Unter¬ 
offizier  stets  ohne  Scheu  gegen  die  Franzosen  für  seine  Leute  energisch  ein¬ 
setzte,  den  grössten  Teil  seiner  vieljährigen  Gefangenschaft  in  Straflagern  zu. 
Als  er  schliesslich  1918  zurückkam,  war  er  mit  den  Nerven  völlig  fertig. 


4)  Freuds  Kennzeichnung  der  Neurose  als  eines  „Negativs  der  Per¬ 
version"  ist  ausschliesslich  vom  Sexualtrieb  aus  gemeint. 

5)  Eine  eingehendere  Darstellung  dieser  Zusammenhänge  habe  icli  in  der 
Arbeit  „Analerotik,  Angstlust,  Eigensinn“  in  der  Intern.  Zschr.  f.  Psychoanal. 

1914  versucht. 


9(1/ 

Er  bekam  Anfälle  von  sinnloser  Wut  oder  eine  Schwäche  mit  Weinkrämpfen, 
er  konnte  nicht  schlafen  usf.  Dieser  Zustand  besserte  sich  jedoch  bald,  er 
konnte  wieder  arbeiten  und  trat  in  die  Beamtenlaufbahn  ein,  in  der  er  wegen 
seiner  grossen  Tüchtigkeit,  Gewissenhaftigkeit  und  wegen  seines  grossen 
Fleisses  sehr  rasch  vorankam.  August  1920  heiratete  er  und  es  ging  alles  ganz 
gut,  bis  er  1921  einen  neuen  Vorgesetzten  bekam,  einen  innerlich  unsicheren 
und  dabei  rechthaberischen,  kleinlich  schikanösen  Menschen,  einen  richtigen 
Kommissknopf.  Mit  diesem  Vorgesetzten,  dem  er  sich  eigentlich  überlegen 
fühlte,  der  zudem  dasselbe  Dezernat  führte,  das  er  selbst  vertretungsweise 
durch  Monate  innegehabt  hatte,  kam  er  nun  in  einen  sich  stets  verschärfenden 
Gegensatz.  Es  kam  zu  immer  häufigeren  Zusammenstössen,  bei  denen  er 
zwar  dem  Dezernenten  manchmal  „schrecklich  die  Meinung  sagte“,  bei  denen 
der  andere  aber  als  Vorgesetzter  immer  äusserlich  Recht  behielt.  Das  brachte 
ihn  aber  jedesmal  in  eine  ohnmächtige  Wut,  so  dass  er  die  Fassung  oft  völlig 
verlor.  Er  konnte  nach  einer  solchen  Szene  nicht  mehr  arbeiten  —  er  war 
ganz  erledigt.  Er  wunderte  sich  dabei  selbst  darüber,  dass  es  ihm  nicht 
gelang,  die  Szenen,  unter  denen  er  so  litt,  zu  vermeiden.  Er  hätte  den  Vor¬ 
gesetzten,  der  weniger  vom  Dienst  verstand  als  er,  geradesogut  fürcherlieh 
aufsitzen  lassen  können,  um  so  sein  Mütchen  an  ihm  zu  kühlen.  Es  gelang  ihm 
nicht,  trotz  energischer  Versuche,  sich  zusammen  zu  nehmen,  und  er  kam 
schliesslich  in  den  gleichen  Zustand,  wie  damals  nach  der  Kriegsgefangenschaft. 
Er  brach  völlig  zusammen,  fürchtete,  er  müsse  in  die  Irrenanstalt  und  suchte 
deshalb  den  Arzt  auf. 

Um  die  gleiche  Zeit,  d.  h.  also  seit  der  Konflikt  mit  dem  Dezernenten 
begonnen  hatte,  trat  bei  ihm  eine  merkwürdige  Aenderung  in  seinem  Sexual¬ 
leben  auf.  Es  war  in  dieser  Richtung  bis  dahin  völlig  normal  gewesen. 
Weder  die  chinesischen  Bordelle  mit  ihren  ausgesuchten  Perversitäten,  noch 
sadistische  Szenen,  die  er  in  Afrika  öfters  mit  ansah,  hatten  ihn  besonders 
erregen  können.  Er  hatte  nie  masochistische  oder  sadistische  Neigungen  ge¬ 
kannt.  Seit  dem  Konflikt  mit  dem  Dezernenten  jedoch  kam  ihn  anfallsweise, 
oft  nur  auf  Stunden,  manchmal  auf  1 — 2  Tage,  der  Drang  an,  sich  von  einer 
Frau,  die  an  Bildung  und  Rang  über  ihm  stünde,  quälen  oder  demütigen,  sich 
von  ihr  misshandeln  zu  lassen.  Er  kämpfte  mit  seinem  ganzen  Willen  dagegen, 
aber  „die  Bilder  malten  sich  immer  wieder  aus“.  Manchmal  wurde  der  Drang 
so  stark,  dass  er  meinte,  er  müsse  auf  der  Strasse  zu  einem  Weib  hingehen 
und  sich  ein  paar  Ohrfeigen  geben  Lassen.  Er  hielt  dann  öfters  den  Kopf 
unter  die  Wasserleitung,  nur  um  von  dem  Zwang  loszukommen. 

In  der  Behandlung  wendete  ich  die  Methode  des  Abreagierens  in  leichter 
Hypnose  an.  Kaum  hatte  er  die  Augen  geschlossen,  so  begann  schon  die 
Reproduktion  von  Szenen  mit  dem  Vorgesetzten.  Er  wand  sich  dabei  auf  dem 
Lager  unter  Stöhnen,  wie  einer,  der  grosse  Schmerzen  aussteht,  und  erlebte 
mit  vollem  Affekt  die  ganze  ohnmächtige  Wut  —  oft  unter  Tränen  wieder, 
die  ihn  so  heruntergebracht  hatte.  Eines  Tages  karn  jedoch  in  der  Hypnose 
plötzlich  eine  andere  Szene  dazwischen,  über  die  er  folgenden  (nachher  steno¬ 
graphierten)  Bericht  gab:  „Die  Gedanken  konzentrierten  sich  alle  auf  einen 
Punkt.  Zuerst  hatte  ich  die  Erscheinung  eines  Weibes  —  die  Gedanken  haben 
das  Bild  ziemlich  scharf  ausgemalt  —  eines  Weibes,  von  dem  ich  gequält 
werden  wollte.'  Dazwischen  hinein  kam  immer  wieder  der  Gedanke  an  den 
Dezernenten.  Diese  Gedanken  rangen  mit  einander.  Bald  war  der  Gedanke 
an  den  Dezernenten  da,  bald  der  an  ein  Weib,  von  dem  ich  gequält  sein  wollte. 
Keines  der  beiden  Bilder  hat  die  Oberhand  behalten.  Ich  hatte  bei 
beiden  Bildern  dasselbe  Gefühl.  Es  war,  wie  wenn  mir  der 
Brustkasten  zerreissen  müsste.  —  Mir  wurde  so  schwer  und  eigenartig  —  so 
eng  vom  Magen  herauf,  wie  wenn  ich  in  Fesseln  läge.“ 

Den  Hauptinhalt  der  Neurose  bilden  hier  Anfälle  von  sinnloser 
ohnmächtiger  Wut,  die  den  Kranken  so  sehr  aus  dem  Gleichgewicht 
bringen,  dass  der  sehr  ehrgeizige  und  arbeitsfreudige  Mensch  zu¬ 
sammenbricht.  Er  selbst  meint,  es  hätte  ihm  möglich  sein  müssen, 
die  Zusammenstösse  zu  vermeiden,  da  er  doch  bisher  mit  allen  seinen 
Vorgesetzten  gut  ausgekommen)  war.  Er  fühlt  also,  dass  die  Angaben 
seines  Bewusstseins  eine  Lücke  offenlassen,  dass  sich  aus  ihnen  allein 
sein  Verhalten  nicht  zureichend  erklären  lässt.  So  liegt  die  Ver¬ 
mutung  nahe,  ein  Etwas  aus  dem  Unbewussten  müsste  wirksam  ge¬ 
wesen  sein,  das  den  Mann  in  die  ihm  so  unerwünschten  Szenen  hinein¬ 
trieb.  Die  Ergebnisse  des  Abreagierens  wiesen  mit  soviel  Sicherheit 
als  es  den  stets  mehrdeutigen  seelischen  Zusammenhängen  gegenüber 
möglich  ist,  auf  dieses  unbekannte  Etwas  hin,  um  auf  seinen  „maso¬ 
chistischen  Drang“,  um  es  abgekürzt  zu  benennen,  den  er  auf  der 
anderen  Seite  als  Wunsch  erlebte,  sich  von  einer  Frau  quälen  und 
misshandeln  zu  lassen;  beide  „Bilder“  waren  für  ihn  mit  dem  gleichen 
Gefühl  verbunden.  Dieser  Drang  hätte  sich  also  nicht  nur  in  dem 
bewussten  Wunsch  sondern  zugleich  auch  unbewusst  in  den  Szenen 
mit  dem  Dezernenten  Befriedigung  verschafft.  Anders  ausgedrückt: 
die  Symptome,  die  Wutanfälle,  wären  mitbedingt  gewesen  von  dem 
Drang  nach  einer  Art  von  geschlechtlicher  Befriedigung,  in  den  An¬ 
fällen  steckte  ein  Stück  Onanie.  Der  masochistische  Drang  wurde 
dabei  freilich  nicht  als  Lust  erlebt  wie  bei  dem  Perversen,  der  ihm 
nachgibt.  Er  war  verdrängt  und  dadurch  in  besonderer  Weise  ge¬ 
hemmt.  Er  zielte  jedoch  auch  hier  auf  Lust,  auf  eine  Lust,  die  nicht, 
jedenfalls  nicht  bewusst  erreicht  wurde,  weil  der  Krampf,  das  Gegen¬ 
einander  der  sich  bekämpfenden  Triebe  das  Bewusstsein  mit  Unlust 
erfüllte. 

Diese  Andeutungen  mögen  genügen,  die  Behauptung  wenigstens 
ungefähr  verständlich  zu  machen,  dass  in  der  Neurose  wie  in  den 
nervösen  Symptomen  ein  Stück  Onanie  stecke.  Dabei  bleibt  die  Frage 
offen,  ob  das  in  jedem  Falle  zutrifft,  oder  ob  der  vorliegende  zu  den 
Ausnahmen  zählt.  Die  Erfahrungen  der  psychoanalytischen  Arbeit 
scheinen  mir  unbedingt  dafür  zu  sprechen,  dass  in  die  „Triebver¬ 
schränkung“  (Adle  r),  die  jede  Neurose  darstellt,  stets  auch  der  üe- 
schlechtstrieb  mit  einbezogen  wird,  ebenso  wie  der  ihm  entgegen¬ 
stehende  Machttrieb.  Dieser  Mechanismus  der  Triebverschränkung, 
die  Tatsache,  dass  die  einzelnen  Triebe  nur  in  einem  eigentümlichen 
Gegeneinander  zur  Auswirkung  gelangen,  und  zwar  infolge  der  Ver¬ 
drängung  ins  Unbewusste  auf  einem  Umwege,  gleichsam  hinten¬ 
herum,  wobei  sie  sich  gegenseitig  hemmen,  kurz  —  der  seelische 
Krampf  ist  das  Charakteristikum  der  Neurose.  Charakteristisch  ist 

3* 


908 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  28. 


weiter,  und  darin  beruht  die  schon  mehrfach  betonte  wichtigste  Be¬ 
ziehung  der  Neurose  zur  Onanie,  dass  die  Grundhaltung  des  Neurot  - 
kers  oder,  anders  gefasst,  die  Resultante  der  1  riebverschranku  g 
jene  Richtung  geht,  die  wir  als  Isolierung  bezeichnet  haben. 

Die  Bedeutung  der  Onanie  ist  mit  dem  fluchtigen  Ueberblick,  der 
im  gegebenen  Rahmen  allein  möglich  war,  gewiss  nicht  erschöpft,  auch 
nicht  einmal  was  ihre  allgemeinen  Beziehungen  angeht,  wie  z.  b.  die 
zum  Geistesleben  überhaupt.  Die  Ausdrücke  „onanis tische  Kunst  , 
„Denkonanie“,  die  für  viele  psychologisch  Geschulte  einen  unmittel¬ 
bar  verständlichen  Inhalt  haben,  weisen  deutlich  genug  auf  das  Be¬ 
stehen  solcher  Beziehungen.  Hier  konnte  es  jedoch  vor  allem  nur 
darauf  ankommen,  die  Fruchtbarkeit  einer  Psychologischen  Betrac - 
tung  des  Onanieproblems  zu  zeigen  und  zur  Nachprüfung  der  vor 
geschlagenen  Auffassung  anzuregen. 

Aus  der  Universitätsklinik  tur  orthopädische  Chiiurgie  in 

Frankfurt  a.  M.  (Direktor:  Proi.  Dr.  K-  Ludlotf.) 

Ueber  Erfahrungen  mit  Eukodal. 

Von  Privatdozent  Dr.  Otto  Beck,  Oberarzt  der  Klin.k. 

Unter  den  zahlreichen  als  Ersatz  des  Morphiums  angepriesenen 
und  angewandten  Mittein  hat  das  von  Freund  u.  S  p  e  y  e  r  aus 
dem  ihebain  dargestellte  Uhloralhydrat  des  Dihydrooxykodemons, 
das  Eukodal,  der  kritischen  Beurteilung  standgehalten.  Wir  haben 
bereits  1919  in  dieser  Wochenschrift  über  Ertatirungen  mit  Eukodal 
berichtet,  die  wir  in  der  Hauptsache  bei  Kriegsverwundeten  in  einem 
Zeitraum  von  über  1  Jahr  gewonnen  hatten.  Die  damals  mit  dem 
Mittel  gemachten  günstigen  Beobachtungen  gaben  uns  Veranlassung, 
auch  in  der  Friedenspraxis  das  Eukodal  in  weitgehendem  Maas, 
an  Stelle  von  Morphium  zu  gebrauchen.  Wir  können  im  folgenden 
über  Erfahrungen  in  einer  Zeitperiode  von  4  Jahren  berAcjf1ttp1” 
wollen  kurz  Indikation,  Anwendung  und  Wirkung  des  Mittels  bt- 

Es  waren  vornehmlich  chirurgisch-orthopädische  Erkrankungen, 
bei  denen  von  uns  das  Eukodal  verwendet  wurde:  vor  der  Nar¬ 
kose  bei  allen  Redressements,  üsteosklasen  und  operativen  Ein¬ 
griffen,  nach  Operationen  zur  Schmerzstillung,  ferner  als 
schmerzstillendes  Mittel  bei  Gelenkerkrankungen,  bei  Tuberkulose 
der  Knochen  und  Gelenke,  beim  akuten  und  chronischen  Gelenkrheu¬ 
matismus,  bei  der  gonorrhoischen  Gelenkentzündung,  bei  schmerz¬ 
haften  Sehnen-  und  Muskelaffektionen,  bei  Neuralgien  und  arterio¬ 
sklerotischen  üefässkrämpfen.  ...  .  ,  . 

Die  Narkose  wird  durch  Eukodal  günstig  beeinflusst,  das  Exzi¬ 
tationsstadium  wird  abgekürzt  und  verläuft  fast  durchwegs  ruhig,  die 
Atmung  erfolgt  regelmässig,  tief.  Der  Verbrauch  von  Aether  ist  bu 
Eukodalgabe  (zirka  30  Min.  vor  der  Operation)  geringer  als  wenn 
keine  Injektion  von  Eukodal  erfolgt.  Erbrechen  wahrend  der  Narkose 
haben  wir  bei  Eukodal  sehr  selten  gesehen,  ein  Erbrechen  nach  der 
Narkose  ist  bei  Eukodalzufuhr  geringer  als  bei  Morphium. 
Die  Herztätigkeit  wird  durch  Eukodal  nicht  gestört,  auch  bei  Herz¬ 
erkrankungen  und  Erkrankungen  des  Gefässsystems  kann  Eukodal 
ohne  Nachteil  gegeben  werden;  selbst  wenn  nach  längeren  und  schwe¬ 
ren  operativen  Eingriffen  Koffein  oder  Kampfer  zur  Flebung  der  Herz¬ 
kraft  verabreicht  werden  musste,  haben  wir  nie  durch  gleichzeitige 
Eukodalinjektion  nachteilige  Folgen  gesehen.  .  . 

Die  Wirkung  des  Eukodals  ist  im  allgemeinen  die  gleiche  wie  die 
des  Morphiums,  die  ungünstigen  Nebenerscheinungen  treten  bei  Euko¬ 
dal  weniger  hervor  wie  bei  Morphium.  Bei  fortgesetzten,  zu  hohen 
Dosen  von  ETukodal  treten  allerdings  ähnliche  Vergiftungserschei¬ 
nungen  wie  bei  Morphium  auf.  ,  ,  . 

In  der  schmerzstillenden  Wirkung  steht  Eukodal  dem  Morphium 
nicht  nach.  Kleine  Dosen  von  Eukodal,  0,005,  setzen  die  Schmerz¬ 
empfindung  herab;  gewöhnlich  tritt  eine  geringe  Euphorie  und  ein 
angenehmes  Wärmegefühl,  das  auf  einer  Erweiterung  der  Hautgefasse 
beruhen  wird,  auf.  Eine  Dosis  von  0,01  genügt  im  allgemeinen,  um  die 
Schmerzempfindung  vollkommen  aufzuheben;  nur  bei  kräftigen  Kran¬ 
ken  und  besonders  heftigen  Schmerzen  muss  die  Einzeldosis  auf  0,02 
erhöht  werden.  Gewöhnlich  stellt  sich  nach  der  Beseitigung  der 
Schmerzen  ein  ruhiger,  tiefer  Schlaf  ein.  Die  Verabreichung  von 
Eukodal  in  Tablettenform  ist  von  geringerer  Wirkung  wie  die  In¬ 
jektion;  deshalb  empfehlen  wir,  nach  operativen  Eingriffen  und  hef¬ 
tigen  Schmerzen  Eukodal  nicht  in  Tablettenform,  sondern  als  Injektion 

ZU  V  Als 'unangenehme  Nebenerscheinung  zeigt  sich  bei  Eukodalzufuhr 
bei  einzelnen  Kranken  lästiges  Hautjucken;  in  2  Fällen  mussten  wir 
wegenUrtikaria  das  Mittel  aussetzen.  In  wenigen  Fallen  beobach¬ 
teten  wir  nach  der  Injektion  leichte  Aufregung  und  Verwirrung,  sehr 
rasch  folgte  aber  darauf  ein  ruhiger  Schlaf.  Die  Darmtätigkeit  wird 
bei  längerer  Eukodalzufuhr  verlangsamt,  in  seltenen  Fallen  beobach¬ 
teten  wir  hartnäckige  Obstipation.  •  u  •  f  n  ^oi 

Mattes  Gefühl,  Uebelkcit  und  Erbrechen  haben  wir  bei  Eukodal 

fast  nie  gesehen.  „  ,  ,  ..... 

Bei  unseren  orthopädisch-chirurgischen  Krankheitsfällen  war  es 
im  allgemeinen  nur  für  kürzere  Zeit,  oft  nur  für  einige  läge  oder  mit 
grösseren  Zwischenpausen  nötig,  schmerzstillende  Mittel  zu  geben. 
In  den  Fällen,  in  denen  längerdauernde  Anwendung  von  Eukodal  oder 
von  Morphium  notwendig  ist,  wie  bei  heftigen  Neuralgien,  schmerz¬ 
haften  chronischen  üelenkerkrankungen  (chronischem  Gelenkrheuma¬ 


tismus,  Arthritis  gonorrh.,  schwerer  Tuberkulose  der  Ge [e”k«>  ISJ 
unbedingt  erforderlich,  möglichst  sparsam  und  vorsichtig  nut  dem 
Gebrauch  von  Eukodal  vorzugehen.  Wenn  auch  dem  Eukodal  eu  g 
Vorzüge  vor  dem  Morphium  nicht  abzusprechen  sind,  ™ 

Gewöhnung  und  niedrigere  Giftdosis,  so  steht  das ;  tukodal  doch  dun 
Morntiium  an  uiftigkeit  bei  ii  b  e  r  m  a  s  s  i  g  e  m  Gebrau  c  h  nicht 
wesentlich  nach.  Man  soll  bei  Eukodal  für  gewöhnlich  nicht 
über  eine  Tagesdosis  von  Ü,06  hinausgehen;  in  schwersten  Fallen 
haben  wir  0,0«  Eukodal  pro  die  verabreicht,  und  zwar  nur  für  höch¬ 
stens  3'  Tage.  Auch  Dosen  von  0,06  sollen  möglichst  sparsam  vtr 
wendet  werden  Für  den  Gebrauch  von  Eukodal  ist  es  für  den  Arzt 
genau  so  wie  für  den  Gebrauch  von  Morphium  strenge  1  flicht,  nur  in 
den  notwendigsten  Fällen  und  für  die  kürzeste  Zeit  die  möglichst  ge¬ 
ringsten  Dosen  anzuwenden.  Als  Schlafmittel  im  allgemeinen  darf 
Eukodal  überhaupt  nicht  in  Frage  kommen,  wie  es  nur  allzuoft  au. 
zu  grosser  Nachgiebigkeit  gegenüber  den  Kranken  geschieht  nur 
wegen  Schlaflosigkeit  infolge  Sch  m  er  z  e  n  kann  Tukodalgegeben 
werden.  Anwendung,  und  Dosierung  des  Eukodals  hat  lediglich  der 
Arzt  zu  bestimmen;  das  Mittel  gehört  nicht  in  die  Hände  des  1  flege- 

personals  oder  gar  des  Kranken.  ,  ?  ,  hp 

Gegen  Schlaflosigkeit,  die  nicht  ursächlich  durch  Schmerzen  be¬ 
dingt  ist,  haben  wir  eine  Reihe  von  guten,  weniger  schädlichen 
Mitteln,  wie  das  Veronal,  Adalin,  Chloralhydrat  und  das  neue  V  - 
luntal  Sehr  vorteilhaft  hat  sich  uns  bei  nervöser  Schlaflosigkeit  und 
zur  Beruhigung  Baldrian  in  Form  von  Tropfen  und  1  ee  bewahrt. 

Bei  Kindern  unter  14  Jahren  geben  wir  vor  einer  Narkose  weder 
Eukodal,  noch  Morphium.  Dagegen  kann  bei  Kindern  selbst  unter 
6  Jahren  zur  Bekämpfung  heftiger  Schmerzen  nach  einem  Rcdics.t 
ment  für  die  ersten  2  Nächte  1  Eukodaltablette  in  2  Hälften  in  Milch 
verabreicht  werden.  Damit  gewinnt  man  eine  Herabsetzung  der 
Schmerzen;  meistens  tritt  bei  den  Kindern,  die  ohnehin  durch  da. 
Schreien  ermüdet  sind,  Schlaf  ein. 

Bei  Kindern  über  5  Jahren  können  nach  Operationen  oder  Re¬ 
dressements  zur  Schmerzbekämpfung  pro  lag  bis  zu  -  1  abletten 
in  bestimmten  Abständen  immer  eine  halbe  lablette  —  mit  Vorteil 

Für  Erwachsene  genügt  als  Einzeldosis  0,01,  bei  kräftigen  Män¬ 
nern  ist  meistens  eine  Dosis  von  0,02  erforderlich. 


aus  der  Behörde  für  öffentliche  Jugendfürsorge  in  Hamburg. 

(Oberarzt:  Dr.  Manchot.)  Abteilung:  Kleinkmderhaus. 

Ueber  Behandlung  der  Diphtheriebazillenträger  im  Säug¬ 
lingsalter  mit  Yatren. 

Von  Dr.  Brügger,  Assistenzarzt. 

Zur  wirksamen  Diphtherieprophylaxe  ist  es  besonders  in  grossen 
Säuglingsanstalten  erforderlich,  ein  Hauptaugenmerk  auf  die  Diph¬ 
theriebazillenträger  zu  richten,  mag  es  sich  nun  um  Säuglinge  han¬ 
deln,  die  nach  einer  Diphtherie  -  und  zwar  kommt  ja  bei  Säuglingen 
vorwiegend  eine  Nasendiohtherie  in  Frage  —  noch  Bazillen  ausschei- 
den  (Bazillenausscheider,  Hauptträger  nach  C  o  n  r  a  d  i),  oder  aber 
um  Säuglinge,  die  selbst  nicht  an  Diphtherie  erkrankt  sind,  bei  denen 
aber  Diphtheriebazillen  kulturell  nachgewiesen  wurden  (eigentliche 
Bazillenträger,  Nebenträger  nach  Conradi).  Viele  Autoren  sind 
nun  der  Ansicht,  dass  die  Diphtherieinfektion  eigentlich  nur  durch  die 
Ausscheider  (Hauptträger)  stattfindet  und  mellt  durch  die  Bazillen¬ 
träger  im  engeren  Sinne  (Nebenträger).  (Conradi,  Schloss¬ 
mann,  S  i  e  g  e  r  t,  Schrammen,  Rohmer  u.  a.)  Danach  konnte 
man  diese  Kinder  mit  anderen  Zusammenlegen.  Andere  Autoren  ver¬ 
langen  aber  auch  Isolierung  und  Behandlung  der  Bazillenträger 
(Bauei,  Schloss,  Seligmann,  Cammerer,  Weich ar dt, 
Pape,  D  r  i  g  a  1  s  k  i,  Sobernheim,  R  i  e  b  o  1  d  u.  a.).  Von  meh¬ 
reren  der  letztgenannten  wird  ausgeführt,  dass  einerseits  von  Bazil¬ 
lenträgern  aus  eine  richtige  Diphtherieerkrankung  übergehen  kann 
auf  Gesunde,  und  dass  anderseits  die  harmlos  schmarotzenden  DjPh- 
theriebazillen  bei  dem  Träger  selbst  die  Ursache  einer  echten  ip  i- 
therie  werden  können,  wenn  das  Kind  durch  andere  Infektionen  ge¬ 
schwächt  wird.  In  erster  Linie  werden  hier  die  Masern  beschuldigt. 
Ausserdem  wird  betont,  dass  im  Anschluss  an  Rachenoperationen  die 
Bazillenträger  an  echter  klinischer  Diphtherie  erkranken  können. 

Auch  an  unserer  Anstalt  sahen  wir  mehrmals  von  Bazillen- 
trägem  aus,  die  mit  anderen  Säuglingen  in  demselben  Raume  lagen, 
eine  Infektion  mit  Diphtherie  ausgehen.  So  erkrankte  ein  gesundes 
Kind,  das  neben  einem  Bazillenträger  lag,  plötzlich  an  Kehlkopfdiph¬ 
therie  Dann  sahen  wir  aber  auch  mehrmals,  wie  Bazillenträger  an 
klinischer  Nasendiphtherie  erkrankten,  vor  allem,  wenn  bei  ihnen 
Masern  auftraten.  Deshalb  wird  in  unserer  Anstalt  dauernd  auch 
nach  Bazillenträgern  gefahndet.  So  werden  bei  jeder  Aufnahme 
Nasenabstriche  gemacht,  ebenso  von  der  ganzen  Umgebung  eines  an 
Diphtherie  erkrankten  Säuglinges.  Die  Abstriche  werden  zur  Unter¬ 
suchung  dem  hygienischen  Institut  eingesandt.  /  .  ,.  D 

Bazillenträger  werden  bei  uns  ebenso  streng  isoliert  wie  die  Ba- 

ZlllCSieht  mandie  Literatur  über  die  Behandlung  der  Diphtheriekeim¬ 
träger  in  den  letzten  10  Jahren  durch,  so  staunt  man  über  die  Man¬ 
nigfaltigkeit  der  angegebenen  Mittel.  Sie  alle  aufzuzahlen,  lohnt  nicht. 
Bei  uns  wurde  vor  allem  mit  10  proz.  Protargolsalbe,  Pinselungen 


1.?.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


909 


mit  Argentum  nitricum-  und  Pyoktanin  -  Lösungen  behandelt.  Einiger- 
inassen  gute  Resultate  wurden  nicht  erzielt. 

Eine  Behandlung  mit  Eukupin  und  Optochin  wurde  hier  nicht  aus¬ 
geführt.  Dagegen  machten  wir  ein  halbes  Jahr  lang  Versuche  mit  dem 
von  Langer  angegebenen  Berieselungsverfahren  mit  Diphthosan. 
Sehr  gute  Resultate  hatte  vor  allem  B  i  c  m  a  n  n.  I  rotz  genauer 
Innehaltung  der  Vorschriften  konnten  wir  nicht  zu  gleich  guten 
Resultaten  kommen. 

Wir  wandten  uns  daher  dem  Yatren  zu,  das  schon  1913  von 
Bise  hoff  und  Kausch  empfohlen  war.  neuerdings  wieder  von 
Riet  sch  el.  Yatren  (Jodoxychinolinsäure  mit  zirka  30  Proz.  Jod¬ 
gehalt.  der  Natron  bicarbonicum  zugesetzt  ist)  ist  ein  sicher  bakteri¬ 
zides  Mittel.  Nach  Bisch  off  werden  Diphtheriebazillen  nach 
35  Minuten  in  5— 10  proz.  Yatrenlösung  abgetötet.  Dabei  soll  nach 
dem  Bericht  der  Behringwerke  die  normale  Körperzelle  in  keiner 
Weise  geschädigt  werden,  selbst  wenn  es  in  reiner  Form  (100  Proz.) 
aufgepudert  wird,  sondern  soll  eine  starke  granulationsanregende 
Wirkung  entfalten  (Sonntag,  Finger,  Pfeiler,  Kaiser, 
Balkhause  n). 

Behandelt  wurden  68  Säuglinge,  und  zwar  37  Bazillenträger  und 
31  Bazillenausscheider.  Sämtliche  klinisch  sicheren  Nasendiphtherien 
wurden  zunächst  mit  Serum,  dann  einige  Tage  mit  essig¬ 
saurer  Tonerde-  oder  Präzipitatsalbe  behandelt,  und  dann  setzte 
Yatrenbehandlung  ein.  Die  Behandlung  mit  Yatren  geschah  bei 
Bazillenträgern  wie  Bazillenausscheidern  in  derselben  Weise:  mittels 
eines  Pulverbläsers  wurde  reines  Yatrenpulver  dreimal  am  Tage  in 
die  Nase  eingeblasen.  Bei  dieser  Manipulation  schrien  natürlich  die 
Säuglinge,  beruhigten  sich  aber  dann  bald  wieder.  Zweimal  wöchent¬ 
lich  wurde  ein  Nasenabstrich  gemacht:  als  geheilt  wurden  die  Fälle 
angesehen,  von  denen  der  Abstrich  dreimal  nacheinander  negativ 
war  und  während  der  nächsten  Monate  negativ  blieb.  Zur  Kontrolle 
wurde  nach  14  Tagen  nach  dem  letzten  der  drei  negativen  Abstriche 
wiederum  ein  Abstrich  gemacht,  dann  alle  4  Wochen. 

Von  den  37  Bazillenträgern  blieben 

25  nach  4  tägiger  Behandlung  negativ, 

3  8  „  „  „ 

2  ,,  14  ,,  ,,  i, 

4  „  3  wöchiger  „  „ 

1  ,,  4  ,,  i,  ,, 

Versager  2. 

Die  beiden  letzten  Säuglinge  zeigten  Besonderheiten. 

1.  J.  K.  Nach  6  wöchiger  Behandlung  waren  noch  Bazillen  nachweisbar. 
Nun  erkrankte  das  Kind  an  Masern  und  zu  gleicher  Zeit  trat  eine  klinisch¬ 
sichere  Nas-endiphtherie  auf.  Hier  zeigte  sich,  wie  die  ursprünglich  harm¬ 
losen  Diphtheriebazillen  Ursache  einer  richtigen  Diphtherie  werden  können. 

2.  W.  B.  Erst  nach  7  wöchiger  Behandlung  waren  keine  Bazillen  nach¬ 
weisbar.  Nach  3 Vi  Monaten  trat  eine  Nasendiphtherie  auf,  4  Tage  darauf  er¬ 
krankte  das  Kind  an  Masern.  Auch  diesen  Fall  haben  wir  als  Versager  be¬ 
trachtet,  da  erst  nach  7  Wochen  der  Erfolg  erreicht  wurde. 

Ob  dann  nach  3Vs  Monaten  eine  Neuübertragung  stattgefunden 
hat,  oder  aber  ob  Diphtheriebazillen  noch  in  irgendeinem  Winkel  des 
Nasenrachenraumes  geschlummert  haben,  die  dann  durch  den  den 
Masern  voraufgehenden  Katarrh  aufgestört  wurden,  lässt  sich  nicht 
feststellen.  Im  letzteren  Fall  wären  wiederum  die  ursprünglich  harm¬ 
losen  Diphtheriebazillen  die  Ursache  der  Diphtherieerkrankung  ge¬ 
wesen. 

Erwähnenswert  sind  in  der  ersten  Rubrik  (Säuglinge,  die  nach 
4  tägiger  Behandlung  negativ  wurden)  2  Fälle,  die  nach  8  tägiger 
Diphthosanbehandlung  positiv  geblieben  sind  und  nach  2  tägiger  Ya¬ 
trenbehandlung  dann  negativ  wurden. 

31  Diphtheriebazillenausscheider  nach  Nasendiphtherie  wurden 
behandelt.  Davon  waren 

12  nach  8  tägiger  Behandlung  negativ, 

8  „  14  „ 

2  „  3  wöchiger  „  „ 

1  ,,  4  ,,  ,,  ,, 

1  yt  O  ,,  ,,  ,, 

Fraglicher  Erfolg  bei  6  Säuglingen. 

Versager  bei  1  Säugling. 

Bei  3  Säuglingen  mit  fraglichem  Erfolg  wurden,  nachdem  2 — 3 
Monate  die  Abstriche  negativ  waren,  wieder  Diphtheriebazillen  ge¬ 
funden.  Nach  14  tägiger  Behandlung  verschwanden  dann  wieder  die 
Bazillen  dauernd.  Die  erste  Behandlungszeit  betrug  bei  einem  dieser 
Säuglinge  14  Tage,  bei  2  Säuglingen  4  Wochen.  Ob  neue  Ueb^rtra- 
gungen  Vorlagen,  oder  ob  Diphtheriebazillen  nach  der  Nasendiph¬ 
therie  noch  irgendwo  verborgen  lagen  und  somit  dem  Nachweis  ent¬ 
gangen  waren,  lässt  sich  nicht  bestimmen.  Zu  erwägen  ist.  dass  die 
Infektionsmöglichkeit  bei  einer  Anzahl  von  etwa  270  Kindern  unter 
2  Jahren  eine  grosse  ist. 

Bei  den  drei  anderen  Säuglingen  der  vorletzten  Gruppe  wurde 
die  Behandlung  wegen  schwerer  anderer  Erkrankung  abgebrochen, 
und  zwar  wegen  Bronchormeumonie.  In  allen  drei  Fällen  hatten  wir 
absolut  keinen  Anhalt  dafür,  dass  die  Lungenerkrankung  in  irgend¬ 
einem  Zusammenhang  mit  der  Yatrenbehandlung  stand. 

Das  erste  Kind  erkrankte  drei  Wochen  nach  Beginn  der  Nasen- 
diphtherie.  als  noch  Bazillen  nachgewiesen  wurden,  an  Masern.  Als 
Komplikation  trat  eine  Bronchopneumonie  auf,  der  das  Kind  erlag, 
wie  wir  überhaupt  in  der  diesjährigen  Masernepidemie  sehr  viele 
Bronchopneumien  mit  tödlichem  Ausgang  erlebten. 

Das  zweite  —  es  handelte  sich  um  ein  kümmerliches,  rachitisches 
Kind  —  erkrankte  zugleich  mit  einer  Infektion  der  oberen  Luftwege 


an  Nasendiphthcric,  weshalb  einige  Tage  darauf  eine  Yatrenbehand¬ 
lung  eingeleitet  wurde.  Das  Kind  überwand  nicht  den  grippalen  In¬ 
fekt,  sondern  nach  8  Tagen  trat  eine  Pneumonie  und  einige  Tage 
später  ein  Pneurriokokkenempyem  auf.  Nach  weiteren  7  Tagen  starb 
das  Kind. 

Das  dritte  war  ein  elender,  tuberkulös  infizierter  Säugling  (Pir¬ 
quet  +  10  mm),  der  sich  eine  Nasendiphtherie  zuzog.  Nach  8  tägiger 
Behandlung,  als  die  akuten  Erscheinungen  der  Nasendiphtherie  zu¬ 
rückgegangen  waren,  trat  ein  grippaler  Infekt  auf,  und  am  Tage  dar¬ 
auf  war  eine  doppelseitige  Bronchopneumonie  nachweisbar,  der  der 
Säugling  erlag.  Bei  der  Sektion  wurden  ausser  doppelseitiger  Unter¬ 
lappenpneumonie  verkäste  Bronchial-  und  Trachealdrüsen  und  ein 
verkäster  Herd  im  linken  Unterlappen  nachgewiesen. 

Als  Versager  haben  wir  einen  Fall  betrachtet,  der  erst  nach  drei 
Monaten  negativ  wurde. 

Zusammenfassend  lässt  sich  sagen,  dass  wir  an  unserer  Anstalt 
mit  der  Behandlung  von  Yatren  bei  Diphtheriebazillenträgern  relativ 
gute  Erfahrungen  machten,  weniger  gute  bei  Diphtheriebazillenaus¬ 
scheidern,  doch  konnten  wir  bis  jetzt  mit  keinem  anderen  Mittel 
gleich  gute  Resultate  wie  mit  Yatren  erzielen. 

Literatur. 

1.  C  o  n  r  a  d  i:  Vorarbeiten  zur  Bekämpfung  der  Diphtherie.  1913, 
Fischer,  Jena.  —  2.  Bauer:  Behandlung  der  Diphthericbazillenträger.  Vor¬ 
trag  auf  der  20.  Versammlung  der  Südwestdeutschen,  niederrheinisch-west¬ 
fälischen  Vereinigung  für  Kinderheilkunde.  Wiesbaden  1913.  —  3.  Gett- 
'kant:  Ueber  Klassenepidemie  von  Diphtherie.  D.m.W.  1913  Nr.  39.  — 
4.  Seligmann  und  Schloss:  Beiträge  zur  Epidemiologie  und  Klinik  der 
Diphtherie.  Zschr.  f.  Kinderhlk.  1912  Nr.  4.  —  5.  Sobcrnheim:  Diph- 
theriebaziller.träger.  Vortr.  i.  d.  Berl.  Med.  Ges.  B.klAV.  1912  Nr.  49.  — ■ 
6.  D  r  i  g  a  1  s  k  i:  Zur  Epidemiologie  und  Bekämpfung  der  Diphtherie.  B.kl.W. 
1912  Nr.  49.  —  7.  Cämerer:  Diphtheriebazillen  im  Säuglingsalter.  Vortr. 
i.  d.  D.  Ges.  f.  Kinderhlk.  in  Wien.  1913.  —  8.  Weichardt  und  Pape: 
Dauerträger  und  Dauerbehandlung  bei  Diphtherie.  Ergebnisse  d.  inn.  Med.  u. 
Kinderhlk.  1913,  11.  —  9.  Schrammen:  Ueber  Diphtheriebazillenträger  in 
einem  Kölner  Schulbezirk.  Zbl.  f.  Bakt.  1913  Nr.  67.  —  10.  Rieb  old: 
M.m.W.  1914  Nr.  14.  • — -  11.  Biemann:  Diphthosanbehandlung  bei  Oiphtherie- 
bazillenträgerü.  M.m.W.  1922  Nr.  1.  —  12.  Bischof  f:  Bekämpfung  der 
Dauererscheinung  von  Bazillen  mittels  Yatren.  D.m.W.  1913  Nr.  38.  — 
13.  Kausch:  D.m.W.  1913  Nr.  48.  —  14.  R  i  e  t  s  c  h  e  1:  Ueber  Yatren.  M.K1. 
1921  Nr.  4§-  —  15.  Ueber  Yatren,  Behringwerke  1923. 


Aus  der  Heilanstalt  für  Herz-  u.  Nervenkrankheiten  München. 

Beitrag  zur  Behandlung  des  Basedow. 

Von  Dr.  Ludwig  Raab. 

Als  der  alte  Merseburger  Kreisarzt  Basedow  im  Jahre  1840 
zum  erstenmal  ein  scharf  umrissenes  Bild  der  Krankheit  gab,  die 
seinen  Namen  unsterblich  machen  sollte,  da  ahnte  er  wohl  kaum, 
welch  schwere  Nuss  er  der  Aerztewelt  mit  dieser  wichtigen,  weit¬ 
verbreiteten  und  in  ihren  unausgeprägten  Formen  oft  schwer  erkenn¬ 
baren  Krankheit  zu  knacken  gab.  Heute  noch  nach  fast  100  Jatiren 
reiflicher  und  fleissiger  Forschung  und  Arbeit  stehen  wir  dem  vahren 
Wesen  dieser  Krankheit  noch  mit  völliger  Unkenntnis  gegenüber. 
So  wird  es  wohl  auch  bleiben,  bis  dereinst  die  Fortschritte  der  bio¬ 
chemischen  Forschung,  als  unserer  nächsten  medizinischen  Zukunfts¬ 
hoffnung,  geeignet  sind,  das  Dunkel  der  pathologischen  Vorgänge, 
welche  mit  dieser  Krankheit  verknüpft  sind,  aufzuhellen  und  auch  der 
Therapie  neue  Wege  zu  bahnen  oder  mindestens  einen  sichereren 
Boden  als  bisher  zu  verschaffen. 

Zur  Zeit  nimmt  man  an,  dass  das  Sekret  der  Thyreoidea  kein 
eigentliches  Hormon  darstellt,  sondern  wenigstens  in  seinem  wesent¬ 
lichen  Teil  der  Entgiftung  bzw.  Neutralisierung  im  intramediären 
Stoffwechsel  entstandener  Toxalbumine  dient.  Bei  Erkrankung  der 
Schilddrüse,  sofern  sie  zu  Basedow  führt,  glaubt  man,  dass  in  einem 
Teil  der  Fälle  zu  viel  Sekret  von  der  Halsdrüse  abgesondert  wird 
und  dass  dieser  Sekretüberschuss,  welcher  zur  Bildung  der  Tox¬ 
albumine  nicht  verwendet  wird,  nun  seinerseits  wieder  giftig  wirkt 
und  so  den  Basedow  erzeugt.  Es  ist  das  der  durch  Hyperttnreoidis- 
mus  entstandene  Basedow.  In  anderen  Fällen  soll  die  Ursache  des 
Basedow  der  Dysthyreoidismus  sein,  d.  h.  es  wird  nicht  zu  viel  S^ki  et 
abgesondert,  wohl  aber  solches,  das  in  seiner  chemischen  Struktur 
fehlerhaft  ist.  Noch  ganz  ungeklärt  ist  die  Rolle,  welche  die  Thymus¬ 
drüse  beim  Zustandekommen  des  Basedow  spielt,  ganz  zu  schweigen 
von  der  Beteiligung  des  Ovarialsystems,  welches  noch  von  einigen 
Autoren  angenommen  wird  auf  Grund  der  Tatsache,  dass  Basedow 
hauptsächlich  eine  Erkrankung  der  Frauen  ist.  Jedenfalls  haben  sich 
therapeutische  Versuche  mit  Thymusdrüsen  und  Ovarialpränaraten 
bisher  als  aussichtslos  erwiesen.  Unbekannt  ist  ferner  der  mögliche 
Einfluss  auf  den  Basedow  seitens  der  naraglandulären  Epithelkörper¬ 
chen,  deren  Exstirpation  bekanntlich  Tetanie  erzeugt,  während  die 
Exstirpation  der  Schilddrüse  zu  Myxödem  führt. 

Die  allgemeine  Anschauung  geht  zurzeit  dahin,  dass  die  Haupt¬ 
quelle  des  Basedow  der  Hyperthyreoidismus  ist.  Dafür  spricht  schon 
die  Vcrgrösserung  der  Schilddrüse  in  der  weit  überwiegenden  Anzahl 
der  Fälle  und  die  Besserung  und  teilweise  Heilung  des  Basedow 
durch  die  Partialexstirpation  des  Organes,  ferner  auch  der  Gegensatz 
der  Symptome  zwischen  Basedow  und  Myxödem,  letzteres  als  Folge 
des  Fehlens  der  Schilddrüse,  während  andererseits  Schilddriisenver- 
fütterung  den  Basedow  zu  verstärken  pflegt. 


910 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


Nr.  26. 


An  Dysthyreoidismus  wäre  dagegen  zu  denken  in  den  Fällen 
basedowoider  Erkrankung,  wo  die  Schilddrüse  nicht  oder '  nur  S' e* ir 
wenig  vergrössert  ist.  Ob  hier,  wie  es  Robin  (B.kl.W.  1913  Nr.  1-0 
als  möglich  hinstellt,  die  Schilddrüse  eine  Rolle  spielt,  ist  nicht  zu 
entscheiden  und  therapeutisch  zurzeit  belanglos. 

Es  ist  ein  Glück  für  die  Medizin,  dass  in  vielen  Fallen  die  I  herapic 
der  tiefgründigen-  Erkenntnis  einer  Krankheit  vorauseilt.  So  auch  hier. 
Ausgehend  von  der  Ueberlegung,  dass  eine  Zufuhr  von  Stoffwechscl- 
produkten,  welche  bei  mangelndem  Schilddrüsensekret  im  schtlJJru- 
scnlosen  tierischen  Körper  entstehen,  bei  dem  Hyperthyreoidismus  des 
Menschen  dem  Uebersekret  der  Schilddrüse  Gelegenheit  zur  Bindung 
gibt  und  die  Giftwirkung  des  übermässigen  Schilddrüsensckrctes  auf¬ 
hebt,  haben  1905  Ballet-Enriquez  'das  Serum  entkropfter  Hunde, 
Burghort  und  Lanz  die  Milch  entkropfter  Ziegen  innerlich  ge¬ 
geben.  Unter  dem  Namen  Rodagen  wurde  dieses  Milchpulver  längere 
Zeit  ordiniert.  Die  Erfolge  waren  recht  gering.  Wesentlich  bessere 
Erfolge  erzielte  erst  Möbius,  als  er  1901  die  Firma  E.  Merck  ver- 
anlasste,  das  Serum  entkropfter  Hammel  zu  verwenden.  Dieses  I  ra- 
parat  hat  sich  bis  heute  als  bestes  Mittel  erhalten  und  wird  in  einer 
umfangreichen  Literatur  vielfach  gerühmt.  Auch  ich  habe  es  längere 
Zeit  verwendet,  ohne  gerade  von  den  Heilerfolgen  bei  pcroraler  Dar- 
reichung  immer  befriedigt  zu  sein.  Ausgehend  von  der  Anschauung, 
dass  alle  hochwertigen  Eiweisspräparate  empfindlichen  Schaden  durch 
die  Aufnahme  in  den  Verdauungstraktus  erleiden  müssen,  habe  ich 
seit  etwa  10  Jahren  meine  Basedowkranken  ausschliesslich  mit  sub¬ 
kutaner  Einspritzung  des  Antithyreoidin  behandelt  und  von  da  an  ganz 
prompte  Erfolge  erzielt  im  Gegensatz  zu  Möbius  und  K 1  e  w  1 1  z, 
welch  letzterer  (D.m.W.  1920  Nr.  35)  auch  heute  noch  behauptet,  dass 
die  Einspritzungen  erfolglos  seien.  Soweit  ich  augenblicklich  die 
Literatur  übersehe,  finde  ich  nur  von  D  e  v  i  c  und  G  a  r  d  e  r  e  einen 
mit  Einspritzung  erfolgreichen  Fall  beschrieben.  Diese  Autoren  gaben 
1  ccm  Serum  alle  2  Tage  während  5  Tagen,  dann  1  ccm  täglich 
10  Tage  lang  und  2  ccm  täglich  während  10  Tagen.  Ich  selbst  gebe 
in  leichteren  Fällen  etwa  20,  in  schwereren  bis  zu  30  Injektionen 
ä  1  ccm  und  zwar  die  ersten  15  täglich,  von  da  ab  jeden  2.  oder  3.  lag. 
Die  Einspritzungen  sind  an  sich  vollkommen  reizlos  und  ohne  jede 
Nebenwirkung.  Nun  hat  sich  bei  der  Verwendung  der  üblichen 
Fläschchen  trotz  sorgfältigster  Aseptik  des  Spritzenmateriales  gezeigt, 
dass  sich  sehr  leicht  am  Tage  nach  der  Einspritzung  entzündliche  Röte 
der  Injektionsstelle,  verbunden  mit  Druckempfindlichkeit  und  be¬ 
sonders  auch  Juckreiz,  einstellte,  worüber  die  Kranken,  obwohl  die 
Erscheinung  nach  2—3  'Tagen  ohne  jede  Folgeerscheinung  wieder  ver- 
schwand,  sich  mehr  oder  minder  beklagten,  so  dass  ich  mich  öftei  zur 
Aussetzung  des  Mittels  genötigt  sah.  Diese  unliebsame  Erscheinung 
trat  prompt  ein,  wenn  entweder  der  Fläschcheninhalt  an  sich  schon 
leichte  Trübung  zeigte  oder  wenn  die  Trübung  einige  Tage  nach 
Oeffnung  eines  Fläschchens  auftrat,  was  besonders  in  den  Sommer¬ 
monaten  bald  der  Fall  zu  sein  pflegte.  Ich  habe  nun  die  Firma  Merck 
veranlasst,  das  Serum  in  Ampullenform  ä  1  ccm  zu  Injektionszwecken 
zu  bringen.  Seitdem  kommen  die  Erytheme  nur  noch  äusserst  selten 
in  meine  Beobachtung.  Gründliche  Reinigung  der  Spritze  und  Nadel, 
am  besten  mit  destilliertem  Wasser,  ist  nach  jeder  Applikation  natür¬ 
lich  Vorbedingung;  auch  ist  es  nötig,  die  Ampullen  an  einem  kühlen 
ürt  aufzubewahren.  Die  Einspritzung  selbst  mache  ich  stets  ab¬ 
wechselnd  in  den  rechten  und  linken  oberen  Quadranten  des  Gesässes 
intramuskulär  mit  langsamer  Einführung  des  Spritzeninhaltes. 

Zugunsten  der  Injektionstherapie  spricht  auch  der  sparsame  Ver¬ 
brauch  dieses  an  sich  und  heutzutage  doppelt  kostbaren  Stoffes.  Ich 
brauche  für  eine  Injektionskur  höchstens  30  ccm.  für  eine  interne 
Behandlung  mindestens  50  ccm,  in  der  Regel  wesentlich  mehr,  wozu 
noch  der  manchen  Kranken  manchmal  nicht  zusagende  Geschmack 
des  mit  einem  Konservierungsmittel  versetzten  Mittels  kommt. 


Auf  Grund  meiner  langjährigen  guten  Erfahrungen  mit  der  Injek¬ 
tionsbehandlung  stehe  ich  heute  auf  dem  Standpunkt,  jeden  Fall  von 
Basedow  oder  Basedowoid  mit  Serum  zu  behandeln,  da  man  damit 
keinerlei  Risiko  läuft.  Dies  gilt  auch  für  die  Fälle  von  möglichem 
Disthyreoidismus,  für  den  das  Fehlen  der  Drüsenschwellung  spricht 
wenn  auch  keineswegs  immer.  Erst  der  Misserfolg  der  Serumbehand¬ 
lung  rechtfertigt  etwa  einen  vorsichtigen  Versuch  mit  Jodmedikation 
in  solchen  zweifelhaften  Fällen.  Ich  habe  hier  als  bestes  Präparat 
die  Jodtinktur  erkannt,  von  der  ich  erst  1  '1  ropfen  3  mal  täglich  und 
dann  steigend  bis  zu  10  'Tropfen  in  %  Tasse  Wasser  nach  dem  Essen 
nehmen  lasse.  Mit  Rücksicht  auf  die  Ungefährlichkeit  und  vielfach 
ausserordentliche  Wirksamkeit  des  Basedowserums  soll  meines  Er¬ 
achtens  zunächst  jeder  Basedow,  bevor  er  der  Operation  zugefiihrt 
wird,  mit  Serum  behandelt  werden.  Nur  die  Anzeichen  von  I  racheal- 
kompression  seitens  der  vergrösserten  Drüse  sind  für  midi  absolute 
Indikation  für  den  chirurgischen  Eingriff,  da  ich  bis  Jetzt  noch  nie, 
selbst  bei  eintretender  Verkleinerung  des  Halsumfanges  durch  die 
Injektionsbehandlung,  eine  Besserung  des  Drüsendruckes  auf  die 
Trachea  in  solchen  Fällen  beobachtete.  • 

Nicht  unerwähnt  darf  ich  lassen,  dass  ich  zur  Bekämpfung  dei 
kardiovaskulären  Symptome  fast  regelmässig  neben  der  Antithyrcoidin- 
behandlung  eine  Behandlung  mit  elektrolytischen  Vollbädern  einher- 
gelien  lasse,  wie  ja  auch  eine  Reihe  von  Autoren  Kohlensäurcbader- 
behandlung  damit  kombinierte.  Wenn  auch  von  einigen  Autoren,  so 
von  Aronstein  (M.m.W.  1906  Nr.  32).  ein  Rückgang  der  Herz- 
erweiterung  durch  Bascdowseruiri  beobachtet  wurde,  glaube  ich  doch 
nach  meinen  Beobachtungen  feststellen  zu  müssen,  dass  gerade  auf  die 
gleichzeitig  meist  vorhandene  Herzerweiterung  und  Herzinsuffizienz 


das  Serum  den  geringst  bemerkbaren  Einfluss  zu  haben  pflegt.  Um¬ 
gekehrt  hat  auch  die  Erfahrung  gelehrt,  dass  wieder  die  Baderbehand- 
lung  —  ich  habe  auch  kohlensaure  Solebäder  versucht  —  in  bezug 
auf  die  Beeinflussung  der  nervösen  Symptome  zu  wünschen  übrig 
lässt  wenn  auch  die  Erfolge  der  unkombinierten  Bäderbehandlung, 
wie  auch  Stein  (Zschr.  f.  Bakt.  4.  Jg.  Nr.  14)  berichtet,  an  sich  schon 
recht  überraschend  waren. 

Endich  möchte  ich  auch  erwähnen,  dass  in  den  rallen,  wo  der 
Basedow  mit  Magendarmsymptomen,  insbesondere  Diarrhöen,  ver¬ 
knüpft  ist,  nach  dem  Vorgang  von  Schnee  (Zbl.  f.  inn.  Med.  1913 
Nr.  19)  die  Verabfolgung  von  Pankreontabletten  gute  Dienste  leistete. 

Zur  Beleuchtung  der  vorstehenden  Ausführungen  füge  ich  im 
folgenden  einige  besondere  Fälle  aus  dem  vorhandenen  Material  an. 

Baronin  K.  in  M.  38  Jahre  alt. 

Anamnese:  Klage  über  ständiges  Herzklopfen,  Neigung  zu  lästigen 
Schweissen,  besonders  nachts,  fortwährende  Unruhe  und  Herzklopfen,  Mattig¬ 
keit,  eingenommener  Kopf,  Zittern  der  Hände,  zunehmende  Abmagerung  und 
häufige  plötzliche  Durchfälle.  Kuren  mit  Antithyreoidin  (innerlich)  und  Roda¬ 
gen  zweimal  ohne  Erfolg. 

Status:  Magere  Dame,  blass,  49  kg  netto,  Grösse  160  cm,  Herztöne 
rein.  Ruls  in  Ruhe  104,  gespannt  mittelvoll.  Herz  erheblich  erweitert.  Ortho- 
diagramm  4  cm  über  rechte  Faustgrösse,  BuLbi  etwas  vorgetrieben,  Gräfe  und 
Stellwag  +,  Romberg:  etwas  Schwanken,  leichter  Tremor  manuum,  Salzsäure¬ 
gehalt  des  Magens  normal,  rechte  Schilddrüse  etwas  vergrössert.  Behandlung 
vom  3.  Vll.  13  bis  1.  VIII.  13  mit  faradischen  und  galvanischen  Vollbädern. 
Herzrückgang  von  Längsdurchmesser  15,5  auf  12,3  cm.  Guerdurchtnesscr  14,0 
auf  12,S  cm,  Ruls  noch  104  p.  M.  Fühlt  sich  leistungsfähiger.  Kopf  frei,  Schlaf 
ruhiger,  sonst  keine  Besserung,  Gewicht  gleich  geblieben.  Antithyreoidm- 
injektion  vom  1.  VIII.  13  bis  30.  VIII.  13  täglich.  Nach  10  Einspritzungen 
lassen  Tremor  und  Unruhe  nach.  Puls  vom  11.  VIII.  13:  84  p.  M.,  noch) 
Schweisse  und  Durchfälle. 

Am  20.  VIII.  13  keine  Schweisse  mehr,  kein  Tremor,  fühlt  sich  sehr  wohl, 
geht  ohne  Beschwerden  2  Stunden  lang.  Appetit  zunehmend,  Gewicht  51  kg. 

Am  15.  IX.  13  entlassen,  nachdem  Kranke  beschwerdefrei  kleinere  Berg- 
touren  gemacht  hat,  Gewicht  53  kg,  kein  Tremor,  'keine  Schweisse,  fühlt  sich 
frisch  und  leistungsfähig. 

Frau  E.  K.  in  M.,  26  Jahre  alt. 

Anamnese:  Klage  über  Herzklopfen,  Angstgefühle,  ständige  Müdig¬ 
keit  und  innere  Unruhe,  Neigung  zu  Schweissen,  Schlaf  unruhig. 

Status  praes.:  Guter  Ernährungszustand,  leichte  Protrusio  bulbo. 
Romberg:  leichtes  Schwanken  und  bemerkbarer  Tremor  an  den  Händen, 
Schilddrüse  beiderseits  gleichmässig  etwas  vergrössert,  Herz  etwas  ver¬ 
grössert,  Puls  im  Stehen  120  p.  M.,  im  Liegen  104,  sehr  weiche  Pulskurve, 
gleichmässig,  aber  hoch  und  ohne  Spannung  stark  dikrot  (nach  meinen  Er¬ 
fahrungen  eine  für  Basedow  charakteristische  Form  der  Pulskurve).  Sonst 
kein  Befund.  Behandlung:  Lediglich  Antithyreoidin.  Nach  20  Injektionen  vom 
27.  III.  20  bis  21.  4.  20  Herzgrösse  unverändert,  Schilddrüsenumfang  1,5  cm 
verringert.  Romberg  ohne  Befund,  Puls  86,  im  Liegen  78.  Kurve  wesentlich 
niederer,  zeigt  wieder  Etastizitätsschwankungen.  Subjektives  Befinden  sehr 
gut  und  beschwerdefrei.  Ist  seitdem  so  geblieben. 

Frau  K.  M.  in  M..  61  Jahre  alt:  27.  VII.  21. 

Anamnese:  Seit  I  Jahr  Herzklopfen,  grosse  Schwäche,  kann  kaum 
gehen,  Stiche  in  der  Herzgegend,  viel  Durst,  Hals  stets  trocken,  Schlaf  ganz¬ 
schlecht,  schwere  Träume.  Appetit  schlecht,  Neigung  zum  Erbrechen,  viel 
Kopfweh. 

Status:  Zystenkropf  faustgross  rechts,  Tremor  der  Hände,  Haut 
des  ganzen  Körpers  feucht,  keine  Vortreibung  der  Bulbi,  Abmagerung,  schi- 
bleich,  Gewicht  60  kg  netto,  Grösse  165  cm,  Herz  stark  vergrössert  (Längs¬ 
durchmesser  16,5  cm,  Querdurchmesser  13  cm),  Elektrokardiogramm:  Vorhof¬ 
tachykardie,  totale  Arhythmie,  Harn  leichte  Eiweisstrübung.  Leber  vergrössert. 
Behandlung:  Zunächst  elektrische  Vollbäder  und  Antithyreoidin  innerlich. 
Am  7.  IX.  21  Herz  verkleinert  (Längsdurchmesser  14  cm,  Querdurchmesser 
11  cm),  kann  2  Stunden  ohne  Beschwerden  gehen,  Hals  weniger  trocken,  Herz 
noch  unruhig,  Schweisse  noch  lebhaft,  Magen  besser,  ebenso  Schlaf.  Tremor 
besteht  weiter.  Befinden  noch  wenig  befriedigend.  Vom  7.  IX.  21  bis  17.  X.  21 
30  Antithyrcoidininjektionen  nebst  Chinidin  innerlich.  27.  X.  21:  Kranke  unter¬ 
sucht  nach  einem  dreistündigen  Weg  mit  Besteigung  des  Klosterberges 
Andechs.  Fühlt  sich  vollkommen  wohl.  Objektiv:  Puls  regelmässig 
(Chinidinwirkung?),  kein  Tremor  mehr,  keine  feuchte  Haut.  Kropf  unverändert, 
Urin  ei  weissfrei,  Elektrokardiogramm:  Vorhofarbeit  normal,  Leber  nicht  mehr 
vergrössert.  Vom  27.  VI.  22  bis  2.  VIII.  22  nochmals  Behandlung  nötig  der 
gleichen  Art  und  mit  gleichem  Erfolg. 

Frau  U.  L.  in  R.,  54  Jahre  alt:  20.  IX.  21. 

Klagt  über  beinahe  völlige  Schlaflosigkeit  seit  fast  4  Monaten,  Abend¬ 
temperatur  37.6  Achselhöhle,  Hitzegefühle,  beim  Steigen  und  auch  im  Bett 
Atemnot,  viel  Herzklopfen,  Unruhe  in  den  Beinen,  Verdauung  gut. 

Statuspraes.:  Sehr  blass  und  mager  Gewicht  50  kg,  Grösse  160  cm, 
syst.  Geräusch  an  der  Herzspitze,  Puls  klein,  weich,  in  Kurve  ungleichmässig 
hoch.  Hämoglobin  Sahli  75  Proz.  Schilddrüse  rechts  vergrössert,  Herz: 
Längsdurchmesser  14  cm,  Querlurchmesser  13  m,  Blutdruck  RR.  145  mm  Hg, 
syst.  Puls  132  p.  M.,  schwache  Hervortreibung  der  Bulbi,  Stellwag  positiv, 
Urin  enthält  0,1  Proz.  Zucker. 

Therapie:  Arsenikinjektionen  und  elektrische  Vollbäder.  Am 
4.  XI.  21  Hämoglobin  100  Proz.,  Gewichtszunahme  2  Pfd.,  Herzrückg-.ing 
(Längsdurchmesser  11,5  cm,  Querdurchmesser  10  cm),  Schlaf  besser,  Herz¬ 
klopfen  besteht  noch,  körperlich  leistungsfähiger,  Temperatur  abends  37,4 
und  37,5  in  der  Scheide.  Ordination  Antithyreoidin:  Nach  10  Injektionen 
Puls  96,  Blutdruck  125  mm  Hg,  Harn  zuckerfrei,  schläft  7  Stunden,  keine 
Hitze  mehr,  Temperatur  36,9  bis  37  abends  in  der  Scheide,  Unruhe  ver¬ 
schwunden.  Entlassen  am  16.  XI.  21  nach  Besteigung  eines  1700  m  hohen 
Berges  bei  vollem  Wohlbefinden  und  nach  30  Seruminjektionen  im  ganzen. 
Harn  bleibt  zuckerfrei. 

Frau  J.  M.  aus  P.,  47  Jahre  alt:  2.  VI.  21. 

Zittern  an  Händen  und  Füssen,  sehr  lästiges  Brausen  in  den  Ohren,  viel 
Herzklopfen  und  Schweisse,  sehr  erregbar,  stets  müde,  nur  2  Stunden  Schlaf. 
Starke  Abmagerung,  Appetit  gering.  Befund:  Rechte  Schilddrüse  vergrössert, 
Kyphoskoliose  (leichte),  sehr  mager,  leichter  Tremor  der  Hände,  Haut  feucht, 
keine  Basedowsymptome  der  Augen,  Herz  normal  gross,  2.  Gefässtöne  betont. 
Puls  132  im  Stehen,  86  im  Liegen,  schnellend  und  in  Kurve  Schleuderpuls  ohne 


WICHTIGE 

NEUERUNG 


Hiermit  mache  ich  Ihnen  die  wichtige  Mit¬ 
teilung,  daß  ich  seit  einiger  Zeit  Röntgenröhren 
herstelle,  bei  deren  Anfertigung  zum  Teil 
überhaupt  kein  Platin  mehr,  zum  Teil  nur  noch 
sehr  geringe  Mengen  Platin  zur  Verwendung 
gelangen.  Nach  monatelangen  Versuchen  in 
meinem  Laboratorium  wie  auch  in  einer 
großen  Anzahl  führender  Kliniken  und  bei 
führenden  Privatärzten  habe  ich  diese  Her¬ 
stellung  zur  normalen  gemacht,  da  sie  für 
die  Kliniken  und  Ärzte  eine  außerordentliche 
Ersparnis  bedeutet,  und  da  in  allen  Fällen 
einwandfrei  nachgewiesen  ist,  daß  diese  Röh¬ 
ren  den  Platinröhren  sowohl  an  Lebensdauer 
wie  Leistung  nicht  im  geringsten  nachstehen. 
Die  Röhren  der  neuen  Bauart  sind  durch  den 
eingeätzten  Buchstaben  „C“  und  durch  eine 
Nummer  kenntlich  gemacht.  Selbstverständ¬ 
lich  liefere  ich  auf  Wunsch  nach  wie  vor  meine 
Röhren  in  der  alten  Ausführung  mit  Platin. 

C.ILF.MÜLLER 

Spezialfabrik  für  Röntgenröhren 

HAMBURG  15,  Hammerbrookstraße  93 
BERLIN  N  4,  Chausseestraße  117 
MÜNCHEN,  Schwanthalerstr.  170 
BONN,  Hindenburgstraße  63 
LUZERN,  Museggstraße  4 
WIEN  VIII,  Alserstraße  69 


Anton  Lettenbauer.  Hamburg  1 


ii3i  mus  gnngiminA  ntnab  bd  ^Ifejgred 
naon  lun  IbT  mih  firlam  n^ßl^  nbd  Jqußdisdü 
gnnbnsvmV  mx  niiiiq  rtagnaM  agnhag  ida2 
ni  narfougiaV  rbgnßbjßnom  dosl/l  '“.nagnßbg 
larirj  ni  rfoijß  aiw  mbiioißiodßJ  msnbrn 
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13.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


911 


Spannung  und  ungleich  hoch,  Herzstoss  hebend,  Karotiden  pulsierend,  Blut¬ 
druck  1<>4  nun  Hg  syst. 

Vom  2.  VI.  21  bis  15.  VII.  21  30  Antithyreoidininjcktionen,  Schweisse 
haben  aufgehört,  Herz  ruhiger.  Puls  100,  Schlaf  wesentlich  besser.  Puls 
besser  gespannt,  Kurve  zeigt  noch  umfangreiche  Höhe,  aber  keine  Schleude¬ 
rung,  Appetit  gut,  Unruhe  gering,  Leistungsfähigkeit  noch  gering.  Ordination: 
Von  du  ab  elektrische  Bäder  ohne  Antithyrcoidin  und  Halsgalvanisation.  Am 
21.  IX.  21  entlassen  nach  einer  Bergbesteigung  frei  von  jeder  Beschwerde, 
objektiv  Herztöne  normal  betont,  Pulsbild  gleichmässig,  Puls  84  im  Stehen, 
72  im  1  iegen.  b  Pfd.  Gewichtszunahme,  Herzstoss  schwach  sichtbar  und 
fühlbar.  Schläft'  nachts  durch.  Bis  jetzt  (Oktober  1922)  gesund  geblieben. 

Frl.  M.  R.  aus  Z.,  22%  Jahre  alt:  19.  VI.  22. 

Herzklopfen  mit  Zittern  am  Körper,  Schwächezustände  mit  Hitzegeiühlen 
im  Kopf,  Schlaf  sehr  schlecht,  Anfälle  von  Schweissen  und  Hitze,  viel  Angst¬ 
zustände.  Schon  viel  behandelt  wegen  nervöser  Herzschwäche. 

Status  praes. :  Protrus.  bulbor.,  Schilddrüse  nicht  fühlbar.  Stell¬ 
wag  und  Graefc  positiv.  Gesicht  stark  gerötet,  Herztöne  rein,  Herz  etwas  ver- 
grössert,  Blutdruck  145  systol..  Puls  72,  gleichmässig  voll.  Nervensystem  ohne 
Befund.  Ordination:  Zunächst  elektrische  Vollbäder,  ab  17.  Vll.  22  Anti- 
thyreoidininjektionen,  da  Hitze,  Schwäche  und  schlechter  Schlaf  noch  fort- 
bestehen.  Nach  28  Injektionen  am  16.  VIII.  22  entlassen.  Schlaf  gut, 
Hitze- und  Schwächeanfälle  nur  selten  mehr  auftretend.  Tritt  als  Beschliesserin 
in  Landwirtschaftsbetrieb,  wo  sie  bis  jetzt  (Oktober  1922)  voll  leistungsfähig 
ist.  Die  Protrus.  bulb.  besteht  noch  fort. 

Ich  wiederhole  zusatnmenfassend,  dass  mir  die  Antithyreoidin- 
injektionsbehandlung  hei  Basedow  sehr  sute  Dienste  geleistet  hat  and 
dass  es  sich  nach  meinen  Erfahrungen  empfiehlt,  der  Operation,  sofern 
diese  nicht  dringend  indiziert  ist,  stets  eine  Serumbehandlung  voraus¬ 
zuschicken;  sie  kann  unter  Umständen  einen  chirurgischen  Eingriff 
erübrigen.  _ 

Luminaltherapie  unter  besonderer  Berücksichtigung  der 
Giftigkeit  und  der  endolumbalen  Anwendung. 

Von  Dr.  Albert  Gmelin,  Stetten  i.  R. 

Seitdem  das  Luminal  von  Impens  auf  seine  Giftigkeit  an  lieren 
genau  untersucht  und  daraufhin  1912  der  Hand  des  Arztes  zunächst 
als  Schlafmittel  und  dann  nach  H  a  u  p  t  m  a  n  n  s  erfreulicher  Ent¬ 
deckung  als  Epilepsiemittel  übergeben  wurde,  hat  sich  eine  stattliche 
Anzahl  von  Aerzten  (in  der  Hauptsache  waren  es  Nervenärzte)  mit 
diesem  Mittel  beschäftigt,  ln  den  bisher  erschienenen  200  zum  I  eil 
sehr  eingehenden  Arbeiten  über  Luminal  sprechen  sich  so  ziemlich 
alle  Autoren,  deren  Beobachtungen  von  einem  gröseren  Material  aus¬ 
gehen,  anerkennend  darüber  aus,  dass  Luminal  sowohl  als  Schlaf-, 
wie  als  einzig  dastehendes  Epilepsiemittel  ein  erstklassiges  Medi¬ 
kament  darstellt.  In  einer  grösseren  Anzahl  dieser  Arbeiten  wird 
ausserdem  besonders  betont,  dass  gar  keine  schädlichen  Neben¬ 
erscheinungen  und  keine  Gewöhnung  beobachtet  werden  konnte, 
selbst  bei  jahrelangem  Gebrauch.  Es  mutet  aber  nicht  verwunderliüi 
an.  dass  über  ein  Mittel  von  der  Bedeutung  des  Luminals  im  Laufe 
der  Zeit  auch  Mitteilungen  laut  werden  von  gelegentlichen  Nebenwir¬ 
kungen  der  verschiedensten  Art.  Richtig  sagt  ein  bedeutender  Kli¬ 
niker:  „Ein  wirksames  Hypnotikum,  das  völlig  gefahrlos  ist  und  in 
Drogerien  in  beliebiger  Menge  von  jedermann  gekauft  werden  kann, 
wird  von  der  Wissenschaft  niemals  erfunden  werden“  (Stein).  Im 
übrigen  handelt  es  sich  in  beträchtlicher  Anzahl  der  Berichte  über 
schädliche  Nebenwirkungen  um  Suizidversuche  oder  irrtümliche  Ver¬ 
wendung,  wobei  zum  Teil  ungeheure  Dosen  eingenommen  wurden ')• 
Dagegen  hat  das  Gesetz  durch  den  Reichsratsbeschluss  vom  12.  Fe¬ 
bruar  1920,  der  die  Abgabe  des  Mittels  durch  die  Apotheker  von 
jedesmal  erneutem  Rezept  abhängig  macht,  einen  Riegel  vorge¬ 
schoben.  Anderseits  wird  von  den  Autoren  bei  Berichten  über 
Nebenwirkungen  immer  wieder  betont,  dass  hierbei  eine  gewisse 
Ueberempfindlichkeit  „vasomotorische  Uebererregbarkeit“  (Luce 
und  Fei  gl)  mitspielt.  Solche  Fälle  zur  Kritik  über  therapeutische 
Verwendungsmöglichkeit  heranzuziehen,  ist  natürlich  nicht  ohne  wei¬ 
teres  angängig.  Es  ist  doch  bezeichnend,  wenn  wir  im  Jahre  1921 
von  englischer  Seite  (G  o  1  i  a)  erfahren,  dass  es  schade  sei,  dass  ein 
solch  wichtiges  Arzneimittel  wie  das  Luminal  nicht  in  England 
hergestellt  werden  könne,  sondern  von  Deutschland  bezogen  werden 
müsse. 

Trotzdem  das  Luminal  seinem  inneren  Aufbau  nach  nahe  Ver¬ 
wandtschaft  mit  Veronal  zeigt, 'ist  es  bis  heute  nicht  in  die  Listen  der 
mit  Höchstgabe  versehenen  Arzneimittel  aufgenomnten,  obgleich 
dieses  von  einzelnen  Forschern  (besonders  Hcinsius)  schon  1914 
energisch  verlangt  wurde.  Immer  ist  auch  zu  berücksichtigen,  dass 
von  verschiedenen  Stellen  gelegentlich  eine  leicht  kumulative  Wir¬ 
kung  beobachtet  wurde. 

Trotz  der  schon  ziemlich  umfangreichen  Literatur  über  Luminal, 
speziell  bei  Epilepsie,  glaube  ich  doch,  auch  meine  Beobachtungen  an 
einem  grösseren  Material  aus  der  Heil-  und  Pflegeanstalt  für  Epilep¬ 
tische  und  Schwachsinnige  zu  Stetten  im  Remstal  veröffentlichen  zu 
müssen,  zumal  ich  angesichts  der  veröffentlichten  Nebenerscheinungen 
besonders  mein  Augenmerk  auf  die  Giftigkeit  des  Luminals  richtete 
und  dabei  eine  m.W.  neue  Beobachtung  machen  konnte. 

Itn  Oktober  1919  wurde  hier  bei  den  durchschnittlich  188  epilep¬ 
tischen  Pfleglingen  ganz  langsam,  aber  gleichmässig  ein  Abbau  der 

')  Aus  Raummangel  sei  hier  nur  die  Literatur  verwiesen.  Ausführ¬ 
lich  werden  Vergiftungsfälle  berichtet  von:  Hajek.  Hering,  MoNertncy, 

Ungar. 


Bromgaben  und  Ersatz  dieser  durch  Luminal  durchgeführt.  Die 
Tagesgabe  für  den  einzelnen  Kranken  war  anfangs  0,05  Luminalnatrium 
oder  0,045  Luminal.  Heute  ist  sie  durchschnittlich  0,15,  wobei  seit 
Juli  1922  kein  Brom  mehr  verabreicht  wird.  Bei  den  durchschnittlich 
30  epileptischen  Pfleglingen  der  Zweiganstalt  Rommelshausen  wird 
heute  noch  Brom  neben  Luminal  gegeben,  und  zwar  aus  der  Erfau- 
rting  heraus,  dass  bei  alten,  geistig  stark  geschädigten  und  verblöde¬ 
ten  Epileptikern  dieses  zuträglicher  erscheint.  In  der  Hauptsache 
wird  das  Luminal  in  Tablettenform  und  das  Luminalnatrium  in  einer 
Lösung  2,0  zu  100,0  per  os  gegeben.  Gelegentliche  Versuche  der 
Einspritzungen  unter  die  Haut  oder  in  den  Muskel  brachten  keine 
bessere  Wirkung  und  werden  deshalb  heute  nicht  mehr  gemacht.  Die 
Wirkung  der  Einverleibung  unter  die  Haut  scheint  nach  neuen  Be¬ 
obachtungen  verlangsamt  und  weniger  sicher  zu  sein  gegenüber  der 
oralen  Anwendung.  Die  Beobachtung  an  anderer  Stelle,  dass  bei  Ein¬ 
spritzung  einer  konzentrierten,  nicht  isotonischen  Lösung  oberfläch¬ 
lich  unter  die  Haut  gelegentlich  Entzündungen  und  brandiges  Ab¬ 
sterben  der  Haut  an  der  Einstichstelle  gefunden  wurden,  ist  weiter 
nicht  zu  verwundern.  Schädliche  Wirkung  irgendwel¬ 
cher  Art  konnte  ich  nie  beobachten.  Dies  mag  der  von 
vornherein  angewandten  Vorsicht  und  der  Befolgung  aller  früher  in 
der  Literatur  gegebenen  Ratschläge  zuzuschreiben  sein.  Sowie  ein 
Krampfkranker  auch  nur  die  leiseste  Empfindung  von  Taumeligsein 
äusserte,  erhielt  er  sofort  eine  etwas  nach  unten  abgerundete  Tages¬ 
und  Einzelgabe. 

Ein  ganz  neues  Gebiet  der  Anwendung  des  Luminals  eröffnete 
sich  mir,  als  ich  gelegentlich  einer  Lumbalpunktion  eine  intralumbale 
Verabreichung’  des  in  steriler  Lösung  befindlichen  Luminalnatriums 
(2  ccm  einer  Lösung  5,0  zu  100,0  =  0,1  g  Luminalnatrium)  machte.  Es 
trat  keine  Schlafwirkung  ein,  der  Kranke  bekam  kurze  Zeit  nach¬ 
her  Kopfweh  und  Fieber,  das  nach  etwa  12  Stunden  seinen  Höhepunkt 
(bis  39,5)  überschritt  und  nach  etwa  12—14  Stunden  verschwunden 
war.  Dieser  Versuch  wurde  wiederholt.  Vereinzelt  traten  Neben¬ 
erscheinungen  (Hirnreizungen:  Pulsverlangsamung,  Erbrechen,  leicht- 
gradige  Nackensteifigkeit,  Schwindel  beim  Aufrichten  im  Bett)  auf, 
jedoch  waren  dieselben  stets  geringgradig  und  vorübergehend.  Im 
Liquor  cerebrospinalis  fanden  sich  bei  der  erst  maligen  Lumbal¬ 
punktion  vor  der  erstmaligen  endolumbalen  Verabreichung  des  Mittels 
nur  vereinzelte  Zellen  (höchstens  2  Zellen  in  der  Fuchs-Rosenthal- 
Kammer),  während  2  Tage  nach  der  Verabreichung  des  Mittels  auf 
endolumbalem  Wege  die  30 — 60  fache  Zahl  (etwa  15 — 120  Zellen  im 
emtn)  gezählt  wurden.  3 — 5  Tage  später  konnten  die  Kranken  wieder 
aufstehen  und  blieben  längere  Zeit  anfallfrei. 

Es  war  mir  nun  von  ausserordentlicher  Wichtigkeit,  dass  in  der 
M.m.W.  1922,  Heft  50,  von  Strecker  über  ähnliche  Wirkungen  bei 
endolumbaler  Verabreichung  von  Tetra-ß-Hydronaphthylamin  be¬ 
richtet  wurde.  Zu  Vergleichszwecken  Hess  ich  von  M  e  r  c  k  -  Darm¬ 
stadt  T-ß-N.  kommen  und  fand,  dass  T-ß-N.  stärkere  'I  emperaturreize, 
nicht  aber  dieselbe  anfallhemmende  Wirkung  äusserte  wie  Luminal. 

Anderseits  glaube  ich,  nach  den  bisherigen  (nur  12)  Beobach¬ 
tungen  schliessen  zu  können,  dass  das  Luminal  wie  das  I-ß-N.,  endo- 
lumbal  verabreicht,  eine  Reiz  Wirkung  auf  das  Grosshirn  und  seine 
Häute  ausübt,  wie  dies  ähnlich  durch  Proteinkörper  (Xifalmilch)  zu 
erreichen  erstrebt  wurde.  Seit  Frühjahr  192.0  habe  ich  bei  jeder  Form 
von  gehäuften  Anfällen  Lumbalpunktion  gemacht  und  habe  diese  von 
vielen  Forschern  als  glänzend  bewährte  Art  der  augenscheinlichen 
Entlastung  des  geplagten  Kranken  stets  mit  guten  Erfolgen  angewandt. 

Dass  das  Fieber  auch  sonst  in  gewissem  Grade  anfallhemmend 
mitwirkt,  ist  eine  dem  Epileptiker  und  seinem  Arzt  bekannte  I  atsache. 

Exantheme  wurden  neben  den  obengeschilderten  Hirnreizungen 
nie  beobachtet.  Die  Kranken  klagten  noch  etwa  acht  Tage  über  ge¬ 
ringe  Mattigkeit  wie  nach  einer  Krankheit  leichten  Grades,  waren 
aber  bisher  alle  des  Dankes  voll  wegen  der  teilweise  gänzlichen 
Beseitigung  ihrer  Anfälle. 

Diese  Erfahrungen  seien  als  vorläufige  Mitteilung  den  Giftwir- 
kutigen  des  Luminals  entgegengesetzt.  Weitere  Fragen  sind  die: 
einerseits,  ob  Luminal  im  Blute  des  Epileptikers  Veränderungen  an 
Zahl  der  Blutplättchen,  oder  ob  es  auf  den  Grad  des  Füllungszustan¬ 
des  der  Blutgefässe  im  Gehirn  eine  direkte  oder  indirekte  Wirkung 
ausübt,  anderseits,  ob  das  Luminal  bei  dieser  Form  der  Verabrei¬ 
chung  eine  Art  Therapie  im  Sinne  Weich  ardts  unspezifischer 
Reiztherapie  ausübt,  auf  „chronisch  latente“  (nicht  gänzlich  abge- 
laufene)  Hirnhautentzündungen,  deren  Ausdruck  nach  meiner  Auffas¬ 
sung  die  Epilepsie  in  vielen  Fällen  darstellt. 

Damit  wären  dem  Luminal  neue  Aufgaben  gestellt,  und  es  könnte 
trotz  Haupt  man  ns  Warnung  (M.m.W.  1919,  S.  1321)  auf  diesem 
Wege  das  Heil  für  eine  wissenschaftlich  begründete  Epilepsiebehand¬ 
lung  liegen. 

Zusammenfassung:  In  beschränkter  Gabenhöhe  mit  nöti¬ 
ger  Vorsicht  und  Indikationsstellung,  gemäss  den  in  der  Literatur 
niedergelegtcn  Erfahrungen  bei  der  Anwendung  des  Luminals,  haben 
wir  schädliche  Wirkungen  irgendwelcher  Art  nicht  beobachtet.  Es 
kann  jahrelang  gegeben  werden  und  behält  dabei  dauernd  seine  gün¬ 
stige  Wirkung  auf  die  Grosshirnrinde  bei. 

Unsere  günstigen  Erfahrungen  bei  endolumbaler  Anwendung  des 
Luminalnatriums  berechtigen  zu  der  Forderung,  diese  neue  Anwen¬ 
dungsmethode  ausgiebig  nachzuprüfen. 

Es  wäre  dringend  wünschenswert,  Luminal  mit  einer  Höchst¬ 
einzelgabe  von  0,3  und  einer  Höchsttagesgabe  von  0,6  unter  die 
Höchstgaben  aufzunchmen. 


912 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  28. 


Literatur. 

Auf  GiftwirkuiiK  des  L.  wurden  sämtliche  bisher  erschienenen  Ab¬ 
handlung  geprüft.  Besonders  erwähnt  seien  nur:  F.  Hajek:  Aus  Casopis 
lekarno  ceskych  1919.  Nr.  42.  —  Hauptmann:  M.m.W  1912  Nr  35' 

Q.  Heinsius:  Med.  Klin.  1914  Nr.  14.  —  Hering:  Khn.  Wschr.  1922 
Nr  21  —  I  m  p  e  n  s:  Toxikologie.  —  König:  B.kl.W.  1921  Nr.  40.  Luc 
und  Fei  gl:  Ther.  Mh.  Juli  1918.  -  McNertney:  Ther .( 3az„  Jchnt 
2/1922.  —  Julius  Ungar:  Ein  Fall  von  Luminalvergiftung.  W.kl.W.  1914 
Nr.  24.  —  Strecker:  M.m.W.  1922  Nr.  50. 


Aus  der  Medizinischen  Universitätsklinik  zu  Rostock. 

Zur  Korrelation  zwischen  Thyreoidea  und  dem  weib¬ 
lichen  Genitale. 

Von  Prof.  Hans  Curschmann. 

H  Knaus1)  berichtet  in  einer  Arbeit  unter  der  obigen  Ueber- 
schrift  (aus  der  Grazer  chir.  Klinik)  über  die  interessante  Iatsache, 
dass  nach  partieller  Strumektomie  von  21  Patientinnen  19  eine  teils 
verstärkte  teils  verfrühte,  meist  aber  vorzeitigere  und  intensivere 
Alenstrualblutung  erfuhren,  dass  also  eine  Verminderung  der  Schild- 
drüsensubstanz  (und  damit  auch  ihrer  Funktion)  einen  aktivierenden 
Einfluss  auf  den  Menstruationszyklus  zur  Folge  zu  haben  scheine. 
Er  zitiert  auch  Beobachtungen  der  Literatur  (Th.  Kocher,  Biedl, 
Herthoge,  Lewi,  Rothschild  u.  a.),  aus  denen  hervorgeht, 
dass  sowohl  bei  operativen  Strumipriven,  wie  beim  angeborenen 
und  erworbenen  Myxödem  und  auch  bei  dessen  inkompletten  Formen 
Menorrhagien  „zu  den  niemals  fehlenden  Symptomen  der  Athyreosis 

gehörten“  (Biedl).  .  .  v 

Diesen  Erfahrungen  gegenüber  möchte  ich  auf  einige  Knaus 
scheinbar  entgangene  Beobachtungen  und  Arbeiten  meiner  Klinik-) 
hinweisen,  die  gerade  das  entgegengesetzte  Ergebnis  hatten. 
Ich  beobachtete  zuerst  an  5  Fällen,  dass  die  spontane  oder  auch  opera¬ 
tive  Klimax  zum  Myxödem  führte,  währenddessen  keinerlei  Menstrua¬ 
tionen  mehr  auftra'ten.  Auch  beim  vorzeitig  eintretenden  Myxödem 
(zwischen  dem  30.  und  40.  Lebensjahr)  ging  Cessatio  mensium  der 
Ausbildung  des  Myxödems  voraus.  Und  zugleich  mit  anderen  Zeichen 
der  Besserung  des  Myxödems  sah  ich  gerade  nach  energischem 
Thyreoidingebrauch  auch  nach  mehrjährigem  Verschwinden  der 
Periode  menstruelle  Blutungen  wieder  auftreten.  Deusch  berichtete 
über  ganz  analoge  Beobachtungen  bei  postoperativer  Klimax  und  auch 
P  e  r  1  s  Fälle  von  inkomplettem  Myxödem  (Fälle  meiner  Beobachtung) 
zeigen  gleiches:  unter  7  Fällen  wiesen  5  (zumeist  jugendliche  weib¬ 
liche  Personen)  Amenorrhoe  auf,  eine  Verminderung  der  Periode  und 
nur  eine  ungestörten  Ablauf  derselben.  Auch  bei  der  Adipositas  dolo¬ 
rosa,  deren  hypothyreogener  Ursprung  ja  oft,  nicht  immer,  ex  juvanli- 
bus  nachzuweisen  ist,  fand  mein  Assistent  B.  F  r  o  w  e  i  n  Verminde¬ 
rung  der  bis  dahin  starken  Menstruation. 

Spätere  zahlreiche  Beobachtungen  von  komplettem  und  inkom¬ 
plettem  Myxödem  verschiedener  Art  und  auch  von  Adipositas  dolorosa 
haben  mir  das  obige  Ergebnis  immer  wieder  bestätigt:  mit  dem 
Einsetzen  der  Hypothyreose  niemals  Aktivierung 
des  Menstruation  s  zyklus,  sondern  stets  Vermin¬ 
derung,  allermeist  Erlöschen  der  Periodenblutung. 

Ich  kam  deshalb  —  auf  Grund  meines  Materials  —  zu  dem 
Schluss,  dass  die  Funktionsminderung  oder  -aufhebung  des  Ovars  eine 
pressorische  bzw.  inaktivierende  Wirkung  auf  die  Schilddrüse  haben 
könne,  eine  Annahme.,  die  ja  auch  durch  experimentelle 
Beobachtungen  (Biedl,  Tandler  und  Gross,  Tescione, 
Frankel  u.  a.)  gestützt  wurde  und  in  der  allgemein  bekannten  Hem¬ 
mung  der  genitalen  Entwicklung  und  Funktion  bei  Athyreosen  ein 
Analogon  findet. 

Wie  es  kommt,  dass  sich  unsere  Erfahrungen  mit  denen  (insbeson¬ 
dere  bezüglich  des  Menstruationsverhaltens  beim  spontanen  Myx¬ 
ödem)  anderer  Autoren,  die  Knaus  zitiert,  durchaus  nicht  decken, 
ist  schwer  zu  sagen.  Möglicherweise  ist  daran  der  Umstand  schuld, 
dass  unsere  Beobachtungen  in  der  Mehrzahl  den  langen  Jahren  der 
Unterernährung  entstammen,  deren  provozierender  Einfluss  auf 
die  Entstehung  (und  Steigerung)  des  spontanen  Myxödems  ja  zuerst 
von  meinem  Mitarbeiter  Hinz3)  beschrieben  wurde. 

Uebrigens  kann  ich  auch  der  Annahme  Knaus’,  dass  die  Hvper- 
funktion  der  Schilddrüse  überwiegend  Cessatio  mensium  veranlasse, 
auf  Grund  unseres  Materials  nicht  zustimmen  und  befinde  mich  mit 
dieser  Erfahrung  in  Uebereinstimmung  mit  A.  Sänger.  Gewiss 
kommen  beim  Basedow  Dvsmenorrhöe,  Hypo-  und  Amenorrhoe  vor. 
aber  keineswees  gesetzmässig;  ja  ich  habe  nicht  selten  lästige  und 
langdauernde  Menorrhagien  beim  Basedow  gesehen.  Mit  der  An¬ 
nahme  einer  pressorischen  Wirkung  des  Hyperthyreoidismus  auf  die 
Funktion  des  Genitals  stimmt  auch  die  gar  nicht  seltene,  auch  von 
mir  gemachte  Beobachtung  gesteigerter  Erotik  mancher  Basedow¬ 
kranken  wenig  überein.  Es  kann  dabei  zu  förmlich  nymphomanischen 
Zuständen  kommen. 


H  M.m.W.  1923  Nr.  21. 

-)  Hans  Curschmann:  Klimax  und  Myxödem.  Zschr.  f.  d.  ges. 
■Neurol.  u.  Psych.  1918.  Bd.  41.  —  J.  E.  Perl:  Ueber  inkomplette  Formen 
des  Mvxödems.  Ebenda  Bd.  71.  —  G.  Deusch:  Klimax  und  Mv'-ödem. 
M.m.W.  1919  Nr.  22.  —  G.  Deusch:  Blutuntersuchungen  bei  Myxödem. 
Ebenda  1921  Nr.  10.  —  Bernhard  Frowein:  Adipositas  dolorosa.  D.  Zschr. 
f.  Nervenhlk.  Bd.  72.  3)  M.K1.  1920  Nr.  12. 


Wenn  wir  nun  die  Möglichkeit  einer  aktivierenden  iätig- 
keit  nicht  des  Hvpo-,  sondern  des  Hyper  thyreoidismus 
auf  die  Genitalfunktion  ins  Auge  fassen,  so  verdient  auch 
der  Umstand  Beachtung,  dass  wiederum  die  Kriegs-  und 
Nachkriegsernährung  nicht  nur  die  so  oft  zitierte  Knegs- 
amenorrhöe,  sondern  auch,  wie  ich4)  gezeigt  habe,  eine  Ver¬ 
minderung  der  Zahl  und  Schwere  der  Basedowerkran¬ 
kungen  gezeitigt  hat. 


Schnellhärtungsverfahren  mit  Aethyl-  bzw.  Methylalkohol. 

Von  Prof.  R.  Heinz,  Erlangen. 


Zur  Verwendung  kommen  kleine  Stücke  des  zu  untersuchenden 
Präparates,  die  3—6  Stunden  in  10  proz.  Formalin  fixiert  worden  sind. 
Für  kleinere  Stücke  genügen  nach  meiner  Erfahrung  3  Stunden:  ich 
lege  von  dem  zu  untersuchenden  Präparat  stets  noch  ein  „Kontroh- 
stückchen“  (gleicher  Grösse  wie  die  übrigen)  bei  und  überzeuge  mien 
(durch  Querschnitt),  ob  das  Formol  bis  in  die  Mite  vorgedrungen,  das 
Präparat  durchfixiert  ist.  Es  ist  wichtig,  dass  das  benutzte  Formol 
keine  Ameisensäure  enthält  (Formaldehyd  oxydiert  an  Luft  und  Licht 
allmählich  zu  Ameisensäure),  weil  sonst  die  Gewebe  unter  der  Ein¬ 
wirkung  der  organischen  Säure  „verquellen“.  Quellend  wirkt  natür¬ 
lich  nur  die  freie  Säure,  nicht  neutrales  ameisensaures  Salz.  Ich  be¬ 
nutze  seit  über  20  Jahren  zur  Fixierung  von  Präparaten  eine  Mischung 
von  100  ccm  Formalin  +  900  ccm  0,9  proz.  Kochsalzlösung  (in  dunkler 
Flasche),  welcher  Mischung  ich  einige  Stücke  Marmor  zusetze:  der 
kohlensaure  Kalk  neutralisiert  dann  sofort  die  entstehende  Ameisen¬ 
säure  und  bildet  mit  ihr  neutrales  ameisensaures  Kalzium. 

Aus  dem  Formol  kommen  die  Stücke  auf  eine  halbe  Stunde  in 
Wasser  und  dann  in  das  untere  Gefäss  B  meines  „Schnellhärtungs¬ 
apparates“,  wo  sie  mit  wenig  Wasser  so  übergossen 
werden,  dass  das  Wasser  wenige  Millimeter  über  sie 
hinaussteht.  Gefäss  A  und  B.  jedes  ca.  100  ccm  fassend 
und  mit  einem  kleinen,  fein  regulierbaren  Glas, bahn  ver¬ 
sehen,  sind  übereinander  an  einem  Stativ  befestigt.  Der 
Apparat  ist  in  jedem  Laboratorium  mit  einfachen  Mitteln 
zusammenzustellen,  nachdem  man  vom  Glasbläser  sich 
die  beiden  Gefässe  A  und  B  herstellen  hat  lassen. 

In  Gefäss  A  kommen  ca.  100  ccm  80  proz.  Alkohols. 

Der  Hahn  A  wird  geöffnet  und  so  fein  eingestellt,  dass 
langsam,  Tronfen  für  Tropfen,  80  proz.  Alkohol  in  das 
Wasser  in  B  fällt.  Nach  zirka  VA  Stunden  ist  Gefäss  A 
in  Gefäss  B  entleert.  In  letzterem  ist  aus  einer  0  proz. 
eine  1,  2.  5,  10 _ bis  ca.  75  proz.  Alkohollösung  ent¬ 

standen,  also  ganz  allmählich,  so  dass  eine  Schrumpfung 
der  Gewebsstücke  durch  plötzliche  Wasserentziehung 
nicht  entstehen  kann.  Jetzt  wird  der  ca.  75  proz.  Alko¬ 
hol  aus  Gefäss  B  in  eine  Vorratsflasche  abgelassen,  als 
„gebrauchter  80  nroz.  Alkohol“,  der  dann  weiter  benutzt 
werden  kann.  (Es  ist  ganz  gleich,  ob  man  die  „erste 
Entwässerung“  mit  80  proz.  oder  75  proz.  oder  70  proz. 

Alkohol  vornimmt.) 

Gefäss  B  ist  soweit  abzulassen,  dass  die  Gewebs¬ 
stückchen  gerade  noch  von  75  proz.  Alkohol  bedeckt 


sind.  Dann  wird  Gefäss  A  mit  96  proz.  Alkohol  gefüllt  und  dieser 
konzentrierte  Alkohol  in  Gefäss  B  eintropfen  gelassen  (Vorgang  ge¬ 
nau  wie  oben). 


Ist  Gefäss  A  vollständig  ausgelaufen,  so  wird  Gefäss  B  aus¬ 
gegossen  in  eine  „Vorratsflasche  mit  gebrauchtem  Alkohol“,  der  dann 
noch  einige  Male  benutzt  werden  kann.  Die  Gewebsstücke  selbst 
kommen  in  ein  kleines  weithalsiges  Gefäss  (mit  Glasstopfen  oder  gut¬ 
sitzendem  Korkstopfen)  mit  reinem  Alkohol.  Aus  diesem  werden  sie 
in  Xylol  oder  besser  Chloroform  gebracht,  aus  letzterem  in  Chloro¬ 
form-Paraffin  und  zuletzt  in  reines  Paraffin,  worauf  sie  —  24  Stunden 
nach  Einlegen  der  Präparate  —  schnittfertig  sind. 

Anstatt  Aethylalkohol  kann  man  sehr  gut  bzw.  besser  auch  Me¬ 
thylalkohol  benützen.  Methylalkohol  mischt  sich,  wie  Aeth.  Alk., 
mit  Wasser,  wie  anderseits  mit  Xylol  oder  Chloroform.  Reiner  Me¬ 
thylalkohol  zieht  ebenso  wie  Aether  intensiv  Wasser  an  und  ist  des¬ 
halb  zur  Entwässerung  („Härtung“)  geeignet.  Der  käufliche  Methyl¬ 
alkohol  ist,  wenn  von  einer  einwandfreien  Quelle  bezogen,  „absolut“, 
während  der  käufliche  Aeth.  Alk.  nur  90 — 96  proz.  ist  und  bekanntlich 
erst  durch  geglühtes  Eisensulfat  in  „absoluten“  Alkohol  verwandelt 
werden  muss.  Ich  bestimmte  das  spezifische  Gewicht  von  Aethvi- 
alkohol  zu  0,8145  =  93  Proz.,  von  Methylalkohol  zu  0,7970 
=  99,5  Proz.  Man  braucht  also  zuletzt  aus  Methalk.,  nicht  aus 
„Alkohol“  in  „absoluten  Alkohol“  überzuführen,  was  das  Verfahren 
vereinfacht.  Ich  benutze  seit  6  Monaten  ausschliesslich  Methylalkohol 
zur  Härtung  mit  dem  eben  beschriebenen  „Schnellhärtungsverfahren“ 
und  habe  bezüglich  Färbbarkeit,  Erhaltung  der  Strukturen  usw.  die 
besten  Resultate  erhalten.  Gleichzeitig  gehärtete  Präparate  von 
Leber  und  Niere  von  Frosch,  Maus,  Kaninchen  und  Katze  (normal 
wie  pathologisch  verändert)  zeigten  durchaus  keinen  Unterschied. 

Vor  6  Monaten  war  Methylalkohol  ca.  2%  mal  billiger  als  Aethyl¬ 
alkohol.  Neuerdings  kostet  aber  Methylalkohol  ebensoviel  als  Aethyl- 


4)  Klin.  Wschr.  1922  Nr.  26. 


13.  Jul»  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


913 


alkohol.  Man  kann  aber  zur  Härtung  auch  vergällten  Alkohol  be¬ 
nützen.  am  besten  mit  Methylalkohol  (2%)  vergällten  (96  proz.) 

Alkohol. 


Schnelleinbettung  mit  Zelloidin-Paraffin. 

Von  Prof.  R.  H  e  i  n  z  -  Erlangen. 

Zelloidineinbettung  ist  bekanntlich  für  gewisse  Objekte  („lok- 
keres“  Gewebe,  z.  B.  Plazenta,  oder  „spröde“  Gewebe,  Muskulatur. 
Gefässwand  u.  ähnl.)  unerlässlich,  aber  zeitraubend,  und  das  Schnei¬ 
den  der  Zelloidinstücke  umständlich.  Noch  zeitraubender  ist  die  kom¬ 
binierte  Zelloidin-Paraffin-Einbettung,  während  das  Schneiden  einfach 
und  bequem  ist. 

Bei  der  Zelloidin-Paraffin-Einbettung  war  bisher  am  besten  nach 
der  Vorschrift  Apäthys  vorzugehen,  welches  Verfahren  aber 
2  Wochen  und  länger  dauert.  P6terfi  hat  (Zschr.  f.  wiss.  Mikro¬ 
skop.  1921,  38,  S.  243)  ein  abgekürztes  Verfahren  gelehrt,  bei  dem 
die  Objekte  vor  dem  Ueberführen  aus  Alkohol  bzw.  Aetheralkohol  in 
Xylol  oder  Chloroform  mit  einer  1  proz.  Lösung  von  Zelloidin  in  Nel¬ 
kenöl  durchtränkt  werden. 

H  o  f  f  m  a  n  n  -  Jena  (Zool.  Anz.  1923,  S.  142)  rühmt  dieses  Ver¬ 
fahren  sehr.  Er  empfiehlt,  das  Zelloidin  nicht  direkt  in  Nelkenöl  zu 
lösen,  sondern  erst  eine  2  proz.  Lösung  von  Zelloidin  in  Aether- Alkohol 
(1:1)  herzustellen  und  diese  mit  der  gleichen  Menge  Nelkenöl  zu 
versetzen.  An  Stelle  des  Nelkenöls  könne  mit  gleich  gutem  Erfolge 
Methylbenzoat  verwendet  werden. 

Nelkenöl  ist  ein  ätherisches  Oel,  und  zwar  enthält  Nelkenöl  gegen¬ 
über  anderen  ätherischen  Oelen  eine  Phenolgruppe.  Eine  OH-Gruppe 
enthält  bekanntlich  auch  die  Salizylsäure,  also  auch  der  Salizylsäurc- 
Methylester  =  synth.  Wintergrünöl.  Salizylsäure  und  noch 
mehr  Salizylsäure-Methylester  ist  ein  ausgezeichnetes  k  e  r  a  t  o  - 
lytisches  Mittel  und  dringt  leicht  in  Gewebe  ein.  Ich  habe  an 
Stelle  des  teuren,  leicht  nachdunkelnden  Nelkenöls  das  billigere,  hell¬ 
bleibende  Wintergrünöl  benützt  und  damit  ausgezeichnete  Erfolge  er¬ 
zielt.  Ich  stelle  nicht  erst  eine  2  proz.  Lösung  von  Zelloidin  in  Alkohoi- 
Aether  a~ä  her,  sondern  löse  1  g  Zelloidin  in  Alkohol  25,  Aether  25, 
Wintergrünöl  50;  die  Lösung  geht  rasch  vonstatten.  Die  Gewebs- 
stücke  kommen  aus  absolutem  Alkohol  auf  12  Stunden  in  Alkohol- 
Aether  aä,  dann  24  Stunden  in  die  Zelloidinlösung;  hierauf  in  Chloro¬ 
form,  Chloroform-Paraffin  und  Paraffin.  Das  Verfahren  dauert  also, 
der  gewöhnlichen  Paraffineinbettung  gegenüber,  nur  um  lYz  Tage 
länger.  Die  Präparate  sind  tadellos  schneidbar  und  geben  aus¬ 
gezeichnete  Färbungen. 


Peritonitis  beim  jungen  Säugling,  entstanden  durch  Fort¬ 
leitung  des  Eiters  einer  infektiösen  Orchitis  durch  den 
offenen  Processus  vaginalis. 

Von  Dr.  Karl  F.  Beck,  Kinderarzt  in  Bayreuth. 

In  seinem  „Lehrbuch  der  Säuglingskrankheiten“  (2.  Aufl.,  S.  37 3) 
berichtet  Finkeistein  im  Kapitel  Sepsis  von  einem  besonders 
auffälligen  Fall  von  Peritonitis,  entstanden  duich  Fortleitung  einer 
doppelseitigen  metastatischen  Orchitis  durch  der.  offenen  Prozessus 
vaginalis  in  die  Bauchhöhle. 

Ich  bin  in  der  Lage,  von  einem  ähnlichen  Fall  berichten  zu 
können,  der  diagnostisch  nicht  einfach  lag  und  in  mancher  Beziehung 

lehrreich  sein  dürfte. 

Der  Knabe  wurde  am  18.  11.  23  geboren.  Die  Geburt  verlief  normal, 
1.  Schädellage  (ll.-para),  das  Kind  war  ausgetragen  und  schrie  lebhaft.  Ge¬ 
burtsgewicht  3250  g.  Nach  der  Geburt  bemerkte  die  Hebamme  eine  leichte 
Schwellung  des  Skrotums  und  eine  Verengung  der  Vorhaut.  Ein  zugezogener 
Arzt  löste  die  epithelialen  Verklebungen  und  behandelte  die  „Phimose“  durch 
Dorsalinzision. 

Das  Kind  ging  in  den  ersten  Tagen  gut  an  die  Brust  und  trank  aus¬ 
reichende  Mengen.  Die  Schwellung  des  Hodensackes  ging  zurück,  so  dass 
die  Hebamme  die  Mutter  darauf  aufmerksam  machte,  dass  der  Hodensack 
jetzt  faltig  wurde,  was  sie  als  Wirkung  des  vorausgegangenen  Eingriffes  an¬ 
sah. 

Am  5.  Tag  wurde  ich  konsultiert,  da  das  Kind  nicht  mehr  so  gut  trank 
und  leicht  fieberte.  Ich  fand  ein  normal  entwickeltes  Kind,  das  in  typischer 
Haltung  ruhig  schlief.  Temp.  38,4.  An  der  Brust  saugte  es  befriedigend.  Die 
Bestimmung  der  Trinkmengen  mit  der  Wage  ergab  anfangs  gerade  aus¬ 
reichende  Mengen.  Der  Hodensack  war  geschwollen,  nicht  besonders  gerötet. 
Der  Tastbefund  liess  auf  eine  doppeltseitige  Hydrocele  testis  schlicssen.  rechts 
Kleinpflaumengross,  links  kirschgross. 

Da  die  Mutter  äusserst  nervös  war,  glaubte  ich  die  Stillschwierigkeiten 
hauptsächlich  auf  das  Konto  der  Mutter  setzen  zu  müssen,  besonders  da 
morgens  80 — 90  g  abgetrunken  waren,  während  untertags  nur  Mengen  von 
20 — 40  g  zu  erreichen  waren.  Das  Fieber  hielt  ich  für  Durstfieber,  w'eil 
nach  Verabreichung  von  Tee  die  Temperatur  regelmässig  herunterging.  Das 
Kind  wurde  nun  6  mal  an  beide  Brüste  angelegt. 

Während  der  nächsten  Tage  steigerte  sich  die  Trinkunlust  des  Kindes, 
die  Brust  liess  noch  mehr  nach,  so  dass  ich  mich  zur  Zwiemilchernährung  ent¬ 
schloss. 

Der  Zustand  blieb  ziemlich  gleich,  die  Gewichtskurvc  blieb  auf  der  glei¬ 
chen  Höhe,  nur  waren  öfters  Temperaturstegerungen  bis  39  zu  beobachten. 
Das  Kind  trank  immer  schlechter,  die  Stühle  wurden  etwas  grünlich,  zerhackt, 
doch  wurden  nicht  mehr  als  2 — 3  Stühle  täglich  entleert.  Der  Befund  am 

Nr.  28 


Skrotum  änderte  sich  wenig,  auffallend  war  allerdings,  dass  die  Schwellung 
und  Rötung  etwas  zunahm. 

Am  15.  lag  (5.  III.)  wurde  ich  gerufen,  weil  das  Kind  schlecht  tränke. 
Temp.  39,2.  Die  angebotene  Flasche  Va-Schleimmilch  (50  g)  wurde  sehr  lang¬ 
sam  ausgetrunken.  Der  Hodensack  war  gerötet  und  kleinapfelgross.  Auffal¬ 
lend  war,  dass  das  Kind  nur  schrie,  wenn  es  gewickelt  wurde,  sonst  lag  es 
ruhig  schlafend  in  seinem  Wagen.  Gewichtszunahme  seit  dem  vorigen  Tag 
30  g!  (wahrscheinlich  beginnende  Exsudation  in  der  Bauchhöhle). 

Am  nächsten  Tag  (6.  III.)  war  das  Kind  unruhig  und  wimmerte  leise  vor 
sich  hin.  Doch  trank  es  während  des  Vormittags  noch  etwa  100  g.  Mittags 
wurde  ich  geholt,  da  der  Bauch  auffallend  stark  und  hart  wurde. 

Ich  fand  das  Kind  gegen  gestern  auffallend  verändert,  kläglich  wimmernd. 
Facies  abdominalis!  Der  Bauch  war  stark  meteoristisch  aufgetrieben,  brett¬ 
hart  mit  deutlicher  Venenzeichnung.  Beim  Druck  auf  das  gegen  gestern  nicht 
vergrösserte  Skrotum  bemerkte  ich,  dass  sich  der  Flüssigkeitsinhalt  ver¬ 
drängen  liess,  dass  aber  nach  Aufhören  des  Druckes  das  Skrotum  sich  wieder 
prall  füllte. 

Nun  war  mir  klar,  dass  eine  Verbindung  zwischen  dem  Inhalt  des  Hoden¬ 
sackes  und  der  freien  Bauchhöhle  bestand  und  dass  der  entzündliche  Inhalt 
des  Skrotums,  sei  es  durch  vermehrten  inneren  Druck,  sei  es  durch  /  Be¬ 
wegungen  des  Kindes  in  die  freie  Bauchhöhle  gepresst  worden  war  und  so 
die  Peritonitis  verursacht  hatte. 

Die  baldigst  im  Krankenhaus  vorgenommene  Operation  bestätigte  meine 
Vermutung.  Nach  Eröffnung  des  Skrotums  entleerte  sich  reichlich  viel  eiterige 
Flüssigkeit.  Eine  eingeführte  Sonde  gelangte  glatt  in  die  Bauchhöhle.  Nach 
Einlegen  eines  ziemlich  dicken  Glasdrains  entleerte  sich  aus  der  Bauchhöhle 
eine  grössere  Menge  gelben,  leicht  getrübten  Exsudates.  Leider  konnte  der 
Eingriff  das  Leben  nicht  mehr  retten,  das  Kind  starb  4  Stunden  später. 

Wenn  man  sich  über  das  Zustandekommen  der  Infektion  Rechen¬ 
schaft  geben  will,  so  wird  man  wohl  zu  der  Ansicht  kommen,  dass 
der  nicht  unter  aseptischen  Vorsichtsmassregeln  vorgenommene  Ein¬ 
griff  am  Glied  als  Infektionsquelle  anzusehen  sein  wird.  Möglicher¬ 
weise  ist  das  schon  bei  der  Geburt  leicht  geschwollene  Skrotum  mit 
seinem  Inhalt  als  Locus  minoris  resistentiae  anzusehen.  Von  einer 
angeborenen  Orchitis  konnte  ich  in  der  mir  zugänglichen  pädiatrischen 
und  chirurgischen  Literatur  nichts  finden. 

Ich  veröffentliche  diesen  kasuistisch  interessanten  Fall  haupt¬ 
sächlich,  weil  nicht  oft  genug  an  die  geringe  Widerstandsfähigkeit  des 
Neugeborenen  gegen  Infekte  erinnert  werden  kann,  und  um  vor  allem 
vor  nicht  dringend  angezeigten  chirurgischen  Eingriffen  am  Neuge¬ 
borenen  zu  warnen,  ln  unserem  Fall  bestand  keinerlei  Anlass,  die 
physiologischen  Verklebungen  zu  lösen  oder  gar  eine  Dorsalinzision 
vorzunehmen.  Chirurgische  Eingriffe  am  Neugeborenen  müssen  unter 
strengsten  aseptischen  Kautelen  vorgenommen  werden. 


Aus  der  Abteilung  für  Haut-  und  Geschlechtskrankheiten  des 
Städt.  Krankenhauses  Mainz.  (Leit.  Arzt:  Dr.  H  u  g  o  M  ü  1 1  e  r.) 

Veränderungen  des  Blutbildes  bei  Wismutbehandlung 

der  Syphilis. 

Von  Dr.  Franz  Betz. 

Nachdem  gelegentlich  früherer  Mitteilungen  über  aufgetretene 
Eosinophilie  bei  Wismutbehandlung  von  Hugo  Müller  und  weiteres 
über  das  Blutbild  aus  der  Finger  sehen  Klinik  (R  o  s  n  e  r)  berichtet 
wurde,  erfolgten  auf  der  Mainzer  Abteilung  nunmehr  systema¬ 
tische  Blutuntersuchungen  bei  primärer  und  sekundärer  Syphilis. 
Dass  Veränderungen  des  Blutbildes  gegenüber  der  Norm  zu  erwarten 
waren,  geht  schon  aus  der  von  mehreren  Beobachtern  berichteten 
ausgesprochenen  Blässe  des  Gesichtes  und  der  sichtbaren  Schleim¬ 
häute  bei  einer  Anzahl  von  wismutbehandelten  Syphilitikern  hervor. 

Die  Untersuchungen  wurden  an  25  Fällen  vorgenommen,  von 
denen  5  primäre  seropositive,  10  seropositive  sekundäre  manifeste 
und  10  seropositive  sekundäre  latente  Syphilis  darstellten;  sie  er¬ 
streckten  sich  jeweils  auf  den  Hämoglobingehalt,  die  Erythrozyten- 
und  Leukozytenzahl  und  ihre  Morphologie.  Letztere  wurde  ermittelt 
durch  Ausstrichpräparate,  nach  Pappenheim  gefärbt  (500  Ge¬ 
samtuntersuchungen).  Der  Blutstatus  wurde  erhoben  un¬ 
mittelbar  vor  und  24  Stunden  nach  jeder  Einspritzung,  und  zwar 
vor  einer  grösseren  Mahlzeit,  um  Veränderungen  im  Blutbilde  durch 
Verdauungsvorgänge  ausschliessen  zu  können.  Die  Einspritzungen 
erfolgten  jeden  4.  oder  5.  Tag  mit  durchschnittlich  1,0  ccm  Nadisan 
(=  Kalles  Wismutkaliumtartrat  in  10  proz.  öliger  Suspension). 

Das  Ergebnis  unserer  Untersuchungen  ist  folgendes: 

I.  Primäre  seropositive  Syphilis  (5  Fälle). 

Der  Hämoglobingehalt,  der  bei  2  Fällen  bereits  vor  der 
Behandlung  um  ein  Geringes  reduziert  war,  sank  stets  nach  den 
ersten  Einspritzungen,  um  langsam  im  Verlauf  der  Kur  um  12—25  Pro¬ 
zent  abzufallen.  4  mal  mässiges  Wiederansteigen  des  Hämoglobins 
nach  der  7.  und  8.  Einspritzung. 

Erythrozytenzahl  sank  von  normalen  Ausgangswerten 
bis  zur  7.  Einspritzung  auf  Werte  von  3,6 — 3,1  Millionen  pro  Kubik¬ 
millimeter,  um  dann  regelmässig  langsam  anzusteigen.  Die  Erythro¬ 
zyten  zeigten  nie  pathologische  Grösse  oder  Form  oder  Färbbarkeit; 
auch  keine  Vorstufen  derselben  wurden  gefunden. 

Der  Färbeindex,  zu  Beginn  der  Kur  nahezu  gleich  1,  wurde 
gegen  Ende  derselben  bedeutend  kleiner  als  1  durch  das  stärkere  An¬ 
steigen  der  Erythrozyten. 


4 


914 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  28. 


Es  bestand  demnach  eine  massige  bis  mittelstarke  Störung  der 
Erythropoese,  die  gegen  Ende  der  Wismutkur  durch  Regenera¬ 
tion  der  Erythrozyten  und  des  Hämoglobins  wieder  kleiner  wird. 

Weisse  Blutkörperchen:  Ihre  Zahl  stieg  in  allen  Fallen 
im  Beginne  der  Behandlung  um  einige  I  ausende,  erreichte  meist  den 
Wert  15  000  pro  Kubikmillimeter,  um  gegen  Ende  der  Kur  wicde 
massig  zu  sinken;  mehrfach  wurde  beobachtet,  dass  die  Leukozyten¬ 
werte  vor  der  Einspritzung  etwas  niedriger  waren  als  nach  der  v  - 
hergehenden.  Im  einzelnen  ist  hierzu  zu  bemerken,  dass  die  n  u- 
troohilen  Leukozyte n  nach  den  ersten  Einspritzungen  immer 
um  8  -12  Proz.  gegenüber  der  Norm  vermehrt  sind;  Vorstufen  der 
Leukozyten  oder  Frühleukozyten  wurden  in  diesen  Eallen  nicht  gc 
funden.  Langsam  und  kontinuierlich  fallen  gegen  E  de 
Neutrophilen  auf  50-55  Proz  aller  weissen  autkorperchen  ^ 

Entgegengesetzt  ist  das  Verhalten  der  L>niphoz>  *  ’  . , 
anfangs  normale,  manchmal  unternormale  Werte  zeigen,  ge«m  Ab¬ 
schluss  der  Bi-Behandlung  35-40  Proz.  aller  weissen  Blutkörperchen 

ansmacfien^  s  }  n  Q  p  ^  j  i  e  n  Leukozyten  waren  in  allen  5  Fällen 
erhöht,  nach  der  3.  bis  4.  Injektion  wurden  durchschnittlich  8  bis 
12  Proz  beobachtet.  Da  auch  bei  den  anderen  20  weiter  unten  an¬ 
geführten  Syphilisfällen  ausgesprochene  Eosinophilie  wahrend 
der  Wismuttherapie  beobachtet  wurde,  suchten  wir  nach  Losmop 
bedingenden  Faktoren,  wie  Helmmthiasis,  ast  hm  aahn- 
liehen  Zuständen,  Neurosen,  Darmaf  t  e  k  tion  e  n  etc., 
jedoch  ohne  positives  Resultat,  so  dass  die  Ansicht  berechtigt  iS. 
dass  die  Eosinophilie  in  Zusammenhang  zu  bringen  ist  mit  der  Wis 
inutapplikation  (vergl.  andere  Autoren).  , 

Die  Monozyten.  Uebergangsformen  und  baso¬ 
philen  Leukozyten  sind  in  normaler  Zahl  gefunden  worden. 

II  Sekundäre  seropositive  manifeste  Syphilis 

(10  Fäll  e). 

Die  Störung  in  der  Erythropoese  ist  im  wesentlichen,  wie 
unter  I  beschrieben  wurde.  In  4  Fällen  mit  universellem  Exantiem 
bestand  vor  der  Therapie  bereits  geringe  Verminderung  des  Hamo- 
globingehaltes  und  der  Erythrozytenzahl. 

1  )ie  Zahl  der  weissen  Blutkörperchen  wurde  wähl end 
der  ersten  3  Einspritzungen  stärker  erhöht  gefunden,  2  mal  über 
20  000  pro  Kubikmillimeter;  auch  hier  staffeiweises  Ansteigen  nach 
den  Injektionen,  Konstantblciben  der  Werte  gegen  Ende  der  Kur. 

Die  neutrophilen  Leukozyten  sind  zu  Anfang  um 
durchschnittlich  15—20  Proz,  gegenüber  der  Norm  vermehrt  (bei 

LUC  3  mal''wurden  nTut'r  ophile  Metamyelozyten  ^Arneth_ 
sehe  Formen)  angetroifen,  doch  nur  nach  den  ersten  4  Einspritzungen, 
und  zwar  bei  Kranken  mit  universellem  Exanthem.  Die  Neutrophilen 
fallen  dann  im  weiteren  Verlauf  auf  50—43  Proz.  (also  gleicher  Be- 

Un<*Die  Eosinophilen  sind  auch  hier  in  8  Fällen  vermehrt;  die 
höchsten  Werte  fand  man  nach  den  Anfangseinspritzungen,  durch¬ 
schnittlich  9—14  Proz.  Während  der  Herxheimerreaktion 
stiegen  sic  in  2  Fällen  auf  18—26  Proz.  .. 

Die  Kurve  der  Lymphozytenwerte  verlauft  auch  in  diesen 
Fällen  nahezu  entgegengesetzt  derjenigen  der  mye'0l?cph^ 
Reihe-  zu  Anfang  der  Bi-Anwendung  fast  überall  nur  12— -0  Proz. 
aller  weissen  Blutkörperchen  ausmachend,  steigen  die  Lymphozyten 
gegen  Ende  der  Kur  an  Zahl  oft  über  die  Zahl  der  mye'oischen  Zellen 
so,  dass  eine  Lymphozytose  mittleren  Grades  als  Schlussenekt 

daraus  resultiert.  u-k». 

Wie  in  der  1.  Serie  (primäre  Syphilis)  zeigen  die  Ueber¬ 
gangsformen  und  basophilen  Leukozyten  hier  eben¬ 
falls  kein  abweichendes  Verhalten  gegenüber  der  Norm,  wahrend  die 
Mononukleären  gegen  Ende  der  Behandlung  leicht  vermehrt  (4  bis 
6  Proz.)  gefunden  werden. 

*  111  Sekundäre,  seropositive  latente  Syphilis 

(10  Fäll  e). 

Der  Hämoglobingehalt  und  die  Erythrozytenzahl 
waren  schon  vor  der  Kur  5  mal  deutlich  herabgesetzt,  so  dass  der 
Färbeindex  kleiner  als  1  war.  Im  Anfang  der  Bi-Behandlung  sinken 
auch  hier  in  allen  Fällen  das  Hämoglobin  und  die  Erythro¬ 
zyt  e  n  werte,  um  jedoch  gegen  Ende  der  Kur,  i.  e.  nach  der  8.  und 
9  Injektion,  besonders  was  die  Erythrozytenzahl  anbetrifft,  eine 
mässige  Zunahme  aufzuweisen.  In  einem  Fall  sank  das  Hämoglobin 
unter  40  Proz  der  Norm  für  kurze  Zeit,  währenddessen  auch 
Anisozytose  beobachtet  wurde.  Gleichzeitig  bestand  eine  klein- 
fleckige  Wismutpurpura  an  den  unteren  Extremitäten. 

Die  fast  in  allen  Fällen  beobachtete  deutliche  Regenerationsten¬ 
denz  der  Erythropoese  gegen  Ende  der  Kur  ist  recht  bemerkens- 

WCr Die  Zahl  der  weissen  Blutkörperchen  stieg  bei  den 
latenten  Syphilisfällen  nicht  so  hoch  während  der  Kur.  Höchstwerte 
waren  12 — 14  000  pro  Kubikmeter.  .  . 

Die  neutrophilen  Leukozyten  machten  zu  Beginn  der 
Kur  SO— 65  Proz.  gegen  Ende  45 — 55  Proz.  aller  weissen  Blutkörper¬ 
chen  aus.  Vorstufen  der  Neutrophilen  wurden  keine  gefunden. 

Eosinophilie  war  auch  in  diesen  Fällen  9  mal  vorhanden; 
sie  war  am  ausgeprägtesten  nach  der  4.  und  5.  Einspritzung,  durch¬ 
schnittlich  8—10  Proz.:  einmal  29  Proz.  eosinophile  Leukozyten! 


Lymphozytose  mässigen  Grades  bestand  bereits  6  mal  vor 
der  Behandlung.  Im  Gegensatz  zu  den  sub  I  und  11  beschriebenen 
Fällen  stiegen  die  Lymphozyten  bei  den  latenten  Syphilitikern  bereits 
nach  der  2.  und  3.  Einspritzung  durchschnittlich  auf  35—40  Proz.  an, 
um  fast  kontinuierlich  auf  dieser  Höhe  zu  bleiben,  ln  4  Latenzfällen 
wurden  im  Verlauf  der  Bi-Behandlung  reichlich  viel  grosse  Lympho¬ 
zyten  gefunden  mit  oft  beträchtlicher  Polymorphie  des  Kernes. 

Endlich  war  in  diesen  Fällen  eine  Vermehrung  der  Mono- 
z  y  t  e  n  (6 — 7  Proz.)  gegen  Ende  der  Kur  festzustellen. 

Aus  diesen  Untersuchungen  geht  demnach  kurz  folgendes  hervor; 

Der  Blut  Status,  erhoben  an  25  Patienten  vor  und  nach 
jeder  Wismuteinspritzung  in  den  verschiedenen  Stadien  von  primärer 
und  sekundärer  Syphilis  ergibt  eine  meist  mässige  Störung  der 
Erythropoese  —  Herabsetzung  der  Erythrozytenzahl  und  des 
Hämoglobingehaltes  so,  dass  der  Färbeindex  stets  kleiner  als  1  ist, 
dies  besonders  gegen  Ende  der  Kur  durch  Ansteigen  der  Erythro¬ 
zytenwerte.  Die  Leukopoese  ist  insofern  alteriert  und  gegen¬ 
über  der  Norm  verändert,  dass  die  Zahl  der  weissen  Blutkörperchen 
sich  besonders  im  Anfang  der  Wismuttherapie  meist  gradatim  nach ' 
jeder  Injektion  steigert;  das  Steigen  der  Leukozytenzahl  ist  im  Be¬ 
ginne  der  Kur  bedingt  durch  Vermehrung  der  Neutrophilen  und 
eosinophilen  Leukozyten,  gegen  Ende  der  Behandlung  jedoch  der 
Lymphozyten. 

Poikilozytose  und  schlechte  Färbbarkeit  der  Erythrozyten, 
die  an  der  F  i  n  g  e  r  sehen  Klinik  gelegentlich  der  Blutuntersuchungen 
von  wismutbehandelten  Syphilitikern  beobachtet  wurden,  fanden  wir 
nicht,  während  auch  wir  oben  von  einer  z.  I.  starken  Abnahme  des 
Hämoglobins,  der  Erythrozytenzahl,  Anisozytose.  Leuko¬ 
zytose  und  Eosinophilie  berichten  konnten. 

Vergleicht  man  die  in  der  Literatur  bisher  mitgeteilten  Beobach¬ 
tungen  über  die  Veränderungen  des  Blutbildes  während  der  Sal- 
v  arsan-  und  Qu  e  c  k  s  i  1  b  e  r  behandlung  bei  Syphilitikern  mit  den 
oben  angeführten  während  der  Wismut  behandlung.  so  ergeben 
sich  mannigfache  Unterschiede,  auf  die  kurz  hingewiesen  sei.  Nach 
den  übereinstimmenden  Untersuchungsresultaten  der  Autoren  sinkt 
nach  intravenöser  S  a  1  v  a  r  s  a  n  applikation  in  den  meisten  Fällen 
das  Hämoglobin  und  die  Erythrozytenzahl  nach  der  1.  und  2.  Ein¬ 
spritzung  um  ein  Geringes;  darauf  setzt  eine  intensive  Neubildung  der 
Erythrozyten,  weniger  des  Hämoglobins  ein.  Die  weissen  Blut¬ 
körperchen  sind  nach  den  ersten  Einspritzungen  erhöht,  fallen  aber 
im  weiteren  Verlauf  auf  hohe  Normalwerte.  Die  vorübergehende  An¬ 
fangsleukozytose  ist\bedingt  durch  Vermehrung  der  Neutrophilen; 
gegen  Ende  der  Kur  nehmen  die  Eosinophilen  und  basophilen  Leuko¬ 
zyten,  die  nicht  über  die  Norm  erhöht  gefunden  werden,  an  Zahl  ab. 
Wesentliche  Abweichungen  der  Lymphozytenwerte  gegenüber  den 
gewöhnlichen  Mengenverhältnissen  werden  nicht  angegeben. 

Im  Gegensätze  zur  Salvarsanwirkung  nimmt  unter  jeder  Behand¬ 
lungsart  von  Quecksilber,  wie  die  diesbezüglichen  Unter¬ 
suchungen  mehrerer  Autoren  zeigen,  der  Hämoglobingehalt  des  Blu¬ 
tes  stärker  zu  als  die  Erythrozytenzahl;  letztere  wurde  nach  Ab¬ 
schluss  der  Hg-Behandlung  gegenüber  dem  Status  vor  der  Kur  immer 
vermehrt  gefunden.  Auch  hier  wurde  in  den  meisten  Fallen  zuerst 
Abnahme  des  Hämoglobins  und  der  Erythrozytenzahl  nach  den  An¬ 
fangsdosen  beobachtet.  Ueber  Veränderungen  des  weissen  Blut¬ 
bildes  werden  von  den  Autoren  Unterschiede  angegeben  zwischen 
lnunktions-  und  Injektions therapie.  Während  die  weissen 
Blutkörperchen  im  Anfang  der  Inunktionsmethode  leicht  erhöht  ge¬ 
funden  werden,  fallen  sie  im  weiteren  Verlauf  meist  langsam  und  kon¬ 
tinuierlich,  um  gegen  Ende  der  Kur  in  einzelnen  Fällen  Neigung  zu 
hohen  Normalwerten  aufzuweisen.  Bei  der  Injektionstherapie  da¬ 
gegen  steigt  die  Zahl  der  Leukozyten  sofort  nach  der  1.  Einspritzung 
über  die  Norm  an.  fällt  dann  etwas  zur  nächsten,  um  dann  wieder 
grösser  zu  werden,  so  dass  unregelmässige  Schwankungen  in  der 
Kurve  entstehen,  ähnlich  wie  wir  sie  bei  unserer  Wismutbehandlung 
sahen;  gegen  Ende  der  Kur  ist  hier  die  Leukozytenzahl  meist  den 
oberen  Gienzwerten  der  Norm  entsprechend.  Die  Neutrophilen  nei¬ 
gen  während  der  Hg-Behandlung  zu  geringer  Abnahme,  abgesehen 
von  den  Fällen,  bei  denen  nach  Injektion  vorübergehend  Leukozytose 
eintrat  (Abszessbildung,  Phagozytose).  Die  grossen  Mononuklearen 
und  Uebergangsformen  werden  von  einzelnen  Beobachtern  vermehrt 
gefunden,  während  über  die  Werte"  der  eosinophilen  Zellen  und 
Lymphozyten  stark  differente  Angaben  gemacht  werden.  Weitaus 
am  häufigsten  werden  niedrige  Lymphozytenwerte  angegeben  mit 
Neigung  zu  Lymphopenie  nach  Beginn  der  Quecksilberbehandlung. 

Die  Literatur  der.  letzten  Zeit  ist  uns  leider  infolge  der  ungünsti¬ 
gen  Postverhältnisse  im  besetzten  Gebiet  nicht  zugänglich  gewesen. 

Indem  wir  nun  zum  Schlüsse  nochmals  auf  die  oben  ausgeführte 
Zusammenfassung  über  die  Blutbildveränderungen  während  der  Wis¬ 
mutbehandlung  bei  Syphilitikern  zurückkommen,  so  könnte  die  An¬ 
nahme  gemacht  werden,  dass  die  Veränderung  des  weissen  Blutbildes 
durch  2  Faktoren  bedingt  ist,  von  denen  der  eine  den  rein  toxischen 
darstellt  (Leukozytose),  während  in  dem  anderen  (Lymphozytose) 
die  allergische  Heilwirkung  zu  erkennen  ist. 


1.1.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


915 


Für  die  Praxis. 

Die  Untersuchung  Magen-  und  Darmkranker. 

Von  Hofrat  Dr.  Crämer. 

I in  Laufe  der  Jahre  hat  die  Untersuchung  Magen-  und  Darm- 
kranker,  d.  h.  derjenigen,  die  zum  Arzt  kommen,  weil  sie  glauben, 
inageii-  oder  darmleidend  zu  sein,  mancherlei  Wandlung  und  Verände¬ 
rung  erfahren,  manche  Methoden  sind  verschwunden  (üastrodiaphonie 
z.  ID,  neue  sind  hinzugekommen;  im  Grunde  ist  der  Gang  der  Unter¬ 
suchung  der  gleiche  geblieben,  aber  vertieft  und  verbessert  worden. 
Zwei  der  neuen  Untersuchungsmethoden  kann  man  als  wirklich 
grossen,  ja  man  kann  sagen  umwälzenden  Fortschritt  bezeichnen: 
Jie  Röntgenuntersuchung  und  die  Gastroskopie. 

Da  ich  nur  für  die  Praxis  eine  Zusammenstellung  geben  will, 
'Ollen  auch  nur  die  fiir  die  allgemeine  Praxis  wichtigen  und  möglichen 
Wege  besprochen  werden.  Di«  ungeheure  Teuerung  aller  Instrumente 
und  Chemikalien  zwingt  uns  leider  auch  bezüglich  unserer  Unter¬ 
suchungsmethoden  zu  oft  recht  unliebsamen  Einschränkungen,  des¬ 
wegen  müssen  wir  uns  mit  möglichst  einfachen  Mitteln  durchzuhelfen 
suchen. 

Jeder  Untersuchung  muss  eine  genaue  Anamnese  vorausgehen, 
Jeren  Besprechung  eine  gesonderte  Abhandlung  verlangt.  Eines  möchte 
ich  nur  hervorheben,  weil  es  bei  Magen-  und  Darmkranken  unter  Um¬ 
ständen  von  ausschlaggebender  Bedeutung  sein  kann:  man  muss  sich 
Jie  Lebensweise  der  Kranken  genau  schildern  lassen  und  namentlich 
Jen  Gebrauch  bzw.  Missbrauch  der  Genussmittel  genau  notieren. 

Da  man  nicht  wissen  kann,  ob  man  einen  wirklich  Magen-  und 
»armkranken  vor  sich  hat,  da  weiterhin  solche  Erkrankungen  nicht 
selten  sekundärer  Natur  sind  —  die  Folge  einer  Erkrankung  anderer 
Organe  — ,  so  ist  es  unbedingt  notwendig,  dass  man  bei  derartigen 
Kranken,  soweit  man  sie  nicht  ärztlich  von  früher  her  kennt,  eine 
genaueste  allgemeine  Untersuchung  vornimmt  und  dann  erst  die 
Bauchorgane  untersucht.  Ich  betrachte  zuerst  das  Aussehen  der 
Kranken,  achte  auf  stärkere  Pigmentierung  der  Kopfhaare  bei  älteren 
-Guten,  schätze  den  Ernährungszustand  und  den  Körperbau,  beobachte 
Jie  Farbe  der  Sklera,  die  Reaktion  der  Pupillen,  sehe  mir  die  Zunge, 
Jas  Zahnfleisch  und  die  Zähne  an.  Gerade  die  genaue  Besichtigung 
Jer  letzteren  ist  von  grosser  Bedeutung,  weil  ihr  Zustand  namentlich 
)ei  Schnellessern  oft  eine  gute  Erklärung  für  die  Entstehung  der  Ver- 
Jauungsbeschwerden  abgibt.  Rachen  und  Mandeln  dürfen  nicht  über¬ 
sehen  werden;  besonders  muss  man  sich  von  der  Blutfüllung  der 
achtbaren  Schleimhäute  überzeugen. 

Bei  der  Besichtigung  des  Halses  kommt  es  vor  allem  darauf  an, 
schilddrüsenvergrösserungen  festzustellen,  dabei  auch  gleich  zu 
teilen,  ob  Iremor  der  Hände  vorhanden  ist  und  Protrusio  bulbarum 
>der  Glanzauge. 

Die  Untersuchung  der  Lungen  geschieht  in  der  gewöhnlichen 
Aeise;  wichtig  ist  der  Zwerchfellstand  (Status  gastro-cardiacus)  und 
ler  Nachweis  der  Verschiebung  der  unteren  Lungengrenzen  auf  beiden 
Seiten.  Eine  basilläre  Pleuritis  kann  zuweilen  zu  heftigen  Magon- 
schmerzen  Veranlassung  geben.  Legt  man  die  beiden  Hände  auf  die 
jegend  der  Unterlappen  auf  und  lässt  tief  atmen,  so  kann  man  schon 
deine  Unterschiede  in  der  Zwerchfellbewegung  mit  Sicherheit  nach- 
.veisen. 

Da  es  gar  nicht  selten  vorkommt,  dass  Insuffizienz  des  Herzens 
m  Magenstörungen  führt,  ist  auch  die  Untersuchung  des  Herzens 
sorgfältig  vorzunehmen.  So  manche  Verordnung  von  Salzsäure  und 
ähnlichen  Mitteln,  die  in  solchen  Fällen  natürlich  keinen  Nutzen 
»ringen  können,  muss  einer  Digitalistherapie  weichen,  die  dann  den 
nagen  rasch  in  Ordnung  bringt. 

Den  wichtigsten  Teil  der  Untersuchung  bildet  die  des  Leibes. 
)a bei  muss  der  Kranke  bequem  auf  einem  Untersuchungsbett  liegen; 
he  Eüsse  dürfen  nicht  herunterhängen,  die  Beine  werden  am  besten 
testreckt.  Der  Untersuchende  setzt  sich  auf  die  rechte  Bettkante,  in 
»er  kalten  Jahreszeit  sorge  er  dafür,  dass  er  warme  Hände  habe. 

Man  beginnt  mit  der  Besichtigung  des  Leibes,  überzeugt  sich, 
»b  der  Leib  aufgetrieben  ist,  im  ganzen  oder  nur  stellenweise,  ob 
iur  rechts  oder  links,  oder  nur  der  untere  Teil  oder  der  obere.  Man 
tiisst  den  Umfang  des  Leibes  bei  Auftreibungen,  und  zwar  nicht 
»loss,  um  den  Grad  der  Auftreibung  festzustellen  —  der  Umfang  des 
-eibes  soll  nicht  grösser  sein  wie  der  der  Brust  — ,  sondern  auch, 
im  im  Laufe  der  Behandlung  durch  wiederholte  Messungen  die 
■rz leite  Besserung  zahlenmässig  nachweisen  zu  können.  Ein  be- 
luemer  Griff  ist  der  von  Fr.  X.  Mayer  angegebene:  Ein  normaler 
-eib  muss  mit  der  rechten  ausgespreitzten  Hand  gut  umgriffen 
A-erden  können,  so  zwar,  dass  der  Daumen  an  die  rechte  Darm- 
»einschaufef,  der  kleine  Finger  an  die  linke  zu  liegen  kommt,  während 
ne  übrigen  Finger  den  linken  Rippenbogen  berühren. 

Dann  beobachtet  man,  ob  Steifungen  bzw.  peristaltische  Wellen 
»achweisbar  sind.  Besteht  auf  Grund  der  Anamnese  ein  Verdicht 
mt  eine  Stenose,  so  tut  man  gut  daran,  das  Hemd  erst  hochheben 
•u  lassen,  wenn  man  schon  beim  Kranken  sitzt.  Die  kühle  Luft,  die 
\r  die  Bauchdecken  einwirkt,  löst  oft  peristaltische  Wellen  aus, 
Jie  sonst  nicht  sichtbar  sind.  Zu  berücksichtigen  ist  aber  dabei,  dass 
lamenthch  bei  mageren  Frauen,  die  schon  öfter  geboren  haben,  die 
»auchdecken  ausserordentlich  dünn  sind,  so  dass  die  normalen  Be¬ 
legungen  des  Dünndarmes  durchscheinen. 

Weiterhin  überzeuge  man  sich,  ob  Hernien  vorhanden  sind,  ob 


sie  (Nabelhernie,  Hernie  der  Linea  alba)  durch  ein  Bruchband  zurück- 
gehalten  werden  oder  nicht,  ob  sie  gut  zurückgeschoben  werden 
können.  Bei  der  Untersuchung  im  Stehen  beobachte  man  auch,  ob 
ein  Hängebauch  da  ist,  wenn  ja,  so  unterstütze  man  ihn  mit  ' der 
rechten  Hand  und  lasse  dabei  den  Kranken  tief  atmen.  Häufig  hört 
man  dann  von  Kranken  —  gewöhnlich  handelt  es  sich  um  Frauen 
dass  sie  beim  Hochheben  des  Leibes  viel  leichter  atmen  und  sich  viel 
freier  fühlen,  als  wenn  der  Leib  hängt.  Bei  den  Verordnungen  wird 
man  diesen  Befund  mit  Vorteil  verwenden  und  das  Tragen  einer 
entsprechenden  Leibbinde  empfehlen,  die  oft  allein  schon  ein  gut  Teil 
der  geklagten  Beschwerden  beseitigt. 


A-'IV  u 


.  ,,  a  i  v  uni  ui  Kauz.  ucMi.mmen 

Fallen  wertvolle  Anhaltspunkte.  Lebhaftes  Gurren  im  Leib  deutet 
meist  auf  eine  grosse  Unruhe  im  Darm,  auf  Reizzustände,  Katarrh, 
Gahrungen  hin ;  doch  lassen  sich  aus  diesen  Geräuschen  bestimmte 
bchlusse  nicht  ziehen.  Anders  ist  es  bei  Steifungen  des  Darmes, 
die  gewöhnlich,  wenn  sie  sich  lösen,  von  lebhaften  Geräuschen, 
Glucksen,  wie  wenn  man  eine  Flasche  Wasser  ausschüttet,  begleitet 

SKd‘v.^üSS,erde7,T1  kommt  noch  bci  stärkeren  Stenosen,  bei  denen  sich 
oberhalb  der  Verengerung  eine  beträchtliche  Erweiterung  des  Ver¬ 
dauungskanals  mit  Hypertrophie  der  Muskulatur  entwickelt  hat,  ein 
von  mir  „Schüttgeräusch  genanntes  Symptom  vor,  ganz  ähnlich  dem 
wenn  man  einen  Krug  Wasser  auf  den  Boden  hinschüttet.  Dieses  Ge¬ 
räusch  scheint  sich  nur  bei  gutartigen  Stenosen  zu  entwickeln  Ein 
von  mir  beobachteter  Fall  mit  mehrfacher  Stenose  und  diesem 
Geräusch  wurde  in  einer  Dissertation  beschrieben.  Diese  Geräusche 
hört  man  im  ganzen  Zimmer,  so  laut  können  sie  auftreten. 

Auf  das  Gurren  im  Darm  komme  ich  nach  der  Besprechung  der 
Palpation  zurück;  es  tritt  ja  meist  nicht  freierdings  auf.  sondern  nur 
bei  der  Untersuchung. 


...  Pje  ü  e  r  k  u  5  s  i  o  n  des  Leibes  wird  anscheinend  zu  wenig  ge¬ 
übt,  ihre  Ergebnisse  sind  viel  wertvoller,  als  man  glauben  möchte. 
Bei  ganz  normalen  Verhältnissen  schallt  die  rechte  Seite  etwas  heller 
wie  die  linke,  ausserdem  ist  der  Schallunterschied  auch  der  Höhe 
nach  anders;  er  beträgt  zwischen  rechts  lincFlinks  gewöhnlich  eine 
1  erz,  wie  ich  dies  bei  häufigen  Untersuchungen  bei  musikalischen 
Menschen  einwandfrei  nachweisen  konnte. 

Bei  Funktionsstörungen  des  Darmes  ändert  sich  das  gewöhnlich- 
der  Höhenunterschied  im  Schall  zwischen  rechts  und  links  wird 
grösser,  eine  Quint,  ja  bis  eine  Oktav,  und  wenn  dann  noch  ein  starker 
Wechsel  im  Schall  bei  der  Perkussion  von  rechts  nach  links,  etwa 
dem  Verlauf  des  Kolons  entsprechend,  dazukommt,  dann  kann  man 
sicher  sein,  dass  die  Darmverdauung  eine  wesentliche  Störung  er¬ 
fahren  hat.  Häufig,  besonders  bei  der  Dyspepsia  intestinalis  flatulenta, 
begegnet  man  auf  der  linken  Seite,  von  der  linken  Flexur  angefangen, 
,,e..m  %  romanum  entsprechend,  eine  von  oben  nach  unten  zunehmende 
Dampfung,  so  zwar,  das  über  den  untersten  Partien  der  Schall  völlig 
leer  erscheint.  Diese  Dämpfung  verschiebt  sich  nicht  bei  Lage- 
Wechsel,  hellt  sich  aber  nach  I  remolomassage  z.  B.  in  wenigen  Mi- 
nuten  völlig  auf.  Damit  scheint  auch  bewiesen,  dass  sie  nicht  durch 
Kotmassen  bedingt  sein  kann.  Üb  eine  mangelhafte  Spannung  der 
Darmwände  daran  schuld  ist,  wage  ich  nicht  zu  hehaupten.  Merk¬ 
würdig  ist,  dass  die  betreffenden  Kranken  sich  nach  Anwendung  der 
1  remolomassage  wesentlich  freier  im  Leib  fühlen  und  dass  die  elek- 
trische  Prüfung  der  Bauchdecken  mit  dem  faradischen  Strom  eine 
auffallende  1  rägheit  der  linksseitigen  Bauchdeckenmuskulatur  er¬ 
kennen  lasst;  die  Kontraktionen  erfolgen  weit  langsamer  und  weniger 
stark  wie  auf  der  rechten  Seite,  mit  der  zunehmenden  Besserung  aber 
wird  die  Reaktion  auf  den  elektrischen  Strom  lebhafter  und  stärker 
und  gleicht  sich  allmählich  ganz  aus.  Fühlbar  kotgefüllte  Darm+eile 
sind  meist  nicht  gedämpft. 

P  a  1  P  a  *  i  o  n  des  Leibes  ist  von  ganz  ausserordentlicher 
Wichtigkeit  und  kann  nicht  sorgfältig  genug  vorgenommen  werden. 
V  ier  Stellen  sind  es  hauptsächlich,  die  besonders  eingehend  unter- 
sucht  werden  müssen:  das  Epigastrium,  die  Leber  bzw.' Gallenblasen¬ 
gegend,  die  R.  ileocoecalis  und  das  S  romanum.  Im  normalen  Zu¬ 
stand  ist  der  Leib  weich  und  lässt  sich  leicht  durchtasten  und  die 
1  iefenpalpation  nach  allen  Richtungen  bequem  durchführen.  Jede 
Spannung,  wenn  sie  nicht  wegen  eines  Kitzelgefühls  absichtlich  ge¬ 
macht  wird,  muss  als  abnorm  bezeichnet  werden.  Man  beginnt  nicht 
mit  der  Untersuchung  der  vom  Kranken  angegebenen  Schmerzstelle, 
also  bei  Magenschmerzen  z.  B.  nicht  mit  der  Untersuchung  der 
Magengrube;  es  ist  vorteilhafter,  sich  sozusagen  etwas  einzuschlei- 
chen  und  so  den  Kranken  abzulenken.  Gewöhnlich  fange  ich  mit  dem 
Abtasten  der  S.  romanum  -  Gegend  an,  das  sehr  häufig  mehr  weniger 
kontrahiert  gefühlt  werden  kann  und  dessen  Verlauf  sich  dann  gut 
verfolgen  lässt.  Gleich  hier  möchte  ich  bemerken,  dass  stärker  ge¬ 
füllte  Darmschlingen  häufig  empfindlich  sind.  Enthält  das  S.  romanum 
harte  Kotteile,  so  ist  eine  Verwechslung  mit  Tumoren  dann  besonders 
leicht  möglich,  wenn  eine  stärkere  Empfindlichkeit  besteht.  Oeftere 
Untersuchungen,  namentlich  nach  gründlicher  Entleerung,  können 
Klarheit  schaffen.  Zuweilen  ist  die  Empfindlichkeit  nur  beim  Rollen 
des  Darmrohres  nachweisbar,  zuweilen  treten  auch  nur  Rcflex- 
schmerzen  nach  rechts  oben  auf,  während  die  Gegend  selbst  ganz 
schmerzlos  bleibt.  Gurren  beim  Untersuchen  der  Flexura  sigmoidea 
ist  stets  als  abnorm  zu  bezeichnen. 

Von  ganz  besonderer  Bedeutung  ist  die  Untersuchung  der  Regia 
ileocoecalis.  Häufig  findet  man  bei  Darmstörurigen  den  Blinddarm 
etwas  aufgetrieben,  als  rundliche  Wurst  in  ganzer  Ausdehnung  ab- 


916 


Münchener  medizinische  Wochenschrift. 


Nr.  28. 


tastbar  meist  leicht  vei schiebbar.  Starkes  Quatschen  und  Gurren 
st  wohl  immer  abnorm.  Das  Ranze  Zökum  kann  empfindlich  sein 
namentlich  beim  Rollen:  öfter  auch  nur  die  Gegend  den  MB  Pungtes; 
nicht  selten  findet  man  nur  einen  mehr  weniger  heftigen  Refl-X 
schmerz,  in  die  Magengegend  ausstrahlend,  wahrend  R.  1.  c.  selost 
ganz  unempfindlich  ist:  manche  Kranke  behaupten  dann:  das  wart 
ihr  Magenschmerz.  Bei  entzündlichen  Prozessen  in  der  R.  t.c  haUe 
man  sich  an  die  trefflichen  Ausfuhrungen  Kr  ecke  s.  Von  lumoren 
in  der  Blinddarmgegend  kommen  ausser  chronischen  e  itzundlu.  en 
Prozessen  hauptsächlich  Tuberkulose,  bösartige  Geschwülste  und 

“SSSl  sch,  schlaff  -  bei  fraucn  „ach  hähifgcn 

fäpz  ÜÄ  £  SSÄJ  fi « 

halbwegs  noch  kräftige  Muskulatur  stösst  die  Hand  zurück,  oder  man 
lässt  die  Kranke  aufsitzen,  während  man  untersucht;  bet  norm  den 
Verhältnissen  wird  auch  da  die  Hand  zurückgestossen. 

Will  man  feststellen,  ob  ein  Schmerzpunkt,  den  man  nachgewiesen 
hat,  den  äusseren  Bedeckungen  oder  der  Muskulatur  angehort,  so 
lässt  man  den  Leib  stark  heraustreiben,  so  dass  eine  I  lefenpalpation 
nicht  mehr  möglich  ist.  Schmerzen,  die  dann,  bei  der  Betastung  mit 
den  Fingerspitzen  deutlich  hervortreten,  bei  der  Erschlaffung  des 
Leibes  aber  nicht  mehr,  gehören  höchstwahrscheinlich  den  Baudi- 

dCCkNRhtn‘übersehen  darf  man,  die  Blasengegend  abzutasten.  Findet 
sich  eine  rundliche  prallelastische  Geschwulst,  die  auch  nach  dem 
Urinlassen  noch  fortbesteht,  so  denke  man  an  Residualharn.  Die 
Harnstauung  in  der  infolge  Prostatavergrösserung  erweiterten  Ha  - 
blase  führt  zu  lebhaften  und  eigenartigen  Magenbeschwerden,  nament¬ 
lich  zu  starkem  Durstgefühl.  Geeignete  facharztlicht  Behandlung 
kann  bei  nicht  zu  langem  Bestehen  des  Leidens  oft  rasch  eine  Bvsse- 

rU"kfiat  man  bei  Frauen  begründeten  Verdacht  auf  ein  Unterleibs¬ 
leiden,  d.h.  dass  die  Verdauungsstörung  mit  einem  solchen  Leiden  in 
Zusammenhang  steht,  so  soll  man,  soweit  möglich,  einen  Facnuzt 
beiziehen,  wenn  man  nicht  selbst  in  solchen  Untersuchungen  „e- 

nÜS<D?e Abtastung  des  Kolons  ist  ziemlich  oft  möglich;  zuweilen 
treten  nur  einzelne  Abschnitte  deutlicher  hervor,  am  häufigsten  Pas 
S.  romanum. 


Als  besonders  wichtig  ist  die  Untersuchung  der  Lebei  und  der 
Gallenblasengegend  anzusehen.  Bei  der  grossen  Häufigkeit  der 
chronischen  Cholezystitis  muss  diese  Gegend,  die  ja  dem  Wttter- 
winkel  des  Leibes  zugehört,  mit  besonderer  Sorgfalt  abgetastet  wer¬ 
den.  Die  Grösse  der  Leber  ist  meist  unschwer  festzustellen;  bei 
Verdauungsstörungen  muss  man  sich  stets  gegenwärtig  halten,  dass 
die  Leberdämpfung  oft  nur  sehr  klein  oder  gar  nicht  vorhanden  ist, 
infolge  stärkerer  Auftreibung  des  Kolons  und  des  Jejunums  Mai 
untersucht  die  Leber  am  besten  bimanuell;  mit  der  linken  Hand  hebt 
man  sozusagen  die  Leber  von  hinten  her,  mit  der  rechten  Hand  sucht 
man  den  Rand  der  Leber  abzutasten.  Man  darf  sich  aber  nicht  dar¬ 
auf  beschränken,  nur  den  rechten  Lappen  zu  untersuchen;  gerade 
die  Gallenblasengegend  und  der  linke  Lappen  bedürfen  unserer  be¬ 
sonderen  Aufmerksamkeit.  Während  einfacher  Druck  auf  die  Leber 
oft  gar  nicht  empfindlich  ist,  kann  man  beim  Gleiten  las  s  e  n  uer 
Finger  über  den  Leberrand  in  der  Gallenblasengegend  und  nn  Verlaut 
des  linken  Lappens  oft  eine  recht  beträchtliche  Schmerzhaftigkeit 
feststellen,  die  sich  nicht  selten  auf  einen  ganz  kleinen  Bezirk 
(Gallenblase)  beschränkt.  Dabei  ist  noch  eine  besondere  Beobachtung 
hervorzuheben.  Der  Schmerz,  der  beim  Gleitenlassen  der  Gailen- 
blasengegnd  entsteht,  hat  die  sehr  bemerkenswerte  Eigentümlichkeit, 
nachzuwimmern,  oft  stundenlang.  Aus  dem  Nachlassen  dieses  Nach- 
wimmerns  des  Untersuchungsschmerzes  kann  man  die  eingetretene 
Besserung  fast  zahlenmässig  feststellen.  Druckschmerzen  an  anderen 
Stellen  im  Leib  pflegen  nach  m.E.  nicht  nachzuwimmern;  insofern  ge¬ 
stattet  der  Nachweis  dieser  Erscheinung  zugleich  auch  eine  1  rennung 
von  anderen  Erkrankungen  und  Schmerzarten.  Ist  der  Leberrana 
und  die  Gallenblasengegend  beim  Gleitenlassen  empfindlich  dann 
pflegt  auch  die  direkte  Perkussion  an  diesen  Stellen  einen  lebhaften 
Schmerz  auszulösen,  der  an  anderen  Stellen  im  Leib  oder  in  der 
Magengegend  im  allgemeinen  nicht  so  stark  zu  sein  pflegt.  Zuweilen 
lässt  sich  die  Gallenblase  als  bimförmiger  Körper  deutlich  abtasten; 
ja,  manchmal  gelingt  es  auch,  Steine  in  der  Gallenblase  nachzuweisen, 
die  eine  Art  Knirschen  beim  Abtasten  erkennen  lassen,  ähnlich  wie 
wenn  man  auf  einem  mit  Schrot  gefüllten  Beutel  die  Finger  hin  und 
her  bewegt.  Untersuchung  im  Stehen  lässt  die  gefundenen  Verände¬ 
rungen  oft  noch  deutlicher  hervortreten. 


Die  Vergrösserung  der  Milz  ist  bei  Erkrankungen  des  Magens 
und  Darmes  zumeist  ohne  besondere  Bedeutung,  kann  aber  zuweilen 
doch  für  die  Diagnose  wertvoll  sein  (Leukämie  z.  B.). 

Bei  allen  Erkrankungen  des  Magens  muss  die  Magengrube 
im  Liegen  und  Stehen  auf  das  sorgfältigste  untersucht  werden.  Die 
sichtbaren  Veränderungen  und  Erscheinungen  habe  ich  schon  er¬ 
wähnt.  Bei  der  Palpation  stellen  wir  fest,  ob  schmerzhafte  Punkte 
und  greifbare  Veränderungen  vorhanden  sind.  Weitaus  am  häufigsten 
findet  man  die  Mitte  oder  die  Pförtnergegend  druckempfindlich,  ganz 
gewöhnlich  den  obersten  Winkel,  ohne  dass  man  aber  daraus  be¬ 
sondere  Schlüsse  ziehen  könnte.  Auch  der  Processus  xiphoideus  und 
die  Rippenbogen  werden  nicht  selten  druckempfindlich  befunden. 


dabei  ist  oberflächlicher  Druck  oft  unangenehmer  wie  starker.  Nach 
meiner  Erfahrung  und  bei  dem  Krankenmaterial,  das  ich  zu  unter¬ 
suchen  Gelegenheit  habe,  ist  die  Druckempfindlichkeit  in  der  Magen¬ 
grube  selten  so  genau  lokalisiert,  dass  man  von  einem  eigentlichen 
Schmerzpunkt  sprechen  könnte.  Am  häufigsten  tritit  das  noch  fur 
die  Mittellinie,  ewa  in  der  Mitte  zwischen  Nabel  und  I  rocessus 
xiphoideus,  zu.  Als  Kontrolle  gewissermassen  kann  die  d  rekte  Per¬ 
kussion  dienen,  die  dann  gewöhnlich  die  schmerzhafte  Stellv  wesent¬ 
lich  deutlicher  hervortreten  lässt  wie  die  Palpation,  und  besonders 
die  Untersuchung  im  Stehen  bei  etwas  vorgebeugtem  Körper  des 
Kranken.  Namentlich  die  Druckempfindlichkeit  in  der  Gegend  der 
kleinen  Kurvatur  pflegt  dann  weit  starker  zu  sein  wie  'm  Liegen 
Zuweilen  ist  die  ganze  Magengegend  hart  anzufuhlen,  ^e  RecL  smd 
gespannt,  so  dass  eine  Tiefenpalpation  nicht  möglich  ist,  häufiger  ist 
nur  der  rechte  Rektus  gespannt,  ohne  das  das  aber  ein  sicheres 
Zeichen  dafür  wäre,  dass  eine  greifbare  Veränderung  in  der  I  fortnt  - 
bzw.  Gallenblasengegend  vorhanden  sein  muss.  Meist  ist  dann  die 
genannte  Gegend  druckempfindlich  oder  man  fühlt  wirklich  unter  dem 
Rektus  eine  vermehrte  Resistenz;  die  Muskelspannung  ist  dann  eine 
echte  Schutzmassnahme.  Nicht  selten  kann  man  den  Pylorus,  wenn: 
er  fest  kontrahiert  ist,  gut  abtasten,  die  runde,  etwa  daumendicke 
Geschwulst  verschwindet  und  kommt  wieder  unter  den  1  mgern,  ein 
sicheres  Zeichen,  dass  man  diesen  Magenteil  fühlt.  Der  Nachweis 
von  Quatschen  im  Magen  und  von  Sukkussion  kann  wertvoll  senn 
darf  aber  nicht  überschätzt  werden;  bewiesen  ist  damit  für  c:ne 
Magenerweiterung  noch  nichts. 

Die  untere  Magengrenze  soll  man  nicht  bloss  im  Liegen  zu  be¬ 
stimmen  suchen,  sondern  vor  allem  im  Stehen.  Sie  wird  me!st  etwas 
oberhalb  des  Nabels  gefunden  unter  normalen  Verhältnissen,  ist  aas 
Organ  erweitert,  dann  kann  sie  bis  an  die  Symphyse  reichen.  Bei 
starker  Erweiterung  des  Magens  und  beträchtlicher  Stauung  des 
Mageninhaltes  kann  man  in  linker  Seitenlage  eine  Damptung  nac  i- 
weisen,  die  bei  Lageveränderung  sich  aufhellt. 

Geschwülste,  die  dem  Corpus  ventriculi  angeboren,  sind  palpa- 
torisch  nur  selten  nachweisbar,  während  greifbare  Veränderungen  n 
der  Pylorusgegend  und  der  kleinen  Kurvatur  meist  lemht  gefühlt 
werden  können,  wobei  neben  der  Schmerzhaftigkeit,  Oberfläche, 
Ausdehnung  auch  die  Beweglichkeit,  namentlich  bei  der  Atmung, 
festgestellt  werden  muss.  Zuweilen  treten  diese  Veränderungen  im 
Stehen  deutlicher  hervor.  Tumoren  des  Corpus  ventriculi  werden 
manchmal  in  rechter  Seitenlage  des  Kranken  noch  zugänglich.  Gedtm 
der  Hautdecken  in  der  Magengegend  wird  zuweilen  bei  Carzmoma 

ventriculi  beobachtet.  ...  , 

Bei  der  Untersuchung  des  Magens  im  Stehen  überzeugt  man 
sich,  ob  er  luftkissenartig  aufgetrieben  ist  (bei  Raschessern  ganz  ge¬ 
wöhnlich,  auch  bei  Reitern  häufig);  die  im  Liegen  estgestelteDruck 
empfindlichkeit  tritt  oft  weit  deutlicher  hervor  und  wird  allermeist  in 
der  Gegend  der  kleinen  Kurvatur  und  in  der  Mittellinie  gefunden. 
Der  Nachweis  von  Rückenschmerzpunkten  vervollständigt  die  Unter- 

suehmis  von  Max  Einhorn  eingeführte  Untersuchung  mittels  Duo¬ 
denalsonde,  die,  gänzlich  gefahrlos,  namentlich  für  die  Diagnose  der 
Erkrankungen  des  Duodenums  und  der  Gallenwege  von  grosser  Be¬ 
deutung  zu  sein  scheint,  dürfte  sich  wold  fur  die  Sprechstunde  im 
allgemeinen  nicht  eignen,  in  Kliniken  und  Sanatorien  aber  mit  gröss¬ 
tem  Vorteil  verwendet  werden. 

Handelt  es  sich  um  längerdauernde  Diarrhöen  mit  Abgang  von 
Blut  und  Schleim,  Spritzern,  vermehrtem  Zwang,  so  darf  nie  mal' 
vergessen  werden,  das  Rektum  mit  dem  Finger  genau  zu  unter¬ 
suchen.  Leider  geschieht  diese  Untersuchung  viel  zu  selten,  und  du 
Beruhigung,  es  seien  halt  Hämorrhoiden,  hat  schon  manchem  Kran¬ 
ken  das  Leben  gekostet.  Eine  Spiegeluntersuchung,  die  in  der  bprech 
stunde  leicht  ausgeführt  werden  kann,  wird  die  Diagnose  siclit-rn 
I  iegt  eine  Proktitis  mit  Geschwürbildung  vor,  dann  sei  man  mit  de 
Spiegeluntersuchung  sehr  vorsichtig,  untersuche  niemals  un  Dunkeln 
sondern  stets  bei  genügender  Beleuchtung,  und  vermeide  ausgiebigen 
Bewegungen  nach  der  Seite  mit  dem  Spiegel  und  vor  a  lern  jede  ue 
waltanwendung.  Um  ein  möglichst  klares  Bild  zu  bekommen,  sol 
jeder  Rektoskopie  eine  Darmspülung  vorausgeschickt  werden,  abe 
stets  mehrere  Stunden  vor  der  beabsichtigten  Untersuchung,  v\e: 
sonst  immer  Flüssigkeitsreste,  die  zurückgeblieben  sind,  über  da 
Gesichtsfeld  laufen  und  höchst  störend  wirken.  Zur  lokalen  Behandhin 
der  Proktitis  und  anderer  Erkrankungen  des  Mastdarmes  ist  di 
Spigeleinffthrung  unerlässlich.  Besteht  Verdacht  auf  eine  Fissura  an 
so  kann  man  am  einfachsten  zu  einer  sicheren  Diagnose  komme! 
falls  nicht  schon  bei  der  äusseren  Besichtigung  die  Fissur  nacligc 
wiesen  werden  kann  —  Spiegeleinführung  ist  ausserst  schmerz.ia 
und  führt  nicht  zum  Ziel  — ,  wenn  man  eine  Knopfsonde  mit  Wati 

4 _ 5  ein  lang  armiert,  in  10  proz.  Kokainlösung  taucht  und  dann  voi 

sichtig  in  den  Darm  schiebt,  soweit  die  Watte  reicht,  und  sie  einig 
Minuten  liegen  lässt.  Ein  mehr  weniger  langer  Blutstreifen  lasst  m 
Sicherheit  Lage  und  Ausdehnung  der  Fissur  erkennen:  die  Anastm 
sierung  lässt  auch  sofort  eine  geeignete  Behandlung  anschliessen  A 
dem  immer  kleiner  werdenden  Blutstreifen  kann  auch  die  fortsenre 
tende  Heilung  am  einfachsten  und  sichersten  nachgewiesen  werdi 
Eine  genaue  Urinuntersuchung  ist  unbedingt  erforderlich,  könne 
doch  Nierenerkrankungen  die  Verdauungsorgane  schwer  beeiniiacl 
tigen;  ebenso  kann  eine  Glykosurie  mit  Verdauungsstörungen  i n  1 1 e 
gehen. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIET. 


917 


l.E  Juli  192.1. 


Ist  der  allgemeine  Status  aufgenommen,  dann  m  u  s  s  bei  Magen¬ 
erkrankungen  zur  Feststellung  der  Sekretionsverhältnisse  und  der 
Motilität  eine  Probespülung  gemacht  werden,  3  Stunden  nach  einer 
Hauptmahlzeit  oder  6  Stunden  nach  einer  solchen;  bei  Verdacht  auf 
Stauung  des  Mageninhaltes  ist  eine  Spülung  morgens  nüchtern  er¬ 
forderlich. 

Für  die  Entnahme  einer  Probe  sind  die  verschiedensten  Früh¬ 
stücke  empfohlen  worden;  am  häufigsten  wird  das  Ewald-Boas- 
sche  gewählt.  In  letzter  Zeit  ist  ein  Alkoholfrühstück  Mode  geworden. 
Nun  wollen  wir  doch  nicht  wissen,  wie  der  Magen  auf  Alkohol  ant¬ 
wortet,  sondern  wollen  und  müssen  fcststellen,  wie  die  Säureverhält¬ 
nisse  bei  gewöhnlicher  Kost  sind.  Ich  entnehme  die  Probe  fast 
ausschliesslich  3  Stunden  nach  einem  gewöhnlichen  Mittagessen  und 
erfahre  so  am  besten  die  Hauptleistung  des  Magens. 

Der  gewonnene  Mageninhalt  muss  auf  Aussehen,  Farbe,  Menge, 

I  Schichtung,  Geruch,  Schleim-  und  Blutgehalt,  auf  Reaktion  und  Säure¬ 
menge  geprüft  werden,  eine  Untersuchung,  die  nur  sehr  wenig  Zeit 
in  Anspruch  nimmt.  Für  die  allgemeine  Praxis  und  zum  Nachweis 
der  Säure  dürfte  Kongopapier  völlig  genügen. 

Die  Sondeuntersuchung  kann  vorläufig  durch  nichts  anderes 
ersetzt  werden;  sie  ist  zu  einer  richtigen  Diagnose  in  den  meisten 
Fällen  unbedingt  notwendig.  Es  ist  als  Fehler  zu  bezeichnen, 
wenn  man  diese  einfache  Untersuchung  unterlässt,  denn  die  ge¬ 
klagten  Beschwerden  lassen  niemals  eine  so  sichere  Beurteilung 
zu,  dass  man  sich  ohne  weiteres  darauf  verlassen  könnte. 

Ist  der  Mageninhalt  besonders  stark  fetthaltig  —  nach  Genuss 
I  sehr  fetten  Fleisches  kann  es  Vorkommen,  dass  der  Mageninhalt  in 
;  wenigen  Minuten  völlig  gerinnt  — ,  dann  kann  es  schwierig  werden, 
mit  Kongopapier  eine  Säurebestimmung  zu  machen.  Man  muss  die 
,  dicke  Fettschicht  durchstossen  und  die  darunter  befindliche  fettf.eic 
Flüssigkeit  untersuchen. 

Bei  Verdacht  auf  Ulcus  ventriculi  wird  man  mit  Vorteil  die 
Benzidinprobe  anstellen,  die  in  sehr  kurzer  Zeit  ausgeführt  werden 

kann. 

Eine  mikroskopische  Untersuchung  des  Mageninhaltes  muss  sich 
anschliessen. 

Bei  Darmstörungen  ist  die  Untersuchung  des  Stuhls,  makrosko- 
I  oisch  und  mikroskopisch,  unbedingt  notwendig;  sie  kann  in  wenigen 
j  Minuten  ausgeführt  werden.  Hat  man  Gelegenheit,  den  Gesamtstuhl 
I  zu  sehen,  wie  er  abgesetzt  worden  ist,  so  bietet  das  manche  Vorteile. 
.Man  kann  dann  rasch  feststellen,  ob  der  Stuhl  schwimmt,  also  sehr 
gashaltig  ist,  ob  das  umgebende  Wasser  stark  gefärbt  ist  oder  nur 
leinen  schmalen  gefärbten  Kranz  um  den  Stuhl  erkennen  lässt,  wie 
es  der  Norm  entspricht,  ob  der  Stuhl  beim  Hinunterspülen  an  der 
Schüssel  stärkere  Rückstände  lässt,  also  schmierig  und  lettig  ist. 
j  Verrührt  man  eine  kleine  Stuhlprobe  mit  Wasser  auf  schwarzer 
Unterlage,  so  kann  man  den  gröberen  Schleimgehalt  und  unverduite 
Speisereste  rasch  nachweisen. 

Untersuchung  auf  okkulte  Blutung  geschieht  am  einfachsten  mit 
der  Benzidinprobe  am  Ausstrichpräparat;  zur  mikroskopischen  Unter¬ 
suchung  bedient  man  sich  am  besten  des  F  r  i  e  d  i  g  e  r  sehen  Färbe¬ 
mittels.  So  kann  man  sich  in  kurzer  Zeit  über  Schleimgehalt,  Aus- 
l  nützung  und  pathologische  Beimengungen  ein  Bild  machen. 

Erst  nach  Beendigung  der  klinischen  Untersuchung  lässt  sich  be¬ 
stimmen.  ob  eine  Röntgenuntersuchung  wünschenswert  oder  not¬ 
wendig  ist.  Bei  den  allermeisten  Magen-  und  Darmerkrank.ngen 
kommt  man  ohne  sie  aus:  zum  Nachweis  von  Tumoren.  Verlagerun¬ 
gen,  Stenosen,  Verwachsungen,  UDerationen  ist  sie  oft  allein  im¬ 
stande,  die  Diagnose  zu  sichern.  Aber  stets  darf  die  Röntgenunter¬ 
suchung  nur  eine  Ergänzung  der  klinischen  sein:  sie  kann  die  kli¬ 
nische  nicht  ersetzen.  Das  wichtigste  bleibt  immer  die  richtige 
j  Deutung  der  Bilder,  und  das  setzt  eine  grosse  Sachkenntnis,  Kritik 
und  Frfahrung  voraus. 

i  Die  Gastroskopie  wird  stets  nur  in  der  Hand  eines  gewiegten 
: Untersuchers  ausführbar  sein:  sie  wird  vorläufig  wenigstens  nicht 
Allgemeingut  der  Aerzte  werH^n  können.  Schindler  hat  genau 
begrenzt,  was  man  dam’t  nachweisen  kann;  trotz  dieser  Begrenzung 
wird  sic  segensreich  wirken  können. 


Soziale  Medizin  und  Hygiene. 

Das  preussische  Tuberkulosegesetz  in  der  vom  Land¬ 
tag  angenommenen  Fassung. 

Kritische  Betrachtungen  von  Karl  Heinz  B  lüm  el  -Halle, 
Facharzt  für  Hals,  Nase,  Lunge,  Leiter  der  Tuberkulose¬ 
fürsorgestelle. 

Das  preussische  Tuberkulosegesetz  ist  bekanntlich  Ende  April  d.J. 
vom  Landtag  angenommen,  aber  vom  Staatsrat  dem  Landtag  zurück¬ 
gegeben  worden,  angeblich  weil  der  Staatsrat  annahm,  dass  die 
wirtschaftliche  Belastung  durch  die  gesetzlichen  Bestim¬ 
mungen  für  die  Gemeinde  zu  gross  war.  Vom  Standpunkt  der 
I  ubcrkulosebekämpfung  als  Abwehr  gegen  eine  Volksseuche  ist  es  an 
sich  zu  begrüssen,  dass  das  Gesetz  noch  einmal  im  Landtage  ver¬ 
handelt  wird.  Hoffentlich  wird  nicht  nur  die  wirt¬ 
schaftliche  Seite  dann  einer  Aenderung  unter¬ 


z  o  g  c  n,  s  o  n  d  e  r  n>  a  u  c  li  die  volksgesundheitliche  (d.  h. 
sozialhygienische).  Diesem  Wunsche  ist  auf  der  diesjährigen 
Jahresversammlung  der  Tuberkulosefürsorge¬ 
ärzte,  die  die  Arbeitsgemeinschaft  der  Heilstätten-  und  Tuberkulose¬ 
fürsorgeärzte  in  der  Woche  vor  Pfingsten  in  Mannheim  abhielt, 
von  allen  Seiten  Ausdruck  gegeben  worden,  mit  dem  Hinzufügen,  dass 
endlich  einmal  die  Aerzteschaft  der  Praxis  vor  der  Verabschie¬ 
dung  zu  solchen  Gesetzentwürfen  auch  gehört  wird.  Es  ist 
fast  unverständlich,  dass  die  Fürsorgeärzte,  die  in 
der  Gesellschaft  deutscher  Tuberkulosefürsorgeärzte  zusammen¬ 
geschlossen  sind,  zu  den  Vorberatungen  gar  nicht  zu¬ 
gezogen  wurden,  ebensowenig  wie  die  schon  17  Jahre 
organisierten  Heilstättenärzte.  Denn  das  Gesetz  —  man 
merkt  es  wenig  —  will  die  Fürsorgestellen  zum  Mittel¬ 
punkt  der  Tuberkulosebekämpfung  machen  und  will 
ihnen  eine  Reihe  von  Pflichten  auferlegen.  Da  hätte  man  aber  gerade 
auf  den  Rat  der  Fachleute  nicht  leichten  Herzens  verzichten  sollen. 
Mit  ihrer  Hilfe  wäre  das  Gesetz  anders  ausgefallen. 

Was  muss  nun  ein  Tuberkulosegesetz  enthalten, 
wenn  es  überhaupt  wirksam  sein  soll? 

1.  Klare  Begriffe  über  das,  was  erfasst  werden 
soll; 

2.  weitgehende  Erfassungsmöglichkeit  der  Tu¬ 
berkulosefälle; 

3.  Sic  herstellungeinesausreichenden  Schutzes 
für  die  Gesunden  durch  gesundheitliche  Gestaltung  und 
Erhaltung  des  Lebenskreises  der  Offentuberkulösen; 

4.  Sicherstellung  hinreichender  Geldmittel; 

5.  Sicherung  der  praktischen  Durchführbarkeit 
der  Bestimmungen  des  Gesetzes. 

Wie  weit  das  preussische  Gesetz  diesen  Bestimmungen  gerecht 
wird,  soll  in  folgendem  kurz  betrachtet  werden. 


Entwurf  eines  Gesetzes 
betreffend  Bekämpfung 
der  Tuberkulose. 

§  1. 

(1)  Jede  ansteckende  Er¬ 
krankung  und  jeder  T  o  d  e  s  f  a  1 1 
an  Lungen-  und  Kehlkopf¬ 
tuberkulose  ist  dem  für  den 
Wohnort  oder  den  Sterbeort  zu¬ 
ständigen  beamteten  Arzt 
innerhalb  8  Tagen,  bei  Todesfällen 
innerhalb  24  Stunden  schriftlich  oder 
mündlich  mitzuteilen. 

(2)  Der  Minister  für  Volkswohl¬ 
fahrt  kann  zulassen,  dass  die  Mel¬ 
dung  an  Füi  sorgestellen.  Gesund- 
heits-  oder  Wohlfahrtsämter,  die  den 
nötigen  Vorbedingungen  entsprechen, 
statt  an  den  beamteten  Arzt  ge¬ 
richtet  wird.  Diese  zugelassenen 
Meldestellen  haben  die  ihnen  zu¬ 
gehenden  Mitteilungen  an  den  be¬ 
amteten  Arzt  weiterzugeben. 

(3)  An  eine  'Fürsorgestelle,  die 
als  Meldestelle  nicht  zugelassen  ist. 
hat  der  beamtete  Arzt  einlaufende 
Mitteilungen  weiterzugeben. 

(4)  Zur  Mitteilung  verpflichtet  ist 
der  zugezogene  Arzt. 

§  2. 

(1)  Wechselt  ein  solcher  Kranker 
die  Wohnung,  so  ist  dieser  Wechsel 
unverzüglich  nach  erlangter  Kcnntms 
des  beabsichtigten  Wohnungswech¬ 
sels  unter  Angabe  der  alten  und  der 
neuen  Wohnung  der  für  die  alte  Woh¬ 
nung  zuständigen  Meldestelle  münd¬ 
lich  oder  schriftlich  durch  den  Haus¬ 
haltungsvorstand  mitzuteilen. 

(2)  Wechselt  mit  der  Aenderung 
der  Wohnung  zugleich  der  Haushal¬ 
tungsvorstand.  so  liegt  die  Anzeige¬ 
pflicht  dem  bisherigen  Haushaltungs¬ 
vorstand  ob. 

§  3. 

Für  Erkrankungen  und  Todes¬ 
fälle.  welche  sich  in  Kranken-,  Ent- 
bindungs-,  Pflege-,  Gefangenen-  und 
ähnlichen  Anstalten  ereignen,  ist  der 
Vorsteher  der  Anstalt  oder  die  von 
der  zuständigen  Stelle  damit  beauf¬ 
tragte  Person  innerhalb  24  Stunden 
zur  Mitteilung  verpflichtet. 

§  4. 

Die  Kreise  haben  auf  Verlangen 
Meldekarten  für  schriftliche  Mit¬ 
teilung  unentgeltlich  zu  verabfolgen. 


Kritik. 

Zu  §  1. 

Statt  „ansteckend“  muss  *  es 
in  der  ersten  Zeile  §  1  „o  f  f  e  n“ 
heissen,  um  klare  Begriffe  zu  schaffen, 
d.  h.  nur  die  Fälle  mit  posi¬ 
tivem  Bazillenbefund  sind 
meldepflichtig.  Eigene  Er¬ 
fahrungen  und  die  mustergültigen 
Untersuchungen  Braeunings  be¬ 
weisen,  dass  sich  der  Begriff  „offen“ 
und  „ansteckend“  in  den  meisten 
Fällen  deckt.  Mit  der  Versorgung 
der  Offentuberkulösen  hätten  die 
Fürsorgestellen  auch  vollauf  zu  tun. 

Statt  nur  „jeder  Todesfall 
an  Lungen  -  und  Kehlkopf¬ 
tuberkulose“  muss  es  heissen 
„jeder  Todesfall  an  Tuber¬ 
kulös  e“.  Denn  gerade  die  Mel¬ 
dung  von  Knochen-,  Gelenk-, 
Drüsen-,  Bauchfell-,  Nie¬ 
ren-,  Hirnhaut-,  Miliar-  und 
anderen  Tuberkuloseerkrankungsfor- 
men  weist  uns  oft  auf  bisher  ver¬ 
borgene  Krankheitsquellen  hin,,  sie 
hilft  uns  oft  den  Seuchenherd  auf¬ 
decken'  und  ermöglicht  uns  so  die 
Verhütung  weiterer  Opfer. 

Ich  trete  für  Meldung  an 
beamteten  Arzt  ein,  der  ja 
nach  dem  Gesetz  diese  an  die  Für¬ 
sorgestelle  weitergibt.  Denn  Arzt 
und  Kreisarzt  sind  bei  anderen  über¬ 
tragbaren  Krankheiten  im  Melde¬ 
wesen  aneinander  gewöhnt, 
der  Gedanke  eines  Wettbewerbs 
der  Fürsorgestelle  schaltet 
bei  Meldungen  an  den  Kreisarzt 
schon  von  selber  aus.  und  schliess¬ 
lich  werden  Strafmassnahmen 
gegen  säumige  Melder  nicht  von  der 
Fürsorgestelle,  sondern  vom  Kreis¬ 
arzt  dann  weiter  veranlasst. 

Zudem  muss  der  Kreisarzt  als 
beamtete  Medizinalperson,  wie  über 
den  Gesundheitszustand  der  Ein¬ 
wohnerschaft  sonst,  auch  bezüglich 
der  Tuberkulose  sich  ein  Urteil  bil¬ 
den  können.  Seine  Teilnahme  an 
der  Tuberkulosebekämpfung  wird  so 
ohne  Schädigung  der  Fürsorgcstelle 
—  in  Preussen  sind  bisher  ungefähr 
20  Fürsorgestellen  auf  ihren  Antrag 
hin  unter  Umgehung  des  Kreisarztes 
zur  Entgegennahme  direkter  Mel¬ 
dungen  zugelassen  —  wachgehalten. 
Die  Bezirke,  in  denen  auf  Antrag  die 
Zulassung  erfolgen  soll,  dürfen  nicht 
unter  75  000  Einwohner  umfassen. 

Zu  §  2. 

Nichts  einzuwenden. 


918 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  28. 


§  5. 

(1)  Hält  eine  Fürsorgestelle  für 
Lungenkranke  Fürsorgemassnahmen 
für  notwendig,  so  hat  die  Gemeinde 
des  Wohnsitzes  des  Kranken  mög¬ 
lichst  im  Benehmen  mit  d  cm 
behandelnden  Arzte  das  Er¬ 
forderliche  zu  veranlassen,  soweit 
nicht  die  Fürsorgestelle  eintritt. 

(2)  Ist  keine  Fürsorgestelle  vor¬ 
handen,  so  hat  der  beamtete  Arzt 
die  zur  Verhütung  der  Weiterver¬ 
breitung  der  Krankheit  und  zur  Für¬ 
sorge  für  den  Kranken  und  seine  Fa¬ 
milie  dienlichen  Massnahmen  zu  be¬ 
sprechen. 

§  6. 

Die  Mitteilung  vom  Wohnungs¬ 
wechsel  eines  Kranken  haben  der  be¬ 
amtete  Arzt  und  die  bisher  zustän¬ 
dige  Fürsorgestelle  auszutauschen 
und  gegebenenfalls  an  die  für  die 
neue  Wohnung  des  Kranken  zu¬ 
ständige  Meldestelle  weiterzugeben. 
Diese  hat  das  nach  §  5  Erforderliche 
zu  veranlassen. 

§  7. 

Die  zuständige  bakterio¬ 
logische  Untersuchungsstelle  hat  über 
jede  Untersuchung  des  Auswurfs  auf 
Tuberkelbazillen  dein  einsendenden 
Arzt  und  über  jeden  positiven  Be¬ 
fund  der  zuständigen  Meldestelle  Mit¬ 
teilung  zu  machen. 

§  8. 

(1)  Auf  Antrag  des  beamteten 
oder  behandelnden  Arztes  oder  einer 
seitens  des  Ministers  für  Volkswohl¬ 
fahrt  zugelassenen  Meldestelle  (§  1) 
kann  die  Ortspolizeibehörde  eine 
Desinfektion  nach  den  Vorschriften 
der  Desinfektionsordnung  ausführen 
lassen. 

(2)  Ist  die  Desinfektion  im  Ver¬ 
hältnis  zum  Werte  der  Gegenstände 
zu  kostspielig,  so  kann  von  den  Orts- 
polizeibohörden  die  Vernichtung  an- 
georduet  werden. 

(3)  Gegen  die  Anordnungen  der 
Ortspolizeibehörde  finden  die  gegen 
polizeiliche  Verfügungen  gegebenen 
Rechtsmittel  Anwendung. 

(4)  Die  Anfechtung  der  Anord¬ 
nungen  hat  keine  aufschiebende  Wir¬ 
kung. 

§  9. 

Für  eine  Desinfektion  oder  eine 
Vernichtung  von  Gegenständen,  wel¬ 
che  auf  Grund  des  §  8  dieses  Ge¬ 
setzes  polizeilich  ungeordnet  wird, 
gelten  die  S?§  14,  15  und  17  bis  24 
des  Gesetzes,  betreffend  die  Be¬ 
kämpfung  übertragbarer  Krankheiten, 
vom  28.  August  1905  jedoch  mit  Aus¬ 
nahme  des  dort  angezogenen  S  28. 

S  32  Ziff.  2  und  §  33  Ziff.  2  des 
Reichsgcsetzcs,  betreffend  die  Be¬ 
kämpfung  gemeingefährlicher  Krank¬ 
heiten,  vom  30.  Juli  1900. 

§  10. 

(1)  Die  amtliche  Beteiligung  des 
beamteten  Arztes  bei  der  Ausführung 
des  gegenwärtigen  Gesetzes  erfolgt 
gebührenfrei. 

(2)  Die  Kosten  der  Desinfektion 
sind  aus  öffentlichen  Mitteln  zu  be¬ 
streiten. 

§  11. 

Mit  Geldstrafe  bis  zu  1500  M. 
wird  bestraft: 

1.  Wer  die  ihm  nach  den  §§  1 
bis  3  dieses  Gesetzes  obliegenden 
Mitteilungen  böswillig  unterlässt. 
Die  Strafverfolgung  tritt  nicht  ein, 
wenn  die  Mitteilung  von  einem  an¬ 
deren  dazu  Verpflichteten  oder  einem 
Dritten  rechtzeitig  gemacht  wor¬ 
den  ist. 

2.  Wer  Räume  oder  bewegliche 
Gegenstände,  für  welche  auf  Grund 
des  §  8  dieses  Gesetzes  eine  Desin¬ 
fektion  polizeilich  angeordnet  war. 
vor  Ausführung  der  angeordneten 
Desinfektion  in  Gebrauch  nimmt  oder 

einem  anderen  überlässt. 


Zu  §  3. 

Zusatz:  „Krankenkassen. 
Reichs-  und  Landesver- 
sicher,  ungsanstalten  mel¬ 
den  ausserdem  alle  Fälle  und 
alle  Formen  von  Tuberkulose  (auch 
geschlossene),  die  zu  ihrer  Kenntnis 
kommen.“ 

Diese  Meldungen  geschehen  durch 
Versicherungsanstalten  in  gut  ar¬ 
beitenden  Fürsorgestellen  schon  seit 
Jahren.  Nur  bei  den  Krankenkassen 
ist  das  Meldewesen  erst  an  wenigen 
Orten  entwickelt  (Breslau  u.  a.). 

Es  wäre  falsch  und  fahrlässig,  wenn 
eine  vielerorts  bewährte  Einrichtung 
nicht  auch  gesetzlich  verankert 
würde,  um  sie  überall  pflichtmässig 
durchzuführen. 

Zu  §  4. 

Nichts  einzuwenden. 

Zu  §  5. 

Unglückliche  Fassung.  Durch  das 
Gesetz  soll  die  Tuberkulosefürsorge¬ 
stelle  in  den  Mittelpunkt  der  Tuber¬ 
kulosebekämpfung  gerückt  werden. 

Es  müsste  also  heissen . so  hat 

.  .  .  das  Erforderliche  auf  Anre¬ 
gung  der  Fürsorgestelle 
zu  veranlassen“.  Der  praktische 
Arzt  muss  aus  dem  Gesetz 
hier  herausbleiben,  weil  die 
bürsorgestelle  in  seine  Belange  ja 
gar  nicht  eingreiit.  Kranken¬ 
hilfe  ist  ja  nicht  ihre  Aufgabe, 
sie  dient  der  Seuchenbekämp- 
f  u  n  g.  Das  Objekt  ihrer  Tätigkeit 
ist  ja  nicht  der  Kranke,  sondern  der 
Gesunde  oder  die  gefährdete  Um¬ 
gebung  des  Kranken.  Krankenhilfs- 
massnahmen  wie  therapeutische  Vor¬ 
schläge  wenden  sich  ja  selbsttätig  an 
den  behandelnden  Arzt,  ebenso  wie 
seine  Mitwirkung  bei  Heilverfahren 
von  selber  bedingt  ist. 

Der  §  5  geht  noch  von  der  über¬ 
wundenen  Vorstellung  aus, 
dass  die  Fürsorgestelle 
eine  Wohltlätigke.itsan- 
stalt  oder  eine  Behand¬ 
lung  s  s  t  e  1 1  e  sei. 

Ganz  zu  Unrecht  wird  auch  von 
den  ärztlichen  Stellen  betont,  dass 
der  Allgemeinpraktiker  aus  wirt¬ 
schaftlichen  Gründen  der  Fiirsorge- 
arbeit  abhold  sei,  und  deshalb  auf 
ihn  weitgohendstRücksicht  genommen 
werden  müsse.  Es  sind  aber  zu¬ 
meist  sittliche  Gründe,  die  in  einer 
besonderen  Berufsauffassung  begrün¬ 
det  liegen  und  weit  achtbarer  sind 
als  rein  wirtschaftliche  Gesichts¬ 
punkte.  Sie  müssen  daher  als  etwas 
Selbstverständliches  berücksichtigt 
werden.  Gesetzlicher  Verfügungen 
bedarf  es  darin  nicht,  denn  auch  der 
lursorgearzt  untersteht  der  ärzt¬ 
lichen  Ehrengerichtsordnung  und  hat 
auf  sie  peinlicher  als  jeder  andere 
im  Belange  der  Kollegialität  Rück¬ 
sicht  zu  nehmen. 

Zu  §  6. 

Nichts  einzuwenden. 

Zu  §  7. 

Statt  „zuständige  bak¬ 
teriologische  Untersuch¬ 
ung  s  s  t  e  1 1  e“  muss  es  heissen 
„jeder  Untersuche  r“.  denn 
die  zuständigen  Untersuchungsstellen 
werden  nach  vielfachen  Erfahrungen 
umgangen,  indem  Apotheker,  Che¬ 
miker,  ja  auch  Aerzte  den  Auswurf 
selbst  untersuchen,  (s.  Blümel: 
Beitr.  iz.  Kl  in.  d.  Tuberkulose  55 
H.  2:  ..Mehr  Geschlossenheit  in  der 
Abwehrfront  gegen  die  Tuber¬ 
kulose,.“) 

Der  §  7  wäre  am  zweckmässig- 
sten  dem  §  3  als  Absatz  anzuglie¬ 
dern,  wo  die  übrigen  Meldepflich¬ 
tigen  schon  aufgezählt  werden. 

Zu  §  8. 

Betrifft  die  Desinfektions  mög- 
1  i  c  h  k  e  i  t  —  nicht  -zwang.  Der 
erste  Absatz  schaltet  die  nicht  vom 
Minister  zugelassenen  Fürsorgestellen 


§  12. 

Die  zur  Bekämpfung  der  Lungen- 
und  Kehlkopftuberkulose  erlassenen 
Bestimmungen  des  Gesetzes,  be¬ 
treffend  die  Bekämpfung  übertrag¬ 
barer  Krankheiten,  vom  28.  August 
1905  (Gesetzsamml.  S.  373)  werden 
aufgehoben. 

§  13. 

(1)  Der  Zeitpunkt  des  Inkraft¬ 
tretens  dieses  Gesetzes  wird  durch 
den  Minister  für  Volkswohlfahrt  be¬ 
stimmt.  Es  tritt  spätestens  am  1.  Juli 
1923  in  Kraft. 

(2)  Der  Minister  für  Volkswohl¬ 
fahrt  erlässt  die  zur  Ausführung  des 
Gesetzes  erforderlichen  Bestim¬ 
mungen. 


als  Veranlasserinnen  der  Entwesung 
aus.  Es  ist  notwendig,  dass  es  an¬ 
statt  „eine  Meldestelle"  heisst  „oder 
Fürsorgestelle  n“.  Denn  auch 
die  übrigen  FUrsorgestellcn  müssen 
das  Recht  haben,  Desinfektionen  zu 
veranlassen.  Vom  Desinfektions¬ 
zwang  ist  anscheinend  aus  Rücksicht 
auf  die  Kosten  Abstand  genommen. 
Wir  Fürsorgeärzte  halten  denn  auch 
viel  mehr  als  von  der  Entwesung,  die 
zumeist  erst  nach  dem  Tode  des 
Tuberkulösen  vorgenommen  wird, 
von  der  sog.  laufenden  Des¬ 
infektion  am  Krankenbett  und  der \ 
unermüdlichen  Aufklärung  der  An¬ 
gehörigen  sowie  der  gesund¬ 
heitlichen  Gestaltung  und 
Erhaltung  des  Lebens-,* 
kreises  des  kranken,  nicht 
des  toten  Tuberkulösen. 


Was  fehlt  im  Gesetz  über  ha  u  p  t? 

Ausser  dem,  was  im  Anhang  aufgeführt  wird,  fällt  das  Folgende 
auf:  Es  fehlt  ein  unentbehrlicher  Paragraph,  der  Zwangsmass- 
u  a  lt  m  e  n  enthält,  und  zwar  bei  Unvermögen,  Fahrlässig¬ 
keit  oder  Böswilligkeit.  Hier  ist  zwangsweise  Ab- 
s  o  n  d  e  r  u  n  g  als  gesetzliche  Massnahme  unentbehrlich.  Gewöhnlich 
genügt  ja  schon  die  Androhung  solcher  Zwangsmassnahmen  (F.r- 
fuhrungen  von  S  t  e  1 1  i  n),  um  Willfährigkeit  zu  erzielen. 

(Die  Kostenfrage  muss  durch  die  Ausführungsbestimmungen  ge¬ 
regelt  werden.) 

Von  den  Regierungsstellen  wird  angeführt,  man  habe  derartige 
Bestimmungen  absichtlich  nicht  aufgenommen,  um  den  Eindruck 
eines  Polizeigesetzes  zu  vermeiden. 

Vom  Standpunkte  der  Volksgesundheitspflege  sind  derartige  Be¬ 
gründungen  abzulehnen.  Wenn  wir  Erfolge  wollen,  müssen  uns  auch 
die  richtigen  Mittel  recht  sein.  Warum  denn  bei  der  Tuberkulose¬ 
bekämpfung  so  ängstlich,  wenn  man  bei  den  Geschlechtskrankheiten 
so  scharf  in  die  persönlichen  Rechte  eingreifen  kann. 

Ebenso  fehlt  eine  Bestimmung,  die  Offentuberkulöse  aus 
gewissen  Berufen  ausschliesst,  so  als  Lehrer,  Erzieher, 
Kranken-  und  Kinderpfleger,  Pensionsinhaber,  Kinderhalter,  Haus¬ 
angestellte  in  Häusern  mit  Kindern,  Bartscherer.  Das  sind  Berufe, 
die  ein  nahes  und  wiederholtes  Anhusten  und  damit  eine  I  röpfchen- 
ansteckung  besonders  ermöglichen. 

Ausserdem  fehlt  ein  Hinweis  in  folgender  Form:  „zur  prak¬ 
tischen  Förderung  der  Fürsorgearbeit  sind  die 
W  olinu  n>  gsämter  verpfichte  t“. 

Denn  ohne  bevorzugte  Wohnungsvermittlung  für  Offentuberkulöse 
kommen  wir  nicht  weiter.  Sie  müssen  genau  so  behandelt  werden  wie 
die  Beamten,  die  entweder  umgehend  im  Tausch  eine  Wohnung  er¬ 
halten  oder  sonst  an  erster  Stelle,  ln  manchen  Städten  (Halle, 
Stettin)  geht  diese  Zusammenarbeit  schon  sehr  glatt. 

Es  fehlt  auch  eine  besonders  wichtige  Bestimmung  dahingehend, 
dass  die  Hebung  der  Abwehrkraft  G  c  f  ä  h  r  d  et  e  r,  inson¬ 
derheit  der  Kinder,  unerlässliche  Voraussetzung  für  einen  erfolg¬ 
reichen  Kampf  gegen  die  Tuberkulose  ist.  Er  Kostet  natürlich  Geld. 
Aber  die  Mittel  dafür  müssen  da  sein.  Bei  guter  Organisation,  bei 
Auswahl  der  wirklich  Bedürftigen  sind  sie  nicht  unerschwinglich. 
Für  unbegründete  und  überflüssige  Kuren  wird  heute 
mehr  (ield  ausgegeben,  als  für  eine  wirkliche  Tuberkulosebekämpfung 
notwendig  wäre. 

Die  gesetzlichen  Vorschriften  müssten  also  ungefähr  lauten: 

§  5a.  Offentuberkulösen  ist  die  Ausübung  der  genannten 
B  e  r  u  f  e  (s.  o.)  bei  Strafe  verboten.  Entschädigung  für  die  Umstellung 
und  Einkommcnausfall  wird  wie  folgt  geregelt  (folgen-  entsprechende  Be¬ 
stimmungen).  . 

§  5  b.  Zur  praktischen  Förderung  der  Fürsorgearbeit  sind  die  woh- 
n  u  n "g  s  ä  m  t  c  r  verpflichtet.  (Näheres  in  den  Ausführungsbestimmungen.) 

§  5c.  Alle  Mittel  zur  gesundheitlichen  Gestaltung  und 
E  r  ha  1 1  u  n  g  des  Lebenskreises  Offentuberkulöser  müssen 
von  den  Gemeinden  bereitgestellt  werden,  insonderheit  muss  die  Sicherung 
eines  Mindest  lebensbedarfs  sowie  der  Schutz  der  Ange¬ 
hörigen  und  die  Hebung  der  Abwehrkraft  der  Kinder  ge¬ 
währleistet  werden. 

Ausserdem  hat  der  Landtag  folgende  hnt- 
Schliessung  angenommen,  nämlich  das  Staats- 
ministerium  zu  ersuchen: 

1.  auf  die  Reichsregierung  einzuwirken,  mit  tunlichster  Beschleu¬ 
nigung  eine  plan  massige  und  einheitliche  r  e  i  ch  s  ge¬ 
setzliche  Bekämpfung  der  Tuberkulose  in  di< 
Wege  zu  leiten, 

Zu  Punkt  1  ist  zu  sagen,  dass  er  auch  den  Staatszusc  hu  s : 
regeln  müsste.  Dieser  müsste  betragen:  1  /  Ooldpfetinig  je  Ein 
wohn  er  des  Fürsorgebezirkes,  d.  h.  1  /  IMennig  vervielfacht  mit  den 
Goldankaufswert.  Daneben  müsste  das  Reicli  die  Sozialversicherungen 
Krankenkassen.  Reichs-  und  Landesversicherungsanstalten  durch  gesetzlich« 
Verfügung  mittels  einer  geringen  Beitragserhöhung  der  Zwangs 
versicherten  (Y\ — Vi  P  r  o  z.)  a  n  h  a  1 1  e  n.  -einen  Pflichtbei 
trag  von  2'A  Gold  Pfennigen  vierteljährlich  je  Ver 
sicherten  an  die  Fürsorgestelle  zahlen.  Denn  zu  einem  planmässigei 
Ausbau  gehört  vor  allem  auch  die  Finanzierung  der  Fürsorge 
stelle,  die  der  Gesetzgeber  ganz  vergessen  hat. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


919 


13.  Juli  1923. 

2.  sämtliche  beamtete  Aerzte  zur  Zusammenarbeit  mit  den 
in  ihrem  Betrieb  befindlichen  Fürsorgestellen  zu  verpflichten, 

Zu  Punkt  2.  Nicht  nur  die  beamteten  Aerzte,  sondern  aiuch  die  Heil¬ 
stätten  sollen  in  it  den  Fürsorgcstcllcn  zusammen- 
arbeite  n.  Durch  Belehrung  ihrer  Pfleglinge  und  Mitgabe  folgenden  ge¬ 
druckten  Zettels  an  sie  bei  der  Entlassung  würde  viel  geholfen.  „Ihre  '1  uber- 
kulose  ist  durch  die  eben  beendete  Kur  keineswegs  geheilt,  sondern  etwas 
gebessert  worden.  Dass  Sie  an  Gewicht  zugenommen  haben  und  sonst 
beschwerdefrei  sind  darf  Sie  nicht  täuschen.  Tuberkulose  ist  eine  Krankheit, 
die  einer  jahrelangen  Behandlung  zu  ihrer  Ausheilung  bedarf  und  von  dem 
Kranken  ebenso  lange  die  Verwendung  aller  freien  Zeit  und  aller  verfüg¬ 
baren  Geldmittel  auf  seine  Genesung  fordert.  Begeben  Sie  sich  sofort  nach 
Ihrer  Entlassung  wieder  in  die  Behandlung  Ihres  Hausarztes,  für  den  in 
der  Anlage  ein  Bericht  beiliegt.  Versäumen  Sie  nicht,  sich  und  Ihre  Ange¬ 
hörigen  sofort  nach  Ihrer  Rückkehr  der  zuständigen  Lungenfürsorgestelle  in 

j . Sprechzeit  ....  vorzustellen,  um  die  heimtückische  Krankheit  von 

den  Ihrigen  abzuwenden.“ 

Einzuschieben  wäre  hier  ein  Punkt  2  a.  der  auch  die  Sozialver¬ 
sicherungen  nicht  nur  zu  geldlicher,  sondern  auch  zu  geistiger  Zu¬ 
sammenarbeit  mit  den  Eürsorgestellen  anregt. 

3.  die  Schulärzte  zu  verpflichten,  auch  die  Verdachtfälle  auf 
Tuberkulose  der  Fürsorgestelle  zu  überweisen. 

Zu  Punkt  3  wäre  nichts  einzuwenden,  als  dass  ihm  ein  anderer  Punkt 
vorangehen  müsste  mit  der  Bestimmung,  dass  als  Pflichtunterricht 
Gesund  he  itskunde'an  allen  Schulen  eingeführt  wird,  mit  be¬ 
sonderer  Betonung  der  Tuberkulose.  Diese  ausserordentlich  einfache  Mass¬ 
nahme  würde  ohne  viel  Kosten  eine  grosse  Aufklärung  schaffen.  Notwendig 
ist  solcher  Unterricht  auch  in  allen  Lungenheilstätten 
und  für  alle  in  der  Sozialversicherung  tätigen  Verwal¬ 
tungsbeamten. 

4.  zur  praktischen  Mitarbeit  in  den  Fürsorgestellen  Frauen 

heranzuziehen, 

Zu  Punkt  4.  Die  Tuberkulosefürsorgearbeit  wird  schon  jetzt  durch 
Frauen  gleistet.  Welche  praktische  Mitarbeit  der  Gesetzgeber  etwa  aussen- 
stchenden  Frauen  zumessen  will,  ist  uns  verborgen.  Wir  nehmen  an.  dass 
sachverständige  Frauen,  wie  unsere  Fürsorgerinnen,  ,die  brauchbarsten  Mit¬ 
arbeiter  sind.  Also  der  Punkt  4  könnte  in  dieser  Fassung  .fehlen. 

5.  A  u  s  b  a  u  und  Vermehrung  der  Heilstätten  für 
Tuberkulose  anzustreben,  um  eine  längere  Behandlungsdauer  und 
kürzere  Wartezeit  zu  ermöglichen, 

Punkt  5  steht  lediglich  auf  dem  Papier,  denn  ein  Land,  das  die  wenigen 
Mittel  für  eine  plan  «lässige  Fürsorgearbeit  nicht  aufbringen 
kann,  kann  unmöglich  Kosten  für  Neubauten  von  Heilstätten  bezahlen.  Wenn 
einmal  Mittel  für  Neubauten  bereitgestellt  werden  können,  so  müsste  Punkt  5 
lauten :  „In  jedem  Regierungsbezirk  ist  umgehend  mit  dem 
Bau  eines  Tuberkulose  k  rankenhause  s,  genannt  „Lan¬ 
destuberkulosehau  s“,  zu  beginnen,  um  eine  sachge- 
mässe  Behandlung  aller  und  Absonderung  der  über¬ 
tragbaren  Tuberkuloseformen  zu  ermöglichen.“  Wie 
wir  Provinzialirrcntnstalten  in  grosser  Menge  haben,  die  nicht  ansteckend 
Kranke  jahrzehntelang  pflegen,  müssen  wir  auch  menschenwürdigere  Ab¬ 
sonderungsmöglichkeiten  für  Tuberkulöse  endlich  schaffen.  Heilanstalten 
haben  wir  mehr  als  alle  anderen  Nationen.  Sie  sind  nur  in  einigen  Monaten 
des  Jahres  (Sommer)  überfüllt  und  bedürfen  daher  im  allgemeinen  keiner 
Vermehrung,  abgesehen  davon,  dass  sie  der  Tuberkulosebekämpfung  als 
Volksseuche  kaum  dienen.  Denn  die  Zahl  der  Bazillenstreuer 
wird  durch  sie  auf  die  Dauer  kaum  vermindert. 

6.  eine  bessere  Ausbildung  der  Aerzte  in  allen  Fragen 
der  Tuberkulosebekämpfung  anzustreben, 

Punkt  6  müsste  bei  der  (Neuordnung  des  medizinischen  Studiums  gesetz¬ 
liche  Vorschriften  in  folgender  Form  enthalten :  Ein  Semester  Pflicht- 
k  o  1 1  e  g  als  s  o  z  i  a  l.h  y  g  i  e1  n  i  s  c  h  e  s  Seminar  in  der  Hoch- 
s  c  h  u  I  f  ü  r  s  o  r  e  e  s  t  e  1 1  e  (wöchentlich  2  Stunden).  4—0  Wochen 
Dienst  als  Medizin a-lpraktikant  in  einer  Fürsorge- 
steile. 

7.  für  entlassene  Lungenkranke  auf  besondere  Berücksichtigung 
bei  den  Arbeitsnachweisen  und  auf  angemessene  Ar¬ 
beitsgelegenheit  hinzuwirken, 

Punkt  7  sollte  so  lauten:  Lungenkranke  sind  in  Bezug  auf 
Arbeitsvermittlung  den  Schwerkriegsbeschädigten 
gleichzustellen. 

8.  eine  ausreichende  Zahl  und  zweckentsprechende  Verteilung 
von  Tuberkulosefürsorgestellen  in  Stadt  und  Land  anzustreberi. 

Zu  Punkt  8  ist  nichts  einzuwenden. 

Schlussbetraclitung. 

Das  Gesetz  sowohl  wie  die  Zusatzentschliessungcn  stehen  nach 
dem  Urteil  der  Fürsorgeärzte  noch  viel  zu  sehr  unter  dem  Eindruck, 
dass  dieTuberkulosebckämpfuugeiiicKrankcuhilfs- 
massnahme  sei.  Die  Heilung  vorhandener  Tuberkulose  kann  nur 
insofern  die  Fürsorgestelle  kümmern,  als  sie  die  Wege  dazu  vermittelt. 
Ihre  Hauptaufgabe  ist,  den  Seuchenk  a  m  p  f  aufzunehmen,  der 
sich  gegen  die  Uebertragung  des  Erregers  richtet  und  gegen  die 
Gefährdung  der  Gesunden.  Dies  Ziel  muss  erst  noch  Ge¬ 
meingut  der  Aerzteschaft  und  dann  der  Bevölkerung  werden.  Dann 
wird  es  auch  mehr  gelingen,  die  richtige  Einstellung  zu  unsern  Fragen 
zu  linden.  Der  Gesetzgeber  sollte  aber  auch  schon  heute  eins  tun, 
nämlich  die  vorhandenen  Fachleute  sich  massgeblich 
ä  u  s  s  e  r  n  lassen,  sonst  kann  das  Gesetz  in  Preussen  wie  das  be¬ 
vorstehende  Reichstuberkulosegesetz  leicht  ein  Schlag  ins 
Wasser  werden.  Denn  lediglich  Registrierungen  und  Belästigungen 
der  Familienkranken  bringen  uns  in  der  Tuberkulosebekämpfung  nicht 


vorwärts.  Ohne  die  Mittel  zur  Abhilfe  für  die  Gesunden  geht  es 
eben  nicht. 

Es  muss  aber  auch  in  diesem  Zusammenhang  dringend  davor  ge¬ 
warnt  werden,  von  Gesetzen  oder  anderen  Verwaltungsmassnahmcn 
jetzt  besondere  Erfolge  zu  erwarten.  Wenn  es  nur  einem 
Bruchteil  des  deutschen  Volkes  noch  möglich  ist, 
sich  den  Mindestlebensbedarf  zu  b  e  s  c  li  a  f  f  e  n,  dann 
in  ussdie  Tuberkulose  Ziffer  erheblich  steigen.  Auch 
Tuberkulosefragen  können  nur  im  Zusammenhang  mit  der  gesamten 
wirtschaftlichen  Lage,  nicht  losgelöst  davon,  betrachtet  werden.  Aber 
je  mehr  die  Not  steigt,  um  so  mehr  ist  auch  die  Arbeit  der  Fiirsorgc- 
stelle  notwendig,  um  so  notwendiger  ein  wirksamer  T  u  berku- 
loseschutz.  Gute  Gesetze  können  uns  darin  sehr  unterstützen. 
Leider  liegt  auch  die  Gesundheitsgesetzgebung  in  ihrer  endgültigen 
Fassung  in  der  Hand  der  Parlamente,  in  denen  Laien  die 
Oberhand  haben.  Der  Wirksamkeit  der  Gesundheitsbehör¬ 
den  mit  ärztlichen  Spitzen  ist  daher  eine  recht  enge  Grenze 
gezogen.  Es  ist  deshalb  unsere  Pflicht,  durch  rechtzeitige  und  fach¬ 
männische  Kritik  ihnen  den  Rücken  zu  stärken,  zum  Segen  unseres 
Volkes. 


Bücheranzeigen  und  Referate. 

G.  Schmort:  Die  pathologisch-histologischen  Uiitersuclumgs- 

methoden.  12  und  13.  neu  bearbeitete  Auflage.  Leipzig,  Verlag  von 
F.  C.  W.  Vogel,  1922. 

Die  vorliegende  Auflage  unterscheidet  sich  nur  unwesentlich  von 
der  vorhergehenden,  welche  erst  vor  wenig  mehr  als  einem  Jahr  er¬ 
schienen  ist.  Nur  die  Abschnitte  über  das  Blut  und  das  Nervensystem 
haben  neben  bedeutenden  Kürzungen  auch  manche  Zusätze  erfahren. 
Namentlich  der  Abschnitt  über  das  Zentralnervensystem  wurde  unter 
Mitwirkung  von  Dr.  Schob  zum  Teil  umgearbeitet.  Sonst  finden 
sich  nur  geringfügige  Aenderungen,  wie  z.  B.  in  den  Abschnitten  über 
die  Herstellung  von  Gefrierschnitten,  die  Darstellung  der  Kollagen- 
fasern  usw.  Auch  der  Umfang  des  Werkes  hat  sich  nicht  geändert, 
da  die  Zusätze  durch  Fortfall  der  Darsteilung  veralteter  Methoden 
und  durch  häufigere  Anwendung  von  Kleindruck  ausgeglichen  wurden. 
Besonderer  Empfehlung  bedarf  das  im  In-  und  Ausland  gleich 
hochgeschätzte  Werk  schon  längst  nicht  mehr.  G.  Hauser. 

R.  Kraus  und  P.  Uhlenhut  h:  Handbuch  der  mikrobiologi¬ 
schen  Technik.  Band  II,  2.  Hälfte.  Wien  und  Berlin  1923.  ürpr.: 
10.20  M. 

Im  Mittelpunkt  dieses  zweiten  Teiles  des  ersten  Bandes  steht  die 
leider  nicht  ganz  zu  Ende  geführte  Arbeit  „Allgemeines  über  Ernäh¬ 
rung  der  Mikroorganismen“  von  dem  verstorbenen  Dr.  Unger¬ 
man  n.  Sie  behandelt  grosszügig  die  Probleme  der  Mikrobenzüch¬ 
tung  und  weist  auf  zukünftige  Lösung  hin.  Sie  zeigt  so  recht,  wie  mit 
Ungerman n  ein  vor  der  Ausreifung  stehender  tüchtiger  Forscher 
zu  früh  dahingegangen  ist.  In  gründlicher  Weise  behandelt  Gilde¬ 
meister  die  „Nährböden“,  v.  Drigalskis  Kapitel  „Differential¬ 
diagnostische  Nährböden“  bringt  naturgemäss  manche  Wiederholun¬ 
gen  dessen,  was  im  Kapitel  „Nährböden“  von  G.  steht.  Zu  starke 
Zersplitterung  der  Themata  dürfte  nicht  zweckmässig  sein.  Eine  gute 
Zusammenstellung  der  Züchtungsverfahren  bei  tierischen  Parasiten 
und  Krankheitserregern  gibt  N  ö  1 1  e  r.  Dörr  berichtet  über  „Trok- 
ken-  und  Konservennährböden“,  Küster  über  „Brutschränke“, 
Neisser  und' B  e  k  e  y  über  „Das  Platteüv  erfahren“. 

Rimpau  -  Solln. 

P.  Morawitz:  Klinische  Diagnostik  innerer  Krankheiten. 

2.,  vermehrte  und  durchgesehene  Auflage.  Mit  268  Abbildungen  im 
Text  und  17  Tafeln.  Leipzig,  F.  C.  W.  Vogel,  1923.  Grundpreis: 
15  M„  geb.  19  M. 

Wenn  ein  Lehrbuch,  das  keine  Lücken  aufwies,  schon  nach 
2  Jahren  neu  erscheint,  so  kann  man  nicht  erwarten,  dass  sich  die 
neue  Auflage  von  der  alten  wesentlich  unterscheidet.  So  hat  sich 
auch  die  vorliegende  klinische  Diagnostik  in  ihrer  Anlage  gar  nicht, 
in  bezug  auf  ihren  Inhalt  nur  insoweit  geändert,  als  unter  Berücksichti¬ 
gung  der  —  bescheidenen  —  Fortschritte  der  Wissenschaft  neue 
Untersuchungsmethoden  und  Tatsachen  nachgetragen  wurden.  Bei 
der  Durchsicht  fanden  wir  beispielsweise  die  Phenolsulfophthalein- 
probe  nach  Rowntree  und  Qeragthy  bei  der  funktionellen 
Nierendiagnöstik  und  im  Kapitel  „Lumbalflüssigkeit“  die  P  a  n  d  y  sehe 
Reaktion  neu  eingefügt,  kurz  erwähnt  ferner  bei  den  Zentralganglien 
die  Bedeutung  des  Corpus  Striatum  für  den  amyostatischen  Sym- 
ptomenkomplex  und  des  Nucleus  ruber  für  das  extrapyramidale  moto¬ 
rische  System  u.  a.  m.  Gründlicher  neubearbeitet  sind  die  Abschnitte 
„Diagnostik  der  Krankheiten  des  Respirations-  und  des  Urogenitai- 
apparates“.  Trotz  zeitgemässer  Ergänzungen  ist  eine  Ueberschreitung 
des  bisherigen  Umfanges  durch  reichlichere  Verwendung  von  Klein¬ 
druck  vermieden  worden. 

Als  besondere  Vorzüge  des  Buches  für  den  Lernenden  betrachten 
wir,  wie  schon  in  unserer  ersten  Besprechung  hervorgehoben  wurde, 
die  anatomisch-physiologischen  Einleitungen  der  einzelnen  Kapitel,  die 
zusammenfassenden  .Symptomatologien  am  Schlüsse  grösserer  Ab¬ 
schnitte  und  die  schematischen  Darstellungen.  So  wird  auch  die 
zweite  Auflage  einen  dankbaren  Leserkreis  unter  Studierenden  und 
Aerzten  finden.  S  t  i  n  t  z  i  n  g. 


920 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  28. 


Norbert  Ortner:  Klinische  Symptomatologie  innerer  Krank¬ 
heiten.  I.  Bd.  I.  Teil.  Bauchschmerzen.  3.  verbesserte  Auflage. 

1 923.  Urban  &  Schwarzenberg. 

Das  eigenartige,  in  seiner  ungemeinen  Beherrschung  der  Sympto¬ 
matologie  der  Bauchpathologie  auch  einzigartige  Buch  erlebt,  seit 
1917  —  trotz  aller  Not  der  Zeiten  —  seine  3.  Auflage.  Das  beweist, 
dass  'es  einem  Bedürfnis  weiterer  Aerztekreise  entspricht;  ein  übri¬ 
gens  erfreuliches  Symptom  der  Abkehr  von  allzu  kompendienhaften 
Darbietungen  unserer  Literatur.  Die  grossen  Vorzüge  der  ersten 
beiden  Auflagen  teilt  selbstverständlich  auch  die  vermehrte  und  ver¬ 
besserte  dritte.  Auch  der  gleichfalls  leidlich  Erfahrene  steht  staunend 
vor  der  ungeheuren  Erfahrung  und  Beherrschung  der  Symptomato¬ 
logie  sowohl  typischer  Erkrankungen  und  ihrer  Spielarten,  als  auch 
seltener  und  alierseltenster  Dinge.  Ich  verweise  z.  B.  auf  die  grossen 
Kapitel  der  kolikartigen  lliacalgia  dextra,  der  akut  anhaltenden 
(Dauer-)  lliacalgia  dextra  und  der  chronisch  rezidivierenden  und  chro¬ 
nisch  anhaltenden  Form  dieser  Schmerzlokalisation,  die  tatsächlich  die 
ganze  Pathologie  des  Zwerchfells,  der  Pleura,  der  Lunge  und  der 
Leber  und  Gallenblase,  aller  Darm-  und  Bauchfellabschnitte,  der  Milz, 
des  Pankreas,  der  Nieren  und  des  Paranephron,  der  Wirbelsäule  und 
des  Psoas,  des  Beckens  und  des  Hüftgelenks,  des  weiblichen  und 
männlichen  Genitals  u.a.m.  berücksichtigen.  Das  Feinste  und  Beste 
steckt  stets  in  den  eigenen  Beobachtungen  des  Verfassers.  Es  gibt 
kaum  ein  Kapitel,  aus  dem  man  nicht  viel  lernen  könnte,  selbstver¬ 
ständlich  auch  manche,  in  denen  die  eigene  Erfahrung  gelegentlich 
Einwände  oder  Zusätze  machen  möchte  (so  ging  es  mir  beispielsweise 
mit  der  „Darmtetanie“  unter  dem  Bilde  des  Ileus;  nach  meiner  Er¬ 
fahrung  können  verschiedenartig  groborganisch  verursachte,  nicht 
spastische  Darmokklusionen  Tetanie  erzeugen). 

Das  Buch  ist  als  ungeheure  Sammlung  von  Erfahrungstatsachen, 
die  sich  in  raschem,  bisweilen  allzu  raschem  Wechsel  und  nicht  immer 
der  Gefahr  der  .Wiederholung  entgehend  vor  uns  abspielen,  nicht 
leicht  zu  lesen.  Wenn  man  sich  aber  hineingelesen  hat,  so  fesselt 
es  immer  stark  durch  seine  lehrkräftige  Eigenart.  Es  verdient  noch 
viele  Auflagen  und  wird  sie  ohne  Zweifel  auch  erleben,  als  würdiges 
Dokument  eines  nirgends  iibertroffenen  spezifisch  Wiener  Kliniker- 
tums.  H.  Curschmann-  Rostock. 

Garre-Küttner  und  Lex  er:  Handbuch  der  praktischen 
Chirurgie.  5.  Auflage,  VI.  Band.  Stuttgart,  Verlag  Ferd.  Enke,  1923. 
Grundpreis  M.  25.65. 

Der  Schlussband  des  grossen  Werkes  enthält  die  Chirurgie  der 
unteren  Extremitäten  und  behandelt  auch  die  orthopädischen  Be¬ 
handlungsmethoden.  Die  Einteilung  ist  so  getroffen,  dass  Hüfte  und 
Oberschenkel  (früher  H  o  f  f  a)  von  v.  Brunn-  Bochum,  Knie  und 
Unterschenkel  von  R  e  i  c  h  e  1  -  Chemnitz,  Fussgelenk  und  Fuss  von 
B  o  r  c  h  a  r  d  t  -  Berlin  bearbeitet  wurden.  Der  Band  passt  nach 
Inhalt  und  Form  zu  seinen  Vorgängern.  Das  ganze  Werk  bleibt  eine 
Leistung,  welche  den  Hochstand  der  deutschen  Chirurgie  auch  in  der 
unheilvollen  Gegenwart  beweist:  möge  es  immer  so  bleiben!  Die 
Ausstattung  des  Werkes  in  Papier,  Druck  und  Abbildungen  ist 
tadellos.  H  e  1  f  e  r  i  c  h. 

W.  Stoeckel:  Lehrbuch  der  Geburtshilfe.  2.,  vermehrte  und 
verbesserte  Auflage,  mit  616  grösstenteils  farbigen  Abbildungen  im 
Text.  Jena  1923.  G.  Fischer. 

Bezüglich  der  allgemeinen  Inhaltsverwertung  verweise  ich  auf 
die  Besprechung  der  ersten  Auflage  in  diesem  Blatte.  Die  Verbesse¬ 
rung  der  Neuauflage  durch  Straffung  der  Disposition,  Kürzungen  und 
Streichungen,  anderseits  durch  einige  wünschenswerte  Ergänzungen 
ist  anzuerkennen.  Dabei  erscheint  unter  teilweiser  Auswechs'ung  sowie 
mehrfach  vergrösserter  Umzeichnung  der  durchwegs  anschaulichen, 
zum  grössten  Teil  farbigen  Abbildungen,  auch  durch  zweckmässigere, 
gleichzeitig  übersichtlichere  typographische  Anordnung,  die  Seiten¬ 
zahl  des  Textumfanges  um  nahezu  70  Druckseiten  verringert.  Konnte 
der  grösste  Teil  des  Textes  unverändert  bleiben,  so  dass  die  erste 
Auflage  gewiss  noch  mit  vollem  Nutzen  zu  gebrauchen  sein  wird,  fin¬ 
den  sich  bei  aufmerksamem  Studium  und  genauerer  Vergleichung 
stellenweise  doch  nicht  unwesentliche  Abänderungen.  H  o  e  h  n  e  s 
Abschnitte  über  die  Anatomie  der  Geburtswege,  B0fmchtung,  Ein¬ 
bettung  und  Entwicklung  des  Eies  ergaben  hierzu  keinen  Anlass.  Da¬ 
für  erscheint  die  Darstellung  der  Asepsis  und  Antisepsis  Walt-' 
h  a  r  d  s  an  der  Hand  von  drei  neuen  Abbildungen  erweitert.  S  e  i  t  z’ 
physiologische  Biologie  in  der  Schwangerschaft  weist  einige  Umstel¬ 
lungen  und  Ergänzungen  auf,  unter  letzteren  Bemerkungen  über  die 
Blutviskosität  sowie  über  die  interstitielle  Driise  des  Eierstocks  (mit 
Abb.).  Die  Abhandlungen  über  die  normale  Schwangerschaft:  0  o  i  t  z, 
und  normale  Geburt:  Stoeckel,  erfuhren  nur  geringfügige  Aende- 
rungen,  vorwiegend  Umstellungen,  auch  von  Abbildungen.  Neu  ist 
eine  Darstellung  des  4.  Handgriffes  in  der  Ausführung  Stoeckels, 
weggeblieben  die  eimrehendere  Besprechung  der  Sakralanästhesie ;  ge¬ 
ändert  sind  die  Abbildungen  zur  Veranschaulichung  des  GebärmutUr- 
standes  nach  Ausstossung  der  Frucht,  ferner  zwei  Bilder,  das  Ver¬ 
halten  des  Hautnabels  darstellend.  Reifferscheid  wiederholt 
seine  Abschnitte  der  normalen  Wehentätigkeit  und  „Regelwidrigke'ten 
der  Wehen  und  Wehenmittel“,  unter  Hinzufügung  einiger  Bemerkungen 
über  Sekaleersatz.  Im  besonderen  wäre  zu  bemerken,  dass  die  intra¬ 
muskuläre  Injektion  gegenüber  der  intravenösen  wohl  stets  an  erste 
Stelle  zu  setzen  sein  dürfte,  ferner  dass  man  nicht  sagt:  „durch  Nar- 


coticis“.  H  o  e  h  n  e  s  weiterer  Abschnitt  über  Mehrlings-Schwan¬ 
gerschaft  und-Geburt  gibt  keinen  Anlass  zu  Bemerkungen,  ln 
ü  p  i  t  z’  Physiologie,  Behandlung  und  Ernährung  der  Neugeborenen 
finden  sich  Kermauners  Behelfe  zur  Ernährung  lebensschwacher 
Kinder  angeführt  und  abgebildet,  v.  Jaschkes  Teil:  die  regelwid¬ 
rige  Geburt  und  Seitz:  Geburtsstörungen  durch  Anomalien  des 
Beckens  haben,  besonders  dieser  Abschnitt,  durch  wertvollen  Aus¬ 
tausch  von  Abbildungen,  darunter  der  Assimilationsbecken  sowie  der 
Kopfstellungen  und  des  Geburtsmechanismus  bei  einzelnen,  den  prak¬ 
tisch  wichtigeren  pathologischen  Beckenformen,  gewonnen.  Zur  Be¬ 
handlung  pathologischer  Geburtsblutungen  trägt  Stoeckel  die  in 
der  ersten  Auflage  versehentlich  entfallene  Abbildung  des  Uterus¬ 
katheters  von  Fritsch-Bozemann  nach.  Neu  sind  Bilder  zum  I 
Komprssionsverbande  des  Unterleibes  sowie  der  Sehrt  sehen 
Aortenklemme.  Die  Nachteile  und  Gefahren  des  Momburgschlauches  .4 
werden  einigermassen  stärker  betont.  Im  Kapitel  Rissblutungen 
finden  sich  einige  Bemerkungen  über  zentrale  Zervixrupturen  einge¬ 
schaltet.  Hier  sind  auch  einige  Zeilen  Hitschmanns  Statistik  zur 
Plac.  praev.  gewidmet.  In  Seitz’  pathologischer  Biologie  erscheint 
die  Frage  der  Genese  der  Eklampsie  wesentlich  erweitert,  auch  sonst 
finden  sich  hier  Abänderungen  und  mehrfach  bemerkenswerte  Er¬ 
gänzungen.  Bezüglich  der  Therapie  wird  für  den  Praktiker  ein  mög¬ 
lichst  konservatives  Verhalten  empfohlen.  Neuabbildungen  betreffen  ; 
die  Schwangerschaftsdermatosen,  Lues,  Pathologie  der  Plaz.-  und 
Nabelschnur,  das  Chorioepitheliom  und  Missbildungen  der  Frucht  1 
(farbige  Bilder).  v.  Franquös  Abschnitt:  Störungen  der  • 
Schwangerschaft  und  Geburt  durch  Regelwidrigkeiten  der  Ge-  J 
schlechtsteile  und  ihrer  unmittelbaren  Nachbarogane  konnte  mit  vol¬ 
lem  Recht  textlich  unverändert  bleiben.  Hinzugekommen  sind  vier 
neue  Bilder,  während  die  Literatur  jetzt  am  Schlüsse  zusammenge¬ 
fasst  und  bis  auf  die  neueste  ergänzt  erscheint.  Stoeckels  Abort¬ 
behandlung  ist  von  6  auf  23  Abbildungen  erweitert,  desgleichen  ver¬ 
anschaulichen  einige  neue  Bilder  die  Tubargravidität.  W  a  1 1  h  a  r  d  s  1 
Patholgie  des  Wochenbettes  und  Reifferscheids  Erkrankungen 
der  Brustdrüse  sind  unverändert  geblieben,  v.  Jaschkes  Patho- -j 
logie  d.  Neugeb.  hat  eine  Ergänzung  durch  einige  lehrreiche  Abbil-  1 
düngen  gefunden.  Stoeckels  Abschluss  des  Lehrwerkes  mit  dem  ' 
Abschnitt  über  geburtshilfliche  Operationen,  nahezu  100  Druckseiten  1 
mit  65  Abbildungen,  erfreut  sieb  ausser  der  ausgezeichneten,  nahezu 
unveränderten  Darstellung  in  der  ersten  Ausgabe  einer  übersicht¬ 
lichen  typographischen  Hervorhebung  wichtiger  Bemerkungen.  Dass  ) 
an  der  Empfehlung  des  Braun  sehen  Hakens  hartnäckig  festgchalten 
wird,  dürfte  objektiv  wohl  kaum  zu  begründen  sein!  —  Eine  histo¬ 
rische  Epikrise  Ottows  in  einem  Umfange  von  8  Seiten  bringt,  mit 
Geschick  ausgewählt,  was  sich  in  dieser  Beschränkung  sagen  lässt.  1 
Liessen  sich  einige  geringfügige  Vorschläge,  wie  beispielsweise  einer  ; 
vielleicht  richtiger  geordneten  Umstellung  der  „Feststellungen“  auf 
S.  222,  wohl  auch  anderwärts  anbringen,  so  wären  dies  Kleinigkeiten,  j 
welche  dem  hohen  Werte  des  Gesamtwerkes  gegenüber  in  den 
Hintergrund  treten.  Dafür  wird  in  einer  weiteren  Neuauflage  aber¬ 
mals  Gelegenheit  sein,  einige,  nur  wenige  Druckfehler  auszumerzen,  1 
insbesondere  aber  die  Schreibung  einzelner  Eigennamen,  wie  G  o  1 1  z,  J 
K  i  e  w  i  s  c  h,  S  t  r  o  g  a  n  o  f  f  u.  a.,  richtigzustcllen.  Knapp-  Prag.  . 


Wilhelm  Prausnitz:  Grundziige  der  Hygiene,  unter  Berück¬ 
sichtigung  der  Gesetzgebung  des  Deutschen  Reiches  und  Oesterreichs. 
Bearbeitet  von  Carl  Prausnitz  und  Wilhelm  Prausnitz. 

12.  Auflage.  821  Seiten  mit  295  Abbild.  J.  F.  Lehmanns  Verlag, 
München  1923.  Grundpreis:  14  M.,  geb.  17  M. 

Nach  sehr  kurzer  Zeit  nach  dem  Erscheinen  der  11.  Auflage,  hat 
sich  bereits  wieder  eine  Auflage  des  sehr  beliebten  Lehrbuches  als 
notwendig  erwiesen,  an  dessen  Bearbeitung  nunmehr  auch  Carl 
Prausnitz  teilgenommen  hat.  Im  Umfang  wesentlich  erweitert,  im 
Inhalt  wiederum  verbessert,  ist  das  kleine  Lehrbuch  von  früher  zu  einem 
unserer  grössten  Unterrichtsbücher  der  Hygiene  herangewachsen. 
Die  verschiedenen  Kapitel  sind  einer  ausgiebigen  Revision  unterzogen, 
die  Abschnitte  über  Bakteriologie,  Immunität  und  Infektionskrank¬ 
heiten,  besonders  auch  die  der  sozialen  Hygiene  und  des  Fürsorge¬ 
wesens  erheblich  vermehrt  worden.  Die  Autoren  haben  es  sich  auch 
angelegen  sein  lassen,  durch  neue  charakteristische  Skizzen  und  Ab¬ 
bildungen,  sowie  durch  neue  Uebersichtstabellen  die  Ausgestaltung 
des  Buches  zu  verbessern.  Verschiedene  Typenwahl  erhöht  die 
Uebersichtlichkeit  über  das  Wichtige  und  das  Unwesentlichere.  Wie 
schon  bei  der  Besprechung  der  früheren  Auflagen  stets  hervorgehobe'n 
wurde,  besteht  der  Vorzug  des  P  r  a  u  s  n  i  t  z  sehen  Lehrbuches  in 
wohlverstandener  Auswahl  der  Haupttatsachen/  der  klaren  Schreib¬ 
weise,  in  den  für  die  hygienische  Praxis  wichtigen  Gesichtspunkten 
und  in  der  Zuverlässigkeit  seiner  Angaben.  Da  die  gesamte  Hygiene, 
inkl.  Bakteriologie  und  Immunität  darin  enthalten  ist,  so  berät  das 
Buch  in  allen  notwenigen  Fragen  und  ist  für  den  Studierenden  und 
Fachmann  gleich  unentbehrlich.  Ein  noch  grösserer  Interessenten¬ 
kreis  als  bisher  dürfte  ihm  beschicden  sein. 

R.  0.  Neumann  -  Hamburg.  I 


Lehrbuch  der  experimentellen  Psychologie  von  Josef  F  r  ö  b  e  s, 

S.  I.,  Professor  der  Philosophie  an  der  philosophisch-theologischen 
Lehranstalt  in  Valkenburg.  Mit  64  Textfiguren  und  einer  farbigen 
Tafel.  Erster  Band.  Zweite  und  dritte,  umgearbeitete  Auflage. 
3. — 6.  Tausend.  Fr  ei  bürg  im  Breisgau,  1923.  Herder  &  Co., 
ü.  m.  b.  H.  630  Seiten. 


13.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


921 


Schon  die  erste  Auflage  des  Werkes  wurde  in  dieser  Wochen¬ 
schrift  oer  beachtung  der  Kollegen  empfohlen.  Ausser  der  gleieli- 
massigen  Darstellung  aller  T  eile  der  empirischen  Psychologie  und 
besonnener  Zurückhaltung  in  strittigen  Fragen  machte  sie  gerade  lur 
Jen  Arzt  die  ausgiebige  Verwendung  physiologischer  und  pathologi¬ 
scher  latsachen  geeignet.  Nun  liegt  von  der  2.  und  3.  Auflage  der 
erste  band,  umgearbeitet  und  durch  Berücksichtigung  der  neuesten 
Forschungsergebnisse  bereichert,  vor.  Die  in-  und  ausländische  Lite¬ 
ratur  des  jahres  1921  ist  so  gut  wie  vollständig,  die  des  Jahres  1922 
schon  ausgiebig  verwertet.  z.u  Ergänzungen,  die  tür  den  Arzt  von 
besonderer  Bedeutung  sind,  hat  sich  der  Verfasser  durch  folgende  Ar¬ 
beiten  veranlasst  gesehen:  W.  Fuchs’  Untersuchungen  über  das 
Sehen  der  hemianopiker  und  Hemiamblyopiker;  F.  W.  Fröhlichs 
Untersuchungen  über  die  Nachwirkungen  des  Lichtreizes  (Nach¬ 
bilder);  die  Versuche  Jae  lisch’  und  E.  A.  Müllers  über  die 
Wahrnehmung  farbloser  Helligkeiten  und  den  Helligkeitskontrast  und 
über  den  Einfluss  farbiger  Beleuchtungen  (Jaensch);  O.  Krohs 
Arbeiten  über  Farbenkonstanz  und  FarDentransformatiou;  F. Sch  uh- 
mai.us  Forschungen  über  die  Repräsentation  des  leeren  Raumes 
und  über  die  Dimensionen  des  Sehraumes;  die  Versuche  Benussis, 
Linkes,  J.  Wittmanns  über  Scheinbewegungen;  Urban- 
t  s  c  h  i  t  s  c  h  ,  Ja  ent  sch  u.  a.  Beobachtungen  und  Versuche  über 
Jie  Anschauungsbilder  der  Eidetiker;  Ratz'  pkychologische  Versuche 
hat  Amputierten;  K.  Bücklens  und  P.  Villeys  Arbeiten  zur 
Bündenpsychologie.  Auch  das  Neue  in  der  Lehre  von  den  physio¬ 
logischen  Begleiterscheinungen  der  sinnlichen  Gefühle,  den  Verlage¬ 
rungen  in  der  Sehfläche,  der  Sehgrösse,  der  Uestaltwahrnehmung  hat 
leben  seiner  allgemeinen  teilweise  grosse  medizinische  Bedeutung. 
Lin  Ueberblick  über  die  Gesamtheit  der  neuen  Forschungen  zeigt, 
lass  ihre  Mehrzahl  zu  physiologischen  und  pathologischen  Fragen 
engste  Beziehungen  hat. 

Die  Anlage  des  ganzen  Werkes  ist  die  alte  geblieben  und  kann 
in  allgemeinen  als  durchaus  zweckmässig  bezeichnet  werden.  Als 
hörend  emptinde  ich  nur,  dass  zwischen  den  III.  Abschnitt  „Die 
Wahrnehmungen“,  und  den  V.  „Assoziation  der  Vorstellungen“,  als 
V.  die  „Psychophysik“  gestellt  ist.  Er  gliedert  sich  in  ein  Kapitel 
iber  „die  psychophysische  Methodik“,  eines  über  „die  Messung  der 
dmpfindungsintensität.  Das  Weber  sehe  Gesetz“  und  ein  drittes 
iber  „die  Berechnung  der  Korrelation  zwischen  psychischen  Fähig¬ 
keiten“.  Verfasser  selbst  sagt  in  einer  Anmerkung:  „der  vierte  Ab¬ 
schnitt  und  im  besonderen  sein  erstes  Kapitel  können  ohne  wesent- 
iclie  Störung  für  den  Zusammenhang  bei  der  ersten  Durchsicht  Über¬ 
tangen  werden.  Ich  finde,  dass  man  sie  übergehen  muss,  wenn  man 
’ich  den  Zusammenhang  nicht  zerreissen  will.  F  r  ö  b  e  s  sieht  sich  auch 
tenötigt,  schon  in  früheren  Abschnitten  auf  den  IV.  zu  verweisen, 
"'ände  dieser  also  nicht  im  Anschluss  an  die  Einleitung  über  „Ziel  und 
Wege  der  empirischen  Psychologie“  als  erster  Abschnitt  des  Werkes 
■einen  gegebenen,  besten  Platz?  —  Für  nicht  gut  halte  ich  endlich  die 
Bezeichnung  des  Werkes  als  „Lehrbuch  der  experimentellen  Psyclio- 
ogie  ,  während  es  in  der  Tat  nach  dem  Vorbilde  der  Physiologie  von 
I  igerstedt  „ein  etwas  ausführlicheres  Lehrbuch  zur  Einführung 
n  alle  I  eil e  der  Psychologie“  sein  will  und  ist.  Das  sei  betont,  damit 
licht  die  Furcht  vor  breiten  Darlegungen  über  das  Rüstzeug  der 
isychologischen  Arbeit  und  einer  dürftigen  Behandlung  des  üegen- 
•tandes  selbst  vom  Studium  des  Buches  abhalte!  Als  Ganzes  ist  das 
Werk  warm  zu  empfehlen.  Hirt. 

Max  L  o  e  w  y  -  Marienbad:  Dementia  praecox,  intermediäre 
isycliische  Schicht  und  Kleinhirn-Basalganglien-Stirnhirnsysteine. 
Berlin,  Karger,  1923. 

^’ne  Zusammenfassung  nahezu  aller  einigermassen  ertragreichen 
\rbeiten  über  die  Dementia  praecox  der  letzten  Jahrzehnte  lässt  den 
Verfasser  schliessen,  dass  die  gesamten  Störungen  der  Dementia 
iraecox  einem  gemeinsamen  Funktionsbereiche  angehören,  welches 
ds  die  gemeinsame  intermediäre  Schicht  den  unbemerkten 
lemeinsamen  Unterbau  des  verschieden  gerichteten  und  auseinander- 
■trebenden  bewussten  Erlebens  darstellt.  Die  Schädigungen  der 
ntermediären  Schicht  werden  als  ein  psychisches  Korrelat  der 
on  Kleist  angenommenen  Störungen  der  Kleinhirn-Basalganglien- 
Mirnhirnsysteme  betrachtet.  Es  wird  bei  den  späteren  Schizophrenen 
anc  angeborene  Schwäche  der  entsprechenden  Hirnsysteme  ange- 
lommen,  die  entweder  schon  unter  dem  Einfluss  der  normalen 
-ebensitize  oder  unter  jenem  besonderer  konstellativer  Schädigungen 
rkranken.  Schwere,  Sitz  und  Ausbreitung  der  Schädigungen  in  dem 
veiten  Gebiete  können  die  Verschiedenheiten  der  klinischen  Bilder 
rklären. 

Das  Buch  ist  zum  mindesten  anregend  geschrieben  und  bietet 
inen  bemerkenswert  versöhnlichen  Ueberblick  über  ein  sehr  weites 
iebiet.  Dabei  handelt  es  sich  aber,  wie  auch  vom  Verfasser  betont 
vird,  um  nur  vorläufige  Ergebnisse,  die  auch  in  der  Art  der  Dar- 
tellung  ihren  noch  unfertigen  Charakter  verraten.  J.  Lange. 

Therapeutische  Technik  für  die  ärztliche  Praxis.  Ein  Handbuch 
ur  Aerzte  und  Studierende,  herausgegeben  von  Prof.  Dr.  Julius 
’  c  h  w  a  I  b  e.  Geh.  San.-Rat.  Mit  685  Abbildungen.  6.  verbesserte 
md  vermehrte  Auflage.  Leipzig  1923,  Verlag  von  Georg  Thieme. 
reis  Grundzahl  26  M.  Seitenzahl  1182. 

Die  Reichhaltigkeit,  ja  Vollkommenheit,  und  Zuverlässigkeit  der 
Darstellung  unserer  so  vielverschlungenem  therapeutischen  Technik 
n  dem  von  Schwalbe  mit  Hilfe  hervorragender  Mitarbeiter 


herausgegebenen  Werk  ist  an  dieser  Stelle  bei  Besprechung  der 
früheren  Auflagen  schon  wiederholt  besonders  hervorgehoben  worden. 
Der  immer  noch  ansteigende  Umfang  des  grössten  deutschen  Werkes 
über  therapeutische  Technik  zeugt  von  dem  trotz  allem  unermüd¬ 
lichen  Fortschritt  unseres  Wissens  und  Könnens.  Eingefügt  ist  ein 
Abschnitt  „lechnik  der  Geburtshilfe“  von  Jaschke  und  Siegel - 
Giessen,  was  sicher  vielen  Abnehmern  sehr  willkommen  sein  wird. 
Eine  etwas  ausführlichere  Darstellung  der  Technik  der  Anwendung 
der  doch  vielfach  benützten  Vierzellenbäder  wäre  für  die  nächste 
Auflage  willkommen.  Auch  das  Kapitel  über  die  Strahlenbehandlung 
ist  wieder  modernisiert.  Hoffen  wir,  dass  in  wenig  Jahren  die 
deutschen  Aerzte  schon  eine  siebente  Auflage  sich  schaffen  können. 

Grass  mann  -  München. 


r,  ,c-  Bachem:  Arzneitherapie  des  praktischen  Arztes.  3.  Aufl. 
Urban  «Schwarzenberg,  Berlin- Wien  1923.  288  S.  Gross-8 0 
Grpr:  6  M.  ungeb. 


...L  ^1C  n,eue  Autiage  des  vortrefflichen  Buches  enthält  150  neue 
Mittel  und  30  neue  Rezepte.  Mit  Recht  sind  zahlreiche  von  den 
neuen  Spezialitäten  aufgenommenj  wenn  sie  auch  nichts  taugen,  muss 
man  doch  die  Möglichkeit  haben,  sich  über  ihre  Zusammensetzung  zu 
unterrichten.  Sehr  dankenswert  ist  auch,  dass  im  Register  die  Namen 
der  Hersteller  der  Präparate  beigefügt  sind. 


Kersch  en  steiner. 

Pr°L  De  Bernhard  Diirken:  Allgemeine  Abstammungslehre. 

zOo  S.  Berlin  1923,  Verlag  Bornträger. 

Es  handelt  sich  um  eine  der  üblichen  „Widerlegungen“  der  Selek- 
tionstheorie;  alles  andere  ist  mehr  oder  weniger  nur  Beiwerk  Das 
Buch  wendet  sich  „in  erster  Linie  an  die  weitesten  Kreise  der  ge¬ 
bildeten  Laien  .  „Diesem  Zwecke  ist  die  ganze  Darstellung  unter¬ 
geordnet.“  Und  in  der  Tat,  es  ist  nicht  nur  populär  geschrieben,  son¬ 
dern  auch  populär  gedacht.  Die  ältere  Generation  der  Biologen  ist 
nach  D  ur  ken  grossenteils  rettungslos  von  einem  „unkritischen  Tra- 
ditionalismus“  beherrscht;  Dürken  selber  nach  Ansicht  des  Ref 
von  den  Anschauungen  Oskar  H  e  r  t  w  i  g  s,  Paul  Kämmerers  und 
ihrer  Parteigänger.  Obwohl  Dürken  äusserlich  den  Lamarckismus 
ebenso  wie  den  Darwinismus  ablehnt,  ist  der  Dürkenismus  mit  seiner 
Annahme  einer  „hologenen  Induktion“  nach  Ansicht  des  Ref.  doch  nur 
eine  Spielart  des  Lamarckismus.  Wissenschaftliche  Bedeutung  kommt 
der  Schrift  nicht  zu.  Lenz. 


Zeitschriften-Uebersicht. 

Archiv  für  Verdauungskrankheiten  mit  Einschluss  der  Stoff¬ 
wechselpathologie  und  der  Diätetik.  Professor  Dr.  I  Boas-  Benin 
Band  31,  Heft  1,2. 

E  i  n  h  or  n  -  New  York:  Ueber  die  Wirkung  verschiedener  Substanzen  auf 
die  Leber.  (Aus  dem  Lenox  Hill  Hospital.) 

Nachdem  E.  einwandfrei  nachgewiesen,  dass  verschiedene  Substanzen, 
gleichgültig  auf  welchem  Wege  sie  dem  Körper  zugeführt  wurden,  sofern  sie 
nur  im  Blutstrom  die  Leber  erreichten,  diese  zu  vermehrter  Tätigkeit  und 
damit  zur  Produktion  einer  dunkler  gefärbten  Galle  anregen,  benützte  er 
diesen  Befund  zur  Prüfung  der  Leberfunktionstätigkeit.  Er  verwendet  dabei 
Magnesiumsulfat  als  Repräsentant  der  Salze,  Pepton,  Glukose  und  Olivenöl 
als  Vertreter  der  wichtigsten  Nährgruppen  zur  Feststellung  der  jeweiligen 
Farbenreaktion  und  damit  als  Ausdruck  der  Funktionstüchtigkeit  der  Leber. 

£  1  z  as  -  Rotterdam:  Ueber  physiologische  alimentäre  Hyperglykämie. 

Erwiderung  E.s  auf  Offenbachers  und  Hahns  Arbeiten  über  die 
Bedeutung  des  Alimentärversuches,  speziell  der  glykämischen  Reaktion  für 
die  funktionelle  Prüfung  des  Zuckerstoffwechsels  Bd.  29  und  30  d.  Archivs, 
M.m.W.  1922  Nr.  24,  veranlasst  durch  den  Irrtum  beider  Forscher  hinsichtlich 
einer  früheren  Arbeit  E.s  auf  diesem  Gebiete.  Wohl  stimmen  die  Resultate 
darin  überein,  dass  die  alimentäre  Hyperglykämie  bei  verschiedenen  Per¬ 
sonen  ziemlich  weit  auseinandergehende  Zahlen  zeigt,  jedoch  ist  E.  weder 
mit  dem  von  0.  und  E.  verwendeten  Glukosenprobefrühstück  einverstanden, 
noch  auch  mit  der  von  beiden  Forschern  betätigten  Verwertung  der  reak¬ 
tiven  Hypoglykämie,  wie  er  auch  schliesslich  Bedenken  äussert  gegen  ihren 
glykämischen  Quotienten. 

K  1  a  w  a  n  s  k  y  -  Berlin:  Die  Viskosität  des  Magensaftes  im  gesunden 
und  erkrankten  Magen.  (Aus  der  inneren  Abteilung  des  Augusta-Hospitals, 
Prof.  Dr.  S  c  h  1  a  y  e  r.) 

Während  die  Viskosität  des  Magensaftes  im  gesunden  Magen  fast  kon¬ 
stante  Werte  ergibt,  1,2 — 1,8,  ist  dieselbe  im  nüchternen  Magensaft  ungleich 
wechselnder,  1,25  12,8,  bedingt  durch  Schleim,  Galle  und  Blutbeimengung: 
jedoch  unabhängig  von  der  jeweiligen  Azidität.  Der  Gehalt  an  verdautem 
Eiweiss  ist  für  die  Zähigkeit  des  Magensaftes  belanglos,  ebenso  haben  Tem¬ 
peraturunterschiede  von  10 — 35°  fast  keinen  Einfluss.  Alkoholprobefrühstück 
erhöht  infolge  seiner  schleimproduzierenden  Eigenschaft;  ebenso  häufig  auch 
Gelatinezusatz  sowie  Zusatz  von  Gesamtblut.  Bei  Karzinom  finden  sich  auf¬ 
fallend  hohe  Werte. 

De  Brufne  Ploos  van  A  m  s  t  e  1  -  Amsterdam:  Gedeckte  und  pene¬ 
trierende  Magen-  und  Duodenalulzera. 

Glücklich  hatten  sich  Chirurgen  und  Internisten  über  die  Ulcusbehandlung 
auf  einer  sog.  mittleren  Linie  geeinigt  und  dadurch  gerade  auf  diesem  so 
unendlich  wichtigen  Grenzgebiet  die  schönsten  Erfolge  erzielt,  da  erhebt  van 
Amstel  in  vorliegender  Arbeit,  allerdings  gestützt  auf  einen  umfassenden 
Literaturnachweis  die  Forderung,  dass  in  jedem  Falle  von  Ulcus  ventriculi 
oder  duodeni  zur  Operation  zu  raten  sei.  Gewiss,  für  gedeckte  und  pene¬ 
trierende  Ulcera  Ist  dieser  Standpunkt  sicher  der  einzig  richtige  und  kann 
nicht  genug  davor  gewarnt  werden,  den  Kranken  erst  siech  und  erschöpft 
dem  Chirurgen  zuzuführen,  aber  auch  jedes  gewöhnliche  nicht  komplizierte 
Ulcus  von  vornherein  chirurgisch  zu  behandeln,  dieser  Vorschlag  schiesst 
denn  doch  entschieden  übers  Ziel  hinaus,  wie  auch  die  weitere  Forderung, 
jeden  Vagotoniker  prophylaktisch  zur  Verhütung  des  Entstehens  eines  Ulcus 
bzw.  zur  Heilung  eines  schon  bestehenden,  aber  noch  symptomlosen  mit 


MONCHENHR  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  28. 


i>22 

Atropin  zu  behandeln;  heutigentags,  wo  Arzt  und  Apotheke,  infolge  der  Not  ! 
der  Zeit,  für  breite  Schichten  unseres  Volkes  überhaupt  schon  ein  uner-  I 
schwinglicher  Luxus  geworden  sind.  Nein,  solche  Vorschläge  bedeuten  keinen  | 
Fortschritt,  sondern  tragen  nur  neuerdings  Unruhe  und  Verwirrung  ins  ärzt¬ 
liche  Lager.  .  ...  ,.  , 

Ammon -Freiburg  i.  Br.:  Sektionsbefund  an  einem  Vegetarier.  (Aus  dem 

patholog.-anatomischen  Institut.)  I 

Soweit  aus  einem  Falle  Schlüsse  gezogen  werden  können,  ergibt  sielt 
aus  vorliegendem  Befund  unter  Benützung  der  einschlägigen  Literatur,  dass 
ein  ungestörtes  Kraft-  und  Stoffwechselgleichgewicht  bei  streng  vegetabilischer 
Kost  nur  dann  gewährleistet  ist.  wenn  dabei  ausgiebige  körperliche  Be¬ 
wegung  möglich.  Vegetarische  Kost  setzt  den  Fettansatz  herab  und  ver¬ 
hindert  das  Auftreten  von  dicht.  Ueberwiegende  Kohlehydratnahrung  ver¬ 
ringert  die  Immunität  gegen  Eitererreger.  Vegetarische  Lebensweise  erweitert 
nicht  nur  den  Magen,  sondern  führt  auch  zur  Dehnung  und  Verlängerung  des 
Dickdarms.  Die  in  den  Vegetabilien  enthaltene  Oxalsäure  birgt  die  Gefahr 
von  Oxalurie  und  damit  von  Oxalatsteinen  in  sich. 

Olässner  und  Loew-Berlin:  Beitrag  zur  medikamentösen  Behand¬ 
lung  der  Magen-  und  Zwölffingerdarmgeschwüre.  (Aus  dem  Ambulatorium 
der  111.  ttied.  Klinik,  Prof.  Chvostek.) 

Ol.  und  L.  haben  eine  Pmhe  von  klinisch  und  radiologisch  sichergestellten 
Magen-  und  Duodenalgeschwüren  mit  verdünnter  Laugenlösung  behandelt 
(2  stündlich  1—2  Esslöffel  einer  4  prom.  Laugenlösung  mit  Aqu.  Menth.)  und 
von  25  Fällen  19  klinisch  geheilt,  so  dass  die  hier  beschriebene  Therapie  als 
erfolgreich  alle  Nachahmung  verdient. 

R  o  b  i  t  s  c  h  e  k  -  Wienr  Magengeschwür  lind  Nierenfunktion.  (Aus  der 
1.  med.  Abt.  Krankenhaus  Wieden  in  Wien,  Prof.  Dr.  Sternberg.) 

Es  finden  sich  bei  manchen  Kranken  mit  Ulc.  ventr.  Störungen  der 
Nierenfunktion,  bei  denen  mangels  jeder  anderen  Ursache  ein  Zusammenhang 
mit  dem  Magengeschwür,  als  eines  infektiösen  toxischen  Prozesses,  anzu¬ 
nehmen  ist.  Eine  Besserung  der  Funktion  der  Nieren  konnte  R.  im  Gegensatz 
zu  den  Untersuchungen  von  Le  N  o  i  r,  Rächet  und  J  a  c  q  u  el  i  n.  selbst 
nach  Resektion  des  Geschwürs  nicht  beobachten. 

G  r  a  e  f  -  Neuendettelsau:  Endothelsarkom  des  Jejunums  als  Ursache 
einer  retrograden  Invaginatlon.  (Aus  dem  Krankenhaus  der  Diakonissen¬ 
anstalt  Neuendettelsau.) 

Bericht  über  einen  Fall  von  Endothelsarkom  des  Jejunums,  das  eine  etwa 
handbreite  retrograde  Invagination  zur  Folge  hatte  und  durch  Resektion  ge¬ 
heilt  wurde.  A-  Jordan-  München. 

Zentralblatt  für  Chirurgie.  1923.  Nr.  25. 

J.  W  y  m  e  r  -  München:  Modifikation  der  operativen  Behandlung  des 

Hallux  valgus.  ,  .  '  . 

Das  Prinzip  ider  neuen  Methode  des  Verfassers  besteht  m  einer  Ent¬ 
fernung  der  „Exostose“,  Verlängerung  der  Sehne  des  Extensor  hall.  long.  um 
1 — 1  '/>  cm  nach  treppenförmiiger  Durchtrennung  und  querer  Naht  des 
medialen  Seitenbandes  und  der  Haut.  Die  Methode  ist  kurz  mitgeteilt.  Nach 
8  Tagen  kann  der  Kranke  bereits  aufstehen. 

Alb.  B  a  e  r  -  St.  Gallen:  Vakzinationsbehandlung  der  Zystitis. 

Verf.  hat  sehr  gute  Erfolge  mit  der  Autovakzinebehamdlung  bei  der 
infektiösen  Zystitis  gesehen;  die  Herstellung  der  Vakzine  erfolgt  so.  dass  bei 
jedem  einzelnen  Fall  die  Kulturen  bei  65"  abgetötet  und  durch  Zusatz  von 
1  proz.  Karbollösung  haltbar  gemacht  werden.  Injektion  alle  2—3  Tage  auf 
die  Dauer  von  4 — 6  Wochen.  Verf.  hat  selbst  hartnäckige  Fälle  von  Zystitis 
nur  mit  dieser  Behandlung  geheilt.  Durch  die  Vakzinetherapie  wird  der 
bereits  sehr  geschwächte  Organismus  zu  neuer  Immunitätsreaktion  angeregt, 
die  er  bei  langen  Eiterungen  verloren  hat.  Besonders  bei  Zystitis  infolge 
Blasenlähmung  leistet  diese  Therapie  wertvolle  Dienste. 

Osk.  Orth- Homburg  (Saar):  Operatives  Vorgehen  bei  den  rachitischen 
Verkrümmungen. 

\An  6  Abbildungen  demonstriert  Verf.  seine  Methode,  die  darin  bestellt, 
dass  er  ohne  Blutleere  den  rachitischen  Knochen  aus  seinem  Zusammenhang 
herausnimmt  und  dann  den  vorher  exakt  abpräparierten  Periostschlauch 
wieder  vernäht.  Die  Ossdfikationsprozesse  setzen  sehr  frühzeitig  ein;  funk¬ 
tionell  wie  kosmetisch  ist  der  Erfolg  recht  gut. 

E:  Makai-Pest:  Zur  Indikation  und  Art  der  Wirksamkeit  der  peri- 
arteriellen  Sympathektomie. 

Bei  einem  9  jähr.  Knaben,  bei  dem  wegen  Frostgangrän  im  Unken 
Chopart  sehen  Gelenke  die  Exartikulation  gemacht  worden  war.  heilten 
die  Stumpfgeschwüre  erst,  nachdem  an  der  linken  Art.  femor.  in  einer  Länge 
von  8  cm  die  Adventitia  entfernt  worden  war.  Bei  einem  anderen  Knaben 
mit  14  Jahren  mit  Lähmung  des  rechten  Beines  nach  Poliomyelitis  und 
trophischen  Geschwüren  am  Fuss  brachte  die  erste  Sympathektomie  keinen 
Erfolg;  2  Monate  später  brachte  der  gleiche  Eingriff  an  derselben  Stelle  nach 
4  Tagen  schon  Heilung.  Woher  das  Rezidiv  kam,  lässt  sich  noch  schwer 
erklären,  vielleicht  durch  eine  sich  allmählich  entfaltende  Automatie  der 
Gefässe  nachdem  ein  Wiederaiuswaohsen  der  Sympatbikusfasern  doch  sehr 
fraglich  ist  und  neue  Kollateralbahnen  des  Sympathikus  in  diesem  Falle  sich 
nlicht  fanden. 

L.  K  i  r  eh  m  a  y  r  -  Wien:  Zur  Operation  der  Mastdarmfistel. 

Bei  allen  tiefergehenden  Fisteln,  wo  nach  Exstirpation  des  Fistelganges 
ein  grösserer  Hohlraum  zurückbleibt  oder  die  Darmwand  selbst  infiltriert  ist 
und  sich  zur  Etagennaht  nicht  eignet,  schlägt  Verf.  lange,  gestielte  Fettlappen 
aus  den  Glutäen  in  die  Wundhöhle  ein,  so  dass  diese  ganz  ausgefüllt  ist  und 
kelin  toter  Raum  zurückbleibt,  und  versohliesst  die  Hautwunde  durch  tief¬ 
greifende  Nähte.  An  1  Fall  ist  diese  einfache  Methode  kurz  beschrieben. 

Ludw.  Adam-Pest:  Idiopathische  Choledochuszyste. 

Verf.  schildert  den  seltenen  Fall  einer  idiopathischen  Choledochuszyste; 
wichtig  ist.  dass  man  nicht  eine  äussere  Fistel  zuerst  anlegt,  sondern  eine 
Kommunikation  der  Zyste  mit  dem  Darm  in  Form  einer  Choledocho-Jeiuno- 
'stomie,  damit  die  Galle  sich  durch  den  Darm  entleeren  kann.  Durch  diese 
Operation  kann  ein  solcher  Kranker  in  einer  Sitzung  geheilt  werden. 

A.  J  u  r  a  s  z  -  Posen  :  Die  Choledocho-Duodenostomie  als  Methode  der 
Wahl  zur  Drainage  der  tiefen  Gallenwege. 

Bei  Miterkrankung  der  tiefen  Gallenwege,  wo  die  K  e  h  r  sehe  Hepatikus- 
drainage  keine  dauernde  Ausheilung  garantiert,  empfiehlt  Verf.  die  Anlegung 
einer  Anastomose  zwischen  Choledochus  und  Duodenum,  deren  Icchnik  er 
kurz  beschreibt.  Er  sieht  in  dieser  Operation  die  Methode  der  Wahl  zur 
Drainage  der  tiefen  Gallenwege,  die  weiteste  Verbreitung  verdient. 

E.  Heim-  Schweinfurt-Oberndorf. 


Archiv  für  orthopädische  und  Unfallchirurgie.  Ud.  21,  Heft  1  u.  2. 

Heft  1.  T  h  o  m  a  s  -  Berlin:  Die  Erftwicklung  der  orthopädischen  Ver¬ 
sorgung  der  Kriegsbeschädigten. 

Eingehende  Darstellung  der  Organisation  zur  Versorgung  mit  künstlichen 
Gliedern  usw.,  wie  sic  vom  Reichsarbeitsministoriuni  gewährt  wird. 

Philipp  E  r  I  a  c  h  e  r  -  Graz:  Zur  Entstehung  der  angeborenen  Plexus- 
oder  Schulterläh inuiig. 

Hält  jede  üeburtslälirming  für  eine  durch  Beeinträchtigung  der  Nerven-  ■ 
leitung  bedingte  echte  Lähmung.  In  vielen  Fällen  erfolgt  die  Schädigung 
nicht  während  der  Geburt,  sondern  sclion  intrauterin  durch  Anpressen  der  j 
Schulter  gegen  den  Hals  und  Druck  gegen  den  Plexus. 

Georg  Magnus  und  J.  Dnken-Jena:  Ucber  Raehitlsbehandlung. 

Die  Korrektur  der  Deformitäten  soll  geschehen,  ehe  der  Knochen  erstarrt 
und  stabil  geworden  ist  und  nachdem  das  erste  floride  Stadium  abgeheilt  ist.  ; 
ln  diesem  Höhensonnenbestrahlung,  die  auch  nach  der  Korrektur  im  Gips 
fortgesetzt  wird. 

Rudolf  Kuh -Prag:  Ueber  angeborene  Amputationen. 

Beschreibung  zweier  Vorderarmamputationen,  die  Kurzstumpfprothesen 
erhielten. 

Julius  Ha  ss- Wien:  Die  Insufficientia  vertebrae  (Schanz)  und  ihre 
anatomischen  Grundlagen. 

Das  Symptombild  der  Insuffizienz  wurde  von  100  Fällen  in  78,  also  in 
V\  der  Fälle,  durch  Röntgenbilder  als  sehr  verschiedenartige  Krankheitsformen 
erklärt,  so  als  traumatische  Veränderungen,  Spondylitis  tuberculosa.  Wirbel- 
maiazie,  Kyphosis  dorsalis  juvenilis,  Spondylitis  ankylopoetica,  Spondylitis 
deformans  usw.  Er  sieht  deshalb  die  Insuffizienz  als  kein  eigenes  Krank¬ 
heitsbild  an.  • 

L.  K  i  r  c  h  rn  a  y  r  -  Wien:  Eine  typische,  durch  Muskelzug  entstandene 
Abrissfraktur  der  unteren  Hals-  und  oberen  Brustwirbeldornen. 

Entweder  durch  Aufheben  einer  Last  aus  vornübergebeugter  Stellung 
oder  durch  Vorwärtsziehen  eines  schwer  beladenen  Bleches,  das  plötzlich 
stecken  blieb  und  mit  plötzlichem  Ruck  angezogen  wurde,  entstanden. 

E.  S  e  i  f  e  r  t  -  Würzburg:  Physiologische  Reposition  von  Extremitäten¬ 
frakturen. 

Reposition  und  Retention  .  geschehen  in  Semiflexion,  um  ein  Muskel- 
gleich, gewicht  herzustellen.  Die  Reposition  erfolgt  in  dieser  Lage  allmählich 
unter  individuell  gestalteter  Extension  schonend  und  automatisch.  Bilder  ver¬ 
anschaulichen  die  Wirkung  der  Methode  bei  verschiedenen  Frakturformen. 

Richard  Drachter  -  München:  Die  Beurteilung  der  tatsächlichen  und 
scheinbaren  Verkürzungen  und  Verlängerungen  der  unteren  Extremität. 

Eine  prinzipielle  Untersuchung,  in  der  an  der  Hand  eines  Modells  die 
Verhältnisse  klargestellt  werden. 

Paul  Q  r  a  f  -  Neumünster:  Bildung  eines  neuen  Hüftgelenks  mit  Hilfe  der 
plastischen  Kräfte  des  Knochens. 

Bei  einer  einseitigen,  nach  früherer  Reposition  nach  oben  und  hinten 
rcluxierten  Hüftluxation  wurde  der  Kopf  blutig  nach  vorn  gebracht  und  es 
bildete  sich  durch  den  Reiz  ein  deutliches  Pfannendach  aus.  ln  einem 
zweiten  doppelseitigen  Fall  gelang  es  wegen  Verkürzung  der  Muskeln  nicht, 
den  Kopf  genügend  nach  vorn  zu  bringen,  weshalb  der  Erfolg  ausblieb. 

Hermann  L  o  h  m  e  y  e  r  -  Hannover:  Ueber  vollständige  Zerrelssung  des 
Nervus  ischiadicus  bei  subkutaner  Oberschenkelfraktur. 

Bericht  über  einen  Fall,  bei  dem  trophische  Störungen  bestanden,  die  zur 
Entfernung  einiger  Zehen  führten.  4  Jahre  nach  Verletzung  Naht  des 
Ischiaidikus  mit  teilweiser  Wiederherstellung  der  Funktion  bereits  nach  2  Mo¬ 
naten  bei  der  Entlassung. 

0  u  i  r  i  n  -  Zwickau:  Ein  kleiner  Kunstgriff  für  die  Behandlung  alter 
X-Beine.  • 

Nachkorrektur  nach  Redressement  des  X-Beines  nach  8  Tagen  im  Gips* 

A.  L  e  h  r  n  b  e  c  li  e  r  -  Nürnberg:  Die  Vorteile  der  Fibulaköpfehenexstir¬ 
pation  bei  Unterschenkelamputation  nach  persönlichen  Erfahrungen. 

Ausschaltung  der  häufigen  Druckstelle,  Schaffung  neuer  Stützfläche.  Ver¬ 
hinderung  des  Abrutschens  der  Prothese  bei  supramall.  Absetzung. 

H.  Glasewald  -  Elbing:  Die  Maulscliellenbewegung  des  Fusses  und 
ihre  Bedeutung  für  die  Orthopädie  der  Beinverkürzungen. 

Da  sich  bei  stärkerer  Spitziussstelluiig  der  Fuss  in  Adduktion-Supination 
stellt,  also  in  die  Maulschellenstellung,  gibt  der  Verf.  bei  höheren  Graden  von 
Beinverkürzung  (über  5  cm)  eine  Erhöhung  des  äusseren  Randes  der  Solde 
des  Vorfusses,  um  das  Umkippen  nach  aussen  zu  verhüten  und  den  Gang 
zu  verbessern. 

Tsing  Yü-Peking:  Die  anatomischen  Veränderungen  des  Talus  beim 
Klumpfuss  und  die  therapeutischen  Resultate  der  Talusexstirpation. 

Wegen  der  starken  Deformierung  des  Talus  bei  älteren  und  schweren 
Klumpfüssen  tritt  der  Verf.  in  solchen  Fällen  für  die  Talusentfernung  ein. 
In  3  operierten  Fällen  war  die  Fussform  gut,  es  entstand  durch  die  Ent¬ 
fernung  des  Knochens  eine  kleine,  unvermeidliche  Verkürzung  des  Beines,  die 
Beweglichkeit  und  der  Gang  waren  gut. 

Walther  M  ü  1  I  e  r  -  Marburg:  K  ö  h  I  e  r  sehe  Erkrankung  des  Os  navi- 
culare  mit  gleichzeitigem  Schwund  des  einen  Hüftgelenkkopfes  bei  Lues  con¬ 
genita. 

Schilderung  des  Falles.  Annahme  eines  Zusammenhanges  der  beiden 
Erkrankungen  mit  der  Lues. 

Klaus  v.  D  i  1 1  r  i  c  h  -  Innsbruck:  Ueber  die  Entstehungsursache  des 
Hallux  valgus. 

Erklärt  das  Leiden  als  durch  das  aussenrotierte,  abduzierte  Autsetzen 
des  Fusses  beim  Gehen  bedingt.  Es  besteht  dabei  fast  stets  noch  ein  Platt- 
knickfuss  und  ein  Genu  valgum.  Von  den  vielen  empfohlenen  Operations- 
inetl\oden  sieht  er  die  von  Lu  dl  off  und  Hohmann  als  die  physiologi¬ 
schen  an,  mit  denen  er  gute  Resultate  erzielte. 

Technischer  Anhang.  J.  F  u  c  h  s  -  Baden-Baden :  Die  Streifenteelmik 
für  direkt  am  Körper  modellierbare  Stalil-Lederapparate. 

Eingehende  Schilderung  der  Technik  der  Herstellung  dieser  einfachen 
und  leichten  Apparate. 

Alexander  ü  u  t  f  e  1  d  -  Baden-Baden:  Beiträge  zur  Behelfstechnik. 

Technische  Bemerkungen. 

Heft  2.  Festschrift  für  Karl  C  r  a  m  e  r  -  Köln  (60.  Geburtstag). 

Hermann  Q  o  c  li  t  -  Berlin :  Karl  C  r  a  in  e  r.  Lebensbild  und  Verzeichnis 
seiner  Arbeiten. 

Fr.  D  u  n  c  k  e  r  -  Brandenburg:  Partieller  Riesenwuchs  und  angeborenes 
Aneurysma.  , 

Schilderung  eines  Falles  von  partiellem  Riesenwuchs  des  rechten  Fusses 


13.  Juli  1023. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


und  Unterschenkels  mit  Blauverfärfrnng  der  Haut  von  Geburt  an  mit  Aneu¬ 
rysma  der  Art.  femoralis  und  iliaca  externa. 

H.  (iör  res  -  Heidelberg:  Zur  Technik  der  Schulterarthrodese. 

Zur  Erzielung  völlig  knöcherner  Vereinigung  Anfrischung  der  Unterflüche 
des  Akromion  und  des  Tuberculum  inajus,  der  Gelenkfläche  von  Kopf  und 
Pfanne.  Entfernung  überschüssiger  Kapselteile,  die  sich  einklemmcn  könnten, 
Abwärtsbiegen  bzw.  Einknicken  des  Akromion  zu  guter  Berührung  mit  dem 
Humerus  und  2  Drahtnähte  durch  Kopf  und  Pfanne  und  Akromion  und  Humerus 
bei  richtiger  Einstellung  des  Kopfes  in  die  Pfanne. 

M.  H  a  c  k  e  n  b  r  o  c  h  -  Köln:  Beitrag  zur  Aetiologie  und  Pathologie  der 
Osteochondritis  deformans  coxae  Juvenilis. 

Bericht  über  15  Fälle,  5  mal  nach  Trauma,  3  mal  mit  angeborener  Hiift- 
iuxation,  -1  mal  nach  bakterieller  Infektion,  27  mal  mit  Coxa  vara  rachitica. 
Im  Verlauf  der  Erkrankung  gleitet  die  K'opfkappe  nach  oben  aussen  ab.  Ver¬ 
änderungen  der  Pfanne  fast  stets  vorhanden. 

M.  H  a  c  k  e  n  b  r  o  c  h  -  Köln:  Olliersche  Wachstumsstörung.  — 
Chondromatose  des  Skeletts. 

Mitteilung  von  3  Fällen,  bei  denen  die  Veränderungen  nicht  wie  bei 
W  i  1 1  e  k  nur  auf  eine  Körperhälfte  beschränkt  waren,  sondern  als  mehr 
allgemeine  Chondromatose  äuftraten,  wie  die  meisten  derartigen  Fälle,  so  dass 
die  Abgrenzung  einer  sog.  O  I  li  e  r  sehen  Krankheit  atozulehnen  ist. 

M.  II  a  ckenbroeh  -  Köln:  Zur  kongenitalen  Wirbelsäulenverkiirzung. 

An  der  Hand  einiger  Fälle  tritt  er  für  die  Auffassung  ein,  dass  es  sich 
wohl  sehr  oft  um  einen  exogenen  Ursprung  (Raumbeengung  im  Uterus)  handle 
und  die  Wirbeldeformität  sich  erst  sekundär  entwickle. 

Kochs -Köln:  Ueber  Statistik,  Aetiologie  und  Therapie  des  angeborenen 
kliiuipfusscs  vor  und  nach  dem  Kriege. 

Zunahme  des  Klumpfusses  und  Abnahme  der  Hüftverrenkung  vielleicht 
durch  Zunahme  der  Knabengeburten.  Aetiologisch  Keimesvariation  und 
mechanische  Einflüsse,  vielleicht  Vererbung.  Mechanisch  spielt  die  häufigere 
Pathologie  der  Schwangerschaft  eine  Rolle.  Die  Therapie  kann  nicht  ein¬ 
heitlich  sein.  Ablehnung  des  einseitigen  Standpunktes  von  S  c  h  u  1 1  z  e  so¬ 
wohl  wie  der  blutigen  Operateure. 

Fritz  Kroh-Köln:  Gelenkkapsel  und  Gelenkmäuse  in  einem  Falle  von 
Arthritis  deformans-adhaesiva. 

Beschreibung  eines  interessanten  Falles,  der  ganz  plötzlich  ohne  Trauma 
entstand,  eine  hochgradige  Entwicklung  nahm  und  bei  dem  schliesslich  das 
ganze  Kniegelenk  von  einer  grossen  Zahl  von  z.  T.  sehr  grossen,  knorpeligen, 
freien  Körpern  erfüllt  war.  Entfernung  derselben  und  auch  der  hochgradig 
veränderten,  Mausnester  bergenden  Gelenkkapsel.  Guter  funktioneller  Erfolg. 

H.  Landwehr-  Köln :  Zwei  Beiträge  zur  Aetiologie  der  Osteo¬ 
chondritis  juvenilis. 

Trophische  und  mechanisch-traumatische  Ursachen  konnten  in  2  Fällen 
nachgewiesen  werden. 

Josef  Müll  er -Köln:  Zwei  Fälle  von  Zehennekrose  im  Anschluss  an 
Osteotomie  am  Unterschenkel. 

Ein  anämisches  Kind  und  ein  Fräulein  mit  angioneurotischen  Störungen 
der  Zehen  und  Finger.  Offenbar  infolge  mangelhafter  Durchblutung. 

Ludwig  R  o  e  r  e  n  -  Süchteln :  Kniemobilisation  im  Kindesalter? 

Die  Prognose  ist  nicht  so  ungünstig  wie  vielfach  angegeben  wird.  Zu 
bedenken  ist  die  unvermeidliche  Beeinflussung  der  Wachstumszonen  durch  die 
Operation.  Weitere  Verfolgung  der  Fälle  muss  darüber  endgültige  Klarheit 
schaffen. 

Ludwig  R  o  e  r  e  n  -  Süchteln:  Rundrücken. 

Behandlung  des  starren  Rundrückens  mit  Gipskorsett,  in  das  Filzstreifen 
wie  bei  Abbott  eingeschoben  werden,  während  die  Brust  frei  bleibt,  um 
sich  durch  Atemgymnastik  zu  entwickeln.  Nach  6 — 8  Wochen  Gymnastik. 
Schlaffe  Formen  werden  nur  mit  Aufrichteübung  und  einem  starren  Gerade¬ 
halter  mit  Feder  um  den  Hals  und  Armkrücken  zum  Zurückbringen  der 
Schultern  behandelt. 

A.  W  Le  m  e  r  s -Köln:  Parallelverschiebung,  eine  neue  Behandlungsart 
bei  Osteotomien. 

Um  Bajonettstellung  zu  verhüten,  verschiebt  er  nach  der  vollständigen 
Durchtrennung  des  Knochens  den  peripheren  Abschnitt  mit  der  Hand  so.  dass 
die  gerade  Achse  hergestellt  ist.  Holtmann  -  München. 

Zentralblatt  für  Gynäkologie.  1923.  Nr.  25. 

S  e  1  Lh  e  im  -  Halle:  „Metroendometritis“  und  „Metropathie“. 

Um  etwas  mehr  Klarheit  in  die  Fülle  der  unter  diese  Bezeichnungen 
subsumierten  Krankheitsbilder  zu  bringen,  teilt  Seil  he  im  folgender- 
ntassen  ein:  Baustörung,  d.  h.  Störung  des  Baus  von  [Uterusschleimhaut  und 
-wand  Metropathia  organica  — ,  z.  B.  aus  Infektion  oder  durch  Retention 
von  Abortresten,  meist  mit  Beeinträchtigung  des  Menstruationszyklus. 
Schmerzempfindlichkeit.  Auf  der  anderen  Seite  die  reine  Funktionsstörung, 
Betriebsstörung  ohne  Baustörung  —  Metropathia  functionalis  • — ,  z.  B.  aus 
Missbrauch  der  Frauenorgandsation  =  parachrestica,  etwa  e  coitu  interrupta, 
klinisch  zeigt  sich  unregelmässige  Periode,  Dysmenorrhöe,  Ausfluss,  Bau-  und 
Betriebsstörungen  zeigen  Kombinationen  und  Uebergänge  aller  Art.  Die  eine 
und  die  andere  kann  primär  sein.  Besonders  bedauerlich  ist,  wenn  eine 
funktionelle  Metropathie  schliesslich  in  Uterusexstirpation  endet.  —  Teil¬ 
nehmende  Worte  widmet  der  Leiter  der  Halleschen  Klinik  der  modernen  Vita 
sexualis  der  Frau,  sie  ist  zu  sehr  geknechtet  und  oft  abnorm.  Die  heutige 
Entwicklung  hindert  leider  Einhaltung  der  optimalen  Bedingungen  für  die  Fort¬ 
pflanzungsfunktion  der  Frau. 

K.  Wohlgemuth  (Rud.  Virchow-Krankenhaus  Berlin):  Ueber  Tetanus 

puerperalis. 

Entgegen  Simon  scheint  dem  Verf.  die  Infektion  mit  Tetanus  vom 
Darm  aus  wahrscheinlich,  in  Uebereinstimmung  mit  Freund.  Verf.  fand 
bei  27  Fällen  der  Literatur  aus  den  letzten  25  Jahren,  dass  Tetanus  nur  nach 
Bauchoperationen,  nie  nach  aseptischer  Kopf-,  Brust-  oder  Extremitütcn- 
operation  aufgetreten.  Neuere  Untersuchungen  (Tennbroek  und  Bauer) 
ergaben  bei  78  Personen  in  34  Proz.  virulente  Tetanuskeime  in  den  Fäzes. 
Er  empfiehlt  daher  bei  Bauchoperationen,  die  mit  schwerer  Darmschädigung 
oder  -eröffnung  einhergingen,  sowie  bei  kriminellem  Abort  prophylaktische 
Schutzimpfung. 

H.  Ncvermann  (Univ.-Frauenklinik  Hamburg):  Epiploitis. 

Dte  Epiploitis  ist  ein  seltenes  Krankheitsbild,  weshalb  meist  die  Diagnose 
auf  Erkrankung  von  Appendix,  Ovar  oder  auch  der  Gallenblase  gestellt  wird. 
Es  ist  aber  an  sie  bei  immer  wiederkehrendem  Schmerz  an  umschriebener 
Stelle  zu  denken.  Eine  23  jährige  Kranke,  bei  der  schon  Appendix  und  linke 


Adnexe  entfernt  waren,  wurde  auf  Wunsch  nach  'mehrwöchiger  konservativer 
Behandlung  wegen  konstanter  Schmerzen  im  rechten  Abdomen  operiert. 
Verf.,  der  ebenfalls  die  Diagnose  nicht  gestellt,  fand  einen  hühnereigrossen 
Netztumor  an  der  dem  Sehrrterzpunkt  entsprechenden  Stelle.  Inhalt  steriler 
breiiger  Eiter. 

II.  H  e  1 1  e  Ti  d  a  1 1  -  Düsseldorf:  Zur  Aetiologie  der  blutigen  Verfärbung 
des  Nabels  bei  Extrauteringravidität. 

Das  C  u  1 1  e  n  -  H  e  1 1  e  n  d  a  1 1  sehe  Zeichen,  wonach  bekanntlich  bläu¬ 
liche  Verfärbung  des  Nabels  infolge  Durchschimmerns  von  freiem  Blut  in  der 
Bauchhöhle  bei  rupturiertem  Tubarabort  —  allerdings  nur  bei  gleichzeitiger 
Nabelhernie  —  auftreten  kann,  besteht  zu  Recht.  S  t  r  u  b  e  hat  Unrecht, 
wenn  er  es  auf  Phlebektasie  der  Nabelvenen  zurückführt.  Denn  sowohl 
Verf.  als  andere  Operateure  haben  diese  Verfärbung  des  Nabels  gesehen  und 
dann  bei  Laparotomie  autoptiseh  das  freie  Blut  in  der  Bauchhöhle  feststellen 
können.  Verf.  macht  weiterhin  Vorschläge,  wie  man  auf  optischem  Wege, 
durch  Einführen  einer  Lichtquelle  in  die  Vagina  oder  vielleicht  durch  seit¬ 
liche  Beleuchtung  bei  verdunkeltem  Zimmer,  den  durch  die  rupturierte  Extra¬ 
uteringravidität  verursachten  Bluterguss  diagnostizieren  könne. 

F.  Sieber  (Staatl.  Frauenklinik  Duuzig-Langfuhr):  Ovarialkystome  als 
Geburtshinderiiis. 

Verf.  beschreibt  2  Fälle  von  Ovarialkystom,  die  die  Geburt  komplizierten. 
Im  einen  Falle  wurde  die  Kreissende  mit  vor  der  Vulva  liegendem  kindskopf- 
grossem  Kystom  eingeliefert;  es  wurde  der  Stiel  abgebunden,  das  infolge  der 
Presswehen  abgestorbene  Kind  durch  Perforation  entwickelt  und  der  ver-, 
mutlich  durch  die  Forzepsversuche  verursachte  grosse  Scheidenriss  genäht. 
Im  anderen  Falle  wurde  der  vom  einliefernden  Arzt  ausgesprochene  Verdacht 
auf  Uterusruptur  bestätigt,  der  Uterus  mit  dem  sich  hinter  ihm  findenden,  teil¬ 
weise  im  kleinen  Becken  eingeklemmten  kindskopfgrossen  Kystom  entfernt. 
Heilung  in  beiden  Fällen.  Verf.  schliesst,  dass  man  zuerst  zu  reponieren 
versuchen  soll,  dann  vaginale  oder  abdominale  Ovariotomie,  forzierte  Ent¬ 
bindungsversuche  sind  gefährlich,  ebenso  Punktion  der  Zyste  vom  hinteren 
Douglas  aus.  Robert  Kuhn-  Karlsruhe. 

Archiv  fiir  Kinderheilkunde.  72.  Band.  4.  Heft. 

Rudolf  K  o  China  n  n  -  Freiburg  i.  B.:  Ueber  die  klinische  Bedeutung  der 
hätnoklasischen  Krise  im  Kindesalter. 

Die  hämoklasische  Krise  W  i  d  a  Ls  fällt  beim  lebergesunden  Kinde  jen¬ 
seits  des  ersten  Lebenshalbjahres  negativ,  beim  leberkranken  Kinde  deutlich 
positiv  aus.  Beim  jungen  Säugling  ist  die  proteopexische  Leberfunktion 
wahrscheinlich  nur  ungenügend  ausgebildet;  nach  Eintritt  der  Krise  kommt 
bei  ahm  nur  eine  4  ständige  „Immunität“  zustande ;  beim  älteren  Säugling 
und  im  späteren  Kindesalter  dauert  sie  mindestens  8  Stunden.  Die  Leber 
des  schwer  ernährungsgestörten  Säuglings  ist  in  ihrer  entgiftenden  Funktion 
so  stark  geschädigt,  dass  die  hämoklasische  Krise  auch  nach  Nahrungspausen 
von  weniger  als  4  Stunden  positiv  ausfällt.  Diese  Erscheinung  dürfte  klinisch 
verwertbar  sein. 

Elli  M  a  r  q  u  a  r  d  -  Rostock:  Ueber  Anaemia  pseudoleucaemica  infantum 
(von  J  a  c  k  s  c  h  -  H  a  y  e  m)  bei  Zwillingen. 

Die  N  a  e  g  e  1  i  sehe  Lehre,  dass  die  J  a  c  k  s  c  h  sehe  Anämie  nur  eine 
biologische  Variante  einer  beliebigen  sekundären  Anämie  sei,  wie  sie  nur  in 
den  ersten  Lebensmonaten  möglich  ist,  wird  anerkannt  mit  dem  Zusatz,  dass 
bei  Zwillings-  und  FamiFenanämien  neben  dieser  durch  das  Alter  hervor¬ 
gerufenen  biologischen  Variante  auch  eine  spezielle,  das  Keimplasma,  insbe¬ 
sondere  das  Mesenchym  treffende,  oft  familiär  auftretende  Konstitutionsstörung 
vorliegt. 

T  c  b  b  e  -  Oldenburg:  Ueber  den  hemmenden  Einfluss  von  Luesflocken 
auf  die  Saponinhämolyse. 

Der  hemmende  Faktor,  das  Cholesterin  muss  vornehmlich  in  den  Flocken 
vorhanden  sein.  Dieses  Cholesterin  entstammt  dem  Cholesterin  des  Extraktes. 

Josef  R  e  y  -  Heidelberg:  Die  praktische  Bedeutung  der  postpleuritischen 
Skoliose  im  Kindesalter. 

Nicht  nur  Empyem,  sondern  auch  einfache  unkomplizierte  Pleuritis  kann 
die  Ursache  von  Thoraxdeformitäten  und  Skoliosen  sein.  Die  Schwierigkeit 
einer  Korrektur  der  einmal  fixierten  Deformität  rechtfertigt  ihre  rechtzeitige 
Behandlung  und  vor  allem  Prophylaxe,  die  in  Anlegung  eines  Gipsverbandes 
nach  Art  des  A  b  b  o  t  sehen  zur  Aufrcihtung  des  Thoraxes,  in  systematischen 
Atemübungen,  in  der  Klapp  sehen  Kriechtherapie  besteht. 

Paul  W  i  d  o  w  i  t  z  -  Graz:  Klinische  Beobachtungen  über  Masern. 

Klinische  Ausnahmefälle  werden  kritisch  betrachtet.  Indirekte 
U  c  b  e  it  t  r  a  g  u  n  g  durch  dritte  Personen  oder  Gegenstände  kommt  nur 
insoweit  in  Betracht,  als  eine  dritte  Person  eine  infektionsbeladene  Luftwelle 
mit  sich  auf  eine  beschränkte  Strecke  fortführend  auf  ein  zweites  Kind  über¬ 
trägt  und  es  so  infiziert.  Verstärkter  Luftzug  kann  ähnlich  wirken.  Die 
Häufigkeit  von  mehrmaliger  Erkrankung  wird  bestritten.  In¬ 
kubationszeiten  konnten  von  10 — 18  Tagen  beobachtet  werden.  Die 
relative  Immunität  der  ersten  4 — 5  Lebensmonate  wird  bestätigt.  Als 
Haftungsreaktion  des  Organismus  auf  das  eingedrungenc  Masernvirus 
wird  von  einer  1 — 2  Tage  dauernden  Fieberzacke  bis  38  °,  von  fieberhafter 
Pharyngitis  und  von  Koryza  berichtet.  Zur  Unterscheidung  echter  Masern- 
Kopliks  wird  angeführt,  dass  die  unechten  Kopliks  meist  in  der  Einzahl  Vor¬ 
kommen  und  im  allgemeinen  sich  um  den  Ausführungsgang  des  Ductus  Steno- 
nianus  gruppieren.  Die  Masern  schwächen  gleich  wie  die  Antikörper¬ 
bildung  bei  Tuberkulose  so  auch  die  Resistenz  bei  einer  darauffolgenden 
Diphtherieinfektion.  Die  A  n  z  e  i  g  e  p  f  Li  c  h  t  bei  Masern  ist  anzustreben. 

Referatenteil:  Felix  S  c  h  1  e  i  s  s  n  e  r  -  Prag:  Adenoiditis  chronica. 

Hecker-  München. 

Deutsche  Zeitschrift  für  Nervenheilkunde.  78.  Band,  1. — 2.  Heft. 

F.  S  t  e  i  n  -  Frankfurt :  Ein  Fall  von  Schlaflähmiing  des  Plexus  brachialis 
nach  Einnahme  von  Schlafmitteln. 

Ein  Mann,  dessen  rechte  Seite  von  Geburt  an  etwas  schlechter  als  die 
linke  entwickelt  war,  erlitt  nach  Einnahme  einer  zu  grossen  Dosis  eines  un¬ 
bekannten  Narkotikums  mit  anschliessendem  19  ständigem  Schlafe  eine  voll¬ 
ständige  schlaffe  Lähmung  des  rechten  Armes  mit  Anästhesie  bzw.  Hypästbesie 
in  Bezug  auf  alle  Empfindungsqualitäten.  Ausgenommen  war  eine  Partie  an 
der  Innenseite  des  Oberarms.  Sämtliche  vom  Plexus  brachialis  versorgten 
Muskeln  waren  beteiligt,  am  stärksten  aber  der  Deltoideus,  wohl  auf  Grund 
direkter  Druckschädigung,  betroffen;  der  Trapezius,  Levator  scapulae  und  die 
Rhomboidei  blieben  verschont.  Die  Sensibilitätsstörungen  bildeten  sich  bald 


924 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


1 


Nr.  28. 


zurück.  Die  Ausfälle  in  der  Bewegung  blieben  längere  Zeit  bestehen,  auch 
schloss  sich  eine  deutliche  Muskelatrophie  daran  an. 

L.  Benedek  und  K.  C  s  ö  r  z  -  Debreczen:  Zur  Frage  der  extrapyra¬ 
midalen  Bewegungsstörung. 

Es  werden  4  Fälle  von  Huntington  scher  Chorea  mitgeteilt,  aus 
einer  Generation,  deren  Familiengeschichte  durch  2  Jahrhunderte  hin  sich  ver¬ 
folgen  liess.  Die  Krankheit  scheint  im  erbbiologischen  Zusammenhang  mit 
Epilepsie,  Migräne,  Linkshändigkeit  und  Enuresis  zu  stehen.  Die  Analyse 
der  Bewegungsstörungen,  die  im  Schlafe  ganz  aufhören,  weist  auf  den  extra¬ 
pyramidalen  Sitz  der  Schädigung  hin  und  lässt  sich  teils  durch  Ausfall,  teils 
durch  Ataxie  der  subkortikalen  Hilfsinnervation  erklären.  Die  Tatsache, 
dass  im  Schlafe  manchmal  gruppenweise  Bewegungen,  anscheinend  durch 
Traumtatsachen  hervorgerufen,  auftreten,  sprioht  für  die  Beteiligung  eines 
psychischen  Faktors.  Weiter  werden  Fälle  von  amyostatischem  Symptomcn- 
komplex,  Chorea  chronica  nach  Lues  cerebralis,  Chorea  mollis  und  allge¬ 
meiner  kongenitaler  Athetose  mitgeteilt  und  durch  Abbildungen  illustriert. 

L.  Benedek  und  P.  Golden  b  erg:  Tremophilie  und  thyreotoxische 
Konstitution. 

Idiopathischer  Tremor,  dem  Stammbaum  nach  in  direkter  und  homologer 
Vererbung. 

K.  M  e  y  1  a  n  -  Stettin:  Ueber  spontane  diffuse  Meningealblutungen. 

Plötzlich  einsetzende  diffuse  Blutung  aus  den  kleinsten  üefässen  und 
Kapillaren  des  Gehirns  und  Rückenmarkes  ohne  Gefässruptur.  Als  Ursache 
wird  in  dem  einen  Fall  eine  konstitutionelle  Schwäche  oder  Ueberempfind- 
lichkeit  des  Nervensystems  und  besonders  des  Gefässnervensystems  ange¬ 
nommen,  während  bei  einem  2.  Fall  ausser  dieser  noch  vorausgegangene  Lues 
in  Betracht  kam. 

L.  Benedek  und  P.  Goldenberg:  Huntington  und  Migräne. 

Familiäre  Kombination  beider  obengenanntre  Erkrankungen. 

L.  Benedek  -  Debreczen:  Ein  pathologischer  Fascia-cruris-Reflex. 

Durch  Schlag  auf  den  vorderen  Fibularrand  und  medial  vom  Bauch  des 
M.  extensor  digitorum  longus  in  der  Halbierungslinie  der  Streckseite  des 
Unterschenkels  tritt  eine  Plantarflexion  des  Fusses  ein,  wenn  die  Achilles¬ 
sehne  mässig  gespannt  ist.  Dieser  Reflex  ist  nur  bei  dem  spastischen 
Symptomenkomplex  auszulösen,  erscheint  hier  aber  oft  früher  als  die  am 
häufigsten  sonst  vorkommenden  Reflexe  wie  Babinski,  Mendel,  Bechterew 
und  Rossolimo. 

A.  W  a  1 1  g  r  e  n  -  Stockholm:  Ueber  Schmerzen  bei  Kaudatumoren. 

Bei  Kaudatumoren  treten  die  Schmerzen  oft  nachts,  d.  i.  im  Liegen, 
ausserordentlich  heftig  auf,  während  sie  in  aufrechter  Haltung  verschwinden 
oder  erträglicher  werden.  Die  Tatsache,  dass  bei  Vermehrung  der  Lenden¬ 
wirbellordose  die  Schmerzen  abnehmen,  ist  dadurch  zu  erklären,  dass  durch 
diese  Haltung  der  Rückgratskanal  etwas  verkürzt  wird;  dadurch  erschlaffen 
die  im  Kanal  verlaufenden  Wurzeln  der  Cauda  equina,  die  sonst  durch  den 
Tumor  gestreckt  werden. 

G.  B  y  c  h  o  w  s  k  y  -  Wien:  Ueber  einen  Fall  von  periodischer  Schlaf¬ 
sucht  mit  anatomischem  Befund. 

Bei  diesem  Fall  fand  sich  ein  Endotheliom  der  Dura  mater.  welches 
ausser  allgemeinen  Druckerscheinungen,  das  Corpus  Striatum  der  gleichen 
Seite  verdrängt  hatte,  den  N.  caudatus,  das  Putamen  und  Pallidum  und  auch 
den  Thalamus  opticus  geschädigt  hatte.  Die  bisher  bekannte  Kasuistik  lässt 
einen  Zusammenhang  von  Schlafsucht  mit  Schädigungen  des  Tuber  cinereum 
oder  der  Hypophyse  vermuten. 

E.  S  c  hu  1 1  z  e  -  Bonn:  Bemerkungen  zur  Lehre  von  den  Sehnenreflexen 
(Eigenreflexen  der  Muskeln  nach  H  o  I  i  m  a  n  n), 

Verf.  tritt  für  die  Beibehaltung  der  alten  Bezeichnung  „Sehnenreflexe“ 
ein  und  stellt  eine  in  die  Literatur  übergegangene  Behauptung  L  e  w  a  n  - 
dowskis  und  Pophals,  er  habe  das  Vorhandensein  von  Sehnen-  und 
Periostreflexen  im  Gebiete  der  Gesichtsmuskeln  geleugnet,  richtig.  Die  von 
P  o  p  h  a  1  veröffentlichten  Versuche  mit  Kurare  zum  Beweis  der  Reflexnatur 
der  Westphal-Erb  sehen  Phänomene  wurden  vom  Verf.  und  Für- 
b  r  i  n  g  e  r  bereits  im  Jahre  1875  angestellt.  Renner-  Augsburg. 

Archiv  fiir  experimentelle  Pathologie  und  Pharmakologie.  96.  Bd  , 

6.  Heft. 

Cloetta  und  W  ü  n  s  c  h  e  -  Zürich:  Ueber  die  Beziehungen  zwischen 
chemischer  Konstitution  proteinogener  Amine  und  ihre  Wirkung  auf  Körper¬ 
temperatur  und  Blutdruck. 

Das  Fieber  bei  Infektionskrankheiten  ist  bedingt  durch  Abbauprodukte, 
die  aus  Körpereiweiss  oder  den  Bakterien  stammen.  Ueber  die  Natur  dieser 
Substanzen,  über  die  Eigenschaften,  die  sie  besitzen  müssen,  um  Fieber  zu 
erzeugen,  wissen  wir  nichts.  Nur  Versuche  mit  reinen  Substanzen  können 
uns  hier  weiterbringen.  Die  Verfasser  gingen  von  möglichst  einfachen, 
kristallisierten  und  genau  definierten  Substanzen  aus,  aliphatischen  und 
aromatischen  Körpern,  die  beim  Eiweissabbau  entstehen  und  untersuchten 
ihre  Wirkung  auf  Temperatur  und  Blutdruck.  Es  zeigte  sich,  dass  nicht  nur 
durch  Albumen  und  Peptone,  sondern  durch  viel  weiter  abgebaute,  relativ 
einfache  Amine  Fieber  und  erregende  Wirkung  auf  die  Zirkulation  erzeugt 
werden  können.  Je  nach  den  Eigenschaften  des  betreffenden  Amins  können 
Fieber  und  Pulszahl  ganz  verschieden  sich  verhalten.  Aus  der  Bildung  und 
Kombination  der  Wirkung  zahlreicher  Amine  ist  der  wechselnde  Symptomen¬ 
komplex  der  fieberhaften  Infektionskrankheiten  erklärlich.  Auch  in  der  Frage 
der  unspezifischen  Eiweisstherapie  wird  der  hier  eingeschlagene  Weg  syste¬ 
matischer  Untersuchungen  mit  kristallisierten  Körpern  grössere  Klarheit 
schaffen. 

H  e  u  b  n  e  r  -  Göttingen:  Menthol  als  Beispiel  eines  erregenden  Giftes. 

Verf.  wollte  die  Frage  entscheiden,  ob  Erregungen,  die  wir  als  Folgen 
von  Giftzufuhr  kennen,  immer  nur  auf  Steigerung  der  Erregbarkeit  für  die 
normalen  Reize  zurückzuführen  sind,  oder  ob  körperfremde  chemische  Sub¬ 
stanzen  auch  als  solche  unmittelbare  Erregungsmittel  sein  können,  durch 
ihre  Gegenwart  die  Erregung  auslösen,  wie  etwa  ein  elektrischer  Strom. 
Durch  eine  besondere  Versuchsanordnung,  die  jeden  anderen  Reiz  ausschloss, 
fand  er,  dass  Menthol  auf  der  Schleimhaut  der  Mundhöhle  allein  durch  seine 
Ggenwart  zur  Erregung  der  Kälteorgane  führt. 

W.  Storm  van  Leuwen  und  A.  v.  Szent  G  y  ö  r  g  y  i  -  Leiden: 
Ueber  die  Verstärkung  der  Giftwirkung  bei  Versuchen  an  überlebenden  Or¬ 
ganen.  I.  Teil. 

Dieselben:  II.  Teil. 

Das  Kephalin  und  seine  Zersetzungsprodukte  üben  auch  in  minimalster 


Konzentration  einen  verstärkenden  Einfluss  auf  die  Wirkung  einiger  Gifte 
(z.  B.  Pilokarpin)  aus.  Das  Gleiche  fand  sich  bei  allen  organischen  Säuren. 
Da  unter  gewissen  Bedingungen  die  elektromotorische  Kraft  eines  Systems 
aus  Salzlösungen  und  wasserunmischbaren  Substanzen  durch  Salze  organischer 
Basen  (auch  Alkaloide)  stark  beeinflust  wird,  erscheint  es  möglich,  dass 
auch  solche  Substanzen,  die  Giftwirkungen  verstärken  können,  die  elektro¬ 
motorische  Kraft  beeinflussen. 

Vollmer  -  Heidelberg:  Beitrag  zur  Wirkung  der  Hormone. 

In  früheren  Untersuchungen  über  den  Einfluss  der  Hormone  auf  den  inter- 
medianen  Stoffwechsel  hatte  Verf.  gezeigt,  dass  Suprarenin,  Pituglandol,  Ovo- 
glandol,  Thymoglandol  und  Thyreoidin  den  Stoffwechsel  in  alkalotischem 
Sinn  umstimmen  (beschleunigend  wirken),  Parathyreoidin  in  azidotischem 
Sinn  (hemmend  wirkt).  In  weiteren  Versuchen,  die  sich  auch  auf  Thyreo-, 
Epi-,  Luteo,  und  Testiglandol  erstreckten,  fand  er,  dass  alle  in  den  früheren 
Tagesstoffwechseluntersuchungen  als  alkalotisch  wirksam  erkannten  Honnone  j 
kurz  nach  der  Injektion  azidotisch  auf  den  intermediären  Stoffwechsel  wirkten, 
dass  anscheinend  der  Organismus  um  so  stärker  auf  ein  Hormon  mit  einer 
Stoffwechsclbeschleunigung  reagiert,  einen  je  grösseren  stoffwechselhemmen¬ 
den  Reiz  dieses  Hormon  anfangs  gesetzt  hat. 

Kochmann  und  H  u  r  t  z  -  Halle:  Ueber  die  Iokalanästhetlsche  Wir¬ 
kung  der  Opiumalkaloide. 

Auch  die  zentralnarkotisch  wirkenden  Opiumalkaloide  können  Lokal¬ 
anästhesie  hervorbringen.  Kombination  von  Morphin  und  Kokain  zeigt 
potenzierenden  Synergismus,  Pantopon  wirkt  stärker  als  der  Summe  der 
Alkaloide  entspricht. 

H  e  u  b  n  e  r  -  Göttingen:  Zur  Pharmakologie  des  Kampfers. 

L.  Jacob-  Bremen. 

Zeitschrift  für  Hygiene.  Bd.  99,  Heft  4.  1923. 

Th.  J.  B  ü  r  g  e  r  s  -  Düsseldorf :  Das  Scharlachproblem.  Eine  epidemio¬ 
logische  Studie. 

Kurt  Nuck-Berlin:  Praktische  Erfahrungen  über  das  Verhalten  von 
Kleinhäusern  aus  „Ersatzbaustoffen“. 

Wie  eigentlich  nicht  anders  zu  erwarten  war,  haben  sich  die  Häuser  aus 
Ersatzbaustoffen  bis  jetzt  recht  wenig  bewährt.  Innerhalb  dreier  Jahre  haben 
sich  schon  so  viel  Missstände  ergeben,  dass  man  z.  Z.  die  Lebensdauer  dieser 
Bauten  noch  bedeutend  niedriger  einschätzen  muss,  als  wie  anfangs  gerechnet 
wurde.  Das  „Thermoshaus“,  das  Holzhaus,  das  Zementhaus  und  das  Ziegel¬ 
haus,  auch  das  „Ambihaus“  litt  an  zu  grosser  Feuchtigkeit  und  an  grossen 
Heizungsschwierigkeiten.  Der  Fehler  liegt  weniger  vielleicht  an  den  Ersatz¬ 
baustoffen,  als  vielmehr  an  der  Konstruktion.  Die  Aussenmauern  müssen 
grössere  Stärke  aufweisen  und  die  Isolierung  muss  eine  bessere  sein.  In 
diesem  Sinne  haben  sich  Lehmbauten  günstiger  gezeigt.  Hier  traten  aber 
senkrechte  Risse  ein  und  die  Schlagwetterseite  musste  mit  Holz  verkleidet 
werden,  weil  der  Lehm  ausgewaschen  wurde. 

Kurt  Nuck-Berlin:  Untersuchungen  über  Wandisolationen  unter 
sommerlichen  Verhältnissen. 

Nach  den  vom  Verf.  an  einem  Modell  gewonnenen  Resultaten  wird  für 
das  Kleinhaus  Innenisolation  der  Wände  mit  Dauerheizung  empfohlen  und 
Bcrankung  der  Aussenseite  mit  Kletterpflanzen.  Da  allerdings  in  der  Praxis 
doch  noch  viele  andere  wichtige  Gesichtspunkte  mitsprechen,  die  auch  von 
Bedeutung  sind,  so  wird  die  Heizungsfrage  mehr  individuell  geregelt  werden 
müssen. 

R.  Schnitzer  und  F.  M  u  n  t  e  r  -  Berlin :  Ueber  Zustandsänderungen 
der  Streptokokken  'in  Tierkörper. 

Nachdem  bereits  gezeigt  war,  dass  nach  intraperitonealer  Einimpfung 
von  hochvirulentcn  Streptokokken  in  Mäuse,  Stämme  in  avirulentem, 
„vergrüntem“  Zustande  wieder  aus  dem  Tier  herausgezüchtet  werden  konnten, 
wurde,  nunmehr  festgestellt,  dass  dies  bei  der  Verabreichung  von  sehr  kleinen 
Dosen  am  besten  geht.  Bis  jetzt  ist  es  gelungen  4  Gruppen  dieser  vergrünten 
Streptokokken  herauszuzüchten,  die  sich  in  ihrem  Zustande  gegenüber  der 
Hämolyse  und  des  Weiterwachstums,  verschieden  verhalten.  Entweder 
werden  sie  in  den  ersten  Nährbodenpassagen  wieder  hämolytisch,  oder  sie 
ändern  sich  beim  Fortzüchten  nicht  und  werden  im  Tierkörper  wieder 
hämolytisch  oder  sie  halten  den  grünen  Zustand  sowohl  im  Tierkörper  als 
auch  lange  Zeit  beim  Fortzüchten  oder  sic  gehen  rasch  ein. 

Eugen  Fraenkel  und  Hans  Much:  Weitere  Untersuchungen  über 
Lymphogranulomatose. 

Im  Verfolg  früherer  Untersuchungen  stellen  die  Verfasser  an  10  neuen 
Fällen  fest,  dass  die  Lymphogranulomatose  eine  seltene  Form  der  Tuberkulose 
ist.  Für  ihre  Entstehung  sind  besondere  Konstitutionsveränderungen  not¬ 
wendig.  „Die  Umstimmung  bei  Lymphogranulomatose  muss  derart  sein,  dass 
das  umgestimmte  lymphatische  Gewebe  gesteigert  abwehrend  gegen  den 
Erreger  antwortet,  derart  übermässig,  dass  die  Erreger  zum  grössten  Teil 
vernichtet  werden.  Die  Ueberreizbarkeit  aber  gereicht  dem  Körper  zum  Ver¬ 
derben.“  Als  Beweis  dafür,  dass  die  Lymphogranulomatose  eine  Tuberkulose 
ist,  führen  die  Verfasser  an,  dass  es  in  jedem  Falle  gelungen  ist,  aus  dem 
Material  durch  Reihenimpfungen  und  bei  Verwendung  von  Milchsäure 
Tuberkelbazillen  zu  züchten. 

Edwin  Scheidegger  -  Basel:  Studien  zum  Bakterlophagenproblem. 
IV.  Mitteilung.  Der  Einfluss  der  Wasserstoffionenkonzentration  auf  das  lytische 
Agens  und  den  Ablauf  der  übertragbaren  Bakteriolvse. 

Eine  H-Konzentration,  welche  dem  pH  von  4,5  entspricht,  schädigt  das 
lytische  Agens  selbst  bei  mehrstündiger  Einwirkung  nicht,  wenn  die  Tem¬ 
peratur  20 — 37°  C  beträgt,  dagegen  bei  56°  in  2  Stunden  fast  vollständig  oder 
vollständig.  Bei  37  0  entwickelt  sich  Bact.  coli  in  saurer  und  lysinhaltiger 
Bouillon  ungestört.  Weitere  Untersuchungsergebnisse  sprechen  für  die  un¬ 
belebte  Natur  des  lytischen  Prinzips. 

T.  V.  S  i  m  i  c  -  Belgrad-Frankfurt:  Untersuchungen  über  die  Wirkungs¬ 
weise  des  Neosalvarsans. 

Versuche,  die  mit  Trypanosomen  und  Rekurrensspirochäten  angestellt 
worden  sind,  haben  ergeben,  dass  Neosalvarsan  im  lebenden  Tier  (Maus)  in 
stärkeren  Verdünnungen  Trypanosomen  erst  nach  der  sog.  „latenten  Periode“ 
beeinflusst.  Auch  bei  Spirochäten  ist  dies  der  Fall,  aber  unabhängig  von 
der  Konzentration.  Das  wirksame  Agens  scheint  das  Oxyd  des  Neösalvarsans 
zu  sein,  da  bei  oxydiertem  Neosalvarsan  die  latente  Periode  verschwindet. 
Trypanosomen  nehmen  wahrscheinlich  schon  das  unveränderte  Mittel  auf. 
während  Rekurrensspirochäten  erst  vom  Oxydationsprodukt  beeinflusst  werden. 

R.  O.  Neumann  -  Hamburg. 


13.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


925 


Klinische  Wochenschrift.  1923.  Nr.  25. 

.1.  Wiesel- Wien:  Endokrine  Störungen  in  der  Pubertät. 

Ucbersichtsreferat. 

.1.  Pal -Wien:  Arterieller  Hochdruck. 

H.  K  ä  m  in  c  r  e  r  -  München :  lieber  Porphyrinblldimg  durch  Darm- 

hakterlen. 

Vortrag  auf  dem  diesjährigen  Kongress  für  innere  Medizin  in  Wien. 

H.  G  e  s  s  1  e  r  -  Heidelberg:  Ueber  Entzündung. 

Gestützt  auf  die  Ergebnisse  eigener  Versuche  kommt  Verf.  hinsichtlich 
der  Gesamtheit  der  entzündlichen  Erscheinungen  zum  Schlüsse,  dass  die  Ent¬ 
zündung  sich  darstellt  als  ein  Vorgang  gesteigerter  Vitalität,  bei  dem  physio¬ 
logische  Funktionsänderungen  mit  grosser  Intensität  und  besonders  langer 
Dauer  zum  Ablauf  kommen,  ein  Vorgang,  der  ausgeht  und  unterhalten  wird 
von  einem  zur  Nekrose  gebrachten  Gewebsteil.  Diese  Auffassung  sucht  der 
Lehre  von  Virchow  sich  wieder  mehr  zu  nähern. 

F.  v.  B  e  r  n  u  t  h  -  Jena:  Beitrag  zur  Lunilnalbchandlung  der  Chorea 
minor  nebst  Bemerkungen  über  Luminalexantheme. 

Die  Beobachtungen  führten  Verf.  zu  folgenden  Ergebnissen:  Luminal  in 
Dosen  von  2 — 4  mal  0.05  täglich  kann  zur  Unterstützung  der  Therapie  der 
ChoT.  min.  herangezogen  werden.  Eine  schnelle  Wendung  zum  Bessern  darf 
aber  nicht  erwartet  werden.  Luminalexantheme  treten  bei  dieser  Dosierung 
im  Kindesalter  auffallend  häufig  auf. 

W.  K  ö  r  t  i  n  g  -  Prag:  Ist  Gynergen  unschädlich? 

Gynergen  ist  das  weinsaure  Salz  des  Ergotamins.  Verf.  stellt  fest,  dass 
die  Verwendung  dieses  Mittels  intra  partum  auch  in  kleinen  Mengen  gefähr¬ 
lich  ist.  ebenso  kann  es  bei  der  Behandlung  von  Spätblutungen  im  Wochen¬ 
bett  mit  Ergotamintartrat  zu  bedrohlichen  Erscheinungen  kommen. 

L.  Lange  und  M.  F  r  ä  nk  e  1  -  Berlin:  Die  Wirkung  von  Röntgen¬ 
strahlen  auf  Tuberkelbazillen. 

Die  Rontgenstrahlen  vermögen  Tuberkclbazillen  äbzutöten.  wenn  diese 
in  dünner  Aufschwemmung  der  Strahlenwirkung  ausgesetzt  werden. 
Tuberkelbazillen  aus  jungen  Kulturen  widerstehen  dieser  Einwirkung.  Mit 
.  letzterer  Feststellung  wird  das  T  ribondeau-Pergo.nie  sehe  Gesetz, 
demzufolge  junge  Zellen  am  radiosensibelsten  seien,  für  Bakterienkulturen 
als  nicht  zutreffend  nachgewiesen. 

E.  B  r  i  e  g  e  r  -  Herrnprotsch-Breslau:  Ueber  den  Wasserhaushalt  des 
tuberkulösen  Organismus  und  sein  Verhalten  bei  spezifischer  und  un- 
spezifischer  Behandlung. 

Es  macht  den  Eindruck,  als  ob  beim  ,, ausgetrockneten“  Phthisiker  das 
resorbierte  Wasser  nicht  wie  beim  Gesunden  rasch  teils  durch  die  Nieren 
I  ausgeschieden  wird,  teils  in  die  Gewebe  abströmt  und  hier  zu  einer  Mobili¬ 
sierung  des  reichlich  vorhandenen  Gewebswassers  führt,  welches  wiederum 
-  die  überschüssige  Ausscheidung  von  Wasser  und  Kochsalz  im  Urin  hervor- 
|  ru ft :  beim  Phthisiker  scheint  der  Wasserstoss  auf  die  Gewebe  wirkungslos 
zu  sein  und  die  Eliminierung  des  überschüssigen  Gewebswassers  unterbleibt. 

A.  H  ü  b  n  e  r  -  Berlin:  Endergebnis  der  Behandlung  von  SchenkGhals- 
brüchen.  Vortrag  auf  der  heurigen  Tagung  der  Deutschen  Ges.  f.  Chir. 

G.  Roscnow-Königsberg:  Erhöhte  Phlorrhizinenrnflndllchkeit  bei  Ikterus. 

Die  Mehrzahl  der  vom  Verf.  untersuchten  ikterischen  Kranken  wurde 

i  bereits  auf  1  mg  Phlorrhizin  deutlich  glykosurisch,  während  andere  Kranke 
;  auf  die  gleiche  Dosis  zuckerfrei  blieben. 

M.  G  o  1  d  b  e  r  g  -  Freiburg  i.  Br.:  Zur  Frage  der  Verfettung. 

Die  Versuche  zeigten,  dass  die  anscheinende  Vermehrung  des  Fettes  in 
der  Trockensubstanz  der  durchspülten  Niere  nur  auf  eine  stärkere  Ausspülung 
irgendeiner  anderen  Zellsubstanz  zurückzuführen  ist  und  dass  keine  absolute, 
sondern  nur  eine  relative  Vermehrung  des  Fettes,  keine  Verfettung,  vorliegt, 
nur  eine  Entziehung  anderer,  fester  in  Ringerlösung  löslicher  Substanzen. 

E.  I  1  1  e  r  t  -  Goddelau:  Beitrag  zur  Serodiagnostik  der  experimentellen 
Kaninchensyphilis. 

W.  Parrisius  und  H.  Schlack-  Tübingen :  Der  Einfluss  von  Kälte 
und  Wärme  auf  die  SchUddrüse.  Kurze  wissenschaftliche  Mitteilungen. 

R.  Weiss  und  H.  B  e  t  t  i  n  g  e  r  -  Breslau:  Zur  Frage  der  Leber¬ 
zirrhose  im  Kindesalter.  Kasuistische  Mitteilung: 

K.  F  r  i  t  z  1  e  r  -  Stendal:  Appendlcitis  acuta  im  Bruchsack  bei  einem 
Säugling.  Kasuistische  Mitteilung.  Grassmann  -  München. 

Deutsche  medizinische  Wochenschrift. 

Nr.  25.  H.  Kionka-Jena:  Ueber  ein  deutsches  salinisches  Abführ¬ 
mittel. 

Empfehlung  des  Homburger  Salzes,  das  auch  verhältnismässig  billig 

zu  nennen  ist. 

H.  D  ü  r  c  k  -  München :  Lymphogranulomatose  und  Unfall. 

Begutachtung  eines  Falles.  Ablehnung. 

E.  K  a  r  e  w  s  k  i  -  Berlin:  Ein  neues  plastisches  Verfahren  zur  radikalen 
Behandlung  schwerster  Formen  von  Pruritus  ani. 

Die  hier  beschriebene  Operation  (mit  Abbildung)  war  bedingt  durch  eine 
lusgcdchnte,  von  einer  früheren  Operation  herrührendc  Narbe. 

A.  R  o  s  e  n  b  u  r  g  -  Berlin:  Zur  Differeutialdlagnose  der  chirurgischen 
Abdominalerkrankungen  lind  der  Malaria  tropica. 

2  Krankengeschichten  zeigen  die  Schwierigkeiten  der  Diagnose  infolge 
Jes  Felilens  augenfälliger  klinischer  Zeichen  der  latenten  Malaria  tropica. 
Ausser  dem  Blutbefund  ist  besonders  wichtig  die  häufige  Untersuchung  von 
-eher  und  Milz  und  des  Urins.  Die  Urobilinurie  ist  eine  sehr  konstante, 
iber  nicht  ausnahmslos  bestehende  Erscheinung  bei  Malaria. 

K.  F  r  o  m  h  e  r  z  -  Höchst:  Die  Blutdruckwirkung  des  racemischen  Snpra- 
•enins  und  seiner  optisch  aktiven  Komponenten. 

Die  Versuche  zeigen,  dass  nur  das  optisch  aktive  C-Suprarenin  dem 
latürlichen  Hormon  entspricht  und  vorwiegend  der  Träger  der  therapeutischen 
Wirkung  ist. 

Hübner-Bonn:  Psychiatrische  Beratung  bei  Eheschliessungen  und 

Adoptionen. 

H.  beleuchtet  kritisch  vor  allem  die  noch  vielfach  strittigen  Voraus¬ 
setzungen  für  ein  Eheverbot. 

N.  H  i  r  s  c  h  b  e  r  g  -  Moskau :  Ueber  die  Erkrankungen  des  Nerven- 

;vstems  bei  Flecktyphus. 

H.s  reiche  Erfahrungen  erstrecken  sich  auf  Erkrankungen  aller  Gebiete 
lus  t  zentralen  und  peripheren  Nervensystems,  deren  Erscheinungen  und 
läufigkeit  näher  mit  manchen  interessanten  Einzelheiten  erörtert  wird. 

1  W.  D  ü  1  I  -  Wasach-Oberstdorf:  Kleselsäuretherapie,  speziell  Kieselsäure- 

njektionen  bei  Lungentuberkulose. 


Einspritzungen  einer  kolloidalen  Kieselsäurelösung  bei  aktiver  Lungen¬ 
tuberkulose  haben  sich  nicht  bewährt.  Bei  gutartiger  Lungentuberkulose  ist 
die  innere  Darreichung  von  Kieselsäure  empfehlenswert. 

H.  G  r  a  g  e  -  Chemnitz:  Schmerzlose  Gelcnkmohilisation  durch  Hypno- 
theraple. 

Beschreibung  eines  Falles  von  Kontraktur  beider  Schultergelenke,  wo 
in  Hypnose  —  mit  Ersparung  der  Narkose  —  eine  erheblich  bessere  Be¬ 
wegungsfälligkeit  festzustellen  war  und  weiterhin  durch  Uebungen  in  Hyp¬ 
nose  neben  sonstiger  Behandlung  noch  beträchtliche  Besserung  erzielt  wurde. 

W.  P  a  e  t  z  e  I  -  Berlin:  Zur  Bekämpfung  der  Pyozyaiieusinfektion  In 
eiternden  Wunden. 

Ein  sicheres  Mittel  gegen  die  in  mancher  Beziehung  nicht  gleichgültige 
Pyozyaneusinfektion  der  Wunden  ist  das  Aufstreuen  kristallinischer  oder 
pulverisierter  Borsäure.  Borsäurelösungen  wirken  unzulänglich. 

B.  F  e  1  d  e  n  - Berlin  :  Zur  Kasuistik  der  Schlafmittelvergiftungen. 

a)  Spontanheilung  einer  Vergiftung  mit  5  g  Veronal.  b)  Vergiftung 
mit  10  g  Adalin.  Magenspülung.  Rizinusöl,  Heilung. 

L  e  h  r  m  a  n  n  -  Shitomier :  Zur  Therapie  der  Encephalitis  endemica. 

Ermutigende  Wirkung  der  intralumbalen  Injektionen  von  4- — 6  ccm  einer 
1  proz.  Urotropinlösung  bei  der  akuten  Enzephalitis. 

M.  Silberberg  -  Berlin :  Röntgentechnische  Neuheiten. 

Empfehlenswert  sind:  das  Kontrastmittel  Röntyuin.  der  Durchleuch¬ 
tungsschirm  Sirius,  die  Kahlbaumfolie. 

H  a  m  m  e  r  s  c  li  1  a  g  -  Berlin :  Die  wichtigsten  Bestimmungen  des  neuen 
preusslschen  Hebammengesetzes.  B  e  r  g  e  a  t  -  München. 

Medizinische  Klinik.  Heft  25. 

W.  Rindfleisch  -  Dortmund:  Seltenere  Ursachen  längeren  Eiebers. 

Zusammenfassung  der  praktisch  wichtigen  Gesichtspunkte. 

M.  J  e  s  s  n  e  r  -  Breslau :  Ueber  salvarsanreslstente  Lues. 

Den  bekannten  Fällen  werden  6  weitere  angefügt  und  über  den  weiteren 
Verlauf  des  Siemens  sehen  Falles  Bericht  erstattet.  Für  die  Therapie 
solcher  Fälle  kommt  Wismut,  besonders  Bismoeenol,  in  Betracht. 

Umfrage  über  die  Anwendung  und  den  Nutzen  der  Bluttransfusion. 

Antworten  der  chirurgischen  Kliniken  Königsberg.  Heidelberg.  Innsbruck, 
Frankfurt  a.  M„  Hamburg  sowie  der  Frauenkliniken  Jena  und  Tübingen. 

H.  S  c  h  a  r  f  e  1 1  e  r  -  Innsbruck:  Zwei  Fälle  von  medikamentöser  Arsen- 
ncurltls.  In  beiden  Fällen  beherrschte  die  Polyneuritis  das  klinische  Bild. 

E.  Markovits  -  Wien :  Röntgenschutz. 

Bei  diagnostischen  und  bei  therapeutischen  Arbeiten  muss  sowohl  der 
Kranke  als  der  Arzt  bzw.  sein  Personal  sicher  geschützt  werden.  Verf.  gibt 
eine  kurze  übersichtliche  Zusammenstellung  der  hierfür  in  Betracht  kommenden 
Richtungslinien. 

Th.  P  u  1  v  e  r  m  a  c  h  e  r  -  Breslau :  Der  Wesensgrund  des  hysterischen 
Charakters. 

Die  vom  Verf.  abgegebene  Erklärung  bleibt  ganz  im  Psychologischen  und 
fasst  die  hysterische  Gemütsart  dahin  auf,  dass  sie  auf  dem  Fehlen  bzw.  der 
mangelhaften  Ausbildung  derjenigen  psychischen  Dauerverfassung  beruhe,  die 
man  Charakter  oder  —  weiter  gefasst  —  Persönlichkeit  nennt. 

W.  H  e  y  m  a  n  n  -  H  a  t  r  y  -  Köln :  Zum  Krankheitsbild  der  traumatischen 
Hämatomvelle.  .  Mitteilung  eines  beobachteten  Falles. 

R.  Dvorak -Prag:  Traumatisches  Aneurysma  der  Arteria  clrcumflexa 
femoris  rnedialis.  Befund  und  Operation  (Unterbindung,  Ausräumung). 

F.  Rosenberger  -  München :  Wie  gelangen  Askariden  ln  die  Bauch¬ 
höhle?  Mitteilung  eines  diesbezüglichen  eigenartigen  Operationsbefundes. 

B.  O.  P  r  i  b  r  a  m -  Berlin:  Zur  Behandlung  des  chronischen  Magen-  und 
Duodenalgeschwürs.  Bemerkungen  zur  Arbeit  von  Holler  (Heft  12  d.  W.) 

V.  D  o  n  a  t  h  -  Berlin:  Erfahrungen  über  Ergopan. 

Bericht  über  die  günstige  Wirkung  des  Sekalepräparates. 

F.  M  ö  r  c  h  e  n  -  Wiesbaden :  Erfahrungen  mit  dem  Tonikum  ..Astonln“. 

Die  Kombination  von  Arsen,  Phosphor  und  Strychnin  ist  seit  langem  be¬ 
währt.  Das  Präparat  wird  in  zwei  Stärken  angefertigt  und  subkutan  injiziert. 

J.  F  r  e  u  n  d  1  i  c  h  -  Wien :  Zur  Verwendbarkeit  der  Kollargolreaktlon  für 
Liquor-  und  Harnuntersuchung. 

Als  Flockungsreaktion  am  Liquor  hat  sich  die  Probe  gerade  zur  Differen¬ 
zierung  von  metaluetischen  und  meningitischen  Prozessen  als  brauchbar  er¬ 
wiesen.  Ueber  die  Harnuntersuchung  müssen  noch  Erfahrungen  gesammelt 
werden. 

H.  Engel -Berlin:  Weitere  Gewöhnung  an  Unfallfolgen  (Unterschenkel¬ 
bruch)  abgelehnt,  wegen  Auftretens  weiterer  vom  Unfall  unabhängiger  Krank¬ 
heiten  (Tabes  und  Aneurysma  A.  femoralis).  S. 

Schweizerische  medizinische  Wochenschrift.  1923.  Nr.  19,  20 
und  21. 

Nr.  19.  N  a  e  g*e  1  i  -  Zürich:  Ueber  die  Züricher  Pockenepidemie  1921 — 23. 

In  diesem  Vorwort  zu  der  folgenden  Arbeit  von  L  e  u  c  k  erörtert  N.  kurz 
den  besonderen  Charakter  dieser  Epidemie  (über  650  Fälle),  die  sich  durch 
besonders  milden  und  oft  abortiven  Verlauf  der  Fälle  auszeichnete  (bisher  nur 
1  Todesfall),  während  gleichzeitig  in  Basel  eine  schwere  Epidemie  mit  15  Proz. 
Mortalität  herrschte.  Verf.  nimmt  an,  dass  es  verschiedene  Arten  von  Pocken¬ 
erkrankungen  gibt,  wofür  auch  die  bereits  früher  von  ihm  festgestellte  ver¬ 
schiedene  biologische  Reaktion  des  Knochenmarks  spricht.  Er  erinnert  an  die 
Zerlegung  des  alten  Typhusbegriffs.  Die  Epidemie  in  Z.  hatte  die  grösste 
Aehnlichkeit  mit  den  „weissen  Pocken“  in  Brasilien  und  der  Alastrim- 
erkrankung  in  England. 

L  e  u  c  k-Zürich:  Ueber  das  klinische  Bild  einer  benignen  Pockenepidemie 
bei  Ungeimpften  im  Kanton  Zürich  1921/22. 

Im  Züricher  Spital  wurden  625  Fälle  beobachtet,  davon  93  Proz.  Un- 
geimpfte.  7  Proz.  vor  12  und  mehr  Jahren  Geimpfte,  nur  1  Todesfall  bei  einem 
Neugeborenen,  niemals  bedrohliche  Symptome.  Das  Initialstadium  mit 
starkem  Unwohlsein,  Fieber  von  38 — 40°  dauerte  2 — 4  Tage,  dann  sogleich 
nach  dem  Fieberabfall  die  Eruption,  wie  gewöhnlich,  in  ca.  50  Proz.  jedoch  ein 
freies  Intervall  von  Vi — 3  Tagen,  in  dem  oft  die  Kranken  wieder  arbeiteten, 
so  dass  gerade  dadurch  die  Ausbreitung  der  Epidemie  begünstigt  wurde.  Die 
Ausbreitung  des  Exanthems  hält  sich  meist  an  den  typischen  Weg  von  oben 
nach  unten,  erfolgte  in  1 — 4  Tagen;  in  ca.  der  Fälle  waren  überwiegend 
Kopf  und  Extremitäten  befallen.  Bei  sehr  vielen  Kranken  dauerte  das  papulöse 
Stadium  nur  wenige  Stunden;  am  Abend  hatten  die  Kranken  noch  keinen 
Ausschlag  bemerkt,  am  Morgen  waren  zahlreiche  Pusteln  vorhanden.  Narben- 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  28. 


926 


bUdung  kam  nur  in  der  Minderzahl  vor,  manchmal  auch  nach  leichten 
Exanthemen.  Das  Vorherrschen  eines  Entwicklungsstadiums  des  Exanthems 
im  Zustandsbild  war  meist  deutlich  und  erleichterte  die  Differentialdiagnose 
gegen  Varizellen.  Die  Diazoreaktion  war  nur  in  1.4  Proz.  positiv,  Wasser¬ 
mann  sehe  Reaktion  immer  negativ,  Leukozytose  war  gering  oder  fehlte 
ganz,  eosinophile  Zellen  fehlten,  die  Neutrophilen  waren  fast  überall  etwas 
vermehrt,  die  Lymphozyten  (absolute  Werte)  oft  beträchtlich  vermindert.  Die 
mittlere  Dauer  der  Krankheit  betrug  33  Tage.  Bei  den  im  Inkubationsstadium 
(Jeimpften  betrug  das  längste  Intervall  zwischen  Impfung  und  Eieberausbruch 
9  Tage.  Bei  allen,  die  über  3  Tage  vor  Fieberausbruch  geimpft  waren,  ent¬ 
wickelten  sich  nur  schwache  Exantheme. 

S  t  r  e  b  e  I  -  Luzern:  Meningitis  basalis  gummosa  chiasmatis  mit  zurück¬ 
bleibenden  bitemporalen  Zentralskotomen. 

Koller-Aeby:  Ein  Heizapparat  für  Tropfklystiere. 

Beschreibung  und  Abbildung. 

R.  Mart  in- Bad  Nauheim:  Die  Tanzkrankheit  in  der  Schweiz. 

Jentzer,  Markovic  und  Raskin:  Traitement  de  la  tuberculose 
au  moyen  du  Gamelan.  (Schluss.) 

Nr.  20.  M  i  e  s  c  h  e  r  -  Zürich:  Die  biologische  Wirkung  der  Röntgen¬ 
strahlen.  Antrittsvorlesung. 

J  u  n  g  -  St.  Gallen:  Zum  hundertsten  Jahrestag  der  ersten  Totalexstir¬ 
pation  des  karzinomatösen  Uterus  durch  J.  N.  S  a  u  t  e  r. 

Z  o  1 1  i  n  g  e  r  -  Zürich:  Experimentelle  Untersuchungen  über  die  Virulenz 
der  Diphtheriebazillen.  .  . 

Untersuchungen  an"  12  verschiedenen  Stämmen.  Die  minimale  tödliche 
Dosis  bei  subkutaner  Injektion  betrug  zwischen  330  000  und  250  000  000 
Keimen;  sie  war  für  den  einzelnen  Stamm  konstant.  Zur  Erzeugung  von 
lokaler  Nekrose  waren  1 — 4  Millionen  Keime  nötig.  Züchtung  auf  Agar  durch 
30  Generationen  schwächte  die  Virulenz  nur  wenig  ab,  auch  war  sie  nicht 
stärker  bei  den  frisch  Erkrankten. 

C  a  in  e  n  i  s  c  h  -  Fetan:  Sind  die  Engadiner  Mineralquellen  vor  alters 
kalt  oder  warm  benutzt  worden? 

Nr.  21.  L  ü  s  c  h  e  r  -  Bern:  Ueber  den  Kreislauf  auf  der  Station  Jungfrau¬ 


joch  (3460  m  ü.  d.  M.). 

Bei  einer  Anzahl  Menschen  trat  in  dieser  Höhe  Bergkrankheit  auf.  die  in 
ca.  12  Stunden  ihr  Maximum  erreichte.  In  3  Fällen  sah  Verf.^  Zunahme  der 
Pulsfrequenz  in  den  ersten  15  Stunden,  1  mal  beträchtliche  Steigerung  des 
schon  vorher  hohen  Blutdrucks,  in  14  Fällen  keine  Veränderung  des  Kapillar- 
Icrcisliiuls 

Pedotty  und  B  r  a  n  o  v  a  ö  k  y  -  Bern:  Ueber  vergleichende  Unter¬ 
suchungen  der  Schilddrüsenfunktion  mittelst  der  direkten  Bestimmung  des 
üasweehsels  und  der  Untersuchung  des  Blutes  im  A  s  h  e  r  sehen  Ratten¬ 
experiment.  „ ,  ....  „  ,, 

Die  beiden  Methoden  ergaben  in  ?/s  der  Fälle  gleichsinnige  Resultate,  nur 
in  */ b  ausgesprochene  Divergenz.  Es  lohnt  sich,  sie  parallel  an  noch  grösserem 
Material  zu  untersuchen,  da  sie  eine  nützliche  Ergänzung  der  klinischen 
Untersuchung  darstellen. 

I.  e  u  w  -  Frauenfeld:  Ueber  Broncholithiasis. 

Ausführliche  Beschreibung  eines  grossen  Bronchialsteines.  Referat  der 


neueren  Literatur. 

J  a  b  1  o  n  s  k  i  -  Charlottenburg:  Zur  Vererbung  der  Myopie. 
Vogt-Zürich:  Zur  Vererbung  der  Myopie. 

Polemik.  h.  1  a  c  o  b  -  Bi  einen. 


Oesterreichisclie  Literatur. 

Wiener  klinische  Wochenschrift. 

Nr.  25.  F.  Mandl- Wien:  Ueber  die  Muskelatrophie  nach  Verletzungen 
und  neuartige  Versuche  zur  Verhinderung  derselben. 

Vorgetragen  in  der  Ges.  d.  Aerzte  18.  V.  23.  S.  Bericht  der  M.m.W. 

S.  931  d.  Nr.  ,  , 

F.  K  u  t  s  c  h  a  -  L  i  s  s  b  e  r  g  -  Neunkirchen:  Nebennierenreduktion  und 

epileptischer  Krampf. 

Bericht  über  13  operierte  Fälle:  11  nachuntersucht  bei  4  kein  F.rfolg, 
bei  6  Anfälle  schwächer  und.  seltener,  bei  einem  ganz  ausgeblieben.  Bei 
Fällen  schwerster  Art  mit  sehr  häufigen  Anfällen  erscheint  ein  Opera¬ 
tionsversuch  erlaubt,  jenseits  des  30.  Lebensjahres  ist  die  Operation  ab- 
zulehnen. 

P.  N  e  u  d  a  -  Wien:  Die  praktische  und  theoretische  Bedeutung  der  Llilor- 
bestlmniuiig  im  Liquor  cerebrospinalis. 

S.  Bericht  der  M.m.W.  1923  S.  655. 

A.  F.  Hecht- Wien:  Diureseversuche  an  gesunden  Kindern  unter  Ein¬ 
haltung  einer  bestimmten  Ernährungskonzentration. 

Versuche  mit  Diuretin  (ohne  deutliche  Wirkung).  Novasurol  (starke 
Wasser-  und  Kochsalzdiurese),  Pituitrin  (Sekretionshemniung  bei  nervöser 
Polyurie). 

S.  Pell  er- Wien:  Die  nervöse  Stauuiigstherapie  bei  Krelslauferkran- 
kungen. 

Nachtrag  zu  dem  Aufsatz  in  Nr.  10. 

Nr.  24/25.  H.  Lehmann- Wien:  Zur  Indikation  der  operativen  Be¬ 
handlung  der  Cholelithiasis. 

Zusammenfassung:  Vor  allem  Früh  Operation  der  Cholelithiasis. 
Sofortige  Operation  bei  akuter  Cholezystitis  mit  Beteiligung  des  Peritoneums. 
Möglichst  frühe  Operation  des  chronischen  Choledochusverschlusses,  sofortige 
bei  Komplikation  mit  Fieber.  Als  Methode  der  Wahl  gilt  die  subseröse  Chole¬ 
zystektomie  mit  Ligatur  des  Ductus  cysticus  und  folgender  Drainage.  Die 
Choledochusdrainage  ist  auf  die  hochgradige  Cholangitis  beschränkt. 

Nr.  26.  R.  Volk- Wien:  Inununitätsproblenie  der  Haut. 

Fortbildungsvortrag. 

E.  Lauda  und  O.  Schm  id- Wien:  Zur  Frage  der  klinischen  Ver¬ 
wertbarkeit  der  hämoklastischen  Krise  (Widal). 

Die  W  j  d  a  I  sehe  hämoklastische  Krise  ist  als  Leberfunktionsprüfung 
nicht  verwertbar,  da  bei  sicherer  Leberschädigung  eine  negative,  auch  bei 
Gesunden  eine  positive  Reaktion  vorkommt.  Dfer  negative  Ausfall  bei  Leber¬ 
kranken  wird  gelegentlich  auf  „Peptonimmunität“  beruhen  und  kann  durch 
den  U  m  b  e  r  sehen  Versuch  aufgeklärt  werden;  er  beweist  dann  nicht  die 
Intaktheit  der  Leberfunktion,  auch  nicht  einmal  bei  positiver  Umber  scher 
Reaktion,  da  bei  sicherer  Leberschädigung  negative  Widal  sehe  und  posi¬ 
tive  Umber  Sehe  Reaktion  Vorkommen.  Der  Gallensäureikterus  gibt  meist 
positive  W i  d  a  1  sehe  Reaktion:  negative  Reaktion  beruht  in  der  Regel  unf¬ 
einer  ..Peptonimmunität“. 


R.  Latzei- Wien:  Ueber  die  Verstärkungsmöglichkelt  bakterizider 
Substanzen  durch  hypertonische  Traubenzuckerlösungen. 

Die  Verstärkung  der  bakteriziden  Wirkung  des  Trypaflavins  durch  intra¬ 
venöse  Einverleibung  von  20  ccm  einer  50  proz.  hypertonischen  1  rauben- 
zuekerlösung  wird  durch  6  Krankengeschichten  dargetan  (Angineu  mit  Ge¬ 
lenkerkrankungen  und  Endokarditis,  septische  Pneumonien). 

H.  Pichler-  Wien:  Sofortige  Knochenplastik  nach  Unterkieferresektion. 

Vorgetragen  in  der  Ges.  d.  Aerzte  1.  VI.  1923.  Bericht  folgt. 

E.  C  z  y  h  1  a  r  z  -  Wien:  Trommelschicgelfinger  und  Aortenklappen¬ 
insuffizienz. 

Trommelschlegelfinger  sind  bei  endokarditischer  Aorteninsuffizienz  sehr 
häufig,  bei  luetischer  Aortenfnsufiizicnz  nie  zu  finden  gewesen,  was  zur  Diffe¬ 
rentialdiagnose  zu  verwenden  ist. 

K.  P.  Eiseisberg  und  H.  Spengler  -  Wien :  Zur  quantitativen 
Diazoprobe  im  Harn. 

Kritische  Bemerkungen  zu  dem  Aufsatz  von  M.  Weiss  in  Nr.  4  der 
W.m.W.  1923.  B  e  r  g  e  a  t  -  München. 


Auswärtige  Briefe. 

Berliner  Briefe. 

(Eigener  Bericht.) 

Androhung  eines  Wucherparagraphen  gegen  freie  Berufe.  —  Bevorstehen 
des  vertraglosen  Zustandes  mit  den  Krankenkassen. 

Für  den  6.  Juli  hatte  die  „Aerztliche  Vertragsgemeinschaft  Gross-Berlin“ 
eine  Mitgliederversammlung  einberufen,  um  über  die  schwebenden  Streitig-  , 
keifen  mit  den  Krankenkassen  entscheidende  Beschlüsse  zu  fassen.  Die  hoch¬ 
gespannten  Erwartungen,  die  sich  deshalb  an  diese  Versammlung  geknüpft  , 
hatten,  wurden  aber  noch  iibertroffen  durch  eine  höchst  überraschende  Mit-  - 
teilung,  die  bei  dieser  Gelegenheit  gemacht  wurde.  Dein  Vorstande  war,  und 
zwar  nur  zufällig,  zur  Kenntnis  gekommen,  dass  dem  Reichrat  eine  Verord- 
ming  zur  Beschlussfassung  vorliege,  die  den  Leistungswucher  unter  Strafe 
stellen  und  auch  auf  die  freien  Berufe  Anwendung  finden  soll.  Unter  Leistungs-J 
wucher  wird  dabei  die  Forderung  oder  Annahme  einer  Vergütung  für  Lei-  ’ 
stungen  des  täglichen  Lebens  verstanden,  die  unter  Berücksichtigung  der  ge-  J 
samten  Verhältnisse  einen  übermässigen  Verdienst  enthält.  Ein  Vergehen  , 
gegen  diese  Vorschrift  liegt  nicht  vor,  wenn  die  von  der  zuständigen  Be-  ; 
hörde  festgesetzte  und  genehmigte  Vergütung  eingehalten  wird.  Angedroht 
wird  nicht  mehr  und  nicht  weniger  als  eine  Geldstrafe  von  20  Millionen  Mark  • 
oder  Zuchthaus.  Nichts  kann  die  Verwirrung  und  die  Verständnislosigkeit, 
mit  der  massgebende  Kreise  den  Lebensbedingungen  grosser  und  kulturell  ; 
bedeutungsvoller  Berufsgruppen  gegenüberstehen,  greller  beleuchten,  als  eine  I 
derartige  Verordnung;  und  wären  wir  nicht  das  Schnelizugstcmpo  in  unserer 
Gesetzgebungsmaschine  gewöhnt,  man  wäre  versucht,  die  Nachricht  für  einen 
schlechten  Scherz  zu  halten.  Alle  Welt  Ist  sich  darüber  einig,  dass  die  . 
geistige  Arbeit  eine  der  schlechtestbezahlten  ist,  dass  die  Not  unter  ihren 
Vertretern  immer  drückender  und  fast  unerträglich  geworden  ist.  dass  herz-  , 
lieh  wenig  von  Seiten  der  Regierung  geschehen  ist,  um  ihr  zu  steuern,  und 
jetzt  soll  noch  jeder  Versuch,  für  eine  Leistling  einen  Entgelt  zu  erzielen,  der 
über  den  äusserst  dürftigen,  behördlich  genehmigten  hinausgeht,  mit  schweren, 
entehrenden  Strafen  -bedroht  werden.  Es  müsste  untersucht  werden,  ob  nicht  . 
eine  Verordnung,  die  dem  Angebertum  Tür  und  Tor  öffnet,  ja  es  geradezu 
herausfordert,  gegen  die  guten  Sitten  verstösst  und  deshalb  gar  keine  Gültig¬ 
keit  erlangen  kann.  Von  den  Vorständen  der  Berliner  Aerztekammer  und 
auch  der  Berliner  Anwaltskammer  sind  bereits  Eingaben  gegen  die  drohende 
Bestimmung  an  den  Reichsrat  gerichtet,  und  in  der  Versammlung  der  „Aerzt- 
lichen  Vertragsgemeinschaft“  fand  die  Empörung  einen  sehr  deutlichen  Aus-l 
druck.  Sie  nahm  einstimmig  eine  Entschliessung  an,  in  der  sie  erklärte,  dass  i 
die  Aerzte  es  als  einen  Hohn  empfinden,  wenn  die  Regierung  auf  sie  Wuclier- 
bestimmungen  anwenden  zu  müssen  glaube,  durch  die  das  schmutzigste 
Denunziantentum  begünstigt  und  die  auf  Vertrauen  und  Wohlwollen  be-  ( 
gründete  Ausübung  der  ärztlichen  Tätigkeit  aufs  schwerste  geschädigt  werde. 
Von  den  Führern  des  Deutschen  Aerztevereinsbundes  und  des  Hartmann- 
bundes  werde  erwartet,  dass  sie  zusammen  mit  den  übrigen  geistigen  Arbei- 
tern  alle  Mittel  zur  Anwendung  -bringen,  um  den  Beschluss  bzw.  das  Inkraft¬ 
treten  derartiger  Bestimmungen  zu  verhindern. 

Eine  besondere  Frage  ist  es,  inwieweit  etwa  die  Verordnung  den  Kran-- 
kenkassen  als  ein  bequemes  Mittel  dienen  soll,  um  die  Aerzte  ihren  Wünschen 
gefügig  zu  machen.  Aber  es  bedurfte  der  Entrüstung  über  etwaige  Pläne 
dieser  Art  gar  nicht,  um  die  Stimmung  der  erwähnten  Versammlung  irgend¬ 
wie  zu  beeinflussen.  Sie  war  ohnehin  gereizt  genug,  denn  infolge  der  un¬ 
aufhörlichen  Drangsalierungen  durch  die  Krankenkassen  gärt  es  schon  lange 
in  den  Berliner  Aerztekreisen,  und  nur  mit  Mühe  haben  die  Führer  in  wohl¬ 
überlegter  Besonnenheit  dem  Drängen  mancher  Hitzköpfe  widerstanden  und 
eine  vorzeitige  Kampfansage  bisher  verhindert.  Da  aber  allem  Anschein 
nach  die  Krankenkassen  die  Aerzte  zu  einem  Bruch  geradezu  provozieren- 
wollen,  so  ist  die  Stimmung  zu  einer  Siedehitze  gesteigert,  die  eine  F.nt-. 
Scheidung  unmittelbar  verlangt.  Allen  Forderungen  der  Aerzte  gegenüber 
hatten  die  Kassen  eine  konsequente  Verschleppungstaktik  befolgt.  Nach  der 
letzten  Tagung  des  Schiedsgerichts  am  13.  Juni  hatte  der  Vorsitzende  beide 
Parteien  aufgefordert,  sich  spätestens  bis  zum  10.  Juli  über  die  Honorare  fiir 
das  3.  Vierteljahr  zu  einigen,  damit  die  Kassen  sich  nicht  wieder  darauf  be¬ 
rufen  könnten,  dass  sie  sich  in  ihrer  Finanzgebarung  nicht  hätten  auf  die. 
Honorare  einigen  können,  und  damit  nicht  wieder  das  Schiedsgericht 
nach  Ablauf  des  Vierteljahrs  die  Honorare  festsetzen  müsse.  Schon  am 
nächsten  Tage  stellten  die  Aerzte  ihre  Forderungen:  Friedensnauschalc  nlus 
Teuerungsindex  und  20  v.  H.  Zuschlag  für  Berufsunkosfcn.  sofortige  Zahlung 
der  Honorale,  Inkrafttreten  der  F.nidemieklausel.  F.ine  Woche  später  fand 
eine  Verhandlung  statt,  in  der  die  Forderung  selbst  abgelehnt  wurde.  Ausser¬ 
dem  wollten  die  Kassen  eine  Regelung  zunächst  nur  für  den  Juli  zugestehen, 
fiir  die  beiden  andern  Monate  nur  eine  vorläufige  Regelung  durch  bevoll¬ 
mächtigte  Vertreter.  Ferner  wollten  sie  erst  den  Vorstand  der  Vereinigung 
befragen,  ob  die  Angelegenheit  überhaupt  vor  das  Schiedsgericht  gehöre, 
da  in  detn  Vertrage  nur  von  einer  viertel iälirlichen  Zahlung  der  Honorare  die 
Rede  sei.'  Also  eine  Fortsetzung  der  schon  immer  geübten  Verschleppung« 
taktik.  Das  noch  weiter  hinzunehmen,  glaubte  der  Vorstand  der  Vr-irns- 
gemeinschaft  nicht  länger  verantworten  zu  können.  Er  berief  eine  Mitglieder¬ 
versammlung,  und  diese  fasste  nach  Darlegung  der  Verhältnisse  einstimmig 


1.3.  Juli  192.3. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT'. 


927 


den  Beschluss,  den  Vorstand  und  Ausschuss  zu  verpflichten,  sofort  den  ver- 
tragsloscn  Zustand  zu  erklären,  wenn  die  Frage  des  Julihonorars  und  der  be¬ 
schleunigten  Honorarauszahlung  nicht  bis  zum  lü.  Juli  erledigt  sei.  Die  Kassen 
hatten  allerdings  inzwischen  den  Zusammentritt  des  Schiedsgerichts  für  den 
10.  Juli  zugesagt.  Unmittelbar  nachdem  es  seinen  Spruch  gefällt  hat,  soll 
eine  neue  Mitgliederversammlung  zu  ihm  Stellung  nehmen.  Wenn  der 
Schiedsspruch  den  berechtigten  Erwartungen  der  Aerzte  nicht  entsprechen 
sollte,  wird  also  die  Berliner  Acfztesehaft  in  den  allernächsten  Tagen  vor 
folgenschwere  Entscheidungen  gestellt  werden.  M.  K. 


Vereins-  und  Kongressberichte. 

Deutsche^Gesellschaft  für  Gynäkologie. 

18.  Tagung  vom  23. — 26.  M  a  i  1923  in  Heidelberg. 

Berichterstatter:  U  t  e  r  -  Heidelberg. 

Wie  schon  im  Vorjahre  war  auch  dieses  Jahr  kein  eigentliches  Ver¬ 
handlungsthema  aufgestellt.  Es  waren  114  Vorträge  über  die  verschiedensten 
T  hemen  und  35  Demonstrationen  angemeldet.  Trotzdem  gewannen  die  Teil¬ 
nehmer  durch  entsprechende  Einordnung  und  Zusammenfassung  der  zu¬ 
sammengehörigen  Vorträge  zu  gemeinsamer  Diskussion  nicht  nur  ein  klares 
und  übersichtliches  Bild,  Sondern  es  gelang  auch  dadurch,  die  riesige  Tages¬ 
ordnung  bis  auf  einzelne  Vorträge  zu  erledigen.  —  Auffallend  gross  war  die 
Zahl  der  vorgetragenen  theoretisch-wissenschaftlichen  Arbeiten.  Dies  be¬ 
tonte  auch  M  e  n  g  e  -  Heidelberg  in  seiner  Eröffnungsrede.  Er  sah  die  Ur¬ 
sache  hierfür  einerseits  in  einem  gewissen  Abschluss  der  rein  klinischen 
Forschungen,  anderseits  darin,  dass  für  Fachanatomen,  Physiologen  und 
Pathologen  das  weibliche  Genitale  stets  „ein  bescheidenes  Veilchen  im 
Verborgenen"  war,  und  so  der  Gynäkologe  gezwungen  ist,  sich  mühevoll  die 
Grundlagen  für  experimentelle  Arbeiten  zu  schaffen. 

G  r  a  g  e  r  t  -  Greifswald:  Die  Wochenbettmorbidität  bei  ante  partum 
nicht  behandelten  oder  behandelten  Fällen  von  T  richomonaden- 
k  o  1  p  i  t  i  s.  Die  Greifswalder  Klinik  fordert  Behandlung  der  trichomonaden- 
kranken  Schwangeren  und  Prophylaxe  der  nichtkranken  mit  10  proz.  Borax¬ 
glyzerin,  da  die  Beseitigung  der  Trichomonaden  immer  gelingt  und  die 
Wochenbettsmortalität  ohne  Behandlung  über  doppelt  so  gross  ist.  In  der 
Diskussion  ziehen  Jung  und  Stephan-  Stettin  die  Pathogenität 
der  Trichomonaden  in  Frage. 

In  den  Vorträgen  über  den  septischen  Abort  trat  Warnekros- 
Bcrlin  waim  für  die  aktive  Therapie  ein;  Carl  Rüge  II  -  Berlin  bringt  eine 
Vereinfachung  seiner  Virulenzbestimmung.  Herstellung  einer  Blut-Sekret- 
mischung  und  Vergleich  eines  sofort  und  eines  nach  3  stündigem  Brutschrank¬ 
aufenthalt  hergestelltcn  Ausstriches  auf  Keimgehalt  und  Verhalten  der  mit 
dem  Eigenblut  zusammengebrachten  Bakterien.  T  h  e  i  1  h  a  b  e  r  -  München : 
Zur  Lehre  der  Immunität.  D  i  e  t  r  i  c  h  -  Göttingen  spricht  für  Weiterführung 
der  Abortsammelstatistik.  W  i  n  t  e  r  -  Königsberg  forderte  in  einem  Schluss¬ 
wort  zur  Behandlung  des  fieberhaften  Abortes,  der  nach  seiner  Absicht  fast 
immer  kriminell  ist,  bei  komplizierten  Fällen,  bei  Anwesenheit  von  Staphylo¬ 
kokken  oder  bei  nicht  möglicher  bakteriologischer  Untersuchung  die  Aus¬ 
räumung  zu  unterlassen;  er  warnt  davor,  sich  durch  Blutungen  zu  übereiltem  | 
Vorgehen  verleiten  zu  lassen  und  empfiehlt  warm  das  Chinin  und  die  stumpfe  | 
Kürette.  L  o  u  r  o  s  -  Berlin  tritt  in  der  Diskussion  für  die  Anwendung  ! 
von  Autovakzine  bei  fieberhaftem  Abort  ein.  Hellmuth-  Hamburg  weist 
mit  variationsstatistischen  Methoden  nach,  dass  die  Ueberlegenheit  der  ak¬ 
tiven,  exspektativen  oder  konservativen  Abortbehandlung  nicht  durch 
Sammelstatistiken  festzustellen  ist,  da  die  Ergebnisse  sich  so  wenig  unter¬ 
scheiden,  dass  sie  noch  innerhalb  des  dreifachen  mittleren  Fehlers  liegen.  ; 
H  am  ni  e  r  s  c  h  1  a  g  -  Berlin:  Bei  unklaren  Fällen  abwarten.  Henkel- 
Jena:  Puls  und  Atmung  sind  wichtiger  als  bakteriologische  Untersuchungen. 
Küstner  jun.  -  Breslau:  Gegenwart  von  faulenden  Substanzen  steigert 
Bakterienvirulenz.  S  t  r  a  t  z  -  Haag  warnt  vor  schematischer  Anwendung 
von  Ergotin  bei  jeder -Blutung.  L  a  t  z  k  o  w  -  Wien  fordert  Vereinfachung 
der  Dietrich  sehen  Statistik.  Pankow-  Düsseldorf  empfiehlt  manuelle 
Ausräumung  schon  deshalb,  weil  dazu  unbedingt  genügende  Muttermunds-  1 
erweiterung  notwendig  ist.  D  o  e  d  e  r  l  e  i  n  -  München:  Klinische  Beob¬ 
achtung  des  Einzelfalles. 

M  a  t  h  e  s  -  Innsbruck:  Die  P  r  e  g  1  sehe  Jodlösung  ist  ein  Gradmess  ;r 
für  den  Glykogengehalt  der  Scheide  und  ein  Heilmittel  bei  Colpitis  simplex.  — 

S  c  h  m  i  d  -  Prag:  Adnexentzündung  und  Schwangerschaft  (ausführlich  Mschr. 
t.  Geburtsh.  u.  Gyn.).  —  V  o  g  t  -  Tübingen:  Ueber  die  Periton ealflüssigneit 
des  Menschen.  —  S  c  h  ö  n  h  o  1  z  -  Düsseldorf  sieht  nach  Untersuchung  an 
32  Fällen  die  eigentliche  Ursache  der  Tubargravidität  nicht  in  voraus¬ 
gegangenen  Entzündungen,  sondern  in  Entwicklungstörungen  der  Müller- 
schen  Fäden.  —  Diskussion:  M  a  y  e  r  -  Tübingen :  Auch  im  Ei  liegende 
Momente  spielen  eine  Rolle,  —  Burghardt  -  Zwickau  berichtet  über  einen 
Kall  von  ausgetragener  Tuboovarialgravidität  mit  basiotrop  entwickelter 
Plazenta. 

Die  folgenden  Vorträge  von  F  1  a  t  a  u  -  Nürnberg,  v.  Jaschke- 
(i  i  e  s  s  e  n,  G  r  a  f  f  -  Wien,  Nürnberger  -  Hamburg,  Rübsamen- 
Dresden,  S  c  h  u  b  e  r  t  -  Beuthen  und  K  r  i  t  z  1  e  r  -  Erbach  behandelten  die 
Prolapsfrage.  Die  ersten  Redner,  wie  auch  S  e  1 1  h  e  i  m  -  Halle  und 
M  a  t  h  e  s  -  Innsbruck,  betonten  sämtlich  die  Rolle  der  Konstitution  in  der 
Prolapsätiologie.  Das  früher  angeschuldigte  (ieburtstrauma  spielt  keine  so 
grosse  Rolle.  F  1  a  t  a  u  macht  vor  allen  Dingen  eine  zu  geringe  —  infan¬ 
tile  —  Beckenneigung  verantwortlich  und  gibt  einen  Apparat  zur  Messung 
der  Beckenneigung  an.  —  v.  J  a  s  c  h  k  e  betont  die  funktionelle  Einheit  von 
Stütz-  und  Haftapparat.  Es  handelt  sich  vor  allem  um  «sthenische  und  in¬ 
fantile  Individuen.  G  r  a  f  f  weist  auf  das  häufige  Vorkommen  von  Spina 
bifida  einerseits  und  hypophysärer  Fettsucht  andererseits  bei  Prolaps¬ 
trägerinnen  hin.  Die  folgenden  Vorträge  über  Prolapsoperationen  sind  für 
den  Praktiker  weniger  von  Interesse,  ln  der  Diskussion  spricht  Seil- 
h  e  i  m  der  durch  Missbrauch  erworbenen  —  parachrestischen  —  Konstitution 
eine  grössere  Bedeutung  zu  als  der  angeborenen.  Mathes:  Blase  und 
Douglas  treten  als  tiefste  Punkte  zuerst  heraus,  deshalb  ist  Genital- 
prolaps  unrichtig. 

Liepmann  -  Berlin,  W  i  e  1  o  c  h  -  Marburg,  Hinselmann  -  Bonn 
—  alle  drei  über  Eklampsie,  Linzcnineyer  -  Leipzig  —  Leberfunktion, 


Frey-  Zürich  —  Reststickstoff,  Blutzucker,  P  r  i  b  r  a  m  -  Giessen  —  Chole¬ 
sterinstoffwechsel,  H  e  y  n  -  Kiel  —  Hämogramme  und  K  a  b  o  t  h  -  Göttingen 
—  Harnstoffsynthese  bringen  in  der  Hauptsache  theoretische  Fragen  und 
Stoffwechseluntersuchungen  in  Schwangerschaft  und  Geburt  unter  normalen 
und  pathologischen  Verhältnissen,  besonders  bei  Eklampsie.  Die  Vorträge 
eignen  sich  nicht  zum  kurzen  Referat  und  sind  im  Verhandlungsbericht  (Arch. 
f.  Gyn.)  nachzulesen.  Erwähnt  sei,  dass  Frey  den  Unterschied  des  mikro¬ 
chemischen  Blutbefundes  bei  Mctropathie  und  Eklampsie  nur  darin  fand,  dass 
vor  dem  eklamptischen  Anfall  infolge  eintretender  Lcbcrinsuffizienz  minde¬ 
stens  einer  der  drei  Komponenten,  Harnstoff,  Harnsäure  oder  Aminosäuren, 
das  Doppelte  des  Normalwcrtes  erreicht,  ohne  dass  eine  nennenswerte  Stei¬ 
gerung  des  Reststickstoffes  eintritt.  und  Heyn  in  der  Schwangerschaft 
A  r  n  e  t  h  sehe  Linksverschiebung  infolge  erhöhter  Beanspruchung  der  Blut¬ 
bildungsstätten,  im  Wochenbett  Rückgang  dieser  Erscheinungen  unter  aus¬ 
gesprochener  Lymphozytose  konstatieren  konnte.  —  Kapferer  -  Heidel¬ 
berg:  Impetigo  herpetiformis.  Da  diese  Krankheit  auch  bei  Männern  und 
nichtschwangeren  Frauen  vorkommt,  ist  die  Schwangerschaft  nur  das  aus¬ 
lösende  Moment,  die  Ursache  ist  eine  Dysfunktion  der  Parathyreoidea.  — 
Aschner  -  Wien:  Ueber  die  Behandlung  von  Sehwangerschaftsbeschwerdeii. 
— -  Mayer-  Tübingen  kam  zu  dem  Resultat,  dass  nach  den  Ergebnissen 
der  N  ü  r  n  b  e  r  g  e  r  sehen  Dreitropfenmethode  Mutter  und  Kind  eine  bio¬ 
logische  Einheit  darstellen.  Trotzdem  muss  man  aber  Unterschiede  annehmen, 
die  sich  mit  dieser  Methode  jedoch  nicht  nachweisen  lassen.  In  einem  wei¬ 
teren  Vortrag  über  das  intrauterine  Absterben  der  Frucht  ohne  nachweisbare 
Ursache  am  Ende  der  Schwangerschaft  betont  er,  dass  unter  8  Fällen 
7  Knaben  waren.  Auch  sind  Knabenaborte  häufiger  als  Mädchenaborte.  Viel¬ 
leicht  spielt  die  innere  Sekretion  —  Hypothyreoidismus  —  eine  Rolle.  — 
Diskussion:  Sellheim:  Beim  Menschen  ist  im  Gegensatz  zum  Tier, 
bei  dem  die  Eklampsie  nicht  vorkommt,  die  Geburt  ungeheuer  erschwert 
(durch  aufrechten  Gang  wurde  fester  Beckenboden  notwendig,  grosses  Ge¬ 
hirn  brachte  grossen  Kopf  mit  sich)  dazu  sind  im  Gegensatz  zum  Tier 
die  unfruchtbaren  Funktionsgänge  „die  Regel“.  So  ist  durch  Anstrengung 
und  Missbrauch  der  Natur  die  Eklampsie  eine  spezifisch  weibliche  Fort¬ 
pflanzungskrankheit.  T  h  i  e  s  s  -  Leipzig:  Eklampsieanaphylaxie  durch  den 
Föt,  H  o  f  b  a  u  e  r  -  Dresden:  Hypophysär  bedingte  Kapillarschädigung  in  der 
Gravidität,  Henkel:  Schädigung  der  Haut-,  Leber-,  Nieren-,  Hirn-,  Pla¬ 
zentakapillaren  löst  die  Schwangerschaftstoxikose  aus. 

H  i  r  s  c  h  -  Berlin:  Dysmenorrhöe  in  Beziehung  zu  Körperbau  und  Kon¬ 
stitution.  2  Proz.  sind  Pykniker,  15  Proz.  gehören  den  dysplastischen 
Spezialtypen  (Basedowoide,  Lymphatiker,  Infantile,  Eunuchoide),  85  Proz. 
dem  schizoiden  —  asthenischen  —  Formenkreis  (ptotische,  hypoplastische, 
vegetativ  minderwertige,  spasmophile  und  geschlechtlich  mangelhaft  differen¬ 
zierte  Individuen)  an.  —  Diskussion:  Benthin  -  Königsberg  schreibt 
neben  den  konstitutionellen  auch  den  mechanischen  Ursachen  eine  Bedeutung 
für  die  Dysmenorrhöegenese  zu.  Aschner:  Die  mechanische  Therapie  der 
Dysmenorrhöe  ist  die  einfachste  und  wirksamste,  v.  Jaschke  warnt  vor 
Ueberschätzung  der  Konstitutionspathologie.  Mathes:  Dysmenorrhöe  und 
Hyperemesis  sind  psychogen  bedingt.  Seilheim:  Die  Konstitution  der 
Frau  ist  nicht  schlecht  oder  minderwertig,  sondern  nur  anderswertig  als  die 
des  Mannes,  zur  Erfüllung  ihrer  originellen  Aufgaben  —  Fortpflanzung  — 
ist  die  Frau,  die  vieles  mit  dem  Kinde  gemeinsam  hat  —  „protrahierte 
Jugendlichkeit“  —  sogar  hochwertig.  Hirsch:  Hat  schlechte  Erfolge  mit 
der  Dilatation  bei  Dysmenorrhöe.  Die  spitzwinklige  Anteflexion  beruht  auf 
Hypoplasie  und  ist  nicht  mit  Zervixstenose  verbunden.  —  Seil  heim: 
Metroendometritis  und  Metropathie.  Begriffe  und  Nomen¬ 
klatur  müssen  geklärt  werden.  Es  gibt  Metropathien  aus  „Baustörung“  — 
organische  —  und  aus  „Betriebsstörung“  —  funktioneile.  Kombinationen 
und  fliessende  Uebergänge  sind  häufig.  Bei  den  Betriebsstörungsblutungen 
spielen  die  aus  Missbrauch  der  weiblichen  Funktion  entstandenen  —  parachre¬ 
stischen  —  eine  grosse  Rolle.  (Ausführlich  D.m.W.  Nr.  22  u.  23.)  — 
G  r  a  e  f  e  n  b  e  r  g -  Berlin:  Beiträge  zur  Biologie  der  Scheide 

(Fortsetzung  folgt.) 


Berliner  medizinische  Gesellschaft. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  27.  Juni  1923. 

Vor  der  Tagesordnung: 

Herr  Nagelschmidt:  Diathermie  in  der  Chirurgie. 

Wegen  Vermeidung  der  Blutungsgefahr  ist  das  Indikationsgebiet  der 
Diathermie  in  der  Chirurgie  ein  sehr  'umfangreiches.  Bei  Lupus.  Skrophulo- 
derma  an  Haut  und  Kehlkopf,  bei  Angiomen,  Warzen,  Kankroiden  sind  selbst 
:  in  Fällen  mit  ausgedehnten  Veränderungen,  wie  cs  zahlreiche  demonstrierte 
|  Fälle  zeigen,  sehr  schöne  und  kosmetisch  hervorragende  Resultate  erzielt 
worden. 

Herr  M.  Zondek:  Zur  Diagnostik  und  Entfernung  von  Fremdkörpern 
aus  den  Harnorganen  und  ihrer  Umgebung. 

1.  Ein  scharfkantig,  partiell  inkrustiertes  Knochenstückchen,  das  einem 
!  Kranken  ans  der  Pars  posterior  der  Urethra  operativ  entfernt  worden  ist;  es 
.  hatte  Urethraliisteln  und  einen  starken  serös-eitrigen  Ausfluss  aus  der  Harn- 
!  i  Öhre  unterhalten. 

2.  Einen  etwa  35  cm  langen,  ledernen,  inkrustierten  Schnürsenkel,  aus 
der  Blase  eines  Mannes,  durch  Sectio  alta  entfernt. 

3.  Eine  zum  grössten  Teil  inkrustierte  Schrapnellkugel,  die  wie  ein 
Kalbsauge  aussieht,  nach  Resektion  der  vorderen  Blasenfistel  gewonnen. 

4.  Nach  einer  3  Jahre  zuvor  ausgeführten  Bauchoperation  ein  über  Kinds¬ 
kopf  grosser  Tumor  in  der  rechten  Unterbauchhöhle.  Zystoskopisch  links 
ballöses  Oedem  und  in  einer  Bucht  ein  Körper,  durch  seine  fast  mathematisch 
exakte  Begrenzungslinic  als  Fremdkörper  erkannt.  Dieser  liegt  der  unteren 
Wand  des  Tumors  dicht  an,  und  wird  per  exclusionem.  insbesondere  noch 
durch  seine  Dmgrcnzungsform  als  Stiel  eines  bei  der  Operation  zurück¬ 
gebliebenen  Instruments  erkannt.  Röntgenphotographie  2  Schieber  in  den 
Tumor.  Operative  Entfernung  von  der  Bauchwand  aus1.  Heilung. 

Tagesordnung: 

Herr  Cltron:  Die  Wismutbchandlung  der  Syphilis. 

Bei  der  Hiihnerspirillose  ergaben  Wismutsalze  sehr  ermutigende  Re¬ 
sultate,  ebenso  bei  der  Naganaerkrankung  des  Meerschweinchens,  wo  sich 
allerdings  bald  Rezidive  einstellten  (Fouton).  Die  Untersuchungen  wurden 
im  Institut  Pasteurs  zu  Paris  fortgesetzt  (L  e  v  a  d  i  t  i  und  seine  Mit- 


928 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  28. 


arbeiter).  Alle  Wismutsalze  sind  im  Effekt  prinzipiell  in  Tierversuchen 
identisch.  Zahlreiche  Versuche  ergaben  auch  am  Menschen  günstige  Re¬ 
sultate.  Wegen  der  politischen  und  der  dadurch  bedingten  wirtschaftlichen 
Verhältnisse  war  es  völlig  ausgeschlossen,  jemals  die  französischen  Präparate 
hier  anwenden  zu  können.  Deutsche  Fabriken  haben  dann  eine  Reihe  von 
Wismutpräparaten  hergestellt,  auch  Tartrat  und  Chininkombinationen,  die 
auch  gute  Resultate  geben  (Spirobismol). 

Beim  Primäraffekt  verschwinden  bei  genügender  Wismutdosis  die  Spiro¬ 
chäten,  der  Primäraffekt  heilt  in  1 — 2  Wochen  ab,  die  Adenopathie  bildet 
sich  in  3 — 5  Wochen  zurück.  Auch  sekundäre  Erscheinungen,  selbst  Nephrose 
und  akute  meningitische  Erscheinungen  werden  häufig,  wenn  auch  langsamer, 
als  bei  der  Salvarsanbehandlung  zurückgebildet  und  bei  genügender  Dosis 
sind  Rezidive  selten.  Ueber  tertiäre  und  viszerale  Syphilis  liegen  nur  spär¬ 
liche  Befunde  bisher  in  der  Literatur  vor. 

Intravenös  injizierte  lösliche  Wismutpräparate  werden  sehr  schnell  aus¬ 
geschieden,  man  findet  höchstens  7  Tage  lang  Bi  im  Urin,  bei  intramusku¬ 
lärer  Injektion  wenig  löslicher  Präparate  dauert  die  Ausscheidung  dagegen 
25  Tage. 

An  der  Ausscheidung  des  Wismut  nehmen  alle  Se-  und  Exkrete  teil.  Am 
höchsten  ist  der  Wismutgehalt  der  Milz,  dann  folgt  die  Niere,  dann  die 
Leber.  Auch  im  Liquor  cerebrospinalis  lässt  sich  Wismut  in  nennenswerter 
Weise  nachweisen.  Die  Toxizität  ist  folgende:  Beim  Kaninchen  sind  200  mg 
letal,  wenn  lösliches  Präparat  benutzt  wird,  400  mg  des  unlöslichen  schädlich. 

Fälle  von  Icterus  syphil.,  Mesoaortitis  syphil.  zeigen  bei'  Wismuttherapie 
Rückgang  der  Wassermann  sehen  Reaktion,  bei  einer  Taboparalyse,  die 
4  Neosalvarsan  zu  0,45  erhalten  hatte  und  danach  im  Liquor  WaR.  H — I — b 
aufgewiesen  hatte,  war  nach  14  Spirobismolinjektionen  der  Liquor  in  allen 
Reaktionen  negativ  geworden.  Auch  in  anderen  Fällen  gelang  es,  die  WaR. 
mit  Spirobismolinjektionen  negativ  zu  machen,  in  denen  es  mit  Salvarsan 
nicht  gelungen  war. 

Die  Wirkung  auf  die  WaR.  hängt  von  der  Wismutdosis  ab  und  tritt 
viel  langsamer  ein  als  nach  Salvarsaninjektion.  Die  WaR.  wird  langsam 
schwächer  und  schliesslich  sogar  ohne  weitere  Injektionen  negativ,  als  Folge 
des  langsam  sich  lösenden  Wismutdepots.  Man  muss  also  für  das  Negativ¬ 
werden  der  WaR.  bei  Wismiuttherapie  einen  ganz  anderen  Maassstab  anlegen 
als  beim  Salvarsan. 

Die  Wismuttherapie  ist  allem  Anschein  nach  weniger  giftig  als  das  bei 
allen  anderen  bisher  zur  Anwendung  gelangten  Antisyphilitika  der  Fall  war, 
vom  rein  symptomatisch  wirkenden  Jod  abgesehen.  Die  löslichen  Präparate 
machten  früher  Schmerz  an  der  Injektionsstelle,  doch  fällt  dies  bei  den  jetzt 
angewandten  Präparaten  fort.  Gewichtsabfall  tritt  nur  bei  toxischen  Dosen 
ein,  Fieber  nur  als  Reaktionsfieber  bei  Zerstörung  grosser  Mengen  von 
Spirochäten. 

Wie  wirkt  das  Wismut?  Es  ist  nach  L  e  v  a  d  i  t  i  und  N  i  c  o  1  a  y  kein 
Gift  für  die  Spirochäten,  nur  im  Gemisch  mit  Leberbrei  wirkt  es  bakterizid. 

Die  Wismuttherapie  ist  eine  neue  Methode,  die  sehr  geeignet  ist,  die 
Syphilistherapie  zu  fördern.  Ob  Heilung  der  Syphilis  durch  das  Präparat 
zu  erzielen  ist,  muss  weiterer  Beobachtung  Vorbehalten  bleiben. 

Aussprache:  Herr  Grüne  nberg  hebt  mehrfach  beobachtete 
Appetitsteigerungen  und  Gewichtszunahmen  nach  Wismuttherapie  hervor. 

Herr  Heller:  In  3  Fällen,  die  sich  mit  Hauterscheinungen  gegen 
Quecksilber  und  Salvarsan  refraktär  erwiesen  diatten,  versagte  auch  die 
Wismuttherapie  und  dies  ist  natürlich  ein  gewichtiger  Grund,  die  Angelegen¬ 
heit  kritisch  zu  behandeln. 

Herr  Schumacher:  Im  Spirobismol  ist  neben  Wismut  Jod  ulrad 
Chinin  enthalten,  also  3  spirillizide  Mittel,  so  dass  die  Wertung  des  Wismut 
hier  unsicher  ist.  Das  Quecksilber  wirkt  indirekt  als  Sauerstoffkatalysator. 
Das  Salvarsan  tritt  mit  den  Zellen  in  Kontakt  und  die  Sauerstoffwegnahme 
macht  sich  für  die  Spirochäten  schon  geltend,  wenn  die  Körperzellen  noch 
nicht  geschädigt  werden.  Wismut  zeigt  ebenfalls  die  Quecksilber-Metall¬ 
wirkung.  aber  schwächer  als  Quecksilber;  doch  muss  hier  die  kurative  Wir¬ 
kung  nahe  der  toxischen  liegen.  Es  hängt  die  Wirkung  davon  ab,  dass 
Wismut  resorbiert  wird  und  freie  Wismutionen  im  Körper  kreisen. 

An  einen  Ersatz  des  Salvarsans  durch  Wismut  ist  nicht  zu  denken 
und  vor  dem  alleinigen  Gebrauch  des  Wismut  bei  Primäraffekten  ist  zu 
warnen. 

Herr  L  c  s  s  c  r  bezweifelt  ebenfalls  die  kausale  Heilung  der  Syphilis 
durch  Wismut. 

Herr  Morgenrot h  glaubt,  dass  noch  die  Unterlagen  fehlen,  um  die 
Art  der  Quecksilber-  und  Salvarsanwirkung  zu  eruieren.  Die  theoretische 
syphilidologische  Forschung  steht  noch  in  den  Anfängen.  Uebrigens  ist  es 
Ehrlich  gewesen,  der  als  erster  auf  die  trypanozide  Wirkung  des  Wismut 
hingewiesen  hat. 

Nach  nochmaligen  Bemerkungen  der  Herren  Schuhmacher  und 
L  e  s  s  e  r  und  des  Vorsitzenden  F.  Kraus 

Herr  Citron:  Schlusswort. 

Sitzung  vom  4.  Juli  1923. 

Tagesordnung. 

Herr  Spronck  aus  Utrecht  a.  G. :  Ueber  Immunität  und  Ueberempfind- 
lichkeit  bei  der  Tuberkulose. 

34  Jahre  nach  der  Entdeckung  des  Tuberkulins  ist  seine  Wirkung  immer 
noch  nicht  aufgeklärt.  Der  Vortr.  setzt  die  Theorie  von  Wassermann 
und  Bruck  auseinander,  welche  ihm  die  Grundlage  für  seine  Versuche  ab¬ 
gegeben  hatten.  Beim  gesunden  Meerschweinchen  erzeugt  ein  Organbrei 
tuberkulöser  Organe  eine  Ueberempfindlichkeit  der  Haut,  die  nicht  auf  In¬ 
fektion  mit  durch  die  Filter  passierten  Tuberkelbazillen  zu  beziehen  ist.  da 
die  Ueberempfinlichkeit  viel  zu  schnell  eintritt.  Durch  mehrfache  Injektionen 
lässt  sich  die  erzielte  Ueberempündlichkeit  steigern,  doch  wird  nie  ein  gleich 
hoher  Grad  von  Ueberempfindlichkeit  erzielt,  wie  bei  tuberkulösen  Meer¬ 
schweinchen.  Je  schneller  die  Verarbeitung  der  Organe  nach  der  Tötung 
erfolgt,  desto  wirksamer  ist  das  erzielte  Extrakt.  Wässerige  Auszüge  aus 
tuberkulösen  Organen  ergeben  bei  tuberkulösen  Meerschweinchen  typische 
Tuberkulinreaktionen,  und  es  werden  die  Versuche  so  gedeutet,  dass  die 
Organextrakte  sowohl  die  tuberkulinartige  Substanz,  das  Antigen,  wie  den 
Antikörper,  den  Ambozeptor,  enthalten.  In  technischer  Beziehung  ist  zu  er¬ 
wähnen.  dass  Intrakutanreaktionen  nur  dann  als  „positiv“  angesehen  werden, 
wenn  sie  zur  Nekrose  führen.  Der  Antikörper  wird  von  dem  Vortr.  als  im 
Gewebe  sitzender  Rezeptor  angesehen.  Wegen  gewisser  Verschiedenheiten 
zum  Tuberkulin  und  zu  seinem  Antikörper  werden  die  neuen  Bezeichnungen 
Tuberkulan  und  Antituberkulan  vorgeschlagen.  Und  durch  Injektionen  von 


Serum  tuberkulöser  Meerschweinchen  auf  gesunde  Meerschweinchen  lässt 
sich  die  Hautüberempfindlichkeit  übertragen.  Die  Tubcrkulinallergie  wirkt 
also  sensibilisierend,  während  Alttuberkulin  diese  Eigenschaft  nicht  mehr  hat. 
Aus  der  gelungenen  Uebcrtragung  der  Hautüberempiindlichkeit,  bei  der  stets 
das  Mischserum  mehrerer  Tiere  verwendet  wird,  sehliesst  er,  dass  das  Anti¬ 
tuberkulan  beim  infizierten  Meerschweinchen  in  Menge  vorhanden  ist.  Zum 
Nachweis  muss  man  nur  mindestens  5  ccm  injizieren  und  mindestens  3  Tage 
warten.  Trotz  des  vom  Vortr.  selbst  zugegebenen  Ambozeptorcharakters 
des  Antituberkulans  werden  Absättigungsversuche  zwischen  Tuberkulin  und 
den  Antikörpern  angestellt,  welche  jedoch  nicht  nach  dem  Gesetz  der  multiplen 
Proportionen  verliefen.  Das  Antituberkulan  scheint  den  Antikutinen  von 
P  i  c  k  e  r  t  und  Löwenstein  identisch  zu  sein.  Die  negative  Anergie 
bedeutet  nur  ein  scheinbares  Erlöschen  der  Zellimmunität  analog  der  Ana¬ 
phylaxie. 

Therapeutische  Resultate  waren  im  Frühjahr  schlechter  als  im  Sommer 
und  Herbst.  Bei  scheinbar  genesenen  Tieren  konnte  bei  der  Sektion  immer 
noch  ein  Rest  der  tuberkulösen  Infektion  nachgewiesen  werden.  Nach  In¬ 
jektion  des  frischen  filtrierten  tuberkulösen  Organbreies  entsteht  oft  eine 
akute  Entzündung,  die  vermieden  werden  kann,  wenn  der  Organbrei  einige 
Tage  in  Zimmertemperatur  steht,  was  durch  Bindung  der  beiden  Antagonisten 
der  Tuberkulinreaktion  zustande  kommt.  Das  Verschwinden  der  Tuberkulin- 
reaktion  in  schweren  Fällen  wird  auf  ein  Uebertreten  von  Tuberkulin  ins 
Blut  zurückgeführt. 

Aussprache:  Herr  N  e  u  f  e  1  d  geht  ausführlich  auf  die  alten  Koch- 
schen  Versuche  ein  und  erklärt,  dass  die  lichtvollen  Versuche  ihn  veranlassen 
werden,  von  neuem  Versuche  anstellen  zu  lassen. 

Herr  B  e  r  g  e  1  weist  wieder  auf  das  fettspaltende  Ferment  der  Lynioh"- 
zyten  hin  und  berichtet  über  die  Entstehung  Much  scher  Granula  bei  der 
peritonealen  Injektion  bei  refraktären  Tieren. 

Herr  A.  Wolff-Eisner:  Ueber  Immunisierung  bei  Tuberkulose,  spez. 
von  der  Haut  aus  (Ponndorf  etc.). 

Von  Wassermann  und  Neufeld  ist  vor  kurzem  die  Möglichkeit 
einer  Tuberkuloseimmunisierung  geleugnet  worden  und  dadurch  ein  schwer¬ 
wiegender  therapeutischer  Nihilismus  unter  den  Praktikern  hervorgerufen 
worden.  Unter  Immunität  muss  man  all  die  Vorgänge  verstehen,  welche  zur 
Ausheilung  einer  Tuberkuloseinfektion  führen  und  ihren  äusseren  Ausdruck 
in  den  Tuberkulinreaktionen  und  deren  Zusammenhang  mit  der  Prognose 
finden,  und  man  darf  nicht  den  Meerschweinchen-Immunisierungsversuch,  der 
nebenbei  in  seiner  Ausführung  festgestellte  Tatsachen  nicht  in  Rechnung  zieht, 
zur  Grundlage  seiner  Ausführungen  machen. 

Wenn  somit  auf  Grund  des  angeführten  AJaterials  an  der  Bedeutung 
immunisatorischer  Vorgänge  für  den  Verlauf  der  Tuberkulose  kein  Zweifel 
bestehen  kann,  so  bestehen  keine  experimentellen  Beweise,  dass  die  Tuber¬ 
kulinbehandlung  den  Immunitätszustand  günstig  zu  beeinflussen  vermag. 
Analogieschlüsse  lassen  es  aber  als  zweckmässig  erscheinen,  die  Antikörper¬ 
produktion  von  dem  Herd  der  Krankheit  hinweg  in  die  Haut  und  das  Haut¬ 
bindegewebe  zu  verlegen,  wie  dies  von  Ponndorf,  Moro,  Petruschky 
u.  a.  angestrebt  wird.  Die  Verfahren  sind  im  Prinzip  als  identische  anzu¬ 
sehen,  weil  eine  grundlegende  Verschiedenheit  der  angewandten  Präparate 
nicht  anerkannt  werden  kann  und  es  sich  unter  allen  Umständen  um  Tuber- 
kulihwirkungen  auf  die  Haut,  die  Subkutis  und  das  Hautbindegewebe  handelt. 
Schon  vor  15  Jahren  ist  von  Münzer  und  Wolff-Eisner  die  spe¬ 
zifische  Tuberkulintherapie  von  der  Haut  aus  durch  Einreiben  von  Tuberkulin¬ 
salbe  oder  durch  intrakutane  Injektion  mit  der  gleichen  Begründung  und  von 
den  gleichen  Voraussetzungen  aus,  empfohlen  und  dauernd  angewendet 
worden.  Es  handelt  sich  nach  ihnen  sowohl  um  die  Bildung  von  Rezeptoren 
an  den  Zellen  der  Haut,  welche  Tuberkulin  binden  und  dadurch  eine  Ab¬ 
schwächung  resp.  Entgiftung  des  Tuberkulins  äusserlich  in  Erscheinung  treten 
lassen,  teils  um  die  Erzeugung  von  Antikörpern  an  Stellen  ausserhalb  des 
Krankheitsherdes  bei  der  Abstossung  dieser  Rezeptoren  im  Sinne  der  Ehr¬ 
lich  sehen  Seitenkettentheorie.  Das  Bindungsvermögen  der  Haut  ist  ein 
beschränktes,  und  wenn  man,  wie  Ponndorf.  schwere,  flammende,  mit 
l  ieber  einhergehende  Reaktionen  hervorruft,  so  kann  man  wohl  Krankheiten, 
bei  denen  ein  Reaktionsstoss  im  Sinne  der  Proteinkörpertherapie  nützlich  ist, 
günstig  beeinflussen,  verlässt  aber  die  Grundlagen,  auf  denen  der  Vorteil 
der  kutanen  Tuberkulintherapie  beruht  und  riskiert  mit  den  Reaktionen 
schwere  Schädigungen.  —  Vortr.  betont,  dass  die  wissenschaftliche  Forschung 
über  Tuberkuloseimmunität  die  Grundlage  für  die  Organisation  der  Tuber¬ 
kulosebekämpfung  sein  muss  und  beklagt,  dass  in  Deutschland  hierfür  keinerlei 
Mittel  zur  Verfügung  gestellt  werden. 

Aussprache:  Herr  F.  K  1  e  m  p  c  r  e  r  ist  der  Ansicht,  dass  die  Aus¬ 
führungen  des  Vortr.  die  Grundlage  für  eine  Diskussion  abgeben  können, 
dass  die  Ponndorf  sehen  Anschauungen  theoretisch  unmöglich  sind,  ebenso 
wie  seine  beigefügten  Krankengeschichten  in  seinem  Buch.  Die  Zufuhr  grosser 
Tuberkulinmengen  bietet  Gefahren.  Auch  bei  vorsichtiger  Anwendung  der 
kutanen  Therapie  lässt  sich  der  Ausbruch  späterer  aktiver  Tuberkulose  nicht 
verhindern. 

Die  weitere  Aussprache  wird  auf  die  nächste  Sitzung  vertagt. 

Nach  der  Tagesordnung  teilt  Herr  A.  Hi  sch  aus  Ungarn  a.  G.  sein 
Krebsanschauungen  mit.  Wolff-Eisner. 


Verein  für  innere  Medizin  und  Kinderheilkunde  zu  Berlin. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  2.  Juli  1923. 

Demonstrationsabend. 

Herr  Jungmann  demonstriert  3  Fälle  von  Endokarditis,  bei  denen 
er  darauf  hinweist,  dass  das  starre  Schema  einer  E.  septica,  einer  rekur¬ 
rierenden  E.  und  einer  E.  lenta  sich  bei  klinischer  Beobachtung  nient 
aufrechtcrhalten  lässt.  Hinweis  auf  eitrige  Prozesse  der  Tonsillen  als 
Ausgangspunkt. 

Herr  V.  Schilling  erläutert  die  Bedeutung  der  Blutbildverwertung 
in  der  Poliklinik.  Es  werden  2  poliklinische  Fälle  geschildert,  bei  denen  die 
Untersuchung  bei  unbestimmten  Beschwerden  nichts  ergab.  Das  Blutbild 
deckte  einen  schweren  infektiösen  Prozess  auf,  der  sich  bei  weiterer  klini¬ 
scher  Beobachtung  bestätigte. 

Aussprache:  Herr  v.  Hoesslin  weist  darauf  hin.  dass  die 
Tonsillektomie  —  im  akuten  Stadium  der  Endokarditis  ausgeführt  —  von 
bösen  Folgen  begleitet  sein  kann. 

Herr  Köhler  schildert  einen  doppelseitigen  Spontanpneumothorax  bei 

8  jähr.  Mädchen,  der  bei  vollkommenem  Fehlen,  einer  Tuberkulose  nur  durch 


1.?.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


929 


vorangegangene  Behandlung  mit  K'uhnscher  Saugmaske  (!)  bei 
schwächlichem  Kind  erklärt  werden  konnte.  Exitus  nach  beiderseits  aufge¬ 
tretenem  Empyem.  Sektion  zeigte  schwere  Verziehung  des  Mediastinums. 

Herr  Steffens  zeigt  eine  luetische  Aorteninsuffizienz,  bei  der  im 
schwersten  Dekompensationsstadium  nach  Versagen  von  Digitalis  und  Diuretin 
intravenös  und  rektal  gegebenes  Kuphyllin  raschen  Erfolg  herbeiführtc.  Als 
Nebenbefund  erweichte  Tophi  an  der  Ohrmuschel. 

Aussprache:  Herr  Blumenf  eld. 

Herr  H  i  s  weist  auf  die  Seltenheit  der  Erscheinung  hin,  dass  Gichtknoten 
o  h  n  e  Entzündungserscheinungen  erweichen. 

Herr  Zondek  führt  als  Beispiel  aus  dem  Kapitel  der  endokrinen 
Störungen  eine  Kranke  vor,  bei  der  erst  braunes  Hautpigment,  dann 
akromegales  Wachstum  der  Füsse  und  schliesslich  Bascdowsymptome  auf¬ 
traten.  Dann  2  Fälle  von  hypophysärem  Infantilismus,  die  er  lieber  als 
Gegenstück  zur  Dystrophia  adiposogenitalis  bezeichnen  möchte.  Auf  Grund 
(  experimenteller  Untersuchungen  ist  er  zu  der  Anschauung  gekommen,  dass 
[  die  Spezifität  der  Hormone  an  bestimmte  Bedingungen  gebunden  ist.  Er 
konnte  z.  B.  die  Wirkung  des  Thyreotoxin  durch  Zusatz  von  Kalzium  voll¬ 
kommen  aufheben  u.  ä. 

Herr  Gudzent  zeigt  das  Röntgcnogratnm  eines  grossen  endothora- 
kalen  Tumors,  der  zunächst  sich  nicht  änderte  —  Bestrahlung  erfolglos  — , 
bis  er  dann  nach  3  Jahren  rasch  einen  malignen  Charakter  annahm  und 
bei  der  Sektion  als  osteoplastisches  Sarkom  festgestellt  wurde.  W. 


Aerztlicher  Bezirksverein  Erlangen. 

Sitzung  vom  15.  März  1923. 

Herr  J  a  in  i  n  und  Herr  Stettner:  Vorstellungen  zur  Frage  der 
iiungerschädcn. 

Ja  min:  Hungerschäden  werden  auch  bei  Kindern  leicht  verkannt,  da 
besonders  die  qualitativen  Mängel  -der  Ernährung  durch  Befriedigung  des 
Sättigungsbedürfnisses  verdeckt  werden,  die  Gewebe  verschiedenartige 
Empfindlichkeit  gegen  bestimmte  Mängel  zeigen  und  reichlicher  Wassergehalt 
einen  guten  Ernährungszustand  Vortäuschen  kann,  Wachstumshe-mmungem  nur 
durch  sorgfältige  fortlaufende  Messungen  und  Wägungen  nachzuweisen  sind 
und  die  Auswirkung  einer  mangelhaften  Ernährung  von  konstitutionellen  und 
akzidentellen  Faktoren  beeinflusst  wird  (vergl.  den  Vortrag  vom  15.  II.  1923, 
d.  Wschr.  S.  894).  Ein  wichtiges  Hilfsmittel  zum  Nachweis  von  Hunger¬ 
schäden  ist  die  regelmässige  Röntgenuntersuchung  des  Ske¬ 
letts  (Handwurzelbilder). 

Fall  1.  M.  G.,  4  Monate  altes  Mädchen:  Grosser  Naevus  pilosus 
et  pigmentosus  an  Kopf  und  Hals.  Neuropathische  Belastung.  Auf  dem  Nävus 
eiternde  Druckgeschwüre.  Infolge  des  verunstaltenden  Nävus  wohl  mangel¬ 
hafte  Pflege.  3  Tage  gestillt,  dann  X  Milch  mit  Wasser  und  Zucker,  alle 
2  Stunden  eine  Flasche.  Turgorverlust.  Rosenkranz.  Eiterige  Bindehaut¬ 
entzündung.  Länge  53  cm  ( — 7).  Gewicht:  2760  g  ( — 1340).  Röntgenbild  der 
Hand  äusserst  kalkarm,  keine  Handwurzelkerne,  am  Epiphysenrande  Ver¬ 
dichtung  und  Unregelmässigkeiten.  Wachstums  stillst  and.  Leuko¬ 
zytose. 

Fall  2.  G.  H.,  3  Jahre  9  Monate  alter  Knabe :  Rachitis,  Schwach¬ 
sinn,  Anämie.  Von  der  Mutter  neuropathische  Belastung.  X  Jahr  ge¬ 
stillt,  mit  1  Jahr  volle  Kost,  wahrscheinlich  Milch-  und  Buttermangel.  Vor 
5  Monaten  Keuchhusten,  Erbrechen,  Durchfälle.  Husten.  Aufgetriebener  Leib. 
Konnte  vor  8  Wochen  vorübergehend  etwas  laufen.  Länge:  75,5  ( — 21,5)  cm. 
Gewicht:  7,625  ( — 2,575)  kg.  Wassermann-  und  Pirquetreaktion  negativ. 
Hämoglobin:  32  Proz.  Leukozytose.  Geringer  Turgor.  Rosenkranz. 
Hühnerbrust.  Röntgenbild  des  Handskeletts:  sehr  kalkarme  Knochen,  Epi¬ 
physen  in  lockerer  Becherform,  Ossifikation  verzögert.  Unter  der  Behandlung 
mit  Lebertran  und  vitaminreicher  Kost  rasche  Zunahme,  jedoch  anfällig  für 
Infektionen. 

Fall  3.  F.  L.,  1  Jahr  2  -Monate  alter  Knabe:  Rachitis,  Skorbut, 
Anämie.  Zwilling.  Zwillingsbruder  an  Erythrodermie  t.  Mit  7  Wochen 
Erythrodermie,  vorher  Lungenentzündung.  Dann  Intoxikation  überstanden, 
Furunkulose,  Otitis,  Bronchitis.  Beikost  schlecht  vertragen.  Seitdem 
schwere  Anämie,  fast  unbeeinflusst  durch  Blutinjektionen  vom  Vater, 
Doramad.  Länge:  64  ( — 11)  cm.  Gewicht:  4,4  (- — 2,9)  kg.  Röntgenbild  der 
Hand:  im  Alter  von  5  Monaten:  Randstreifen,  Ossifik-ationsverzögerung; 
im  Alter  von  1  Jahr:  Becherform  der  Epiphysen  mit  klumpigen  Kalk¬ 
anlagerungen,  Trümmerfeldzone.  An  der  Tibia  ähnliche  Veränderungen,  peri- 
|  ostale  Auflagerungen,  örtliche  Defekte  an  -dem  Epiphysenrande.  Knochen  im 
ganzen  sehr  kalkarm.  Konstitutionelle  und  angeborene 
Defekte  (Zwilling!),  dazu  Infekte  und  Avitaminose  (A  +  C). 

Fall  4.  M.  Sch.,  X  jähr.  Mädchen:  Keratoma lazie,  uneheliches 
Kind,  Mutter  nervös.  Wurde  X  Jahr  gestillt.  Dann  X  Milch  und  Reis¬ 
schleim,  Brei,  viel  Zucker.  Mutter  hat  während  des  Stillens  alles  gegessen, 
auch  Obst  und  Gemüse,  aber  -keine  Milch,  keine  Butter.  Vor  14  Tagen  hatte 
das  Kind  Grippe,  Lungenentzündung  und  Hornhautentzündung.  Guter  Turgor. 
Länge  55  ( —  lü)  cm,  Gewicht  3170  ( —  1,33)  kg.  Hornhaut  beiderseits  vereitert. 
Links  Staphylom.  Leukozytose.  Im  Röntgenbild  der  Hand:  sehr  kalk¬ 
arme  Knochen,  Epiphysenrand  mit  lockerem  Randstreifen,  etwas  auf¬ 
gefasert.  Ossifikation  etwas  verzögert.  —  Pirquet-  und  WaR.  negativ. 

Fall.  5.  L.  K.,  X  jähr.  Mädchen:  K  e  r  a  t  omalazie.  3  Wochen  ganz 
gestillt,  dann  noch  zweimal  täglich  bis  zur  Aufnahme,  daneben  Zwieback- 
und  Weckmehlbrei,  X  Milch  mit  Schleim  und  Zucker.  Ernährung  der  Mutter 
während  des  Stillens:  Mehlspeisen,  Suppe,  Salat,  keine  Milch,  keine  Butter. 
Vor  14  Tagen  Augenentzündung  aufgetreten.  Länge:  58,5  ( — 5,5)  cm.  Gewicht: 
i  5,0  ( — 0,4)  kg.  Guter  Turgor.  Intertrigo.  Rosenkranz.  Pirquet-  und  WaR. 
negativ.  Auf  beiden  Augen  Hornhautvereiterung  unter  Einschmelzung  ver¬ 
heilend,  Verlust  des  -Sehvermögens.  Im  Röntgenbild  der  Hand  kalkarme 
Knochen,  am  Epiphysenrande  leichte  Auftreibung,  Verdichtung  mit  Kal-k- 
anlagerung,  Ossäfikationsverzögerung;  keine  Handwurzelkerne  entwickelt, 
Unregelmässigkeiten  an  den  Epiphysenrandzonen.  Leukozytose 
mit  52  Proz.  Lymphozyten.  Hgl.  82  Proz.  Bei  beiden  keratomala zischen 
Kindern  bleibt  das  Allgemeinbefinden  in  der  weiteren  klinischen  Beobachtung 
abgesehen  von  dem  dauernden  Verlust  des  Augenlichtes  unter  angemessener 
Ernährung  mit  Lebertranbeigabe  völlig  ungestört  und  blühend. 

Stettner:  Ueber  die  Wirkung  des  Hungers  auf  das  Blut 
liegen  nur  wenige  Untersuchungen  vor.  Bekannt  ist  die  sog.  Kriegslympho¬ 


zytose,  die  u.  a.  als  Hungcrfolge  aufgefasst  werden  kann.  Ferner  wird  von 
einer  relativen  und  absoluten  Lymphozytose  beim  Hungerödem  gesprochen. 

An  mehreren  willkürlich  herausgegriffenen  Hungerfällen  wurde  nun  das 
Verhalten  des  Blutes  untersucht:  Es  handelte  sich  um  einen  3X  jähr.  Jungen, 
welcher  einen  schweren  Hungerzustand  ( — 5  kg)  infolge  einer  seit  X  Jahr 
bestehenden  Speiseröhrenverengerung  zeigte,  um  ein  5X  jähr.  Mädchen, 
welches  infolge  Unterernährung  und  Verwahrlosung  (psychopathische  Eltern) 
eine  um  8  cm  verminderte  Körperlänge  und  ein  Untergewicht  von  7  kg  auf¬ 
wies  und  u-m  einen  3'X  jährigen  Jungen,  der  bei  Unterernährung  und  Verwahr¬ 
losung  rachitisch  geworden  war  und  um  21  cm  im  Wachstum  (keine  Ver¬ 
krümmungen)  und  um  6X  kg  gegenüber  seinem  altersentsprechenden  Solige¬ 
wicht  zurückgeblieben  war.  Allen  3  Kindern  gemeinsam  war  eine  massige 
Verarmung  an  roten  Blutzellen  und  eine  ganz  geringe  Herabsetzung  des 
Hämoglobingehaltcs,  so  dass  der  Färbeindex  stets  grösser  als  1  angetroffen 
wurde.  Die  weissen  Zellen  waren  leicht  vermehrt,  es  bestand  leichte  Neutro- 
ph-ilie,  daneben  war  das  Auftreten  kleiner  Lymphozyten  mit  retikuliertem 
Kern  und  stark  basophil  gefärbtem  schaumigen  Protoplasma  ohne  Azurgranu¬ 
lierung  bemerkenswert  und  zwar  in  einer  der  Schwere  des  vorhandenen 
Schadens  annähernd  entsprechenden  Stärke  (9 — 26  Proz.).  Für  diese  Schäden 
konnte  das  Fehlen  -eines  bestimmten  Vitamins  nicht  verantwortlich  gemacht 
werden.  Anders  verhielt  s-ich  -die  Blutreaktion  bei  5  willkürlich  gewählten 
Skorbutfäll-en  mit  röntgenologisch  nachweisbaren  Knochenveränderungen. 
Schon  in  einem  Zeitpunkte,  in  welchem  noch  nirgends  Blutungen  nachgewiesen 
werden  konnten,  war  eine  schwere  Schädigung  der  roten  Blutzellen-  vor¬ 
handen  bei  an  sich  geringer  Verminderung  ihrer  Zahl,  stets  ein  Herabsinken 
der  Färbekraft  unter  1.  Die  Zusammensetzung  -der  weissen  Zellen  'war 
ebenfalls  im  Sinne  einer  Neutrophilie  verschoben,  nur  in  einem  schweren, 
mit  Rachitis  komplizierten  Falle  kam  es  zur  Ausschwemmung  unreifer  Kno- 
chen-marksele-mente.  In  allen  Hungerfällen  entsprach  die  Blutreaktion  einem 
Darniederliegen  der  Körperfunktionen,  -die  Leistungsfähigkeit  der  Blutbildungs¬ 
stätten  war  mehr  oder  -minder  stark  herabgesetzt. 

Im  Anschluss  daran  wurden  einige  seltenere  Reaktionstypen  bei  Kindern 
besprochen,  bei  welchen  eine  starke  Erschöpfung  und  Erschöpfbarkeit  des 
myeloischen  Systems  vorherrschten:  Im  Anschluss  an  Varizellen  war  bei 
einem  3  jähr.  Mädchen  während  einer  Grippe  (März  1920)  eine  mässige 
Herabsetzung  der  R.  auf  4  000  000  und  eine  konstante  Leukozytose  von  20  000 
zu  verzeichnen.  Die  innerhalb  6  Tagen  viermal  wiederholten  Blutunter¬ 
suchungen  ergaben  ein  Ansteigen  der  Färbekraft  von  0,84 — 1,0  während  eines 
durch  schweres  Darn-ie-dernegen  ausgezeichneten,  sonst  aber  unkomplizierten 
klinischen  Verlaufes.  Die  Blutschädigung  war  besonders  ausgezeichnet  durch 
ein  Herabsinken  -der  Zahl  der  reifen  Neutrophilen  von  ursprünglich  20  auf 
12  Proz.,  ohne  -dass  durch  unreife  Knochenmarkselemente  ein  hinreichender 
Ersatz  zustande  kommen  konnte,  solche  kamen  nur  ganz  vereinzelt  zur  Be¬ 
obachtung.  Der  Ersatz  geschah  vielmehr  in  Form  der  schon  bei  den  Hunger¬ 
fällen  erwähnten  retikulierten,  stark  basophil  gefärbten  pathologischen  Lyim 
phozyten.  Ausgang  in  Heilung.  • —  Bei  einem  2.  Falle  war  bei  einem  5  jähr. 
Jungen  ein  ähnliches  Verhalten  nur  in  verstärktem  Maasse  vorhanden.  8  Tage 
nach  exanthematischer  Erkrankung,  wahrscheinlich  Masern,  kam  das  Kind 
wegen  Schnupfen,  Halsdrüsenschwellung,  Milztumor  und  geringem  Impetigo 
an  -der  Nase  zur  Aufnahme.  Die  Zahl  der  R.  un-d  der  Gehalt  an  Hb  waren 
wenig  verringert,  es  fanden-  sich  anfangs  65  Proz.  neutrophile  Zellen  bei 
5880  W.  und  bereits  einige  unreife  Knochenmarkselemente.  Diese  an  sich 
gewöhnliche  Reaktion  auf  Infekt  änderte  sich  im  Laufe  der  weiteren  Beob¬ 
achtung.  Unter  schwerem  -allgemeinem  Krankheitsgefühl  breitete  sich 
trotz  sorgfältiger  Therapie  der  Impetigo  flächenhaft  aus,  die  Zahl  der  W.  sank 
auf  2120  und  -der  Gehalt  an  Neutrophilen  auf  0,4  Proz.  Der  Ersatz  der  aus 
dem  Blute  nahezu  geschwundenen  Granulozyten  geschah  nur  sehr  unvoll¬ 
kommen,  zum  Teil  in  myeloischen  Elementen  (789),  zum  Teil  wiederum  in 
lymphozytären  Gebilden  (1145).  -Nach  3  Tagen  stieg  die  Kurve  -der  reifen 
Neutrophilen  innerhalb  14  Tagen  wieder  zur  Ausgangsmenge  an  und  gleich¬ 
zeitig  zeigten  sich  an  den  Impetigostellen  die  bis  dahin  vermissten  Heilungs¬ 
und  Abgrenzungserscheinungen  (14  Blutuntersuchungen  innerhalb  30  Tagen). 
Ein  3.  Fall  kam  in  hoffnungslosem  Zustand  in  Behandlung.  Ein  5  jähr.  Mädchen 
konnte  sich  nach  einer  vor  4  Monaten  stattgehabten  Furunkulose  nicht  er¬ 
holen  und  wurde  i-m  Anschluss  an  Grippe  manifest  septisch,  bereits  4  Wochen 
hohes  septisches  Fieber.  Herabsinken,  der  R.  auf  1  170  000  und  der  W.  auf 
1520,  Ansteigen  der  Färbekraft  auf  1,28.  Neutrophile  Zellen  waren  nur 
0,5  Proz.  vorhanden,  an  unreifen  myeloischen  Zellen  11,5  Proz.,  meist  Myelo¬ 
blasten,  die  übrigen  Zellen  waren  vorwiegend  wiederum  jene  obenerwähnten 
pathologischen  Lymphozyten  (71,5  Proz.).  Ausgang  in  Tod. 

Sämtliche  Fälle  zeigen  bei  Infekten  ein  starkes  Versagen  der  Knochen¬ 
marksfunktion,  die  Bildung  weisser  Zellen  lässt  sich  frühzeitiger  gestört  er¬ 
kennen  als  die  rote.  Die  spärlich  vorhandenen  Neutrophilen  zeichnen  sich 
durch  sehr  hochgradige  Segmentierung  -aus  (Ar.nethverschiebung  nach  rechts), 
sind  demnach  als  Altersformen  anzusprechen.  Diese  Erscheinung  bieten  auch 
die  Hungerfälle.  Der  Ersatz  mit  unreifen  Knochenmarkszellen  ist  jeweils  un¬ 
genügend.  Am  zahlreichsten  werden  pathologische  Lymphozyten  angetroffen, 
die  wahrscheinlich  ebenfalls  als  Altersformen  aufzufassen  sind. 

Aussprache:  Herren  Wissmann,  D  y  r  o  -f  f,  Schulz,  Ko¬ 
ni  g  e  r,  Wustrow. 


Medizinische  Gesellschaft  zu  Kiel. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  14.  Juni  1923. 

Herr  Schittenhelm:  Demonstration  eines  Falles  von  hämorrhagi¬ 
scher  Diathese  mit  Milzexstirpation. 

17  jähr.  Schneiderin.  Als  Kind  Masern,  Keuchhusten, .  Diphtherie.  Vor 
einem  Jahre  Schmerzen  im  Rücken  und  in  -der  Nicrengegcnd  mit  Albuminurie. 
Seit  -dem  12.  Lebensjahre  vierwöchentlich  regelmässig  Menses  ohne  Be¬ 
schwerden.  Seit  Ende  Februar  1923  Menses  dreiwöchentlich.  Am  5.  April 
.Beginn'  der  Menses,  anfangs  gering,  vom  8.  Tag  an  auffallend  stark  mit 
fast  ununterbrochenem  Blutabgang.  Gleichzeitig  traten  plötzlich  zahllose 
punktförmige  Blutstellen  auf,  zuerst  und  am  stärksten  an  den  Streckseiten 
beider  Ober-  und  Unterschenkel  und  dann  bei  den  Ellenbogenbeugen.  Am 
17.  April  Aufnahme  in  die  Klinik.  Temperatur  und  Puls  normal.  Guter 
Ernährungszustand,  kräftiger  Körperbau.  Zahlreiche  punktförmige,  steck¬ 
nadelkopfgrosse  Blutungen  an  den  obengenannten  Stellen,  vereinzelt  auch  in 
der  Umgebung  der  Augen.  Flächenhafte,  bis  linsengrosse  Blutungen  in  der 


MÜNCHKNER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


y3u 


Schleimhaut  des  Mundes  und  des  Gaumens.  Brustorgane  o.  B..  Milz  und 
Leber  nicht  vergrössert.  Urin  frei  von  pathologischen  Bestandteilen.  Blut: 
Hgb.  62,  Erythrozyten  3  800  000,  Leukozyten  3000,  Thrombozyten  110  900; 
Auszählung  der  Leukozyten  ohne  Befund.  In  den  nächsten  Tagen  starke 
Menstrualblutungen,  Zunahme  der  Blutungen  auf  Haut  und  Schleimhäuten. 
Rumpel-Lede  stark  positiv.  Rapide  Zunahme  der  Anämie  trotz  Anwendung 
blutstillender  Mittel  wie:  Injektionen  hochprozentiger  Kochsalzlösung,  Koa- 
gulen,  Tenosin,  Serum  etc.  Am  22.  April  Blutbefund:  Hgb.  26,  Erythro¬ 
zyten  1  240  000,  Leukozyten  8400,  Thrombozyten  14  880;  Leukozytenaus¬ 
zählung  normal,  Normoblasten.  Poikilozytose,  Anisozytose.  Blutungszeit 
12  Minuten,  Gerinnung  normal.  Urin:  Urobilinogen  positiv,  sonst  o.  B. 
Wegen  der  Gefahr  zunehmender  Anämie  wird  die  Kranke  zur  Milzexstirpation 
in  die  chirurgische  Klinik  verlegt.  Sofortige  Operation,  bei  der  reichlich 
freies  Blut  in  der  Bauchhöhle  gefunden  wurde,  und  anschliessende  Trans¬ 
fusion  von  800  ccm  mütterlichen  Blutes  nach  Oehlecker.  Hernach 
sofortige  Besserung  des  schweren  Zustandes,  sichtbar  sich  bessernde  Durch¬ 
blutung  am  nächsten  Tage,  Sistieren  der  Blutungen,  Rumpel-Lede  negativ. 
Am  23.  Anril  Hgb.  30.  Erythrozyten  2  520  000,  Thrombozyten  29  208.  Am 
24.  April  Erythrozyten  3  990  000,  Thrombozyten  42  000.  Am  25.  April 
Thrombozyten  114  260.  Am  29.  April  wieder  Menses,  Rumpel-Lede  negativ, 
Abnahme  der  Erythrozytenzahl  bis  2  600  000,  der  Thrombozyten  auf  101  000. 
Nochmalige  Transfusion  von  350  ccm  mütterlichen  Blutes,  Menses  hören  auf, 
von  da  ab  rasche  ungestörte  Rekonvaleszenz.  Die  Menses  blieben  die 
nächsten  Male  aus,  der  Blutbefund  ist  jetzt  (am  17.  Juni)  Hgb.  70,  Erythro¬ 
zyten  4  670  000,  Leukozyten  6900,  Thrombozyten  176  000.  Starke  Körper¬ 
gewichtszunahme,  blühendes  Aussehen. 

Der  Fall  zeigt  die  prompte  Wirkung  der  Milzexstirpation  bei  Werl- 
h  o  f  scher  Krankheit  unter  Beihilfe  von  Bluttransfusionen,  so  alle  übrigen 
Mittel  versagten.  In  der  Milz  bei  histologischer  Untersuchung  nirgends 
Anhalt  für  zugrundegegangene  Thrombozyten,  dagegen  findet  sich  eine  bei 
der  noch  sehr  jugendlichen  Kranken  auffallende  Hyalinisierung  der  Follikel¬ 
arterien. 

Bei  einem  zweiten  Kranken  (29  jähr.  Arbeiter)  mit  einer  typischen 
thrombopenischen  hämorrhagischen  Diathese  mit  zahlreichen  flächenhaften  und 
fleckweisen  Blutungen  in  Haut  und  Schleimhäuten,  besonders  auch  in  der 
Zunge  und  in  dem  Zahnfleisch,  mit  Darmblutungen,  Blutbrechen  und 
Hämaturie,  wurde  gleichfalls  die  Milzexstirpation  vorgenommen;  der  Kranke 
starb  jedoch  mehrere  Stunden  hinterher.  Der  Blutbefund  war  kurz  vor  der 
Operation:  Hgb.  28,  Erythrozyten  2  240  000,  Leukozyten  7200;  Thrombo¬ 
zyten  wurden  trotz  langen  Suchens  nicht  aufgefunden.  Nach  der  Operation 
fanden  sich  einzelne  Riesenthrombozyten  in  dem  Präparat  und  eine  Leuko¬ 
zytose  von  13  000.  Die  exstirpierte  Milz  war  kaum  vergrössert,  histologisch 
fanden  sich  keine  Anzeichen  für  Thrombozytenzerfall.  Dagegen  wieder  eine 
zentrale  Hyalinisierung  der  Follikel  mit  eingelagerten  grossen  Zellen  und  eine 
Hyalinisierung  der  Follikelarterien. 

Bei  einer  dritten  Kranken,  26  Jahre  alt,  im  IV.  Monat  gravid  mit 
thrombopenischer  hämorrhagischer  Diathese  (Thrombozyten  15  400,  Hgb.  28, 
Erythrozyten  2  200  000,  Leukozyten  4200),  wurde  mit  Calcium  chlorat.  und 
anderen  blutstillenden  Mitteln  behandelt,  sie  bekam  eine  Bluttransfusion  von 
200  ccm  (defibriniertes  Blut).  In  der  Nacht  hernach  Erbrechen  zahlreicher 
blutiger  Massen,  einige  Stunden  später  unter  erneutem  Erbrechen  Exitus. 

Die  Fälle  zeigen  jedenfalls,  dass  man  bei  hämorrhagischer  Diathese  mit 
extremer  Thrombopenie  mit  keinem  therapeutischen  Mittel  einen  so  guten 
Erfolg  erreichen  kann  wie  mit  der  Milzexstirpation. 

Aussprache;  Herren  Schröder,  Konjetzny,  v.  Stare  k, 
Anschütz.  Schittenhelm. 

Herr  Wels:  Der  Entwicklungsgang  der  Lungentuberkulose  im  Röntgen¬ 
bild. 

Die  anatomischen  Reaktionseigentümlichkeiten,  welche  die  verschiedenen 
Epochen  des  Tuberkuloseablaufes  in  der  Lunge  charakterisieren,  lassen  sieh 
auch  im  Röntgenbild  erkennen.  Wie  die  anatomischen  Arbeiten  Rankes 
gezeigt  haben,  bestimmt  das  Verhalten  der  regionären  Lymphdrüsen  die 
Form,  in  welcher  der  Organismus  auf  den  Tuberkelbazillus  und  seine  Gifte 
reagiert.  Aus  dieser  Form  kann  wiederum  auf  das  Stadium  des  tuber¬ 
kulösen  Infektionsprozesses  geschlossen  werden. 

Demgemäss  wurde  versucht,  die  Veränderungen  des  Röntgenbildes  in 
4er  Hilusgegend  in  (Beziehung  zu  setzen  zu  den  Veränderungen  in  ideir 
Lungenperipherie.  Aus  einem  grossen  Material  wurden  einige  besonders 
charakteristische  Platten  gewonnen,  welche  für  die  drei  Stadien  der  Tuber¬ 
kulose  (Primärkomplex,  Sekundärstadium,  tertiäre  isolierte  Organphthise) 
eine  genaue  Uebereinstimmung  mit  den  von  Ranke  gefundenen  anatomi¬ 
schen  Daten  zeigen. 

Für  den  speziellen  Entwicklungsgang  der  tertiären  isolierten  Phthise  der 
Lunge  werden  die  Befunde  von  K  ü  p  f  e  r  1  e  und  G  r  ä  f  bestätigt,  welche 
den  Charakter  der  neuentstehenden  Herde  im  Röntgenbilde  erkennen  lassen. 
Bei  der  auf  diese  Befunde  aufgebauten  röntgenologischen  Prognostik  der 
Lungentuberkulose  ist  aber  Zurückhaltung  am  Platze,  weil  nicht  wenige  Fälle 
trotz  ausgesprochen  produktiver  Natur  der  neugebildeten  Herde  unaufhaltsam 
fortschreiten  und  zum  Tode  führen,  anderseits  weil  jede  Miterkrankung 
anderer  Organe  die  Bedeutung  des  Lungenbefundes  überhaupt  zurückdrängen 
muss. 

Aussprache:  Herren  Spiegel,  Schittenhelm,  v.  Starck. 
B  e  h  n,  Wels.  E. 


Klinisch-wissenschaftl.  Abend  im  Luitpoldkrankenhaus 

Würzburq. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  7.  Juni  1923. 

Vorsitzender:  Herr  M  a  n  a  s  s  e.  Schriftführer:  Herr  Hagemann. 

Herr  Strecker:  Zur  Theorie  der  unangenehmen  Nachwirkungen  bei 
der  Lumbalanästhesie.  (Erscheint  als  Originalartiket  in  der  M.m.W.) 

^Herr  Hofmeier:  Ueber  Hautnekrose  bei  Scharlach.  (Demonstration.) 

'3  jähr.  Mädchen,  das  einen  unkomplizierten  Scharlach  durchmachte.  Bei 
der  Aufnahme,  die  bereits  ein  voll  ausgebildetes  Exanthem  zeigte,  wurde  auf 
dem  Kopf,  auf  den  Scheitelbeinen,  fast  in  gleichem  Abstand  von  der  Sagittal- 
naht.  je  ein  markstückgrosser  bläulich-bräunlich  verfärbter  Fleck  beobachtet. 
Kind  litt  ausserdem  an  Pedikuli.  Diese  Stellen  verfärbten  sich  weiterhin 


schwarzblau.  Am  10.  Tage  der  Aufnahme  Ablösung  der  Haut  in  Fetzen. 
Darunter  scharf  umrandete  Geschwüre,  von  denen  das  eine,  wie  ausgestanzt, 
bis  auf  den  Knochen  ging,  der  vom  Periost  entblösst  war.  Rand  der  Ge¬ 
schwüre  etwas  erhaben,  gute  Granulationen.  Im  Eiter  Streptokokken,  kein 
Fieber,  etwas  erhöhte  Herzaktion.  Da  sonstige  Möglichkeiten  (Dekubitus. 
Lues.  Tuberkulose)  ausgeschlossen  werden  konnten,  wurde  die  Diagnose  auf 
Hautnekrose  bei  Scharlach  gestellt.  Hinweis  auf  die  Seltenheit  dieser  Fälle 
in  der  Literatur  (15  seit  1860),  die  meist  allerdings  erheblich  schwerer  ver¬ 
liefen,  aber  auch  zum  Teil  ähnlich  leicht.  Fast  alle  Nekrosen  zeigen  den 
Typus  der  Raynaud  sehen  symmetrischen  Gangrän.  Wahrscheinlich  ' 
handelt  es  sich  um  spezifisch  toxische  Gefässschädigung,  dadurch  End- 
arteriitis,  Gefässverschluss  und  weiterhin  Nekrose.  Heilverlauf  glatt  und  ohne 
Besonderheiten. 

Herr  Wiemann:  Plötzlicher  Exitus  infolge  Status  tbymlcolvmphaticus. 

Am  8.  V.  1923  wurde  bei  einem  23  Wochen  alten,  normal  entwickelten 
Kind  ein  zehnpfennigstückgrosses  Hämangiom  der  linken  Wange  in  Chloro¬ 
formnarkose  exzidiert.  Dabei  kaum  Blutung.  Dauer  der  Narkose  etwa 
3  Minuten.  Danach  tagsüber  und  auch  in  der  Nacht  zunächst  Wohlbefinden. 
Temperatur  abends  38",  nachts  3  Uhr  wurde  das  Kind  tot  im  Bett  gefunden. 

Die  Sektion  ergab  einen  hochgradigen  Stat.  thymol.,  starke  Hyperplasie 
des  Thymus  (Gewicht  ca.  26  g,  über  das  Doppelte  des  hiesigen  Durchschnitts¬ 
gewichtes).  Ausserdem  Hyperplasie  der  Tonsillen  und  der  Zungenfollikel  und 
der  Lymphdrüsen  im  Mesenterium.  Hypoplasie  der  Nebenniere. 

Der  vorliegende  Fall  zeigt  die  Gefahr  eines  ganz  geringfügigen  chirur¬ 
gischen  Eingriffes  bei  bestehendem  Stat.  thymol.  Ueber  die  Bedeutung  dieser 
Konstitutionsanomalie  für  die  Indikationsstellung  bei  operativen  Eingriffen 
herrscht  keine  einheitliche  Auffassung.  Einerseits  wird  jeder  Eingriff  ab¬ 
gelehnt,  bzw.  verschoben,  andererseits  zeigt  der  Verlauf  auch  grösserer 
Operationen,  die  trotz  bestehendem  Stat.  thymol.  ausgeführt  wurden,  dass  ein 
ungünstiger  Ausgang  nicht  notwendig  eintreten  muss. 

Abgesehen  von  anderen  Schädlichkeiten  ist  der  Chloroformnarkose  eine 
besondere  Bedeutung  zugeschrieben  worden.  Der  Ersatz  derselben  durch 
örtliche  Betäubung  hat  im  Allgemeinen  die  Gefahr  von  operativen  Ein¬ 
griffen  in  diesen  Fällen  nicht  verringert.  In  einer  ganzen  Anzahl  von  Todes-  t 
fällen  während  und  nach  Lokalanästhesie  hat  sich  auch  die  erwähnte  Anomalie 
gefunden.  Vor  einigen  Jahren  wurde  hier  ein  Kind  mit  Stat.  thymol.  operiert 
wegen  mechanischer  Trachealstenose.  Trotz  hochgradiger  psychischer  Er¬ 
regung  während  der  Lokalanästhesie  und  trotz  anschliessender  Narkose  und 
länger  dauernder  Operation  guter  Ausgang. 

Wodurch  die  verschiedene  Widerstandsfähigkeit  derartiger  Kranken  be¬ 
dingt  ist,  ist  z.  Z.  nicht  sicher  zu  entscheiden,  auch  für  die  Prognose  des  ; 
einzelnen  Falles  bestehen  keine  Anhaltspunkte. 

Herr  Finger:  Ueber  anaphylaktischen  Schock. 

28  jähr.  Landwirt.  Oktober  1918  in  Frankreich  Granatsplittersteckschuss 
des  rechten  Vorderarmes.  Wegen  Beschwerden  Entfernung  des  bohnengrossen 
Granatsplitters,  der  reizlos  eingeheilt  scheint,  in  Plexusanästhesie  ohne  jeden 
Zwischenfall.  4  Stunden  p.  op.  Injektion  von  5  ccm  Tetanusantitoxin  4  fach 
(Behring-Werke)  subkutan  linker  Oberschenkel.  15  Min.  p.  Injektion  plötzlich 
starkes  Hitzegefühl,  stärkste  Aufgeregtheit  und  Angst,  Benommenheit, 
schwerste  allgemeine  Zyanose.  Puls  in  der  Radialis  nicht  zu  fühlen,  in 
der  Karotis  sehr  klein,  etwas  beschleunigt;  Herztöne  sehr  leise;  übeT  den 
Lungen  Exspirium  verlängert  mit  lautem  Giemen;  Atmung  angestrengt,  ober¬ 
flächlich.  Keine  Infiltration  an  der  Injektionsstelle.  Nach  20  Minuten  Besse¬ 
rung  des  Zustandes,  nach  2  Stunden  ausser  leichter  Zyanose  und  Be¬ 
klemmung  normaler  Befund;  rascher  Rückgang  auch  dieser  restlichen  Erschei¬ 
nungen. 

Behandlung:  Sofortige  Kampferölinjektion  und  subkutane  Normosal- 
infusion.  Der  Zustand  kann  nur  als  echter  anaphylaktischer  Schock  gedeutet 
werden.  Prophylaktische  Seruminjektion  muss  als  berechtigt  anerkannt 
werden,  zumal  in  diesem  Falle,  trotz  der  5  jähr.  reaktionslosen  Einheilung 
des  Splitters,  Streptokokken  nachgewiesen  werden  konnten,  die  latente  In¬ 
fektion  also  bestand,  und  mithin  keine  Sicherheit,  dass  nicht  auch  Tetanus¬ 
bazillen  latent  vorhanden  waren.  Vollständige  Heilung. 

Herr  Feiler  und  Frl.  Reuter:  Fall  von  Neuritis  toxica  acustica  et 
facialis. 

Der  13  jähr.  M.  H.,  dessen  Familienanamnese  ohne  Besonderheiten  ist. 
machte  vor  3  Jahren  Masern,  vor  2  Jahren  eine  Infektionskrankheit  unge-  . 
klärter  Aetiologie  durch.  Vor  2  Monaten  erkrankte  er  an  schwerer  Furunku¬ 
lose.  Im  Anschluss  daran  trat  bei  dem  bis  dahin  niemals  ohrerkrankten 
Jungen  vor  5  Wochen  hochgradige  Schwerhörigkeit  links,  ohne  Ohren¬ 
schmerzen,  ohne  Ausfluss  aus  dem  Ohr  auf;  10  Tage  später  hörte  er  auch 
auf  dem  rechten  Ohre  nicht  mehr.  Am  Tage  der  Einlieferung  wurde  das 
Gesicht  schief. 

Aufnahmebefund:  Kräftiger  Junge,  normale  Temperatur.  Innere  Organe 
o.  B.  Blutbefund:  Leukozytose  von  18  000.  Wassermann:  — .  Lumbal-  \ 

punktat:  o.  B.  Trommelfell  beiderseits  normal,  reizlos.  Es  besteht  komplette 
Taubheit  und  völlige  vestibuläre  Unerregbarkeit  beiderseits,  ferner  komplette 
periphere  Fazialislähmung  links.  Sonst  bietet  der  Nervenstatus  keine  patho¬ 
logischen  Veränderungen.  Auf  Grund  der  Anamnese  und  des  Befundes  wird 
die  Diagnose  auf  eine  im  Anschluss  an  die  Furunkulose  auf  toxischer  Basis' 
entstandene  Neuritis  acustica  et  facialis  acuta  gestellt. 

Auffallend  ist  in  diesem  Falle  das  gleichmässige  Befallensein  des  Ramus 
cochlearis  und  vestibularis;  gewöhnlich  ist  bei  dieser  Erkrankung  der  Ramus 
cochlearis  bevorzugt,  oft  ist  er  allein  erkrankt.  Bemerkenswert  ist  ferner  ^ 
die  Furunkulose  als  ätiologisches  Moment.  Die  Prognose  ist  schlecht.  Die. 
meisten  dieser  akuten  toxischen  Neuritiden  gehen  in  die  Form  der  Neuritis 
chronica  fibrosa  über  mit  Degeneration  der  peripheren  Ganglien  und  der 
nervösen  Endapparate.  (Demonstration  von  mikroskopischen  Präparaten  der  ' 
Ohrenklinik.) 

Therapeutisch  kommt  eine  Pilokarpinkur  in  Frage. 

Herr  Nonnenbruch:  1.  24  jähr.  Mann  mit  Diabetes  insioldus.  bei  dem 
im  Koclisalzversuch  (20  g  Zulage)  die  Kochsalzkonzentration  im  Harn  nicht 
über  0,315  Proz.  stieg.  Auf  Novasurol  stieg  Kochsalz  im  Harn  auf  0.7  Proz.  • 
trotz  vermehrter  Polyurie,  Kochsalzverarmung  des  Körpers  und  Gewichts¬ 
abnahme  (1,6  kg).  In  diesem  Stadium  der  Entchlorung  machte  Pituglando! 
keinen  Anstieg  der  Kochsalzkonzentration  ,im  Harn  über  0.1  Proz.  bei  nur 
3,9  g  Tagesausscheidung.  Es  zeigt  dies  die  Abhängigkeit  der  Kochsalz- ’• 
konzentrationswirkung  des  Pituglandols  vom  Salzbestand  der  Gewebe. 

2.  Unausgeprägtes  Myxödem  und  Hypoparathyreose  nach  Strumektomie 
mit  0,9  kg  Gewichtsabnahme  und  3,1  Liter  Harn  nach  Novasurol,  konstantem 


13.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRlET. 


931 


Körpergewicht  nach  20  g  Kochsalzzulage  und  raschem  Auftreten  hyper- 
thyreotischer  Erscheinungen  und  Tetanie  der  Hände  nach  kleinen  Thyreoidin- 
guben.  H  a  g  c  in  a  n  n. 


Gesellschaft  der  Aerzte  in  Wien. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  18.  Mai  1923. 

Herr  F.  Scherber  demonstriert  eine  Frau  mit  abgelaufener  Impetigo 

hcrpctifonnls. 

Herr  E.  Suchanek  stellt  einen  66  jährigen  Mann  vor.  bei  dem  ein 

Fremdkörper  (Kalbsknorpel)  aus  dem  Oesophagus  entfernt  wurde. 

Herr  E.  Lenk  berichtet  über  den  Röntgenbefund  dieses  Falles. 

Herr  F.  M  andl  hat  Untersuchungen  über  Muskelatrophie  und  deren  Ver¬ 
hinderung  angestellt. 

Fr  bespricht  die  verschiedenen  Theorien  der  Atrophie  und  Experimental¬ 
untersuchungen.  Seine  Ergebnisse  fasst  Vortr.  dahin  zusammen,  dass  durch 
Novokair.bchandlung  die  Entwicklung  der  Atrophie  verhindert  und  die  Dauer 
der  Behandlung  verkürzt  wird.  Vortr.  hat  bei  Unfallverletzten  20 — 30  ccm 
-■  proz.  Novokainlösung  intramuskulär  gleich  nach  der  Einlieferung  ins  Spital 
injiziert  und  diese  Injektion  alle  2 — 3  Tage  wiederholt.  Der  nach  Verletzungen 
typisch  auftretende  M  u  s  k  c  1  s  t  u  p  o  r,  der  die  Bewegungen  unmöglich  macht, 
entwickelt  sich  unter  dem  Einfluss  des  Novokains  nicht,  so  dass  Bewegungen, 
wenigstens  in  kleinem  Umfange  möglich  sind.  Nach  den  Injektionen  mag  man 
einen  Fixationsverband  anlegen;  nach  einigen  (6 — 8)  Tagen  ist  das  Muskel¬ 
spiel  möglich. 

Herr  R.  0.  Stein:  Untersuchungen  über  die  Ursache  der  Glatze. 

Vortr.  hat  sich  seit  1916  mit  diesem  Thema  und  der  einschlägigen  Literatur 
1  beschäftigt,  ist  jedoch  nicht  in  der  Lage,  sich  der  allgemein  angenommenen 
!  Ansicht  anzuschliessen,  dass  die  Seborrhöe  im  wesentlichen  an  der  Entstehung 
|  der  Glaze  beteiligt  sei.  Der  Umstand,  dass  die  Glatze  bei  Frauen  sehr  selten 
j  ‘st>  lässt  sich  mit  dieser  Annahme  schwer  vereinen.  Wenn  man  den  Verlauf 
der  Haargrenze  vergleichend  bei  Frauen,  Kindern  und  Männern  verfolgt,  so 
j  bemerkt  man,  dass  bei  jungen  Männern  entsprechend  den  Tubera  frontalia  in 
der  Zeit  der  Pubertät  ein  zirkumskripter  Haarausfall  eintritt.  so  dass  die  bei 
■  Kindern  und  Frauen  ohne  Knickung  von  einem  Ohr  zum  anderen  verlaufende 
Haargrenze  eine  rcchtwinkelige  Zacke  erlangt:  Calvities  frontal  ls 
|  adolescentium.  Während  unter  detn  Einfluss  der  Hodenentwicklung 
am  Mons  Veneris.  unter  der  Nase,  unter  den  Axillen  etc.  Lanugohaare  zu 
;  dicken  Haaren  werden,  machen  die  Haare  des  Gapillitiums  einen  entgegen- 
5  gesetzten  Entwicklungsgang  durch.  Die  Glatze  ist  eine  Minusvariation  des 
I  Haarkleides  bei  Männern.  Bei  männlichen  Personen,  die  man  den  sexuellen 
jj  Zwischenstufen  zurechnen  muss  (Eunuchoide),  fehlt  die  Calvities  frontalis 
B  adolescentium,  sie  haben  auch  als  Erwachsene  den  Verlauf  der  Haargrenze 
wie  bei  Frauen  und  Kindern.  Bei  Viragines  ist  die  Calvities  frontalis  vor- 
:  banden.  Vortr.  verweist  auf  die  Dauerbrunst  der  domestizierten  Tiere,  durch 
welche  die  sekundären  Geschlechtscharaktere  gegen  den  Zustand,  den  diese 
!  Merkmale  bei  freilebenden  Tieren  aufweisen,  bedeutend  abgeändert  werden. 

1  Die  Glatze  entwickelt  sich  als  hochgezüchtetes  Merkmal  unter  dem  Einfluss 
der  männlichen  Sexualhormone  auf  seborrhoischem  Terrain:  bei  den  Personen, 
welche  frühzeitig  Glatzen  bekommen,  kann  man  erheben,  dass  sie  besonders 
frühzeitig  mutierten,  einen  besonders  starken  Bart  aufweisen  etc.;  das  auf- 
falleitlste  Merkmal  ist  ein  üppiger  Haarwuchs  in  den  Ohren.  Als  hoch¬ 
gezüchtetes  Merkmal  ist  die  Glatze  in  manchen  Familien  erblich,  wie  ja 
bekanntlich  auch  andere  sekundäre  Geschlechtsmerkmale.  Die  Glatze  ist  erst 
in  Entwicklung  begriffen.  Das  Fortschreiten  der  Glatzenentwicklung  sistiert 
im  allgemeinen  wegen  des  Zusammenhanges  mit  der  männlichen  Sexualtätig¬ 
keit  etwa  mit  dem  45.  Lebensjahre. 

I 


Kleine  Mitteilungen. 

Eine  für  Röntgenstrahlen  sensibilisierte  Emulsion. 

Ein  wesentlicher  Unterschied  zwischen  einer  gewöhnlichen  photographi¬ 
schen  Platte  und  einer  Röntgenplatte  bestand  bislänge  nicht.  Man  konnte 
Röntgenplatten  für  Landschaftsaufnahmen  verwenden  und  andererseits  mit 
jeder  photographischen  Platte  Röntgenbilder,  wenn  auch  keine  vollwertigen, 
erzielen.  Das  ist  leicht  erklärlich:  denn  die  Röntgenstrahlen  sind  elektro¬ 
magnetische  Schwingungen,  ebenso,  wie  die  Lichtstrahlen,  nur  mit  einer 
etwa  1000  mal  kleineren  Wellenlänge.  Nachdem  W.  Friedrich  und 
P.  P.  Koch1)  nachgewiesen  hatten,  dass  dennoch  ein  prinzipieller  Unter¬ 
schied  der  chemischen  Wirkung  von  Licht-  und  Röntgenstrahlen  vorhanden 
ist,  lag  der  Gedanke  nahe,  die  Emulsionen  für  röntgenologische  Zwecke 
speziell  für  Röntgenstrahlen  zu  sensibilisieren.  Die  gewöhnliche  photo¬ 
graphische  Emulsion  absorbiert  nur  Teile  der  Röntgenenergie.  Aber  nur  die 
absorbierte  Energie  versetzt  das  Bromsilber  in  den  angeregten  Zustand,  in 
dem  es  durch  den  Entwickler  geschwärzt  wird.  Es  kam  also  darauf  an.  die 
Absorption  der  Röntgenstrahlen  zu  erhöhen,  um  dadurch  eine  Steigerung  der 
Empfindlichkeit  für  Röntgenstrahlen  zu  erzielen.  Dies  wurde  dadurch  er¬ 
reicht.  dass  besonders  geeignete  Sekundärstrahler  in  das  Innere  des  Brom¬ 
silberkristalls  eingeführt  wurden. 

Die  nach  diesem  Verfahren  von  der  Dr.  C.  Schleussner  A.G.  in 
Frankfurt  a.  M.  hergestellten,  für  Röntgenstrahlen  sensibilisierten  Emulsionen 
dienen  zur  Herstellung  der  Neoröntgenplatte  und  des  Neoröntgenfilms. 

Die  Neoemulsion  entspricht  allen  Anforderungen,  die  an  eine  gute 
Röntgenemulsion  zu  stellen  sind:  Steile  Gradation  bei  hoher  Empfindlichkeit 
gegen  Röntgenstrahlen  und  möglichste  Klarheit. 

Versuche  haben  ergeben,  dass  die  Belichtungszeit  bei  der  Neoemulsion 
auf  etwa  die  Hälfte  der  für  eine  nichtsensibilisierte  Emulsion  und  auf  etwa  2/i 
der  für  einen  doppelseitig  begossenen  nicht  sensibilisierten  Röntgenfilm  er¬ 
forderlichen  Milliamperesekunden  herabgesetzt  werden  kann. 

Die  Neoemulsion  hat  weiterhin  den  Vorteil,  dass  sie  gegen  dunkelgelbes 
Licht  unempfindlich  ist.  Das  Einlegen  und  Entwickeln  der  Platten  kann  daher 
bei  gelber  Birne  erfolgen,  was  eine  wesentliche  Schonung  der  Augen  be¬ 
deutet.  Gegen  weisses  Licht  ist  die  Neoemulsion  500  mal  weniger  empfindlich, 
wie  eine  gewöhnliche  Emulsion,  so  dass  ein  versehentliches  kurzes  Ein- 

*)  Annalen  der  Physik  1914,  45. 


schalten  des  weissen  Lichtes,  das  eine  Platte  mit  gewöhnlicher  Emulsion  un¬ 
brauchbar  machen  würde,  der  Klarheit  des  Bildes  keinen  Abbruch  tut. 

Da  die  Neoemulsion  besonders  fiir  die  kurzwelligen  Röntgenstrahlen 
sensibilisiert  ist,  ist  die  Verwendung  einer  Verstärkungsfolie  bei  ihr  aus¬ 
geschlossen.  Durch  die  Verstärkungsfolie  wird  der  grösste  Teil  der  auf¬ 
fallenden  kurzwelligen  Röntgenstrahlen  absorbiert  und  in  langwellige  Licht¬ 
strahlen  umgewandelt,  gegen  die  die  Neoemulsion  ausserordentlich  un¬ 
empfindlich  ist.  Die  kurze  Belichtungszeit,  die  für  die  Neoemulsion  erforder¬ 
lich  ist,  macht  die  Verwendung  einer  Verstärkungsfolie  zudem  überflüssig. 

Die  Neoemulsion  arbeitet  völlig  klar  und  ergibt  Negative  von  besonders 
plastischer  Wirkung.  Sie  besitzt  einen  weitgehenden  Expositionsspiefraum. 
d.  h.  Unter-  oder  Ueberexposition  lassen  sich  durch  entsprechende  Ent¬ 
wicklung  ausgleichen.  Die  Struktur  der  Knochen  ist  von  feinster  Differen¬ 
zierung. 

Eine  weitei'e  Herabsetzung  der  Belichtungszeit  auf  etwa  K  der  bisher 
erforderlichen  Milliampercsekunden  wird  der  doppelseitig  begossene  sensibili¬ 
sierte  Röntgenfilm  ermöglichen,  der  in  Bälde  unter  der  Bezeichnung  Doneo- 
Röntgenfilm  in  den  Handel  kommen  wird. 

Die  Herstellung  einer  für  Röntgenstrahlen  sensibilisierten  Emulsion  be¬ 
deutet  einen  ausserordentlichen  Fortschritt.  Die  Verwendung  der  Neo¬ 
röntgenplatte  und  des  Neoröntgenfilms  kann  nur  empfohlen  werden. 

Dr.  H.  H  u  b  m  a  n  n  -  Stuttgart. 

Therapeutische  Notizen. 

Ueber  intravenöse  Blutinjektion  bei  Lungentuber¬ 
kulose. 

Veranlasst  durch  die  Arbeit  von  Prof.  Kisch  in  Nr.  7  der  M.m.W. 
möchte  ich  kurz  über  meine  Erfahrungen  mit  intravenöser  Bluteinspritzung 
bei  Tuberkulösen  berichten. 

Angewandt  habe  ich  diese  Therapie  zum  ersten  Male  vor  etwa  3  Jahren 
bei  einem  Phthisiker  mit  schwerer  Hämoptoe,  dem  ich  zum  Zwecke  der 
Bluterneuerung  20  ccm  Menschenblut  intravenös  zuführte. 

Ich  war  damals  überrascht  von  dem  günstigen  Einfluss  dieser  Trans- 
fusion  auf  die  Tuberkulose.  Das  Fieber  fiel,  der  Kranke  nahm  an  Gewicht 
zu  und  der  Lungenprozess  kam  zum  Stillstand. 

Aus  dieser  Erfahrung  Nutzen  ziehend,  habe  ich  in  der  Folge  schwer- 
kranke  Phthisiker  mit  intravenösen  Blutinjektionen  behandelt  und  habe  davon 
Erfolge  gesehen,  wie  von  keiner  anderen  Therapie  bei  schwerer  Tuberkulose. 
Mit  zwei  Ausnahmen  hat  sich  bei  13  schweren  Tuberkulosen  der  Zustand  der 
Kranken  gebessert.  Das  Fieber  sank,  der  Appetit  hob  sich,  das  Gewicht 
nahm  zu,- in  einem  Falle  12,5  kg.  der  Auswurf  und  die  Nachtschweisse  wurden 
geringer,  auch  der  Bazillenbefund  besserte  sich  und  der  Prozess  zeigte  in 
der  Mehrzahl  der  Fälle  kein  Fortschreiten. 

Ich  machte  6  Blutinjektionen  in  Abständen  von  8  Tagen  —  das  Blut 
entnehme  ich  nach  Möglichkeit  von  Blutsverwandten,  sonst  von  kräftigen 
jungen  Menschen.  Dr.  S.  L  e  v  y  -  Köln. 

Assistenten-  und  Studentenbelangc. 

Rückgang  der  Doktordissertationen. 

Der  Rückgang  der  Doktordissertationen  ist  aus  einer  Zusammenstellung 
des  Antiquariats  von  G.  Fock  in  Leipzig  zu  ersehen.  Die  Gesamtzahl 
dieser  Dissertationen  —  einschliesslich  akademischer  Abhandlungen  —  be¬ 
trug  im  Jahre  1920—21  2688,  im  Jahre  1921—22  dagegen  1254.  Die  stärkste 
Einbusse  haben  die  medizinischen,  staats-  und  volkswissenschaftlichen  Publi¬ 
kationen  zu  verzeichnen.  Für  das.  Jahr  1922—23  fehlt  noch  die  Zusammen¬ 
stellung.  die  ein  der  Teuerung  entsprechendes  Resultat  erwarten  lässt. 

Bücherbeschaffung  für  fortgeschrittene  Studierende. 

Privatdozenten  und  Professoren. 

Um  fortgeschrittenen  Studierenden,  Privatdozenten  und  Professoren,  die 
sich  ständig  geisteswissenschaftlicher  Forschung  widmen,  eine  erweiterte 
Möglichkeit  zur  Beschaffung  der  dazu  erforderlichen  Bücher  zu  gewähren, 
ist  im  Einvernehmen  mit  der  „Notgemeinschaft  der  deutschen  Wissenschaft“ 
ein  „Bücherbeschaffuijgsfonds“  errichtet  worden.  Die  Beschaffung  soll  in  der 
Weise  erfolgen,  dass  das  einzelne  Buch  den  Gelehrten,  der  es  zunächst  be¬ 
nötigt,  nicht  zum  dauernden  Besitz,  sondern  zur  zeitweiligen  Benutzung 
überlassen  und  dann  der  betreffenden  Universitätsbibliothek  bzw.  den 
Seminarbibliotheken  einverleibt  wird,  um  weiteren  Benutzern  zu  dienen. 
Die  erste  Anschaffung  jedoch  soll  auf  Antrag  der  einzelnen,  insbesondere 
jüngeren  Gelehrten  und  Forschern  erfolgen,  bei  denen  sich  die  Unmöglichkeit, 
aus  eigenen  Mitteln  die  notwendigen  Bücher  zu  erwerben,  immer  bedrohlicher 
geltend  macht.  Die  Notstandsaktion  soll  nicht  der  Ergänzung  der  Biblio¬ 
theken,  sondern  dem  Forschungsbedürfnis  des  einzelnen  Gelehrten,  und  zwar 
mit  Geltung  für  das  ganze  Reich,  dienen. 

Die  Verwaltung  des  Fonds  erfolgt  durch  ein  Kuratorium,  das  aus  den 
Herren  Staatssekretär  Prof.  Dr.  B  e  c  k  e  r,  Wirkl.  Geh.  Rat  Prof.  Dr.  v.  H  a  r- 
n  a  c  k  und  Staatsminister  Dr.  Schmidt-Ott  besteht. 

Zuschriften  in  der  Angelegenheit  sind  zu  richten  an  das  Kuratorium  des 
Bücherbeschaffungsfonds  zu  Händen  des  Herrn  Staatssekretärs  Becker, 
Berlin  W.  8,  Unter  den  Linden  4.  P.  H.  T. 


Tagesgeschichtliche  Notizen. 

München,  den  11.  Juli  1923. 

—  Dem  Bayerischen  Landtag  ist  der  Entwurf  eines  Ge¬ 
setzes  über  die  Bayerische  Aerzteversorgung  zugegangen. 
Der  Entwurf  ermächtigt  das  Staatsministerium  des  Innern,  eine  mit  Rechts¬ 
persönlichkeit  ausgestattete  Anstalt  des  öffentlichen  Rechtes  zu  errichten,  die 
den  Zweck  hat,  den  in  Bayern  wohnenden  approbierten  Aerzten,  Zahnärzten 
und  Tierärzten  ünd  ihren  Hinterbliebenen  eine  Versorgung  zu  gewähren.  Er 
regelt  nur  die  grundsätzlichen  Fragen  und  überlässt  im  übrigen  die  Ordnung 
der  Verhältnisse,  insbesondere  von  Recht  und  Pflicht  zur  Mitgliedschaft, 
Beginn  und  Ende  der  Mitgliedschaft,  der  Verpflichtung  zur  Beitragsleistung, 
der  Höhe  der  Beiträge,  der  Satzung,  die  von  der  Versicherungskammer  mit 
Zustimmung  des  Verwaltungsausschusses  erlassen  wird  und  der  Genehmigung 
des  Staatsministcriums  des  Innern  bedarf.  Die  Anstalt  wird  von  der  Ver- 


932 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  28. 


Sicherungskammer  unter  Mitwirkung  des  Verwaltungsausschusses  verwaltet 
und  untersteht  der  Auisicht  des  Staatsministeriums  des  Innern.  Die  Kosten 
der  Verwaltung  trägt  der  Staat.  Der  übrige  Bedarf  der  Anstalt  wird  durch 
Pflichtleistungen  der  Mitglieder  nach  Massgabe  der  Satzung  aufgebracht. 
Ueber  Streitigkeiten  entscheidet  der  Spruchausschuss  der  Versicherungs¬ 
kammer  im  ersten,  das  Schiedsgericht  im  zweiten  und  letzten  Rechtszug. 
Die  Schaffung  einer  Versorgung  für  approbierte  Apotheker  und  Hebammen 
wird  von  den  Beteiligten  schon  seit  Jahren  angestrebt.  Der  Entwurf  sieht 
daher  die  Möglichkeit  vor,  bei  der  Anstalt  für  sie  besondere  selbständige 
Abteilungen  zu  errichten.  Bis  zur  Klärung  der  einschlägigen  Verhältnisse 
bleibt  die  Anstalt  auf  die  approbierten  Aerzte,  Zahnärzte  und  Tierärzte  be¬ 
schränkt.  Der  Entwurf  ist  für  die  Belange  der  Volksgesundheit  im  all¬ 
gemeinen  und  für  die  Mittelstandsfürsorge  im  besonderen  von  nicht  zu  unter¬ 
schätzender  Bedeutung. 

—  Durch  Verordnung  des  Reichsarbeitsministers  wurde  die  versiche¬ 
rungspflichtige  Einkommensgrenze  in  der  Angestellten¬ 
versicherung  auf  einen  Jahresarbeitsverdienst  von  27  Millionen  (im 
besetzten  Gebiet  34  Mill.)  Mark,  in  der  Krankenversicherung  auf 
21  (bzw.  24)  Mill.  M.  erhöht. 

—  Der  Reichsarbeitsminister  hat  in  Rücksicht  auf  den  Notstand  der 
freiberuflichen  Aerzteschaft  den  beamteten  Aerzten  des  Versorgungs¬ 
wesens  die  Ausübung  der  Kassenpraxis  untersagt. 

—  Nach  dem  Einspruch  des  Reichsrates  ist  zu  erwarten,  dass  das 
Gesetz  zur  Bekämpfung  der  Geschlechtskrankheiten, 
nicht,  wie  vorgesehen,  zum  1.  Oktober  d.  J.  in  Kraft  tritt,  da  sich  der 
Reichstag  im  Herbst  erneut  mit  der  Frage  befassen  muss. 

—  Die  Berliner  Kaiser  - Wilhelm -  Akademie  für  ärzt¬ 
lich-soziales  Versorgungswesen  ist  in  den  Bereich  des 
Reichsministeriums  des  Innern  übergeführt  worden.  Die  Anstalt  wird  dem 
Reichsgesundheitsamt  angegliedert;  auf  diese  Weise  bleiben  die  wertvolle 
medizinische  Bibliothek  und  die  'kriegs-  und  konstitutions-pathologische 
Sammlung  erhalten  und  können  wie  bisher  für  die  wissenschaftliche  For¬ 
schung  wie  für  die  Fortbildung  der  Aerzte  nutzbar  gemacht  werden. 

—  Am  7.  Juli  d.  J.  fand  in  München  der  8.  Bayerische  Chi¬ 
rurgentag  statt.  Zu  Beginn  der  Versammlung,  über  die  wir  in  nächster 
Nummer  berichten  werden,  wurde  in  der  chirurgischen  Klinik  die  Bronze- 
büsteExz.  v.  Angerers  enthüllt.  Sein  Nachfolger  und  jetziger  Direktor 
der  Klinik,  Geh.  Hofrat  Prof.  Dr.  Sauerbruch,  fügte  seinen  warmen 
Gedenkworten  den  herzlichsten  Dank  des  Denkmalausschusses  an  die 
Freunde  und  Schüler,  die  früheren  Kranken  und  sonstigen  Verehrer  hinzu,  die 
durch  ihre  Spenden  die  Beschaffung  der  Büste  ermöglicht  hatten. 

—  ln  Niederösterreich  sind  die  Dienst-  und  Ruhebezüge  der  Gemeinde¬ 
ärzte  neu  geregelt  worden.  Die  Dienstbezüge  bestehen  aus  dem  Grund¬ 
gehalt,  aus  Dienstalterszulagen  und  einem  Ortszuschlage;  hiezu  wird  ein 
Teuerungsbeitrag  gewährt.  Der  Grundgehalt  beträgt  jährlich  1000  Kronen 
und  steigt  bis  zum  vollendeten  30.  Dienstjahre  nach  je  drei  Jahren  um 
zehn  Prozent  des  Anfangsgehaltes  (Dienstalterszulagen).  Behufs  Bemessung 
des  Ortszuschlages  werden  die  gemeindeärztlichen  Stellen  nach  dem  Umfange 
der  mit  der  einzelnen  Stelle  verbundenen  Arbeitsleistung  und  dem  Grade 
der  Schwierigkeit  der  Verseilung  des  gemeindeärztlichen  Dienstes  in  drei 
Klassen  eingeteilt,  und  zwar  gebühren  dem  Inhaber  einer  Stelle  der  I.  Klasse 
40  Proz.,  der  11.  Klasse  60  Proz.  und  der  111.  Klasse  80  Pro-  des  Grund¬ 
gehaltes  als  Ortszuschlag.  Der  Teuerungsbeitrag  wird  am  1.  Januar  1923  mit 
dem  740  fachen  des  Monatsbezuges  festgesetzt,  steigt  oder  fällt  in  den  folgen¬ 
den  Monaten  nach  der  Indexziffer  und  ist  auf  Hundert  abzurunden.  Die 
Ruhebezüge  werden  entsprechend  erhöht. 

—  ln  Berlin  wurde  ein  Heilgehilfe  wegen  Verbrechens  gegen 
das  keimende  Leben  in  700  Fällen  zu  6  Jahren  Zuchthaus  verurteilt. 

—  Bei  Besprechung  des  Haushalts  des  Gesundheitsmini- 
steriiiras  im  engl.  Unterhaus  (12  504  210  Pfd.  St.)  machte  der  Gesund¬ 
heitsminister  Neville  Chamberlai  n  einige  bemerkenswerte  Mitteilungen. 
Er  'betonte  die  Bedeutung  des  Gesundheitsdienstes  für  die.  Nation.  1922 
seien  19  500  000  Arbeitswochen  allein  von  der  versicherten  Bevölkerung 
durch  Krankheit  verloren  worden.  Aber  die  für  die  öffentliche  Gesundheit 
gemachten  Ausgaben  seien  nicht  vergeblich. t  Während  der  ersten  10  Jahre 
des  Jahrhunderts  war  die  Sterblichkeit  15,4  auf  Tausend;  sie  fiel  im  nächsten 
Jahrzehnt  auf  14,3  (ohne  die  im  Kriege  Gefallenen);  im  vergangenen  Jahre 
war  sie  nur  12,8.  Die  Lebenserwartung  in  allen  Bevölkerungsklassen  steige 
andauernd;  ein  heute  geborenes  Kind  könne  eine  um  12  Jahre  längere  Lebens¬ 
dauer  erwarten  als  sein  Grossvater.  Die  Todesfälle  an  Krebs  seien  in  der 
Zunahme;  sie  betrugen  96  auf  1000  aller  Todesfälle.  1900  war  die  Krebs¬ 
sterblichkeit  829  auf  1  Million  der  Bevölkerung,  1910  907  und  1921  1215. 
Drei  Körperschaften  beschäftigen  sich  in  England  mit  Krebsforschung:  der 
Cancer  Research  Fund,  das  Middlesex  Hospital  und  das  Cancer  Hospital  in 
London;  dazu  kommt  in  neuester  Zeit  die  British  Empire  Cancer  Campaign. 
Besser  als  über  den  Krebs  lautet  der  Bericht  über  die  Tuberkulose.  1867 
starben  auf  1  Million  der  Bevölkerung  an  Tuberkulose  2653;  1887  noch  1685, 
1907  1125  und  1921  nur  noch  883.  Die  Geschlechtskrankheiten,  die  nach 
dem  Krieg  stark  zugenommen  haben,  seien  jetzt  in  rascher  Abnahme  begriffen 
und  näherten  sich  jetzt  wieder  normalen  Zahlen.  Er  führt  diesen  Erfolg  zum 
guten  Teil  zurück  auf  die  im  ganzen  Land  entstandenen  (191)  Fachkliniken; 
diese  sollen  noch  vermehrt  werden.  Mit  grosser  Sorge  betrachtet  der 
Minister  das  Wiederaufleben  der  Pocken.  1917  gab  es  nur  7  Pockenfälle  im 
Königreich;  1922  waren  es  973  Fälle  und  1923  waren  es  bis  zum  16.  Juni 
schon  955  Fälle.  Vor  20  Jahren  wurden  75  v.  H.  der  Neugeborenen  ge¬ 
impft,  heute  nur  38  v.  H.  Er  wies  auf  die  Verantwortlichkeit  derer  hin, 
die  gegen  die  Impfung  arbeiten.  Die  günstige  Kindersterblichkeit  wird  auf 
die  Tätigkeit  der  Kinderfürsorgestellen  zurückgeführt,  deren  es  jetzt  1950  im 
Lande  gibt.  Der  Gesundheitshaushalt  konnte  in  zwei  Jahren  durch  Ein¬ 
sparungen  um  4  750  000  Pfd.  St.  verkürzt  werden. 

—  Das  Kanadische  Parlament  hat  dem  Dr.  F.  G.  B  a  n  t  i  n  g  in  Toronto, 
dem  Entdecker  des  Insulin,  zur  Fortführung  seiner  Arbeiten  ein  Jahres¬ 
gehalt  von  7500  Dollars  ausgesetzt. 

—  Die  Goldene  Medaille  der  Royal  Society  of  Medi¬ 
ci  n  e  wurde  dem  Prof.  F.  Gowland  Hopkins,  Professor  der  Biochemie 
an  der  Universität  Cambridge,  zuerkannt. 

—  Die  Ostdeutsche  Sozialhygienische  Akademie  in 
Breslau  veranstaltet  vom  1.  Oktober  bis  22.  Dezember  1923  einen  Lehr¬ 
gang  zur  Ausbildung  von  Kreisärzten,  Kommunal-,  Schul-  und  Für¬ 
sorgeärzten,  der  alle  Gebiete  der  Sozialen  Hygiene.  Sozialen  Pathologie, 
Gesundheits-  und  Krankenfürsorge,  Medizinalgesetzgebung,  Versicherungs¬ 


medizin  und  Aerztlichen  Standeso-rganisation  umfasst.  Die  Teilnahme  am 
Lehrgang  ist  Bedingung  für  die  Zulassung  zur  Kreisarztprüfung  und  in  der 
Rege!  auch  für  die  Anstellung  als  kommunaler  Medizinalbeamter.  Die  für 
Kreisärzte  verlangten  Sonderkurse  in  Gerichtlicher  Medizin,  Pathologischer 
Anatomie  und  Bakteriologie  und  Hygiene  sind  im  Lehrplan  vorgesehen. 
Nähere  Auskunft  und  Programme  durch  das  Sekretariat  der  Akaderme, 
Breslau  XVI,  Maxstrasse  4. 

—  Man  schreibt  uns;  Die  in  den  Tagen  vom  18.  Juni  bis  2.  Juli  vom 
Landesverbände  für  das  ärztliche  Fortbildungswesen  in  Bayern  gemeinsam 
mit  dem  Aerztlichen  Verein  München  veranstalteten  sieben  Fortbil¬ 
dungsvorträge  über  Syphilis  hatten  sich,  wie  es  ja  bei  den 
Namen  der  Vortragenden  auch  nicht  anders  zu  erwarten  war,  von  seiten 
der  Münchener  Aerzteschaft  durchgehends  eines  sehr  reichen  Besuches  zu 
erfreuen.  Eine  Frage  allerdings  drängt  sich  einem  wieder  auf  die  Lippen;  Wo 
steckt  unsere  ärztliche  Jugend?  Wenn  man  den  Blick  über  die  oft  Kopf 
an  Kopf  gedrängt  sitzende  Zuhörermenge  schweifen  liess,  man  erblickte  stets 
die  gleichen  längst  bekannten  Gesichter,  aber  der  Nachwuchs  fehlte  grössten¬ 
teils.  Ist  er  so  begütert,  sich  Bücher  und  Zeitschriften  selbst  beschaffen  zu 
können  oder  ist  er  schon  so  klug?  Ich  glaube  doch,  auch  ihnen  hätten  die 
Vortragenden  Mancherlei  des  Neuen  und  Wissenswerten  zu  sagen  gehabt. 

—  Infolge  der  auch  in  d.  W.  S.  864  gebrachten  Notiz  über  Ver¬ 
gebung  von  Stiftungsgeldern  der  Gesellschaft  deut¬ 
scher  Naturforscher  und  Aerzte  zu  wissenschaftlichen  Arbeiten 
hat  ein  norddeutscher  Industrieller  die  verfügbare  Summe  von  M.  220  000. — 
auf  M.  550  0000  erhöht,  und  ein  Schweizer  Professor  hat  noch  50  Schweizer 
Franken  dazu  gestiftet.  Die  Frist  für  Einreichung  von  Gesuchen  an  die 
Adresse  des  ständigen  Sekretärs,  Prof.  Dr.  B.  R  a  s  s  o  w,  Leipzig,  Nürn- 
bergerstr.  43  wird  infolgedessen  bis  zum  20.  Juli  1923  verlängert. 

—  In  Berlin  erscheint  in  spanischer  Sprache  eine  neue  röntgenologische 
Zeitschrift;  Revista  de  Radiologia-X  (Revista  de  Roentgenologia), 
herausgegeben  von  Dr.  Kurt  I  m  m  e  1  m  ann  unter  Mitwirkung  namhafter 
Röntgenologen.  Verlag  von  A.  H  a  a  c  k  Buchdruckerei,  Berlin;  Preis  M.  6000, 
für  das  3.  Vierteljahr. 

Hochschulnachrichten 

F  r  e  i  b  u  r  g  i.  B.  Das  nach  seiner  Zerstörung  durch  eine  Fliegerbombe 
(1916)  neuerbaute  anatomische  Institut  wurde  durch  eine  Festrede  des 
Prof.  Eugen  Fischer  feierlich  eingeweiht. 

Halle  a.  S.  Der  Verlagsbuchhändler  Eduard  Urban  in  Berlin  ist 
zum  Ehrendoktor  (Dr.  med.  h.  c.)  ernannt  worden. 

Hamburg.  Den  Privatdozenten  der  medizinischen  Fakultät  Dr.  med. 
Franz  Oehleeker  (Chirurgie),  Dr.  phil.  Karl  ü  r  a  w  i  n  k  e  1  (Zahn- 
lieilkunde),  Dr.  med.  et  phil.  Erich  Martini  (Medizinische  Entomologie) 
und  Dr.  Leopold  Schwarz  (Hygiene)  wurde  die  Amtsbezeichnung 
,, Professor"  verliehen. 

Heidelberg..  Die  Liste  der  Vorschläge  für  die  Nachfolge  von 
A.  Kossel  lautete:  1.  T  r  e  n  d  e  1  e  n  b  u  r  g  -  Tübingen,  2.  Pütter- 
Kiel,  3.  Paul  Hoffmann-  Würzburg.  Nachdem  T  rendelenburg  be¬ 
schlossen  hat,  in  Tübingen  zu  bleiben,  ist  der  Ruf  an  P  ü  1 1  e  r  ergangen. 

Münche  n.  Habilitiert:  Dr.  Hugo  Spatz  für  Psychiatrie.  Habili¬ 
tationsschritt:  Ueber  den  Nachweis  von  Eisen  im  Gehirn. 

Todesfall. 

Man  schreibt  uns:  Am  Mittwoch  den  16.  Mai  ds.  Js.  ist  in  Dresden 
der  Direktor  der  neuzeitlichen  Abteilung  des  Deutschen  Hygienemuseums  in 
Dresden,  Regierungsrat  Dr.  Friedrich  W  o  i  t  h  e,  gestorben.  Der  Tod  dieses 
verdienstvollen  Mannes  und  ausgezeichneten  Kollegen  bedeutet  für  das 
Deutsche  Hygienemuseum  und  für  die  ärztliche  Wissenschaft  einen  besonders 
schweren  und  in  bestimmter  Hinsicht  kaum  zu  ersetzenden  Verlust.  Seinem 
Gedächtnis  seien  hier  einige  Worte  dankbaren  Gedenkens  gewidmet.  Ur¬ 
sprünglich  bayerischer  Sanitätsoffizier,  war  er  als  solcher  in  den  Jahren 
19Ub — 1910  zum  Kaiserlichen  Gesundheitsamt  kommandiert.  Von  seinen 
wissenschaftlichen  Arbeiten  a.us  dieser  Zeit  sind  besonders  die  grundlegenden 

gemeinsamen  Arbeiten  mit  U  h  1  e  n  h  u  t  h  über  die  chemotherapeutische  Be¬ 

handlung  der  Dourine  mit  Atoxyl  sowie  namentlich  auch  seine  gemeinsame 
Arbeit  mit  Phil.  Kuhn  über  ungewöhnliche  Bakterienbefunde  bei  Ruhr¬ 
kranken  besonders  hervorzuheben,  in  welcher  die  ersten  Feststellungen  über 
agglutinierende  Bakterien  mitgeteilt  und  der  Forschung  ein  vollkommen 

neues  Gebiet  erschlossen  wurde.  Verschiedene  Arbeiten  auf  dem  Gebiete 
der  Laboratoriumstechnik,  zu  denen  er  durch  eine  einzigartige  technische 

Begabung  und  auch  ein  nicht  gewöhnliches  persönliches  technisches  Geschick 
besonders  befähigt  war,  haben  ebenfalls  zahlreiche  Neuerungen  gebracht,  die, 
wie  das  Sedimentoskop,  das  Agglutinoskop,  die  Reagenzglasgestelle  mit  Feder¬ 
klammern  und  die  verschiedenen  Apparate  zum  Arbeiten  mit  wilden  Ratten, 
in  den  Laboratorien  ständige  Anwendung  gefunden  haben.  Seine  besonderen 
Leistungen  als  Abteilungsvorstand  der  wissenschaftlichen  Abteilung  der  Inter¬ 
nationalen  Hygieneausstellung  in  Dresden  1911  veranlassten  Lingner  ihn, 
nachdem  er  kurze  Zeit  als  Mitglied  wieder  dem  Kaiserlichen  Gesundheitsamt 
angehört  hatte,  als  Direktor  der  neuzeitlichen  Abteilung  des  Deutschen' 
Hygienemuseums  nach  Dresden  zu  berufen.  Auch  auf  diesem  ihm  besonders 
gelegenen  Arbeitsfelde  hat  er  durch  Ausgestaltung  der  Darstellungstechnik 
neue  Wege  gewiesen  und  es  verstanden,  durch  die  von  ihm  in  mustergültiger 
Weise  vorbereiteten  und  durchgeführten  Ausstellungen  über  Tuberkulose,  über 
Säuglingssterblichkeit  und  über  das  Wesen  und  die  Bekämpfung  der  Ge¬ 
schlechtskrankheiten  das  Deutsche  Hygienemuseum  und  seine  Bestrebungen 
für  die  hygienische  Volkserziehung  wirklich  volkstümlich  zu  machen.  Nach 
seinem  bescheidenen  anspruchslosen  Wesen  liebte  er  es  nicht  in  der  Oeffent- 
lichkeit  persönlich  besonders  hervorzutreten,  in  der  Stille  aber  hat  er  sich 
immer  voll  neuer  Ideen  und  Pläne  bis  zuletzt  unermüdlich  und  ohne  Rück¬ 
sicht  auf  ein  durch  die  Teilnahme  am  Kriege  zugezogenes  Leiden  rastloser 
Arbeit  hingegeben,  um  die  weitere  Entwicklung  des  ihm  anvertrauten  Werkes 
zu  fördern.  Seine  Mühen  waren  nicht  vergebens.  Das  hier  von  ihm  Ge¬ 
leistete  bildet  die  wohlausgebaute  Grundlage  für  die  fernere  Arbeit  des 
Deutschen  Hygienemuseums  wie  für  alle  weiteren  Bestrebungen  hygienischer 
Aufklärungsarbeit.  H  a  e  n  d  e  1.  ,1 


Reichsteueruncsindex. 

Der  Reichsteuerungsindex  für  Ernährung,  Heizung,  Beleuchtung,  Wohnung 
und  Kleidung  beträgt  für  den  Monat  Juni  7650  (im  Mai  3816).  Basiszahl 
1913/14  =  1. 

Die  Buchändler-Schlüsselzahl  ist  ab  5.  VII.  1923:  12  000. 


Verlag  von  J.  F.  Lehmann  ln  München  SW.  2,  Paul  Heyse-Str.  26.  —  Druck  von  E.  Mühlthaler’s  Buch-  und  Kunstdruckerei  O.m.b.H.  München. 


Prf!»  dfr  einzelnen  Nummer  freibleibend  M  1800.-.  .  Bezugspreis 
in  Deutschland  und  Ausland  siehe  unter  Bezugsbedingungen. 
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für  die  Schriftleitune:  Arnulfstr.  26  (Sprechstunden  8V» — 1  Uhr), 
für  Bezug:  an  J.  F.  L  c  hm  an  n  s  V  er  lag,  Paul  Hcyse-Strasse  26. 


MÜNCHENER 


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Leo  Waibcl,  München,  Theatinerstrasse  3  und  sämtliche 
Geschäftsstellen  der  „Ala“  Vereinigte  Anzeigen-Gesell- 
schaften  H  aase  nstein&  Vogl  er  A.G.,  Daube  8tCo.  m.b  H. 
Anzeigenschluss  immer  5  Arbeitstage  vor  Erscheinen. 


Medizinische  Wochenschrift 


■ 


ORGAN  FÜR  AMTLICHE  UND  PRAKTISCHE  ÄRZTE. 


Nr.  29.  20.  Juli  1923. 


Schriftleitung:  Dr.  B.  Spatz,  Arnulfstrasse  26. 
Verlag:  J.  F.  Lehmann,  Paul  Heysestrasse  26. 


70.  Jahrgang. 


Der  Verlag  behält  sich  das  ausschliessliche  Recht  der  Vervielfältigung  und  Verbreitung  der  in  dieser  Zeitschrift  zum  Abdruck  gelangenden  Originalbeiträge  vor 


Originalien. 

Aus  dem  Anatomischen  Institut  der  Universität  Hamburg. 

Bemerkungen  zur  Beurteilung  gefärbter  Kernstrukturen 
in  fixierten  Präparaten. 

Von  Wilhelm  v.  Möllendorff. 

In  einer  demnächst  in  der  Zschr.  f.  d.  ges.  Anatomie  erscheinenden 
Arbeit  [1]  konnte  dargelegt  werden,  dass  die  aus  den  Färbeergebnissen 
jun  fixierten  Präparaten  für  gewöhnlich  gezogenen  Schlüsse  an  ande¬ 
ren  Strukturen,  so  vor  allem  an  den  Kernsubstanzen,  dringend  einer 
Nachprüfung  bedürfen.  Eine  physiko-chemische  Analyse  des  Färbe¬ 
vorganges  zeigte,  dass  eine  Gegensätzlichkeit  azidophiler  und  baso¬ 
philer  Strukturen  in  dem  Sinne,  wie  sie  jetzt  durchschnittlich  ange¬ 
nommen  wird,  gar  nicht  existiert.  Vielmehr  müssen  bei  der  Beurtei¬ 
lung  der  Färbung  zwei  Erscheinungen  streng  auseinandergehalten 
werden,  die,  um  nichts  Hypothetisches  in  die  Namen  zu  legen,  zweck- 
mässg  als  Durchtränkungsfärbung  und  als  Nieder¬ 
schlagsfärbung  bezeichnet  werden  sollen. 

Beide  Begriffe  sind  von  der  reinen  Beobachtung  des  tatsäch¬ 
lich  in  gefärbten  Präparaten  Vorhandenen  abgeleitet.  Von  einer 
Durchtränkungsfärbung  kann  man  überall  da  sprechen,  wo 
Jie  genaueste  mikroskopische  Analyse  einer  Struktur  ergibt,  dass 
JieStruktur  selbst  durch  und  durch  von  gelöstem  Farb¬ 
stoff  durchdrängt  ist,  während  Niederschlagsfärb  ung 
in  solchen  Fällen  vorliegt,  wo  zu  der  tatsächlich  vorhandenen  Struk¬ 
tur  feinste  bis  gröbste  Farbstoffniederschläge  hin¬ 
zutreten. 

Einer  Durchtränkungsfärbung  sind  alle  Strukturen  zu¬ 
gänglich,  sofern  die  Farbstoffe  in  der  richtigen  Form  angewendet 
werden  und  sofern  der  betreffende  Farbstoff  nicht  zur  Niedersclilags- 
bildung  (s.  u.)  neigt,  wodurch  bei  manchen  Strukturen  eine  Durcli- 
tränkungsfärbung  mehr  oder  weniger  vollständig  verhindert  werden 
kann.  Es  gibt  gewisse  Strukturen,  die  nur  der  Durchtränkungs- 
rärbung  zugänglich  sind,  so  vor  allem  das  Muskelzytoplasma,  die 
-•osinophilen  Granula,  die  Erythrozyten.  An  solchen  Strukturen  ist 
durch  systematische  Versuche  festgestellt  worden  [2],  dass  lediglich  die 
Dispersität  der  Farbstofflösungen  über  das  Ergebnis 
Jer  Färbung  entscheidet,  dass  es  dagegen,  sofern  man  nur  die  Dis¬ 
persität  beobachtet,  völlig  gleichgültig  ist,  ob  man  saure 
pder  basische  Farbstoffe  zur  Färbung  wählt.  Für  Struk¬ 
turen,  die  nur  einer  Durchtränkungsfärbung  zugänglich  sind,  kann 
mithin  von  einer  Baso-  resp.  Oxyphilie  nicht  gut  gesprochen  werden. 
Sehr  wichtig  ist,  dass  man  mit  sauren  Farbstoffen  ausnah  m  s  - 
os  Durch  tränkungsfärbungen  erhält,  die  man  in  bekann¬ 
ter  Weise  bei  Anwendung  von  Mehrfachfärbungen  (van  Giesons 
Pikrofuchsin,  Mallorys  Bindegewebsfärbung  u.  v.  a.)  sehr  fein 
differenzieren  kann.  Hierbei  ist  massgebend,  dass  die  einzelnen  Kom¬ 
ponenten  solcher  Gemische  eine  möglichst  verschieden  grosse  i)iffu- 
>ionsfähigkeit  besitzen.  Dann  wird  immer  der  diffusiblere  Farbstoff 
n  die  „dichteren“,  der  mehr  kolloide  Farbstoff  in  die  „locker  ge- 
>auten“  Strukturen  eingelagert.  Nach  Aufklärung  dieser  Verhältnisse, 
Jie  im  wesentlichen  schon  A.  Fischer  [3]  und  A.  Pappenheim 
4]  gelungen  war,  sind  die  Prinzipien  des  Färbens  mit  sauren  Farb¬ 
stoffen  und  Farbstoffgemischen  relativ  leicht  übersehbar. 

Bei  der  Färbung  mit  basischen  Farbstoffen  lässt  sich  da¬ 
gegen,  wie  oben  angedeutet,  die  gleiche  Gesetzmässigkeit  nur  an 
solchen  Strukturen  leicht  nachweisen,  die  nur  einer  Durchtränkungs- 
ärbung  zugänglich  sind.  Sobald  wir  andere  Strukturen  untersuchen, 
.vird  die  Beurteilung  der  Durchtränkungsfärbung  durch  das  Hinzu- 
vonimen  des  zweiten  Phänomens,  der  obenerwähnten  Niederschlags- 
ärbung,  gestört.  Sehr  mühsame  Untersuchungen,  die  in  der  eingangs 
rwälinten  Mitteilung  im  einzelnen  dargelegt  werden,  haben  zu  dem 
Ergebnis  geführt,  dass  alle  für  eine  Färbung  mit  basischen  Farben 
ils  charakteristisch  angesehenen  Erscheinungen  auf  das  Entstehen 
der  Niederschlagsfärbung  zurückzuführen  sind.  Dazu  gehören:  die 
scharfe  Hervorhebung  der  Mastzellengranula,  der  Knorpelinterzellu- 
arsubstanz,  des  Schleimes,  gewisser  Kernstrukturen  u.  a. 

Günstige  Objekte  haben  nun  ausser  allen  Zweifel  gestellt,  dass  die 
Niederschlagsfärbung  stets  an  Strukturgrenzen 
Auftritt,  also  ein  Oberflächenphänomen  ist.  Die  Prägnanz  der  Fär- 

N..  29. 


bung  mit  einem  „guten  basischen  Kernfarbstoff“  hat  man  dem  Um¬ 
stand  zu  verdanken,  dass  gewisse  Strukturen  durch  einen  feiust- 
körnigen  Belag  von  Niederschlägen  scharf  hervorgehoben  werden. 
Diese  intensiv  dunkle  Färbung  feinster  Strukturen  lässt  sich  mit  einer 
reinen  Durchtränkungsfärbung,  die  den  Farbstoff  stets  in  Lösungsform 
erhält,  gar  nicht  erzielen,  ln  den  allermeisten  Fällen  (z.  B.  elastische 
Fasern,  Knorpel,  Mastzellen,  Schleim)  lässt  sich  der  körnige  Cha¬ 
rakter  solcher  Färbungen  ohne  weiteres  durch  eingehende  Betrachtung 
mit  stärksten  Vergrösserungen  feststellen;  auch  die  Überflächenlage 
ist  vielerorts  ohne  weiteres  zu  sehen,  so  vor  allem  an  den  elasti¬ 
schen  Fasern  des  Nackenbandes,  an  der  Oberfläche  der  Nukleolen; 
an  anderen  Strukturen  lässt  sich  das  gleiche  Verhalten  theoretisch 
ableiten.  Beweisend  für  unsere  Auffassung  sind  aber  vor  allem  physi¬ 
kochemische  Untersuchungen  über  das  Wesen  der  Niederschlags¬ 
färbung.  Es  hat  sich  nämlich  herausgestellt,  dass  die  Niederschläge 
das  Ergebnis  der  Ausflockung  der  basischen  Farb¬ 
stoffe  mit  sauren  Kolloiden  darstellen.  Als  solche  dienten 
uns  saure  kolloide  Farbstoffe,  Nukleinsäuren,  Phosphormolybdän¬ 
säure.  Die  mit  solchen  Säuren  im  Reagenzglas  zu  erzielenden  Nieder¬ 
schläge  basischer  Farbstoffe  stimmten  nach  Intensität,  Farbe  und  Al¬ 
kohol-  resp.  Aetherlöslichkeit  vollkommen  mit  den  der  „Nieder¬ 
schlagsfärbung“  in  den  Präparaten  zugrunde  liegenden  Gebilden  über¬ 
ein.  Durch  diese  Erkenntnis  ist  auch  die  histologische  Seite  des 
Phänomens  der  Metachromasie  basischer  Farbstoffe,  wie  Thionin, 
Toluidinblau, Safranin, Neutralrot, gelöst.  Metachromatisch  ge¬ 
färbt  sind  mit  diesen  Farbstoffen  stets  die  Orte 
der  Niederschlagsfärbung  (Mastzellengranula,  Knorpel, 
Schleim,  Amyloid,  Chromatin);  metachromatisch  sind  bei  diesen  Farb¬ 
stoffen  auch  stets  die  im  Reagenzglas  mit  kolloidalen  Säuren  zu  ei- 
zielenden  Niederschläge,  und  zwar  um  so  reiner,  je  vollständiger  die 
Ausflockung  ist.  (Nähere  Angaben  hierüber  siehe  in  der  eingangs 
erwähnten  Arbeit  1.) 

Wir  können  demnach  annehmen,  dass  diejenigen  Strukturen,  die 
mit  dazu  geeigneten  Farbstoffen  eine  metachromatische  Färbung  er¬ 
geben  (dieselben  Strukturen  werden  mit  „einfachen“  basischen  Farb¬ 
stoffen  im  gleichen  Ton  wie  die  Lösung  durch  Niederscdiläge  gefärbt), 
eine  kolloide  Säure  enthalten,  die  den  eindringenden  Farbstoff  a  n 
der  Oberfläche  der  Struktur  ausflockt.  Von  der  Art  der  Säure 
wird  es  abhängen,  ob  das  Flockungsprodukt  im  Alkohol,  den  wir  ja 
in  der  Regel  zum  Entwässern  der  Präparate  benutzen,  vollständig 
unlöslich  oder  mehr  oder  weniger  löslich  ist.  Tritt  nämlich  eine  teil¬ 
weise  Lösung  ein,  so  sind  alle  einzelnen  Niederschläge  von  Diffusions¬ 
schichten  umgeben,  die  natürlich  im  Lösungston  der  Farbe  erscheinen. 
Daher  kommt  es  z.  B.,  dass  in  einem  Thioninpräparat  zwar  die  Mast- 
zellenkörner  rein  rot,  die  Kernstrukturen  dagegen  ebenso  wie  die 
Nisslkörper  mehr  violett  erscheinen.  Die  Mastzellenniederschläge  sind 
im  Alkohol  so  gut  wie  unlöslich,  während  die  Chromatinniederschläge 
eine  geringe  Alkohollöslichkeit  aufweisen.  Durch  weitere  experimen¬ 
telle  Verfolgung  dieser  Gedankengänge  wird  es  vielleicht  einmal  ge¬ 
lingen,  aus  der  Gesamtheit  der  der  Niederschlagsfärbung  zugänglichen 
Strukturen  einzelne  genauer  zu  charakterisieren.  Es  ist  sehr  wohl 
denkbar,  dass  die  „Basophilie“  des  Kernes  auf  seinem  Gehalt  an 
Nukleinsäure,  diejenige  des  Knorpels  auf  dem  Vorhandensein  der 
Chondroitinschwefelsäure  beruht.  Man  müsste  die  betr.  Reaktions¬ 
produkte  der  basischen  Farben  kolloidchemisch  vergleichend  unter¬ 
suchen. 

Wenden  wir  nun  diese  theoretischen  Vorstellungen  auf  das  Bild 
an,  das  uns  die  Kern  Strukturen  in  fixierten  Präparaten  dar¬ 
bieten,  so  kommen  wir  zu  wesentlich  anderen  Ergebnissen,  als  sie 
bisher  allgemein  als  mehr  oder  weniger  sicher  betrachtet  wurden. 
Es  dürfte  angebracht  sein,  diese  Dinge  einmal  kurz  einem  wciteien 
Kreise  zu  unterbreiten,  um  so  mehr,  als  soeben  auch  von  anderer 
Seite  versucht  wurde,  die  auf  diesem  Gebiete  herrschenden  Dogmen 
zu  erschüttern.  Oto  Tamura  [5],  der  seine  Untersuchungen  noch 
vor  dem  Kriege  bei  K  e  i  b  e  1  begann,  kommt  an  Hämatoxylin-Eosin- 
Präparaten  zu  folgenden  Vorstellungen.  Sowohl  das  Chromosom,  die 
Nukleolen,  wie  das  Chromatin  des  ruhenden  Kernes  besitzen  eine 
„Doppelstruktur“,  nämlich  eine  „basophile“  Hülle  und  einen  „oxy- 
philen“  Inhalt.  Färbt  man  nämlich  nur  schwach  mit  Hämatoxylin,  so 
gelingt  der  Nachweis,  dass  sich  sowohl  in  den  Chromosomen,  wie  im 
Nukleolus  der  Inhalt  mit  Eosin  färbt,  während  das  Hämatoxylin  nur 
eine  oberflächliche  Hülle  färbt.  Es  unterliegt  gar  keinem  Zweifel,  dass 
diese  Beobachtungen  Tamuras  richtig  sind;  sie  entsprechen  voll¬ 
kommen  unseren  Befunden. 


2 


034 


Aiünchener  medizinische  Wochenschrift. 


Nr.  29. 


Es  würde  hier  viel  zu  weit  führen,  wollte  ich  im  einzelnen  auf 
die  sehr  interessanten,  wenn  auch  nicht  bindenden  Schlüsse  ein- 
gehen,  die  Tamura  aus  seinen  Beobachtungen  ziehen  zu  müssen 
glaubt.  Ich  möchte  nur  betonen,  dass  ich  es  für  sehr  bedenklich  halte, 
aus  den  reinen  Färbungserscheinungen  eine  substantielle  Identifi¬ 
zierung  des  Nukleolus  und  des  Chromatins  abzuleiten.  Dazu  genügen 
auch  meines  Erachtens  nicht  die  wenigen  Verdauungsversuche  mit 
Pepsinsalzsäure,  die  Tamura  anführt.  Nur  darin  muss,  entgegen 
der  jetzt  vorherrschenden  Ansicht,  eine  Uebereinstimmung  in  unseren 
beiderseitigen  Befunden,  die  für  mich  sehr  wertvoll  ist,  gesehen  wer¬ 
den,  dass  aus  den  Färbeerscheinungen  allein  eine  substantielle  Ver¬ 
schiedenheit  in  den  gröberen  Kernbestandteilen  nicht  hervorgeht.  Die 
Färbeerscheinungen  allein  genommen  zwingen  mich  aber  weiterhin, 
auch  die  Annahme  abzulehnen,  dass  man  den  Inhalt  der  gesamten 
Kernsubstanzen  als  oxyphil  einer  basophilen  Oberflächenschichte 
gegenübersteiien  darf.  Dieser  Schluss  ist  rein  aus  dem  gefärbten 
Bilde  gezogen,  ohne  irgendeine  Berücksichtigung  des  allgemeinen 
färberischen  Verhaltens  dieser  Strukturen  gegenüber  zahlreicnen 
Farbstoffen  und  ohne  Berücksichtigung  der  Farbstoffeigenschaften. 
Hier  führen,  so  glaube  ich,  unsere  Untersuchungen  einen  Schritt 
weiter.  Spezielle  Untersuchungen,  die  aber  mit  den  allgemeinen  Er¬ 
fahrungen  vollständig  übereinstimmen,  wurden  nur  an  den  Kernen 
des  Salamanderdarmes  unternommen.  Es  ist  sehr  lehrreich,  die 
Struktur  dieser  grossen  Zellkerne  vergleichend  mit  sauren  Farb¬ 
stoffen  und  verschiedenen  basischen  Farbstoffen  gefärbt  mit  stärksten 
Systemen  zu  untersuchen.  Besonders  Doppelfärbungen  mit  sauren 
Farbstoffgemischen  geben  ein  klares  Bild  von  dem  Aufbau  der  Kerne 
(Eosin-Phosphormolybdänsäure-Methylblau  [6]).  Die  Nukleolen 
ebenso  wie  die  Chromosomen  sind  durch  und  durch  rot  gefärbt,  wäh¬ 
rend  das  „Kerngerüst“  in  seinen  verschiedenen  Teilen  hell  bis  dunkel¬ 
blau  erscheint.  Dunkler  färben  sich  besonders  die  gröberen  Teile, 
in  denen  wir  uns  mit  Heidenhain  [7]  zahlreiche  Chromiolen  ein¬ 
gelagert  vorstellen  müssen;  diese  treten  allerdings  mit  dieser  Methode 
nicht  different  hervor. 

Wenn  M.  Heidenhain  im  wesentlichen  aus  seiner  Färbung  mit 
Vanadiumhämatoxylin  unter  den  Chromiolen  Oxy-  und  Basichromiolen  unter¬ 
scheidet,  so  vermag  ich  ihm  aus  dem  Grunde  nicht  beizupflichten,  weil  eine 
Differentfärbung  von  Körnchen  mit  Vanadiumhämatoxylin  über  Oxy-  resp. 
Basöphilie  nichts  aussagen  kann.  Vanadiumhämatoxylin  verhält  sich  durchaus 
wie  ein  homogenes,  aus  einer  Reihe  verschieden  diffusionsfähiger  saurer 
Farbstoffe  bestehendes  Gemisch,  das  in  den  Präparaten  nur  Strukturen  ver¬ 
schiedener  Dichtigkeit,  aber  nicht  solche  verschiedenen  chemischen  Charakters 
nachzuweisen  imstande  ist. 

Sowohl  die  Nukleolen,  Chromosomen,  wie  das  „Kerngerüst“  (ein¬ 
schliesslich  der  Chromiolen)  sind  bei  solchen  Färbungen  vollkommen 
von  Farbstoff  durchtränkt.  Die  Farbendifferenz  ist  gemäss  den  oben 
gemachten  Andeutungen,  die  ich  hier  nicht  näher  ausführen  will,  nur 
auf  Unterschiede  in  der  Dichtigkeit  der  Strukturen  zurückzuführen. 
Ich  will  hier  nur  erwähnen,  dass  schon  A.  P  a  p  p  e  n  h  e  i  m  [4]  die 
Nukleolen  als  engporiger  ansah  wie  das  „Chromatin“,  worin  ich  ihm 
im  wesentlichen  beipflichte. 

Wie  verhalten  sich  nun  dieselben  gegenüber  einer  Färbung  mit 
basischen  Farbstoffen?  Hier  kommt  es  ganz  darauf  an,  ob  der  betr. 
basische  Farbstoff  ein  „Niederschlagsfärber“  ist  oder  nicht.  Da  alle 
von  mir  untersuchten  basischen  Farbstoffe  bis  zu  einem  gewissen 
Grade  Niederschläge  bilden,  so  kann  man  sich  stets  auf  ein  von  der 
Färbung  mit  sauren  Farbstoffen  abweichendes  Bild  gefasst  machen. 
Am  meisten  weicht  dies  Bild  jedoch  dann  von  der  „sauren“  Färbung 
ab,  wenn  man  stark  zur  Niederschlagsbildung  neigende  Farbstoffe 
benutzt,  wozu  alle  unsere  „guten  Kernfarbstoffe“  zu  rechnen  sind, 
also  Thionin,  Toluidinblau,  Safrunin,  Bismarckbraun  u.  a.  Diese  Farb¬ 
stoffe  haben  ausserdem  die  Eigenschaft,  dass  sie  sehr  leicht  diffun¬ 
dieren,  woraus  es  erklärlich  wird,  dass  sie  an  sich  sehr  schlecht  zu 
einer  Durchtränkungsfärbung  geeignet  sind.  Die  letztere  wird  nun 
aber  vor  allem  dadurch  verhindert,  dass  der  Farbstoff  sofort  bei 
seiner  Ankunft  an  der  Oberfläche  der  Kernstruktur  ausgeflockt  wird. 
In  dieser  Ausflockung  ist  der  wesentliche  Unter¬ 
schied  der  basischen  Färbung  gegenüber  der 
sauren  zu  erblicken.  Sie  bewirkt  es  einmal,  dass  das  basi¬ 
sche  Kernbild  soviel  „schärfer“  ist  als  das  saure  (bei  der  Färbung 
mit  sauren  Farbstoffen  bilden  sich  eben  keine  Niederschläge).  Ferner 
ist  aber  stets  die  Kernstruktur  bei  einer  Färbung  mit  basischen  Farb¬ 
stoffen  bedeutend  gröber,  sofern  man  nur  überhaupt  einen  Teil  der 
Niederschläge  bei  der  Differenzierung  im  Präparat  lässt.  Jeder  weiss 
zudem,  dass  bei  der  Färbung  mit  basischen  Farbstoffen  ebenso  wie 
bei  der  Anwendung  von  Beizenfarbstoffen,  die  den  basischen  darin 
völlig  zu  gleichen  scheinen,  je  nach  dem  Differenzierungsgrade  das 
Chromatin  reichlicher  oder  weniger  reichlich  erscheint.  Schon  aus 
dieser  einen  Tatsache  allein  erhellt  die  Unzuverlässigkeit  aller  dieser 
Färbungen  für  eine  feinere  Beurteilung  der  Chomatinstruktur. 

In  Wirklichkeit  liegt  nun  anscheinend  folgendes  vor.  Bei  der  Färbung 
mit  basischen  Farbstoffen  bildet  sich  an  der  Oberfläche  aller  Struk- 
tuien  des  Zellkernes  ebenso  wie  an  der  Oberfläche  der  Chromosomen 
eine  Niederschlagszone  aus;  hieraus  wird  es  selbstverständlich,  dass 
die  wirkliche  Struktur  durch  diese  Niederschläge  verdeckt  und  ver¬ 
gröbert  wird.  Diese  Vergröberung  wird  noch  bedeutender,  wenn  man 
es  mit  einem  Farbstoff  zu  tun  hat,  dessen  Niederschlag  nicht  alkohol- 
fest  ist  (hierin  konnten  wir  grosse  Unterschiede  unter  den  unter¬ 
suchten  Farbstoffen  feststellen,  die  vollkommen  mit  den  Unterschieden 
in  der  Alkoholfestigkeit  der  Kernfärbungen  fibereinstimmten).  Löst 


sich  nämlich  der  Niederschlag  beim  Durchführen  der  Präparate  durch 
Alkohol  teilweise  auf,  so  entstehen  Diffusionszonen  um  jeden  einzelnen 
Niederschlag  herum,  die  bei  irgend  stärkerer  Ausprägung  der  Kern¬ 
struktur  ein  verwaschenes  Aussehen  verleihen.  Bei  Farbstoffen, 
deren  Niederschläge  metachromatisch  sind,  erscheinen  diese  Diffu- 
sionsringe  im  Lösungstone,  wodurch  sehr  bunte  Bilder  entstehen  (oft 
bei  einer  Färbung  mit  Toluindinblau  oder  Methylviolett  zu  beobach¬ 
ten).  Diese  Diffusionszonen  sind  auch  der  Grund,  warum  die  Ker.i- 
strukturen  trotz  des  Vorhandenseins  der  Niederschläge  bei  der  Fär¬ 
bung  mit  metachromatischen  Farbstoffen  niemals  rein  metachroma- 
tisch  erscheinen,  sondern  in  einem  Mischton.  Dieser  ist  so  zu  er¬ 
klären,  dass  die  metachromatischen  Niederschläge  durch  die  Diffu¬ 
sionszonen  überlagert  sind,  wie  wir  stets  einwandfrei  feststellen 
konnten.  Es  müssen  chemische  Differenzen  sein,  die  den  verschie¬ 
denen  Farbton  der  metachromatisch  färbbaren  Strukturen  in  den 
Präparaten  bedingen;  diese  Differenzen  beruhen  darauf,  dass  das 
Farbstoffflockungsprodukt  mit  den  verschiedenen  sauren  Kolloiden 
verschieden  stark  alkohollöslich  ist  (s.  o.). 

Eine  starke  Niederschlagszone  umgibt  auch  stets  die  Nukleoien, 
so  dass  die  Farblosigkeit  des  Inhalts  dadurch  verdeckt  wird.  Aus 
diesem  Grunde  erscheinen  z.  B.  in  Thioninpräparaten  die  Nukleolen 
zumeist  rotviolett  gefärbt;  diese  Färbung  haftet  aber,  wie  wir  ein¬ 
wandfrei  feststellen  konnten  (man  betrachte  durchschnittene  Nu¬ 
kleolen  mit  dem  Z  e  i  s  s  sehen  Bitumi),  stets  nur  an  der  Überfläche 
des  Nukleolus,  während  der  Inhalt  desselben  annähernd  farblos  ist, 
vielleicht  eine  geringe  Blaufärbung  aufweist.  Viel  deutlicher  noch 
treten  diese  Erscheinungen  bei  der  Färbung  mit  Neublau  R  auf. 

Derartige  Beobachtungen  zeigen  also,  dass  die  Phänomene  der 
Durchtränkungsfärbung  und  der  Niederschlagsfärbung  an  den  Kern¬ 
strukturen  ebenso  zur  Geltung  kommen  wie  an  anderen  Gewebe¬ 
bestandteilen.  Welche  Schlüsse  können  wir  demnach  aus  dem  ge¬ 
färbten  Kernbild  ziehen?  Eine  Oxyphilie  lässt  sich  an  keinem  Be¬ 
standteil  des  Zellkernes  feststellen.  Alle  Teile,  die  der  Färbung  durch 
saure  Farbstoffe  zugänglich  sind,  lassen  sich  mit  geeigneten  basischen  * 
Farbstoffen  ebenfalls  färberisch  darstellen.  Wir  haben  gesehen,  dass 
dies  bei  den  typischen  „Kernfarbstoffen“  durch  eine  Niederschlags¬ 
bildung  geschieht.  Es  gibt  aber  auch  solche  basische  Farbstoffe,  die 
durchtränkend  färben;  zu  ihnen  gehört  z. B.  Viktoriablau,  Nilblau¬ 
sulfat  und  Rhodamin;  hier  kommt  es  neben  einer  geringeren  Nieder-  ‘ 
schlagsfärbung  zu  einer  deutlichen  Durchtränkung  der  Nukleolen,  der 
Chromosomen  und  des  „Gerüstes“.  Man  kann  also  auch  den  Inhalt 
der  genannten  Strukturen  nicht  mit  Tamura  als  oxyphil  bezeichnen. 

Was  nun  eine  Basöphilie  bestimmter  Bestandteile  betrifft,  so 
glaube  ich,  dass  man  wohl  graduelle  Unterschiede  insofern  annehmen 
darf,  als  die  Niederschlagsbildung  nicht  an  allen  Teilen  der  Kern¬ 
struktur  gleich  stark  ist.  Im  allgemeinen  sind  die  gröberen  Bestand¬ 
teile,  wie  Nukleolen,  gröbere  Teile  des  „Gerüstes“  und  Chromo¬ 
somen,  von  der  Niederschlagsbildung  bevorzugt.  Bei  stärkerer  Fär¬ 
bung  aber  werden  die  Oberflächen  aller  Kernstrukturen  durch  die 
Niederschläge  hervorgehoben.  Dann  erscheint  nur  noch  der  I  n  - 
halt  der  gröberen  Strukturen  nicht  „basophil“;  es  ist  aber  klar, 
dass  dies  nur  aus  dem  Grunde  so  erscheint,  weil  die  Niederschlags¬ 
färbung  eben  ein  Oberflächenphänomen  ist.  Die  Färbungsergebnisse 
sagen  uns  also  überhaupt  nur  aus,  dass  in  den  Kernstrukturen  ein 
saures  Kolloid  enthalten  ist,  das  mit  basischen  Farbstoffen  nach  dein 
Prinzip  der  gegenseitigen  Ausflockung  entgegengesetzt  geladener  Kol¬ 
loide  Niederschläge  bildet,  und  dass  die  letzteren  den  Oberflächen 
der  Strukturen  anhaften.  Das  Basic hromatin  aber  besteht  zum 
guten  Teil  aus  dem  Flockungsprodukt,  ist  also  ganz  von  der  Art 
der  Präparateherstellung  abhängig,  m.  a.  W.  ist  zum  grossen  Teil  ein 
Kunstprodukt. 

Diese  Feststellungen  ergeben  also,  dass  man,  was  die  Farben¬ 
affinität  anlangt,  bei  den  Kernstrukturen  überhaupt  nur  von  einer 
„Basöphilie“  sprechen  kann,  worunter  dann  aber  nur  das  Phä¬ 
nomen  der  Niederschlagsfärbung  zu  verstehen  ist.  Nur 
bei  diesem  Phänomen  lässt  sich  wirklich  eine  Abhängigkeit  der  Fär¬ 
bung  von  physikochemischen  Konstanten  aufweisen.  Die  Färbbarkeit 
der  Strukturen  mit  sauren  Farbstoffen  lässt  dagegen  keinen  Schluss 
auf  eine  Oxyphilie  zu,  da  es  sich  hier  ja  nur  um  einen  Sonderfall  der 
Durchtränkungsfärbung  handelt,  die  man  auch  mit  vielen  basischen 
Farbstoffen  erreichen  kann.  Die  Durchtränkungsfärbung  aber  regelt 
sich  lediglich  nach  der  Teilchengrösse  der  Farbstoffe  und  nach  der 
Porengrösse  resp.  dem  Quellungsgrad  der  Strukturen. 

Wir  müssen  also  nach  diesen  Feststellungen  unsere  oft  über¬ 
trieben  eingehenden  Vorstellungen  über  die  Zusammensetzung  der 
Kernstrukturen,  soweit  sie  Färbungen  ihrem  Ursprung  verdanken, 
bedeutend  einschränken.  Selbstverständlich  halte  ich  es  für  un¬ 
richtig,  nun  in  den  umgekehrten  Fehler  zu  verfallen  und  etwa  aus 
dem  gleichartigen  Verhalten  aller  Kernstrukturen  den  Farbstoffen 
gegenüber  auf  eine  substantielle  Identität  der  Strukturen  unterein¬ 
ander  zu  schliessen.  Wir  haben  genügend  Ansätzte  zu  einer  Ana¬ 
lyse  der  Kernsubstanzen,  die  sich  anderer  Methoden  bedienen  (s.  d. 
Arbeiten  von  Zacharias  [8],  P.  G.  U  n  n  a  [9],  P  r  a  t  j  e  [10]);  doch 
auch  solche  Arbeiten  mögen  aus  unserer  Analyse  der  Färbungsphäno¬ 
mene  Nutzen  ziehen.  Die  bisherigen  Ergebnisse  lassen  bindende 
Schlüsse  nicht  zu,  da  sie  meist  von  dem  von  uns  als  unrichtig  an¬ 
gefochtenen  Gegensatz  von  oxyphilen  und  basophilen  Strukturen 
ausgehen. 


20.  Juli  1923. 


Münchener  Medizinische  Wochenschrift. 


9,-Sp 


Als  praktische  Folgerung  glaube  ich  noch  hinzufiigen  zu  können, 
dass  man  in  der  Verwendung  der  Färbung  künftig  systematischer 
verfahren  sollte.  Alle  Arbeiten,  die  sich  mit  dem  Aussehen  der 
wirklichen  Kernstrukturen  und  ihrer  Veränderungen  beschäftigen, 
sollten  vorzugsweise  von  Färbungen  Gebrauch  machen,  bei  denen 
die  Niederschiagsbildung  keine  Rolle  spielt,  also  von  Färbungen  mit 
sauren  Farbstoffen;  besonders  die  Gemische,  die  dem  Mallory- 
schen  nachgebildet  sind,  die  Mann  sehe  Eosin-Methylblaufärbung 
und  andere  derartige  Mischungen  ergeben  ja,  richtig  angewandt, 
ausgezeichnete  Kernfärbungen.  Auch  die  basischen  Farbstoffe  lassen 
natürlich  wichtige  Schlüsse  über  den  Zustand  der  Kernsubstanzen  zu, 
aber  man  muss  eben  durchaus  mit  den  Niederschlägen  rechnen,  die 
die  wahre  Struktur  verdecken  und  zudem  in  ihrer  Stärke  von  so 
vielen,  oft  gar  nicht  zu  fassenden  Zufälligkeiten  abhängen,  dass  solche 
Färbungen  für  feinere  Kernstudien  nicht  als  besonders  zuverlässig 
bezeichnet  werden  dürfen.  Das  gleiche  gilt  anscheinend  für  die 
Beizenfärbungen.  Diese  Färbungen  sollten  dagegen  überall  da  ihren 
Ehrenplatz  behalten,  wo  es  darauf  ankommt,  die  Kerne  möglichst 
different  zu  färben,  weil  dieselben  nur  als  Wegweiser  dienen  sollen, 
um  die  Präparate  möglichst  übersichtlich  zu  gestalten.  Dies  vermögen 
basische  und  Beizenfarbstoffe  eben  wegen  der  bei  ihrer  Anwendung 
auftretenden  Niederschläge  in  ausgezeichneter  Weise  und  besser  zu 
leisten  als  die  sauren  Farbstoffgemische. 

Die  obigen  Ausführungen  stellen  nur  einen  Anfang  dar;  mögen 
sie  dazu  beitragen,  die  Bearbeitung  des  Problems  der  histologischen 
Färbung  wieder  zu  beleben.  Die  kolloidchemischen  Fortschritte 
werden  uns  hier  noch  viele  Aufklärungen  bringen;  nur  ihre  systema¬ 
tische  Anwendung  wird  auch  das  histologische  Färben  aus  einer 
technischen  Kunst  in  eine  wissenschaftliche  Methode  umwandeln. 

Literatur. 

1.  Wilh.  und  Milie  v.  Möllen  dorff:  Durchtränkungs-  und  Nieder- 
j  Schlagsfärbung  als  Haupterscheinungen  bei  der  histologischen  Färbung,  er¬ 
scheint  in  der  Zschr.  f.  d.  ges.  Anat.  —  2.  Wilh.  v.  Möllendorff  und 
H.  A.  Krebs,  1923:  Die  Färbbarkeit  des  Skelettmuskelgewebes.  Arch.  f. 
mikr.  Anat.  97.  —  3.  A.  Fischer:  Fixierung,  Färbung  und  Bau  des  Proto¬ 
plasmas.  Jena  1899.  —  4.  A.  Pappenheim:  Farbchemie.  Berlin  1900.  — 
5.  Oto  Tamura:  Morphologische  Studie  über  Chromosomen  und  Zellkerne. 
Arch.  f.  Zellforsch.  1923,  17,  131—164.  —  6.  S  t  ö  h  r  -  v.  Möllendorff: 
Lehrbuch  der  Histologie,  1922,  19.  Aufl.  —  7.  M.  H  e  i  d  e  n  h  a  i  n,  1908, 
1911:  Plasma  und  Zelle.  Jena.  —  8.  Zacharias:  Die  chemische  Be- 
ischaffenheit  von  Protoplasma  und  Zellkern.  Progr.  rei  botan.  1910,  3, 
67 — 258  —  9.  P.  Q.  Unna:  Chromolyse.  Abderhaldens  Handb.  d.  biolog. 
Arbeitsmethoden,  1922.  —  10.  A.  Pratje:  Zur  Chemie  des  Noctiluca- 
|  Zellkernes.  Zschr.  f.  Anat.  u.  Entw.gesch.  1921,  62. 


Aus  der  chirurgischen  Universitätsklinik  Bürger-  und  Augusta- 
hospital  Köln.  (Direktor:  Prof.  Dr.  Frangenheim.) 

Der  „Saugkatheterismus“  der  Harnblase  und  seine 
praktische  Bedeutung. 

Von  Prof.  Dr.  Fritz  Kroh,  Oberarzt  der  Klinik. 

Im  November  1920  wurde  der  22  jährige  Kranke  Peter  Schav.  wegen  Urin¬ 
fistel  in  der  rechten  Nierengegend  in  klinische  Behandlung  genommen;  die 
Anamnese  war  recht  verworren.  Im  Anschluss  an  eine  Nierenschussverletzung, 
die  im  Felde  und  in  der  Heimat  angeblich  mehrfach  operativ  angegriffen 
wurde,  sei  die  Urinfistel  entstanden,  der  letztbehandelnde  Chirurg  sollte  die 
Fistel  als  tuberkulösen  Ursprungs  angesprochen,  die  operative  Entfernung  des 
—  Nierenrestes  —  vorgeschlagen  haben. 

Tatsächlich  litt  der  Kranke  an  einer  offenen  Lungentuberkulose:  Das 
Röntgenbild  zeigte  charakteristische  Veränderungen;  stärkere  Lungenblutungen 
wurden  während  der  Behandlungszeit  mehrfach  von  uns  beobachtet. 

In  der  rechten  Nierengegend,  am  unteren  Ende  einer  alten,  längs  der 
12.  Rippe  hinziehenden  Operationsnarbe  fand  sich  eine  linsengrosse,  von 
grauen  schlaffen  Granulationen  ausgekleidete  Fistelöffnung,  aus  der  in 
abwechselnd  kleineren  und  grösseren  Mengen  graue  wässrige,  von  feinsten 
Fibrinfetzen  durchsetzte,  urinös  riechende  Massen  ausgeschieden  werden;  die 
rechte  Ureterenöffnung  und  ihre  nähere  Umgebung  erschienen  nicht  krankhaft 
verändert,  Flüssigkeit  wurde  aus  derselben  nicht  in  die  Blase  ausgeschieden; 
Farbstoff,  der  unter  leichtem  Druck  in  den  rechten  Ureter  gespritzt  wird, 
erscheint  sofort  in  der  Fistelöffnung  —  eine  röntgenographische  Untersuchung 
des  Ureters  und  des  Nierenbeckens  unterblieb  — ;  die  mikroskopische  Unter¬ 
suchung  eines  aus  dem  Fistelgange  herausgeschnittenen  Gewebsstückes  er¬ 
brachte  kein  Zeichen  einer  bestehenden  tuberkulösen  Infektion. 

Wenn  auch  nicht  völlige  Klarheit  über  die  Entwicklungsgeschichte  dieser 
Fistel  erbracht  wurde,  entschlossen  wir  uns  zur  Beseitigung  derselben  allem 
schon  deshalb,  weil  der  Kranke  durch  die  Ausscheidungen  ausserordentlich 
belästigt  wurde. 

Operation  in  Mischnarkose.  Die  Fistelöffnung  wird  verschorft,  Um¬ 
schnitten,  durch  Naht  verschlossen,  der  Fistelkanal  weit  im  Gesunden  prä¬ 
pariert  bis  an  ein  walnussgrosses,  derbes  Gewebsstück  —  den  Nierenrest  — 
heran,  der  unmittelbar  in  das  Nierenbecken  —  dieses  ist  die  Ursprungsstelle 
des  Fistelkanals!  —  übergeht.  Der  Ureter  ist  auf  Bleistiftdicke  geschwollen 
und  derbwandig  bis  zur  Kreuzdarmbeinfuge  heran,  weiter  beckenwärts  von 
normaler  Beschaffenheit.  Einfingerbreit  unterhalb  der  Grenze  des  kranken 
gegen  den  scheinbar  gesunden  Ureterabschnitt  wird  der  Harnleiter  zwischen 
zwei  dicken  Katgutligaturen  mit  Glühstift  durchtrennt,  das  distale  Ende  noch 
einmal  unterbunden,  zur  Sicherung  noch  ein  gestielter  Fettlappen  auf  den 
Stumpf  gesteppt.  Die  histologische  Untersuchung  des  Fistelganges,  der  Niere 
und  des  Ureters  zeigt  das  typische  Bild  einer  chronischen,  nicht  spezifischen 
Entzündung. 

Eine  epikritische  Besprechung  des  bis  hierhin  geschilderten  Status 
morbi  erübrigt,  der  Fall  interessiert  uns  von  einem  ganz  anderen  Ge¬ 
sichtspunkt  aus.  „  .  , 


Am  10.  läge  nach  Operation  —  der  Heilverlauf  war  unkompli¬ 
ziert,  die  Wunde  primär  verheilt,  die  Naht  entfernt  —  zeigte  sich  iin 
Bereiche  des  unteren  Nahtabschnittes  —  über  Nacht  zur  Entwici\- 
lung  gekommen  —  eine  hühnereigrosse,  ballottierende,  drückenden 
Schmerz  verursachende  Geschwulst.  Die  Geschwulst  vergrösserte 
sich  zusehends,  das  quälende  Spannungsgefühl  wurde  schliesslich  un¬ 
erträglich,  die  Naht  dehnte  sich  mehr  und  mehr,  ein  Hustenstoss  - 
und  die  Geschwulst  war  nach  aussen  hin  durchgebrochen,  im  Schwall 
eine  grosse  Menge  klaren  Urins  entleert,  eine  vollständige  Ureteren- 
fistel  wieder  etabliert. 

Der  operative  Harnleiterverschluss  hatte  demnach  trotz  zwie¬ 
facher  Sicherung  der  Belastung  durch  den  retrograd  andrängenden 
Urin  nicht  standgehalten!  —  Mit  Unterstreichung  dieses  Befundes 
beginnt  unser  eigentliches  Thema.  -  Einer  Erklärung  der  Aetiologie 
dieser  immerhin  bemerkenswerten  Komplikation  haben  wir  weiter 
nicht  nachgespürt,  möchten  nur  hervorheben,  dass  ein  Reizzustand 
der  Blase  und  konsekutive  krankhafte  Kontraktionen  ihrer  Muskulatur 
die  Abstossung  des  Urins  in  den  Harnleiterstumpf  nicht  haben  ver¬ 
anlassen  können:  die  Blasenschleimhaut  war  intakt,  der  auf  normalem 
Wege  entleerte  Urin  frei  von  krankhaften  Beimengungen;  auch  nach 
Entstehung  der  Harnleiterfistel  war  das  Bild  der  Harnleitermündung 
regelrecht. 

Mit  allen  möglichen  Mitteln  griffen  wir  die  Fistel 
a  n:  Wir  versuchten  den  Dauerkatheterismus,  verbanden  denselben 
mit  Heberdrainage  —  ohne  jeglichen  Erfolg  — ;  wegen  be¬ 
drohlicher  Urethritis  und  Reizung  des  rechten  Nebenhodens  musste  der 
Katheter  nach  4  tägigem  Verweilen  wieder  entfernt  werden;  wir  regulierten 
den  Flüssigkeitskonsum  —  auch  dieses  war  ohne  jeglichen  Belang  — ;  die 
Fistelöffnung  wurde  verklebt,  durch  die  Naht  und  über  dieselbe  verlagerte  und 
fixierte  Hautfalten  verschlossen,  der  Fistelkanal  verschorft,  verstopft  - —  es 
war  nutzlos.  Einen  einigermassen  erträglichen  Zustand  verschaffte  schliesslich 
ein  gutsitzendes,  mit  einem  dünnen  Nelatonkatheter,  der  in  den  Fistelkanal 
geführt  wurde,  verbundenes  Urinal.  Der  Kranke  musste  aus  äusseren  Gründen 
schliesslich  entlassen  werden. 

Etwa  2  Jahre  später,  am  11.  VIII.  1922,  erschien  der  Kranke,  inzwischen 
Morphinist  geworden,  wieder  in  der  Klinik  mit  der  dringenden  Bitte  um  Be¬ 
seitigung  seines  Leidens;  er  gab  uns  Vollmacht  zur  Anstellung  jeden  Be¬ 
handlungsversuches. 

Der  örtliche  Befund  war  unverändert  geblieben;  ohne  Schwierigkeit 
gelangte  man  mit  einem  weichen  Kathter  durch  den  Fistelkanal  in  die  Blase- 
die  Blasenschleimhaut  war  leicht  entzündlich  gereizt;  der  Urin  klar,  von 
saurer  Reaktion,  enthielt  wenige  Epithelien. 

Noch  einmal  versuchten  wir  für  die  Dauer  von  3  Tagen  die  Heberdrainage 
der  Blase  — ,  auch  wieder  —  das  war  nach  unseren  früheren  Erfahrungen 
schliesslich  zu  erwarten  —  ohne  jeden  Erfolg. 

Bei  Abwägung  operativer  Aussichten  —  Verknotung  des  Harn¬ 
leiterendes  oder  Resektion  desselben  mit  Einschluss  seines  vesikalen 
Abschnittes  —  kam  uns  der  Gedanke,  mit  einer  radikaleren  Therapie, 
mit  der  permanenten  Trockenlegung  der  Blase,  wenigstens  einen  Ver¬ 
such  zu  machen;  die  instrumenteile  Entleerung  der  Blase  musste  sich 
aktiver  gestalten,  der  Urin,  kaum  dass  er  in  die  Blase  entleert  wurde, 
abgesogen  werden,  auch  der  kleinsten  Urinanstauung,  der  Wirkung 
jeder  aktiven  und  passiven  Bewegung  der  Blase  begegnet  werden, 
wenn  eine  Trockenlegung  und  dadurch  schliesslich  die  narbige  Ver¬ 
ödung  der  Harnleiterfistel  erzwungen  werden  sollten! 

Der  kontinuierlich  wirkende  Saugstrom  schien  mir  auch  in  diesem 
Fall  das  gegebene  Behandlungsmittel  zu  sein!  Dieser  Gedanke  kam 
mir  nicht  von  ungefähr! 

Die  Absicht,  der  Verwendung  des  kontinuierlich  von  der  Wasserstrahl¬ 
pumpe  gelieferten  Saugstroms,  der  von  Perthes  1898  schon  der  Empyem¬ 
behandlung  dienstbar  gemacht  wurde,  neue  Indikationsgebiete  zu  gewinnen, 
beschäftigt  mich  seit  15  Jahren.  Damals  schon,  1  Jahr  vor  der  Mitteilung 
Krauses  über  günstige  Erfahrungen,  die  er  mit  der  Ansaugung  bei  Exstir¬ 
pation  von  Gehirngeschwülsten  gemacht  hatte,  konnte  ich  Bardenheuer 
und  meine  Koassistenten  von  der  schonenden,  gleichwohl  kräftigen  Wirkung 
eines  an  den  Saugstrom  angeschlossenen  Saugglases  bei  Ansaugung  und 
Fixierung  der  Lunge,  des  Herzens  und  einzelner  Bauchorgane  überzeugen; 
Demonstrationen  der  von  uns  geübten  Beckendrainage  bei  eitriger  Peritonitis, 
d.  i.  die  permanente  Absaugung  der  in  einem  dicken  Glasdrain  sich  an¬ 
sammelnden  Sekretmassen  mittels  „Saugkatheter“  folgten;  1914 
beschrieb  ich  die  „Saugmassag  e“  —  sie  hat  sich  bis  zum  heutigen  Tage 
bewährt x).  Im  gleichen  Jahre  konstruierte  ich  den  „S  a  u  g  t  u  p  f  e  r",  der  an 
eine  kräftigere  Saugstromquelle  als  an  die  Wasserstrahlpumpe  angeschlossen, 
den  Verbrauch  von  Tupfern  bei  Operation  sicherlich  ganz  bedeutend  ein¬ 
schränken  würde;  genügt  doch  schon  ein  Mullstück  von  der  Grösse  eines 
halben  Tupfers,  um,  aufgenommen  von  dem  Endstück  der  an  die  Wasserstrahl¬ 
pumpe  angeschlossenen  Saugleitung,  mittelgrosse  Operationsgebiete  von  An¬ 
fang  bis  zum  Ende  bluttrocken  zu  erhalten.  Durch  Imprägnierung  des  kleinen 
Mullstückes  mit  einer  1  proz.  Natrium  citricum-Lösung  gelingt  es,  das  Blut 
bis  zum  Eintritt  in  die  sterilisierte  Vakuumflasche  flüssig  zu  erhalten,  damit 
zu  Reimplantationszwecken  wieder  verwendbar  zu  machen. 

Unter  dem  Eindruck  dieser  bislang  mit  dem  Saugstrom  erzielt  n 
Ergebnisse  stehend,  setzten  wir,  im  voraus  auf  einen  guten  Erfolg 
gefasst,  den  Aspirationsversuch  an.  In  die  Blase  hinein  wird  ein 
Nelatonkatheter  geführt,  dieser  durch  Gummischlauch  mit  einer 
4  Liter  fassenden  Vakuumflasche,  diese  Flasche  in  gleicher  Weise  mit 
der  Wasserstrahlpumpe  verbunden,  der  mit  der  Wasserstrahl¬ 
pumpe  verbundene  Gummischlauch  wird  an  ein  kurzes,  der  andere  an 
ein  ungefähr  bis  zum  Boden  der  Flasche  reichendes  Glasrohr  ange¬ 
schlossen. 

Kaum  dass  der  Saugstrom  einsetzte,  versiegte  die  Urinausschei¬ 
dung  aus  der  Harnleiterfistel;  nach  3  mal  24  ständiger  ununterbroene- 


l)  Beitrag  zur  Behandlung  peritonealer  Adhäsionen.  M.m.W.  1914  Nr.  7. 

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MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


ner  Trockenlegung  der  Blase  musste  der  Katheter  wegen  wieder  auf¬ 
tretender  heftiger  Urethritis  entfernt  werden;  die  Mullkompresse, 
die  gleichzeitig  von  der  Fistelöffnung  entfernt  wurde,  war  nur  mit  ge¬ 
ringen  Mengen  eines  eingetrockneten  nichturinösen  Sekrets  durch¬ 
setzt,  die  Fistelöffnung  mit  einer  festen  Borke  bedeckt. 

Zur  weiteren  Sicherung  dieses  schon  ermutigenden  Erfolges 
wurde  eine  hohe  Blasenfistel  angelegt,  ein  Pezzerkatheter  an  die  bei¬ 
den  Harnleiteröffnungen  geführt,  die  Blasen-  und  Bauchdeckenwunde 
bis  dicht  an  den  Katheter  heran  wieder  verschlossen,  der  Katheter 
mit  der  Vakuumflasche  verbunden.  —  5  Tage  später  verlässt 
der  Kranke  mit  der  Absicht,  sich  Morphium  zu  besorgen,  heimlich  die 
Klinik,  wird  aber  gefasst,  uns  mit  Krankenwagen  zugeführt,  sofort 
wieder  an  die  Saugleitung  gelegt.  —  Die  Harnleiterfistel  war  und  blieb 
geschlossen.  Nach  insgesamt  3  wöchiger  Saugbehandlung  entwickelte 
sich  eine  Zystitis,  die  sich  nach  Spülbehandlung  sehr  bald  besesrte. 

Um  ganz  sicher  zu  gehen,  Hessen  wir  den  Saugstrom  noch  10  läge 
einwirken.  Inzwischen  war  die  Bauchdeckenwunde  bis  an  den  Drai¬ 
nagekanal  heran  primär  verheilt,  die  Harnleiterfistelwunde  fest  ver¬ 
narbt.  7  Tage  nach  Entfernung  des  Katheters  ist  auch  die  Blasen¬ 
fistel  geschlossen,  Kranker  ausser  Bett.  Häufiger  Harndrang  und 
krampfartige  Schmerzen  zu  Beginn  der  Urinentleerung  sind  die  ein¬ 
zigen  Beschwerden,  über  die  der  Kranke  —  nach  Entfernung  des 
Katheters,  also  erst  in  den  letzten  Behandlungstagen  —  klagte;  diese 
Beschwerden  können  nur  als  Folgezustand  der  instrumentellen 
Blasenreizung,  die,  das  sei  noch  unterstrichen,  in  wenigen  Tagen 
wieder  abklang,  gedeutet  werden. 

Bei  Entlassung  aus  Behandlung  waren  das  Fassungsvermögen  der 
Blase  und  die  Urinentleerung  regelrecht. 

Erwähnen  möchte  ich  noch,  dass  die  leidige  Inkrustierung  des 
Katheters,  die  bei  der  allgemein  geübten  Dauerdrainage  der  Blase  zu 
unliebsamen  Störungen  und  häufigem  Katheterwechsel  führt,  in 
unserem  Fall  erst  nach  3  wöchigem  Verweilen  des  Katheters  in  der 
Blase  festgestellt  wurde. 

Zusammenfassend  können  wir  also  sagen:  Durch  den  „Saug¬ 
katheterismus“  gelang  es,  eine  Harnleiterfistel,  die  sich  gegen  jegliche 
Behandlung  refraktär  verhielt,  in  kürzester  Zeit  zur  Abheilung  zu 
bringen  —  ohne  unliebsame  Blasenstörungen  zu  verursachen. 

Dieser  Erfolg  reizte  naturgemäss  zu  weiteren  therapeutischen 
Versuchen. 

Die  gynäkologische  Klinik  (Direktor  Prof.  F  ü  t  h)  überwies  uns  bereit¬ 
willigst  einen  geeignet  erscheinenden  Fall,  eine  Kranke,  die  wegen  karzinöser 
Blasen-Scheidenfistel  grösste  Anforderungen  an  die  Pflege  stellte  und  wegen 
Verbreitung  unangenehmsten  Harngeruches  ihre  Umgebung  ständig  belästigte. 
Bei  dieser  Kranken  war  die  Scheide  von  Karzinommassen  bis  auf  einen  un¬ 
gefähr  4  cm  tiefen  und  1  cm  hohen  Kanal,  den  Fistelkanal,  der  Urin,  schmierige 
sanguinolente  Massen  immerfort  entleerte,  geradezu  ausgemauert:  es  handelte 
sich  um  ein  Karzinom,  das  von  der  Qebärmuter  ausgehend  in  die  Blase,  Harn¬ 
röhre,  schliesslich  in  die  Scheide  eingebrochen  war;  der  Fistelkanal  führte 
unmittelbar  in  die  Blase. 

Wir  legten  in  die  Blase  wieder  einen  Pezzerkatheter  ein,  setzten  den 
Katheter  mit  der  Vakuumflasche,  diese  mit  der  Wasserstrahlpumpe  in  Ver¬ 
bindung.  Die  Saugwirkung  war  wieder  vortrefflich,  die  Kranke  trocken¬ 
gebettet,  Tag  und  Nacht.  Abknickungen  des  Katheters  oder  der  Saugleitung, 
die  vorübergehend  zu  Aufhebung  der  Saugwirkung  führten,  verstand  die 
Kranke  aus  leicht  begreiflichen  Gründen  sehr  bald  selbst  zu  beseitigen.  Der 
Allgemeinzustand  hob  sich  sichtlich,  nicht  nur  wegen  Beseitigung  der  quälenden 
subjektiven  Beschwerden;  die  Ausschaltung  der  Sekretstauung  und  Behinde¬ 
rung  der  Resorption  der  Sekretmassen  dürften  von  Bedeutung  gewesen  sein! 
Während  der  ganzen  Behandlungszeit  hatte  die  Kranke  keinmal  über  Blasen¬ 
beschwerden  zu  klagen  gehabt;  nur  in  den  ersten  beiden  Tagen  wurde  sie 
durch  brennenden  Schmerz  in  der  näheren  Umgebung  der  Fistelöffnung  — 
Katheterdruck  —  belästigt. 

Weiterhin  studierten  wir  die  Wirkung  des  „Saugkatheters“  bei  einem 
82  jährigen  Prostatiker,  der  wegen  chronischer  Harnretention  und  Harn¬ 
intoxikation  eingeliefert  wurde.  Bei  Aufnahme  stand  der  Blasenfundus  in 
Nabelhöhe;  nach  Entleerung  der  grossen  Urinmassen  durch  Ndlatonkatheter 
wird  an  diesen  der  Saugstrom  angeschlossen.  —  Die  Komplikation,  die  nach 
der  instrumenteilen  vollständigen  Entleerung  der  überdehnten  Blase  zu  be¬ 
fürchten  war,  eine  Blutung  aus  Blasengefässen,  die  nach  der  plötzlichen  Druck¬ 
entlastung  hätten  reissen  können,  trat  nicht  ein,  auch  nicht  nach  dem  durch 
den  Saugkatheterismus  erzwungenen  Kollaps  der  ganzen  Blasenwand. 

3  Wochen  lang  Hessen  wir  den  Saugstrom  einwirken;  der  Urin  wurde 
restlos  Tropfen  für  Tropfen  in  die  Vakuumflasche  ausgeschieden,  ohne  dass 
jemals  irgendwelche  Klagen  über  Blasenbeschwerden  geäussert  oder  irgend¬ 
welche  andere  unliebsame  Störung  beobachtet  worden  wäre;  der  Allgemein- 
zustand  hob  sich  derart,  dass  zur  suprapubischen  Prostatektomie  geschritten 
werden  konnte.  Das  Wundbett  der  apfelgrossen  Vorsteherdrüse  wurde  mit 
Vioformgaze  tamponiert,  die  Tamponade  durch  ein  daumendickes  bis  zum 
Blasenboden  geführtes  Gummirohr  gezogen,  um  dieses  herum  die  Blasen- 
ur.d  Bauchdeckenwunde  fest  verschlossen.  Vor  Tamponade  wurde  ein  Ka¬ 
theter  durch  die '  Harnröhre  in  die  Blase  bis  unmittelbar  in  die  Nähe  der 
beiden  Harnleiteröffnungen  geführt,  an  diesen  Katheter  wieder  der  Saugstrom 
angeschlossen.  Wie  zu  erwarten,  versagte  diesmal  der  „Saugkatheter“  in¬ 
folge  dauernder  Verstopfung  mit  Blutgerinnseln;  häufiges  Durchspülen  half 
nichts;  nach  zweitägigem  Verweilen  wurde  er  wieder  entfernt. 

Bis  dahin  entleerte  sich  Urin  und  Blut  aus  dem  dicken  Gummidrain. 
Dieser  lästige  Zustand  besserte  sich  wesentlich  nach  Einführung  eines  mit 
der  Saugstromleitung  verbundenen  Pezzerkatheters  in  die  Blase  von  der 
etwas  erweiterten  Blasenfistelwunde  aus.  Solange  die  Katheteraugen  offen 
waren,  blieb  die  Fistelwunde  trocken;  häufigere  Durchspülungen  des  Katheters 
waren  deshalb  notwendig;  weil  dieses  aber  nachts  nicht  gut  durchführbar, 
auch  dieser  Zustand  nicht  gerade  ideal. 

Das  Bild  war  mit  einem  Schlage  verändert  und  zu  Gunsten  der  Kranken 
entschieden,  d.  h.  die  Trockenlegung  der  Blasen-  und  Bauchdeckenwunde  ge¬ 
sichert  durch  folgende  Massnahmen:  Wir  entfernten  das  dicke  Gummirohr 
und  den  Gazestreifen,  legten  in  die  Blase  ein  10  cm  langes,  2.5  cm  dickes. 


Nr.  29. 

mit  einem  Mullschleier  umhülltes,  an  vielen  Stellen  durchlöchertes  Glasdram, 
in  dieses  Glasdrain  ein  4  mm  dickes,  mit  der  Saugleitung  verbundenes  \ 
üummirohr. 

Um  den  Heilungsverlaut  der  Bauchdeckenwunde  gründlich  studieren  zu 
können,  wechselten  wir  täglich  die  trockene  Wundkompresse:  nach  5  tägiger 
„Saugdrainage“  war  die  Bauchwunde  bis  an  die  Fistelöffnung  heran  primär 
verheilt;  das  2,5  cm  dicke  ülasdrain  wird  durch  ein  1  cm  dickes  Drain  ersetzt, 
in  dieses  das  Saugrohr  wieder  eingeführt;  in  wenigen  Tagen  hat  sich  die  ¥<| 
Fistelwunde  bis  dicht  an  dieses  Glasrohr  heran  geschlossen. 

Am  10.  Behandlungstage  wird  ein  Dauerkatheter  durch  die  Harnröhre 
in  die  Blase  geführt;  die  auf  diesem  Wege  in  die  Blase  geschickte  Spül- 
flüssigkeit  wird  sofort  vom  Saugrohr  gefasst  und,  ohne  dass  aiucli  nur  ein 
Tropfen  die  Fistelwunde  benetzte,  entleert.  Am  14..  Behandlungstage  wird 
die  hohe  Bl  isendrainage  entfernt,  der  Dauerkatheter  mit  dem  Saugstrom  in 
Verbindung  gesetzt.  Am  16.  Tage  ist  die  Blasenfistel  geschlossen,  der  J 
Kranke  ausser  Bett,  entleert  ohne  Beschwerden  seinen  Urin.  Nach  ins-  ^ 
gesamt  5  wöchiger  Behandlung  wird  der  Kranke  in  gutem  Allgemeinzustande 
als  geheilt  entlassen. 

Schliesslich  erprobten  wir  unsere  Methode  an  einem  20  jährigen  Manne, 
der  sich  einer  Hypospadieoperation  unterzog;  unmittelbar  nach 
Operation  wird  eine  hohe  Blasenfistel  angelegt,  durch  diese  ein  Pezzer-  | 
katheter  in  den  Blasenboden  geführt,  dieser  Katheter  an  den  Blasen¬ 
wundrand  durch  Knopfnaht  fixiert,  die  Blasen-  und  Bauchdeckenwunde  wieder 
bis  an  den  Katheter  heran  geschlossen. 

ln  der  ganzen  Zeit,  in  der  der  Saugstrom  wirkte  —  5  Tage  lang  — ,  . 
wurden  die  Penis-  und  Bauchdeckenwunde  auch  nicht  mit  einem  einzigen 
Tropfen  Urin  benetzt.  Der  Heilverlauf  war  ungestört,  wurde  durch  Unterleibs-  i| 
beschwerden  in  keiner  Weise  belästigt;  mit  grösstem  Interesse  bediente  der 
Kranke  das  Ventil  zur  Regulierung  der  Saugdrainage,  ln  der  Nacht  vom 
5.  zum  6.  Behandlungstage  erfolgte  die  erste  unfreiwillige  kräftige  Uriuent-  1 
leerung  wieder  auf  normalem  Wege:  die  permanente  Absaugung  des  Urins  1 
war  unmöglich  gemacht  durch  Abklernmung  des  weichen  Pezzerkatheters  im 
Bereiche  der  narbig  sich  zusammenziehenden  Bauchdeckenwunde.  Der  Ka-  i 
theter  wurde  entfernt;  wir  verzichteten  auf  eine  Wiedereinführung  desselben 
und  auf  Ersatz  des  Pezzerkatheters  durch  einen  widerstandsfähigeren  Katheter.  _ 

Einer  Schädigung  der  Bauchwunde  durch  Überfliessenden  Urin  Hess  I 
sich  Vorbeugen  durch  Anlegung  und  Fixierung  einer  Saugdüse  an  die  Fistel¬ 
öffnung!  Am  10.  Behandlungstage  war  die  Operationswunde  und  die  Fistel- 
üffnung  geschlossen,  die  •  Urinentleerung  regelrecht  ohne  Beschwerden,  der 
Kranke  ausser  Bett,  der  in  den  ersten  Behandlungstagen  etwas  trübe  Urin 
wieder  klar. 

An  vorstehenden  und  in  der  Folgezeit  an  zahlreichen  anderen  am 
Lebenden  und  an  der  Leiche  gemachten  Versuchen  unsere  Erfah¬ 
rungen  sammelnd,  haben  wir  schliesslich  eine  Behandlungsmethode 
herausgearbeitet,  die  einer  kritischen  Nachprüfung  angelegentlichst 
empfohlen  werden  soll.  Unsere  endgültige  Auffassung  über  Wirkung 
und  Wert  des  „Saugkatheterismus“  sei  zum  Schluss  in  einigen  Sätzen 
wiedergegeben. 

I.  Unmittelbare  Wirkungen  des  „Saugkathete- 

r  i  s  m  u  s“. 

1.  Die  Trockenlegung  der  Blase  verursacht  keine  ernsten  sub¬ 
jektiven  Beschwerden. 

2.  Eine  in  den  ersten  Behandlungstagen  auftretende  leichte  Urin¬ 
trübung,  das  Symptom  einer  Blasenreizung  —  Fremdkörperreiz! 
die  nie  in  schwere  eitrige  Blasenentzündung  auslief,  verliert  sich  sehr 
bald  wieder  nach  Entfernung  des  „Saugkatheters“  . 

3.  Schleimhautblutungen  wurden  nicht  beobachtet  —  selbst  nicht 
bei  alten  Prostatikern,  deren  stark  erweiterte  Blasen  wochenlang  der 
Saugwirkung  ausgesetzt  waren. 

4.  In  keinem  Fall  wurden  nach  Entfernung  des  „Saugkatheters“ 
ungünstige  Nachwirkungen,  vor  allem  nicht  eine  Verminderung  der 
Austreibungskraft  der  Blase,  beobachtet. 

II.  Technik  des  „Saugkatheterismu s“. 

1.  Die  Blase  kann  von  der  Harnröhre  und  von  einer  operativ  ge¬ 
setzten  Blasenöffnung  aus  durch  den  Saugstrom  trockengelegt 
werden. 

2.  Der  erstgenannte  Weg  ist  unsicher,  daher  weniger  empfehlens¬ 
wert,  kann  aber  versuchsweise  begangen  werden;  Qegenanzeige: 
eitrige  Urethritis. 

Der  Verschluss  der  Katheteröffnung  durch  die  Blasenschleimhaut, 
die  angesogen  werden  kann,  d.  i.  das  häufigste  auf  diesem  Wege 
wahrnehmbare  Hemmnis,  macht  naturgemäss  die  gewollte  Wirkung 
des  Saugstroms  illusorisch.  Durch  Oeffnen  der  Saugleitung  oder  Ver¬ 
schiebung  des  Katheters  kann  mitunter  dieser  Missstand  behoben 
werden. 

Eine  bestehende  gewisse  Starrwandigkeit  des  Blasenhalses 
scheint  mir  die  einzige  Gewähr  gegen  die  Entwicklung  dieser  Kompli¬ 
kation  zu  sein  —  das  habe  ich  bei  Untersuchungen  an  der  Leiche 
mehrfach  feststellen  können.  Die  einmal  erfolgte  Verlegung  der  Ka¬ 
theteröffnung  durch  die  angesogene  Blasenschleimhaut  wird  durch 
die  konsekutive  Flüssigkeitsansammlung  in  der  Blase  nicht  behoDen, 
auch  nicht  durch  Zuleitung  von  Luft  mittels  eines  in  die  Blase  ein¬ 
gestochenen  Troikarts. 

3.  Zielsicher  ist  folgende  „kombinierte“  Methode:  Es  wird  durch 
die  Harnröhre  hindurch  ein  NSlatonkatheter  mit  endständiger  Oeff- 
nung  tief  in  die  Blase  hineingeführt,  die  Blase  suprapubisch  eröffnet, 
der  Katheter  vorgezogen,  über  den  Katheter  ein  vielfach  durchlöcher¬ 
tes  1,0 — 1,5  cm  dickes  Gummirohr  gestülpt,  beide  aneinander  durch 
eine  Seidenknopfnaht  fixiert,  die  Fadenenden  bleiben  lang,  werden 
neben  dem  Gummirohr  zur  Blase  herausgeleitet.  Das  Katheterende, 
das  2—3  cm  tief  in  dem  Gummirohr  steckt,  wird  durch  Zug  an  dem 
vor  der  Harnröhre  liegenden  Katheterleil  dem  Blasenboden  genähert, 
zum  Schluss  die  Blasen-  und  Bauchdeckenwunde  wieder  fest  um  das 


i 


20.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


üummirolir  herum  vereinigt,  diese  durch  Knopfnaht  gesichert,  der 
Katheter  an  die  Saugleitung  angeschlossen. 

Die  mit  dieser  Methodik  von  uns  beabsichtigte  und  —  erzielte 
Wirkung  ist  die  ununterbrochene  Ableitung  auch  der  kleinsten  Flüs¬ 
sigkeitsmenge;  die  Flüssigkeitsabsaugung  wird  bei  Innehaltung  dieser 
Technik  nicht  mehr  vereitelt  durch  Ansaugung  der  Blasenschleimhaut 
an  die  Katheteröffnung;  diese  Ansaugung  ist  unmöglich  gemacht  durch 
Zwischenschaltung  des  Gummirohrs  —  des  Urinsammelstückes  — ; 
die  Blase  wird  auch  nicht  an  dieses  Sammelstück  angesogen,  weil 
dieses  Rohr  in  offener  Verbindung  mit  der  Aussenluft  steht;  die  Blase 
wird  nicht  evakuiert,  eine  Volumenveränderung,  ein  Kollaps  der  Blase 
findet  nicht  statt.  Die  Benutzung  dieser  Methode  ist  natürlich  wieder 
nicht  zulässig  bei  Vorhandensein  einer  eitrigen  Urethritis. 

4.  In  diesem  Fall  können  wir  schon  einmal  einen  Versuch  machen 
mit  der  Trockenlegung  der  Blase  durch  den  Pezzerkatheter,  der  von 
einer  hohen  Blasenfistel  aus  bis  auf  den  Boden  der  Blase  zu  führen 
und  mit  der  Saugleitung  in  Verbindung  zu  bringen  ist.  —  In  einem  so 
behandelten  Fall  sahen  wir  einen  ermutigenden  Erfolg;  die  durch  die 
hohe  Einführung  dem  Katheter  gegebene  günstigere  Lage  und  die 
vielfache  Fensterung  des  Katheterendes  dürften  für  den  Erfolg  ver¬ 
antwortlich  zu  machen  gewesen  sein;  gleichwohl  werden  wir  bei 
dieser  Versuchstechnik  immer  wieder  mit  einer  Verlegung  auch  sämt¬ 
licher  Katheteraugen  durch  die  angesogene  Blasenwand  zu  reennen 
haben  —  physikalische  Erwägungen  zwingen  zu  dieser  Annahme. 

5.  Wieder  sicherer  ist  der  in  seinen  Grundzügen  oben  schon  skiz¬ 
zierte  Weg:  Vom  suprapubischen  Blasenschnitt  aus  führen  wir  ein 
allseitig  durchlochtes,  1,5 — 2,0  cm  dickes,  blind  endigendes  Glas-  oder 
Gummirohr  als  Urinsammelstück  bis  zum  Blasenboden;  Blasen-  und 
Bauchdeckenwunde  wird  wieder  bis  an  dieses  Rohr  heran  dicht  ge¬ 
schlossen.  Nach  Abschluss  der  Operation  wird  in  das  Sammelstiick 
ein  dünnes,  0,4 — 0,6  cm  weites  elastisches  Gummirohr  geleitet;  durch 
ein  rechtwinklig  gebogenes  Glasstück,  das  an  einem  über  den  Bauch 
des  Kranken  geführten  Drahtstreifen  zu  befestigen  ist,  wird  das  Saug¬ 
stück  mit  der  Saugleitung  verbunden.  Das  dünne  Gummirohr  pendelt 
also  frei  beweglich  in  dem  voluminöseren  Sammelstück:  wir  haben 
wieder  dieselben  Verhältnisse,  wie  ich  sie  eben  schilderte:  perma¬ 
nenter  Lufteintritt  in  die  Blase  und  Isolierung  des  Saug-  und  Sammel¬ 
stückes  bieten  beste  Gewähr  gegen  eine  den  Erfolg  störende  An¬ 
saugung  der  Blasenwand. 

Die  Trockenlegung  der  Blase  und  der  Bauchwunde  ist  bei  Inne¬ 
haltung  dieser  Technik  mit  Leichtigkeit  zu  erzwingen. 

Wir  wüssten  nicht,  welche  der  derzeit  geübten,  an  unserer  Klinik 
ernstlich  durchgeprüften  Behandlungsmassnahmen  im  Hinblick  auf 
Erfolgsicherheit  mit  dieser  unserer  Methode  zu  vergleichen  wäre! 

Jeder,  der  diese  Methode  beispielsweise  zur  Nachbehandlung 
Prostatektomierter  auf  ihren  Wert  zu  prüfen  Gelegenheit  nimmt,  wird 
hei  genauer  Innehaltung  der  geschilderten  Technik  erfahren,  dass 
durch  die  ständige  Trockenlegung  der  Blase,  der  Blasen-  und  Bauch¬ 
deckenwunde  einer  Stagnation  und  Zersetzung  des  Urins,  einer  Be¬ 
rieselung,  damit  einer  Schädigung  der  Operationswunde  vorgebeugt 
wird,  dass  mit  anderen  Worten  günstigste  Heilbedingungen  für  die¬ 
selbe  geschaffen  werden,  dass  ausserordentlich  viel  Verbandmaterial 
gespart  wird,  dass  durch  die  Trockenlegung  der  Pflege,  aber  auch 
dem  Kranken  riesige  Erleichterung  geschaffen  und  schliesslich  die  für 
den  Kranken  und  nähere  Umgebung  lästige  Urinausdünstung  zum 
Wegfall  kommt. 

Noch  einige  wenige  Worte  zur  Technik  der  Nachbehandlung  der 
nach  Entfernung  des  dicken  Saugstiickes  übrigbleibenden  Blasen- 
Bauchdeckenfistel.  ■ —  Die  Versorgung  solcher  Fisteln  ist  oben 
schon  erwähnt:  8 — 10  Tage  nach  Prostatektomie  führen  wir  durch  die 
Urethra  einen  Dauerkatheter  in  die  Blase:  bleibt  die  hohe  Blasenfistel 
nach  Entfernung  des  Saugkatheters  trocken,  dann  haben  wir  leicht 
gewonnenes  Spiel;  im  anderen  Fall  kann  die  Verbindung  des  Dauer¬ 
katheters  mit  dem  Saugstrom  schon  einmal  zu  einem  glücklichen  Ende 
führen:  misslingt  beides,  dann  wird  durch  die  Blasenfistel  wunde  wie¬ 
der  ein  kleinerkalibriges  Sammelstiick  mit  entsprechend  dünnem 
Saugrohr  eingeführt  und  solange  belassen,  bis  der  Drainagekanal  bis 
an  das  Sammelstiick  heran  mit  Granulationen  ausgefiillt  ist  —  das 
geht  erfahrungsgemäss  mitunter  sehr  schnell.  Die  endgültige  Beseiti¬ 
gung  des  nach  Entfernung  auch  dieser  Saugvorrichtung  schliesslich 
übrigbleibenden  frisch  granulierenden  Fistelkanals  dürfte  kaum  jemals 
unüberwindbare  Schwierigkeiten  bieten,  eine  operative  Fistelversor¬ 
gung  meines  Erachtens  kaum  in  Frage  kommen. 

Bei  Durchsicht  der  Literatur  begegnete  ich  einigen  meist  nur  kurz 
gehaltenen  Notizen  über  die  Verwendbarkeit  des  Saugstroms  bei  Be¬ 
handlung  der  Blasenfistel. 

Wohl  jeder  der  Autoren  will  mit  Saugdrainage,  mit  der  Verbin¬ 
dung  des  in  die  Blase  eineeführten  Katheters  mit  einer  Saugstrom¬ 
leitung  vor  allem  bei  Nachbehandlung  Prostatektomierter  gute  Er¬ 
folge  erzielt  haben! 

Dem  aufmerksamen  Leser  unserer  Zeilen  überlasse  ich  die  kri¬ 
tische  Stellungnahme  zu  dieser  —  sicherlich  einfachen,  aber,  wie  aus¬ 
geführt,  leider  in  den  wenigsten  Fällen  erfolgreichen  Versuchstechnik. 
Wahrscheinlich  sind  unausbleiblich  gewesene  Misserfolge  für  die  ein¬ 
zelnen  Verfasser  Veranlassung  gewesen,  der  anfänglich  gerühmten 
'Saugdrainage  nicht  mehr  Erwähnung  zu  tun,  aus  demselben  Grunde 
ist  auch  wohl  erklärlich,  dass  in  der  Literatur  über  erfolgreich  ge¬ 
wesene  Kontrolluntersuchungen  anderenorts  nichts  verlautbar  wurde. 
—  In  den  einschlägigen  Abhandlungen  der  urologischen  Operations- 


937 


lehre  Völcker-Wossidlo,  in  der  die  derzeitigen  Auffassungen 
über  die  chirurgische  Versorgung  des  uropoetischen  Systems  sich 
wiederspiegeln,  auch  nicht  in  der  Bearbeitung  der  Prostatektomie 
durch  Kümmell  in  dem  Handbuche  Bier,  Braun,  Kümmell, 
ist  der  Aspirationsdrainage  mittels  des  kontinuierlichen  Saugstromes 
auch  nur  mit  einem  Worte  Erwähnung  getan  —  das  lässt  aufmerken, 
denn  gerade  Kümmell  berichtete  in  einer  Sitzung  der  Vereinigung 
nordwestdeutscher  Chirurgen  am  8.  Juli  1911  über  die  Aspirations¬ 
drainage  der  Blase  Prostatektomierter;  er  muss  demnach  doch  wohl 
in  der  Folgezeit  zu  neuer  Empfehlung  dieser-  in  ihrer  Einfachheit 
bestechenden  Methode  nicht  sonderlich  ermutigende  Erfahrungen  ge¬ 
sammelt  haben. 

Literatur: 

1.  G.  Perthes:  Lieber  ein  neues  Verfahren  zur  Nachbehandlung  der 
Operation  des  Empyems.  Bruns’  Beitr.  20.  H.  1.  —  2.  Kaczkowski:  Eine 
neue  Methode  zur  Harnblasendrainage  nach  hohem  Blasenschnitt  zur  Ver¬ 
hütung  der  Harninfiltration.  Zbl.  f.  Chir.  1899  Nr.  11.  —  3.  Hamilton: 
An  Apparatus  for  the  intermittent  postoperative  drainage  of  the  bladder. 
Journ.  of  the  amer.  med.  assoc.  Vol.  Nr.  12.  Ref.  Zbl.  f.  Chir.  1908  Nr.  45.  — 
4.  Straus«:  80.  Versammlung  deutsch.  Naturforscher  u.  Aerzte  1908.  Die 
Verwendbarkeit  der  Wasserstrahlpumpe.  —  5.  F.  Krause:  Deutsche  Gesell¬ 
schaft  für  Chirurgie.  38.  Kongress  1909.  Die  Ansaugung  bei  der  Exstirpation 
von  Hirngeschvvülsten.  - — -6.  U  n  g  e  r  und  Sturmann:  Die  Verwendung  der 
Saugleitung  im  Operationssaal.  v.  Langenbeck  Arch.  48,  1912,  H.  1.  — 
7.  Koch:  Holländ.  Gesellsch.  f.  Chir.  Sitz.  2.  Okt.  1910.  Verwendbarkeit 
des  Saugstroms.  Ref.  Zbl.  f.  Chir.  1911  Nr.  52.  —  8.  Barth:  Aspirations¬ 
drainage  der  Blase.  Zbl.  f.  Chir.  1910  Nr.  46.  —  9.  Kümmell:  Vereinigung 
norwestdeutscher  Chirurgen.  Sitz.  8.  Juli  1911.  Diskussionsbemerkung  zum 
Vortrage  An  schütz:  Der  Verschluss  der  Blase  nach  Sectio  alta.  — 
10.  Cetwood:  Drainage  of  the  bladder  following  suprapubic.  operations. 
Med.  record.  NewYork  Vol.  LXXXV,  1914,  Nr.  14.  Ref.  Zbl.  f.  Chir.  1914 
Nr.  27.  -  11.  Völcker-Wossidlo:  Urologische  Operationslehre.  Leip¬ 

zig  1921.  Verl.  Georg  T  h  i  e  m  e.  —  12.  Bier,  H.  Braun,  H.  Kümmell: 
Chirurgische  Operationslehre.  III.  vermehrte  Auflage.  Leipzig. 


Zur  Kieselsäuretherapie  der  Lungentuberkulose. 

.  Intravenöse  Kieselsäure-Jodinjektionen. 

Von  Prof.  Dr.  Ad.  Kühn -Rostock. 

Die  ganze  Kieselsäuretherapie  der  Lungentuberkulose  geht  zurück 
auf  die  Annahme  einer  Förderung  der  zur  Vernarbung  der  tuberku¬ 
lösen  Herde  erforderlichen  Bindegewebsentwicklung  durch  die  Kiesel¬ 
säure.  Der  Nachweis  von  Schulz  [1]  und  Kobert  [2]  von  ver¬ 
mehrtem  Kieselsäuregehalt  des  Bindegewebes  und  der  experimen¬ 
telle  Nachweis  von  Kahle  [3]  und  R  ö  s  s  1  e  [4]  einer  bis  zur  Leber¬ 
zirrhose  zu  erzielenden  bindegewebigen  Hyperplasie  im  tierischen 
Körper  durch  konsequente  Kieselsäurezufuhr  waren  die  exakt  wissen¬ 
schaftlichen  Fundamente,  auf  denen  sich  die  Kieselsäuretherapie  auf¬ 
baute. 

Verordnungen  von  kieselsäurehaltigen  Tees,  deren  Gehalt  an  wirk¬ 
samer  Substanz  aber  sehr  schwankte,  wenn  auch  an  ihrer  Wirkung 
bei  jahrelangem  Gebrauch  nicht  gezweifelt  werden  kann, 
woraus  auch  seine  Beliebtheit  und  starke  Verbreitung  resultiert, 
folgten  Empfehlungen  mehr  oder  weniger  gut  resorbierbarer  und  be¬ 
kömmlicher  kieselsäurehaltiger  Medikamente  (Silicol,  Silistren  usw.), 
mit  denen  eine  geringe  Kieselsäureanreicherung  im  Körper  tatsächlich 
erzielt  werden  konnte.  Dabei  fehlte  bislang  aber  noch  immer  der 
Nachweis,  dass  dieser  Kieselsäureüberschuss  tatsächlich  zur  ver¬ 
mehrten  Bindegewebsentwicklung  in  der  menschlichen  Lunge  ver¬ 
wertet  wird.  Sollte  es  gelingen,  diesen  zu  führen,  so  dürfte  der 
Kreis  geschlossen  sein  und  die  Kieselsäure  den  Platz  eines  vollbe¬ 
rechtigten  Mittels  gegen  Lungentuberkulose  beanspruchen  können. 
Bis  dahin  muss  die  Empirie  weitersprechen. 

Um  die  Kieselsäuregaben  nun  richtig  zu  dosieren  und  vor  allem 
die  Unsicherheit  der  enteralen  Resorption  auszuschalten,  bin  ich  nun 
frühzeitig  zu  Kieselsäureinjektionen  übergegangen,  über  welche  ich 
schon  mehrfach  T6]  berichtet  habe.  Ich  habe  da  auch  auf  die  starken 
Reaktionen,  Velche  vorsichtige  intramuskuläre  Injektionen  kolloidaler 
Kieselsäure  auslösen  (lokale  Schmerzhaftigkeit,  Fieber,  Hyperleuko¬ 
zytose,  allgemeines  Unbehagen  usw.)  hingewiesen  und  betont,  dass 
im  Gegensatz  hierzu  intravenöse  Natriumsilikatlösungen  von  schwa¬ 
cher  Konzentration  nicht  nur  reaktionslos  vertragen  wurden,  sondern 
im  Gegenteil  besonders  bei  Arteriosklerose  usw.  von  brillanter  thera¬ 
peutischer  Wirkung  waren. 

Schädliche  Wirkungen  dieser  Art  Kieselsäureeinverleibung  habe 
ich  nur  einige  wenige  Male  in  dem  Sinne  gesehen,  dass  es  bei  schwäch¬ 
lichen  Phthisikern  oder  anderen  Kachexien  zur  Thrombosierung  der 
kleineren  zur  Injektion  benutzten  Venen  kam.  Betonen  möchte  ich 
aber  da,  dass  diese  Art  der  Tuberkulosebehandlung  von  mir  früher 
nicht  konsequent  durchgeführt  wurde,  in  der  wohl  richtigen  Ueber- 
legung,  dass  zur  jahrelangen  Kieselsäureeinverleibung  diese  intra¬ 
venöse  Methode  sich  wohl  weniger  eignen  würde.  Sie  käme  also  in 
dieser  Form  nur  zu  gewissen  Zeiten  in  Frage,  während  für  die  übrige 
Zeit  eine  orale  Siliziumeinführung  wohl  nicht  entbehrt  werden  könnte. 
Ich  habe  mich  in  dieser  Beziehung  früher  bereits  in  dem  Sinne  ge- 
äussert,  dass  wir  höchstens  mit  der  Möglichkeit  rechnen  können,  dass 
die  intravenöse  —  nicht  schädliche,  d.  h.  keine  Reakti¬ 
onen  hervorrufende  —  SiOs- Zufuhr  den  Anstoss  zu  energi¬ 
scher  Verarbeitung  der  im  übrigen  diätetisch  oder  medikamentös  dar¬ 
gebotenen  Kieselsäure  göben  kann.  Mit  einer  intravenösen  KieseL 


938 


Nr.  29. 


MÜNCHENER'  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIET. 


säuretherapie  aber  Besserung  oder  gar  Heilung  innerhalb  kur¬ 
zer  Zeit  erzielen  zu  können,  halte  ich  für  durchaus  ausgeschlossen. 
Daher  liegt  die  weitere  und  schliesslich  endgültige  Prü¬ 
fung  der  ganzen  Kieselsäuretherapie,  was  ich  schon  vor 
sechs  .lahren  ausdrücklich  betont  habe,  nicht  in  den  Händen 
der  Kliniken  und  Krankenhäuser,  wo  sich  mehr  die  Endstadien 
der  Lungentuberkulose  einfinden  und  wo  eine  jahrelange  Behandlung 
und  Beobachtung  ausgeschlossen  ist,  auch  nicht  in  den  Händen  der 
Heilstätten,  die  wohl  frühe  Stadien,  aber  bei  weitem  nicht  lange  genug 
beobachten  können,  sie  fällt  lediglich  den  behandelnden  Aerzten  zu, 
den  guten  alten  Hausärzten,  die  leider  immer  seltener  werden1). 

Wenn  Thoma  [7]  auf  Grund  einiger  Beobachtungen  an  tuber¬ 
kulös  Schwerkranken  mit  einem  neuen  kolloidalen  hochdispersen 
Kieselsäurepräparat  jede  günstige  Einwirkung  ablehnt,  eher  eine  Ver¬ 
schlimmerung  gesehen  hat,  so  beweist  das  nur,  dass  sein  Präparat 
mehr  im  Sinne  einer  allgemeinen  Protoplasmaaktivierung  im  Sinne 
Weich ardts  gewirkt  hat,  und  zwar  an  völlig  ungeeigneten  Ob¬ 
jekten.  Aelmliche  Misserfolge  habe  ich  auch  reichlich  gesehen  und 
gerade  vor  der  Kieselsäurebehandlung  derartiger  Fälle  gewarnt.  „Für 
einen  Phthisiker  des  letzten  Stadiums  gibt  eben  auch  die  Kieselsäure 
keine  Rettung  mehr  und  wird  gar  nicht  mehr  verankert,“  sagt 
K  o  b  e  r  t.  Man  soll  den  Körper  nicht  noch  mehr  überanstrengen, 
wenn  er  schon  den  aussichtslosen  Verzweiflungskampf  gegen  den 
übermächtigen  Feind  kämpft  und  darin  bereits  anfängt  zu  erlahmen. 
Wo  keine  latenten  Abwehrkräfte  im  Körper  mehr  vorhanden  sind, 
können  sie  künstlich  durch  keine  Protoplasmaaktivierung  mehr  ge¬ 
weckt  werden;  im  Gegenteil  kann  man  in  diesen  Stadien  nur 
schaden  und  schwächen.  Das  geht  wohl  bei  akuten  In¬ 
fektionskrankheiten,  wo  der  Reservefonds  von  Gegengiften  und 
Abwehrtnassregeln  noch  gross  genug  ist,  da  ist  es  dann  m.  E.  aber 
auch  gleich,  ob  man  artfremdes  Eiweiss,  Proteinkörper,  Silbereiweiss, 
Terpentin,  kolloide  Körper  einschliesslich  Kieselsäure  oder  ähnliches 
gibt,  alles  bedeutet  nur  den  Anreiz  zur  Einstellung  der  kolloid¬ 
osmotischen  Kräfte  des  Körpers  im  Sinne  der  Abwehr,  was  dann  dem 
Kampf  gegen  die  Infektionsgifte  zugute  kommen  kann. 

Aber  Vorsicht  damit  bei  chronischen  Infektionen!  Gewiss  liegt 
es  nahe,  bei  der  augenfälligen  Wirkung  der  intravenös  gegebenen 
kolloidalen  Kieselsäure  bei  akuten  Infektionskrankheiten  neben  der 
Protoplasmaaktivierung  auch  an  die  Möglichkeit  einer  adsorptiven 
Wirkung  des  SiO:  zu  denken,  wie  sie  bezüglich  Ton  und  namentlich 
Kohle  W  i  e  c  h  o  w  s  k  i  [8l  in  schönen  Untersuchungen  beleuchtet  hat. 
Damit  würden  auch  frühere  Untersuchungen  von  Marcus  und 
Z  u  n  t  z  [9]  übereinstimmen,  welche  eine  besondere  Adsorptionskraft 
der  elektroosmotischen  Kieselsäure  gegenüber  den  verschiedensten 
Toxinen.  Lysinen  und  deren  Antikörpern  nachweisen  konnten.  Wie 
bei  der  Kohle,  so  ist  sicher  auch  bei  den  verschiedensten  Modifikationen 
der  Kieselsäure  die  Adsorptionskraft  verschieden,  und  es  mag  gut 
möglich  sein,  dass  das  Siliquid  einen  besonders  hohen  Grad  von 
Adsorptionskraft  hat:  immerhin  ist  aber  kaum  anzunehmen,  dass  die 
verschwindend  geringe  Menge,  welche  von  Thoma  intravenös  in¬ 
jiziert  wurde  (bis  10  mg  SiO^),  zur  Adsorption  der  Toxine  hinreichte. 
Vielleicht  scheint  sich  aber  hier  eine  neue  Perspektive  der  Kieselsäure¬ 
therapie  zu  eröffnen,  welche  weiterer  Prüfung  wert  ist. 

Diese  weitere  Prüfung  hat  nun  inzwischen  schon  eingesetzt,  wie 
ich  aus  der  eben  erschienenen  Arbeit  von  G.  Zimmer  [101  aus  der 
chirurgischen  Klinik  Berlin  (Bier)  ersehe.  Nach  seinen  Erfahrungen 
an  900  Kranken  mit  chronischen  Gelenkerkrankungen  ist  das  Silizium 
ein  Reizmittel,  das  diese  Erkrankungen  im  günstigen  Sinne  be¬ 
einflusste. 

Er  benutzte  ebenfalls  das  0,05  proz.  hochdisperse  kolloidale  Kie¬ 
selsäurepräparat  der  Firma  Böhringer  &  Söhne,  das  in  dieser 
Konzentration  in  der  Dosierung  von  0,2 — 1,0  ccm  intravenös  am  wirk¬ 
samsten  war.  Stärkere  Dosierungen  bedeuteten  schon  eine  Ueber- 
reizung,  die  sich  in  starken  Herdreaktionen  äusserte.  Namentlich  war 
das  der  Fall  bei  intramuskulären  Injektionen,  wie  ich  das  ia  auch  mit 
anderen  kolloidalen  Lösungen  des  SiOs  schon  früher  beobachtet  und 
beschrieben  habe.  Ich  komme  hierauf  später  noch  einmal  zurück. 

Zimmers  Erfolge  bei  chronischen  Gelenkaffekti-Jnen  sind  im¬ 
merhin  bemerkenswert,  wenn  sie  auch  nur  beweisen,  dass  das  Sili¬ 
zium  in  dieser  Form  als  reines  „Reizmittel“  anzusprechen  ist,  gleich 
den  Eiweisskörpern  und  sonstigen  chemischen  Substanzen,  dass  also 
hier  die  physikalische  Natur  der  Wirksamkeit  des  Mittels  durchaus 
im  Vordergrund  steht.  Bemerkenswert  ist  weiter,  dass  selbst  die 
orale  Siliziumbehandlung  Herdreaktionen  und  selbst  günstige  Be¬ 
einflussung  des  Entzündungsprozesses  verursachte,  was  hier  nur  kom¬ 
mentarlos  referiert  werden  soll  unter  Hinweis  auf  verschiedene  gegen 
Gicht  und  Rheumatismus  seit  langem  empfohlene  Volkstees  („Papu- 
ana“  usw.),  die  ihren  hohen  Kieselsäuregehalt  besonderen  tropischen 
Farnarten  verdanken.  Von  dieser  Wirkung  oraler  Kieselsäureverab¬ 
folgung  habe  ich  mich  trotz  7  jähriger  Kieselsäuretherapie  aber  bis- 

*)  Meine  bisherigen  günstigen  Erfahrungen  sind  eben  auch  nur  durch 
jahrelange  intensive  Therapie  erzielt  worden.  Eine  Beobachtung  von  einigen 
Monaten  kann  unmöglich  zu  einem  abschliessenden  Urteil  führen,  was  auch 
Kadisch  G.tl  vermeidet,  der  über  14  Fälle  mit  einer  Behandlungsdauer 
von  durchschnittlich  2  Monaten  verfügt.  Kadisch  betont  die  von  mir  eben¬ 
falls  stets  beklagte  Unsicherheit  der  internen  Darreichung  in  Bezug  auf  Be¬ 
kömmlichkeit  und  Resorption.  Aus  diesem  Grunde  bin  ich  daher  ia  auch 
vor  Jahren  zu  den  SiOs-Injektionen  übergegangen,  welche  Versuche  nun¬ 
mehr  für  mich  mit  dein  Najosi!  zu  einem  vorläufigen  Abschluss  gekommen 
sind. 


lang  noch  nicht  überzeugen  können,  obwohl  unter  meinem  grossen 
Krankenmaterial  sich  auch  viele  Gicht iker  und  Rheumatiker,  auch 
chronische  entzündliche  üelenkerkrankungen,  befanden.  Bei  der  An¬ 
wendung  der  Kieselsäure  als  Reizmittel,  intravenös  gegeben,  ist  die 
Hauptsache  die  Dosierung,  wobei  die  Stärke  der  Reaktion  nach 
G.  Z  i  m  m  e  r  keineswegs  parallel  mit  der  Konzentration  geht. 

Die  bisherige  interne  Kieselsäuretherapie  der  chronischen 
Lungentuberkulose  will  jedoch  ganz  etwas  anderes  bezwecken.  Sie 
will  dem  Körper  dauernd  das  Baumaterial  —  eventuell  im  Ueber- 
schuss  —  zuführen,  damit  er  damit  seine  Zerstörungsherde  abbaut 
und  sich  gegen  eine  Weiterverbreitung  der  Krankheit  festigt.  Dazu 
sind  aber  besondere  Reaktionen  nicht  nötig.  Eine  „Reiztherapie“ 
sollte  die  Kieselsäuretherapie  von  vornherein  in  keinem  Fall  sein  und 
ist  es  auch,  was  die  interne  Verabfolgung  anlangt,  nie  gewesen.  Das 
war  eben  bislang  der  Vorteil  der  internen  SiOs  -  Therapie,  dass  sie 
wenigstens  nicht  schadete. 

Was  nun  letztere  anbelangt,  so  mag  vorweg  vermerkt  werden, 
dass  ich  mit  zwei  Kieselsäurekombinationen  in  den  letzten  Jahren 
sehr  zufrieden  bin,  das  ist  das  G  u  a  s  i  1  und  die  Chloro- 
phyllose.  Ersteres  ist  ein  Guajakolkieselsäureester  der  Firma 
Pharmaceutische  Fabrik  München,  das  nebenbei  entsprechend  dem 
Guajakolgehalt  appetitanregend  und  tonisierend  wirkt,  und  letzteres 
(Firma  H  e  r  r  m  a  n  n  -  Hagenow  [M.])  ist  eine  Kombination  von 
Chlorophyll,  Ferrum  und  Kieselsäure,  nach  der  ich  ganz  auffallende 
subjektive  Besserungen  und  namentlich  bedeutende  Gewichtszunah¬ 
men  gesehen  habe.  Doch  gibt  es  ja  jetzt  eine  derartige  Menge  interner 
Kieselsäurepräparate,  dass  jede  Firma  gewissermassen  ihre  eigene 
Spezialität  und  jeder  Arzt  sein  eigenes  Präparat  hat.  Da  muss  mit 
der  Zeit  erst  eine  gewisse  Auslese  eintreten.  Dass  die  Kieselsäure¬ 
therapie  stets  mit  den  bisher  bewährten  Methoden  der  Tuberkulin¬ 
behandlung  sich  vereinigen  muss,  also  gewissermassen  nur  ein  neben¬ 
sächliches  Adjuvans  ist,  habe  ich  von  Anfang  an  betont.  Das  ist  auch 
die  Ansicht  von  Klare  und  Budde  Ul],  die  auf  diese  Weise  in  der 
Kinderpraxis  sichtbare  Erfolge  erzielt  haben.  Berichte  von  beson¬ 
deren  Vorteilen  einer  „kombinierten  Petruschky-Silistrenbehandlung“ 
(v.  Winterfeld  [12],  Gühlke  [13])  und  ähnliches  bringen  da 
nichts  neues.  Wie  gesagt,  die  Wahl  wird  oft  schwer,  welche  von  den 
unzähligen  per-,  intra-  und  subkutanen  Tuberkulinmethoden  und 
welche  von  den  unzähligen  Kieselsäurepräparaten  man  nehmen  soll. 
Ich  habe  seit  langem  die  Erfahrung  gemacht,  dass  die  Tuberku¬ 
li  n  m  e  t  h  o  d  e,  welche  am  wenigsten  Reaktionen  her¬ 
vor  r  u  f  t,  die  beste  und  ungefährlichste  ist,  was  eigent¬ 
lich  von  Fall  zu  Fall  geprüft  werden  muss.  Bestimmte  Normen  lassen 
sich  da  nun  einmal  nicht  aufstellcn.  Methoden  der  Wahl  gibt  es  ja 
—  leider  —  eben  noch  nicht.  Mit  den  internen  Kieselsäurepräparaten 
braucht  man  also  weniger  vorsichtig  zu  sein,  da  eine  eventuelle 
Schädlichkeit  derselben  kaum  in  Frage  kommt. 

Anders  ist  das  bei  den  Kieselsäureinjektionen.  An  diese  hatte 
man  sich  bislang  nur  zaghaft  herangewagt,  da  die  experimentelle  Prü¬ 
fung  zu  gewissen  Bedenken  Veranlassung  gab.  So  gingen  im  Anfang 
meiner  Studien  einige  Versuchstiere  bei  intravenöser  Verabfolgung 
schockartig  zugrunde,  während  die  intraperitonealen  Injektionen  einer 
kolloidalen  Lösung  monatelang  vertragen  wurden.  Die  obenerwähnten 
Reaktionen  Tuberkulöser  auf  intramuskuläre  Injektion  kolloidaler  Lö¬ 
sungen  brachte  Zuckmeyer  [14]  mit  dem  Dispersitätsgrad  des 
SiOs  -  Kolloids  in  Verbindung.  Meine  damaligen  diesbezüglichen  Ver¬ 
suche  an  einem  grossen  Krankenmaterial  lassen  aber  mehr  eine  indi¬ 
viduelle  Verschiedenheit  unabhängig  von  dem  Dispersitätsgrad  der 
injizierten  Lösungen  erkennen,  was  auch  Bogendörfer  [15]  ge¬ 
funden  hat.  Letzterer  gab  ebenfalls  das  auch  von  Thoma  geprüfte 
neue  Siliquid  genannte  Präparat,  eine  0,3  proz.  hochdisperse 
Kieselsäurelösung,  intravenös  in  der  Dosierung  von  1—3  mg  SiO*. 
Hiernach  traten  ebenfalls  bei  einem  Teil  der  Kranken  Unbehagen, 
Uebelkeit,  oft  auch  Schmerzen  in  den  verschiedenen  Körperteilen, 
auf  den  Lungen  oft  eine  Zunahme  der  Rasselgeräusche  mit  Vermeh¬ 
rung  des  Aus\vurfs  auf,  also  Reaktionen  sowohl  allgemeiner,  als  auch 
lokaler  Natur.  Eine  andere  Gruppe  seiner  Kranken  bekam  mehr  oder 
weniger  hohes  Fieber,  oft  sofort  nach  der  Injektion,  oft  erst  nach 
24  Stunden.  Auch  aus  diesen  Versuchen  geht  die  schon  oben  betonte 
Gefährlichkeit,  mit  Reizeffekten  chronische  Lungentuberkulose  zu 
behandeln,  hervor.  —  Das  sind  eben  alles  Erscheinungen,  wie  ich  sie, 
wie  erwähnt,  bei  einem  Teil  meiner  Kranken  nach  intramuskulärer 
Injektion  kolloidaler  SiOa-Lösung  ebenfalls  beobachtet  hatte,  und 
welche  mich  dann  veranlassten,  das  reine  1  proz.  Natriumsilikat 
(Merck)  intravenös  zu  versuchen,  nach  dem  eine  Reaktion  irgend¬ 
welcher  Art  niemals  auftrat. 

Im  Gegensatz  zu  meinen  obenerwähnten  unschädlichen  intra¬ 
peritonealen  Injektionen  einer  kolloidalen  Kieselsäure  bei  Kaninchen 
fanden  englische  Autoren  (Gye  und  Purdy  [  1 6l)  bei  parenteraler 
Applikation  grosser  Dosen  kolloider  Kieselsäure  doch  eine  erhebliche 
Giftwirkung.  Dosen  von  1 — 2  mg  töteten  eine  Maus  und  30  mg  ein 
Meerschweinchen  bei  intraperitonealer  Injektion,  wobei  eine  schäd¬ 
liche  Wirkung  auf  die  Gefässendothelien  am  augenfälligsten  war. 
Interessant  und  mit  den  bekannten  Kahl  eschen  Befunden  im  Ein¬ 
klang  stehend  ist  ihre  Beobachtung,  dass  bei  Kaninchen  tägliche  intra¬ 
venöse  Injektion  von  5  mg  Kieselsäuresol  mehrere  Jage  lang  zur 
Entwicklung  einer  Leberzirrhose  führte  sowie  zur  Bindegewebswuche¬ 
rung  in  Milz  und  Nieren.  Damit  ist  von  neuem  die  spezifische  Wir¬ 
kung  der  Kieselsäure  im  Sinne  einer  allgemeinen  Anregung  von  Binde- 


20.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


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gewebswuchcrung  wohl  auf  dem  Wege  einer  primären  Endothel-  I 
reizung  bewiesen;  man  kann  somit  den  weiteren  Versuchen,  diese 
Eigenschaften  des  Mittels  auch  beim  tuberkulösen  Menschen  thera¬ 
peutisch  zu  verwerten,  soweit  das  unschädlich,  d.  h.  reiz¬ 
los  geschieht,  eine  gewisse  Berechtigung  nicht  ganz  ab- 
sprechcn.  Hat  bei  den  weiteren  Tierexperimenten  der  Eng¬ 
länder  längere  Zeit  fortgesetzte  intravenöse  Verabfolgung 
kleiner  Dosen  von  kolloidaler  Kieselsäure,  welche  Va  bis 
1  '20  der  tödlichen  Dosis  betrugen,  den  Erfolg  einer  Fibrosis 
der  Leber,  Nieren  und  Milz,  so  käme  es  auch  beim  Menschen 
darauf  an,  die  Dosierung  bei  intravenöser  Zufuhr  so  zu  gestalten, 
dass  Leber,  Milz  und  Nieren  ungeschädigt  bleiben,  dagegen  m  i  t  d  e  r 
Zeit  in  den  Lungen  sich  eine  gewisse  Anregung  der  Bindegewebs- 
hyperplasie  im  Interesse  einer  Tuberkuloseheilung  bemerkbar  machen 
würde.  Es  wäre  dann  ja  eigentlich  der  intravenöse  Weg  der  SiO-.-Bc- 
handlung  bei  der  Lungentuberkulose,  wenn  unschädlich,  noch  immer 
der  rationellste,  ganz  abgesehen  davon,  dass  jede  Unsicherheit  der 
Dosierung  durch  die  enteralen  Resorptionsverhältnisse  in  Wegfall 
kommt. 

Die  ausserordentlich  günstigen  Resultate,  welche  ich  nun  mit  den 
intravenösen  Natriumsilikatinjektionen  bei  Arteriosklerose,  Stenokar¬ 
die  usw.  erzielt  habe 2),  die  auffallende  Hebung  des  subjektiven  Be¬ 
findens,  das  Fehlen  jeder  unangenehmen  Störung  oder  Reaktion,  die 
sichtbare  Steigerung  der  Leistungsfähigkeit,  also  alles  in  allem  von 
allen  Kranken  einstimmig  anerkannte  Erfolge  haben  in  mir  nun  wieder 
den  alten  Gedanken,  auch  die  Lungentuberkulose  in  gleicher  Weise 
zu  behandeln,  aufkommen  lassen,  wenn  auch  nach  dem  Vorbild  der 
enteralen  Kieselsäuretherapie  mit  einer  lange  Zeit  fortgesetzten  SiOa- 
Verabfolgung  gerechnet  werden  musste.  Hinzu  kam  noch  folgendes: 
Seit  7  Jahren  beschäftige  ich  mich  mit  der  Chemotherapie  der 
Lungentuberkulose,  wobei  ich  ausser  einigen  bekannten  Mitteln  (Ar¬ 
sen,  Krysolgan,  Jod,  Silber,  Kupfer  usw.)  namentlich  dem  Chaulmoo- 
graöl  resp.  der  reinen  Chaulmoograsäure  mein  Interesse  gewidmet 
habe.  Ich  werde  demnächst  in  ausführlicher  Bearbeitung  auch  hier¬ 
über  berichten.  Während  ich  nun  bei  intravenöser  Verabf  olgung  eines 
5  proz.  Chaulmoograpräparats,  das  im  übrigen  gut  vertragen  wurde, 
eine  irgendwie  bemerkenswerte  Einwirkung  auf  den  Krankheitspro¬ 
zess  oder  das  Allgemeinbefinden  nicht  wahrzunehmen  glaubte,  hatten 
einige  Injektionen  einer  Mischspritze  Chaulmoogra  +  Nasil  in  die 
Vene  bei  einigen  Schwerkranken  eine  unverkennbare  Wirkung  in  dem 
Sinne,  dass  eine  ganz  enorme  Fibrosis  sich  in  der  kranken  Lunge  zu 
entwickeln  schien,  unter  Herüberziehen  des  Herzens  auf  die  kranke 
Seite  und  allmählichem  Schwinden  aller  schweren  Krankheitserschei¬ 
nungen.  Ja.  auch  eine  schwere  Larynxtuberkulose  sah  ich  durch  ein 
ähnliches  Mischpräparat  radikal  heilen,  was  von  laryngologischer 
Seite  mit  beobachtet  und  bestätigt  wurde.  Das  kann  natürlich  Zufall 
sein,  da  derartige  indurative  und  fibröse  Formen  auch  ohne  Chaul¬ 
moogra  und  ohne  Silizium  auftreten  können.  Ich  will  dies  auch  nur 
anführen,  um  zu  motivieren,  dass  ich,  zumal  diese  Beobachtung  mit 
den  ersten  auffallenden  Wirkungen  der  intravenösen  Siliziumtherapie 
bei  Arteriosklerose  zeitlich  zusammenfiel,  wieder  zu  den  von  mir 
schon  aufgegebenen  intravenösen  Siliziuminjektionen  bei  Tuberku¬ 
lose  zurückgekehrt  bin. 

Das  Natriumsilikat  ist  stark  alkalisch  und  kann  daher  in  grösseren 
Mengen  nicht  injiziert  werden.  Versucht  man,  es  durch  eine  indiffe¬ 
rente  Säure  zu  neutralisieren,  d.  h.  den  Alkaliiiberschuss  zu  paraly¬ 
sieren,  so  fällt  in  kurzer  Zeit  das  Silizium  als  Gel  aus;  derartige 
Lösungen  sind  also  nicht  haltbar.  Ausserdem  ist  auch  nach  den 
schon  angeführten  experimentellen  Untersuchungen  von  G  y  e  und 
Purdy  über  die  Giftigkeit  der  kolloidalen  Kieselsäure  bei  intra¬ 
venöser  Injektion  das  Gel  giftiger  sei  als  das  Sol.  Nun  ist  es  mir 
gelungen,  durch  einen  gewissen  Jodzusatz  den  Alkaligehalt  ganz  er¬ 
heblich  herabzusetzen,  und  diese  gut  haltbare  jod-  und  si¬ 
liziumhaltige  Lösung  wird  reaktionslos  vom  Blut  vertragen. 
Ihr  Alkaligehalt  verhält  sich  zu  dem  der  1  proz.  Natr.  sil.  -  Lösung  wie 
10  :  62.  Das  Jod  vertritt  in  diesem  Fall  die  Rolle  einer  schwachen 
Säure,  welche  das  überschüssige  Natron  des  Natriumsilikats  an  sich 
reisst.  Ich  bin  nun  dazu  übergegangen,  dieses  Präparat  (N  a  j  o  s  i  1), 
welches  ich  zuerst  bei  Arteriosklerose,  Hypertension  usw.  mit  gutem 
Erfolg  therapeutisch  anwandte,  auch  bei  der  Lungentuberkulose  zu 
injizieren,  von  dem  Gedanken  ausgehend,  dass  neben  dem  Silizium 
auch  kleine  Dosen  Jod  chemotherapeutische  Wirkungen  haben 
könnten.  Hat  das  Jod  doch  schon  lange  einen  Ehrenplatz  in  der  Be¬ 
handlung  der  Skrophulose.  Drüsen-  und  der  sog.  Chirurg.  Tuberku¬ 
lose  inne  (Bier,  Hotz  [17]  u.  a.)  und  hat  man  doch  auch  schon 
lange  versucht,  die  Lungentuberkulose  durch  Jod  zu  beeinflussen 
(Bier.  Hotz,  Calmette,  Therasse  u.  Henno,  Weickscl. 

C  a  n  t  a  n  i,  C  a  1  a  b  r  e  s  e,  L  i  v  i  e  r  a  t  o.  O.  L  o  e  b.  N  i  e  v  e  1  i  n  g, 
Andronow.  Wells,  Sternberg,  Löb  u.  Michaud,  Wells- 
1  i  i  d  e  o  n  -  W  i  1 1  u.  Corper,  We  1  1  s  -  G  i  d  c  o  n  u.  Hedenburg, 
Pertik,  Rotschild,  Baer,  Weiss,  Rondo  t,  Sorel, 

A  n  d  r  y.  B  o  n  d  r  e  a  u,  D  u  f  o  u  r,  C  h  e  i  n  i  s  s  e,  Petit,  Grü  n  - 
borg,  Wüstmann,  P  f  a  n  n  e  n  s  t  i  e  I.  Müller  u.  a.). 

Nach  den  experimentellen  und  klinischen  Versuchen  dieser  Auto¬ 
ren.  auf  deren  ausführliche  Wiedergabe  ich  leider  mit  Rücksicht  auf 
den  Raummangel  verzichten  muss,  erscheint  es  wohl  berechtigt,  die 
intravenöse  Jodtherapie  in  Verbindung  mit  der  unschädlichen 


2)  Vgl.  Ther.  d.  Gegenw.  1923  H.  4, 


intravenösen  Siliziumtherapie  wieder  aufzunehmen  und  weiter  auszu- 
bauen.  Dazu  habe  ich  nun  das  obenerwähnte  Najosil  systematisch 
benutzt. 

Dieses  SiOa  -  Jodpräparat  hat  mit  der  Pregl  sehen  Jodlösung 
eine  gewisse  Aehnlichkeit,  insofern,  als  darin  das  Jod  als  jodsaures 
Natrium  und  Jodnatrium  enthalten  ist.«  Sein  Vorteil  ist  der,  dass  es 
selbst  in  grösseren  Mengen  reaktionslos  vertragen  wird  (ich  habe 
vielfach  bis  5,0  intravenös  gegeben),  dass  man  also  damit  die  Kiesel¬ 
säure  ohne  Reizwirkung  in  kräftiger  Dosierung  parenteral  einver¬ 
leiben  kann,  was,  wie  aus  vorstehendem  erhellt,  bislang  noch  nicht  so 
recht  möglich  war.  Während  nach  meinen  früheren  Untersuchungen 
die  Natriumsilikatleukozytose  eine  ganz  erhebliche  ist,  ist  die  Najosil- 
einwirkung  auf  die  Leukozytenbewegung  kaum  nennenswert.  Ich 
führe  als  Beispiel  an: 

I.  Vor  der  Natriumsilikatinjektion  10  000  Leukozyten 


nach  derselben  25  000 

20  Stunden  später  12  000 

II.  Vor  der  Najosilinjektion  6  500 

nach  derselben  10  500 

einige  Stunden  später  5  300 


Schon  hieraus  ist  das  Fehlen  jeder  Reizwirkung  des 
Najosils  ersichtlich,  wie  wir  es  ja  auch  bei  der  Lungen¬ 
tuberkulose  haben  wollen.  In  den  vielfach  verabfolgten 
5  ccm  Najosil  sind  50  mg  Natr.  sil.  enthalten,  oder,  wenn' 
wir  einen  SiOs-Gehalt  der  letzteren  von  58  Proz.  annehmen,  29  mg 
reine  SiC>2.  Wir  haben,  wie  gesagt,  damit  die  Möglichkeit, 
dem  Körper  ein  reichlicheres  Angebot  von  SiOa  zu  machen,  als  das 
bislang  möglich  war,  und  zwar  auf  dem  intravenösen  Wege  unter 
Fortfall  der  unsicheren  enteralen  Resorptionsverhältnisse  mit  der 
Aussicht  auf  ein  längeres  Verweilen  des  intravenös  eingeführten  Si¬ 
liziums  im  Körper,  analog  dem  Verhalten  des  intravenös  einver¬ 
leibten  Jods3).  Haben  die  Tierversuche  von  Schuhbauer  und 
Breest  [18]  doch  ergeben,  dass  das  „neutralisierte“  Natriumsilikat 
leichter  zu  einer  Anreicherung  im  Körper  führt  (bis  zum  Vierfachen 
des  Normalen!),  als  das  durch  andere  Kieselsäurepräparate  möglich 
war.  Es  steht  somit  nichts  im  Wege,  ein  gleiches  Verhalten  beim 
Najosil,  dem  durch  Jod  neutralisierten  Natriumsilikat,  anzunehmen, 
wodurch  die  weitere  Kieselsäureforschung  beim  Menschen  zweifellos 
günstig  beeinflusst  werden  kann  4 5). 

Wenn  ich  nun  auch  noch  nicht  über  jahrelange  Erfahrungen  mit 
der  Najosilbehandlung  der  Lungentuberkulose  verfüge,  so  stehen  mir 
doch  zunächst  in  bezug  auf  die  Bekömmlichkeit  und  Unschädlichkeit 
der  Behandlung  viele  Beobachtungsfälle  von  Arteriosklerose,  Prä¬ 
sklerose  und  Asthma  zur  Verfügung,  über  welche  ich  schon 
an  anderer  Stelle  berichtet  habe6).  Hier  habe  ich  wieder¬ 
holt  20 — 30  Injektionen  mit  2 — 3  tägigen  Zwischenräumen  ge¬ 
geben  und  niemals  irgendeine  nachhaltige  schädliche  Wirkung 
gesehen  bei  steter  genauer  Urinkontrolle.  Ich  habe  es  daher 
auch  gewagt,  bei  der  Lungentuberkulose  grössere  Injektions¬ 
kuren  vorzunehmen,  und  habe  dabei  niemals  eine  nachteilige 
Beeinflussung  der  Temperaturen  oder  des  Allgemeinbefindens  ge¬ 
sehen.  Im  Gegenteil  trat  in  zahlreichen  Fällen  nach  einigen  Najosil- 
injektionen  die  Entfieberung  ein6).  Nun  taucht  nur  noch  die  Frage  auf, 
ob  der  bei  jungen  Phthisikern  doch  sehr  häufige  thyreolabile  Zustand 
eine  fortgesetzte  Zufuhr  kleiner  Jodmengen  erlaubt,  ohne  dass  es  zum 
Effekt  einer  gesteigerten  Schilddrüsensekretion  kommt.  Natürlich  wird 
in  kropfreichen  Gegenden  ein  gewisses  Einschleichen  am  Platze  sein, 
bei  genauester  Beobachtung  etwaiger  thyreotoxischer  Svmptome. 
Dann  aber  verweise  ich  auf  die  M  e  n  d  e  1  sehen  Erfolge  [19]  einer 
intravenösen  Jod-Arsenbehandlung  von  Basedowkranken  und  an¬ 
deren  Strumen,  ferner  auf  die  neuen  Arbeiten  über  die  Strumabehand¬ 
lung  mit  schwachen  Joddosen  und  die  Kropfprophylaxe  in  der 
Schweiz  durch  Jodzusatz  zum  Kochsalz,  der  natürlich  unter  der  beim 
Erwachsenen  wirksamen  Dosis  bleiben  muss  (Messerl  i  [20], 
de  Quervain  T2l]  u.  a.).  Kobert  erwähnt  in  seiner 
bekannten  Monographie  über  die  Kieselsäure,  welche  den 
eigentlichen  Anstoss  zur  ganzen  Kieselsäurebewegung  gegeben 
hat,  dass  man  früher  auch  der  Ansicht  gewesen  sei,  die 
Kropfkrankheit  sei  bedingt  durch  Trinken  von  Wasser,  das 


3)  „Die  Organotropie  des  Jod  wird  durch  nichts  mehr  gesteigert,  als 
durch  die  venöse  Injektion,  die  eine  verzögerte  Aus','l'";r,"ne  des  einge¬ 
führten'  Jod  und  eine  festere  Fixierung  dieses  Arzneistoffes  in  denjenigen 
Organen  zur  Folge  hat,  zu  denen  es  eine  besondere  chemische  Affinität 
besitzt“  sagt  Mendel  (Ther.  d.  Gegenw.  1908.  H.  7  und  1910  H.  2). 

4)  Das  Präparat  Najosil  wird  von  der  Firma  Chem.  Pharma  z. 
A.-G.  Rad  Homburg  in  den  Handel  gebracht. 

5)  Fortschr.  d.  Med.  1923.  5. 

6)  Da  die  Drucklegung  dieser  Arbeit  sicli  ausserordentlich  in  die  Länge 
gezogen  hat,  hatte  ich  bis  zum  Erscheinen  reichlich  Gelegenheit,  das 
Najosil  weiter  in  leichten  und  schweren  Fällen  von  Lungentuberkulose  zu 
erproben.  Bei  leichteren  Mischinfektionen  im  Anfangsstadium  mit  geringen 
Temperaturerhöhungen  wirkte  es  —  immer  in  Kombination  mit  anderen  be¬ 
währten  Methoden  —  prompt  entfiedernd.  So  trat  in  einem  a  m  b  ulanten 
Fall  (17  jähr.  Mädchen)  nach  vierwöchigem  beträchtlichem  Fieber  durch 
6  Najosil-  und  2  Chaulmusie-(Chiu!mugra-SiIicium)-Injektionen  völlige  Ent¬ 
fieberung  ein  mit  einer  ganz  bedeutenden  subjektiven  und  objektiven  Besse¬ 
rung  (21  Pfund  Gewichtszunahme  im  Verlaufe  von  2  Monaten).  Auch  bei 
einem  21  jähr.  Kranken  mit  offener  Tuberkulose  war  der  Verlauf  ein  ähn¬ 
licher;  auch  hier  nicht  unbedeutende  Gewichtszunahme. 


Nr.  29. 


940  MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


aus  gewissen,  meist  kieselsäurereichen  Qebirgsformationen  komme. 
Er  widerlegt  diese  Anschauung  mit  dem  Hinweis  auf  die  experimen¬ 
telle  Klärung  dieser  Frage  durch  Hartmann  [22],  die  beweist,  dass 
die  Kieselsäure  keine  kropferzeugende  Wirkung  hat.  Somit  käme 
beim  Najosil  nur  das  wenn  auch  schwach  dosierte  Jod  in  Frage.  — 
Wie  gesagt,  ich  habe  bislang  das  Präparat  in  vielen  Fällen  fortgesetzt 
—  chronisch  intermittierend  —  gegeben,  ohne  irgendeine  Schild¬ 
drüsenreaktion  wahrzunehmen,  doch  ist  im  Anfang  der  Behandlung 
natürlich  sorgfältigste  Beobachtung  in  dieser  Hinsicht  am  Platze. 
Diese  Vorsicht  vorausgesetzt,  kann  also  nunmehr  eine  chronische 
Kieselsäurezufuhr  auf  diese  parenterale  Weise  ohne  Schädigung  selbst 
im  vorgerückten  Stadium  ermöglicht  werden,  und  damit  fallen  meine 
früher  geäusserten  Bedenken  gegen  eine  chronische  parenterale 
Kielesäurebehandlung  der  Lungentuberkulose  mehr  oder  weni¬ 
ger  fort.  Natürlich  resultiert  dabei  —  analog  der  Jod¬ 
behandlung  der  Arteriosklerose  —  ein  chronisch  intermittie¬ 
rendes  Verfahren,  wobei  es  dann  schliesslich  auf  die  Gesamtzeit  nicht 
ankommen  darf.  Sehen  wir  ja  auch  bei  einer  anderen,  der  Tuberku¬ 
lose  doch  verwandten  chronischen  Infektionskrankheit,  der  Lepra, 
dass  nur  jahrelange  Behandlung  mit  einem  wirksamen  Mittel  — 
in  diesem  Fall  Chaulmoograöl  —  zum  Ziele  führt.  Auch  von  der  Tu- 
bcrkulinbehandlung  habe  ich  in  vielen  Fällen  nur  durch  jahre¬ 
lange  Anwendung  Erfolg  gesehen.  Hier  darf  also  Arzt  und  Krankem 
die  Geduld  nicht  ausgehen.  Ich  bin  fest  überzeugt,  dass  dann  der  Er¬ 
folg  nicht  ausbleiben  wird,  und  meine  bisherigen  Beobachtungen  und 
Erfahrungen  bestärken  mich  in  meiner  Ueberzeugung. 

Das  Mittel  kann  in  allen  Stadien  der  Lungentuberkulose  injiziert 
werden;  nur  wenn  Neigung  zu  Blutungen  vorhanden  ist  oder  eine 
Nierenkomplikation  vorliegt,  ist  eine  gewisse  Vorsicht  am  Platze.  Ist 
doch  allenfalls  bei  längerer  Kieselsäurezufuhr  in  dieser  Form  eine 
Nierenschädigung  möglich,  da  experimentell  nach  massiven  Si02- 
Dosen  Ablagerungen  von  Silikaten  in  den  gewundenen  Kanälchen  der 
Niere,  die  sich  in  Aetznatron  lösten,  nachgewiesen  wurden.  Beim 
Menschen  habe  ich  nur  einmal  geringe  Albuminurie  mit  Zylindrurie 
nach  gehäuften  Najosildosen  gefunden;  es  kehrte  dann  aber  nach  vor¬ 
übergehendem  Aussetzen  der  Medikation  der  normale  Zustand  schnell 
wieder  zurück,  so  dass  die  Kur  ohne  weitere  Schädigung  der  Nieren 
nach  kurzem  wieder  fortgesetzt  werden  konnte.  Also  stete  Urin¬ 
kontrolle  erscheint  auf  alle  Fälle  unerlässlich. 

Weitere  Schädigungen  habe  ich  nicht  beobachtet. 

Ich  fasse  zusammen: 

1.  Die  Kieselsäuretherapie  der  Lungentuberkulose  empfiehlt  sich 
nach  wie  vor  nur  als  Unterstützungsmittel  zu  spezifischen  nichtreizen¬ 
den  Kuren,  von  denen  die  schonendste  und  mildeste  die  beste  ist. 

2.  Die  innere  Kieselsäurebehandlung  (Tee,  Kieselsäurepräparate) 
ist  in  ihrer  Wirkung  wegen  der  unsicheren  Resorptionsverhältnisse 
aller  Kieselsäurepräparate  schwer  zu  kontrollieren. 

3.  Will  man  versuchen,  die  experimentell  gefundene  und  sicher¬ 
gestellte  zirrhosierende  Wirkung  der  Kieselsäure  für  die  Lungen  im 
Sinne  einer  Anregung  einer  vermehrten  Bindegewebswucherung  mit 
dem  Endzweck  eines  zirrhotischen  fibrösen  Stadiums  der  Krankheit 
auszunützen,  so  ist  die  intravenöse  Anwendung,  die  eine  direkte  Zu¬ 
fuhr  des  Mittels  in  die  Lungen  gewährleistet,  der  einzig  richtige  Weg, 
der  nunmehr  mit  dem  Najosil  ohne  Gefahr,  schädliche  Reaktionen 
auszulösen,  beschritten  werden  kann. 

4.  Der  schwache  Jodgehalt  kann  die  therapeutische  Wirkung  nur 
unterstützen,  was  die  bisherige  Bewertung  der  Jodwirkung  bei  Tu¬ 
berkulose  wahrscheinlich  macht. 

Die  Zeit  muss  nun  lehren,  ob  wir  tatsächlich  auf  diese  Weise 
unser  Ziel  erreichen.  Vorbedingung  bei  etwaigen  Nachprüfungen  ist 
m.  E.  aber  die  Vermeidung  eines  abschliessenden  Urteils  —  im  gün¬ 
stigen  oder  ungünstigen  Sinne  —  nach  zu  kurzer  Behandlung  und 
Beobachtung,  ferner  die  Kombination  dieser  Behandlung  mit  den  bis¬ 
her  als  wirksam  anerkannten  spezifischen  und  unspezifischen  Behand¬ 
lungsmethoden,  die  aber  in  keiner  Weise  reizen  oder  aktivierend 
wirken  dürfen. 

Literatur. 

1.  Schulz:  Pflügers  Aroh.  1901,  84;  1902,  89;  1912,  144;  M.m.W.  1902. 

-  2.  Kobert:  lieber  kieseis.  Heilm.  Rost.  1918,  11.  Aufl.  —  3.  Kahle: 
M.m.W.  1914;  Beitr.  z.  Klin.  d.  Tub.  47.  —  4.  R  ö  s  sl  e:  M.m.W.  1914,  14.  — 
5.  Kühn:  M.m.W.  1918,  Nr.  52;  Ther.  Mh.  1919,  Juni.  —  6.  Kühn:  M.m.W. 
1921  Nr.  50;  Med.  Klin.  1922  Nr.  1.  —  7.  Thoma:  M.m.W.  1922  46.  — 

8.  Wiechowski:  Ther.  d.  Gegenw.  1922,  April.  —  9.  Marcus  und 
Zu  ritz:  Zschr.  f.  Imm.Forsch.  1912.  —  10.  Zimmer:  M.m.W.  1923  Nr.  8. 

11.  Klare  und  Budde:  M.m.W.  1922  Nr.  20.  —  12.  v.  Winter¬ 
fel  dt:  Ther.  d.  Gegenw.  1922,  Nov.  —  13.  Gühlke:  Ther.  d.  Gegenw. 
1923,  Febr.  —  14.  Zuckmeyer:  Ther.  d.  Gegenw.  1921,  Okt.  — 
15.  Bogendörfer:  Ther.  d.  Gegenw.  19121  Nr.  16.  —  16.  Gye  und 
Purdy:  Brit.  journ.  of  exp.  path.  Bd.  3  Nlr.  2.  —  17.  Hotz:  Mitt.  a. 
d.  Grenzgeb.  1912,  25.  —  18.  Schuhbauer  und  B  r  e  e  s  t:  Bioohem. 
Zschr.  108,  4/6.  —  19.  Mendel:  Ther.  d.  Gegenw.  1910,  2;  D.m.W. 
1022,  Nr  '27.  —  20.  Messe.rli:  Rev.  med.  de  la  Suisse  rom.  3.  42.  3.  — 
21.  de  (Juervai:  Schweiz,  med.  Wschr.  Jahrg.  52,  35.  —  22.  Hart¬ 
mann:  Chem.  Ztg.  1916  Nr.  118/119.  —  23.  Kadi  sch:  Beitr.  z  Klin  d 
Tub.  1922,  53,  H.  3. 


Aus  der  II,  Univ. -Klinik  für  Frauenkrankheiten  in  München. 
(Vorstand:  Prof.  Fr.  Weber.) 

Allgemeines  über  die  Ursachen  der  Frauenkrankheiten*). 

Von  Privatdozent  Dr.  Hans  Saenger,  Oberarzt  der  Klinik. 

Vor  dreissig  Jahren  hielt  mein  Vater,  Professor  Max  S  a  c  n  g  c  r, 
in  der  Aula  der  Universität  Leipzig  einen  Vortrag  über  die  allge¬ 
meinen  Ursachen  der  Frauenkrankheiten. 

Es  erschien  mir  verlockend,  diesen  Versuch  einer  übersichtlichen 
ätiologischen  Betrachtung  der  Erkrankungen  des  weiblichen  Sexual¬ 
organs  auch  meinerseits  zu  unternehmen  und  die  Erfahrungen  der 
letzten  drei  Dezennien  dabei  in  den  Vordergrund  zu  stellen. 

Von  jeher  ist  das  Ziel  ärztlichen  Strebens  die  Bekämpfung  der 
Krankheiten  an  ihren  Ursachen  gewesen.  Als  die  Aerzte  noch  weniger 
Einblick  in  den  Bau  und  die  Funktion  des  gesunden  und  kranken 
menschlichen  Körpers  hatten,  glaubten  sie,  besser  als  wir  heute  die 
Ursachen  der  Krankheiten  zu  kennen.  Spekulative  Forschungsweise 
und  Hypothesen  erzeugten  grösstenteils  mystische  Vorstellungen. 
Aber  Anatomie,  Physiologie  und  Pathologie  erzog  zu  stets  wachsen¬ 
der  Sachlichkeit.  Und  je  weiter  wir  in  unserer  Erkenntnis  fortschrci- 
ten,  um  so  mehr  werden  wir  uns  bewusst,  dass  alles,  was  wir  Ur¬ 
sachen  nennen,  nur  Teilursachen  sind.  Wir  müssen  stets  wieder  nach 
neuen  verborgenen  Quellen  der  sich  uns  darbietenden  Krankheits¬ 
erscheinungen  forschen  und  uns  hüten,  zu  viele  hypothetische  Schlüsse 
an  Stelle  exakter  Beobachtung  zu  setzen.  Das  soll  uns  von  den 
okkulten  Aerzten  des  Mittelalters  und  von  den  Pfuschern  unserer 
Tage  unterscheiden. 

Nicht  jedem  Arzt  liegt  die  Behandlung  psychogen  beeinflussbarer 
Leiden.  Auf  diesem  Gebiet  erntet  der  gewiegte  Kurpfuscher  oft 
billige  Lorbeeren.  Die  Neigung  zu  mystischer  Krankheitsvorstellung 
ist  vielfach  auch  im  sonst  populär  aufgeklärten,  verwöhnten  und 
krittelnden  Publikum  wieder  grösser  geworden,  und  mancher  schlaue 
oder  selbst  psychopathische  Arzt  hat  daraus  Nutzen  gezogen.  So 
gibt  cs  in  München  eine  ganze  grosse  Gemeinde,  die  lieber  zum 
Augendiagnostiker  geht  und  sich  aus  Farbenschattierungen  der  Iris 
auch  ihre  Unterleibsbeschwerden  herauskonstruieren  lässt,  als  sie  der 
Beurteilung  der  tuschierenden  Hand  des  geübten  Gynäkologen  zu 
überlassen.  Dabei  haben  wir  modernen  Frauenärzte  wieder  gelernt, 
nicht  nur  den  Zustand  des  weiblichen  Sexualorgans  allein,  sondern 
stets  auch  den  gesamten  Körper  der  Trägerin  zu  betrachten.  Denn 
die  Bedeutung  der  Lehre  von  der  verschiedenartigen  Konstitution  des 
Einzelorganismus  wird  jetzt  allgemein  anerkannt.  Vielfach  sind  Kon¬ 
stitutionsanomalien  geknüpft  an  krankhafte  Störungen  gewisser  endo¬ 
kriner  Drüsen.  Diese  Erkenntnis  förderte  die  Lehre  von  der  inneren 
Sekretion,  die  seit  der  Tagung  der  Deutschen  gynäkologischen  Ge¬ 
sellschaft  zu  Halle  im  Jahre  1913  für  unser  Fach  immer  mehr  an 
Bedeutung  gewinnt. 

Das  Sexualorgan  der  Frau  darf  und  muss  als  Einheit  betrachtet 
werden,  wenn  es  auch  in  3  Abschnitte  zerfällt,  nämlich  in  die  Pars 
generationis  —  die  Eierstöcke  — ,  in  die  Pars  gestationis  —  Eileiter 
und  Gebärmutter  —  und  in  die  Pars  copulationis  —  Scheide  und 
Scham.  Nur  wenn  alle  3  Abschnitte  sich  voll  betätigen  können,  ist 
der  Zweck  des  weiblichen  Lebens  erfüllt,  und  das  Geschlechtsorgan 
erweist  sich  als  funktionstüchtig. 

Im  Folgenden  will  ich  versuchen,  die  wichtigsten  Frauenkrank¬ 
heiten  in  den  verschiedenen  Lebensepochen  des  Weibes  auf  ihre  uns 
erkennbaren  Ursachen  hin  durchzugehen. 

Schon  unmittelbar  nach  der  Geburt  kann  es  sich  zeigen,  dass  das 
Sexualorgan  des  neugeborenen  Mädchens  fehlerhaft  gestaltet  ist,  wenn 
das  Geschlecht  des  Kindes  festgestellt  werden  soll  und  es  äusserliche 
Missbildungen  erkennen  lässt.  Dabei  pflegt  es  sich  seltener  um  sexuale 
Zwitterbildungen  zu  handeln,  als  um  Verschlüsse  und  kombinierte 
Missbildungen  des  Harn-Enddarms  und  Geschlechtsapparats.  Der 
Grund  hierzu  ist  zu  suchen  in  der  Verbindung  der  Embryonalanlagen 
des  Harn-  und  des  Geschlechtsapparats  in  bilateral  getrenntem  Ur¬ 
sprung  und  zweigeschlechtlicher  Anlage.  Vor  allem  erklärlich  werden 
so  die  Doppelmissbildungen  des  Uterus  und  der  Scheide,  die  infolge 
Ausbleibens  der  Verschmelzung  des  kaudalen  Anteils  der  Müll  er¬ 
sehen  Gänge  entstehen.  Defektbildungen,  Aplasien  und  Atresien  fin¬ 
den  wir  auch  häufig  an  anderen  Körperstellen.  Die  den  Gynäkologen 
interessierenden  sind  die  Gynatresien  von  der  Atresia  hymenalis  bis 
zum  verschlossenen  Nebenhorn  des  Uterus  bicornis.  Gynatresien 
treten  meist  in  der  Pubertät  bei  Stauung  des  ersten  Menstruations- 
blutes,  Doppelbildungen  bei  Gravidität  krankhaft  in  Erscheinung. 
Zahlreich  sind  die  Gefahren  namentlich  letzterer,  schon  die  der  An¬ 
deutung  einer  Doppelbildung  der  Gebärmutter,  eines  Uterus  arcuatus. 
Wir  selbst  haben  oft  Lageanomalien  der  Frucht  —  Steisslagen  und 
Querlagen  —  gesehen,  die  nur  durch  die  abnorme  Form  des  Fundus 
uteri  bedingt  waren.  Normalerweise  passt  sich  das  Kind  der  Eiform 
des  Uterus  an,  es  strampelt  sich  in  seine  Kopflage,  der  schwere  Kopf 
findet  im  unteren  Uterinsegment  ein  passendes  Lager,  der  breite  Fun¬ 
dus  gestattet  ungezwungenere  Bewegungen.  Durch  die  Einbuchtung 
des  Fundus  uteri  werden  diese  Verhältnisse  gestört.  Sind  die  ein¬ 
zelnen  Hälften  eines  mehr  oder  weniger  vollständig  verdoppelten 
Uterus  gut  entwickelt,  dann  können  ungestörte  Schwangerschaften 
auf  einer  Seite  überstanden  werden.  Meistens  jedoch  lässt  die  Aus¬ 
bildung  des  Gebärmuttermuskels  zu  wünschen  übrig,  Aborte  und 

*)  Antrittsvorlesung  am  2.  III.  1923. 


20.  Juli  192.?. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Frühgeburten  sind  noch  der  glücklichste  Ausgang,  wenn  sie  spontan 
verlaufen.  Werden  dabei  operative  Eingriffe  nötig  und  erkennt  der 
Arzt  die  Doppelmissbildung  nicht,  dann  können  schwere,  perforierende 
Verletzungen  erfolgen.  Die  Ruptur  eines  hypoplastischen  Uterus- 
hornes  kann  sich  aber  auch  spontan  ereignen,  in  einem  verschlossenen 
Nebenhorn  wird  sie  auf  die  Dauer  unausbleiblich  sein.  Ein  neugebo¬ 
renes  Mädchen  kann  sogar  mit  einem  Uterusprolaps  auf  die  Welt 
kommen;  dabei  werden  wir  aber  eine  Spina  bifida  sacralis,  die  den 
3.  und  -4.  Sakralnerven,  die  Versorger  des  Beckenbodens,  in  Mit¬ 
leidenschaft  zieht,  nicht  vermissen.  Als  Ursachen  von  Missbildungen 
muss  man  fehlerhafte  Keimzellen  und  frühzeitige  Embryonalschädi¬ 
gungen  annehmen. 

Im  frühen  Kindesalter  ist  namentlich  die  Rachitis  gefährlich;  sie 
erzeugt  häufig  später  den  Mädchen  verhängnisvolle  Beckenver¬ 
engungen. 

Durch  Schlafen  im  Bett  der  tr.ipperkranken  Eltern  oder  durch 
Benutzung  des  gleichen  Badewassers  können  schon  ganz  kleine  Mäd¬ 
chen  eine  Vulvovaginitis  gonorrhoica  erwerben.  Schwere  infektiöse 
Kinderkrankheiten,  namentlich  Scharlach,  machen  in  seltenen  Fällen 
Eierstocksschädigungen.  Auch  genitale  Geschwulstbildungen  können 
schon  im  Kindesalter  beobachtet  werden. 

Fast  immer  wird  sich  ein  Mädchen  erst  durch  das  Auftreten  der 
ersten  Menstruation  ihres  Sexualorgans  voller  bewusst.  Normaler¬ 
weise  ist  das  bei  uns  vom  13.  bis  16.  Lebensjahre  der  Fall.  Späteres 
Auftreten  deutet  auf  eine  heutzutage  recht  häufige  Hypoplasie  der 
Genitalien  hin.  Diese  Hypoplasie  des  sonst  normal  angelegten  Sexual¬ 
organs,  richtiger  ausgedrückt  sein  Stehenbleiben  auf  frühpuberaler 
Stufe,  findet  sich  oft  bei  schon  äusserlich  für  ihre  Jahre  zu  kindlich 
aussehenden  jungen  Mädchen  und  Frauen.  Meistens  gleicht  sich  dieser 
Zustand  um  die  Wende  des  2.  Jahrzehntes  noch  aus;  in  vielen  Fällen 
aber  bleiben  diese  Frauen  sexuell  unzulänglich  und  nicht  zur  Ehe 
geeignet.  Wegen  Dysmenorrhoe,  Menstruationsanomalien,  wie  Ame¬ 
norrhoe,  Oligomenorrhoe,  aber  auch  Menorrhagie,  Dyspareunie  und 
Sterilität  finden  viele  von  ihnen  den  Weg  zum  Arzt.  Im  Einzelfall 
wird  es  schwer  sein,  vorherzusagen,  wie  sich  solche  Frauen  in  der 
Ehe  bewähren  werden.  Das  Symptom  der  Oligomenorrhoe  oder  gar 
Amenorrhoe  wiegt  am  schwersten.  Anfängliche,  relative  Sterilität 
kann  überwunden  werden  und  Schwangerschaft  erfolgen.  Oftmals 
führt  aber  die  erste  Schwangerschaft  zum  Abort.  Und  kommt  es 
zum  Austragen,  dann  sind  häufig  schlechte,  zwar  schmerzhafte,  aber 
wenig  effektive  Wehen  vorhanden.  Kurze  und  enge  Scheiden  er¬ 
schweren  den  Durchtritt  und  die  Rotation  des  Kopfes.  Daraus  resul¬ 
tieren  oft  schwere  Zangengeburten,  wenn  nicht  eine  noch  viel  gefähr¬ 
lichere  Komplikation,  ein  allgemein  verengtes  Becken,  besteht,  das 
die  Geburt  eines  reifen  Kindes  per  vias  naturales  unmöglich  macht. 
Die  Ueberwindung  des  puerperalen  Zustandes  ist  bei  Frauen  mit 
hypoplastischem  Genitale  erschwert,  Subinvolutio  und  rasche  Ab¬ 
nutzung  mit  ihren  örtlichen  Folgen,  Gebärmutterverlagerung  und 
Senkung  wird  häufiger  beobachtet. 

Beim  Zustandekommen  des  Hypogenitalismus  spielen  konstitutio¬ 
nelle  Einflüsse  die  grösste  Rolle.  Oft  können  wir  gleichzeitig  Chlo¬ 
rose,  Enteroptose,  Wanderniere,  strumöse  Vergrösserung  der  Schild¬ 
drüse,  Retroversio  uteri,  Hochstand  der  Blase  und  gesteigerte  Er¬ 
regbarkeit  des  Nervensystems  sowie  der  glatten  Muskulatur  fest¬ 
stellen.  Das  Wesen  der  typischen  Konstitutionsanomalien  ist  eben 
nicht  in  örtlichen  Veränderungen  allein,  sondern  in  allgemeinen  Be¬ 
dingungen  zu  suchen.  Trotzdem  müssen  wir  beim  Hypogenitalismus 
der  Funktion  der  Keimdrüsen  die  überragendste  Bedeutung  bei¬ 
messen,  selbst  wenn  deren  trophisches  Zentrum  nach  E  r  d  ii  e  i  m, 
Aschner,  Leschke  und  Hofbauer  wieder  im  Zwischenhirn 
und  der  mit  diesem  in  innigem  Zusammenhang  stehenden  Hypophyse 
zu  suchen  ist.  Wie  kommt  es  aber  nun  zu  diesem  Zustand?  Tuberku¬ 
lose,  Lues,  Alkoholismus,  hohes  Alter,  jede  körperliche  und  geistige 
Minderwertigkeit  der  Eltern  inklusive  Konstitutionsanomalien  können 
sich  dergestalt  an  den  Töchtern  äussern.  Das  sind  blastogene  Ein¬ 
flüsse.  Somatische  Einflüsse  sind  gegeben  durch  Frühgeburt,  lang¬ 
wierige  Verdauungsstörungen  im  Säuglingsalter,  unzweckmässige 
Ernährung  und  Pflege  sowie  durch  Infektionskrankheiten. 

Das  scheinbare  Gegenteil  des  Hypogenitalismus  wird  dargestellt 
durch  die  Evolutio  praecox,  die  vorzeitige  Reife.  Dabei  handelt  es 
sich  aber  meistens  um  seltene,  schwere  Störungen  des  endokrinen 
Apparats  durch  Geschwulstentwicklung  in  der  Zirbeldrüse,  in  den 
Nebennieren  oder  in  den  Ovarien.  Wieso  es  allerdings  dabei  zur  vor¬ 
zeitigen  Tätigkeit  der  Keimdrüse  kommt,  ist  nicht  bekannt. 

Wir  dürfen  die  krankhaften  Störungen  in  der  Zeit  der  Ge¬ 
schlechtsreife  nicht  verlassen,  ohne  auch  die  uns  heute  bekannten 
Ursachen  über  das  Wesen  der  Menstruation  zu  besprechen.  Nach 
R.  Meyer  ist  die  Menstruationsblutung  phylogenetisch  nicht  als  ein 
normaler,  unumgänglich  notwendiger 'Vorgang  anzusehen.  Eine  Frau 
kann  auch  ohne  menstruiert  gewesen  zu  sein  konzipieren,  gebären, 
stillen,  und  zwar  immer  wieder  bis  sie  der  Klimax  verfällt.  In  Europa 
sind  es  meist  Zigeunerfrauen,  die  uns  dieses  vor  Augen  führen. 
R.  Meyer  versteht  unter  der  Menstruationsblutung  den  körper¬ 
lichen  Ausdruck  für  den  Abgang  eines  unbefruchteten  Eies.  Wir 
kennen  jetzt  die  zyklischen  Veränderungen  der  Uterusschleimhaut 
während  der  ganzen  Zeit  der  Geschlechtsreife  und  ihr  zeitliches  Ver¬ 
halten  zur  Ovulation.  Bei  der  Frau  kommt  normalerweise  nur  ein 
Follikel  auf  einmal  zur  Reife  und  platzt  ungefähr  um  den  14.  Tag  nach 
Beginn  der  letzten  Periode.  Der  gesprungene,  eilose  Follikel  ent¬ 
wickelt  sich  zum  gelben  Körper,  der  eigenartigsten  Drüse  mit  innerer 

Nr.  29. 


941 

Sekretion;  das  Ei  wird  durch  die  Tube  nach  dem  Uterus  getrieben, 
die  Uterusschleimhaut  nimmt  mit  dem  ganzen  Organ  an  Blutfülle  zu, 
ihre  Drüsen  beginnen  zu  sezernieren,  ihre  Stromazellen  nehmen 
Deziduaaussehen  an.  Mit  dem  Tode  des  unbefruchteten  Eies  stellt 
auch  das  kleinkirschgrosse  Corpus  luteum  seine  belebende  Tätigkeit 
ein,  und  infolge  von  Ernährungsstörungen  wird  die  Funktionsschicht 
der  Gebärmutterschleimhaut  unter  dem  Bilde  anämischer  Nekrose 
abgestossen.  Dabei  blutet  es  aus  den  eröffneten  Gefässen  der  Basalis. 
Die  Menstruationsblutung  hat  nichts  gemein  mit  den  Erscheinungen 
der  Brunst  bei  den  Tieren.  Bei  Beginn  der  Menstruation  hat  das 
Corpus  luteum  seine  aufbauende  Tätigkeit  just  eingestellt  und  zeigt 
regressive  Veränderungen.  Zur  Zeit  der  Brunst  finden  sich  bei  den 
Tieren  nur  sprungreife  Follikel  und  noch  kein  gelber  Körper.  Zu 
starke  Menstruationsblutungen  können  allgemeine  und  örtliche  Ur¬ 
sachen  haben.  Allgemeine  Ursachen  sind  zum  Beispiel  Anämie,  Chlo¬ 
rose  und  zu  Stauungshyperämie  der  Genitalorgane  führende  Erkran¬ 
kungen,  wie  Herz-  und  Lungenleiden,  Leberzirrhose  und  chronische 
Obstipation.  Oertliche  Ursachen  sind  gegeben  durch  Erkrankungen 
des  Uterus  einerseits  und  solcher  der  Ovarien  andererseits.  Ich  er¬ 
wähne  Lageveränderungen,  entzündliche  Prozesse,  namentlich  go¬ 
norrhoische,  septische  und  saprische  Infektionen  des  Endometriums, 
Hypertrophien  der  Mukosa,  Myomentwicklung  und  bindegewebige 
Entartung  der  Uterusmuskulatur,  die  sogenannte  chronische  Metricis. 
Aber  auch  nur  im  Ovarium  gelegene  Ursachen  müssen  häufig  ange¬ 
nommen  werden,  Störungen  der  Eireifung,  des  Follikelsprungs  und 
der  Corpus  luteum-Bildung  mit  und  ohne  entzündliche  Verände¬ 
rungen.  Letzten  Endes  ist  jede  Menorrhagie  ovariellen  Ursprungs. 
So  führen  Hämatomzysten  der  Ovarien  häufig  zu  Amenorrhoe  und 
später  zu  starken,  anhaltenden  Blutungen.  Entfernt  man  bei  einer 
Operation  zwischen  dem  14.  und  26.  Tage  nach  der  letzten  Periode 
das  Corpus  luteum,  dann  tritt  am  nächsten  Tage  vorzeitig  die  Men¬ 
struation  ein.  Wird  in  den  ersten  1 — 2  Schwangerschaftsmonaten  das 
Corpus  luteum  entfernt,  dann  kommt  es  zum  Abort. 

Von  den  Menorrhagien  sind  nach  Möglichkeit  zu  trennen  die 
Metrorrhagien,  die  von  Ovulation  und  Menstruation  meist  unab¬ 
hängigen  Uterusblutungen.  Diese  beruhen  entweder  auf  Störungen 
im  Verlauf  von  Schwangerschaft,  Geburt  und  Wochenbett,  oder  auf 
malignen  Neubildungen  von  Uterus  und  Scheide,  oder  auf  der  Ent¬ 
wicklung  von  Polypen. 

Wir  kommen  nunmehr  zur  Hauptepoche  im  Leben  der  Frau  zur 
Zeit  der  Gestation,  der  Fortpflanzung.  Das  Kindbett  ist,  wie  mein 
Vater  sagte,  das  wahre  Schlachtfeld  der  Frauen,  auf  dem  sie  alle 
'Tugenden  des  Kriegers,  Mut  und  Aufopferung,  Tapferkeit  und  Hingabe, 
zeigen  können.  Hier  können  sie  ihre  Wunden  empfangen,  leichte, 
schwere  und  tödliche,  und  den  Keim  davontragen  zu  Siechtum  und 
Invalidität.  Anderseits  bewährt  sich  hier  die  gute  Rasse,  so  dass 
selbst  zahlreiche  Geburten  ohne  gesundheitliche  Schädigungen  bei 
Erhaltung  von  Frische  und  körperlicher  Elastizität  überwunden 
werden  können.  Solche  Frauen  verfallen  nur  durch  schlechte  Ge¬ 
burtshilfe  der  Krankheit.  Es  kann  ihnen  drohen  die  Borniertheit  und 
Unsauberkeit  vieler  Hebammen  und  die  Vielgeschäftigkeit  und  Un¬ 
sicherheit  mancher  Aerzte.  Geburtshilfe  ist  nötig,  aber  sie  muss  auf 
hoher  Stufe  stehen  und  nur  eingreifen,  wo  es  anders  nicht  geht. 
Selbst  die  Vornahme  einer  vaginalen  Untersuchung  während  der 
Geburt  muss  wohlerwogen  und  gut  vorbereitet  sein.  Semmel¬ 
weis  lehrte  uns  vor  80  Jahren  die  Ursachen  des  Kindbettfiebers 
erkennen.  Der  Geburtsvorgang  bei  den  zivilisierten  Völkern  ist  ein 
so  komplizierter,  dass  die  sachkundige  Hilfe  einer  einzigen  Person 
nicht  einmal  genügt.  Ausser  den  den  Dammschutz  ausübenden,  sterilen 
Händen  sollte  noch  eine  zweite  Kraft  vorhanden  sein,  um  Hand¬ 
reichungen  zu  machen  und  die  oft  unruhige  Kreissende  festzuhalten. 
Dammrisse  lassen  sich  sonst  nicht  vermeiden.  Am  zweckmässigsten 
würde  ein  umsichtiger,  gut  geschulter  Arzt  die  Geburt  leiten  und 
dabei  die  Schmerzen  auf  irgendeine  Art  bekämpfen,  während  eine 
erfahrene  Hebamme  den  Dammschutz  auszuführen  hätte.  Die  Ge¬ 
fahren  der  Gestation  drohen  aber  schon  kurze  Zeit  nach  der  Empfäng¬ 
nis.  Ich  erwähne  zunächst  die  im  Volke  unter  dem  Namen  Bauch¬ 
höhlenschwangerschaft  bekannte  ektopische  Schwangerschaft.  Meist 
handelt  es  sich  um  Tubenschwangerschaft.  Katarrhalische  und  ent¬ 
zündliche  Veränderungen  in  den  Eileitern  scheinen  zu  ihrem  Zustande¬ 
kommen  zu  prädisponieren.  Für  einen  Teil  der  Fälle  scheint  die  Ur¬ 
sache  im  befruchteten  Ei  selbst  zu  liegen,  das  sich  vorzeitig  in  der 
ungeeigneten  Tubenschleimhaut  einnistet.  Wiederholte  und  doppel¬ 
seitige  Extrauteringravidität  sprechen  dafür.  —  Verschiedene  Er¬ 
krankungen  während  der  Schwangerschaft  und  Geburt  werden  auf 
toxische  Einflüsse  des  Eies  zurückgeführt.  Nämlich  die  Hyperemesis 
gravidarum,  die  Varizenbildung,  die  Schwangerschaftsniere,  die 
Schwangerschaftsleber,  gewisse  Nervenerkrankungen  und  Dermatosen 
sowie  vor  allem  die  gefürchtete  Eklampsie.  Zwar  ist  das  Gift  einer 
solchermassen  angenommenen  Autointoxikation  noch  nie  gefunden 
worden,  doch  spricht  vieles  für  sein  Vorhandensein.  Vor  allem  der 
pathologisch-anatomische  Befund  in  tödlich  verlaufenen  Fällen,  der 
dem  bei  Phosphor-,  Arsen-  und  Schwammgiften  völlig  gleichen  kann. 
Weiter  spricht  für  die  Richtigkeit  der  Annahme  einer  Giftwirkung 
von  seiten  des  Eies  das  Aufhören  der  krankhaften  Erscheinungen  bei 
rechtzeitiger  Entfernung  desselben.  Nur  wenn  die  Organschädigungen 
zu  hochgradige  waren,  bleibt  der  Erfolg  aus.  Zur  Erklärung  des  Zu¬ 
standekommens  der  Eklampsie  wurden  Unsummen  von  Arbeit  ange¬ 
wendet.  Vorläufig  ist  es  noch  nicht  klar,  ob  die  Schwangerschafts¬ 
intoxikationen  lediglich  Folge  von  Stoffwechselstörungen  sind,  ob  sie 

3 


942 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  29. 


als  Ausdruck  eines  Defektes  in  einem  normalen  Immunisierungsprozess 
angesehen  werden  dürfen,  oder  ob  sie  als  ein  anaphylaktisches  Phä¬ 
nomen  zu  gelten  haben.  Die  Anschauungen  über  die  Bedeutung  der 
sogenannten  chorialen  Invasion  sind  noch  keine  einheitlichen. 
Schittenhelm  und  S  e  i  t  z  sagten,  dass  sich  bei  der  Eklampsie 
die  Probleme  des  Stoffwechsels,  der  Immunisationslehre  und  der 
inneren  Sekretion  berühren.  Höchstwahrscheinlich  spielen  konstitu¬ 
tionelle  Minderwertigkeiten  mit  beim  Zustandekommen  mancher 
Schwangerschaftstoxikosen,  auch  bei  der  Eklampsie.  So  ist  es  mir 
aufgefallen,  dass  oft  untersetzte  Frauen  mit  kräftigem  Knochenbau 
und  Neigung  zu  Fettleibigkeit  von  Eklampsie  befallen  wurden. 

Eine  der  gefährlichsten  üeburtskomplikationen  wird  dargestellt 
durch  eine  Placenta  praevia,  durch  den  Sitz  des  Mutterkuchens  in  der 
Gegend  des  inneren  Muttermundes.  Das  von  allen  Geburtshelfern 
mit  Recht  so  gefürchtete  Ereignis  trifft  hauptsächlich  Mehrgebärende, 
und  zwar  meist  Frauen,  die  rasch  hintereinander  viele  Kinder  ge¬ 
boren  haben.  Die  Ursache  wird  vor  allem  in  einer  schlechten  Aus¬ 
bildung  der  Dezidua  in  den  oberen  üebärmutterabschnitten  zu  suchen 
sein.  Das  Chorion  frondosum  entwickelt  sich  in  solchen  Fällen  an 
tiefergelegener  Stelle,  wo  sich  unter  Umständen  ein  ausgiebigerer 
Nährboden  findet. 

ln  der  Aetiologie  des  engen  Beckens  spielt,  wie  schon  erwähnt, 
die  Rachitis  die  Hauptrolle.  Viel  seltener  sind  infantil  allgemein  ver¬ 
engte  und  Trichterbecken,  infolge  von  Skoliose,  Koxalgie  oder  Bil¬ 
dungsfehlern  schräg  verengte  Becken,  das  quer  verengte  Becken  und 
das  spondylolisthetische  Becken.  Das  osteomalazische,  zusammen¬ 
geknickte  Becken  stellt  auch  zum  Glück  eine  Rarität  dar.  Fehling 
zeigte  1887,  dass  Osteomalazie  durch  Kastration  geheilt  werden 
könne.  In  den  Ovarien  fand  man  bei  Osteomalazie  Wucherungen  der 
sogenannten  interstitiellen  Eierstockdrüse,  in  den  Epithelkörperchen 
Hypertrophie  und  Adenombildung.  Italienische  Forscher  glaubten, 
eine  Unterfunktion  des  chromaffinen  Systems  festgestellt  zu  haben. 
Jedenfalls  handelt  es  sich  bei  der  Osteomalazie  um  eine  Gleichge¬ 
wichtsstörung  in  der  Funktion  mehrerer  endokriner  Drüsen.  Die 
Schrecken  des  engen  Beckens  haben  mit  der  Vervollkommnung  un¬ 
serer  Operationstechnik,  namentlich  des  Kaiserschnitts,  bedeutend 
verloren.  Prophylaktische  Operationen,  wie  die  künstliche  Früh¬ 
geburt  und  die  prophylaktische  Wendung,  kommen  mehr  und  mehr 
ausser  Gebrauch.  Konservative  Geburtshilfe  mit  in  Reserve  gehal¬ 
tener  Operation  zeitigte  bessere  Resultate. 

In  den  Blütejahren  der  Frau  stellen  die  puerperalen  Wundinfek¬ 
tionen  die  schlimmsten  Gefahren  für  sie  dar.  Diese  drohen  ganz  be¬ 
sonders  bei  der  immer  mehr  überhandnehmenden,  unrechtmässigen 
Unterbrechung  der  Schwangerschaft.  Die  Zahl  der  Frauen,  die  im 
Anschluss  an  Abtreibungsmanöver  alljährlich  in  Deutschland  erkran¬ 
ken  und  dauernd  Unterleibsinvalide  werden,  geht  in  die  Zehntausende. 
Jeder  in  den  Uterus  eingeführte  Gegenstand,  Finger  oder  Instrument, 
bringt,  selbst  wenn  er  wirklich  keimfrei  gemacht  war,  die  Möglichkeit 
der  Bakterieninokulation.  Ein  blosses  Anstreifen  am  Scheideneingang, 
ja  an  einem  Schamhaar,  kann  verhängnisvoll  werden.  Noch  folgen¬ 
schwerer  sind  die  intrauterinen  Einspritzungen,  bei  denen  die  Flüssig¬ 
keit  oft  durch  die  Tuben  in  die  Bauchhöhle  hineingepresst  wird,  um 
dort  das  von  D  ö  d  e  r  1  e  i  n  als  Abtreibungsperitonitis  bezeichnete 
Krankheitsbild  zu  erzeugen.  Der  Entschluss  zu  dieser  Manipulation 
erscheint  völlig  unbegreiflich. 

Was  die  Häufigkeit  betrifft,  so  steht  unter  den  Infektionskrank¬ 
heiten  des  Sexualorgans  der  Tripper  unentwegt  an  erster  Stelle.  Man 
schätzt  sein  Vorkommen  auf  ungefähr  25  Proz.  ein.  Seine  unheilvoll¬ 
sten  Folgen  sind  bekannt,  als  da  sind:  Sterilität  und  jahrelanges 
schmerzhaftes  Siechtum  durch  EiLeiter-,  Eierstocks-,  Becken-,  Bauch¬ 
fellentzündung,  die  zur  Bildung  von  Adnextumoren  führt.  Die  go¬ 
norrhoische  Infektion  wird  von  den  Frauen  oft  nicht  als  solche  er¬ 
kannt,  der  Ausfluss  anderswie  gedeutet,  was  eine  besondere  Ursache 
ihrer  weiteren  Verbreitung  darstellt.  Und  leider  sind  auch  unsere 
Waffen  gegen  die  ausgebrochene  Krankheit  keine  weittragenden. 
Akute  Erkrankung  verbietet  sogar  bei  der  Frau  ihre  Anwendung.  Wir 
haben  kein  dem  Salvarsan  ebenbürtiges  Mittel  zu  ihrer  Bekämpfung. 
Ungemein  schwer  und  verantwortungsvoll  ist  die  Entscheidung,  wann 
das  Ziel  der  Vernichtung  der  letzten  Pilze  erreicht  ist.  Keine  der 
WaR.  ähnliche  Reaktion  steht  uns  zur  Verfügung,  und  im  allerbesten 
Fall  werden  Monate  darüber  vergehen.  Die  Folgen  aszendierter 
Gonorrhöe  sind  meist  irreparabel,  auch  wenn  alle  Erreger  verschwun¬ 
den  sind.  Daher  ist  weitgehendste  Prophylaxe  notwendig;  beim  Ver¬ 
sagen  der  gesetzlichen  Machtmittel  kann  diese  nur  eine  weitgehende 
persönliche  sein. 

Die  Bedeutung  der  zwei  anderen  Geschlechtskrankheiten,  der 
Syphilis  und  des  weichen  Schankers,  ist  für  das  Sexualorgan  eine 
geringere.  Ihre  lokalen  Veränderungen  beschränken  sich  fast  aus¬ 
schliesslich  auf  die  Pars  copulationis.  Verhängnisvoll  ist  allerdings, 
dass  häufig  der  syphilitische  Primäraffekt  in  der  Scheide  oder  an  der 
Portio  sitzt,  so  dass  er  übersehen  werden  muss.  Wird  die  Lues  nicht 
rechtzeitig  erkannt  und  in  Behandlung  genommen,  dann  kommt  es  auf 
dem  Lymph-  und  Blutwege  zur  Generalisierung  des  Virus,  zu  einer 
massenhaften  Verbreitung  im  ganzen  Körper.  Die  schlimmen  Folgen 
treffen  auch  die  Frucht  im  Muttcrleibe,  denn  die  Spirochaete  pallida 
vermag  besser  als  die  meisten  anderen  Krankheiterreger  die  Wand 
der  Chorionzotten  zu  durchdringen  und  in  die  fötale  Blutbahn  einzu¬ 
brechen.  Habituelle  Frühgeburt  oft  faultoter  Früchte,  Geburt  manifest 
oder  latent  syphilitischer,  lebender  auch  ausgetragener  Kinder  ist  die 
Folge. 


Die  Tuberkulose  des  Sexualorgans  ist  in  den  meisten  Fällen  eifi 
sekundäres  Befallensein  bei  tuberkulöser  Erkrankung  anderer  Or¬ 
gane.  Die  hauptsächlich  und  meist  zuerst  betroffenen  Teile  sind  die 
Tuben. 

Andere  Infektionskrankheiten  spielen  gegenüber  den  erwähnten 
am  Geschlechtsorgan  eine  untergeordnete  Rolle.  Einer  kurzen  Be-  ■ 
sprechung  bedarf  nur  noch  der  Zervikalkatarrh,  dessen  Folgeerschei-  j 
nung  das  Volk  als  weissen  Fluss  bezeichnet.  Dieser  ist  in  sehr 
vielen  Fällen  nicht  infektiöser  Art.  Die  Volksanschauung,  dass  solcher 
Säfteverlust  schwäche,  hat  einen  richtigen  Kern,  nur  wird  dabei  Ur¬ 
sache  und  Wirkung  verwechselt.  Die  Ursachen  der  Hypersekretion 
der  Zervix  sind  oft  Anämien,  Chlorose,  Asthenie,  beginnende  Tu-  i 
berkulose  und  Erschöpfungszustände  verschiedener  Art.  Der  Fluor  \ 
ist  dabei  nur  ein  Symptom  der  Allgemeinerscheinung.  Er  kann  aber  j 
den  normalen  Scheideninhalt  verändern,  so  dass  der  gute  erste  Rein¬ 
heitsgrad,  der  von  dem  Bacillus  vaginalis  minor  et  maior  Döder-  ■ 
lein  mit  saurem  Sekret  unterhalten  wird,  verloren  geht  und  andere  ' 
Bakterien  sich  ansiedeln  können.  Diesen  Zustand  kann  jede  Mani¬ 
pulation  an  den  inneren  Genitalien  vorübergehend  stören;  schwere  ■ 
Geburtsverletzungen,  wie  nichtgenähte  klaffende  Zervix-  und  Damm-  I 
risse  machen  die  normale  Selbstreinigung  der  Scheide  unmöglich 

Die  Frau  altert,  die  Blütezeit  der  Gestation  neigt  sich  zu  Ende,  j 
die  Frau  erreicht  das  Ende  des  vierten  Jahrzehnts.  Noch  ist  sie  nicht 
klimakterisch,  noch  ist  sie  menstruiert  und  konzeptionsfähig.  In  diesen 
Jahren  mehren  sich  unheimliche  Erkrankungen,  denen  das  Sexual-  j 
organ  auch  vorher  schon  mehr  ausgesetzt  ist  als  alle  anderen  Organe,  I 
nämlich  die  Geschwulstbildungen.  Wir  müssen  vermuten,  dass  der 
weibliche  Geschlechtsapparat  einerseits  wegen  seiner  embryonalen  ; 
Organrudimente,  die  er  seiner  eigenartigen  Entwicklung  aus  zwei-  i 
geschlechtlicher  Anlage  verdankt,  anderseits  wegen  seiner  ihm  auf¬ 
erlegten  bedeutendsten  Funktionen  der  Reproduktion  und  ständigen  i 
periodischen  Vorbereitung  dazu  mehr  zu  Geschwulstbildung  veranlagt 
werden  kann.  Die  eigenartige  Tätigkeit  der  Eierstöcke,  die  periodisch 
ein  Ei  zur  Reife  gelangen  und  eine  stets  neue  Drüse  mit  innerer  Se¬ 
kretion  entstehen  und  vergehen  lässt,  ist  nur  auf  Aufbau  gerichtet. 
Gleich  gesinnt  ist  der  Uterus,  der  immer  wieder  mit  einer  Fülle  von 
Nährmaterial  ausgestattet  wird.  Es  Hesse  sich  nun  denken,  dass  " 
diese  ständige  Vorbereitung  zur  Produktion  einmal  bei  Nichterfüllung 
ihrer  Absicht,  weiter  aber  auch  durch  krankhafte  Reize  zur  abnormen 
Zeugung,  zur  Hervorbringung  von  Tumoren  führen  könnte.  Die  j 
Uterusmyome  verleiten  uns  zu  dieser  Hypothese,  denn  grosse  Myome  . 
finden  wir  auffallend  häufig  bei  Frauen,  die  niemals  oder  selten  ge¬ 
boren  haben. 

Beim  Karzinom  verhält  es  sich  meist  anders;  wenn  es  sich  an  der 
Zervix  und  Portio  entwickelt,  sind  in  der  Mehrzahl  Frauen  befallen, 
die  viele  Geburten  durchgemacht  haben.  Die  bei  jedem  Partus  den 
passiven  Teil  der  Gebärmutter  treffenden  Zerrungen,  Quetschungen  ■ 
und  Verletzungen  stellen  namentlich  wenn  sie  zu  -Lazerationen  und  1 
sogenannter  Erosion  führen,  eine  starke  chronische  Gewebsreizung  • 
dar,  die  zur  Karzinombildung  prädisponieren  dürfte.  Inwieweit  eine 
allgemeine  toxische  Schädigung  und  konstitutionelle  Momente  mit¬ 
spielen,  ist  noch  nicht  festgestellt.  Bei  den  Myomen  ist  familiäre  Ver-  1 
anlagung  besonders  häufig  gefunden  worden. 

Und  weiter  müssen  wir  fragen,  warum  finden  sich  Geschwülste  : 
soviel  häufiger  in  der  weiblichen  als  in  der  männlichen  Keimdrüse? 
Beide  entwickeln  sich  doch  aus  einer  scheinbar  indifferenten  Anlage,  ij 
Grösstes  Interesse  hat  von  jeher  die  Dermoidzyste,  ein  Teratoma  ad 
ultum,  erweckt,  in  der  man  Abkömmlinge  aller  drei  Keimblätter  sehen 
kann.  Am  häufigsten  wird  in  der  Wand  einer  solchen  Zyste  ein 
solider  Zapfen  gefunden,  der  Haut,  Talgdrüsen,  Haare,  Knochenleisten  , 
und  Zähne  erkennen  lässt,  aber  auch  Gehirnsubstanz,  Augen-  und 
Gehöranlagen,  Bronchien  und  Darmwand,  selbst  Extremitätenstummel 
sind  konstatiert  worden.  Wenn  solche  Geschwülste  in  seltenen 
Fällen  auch  im  Hoden,  im  Mesokolon,  im  Mediastinum,  an  Gehirn  und 
Rückenmark  vorgekommen  sind,  so  stellen  sie  nur  in  den  Eierstöcken 
ein  häufiges  Ereignis  dar  (10  Proz.).  Vielleicht  ist  auch  das  Cyst- 
adenoma  pseudomucinosum,  das  60  Proz.  aller  Eierstocksgeschwülste  j 
ausmacht,  so  ein  Teratom,  in  dem  nur  die  Abkömmlinge  des  Ento-  j 
derms  zur  Entwicklung  gelangt  sind,  üb  nun  Keimzellen  selbst  oder 
totipotente  Blastomeren  der  ersten  Furchungsstadien  diese  Ge¬ 
schwülste  hervorbringen,  auffallend  bleibt,  dass  fast  immer  die  weib¬ 
liche  Keimdrüse  zur  Brutstätte  solcher  Erzeugnisse  wird. 

Je  mehr  sich  die  Frauen  der  Klimax  nähern,  um  so  mehr  beherr-  .5 
sehen  Gebärmutterblutungen  die  krankhaften  Symptome  von  seiten 
des  Unterleibs.  Neben  den  Myomen,  die  heftige  Menorrhagien  erzeugen  ! 
und  das  Klimakterium  hinausschieben  können,  und  den  malignen  Ge-  . 
schwülsten,  deren  erstes  Symptom  leichte  unregelmässige  Metror-  1 
rhagien  zu  sein  pflegen,  führt  eine  typische  Abnutzungserkrankung  . 
häufig  zu  heftigen  Menorrhagien,  ähnlich  wie  die  Myome,  nämlich  eine 
früher  als  chronische  Metritis  bezeichnete  Hyperplasie  und  Degene¬ 
ration  des  Myo-  und  Endometriums,  die  Metropathia  haemorrhagica.  i 
Sie  ist  meist  eine  Folge  zahlreicher  Geburten  und  auf  eine  Dys-  | 
funktion  der  Ovarien  zurückzuführen  (R.  M  e  y  e  r,  R.  S  c  h  r  ö  d  e  r). 
Zum  grossen  Teile  besteht  jedoch  die  Furcht  vor  den  Wechsel¬ 
jahren  zu  Unrecht.  Den  meisten  Frauen  können  sie  nicht  viel  an- 
liaben;  ihre  Menstruationsblutungen  werden  schwächer,  seltener  und 
bleiben  dann  für  immer  aus.  Ihre  Beschwerden  bestehen  lediglich  in 
vasomotorischen  Störungen,  den  bekannten  Blutwallungen,  in  vor¬ 
übergehend  stärkerer  nervöser  Reizbarkeit  und  nicht  so  selten  in  einer 
Zunahme  der  Körperfülle,  im  Ansatz  von  Matronenfett.  Jedenfalls 


>f>.  Juli  192.3. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCH I:  WÖCHENSCHRIF’) 


94.3 


uit  das  Erlöschen  der  Eierstockstätigkeit  stets  Stoffwechsclverände- 
ungen  im  Gefolge. 

Mit  der  Klimax  setzt  am  Sexualapparut  ein  allgemeiner  Rück¬ 
bildung-  und  Schrumpfungsprozess  ein.  Als  Eolge  vorheriger  starker 
Beanspruchung  und  Schädigungen  treten  jetzt  häufiger  Abnutzungs- 
irscheinungen  auf.  Vor  allem  sind  das  die  Prolapse,  die  Vorfälle 
ruhere,  schlecht  oder  gar  nicht  genähte  Dammrisse,  Zerrungen 
Quetschungen.  Zerreissungen  des  Beckenbodens  und  der  Levator- 
nuskulatur,  Ueberdehnung  und  Elastizitätsverlust  der  Levatorfaszie 
md  seiner  viszeralen  Leisten,  der  Parametrien  und  bindegewebigen 
Imhüllung  von  Scheide,  Blase  und  Mastdarm  sowie  die  der  Gebär- 
nutterbander  führen  zur  Gebärmuttersenkung.  Dabei  wird  der  Uterus 
'Us  seiner  schwebenden  Anteflexion  gebracht  und  gelangt,  wenn  er 
licht  schon  retroflektiert  war,  zum  mindesten  in  Mittelstellung  Seine 
Vchse  gelangt  dabei  immer  mehr  und  mehr  in  die  Richtung  der  Schei- 
lenachse,  und  der  intraabdominelle  Druck  vermag  ihn  jetzt  immer 
iefer  nach  abwärts  gegen  den  Hiatus  genitalis  zu  treiben. 

Normalerweise  kann  der  intraabdominelle  Druck  den  anteflektiert 
iegende  i  Uterus  nur  noch  mehr  in  Anteflexion  bringen,  denn  die  Vorder¬ 
teile  der  Gebärmutter  liegt  dabei  der  Blase  dicht  an;  er  kann  somit 
mr  an  der  Hinterflache  angreifen  und  wird  so  das  Corpus  uteri 
lymphysenwarts  zu  drängen  suchen,  während  Zervix  und  Portio 
,tgen  die  Le\  atorplatte  gepresst  werden.  Die  Achse  des  anteflck- 
ierten  Uterus  schneidet  den  Beckenboden  6 — 7  cm  hinter  dem  Hiatus 
cenitalis.  Demnach  leistet  eine  Retroversio  uteri  dem  Prolaps  Vor- 
chub.  1  rotzdem  wäre  es  falsch,  jede  gewöhnliche  Retroversioflexio 
Ue  an  sich  nur  eine  Gestaltsveränderung  des  Uterus  darstellt  und 
o  und  so  oft  nur  auf  einen  schlechten  Tonus  seiner  Muskulatur  zu- 
uckgefuhrt  werden  muss,  auch  bei  einer  Nullipara  ohne  weiteres  zu 
iperieren.  Andere  Ursachen  des  Prolapses  als  die  Geburtsschädi- 
.iin gen  treten  an  Bedeutung  weit  zurück;  diese  wirken  sich  allerdings 
•ei  asthenischen  brauen  besonders  frühzeitig  und  schwer  aus.  Ente- 

■e^Vorfalls"** Clb  ^  Hernien  sind  häufige  Begleiterscheinungen 

Lästige  örtliche  Erscheinungen  der  postklimakterischen  Zeit  und 
es  Alters  sind  weiter  atrophierende  Vorgänge  an  der  Vulva,  die  zu 

ÄÄ“1,  Kraurosis  führen  können,  und  solche  der  Scheide, 
it  ziii  Kolpitis  atrophicans  senilis  prädisponieren 

Neubildungen  sind  auch  im  5.  und  6.  Jahrzehnt  noch 
echt  häutig  spater  werden  sie  seltener,  und  mehr  Frauen  als  Männer 
rreichen  ein  hohes  Alter. 

Ich  habe  mir  erlaubt,  in  grossen  Zügen  die  wichtigsten  und  häu- 
gsten  Erkrankungen  des  weiblichen  Sexualapparates  auf  ihre  uns 
ekannten  Ursachen  hin  durchzugehen,  auf  Vollständigkeit  kann  ich 
aturheh  in  keiner  Weise  Anspruch  erheben. 

Wir  sehen,  dass  das  ganz  und  gar  in  den  Körper  hineingefügte 
exualorgan  der  Frau  mit  seiner  das  Geschlecht  erhaltenden,  repro- 
uktiven  Iatigkeit  von  so  überragender  Bedeutung  den  mannig- 
ichsten  Erkrankungen  in  ganz  anderem  Maasse  ausgesetzt  ist  als 
as  Geschlechtsorgan  des  Mannes,  das,  wenn  es  normal  gebildet  ist, 
auptsachlich  durch  die  Erreger  der  venerischen  Krankheiten  siech 

bed?.utet  fdr  das  weibliche  Geschlecht  eine  körper- 
che  Mehrbelastung,  die  nicht  ohne  Folgen  für  ihre  Psyche  bleiben 
ann.  Dieses  Plus  an  somatischer  Leistung,  und  sei  es  nur  die 
reissigjahrige  monatliche  Schwangerschaftsbereitschaft,  beeinflusst 
ie  psychische  Konstitution.  Schon  der  Verlauf  der  Menstruations- 
!n  nnH0iZ  die/fraue,n>  sich  körperlich  viel  mehr  zu  beobach- 
Aufmerksamkeit  immer  wieder  auf  das  Sexual- 
rgan.  Es  ist  daher  kein  Wunder,  wenn  das  Nervensystem  der  Frat 
uchter  erregbar  und  ermüdbar  ist  als  das  des  Mannes.  Kein  anderes 
rgan  ubt  auch  nur  annähernd  den  gleichen  Einfluss  auf  das  Gefühls- 

d,!?  Ke™drüse-  Psyche  und  Keimdrüsen  stehen  ir 
inigster  Wechselbeziehung.  Das  Geschlechtsleben  ist  für  die  Frai 
m  ganz  anderes,  folgenschwereres  und  verantwortungsvolleres  Die 
rau  hat  daher  Anspruch  auf  Rücksichtnahme  von  seiten  des  Mannes 
7mf  S  darf.der  Frauenarzt  bei  der  Beurteilung  des  körper- 
ilf  a-and{.S  einer  ^rfinke!1  die  psychische  Komponente  vernach- 
( ssigen>  die  oft  sogar  ätiologisch  im  Vordergrund  steht. 


Die  Röntgenbehandlung  der  Knochen-  und  Gelenk¬ 
tuberkulose, 

\on  Dr.  C.  B.  H  ö  r  n  i  c  k  e  -  Königsberg. 

Die  Technik  der  Röntgentherapie  der  Knochen-  und  Gelenktuber- 
ulo.se  hat  im  Laufe  der  Jahre  bedeutsame  Aenderungen  erfahren, 
on  der  ursprünglichen  Bestrahlung  nach  Zeit  ging  man  unter  dein 
lntluss  1  s  e  1  i  n  s  zur  Maximalbestrahlung  analog  dem  Bestrahlungs- 
i°dus  bei  den  malignen  Tumoren  über.  Da  jedoch  schon  bei  Dosen, 
ie  unterhalb  der  Erythemdosis  liegen,  ein  Röntgenulcus  eintreten 
mn  ging  I  sei  in  selbst  zu  kleineren  Dosen  über  (Reizbestrahlung), 
reiche  Bestrahlungsart  man  anwenden  soll,  kann  nur  durch  griind- 
i  i  Untersuchung  und  Beurteilung  des  Einzelfalles  bestimmt  werden, 
eder  Schematismus  ist  streng  zu  vermeiden.  Dieselbe  Strahlen- 
'enge,  die  für  den  einen  das  Optimum  ist,  bedeutet  für  einen  zweiten 
ne  Schädigung  oder  ist  nutzlos.  Im  allgemeinen  wird  A  der  HED.*) 
Jf  den  Herd  mit  6  wöchiger  Wiederholung  beiunkoinplizierten  Fällen 
is  Gegebene  sein.  Bei  bestehendem  Abszess  oder  bei  vorhandenen 


Fisteln  wird  man  zu  kleineren  Dosen  greifen  müssen,  während  sich 
manche  fibröse  Formen  refraktär  verhalten.  Sie  erfordern  unter  Um¬ 
standen  Dosen  bis  zu  60  Proz.  der  HED.  auf  den  Herd.  Grössere 
Dosen  wird  man  wegen  der  Gefahr  der  Spätschädigungen  nicht  geben. 
Die  Wiederholung  der  Bestrahlung  wird  man  so  vornehmen,  dass  die 
Gesamtbelastung  der  Haut  innerhalb  6  Wochen  höchstens  1  HED.  be- 
tragt.  Ratsam  ist  es,  nach  3  maliger  Verabreichung  der  vollen  HED. 
auf  dieselbe  Hautstelle  eine  Pause  von  mindestens  A  Jahr  eintreten 
zu  lassen.  Die  Qualität  der  anzuwendenden  Strahlen  richtet  sich  naoii 
der  liefe  des  Herdes,  sowie  nach  der  Beschaffenheit  der  Haut.  Man 
wird  daher  je  nach  der  Lokalisation  als  Filter  zwischen  Al  und  Cu 
wählen.  Als  Apparate  eignen  sich  ain  besten  die  modernen 
I  icfentherapieapparate,  jedoch  kann  man  auch  die  Behandlung  der 
kleinen  Gelenke  mit  mittelstarken  Apparaten  vornehmen.  Dass  inan 
mit  Oberflachentherapieapparaten  keinen  Erfolg  bei  der  Behandlung 
deJ  Knochen-  und  Gelenktuberkulose  erzielen  kann,  sollte  selbstver¬ 
ständlich  sein. 

Parallel  mit  der  Röntgenbehandlung  müssen  eine  möglichst  aus¬ 
geprägte  Allgemeinbehandlung,  sowie  chirurgisch-orthopädische 
gehen.  Je  intensiver  man  den  Körper  im  Kampfe  gegen 
die  I  uberkulose  unterstützt,  um  so  besser  sind  naturgemäss  die  Er¬ 
folge,  zumal  zumeist  noch  anderweitige  tuberkulöse  Herde  im  Körper 
bestehen.  In  der  ambulanten  Praxis  ist  eine  systematische  Allgemein - 
behandlung  meist  nur  schwer  durchzuführen.  Man  muss  sich  daher  im 
wesentlichen  auf  eine  Behandlung  etwaiger  Fisteln  oder  Ulzera  und 
auf  Kulugstellung  des  erkrankten  Gelenkes  mittels  Gipsschalcn, 
-  ctuenenhülsenapparate  usw.  beschränken.  Bei  den  Erkrankungen 
der  unteren  Extremität  empfiehlt  es  sich,  das  Wechseln  des  üips- 
verbandes  alle  6  Wochen  vorzunehmen  und  dabei  zu  bestrahlen, 
Dieses  Vorgehen  hat  den  Vorteil,  dass  die  Bestrahlung  bei  liegendem 
Verbände  vorgenommen  werden  kann,  aber  den  Nachteil  der  über¬ 
mässigen  Belastung  ein  und  derselben  Hautstelle. 

Ausser  dieser  Behandlung  neben  der  Bestrahlung  werden  von 
verschiedenen  Seiten  noch  Massnahmen  getroffen,  die  die  Bestrah¬ 
lungswirkung  selbst  verstärken  sollen.  Jedoch  haben  sich  die  ver- 
schiedenen  Sensibilisierungs-  und  Desensibilisierungsverfahren  bei  der 
Bestrahlung  der  chirurgischen  Tuberkulose  keine  Geltung  verschaffen 
können,  besonders  da  es  uns  nicht  mehr  daran  liegt,  eine  möglicr.st 
hohe  Dosis  an  den  Herd  heranzubringen.  Das  einzige  Mittel,  das  bei 
systematischem  Ausbau  vielleicht  einen  Erfolg  erzielen  könnte  ist  die 
spezifische  Sensibilisierung  des  Herdes  mittels  Tuberkulin.  Durch  das 
luberkulin  wird  eine  rein  auf  den  erkrankten  Herd  beschränkte 
Hyperämie  hervorgerufen  =  Herdreaktion.  Das  Verfahren  hat  dm 
Nachteil,  dass  auch  auf  sonstige,  ev.  nicht  beachtete  tuberkulöse  Herde 
un  Sinne  einer  Herdreaktion  eingewirkt  wird.  Da  in  der  Mehrzahl 
der  Fälle  noch  eine  anderweitige  Tuberkulose  besteht,  ist  die  Gefahr 
der  Aktivierung  eines  progredienten  Herdes  bei  mangelnder  Technik 
gross.  Jedoch  fand  Fränkel  bei  Lupus  nach  Infektion  von  ganz 
geringen,  sonst  unwirksamen  Mengen  Tuberkulin  schnellere  Beein¬ 
flussung  durch  Röntgenstrahlen  selbst  bei  vorher  refraktären  Fällen. 
Die  Hoffnung,  durch  die  Röntgenbestrahlung  die  operative  Behand¬ 
lung  zu  verdrängen,  hat  sich  leider  nicht  ganz  erfüllt.  Bei  sehr  aus- 
gedehnter  Tuberkulose,  besonders  bei  gleichzeitiger  Lungentuberku¬ 
lose,  ferner  aus  sozialen  Gründen,  um  die  Dauer  und  die  Kosten  der 
Behandlung  zu  verringern,  endlich  bei  vorkommenden  Versagern  der 
Röntgentherapie  wird  man  operativ  eingreifen  müssen.  Andrerseits 
bietet  wieder  die  Röntgennachbestrahlung  operierter  Fälle  sehr  gute 
Dienste.  Die  Zahl  der  Rezidive  nach  Operationen  wird  wesentlich 
herabgesetzt. 

Die  Wiikung  der  Röntgenstrahlen  auf  das  tuberkulöse  Gewebe 
ist  noch  nicht  völlig  geklärt.  Eine  direkte  Beeinflussung  der  Virulenz 
der  Bakterien  konnten  Haberland  und  Klein  trotz  3  facher  HED. 
nicht  erzielen.  Auch  für  eine  direkte  Beeinflussung  der  Bakterien- 
toxme  liegen  keine  Anhaltspunkte  vor.  Es  muss  demnach  die  Be¬ 
einflussung  der  1  uberkulose  durch  Wirkung  auf  das  Granulations¬ 
gewebe  erfolgen.  Nun  ist  eine  Zelle  gegen  Röntgenstrahlen  um  sc 
empfindlicher,  je  rascher  die  Kernteilung  vor  sich  geht  (Kienböck) 
und  je  rascher  ihr  Stoffwechsel  abläuft  (Holzknech  t).  Hieraus 
erklärt  sich  einerseits  die  geringe  Empfindlichkeit  der  Bakterien,  da 
diese  lange  im  Ruhezustände  verharren  können,  andrerseits  die  grosse 
Empfindlichkeit  des  Tuberkels.  Zunächst  werden  hier  die  Rundzellen 
betroffen  und  innerhalb  weniger  Stunden  vernichtet.  Sie  zerfallen 
und  ihre  Kerntrümmer  werden  von  Phagozyten  aufgenommen  und 
torttransportiert  (H  e  i  n  e  k  e).  Dann  zerfallen  auch  die  epitheloid cn 
und  Riesenzellen.  Es  kommt  zu  einer  Hemmung  der  Zelltätigkeit, 
speziell  des  Stoffwechsels  und  der  Teilung,  dann  zu  Kernzerfall  und 
Untergang  der  Zelle  (F  r  ä  n  k  e  1).  Parallel  damit  geht  die  reaktive 
Entzündung,  ln  der  Umgebung  des  Herdes  kommt  es  zu  einer  Er¬ 
weiterung  der  Blutgefässe,  einer  Ansammlung  von  Rundzellen  und 
endlich  zu  massenhaftem  Auftreten  von  Fibroblasten,  mit  Bildung 
eines  derben,  narbigen  Bindegewebes.  Die  Tuberkelbazillen  gehen 
meist  von  selbst  zugrunde.  1  s  e  1  i  n  glaubt,  dass  durch  den  Zerfall 
der  umgebenden  Zellen  Fermente  frei  werden,  die  die  Toxinwirkung 
der  Tuberkelbazillen  vermindern  (Entgiftung  des  tuberkulösen  Her¬ 
des)  und  die  Bazillen  soweit  schädigen,  das«  sie  vernichtet  werden 
können.  Makroskopisch  kann  man  auf  der  Höhe  der  Reaktion  am 
Ort  der  Bestrahlung  infolge  der  Hyperämie  eine  Anschwellung  finden. 

*)  HED.  ==  diejenige  Dosds,  die  nach  S  Tagen  leichte  Rötung  der  be¬ 

strahlten  Haut  und  nach  4  Wochen  Bräunung  hervorruft  (nur  bei  sehr  harter 
Strahlung). 


3* 


MÜNCHENER  MEI  HZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Mit  dein  Nachlassen  der  entzündlichen  Prozesse  und  mit  der  Schrump¬ 
fung  des  neugebildeten  Bindegewebes  geht  auch  die  Anschwellung 
wieder  zurück;  so  dass  wir  schliesslich  eine  erhebliche  Volumver¬ 
minderung  feststellen  können.  Die  vorher  glatte,  gespannte  Haut  run¬ 
zelt  sich  (1  s  e  1  i  n)  und  es  kommt  ev.  durch  die  Bindegewebsschrump- 
fung  zu  Kontrakturstellungen.  Im  ausgeheilten  Stadium  bietet  sich  du; 
gleiche  Bild,'  ob  die  Krankheit  durch  Allgemeinbehandlung,  oder  nut 
Röntgenstrahlen  behandelt  worden  ist.  In  beiden  Fällen  haben  wir  ein 
derbes,  gefässreiches  Bindegewebe,  in  dessen  Innern  die  Tuberkel¬ 
bazillen  inmitten  nekrotischer  Massen  liegen.  Bei  der  Spontanheilung 
entsteht  jedoch  das  Bindegewebe  unter  Beteiligung  —  oder  aus¬ 
schliesslich  —  von  den  epitheloiden  oder  Riesenzellen.  Durch  die 
Bindegewebsbildung  geht  das  tuberkulöse  Gewebe  zugrunde.  Bei 
der  Röntgenbestrahlung  hingegen  vernichten  wir  den  Tuberkel  zu¬ 
nächst,  dann  erst  entsteht  durch  reaktive  Entzündung  um  die  Zer- 
fallsherdc  herum  Bindegewebe.  Will  man  dagegen  eine  ähnliche 
Wirkung  haben,  wie  bei  der  spontanen  Ausheilung,  so  muss  man  durch 
Reizwirkung  die  Bindegewebsbildung  anzuregen  suchen.  Da  jedoch 
die  Fibroblasten  sehr  radiosensibel  sind,  genügen  hierzu  schon  sehr 
kleine  Dosen.  Die  jetzt  als  Reizbestrahlung  üblichen  Dosen  sind 
meines  Erachtens  noch  viel  zu  hoch.  Es  fragt  sich  überhaupt,  können 
wir  durch  Röntgenbestrahlng  bei  der  Tuberkulose  auf  direktem 
Wege  eine  Bindegewebsbildung  erreichen?  Dass  normaler  Weise  die. 
im  Tuberkel  und  seiner  Umgebung  vorhandenen  Fibroblasten  und 
ihre  Anhangsgebilde  (epitheloide  und  Riesenzellen)  in  der  Regel  kein 
Bindegewebe  bilden,  liegt  nach  Schmauss  in  der  Schädigung 
dieser  Zellen  durch  die  Tuberkelbazillen  und  die  schlechte  Ernährung 
infolge  der  Gefässlosigkeit  des  Tuberkels.  Beides  bleibt  bei  der  Reiz¬ 
bestrahlung  unverändert. 

Ausser  dieser  spezifischen  Wirkung  der  Röntgenstrahlen  auf  das 
tuberkulöse  Gewebe  können  wir  unter  Umständen  auch  eine  unspezi¬ 
fische  Wirkung  im  Sinne  einer  Herdreaktion  bekommen,  analog  dem 
Auftreten  einer  Herdreaktion  bei  Sonnenbestrahlung,  Ueberanstren- 
gung,  Seebad  usw.  Ihre  klinischen  Erscheinungen  fallen  mit  der  spe¬ 
zifischen  Röntgenstrahlenwirkung  zusammen  und  verstärken  sie. 
Hieraus  erklärt  sich  vielleicht  das  unerwartete  Auftreten  von  starken 
Einschmclzungen  nach  Bestrahlung  mit  scheinbar  geringen  Dosen. 

Ueberwiegen  infolge  der  Bestrahlung  die  degenerativen  Prozesse, 
so  kommt  es  zu  einer  Einschmelzung  des  Gewebes  und  zu  Bildung 
eines  kalten  Abszesses.  Es  muss  daher  versucht  werden,  die  Ein¬ 
schmelzung  und  die  Bindegewebsbildung  miteinander  in  Einklang  zu 
bringen,.  Die  Dosis,  bei  der  die  Einschmelzung  über  die  Binde¬ 
gewebsbildung  zu  überwiegen  beginnt  und  ein  Umschlag  von  der 
günstigen  zur  ungünstigen  Beeinflussung  erfolgt,  ist  naturgemäss  für 
jeden  Fall  verschieden.  Die  für  den  betreffenden  Fall  optimale  Dosis 
liegt  dicht  unterhalb  dieser  „Umschlagdosis“.  Aus  der  grossen  indivi¬ 
duellen  Verschiedenheit  je  nach  dem  biologischen  Kräfteverhältnis  des 
betreffenden  Kranken  ergibt  sich,  dass  es  nicht  möglich  ist,  eine 
Tuberkulosedosis  analog  der  Karzinomdosis  in  Prozent  der  HED.  mit 
Allgemeingültigkeit  zu  bestimmen.  Man  muss  vielmehr  analog  der 
Tuberkulinbehandlung  mit  kleineren  Dosen  beginnen  und  kann  unter 
Berücksichtigung  des  Befundes  und  des  Ausfalls  der  Tuberkulinproben 
langsam  die  Doste  steigern. 

Ist  zu  Beginn  der  Behandlung  bereits  ein  Senkungsabszess  vor¬ 
handen,  so  bildet  dies  keine  Gegenindikation.  Eine  Perforation  kann 
man  zumeist  vermeiden,  wenn  die  Haut  über  dem  Abszess  noch  nicht 
verdünnt  ist.  Unter  Umständen  muss  man  von  der  unveränderten 
Haut  her  bestrahlen.  Auch  bei  der  Einwirkung  der  Röntgenstrahlen 
auf  einen  Abszess  kommt  es  zunächst  zu  einer  Vernichtung  der  vor¬ 
handenen  Rundzellen.  Einige  Tage  nach  der  Bestrahlung  gelang  es 
Bai  sch  nicht  mehr,  im  Punktat  zellige  Elemente  nachzuweisen. 
Später  kommt  es  durch  verbesserte  Blutzirkulation  infolge  der  reak¬ 
tiven  Hyperämie  zunächst  zum  Grösserwerden,  dann  zur  Resorption 
und  Bindegewebsbildung  von  der  Abszessmembran  aus.  Bei  grösseren 
Abszessen  muss  man  die  Resorption  durch  Punktion  zu  unterstützen 
suchen.  Die  Spaltung  eines  noch  nicht  mischinfizierten  kalten  Ab¬ 
szesses  muss  man  auch  bei  Röntgennachbestrahlung  als  Kunstfehler 
betrachten,  es  sei  denn,  dass  nach  Entleerung  des  Eiters  die  sofortige 
Naht  vorgenommen  wird. 

Haben  sich  bereits  Fisteln  gebildet  oder  kommt  es  dazu  im  Ver¬ 
lauf  der  Bestrahlung,  so  wird  dadurch  die  Prognose  für  die  Ein¬ 
wirkung  der  Röntgenbestrahlung  nicht  wesentlich  verschlechtert. 
Können  wir  die  Fistel  durch  geeignete  Dosierung  günstig  beeinflussen, 
so  zerfallen  die  missfarbigen,  glasigen  Granulationen  auffallend  rasch. 
Es  kommt  zu  einer  starken  Hyperämie  der  Umgebung  und  hierdurch 
zu  einer  vermehrten  wässrigen  Sekretion.  Das  Auftreten  dieser  ver¬ 
stärkten  Sekretion  kann  als  ein  Zeichen  einer  günstigen  Beeinflussung 
des  Prozesses  aufgefasst  werden  (S  c  h  e  d  e).  Von  der  Umgebung 
der  Fistel  aus  bildet  sich  jetzt  ein  frisches,  lebhaft  rot  aussehendes 
Granulationsgewebe.  Hieraus  entwickelt  sich  ziemlich  rasch  ein 
derbes  Bindegewebe  mit  narbiger  Schrumpfung  und  Heilung  der  Fistel. 
Leider  ist  der  Verlauf  nicht  immer  so  glatt.  Zunächst  kommt  es 
relativ  häufig  zu  einer  erneuten  Infektion  der  Granulationen  durch  das 
von  ihnen  herabfliessende  Sekret.  Hier  heisst  es  geduldig  abwarten, 
bis  durch  die  Bestrahlungen  die  Infektion  von  innen  heraus  unter¬ 
drückt  wird  und  die  Heilung  erfolgt.  Ist  die  Fistel  nur  peripher  ver¬ 
heilt,  so  können  Eiterretentionen  eintreten  und  erneut  durchbrechen. 
Dies  ist  besonders  bei  Sequesterbildung  der  Fall.  Kleinere  Sequester 
können  resorbiert  oder  durch  die  verstärkte  initiale  Sekretion  aus¬ 
geschwemmt  werden,  bei  grösseren  Sequestern  wird  man  operativ 
Vorgehen  müssen,  ebenso  bei  Eiterretention  (F  r  e  u  n  d).  Eine  Fistel 


kann  demnach  nur  ausheilen,  wenn  sie  von  innen  heraus  verheilt.  Ist 
die  Fistelöffnung  so  klein,  dass  die  Gefahr  eines  peripheren  Ver¬ 
schlusses  und  dadurch  einer  Retention  besteht,  so  kann,  wie  es 
zuerst  1  s  e  1  i  n  gezeigt  hat,  die  Fistelöffnung  durch  Bleigummi  vor 
den  Röntgenstrahlen  schützen  und  so  die  Bindegewebsbildung  ver¬ 
hindern. 

Auf  den  gesunden  Knochen  und  Knorpel  haben  die  Ront gen¬ 
strahlen  in  der  üblichen  Dosis  keine  Einwirkung.  Der  normale  Umbau 
des  Knochens  geht  ungestört  vor  sich.  Holzknecht  rechnet  sie 
daher  zu  den  gegen  Röntgenstrahlen  unterempfindlichen  Geweben. 
Das  tuberkulöse  Granulationsgewebe  gehört  dagegen  zu  den  über¬ 
empfindlichen  Geweben.  Wir  werden  daher  bei  der  Bestrahlung  \on 
tuberkulös  erkrankten  Knochen  eine  elektive  \\  irkung  auf  das  tuber¬ 
kulöse  Gewebe  haben,  während  der  Knochen  unverändert  bleibt. 
Rings  von  Granulationsgewebe  umgebene  Knochenstücke  werden 
sequestrieren.  Ist  das  tuberkulöse  Gewebe  zerstört,  so  findet  man  iin 
Knochen  eine  scharfrandige  Höhle,  deren  Ausfüllung  durch  neu¬ 
gebildete  Knochen  zumeist  sehr  lange  Zeit  in  Anspruch  nimmt.  Im 
Röntgenbild  zeigt  sich  der  Schwund  des  üranulationsgewebes  durch 
eine  scharfe  Begrenzung  des  vorher  verwaschen  aussehenden 
Knochenherdes.  Die  periostalen  Auflagerungen  bilden  sich  zurück. 
Andrerseits  kommt  es  an  den  Stellen,  wo  das  Periost  entzündlich 
gereizt  oder  zerstört  ist,  zu  wilden  Wucherungen,  die  manchmal  zu 
phantastischen  Spangenbildungen  führen.  Stromeyer  bemerkte 
diese  Wucherungen  besonders  an  der  Hüfte.  Es  kommen  jedoch  ähn¬ 
liche  Spangenbildungen  auch  sonst  bei  der  Heilung  der  1  uberkulose 
vor,  so  dass  nicht  mit  Sicherheit  die  Röntgenstrahlen  als  Ursache  an¬ 
zunehmen  sind.  Durch  die  reaktive  Entzündung,  die  auch  im  Knochen 
als  Röntgenwirkung  eintritt,  kommt  es  zu  einer  besseren  Ernährung 
des  Knochens  und  dadurch  zu  einer  Wirkung  auf  den  darnieder¬ 
liegenden  Karzinomstoffwechsel.  Die  vorher  vorhandene,  für  die 
Tuberkulose  typische  Knochenatrophie  schwindet.  Wir  finden  im 
Röntgenbilde  wieder  einen  normalen  Kalkgehalt  und  zwar  unabhängig 
davon,  ob  die  Extremität  gebraucht  wird  oder  nicht. 

Während  die  Bestrahlung  des  ausgewachsenen  Knochens  ohne 
Bedenken  vorgenommen  werden  kann,  scheut  man  sich  im  allge¬ 
meinen,  die  kindlichen  Epiphysen  mit  grösseren  Dosen  zu  bestrahlen. 
Diese  Scheu  rührt  teils  von  den  unangenehmen  Erfahrungen,  die  man 
bei  Operationen  in  der  Nähe  der  Epiphysen  gemacht  hat,  her,  teils  ist 
sie  bedingt  durch  die  Etgebnisse  der  Tierversuche  von  Perthes 
und  F  ü  r  s  t  e  r  1  i  n  g.  Beide  fanden  nach  der  Bestrahlung  teilweise 
ein  sehr  erhebliches  Zurückbleiben  der  bestrahlten  Extremität.  Die 
verschiedenen  Versuche  sind  jedoch  an  nur  1  bis  5  Tagen  alten  'Deren 
angestellt.  Die  Tiere  sind  also  für  einen  Vergleich  auch  unter  Be¬ 
rücksichtigung  des  schnelleren  Wachstums  zu  jung.  Ausserdem  sind 
die  Dosen  wesentlich  höher  als  die  bei  der  'Tuberkulosebehandlung 
üblichen.  Es  kommen  also  die  sonst  so  wertvollen  Versuche  für 
unsere  Zwecke  nicht  in  Betracht.  Meines  Wissens  hat  bei  der 
Röntgenbestrahlung  der  Knochentuberkulose  bisher  noch  niemand  eine 
Wachstumsstörung  beobachtet,  die  einwandfrei  durch  die  Bestrahlung 
hervorgerufen  ist.  Baisch  schreibt,  dass  in  einem  Falle  von  Be¬ 
strahlung  der  Femurepiphyse  der  Knochen  palpatorisch  und  auf  dem 
Röntgenbild  sich  eher  massiger  und  grösser  erwies  als  auf  der  nicht 
bestrahlten  Seite.  I  sei  in  konnte  bei  einem  8jährigen  Jungen  nach 
Bestrahlung  der  unteren  Tibiaepiphyse  keine  Verkürzung  der  Tibia, 
aber  eine  Verlängerung  der  Fibula  um  1  cm  nachweisen.  Es  ist  nicht 
unmöglich,  dass  durch  die  lokale  Hyperämie  nach  der  Bestrahlung 
ein  erhöhtes  Knochenwachstum  eintreten  kann.  Es  wird  ratsam  sein, 
bei  der  Bestrahlung  intakte  Epiphysen  durch  Bleigummi  zu  schützen. 
Sind  die  Epiphysen  am  Prozess  beteiligt,  so  werden  wir  eine  Wachs¬ 
tumsstörung  doch  nicht  vermeiden  können  und  können  durch  recht¬ 
zeitige  Bestrahlung  nur  nützen. 

Die  über  dein  tuberkulösen  Herde  liegende  Haut  ist  gegen  die 
Röntgenstrahlen  erheblich  weniger  empfindlich  als  das  tuberkulöse 
Granulationsgewebe.  Es  heilt  daher  normalerweise  der  Herd  aus, 
ohne  dass  die  Haut  stärker  in  Mitleidenschaft  gezogen  wird.  Man 
muss  jedoch  bei  der  Dosierung  besonders  folgendes  beachten:  1.  ist, 
wie  Iselin  nachgewiesen  hat,  die  Haut  an  verschiedenen  Körper¬ 
stellen  verschieden  stark  empfindlich.  So  reagiert  die  Haut  des 
Fusses,  vor  allem  der  Knöchelgegend  besonders  stark;  2.  ist  die  Haut 
um  so  empfindlicher,  je  jünger  der  Träger  (Wetterer);  3.  ist 
die  Haut  Tuberkulöser  ebenso  wie  gegen  biologische  und  chemische 
Reize  so  auch  gegen  Röntgenstrahlen  empfindlicher  als  die  Haut  Ge¬ 
sunder;  4.  muss  man  bei  der  Festsetzung  der  Doste  auch  die  voraus¬ 
gegangenen  Röntgenaufnahmen  in  Betracht  ziehen.  Sie  sind  häufig 
die  Ursache  unerwartet  starker  Reaktionen  trotz  scheinbar  geringei 
Dosen;  5.  ist  die  hyperämische  Haut  besonders  empfindlich.  Eine 
derartig  hyperämische  Haut  haben  wir  über  Abszessen  und  besonders 
Mischinfektionen,  eventuell  auch  in  der  Umgebung  von  Fisteln.  Be: 
unvorsichtiger  Bestrahlung  kommt  es  zu  einem  Durchbruch  des  Ab; 
szesses,  unter  Umständen  mit  siebartiger  Durchlöcherung  (S  c  h  c  d  e, 
oder  zur  Ulcusbildung.  Man  wird  gut  tun,  in  solchen  Fällen  dit 
besonders  gefährdeten  Stellen  abzudecken  oder  die  Bestrahlung  vor 
einer  anderen  Hautstelle  aus  vorzunehmen. 

Neben  diesen  rein  lokalen  Wirkungen  kommt  es  zu  einer  Beein¬ 
flussung  des  Gesamtorganismus,  zunächst  sensibler  Art.  Während  tim 
Anzahl  Kranker  keinerlei  besondere  Empfindung  bei  der  Bestrahlung 
zeigt,  tritt  bei  anderen  bald  nach  Beginn  der  Bestrahlung  ein 
Wärmegefühl  an  der  Bestrahlungsstelle  auf.  Dieses  Wärmegefühl 
kann  unter  Umständen  wochenlang  anhalten,  ohne  dass  der  lokal« 
Befund  einen  anderen  Grund  dafür  als  die  BestrahlungshyperämU 


0.  Inli  192.?. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


945 


ietct.  In  diesen  Fällen  sah  ich  besonders  günstige  Heilungserfolge. 
i  manchen  Fällen,  vorwiegend  bei  Frauen,  kommt  es  im  weiteren 
erlauf  der  Bestrahlung  zu  einem  unangenehmen,  prickelnden  Gefühl 
n  der  Hautoberfläche.  Schmerz  erklärt  sich  dieses  Gefühl  teils 
lechanisch  durch  die  Reizwirkung  der  prall  mit  seröser  Flüssigkeit 
efiillten  l.ymphspalten  auf  die  Endapparate  oder  sensiblen  Haut¬ 
erven,  teils  als  eine  Folge  direkter  photochemischer  Wirkung  auf  die 
ensiblen  Elemente.  Zum  Teil  handelt  es  sich  hierbei  sicher  um 
olgen  des  veränderten  elektrischen  Potentials.  Andere  Kranke 
lagen  nach  der  Bestrahlung  über  ein  gewisses,  durch  die  reaktive 
iyperämic  bedingtes  Spannungsgefühl  in  dem  Erkrankungsherd,  teil¬ 
eise  auch  über  ziehende  Schmerzen.  Nach  einigen  Tagen  klingen 
iese  Empfindungen  wieder  ab.  Es  handelt  sich  hierbei  mehr  um 
nangc nehme  Sensationen  als  um  Schmerzen.  Im  Gegenteil  werden 
ie  vor  der  Bestrahlung  bestehenden  Schmerzen  meist  günstig  beein- 
usst  und  hören  ganz  auf.  Nach  einigen  Wochen  beginnen  sie  häufig 
ieder  und  werden,  je  länger  die  Bestrahlung  zurtickliegt,  um  so  in- 
nsiver.  Bei  anderen  Kranken  kommt  es  nach  der  Bestrahlung  zu  einer 
llgemeinen  Uebelkeit  und  Mattigkeit,  die  mehrere  Tage  andauern 
ann  (Röntgenkater),  jedoch  ist  dieser  bei  der  Bestrahlung  der  Ex- 
emitäterv  selten. 

Das  Körpergewicht  wird  in  etwa  60  Proz.  der  Fälle  durch  die 
Tstrahlung  merklich  beeinflusst.  Iselin  konnte  auch  in  der  ambu- 
inten  Praxis  14  Tage  bis  3  Wochen  nach  der  Bestrahlung  eine  Ge- 
ichtszunahme  feststellen  und  zwar  fand  sich  die  Zunahme  erneut 
ach  jeder  Bestrahlung.  Es  dürfte  sich  empfehlen,  eine  regelmässige 
lewichtsbestimmung  vor  und  2 — 3  Wochen  nach  der  Bestrahlung  vor- 
tmehmen,  da  man  hieraus  vielleicht  eher  als  aus  dem  lokalen  Befund 
rognostische  Schlüsse  ziehen  kann.  Die  Zunahme  des  Körper- 
ewichtes  erklärt  sich  Iselin  mit  einer  Ueberschwemung  des 
örpers  mit  Tuberkulin  im  Sinne  einer  heilsamen  Autotuberkuliui- 
ition.  v 

Ob  bei  der  Röntgenbestrahlung  der  chirurgischen  Tuberkulose 
ine  Beeinflussung  der  Temperatur  eintritt,  ist  in  manchen  Fällen 
:hwer  zu  entscheiden.  Bei  stationärer  Behandlung  sah  ich  einige 
lale  nach  der  Bestrahlung  einen  Temperaturanstieg.  Ob  dies  mit 
er  Bestrahlung  an  sich  oder  mit  dem  Transport  nach  dem  Bestrah- 
ngszimmer,  der  unbequemen  und  veränderten  Lagerung  zusammen- 
Jngt.  kann  man  nuy  schwer  nachweisen.  Bei  systematischer  Tem- 
iraturkontrolle  sah  ich  nach  500  Bestrahlungen  mit  kleinen  und  mitt- 
ren  Dosen  in  keinem  Falle  eine  sichere  Beeinflussung  der  Tem- 
.ratur.  Gibt  man  dagegen  sehr  grosse  Dosen  (1  HED.  auf  den  Herd), 

>  kann  es  zu  einer  starken  Herd-  und  Allgemeinreaktion  mit  höherem 
emperaturanstieg  kommen.  Im  Laufe  der  Bestrahlung  sinkt  die 
arch  den  tuberkulösen  Herd  bedingte  Temperatur  meist  zur 
orm  ab. 

In  welchen  Fällen  soll  man  die  Röntgenstrahlen  anwenden? 

Bei  richtiger  Technik  und  geeigneten  Apparaten  kann  man  in 
dem  Falle  von  Knochen-  und  Gelenktuberkulose  mit  Heilungstendenz 
ne  günstige  Beeinflussung  erwarten.  Gut  sind  die  Erfolge  bei  den 
einen  Gelenken  und  Knochen,  also  Zehen,  Finger,  Mittelhand.  Mittei¬ 
ss,  Sternum.  Rippe,  Hand-  und  Fussgelenk.  Hier  kann  man  in  dei 
iehrzahl  der  Fälle  auch  ohne  eingehendere  Allgemeinbehandlung 
ne  Ausheilung  erzielen.  Auch  das  Ellenbogengelenk  ist  zumeist 
instig  zu  beeinflussen.  Geringere  Aussicht  auf  vollen  Erfolg  bietet 
e  Tuberkulose  des  Schulter-  und  Kniegelenkes.  Besonders  letztere 
t  manchmal  sehr  hartnäckig,  jedoch  kann  man  wohl  immer  eine 
esserung  erzielen.  Die  Tuberkulose  der  Hüfte,  der  Articulatio  sacro- 
aca  und  der  Wirbelsäule  zeigen  bisher  die  meisten  Versager.  Hier 
-Kt  der  Fehler  zumeist  an  der  Dosierung.  Zunächst  gehört  zur  Bc- 
rahlung  dieser  Gelenke  ein  Apparat  für  Tiefenbestrahlung.  Dann 
uss  die  Bestrahlung  analog  der  Bestrahlung  maligner  Tumoren  von 
ehreren  Einfallsfeldern  unter  genauer  Berechnung  der  prozentualen 
iefendosis  vorgenommen  werden.  Bei  der  Tuberkulose  der  Wirbel¬ 
nde  und  der  Articulatio  sacro-iliaca  besteht  die  Gefahr  der  unbe- 
erkten  schnellen  Einschmelzung  und  Abszessbildung,  event.  kann  es 
>gar  zu  Lähmungen  kommen.  Wenn  diese  Gefahr  auch  gering  ist, 

)  macht  sie  doch  eine  genaue  klinische  und  Röntgenkontrolle  zur 
flicht.  Gelingt  es  jedoch  die  für  den  betreffenden  Fall  optimale 
osis  durch  langsame  Steigerung  der  Strahlenmenge  unter  Berück- 
chtigung  des  klinischen  und  biologischen  Befundes  zu  ermitteln  und 
iterhalb  der  „Umschlagsdosis“  zu  bleiben,  so  lässt  sich  auch  hier 
er  Heilungsprozess  beschleunigen.  Ob  die  Röntgenstrahlen  auch 
ei  den  grossen  Gelenken  allein  zur  Heilung  ausreichen,  kann  man 
cht  entscheiden,  da  es  unverantwortlich  wäre,  zur  Klärung  dieser 
rage  auf  die  allgemeine  und  orthopädische  Behandlung  neben  der 
öntgenbestrahlung  zu  verzichten. 

Immer  müssen  wir  uns  bewusst  bleiben,  dass  auch  die  Röntgen¬ 
strahlung  kein  Allheilmittel  gegen  die  Tuberkulose  sein  kann,  son- 
rn  nur  dann  günstig  wirkt,  wenn  eine  natürliche  Heilungstendenz 
cstclit. 

Literatur. 

Iselin:  Zsclir.  f.  Chir.  103,  S.  483.  —  HaherLand  und  Klein: 
rn.W  .  1421.  Nr.  33,  S'.  1049.  —  K  i  e  n  b  ö  c  k,  H  o  1  z  k  n  e  c  h  t,  R  c  i  n  i  c  k  e, 
Onkel  zit.  Weiterer.  —  Schmaus  s:  Grundriss  der  path.  Anat., 
I.  u.  12.  Aufl.  —  Bai  sch:  Erg.  d.  Chir.  u.  Orth.  1913,  7.  —  Schede: 
sehr.  f.  orthop.  Chir.  31,  S.  497.  —  Strohmeyer:  D.m.W.  1920,  Nr.  19/20. 

Perthes:  Langenb.  Arch.  71,  S.  955.  —  Förstcrling:  Arch.  f.  klin. 
hir.  81,  S.  505.  —  Wettere  r:  Handbuch  der  Röntgen-  und  Radium- 
icrapie,  3.  bzw.  4.  Aufl. 

— 


Aus  dem  Patliologischen  Institut  (chemisch  bakteriologische 
Abteilung)  der  Krankenanstalt  Bremen. 
(Abteilungsleiter:  Oberarzt  Dr.  Moeckel.) 

Die  Bestimmung  des  trypanoziden  Serumtiters  als 
Leberfunktionsprobe. 

Von  Dr.  ined.  Hubert  Münch, 

Der  Mehscli  und  einige  höhere  Affenarten  verdanken  ihre  natür¬ 
liche  Immunität  gegenüber  den  tierischen  Trypanosomeninfektionen 
(Ngana,  Dourine,  Surra  usw.)  wahrscheinlich  spezifischen  physio¬ 
logischen  Serumbestandteilen.  Zu  dieser  Auffassung  berechtigen  uns 
Ergebnisse  Laverans  und  M  e  s  n  i  1  s  1 1 1,  welche  die  wichtige  Ent¬ 
deckung  machten,  dass  menschliches  Serum,  mit  Trypanosomen  in¬ 
fizierten  Tieren  eingespritzt,  sich  prophylaktisch  und  therapeutisch 
wirksam  zeigt..  Diese  trypanoziden  Stoffe  nehmen  in  mehrfacher  Hin¬ 
sicht  unter  den  Schutzstoffen  des  normalen  Serums  eine  besondere 
Stellung  ein.  Sie  verlieren  ihre  Wirksamkeit  erst  bei  Temperaturen 
gegen  65  0  (L  averan  und  Mesnil  [l],  Rosenthal  und  Freund 
|2])  und  sind,  einmal  durch  Erhitzen  unwirksam  geworden,  durch  Zu¬ 
satz  von  Komplement  nicht  reaklivierbar.  Eine  komplexe  Natur 
scheint  ihnen  demnach  nicht  zuzukommen  (R  o  s  e  n  t  h  a  1  und 
Freund  [2]).  In  der  Milch  und  in  der  Aszitesflüssigkeit  wurden 
diese  Stoffe  nicht  nachgewiesen.  Ueber  ihr  Vorkommen  in  der  Zere¬ 
brospinalflüssigkeit  habe  ich  keine  Angaben  gefunden. 

Ein  interessantes  Ergebnis  hatte  die  vergleichende  Prüfung  des 
Verhaltens  menschlicher  Sera  von  gesunden  und  kranken  Individuen 
gegenüber  Trypanosomen.  Schon  Ehrlich  und  Wechsberg  [3] 
zeigten,  dass  bei  Leberkranken  der  Gehalt  des  Serums  an  trypano¬ 
ziden  Stoffen  erheblich  verringert  sein  kann.  „Natürlich  wird  man,“ 
sagt  Ehrlich,  „solche  markante  Differenzen  nur  bei  solchen  Stoffen 
erwarten  dürfen,  deren  Entstehung  an  bestimmte  Organe  oder  Organ¬ 
komplexe  geknüpft  ist.“  Eingehender  hat  sich  dann  während  der 
letzten  Jahre  Rosenthal  mit  mehreren  Mitarbeitern  (Freund  [4], 
Kleemann  [5],  Krueger  [6],  Nossen  [7],  Pia  tau  [8])  mit 
dem  Verhalten  der  trypanoziden  Substanzen  bei  Gesunden  und  Kran¬ 
ken  und  mit  der  Wirkungsweise  dieser  Stoffe  beschäftigt.  Geringe 
trypanozide  Wirkungen  zeigten  — ■  um  nur  das  Wichtigste  von  diesen 
Befunden  hervorzuheben  —  die  Sera  von  Neugeborenen,  ferner  solche 
von  Kranken  mit  stark  ausgebildetem  cholämischen  Ikterus,  so¬ 
wie  Individuen  mit  schweren  diffusen  Erkrankungen  des  Leberparen¬ 
chyms  auch  ohne  Ikterus;  nicht  herabgesetzt  war  der  trypanozide 
Titer  dagegen  bemerkenswerterweise  beim  hämolytischen 
Ikterus. 

Mit  dem  Mechanismus  dieses  Trypanozidienschwunds  bei  Erkran¬ 
kung  und  Unterfunktion  der  Leber  haben  sich  Rosenthal  und 
Freund  [2,  4]  eingehend  befasst.  Sie  konnten  zeigen,  dass  die  nahe¬ 
liegende  Annahme,  es  könnten  Gallenbestandteile  sein,  die,  ins  Serum 
gelangt,  die  trypanoziden  Stoffe  unwirksam  machen  —  eine  Ver¬ 
mutung,  die  in  der  Tat  von  Lange  [9]  ausgesprochen  wurde  — 
nicht  zutrifft.  Das  lehrten  einmal  Versuche  mit  Mischseren  von  Ikte- 
rischen  und  Normalen,  wie  sie  auch  Ehrlich  und  Wechsberg 
|3]  sowie  Zeiss  flOl  ausführten  und  bei  denen  das  Normalserum 
seine  trypanozide  Wirkung  bewahrte,  sodann  aber  in  besonders  ekla¬ 
tanter  Weise  Versuche  an  durch  Ikterogen  (eine  Dimethylpyrrolphc- 
nylarsinsäure)  ikterisch  gemachten  Mäusen,  bei  denen  die  Schutzwir¬ 
kung  des  normalen  Menschenserums  unvermindert  zur  Geltung  kam. 
Auch  Zusatz  von  Galle  und  Gallenbestandteilen  in  Konzentrationen, 
wie  sie  bei  extrem  stark  ausgebildetem  Ikterus  allenfalls  im  Serum 
vorhanden  sein  könnten,  zu  normalem  Serum  vermochte  nach  Ver¬ 
suchen  Rosenthals  die  Trypanozidie  nicht  zu  beeinträchtigen. 

Ich  selbst  habe  mich  im  vergangenen  Sommer  noch  vor  dem 
Erscheinen  der  letzten  Arbeiten  von  Rosenthal  und  Freund 
|2,  4l  mit  diesen  Fragen  beschäftigt. 

In  Uebereinstimmung  mit  den  genannten  Autoren  konnte  ich  fest¬ 
stellen,  dass  Serum  eines  Falles  von  hochgradigem  Stauungsikterus 
die  trypanozide  Wirkung  eines  normalen  Serums  nicht  beeinträch¬ 
tigte.  Ebenso  verhielt  sich  der  Urin  desselben  ikterischen  Kranken 
Also  auch  den  harnfähigen  Stoffen  bei  Cholämie  kommt  demnach  eine 
die  Trypanozidie  aufhebende  Wirkung  nicht  zu.  Ferner  wurden 
Bestimmungen  des  Komplementgehaltes  ikterischer  Sera  auf  Grund 
der  Bemerkungen  Langes  bei  einer  Anzahl  von  Seren  zugleich  mit 
dem  Trypanozidieversuch  vorgenommen,  mit  dem  Ergebnis,  dass  — 
analog  Rosenthals  Befunden  —  ein  Parallelismus  von  Trypano- 
zidicschwund  und  Komplementschwund  nicht  nachzuweisen  war.  Die 
Trypanozidie  war  bei  Fällen  von  ausgeprägtem  Stauungsikterus  häu¬ 
figer  vermindert  als  der  Komplementgehalt.  Ausserdem  fand  ich, 
dass  ikterisches  Serum  ohne  trypanozide  Wirkung,  mit  Meerschwein¬ 
chenserum  versetzt,  das  bekanntlich  reichlich  Komplement  enthält, 
keine  trypanozide  Kraft  erlangt  *)•  Alle  diese  Befunde  sind  geeignet, 
die  Auffassung  Rose  nt  hals,  dass  das  Fallen  des  trypanoziden 
Serumtiters  auf  einer  Störung  des  Bildungsprozesses  der  trypano¬ 
ziden  Stoffe  beruht  und  dass  die  Leber  deren  hauptsächlichste  Bil¬ 
dungsstätte  ist,  zu  stützen. 

In  der  Hauptsache  galten  jedoch  meine  Untersuchungen  der  Ent¬ 
scheidung  der  Frage:  Ist  die  Bestimmung  der  trypanoziden  Wirkung 

’)  Die  Vcrsuchsprotokolle  werden  im  Bremer  pathologischen  Institut  auf- 
bewahrt. 


946 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  29. 


des  Serums  eine  für  die  Klinik  geeignete  diagnostische  Leberfunk¬ 
tionsprobe  und  vermag  sie  Lücken,  die  die  anderen  gebräuchlichen 
Funktionsproben  lassen,  auszufüllen? 

Ausser  R  o  s  e  n  t  h  a  1  und  seinen  Mitarbeitern  haben  sich  bisher 
meines  Wissens  nur  wenige  Autoren  der  Methode  der  Bestimmung 
der  Trypanozidie  bei  Krankheiten  bedient.  Ehrlich  [3]  führt 
16  Fälle  an,  darunter  6  Fälle  mit  Leberaffektionen,  von  denen  5  vermin¬ 
derte  Trypanozidie  aufwiesen.  Zeiss  [11]  berichtete  über  2  Fälle 
von  Hodgkin  scher  Krankheit,  deren  einer  deutliche  Leberverände¬ 
rungen  aufwies.  In  beiden  Fällen  wirkte  das  Serum  wie  Normal- 
serum.  Mit  dem  Qehalt  kindlicher  Sera  an  trypanozider  Substanz 
befassten  sich  Leichtentritt  und  Zielaskowski  [12,  13]. 
Sie  stellten  verminderte  Trypanozidie  bei  der  B  a  r  1  o  w  sehen  Krank¬ 
heit  fest.  Pentz  [14]  fand,  wie  ich  aus  einem  Referat  [15]  ersehe, 
Schwund  der  Trypanozidie  bei  ausgedehnten  Lebererkrankungen, 
aber  nicht  mit  der  Sicherheit,  dass  man  darauf  ein  diagnostisches 
Verfahren  aufbauen  könnte. 

Ich  prüfte  die  Trypanozidie  in  insgesamt  65  Fällen.  Davon  be¬ 
trafen  37  Leberaffektionen.  Die  übrigen  28  Fälle  waren  entweder 
klinisch  Gesunde,  oder  solche  Kranke,  bei  denen  Leberaffektionen 
mit  Wahrscheinlichkeit  ausgeschlossen  werden  konnten.  Ich  verfuhr 
mit  meinen  Versuchen  wie  Rosenthal,  wich  nur  öfters  von  dessen 
Versuchsanordnung  insofern  ab,  als  ich,  um  Mäuse  zu  sparen,  nicht 
3  und  mehr,  sondern  nur  2  Tiere  in  den  Versuch  nahm,  die  mit  0,15 
und  0,1  ccm  Serum  pro  20  g  Maus  gespritzt  wurden.  Ich  glaube,  dass 
der  Ausfall  der  Versuche  dadurch  nur  wenig  beeinflusst  wurde.  Zur 
Infektion  der  Mäuse  diente  ein  von  Herrn  Professor  Martin  Mayer- 
Hamburg  in  liebenswürdiger  Weise  zur  Verfügung  gestellter  Ngana- 
stamm,  der  in  den  Kontrollversuchen  die  Mäuse  mit  wenigen  Aus¬ 
nahmen  am  4.  Tage  tötete.  Ueber  die  Ergebnisse  meiner  Versuche 
will  ich  nur  summarisch  berichten: 

Die  mit  den  Seren  der  nicht  Leberkranken  gespritzten  Mäuse 
überlebten  die  Infektion  im  allgemeinen  12 — 14  Tage,  doch  zeigten 
sich  nicht  selten  —  nach  einer  groben  Schätzung  in  mindestens 
10  Proz.  der  Fälle  —  Abweichungen  nach  oben  und  unten.  So  be¬ 
wirkten  z.  B.  die  Sera  eines  Gesunden  und  eines  Diabetikers  einen 
vollkommenen  Schutz  vor  der  Infektion.  Verminderte  Trypanozidie 
zeigten  das  Serum  eines  Neurasthenikers,  eines  Paranoischen  und 
eines  Gesunden.  Eine  scharfe  Grenze  des  Normalen  und  Pathologi¬ 
schen  lässt  sich  also  nicht  ziehen,  ein  Moment,  das  die  Beurteilung 
der  Versuche  bei  Leberkranken  entschieden  erschwert  (vgl.  darüber 
sowie  über  die  Interferenz  spezifischer  Antikörper  P 1  a  t  a  u  [8]). 

Zwei  Sera  von  Neugeborenen  hatten  einen  sehr  niedrigen  Trypa- 
nozidietiter.  R  o  s  e  n  t  h  a  1  und  K  1  e  e  m  a  n  n  [5]  sehen  in  diesem 
bereits  von  Laveran  und  Mesnil  [l]  konstatierten  Verhalten 
des  Neugeborenenserums  ein  Symptom  physiologischer  Minderwertig¬ 
keit  der  noch  nicht  ausgereiften  Leber. 

Die  Prüfung  der  Sera  Leberkranker  hatte  im  wesentlichen  die¬ 
selben  Ergebnisse,  wie  sie  Rosenthal  und  seine  Mitarbeiter  er¬ 
zielten.  Cholämische  Ikterusformen  zeigten,  sobald  der  Ikterus 
einigermassen  hochgradig  war,  ohne  Ausnahme  vollkommenen  oder 
fast  vollkommenen  Schwund  der  Trypanozidie.  Mit  beträchtlicher 
Verminderung  der  trypanoziden  Substanzen  gingen  auch  eine  Anzahl 
Fälle  von  katarrhalischem  Ikterus  mässigen  Grades  einher,  in  anderen 
solchen  Fällen  näherten  sich  die  erhaltenen  Werte  den  normalen 
Zahlen.  Vollkommener  Schwund  der  Trypanozidie  bestand  bei  einem 
Fall  von  Leberzirrhose  im  Endstadium.  Von  4  Fällen  von  hyper¬ 
trophischer  Leberzirrhose  zeigten  3  eine  mässig  verminderte  Trypa¬ 
nozidie,  einer  ergab  sehr  hohe  Werte.  Fast  auf  normaler  Höhe  war 
die  Trypanozidie  bei  2  Fällen  von  Leberkarzinomen.  Gern  hätte  ich 
noch  Fälle  von  hämolytischem  Ikterus  und  von  akuter  Leberatrophie 
in  den  Kreis  der  Untersuchungen  gezogen,  doch  kamen  solche  leider 
nicht  zur  Beobachtung. 

Bei  allen  diesen  Resultaten  muss  man  sich  vor  Augen  halten,  dass 
die  ermittelten  Werte  nur  absolute,  ohne  Berücksichtigung  des  in  ge¬ 
sunden  Tagen  vorhandenen  Trypanozidietiters  ermittelte  Grössen 
sind,  und  es  ist  sehr  wohl  der  extreme  Fall  denkbar,  dass  ein  Indivi¬ 
duum,  das  in  gesunken  Zeiten  einen  sehr  hohen  Trypanozidietiter 
hatte,  leberkrank  geworden,  gleichwohl  noch  einen  höheren  Titer 
hat  als  ein  lebergesundes  Individuum  mit  einem  dauernd  niedrigen 
Titer. 

Um  nun  die  gewonnenen  Erfahrungen  zu  einem  Urteil  zusammen¬ 
zufassen,  so  glaube  ich,  dass  die  klinische  Forschung  dieses  Ver¬ 
fahrens  der  Bestimmung  des  trypanoziden  Serumtiters,  da  es  über  eine 
wichtige  Teilfunktion  der  Leber  Aufschluss  gibt,  kaum  wird  entraten 
können.  Dagegen  erscheint  mir  die  Methode  nicht  geeignet,  der  Kli¬ 
nik  als  ständig  geübte  diagnostische  Leberfunktionsprobe  zu  dienen. 
Die  unscharfe  Abgrenzung  gegenüber  dem  Normalen,  die  Notwendig¬ 
keit,  einen  virulenten  Trypanosomenstamm  stets  vorrätig  haben  zu 
müssen,  was  nicht  anders  als  durch  dauernde  Mäusepassage  möglich 
ist,  endlich  der  Umstand,  dass  das  Resultat  oft  erst  nach  8 — 14  Tagen 
erhalten  wird,  dürften  einer  allgemeinen  Anwendung  des  Verfahrens 
im  Wege  stehen.  Das  Versagen  bei  zirkumskipten  Prozessen  hat  die 
Methode  mit  anderen  Leberfunktionsprüfungen  gemeinsam.  Die  Er¬ 
kennung  eines  hämolytischen  Ikterus  wird  in  Anbetracht  der  präg¬ 
nanten  Symptome,  die  dieses  Krankheitsbild  darbietet,  auch  ohne  An¬ 
wendung  der  Trypanozidiebestimmung  kaum  je  Schwierigkeiten  be¬ 
reiten.  und  zur  Kenntnis  eines  cholämischen  Ikterus  und  zur  Be¬ 
stimmung  seiner  Intensität  leistet  bereits  die  Diazoprobe  vorzügliche 
Dienste. 


Literatur. 

1.  Laveran  und  Mesnil:  Ann.  de  l'Inst.  Pasteur  1902,  16.  785.  — 
2.  Rosenthal  und  Freund:  Zschr.  f.  Hyg.  1922,  97.  137.  —  3.  Ehr¬ 
lich:  Beitr.  z.  exper.  Path.  etc.  Leipzig  1909,  S.  40 — 44.  —  4.  Rosen- 
thal  und  Freund:  Klin.  Wschr.  1922,  Nr.  35,  S.  1748.  —  5.  Rosen¬ 
thal  und  Klee  mann:  B.kl.W.  1915,  Nr.  4.  S.  75.  —  6.  Rose,  nt  hat 
und  Krüger:  B.kl.W.  1921,  Nr.  16,  S.  382.  —  7.  Rosenthal  und 
Nossen:  B.lk.W.  1921,  Nr.  37.  S.  1093.  —  8.  Pia  tau:  Zschr.  f.  Hyg.! 
1916,  81,  401.  —  9.  Lange:  Klin.  Wschr.  1922,  Nr.  21,  S.  1040  und  Nr.  22. 
S.  1092.  —  10.  Zeiss:  Arch.  f.  Schiffs-  u.  Tropenkrankh.  1921,  25,  302.  — * 
11.  Zeiss:  Ebenda  1922,  25,  211.  —  12.  Leichtentritt  und  Ziela¬ 
skowski:  Jb.  f.  Kinderheilkd.  1922,  98,  310.  —  13.  Leichtentritt:- 
Zschr.  f.  d.  ges.  exper.  Med.  1922,  29,  658.  —  14.  Pentz:  Nederlandsch 
Tijdschrift  voor  üeneeskunde  1922,  Nr.  14.  —  15.  M.m.W.  1922,  Nr.  48,  S.  1675. 


Ueber  paroxysmalen  Speichelfluss  intestinalen 
Ursprungs. 

Von  Dr.  S.  Weissenberg,  Elisabethgrad,  Ukraine. 

Vor  etwa  20  Jahren  wurde  es  mir  einmal  nach  dem  Mittagessen 
übel,  es  traten  Speichelfluss  und  Brechneigung  auf,  welche  Erschei¬ 
nungen  etwa  2—3  Minuten  dauerten,  um  mit  Erbrechen  ein  Ende  zu 
nehmen.  Einige  Tage  später  überkamen  mich  dieselben  Gefühle  auf 
der  Strasse,  wo  es  mir  aber  gelang,  um  nicht  die  allgemeine  Aufmerk¬ 
samkeit  auf  mich  zu  lenken,  das  Erbrechen  zu  unterdrücken.  Seitdem 
traten  solche  Anfälle  verschieden  häufig  und  zu  verschiedener  Zeit 
auf,  ohne  jede  Beziehung  zur  Speiseaufnahme,  ihrer  Art  und  Menge, 
wie  auch  zur  Ruhe  oder  Beschäftigung.  Die  Anfälle  erschienen  mancti- 
mal  jeden  Tag,  nicht  selten  nachts,  wobei  ich  aus  dem  Schlafe  geweckt 
wurde;  häufig  verliessen  sic  mich  auf  Wochen  und  Monate,  um  dann 
wiederzukehren.  Nach  etwa  3  Jahren  wurde  ich  endlich  von  ihnen 
frei,  jedoch  trat  einige  Jahre  darauf  ein  kurzes  Rezidiv  ein. 

Diese  Anfälle  erweckten  selbstverständlich  mein  Interesse  und 
vcranlassten  mich,  unter  meiner  Klientel  nach  ähnlichen  Erscheinungen 
zu  forschen.  Es  stellte  sich  nun  heraus,  dass  Zustände  dieser  Art 
im  allgemeinen  keine  Seltenheit  bilden,  indem  kein  Jahr  verging,  ohne 
dass  ich  einige  solcher  Fälle  beobachten  konnte.  Die  Ursache  dafür, 
dass  dieses  Phänomen  bis  jetzt  nicht  festgestellt  wurde,  scheint  mir 
darin  zu  liegen,  dass  die  Kranken  einerseits  in  ihren  Krankheits¬ 
symptomen  meistens  sich  nicht  recht  zurechtfinden  und  andererseits 
darin,  dass  die  Aerzte  die  ihnen  geschilderten  Klagen  gewöhnlich  in 
ein  schon  bekanntes  nosologisches  Bild  unterzubringen  suchen.  Dass 
es  sich  aber  um  einen  noch  unbekannten  Symptomenkomplex  handelt, 
wird  wohl,  wie  ich  glaube,  aus  dem  folgenden  ersichtlich  sein. 

Es  gelangten  seitdem  mehr  als  30  Fälle  zu  meiner  Beobachtung, 
die  alle  dasselbe  Bild  darstellten  und  denselben  Gang  zeigten.  Beide 
Geschlechter  waren  gleich  oft  betroffen,  Kinder  und  Jugendliche  aus¬ 
genommen. 

Jeder  Anfall  wird  von  einer  auraartigen  prodromalen 
Erscheinung  eingeleitet,  die  in  einem  höchst  unangenehmen  Gefühl 
in  der  oberen  Bauchhälfte  besteht,  als  ob  sich  dort  etwas  aufbäume 
und  umwälze.  Gleich  darauf  tritt  kolossaler  Speichelfluss  ein.  be¬ 
gleitet  von  Aufstossen,  Heisshunger,  spastischen  Kontrakturen  im 
Bereiche  des  Halses,  als  ob  etwas  dort  stecke,  was  die  Atmung  und 
das  Schlingen  hindere.  Letztere  Klagen  sind  übrigens  nicht  immer 
vorhanden,  jedoch  fehlt  es  nie  an  Uebelkeit,  die  sich  manchmal  zum 
Erbrechen  steigert.  Nach  einer  kurzen  Spanne  Zeit  von  höchstens 
2  bis  3  Minuten  verschwinden  sämtliche  Erscheinungen  ebenso  jäh, 
wie  sie  eingesetzt  haben  und  die  Betroffenen  sind  wieder  ganz  munter 

Wie  schon  gesagt,  sind  die  Klagen  der  Kranken  manchmal  un¬ 
klaren  Charakters.  Wo  diese  auf  den  paroxysmalen  enormen 
Speichelfluss  die  Aufmerksamkeit  lenken,  ist  das  Bild  klar.  Meistens 
werden  aber  unbestimmte  Symptome  angegeben,  wie  Uebelkeit,  Er¬ 
brechen,  das  Gefühl  eines  Knäuels  oder  der  Bewegung  von  etwas 
Lebendigem  im  Leibe,  und  nur  bei  detaillierterer  Nachfrage  lässt  sich 
das  wirkliche  Bild  herausschälen.  Es  stellt  sich  dann  heraus, 
dass  der  Knäuel  dem  Anfalle  vorausgeht  und  dass  das  Erbrechen 
eigentlich  kein  solches  ist,  sondern  meistens  nur  ein  Speichelüber¬ 
laufen.  Bei  weiterem  Nachfragen  kommen  dann  auch  noch  Klagen 
über  Aufstossen.  Druckgefühl  im  Halse  usw.  hinzu. 

Was  den  in  solchen  Fällen  am  meisten  in  die  Augen  springenden 
Punkt,  den  Speichelfluss,  anbelangt,  so  erfolgt  dieser,  ohne  zu 
übertreiben,  fast  fontänenhaft,  indem  der  Speichel  in  solcher  Menge 
abgesondert  wird,  dass  das  blosse  Herunterschlucken  sie  nicht  be¬ 
wältigen  kann  und  ein  Teil  ausgespien  werden  muss.  Der  Mund  ist 
während  des  ganzen  Anfalls  von  Speichel  voll,  was  die  Uebelkeit 
im  allgemeinen  verstärkt  und  zum  Gefühl  des  unablässlichen  Er¬ 
brechens  oder  zur  Furcht  vor  solchem  führt.  Jedenfalls  ist  die 
Speichelabsonderung  enorm  zu  nennen,  da  deren  Quantität  etwa  25  bis 
100  g  beträgt  und  nicht  genau  angegeben  werden  kann,  indem  ein 
Teil  des  Speichels  immer  unwillkürlich  heruntergeschluckt  wird.  Be¬ 
rücksichtigt  man,  dass  die  tägliche  Speichelabgabe  etwa  einem  halber 
Liter  gleich  ist,  so  wird  eine  Absonderung  in  der  Höhe  von  im  Mittel 
50  g  oder  ein  Zehntel  des  täglichen  Quantums  während  des  kurzen 
nur  ein  paar  Minuten  dauernden  Anfalls  wohl  mit  Recht  als  enorm  zi 
bezeichnen  sein.  Die  Konsistenz  des  Speichels  ist  stark  wässerig,  j 

Worum  handelt  es  sich  nun  in  solchen  Zuständen  und  was  sim 
ihre  Ursachen?  Es  ist  klar,  dass  wir  es  hier  mit  einem  Reflex  zi 
tun  haben,  der  von  irgendeienm  Organ  der  Bauchhöhle  ausgeht  nnc 


20.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


947 


auf  dem  Wege  des  Zentralnervensystems  die  Speicheldrüsen  reizt. 
Genau  den  Reflexbogen  festzustellen  ist  einstweilen  unmöglich,  da 
wir  nicht  einmal  den  Ausganspunkt  des  Reizes  kennen.  Wird  aber 
berücksichtigt,  dass  der  Anfall  einerseits  mit  einem  Gefühl  der  Be¬ 
wegung  im  Unterleibe  beginnt  und  dass  andererseits  nur  den  Ge¬ 
därmen  eine  gewisse  selbständige  Bewegung  zukommt,  indem  alle 
anderen  Bauchorgane  entweder  muskellos  oder  mehr  befestigt  sind, 
so  wird  wohl  im  allgemeinen  der  Magendarmabschnitt  als  Ansatz 
des  Reizes  zu  betrachten  sein.  Engere  Grenzen  zu  ziehen,  ist  unzu¬ 
lässig.  Was  die  zentripetale  Leitung  anbelangt,  so  ist  in  erster  Linie 
an  den  Vagus  zu  denken,  der  den  ganzen  Darmtraktus  entweder 
direkt  oder  auf  dem  Wege  des  vegetativen  Systems  versorgt.  Auch 
wissen  wir  von  der  Physiologie,  dass  die  Reizung  des  zentralen  Endes 
des  Vagus  ebenso  wie  die  der  Magen-  und  Darmschleimhaut  gewöhn¬ 
lich  reflektorisch  Speichelfluss  auslösen.  Es  handelt  sich  somit  viel¬ 
leicht  wohl  um  eine  Teilerscheinung  der  jetzt  zur  Diskussion  gelangten 
V  a  g  o  t  o  n  i  e. 

Was  die  A  e  t  i  o  1  o  g  i  e  anbelangt,  so  lassen  sich  fast  alle  Mo¬ 
mente  ausschliessen,  die  sonst  zu  Speichelfluss  führen.  An  psychische 
Ursachen,  wie  Geschmacksvorstellungen,  oder  physische,  wie  Kauen, 
lässt  sich  selbstverständlich  nicht  denken,  da  jene  zentralen  und  diese 
oralen  Ursprungs  sind.  Auch  sind  keine  Diätfehler  oder  Störungen 
der  Verdauung  anzuschulden,  da,  wie  schon  erwähnt,  die  Anfälle 
in  keinem  Zusammenhänge  mit  der  Speiseaufnahme  stehen  und  der 
Magensaft,  mehrmals  untersucht,  normal  gefunden  wurde.  Ueber- 
haupt  waren  solche  Kranke  im  übrigen  sonst  ganz  gesunde  Leute. 
Die  Klagen  mancher  Kranken  führen  oft  von  selbst  auf  den  Gedanken, 
ob  es  sich  hier  nicht  um  Wurmträger  handle,  die  oft  von  Speichelfluss 
gepeinigt  werden.  Betreffende  Untersuchungen  der  Fäzes  fielen  aber 
meist  negativ  aus,  indem  von  uns  in  zwei  Fällen Tänieneier  und  in  einem 
solche  von  Trichocephalus  dispar  gefunden  wurden.  Seltsamerweise 
wurden  Askariden,  die  sich  doch  im  Darm  frei  bewegen,  und  an  die 
deshalb  in  erster  Linie  zu  denken  wäre,  nie  festgestellt.  Uebrigens 
zeigen  die  Wurmleidenden  einen  ganz  anderen  Charakter  des 
Speichelflusses,  indem  dieser  zäher  und  nicht  paroxysmal,  sondern 
immerfort  in  geringem  Maass  abgesondert  wird.  Letztere  Eigen¬ 
schaften  hat  auch  der  Speichelfluss  bei  manchen  Vergiftungen  (Blei, 
Quecksilber,  Jod),  bei  einigen  Magendarmkrankheiten  und  bei  Gehirn¬ 
entzündungen,  auch  werden  gravide  Frauen  manchmal  von  be¬ 
ständigem  Speichelfluss  gequält.  Es  bleibt  somit  nur  an  neurogenen 
Ursprung  zu  denken  und  ist  deshalb  der  von  mir  beschriebene  Sym- 
ptomenkomplex  einstweilen  zu  den  reinen  Neurosen  zu  zählen.  Als 
solche  hat  er  in  der  Pathologie  manchen  Partner,  wie  z.  B.,  obgleich 
es  paradox  klingt,  die  Hemicrania  ophthalmica,  die  ebenfalls  mit  einer 
Aura,  dem  Flimmern,  beginnt  und  nach  kurzer  Zeit  vorüber  ist, 
geschweige  schon  die  nicht  seltenen  Begleiterscheinungen,  wie  Uebel- 
keit,  Heisshunger,  Speichelfluss  u.  dgl. 

Indem  wir  somit  teilweise  auch  die  Differentialdiagnose 
erledigt  haben,  bleibt  noch  einiges  über  den  Verlauf  zu  sagen. 
Der  einzelne  Anfall  klingt,  wie  schon  bemerkt,  in  einigen  Minuten  ab. 
Mich  werden  die  Anfälle  mit  der  Zeit  seltener  und  leichter,  da  die 
Betroffenen  sie  kupieren  lernen.  Nach  einigen  Monaten  oder  Jahren 
gehn  sie  von  selbst  vorüber.  Das  Allgemeinbefinden  leidet  nicht  und 
die  Prognose  ist  somit  gut. 

Therapeutisch  lässt  sich  wenig  sagen.  Der  einzelne  Anfall 
ist  so  kurzdauernd,  dass  von  irgendeiner  Therapie  keine  Rede  sein 
kann.  Jedoch  lässt  sich  der  Anfall  durch  künstliches  Aufstossen  oder 
curch  tiefes  Atmen  mildern  und  Erbrechen  kupiert  ihn  gänzlich. 
Diese  Mittel  drängen  sich  dem  Leidenden  von  selbst  auf,  da  sie  zum 
Krankheitsbild  gehören  und  auch  sonst  erleichternd  wirken.  Von 
guter  Wirkung  ist  die  suggestive  Beeinflussung  und  die  Erklärung, 
dass  es  sich  um  eine  ohne  Folgen  vorübergehende  nervöse  Störung 
handle.  Wo  irgendwelche  interkurrente  Komplikationen  vorhanden 
sind,  wie  z.  B.  Magendarmkrankheiten  oder  Parasiten,  sind  diese  als 
mögliche  reizauslösende  Faktoren  zu  beseitigen. 

Seltsamerweise  hat  mich  alles  Nachschlagen  in  der  Richtung  des 
geschilderten  Symptomenkomplexes  im  Stiche  gelassen  und  auch  im 
neuesten  5  bändigen  „Handbuch  der  Neurologie“  von  Lewan- 
d  o  w  s  k  i  ist  nichts  über  diesen  krankhaften  Zustand  zu  finden.  Nur 
Bechterew  führt  in  seinem  Buche  „Allgemeine  Diagnostik  der 
Krankheiten  des  Nervensystems“  (Bd.  2,  S.  202,  russ.)  folgendes  an: 
„Starker  Speichelfluss  erscheint  auch  als  selbstständige  Neurose.  In 
solchen  Fällen  tritt  er  attackenweise  auf,  wobei  jedesmal  etwa  ein 
halbes  Glas  und  mehr  Speichel  abgesondert  wird.  Die  Anfälle  ent¬ 
wickeln  sich  ohne  jede  äussere  Veranlassung,  manchmal  ist  es  aber 
eine  geringfügige  psychische  Ursache  oder  irgendeine  Geschmacks- 
reizung.“ 

Zusammenfassend  ist  zu  sagen,  dass  wir  vor  uns  ein  re¬ 
flektorisches  Phänomen  haben,  das  vom  Magendarmkanal  ausgeht,  mit 
einer  auraartigen  Stauung  oberhalb  des  Nabels  unvermutet  beginnt, 
von  enormem  Speichelfluss,  Uebclkeit,  Aufstossen,  Zusammenpressen 
in  der  Haisgegend  begleitet  wird  und  nach  einigen  Minuten  plötzlich 
aufhört,  ohne  irgendwelche  Folgen  zu  hinterlassen. 

In  Anbetracht  dessen,  dass  dieser  Symptomenkomplex  bis  jetzt 
noch  nicht  beschrieben  worden  ist,  gestatte  ich  mir,  auf  ihn  die  Auf¬ 
merksamkeit  zu  lenken  und  schlage  vor  ihn  zu  nennen:  „P  aroxys- 
maler  intestinaler  Speichelfluss. 


Balneotherapie,  Herdreaktion  und  Protoplasmaaktivierung. 

Von  Med -Rat  Dr.  P.  Schober,  Wildbad. 

Während  über  die  Heilwirkung  von  Thermalbad-  und  Mineral¬ 
wasserkur  kaum  mehr  ein  ernst  zu  nehmender  Zweifel  herrscht,  ist 
man  über  die  Art  und  Weise,  wie  sie  ins  Körpergetriebe  eingreifen, 
und  über  die  Mittel  und  Wege,  auf  denen  sie  günstige  Veränderungen 
herbeiführen,  noch  irn  unklaren.  Für  die  Trinkkuren  schien  die 
Lösung  der  Frage  immerhin  einfach.  Eine  Arznei,  die  getrunken  wird, 
gibt  dabei  das  Vorbild.  Das  Mittel  gelangt  vom  Darmkanal  ins  Blut, 
wird  von  ihm  nach  allen  Körperteilen  hingetragen  und  entfaltet  dabei 
am  kranken  Teil  seine  heilende  Wirkung,  wie  etwa  das  Digitalisinfus 
am  Herzen.  Dieser  einfachen  Erklärung  stehen  aber  mehrere  Tar¬ 
sachen  stark  hindernd  im  Wege.  Einmal  enthalten  doch  meist  die 
Mineralwasser  gar  keinen  besonderen  Stoff,  den  man  als  den  eigent¬ 
lich  wirksamen  Anteil  ansprechen  könnte.  Das  Na,  K,  Ca,  Mg,  Fe, 
die  Kohlen-,  Schwefel-  und  Kieselsäure,  die  sich  in  ihnen  hauptsäch¬ 
lich  vorfinden,  sind  doch  die  einfachsten  und  in  der  Natur  weit  ver- 
breitesten  Stoffe.  Sie  sind  in  unseren  täglichen  Nahrungsmitteln, 
organischer  wie  unorganischer  Herkunft,  reichlich  enthalten.  Von 
einem  Mangel  derselben  und  der  Notwendigkeit  ihrer  Zufuhr  durch 
Mineralwasser  kann  doch  meist  nicht  geredet  werden.  Auch  die  Ra¬ 
diumemanation,  die  man  nachgerade  in  jedem  Wasser,  in  dem  man  sie 
sucht,  gefunden  hat,  dürfte  daran  nichts  ändern. 

Schwieriger  erschienen  die  Erklärungsversuche  bei  den  Bade¬ 
kuren.  Man  hatte  früher  einmal  die  Kranken  vor  und  nach  den 
Bädern  sorgfältig  gewogen,  um  festzustellen,  wieviel  durch  die  Haut 
hindurch  aus  dem  Badewasser,  sei  es  unmittelbar,  sei  es  durch  Os¬ 
mose,  in  sie  eingedrungen  war.  Die  Versuche  fielen  aber  immer 
höchst  widersprechend  aus  und  wurden  längst  als  aussichtslos  auf- 
gegeben.  Schliesslich,  wenn  es  sich  darum  handelt,  dem  Organismus 
Stoffe  zuzuführen,  so  waren  die  Bäder  überhaupt  nur  ein  umständ¬ 
licher  Umweg,  dann  war  es  doch  unendlich  viel  einfacher,  das  Wasser 
durch  Trinken  dem  Körper  einzuverleiben,  anstatt  darin  zu  baden! 
So  wurde  dann,  für  die  Thermalbäder  wenigstens,  die  Lehre  aufge¬ 
stellt,  dass  das  Wirksame  in  ihnen  nicht  der  Stoff  sei,  sondern  die 
Kraft,  dass  die  natürliche  Wärme,  die  sie  aus  dem  Schoss  der  Erde 
mit  sich  bringen,  sich  von  der  künstlichen,  welche  der  Mensch  durch 
Erwärmen  einem  jeden  Badewasser  mitteilen  kann,  unterscheide  und 
dass  daher  diese  Wärme  auch  anders,  mehr  therapeutisch  als  ther¬ 
misch  wirke.  Diese  gewagte  und  unbeweisbare  Lehre  hat  aber  nur 
ein  kurzes  Dasein  gefristet  und  ist  jetzt  ganz  verschwunden.  Aller¬ 
dings  hat  sie  eine  Lücke  für  Erklärungen  hinterlassen,  die  erst  seit 
kurzem  sich  auszufüllen  beginnt. 

Diese  neue  Erklärungsart  baut  sich  auf  dem  folgenden  Gefüge 
von  Beobachtungen  auf.  Seit  Jahrzehnten  hat  man  an  den  Thermal¬ 
bädern  die  Beobachtung  gemacht,  dass  nach  den  ersten  Tagen  häufig 
eine  vorübergehende  Verschlimmerung,  etwa  vermehrte  Schmerz¬ 
haftigkeit  und  Schwellung,  am  kranken  Teil  des  Patienten  sich  ein¬ 
stellt  und  dass  auch  bisweilen  Stellen,  die  früher  der  Sitz  von  Be¬ 
schwerden  gewesen  und  die  die  Kranken  oft  ganz  vergessen  hatten, 
sich  wieder  rühren.  Eine  200  Jahre  alte  Schrift  über  das  schweizeri¬ 
sche  Thermalbad  Pfäfers-Ragaz  beschreibt  diese  Beobachtung  mit  den 
Worten:  „Wenn  vor  10  oder  mehr  Jahren  ein  äusserer  oder  innerer 
Teil  des  Leibes  krank  gewesen,  so  wird  während  der  Kur  das  Wasser 
an  selbem  Ort  merklich  anklopfen  und  den  beschädigten  Teil  an- 
zeigen.“  Diese  bisher  als  ein  absonderliches  Spiel  der  Natur  betrach¬ 
tete  Erscheinung  ist  nun  aber  plötzlich  in  ein  frisches  Licht  gesetzt 
worden:  man  hat  sie  in  Beziehung  zur  neuerdings  so  viel  studierten 
Herdreaktion  gesetzt.  Bis  vor  kurzem  hatte  man  die  Herdreaktion, 
als  deren  Vorbild  die  Tuberkulinreaktion  dastand’,  als  einen  ganz  spe¬ 
zifischen  Vorgang  angesehen.  Unter  dem  Einfluss  der  erst  vor  weni¬ 
gen  Jahren  aufgekommenen  Proteinkörpertherapie  hat  man  eine  un- 
spezifische  Herdreaktion  kennen  gelernt,  der  die  spezifische  als  ein 
Sonderfall  untergeordnet  wurde.  Nun  auf  einmal  fiel  es  den  Bade¬ 
ärzten  wie  Schuppen  von  den  Augen.  Die  vorübergehende  Verschlun- 
merung  nach  den  ersten  Bädern,  jenes  „Anklopfen  und  Anzeigen  des 
beschädigten  Teiles“,  ist  eben  nichts  anderes  als  eine  unspezifische 
Herdreaktion.  Sie  wurde  jetzt  als  Bäderreaktion  bezeichnet. 

Die  Bäderreaktion  ist  aber  nicht  das  ganze  der  Thermalwirkung, 
sondern  nur  ein  Stück  davon,  nämlich  die  örtliche  Aeusserung,  ebenso 
wie  die  Proteinkörpertherapie  sich  nicht  in  der  Herdreaktion  erschöpft. 
Neben  ihr  geht,  wie  W  e  i  c  h  a  r  d  t  in  zahlreichen  Versuchenund  Schrif¬ 
ten  gezeigt,  eine  allgemeine  Leistungssteigerung  einher,  die  er  durch 
ommizelluläre  Protoplasmaaktivierung  erklärt.  Diese  allgemeine  Lei¬ 
stungssteigerung  kommt  aber  ganz  ebenso  auch  der  Thermalkur  zu, 
sie  deckt  sich  sachlich  vollkommen  mit  dem,  was  die  Badeärzte  frü¬ 
herer  Zeiten  bei  den  Kuren  als  „allgemeine  Körperumstimmung“  zu  be¬ 
zeichnen  pflegten,  nur  dass  die  Ausdrucksweise  verschieden  war,  sie 
war  seitens  der  Badeärzte  weniger  wissenschaftlich  und  mehr  intuitiv. 

Bei  der  parenteralen  Proteinkörpertheraoie  ist  jedoch,  wie  Bier 
gezeigt  hat,  nicht  ein  bestimmter  Stoff  das  Wirksame.  Auch  die  In¬ 
jektion  von  Nichteiweisskörpern  wirkt  oft  wie  die  von  Proteinen, 
sogar  das  destillierte  Wasser  kann  Einfluss  ausüben.  Es  handelt  sich 
also  bei  dieser  Therapie  nicht  um  chemische  Stoffe  als  solche,  sondern 
um  Reize,  die  wirken. 

Sobald  dies  als  feststehend  anerkannt  ist,  wird  die  Wirkungs¬ 
gleichheit  zwischen  parenteraler  Therapie  und  Thermalbehandlung 
viel  leichter  verständlich.  Denn  die  Thermalbäder  führen  ja,  wie  eben 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  W0CHENSCHR1ET. 


Nr.  29. 


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ausgefiihrt,  weder  Sloffe  noch  Kräfte  dem  Körper  des  Kranken  zu; 
ihre  Wirkung  kann  nur  aus  dem  Reiz,  den  sie  bei  der  Berührung  mit 
der  Haut  setzen,  und  den  dadurch  entfesselten  Gegenwirkungen  des 
Organismus  erklärt  werden,  wie  ich  früher  schon  gezeigt  habe l). 
Auf  der  Grundlage  des  Reizes  als  Wesen  der  Wirkung  lässt  sich  auch 
eine  Brücke  von  der  Thermalbadekur  zur  Mineraltrinkkur  schlagen. 
Denn  auch  per  os  einverleibte  Stoffe  können  als  Reizmittel  wirken, 
wie  es  kürzlich  A.  Zimmer2)  und  Prinz9)  vom  Yatren  und 
G.  Z  i  m  m  er1)  von  der  Kieselsäure  dargetan  haben.  Diese  Körper 
vermögen  tatsächlich  Herdreaktionen  per  os  hervorzurufen.  Auch 
andere  vielgebrauchte  Mittel  können  dies  tun,  wenn  man  sie  nach 
bestimmtem  Plan  anwendet,  wie  es  Könige  r5)  sogar  bei  Opium¬ 
derivaten  gezeigt  hat.  Die  Kenntnis  einer  solchen  Herdwirkung  von 
per  os  zugeführten  Stoffen  ist  im  Grunde  gar  nicht  so  neu,  als  es  auf 
den  ersten  Blick  dem  Arzt  erschien.  Bei  den  Genussmitteln  ist  sie 
allbekannt.  Manche  Studenten  nahmen,  früher  wenigstens,  besonders 
reichlich  Alkohol  nach  den  Mensuren  zu  sich,  damit  die  erhaltenen 
Schmisse  nicht  zu  glatt  heilen  und  eine  gut  sichtbare  Narbe  zurück¬ 
lassen.  Umgekehrt  hat  wohl  die  „blande  Diät“,  die  man  Erischope- 
rierten  und  Neuentbundenen  vorschreibt,  den  Zweck,  Herdreaktionen 
fernzuhalten. 

Die  grosse  Schwierigkeit  bei  den  Therapien,  die  durch  Reize  ge¬ 
führt  werden,  ist,  wie  alle  Autoren  übereinstimmen,  die  Frage  nach 
der  Grösse  der  Dosis.  Denn  diese  Behandlungsart  ist  ein  zweischnei¬ 
diges  Schwert.  Wenn  der  Reiz  stärker  ist,  als  für  die  Auslösung  der 
besten  Zellenleistung  erforderlich,  so  schädigt  er  die  Zelle.  Die  Reiz¬ 
barkeit  der  Zellen  ist  aber  von  vornherein  unbekannt  und  zudem  un¬ 
beständig.  Bei  entzündeten  Geweben  ist  sie  feiner  als  bei  normalen. 
Gerade  in  der  Frage  der  Dosis  offenbart  sich  die  Ueberlegenheit  der 
Balneotherapie  gegen  die  anderen  Verfahren  der  Reiztherapie,  wie 
Hydrotherapie  und  Proteinkörpertherapie.  Die  balneologischen  Reize 
sind  harmlos,  denn  sie  sind  unterschwellig,  wie  ich  gezeigt  habe  “). 
Erst  durch  ihre  Wiederholung  erreichen  sie  die  Höhe,  die  erforderlich 
ist,  um  einen  Reiz  zu  setzen.  Man  schleicht  sich  also  bei  diesen 
Kuren  erst  allmählich  in  die  Reizschwelle  ein,  und  eine  Ueberreizung 
ist  fast  ganz  ausgeschlossen. 

Bei  den  Mineralkuren  spielt  wohl,  im  Gegensatz  zu  den  Thermal¬ 
kuren,  die  Allgemeinreaktion  die  grössere,  die  Herdreaktion  die 
kleinere  Rolle.  Leichte  Allgemeinreaktionen  sind  aber  schwerer 
nachzuweisen  als  leichte  Herdreaktionen,  die  ja  gewöhnlich  mit  ört¬ 
lichen  Beschwerden  einhergehen  und  zur  eben  besprochenen,  meist 
deutlich  erkenntlichen  Bäderreaktion  führen.  Daher  wird  die  allge¬ 
meine  Reaktion  und  Wirkung  leicht  übersehen,  wenn  man  nicht,  wie 
Rothschu  h 7)  in  Aachen  u.  a.  es  getan,  sorgfältig  vergleichende 
Stoffwechseluntersuchungen  vor  und  während  der  Trinkkur  vornimmt. 

Schon  wiederholt  haben  Aerzte  einen  Zweifel  an  der  stofflichen, 
auf  ein  bestimmtes  krankes  Organ  hinzielenden  Wirkung  der  Mineral¬ 
wasserkur  geäussert.  So  war  es  den  Aerzten  von  Spa  s)  aufgefallen, 
dass  bei  den  anämischen  Kranken,  die  zu  den  dortigen  Stahlquellen 
geschickt  worden  waren,  häufig  mehrere  Krankheitserscheinungen, 
wie  Herzklopfen  und  Atemnot,  sich  besserten,  ehe  im  Blut  eine  Ver¬ 
mehrung  der  roten  Blutkörper  oder  des  Hämoglobinindex  nachge¬ 
wiesen  werden  konnte.  Stoffwechseluntersuchungen  haben  ihnen  dann 
eine  befriedigende  Erklärung  gebracht.  Im  Bäderalmanach  von  1910 
sagt  T  h  i  1  e  n  i  u  s,  im  Hinblick  auf  die  Tatsache  der  oft  gleichartigen 
Wirkung  von  verschieden  zusammengesetzten  Mineralwassern;  „Die 
Lösung  des  Rätsels  liegt  einfach  darin,  dass  es  sich  bei  allen  klima¬ 
tischen,  Mineralwasser-  und  anderen  Kuren  wesentlich  um  Einwir¬ 
kung  auf  die  Stoffwechselvorgänge  handelt  und  die  Einwirkung  auf 
ein  bestimmtes  Organ  recht  häufig  in  den  Hintergrund  tritt  oder  nur 
auf  indirektem  Wege  erreicht  werden  kann.“  Was  darin  noch  nicht 
ausgesprochen  ist,  wozu  aber  nur  noch  ein  kleiner  Schritt  zu  machen 
war,  habe  ich  in  Worte  gefasst")  und  wohl  als  Erster  die  Trinkkur 
nach  ihrer  Grundbedeutung  der  unspezifischen  Reiztherapie  zugereiht. 
Die  Thermal-  und  Mineralwasserwirkung  liegt  also  nach  meiner 
Ueberzeugung  in  der  Hauptsache  nicht  in  Stoffen  oder  gar  Kräften, 
die  in  den  kranken  Menschen  übergeführt  werden,  sondern  in  den 
Reaktionen  auf  Reize,  die  der  Organismus  mit  seinen  eigenen  Mitteln 
beantwortet.  Der  langgesuchte  „Brunnengeist“  ist 
also  im  Wasser  überhaupt  nicht  vorhanden,  son¬ 
dern  vielmehr  im  Kranken  selbst  gelegen,  von 
dessen  Vis  medicatrix  naturae  er  ein  Stück  ist,  das 
seiner  Entfesselung  durch  einen  an  gepassten 
Thermal-  oder  Mineralwasser  reiz  harrt. 

Welchen  Wesens  dieser  Reiz  ist,  wissen  wir  nicht.  Aber  man 
muss  wohl  annehmen,  dass  er  in  einer  Berührungswirkung  des 
Wassers  mit  der  Haut  oder  Schleimhaut  liegt,  einer  Berührungswir¬ 
kung,  die  ihre  Eigenart  einerseits  in  der  besonderen  molekularen 
Struktur  des  natürlichen  Thermal-  oder  Mineralwassers  und  ander- 


*)  Alls-  med.  Zentralztg.  1921  Nr.  41. 

-)  M.m.W.  1921  Nr.  18. 

:i)  M.m.W.  1921  Nr.  38. 

’)  M.m.W.  1923  Nr.  8. 

Ä)  D.m.W.  1922  Nr.  50. 

®)  D.m.W.  1922  Nr.  17. 

')  Alle.  med.  Zentralztg  1921  Nr.  -43. 

s)  V  a  n  de  W  eyer  und  W  y  b  a  u  w:  Zsclir.  f.  phys.-diät.  Tlier.  1907. 
“)  Zsclir.  f.  ptiys.-diät.  Ther.  1922  H.  11. 

"’)  K.  Baur:  Lieber  den  Ursprung  und  das  Wesen  der  Wildunger  Heil¬ 
quellen.  1920.  Wildungen.  Pusch. 


seits  in  der  darauf  angepassten  Ansprechbarkeit  der  Haut  oder 
Schleimhaut  hat.  Seit  A  r  r  h  c  n  i  u  s’  Forschungen  wissen  wi<\  dass 
eine  Lösung,  eine  künstliche  wie  eine  natürliche,  ein  ganz  ungemein 
zusammengesetztes  Ding  ist,  dass  die  Salze  sich  darin  in  Ionen 
spalten,  die  entgegengesetzt  elektrisch  geladen  sind,  dass  das  lonen- 
gleichgewicht  ein  äusserst  labiles  ist  und  in  der  empfindlichsten  Ab¬ 
hängigkeit  zur  Lösungsflüssigkeit  und  deren  Gasgehalt  steht.  Ein 
Mineralwasser,  das  ausgekocht  und  dadurch  entgast  worden  war 
und  wieder  erkaltet  ist,  hat  eine  ganz  andere  molekulare  Struktur 
als  vorher.  Wenn  auch  die  chemische  Analyse  über  den  Vefdaihp- 
fungsrückstand  eines  Mineralwassers  ganz  genaue  qualitative  und 
quantitative  Auskunft  zu  geben  vermag,  so  sind  wir  über  den  leben¬ 
digen  Aufbau  des  Wassers,  wie  es  der  Erde  entströmt,  über  den  Grad 
der  Dissoziation  der  Ionen,  den  Betrag  von  kolloidalen  Suspensionen 
im  Wasser  usw.  nur  wenig  unterrichtet.  Es  gibt  also  noch  unbe¬ 
kannte  Grössen  in  der  physikalischen  Beschaffenheit  eines  Mineral¬ 
wassers,  wir  können  es  daher  auch  noch  nicht  künstlich  nachahmotu 
ln  diese  besondere  molekulare  Struktur,  die  vielleicht  später  einmal 
der  physikalische  Chemiker  wird  ergründen  und  nachbildcn  können, 
wovon  wir  aber  zurzeit  noch  weit  entfernt  sind,  glaube  ich  die  Eigen¬ 
art  der  Reizwirkung  von  natürlichem  Mineralwasser  und  Thermal¬ 
wasser  verlegen  zu  sollen.  Eine  solche  Ansicht  hat  auch  schon 
Baur  10)  ausgesprochen. 

Wenn  auch  die  Allgemeinreaktion  auf  den  balneologischen  Reiz 
einer  omnizellulären  Protoplasmaaktivierung  gleichkommt,  so  ist  doch 
die  Einwirkung  keine  gleichstarke  auf  alle  Körperzellen.  Beim  Suchen 
nach  ihren  Hauptangriffspunkten  führen  Beobachtung  wie  Uebor- 
legung  mit  zwingender  Notwendigkeit  zu  den  endokrinen  Drüsen. 
Von  den  Krankheiten,  die  durch  die  Trinkkur  erfolgreich  behandelt 
werden,  sind  die  einen,  wie  Diabetes,  Adipositas  und  Gicht,  ausge¬ 
sprochene  Stoffwechselkrankheiten,  die  unter  dem  Einfluss  von  Fer¬ 
menten  stehen;  die  anderen  sind  mehr  oder  weniger  Drüsenkrank¬ 
heiten  selbst,  wie  die  Affektionen  der  Leber  mit  der  Gallenblase,  der 
Nieren  mit  der  Harnblase,  die  Dysfunktionen  von  Magen  und  Darm, 
von  männlichen  und  weiblichen  Geschlechtsorganen.  Die  Mineral¬ 
wasser  werden  aber  nicht  nur  getrunken,  sondern  auch  als  Bäder 
angewandt.  Auch  dabei  kommt  ihnen,  im  Gegensatz  zu  den  Thermal¬ 
bädern,  mehr  eine  Allgemeinwirkung  als  eine  Herdwirkung  zu. 
E.  M.  G  r  ö  d  e  1  n)  hat  kürzlich  mit  Nachdruck  den  unabweisbaren 
Einfluss  der  Nauheimer  Bäder  auf  die  endokrinen  Drüsen  betont  und 
angeführt,  dass  Diabetiker,  die  bei  sachgemässer  Diät  nie  zuckerfrei 
werden,  oft  ohne  Diätbehandlung  während  der  dortigen  Kur  ihren 
Zucker  verlieren.  Sogar  künstlich  kohlensäure  Bäder  lösen,  wie 
A  r  n  o  1  d  i 1S)  gezeigt  hat,  ähnliche  Stoffwechselveränderungen  aus; 
sic  kommen,  nach  ihm.  noch  verschiedenen  anderen  Bade-  und  Trink¬ 
kuren  zu,  ja  sogar  dem  gewöhnlichen  Wasserbadc,  allerdings  in  ganz 
erheblich  geringerem  Grade.  Der  alte  Spruch:  „Natura  non  facit 
saltum“  gilt  also  auch  für  die  Bäderlehre. 

Die  Werkzeuge,  mit  denen  das  Protoplasma  beeinflusst  oder 
aktiviert  wird,  sind  letzten  Endes  die  Ionen.  Ihr  ständiges  Wechsel¬ 
spiel  steht  unter  dem  Einfluss  des  vegetativen  Nervensystems.  Der 
Vagus  leitet  den  Aufmarsch  der  K-  und  Na-Ionen  um  die  Zellen,  der 
Sympathikus  den  der  antagonistischen  Ca-Ionen.  „Nerven  und  Ionen¬ 
wirkung  gehören  zusammen;  sie  stellen  ein  und  dasselbe  dar,“  sagt 
S.  G.  Z  o  n  d  e  k 13)  und  fügt  nachdrücklich  hinzu,  dass  nicht  die  Ionen 
den  Nerven  reizen,  sondern  dass  umgekehrt  der  Nerv  die  Ionen  beein¬ 
flusst.  Die  Ionen  ihrerseits  beherrschen  die  Kolloidbeschaffenheit  des 
Protoplasmas  und  damit  den  innersten  Kern  aller  Lebenserscheinungeri. 
Vagus  und  Sympathikus  stehen  aber  durch  die  Hormone  unter  dem 
Einfluss  der  endokrinen  Diüsen. 

So  sind  denn  die  Wege  und  Mittel  geschildert,  durch  welche  die 
Auswirkung  der  baineotherapeutischen  Reize  bis  aufs  Protoplasma 
der  Zellen  begriffen  werden  kann.  Bei  der  Thermalkur,  die  fast  nur 
als  Bad  angewandt  wird,  steht  meist  die  Herdreaktion  vor  der  All¬ 
gemeinreaktion;  bei  den  Mineralkuren,  die  ebenso  durchs  Baden, 
wie  durchs  Trinken  ausgeübt  werden,  übertrifft  die  Allgemeinwirkung 
die  Herdwirkung,  wenngleich  beiden  Kuren  beide  Reaktionsarten  zu- 
komnien. 

Ein  Beitrag  zur  Kasuistik  des  Fremdkörperileus  bei 
karzinomatöser  Darmstenose. 

Von  Dr.  W.  Porzelt,  Chirurg  in  Würzburg. 

Der  Obturationsileus  in  der  nicht  durch  Intussuszeption  des  Dar¬ 
mes  bedingten  Form  ist  nach  den  Berichten  der  letzten  Jahre  gar  kein 
allzu  seltenes  Ereignis.  Sieht  man  von  den  mehr  sporadisch  aut- 
tretenden  Fällen  von  Verlegung  der  Dannpassage  durch  körpereigne 
oder  körperfremde  Objekte,  wie  Gallen-  und  Kotsteine,  Trichobezo- 
are,  Obstkerne,  Eruchtteile  usw.,  ab,  so  ist  vor  allem  eine  Häufung 
der  Fälle  von  Ileus  verminosus  unverkenntlich. 

Eine  besondere  Stellung  ist  dem  Fremdkörperileus  bei  gleich¬ 
zeitig  bestehender  Stenose  des  Darmes  durch  Tumoren  oder  infek¬ 
tiöse  Prozesse  einzuräumen,  insofern,  als  vorher  mehr  oder  weniger 
latente  Passagestörungen  durch  die  Einklemmung  irgendeines  Körpers 
plötzlich  akute  Erscheinungsform  annehmen  können.  Dieselben  stür- 

“)  Zsclir.  f.  phys.-diät.  Thcr.  1922  H.  11. 

12)  M.m.W.  1922  Nr.  29. 

13)  D.m.W.  1921  Nr.  50.  . 


20.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


949 


mischen  Symptome  werden  übrigens  bisweilen  bei  chronischen  Ileus- 
fällen  auf  gleicher  Unterlage  nach  Einnahme  einer  Kontrastmahlzeit 
beobachtet,  wo  das  über  der  Stenose  sedimentähnlich  gefällte  Kon¬ 
trastmittel  obturierend  wirkt.  Ein  Fall  von  Scirrhus  der  Flexura 
sigmoidea  bei  einem  63  jährigen  Mann  aus  meiner  Praxis  kam  auf 
diese  Weise  vor  3  Jahren  zur  Operation. 

Aus  der  Literatur  seien  nur  einige  Mitteilungen  aus  den  jüngst 
vergangenen  Jahren  aufgeführt.  Kaposi  berichtete  1914  in  der 
Breslauer  chirurgischen  Gesellschaft  über  ein  Flexurkarzinom,  bei 
dem  der  sekundäre  Totalverschluss  durch  im  Geschwür  zurückge¬ 
haltene  Fischschuppen  ausgelöst  worden  war.  Ebenda  weiss  Gott- 
stein  über  einen  Fremdkörperileus  bei  karzinomatöser  Stenose  zu 
berichten;  es  fand  sich  ein  kleiner  Dünndarmkrebs,  verlegt  durch 
eine  Reihe  von  Kirschkernen.  Marquis  teilte  1913  einen  Fall  mit, 
wo  sich  oberhalb  einer  von  ihm  für  bösartig  angesehenen  Stenose 
in  einer  sackartigen  Dickdarmerweiterung  eine  Ansammlung  von  etwa 
640  Fruchtkernen  vorfand,  die  einen  Verschluss  bedingt  hatten;  da 
nur  eine  Enteroanastomose  angelegt  wurde,  konnte  über  die  wahre 
Natur  des  Tumors  kein  Aufschluss  gegeben  werden.  Einen  weiteren 
Fall  von  akutem,  durch  Karzinom  verursachten  Ileus  beschreibt 
M  i  k  u  1  i  1922  bei  einer  54  jährigen  Frau.  Es  fand  sich  in  einem 
zylindrischen  Adenokarzinom  der  Flexura  sigmoidea  ein  2  cm  langes 
verschlucktes  Knochenstück,  das  die  Obturation  herbeigeführt  hatte. 

Das  Reizvolle  des  pathologischen  Befundes  rechtfertigt  wohl  die 
Anreihung  eines  neuen  Falles,  bei  dem  gleichfalls  völlige  Verlegung 
eines  röhrenförmigen  Flexurkarzinoms  durch  Verkeilung  eines  Kno¬ 
chenstücks  mit  seinen  Kanten  in  der  Tumormasse  eingetreten  war. 

Ein  64  jähriger  Landwirt  stellte  sich  am  18.  XI.  20  bei  mir  vor  und 
gab  an.  seit  8  Tagen  das  Gefühl  von  Völle  im  Leib  zu  haben;  seitdem  seien 
bei  nahezu  vollkommener  Nahrungsenthaltung  wohl  noch  Blähungen, 
aber  kein  Stuhl  mehr  abgegangen;  sein  rechtsseitiger  Leistenbruch,  der  1  Jahr 
nach  der  vor  2  Jahren  vorgenommenen  Operation  wieder  gekommen  sei, 
mache  ihm  jetzt  Beschwerden;  schon  früher  habe  StuhLträgheit  bestanden, 
seit  mehreren  Jahren  sei  der  Stuhl  nicht  mehr  geformt. 

Die  Untersuchung  des  geistig  sehr  regsamen,  im  Ernährungszustand 
heruntergekommenen  Bauers  stellt  einen  fühlbaren  Abdominaltumor  nicht 
fest.  Der  Leib  ist  tnässig  aufgetrieben,  der  rechtsseitige  Rezidivbruch  gut 
reponibel,  es  besteht  Gurren  und  Plätschern,  Darmsteifungen  sind  nicht  deut- 
I  lieh.  Zunge  feucht,  leicht  belegt.  Puls  nicht  beschleunigt,  neben  beginnender 
Atheromatose  chronische  Bronchitis.  Die  Diagnose  wird  auf  chronischen 
Ileus,  vermutlich  infolge  einer  Tumorstenose,  gestellt. 

Bei  der  nach  erfolglosen  Einläufen  am  nächsten  Tage  in  Allgemeinnarkose 
j  vorgenoramenen  medianen  Laparotomie  fand  sich  ein  stenosierendes  Kar- 
I  zinom  der  Flexura  sigmoidea,  durch  einen  Bindegewebsstrang  am  absteigen¬ 
den  Dickdarmschenkel  fixiert.  Der  oral  von  der  Striktur  gelegene  Dickdarm 
|  ist  mittelstark  diilatiert,  in  seiner  Muskulatur  hypertrophiert.  Nach  Lösung 
des  Strangs  und  Entleerung  des  Darminhalts  Resektion  der  FLexur  und  Ana- 
stomose  Seit  zu  Seit.  Drüsenmetastasen  sind  nicht  nachzuweisen. 

Die  Heilung  erfolgte,  abgesehen  von  einer  kritischen  Temperaturzacke 
am  4.  Tage  nach  der  Operation,  ungestört.  Kranker  wurde  am  7.  XII.  20  ent¬ 
lassen  mit  der  Weisung,  noch  diät  zu  leben  und  für  Regelung  des  Stuhlgangs 
zu  sorgen.  Der  rechtsseitige  Leistenbruch  hatte  während  des  Kranken¬ 
lagers  keine  Beschwerden  verursacht. 

Atn  30.  XII.  20  erschien  Kranker  von  der  Angst  getrieben  wieder  mit 
neuen  leichten  Ileuserscheinungen,  hervorgerufen  durch  sein  Leistenbruch¬ 
rezidiv. 

'  Objektiv  massiger  Meteorismus,  links  noch  geringe  Empfindlichkeit,  kein 
Tumor.  Zweifaustgrosser  irreponibler  äusserer  Leistenbruch;  am  Skrotal- 
grund  leichtes  entzündliches  Infiltrat. 

Bei  der  am  folgenden  Tage  in  Lokalanästhesie  ausgeführten  Operation 
wurde  als  Bruchinhalt  eine  total  verbadkene,  am  Bruchsackgrund  durch  ent¬ 
zündliche  Verklebungen  festgewachsene  DünndarmschLinge  gefunden.  An 
der  ziemlich  weiten  Bruchpforte  war  der  Darm  nicht  fixiert.  Nach  Resektion 
und  Enteroanastomose  Seit  zu  Seit  wurde  die  Bruchpforte  verschlossen,  die 
verlötete  Schlinge  abgetragen;  auf  eine  Entfernung  der  verdickten  Bruch¬ 
sackwand  musste  mit  Rücksicht  auf  die  Infektion  verzichtet  werden.  Der 
Bruchsackgrund  wurde  durch  eine  Inzision  am  Hodensack  drainiert. 

Ungestörte  Heilung  bei  leichter  Sekretion  durch  die  Wunde  am  Skrotum. 

Eine  grosse  Ueberraschung  brachte  das  bei  der  ersten  Operation  ge¬ 
wonnene  Präparat.  In  der  bogenförmigen,  kaum  für  Bleistiftdicke  durch¬ 
gängigen  5.'4  cm  langen  karzinomatösen  Striktur  findet  sich  ein  keilförmiges 
Knochenstück  in  der  Weise  eingeklemmt,  dass  dessen  Spitze  frei  im  Kanal 
liegt,  während  die  Kanten  der  Basis  in  die  Geschwulstmasse  eingespiesst  sind. 
Dadurch,  sowie  durch  eingelagerte  Kot-  und  Fruchtschalenpartikelchen  wird 
ein  völliger  Verschluss  der  an  sich  schon  beträchtlichen  Stenose  bewirkt. 
Der  Tumor  verursacht  eine  Einschnürung  des  DarrfTs,  er  fühlt  sich  derb  und 
knollig  än.  Am  Uebergang  auf  die  normale  Schleimhaut  zeigt  er  oral-  und 
aboralwärts  aufgeworfene,  zum  Teil  zerklüftete  Ränder.  Die  Striktur,  an¬ 
fänglich  trichterähnlich  und  peripherwärts  sich  verengernd,  stellt  ein  röhren¬ 
förmiges  Geschwür  dar.  Oberhalb  der  Stenose  ist  der  Dickdarm  erweitert, 
die  Muskulatur,  besonders  die  Ringrnuskelschicht,  stark  hypertrophisch. 

Mikroskopisch  handelte  es  sich  nach  meiner  Untersuchung  des 
pathologischen  Instituts  um  ein  Adenokarzinom. 

Der  Kranke  hat  sich  im  Laufe  der  letzten  beiden  Jahre  absolut 
wohl  befunden  und  sein  früheres  Körpergewicht  angenommen.  Er 
kommt  mit  gewohnter  Frische  und  Lebhaftigkeit  seiner  landwirt- 
;  schaftlichen  Arbeit  nach.  Der  Leib  ist  weich,  nicht  meteoristisch. 
Neben  einem  kleinen  Nabelbruch  hat  sich  wieder  ein  hühnereigrosses 
Leistenbruchrezidiv  entwickelt,  das  der  Kranke  durch  ein  Bruchband 
gut  zurückhalten  kann.  Epikritisch  möchte  ich  hinsichtlich  des  opera¬ 
tive»  Vorgehens  hervorheben,  dass  ich  mir  des  Risikos  der  Resektion 
bei  der  Ueberlastung  des  Darmes  durch  stagnierten  Inhalt  wohl  be¬ 
wusst  war.  Da  indes  die  Verschlusserscheinungen  nicht  den  foudroy- 
anten  Charakter  wie  gewöhnlich  trugen  und  der  Kranke  und  seine 
Angehörigen  den  ihnen  zunächst  vorgeschlagenen  Anus  praeternatu¬ 
ralis  unter  allen  Umständen  vermieden  haben  wollten,  wagte  ich  die 

Nr.  29. 


Resektion.  Mehrzeitiges  Vorgehen,  zweizeitig  nach  Mikulicz 
oder  d  r  e  i  z  e  i  t  i  g  nach  S  c  h  1  o  f  f  e  r,  wäre  weniger  riskant  ge¬ 
wesen. 

Ich  glaube,  der  Fall  bildet  einen  hübschen  Beitrag  zu  alle  dem, 
was  bisher  über  Fremdkörperileus  bei  Tumorstenose  veröffentlicht 
worden  ist. 

Literatur. 

Kaposi;  Einige  Ileusformen.  Vortrag  in  der  Breslauer  ehir.  Gesellschaft, 
Sitzung  vom  9.  II.  14;  ref.  Zbl.  f.  Chir.  1914  S.  715.  —  G  o  1 1  s  t  e  i  n;  ibidem. 
—  Marquis:  Plus  de  600  corps  ötrangers  retenus  depuis  des  annees 
au-dessus  d'un  rötröcissement  de  l’intestin  greLe.  Bull,  et  möm.  de  la  soc. 
de  chir.  de  Pari^  1912,  tome  38;  ref.  Zbl.  f.  Chir.  1913  S.  572.  —  Mikulicz; 
Zur  Kasuistik  des  akuten,  durch  Karzinom  verursachten  Ileus.  Nowy  chir. 
Arch.  2,  1922,  S.  67.  Ref.  Zbl.  f.  Chir.  &>23  S.  536. 


Ueber  Blutungen  in  der  Nachgeburtszeit. 

(Bemerkungen  zu  dem  gleichnamigen  Aufsatz  von  Prof.  Opitz  in 

Nr.  18  d.  Wschr.) 

Von  Dr.  Georg  Becker,  Direktor  des  Kreiskranken¬ 
hauses  Alzey. 

Es  gibt  wohl  in  der  ganzen  Medizin  kein  Kapitel,  das  den  prak¬ 
tischen  Arzt  vor  so  verantwortungsvolle  Aufgaben  stellt,  wie  die 
Blutungen  der  Nachgeburtsperiode.  Hier  hängt  es  oft  von  der  Be¬ 
sonnenheit,  Geistesgegenwart  und  Geschicklichkeit  des  auf  sich  selbst 
gestellten  Arztes  ab,  ob  eine  lebensbedrohliche  Blutung  gestillt  wer¬ 
den  kann.  Dankbar  wird  es  daher  der  Praktiker  begrüssen,  wenn 
ihm,  wie  in  der  Arbeit  von  Opitz,  die  heute  geltenden  Richtlinien 
übersichtlich  zusammengestellt  werden.  Aber  gerade  das  grosse 
Interesse,  das  weite  Kreise  diesen  von  autoritativer  Seite  aufgestellten 
Grundsätzen  entgegenbringen,  veranlasst  mich,  für  eine  Methode  ein¬ 
zutreten,  die  von  Opitz  verworfen  wird  als  unnötig  für  leichtere, 
als  gefährlich  für  schwere  Fälle,  die  sich  mir  aber  in  jahrelanger  Er¬ 
fahrung  als  wertvollstes  Mittel  zur  Beherrschung  der  Nachgeburts¬ 
blutung  erwiesen  hat:  die  Naht  des  Zervixrisses.  Kleine  Einrisse  der 
Zervix  sind  physiologisch  —  das  beweist  der  Unterschied  in  der 
Konfiguration  der  Portio  bei  Erst-  und  Mehrgebärenden.  Aber  zu 
diesen  kleinen  harmlosen  Einrissen  kann  der  im  B  u  in  m  sehen  Lehr¬ 
buch  abgebildete  nicht  rechnen.  Solche  höher  hinaufreichenden  können, 
besonders  wenn  sie  bis  zur  Fornix  vaginae  gehen,  sehr  erhebliche, 
ja  lebensgefährliche  Blutungen  verursachen.  Die  Unterscheidung  einer 
atonischen  Blutung  von  einer  Rissblutung  ist  nicht  leicht.  Wenn  nach 
Entleerung  der  Blase  —  die  Notwendigkeit  des  Katheterismus  bei 
atonischen  Blutungen  möchte  ich  besonders  betonen  —  und  nach 
Sekaleverabreichung  die  auf  Reiben  sich  gut  zusammenziehende  Ge¬ 
bärmutter  beim  Nachlassen  sogleich  Neigung  zur  Erschlaffung  zeigt, 
so  liegt  der  Verdacht  eines  Zervixrisses  vor.  Die  Lagerung  auf  das 
Querbett  und  Einstellung  der  Portio  mit  dem  Spekulum  wird  sofort 
Klarheit  schaffen.  Es  gibt  keinen  Eingriff,  der  für  den  Arzt  und  seine 
Umgebung  so  überzeugend  in  der  Wirkung  ist  wie  die  Naht  eines 
Zervixrisses.  Allerdings  stellt  die  Operation  an  die  Technik,  beson¬ 
dere  bei  ungenügender  Assistenz,  einige  Anforderungen.  Denn  so 
übersichtlich  wie  in  der  schönen  Abbildung  im  B  u  m  m  sehen  Grund¬ 
riss  stellen  sich  die  Verhältnisse  in  Wirklichkeit  nicht  dar,  besonders 
ist  für  den  Wenigererfahrenen  die  Unterscheidung  der  unverletzten 
aufgelockerten  Muttermundslippen  von  der  Rissstelle  schwierig.  Mit 
einem  vorderen  und  hinteren  Scheidenspekulum  wird  die  Portio  ein¬ 
gestellt,  vordere  und  hintere  Muttermundslippe  je  mit  einer  Kugel¬ 
zange  gefasst  und  vorgezogen.  Durch  starken  Zug  an  den  Kugel¬ 
zangen  nach  der  unverletzten  Seite  und  Wandernlassen  der  vorderen 
Spekuiumplatte  nach  der  Seite  der  Verletzung  kann  man  sich  den 
Riss  deutlich  sichtbar  machen.  Am  wichtigsten  ist  die  Naht  am  oberen 
Ende  des  Risses.  Hat  man  hier  mit  tiefgreifender  Naht  die  Ränder 
des  Risses  vereinigt,  so  steht  die  Blutung  gewöhnlich  schon.  Wenn 
es  Schwierigkeiten  macht,  die  oberste  Stelle  sichtbar  zu  machen,  so 
verwendet  man  zweckmässig  die  langgelassenen  Fäden  der  unteren 
Nähte  als  Zügel,  um  durch  starken  Zug  nach  der  unverletzten  Seite 
die  Fornix  sichtbar  zu  machen. 

Wer  gewohnt  ist,  sich  bei  jeder  Blutung  nach  Geburt  der  Pla¬ 
zenta,  die  auf  die  üblichen  Massnahmen,  wie  Reiben  u.  ä.,  nicht  steht, 
die  Portio  einzustellen,  ist  erstaunt,  wie  häufig  sich  ein  Zervixriss 
als  Grund  dieser  Blutung  erweist.  Hat  man  es  sich  zur  Regel  ge¬ 
macht,  diese  Risse  zu  nähen,  so  wird  man  nur  selten  zur  Sehrt- 
schen  Klammer  und  fast  nie  zur  Tamponade  seine  Zuflucht  nehmen 
müssen.  Ich  erinnere  mich  wenigstens  keines  Falles  aus  meiner  lang¬ 
jährigen  Assistententätigkeit  an  der  Hallenser  Frauenklinik  unter 
J.  Veit,  in  dem  die  Uterustamponade  nötig  geworden  ist,  dagegen 
war  die  Naht  der  Zervixrisse  eine  Hauptwaffe  in  der  Bekämpfung 
der  Nachgeburtsblutungen. 

Unbedingt  recht  zu  geben  ist  O  p  i  t  z,  dass  bei  hoch  in  den  Uterus 
hinaufreichenden  oder  in  das  Parametrium  sich  fortsetzenden  Rissen 
die  Naht  von  der  Scheide  aus  gefährlich  ist;  diese  in  das  Gebiet  der 
inkompletten  Uterusruptur  gehörenden  Verletzungen  sollte  kein  Prak¬ 
tiker  zu  nähen  versuchen,  sondern  möglichst  einer  Klinik  überweisen. 
Aber  die  Naht  der  bis  zur  Fornix  reichenden  Zervixrisse  stellt  einen 
so  dankbaren  und  segensreichen  Eingriff  dar,  dass  sie  jedem,  der  die 
vaginale  Operationstechnik  beherrscht,  warm  empfohlen  werden 
kann. 


4 


950 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  29. 


Zur  Frage  der  ambulanten  Pneumothoraxbehandlung. 

Von  Geh.  San.-Rat  Med -Rat  Dr.  Kölle,  Oberstdorf  i.  Allg. 

In  der  Frage  der  ambulanten  Pneumothoraxbehandlung,  die  in 
dieser  Wochenschrift  (Nr.  14)  von  Dr  D  o  r  n  -  Charlottenhohe  und 
von  Dr.  A  P  e  1  -  Charlottenburg  (Nr.  23)  besprochen  wurde,  .steht  ich 
entschieden  auf  dem  Standpunkt  D  o  r  n  s,  dessen  Aufsatz  in  Nr.  14 
ich  fast  wörtlich  unterschreiben  kann.  Wenn  Kollege  P°yt  sagt, 

dass  ein  transportabler  Pneumothoraxapparat  solange  eine  Halbheit 
ist  als  nicht  der  unbedingt  dazugehorende  transportable  Rontgen- 
apparat  erfunden  ist,  so  hat  er  damit  vollkommen  recht.  Nachfullung 
un 4  Durchleuchtung  sind  für  mich  ein  unzertrennlicher  Begriff.  Das 
Erstere  nicht  ohne  das  Letztere.  Wenn  Kollege  A  p  e  1  e'"erd  er  Nach¬ 
füllung  vorhergehenden  Durchleuchtung  keine  so  besondere  Wichtig¬ 
keit  beimisst,  so  sind  die  Gründe,  die  er  dafür  anfuhrt,  nicht  stich¬ 
haltig  für  mich,  am  allerwenigsten  der  pekuniäre  Standpunkt  der 
Krankenkassen.  Einer  Krankenkasse  gegenüber,  die  die  Röntgen¬ 
durchleuchtung  eines  Kranken  aus  pekuniären  Gründen  yerweigern 
würde,  würde  ich  die  Pneumothoraxbehandlung  der  betr.  Kranken 
glatt  ablehnen.  Wenn  wir  einen  Pneumothorax  vor  der  Nachfullung 
durchleuchten,  so  wollen  wir  doch  in  erster  Lime  über  die  Lage. 
Grösse  und  Ausdehnung  desselben,  etwaige  Verwachsungen  Vtr- 
drängungserscheinungen,  Exsudate  usw.  orientiert  sei m  Antwoi ' Di i  o 
Fragen,  welche  Widerstandsfähigkeit  z.  B.  die  unter  der  Stichstelle 
liegende  Pleura  pulmonalis  gegen  die  Nadel  hat,  welche  Druckver¬ 
hältnisse  im  Pleuraraum  herrschen  usw..  darf  man  vom  Rontgen- 
apparat  nicht  erwarten  -  weil  er  sie  gar  nicht  geben  kann  Das 
hindert  aber  nicht,  dass  der  Röntgenapparat,  d.  h.  das  Auge  über 
Grösse,  Lage  und  Ausdehnung  des  Pneumothorax  weit  präzisere  Aus¬ 
kunft  geben  kann,  als  das  Gehör,  d.  h.  Perkussion  und  Auskultation 
_  und  darauf  kommt  es  in  erster  Lime  bei  der  Nachfullung  an. 
Wir  markieren  uns  vor  der  Nachfüllung  bei  der  Durchleuchtung 
jedesmal  die  Stelle,  die  uns  für  das  Einfuhren  der  Nadel,  namentlich 
bei  vorhandenen  Verwachsungen,  am  günstigsten  erscheint.  An 
diesem  Standpunkt:  „Keine  Nachfüllung  ohne  vorhergehende  Durch¬ 
leuchtung“  halte  ich  seit  15  Jahren  fest  und  wenn  ich  wahrend  meiner 
14  jährigen  Tätigkeit  als  Chefarzt  der  Deutschen  Heilstätten  in  I  avos 
und  Agra  bei  vielen  Hunderten  von  Neuanlegungen  und  Nachfullungen 
von  Pneumothorax  auch  nicht  einen  einzigen  unangenehmen  Zwi¬ 
schenfall  erlebt  habe  —  weder  eine  Ohnmacht,  noch  einen  1  leura- 
schock,  Embolie,  Todesfall  oder  dgl.  -,  so  schreibe  ich  dies  nie ht 
zum  mindesten  unserer  geradezu  pedantischen  Ausführung  der  rul 
lungen  zu.  So  leicht  und  einfach  eine  Nachfullung  aussieht  —  sie 
gleicht  ja  fast  ganz  einer  Punktion  — ,  so  verhängnisvoll  und  lebens- 
gefährlich  kam,  sie  in  der  Hand  des  weniger  geübten  oder  nicht 
ganz  vorschriftsgemäss  verfahrenden  Arztes  werden  Man  muss 
sich  stets  bewusst  bleiben,  dass  an  der  Spitze  der  in  die  l  iefe  e  n¬ 
geführten  Hohlnadel,  die  man  nicht  mehr  sieht,  das  Schicksal  des 
Kranken  hängt,  und  da  muss  in  der  lat  alles  geschehen,  was 
menschenmöglich  ist,  um  eine  Embolie  oder  dgl.  zu  venneide  ,- 
Passiert  bei  einer  Nachfüllung  irgendein  unangenehmer  Zwischenfall, 
etwa  eine  Embolie,  ohne  dass  zuvor  eine  Durchleuchtung  stattfand, 
so  wird  sich  der  Arzt  meiner  Ansicht  nach  den  Vorwurf  einer  ge¬ 
wissen  Fahrlässigkeit  nicht  ersparen  können.  Und  vor  solchen  Zu¬ 
fällen  schützt  uns  wesentlich  der  Röntgenapparat. 

Was  ohne  und  selbst  mit  vorhergehenden  Durchleuchtungen  pas¬ 
sieren  kann,  davon  zwei  Beispiele  meiner  Erfahrung.  Ein  Krankei 
kommt  zu  uns  aus  einem  benachbarten  Kurort  mit  der  Bitte,  seinen 
Pneumothorax  nachzufüllen;  er  sei  von  dem  ihn  behandelnden  Arzt 
wiederholt  nachgefüllt  worden;  zweimal  habe  er  nach  den  Nach- 
füllungeh  „Krämpfe“  bekommen.  Der  Arzt  hatte  ihn  nie  durch¬ 
leuchtet.  Weder  durch  Perkussion  noch  durch  Auskultation  noch 
durch  Röntgenstrahlen  konnten  wir  bei  dem  Kranken  einen  Pneumo¬ 
thorax  feststellen;  er  hatte  bisher  sämtliche  Stickstoffladungen  in  die 
Lunge  bekommen.  (Arzt  und  Kranker  hatten  dabei  noch  viel  Gluck, 
dass  es  nur  mit  „Krämpfen“  abgegangen  war.) 

Eine  Kranke  wird  vor  10  Jahren  aus  einem  Lungensanatorium 
in  unsere  Heilstätte  gebracht;  daselbst  war  ihr  ein  rechtsseitiger 
Pneumothorax  angelegt  und  mit  mehreren  Einblasungen  unterhalten 
worden.  Auf  dem  von  ihr  mitgebrachten  Röntgenbilde  sieht  man  in 
der  1  ebergegend  ganz  deutlich  eine  Luftblase,  die  die  rechte  Lunge 
nach  oben  drängt  (ebenso  bei  der  Röntgendurchleuchtung),  die  als 
partieller  Pneumothorax  imponiert.  Die  genauere  Untersuchung  er¬ 
gibt  jedoch,  dass  die  Kranke  gar  keinen  Pneumothorax  hat,  sondern 
ein  Pneumogastrium,  das  sehr  deutlich  durch  die  verschiedene  Lage- 
rung  der  Kranken  vor  dem  Röntgenschirme,  ebenso  auch  perkutorisch 
nachgewiesen  werden  kann.  Der  Arzt  hatte  ihr,  da  ausgedehnte  Ver¬ 
wachsungen  zwischen  rechter  Lunge,  Zwerchfell  und  Brustwand 
bestanden,  durch  das  Zwerchfell  hindurch  unter  das  letztere  (d.  h. 
zwischen  Leber  und  Zwerchfell)  den  Stickstoff  versehentlich  ein- 
gebiasen.  Die  Kranke  hatte  nun  allerdings  keinen  Schaden  davon¬ 
getragen;  das  Pneumogastrium  resorbierte  sich  langsam  von  selbst 
wieder. 

Solche  Zufälle,  die  noch  glücklich  abgelaufen  sind,  mahnen  immer¬ 
hin  zur  Vorsicht. 

Selbstverständlich  wird  sicli  jeder  praktische  Arzt  die  Pneumo- 
thoraxtherapie  in  längerer  Uebung  und  Erfahrung  aneignen  können, 
und  von  jedem  Arzt,  der  sich  mit  ihr  befasst,  muss  man  erwarten, 
dass  er  die  Technik  vollkommen  beherrscht.  Ob  er  diese  erst  an  der 


Leiche  einüben  soll,  wie  A  p  e  1  dies  vorschlägt,  lasse  ich  dahin¬ 
gestellt.  Ich  selbst  habe  sie  nicht  an  der  Leiche  gelernt,  sondern 
am  Lebenden;  auch  meine  Assistenten  haben  sich  die  Pneumothorax - 
behandlung  durch  Assistieren  (Zuschauen  und  Mitwirken,  Bedienung 
des  Apparats,  während  ich  nachfüllte,  und  selbsttätiges  Nachfüllen 
unter  meiner  Assistenz)  angeeignet,  ohne  dass  wir  je  eine  schlimme 
Erfahrung  dabei  machten.  Die  Hauptsache  dabei  bleibt  immer  pein¬ 
liche  Pedanterie  und  der  Grundsatz,  nicht  nachfüllen,  wenn  nicht  das  1 
Manometer  den  charakteristischen  Ausschlag  für  die  im  Pleuraraum  3 
liegende  Nadelspitze  (d.  h.:  beim  Anhalten  der  Inspiration  Stehen-  j 
bleiben  der  Manometerflüssigkeit  im  negativen  Druckschenkel)  zeigt,  * 

Nachfüllungen  in  der  Wohnung  des  Kranken  nehme  ich  nur  im 
Notfall  vor,  und  zwar  dann,  wenn  der  Zustand  des  Kranken  (etwa  4 
schwere  Blutungen)  den  Transport  ins  Sprechzimmer  oder  Kranken-  i 
haus  nicht  erlaubt.  Bei  hohem  Fieber  verlege  ich  den  Kranken  ins  3 
Krankenhaus  selbst,  wo  uns  ein  guter  Röntgenapparat  zur  Verfügung  4 
stellt. 

Der  transportable  Apparat  von  Dr.  H  a  r  t  m  a  n  n  -  Magdeburg,  3 
den  ich  selbst  seit  einiger  Zeit  benütze,  ist  sehr  empfehlenswert;  er 
zeichnet  sich,  ohne  glücklicherweise  „Taschenformat“  zu  besitzen,  | 
durch  seine  Einfachheit,  Handlichkeit  und  zweckmässige  Einrichtung 
aus.  Die  übrigen  neueren  Apparate  kenne  ich  nicht  aus  eigener  Er-  1 
fahrung. 

_ 

Fortbildungsuoriräge  und  Uebersicbtsreterate. 

Aus  dem  Landesbad  der  Rheinprovinz  in  Aachen. 
(Chefarzt;  Dr.  W.  Krebs.) 

Die  neuzeitliche  innere  Behandlung  chronischer  Gelenk¬ 
erkrankungen  und  Neuralgien. 

Kritisches  Samrnelreferat  von  Dr.  med.  Hermann  W  eskott. 

Die  bisher  im  allgemeinen  undankbare  Behandlung  der  chro-1 
nischen  Gelenkerkrankungen  und  Neuralgien  hat  durch  eine  grosse  j 
Reihe  neuerer  Mittel  und  Wege,  so  vor  allem  durch  die  parenterale  < 
Protein-  oder  Reizkörpertherapie,  die  sich  besonders  dieses  vev-  4 
nachlässigten  Gebietes  angenommen  hat,  zweifellos  eine  Bereicherung  , 
erfahren.  Die  vielfachen  Veröffentlichungen  über  günstige  Behänd- J 
lungserfolge  bei  aller  Art  dieser  Krankheitszustände  —  gegenteilige  1 
Mitteilungen  wurden  weniger  beachtet  —  haben  einen  starken  Opti¬ 
mismus.  bei  Aerzten  und  Kranken  erzeugt,  so  dass  wohl  heute  nur  j 
wenige  dieser  Kranken  zu  finden  sind,  die  nicht  schon  einmal  ent¬ 
sprechend  behandelt  worden  wären.  Andrerseits  ist  doch  trotz,  oder« 
gerade  infolge  dieser  nur  schwer  zu  übersehenden,  ausserordentlich 
zahlreichen  und  sich  zum  Teil  widersprechenden  Literatur  eine  ge- 1 
wisse  Unsicherheit  entstanden,  so  dass  sich  der  Praktiker  kaum  zu-  * 
rechtfinden  und  aus  der  Fülle  des  ihm  Empfohlenen  das  Richtige  aus¬ 
wählen  kann. 

Wir  wollen  deshalb  auf  Grund  eigener  reicher  Erfahrung  und  Be-« 
obachtung  neben  der  so  wichtigen  Reizkörpertherapie  auch  andcic  1 
neuerdings  bei  chronischen  Gelenkerkrankungen  und  Neuralgien  emp-  5) 
fohlenc  Behandlungsmethoden  und  Mittel  auf  ihre  Brauchbarkeit  hin 
einer  kritischen  Sicht  unterziehen.  Ueber  die  ältere  medikamentöse,  fl 
physikalische  und  Balneotherapie  dieser  Zustände  orientiert  eine  gute 
Zusammenstellung  von  Krebs1).  Im  allgemeinen  können  wir  diel 
verschiedenen  Arten  der  chronischen  Gelenkerkrankungen  und  Neur-aj 
algien  zusammen  betrachten;  wo  eine  Unterscheidung  wegen  der  J 
Behandlung  notwendig  ist,  geschieht  dies  bei  den  betreffenden  Mitteln.  J 
Die  noch  vielfach  umstrittenen  theoretischen  Grundlagen  über  die 
Wirkungsweise  dieser  Mittel  wollen  wir  nur  kurz  erwähnen  und  uns  fl 
mehr  mit  den  praktischen  Ergebnissen  und  Erfolgen  befassen. 

Bei  der  Reiz-  oder  Proteinkörpertherapit  bestellt  die  j 
Hauptschwierigkeit  in  der  richtigen  Dosierung,  bei  der  grösste  Vorsicht  ge-  1 
boten  ist.  Jedes  Schematisieren  ist  dabei  vom  Uebel:  Kleinere  Dosen  sind  j 
grösseren  auf  jeden  Fall  vorzuziehen,  um  so  mehr,  als  die  zu  kleinen  Dosen  , 
höchstens  unwirksam  bleiben,  die  zu  grossen  aber  auf  lange  Zeit  hinaus  den  j 
Kranken  schädigen  können.  Stärkere  Reaktionen  sind  deswegen  zu  vermeiden,  j 
Die  Anfangsdosis  ist  im  allgemeinen  um  so  kleiner  zu  wählen,  1 
je  älter  und  je  ausgedehnter  das  Leiden  ist.  Durch  vor-  9 
sichtiges  Tasten  und  einige  Uebung  wird  man  bald  die  optimale  Dosis,  d.  h. 
die  Dosis,  bei  der  eben  noch  eine  Reaktion  des  erkrankten  Körpers  auftritt,  •• 
für  den  einzelnen  Fall  herausfinden.  Eine  genaue  Beobachtung  des  Kranken  ' 
vor  und  während  der  Behandlung  ist  daher  dringend  erforderlich.  Ist  eine.! 
wenn  auch  nur  geringe,  dem  Kranken  eben  bemerkbare  Reaktion  eingetrcten.S 
die  sich  entweder  in  einer  schmerzhaften  Rötung  und  Infiltration  an  der  4- 
Injektionsstelle  (=  Lokalreaktion),  in  einer  allgemeinen  Abgespanntheit  und 
Müdigkeit  unter  Kopfschmerzen  und  leichtem  Frösteln  (—  Allgemeinreaktion), 
oder  in  einer  stärkeren  Schmerzhaftigkeit  der  erkrankten  Körperteile,  z.  B.  I 
Gelenke  (=  Herdreaktion),  äussert,  so  muss  man  bei  der  weiteren  Behandlung 
besonders  vorsichtig  sein.  Am  besten  geht  man  dann  bei  der  nächsten  In¬ 
jektion  mit  der  Dosis  herunter,  .oder  verwendet,  wenn  die  Reaktion  gar  zu 
gering  war,  das  Mittel  in  derselben  Stärke.  Es  besteht  vielfach  noch  immer 
die  irrige  Anschauung,  als  komme  alles  darauf  an,  Fieber  zu  erzeugen,  ja.  als 
sei  das  event.  auftretende  Fieber  das  eigentlich  Wirksame  dieser  Behandlung.. 
Das  ist  jedoch  keineswegs  der  Fall,  das  Fieber  ist  nur  eines  der  vielen  Sym¬ 
ptome,  das  allerdings  am  deutlichsten  in  Erscheinung  tritt. 

Auf  Grund  vielfacher  Beobachtung  hat  sich  gezeigt,  dass  die  Herdreak¬ 
tionen  therapeutisch  am  wirksamsten  sind,  dass  dagegen  zu  starke  lokale 

*)  Zschr.  f.  physik.  Therapie  1918. 


20.  Juli  192.L 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


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und  allgemeine  Reaktionen  unter  Umständen  den  Besserungsprozess  beein¬ 
trächtigen.  Infolgedessen  kommt,  um  den  besten  Erfolg  zu  erzielen,  alles 
darauf  an.  die  L.  und  AR.  bei  deutlicher,  aber  nicht  zu  starker  HR.  abzu- 
schwächen,  ja  ganz  zu  vermeiden.  Ein  Mittel,  das  diese  Bedingungen  erfüllt, 
wird  also  vor  anderen  den  Vorzug  verdienen. 

Leichte,  aber  trotzdem  wirksame  Herdreaktionen  werden  in  praxi  viel¬ 
fach  übersehen,  die  Reizschwelle  wird  unbemerkt  überschritten,  das  Mittel 
bleibt  unwirksam,  ,,der  Kranke  reagiert  nicht“,  wie  man  häufig  hört.  Keines¬ 
wegs  muss  immer  gleich  die  Ueberdosierung  sich  sofort  äusserlich  bemerkbar 
durch  deutliche  und  plötzliche  Verschlimmerung  dokumentieren.  Viel  unan¬ 
genehmer  sind  die  nicht  seltenen  Fälle,  in  denen  durch  allmähliche  schema¬ 
tische  Steigerung  der  Dosierung  die  Verschlimmerung  allmählich  oder  erst 
nach  Wochen  eintritt,  so  dass  dann  die  Kranken  für  jede  weitere  Behandlung 
längere  Zeit  unempfänglich  bleiben,  ln  solchen  Fällen  setzt  man  am  besten 
iiir  einige  Zeit  jede  Therapie  aus,  um  dem  erschöpften  Körper  die  unbedingt 
nötige  Ruhe  zu  geben. 

Die  Intervalle  zwischen  den  einzelnen  Injektionen  wählt  man  entsprechend 
dem  sorgfältig  beobachteten  Reaktionsablauf.  Die  Reaktionen  sind  zwei- 
phasiger  Natur,  der  anfänglichen  Zunahme  der  Schmerzen  und  Entziindungs- 
vorgünge  folgt  eine  Abnahme  derselben.  Man  wird  daher  im  allgemeinen 
t  -5  Tage  bis  zu  einer  neuen  Injektion  abwarten.  Am  besten  und  einfachsten 
ist  die  intramuskuläre  (intraglutäale)  oder  die  subkutane  Applikation,  während 
die  oft  schmerzhafte  intrakutane  uns  keine  besonderen  Vorteile  zeigte,  und  die 
intravenöse  auf  die  Dauer  nicht  ungefährlich  erscheint.  Am  zweckmässigsten 
injiziert  man  intramuskulär  in  die  Nähe  der  erkrankten  Gelenke  oder  bei 
Neuralgien  intraglutäal.  In  den  wenigsten  Fällen  wird  der  Praktiker  Zeit 
und  Gelegenheit  finden,  die  Veränderungen  des  Blutbildes  und  der  Zahl  der 
Blutkörperchen  u.  a.  am  Krankenbett  zu  studieren.  Ob  sich  überhaupt  aus 
der  morphologischen  Veränderung  des  weissen  Blutbildes  nach  einer  Injektion 
bestimmte  Richtlinien  für  die  Art  und  Stärke  der  weiteren  Dosierung  herleiten 
lassen,  ist  auch  heute  noch  umstritten.  Dagegen  sollten  Temperatur  und, 
wenn  möglich,  auch  der  Puls  am  Injektionstage  etwa  stündlich  von  der  Um¬ 
gebung  des  Kranken  aufgeschrieben  werden.  Eine  fortlaufende  Kontrolle  des 
Urins  ist  nicht  notwendig,  dagegen  muss  er  vor  der  Injektionsserie  genau 
I  untersucht  werden. 

Weitere  Beobachtungen  haben  gezeigt,  dass  die  besondere  Indikation 
iiir  den  gerade  vorliegenden  Einzelfall  nicht  nur  die  Art  und  Schwere  der 
Erkrankung  abgibt,  sondern  vielmehr  der  Kranke  selbst  mit  seiner  ganzen 
Konstitution  und  seiner  Reaktionsfähigkeit  auf  das  angewandte  Mittel.  Alter, 
[Geschlecht  und  Allgemeinzustand  sind  daher  besonders  zu  beachten.  Leute  mit 
Nierenerkrankungen,  schweren  Herzfehlern  und  stärkeren  Blutdruckstcige- 
|  langen  sind  von  dieser  Behandlung  auszuschliessen.  Kommt  man  mit  dem 
einen  Mittel  nicht  zum  Ziel,  so  geht  mau  nach  einiger  Zeit  zu  einem  anderen 
über .  Wir  sind  eben  bei  der  erfolgreichen  Behandlung  aller  dieser  Krankheits- 
! zustande  mehr  oder  weniger  auf  das  Probieren  angewiesen.  Man  wird  des¬ 
halb  auch  die  physikalischen  Heilmittel,  allerdings  nicht  in  zu  starkem  Maasse, 
[mit  heranziehen  und  in  ausreichender  Abwechslung  zur  Anwendung  bringen. 
Immer  hüte  man  sich,  zu  viel  auf  einmal  nebeneinander  zu  geben.  Viel  Zeit 
und  Geduld  erfordern  diese  chronischen  Leiden  sowieso.  Meist  wird  ja 
überhaupt  zuerst  ein  Versuch  mit  der  medikamentösen  und  physikalischen 
Therapie  gemacht,  und  erst,  wenn  diese  nicht  zum  Ziele  führen,  werden  weitere 
Mittel  herangezogen.  Wer  praktisch  Reiz-  oder  Proteinkörpertherapie  mit 
Eriolg  betreiben  will,  muss  diese  allgemeinen  Grundsätze,  die  sich  erst  durch 
lange  Erfahrung  und  Beobachtung  vieler  unabhängig  von  einander  arbeitender 
Untersucher  herausgebildet  haben,  gewissenhaft  beachten,  um  vor  unange¬ 
nehmen  Zwischenfällen  bewahrt  zu  bleiben. 

An  erster  Stelle  ist  die  Milch  zu  nennen,  die  im  Sinne 
der  Rrotoplasrnaaktivierung  und  allgemeinen  Leistungssteigerung 
Weichardts  schon  früh  bei  chronischen  Gelenkerkrankungen  der 
verschiedensten  Aetiologie  verwandt  wurde. 

Morgens  werden  2  bis  5  ccm  im  Wasserbad  gekochter  Kuhmilch  intra¬ 
glutäal  oder  intramuskulär  in  die  Nähe  der  erkrankten  Gelenke  injiziert.  Die 
nach  etwa  2  bis  4  Stunden  auftretenden  Reaktionen  sind  gewöhnlich  recht 
stark,  besonders  die  schmerzhaften  Infiltrationen  an  der  Einstichstelle  können 
den  Kranken  sehr  unangenehm  werden,  so  dass  man  nicht  über  5  ccm  hinaus¬ 
sehen  sollte.  Die  Temperatur  steigt  meist  bis  etwa  38  °,  gelegentlich  auch 
höher. 

Nach  der  parenteralen  Verabreichung  von  Milch  tritt  eine  allge¬ 
meine  Umstimmung  des  Organismus  ein,  als  deren  Folge  Entzündungen 
gehemmt  oder  zurückgehalten  werden  können.  Die  Salizyltherapie 
kann  durch  parenterale  Milchzufuhr  wirksam  unterstützt  werden.  So 
wurden  von  den  verschiedensten  Seiten  Besserungen  selbst  alter  und 
hartnäckiger  Fälle  von  primär  und  sekundär  chronischen  Arthritiden^ 
von  Arthritis  deformans,  besonders  aber  von  Arthritis  gonorrhoica 
beobachtet.  Für  den  Praktiker  hat  die  Milch  ausserdem  den  grossen 
Vorteil,  dass  sie  überall  leicht  zu  haben  ist  und  sich  leicht  sterilisieren 
lässt.  Dagegenüberwiegen  im  ganzen  die  Nach  teile: 
Die  Milch  ist  eine  kompliziert  zusammengesetzte  Substanz,  deren  Be¬ 
standteile  noch  dazu  untereinander  ziemlichen  Schwankungen  unter¬ 
worfen  sind.  Dadurch  tritt  naturgemäss  eine  Unsicherheit  in  der 
Dosierung  ein.  Ferner  sind  nach  Milchinjektionen  erhebliche  Stö¬ 
rungen  des  Befindens:  langdauernde  Körperschwäche  und  Abgc- 
schlagenhcit,  Appetit-  und  Schlaflosigkeit,  ferner  gelegentlich  Abszess¬ 
bildungen  beobachtet  worden.  Menschen  mit  Basedow  und  labilem 
Nervensystem  scheinen  bei  wiederholter  parenteraler  Eiweisskörpcr- 
*ufuhr  zum  Auftreten  anaphylaktischer  Erscheinungen  disponiert  zu 
'ein.  Im  grossen  und  ganzen  sind  zwar  anaphylaktische  Erschei¬ 
nungen  nach  Milchiniektionen  selten,  immerhin  sind  doch  mehrere 
Jerartige  Fälle  in  der  Literatur  beschrieben  worden.  Man  kann  sie 
vermeiden,  wenn  man  einmal  nicht  zu  hohe  Dosen  (besonders  An¬ 
tangsdosen)  wählt,  und  dann  innerhalb  der  negativen  Phase,  die  ge¬ 
wöhnlich  7  Tage  dauert,  reinjiziert.  Auf  Grund  von  Tierversuchen 
fanden  W  e  i  c  h  a  r  d  t  und  Schittenhelm,  dass  parenterale  Ei¬ 
weisszufuhr  durch  überreiche  Erzeugung  von  Proteosen  starken  Zer¬ 
fall  von  Gewebselementen  hervorruft  und  bei  zu  hoher  Dosis  pro¬ 
teinogene  Kachexie  bewirkt. 

Um  diesen  Nachteilen  der  Milchtherapie  einiger massen  aus  dem 


\Vege  zu  gehen,  kann  man  das  Caseosan  verwenden,  eine  in 
immer  gleicnmässiger  Form  befindliche  und  damit  gut  dosierbare 
5proz.  Lösung  von  Kasein,  in  dem  Lindig  nach  experimentellen 
Untersuchungen  den  in  erster  Linie  wirksamen  Faktor  der  Milch 
herausgefunden  zu  haben  glaubt. 

Das  Caseosan  wird  in  der  Regel  intramuskulär  in  der  Stärke  von  0,2  bis 
c  ccm  injiziert.  Bei  der  Arthritis  gonorrhoica  wählt  man  Injektionen  von 

2  bis  5  ccm,  bei  Neuralgien  und  Neuritiden  kleinere  Dosen  von  0,5  bis  1  ccm, 
auch  bei  der  Arthritis  urica  geht  man  zweckmässig  nicht  über  1  ccm  hinaus. 

ln  dieser  Form  und  Dosierung  hat  sieji  den  meisten  Autoren  und 
auch  uns  das  Caseosan  bei  manchen  Fällen  chron.  Arthritiden,  weniger 
bei  Neuralgien  bewährt.  Im  Anschluss  an  die  Caseosaninjektionen 
treten  ebenso  wie  nach  der  Milch  und  anderen  Reizkörpern  eine  deut- 
hche  Euphorie  und. mitunter  ein  gesteigertes  Schlafbedürfnis  bei  den 
Kranken  auf;  dabei  fehlen  die  lokalen  Reaktionen  fast  vollkommen. 
Aber  auch  hier  bleiben  unangenehme  Nebenwirkungen,  wie  starker 
und  lang  anhaltender  Schüttelfrost  und  Quälendes  Erbrechen  besonders 
nach  intravenöser  Applikation  (0,2 — 0,5  ccm),  vor  welcher  deswegen 
zu  warnen  ist,  nicht  immer  aus. 

Vom  Aolan,  einem  keim-  und  toxinfreien  Milcheiweisskörper,  bei  dem 
es  sich  nach  E.  Fr.  Müller  um  die  Reizwirkung  eines  Eiweisskörpers  auf 

Knochenmark  und  damit  auf  die  Abwehrkräfte  des  Organismus  handeln 
soll,  haben  wir  bei  Arthritis  gonorrhoica  mit  3  bis  10  ccm,  intraglutäal  injiziert, 
ebensowenig  Erfolge  gesehen,  wie  mit  A  1  b  u  s  o  1,  einem  Eiweisskörper,  der 
keine  örtliche  Reaktion  und  keine  Anaphylaxie  verursachen  soll,  bei  chro¬ 
nischen  Gelenkerkrankungen  verschiedener  Aetiologie  in  der  Dosis  von  0,5  bis 

3  ccm.  Dagegen  hat  S  i  g  I  2  Fälle  von  anaphylaktischem  Schock  nach  intra¬ 
venöser  Albusolzufuhr  beschrieben,  von  denen  der  eine  zum  Exitus  kam. 

Zimmer  u.  a.  hatten’  besonders  mit  dem  Y  atren-Kasein 
gute  Erfolge  bei  der  Behandlung  chronischer  Gelenkerkrankungcn 
und  Neuralgien  im  Sinne  der  Reiztheorie  Biers. 

Das  Yatren,  eine  ungiftige,  in  Wasser  lösliche  Jodverbindung  des  Benzol¬ 
pyridins,  wirkt  stark  bakterizid  und  ist  dabei  an  sich  für  den  Körper  ungiftig. 
Es  wird  intramuskulär  und  auch  intravenös  gut  vertagen  und  übt  auf  die 
erkrankten  Gelenke  eine  deutliche  Herdreaktion  aus,  während  selbst  bei 
giösseren  Dosen  L.  und  AR.  gering  sind.  In  seiner  Verbindung  mit  dem 
Kasein  kommt  es  als  starke  (5  Proz.  Kasein  und  2lA  Proz.  Yatren)  und 
schwache  (2‘A  Proz.  Kasein  und  2lA  Proz.  Yatren)  Lösung  zur  Anwendung. 

Auch  wir  bevorzugen  heute  die  Vatren-Kasein-Behandlung  der 
chronischen  Gelenkerkrankungen,  weil  gerade  dieses  den  Bedingungen, 
die  wir  auf  Grund  unserer  theoretischen  Ueberlegungen  an  ein  solches 
Mittel  stellen,  am  meisten  entspricht.  Ausserdem  ist  es  auch  bei 
längerer  Anwendung  ungefährlicher,  da  es  viel  weniger  und  seltener 
zu  unangenehmen  Nebenwirkungen  führt,  als  die  Eiweisspräparate. 
Aus  diesen  Gründen  ist  es  auch  ganz  besonders  für  den  praktischen 
Arzt  zur  Anwendung  geeignet.  Unsere  eigenen  Erfahrungen  und  teil¬ 
weisen  Erfolge  damit  hat  Kindt2)  beschrieben.  Zwar  berichten 
Zieler  und  Birnbaum  über  2  mit  stärkeren  Dosen  einer  5  proz. 
Yatrenlösung  (20— 25  ccm  intravenös)  behandelte  Fälle  aus  ihrer 
dermatologischen  Praxis,  bei  denen  im  Anschluss  an  diese  Injektionen 
eine  akute  gelbe  Leberatrophie  auftrat,  die  zum  Exitus  führte.  Und 
auch  Michael  sah  bei  seinen  gynäkologischen  Fällen  nach  intra¬ 
venöser  Yatrenanwendung  sehr  unangenehme  und  z.  T.  bedrohliche 
Nebenwirkungen.  Jedoch  dürften  diese  darauf  zurückzuführen  sein, 
dass  die  Lösungen  vor  ihrer  Anwendung  sterilisiert  wurden  und  da¬ 
durch  Spaltprodukte  entstanden,  die  die  schädigenden  Wirkungen 
hervorriefen.  Wenn  man  das  in  Ampullen  fertige  Yatren-Kasein  in 
der  unten  angegebenen  Dosierung  verwendet,  braucht  man  keinerlei 
Zwischenfälle  zu  befürchten. 

Bei  primär  und  sekundär  chronischen  Arthritiden  geben  wir  von  YK. 
schwach  0,2  bis  3,0  ccm  intramuskulär,  selten  0,2— 1,0  ccm  intravenös0); 
ebenso  bei  den  verschiedenen  Formen  der  Arthritis  deformans.  Bei  der 
Arthritis  urica  gehen  wir  meist  über  1,0  ccm  YK.  schwach  intramuskulär  nicht 
hinaus.  Bei  der  Arthritis  gonorrhoica  verwenden  wir  als  Anfangsdosis  2  bis 
3  cm  YK.  stark,  um  beim  ersten  Mal  eine  kräftige  Reaktion  zu  erzielen,  gehen 
dann  zum  YK.  schwach  über,  das  wir  in  Stärken  von  0,5 — 1,0  ccm  injizieren. 
Diese  Injektionen  werden  alle  3 — 4  Tage  nach  den  bekannten  Grundsätzen 
wiederholt.  Auch  in  einigen  Fällen  von  hartnäckigen  Neuralgien  im  Plexus 
brachialis  und  im  Gebiet  des  N.  ischiadicus  hat  sich  uns  das  YK.  schwach 
in  Gaben  von  0,2  bis  1,0  ccm  intramuskulär  bewährt.  Freilich  blieben  da¬ 
nach  auch  wieder  andere  Fälle  völlig  unbeeinflusst.  Bei  reinen  Neuritiden 
muss  man  noch  geringere  Dosen,  etwa  0,2  bis  0,5  ccm  intramuskulär  ver¬ 
wenden,  da  diese  auf  Reize  ausserordentlich  empfindlich  sind.  Die  innere 
Verabfolgung  von  Yatren  hat  sich  uns  nicht  besonders  bewährt. 

Da  die  Injektionen  hy  per-  und  hypotonischer  Salz¬ 
lösungen,  von  Thermal-  und  Meeres  wasscr  vielfach  ähnliche 
Erscheinungen  hervorrufen,  wie  die  Milchinjektionen,  so  sind  auch  sie  schon 
früh  von  den  Aerzten  für  die  Therapie  nutzbar  gemacht,  später  aber  wieder 
aufgegeben  worden.  Sogar  subkutane  Injektionen  von  Aqua  destillata 
stehen  nach  Zimmer  nicht  an  Wirkung  hinter  der  parenteralen  Einverleibung 
anderer  Stoffe  zurück.  Vom  Aachener  Thermalwasser  sehen  wir 
ähnliche  Wirkungen.  Es  bilden  sich  Abbauprodukte,  die  als  Herdreaktionen 
wirken.  Für  die  Praxis  sind  diese  Methoden  nicht  zu  empfehlen. 

Auch  von  intravenösen  Injektionen  von  defibriniertem  Eigen- 
b  1  u  t,  bei  denen  von  vorneherein  mit  mehr  oder  weniger  starken  anaphylak¬ 
tischen  Erscheinungen  zu  rechnen  ist,  müssen  wir  bei  der  Behandlung  chro¬ 
nischer  Gelenkerkrankungen  abraten. 

Manche  Autoren  berichten  über  günstige  Erfolge  bei  chronischen 
Arthritiden  mit  Sanarthrit. 

Experimentell-therapeutische  Befunde  nach  Knorpelpräparatinjektionen 
führten  H  e  i  1  n  e  r  zu  der  Hypothese  der  gemeinsamen  Aetiologie  aller  Arthri- 

2)  D.m.W.  1923  Nr.  7. 

3)  Vom  YK.  stark  0,2 — 1,0  intramuskulär.  .  ,  i 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


tiden.  Diese  Gemeinsamkeit  soll  im  Versagen  des  von  ihm  so  benannten 
Dhvsiologischen  lokalen  Gewebsschutzes  bestehen,  durch  welche  bestimmte 
Aiiinitäten  (z.  B.  Harnsäure)  vom  Eindringen  in  die  das  Gelenk  bildenden 
(je webe  abgehalten  werden.  Durch  die  intravenöse  Applikation  des  Knorpel¬ 
extraktpräparates  Sanarthrit  soll  die  stetige  Erneuerung  des  darniederhegenden 
lokalen  Gewebsschutzes  auf  fermentativem  Wege  bewirkt  werden.  Heilner 
glaubt  damit  die  erste  kausale  Therapie  der  chronischen  Arthntiden  gefunden 
zu  haben  Wir  sind  jedoch  mit  vielen  anderen  Autoren  der  Ansicht,  dass  es 
sich  dabei  keineswegs  um  eine  spezifische  Wirkung  handelt,  sondern  dass  das 
Sanarthrit  den  unspezifischen  Reizkörpern  zuzurechnen  sein  durtte. 

Das  Sanarthrit  wird  in  zwei  verschiedenen  Stärken  intravenös  injiziert. 
Man  beginnt  mit  0,5  ccm  der  Stärke  I  und  steigt  bis  1  oder  2  ccm  der  Starke  II, 

ESs  man  Tn,  Verlauf  einer  S.-Kur,  zu  der  etwa  6-8  Iniekfonen  gehören. 

2  starke  Reaktionen  nach  der  Vorschrift  HeiLners  ausgelost  hat.  Die  Re- 
aktionserseheinungen  sind  dabei  analog  denen  nach  parenteraler  Protein-  oder 
Reizkörperzufuhr.  _ 

Von  einem  grösseren  und  nachhaltigen  Erfolg  bei  aller  Art  chro¬ 
nischer  Arthritiden,  besonders  auch  bei  Harnsäuregicht,  durch  das 
Sanarthrit  haben  wir  uns  wie  viele  andere  nicht  uberzeugen  können  ). 

Es  treten  wohl  in  einer  Reihe  von  Fällen,  wie  auch  sonst  nach  Reiz¬ 
körpern  in  unmittelbarem  Anschluss  an  die  Injektionen  v  orubc  r - 
gehende  Besserungen  auf,  aber  m  e  i  st  hielten  diese  nicht 
lange  stand,  sondern  verschwanden  nach  einigen  la  gen 
bis  Monaten  wieder,  auch  wenn  eine  2.  Kur  angeschlossen  wurde. 
Diese  Erfahrungen  haben  wir  nicht  nur  an  unseren  eigenen  zahlreichen 
mit  Sanarthrit  behandelten  Kranken  gemacht,  sondern  auch  i 
solchen,  die  anderweitig  mit  Sanarthrit  gespritzt  waren  und  dann i  m 
unsere  Behandlung  kamen,  stellten  wir  auf  Grund  einer  Rund  rage 
fest,  dass  eine  anfängliche  Besserung  meist  dem  alten  Zustand  ge¬ 
wichen  war.  * 

Von  einer  Kombination  von  Milch  und  Sanarthrit  in  Fällen  von  Arthri¬ 
tiden,  die  gegen  Milch  und  Sanarthrit  einzeln  sich  re  raktar  verhalten, 
sahen  wir  auch  keinen  Dauererfolg.  Nach  dem  von  uns  allerdings  nicht  ge¬ 
teilten  Grundsatz:  „Je  stärker  die  Reaktion,  um  so  besser  und  nac^aJ.'^ 
die  Wirkung“,  soll  3  Stunden  nach  intraglutaaler  Injektion  von  10  ccm  Milch 
noch  1  ccm  Sanarthrit  intravenös  einverleibt  werden.  Man  mag  in  e>nze'ne." 
Fällen  einmal  damit  einen  Erfolg  haben,  auf  die  Dauer  schadet  man  damit 

nur6).  ,  VT  .... 

Bei  allen  hartnäckigen  Fällen  von  Neuralgien  und  Neuritiden 
können  wir  das  von  D  ö  1 1  k  e  n  angegebene  Vaccineurin  heute 
nicht  mehr  entbehren. 

„Das  Vaccineurin  ist  eine  Mischung  von  an  sich  schwach  wirkenden 
Autolysaten  des  Bacillus  prodigiosus  und  Staphylokokkus.  Der  mit  dem 
selben  erzielte  Heileffekt  soll  auf  einer  paraspezifischen  Wirkung  beruhen, 
die  als  Begleiterscheinung  und  Folge  des  Zustandekommens  einer  spezifischen 
Vaccineurlnimmunität  anzusprechen  ist.“ 

Es  wird  in  drei  Serien  mit  steigender  Dosis  intraglutaal  alle 

3 _ 5  Tage  injiziert.  Wenn  wir  auch  nicht,  wie  manche  Autoren,  in 

85  Proz  der  Fälle  Besserung  oder  Heilung  sahen,  so  empfiehlt  es 
sich  doch  auf  Grund  unserer  Erfahrungen  bei  jeder  hartnäckigen 
Neuralgie  und  Neuritis  anzuwenden.  Misserfolge  bleiben  auch  hier 
nicht  aus.  Von  einer  Kombination  von  Vaccineunn  und  Gaseosan 

sahen  wir  keinen  besonderen  Erfolg.  _ 

Bei  der  Arthritis  gonorrhoica  soll  das  A  r  t  h  l  g  o  n  aktive  Immuni¬ 
sierung  und  damit  beschleunigten  Rückgang  der  Entzündung  erzeugen. 
Es  wird  in  steigenden  Dosen  von  0,5 — 2,0  ccm  alle  2  Tage  mtra- 
glutäal  injiziert.  Bisher  erzielte  jedoch  beim  gonorrhoischen  Rheuma¬ 
tismus  die  spezifische  Vakzination  keinen  hervorragenden  Nutzen 

Die  kolloidalen  Silberpräparate  haben  auch  b-i 
chronischen  Arthritiden  mitunter  günstige  Wirkung  gezeigt. 

.Kolloidale  Silberpräparate  sind  Suspensionen  allerfeinster  ultramikro- 
skopischer  Teilchen  in  Wasser.  Die  f?ine  Vertedung  wird^durch  chem^chc 
oder  elektrische  Zerstäubung  erreicht.  Ein  Schutzkolloid  meist  Lumm 
zusatz  —  verhindert  die  Teilchen,  sich  wieder  zu  vereinigen  und  meder- 
zuschlagen.  bei  den  elektrisch  hergestelLten  Präparaten  genügt  die  abstossende 
Wirkung  ihrer  negativen  Ladung,  um  die  Teilchen  dauernd  in  der  Schwebe 
zu  halten  “  Die  Erklärung  ihrer  Wirkungsweise  ist  noch  umstritten.  Bottner 
nimmt  an,  dass  neben  dem  Silber  auch  das  Schutzkolloid  wirksam  sei. 
Andere  haben  dem  widersprochen. 

Ihre  Anwendung  ist  wegen  der  örtlichen  Reizung  meist  intravenös, 
wobei  dann  oft  starke  Reaktionen  mit  hohem  Fieber  auftreten.  Bei 
Vitien  und  Nephritiden  sind  sie  deshalb  kontraindiziert,  aber  auch  b^i 
Kindern,  Jugendlichen  und  schwächlichen  Frauen  sollte  man  sie  besser 
weglassen,  da  mehrfach  komplizierte  angio-neurotische  Erscheinungen 
beobachtet  wurden.  Neben  dem  Kollar  gol  (1—2  proz.),  dem 
Elektrokollargol  u.  a.  wird  besonders  das  J  odkollargoi 
in  2  prom.  Lösung  zur  intravenösen  Injektion  in  Stärke  von.  4—8  ccm 
empfohlen.  Die  Lösungen  müssen  immer  frisch  bereitet  werden. 
Wegen  der  häufigen  störenden  Nebenwirkungen  haben  wir  in  letzter 
Zeit  diese  Methode  ziemlich  aufgegeben,  besonders  da  kleinere,  un¬ 
schädliche  Gaben  meist  unwirksam  blieben. 

Die  Schwefelölemulsion  ist  von  Meyer-Bisch  m 
Deutschland  eingeführt  worden.  Trotz  der  sehr  genauen  experimen¬ 
tellen  Untersuchungen  dieses  Autors  sind  wir  nach  unseren  eigenen 
Erfahrungen  der  Ansicht,  dass  sich  der  Schwefel  in  der  heute  üb¬ 
lichen  Anwendungsform  (Sulf.  depurat.  0,01,  Ol.  olivar.  10,0;  davon 
3—5  ccm  intraglutäal)  wegen  der  unangenehmen  Nebenwirkungen  und 
des  dazu  in  keinem  Verhältnis  stehenden  Erfolges  für  die  Praxis  ment 
eignet  (s.  Wcskott:  M.m.W.  1922  Nr.  18). 


*)  Zschr.  f.  nhysikal.  Ther.  1922  Nr.  1. 

5)  Siche  Klieneberger:  Ther.  d.  Gegcnw. 
Weskott  im  Juniheft  derselben  Zeitschrift. 


1923  Februarheft  und 


Neben  dem  M  e  1  u  b  r  i  n  hat  sich  uns  in  neuerer  Zeit  das 
Novalgin,  ein  Methyl-Melubrin,  besonders  bei  fieberhaft  rheuma¬ 
tischen  Zuständen  als  promptes  Antipyretikum  und  Analgetikum  be¬ 
währt.  Störende  Nebenwirkungen  haben  wir  damit  auch  nicht  bei 
vorsichtiger  intravenöser  Anwendung  gesehen.  Wir  bevorzugen 
allerdings  jetzt  mehr  die  orale  Verabreichung  in  Tabletten  zu  0,1— 0,2 
täglich  3— 4  mal  besonders  zur  Entfieberung  und  zur  Linderung  von 
Schmerzen  auch  bei  Neuralgien. 

Von  intravenösen  A  1 1  r  i  t  i  n  injektionen  (17,5  proz.  Na-Salizylikum- 
lösung)  in  Dosen  von  1  bis  2  ccm.  sowie  von  A  p  y  r  o  n  (Magnesium  acetylo- 
salicylicum)  hatten  wir  bei  chronischen  Arthritiden  weder  in  a  ablettentorn» 
noch  mit  Injektionen  Erfolge. 

Dagegen  haben  sich  uns  die  Kombinationspräparate:  Veramon 
(2  Mol  Pyramidon  und  1  Mol.  Veronal)  in  Tabletten  zu  0,2,  das 
Coffeospirin  (Azetyl-Salizylsäure  und  Koffein)  und  das  G  o  f  f  e  o- 
s  p  i  r  i  n  comp.  (Coffeospirin  und  Morphium.)  2  I  abletten  p.  d.  zur 
Behebung  von  Schmerzzuständen  bei  Gelenkerkrankungen  und  die 
Gelonida  antineu  ralgica  (Kodein-Phenazetin-Azetylsalizyl- 
säure)  bei  Neuritiden  und  Neuralgien  besonders  bewährt. 

Das  Ly  tophan  (Phenylchinolin-Dicarbonsäure)  dürfte  dem  Nov- 
atophan  und  Atophan  in  der  Wirkung  ziemlich  gleichkommen.  Inwieweit  es 
auch  bei  chronischen  Arthritiden  nichtgichtischej;  Natur  brauchbar  ist,  darüber 
haben  wir  noch  keine  eigenen  Erfahrungen  sammeln  können. 

Die  in  letzter  Zeit  besonders  wieder  von  Gudzent,  Vater¬ 
nah  m  u  a.  empfohlene  Radium  emanations  therapie,  bei  der 
auch  hartnäckige  Fälle  von  Arthritiden  günstig  beeinflusst  werden 
können,  dürfte  wohl  mehr  den  Kliniken,  Krankenhäusern  und  Kur¬ 
orten  Vorbehalten  bleiben. 

Endlich  haben  wir  uns  zur  Erzeugung  und  Vermehrung  einer 
lokalen  Hyperämie  vielfach  der  Rosmarolsalbe  mit  Erfolg  be¬ 
dient,  bei  der  wir  gleichzeitig  durch  eine  kräftig  heisse  Föndusche 
am  Ort  der  Einreibung  diese  Wirkung  zu  verstärken  suchten. 

Damit  sind  zwar  keineswegs  alle  bei  diesen  Zu¬ 
ständen  empfohlenen  Mittel  erschöpft.  Gerade  die 
Masse  der  immer  wieder  neu  auf  den  Markt  geworfenen  und  bald  im 
Vergessenheit  geratenen  Präparate  ist  an  sich  der  beste  Beweis  lür 
ihre  geringe  Wirkung.  Immerhin  haben  wir  doch  im  Yatren- 
Kasein,  Vaccineurin,  Novalgin,  Veramon,  Gelonida 
antineuralgica  und  vielleicht  auch  im  Coffeospirin  eine 
Reihe  von  allgemeiner  anerkannten  und  bewährten  Mitteln  erhalten, 
die  sich  wohl  auch  auf  die  Dauer  behaupten  dürften  und  an  denen 
heute  der  praktische  Arzt  bei  der  Behandlung  chronischer  Gelenx- 
erkrankungen  und  Neuralgien  nicht  mehr  vorübergehen  kann.  Die 
ganze  Art  dieser  oft  schleichend  verlaufenden  Zustände  bringt  es  mit 
sich,  dass  wir  dabei  von  vorncherein  meist  weniger  vollkommene 
Heilung,  als  erfreuliche  Besserungen  und  Schmerzlinderung  erwarten 
dürften  Wer  aber  mit  der  nötigen  Kritik  und  Unvoreingenommenheit 
an  diese  Behandlung  herangeht,  sich  durch  Anfangs-  und  Augenblicks- 
erfolge  nicht  zu  unberechtigtem  Optimismus  verleiten  lässt,  der  wud 
sich  und  seine  Kranken  vor  Enttäuschungen  bewahren,  denn  auch 
jetzt  noch  müssen  wir  daran  festhalten,  dass  eine  grosse  Reihe  von 
chronischen  Arthritiden  auch  mit  diesen  neueren  Mitteln  auf  die  Dauei 
unbeeinflusst  bleibt. 


Bücheranzeigen  und  Referate. 

Karl  Petren:  Diabetes  Studier.  Gyldendalske  Boghandcl 

Nordisk  Forlag.  1923.  958  S.  ,  „  .  ,. 

Bei  der  Behandlung  des  Diabetes  galt  es  früher  als  Regel,  du 
Kohlehydrate  auszuschliessen  und  an  deren  Stelle  neben  erhebliche] 
Mengen  von  Fett  auch  sehr  reichlich  Eiweissstoffe  zu  verabreichen 
Külz  z.  B.  gab  seinen  Kranken  bis  zu  9  Eiern  am  I  age  und  3  ma 
reichliche  Fleisch-  und  Käsemahlzeiten.  Es  ist  ein  Verdienst  Nau 
nyns  und  seiner  Schule,  darauf  hingewiesen  zu  haben,  dass  di 
Verabreichung  grosser  Eiweissmengen  in  schwereren  Fallen  \o 
Zuckerharnruhr  von  Nachteil  ist,  weil  sie  zu  einer  erheb hchen  Mehr 
ausscheidung  von  Zucker  führt.  Im  Anschluss  an  die  Arbeite 
Weintrauds  wurden  Hunger-  oder  Gemüsetage  in  die  Diabetes 
therapie  eingeführt  und  die  Darreichung  von  Eiweiss  auf  ein  ge 
ringes  Maass  reduziert.  Zur  Bekämpfung  der  Azidosegefahr  und  del 
damit  verbundenen  Azidosis  empfahlen  C.  v.  Noorden  und  r  a  1 1  j 
die  Hafer-  und  Kohlehydratkuren,  bei  welchen  gleichfalls  nur  ein 
sehr  geringe  Eiweissmenge  gegeben  wurde.  Am  weitesten  gml 
Alle  n,  indem  er  längerdauernde  Unterernährung  vorschlug,  abd 
diese  führte  begreiflicherweise  zu  einer  Abnahme  des  Körpeigtl 
wichtes  und  damit  der  Kräfte.  —  P  et  r  6  n  beschäftigt  sich  bei  seine 
ausgedehnten  Studien  über  die  Therapie  des  Diabetes  in  der  naijpl 
sache  mit  den  sogenannten  schweren  Fällen,  und.  er  versteht  daij 
unter  diejenigen,  welche  mindestens  2,4  g  Zucker  im  Liter  Blut  enj 
halten.  Diese  neue  Definition  für  die  „schwere",  also  gefährlicrl 
Form  des  Diabetes  muss  entschieden  als  ein  Fortschritt  bezeichn'! 
werden  gegenüber  denjenigen  Definitionen,  welche  sich  nur  aut  d 
Zuckerausscheidung  durch  den  Harn  beziehen,  denn  die  letztere  gill 
keineswegs  ein  zuverlässiges  Bild  von  der  Hyperglykämie  url 
diese  ist  wichtiger  als  der  Grad  der  Glykosurie.  Es  gil( 
Fälle  von  altem,  anscheinend  ausgchciltem  Diabetes,  bei  welchem  u«I 
Harn  keinen  Zucker  oder  nur  Spuren  davon,  nachweisen  lässt,  obwol 
der  Glykosegehalt  des  Blutes  bedeutend  gesteigert  ist,  und  uies  gl 


Mt)NCHFNFR  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


>0.  Juli  1923. 

namentlich  auch  von  jetten  Frille",  welche  mit  Nephritis  kombiniert 
sind.  PetrOn  ging  IvG  Leinen  therapeutischen  Bestrebungen  von 
der  zweifellos  riehng'ep  Anschauung  aus,  dass  die  Nahrung  eine  gc- 
'itigVnde  Me1'  -.v  von  Kalorien  enthalten  müsse,  um  das  EnergiebcJiirf- 
Tis  .!«'-  Körpers  zu  decken  und  das  Körpergewicht  zu  erhalten,  Dies 
gv'.üng  ihm,  indem  er  vor  allem  Fett  in  grosser  Menge  därbqt,  meist 
200  250  g  pro  l  ag;  Kohlehydrate  wurden  hur  i\|  klciüdV  Menge  ver¬ 
abreicht,  und  zwar  ausschliesslich  in  FyrW  Sehet  Gemüse  und  Obst- 
arten,  welche  kohleln  dratnrih  ,simf.  niemals  in  derjenigen  von  Mehl 
oder  Kartoffeln.  I)as  FhfifoVgcwiclit  wurde  darauf  gelegt,  dass  die 
F  i  w  e  i  s  s  /  ,ii  f  n  b  j  a  u  t  ei  n  Mini  m  u  m  beschränkt  w  i  r  d. 
Und  zwar  aVii  Mickstoffwerte  von  3—8  g.  Betreu  weist  nach,  dass 
'durch  jlK’sc  grundsätzliche  Einschränkung  der  Fiweissnahrung  bei 
'ivVi  Fällen  von  schweren  Diabetes  zwei  Vorteile  erreicht  werden: 
erstens  wird  die  Zuckerausscheidung  bedeutend  herabgedrückt,  oft 
auf  Null  reduziert  und  dadurch  die  Toleranzgrenze  erhöht,  und 
zweitens  wird  dadurch  die  Gefahr  des  Koma  sehr  vermindert.  Fs  ist 
erstaunlich  zu  lesen,  dass  es  Petren  gelungen  ist,  seine  Fälle  von 
schwerster  Zuckerharnruhr  bei  dieser  Kost  monatelang  nicht  nur  am 
Leben,  sondern  bei  gutem  Wohlbefinden  zu  erhalten,  dass  aber  eine 
Rückkehr  zu  eiweissreicher  Kost  alsbald  die  Gefahr  des  Komas  und 
nicht  selten  den  Tod  zur  Folge  hatte.  Die  ‘schweren  Fälle  von  Dia¬ 
betes  zeigen  also,  wie  Petrin  überzeugend  nachweist,  gegen  eine 
grössere  Fiweisszufuhr  eine  bemerkenswerte  Ueberetnpfiildliclikeit, 
indem  eine  solche  nicht  nur  die  Zuckerausscheidung  steigert  Und  die 
Toleranzgrenze  ungünstig  beeinflusst,  sondern  vor  älleiti  auch  die 
Gefahr  der  Azidose  mit  sich  bringt.  Diese  Tatsachen  sind  uns  des¬ 
wegen  verständlich,  weil  wir  wissen,  dass  aus  manchen  Bausteinen 
des  Eiweissmoleküles  Zucker,  und  aus  anderen  Oxybuttersäure  ge¬ 
lbildet  wird. 

Die  Folgerungen,  welche  Petr  4  II  aüs  einem  sehr  umfangreichen 
und  gründlich  durchgearbeiteten  BeobachtUngsmäterial  zieht,  haben 
aber  nicht  nur  grosse  Bedeutung  für  die  Thefäpie  und  danlit  für  den 
Arzt,  sondern  sie  beanspruchen  auch  ein  hohes  wissenschaftliches 
Interesse.  Nachdem  C,  Voit  gezeigt  hatte,  dass  die  Kohlehydrate 
in  besonders  hohem  Maasse  die  Figettschaft  häbeif.  den  Ei'weUfüms.itz 
einzuschränkert,  und  nachdem  Petrin  s  Ländsmanii  L  a  n  d  c  r  g  r  e  tt 
hei  eiweissärmster,  aber  kohlehydratreichcr  Kost  den  Eiweissihüsdtz 
hiS  auf  die  niedrigen  Werte  von  2,5  bis  3,5  g  Stickstoff  reduzieren 
könnte,  hätte  man  aunehlnen  müssen,  dass  bei  schwerem  Diabetes 
Jer  Fiweissuttlsatz  besönders  hoch  sein  müsse,  .weil  ja  die  Sp,ar- 
| Wirkung  der  Kohlehydrate  wegfäll't.  P  e  t  r  6  n  wies  nach,  dass  dies 
.'in  Irrtutn  sei  und  dass  es  vielmehr  beim  Diabetiker  gelingt,  durch 
[reichliche  Fettkost  und  bei  einer  Kohlehydratdarreichung  von  40  g 
and  weniger  dasselbe  Stickstoffminimum  zu  erreichen  wie  bei  Ge¬ 
sunden  nach  kohlehydratreicher  Kost.  Lauter  war  auf  meiner 
Klinik  imstande,  diese  Resultate  Petrens  zu  bestätigen.  Ja  selbst 
tu  solchen  lagen,  wo  die  Diabetiker  hungerten  oder  nur  Fett  als 
Nahrung  erhielten,  sank  die  Stickstoffausscheidung  durch  den  Harn 
auf  so  niedrige  Werte,  wie  sie  bei  Gesunden  fast  nie  erreicht  werden. 
Dies  ist  um  so  bemerkenswerter,  weil  beim  gesunden  Menschen  in 
lungertagen  die  Stickstoffausscheidung  erheblich  höher  zu  sein  pflegt 
tls  an  solchen  mit  kohlehydratreichcr,  aber  eiweissärmster  Frnäii- 
ung.  Nach  Landergrens  Vorgang  hatte  icli  diese  Steigerung 
Jes  Fiweissumsatzes  im  Hunger  dadurch  zu  erklären  versucht,  dass 
in  Hunger  die  Sparwirkung  der  Kohlehydrate  in  Wegfall  kommt,  i  nd 
lass  zur  Frhaltung  eines  normalen  Blutzuckergehaltes  eine  erhöhte 
'uckerbildung  aus  Eiweiss  und  damit  eine  Steigerung  des  endogenen 
üweissumsatzes  eintritt.  Diese  Annahme  muss  also  auf  Grund  von 
Jetrens  Untersuchungen  einer  Revision  unterzogen  werden,  und 
;s  scheint,  dass  nicht  so  sehr  die  Zucker  verbrenn  u  n  g  mass- 
;ebend  sei  für  die  Höbe  des  Eiweissumsatzes,  sondern  vielmehr  der 
-ucker  g  e  h  a  1 1  des  Blutserums.  Sinkt  dieser  beim  Gesunden  im 
Junger,  so  steigt  der  Fiwefssumsatz,  ist  er  aber  erhöht,  wie  es  bei 
schweren  Fällen  von  Diabetes  die  Regel  ist,  so  fällt  die  Notwendig¬ 
keit  einer  Zuckerbildung  aus  Eiweiss  fort,  und  es  ist  somit  die  Höhe 
les  Blutzuckergehaltes  massgebend  für  die  Erhaltung  des  Eiweiss¬ 
unsatzes  auf  den  niedrigen  Werten  des  Stickstoffminimums.  — 
Wesentlich  anders  liegen  die  Verhältnisse  bei  der  Azidose  und  somit 
ler  Komagefahr.  Bekanntlich  treten  die  Azetonkörper,  d.  h.  vor  allem 
lie  Oxybuttersäure,  beim  Gesunden  und  noch  mehr  beim  Diabetiker 
lunn  auf,  wenn  eine  kohlehydratfreie  Nahrung  gegeben  wird,  und  sie 
assen  sich  nicht  nur  beim  gesunden  Menschen,  sondern  auch  oft  beim 
Habetiker  durch  Darreichung  von  Kohlehydraten  rasch  beseitigen, 
ind  dementsprechend  galt  es  als  Regel,  bei  drohender  Azidose  die 
trenge,  d.  h.  kohlehydratfreie  Kost  sofort  zu  verlassen  und  ohne 
Rücksicht  auf  die  Mcliturie  Kohlehydrate  darzureichen.  Diese  Lenre 
lat  aber  nur  in  beschränktem  Umfang  Gültigkeit.  Denn  sie  versagt 
ii  jenen  schwersten  Fällen  von  Diabetes,  wo  die  zugeführten  Kohle- 
l.vdrate  vollständig  wieder  als  Zucker  im  Harn  erscheinen.  Wenn 
[as  Verbrennungsvermögen  des  Körpers  für  Zucker  gänzlich  dar- 
üederliegt,  dann  kann  auch  durch  eine  reichliche  Kohlehydratzufuhr 
las  aiisbrechende  Koma  nicht  mehr  verhütet  oder  unterdrückt  wer¬ 
ten.  Hier  schützt  also  der  hohe  Zuckergehalt  des  Blutes,  der  bis  zu 
g  und  mehr  im  Liter  betragen  kann,  nicht  vor  dem  tödlichen  Koma, 
ind  cs  muss  der  Schluss  gezogen  werden,  dass  das  Auftreten  und  die 
gefahrdrohende  Anhäufung  der  Oxybuttersäure  im  Blute  nicht  ;,b- 
ängig  ist  von  der  Höhe  des  Blutzuckerspiegels  (und  damit  der 
vohlehydratzufuhr  jn  der  Nahrung),  sondern  vielmehr  davon,  ob  eine 


953 

genügende  Verbre  n  u  u  u  g  des  Blutzuckers  noch  zustande  kommt 
(„Die  Azetonkörper  verbrennen  am  Feuer  der  Kohlehydrate“.) 
Pet  r6n  hat  also  auch  hier  den  richtigen  Weg  gewählt,  indem  er  bei 
drohender  Azidose  die  Eiw^issmeiige  in  der  Nahrung.,  damit  den  EU 
weistsuiiisiitz  mul  into|geilessen.alicli  (lie  ,B  I  1  il  u  u  g  der  A/.elonkörpc 
ätls  ’Jcii  rhweissbausteinen  aut  ein  Minimum  reduzierte.  Ff  koiitlfc 
nachweisen,  dass  entgegen  der  landläufigen  Anschauung  die  reich¬ 
liche  Fettkost  n  i  e  h  t  zur  Erhöhung  der  Azetonwerte  Veranlas¬ 
sung  gibt. 

Das  Buch  von  Petren  bietet  eine  Fülle  neuer  Gedanken  und 
Anregungen,  vor  allem  aber  auch  wichtige  Winke  für  die  Behand¬ 
lung  des  schweren  Diabetes:  es  bedeutet  einen  wirklichen  Fort¬ 
schritt  in  der  Kenntnis  dieser  Krankheit.  Die  Tatsache,  dass  der  Alt¬ 
meister  der  Diabeteslehre,  Bernhard  Naunyn,  die  Vorrede  ge¬ 
schrieben  hat,  spricht  dafür,  welchen  Wert  wir  den  Studien  Petrens 
beizulegen  haben.  Jeder,  der  sich  ernstlich  mit  der  Lehre  vom 
Diabetes  beschäftigt,  müsste  dieses  Buch  lesen  und  seine  Tabellen 
durcharbeiten.  —  Um  so  mehr  ist  es  zu  bedauern,  dass  das  umfang¬ 
reiche  Werk  In  schwedischer  Sprache  publiziert  Ist,  welche  nur  für 
eine  sehr  geringe  Zahl  deutscher  Forscher  verständlich  sein  dürfte. 
Diejenigen  aber,  Welche  der  schwedischen  Sprache  nicht  mächtig 
sind,  Selen  darauf  hingewieseii,  dass  iii  der  Sammlung  zwäriglöseK 
Abhandlungen  aüs  dein  Gebiet  der  Verdäüiings-  Uiid  Stoffwechsel-' 
kränkheiteri  von  Albu  uhd.Strau.ss  sowie  in  deii  Acta  _  frieaicH 
Aküiiüiilaviea  Suppielnentuiii  3  ujid.iii  den  Verhandlungen  des  34.  Kon¬ 
gresses  der  Deutscher!  GekellÜcliait  für  innere  Medizin  von  Petren 
Auszüge  aüs  Seinein  Büch  in  deutscher  und  französischer  Sprache 
veröffentlicht  würden  sind*).  Friedrich  M  ü  1 1  e  r  -  München: 

A.  Bostroem:  Der  amyostatische  Symptoinenkomplex.  Kfi- 
hisciie  Untersuchungen  unter  Berücksichtigung  allgemein  patho¬ 
logischer  fraieil. .  Heft  33  der  Monographien  a.  d.  Gesamtgeb.  d. 
Neurol.  ü.  Psyeh.;  heräusg.,  voll  0.  Foer  s  t  e  r  und  K,  WJ 1 1  jn  a  n  n  s. 
Mit  12  AbbildutigeiL  herliii,  Julius  S  j3  r  i  n  g  e  f;  1922;  205  S.  Preis 
Gr.  2.  8  M. 

.  Di?  Büch  behandelt  auf  Grund  vieljähriger  eigener  Beobachtungen 
iüi,d  Untersuchungen  Bo  s  t  r  o  e  rn s:  an  den  Kliniken  von  M.  Nonne, 
Kleist,  Rosenfelh  und  Bumke  das  ganze  so  aktuelle  Gebiet, 
das  iii  die  drei  grossen .  Kapitel  der  Athetose,  der  Chorea  und  der 
Parkinsöri-Westp  ha  1-  St  r  ii  m  p  e  1 1  -  W i  1  S  o  n  schen:  Krank- 
heitsgrnppe  geteilt  wird.  ,B.  bringt  nur  eigene  Fälle  und  entgeht  damit 
der  Gefahr  der  Monographie,  allzu  breit  und  oft,  fremde  Beobachtungen 
referieren  zu  müssen.  Seiner  Forschungsrichtung  entsprechend  legt 
er  das  Hauptgewicht  auf  die  klinischen  und  symptomatologischen  Ge¬ 
biete  dieses  neurologischen  Neulands.  Er  versucht,  mit  möglichster 
Schärfe  die  Begriffe  und  den  Mechanismus  der  gesamten  Motilitäts¬ 
störungen  zu  analysieren.  Er  kommt  übrigens  zu  dem  Resultat,  dass 
weder  bei  der  idiopathischen  Athetose.  noch. bei  der  Chorea  flitih 
lokalisatorisch  sicher  begründete  Theorien  zurzeit  möglich  sind.  Gul 
und  fein  ist  die  Differenzierung  zwischen  der  Motilitätsstörung  der 
Chorea  rninor  und  der  Chorea  chronica,  deren  Unterschiede  er  durch 
die  der  letzteren  eigenen  striären  Beimengung  erklärt.  Häufigkeit  und 
Eigenart  der  hereditären  Huntington  sehen  Chorea  scheinen  dem 
Ref.  übrigens  etwas  unterschätzt.  Sehr  richtig  und  einer  breiteren 
Ausführung  bedürftig  erschien  mir  die  Heranziehung  des  wichtigen 
konstitutionellen  genetischen  Momentes  bei  der  Chorea  mifiör.  EtWää 
zu  kurz  kommt  die  Paralysis  agitans  selbst  weg.  Es  wäre  wohl  rieh» 
tiger  gewesen,  ihr,  die  sich  mindestens  so  prinzipiell  voii  der  West- 
phal-Wilson  -  Krankheit  unterscheidet,  wie  die  chronische  Choreä 
von  der  Athetosis  duplex,  ein  Sonderkapitel  zu  widmen.  Mit  Recht 
kommt  Bostroem  zu  dem  Resultat,  dass  die  früher  übliche  Tren¬ 
nung  der  Pseudosklerose  von  den  eigentlichen  Wilsonfällen  nicht  mehr 
möglich  sei,  da  zu  viele  Mischformen  beider  beobachtet  seien;  auch 
pathologisch-anatomisch  ist  eine  strenge  Trennung  nicht  mehr  statt¬ 
haft.  Nur  der  Kaiser-Fleischer  sehe  Hornhautpigmentringsoll 
nur  bei  Wilson  Vorkommen.  B.  fasst  beide  Formen  als  Folgeti 
einer  einheitlichen  n  r  i  m  ären  Lebererkrankung  auf,  eine  Auffassung, 
die  aber  noch  durch  vielfache  anatomische  und  klinische  Erfahrungen, 
'•ielleicht  auch  durch  das  Experiment  bewiesen  werden  müsste.  Der 
Parkinsonismus  nach  Enzephalitis,  ein  ungemein  wichtiges  Kapitel, 
konnte,  da  die  Arbeit  bereits  im  wesentlichen  im  Juli  1921  abge¬ 
schlossen  war.  natürlich  nicht  mehr  berücksichtigt  werden. 

Alles  in  allem  eine  sehr  klare,  ideenreiche,  aber  doch  gewissen 
hypothetischen  Ueberfeinheiten  (wie.  sie  gerade  dies  Kapitel  in  der 
Literatur  gezeitigt  hat)  aus  dem  Wege  gehende  Arbeit,  die  einen 
wichtigen  Abschnitt  in  der  Kenntnis  dieses  interessanten,  neuesten 
Kapitels  der  Neurologie  bedeutet.  H.  Curschmann  - Rostock. 

Die  klinische  Diagnose  der  Herzbeutelverwachsung  (Fibrechia 
cordis)  von  Prof.  Dr.  G.  L.  Sacconaghi.  Primararzt  des  Bürger- 
hospitals  in  Brescia.  1923.  Verlag  von  K.  Kabitzsch,  Leipzig. 
Grundpreis  3  M.  225  Seiten. 

„Beobachtung,  Wahrnehmung,  ohne  Idee  ist  vergebens“  —  dieses 
ausgezeichnete  und  jedem  Mediziner  als  Leitstern  bestimmte  Wort 
hat  den  ebenso  gelehrten,  als  gründlich  vorgehenden  Autor  in  seinem 
Bestreben  geführt,  hier  ein  Werk  zu  schaffen,  das  über  das  klinische 
und  pathologisch-anatomische  Geschehen  bei  der  Herzbeutelentzün- 
dung  den  breitesten  Aufschluss  geben  soll,  und  zwar  unter  Hinzu- 

*)  Das  Buch  befindet  sich  in  der  Bibliothek  des  Aerztlichcn  Vereins 
München.  Schrftl. 


954 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  29. 


fiigunK  vieler  eigener,  auf  klinischer  Beobachtung  und  auf  Autopsien 
beruhender  Erfahrungen.  Die  8  Kapitel  des  Werkes  erörtern  nach 
Darlegung  der  Schwierigkeiten,  aber  auch  des  Nutzens  der  Diagnose 
dieser  Erkrankung  und  einer  subtilen  Definition  der  „Fibrechie“  die 
klinischen  Momente  und  nach  einem  historischen  Rückblick  die  ein¬ 
zelnen  Zeichen  der  Affektion,  schliesslich  ihre  Gesamtheit  und  geben 
statistisch-ätiologische  Daten  über  die  Herzbeutelverwachsung,  um 
die  Diagnose  hieraus  zu  destillieren.  Wir  sind  nicht  der  Meinung  des 
Verfassers,  dass  ein  zusammenfassendes,  knappes  und  klares  Kapitel 
über  die  Diagnose  nach  kritischer  Prüfung  des  ganzen  Aufbaues  ihrer 
Elemente  überflüssig  erscheinen  würde.  Die  Verwertbarkeit  des 
Werkes  für  den  einfachen  Arzt  würde  dadurch  vielmehr  erleichtert 
und  gesteigert  worden  sein.  Denn  es  verlangt  viel  Zeit  und  Liebe 
zur  Sache,  sich  in  den  Stil  des  Werkes  einzulesen  und  das  Prak¬ 
tisch-Substantielle  herauszuholen.  S.  legt  grossen  Wert  darauf,  für 
das  ganze  Kapitel  der  Herzbeutelentzündung  eine  minutiös  aus¬ 
gearbeitete  Nomenklatur  zu  schaffen.  Schon  recht,  aber  zu  weit  ge¬ 
trieben,  verfehlt  die  Strenge  ihres  weisen  Zwecks.  Welcher  Leser  wird 
an  Wortbildungen  eine  Freude  oder  zunehmende  Klarheit  empfinden, 
wie:  Asynechiale  Antikardialperiechie,  synechio-asynchoresische 
Kardiokatechie,  oder  an  den  Zeichen  der  „synechio-prosechialen 
Kardiosubkatechie“  usf.?  Das  ganze  Werk  ist  belebt  von  solchen 
neuen  Wortungetümen,  von  denen  die  Sache  selbst  fast  erdrückt 
wird,  ohne  dass  ihrer  Darstellung  unseres  Erachtens  in  dem  von  Verf. 
gewünschten  Maasse  gedient  wäre.  Davon  abgesehen,  geht  die  Er¬ 
örterung  alles  mit  menschlichen  Sinnen  bei  der  Herzbeutelentzündung 
Wahrnehmbaren  in  einer  streng  kritischen  Weise  ins  einzelne,  wie 
über  die  Veränderungen  des  Spitzenstosses  und  anderer  pulsatori- 
scher  Erscheinungen  in  der  Herzregion  im  Anschluss  an  Herzbeutel¬ 
verwachsung,  die  auftretenden  Geräusche,  die  Pulsanomalien,  die 
Erscheinungen  allgemeiner  Zirkulationsstörungen  usf.  Wer  sich  also 
durcharbeitet,  wird  manchen  Gewinn  von  der  exakten  Arbeit  des 
italienischen  Kollegen  einheimsen.  Dass  in  den  Lehrbüchern  der 
Gegenstand  zum  Teil  nicht  eingehend  behandelt  ist,  z.  I .  vielleicht¬ 
auch  nicht  einmal  sachlich  einwandfrei,  darin  wird  man  dem  Verf. 
recht  geben  können.  G  r  a  s  s  m  a  n  n  -  München. 

Erich  Sonntag:  Grundriss  der  gesamten  Chirurgie.  Ein 

Taschenbuch  für  Studierende  und  Aerzte.  2.  Auflage.  Berlin,  Julius 
Springer,  1922. 

Der  Verfasser  bringt  das  seinem  Lehrer  Payr  gewidmete  vor¬ 
treffliche  Buch  heute  in  einer  stattlich  erweiterten  2.  Auflage.  Er 
hat  seine  Seitenzahl  von  810  auf  937  vermehrt  und  seinen  Inhalt  nicht 
nur  quantitativ  sondern  insbesondere  auch  qualitativ  einer  weiteren 
Vollendung  entgegengeführt.  Es  ist  eine  gründliche  Modernisierung 
erfolgt,  welche  nach  Aussage  des  Verf.  zum  Teil  auf  Anregung  be¬ 
freundeter  Chirurgen  zurückzuführen  ist,  und  welche  in  Umarbeitung 
vieler  Kapitel  und  im  Hinzufügen  sehr  zahlreicher,  besonders  wich¬ 
tiger  neuer  Abschnitte  besteht. 

Ebenso  wie  bei  der  ersten  Auflage  darf  man  auch  heute  wieder 
die  staunenswerte  Fülle  wissenschaftlichen  Materials  anerkennen, 
welche  auf  engstem  Raume  zusammengedrängt  ist.  Nur  grösstes  kri¬ 
tisches  Verständnis  für  jedes  der  beschriebenen  Krankheitsbilder  ist 
zur  Bewältigung  einer  solchen  Aufgabe  imstande,  besonders  da  denk¬ 
bar  grösste  Vollständigkeit  angestrebt  war.  Ich  glaube,  man  darf 
ohne  Einschränkung  sagen,  dass  ein  vollständigeres  Kompendium 
der  Chirurgie  nicht  denkbar  ist.  Es  wird  in  dieser  vortrefflichen 
Form  seine  Aufgabe  ausgezeichnet  erfüllen,  dem  bereits  Erfahrenen 
eine  rasche  Orientierung  über  jedes  einzelne  Kapitel  zu  bieten.  Als 
ein  Lehrbuch  für  Anfänger  kommt  es  natürlich  nur  in  Ergänzung  des 
klinischen  Vortrages  oder  in  Ergänzung  umfangreicherer  Lehrbücher 
in  Frage.  Ich  wünsche  dem  ausgezeichneten  Buche  abermals  die 
weiteste  Verbreitung.  Schmieden-  Frankfurt  a.  M. 

Dr.  Ccmach:  Chirurgische  Diagnostik.  3.  und  4.  Auflage. 
J.  F.  Lehmanns  Verlag,  München,  1923.  Preis:  Kart.  14  M.,  geb. 
17  M.  als  Grundpreis,  vervielfacht  mit  der  jeweils  geltenden  Buch- 
handl.-Teuerungszahl. 

Der  schöne  Erfolg  dieses  Buches  —  die  2.  Auflage,  1921  er¬ 
schienen,  war  schon  im  Sommer  1922  vergriffen  —  hat  dem  Ver¬ 
fasser  Gelegenheit  gegeben,  in  der  vorliegenden  neuen  Auflage 
weitere  Verbesserungen  anzubringen.  Lehrreiche  neue  Abbildungen, 
besonders  gute  Röntgenbilder,  sind  neu  eingefügt.  Das  Buch  ent¬ 
hält  jetzt  126  Tafeln  mit  542  schwarzen  und  farbigen  Abbildungen 
sowie  108  Tabellen.  Zur  raschen  Orientierung  in  der  Praxis  sowie 
als  Ergänzung  des  klinischen  Unterrichts  ist  das  Buch  sehr  geeignet. 
Man  erkennt  aus  dem  Ganzen,  dass  der  Verfasser  über  eine  gute 
chirurgische  Schulung  und  reichliche  eigene  Erfahrung  verfügt  und 
überall  das  anatomische  bzw.  pathologisch-anatomische  Verständnis 
der  Erscheinungen  als  Grundlage  nimmt.  H  e  1  f  e  r  i  c  h. 

A.  Heiduschka:  Oele  und  Fette  in  der  Ernährung.  Heft  3 
aus  der  Sammlung  „Die  Volksernährung“.  Julius  Springer,  Berlin 
1923.  34  Seiten.  Gz.  0.60  M. 

Ueber  Oele  und  Fette,  wie  sie  im  Haushalt  gebraucht  werden 
und  welche  Rolle  sie  in  der  Ernährung  spielen,  ist  man  in  der  Be¬ 
völkerung  meist  wenig  unterrichtet.  Man  kennt  wohl  einzelne  wich¬ 
tige  Vertreter  und  ihren  Gebrauch,  aber  nicht  wie  unbedingt  not¬ 
wendig  sie  zur  Erhaltung  des  Körpers  sind.  Eine  zusammenfassende 
Uebersicht,  wie  sie  uns  der  Verf.  in  der  vorliegenden  kleinen  Schrift 
gibt,  war  daher  sehr  gerechtfertigt.  Sie  gibt  dem  Leser  einen  Ueber- 


blick  über  alle  in  der  Küche  und  im  Hausgebrauch  verwendeten  Fette 
und  Oele,  erläutert  ihr  Vorkommen  im  Tierreich  und  Pflanzenreich, 
erklärt  ihre  Entstehung  und  Gewinnung  und  bespricht  ihre  physio¬ 
logische  Bedeutung.  Ein  besonderes  Kapitel  ist  der  Margarine  und 
dem  Kunstspeisefett  gewidmet  und  ebenso  der  Frage  über  die  ge¬ 
härteten  Oele.  Zum  Schluss  bespricht  der  Verf.  die  Fettsynthese 
und  die  möglichen  Aussichten,  auf  biologischem  Wege  zu  Fett  zu 
gelangen.  Einem  weitgehenden  Bedürfnis  zur  Orientierung  ist  damit 
Rechnung  getragen  und  so  wird  die  klare  und  sachlich  geschriebene 
Schrift  eine  wohlwollende  Aufnahme  finden. 

R.  0.  Neumann  -  Hamburg.  . 

Dr.  Otto  v.  F  r  a  ii  q  u  e  -  Bonn:  Folgen  der  Kriegs-  und  Nach¬ 
kriegszeit  iiir  Mutter  und  Kind.  Bonn  1923.  Verlag  von  Ludwig 

R  ö  h  r  s  c  h  e  i  d. 

Die  Rektoratsrede  berichtet  in  spannender  Schilderung  von  den 
schweren  Einwirkungen  des  Krieges  auf  Mutter  und  Kind  vom 
Standpunkte  des  Geburtshelfers  aus.  Zwar  ist  nirgends  eine  Schädi¬ 
gung  des  Keimes  oder  eine  Aenderung  der  Konstitution  zu  bemerken, 
weder  beim  Kind,  noch  bei  der  Frau,  wohl  aber  zeigt  sich  der 
Schaden  bei  den  Kindern  in  der  schlechteren  Entwicklung  während 
der  ersten  Lebenswochen,  hervorgerufen  durch  die  ungenügende 
Ernährung  der  Mutter  und  die  dadurch  herabgeminderte  Stillfähig¬ 
keit:  bei  den  Müttern  weiterhin  in  der  enormen  Zunahme  der  Todes- 
und  Erkrankungsfälle  an  Puerperalfieber,  an  Grippe  und  Tuberkulose, 
an  der  Zunahme  der  Eklampsien  und  anderer  Geburtsstörungen.  Die 
bedeutsame  Schrift  sollte  jeder  Arzt  kennen. 

Hecker-  München.  1 

Zeitschriften  -  Uebersicht. 

Zeitschrift  fiir  klinische  Medizin.  Bd.  96.  Heft  4 — 6. 

H.  Schade  und  H.  Menschei:  Ueber  die  Gesetze  der  Gewcbs- 
qucllung  und  ihre  Bedeutung  fiir  klinische  Fragen  (Wasseraustausch  im  Ge¬ 
webe,  Lymphbildung  und  Oedementstehung). 

Im  Anschluss  an  frühere  Mitteilungen  berichten  die  Verf.  an  Hand  zahl¬ 
reicher  und  sehr  instruktiver  Kurven  und  Tabellen  über  neue  experimentelle 
Erfahrungen  bei  Bindegewcbsquellungsversuchen.  Die  Bindegewebsquellung 
ist  bedingt  durch  eine  Quellung  der  Gewebsbestandteiie.  also  der  Binde¬ 
ge  websgrundsubstanz  (Versuchsobjekt:  Nabelschnur)  und  der  kollagenen 
Faser  (Versuchsobjekt:  Sehne);  als  drittes  Versuchsobjekt  dient  das  beide 
Bestandteile  enthaltende  Unterhautbindegewebe. 

Bei  Säure-  und  Alkalibeeinflussung  wirken  die  beiden  Hauptbestandteile 
des  Bindegewebes  ehenso  als  Quellungsantagonisten  wie  sich  auch  im  Blut 
ein  entgegengesetztes  Verhalten  der  Wasserbindung  zweier  wichtiger  Be¬ 
standteile  zeigt  (rote  Blutkörperchen  und  Serumeiweisse).  Wenn  auch 
osmotische  (und  in  den  Versuchen  autolytische)  Vorgänge  zu  beachten  sind, 
so  sind  allein  damit  die  Acnderungen  und  Wasserbewegungen  nicht  zu  er¬ 
klären.  Die  wichtigsten  Ursachen  des  wechselnden  Quellungszustandes  sind 
in  dem  Kolloidgehalt  (Eiweisskonzentration)  und  der  Ionenkonzentration  der 
Aussenlösung  zu  suchen.  Nabelschnur  und  Untcrhautzellgewebe,  in  Serum 
mit  steigenden  Zusätzen  von  Scrumalbumin  gebracht,  zeigen  hier  ein  gleich¬ 
sinniges  Verhalten.  Wie  aus  Pressquellversuchen  an  Unterhautzellgewebe  in 
Serum  und  an  Nabelschnur  in  Normosallösung  hervorgeht,  besteht  auch  eine 
ganz  erhebliche  Abhängigkeit  des  Wassergehaltes  im  Gewebe  vom  mechani¬ 
schen  Druck.  Drei  Faktoren  sind  es  vor  allem,  die  auch  im  Versuch  den 
vorn  Körper  her  eigenen  Quellungs'zustand,  die  „Quellungseinstellung“  des 
Gewebes,  zu  erhalten  vermögen:  Die  Ionenkonzentration  und  der  Kolloid- 
gelnilt  der  Aussenlösung,  sowie  ein  der  natürlichen  Gewebsspannung  ent¬ 
sprechender  mechanischer  Druck.  Eine  Aenderung  jedes  dieser  Faktoren 
vermag  die  Quellung  weitgehend  zu  beeinflussen,  u.  U.  sogar  eine  Entquellung 
des  Gewebes  bis  unter  die  Norm  herbeizuführen.  Die  durch  die  Kolloide 
bedingte  flüssigkeitsanziehende  Kraft  eines  kolloiden  Systems,  der  Quellungs¬ 
druck.  ist  abhängig  Vom  Wassergehalt  der  Kolloide  und  ausserordentlich 
schwankend  von  vielen  Atmosphären  bis  zu  Werten,  die  dem  Nullpunkt  nahe 
sind.  Diesen  durch  Kolloidwirkung  hervorgerufenen  Druck  möchten  die  Verl 
in  Gegenüberstellung  zum  osmotischen  als  „onkotischen“  (oyxoui  —  aufblasen 
schwellen)  bezeichnet  wissen.  In  Anwendung  der  experimentellen  Ergebnisse 
auf  die  Frage  der  Qedemgenese  unterscheiden  die  Verf.  drei  Typen  vor 
Oedemen;  Stauungs-  oder  mechanische  Oedeme,  Quellungsödeme,  auch  ah 
Alkali-  oder  onkotische  Oedeme  zu  bezeichnen,  und  drittens  osmotische  odei 

Entzündungsödeme.  . 

R.  Meyer-Bisch  und  F.  Stern;  Ueber  Leberfunktionsstorunger 

bei  epidemischer  Enzephalitis.  ...  „.... 

Die  Urinuntersuchung  mit  Schlesingers  Reagens  fiel  in  11  rüllet 
von  chronischer  progressiver  Enzephalitis  positiv  aus.  Nach  Lävulosedar 
reiehung  wurde  bei  6  Fällen  die  Urobilinurie  stärker.  Die  mit  Fehling 
scher  Lösung  angestellte  Reduktionsprobe  war  in  einigen  Fällen  stark 

positiv.  ...  _ 

Friedrich  K  auf  f  mann  und  Heinz  Kalk:  Untersuchungen  über  Font; 
und  Ausbreitung  der  lokalen  Gefässreaktion  und  ihre  Beziehungen  zu  den 

spinalen  Hautbezirken.  . 

Es  wurden  Beobachtungen  gesammelt  über  Form  und  Ausbreitung  ae 
lokalen  Gefässreaktion  nach  intrakutaner  Injektion  von  0,5  ccm  Caseosan 
Eine  Beziehung  der  Ausbreitung  zur  Spaltrichtung  der  Haut  liess  sich  nu 
in  grösseren  Hautscgmentgebicten  feststellen.  Wie  die  Applikation  voll 
Quaddeln  in  die  Nähe  der  ventralen  und  dorsalen  Mittellinie  des  Körpers 
in  die  Nähe  der  V  o  i  g  t  sehen  Grenzlinien  und  der  Grenzlinien  der  spinale  j 
Hautsegmente  erwies,  pflegen  diese  Linien  von  der  lokalen  Gefässreaktion 
nicht  überschritten  zu  werden.  In  dem  von  einem  Herpes  zoster  befallenen 
Hautsegment  verläuft  die  lokale  Gefässreaktion  weniger  ausgedehnt  un 
kürzer  dauernd  als  an  entsprechender  Stelle  auf  der  gesunden  Seite.  AI 
Ursache  dieser  Erscheinung  nehmen  die  Verf.  beim  Herpes  eine  irritativd 
Beteiligung  der  segmentären  Zentren  der  Gefässinnervation  an  mit  eine 1 
Ucbercrregbarkcit  der  Vasokonstriktoren  und  einem  erhöhten  Tonus  de ■ 
kleinen  Gefässe  als  Folge.  Die  kleinen  Gefässe  innerhalb  eines  segmentäre  I 
Hautbezirkes  bilden  eine  gewisse  funktionelle  Einheit. 


20.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


955 


J.  Wc  ick  sei:  lieber  die  Beeinflussung  des  Blutbildes  durch  Reiz¬ 
körper. 

Verf.  berichtet  über  Blutbildveränderungen  nach  Caseosan-,  Ag.  Caseo- 
san-  und  Elektrokollargolinjektionen  bei  Menschen.  Hunden  und  Meer¬ 
schweinchen.  Die  Injektionswirkung  hängt  ab  von  der  Dosierung  und  in  hohem 
Maassc  von  dem  Individuum;. so  reagierten  Lungenkranke  am  empfindlichsten, 
chronische  Rheumatiker  sehr  schwach.  Die  Art  der  Erkrankung  spielt  eine 
Rolle;  welches  Gewebe  getroffen  werden  soll,  ist  bei  der  Reizkörpertherapie 
nicht  gleichgültig.  Dass  auch  sehr  grosse  Eiweissmengen  vertragen  werden, 
zeigt  die  ohne  ernstere  Folgen  gebliebene  intravenöse  Injektion  von  20  ccm 
Caseosan  bei  einem  Hunde.  Die  Wirkung  der  verwendeten  Präparate  scheint 
dem  Eiweissgehalt  parallel  zu  gehen. 

Joseph  Vorschütz:  Worauf  beruht  das  Wesen  der  einfachen  wie  der 
Gruppen-Hämagglutinatlon  und  die  verschiedene  Ladung  der  roten  Blut¬ 
körperchen? 

N-Bestiminungen  gewaschener  roter  Blutkörperchen  mittels  Makrokjel- 
dahl  ergeben  bei  41  Kranken  Werte,  die  zwischen  4,2  und  5.3  Proz. 
schwanken.  Die  Blutkörperchen  mit  dem  höchsten  N-Gehalt  konglorncriercn 
und  senken  sich  schnell,  während  die  mit  niedrigem  nur  ganz  allmählich 
sedimentieren.  Der  Eiweissgehalt  bestimmt  die  verschiedene  quantitative 
Ladung  der  roten  Blutkörperchen;  damit  ist  der  Eiweissgchalt  von  hoher 
Bedeutung  für  Blutkörperchensenkungsphänomen  und  Agglutinationsreaktion. 

Ernst  Martin  Fuss:  Das  vollständige  Dlfferentlalleukozytenbild  (Härao- 
granim)  lin  Puerperium. 

In  21  Tabellen  gibt  der  Verf.  von  ebcnsovielen  Frauen  die  Leukozyten¬ 
kurve  aus  einem  Zeitraum  von  wenigen  Tagen  vor  der  Entbindung  bis  etwa 
14  Tage  danach.  Leider  fehlen  in  einem  Drittel  der  Fälle  die  Gesamtzahlen 
der  Leukozyten.  Verf.  findet  vor  und  unter  der  Geburt  eine  Verminderung 
der  Eosinophilen  und  Lymphozyten.  In  einigen  Fällen  fehlen  die  Eosino¬ 
philen  trotz  hoher  Gesamtzahlen  völlig.  Nach  der  Geburt  tritt  wieder  eine 
Vermehrung  beider  Zellformen  ein,  zuweilen  kommt  es  zu  einer  vorüber¬ 
gehenden  Ueberkompensation.  Bei  den  Neutrophilen  wird  eine  ausge¬ 
sprochene  Linksverschiebung  unter  der  Geburt  beobachtet;  aber  schon  vom 
zweiten  Wochenbettstage  ab  beginnt  bei  normalem  Verlauf  die  Rückver¬ 
schiebung.  Bleibt  diese  aus  oder  tritt  sogar  eine  erneute  Linksverschiebung 
auf,  so  ist  irgendeine  Komplikation  zu  befürchten. 

J.  T  i  1  1  g  r  e  n:  Beiträge  zur  Klinik  der  Pneumonia  crouposa.  Zur  Frage 
eines  Konstltutlonalismus  des  Pneumonikers. 

Die  Pulszahl  ist  bei  70  Pneumonien  während  der  Fieberperiode  und 
nach  Abfall  der  Temperaturen  festgestellt,  während  der  Konvaleszenz  die 
Magensaftsekretion  untersucht;  in  neun  Fällen  wurden  subkutane  Adrenalin- 
injektionen  ausgeführt.  In  dem  Ergebnis  seiner  Untersuchungen — keine  allge¬ 
meine  Beschleunigung  des  Pulses,  eher  eine  Verschiebung  nach  der  brady- 
kardischen  Seite,  freie  Salzsäure  im  Magensaft  und  geringer  Einfluss  des 
Adrenalins  auf  den  maximalen  Blutdruck  —  sieht  der  Verf.  den  Ausdruck 
einer  gewissen  \  agotonischen  Konstitution.  Es  ist  denkbar,  dass  diese  einen 
dispositioneilen  Faktor  bildet  für  die  pneumonische  Erkrankung. 

P.  Wels:  Ueber  die  Stellung  des  Röntgen  Verfahrens  in  der  klinischen 
Diagnostik  und  Prognostik  der  Lungentuberkulose. 

Die  ausgeprägte  und  mit  grosser  Regelmässigkeit  auftretende  Binde- 
gewebsentwicklung  in  dem  Lymphstromgebiet  des  tuberkulösen  Primär- 
i  komplexes  der  Lunge  ruft  häufig  charakteristische  Veränderungen  des 
Röntgenbildes  hervor.  Diese  gestatten  oft  eine  Diagnose  der  Frühtuber- 
:  kulose  zu  einer  Zeit,  wann  andere  klinische  Untersuchungsmethoden  un¬ 
sichere  oder  negative  Resultate  geben.  Was  auf  dem  einzelnen  Bild  nicht 
zum  Ausdruck  kommt,  das  lehren  zuweilen  Serienaufnahmen.  Bei  idealer 
Röntgentechnik  kann  diese  röntgenographische  Entwicklungsdiagnose  ein 
wichtiges  Hilfsmittel  sein  zur  Frühdiagnose  der  Tuberkulose. 

Bei  der  Spätform  der  Tuberkulose  gilt  es  im  Röntgenbild  die  Haupt¬ 
formen  der  Hcrdbildung  an  ihrer  Schattengebung  zu  erkennen.  Verf.  ist 
von  der  prinzipiellen  Durchführbarkeit  der  feineren  röntgenologischen  Herd- 
!  Charakteristik  überzeugt.  Das  Röntgenverfahren  ist  hinsichtlich  der  Fest¬ 
stellung  der  Form  der  Tuberkulose  den  übrigen  klinischen  Untersuchungs¬ 
methoden  überlegen;  sein  Hauptwert  beruht  aber  darauf,  dass  —  unter  der 
Voraussetzung  einer  idealen  Röntgentechnik  —  durch  eine  Bilderserie  ein 
Fortschrciten  oder  Stillstehen  des  Lungenprozesses  mit  einer  Sicherheit  er¬ 
schlossen  werden  kann,  die  andere  Untersuchungsmethoden  übertrifft.  Aus 
den  vorsichtigen  Einschränkungen  der  vom  Verf.  auf  das  Lungenröntgenbild 
aufgebauten  Prognostik  geht  hervor,  dass  auch  Serienaufnahmen  nur  im 
Verein  mit  einer  guten  klinischen  Beobachtung  eine  brauchbare  Handhabe 
von  prognostischem  Wert  darstellen.  Ein  anschauliches  Bildermatcrial  ist 
der  Arbeit  beigegeben. 

August  Arrak:  Ueber  die  Blutdruckschwaukungen  bei  Nierenkrank¬ 
helten  und  ihre  Ursachen. 

Bei  Kranken  mit  akuter  und  chronischer  Glomerulonephritis,  mit 
Schrumpfniere  und  essentieller  Hypertension  wurden  bei  morgendlichen  und 
abendlichen  Blutdruckmessungen  tägliche,  periodische  Druckschwankungen 
i  beobachtet,  die  eine  gewisse  Achnlichkeit  zu  dem  Verhalten  der  Temperatur 
i  zeigen.  Besonders  ausgeprägt  sind  die  Schwankungen  bei  akuter  Glomerulo¬ 
nephritis  und  bei  essentieller  Hypertension.  Geistige  Anstrengung  und 
körperliche  Arbeit,  auch  Gemütsbewegungen  (Schmerzreize)  beeinflussen 
den  Blutdruck  der  Nierenkranken  nicht  stärker  als  den  des  Nierengesunden. 
Aenderungen  der  Ernährung  sowie  die  Nahrungsaufnahme  selbst  riefen  eben¬ 
sowenig  eine  Blutdrucksteigerung  hervor  wie  Kochsalzzulagen  oder  Wasser¬ 
zufuhr.  Im  warmen  Bade  wurde  eine  mehr  oder  weniger  erhebliche  Blut- 
drueksenkung  beobachtet,  die  1 — 3  Stunden  anhielt,  sofern  die  Kranken  warm 
zugedeckt  im  Bett  gehalten  wurden. 

Erich  Meyer  und  Robert  Meyer- Bisch:  Weitere  Mitteilungen 
über  Diabetes  insipidus. 

Es  wird  neues  Beobachtungsmaterial  an  zwei  Fällen  beigebracht  zu  der 
von  den  Verf.  aufgestellten  Hypothese,  dass  beim  Diabetes  insipidus  gleich¬ 
sinnige  NaCI-Austauschstörungen  zwischen  Niere  und  Blut  einerseits  und 
anderseits  zwischen  Blut  und  Gewebe  bestehen.  In  dem  einen  Falle  handelt 
es  sieh  um  einen  akut  einsetzenden  traumatischen  Diabetes  insipidus  bei 
einem  23  jähr.  Mann.  Es  sind  hier  Durstversuche  und  Kochsalzbelastung 
durchgeführt,  mit  und  ohne  gleichzeitige  Pituglandolinjektionen.  Der  Fall 
ist  charakterisiert  durch  eine  fehlende  Pituglandolwirkung,  durch  die  Re¬ 
tention  messbarer  NaCl-Mengen  im  Durstversuch  und  das  Fehlen  einer 
zwangsläufigen  Polyurie  —  ein  Verhalten;  das  allein  aus  einer  renalen 
NaCI-Konzentrationsstürung  heraus  abgeleitet  werden  kann.  Nach  zwei¬ 


monatiger  stationärer  Beobachtung  wurde  der  Kranke  ungeheilt  entlassen. 
Gelegentlich  einer  Nachuntersuchung  etwa  zwei  Monate  später  konnte  bei 
Wiederholung  der  Versuche  keine  Störung  der  Kochsalzelimination  nachge¬ 
wiesen  werden.  Auch  subjektiv  war  der  Kranke  gesund. 

Der  zweite  Fall  betrifft,  im  Gegensatz  zum  vorigen  hypochlorämischen, 
einen  Diabetes  insipidus  von  hyperehlorämischem  Typ  bei  einem  21  jähr. 
Mädchen.  Ausgedehnte  Paralleluntersuchungen  zum  erstgeschilderten  Fall 
werden  auch  hier  in  Tabellenform  wiedergegeben  und  besprochen.  Im  Durst¬ 
versuch  und  nach  Kochsalzbelastung  ist  neben  der  Ausscheidung  auch  der 
Blutkochsalzspiegel,  Serumeiweiss,  Hämoglobin  und  die  Zahl  der  Roten  be¬ 
stimmt;  ausserdem  wurde  die  Wirkung  von  Aderlässen  und  der  Einfluss  von 
Pituglandolinjektionen  studiert.  Im  Durstversuch  zeigte  sich  kein  Anstieg 
des  Blut-NaCl-Spiegels,  nach  NaCl-Belastung  wurde  eine  stärkere  und  länger 
dauernde  Hyperchlorämie  beobachtet  als  beim  Normalen.  Durch  Aderlässe 
konnte  die  bestehende  Hyperchlorämie  beseitigt  werden.  Pituglandolinjek- 
tionen  bewirkten  einen  gesteigerten  Zustrom  von  NaCl  aus  dem  Gewebe  ins 
Blut.  Es  wird  die  Hypothese  aufgestellt,  ob  nicht  beim  Diabetes  insipidus 
eine  Ausscheidungsstörung  der  Niere  überhaupt  das  Primäre  ist.  Durch  die 
Tendenz  zur  Retention  kann  sich  unter  Umständen  die  irreparable  Regu¬ 
lationsstörung  im  Austausch  zwischen  Blut  und  Gewebe  entwickeln. 

Georg  Heinrich  Nick:  Studien  über  die  Bewegungen  des  gesunden 
und  des  kranken  Magens. 

Magendurchleuchtungsbefunde  bei  33  Kranken,  die  je  zwei  Kontrast¬ 
mahlzeiten  im  Abstand  von  1 — 2  T;fgen  erhalten  hatten.  Der  erste  Brei 
(10  g  Kartoffelmehl  werden  mit  einem  halben  Liter  Wasser  kalt  angerührt 
und  nach  Zusatz  von  15  g  Kakao  und  drei  Saccharintabletten  unter  stetem 
Umrühren  zum  Kochen  erwärmt;  nach  dem  Kochen  werden  180  g  Barium¬ 
sulfat  zugesetzt  und  gieichmässig  verquirlt)  ist  dünnflüssig,  sahneartig.  Der 
zweite  Brei,  der  sich  hinsichtlich  seiner  Zusammensetzung  nur  durch  die 
Kartoffelmehlmenge  (18  g)  von  dem  ersten  unterscheidet,  ist  zäh,  dickflüssig. 
Die  Beobachtungsresultate  sondert  der  Verf.  in  drei  Gruppen,  ln  der  ersten 
Gruppe  (8  Magengesunde)  ist  die  Entleerungszeit  bei  beiden  Breien  gleich; 
eine  Aenderung  des  Bewegungsmechanismus  wird  nicht  beobachtet.  Die 
zweite  Gruppe  (magengesunde  Frauen,  Frauen  von  asthenischem  Typ)  zeigt 
ein  deutliches  Nachlassen  des  Tonus  mit  Verzögerung  der  Entleerungszeit 
nach  Zufuhr  des  zäheren  Breies.  Eine  sichere  Tonuszunahme,  lebhaftere 
Peristaltik  mit  verkürzter  Entleerungszeit  bei  dem  dicken  Brei  zeichnet  die 
dritte  Gruppe  aus.  Diese  Befunde  wurden  vor  allem  erhoben  bei  Ulcus- 
kranken,  am  ausgeprägtesten  bei  Ulcus  duodeni,  aber  auch  bei  solchen 
Kranken,  die  eine  abnorme  Reizbarkeit  des  vegetativen  Nervensystems 
zeigten. 

Fritz  Kohn:  Ueber  einen  Fall  von  akuter  Mikromyeloblastenleukämie 
mit  aleukämischem  Blutbefund. 

Fünfwöchige  stationäre  Beobachtung  eines  14  jähr.  Knaben;  Obduktions¬ 
befund.  Brogsitter  -  München. 

Bruns’  Beiträge  zur  klinischen  Chirurgie.  Band  128,  Heft  3. 
Tübingen  1923. 

Braun:  Das  neue  Krankenstift  Zwickau,  mit  besonderer  Berück¬ 
sichtigung  seiner  chirurgischen  Abteilung. 

H.Tammann:  Ueber  den  Einfluss  der  Röntgenstrahlen  auf  die  Fraktur¬ 
heilung. 

Versuche  am  Schienbein  des  Kaninchens.  Der  Knochen  wurde  durch 
Osteotomie  gebrochen.  Bei  allen  Tieren  trat  trotz  Gipsverband  Verschiebung 
der  Bruchenden  auf.  Verf.  studierte  zunächst  die  unbeeinflusste  Fraktur¬ 
heilung,  sodann  die  Wirkung  der  Röntgenbestrahlung  auf  den  nicht  ge¬ 
brochenen  Knochen,  ln  weiteren  Versuchen  wurde  der  Knochen  entweder 
unmittelbar  nach,  oder  10  Tage  vor,  oder  10  Tage  nach  der  Osteotomie  be¬ 
strahlt.  Die  Wucherungsvorgänge,  die  nach  einem  Bruche  am  osteo¬ 
plastischen  Gewebe  einsetzen,  findet  man  in  abgeschwächter  Form  auch  am 
bestrahlten,  ungebrochenen  Knochen.  Reizbestrahlung  unmittelbar  oder 
10  Tage  nach  der  Fraktur  fördert  die  Bildung  der  Knochennarbe  im  Sinne 
beschleunigter  Heilung.  Die  Reparationsvorgänge  weichen  dabei  in  ihrer  Art 
nicht  vom  Normalen  ab. 

Eifel  dt  und  Dönges:  Die  Wunddiphtheriefälle  der  Rostocker 
chirurgischen  Universitätsklinik  1919 — 1921. 

Die  Wunden  waren  mit  echten  Diphtheriebazillen  infiziert,  die  auf  den 
Granulationen  (oft  flüchtige)  Pseudomembranen  bilden  und  einen  eigen¬ 
tümlich  süsslichen  Geruch  hervorrufen.  Niemals  Hessen  sieh  die  Bazillen  in 
geschlossenen  Eiterungen  oder  primär  in  metastatischen  Abszessen  nach- 
weisen.  Allgemeinstörungen  fehlen  bei  Wunddiphtherie  fast  immer;  eine  Aus¬ 
nahme  machen  Schleimhautwunden.  -Die  Diphtheriebazillen  sind  Oberflächen¬ 
schädiger;  die  Wundheilung  und  das  Fortschreiten  von  Entzündungen  be¬ 
einflussen  sie  nur  wenig.  In  Reinkultur  fanden  sie  sich  nie.  Nur  einmal 
trat  schwerste  Sepsis  bei  gangränös  einschmelzcnden  Wundrändern  auf. 
Serum  wirkt  nicht.  Die  Bazillen  lassen  sich  auch  durch  andere  Mittel  nicht 
beseitigen.  Die  Wundbeläge  schwinden  am  ehesten  auf  kräftiges  Jodieren. 

E.  Streissler:  Larynxplastik  bei  doppelseitiger  Postikuslähmung. 

Bei  doppelseitiger  Postikuslähmung  droht  stets  die  Gefahr  der  Er¬ 
stickung.  Nach  Besprechung  der  zahlreichen  Verfahren,  die  zur  Erweiterung 
der  Stimmritze  ersonnen  worden  sind,  schildert  Verf.  eine  eigene  Operation, 
die  er  bei  2  Kranken  mit  gutem  und  dauerndem  Erfolge  ausführte.  Es  wird 
ein  4  cm  langer  und  4  mm  breiter  Faszienstreifen  aus  dem  Vorderarme  oder 
ein  gleichgrosses  Stückchen  aus  der  Sehne  des  M.  brachioradialis  oder  des 
M.  extensor  carpi  rad.  long.  ausgeschnitten.  Von  einem  Längsschnitte  am 
vorderen  Rande  des  Kopfiiickers  aus  wird  unter  stumpfem  Abschieben  der 
Rachenschleimhaut  die  Hinterfläche  des  Ary-  und  Ringknorpels  freigelegt. 
Das  Transplantat  wird  unter  starker  Spannung  am  Proc.  musc.  des  Ary- 
knorpels  einerseits  und  am  unteren  Ende  der  Crista  mediana  des  Ringknorpels 
andererseits  angenäht,  liegt  damit  in  der  Faserrichtung  des  gelähmten 
M.  posticus  und  hält  die  Stimmritze  offen. 

S  e  y  e  r  1  e  i  n  und  Holzel:  Zur  Sarkonibehandlung. 

Etwa  33  Proz.  der  extragenitalen  Sarkome  können  durch  Röntgen¬ 
bestrahlung  geheilt  werden.  Eine  einheitliche  Sarkomdosis  gibt  es  nicht. 
Bestrahlen  mit  kleinen  Dosen  ist  gefährlich,  da  die  Geschwülste  dabei  oft 
gegen  die  Strahlen  unempfindlich  werden  und  schrankenlos  zu  wachsen  be¬ 
ginnen.  Bei  Knochentumoren  geht  man  am  besten  etwa  mit  der  „Karzinom¬ 
dosis“  vor.  Nachbestrahlung  Sarkomoperierter  ist  an¬ 
gezeigt,  da  sie  gutes  leistet.  Inoperable  Sarkome  müssen  bestrahlt 
werden.  Die  primären  Sarkome  der  Lymphdrüsen  eignen 


£s<> 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. _ 


Nr.  29. 


s,d,  wenig«  zur  Operation  als  tür  4k  Röntgenbehandlung.  Bd 
larko.nen  hat  man  die  Wahl  zwischen  “eitlen  Verfahren:  nn  OesKM :  «» 
aus  kosmetischer}  Rücksichten  Bestrahlung  voyzuzu.hu..  _K  •  c  e 
s  a  r  k  u  m  e  »tn*  für., die  Bestrahlung  ungünstig.  W  e  u  1U  .Isar  ko  me 
die  ohne  Verstümmelt  ^fernt  werden  können  werden  afW  b es  u.  oi xr >c' rt 

ff  ■  "Ä  ,  h  eC!  „  c Us  verdien”  die  NÄ  hei  seichen  d  e  s 
I  ec  ke  n  s  die  Röntgenbestrahlung  den  Vorzug  ,  nluefheiUmg 

v  ■■ ;  s*^{  “r  Ä”S-« 

SÄ  «£.*  oä* n£w-  Mb«,.  n»s  «AM  Slra.1». 

behandlung.n  ,at>  ^  der  Cholelithiasis  und  der  Cholezvst- 

ektoinie  auf  die  sekretorische  fünfter  des  Magens  und  B'e. 

Bei  Gallensteinleiden  und  nach  Hct>usnuhn>e  der  Cwllcnb la se  smd  I* 

schwerden  seitens  des  Magens  häufig.  Bei  I*  to  }  aufgehoben; 

leidenden  Kranken  ist  die  Sal/.säureabsche.dung  VdfbJfn^rt 

selten  ist  H vncrazidität.  Be  verschlossenem  D.  cysticux  ist  Acnyue  tu 
“Ä 1,l5  bd  »Km.  Auch  der  <l,ud  der  ; 

S3  SÄaMÄKtä 

äjääsä 

C  h",U  \ y  ““'ÄS i  e*^trÜi**MaSiK"  in  «leider  Weise  ver- 
jndert.  wie  beim  Oallensteinleiden.  h-  Tierversuch  hess  sich  «««".  d«s: 
Hü-Jh  die  Herausnahme  gesunder  GallenH-asen  Ana/.iditat  bew  . 

«irtlöii  lind  Schlegel:  Endergebnis  voif  2%  Cholezystektomien  end 
H2  ciioiedochofomiert,  ein  Beitrag  zur  Frage  der  postd^ratken  Beschwerdetf^ 

K  t  Pro/  tief  CholezVStektonuertcn  klagten  nach  l*ngci  als  1  Ja 
über  Besdllvv  etdefi  fitere  sind  öfters  auf  Nebenerkrankungeff  Zuruckzufuhren 

t,  ydre.n  e„i,ro  Sw.  Oc.i  »„idwn  Ap^nd  rle  e.tar 
knliken)  Vielfach  handelt  es  .sieh’  f'lKSh  um  nervöse  Personen,  ine  post 
imer.tive  Anazidität  oder  Subazidität  flWcht  keine  nennenswerten  Be¬ 
lästigungen  Von  Bedeutung  sind  Verwachsungen'  4es  Querkolons.  wenn  auc 
IfoT  bin  Hu  ss  peritonealer  Adhäsionen  auf  das  Befinden  leKtht  überschätz^  wird, 
töne  grosse  teilte  spielen  Miterkrankungen  des  PankrcJs.  Bauchbrucne. 
deren  Bestehen  cbVniUffc  den  Klagen  zugrunde  liegen  kan n.  < |"f*5aJ^en  ^ 
Fröffmimr  des  Abdomens  h  ßtff  Mittellinie  häufiger  als  nach  K  c  o  r  senem 

sää 

seltensten  Fällen  Ursache  der  Beschwer« 6*a.  4  1  ncr  Cholcdoch-us 

kb  nose  zur  Folge  haben  und  wurde  daher  aüfgegeben.  Der  yholcu  cn  . 

U’if d  tyjedef  di  Lt  vernäht  oder  eine  Choiedochüdu«l.cnostomic  angelegt. 
Nach  Bopiic^  kann  rezidivierende,  katarrhalische  Cholangitis  nach 
T  r  e  p  1  i  n  Ueberdetinitäj?  4er  Gallenwege  bei  Sphinkterkrampf  z.u  ..Rcz.uiv  - 

lKSclnvcrden  Anlass  geben  FrlerfeitfVÄfletzungen  der  grossen  Gelasse 

io  Krankengeschichten  mit  anschlies.sct.4er  Besprechung  der  anatom.- 
bJSS Tnd  klinischen  Verhältnisse  A mal  handc.tc  cs  steh  um 
y4siverfetzüng  bei  Knochenbrüchen.  1  mal  um  Verrentung  der  Schulter  mit 
Zcrreissinig.  der.. Art.  axillaris;  1  mal  wurde  bet  schwer«  Gelenkquetschung 
und  2  mal  bei  Wefchfeilverletzungen  schwere  Blutung  beobachtet.  _ 

H  Lütie  B  u  s  d  fl/  Feber"  zwei  seltene  Fälle  von  Dunndarniiiivagination. 
Bei  einem  mit  Erbrecht!/!  Sag  Koliken  erkrankten  Knaben  wurden  durch 

Bauchschnitt  als  Ursache  rasch  ai.idin'aMertplgende  l' ” ds ^".'e r i um ^ wl r cn" sc h r 
Imaginationen  des  Dünndarmes  gefunden,  Netz  und  Mcstn  enum  waren  se  r 

fettarm:  dadurch  wurde  die  abnorme  DarmbeWdgifng  b^u"st^'r  ^  nJl  n 
t,.iv,.,inr(<oi  ticr  Beschwerden.  Bei  einem  anderen  mit  Bcuserscncmungcu 
.  r-mE h  den  Dünndarm  eingestülptes  M  e  c  k  e  1  sches 

DiveftiSef  Serpl  werden,  Erörterung  der  verschiedenen  Anschauungen 
über  das  Kusfandekömmen  V(nl  Darminvaginationen. 

...  ST-iSBvÄ'ZS'Ä 

Pa  I:  hogene  s e ^bfsh«1 Bekannte,  steuert  eine6  Krankengeschichte  zum  Bilde  des 
rSS  Priapismus  bei  und  schliesslich  noch  die  äusserst  seltene 
Beobachtung  eines  nach  dem  Tode  fortbestehenden  ZV8tanast0- 

Kehl:  Tierexperimentelle  Untersuchungen  zur  Ureterocho  ezystanasto 

U«lafrl''d";mN°c°rMln(i!ktion.  Verlesen  der  Mthd.ni :  auf  die  K“^S'rJac£!r 

Komnit  mefh  j'  Die^Schafttuberkulose  der  langen  Röhrenknochen. 

5Äfche ^pathologisch-anatomische  und  klinische  Darstellung,  die 

cir>H  711  kurzem  Bericht  nicht  eisnet. 

A  Kallenbach:  Erfahrungen  über  Schädelosteomyelitis. 

„e„  Ä» ~ «5 

rartt  wsää  ät  rtÄ»;  - 

;illempbd  dd  aku.e,  dcr  Be,e,eke  des 

KarP“s  gibt  eine  angeborene  Zweiteilung  des  Kahnbeines  die  zweuaal  vom 
Verf  beobachtet  wurde.  Die  häufigste  Verletzung  der  Handwurzclknochci 
ist  Bruch  des  Os  naviculare,  der  am  leichtesten  bei  radial  obduzierter  u„ 
dorsal  flektierter  Hand  zustande  kommt  Verrenkungen^ 

können  mit  dieser  Fraktur  gemeinsam  Vorkommen ^ lunatü^f  k an n 
fr-iktur“)  aber  auch  mit  Luxationen  des  Knochens.  Das  Us  lunatum  Kann 
durch  Fall' auf  die  ulnar  abduzierte.  dorsal  flektierte  Hand  aus  »>ncr 
gesprengt  werden.  Etwa  gleich  häufig  wie  Verrenkungen  sind  Brüche  des 


Mondbeii.es.  Die  Verletzungen  des  Os  friquetrum  > ^st^LrwJ^[ 

proximalen  Handwurzelreihe.  Noch  spärlicher  kommen  Brucht  oder  Ver 
renk un gen  an  den  distal  gelegenen  Karpalkivochen  vor  am  häufigsten  noch 
an  den  Muitangula  und  am  Kapitatum.  Bei  allen  Verletzungen  der  Ha.  d- 
wurzet  erreicht  man  mit  frühzeitig  einsetzender  konservativ -mobilisierende 

Behandlung  meist  ein  gutes  Ffrgebms. 

O  Müller:  Klinische  Beobachtungen  an  Sehneunahten. 

Die  27b  Sehnennähte,  die  in  den  letzten  12  Jahren  m  der  Heidelberger 
chirurgischen  Klinik  gemacht  wurden,  liegen  den  Ausführungen  zugrunde. 
Verletzungen  der  Beugesehnen  bieten  schlechtere  Hellungsaussichten  als  d  e 
der  Strecksehnen.  Das  beruht  darauf,  dass  an  den  Beugern  ^e  vte!^ 
Sehnenscheide  öfter  mitverletzt  wird.  Sehnennahte  ausserhalb  der  Scheiden 
verlaufen  an  Streckern  und  Beugern  etwa  gleich  günstig.  'J">tLrl f.c  ■ 

Naht  der  Sehnenscheide,  drohen  Verwachsungen  mit  VeHust  der  Gleufähig 
keit  der  Sehne.  Diese  Folgen  treten  fast  immer  hei  Durchtrennungen 
Bereich  der  Palmarfaszie  ein.  die  besonders  schlechte  Heilungsbedinguigen 
auJh  durch  weites  Auseinanderklaffen  der  Stümpfe  haben.  Primäre :  Seta;  n- 
n  h  ist  stets  anzustreben.  Bei  stark  verunreinigten  Wunden  Wirkt  Pcru- 
’a  „m  oder  Perugen  sehr  gut.  Nach  der  Wiedervereinigung  ruhigstellendcr 
Verband  in  entspannter  Haltung  für  8  Tage,  dann  Beginn  mit  fremdtätigen 
und  nach  weiteren  8  Tagen  mit  selbsttätigen  Uebungen. 

H.  Hegewald:  Die  Psychonarkose  bei  geburtshilflichen,  gynaxologl- 

sehen  lind  chirurgischen  Eingriffen.  _  .  .  .  prnnVreirh  schon 

Operationen  in  Hypnose,  die  man  in  England  und, ,  ^ r,a..  . 

vor  Erfindung  der  Narkose  ausführte,  haben  wegen  _  der  Umständlichkeit  de». 

Verfahrens,  das  entsprechende  Vorbehandlung  und  "  te= v'nfe'^t  mU  Vor- 
Arzt  verlangt,  keine  Verbreitung  gefunden,  ln  der  Geburtshilfe  ist  mit  vor 
1  teil  und  ohne  weitere  Vorbereitung  die  ..Suggestion  im  Wachzustände  ver¬ 
wendbar.  Sic  erlaubt  nicht  nur  die  Wehen  schmerzlos  zu  'machen,  Sonde 
•mch  ihre  Zahl  und  Stärke  zu  beeinflussen.  Für  chirurgische  Eingriffe  ist 
die  Hypnonarkosc  (=  Hypnose  +  geringe  Mengen  eines  Narkotritum)  brauch¬ 
bar.  Da  vorbereitende,  hypnotische  Sitzungen  zu  empfehlen  sind,  kommt 
das  Verfahren  für  dringliche  Operationen  weniger  in  Betracht  Die  Psycho 
narkose  bietet  besonders  auch  dem  praktischen  Arzte  manche  Vorteile;  den 
Kranken  bewahrt  sie  vor  den  Schäden  die  den  bisher*«,  Narkosev erfaßen, 
noch  anhaften.  Herrmannsdorfer- Muncncit- 


ZcMitralblatt  fiir  Gynäkologie.  1923.  Nr.  26. 

A.  Mayer  (Universitäts-Frauenklinik  Tübingen):  Ueber  die  Ursachen! 

der  dvstopischen  Eieinbettung.  ,  ..  .viriler 

Der  Ansiedlungsort  kann  von  der  Reife  des  Eies  und  die  Re  e 
davon,  ob  es  sich  um  männliche  oder  weibliche  Frucht  hand,-lt;  , 
männliche  und  weibliche  Frucht  verschiedenes  Retfungs  t< :n »P»  Ji en_ 
können  abhängig  sein.  Hertwig  fand  ja,  dass  “b"'eiie  man 

schliesslich  Männchen  liefern.  Abgesehen  von  der  Reife  des  Eies,  aic  man 
aber  mangels  Kenntnis  des  Zeitpunktes  des  Follikelsprungs  und  des  Termin! 
der  befruchtenden  Kohabitation  nicht  kennt,  kann  auch  die  gehäufte  Koha  l 
tation’ nach  Iße/ruchtunE  aal  den,  0«  der  Elnid.don  f»»«“;““!  “äs 
zwar  durch  Vermehrung  des  Saftstromes  und  dadurch  BescWeunigung  ü  ^ 
Wanderungstempos  des  Eies.  Schhesshch  kann  diese  gehäu  e  Urs‘acll^  für 
auch  die  Beziehung  zwischen  Korpus  1  und  Follikel  stoten.  I  ..  h 

die  dystopische  Schwangerschaft  liegt  daher  vielleicht  nicht  ausschhessucn 
im  Nährboden,  sondern  ist  auch  in  im  Ei  selbst  liegenden  Monier  t 

suchen.  Yan|asakj  (Pathoi.  Institut  Berlin):  Kasuistischer  Beitrag  zum 
^Indium  der  vitalen  Leistlingen  der  menschlichen  Plazenta. 

Die  Methode  der  künstlichen  Durchströmung  überlebender  Organe  kann 
auch  auf  den  Plazentastoffwechsel  angewandt  werden  Die  überlebende 
Plazenta  zerstört  sowohl  weitgehend  Trauben-  und  Milchzucker,  als  auch 
harn  sie  natives  Fiweiss  ab.  Die  inaktivierte  Plazenta  hat  diese  Eigenschaften 
nicht  mehr,  die  eklamptische  baut  Eiweiss  verstärkt  ab  Verf.  orhfte  ob 
die  Plazenta  Histidin  in  Histamin  umzuwandeln  vermix.  ^  wurcJJ: 
n  ]  33  proz  bis  0,333  Proz.  Histidinlösung  mehrmals  durch  die  Plazenta  ge 
schtekt,  dann  die  Histidinlösung  vor  und  nach  Enteiweissung  darauf  unter¬ 
sucht.  ob  sie  ikontraktionserregend  auf  den  virginellen  ^ce^.schhw?'"^ 
Uterus  wirkt.  Es  trat  keine  Kontraktion  ein.  Daraus  ergibt  sich,  dass  die 
normale  und  die  eklamptische  Plazenta  Histidin  nicht  in  H'stamin  em- 
wandelt.  Es  wurden  6  normale  und  1  eklamptische  Plazenta  unterricht. 

F  Klee  (Provinzial-Hebammenlehranstalt  Köln):  Die  praktische  Bedeu¬ 
tung  der  Unterscheidung  der  hinteren  Hinterhauptslage  und  der  Vorderhaupts- 

,agC  Verf  empfiehlt,  bei  hinterer  Hinterhauptslage  nicht  lange  zuzuwarten, 
sondern  ziemlich  bald  die  Zange  nach  S  c  a  n  zo  ni  anzuwenden.  d.lFim 
biparietalen  Durchmesser  anzulegen  und  den  nach  hinten  ^w^ten  Hinter¬ 
kopf  nach  vorne  zu  drehen.  Es  se.  dies  schonender  als  Oebur t  in  hi unterer 
Hinterhauntslage.  Auch  bei  Vorderhauptseinstellung  empfiehlt  er  Rofcren. 
Richtige  Diagnose  ist  sehr  wichtig.  Verf.  schliesst  sich  im  ganzen  den  A  - 
sichten  an  wie  sie  D  ö  d  e  r  I  e  i  n  in  seinem  Onerationskurs  niedergelcgt.  '■ 
nur  etwas  weniger  zurückhaltend.  Die  K  j  e  1 1  a  n  d  sehe  Zange  kann  die 

Operation  vielleicht  noch  erleichtern. 

E  St  übler  (Universitäts-Frauenklinik  Tübingen) :  Uteruszysten. 
Drüsenbildungen  im  Myometrium  und  in  Myomen  können  auf  keine  ein¬ 
heitliche  Genese  zurückgeführt  werden.  Sie  können  sich  gelegentlich  zystisc 
erweitern,  um  dann  zur  Uteruszyste  oder  zum  Zystadenomyom  I besser  aL 
zystisches  Myom“)  zu  werden.  Verf.  beschreibt  eine  von  einschichtigem 
zXderepithel  ausgekleidet,  bluterfüllte,  isolierte  Zyste  im  Myometrium, 
genauer  Tn  der  Vorderwand  des  Uterus,  mit  diffuser  Verdickung  der  Mus¬ 
kulatur.  in  Faustgrösse,  sowie  ein  intraligamentär  entwickeltes  Fibroniyom 
mit  regressiven  Veränderungen,  von  der  hinteren  Kollumwand  ausgehend,  mit 
im  Zentrum  liegender  grosser  und  mehreren  kleinen  Zysten.  Im  ersten  Fall 
handelt  es  sich  vermutlich  um  Abschnürung  von  Zellkomplexcn  aus  den  ne- 
reits  vereinigten  Müller  sehen  Gängen,  die  sich  im  Laufe  der  Zei  zu 
einer  Zyste  umwandelten,  das  intraligamentäre  Myom  des  2.  Falles  durtte 
auf  den  Gärtner  sehen  Gang  zurückzuführen  sein. 

Robert  Kuhn-  Karlsruhe. 

Jahrbuch  iiir  Kinderheilkunde.  Band  101.  Heft  1  und  2. 

E  Glanz  in  ann  -  Bern:  Waehstuinsstoffe  und  Blutdrüsen. 

Die  Arbeit  behandelt  die  noch  ungeklärten  Beziehungen  zwischen  Er¬ 
nährung  und  Hormonbildung  durch  die  endokrinen  Drüsen  Wahrend  die 
Vitamine,  soweit  es  sich  um  Wachstumsstoffe  handelt,  keinerlei  Beziehungen 


20.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


957 


zur  Hormonbildung  der  Schilddrüse  besitzen,  konnten  z.  B.  einwandfreie 
Beziehungen  der  Wachstumsstoffe  (Vitamine  A  und  B)  zur  Thymusdrüse  fest- 
gcstclk  werden.  Die  angestellten  Ueberlegungen  und  Untersuchungen  be¬ 
deuten  einen  Anfang  und  Versuch,  Probleme  der  Endokrinologie  auf  diä¬ 
tetischem  Wege  anzugehen. 

Woldemar  Blacher:  Die  Beteiligung  des  Nervensystems  an  den 
Störungen  der  Herzschlagfolge  bei  Diphtherie.  (Aus  dem  städt.  Kinder spital 
in  St.  Petersburg.)  (Hierzu  5  Tafeln  mit  Tabellen  und  11  Kurven.) 

Die  Resultate  der  vorliegenden  Untersuchungen  weisen  darauf  hin.  dass 
der  kardiale  Anteil  des  vegetativen  Nervensystems  in  einen  Zustand  erhöhter 
Erregbarkeit  versetzt  ist,  die  in  einem  hochgradigen  kürzeren  oder  dauernden 
Reizzustand  in  Erscheinung  tritt.  In  den  ersten  Wochen  einer  schweren 
Diphtherie  werden  die  Erregungszustände  am  Herzen  gewöhnlich  von 
schweren  Hemmungserscheinungen  (Vagushypertonie)  beherrscht.  Daneben 
scheint  eine  leichte  Erregbarkeit  des  Akzelerans  zu  bestehen;  endlich  ist  auch 
eine  leichte  Ermüdbarkeit  des  Vagus  bei  Diphtherie  eigentümlich,  die  sich  in 
Bradykardie  (Vagushypertonie)  und  Labilität  der  Herzschlagfolge  in  der 
ersten  Phase  der  diphtherischen  Myokarditis  zu  erkennen  geben.  Dazu  tritt 
die  Schädigung  des  Herzmuskels  durch  das  D.  Toxin,  die  sich  in  einer  Herab¬ 
setzung  seiner  Leistungsfähigkeit  und  in  einer  meist  dauernden  Herz¬ 
erweiterung  ausdrückt.  Es  verläuft  also  die  diphtherische  Kreislaufschwäche 
ittt  Zeichen  einer  gesteigerten  Erregbarkeit  und  leichten  Ermüdbarkeit  des 
gesamten  neuromuskulären  kardialen  Apparates.  In  Anbetracht  der  überaus 
niedrigen  Reizschwelle  des  Vagus  und  Akzelerans  muss  die  Therapie  mit 
Herzmitteln,  die  erregend  an  diesem  System  angreifen,  mit  grosser  Umsicht 
vorgenommen  werden. 

J.  v.  Ambrun:  Ueber  das  Blutbild  beim  Scharlach.  (Aus  der  Univ.- 
Kinderklinik  in  Debreczin.  Vorstand:  Prof.  v.  Szontägh.) 

Die  Arbeit  weist  in  Qedankengängen  der  S  z  o  n  t  ä  g  h  sehen  Scharlach¬ 
theorie  auf  die  diagnostische  und  prognostische  Bedeutung  der  dieses  Krank- 
i  heit  sh  i  1  d  begleitenden  Eosinophilie  hin. 

Julius  v.  Qaizler:  Azetonurie  bei  Lauge-vergifteten  Kindern.  (Aus 
i  der  Univ. -Kinderklinik  in  Debreczin.  Vorstand:  Prof.  v.  Szontägh.) 

Die  bei  Langevergifteten  stets  nachweisbare  Azetonurie  ist  durch  den 
bei  der  Stoffzersetzung  (Nekrose)  bedingten  hochgradigen  Eiweisszerfall 
i  bedingt. 

Johann  v.  Petheö:  Ueber  Kalziumtherapie  in  der  Kinderpraxis.  (Aus 
der  Univ. -Kinderklinik  in  Debrcym.  Vorstand:  Prof.  v.  Szontägh). 

Warme  Empfehlung  der  Kalziumdarreichung  bei  Ekzema,  Tetanie  (auch 
besonders  Schwangerschaftstetanie),  Spasmophilie,  sowie  bei  Bronchiolitis 
und  Asthma  bronchiale. 

Th.  H  o  f  f  a  -  Barmen:  Beitrag  zur  Osteogenesis  imperfecta  (V  r  o  1  i  k). 

Kasuistische  Mitteilung. 

Th.  H  o  f  f  a  -  Barmen:  Ueber  zwei  seltene  Missbildungen  des  Skelett¬ 
systems. 

Mitteilung  je  eines  Falles  von  Dysostosis  eleidocranialis  hereditaria  und 
von  Akrokephalosyndaktylie.  O.  Rommel-  München. 

Zeitschrift  fiir  die  gesamte  Neurologie  und  Psychiatrie.  82.  Bd. 
Festschrift  für  Eugen  Bleuler. 

Hans  W.  M  a  i  e  r  -  Zürich:  Eugen  Bleuler  zur  Feier  seiner  25  iähr. 
Tätigkeit  als  Ordinarius  der  Psychiatrie  und  Dinektor  der  Psychiatrischen 
Klinik  in  Zürich,  April  1923. 

Kurze  Darstellung  des  Lebensganges  Bleulers  und  Aufzählung  der 
bisherigen  111  Veröffentlichungen  des  Gelehrten. 

Ludwig  B  i  n  s  w  a  n  g  e  r  -  Kreuzlingen:  Ueber  Phänomenologie. 

Einführendes,  auf  der  letzten  Versammlung  des  schweizerischen  Vereins 
für  Psychiatrie  gehaltenes  Referat,  das  seine  Aufgabe,  ,,deti  Gegenstand 
der  Bestrahlung  möglichst  anschaulich  aufleuchten  zu  lassen“,  ausgezeichnet 
erfüllt  und  zur  Lektüre  empfohlen  werden  muss. 

Otto  Di  em- Luzern:  Betrachtungen  aus  dem  Gebiete  der  Unfallmedlzin 
an  Hand  eines  Falles  von  Epilepsie. 

Erwägungen,  anschliessend  an  den  Krankheitsfall  eines  schwer  be¬ 
lasteten,  schon  vorher  sehr  auffälligen  Trinkers,  bei  dem  nach  einem 
geringfügigen  Trauma  eine  meningeule  Blutung  eintrat  und  späterhin  epilep¬ 
tische  Krankheitserscheinungen  deutlicher  hervortraten.  D.  kommt  zu  dem 
Schluss:  Auf  traumatische  Epilepsie  darf  nur  geschlossen  werden,  wenn 
die  für  die  Aetiologie  der  genuinen  Epilepsie  anerkannten  Faktoren,  erbliche 
Belastung.  Alkoholismus  und  epileptischer  Charakter,  keinen  genügenden 
Anhaltspunkt  für  den  spontanen  Ausbruch  der  Epilepsie  bilden.  Höchstens 
kann  dem  Unfall  eine  zufällige  oder  doch  nur  untergeordnete  Rolle  zuge- 
j  schrieben  werden  im  Sinne  der  leichteren  Auslösung.  Alle  Zusammen¬ 
wirkenden  Faktoren  müssen  berücksichtigt  werden.  Das  klinische  Bild.  An¬ 
fälle  oder  psychische  Erscheinungen,  ist  nicht  entscheidend  für  die  Be¬ 
messung  des  Unfallanteils. 

Ludwig  F  r  a  n  k  -  Zürich:  Zur  Frage  der  Unlustneurosen:  Trotzneurosen. 

Kleptomanien. 

Bei  den  genannten  Zuständen  werden  durch  rein  psychisch  bedingte 
Einstellungen  häufig  intellektuelle  oder  ethische  Defektzustände  vorgetäuscht, 
was  eine  psychokathartische  eingehende  Behandung  aufdecken  kann. 

A.  Glaus  und  J.  Zu  tt -Zürich:  Beitrag  zur  Frage  der  Senkungsge- 
schwindigkeit  der  roten  Blutkörperchen  bei  Geisteskrankheiten,  insbesondere 
bei  den  Schizophrenien. 

Wenn  man  nicht  nur  die  Senkungsgeschwindigkeit  eines  Kranken  mit 
der  eines  Testfalles  vergleicht,  sondern  zwischen  dem  Kranken  und  dem  Test¬ 
fall  Plasma  und  Blutkörperchen  gegeneinander  austauscht  und  sedimentieren 
lässt,  erhält  man  „Geschwindigkeitsformeln“,  die  offenbar  charakteristisch 
für  bestimmte  Zustände  sein  können.  So  ergab  sich  bei  ziemlich  ausgedehnten 
Untersuchungen  der  Autoren,  dass  die  mehr  organischen  und  katatonischen 
Schizophreniefällc  eine  ziemlich  grosse  Senkungsgeschwindigkeit  und  eine 
charakteristische  Geschwindigkcitsformel  zeigten  im  Gegensatz  zu  den  vor¬ 
wiegend  funktionellen  Fällen.  Bei  der  Schizophrenie  muss  stets  auf  den  be¬ 
sonderen  Charakter  der  Erkrankung  Rücksicht  genommen  werden.  Wahll  >se 
Untersuchungen  von  Schizophrcniefällen  genügen  nicht  im  Hinblick  auf  die 
noch  ungeklärte  Frage,  ob  wir  in  der  Schizophrenie  eine  nosologische  Ein¬ 
heit  vor  uns  haben. 

Hans  W.  G  r  u  h  1  e  -  Heidelberg:  Die  Verwendung  der  Hypnose  und 
die  Mitwirkung  von  Medien  in  der  Rechtspflege. 

G.  tritt  für  die  Verwendung  der  Hypnose  in  der  Rechtspflege  ein.  doch 
muss  sie  in  der  Hand  der  ärztlichen  Sachverständigen  bleiben  und  dem  Ge¬ 


richtssaal  ferngehalten  werden.  An  der  Hand  von  interessanten  Einzelheiten 
über  die  Angaben  einer  Frankfurter  Hellseherin  bei  Gelegenheit  des  Mordes 
der  Bürgermeister  Werner  und  Busse  kommt  G.  zu  dem  Schluss:  ...  die 
sog.  okkulten  Phänomene  .  .  .  von  vornherein  aus  der  wissenschaftlichen 
Forschung  und  der  Praxis  der  Rehtspflege  ausschalten  zu  wollen,  hiesse 
voreingenommen  und  beschränkt  zu  handeln. 

Hermann  Hoff  m  a  n  n  -  Tübingen:  Schizothym-Cyclothym. 

H.  hat  die  Aufstellung  Kretschmers  an  der  Hand  der  Lund¬ 
bor  k  sehen  Familienforschunwen  nachgeprüft  und  eine  weitgehende 
Bestätigung  gefunden.  In  der  verwandtschaftlichen  Umgebung  von 
Schizophrenen  fanden  sich  überwiegend  schizoide  Anomalien,  während 
in  den  Familien  der  wenigen  zirkulären  vorwiegend  zykloide  Men¬ 
schen  nachgewiesen  werden  konnten.  Zur  Bezeichnung  der  Tatsache,  dass 
nicht  selten  ein  vorwiegend  schizoider  Mensch  später  zykloide  Eigenart 
darbietet  und  umgekehrt  schlägt  H.  jetzt  an  Stelle  des  früher  von  ihm 
gebrauchten  Wortes  „Dominanzwechsel“  das  Wort  „Erscheinungswechsel“ 
vor. 

August  H  o  m  b  u  r  g  e  r  -  Heidelberg :  Lichenoider  Ausschlag  als  psycho¬ 
gene  Dermatose. 

An  jenen  Stellen  der  Körperoberfläche,  die  bei  einem  früheren  erotischen 
Erlebnis  von  dem  Liebhaber  mit  Blumen  bedeckt  waren,  bekam  eine  30  jähr. 
Frau  in  einem  seelischen  Konflikt,  der  sie  vorübergehend  den  im  übrigen 
verhassten  Liebhaber  herbeisehnen  liess,  einen  lichenoiden  Ausschlag,  der 
nach,  der  Ermöglichung  einer  einfachen  Aussprache  wieder  verschwand. 

J.  B.  Jörger  jun.  -  Waldhaus-Chur :  Psychische  Folgeerscheinungen 
nach  Enzephalitis. 

Darstellung  dreier  Krankheitsbeobachtungen  Jugendlicher  mit  den  vielfach 
beschriebenen  Charakterveränderungen  im  Sinne  eines  moralischen  Schwach¬ 
sinns. 

Jakob  K  1  ä  s  i  - Zürich:  Beitrag  zur  Frage  der  Behandlung  von  Magen¬ 
neurosen. 

K.  empfiehlt  zur  Behandlung  derjenigen  Fälle,  in  denen  man  zu  einer 
möglichst  rasch  wirkenden  Suggestivkur  greifen  will,  folgende  Kur.  natur- 
gemäss  unter  Anwendung  der  für  den  Einzelfall  geeigneten  rein  seelischen 
Massnahmen:  Isolierung,  Tage  hindurch  nur  einige  Tassen  Tee  mit  etwas 
Zucker,  bis  sich  starkes  Hungergefühl  einstellt,  dann  Abbruch  der  Diät  und 
Beginn  mit  jener  Speise,  die  vorher  am  allerwenigsten  vertragen  wurde. 
„Arzt  am  Krankenbett  und  Arzt  am  Obduktionstisch  sind  zwei  Berufe  und 
zwei  Menschen“.  Wenn  man  es  mit  dem  ersten  nur  ernst  nimmt,  wird  man 
Erfolge  haben,  wie  K.  auch  in  dieser  seiner  Abhandlung  wieder  beweist. 

Ernst  K  r  e  t  s  c  h  m  e  r  -  Tübingen:  Konstitution  und  Rasse. 

Zwischen  Konstitutionstypus  und  Rassetypus  besteht  nicht  nur  keine 
Identität,  sondern  eine  gewisse  Gegensätzlichkeit.  Die  Rasseforschung  geht 
von  den  lebenskräftigsten  Individuen  aus,  die  Konstitutionsforschung  von  den 
schwersten  Abweichungen.  Die  Radikale  der  Rasseforschung  sind  historische, 
die  der  Konstitutionsforschung  dagegen  physiologische.  Rasse-  und  Konsti¬ 
tutionstypen  können  sich  nicht  decken.  Das  hindert  aber  nicht,  dass  die 
Rassezüchtung,  die  bestimmte  Bestandteile  konstitutioneller  Gruppen  koppelt, 
so  wie  sie  am  besten  in  das  gegebene  Milieu  hineinpassen,  u.  U.  auch 
konstitutionell  mit  dem  Erstrebten  eng  verbundene  Elemente  mit  in  Kauf 
nehmen  muss,  die  den  Rassetypus  einem  Konstitutionstypus  annähern.  Bei 
kritischer  Betrachtung  scheint  so  die  Rassenlehre  schöne  Bestätigungen  der 
bisherigen  Ergebnisse  der  Konstitutionsforschung  zu  geben.  K.  erinnert  an 
die  mehr  schizothymen  Merkmale  der  schlank  gewachsenen  Norddeutschen 
gegenüber  den  mehr  zyklothymen  der  mehr  von  alpinen  Elementen  durch¬ 
setzten  Süddeutschen.  Aehnliche  Beziehungen  scheinen  weithin  zu  bestehen. 

Hans  W.  M  a  i  e  r  -  Zürich:  Ueber  einige  Arten  der  psychogenen  Mecha¬ 
nismen  (Katathymie,  Athymie,  Synthyinie). 

Neben  den  von  Maier  früher  als  katathym  herausgehobenen  psycho¬ 
genen  Mechanismen  kennzeichnet  er  jetzt  als  athymen  Mechanismus  das  Ge¬ 
schehen,  dass  ohne  Beteiligung  der  Affektivität  auf  psychogenem  Wege 
ehedem  organische  Störungen  festgehalten  werden  und  belegt  dies  mit  einigen 
Beispielen  aus  den  Folgeerscheinungen  der  Enzephalitis.  Ferner  ist  eine 
weitere  Art  des  Psychogenen  die  synthyme,  nämlich  das  plötzliche  Be¬ 
herrschtwerden  der  ganzen  Persönlichkeit  von  einem  ganz  nebensächlich 
ausgelösten  Affekt  unter  Ausschaltung  der  Assoziationsreihen  (z.  B.  psycho¬ 
gene  Erregungszustände  bei  organischen  Gehirnkrankheiten). 

Franziska  M  i  n  k  o  w  s  k  a  -  Paris:  Charakterologische  Probleme  im 
Lichte  psychiatrischer  und  genealogischer  Hereditätsiorschung  (mit  beson¬ 
derer  Berücksichtigung  der  Epileptoidie). 

M.  hat  die  schon  früher  von  ihr  beschriebene  Familie  ß.  nach  dem 
Kriege  weiter  verfolgt  und  kommt  zu  recht  interessanten  Ergebnissen.  Wenn 
Bleuler  sagt:  Der  Schizoide  spaltet  zu  viel,  der  Syntonc  tut  es  in  rich¬ 
tigem  Maasse,  der  Epileptiker  dagegen  nicht  genug,  so  findet  M.:  Das  Nicht- 
genugspalten,  das  Nichtsichgenugbewegen,  das  Konzentrieren  und  Ansam¬ 
meln  der  Affekte  geht  wie  ein  roter  Faden  durch  den  Werdegang  der  Familie 
B.,  die  von  einem  Epilektiper  stammt. 

Sophie  M  o  r  g  e  n  s  t  e  r  n  -  Zürich:  Beitrag  zur  Frage  des  Belladonna¬ 
delirs. 

Bei  zwei  in  wenigen  Jahren  beobachteten  Erkrankungen  fanden  sich 
eine  Reihe  gemeinsamer  Symptome:  plötzlicher  Ausbruch  mit  starker  Er¬ 
regung,  stürmischer  Verlauf,  tiefe  Verwirrtheit,  aus  der  heraus  vorüber¬ 
gehend' zusammenhängende  Antworten  erfolgen,  ängstliche  Ratlosigkeit,  Am¬ 
nesie,  das  Fehlen  von  Gehörshalluzinationen.  Bei  beiden  Kranken,  die  Son¬ 
derlinge  waren,  fand  sich  eine  katatoniforme  Kopfhaltung.  Der  Disposition 
im  Sinne  der  ererbten  Anlage  und  der  augenblicklichen  Faktoren  ist  eine  be¬ 
deutende  Rolle  zuzugestehen. 

Kurt  Schneider-Köln:  Die  Daseinsweisen  der  Hysterie. 

Was  man  bisher  als  „historischen  Charakter“  bezeichnet  hat.  möchte 
Sch.,  von  dem  Begriff  des  Hysterischen  abtrennen  und  bezeichnet  die  be¬ 
treffenden  Menschen  als  Geltungsbedürftige.  Auch  die  psychogenen  Psy¬ 
chosen  sollen  aus  dem  Bereiche  hysterischer  Störungen  ausgeschaltet  sein. 
Hysterisch  sind  nur  seelisch  entstandene  und  seelisch  festgehaltene  körper¬ 
liche  Funktionsstörungen,  die  unter  den  Formen  der  Reflexhysterie,  der  Aus¬ 
druckshysterie  und  der  Organhysterie  verlaufen  können. 

John  E.  S  t  a  e  h  e  1  i  n  -  Zürich:  Moralische  Oligophrenie  und  Schizoidie. 

Moralische  Oligophrenie  ist  kausal  oder  konditionell  an  die  schizoide 
Reaktionsweise  gebunden.  Syntone  Beimischungen  müssen  »die  moralische 
Oligophrenie  in  ihren  Auswirkungen  erheblich  verstärken.  „Reine"  Syn- 
tonie  und  moralische  Oligophrenie  schliessen  einander  aus. 


058 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRiF'l 


Nr.  29. 


Hans  Steck -Bois  de  Cery:  Neurologische  Untersuchungen  an  Schizo- 

°,r  Ausgedehnte  Untersuchungen  an  400  Schizophrenen  ergaben,  dass  sich 
ganz  allgemein  in  der  Katatoniegruppe  eine  Häufung  neurologischer  Sto¬ 
rungen  findet.  Von  einer  pathognomonischen  Reflexformel  kann  aber  nicht 
gesprochen  werden.  Eine  Reihe  der  gefundenen  Störungen,  vor  allem  Kata¬ 
lepsie  Akinese,  Hypcrkinese,  Rüsselreflcx  und  Salbengesicht  zeigen  Be¬ 
ziehungen  zu  den  striären  Störungen  und  weisen  auf  die  basalen  Hirn¬ 
ganglien  zurück.  Die  Störung  des  basalen  Hirnganglienapparates  kann 
sowohl  auf  physischem  als  auf  psychischem  Wege  bewirkt  werden. 

Ernest  W  e  n  g  e  r  -  Luxemburg:  Experimentelle  Untersuchungen  der 
Aufmerksamkeit  und  Auffassung  bei  psychisch  Kranken. 

Fortsetzung  der  Untersuchungen  Trübs  mit  Hilfe  des  Ran  sc  n- 
b  u  r  g  sehen  Mnemometers  ergaben  erneut  die  gute  Brauchbarkeit  des  Ver¬ 
fahrens.  Nur  sollte  die  Methode  noch  vereinfacht  werden.  Die  Senilen  ver¬ 
mögen  durch  Anspannung  ihrer  Aufmerksamkeit  die  Leistungen  ihrer  Auf¬ 
fassungsfähigkeit  nicht  qualitativ  zu  steigern.  Ihre  habituelle  Aufmerksam¬ 
keit  entspricht  ihrem  Auffassungsvermögen.  Mit  Hilfe  der  Methode  kann 
bei  organischen  Leiden  die  Besserung  ihrer  Auffassung  und  Aufmerksam¬ 
keit  objektiv  festgestellt  werden.  ...  ,  ,  .  „ 

Max  Wolfensberg  e-r-  Zürich:  Der  Alkoholwahnsinn  (akute  Hallu- 
zinose  der  Trinker)  und  seine  Beziehungen  zu  den  Schizophrenen.  (An  Hand 
der  Kasuistik  der  Züricher  Psychiatrischen  Klinik  1898  1921.) 

Von  16  beschriebenen  Fällen  erkrankten  später  10  an  ausgesprochener 
Schizophrenie.  Bei  zwei  männlichen  Kranken  bestand  später  ein  psycho- 
pathtischer  Zustand  mit  -schizophren  waranoiden  Symptomen.  Bei  einem 
weiteren  Fall  scheint  es  sich  ähnlich  verhalten  zu  haben.  Bei  einem 
Kranken  ergab  sich  zum  mindesten  der  Verdacht  auf  eine  schizophrene  Kom- 
ponente,  die  sich  aber  nicht  beweisen  Hess.  Ein  Krankheitsfall  betraf  einen 
Debilen  mit  paranoifortner  Disposition,  die  rein  katathym  sein  könnte.  Nur 
ein  Kranker  zeigte  nach  dem  Anfall  und  Heilung  vom  Alkoholismus  keine 
psychopathischen  Erscheinungen  mehr.  Doch  konnte  dieser  Fall  von  Anfang 
an  nicht  als  reiner  Alkoholwahnsinn  aufgefasst  werden.  Danach  kann  m  der 
weit  überwiegenden  Mehrzahl  der  Fälle  der  Alkoholwahnsinn  nur  als  Sym¬ 
ptombild  aufgefasst  werden,  und  zwar  als  Reaktion  eines  schizophrenen 
Gehirns  auf  eine  bestimmte  Art  der  Alkoholvergiftung.  Weitere  katamnesti- 
sche  Forschungen  an  einem  gut  untersuchten  grossen  Material  sind  nötig, 
um  nachzuweisen,  ob  es  auch  vorkommt,  dass  Nichtschizophrene  an  Alkohol¬ 
wahnsinn  erkranken  können.  _ 

Der  82.  Band  enthält  ausserdem  Arbeiten  von  Christoffel.  Koller. 
Ladatne.  L  a  u  b  i,  Maeder,  E.  Minkowski,  Rorschach,  Sigg. 
Storch,  Vera  und  C  h  a  r  1  o  t,  S  t  r  a  s  s  e  r,  Strömme,  die  für  kurze 
Referate  nicht  geeignet  sind.  Johannes  Lange-  München. 


Journal  für  Psychologie  und  Neurologie.  Band  29,  1922. 

A.  Knauer  und  E.  Enderlen:  Die  pathologische  Physiologie  der 
Hirnerschütterung  nebst  Bemerkungen  über  verwandte  Zustände.  (Mit 

8  Tafeln.)  „  , 

Die  Verfasser  haben  ausgedehnte  experimentelle  Untersuchungen  an  ver¬ 
schieden  präparierten  Hunden  angestellt,  denen  ein  Schlag  auf  den  Kopf  ver¬ 
setzt  wurde.  Nach  dem  Vorgang  Bergers  bedienten  sie  sich  hierbei  der 
Hirnvolumschreibung  in  Verbindung  mit  Registrierung  des  Blutdruckes.  In 
unmittelbarem  Anschluss  an  das  Kopftrauma  wurde  neben  einer  plötzlichen 
Abnahme  etwas  häufiger  eine  plötzliche  Zunahme  der  zerebralen  Blutmenge  be¬ 
obachtet.  Diese  Veränderungen  können  aber  nicht  als  wesentliche  Ursache 
des  klinischen  Bildes  der  Hirnerschütterung  angesprochen  werden,  wohl,  aber 
oft  als  wichtiger  unterstützender  Faktor.  Dagegen  sind  Späterscheinungen 
nach  Schädeltraumen,  ähnlich,  wie  das  R  i  c  k  e  r  annimmt,  mit  der  nach¬ 
weislichen  Abnahme  des  Vasomotorentonus  in  späteren  Stadien  in  Zu¬ 
sammenhang  zu  bringen.  Zur  Erklärung  der  eigentlichen  akuten  Commotio- 
erscheinungen  muss  notwendigerweise  eine  direkte  Schädigung  von  irgend¬ 
welchen  Hirnteilen  dazukommen.  Das  verlängerte  Mark  kann  nach  den  Ex¬ 
perimenten  der  Verff.  als  Ausgangsstelle  der  Erscheinungen  nicht  in  Betracht 
kommen  Dagegen  soll  dem  „Mittelhirn“  (gemeint  sind  offenbar  in  erster 
Linie  gewisse  Teile  des  Zwischenhirns,  Ref.)  ein  Anteil  an  der  Auslösung  der 
Reaktionslosigkeit  nach  Schädeltrauma  zukommen  können;  besonders  soll 
ferner  die  Hirnrinde  hier  in  Betracht  kommen,  von  der  die  Verf.  nachwiesen, 

•  dass  ihre  alkalische  Reaktion  wenige  Minuten  nach  schwerem  Schädeltrauma, 
ähnlich  wie  nach  Tötung  oder  völliger  Blutleere,  in  eine  leicht  sauere  Re¬ 
aktion  umschlägt.  Die  Commotioerscheinungen  sind  das  Resultat  verschie¬ 
dener  konkurrierender  Faktoren. 

E.  A.  Grünewald:  Studien  zur  pathologischen  Anatomie  der  „Lan- 
i  d  r  y  sehen  Paralyse“. 

Nach  einem  Ueberblick  über  die  Literatur  (40  Fälle  mit  Sektionsbefund) 
beschreibt  Verf.  einen  eigenen  Fall  von  L.  P.,  dessen  Nervensystem  mit  zahl¬ 
reichen  modernen  Methoden  untersucht  wurde.  Es  fanden  sich  erhebliche  Ver¬ 
änderungen  sowohl  an  den  peripheren  Nerven  (Myelinzerfall,  Wucherung  der 
Schwann  sehen  Zellen.  Lymphozyteninfiltrate)  als  auch  im  zentralen  Ner¬ 
vensystem,  und  zwar  nicht  nur  im  Rückenmark  und  verlängerten  Mark  son¬ 
dern  auch  im  Hirnstamm  und  sogar  in  der  Rinde  (Nervenzellenveränderungen. 
Gliaproliferation,  Markzerfall,  lokal  auch  als  sekundär  aufgefasste  Lympho¬ 
zyteninfiltrate  und  Nekrosen).  —  L.  P.  ist  ein  klinischer  Begriff;  mit  dieser 
Diagnose  ist  nichts  Bestimmtes  weder  über  die  Aetologie  noch  über  den  patho¬ 
logisch  anatomischen  Befund  gesagt.  Häufig  besteht  eine  weitgehende  Dis¬ 
krepanz  zwischen  klinischem  Verlauf  und  anatomischem  Befund. 

K.  Flick:  Ueber  die  physiologischen  Grundlagen  des  nach  A.  Leri 
benannten  Handvorderarmzeichens. 

Bei  der  Einrollung  der  Hand  entsteht  eine  Fluchtbewegung  in  der  Rich¬ 
tung  der  den  Schmerz  verursachenden  Kraft ;  welche  Muskelgruppen  dabei  be¬ 
teiligt  sind,  hängt  von  der  Gesamtsituation  ab.  Das  Leri  sehe  Phänomen 
kann  nicht  als  besonders  feines-  Reagens  bei  Pyramidenbahnstörungen  an¬ 
gesehen  werden. 

M,  Bielschowsky  und  B.  V  a  1  e  n  t  i  n:  Die  histologischen  Verände¬ 
rungen  in  durchfrorenen  Nervenstrecken. 

Trendelenburg  hat  die  lokale  Vereisung  von  Nerven  als  Methode 
der  Wahl  empfohlen,  da  wo  eine  temporäre  Unterbrechung  der  Leitung, 
sei  es  bei  Krampfzuständen  sei  es  bei  Neuralgien,  erzielt  werden  soll.  Die 
von  den  Verff.  durchgeführten  histologischen  Untersuchungen  an  einem  ex¬ 
perimentellen  Material  ergeben  neben  mehreren  theoretisch  sehr  interessanten 
Befunden  (Bedeutung  von  Kreislaufstörungen  für  Degeneration  und  Regenera¬ 
tion,  anfängliche  „Ueberneurotisierung“  der  Leitbänder  und  endliche  Rück¬ 


bildung  der  überzähligen  Kabel  etc.)  das  praktisch  wichtige  Ergebnis  dass 
die  Vereisung  tatsächlich  für  die  zeitweilige  Ausschaltung  peripherer  Nerven 
das  geeignetste  Verfahren  ist.  Nach  kurzer  einmaliger  Vereisung  geht  so  ziem¬ 
lich  das  gesamte  Fasernmaterial  zugrunde,  die  Regeneration  erfolgt  sicher  und 
relativ  rasch,  weil  die  von  zentral  vordringenden  Achsenfasern  im  ver¬ 
eisungsgebiet  keinen  mechanischen  Widerstand  zu  überwinden  haben  und] 
deshalb  leicht  in  die  distalwärts  anschliessende  Strecke  Vordringen  können. 
Dagegen  ist  bei  der  lokalen  Applikation  von  chemischen  Agentien.  wie  Alko¬ 
hol  oder  Ammoniak,  wegen  der  schwereren  Schädigung,  die  dadurch  gesetzt 
wird,  die  Aussicht  auf  eine  vollkommene  Wiederherstellung  der  Funktion  viel 
geringer. 

V.  Dumpert  und  K.  Flick:  Zur  Frage  der  Periostreflexe. 

Die  Verff.  schliesscn  sich  auf  Grund  einiger  Beobachtungen  der  An¬ 
sicht  P.  H  o  f  f  m  a  n  n  s  an,  der  die  Periostreflexe  mit  den  Sehnenreflexen  als  - 
..Eigenreflexe  der  Muskeln“  zusammenfasst.  Es  handelt  sich  um  identische 

Phänomene.  „  . 

Ramon  y  Cayal:  Studien  über  die  Sehrinde  der  Katze. 

Der  Altmeister  der  Neurohistologie  hat  sich  schon  vor  vielen  Jahren 
sehr  eingehend  mit  der  Sehrindc  bei  rieren  und  Menschen  befasst.  Seit  dieser  i 
Zeit  sind  über  dies  Gebiet  bemerkenswerte  Untersuchungen  von  einer  Reihe  ' 
namhafter  Autoren  vorgenommen  worden  (Campbell,  B  r  o  d  iti  a  n  n. 
Heil  sehen,  Minkowsky  u.  a.).  Wir  identifizieren  heute  die  Sehrinde, 
mit  der  Area  striata,  ln  den  vorliegenden  neuen  Untersuchungen  setzt  sich 
C  a  j  a  1  —  er  geht  in  denselben  von  den  Verhältnissen  bei  der  Katze  aus, 
zieht  aber  die  beim  Menschen  stets  zum  Vergleich  heran  auch  mit  jeneni 
Autoren  auseinander.  C  a  j  a  1  wendet  wie  jene  Autoren  die  üblichen  Me¬ 
thoden  der  Zyto-  (N  i  s  s  I  s  Methode)  und  der  Myelo-  (W  e  i  g  e  r  t  s  Me- 


Struktur,  der  Form  «der  Zellen  und  besonders  ihrer  Dendriten  und  Neuriten 
festzustellen,  welche  jene  Autoren  ohne  diese  Methode  nicht  sehen,  konnten. 
Pr  klimmt  aher  im  übrigen  zur  weitgehenden  Bestätigung  der  Ergebnisse 


Er  kommt  aber  im  übrigen  zur  weitgehenden  Bestätigung 
jener  Autoren.  Wie  B  r  o  d  m  a  n  n  unterscheidet  er  jetzt  (ausser  der  Mark¬ 
schicht)  6  Schichten  im  Rindengrau,  von  denen  die  4.  in  der  Sehrinde  bei 
der  Katze  in  2  Unterschichten  zerfällt  (beim  Menschen  sind  es  nach  Brotl-  i 
mann  3  Unterschichten);  die  obere  Unterschicht  ist  im  Golgibild  durch  uns 
Vorhandensein  einer  speziellen  Form  von  „Sternzellen“  mit  langem  Achsen¬ 
zylinder,  die  untere  durch  die  Gegenwart  von  Nervenzellen  mit  bogenförmig, 
sich  nach  oben  wendenden  Neuriten  ausgezeichnet.  In  dem  ausserdem  für  I 
die  Sehrinde  charakteristischen  Gennari  sehen  Streifen  sammeln  sich  die 
an  ihrem  stärkeren  Kaliber  und  an  ihrem  Verlauf  kenntlichen  reizzuführenden 
Fasern,  die  aus  dem  Corpus  geniculatum  externum  und  dem  optischen  Anteil 
des  Thalamus  stammen.  In  ernsten  Worten  beklagt  C  a  j  a  1  die  Vernach¬ 
lässigung  der  Golgimethode  in  der  jüngsten  Zeit. 

M.  Bielschowsky:  Familiäre  hypertrophische  Neuritis  und  Neuro¬ 
fibromatose.  .  .  , 

Unter  der  erstgenannten  Bezeichnung  ist  von  mehreren  französischen 
Autoren  eine  eigenartige  Erkrankung  (der  Name  Neuritis  ist  unzutreffend)  der 
peripheren  Nerven  beschrieben  worden.  Bielschowsky  weist  nach,  dass 
sowohl  makroskopisch  als  mikroskopisch  anatomisch  diese  Erkrankung  sich 
fast  vollkommen  deckt  mit  bestimmten  Formen  der  Recklinghausen- 
schen  Krankheit  (—  Neurofibromatose  oder  besser  mit  V  e  r  o  c  a  y  Neurino- 
matose).  Das  Wesentliche  bei  beiden  Krankheiten  ist  eine  blastomatöse 
Wucherung  der  Schwann  sehen  Scheidenzellen  mit  sekundärem  Zugrunde¬ 
gehen  und  darauf  folgender  Regeneration  der  Nervenfasern. 

Kürzere  Beiträge  von  Donath:  Ueber  das  Farbigriechen,  von  Krön:  Zur 
Klinik  der  Encephalitis  epidemica,  von  Dumpert:  Entgegnung  auf 
C.  Mayers  Bemerkungen  zu  meiner  Arbeit  über  den  Fingerdaumenreflex 
sind  hier  nicht  zu  referieren.  Hugo  Spatz. 


Archiv  Siir  experimentelle  Pathologie  und  Pharmakologie.  97.  lid., 

Heft  1 — 6.  Festschrift  für  H.  H.  Meye  r. 


A  ms  I  er- Riga:  Beiträge  zur  Pharmakologie  des  Gehirns. 

Arnstein  und  R  e  d  1  i  c  h  -  Wien:  Ueber  den  Einfluss  des  Adrenalins 
und  Ergotamins  auf  die  Diurese  beim  Blasenfistelhund. 

Adrenalin  und  Ergotamin  bewirken  deutliche  Hemmung  der  Wasser- 
und  Kochsalzdiurese,  die  aber  durch  osmotisch  kräftig  wirksame  Stoffe  wie 
Harnstoff  und  Glaubersalz  aufgehoben  wird.  Die  Hemmung  kommt  an¬ 
scheinend  dadurch  zustande,  dass  die  Gewebe  auf  mechanischem  Wege  oder 
durch  physikalisch-chetmische  Einflüsse  (Erhöhung  der  Quellbarkeit)  das 
ihnen  zugeführte  Wasser  festbalten. 

de  B  o  e  r  -  Amsterdam:  Die  lokale  Applikation  des  Strychnins  auf  das 
Rückenmark. 

M.  D  o  h  r  n  -  Berlin:  Ueber  die  pharmakologische  Wirkung  der  drei 
Stereoisomeren  des  Kampfers  und  einiger  Kainpferderlvate  auf  die  glatte 
Muskulatur. 

Die  3  Präparate  zeigten  die  gleiche  lähmende  Wirkung  auf  die  glatte 
Muskulatur. 

E  p  p  i  n  g  e  r  -  Wien:  Zur  Gallensäureausscheidung  bei  Zystlnurle. 

In  einem  schweren  Fall,  der  zur  Sektion  kam,  analysierte  Verf.  den 
Gallenblaseninhalt  und  fand,  dass  der  Zystinuriker  schwefelhaltige  Gallen¬ 
säure  ausscheidet  (wenn  auch  die  relative  Menge  der  Taiurocholsäure  etwas 
geringer  war),  trotzdem  die  Muttersubstanz  des  Taurins,  wie  v.  Berg¬ 
mann  nachgewiesen  hat,  das  Zystin  ist. 

P.  Freud- Wien:  Ueber  Verhinderung  der  entzündlichen  Reaktion 
nach  intramuskulärer  Neosalvarsanelnsprätzung.  .  ..  .  ] 

Neosalvarsan  kann  ohne  entzündliche  Reaktion  intramuskulär  injiziert  1 
werden,  wenn  es  geschützt  durch  gelösten  Gummi,  mit  einem  Anästhetikum  j 
eingespritzt  wird.  Das  Kolloid  unterstützt  letzteres  durch  Abhalten  der  I 
chemischen  Reize.  Die  klinische  Wirkung  ist  der  intravenösen  Einspritzung  , 
gleichwertig.  (Gebrauchsfertige  Ampullen  ä  5  ccm  zur  Lösung  des  Neo-1 
saivarsans  bei  der  „Pharmazeut.  Industrie  A.ü.  Wien“  unter  dem  Namen 
„Lyarsan“.) 

Fröhlich  und  Gussenbauer  -  Wien :  Die  Wirkung  der  Erd-  i 
alkalien  auf  das  Elektrogramm  normaler  und  oxalatvergifteter  Kaninchen. 

A.  Fuchs- Wien:  Analyse  der  Guanidinvergiftung  am  Säugetier. 

Experimentelle  Enzephalitis.  II.  Teil. 

Guanidin  erzeugt  bei  Katzen  typische  Enzephalitis,  die  sich  symptomato-  J 
logisch  und  klinisch  vollkommen  mit  dem  Krankheitsbilde  der  infektiösen  9 
Enzephalitis  des  Menschen  (E  c  o  n  o  m  o)  deckt.  Dasselbe  Symptombild  : 


Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


959 


nd  pathologisch-anatomische  Ergebnis  liefert  die  Fleischvergiftung  des 
ndes  mit  Eck  scher  Fistel.  Die  Annahme,  dass  die  Guanidintoxikose 
t  Tetanie  identisch  sei,  lässt  sich  nicht  mehr  aufrecht  erhalten. 

F  ii  h  n  e  r  -  Leipzig:  Die  Wirkungsstärke  von  Chloroform  und  Tctra- 

orkohlenstoff. 

G  o  1 1 1  i  e  b  -  Heidelberg:  Pharmakologische  Untersuchungen  über  die 
‘reoisomcrie  der  Kokaine. 

(i  r  o  s  s  m  a  n  n  -  Agram:  Chinin  und  Hämoklasic. 

Nach  intravenöser  Chinininjektion  fand  Verf.  bei  Lebergesunden  keine 
nderung  der  Leukozytenzahl,  manchmal  Leukozytose,  bei  Leberkranken 
gegen  stets  ausgesprochene  Leukopenie.  Er  nimmt  eine  Gefässwirkung 
is  Chinins  an.  lokale  üefässkontruktionen  der  Eingeweidegefüsse  mit 
nporärer  Zurückhaltung  der  weissen  Blutkörperchen,  wobei  der  Zustand 
r  Leber  von  ausschlaggebender  Bedeutung  ist. 

G  r  tt  n  w  a  I  d  -  Wien:  Ueber  Szillaren.  Nach  Versuchen  am  isolierten 
!  oschherzen. 

Die  Wirkung  des  Szillarens  fand  Verf.  der  des  Strophanthins  ähnlich: 
rlangsamung  der  Schlagfolge,  Ueberleitungsstörung,  schliesslich  Stillstand 
Mittelstellung.  Die  Szillarenwirkung  ist  nicht  durch  Sensibilisierung  des 
rzens  für  Kalk  oder  Kali  zu  erklären,  doch  besteht  anscheine -d  eine 

iiitität  zwischen  Kalk  und  Szillaren,  dadurch  Störung  des  lonengleich- 

I  wichts  zwischen  Kalk  und  Kali,  das  von  entscheidender  Bedeutung  für  das 
i  standekommen  der  Szillarenwirkung  ist.  Die  Annahme  Jennys,  dass 

gitalis  und  Szillaren  am  Froschherzen  nur  quantitativ  verschiedene 

irkung  haben,  trifft  nicht  zu. 

M  a  n  d  o  v  s  k  y  -  Göttingen :  Strophanthin  Wirkungen  am  Froschherzen 
iter  verschiedenen  Bedingungen. 

H  a  n  z  1  i  k  -  San  Francisco:  Experimental  plumbism  in  pigeons  from  the 

unlnistration  of  metalfic  lead. 

.1  o  a  c h  i  in  o  v  i  t  s  -  Wien:  Zur  Pliarmakologie  der  Uterusschleimhaut. 

Salizylsäure  und  Jodnatrium,  parenteral  oder  per  os  an  Mensch  und 
•r  (Hunden,  Kühen.  Stuten)  in  grösseren  Dosen  verabreicht,  gehen  in  ge¬ 
igen  Mengen  in  das  Uterussekret  über.  Möglicherweise  kann  damit  unter 
| wissen  Bedingungen  ein  therapeutischer  Effekt  (Sekretionsänderung)  er- 
icht  und  die  Wirkung  der  Salizylsäure  auf  den  Uterus  (Blutung,  Abort  in 
ühperioden)  erklärt  werden. 

R.  Kaufmann  und  C.  J.  R  o  t  h  b  e  r  g  e  r  -  Wien:  Ein  Fall  von  auri- 
ärer  Parasystolie  mit  einfachen,  zahlenmässigen  Beziehungen  zwischen 
1  rmal-  und  Extrareizrhythmus. 

E.  K  n  a  f  f  1  -  L  e  n  z  -  Wien :  Ueber  die  Kinetik  der  Esterspaltung  durch 

I  berlipase. 

K  ö  n  i  g  s  t  e  i  n  -  Wien:  Reaktionsunterschiede  zwischen  gefärbter  und 

i  gefärbter  Haut. 

Bei  perkutaner  Applikation  von  Jothionsalbe  und  bei  Ionto- 

I  >rese  mit  NaJ  scheiden  schwarze  Kaninchen  langsamer  das  Jod  im 
| eichel  aus  als  weisse,  der  schwarz-weisse  Hund  resorbierte  bei  Ver¬ 
ladung  schwarzer  Hautstellen  langsamer  als  bei  Benutzung  weisser.  Ent- 
ndung  der  Haut  beschleunigt  die  Resorption,  der  Zeitunterschied  bleibt 
i.'r  gewahrt.  Bei  subkutaner  Injektion  von  NaJ  war  es  umgekehrt, 

!i warze  Kaninchen  resorbierten  rascher.  Gescheckte  Tiere  zeigten  die 

liehen  Differenzen,  für  die  offenbar  die  Beschaffenheit  der  Haut  massgebend 

denn  bei  intravenöser  Injektion  verhielten  sich  schwarze  und  weisse 

:re  gleich. 

0.  Loewi  und  J.  Solti-Graz:  Ueber  die  Wirkung  von  Pilokarpin 
id  Atropin  auf  den  quergestreiften  Muskel. 

Mansfeld  und  Or'bän-Pest:  Ueber  die  Beziehungen  von  Schild- 

i  ise  und  Milz  zur  Blutbildung. 

Im  Blut  anämischer  Kaninchen  entstehen  serumaktive  Stoffe,  die  bei 
malen  Tieren  eine  Zunahme  von  0->-Ueberträgern  (Erythrozyten,  Hämo- 
' hin)  bewirken,  an  schilddrüsenlosen  Tieren  aber  wirkungslos  sind.  Bei 
■nlddrüsenlosen  anämischen  Tieren  bleibt  die  Bildung  dieser  Stoffe  aus. 
Izexstirpation  war  ohne  Einfluss  auf  diese  Beziehungen. 

Mautner  und  E.  P.  Pick -Wien:  Zur  Analyse  der  Gefässwirkung 
15  Pituitrins. 

H.  Molitor  und  E.  P.  Pick -Wien:  Die  Bedeutung  der  Leber  fiir 

:  Diurese. 

Aus  Versuchen  an  Hunden  mit  Eck  scher  Fistel  und  an  entleberten 
i  ischen  schliessen  die  Verfasser,  dass  die  Leber  eine  doppelte  Bedeutung 
i  die  Diurese  hat:  sie  regelt  auf  mehr  mechanischem  Wege  durch  venöse 
icrrvorrichtungen  Blutkonzentration  und  Wasserdiurese  und  scheint  auf 
•monalem  Wege  durch  Beeinflussung  des  Quellungszustandes  der  Gewebe 
;  scheidend  in  den  Stoffwechsel  des  Gesamtorganismus  einzugreifen. 

E.  N  e  u  b  a  u  e  r  -  Wien:  Beiträge  zur  Kenntnis  der  Gallensekretion. 

L.  Jacob-  Bremen. 

Klinische  Wochenschrift.  1923.  Nr.  26. 

Otfr.  M  ü  1 1  e  r  -  Tübingen:  Ergebnisse  der  Kapillarmikroskopie  am 
Inschen.  Uebersichtsaufsatz. 

K.  Gold  st  ein  und  W.  R  i  e  s  e  -  Frankfurt  a.  iM. :  Ueber  induzierte 
Wanderungen  des  Tonus  (Halsreflexe,  Labyrinthreflexe  und  ähnliche  Er- 

i  einungen). 

In  dieser  vorläufigen  Mitteilung  berichten  die  Verfasser  über  induzierte 
i.änderungen  des  Tonus  beim  normalen  Menschen.  Es  zeigte  sich,  dass 
■  Veränderung  der  Lage  bestimmter  Glieder,  im  besonderen  des  Kopfes, 
l  msveränderung  in  anderen  Gliedern  auftreten,  welche  zu  unwillkürlichen 
Regungen  derselben  führen.  Die  Bedingungen,  das  auslösende  Moment, 
.iraktcr  und  Typen  solcher  Bewegungen  werden  näher  analysiert. 

,  Elias  und  F.  Kornfeld  -  Wien:  Ueber  die  Wirkung  saurer 
isphatlösungen  bei  Tetanie. 

I  Die  Versuche  führten  zu  folgendem  Resultat:  Selbst  bei  Kranken,  die 
ge  anfallsfrei  geblieben  waren,  bewirkte  die  intravenöse  Injektion  von 
ren  Phosphatmengen  eine  Steigerung  der  elektrischen  Erregbarkeit  der 
ven  und  nach  einem  Intervall  von  ca.  2  Stunden  einen  langdauernden 
anieanfall.  Theorie  dieser  Wirkung.  Die  Versuche  zeigen  vor  allem,  dass 
h  saure  Phosphatlösungen  verschlimmernd  auf  den  tetanischen  Zustand 
>  ken  können.  Für  die  Entstehung  des  letzteren  kann  nicht  nur  eine 
.  kalose"  wesentlich  sein. 

Th.  Brugsch  und  Jul.  R  o  t  h  e  r  -  Berlin:  Ueber  die  Harnsäure  in  der 
■le.  3.  Mitteilung. 

Die  Ergebnisse  neuer  Untersuchungen  (Methodik  wird  mitgetcilt)  stehen 


mit  den  Schlussfolgerungen  von  Harpuder  im  Widerspruch.  Die  Harnsäure 
erweist  sich  tatsächlich  als  ein  regelmässiger  Bestandteil  der  Galle.  Die 
Lehre  der  Urikämie  kann  heute  also  ohne  Berücksichtigung  dieser  Tatsache 
nicht  mehr  erörtert  werden. 

W.  Jadassohn  und  H.  M  a  r  t  e  n  s  t  e  i  n  -  Breslau:  Ueber  die  Ah- 
scnwacliung  der  ruberkulinwirkung  durch  menschliches  Serum. 

Durch  vergleichende  Applikation  von  aktivem  Serum  plus  Tuberkulin 
und  inaktivem  Serum  plus  Tuberkulin  auf  die  Haut  Allergischer  gelang  es, 
eine  die  I  utberkulinwirkung  abschwächende,  nur  im  aktiven  Serum  wirksame 
Substanz  nn  menschlichen  Serum  nachzuweisen. 

....  iH-  D  ob  e  rt  -  Freiburg  i.  Br.:  Ueber  Blutregeneration  anämisierter 
''aUSfi  .  ..  .  ?*  1,11  Licht  und  unter  Einwirkung  künstlicher  Höhensonne. 

Akut  anamisierte  kleine  Versuchstiere  weisen  im  Dunkeln  eine  ver¬ 
zögerte  und  ungenügend  bleibende  Regeneration  des  Blutes  auf.  im  Dunkeln 
belassen  gehen  sie  an  Entkräftung  zugrunde.  Bei  normaler  Umgebung  im 
1  ageslicht  erfolgt  die  Regeneration  nach  bestimmt  bemessenem  Blutverlust 
*1.  13—11  Tagen-  unter  ultraviolettem  Licht  in  10—11  Tagen.  Für  eine 
günstige  Strahlenwirkung  ist  eine  Pause  von  4 — 5  Tagen  zwischen  den  Be¬ 
strahlungen  notig,  zu  kurze  Pausen  stören  den  Aufbau  des  Blutes.  Die 
ursprüngliche  Schädigung  der  Erythrozyten  durch  ultraviolette  Strahlen  wird 
günstig  aufgewogen  durch  die  folgende  Knochemnarksreizung  und  vermehrte 
Blutbildung. 

c  '*Y  ß  ] ^  h  e  i  m  e  r  -  Frankfurt  a.  M.:  Die  Quecksilberbehandluiig  der 
Encephalitis  lethargica. 

Nr  iV8°Ty;Uf  dem  35'  Kongress  für  innere  Medizin  1923;  s.  d.  Wschr. 

E.  G  r  a  f  e  -  Frankfurt  a.  M.:  Die  Netzhautveränderungen  bei  Diabetes. 
.  .  .erJ:  aP‘  Grund  eigener  Untersuchungen  bestätigen,  dass  die  Re¬ 

tinitis  diabetica  in  den  allermeisten  Fällen  eine  Hypertonie  zur  Voraus- 
Setzung  hat.  Der  feinere  Mechanismus  der  Einwirkung  der  Hypertonie  auf 
die  Netzhaut  ist  noch  nicht  klar  zu  erkennen. 

Fr.  Baur-St.  Blasien:  Die  Grundlagen  der  medizinischen  Klimatologie 

Letztere  muss  sich  entwickeln  aus  der  Reizwirkung  der  klimatischen 
Faktoren  auf  die  Abwehrvorrichtungen  und  die  Schonung  des  Energievorrats 
des  menschlichen  Organismus.  An  die  Stelle  der  bisherigen  Klimakennzeich¬ 
nung  durch  Mittel-  und  Extremwerte  muss  die  Darstellung  nach  Schwellen¬ 
werten  der  Reizgrössen,  der  Abkühlungsgrössen  und  der  zugehörigen  Zeit¬ 
dauern  treten. 

Leone  L  a  t  t  e  s  -  Modena:  Echte  Hämagglutination  und  Pseudoaggluti- 
nation  in  Bezug  auf  die  Bluttransfusion. 

„Verf.  weist  auf  Grund  eigener  Untersuchungen  auf  verschiedene  Fehler¬ 
quellen  hm,  welche  von  einigen  Autoren  bei  der  Deutung  der  einschlägigen 
Phänomene  nicht  genügend  berücksichtigt  worden  sind. 

M.  T  i  e  c  h  e  -  Zürich:  Zur  Pockenepidemie  in  der  Schweiz. 

Verf.  weist  nach,  dass  es  sich  bei  der  Ausbreitung  der  Pockenfälle  nicht 
um  eine  1921  aus  Frankfurt  nach  Basel  erfolgte  Einschleppung  handeln  kann. 

L.  Gozony:  Ueber  biologische  Zell  Veränderungen  bei  immunisierten 
Tieren. 

Kurze  wissenschaftliche  Mitteilung.  In  gewissen  Zellen  des  Organismus 
erfolgt  durch  die  Immunisierung  eine  Veränderung. 

W.  L  ehma  n  n -Göttingen:  Ueber  Slngultus  und  seine  Behandlung 

Kasuistische  Mitteilung. 

i,3'  0  h  9  e  -  Rostock :  Ein  Kokzidienbefund  (Isospora  hominis)  in  dem 

Stuhl  eines  deutschen  Kriegsteilnehmers  aus  der  Türkei. 

Grassmann  -  München. 

Deutsche  medizinische  Wochenschrift. 

Nr.  26.  G  o  1  d  s  c  h  e  i  d  e  r  -  Berlin:  Ueber  die 
Druckpunkte  (Nervenpunkte)  in  der  Pathologie. 

S.  Bericht  M.m.W.  1923  S.  756. 

I  e  11  m  a  n  n  -  Berlin:  Ueber  Nervenpunkte  bei  Normalen  und  Kranken. 

S.  BeVjcht  M.m.W.  1923  S.  756.  T.  fand  bei  fast  allen  Gesunden  (94  Proz). 
physiologische  Druckpunkte  als  Zeichen  einer  erhöhten  nervösen  Empfindung, 
zu  unterscheiden  von  den  pathologischen  Zeichen  einer  Neuralgie. 

A.  Bickel  und  T.  W  a  t  a  n  a  b  e  -  Berlin:  Vergleichende  Unter¬ 
suchungen  über  die  Wirkung  von  verschiedenen  Arzneimitteln  und  Mineral¬ 
salzen  auf  die  Abscheidung  der  Galle. 

In  Kürze:  Azethylcholin,  Atropin,  Adrenalin  unterbrechen  mehr  oder 
weniger  enei  gisch  den  üallenabfluss  ohne  nachfolgende  Steigerung.  Das 
Alexapm  bewirkt  eine  vermehrte  Absonderung  der  Galle  mit  geringerem 
1  rozentgehalt  an  festen  Substanzen;  Salzlösungen  15:300  (Quellsalz  der 
lomburger  Elisabethenquelle  und  der  Mondorfer  Quelle  bewirken  verminder¬ 
ten  Gallenabfluss  mit  erhöhtem  Prozentgehalt;  geringere  Konzentrationen  sind 
wirkungslos. 

K.  R  e  t  z  1  a  f  f  -  Berlin :  Zur  Pathologie  des  Ikterus. 

Zur  Frage  des  anhepatogenen  (hämolytischen)  Ikterus  nach  eigenen 

fremden  Untersuchungen. 

E.  Färber  und  D.  Latzky  -  Berlin;  Ueber  die  Behandlung 
Pyurie  im  Kindesalter.  S.  Bericht  der  M.m.W.  1923  S.  284. 

A.  N  u  s  s  b  a  u  in  -  Bonn :  Ueber  Osteochondritis  coxae  juvenilis  — 
Calve-Legg  -  Perthes. 

Nach  neueren  Untersuchungen  über  das  Leiden  dessen  klinische  Zeichen  N. 
naher  beschreibt  beruht  es  auf  einer  primären  Nekrose  des  knöckprnen 
Schenkelkopfes  mit  anschliesesnder  Störung  der  endochondralen  Ossifikation 
der  Epiphyse.  Daher  die  beste  Bezeichnung:  jugendliche  Gelenknekrose 
(Calve,  Leg?,  Perthes). 

V.  Weiss-Pest:  Solästhin  „Höchst“,  ein  neues  Betäubungsmittel. 

Das  Solästhin  erfüllt  im  allgemeinen  die  Indikationen  des  Chloräthyls 
und  ist  dabei  ungefährlich  und  wohlfeiler. 

L.  Z  w  e.  i  g  -  Dortmund:  Die  Behandlung  der  Syphilis  mit  kolloidalen 
Quecksilberpräparaten. 

Versuche  mit  dem  Kalomel-Diasporal  ergaben  befriedigende  Resultate 
bei  tertiärer  Syphilis  und  latenter  Syphilis  mit  positiver  Wa-Reaktion;  es 
scheint  hauptsächlich  für  die  Syphilis  des  Nervensystems,  der  Arterien  und 
einen  Teil  der  syphilitischen  Augenerkrankungen  in  Betracht  zu  kommen. 

V.  Nagel-Halle:  Argentocystol  zur  Behandlung  der  männlichen 
Gonorrhöe. 

Das  Argentocystol  ist  ein  gutes  Silbereiweisspräparat  von  verhältn-s- 
mässig  billigem  Preis. 

F.  K  o  n  r  i  c  h  -  Berlin:  Zum  färberischen  Nachweis  der  Tuberkelbazillen. 

Die  von  K.  angegebene  Natriumsulfit-Malachit-Methode  hat  sich  weiter 


Bedeutung  der  sensiblen 


und 


der 


960 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  29. 


bewährt  und  gibt,  verbunden  mit  der  Antiforminanreicherung,  zuverlässigere 
Resultate  als  die  Ziehl-Neels  e  n  sehe  Methode. 

E  n  g  e  1  en -Düsseldorf:  Zur  Prüfung  der  Szillawirkung. 

Nachweis  der  Szillawirkung  durch  Messung  der  Stärke  des  systolischen 
Herztones  mit  dem  Hock  sehen  Diffcrentislstethoskop.  .  . , 

R  Terbrüggcn-Frankfurt  a.  M.:  Ein  Fall  von  Ke.lbeinhuhlenelte- 
rtimr  gleichzeitig  ein  Beitrag  zur  unspezifischen  Protemkorpertherapie. 

Blfnck-  Potsdam:  Eine  einfache  Methode.  Warzen  schmerzlos  und 
erhebliche  Narbenbildung  zu  entfernen, 
nie  von  Bender  m  a  n  n  kürzlich  empfohlene  Gefriermethode  wird I  noch 
erleichtert  durch  vorherige  mehrmalige  Verwendung  von  lOproz.  -*>hz> 
säureguttaplast  oder  I  rikoplast.  ....  , 

R.  We  iss:  Mein  verbesserter  Ham°-Kalz,,%ere- r  g  e  a  t .  München. 


Medizinische  Klinik.  Heft  26. 

E.  W  o  s  s  i  d  I  o  -  Berlin:  Diagnose  und  Behandlung  der  Prostatahyper¬ 
trophie  bei  älteren  Leuten. 

K°fB  Im'iTg  eT^Wien:  Ueber  Kryptorchismus  und  Fehlwanderung  des 

H°deUnter  den  Fehlwanderungen,  die  zum  Unterschied  von  der  Retentio 
testis  selten  richtig  diagnostiziert  werden,  nimmt  die_ lnguinosuperfizieUe  eine 
beherrschende  Stellung  ein;  dabei  kann  der  Scheidenfortsatz  unverkürzt  st  . 
DiS  oÄe  Richügfagerung  ist.  auch  wenn  keine  Beschwerden  vorhegen, 
zu  empfehlen;  ihre  Aussichten  sind  günstiger  als  bei  der  entfachen  Zuruck 
lialtung  Da  die  Bewegungen  des  fehlgewanderten  Hodens  m  :P  -•  S 
Richtung  vor  sich  gehen,  so  erklärt  sich  die  leichte  Torsion.  Maligne  F.  t- 

T  U.b.r  orßauiscli  »ß- 

dingte  Ticks.  ..  .  . 

irii  ,K;“l;^pä?zL“F»ßeZ£  2wlschß»  Hyper- 

Au'^  (jrundHVdcrr,ß”na"uen  Beobachtungen  an  7  Fällen  kann  nntä.oAAcr 
Wahrscheinlichkeit  angenommen  werden,  dass  bei  akuten  diffusen  ' 

nephritiden  die  Hypertonie  und  Hyperglykämie  durch  dieselben  Faktoren 

hervorgerufe„mSind._soidin:  I)ie  Proteinkörpertherapie  mit  Novoprotln 

spezieH^be^m  JUlous  c U^ü b't’^ Cd e ren  'ütiu c h t s  p^nen 

ventriculi  durch  Novoprotin,  das  sich  auch  sonst  bei  einschlägigen  Fallen 

bewährt(jiat  h  ^  -  Frankfurt  a.  M.:  Spuman  liquid,  in  der  Oto-Rhinologle. 

7ur  Wund-  und  Schleimlfautbehandlung.  ....  .  .  . 

F.  R  o  h  r  -  Wilhelmshöhe:  Progressive  Muskeldystroplue  und  endokr  n 

DrUSMitteilung  .  eines  Falles,  wo  der  genannte  Zusammenhang  nahegelegen 
war  und  dessen  Symptome  durch  Organtherapic  gebessert  werden  konnten. 
W  Karo-  Berlin :  Ueber  Sulfoxylatsalvarsan  in  der  Urologie. 

In  10 — 100  fach  er  Verdünnung  örtlich  bei  unkomplizierter  Goik  r  ♦ 

auch  bei  Koliinfektionen  der  Hnniwegc.  .  „  • 

Beck-  Conradshöhe:  Die  Yatrenbehandliiiig  in  der  Unfallpraxis. 
Empfehlung  des  Yatrenverbandmull  bei  Verletzungswunden.  ... 

V.  K  a  f  k  a  -  Hamburg:  Die  Wassermann  sehe  Reaktion  der  Rtickei  - 

Mitteilung  legt  VC.  dar.  *»  .»uh.schei.lioh  Lipoide.  Mio» 

CS  nun  Reuktions-  oder  Zerfallsprodukte  seien  es  U  w  A  ^ e i  ,  u e s  s i n d 
tative  Veränderungen  dieser  Stoffe,  die  Ursache  der  WaR.  be  L  >cs  s nd, 
d  tss  sic  ferner  die  Labilisierung  und  Dispersitätsveranderung  der  Gtobulme 
bewirken  die  auch  durch  andere  Faktoren  wie  Lues  hervorgerufen  werden 

kiinnM.  Pawloff  und  B.  S  c  h  a  z  i  1 1  o  -  Charkow:  Ueber  die  Rolle  der 

^ * 6 * S Bei1* Ka nhtc  1  i e n" h at  da s  Steissdrüsenextrakt  eine  beschleunigende  Wirkung 

auf  die  Blutgerinnung.  c 

H.  E  n  g  e  1  -  Schöneberg;  Unfall  und  Hirnabszess. 


Amerikanische  Literatur. 


H.  R.  L  i  t  c  h  f  i  e  1  d  und  R.  P.  Har  d  m  a  n:  Saugbehandlung  bei  Kehl- 
konfdinlithcrie  (Jo-urn.  Am.  med.  Assoc.,  Chicago,  1923,  Nr.  8.) 

Dis  Verfahren  ist  folgendes:  Der  Kranke  wird  mit  einem  Verband  wie 
bei  der  Intubation  versehen.  Durch  ein  J  a  c  k  s  o  n  sches  Laryngoskop  wird 
die  Membran  und  der  Schleim  aspiriert  vermittelst  eines  Seiden- ÄJ^eht 
katheters,  welcher  mit  einer  Saugflasche  verbunden  ist.  Die  letztere  _  ® 
mit  einer  gewöhnlichen  elektrischen  Säugpumpe  in  Verbindung  Eine  grosse 
Anzahl  von  Fällen  wurde  auf  diese  Weise  erfolgreich  behandelt. 

Verfasser  kommen  zu  folgenden  Schlüssen:  1.  Ansaugung  ist  be.o 
angezeigt  in  Fällen,  die  eine  tiefliegende  Membran  aufweisen,  welche  weder 
durch  Intubation  noch  durch  Tracheotomie  erreicht  werden  kann  2.  Die 
laryngoskopische  Untersuchung  in  Verbindung  mit  Ansangung  kann  wen 
notwendig,  alle  sechs  oder  acht  Stunden  wiederholt  werden  V^cle  Falle 
werden  durch  eine  einmalige  Ansaugung  geheilt.  3 *n. 
die  Ansaugung  mit  der  Intubation  verbunden  wenden.  4.  Durch  die  An 
saugungsbeliandlung  wird  die  Rekonvaleszenzzeit  bedeutend  verkürzt.  5.  Die 
Sterblichkeit  wird  durch  diese  Behandlungsmethode  reduziert. 

W  J.  McNea!  und  G.  S.  Willis:  Hautkrebs  durch  Radmmwirkung. 

I  iniirn  Am  Med  Assoc.,  Chicago,  1923,  Nr.  8.) 

Der  Kranke  war,  ein  Arzt,  der  durch  öftere  Anwendung  des  Radmms 
als  Heilmittel  sich  eine  Krebsgeschwulst  am  Daumen  zuzog.  Die  Geschwulst 
nvmht.-  eine  Amnutation  des  Daumens  notwendig.  ... 

h>  ß  B  e  t  t  in  a  n  und  D.  M.  Blum:  Akute  Darmobstruktion  durch  An- 
häufung  von  Fäkalmassen  im  .Meckelsehen  Divertikel.  (Journ.  Am.  Med. 

ASS°DerC Kranke  war  ein  10  fahr.  Knabe.  Er  wurde  durch  eine  Operation 
geheilt  ln  der  Literatur  ist  kein  ähnlicher  Fall  bekannt  geworden.  _ 

A  F  Reith:  Wachstum  des  Pfeiffer  sehen  Bazillus  in  gemischten 
Kulturen  in  blutireien  Nährböden.  (Journ.  Infect.  Dis.,  Chicago,  1923.  Nr.  3.) 

Ein  typischer  indolbildender  Stamm  des  P  f  e  i  ff  e  r  sehen  Bazil  us  wurde 
durch  mehrere  aufeinanderfolgende  Generationen  in  einem  bl.utfreien  Nähr¬ 


boden  mit  dem  Staphylokokkus  und  dem  Bacillus  subti  is  kultiviert.  Die 
Substanzen,  die  zum  Wachstum  notwendig  sind,  sind  daher  ausserhalb  de> 
Blutes  erhältlich.  Vegetabilische  Extrakte  allein  waren  zum  Wachstum  des 
Pfeifferschen  Bazillus  in  reinen  oder  in  mit  Staphylokokken  gemischten 

Kulturen  nicht  hinreichend.  ...  „„  FipWrnfJo- 

R.  D.  F  o  r  b  e  s:  Behandlung  eines  Aortenaneurysmas  mit  tlektroivs« 

durch  eingeführten  Draht.  (Therap.  Gazette.  Detroit,  1923.  Nr  -.)  A. 

Der  Kranke  wies  die  Symptome  tertiärer  Syphilis  auf.  Das  Aneurysm., 
hatte  die  Form  eines  Sackes  und  die  zweite  und  dritte  Rippe  waren  in  hohtm 
Grade  erodiert.  Die  Schmerzen  wurden  vollständig  gehoben  mit  Elcktroly* 
durch  einen  eingeiührten  Draht,  so  dass  das  Leben  des  Kranken  ertraglcl 

^L'iiacht  wurdtji  o  ma  s;  Anhaltende  Leukozytose  in  den  Frühstadien  det 
Thromboangltis  obliterans.  (Am.  Journ.  Med.  Sciences,  I  hiladleplua,  193|| 

Nl  Bei  einem  Falle  von  Thromboangitis  obliterans  (B  u  e  r  ge  r  sehe  Krank- 
heit  Spontangangrän)  der  unteren  Extremität  wurde  eine  deutliche  anhaltendi 
Leukozytose  beobachtet.  Es  ist  wahrscheinlich,  dass  in  Frühstadien  dt4ei 
Krankheit  immer  eine  Leukozytose  auftritt,  was  zugunsten  der  An.  ich 
Buergers.  dass  der  Krankheitsprozess  infektiöser  Natur  sei.  spricht. 

J.Friedenwald  und  K.  H.  Tanne  ab  a  u  m:  Ein  Aneurysma  de; 
Arteria  hepatica.  (Am.  Journ.  Med.  Sciences.  Philadelphia.  1923.  Nr.  1.) 

Verfasser  berichten  über  einen  Fall  von  Aneurysma  der  Art  hepatica (  b»l 
einem  48  jähr.  Manne,  der  mit  Tod  endete.  Solche  Falle  sind  sehr  selten 
Nur  65  Fälle  sind  soweit  in  der  Literatur  bekannt  geworden.  Die  Diagnosi 
ist  schwierig.  Die  hauptsächlichsten  Symptome  sind  kolikartige  Schmerle! 
in  der  Gegend  der  Gallenblase,  Blutungen  und  Gelbsucht  und  zuweilen  en 
pulsierender  Tumor  mit  systolischem  Geräusche.  Unterbindung  der  Arierin 
hepatica  ist  die  einzige  rationelle  Behandlungsmethode. 

S.  M.  Lambert:  Kohlcnstofftetrachlorld  bei  der  Behandlung  dt 
llackenwurmkrankheit.  (Journ.  Am.  Med.  Assoc.,  Chicago.  1923.  Nr.  8.)  Gl 
Es  wurden  5U  000  Fälle  von  Hackenwurmkrankheit  mit  grossem  fcnol«  - 
mit  Kohlenstofftetrachlorid  behandelt.  3  Fälle  gingen  mit  I  od  ab.  der  abe 
einem  unreinen  Präparat  zugeschrieben  werden  muss.  nES:c1«L  pr°'  lrJ 
wendig,  dass  ein  reines  Produkt  verwendet  werde.  Die  Dosis  für  Erwach  en 

1  'wDhKx  ton:  Eine  einfache  und  schnelle  Probe  für  Elwelss  und  ander 
Harnnroteide.  (Journ.  Am.  med.  Assoc.,  Chicago,  1923  Nr.  < .)  II 

Das  Reagens  besteht  aus  einer  Lösung  5  proz.  Sulfosalizylsaure  un 
20  Proz.  Naitriumsulfat.  Der  grosse  Wert  dieser  Probe  besteht  darin,  das 
die  Trübung  der  Konzentration  des  Harneiweisses  direkt  proportioniert  is 
Das  Präparat  reagiert  nicht  auf  Basen,  Salze,  harzige  oder  andere  fietnfl 

ül  J.  T.  Case:  Pericarditis  calculosa.  (Journ.  Am.  Med.  Assoc.,  Chicagi 

1  ülber  einen  Pan  von  Pericarditis  calculosa  berichtet,  der  dtin 

die  Röntgenstrahlem  dign-ostiziert  wurde.  j 

I  W.  Jobling  und  L.  Arnold:  Bemerkungen  zur  Aetiologie  di 
Pellagra.  (Journ.  Am.  Med.  Assoc.,  Chicago,  1923,  Nr.  6.)  M 

In  den  Südstaaten  und  in  allen  warmen  Gegenden  bildet  eine  übermassij 
Menge  von  Kohlehydraten  die  Hauptnahrung  der  Bevölkerung  und  es  i 
wahrscheinlich,  dass  dieser  Umstand  eine  hervorragende  Rolle  in  der  Aeti 

1  " ""  RÜ 1 . 1  /V\' -i' f oV  ^Kreatinin  als  Test  der  Nierenfunktion.  (Journ.  Am.  Me 

A ^ S° Da V e r fahr e‘  n  ^  w  a  o  Ige  n  d  c  s :  Der  Kranke  trank  ein  Glas  Wasser  ui 
nach  einer  Stunde  wurde  der  Harn  untersucht.  Dann  wurde  dem  Krank 
i)5  g  Kreatinin  intravenös  eingespritzt  und  derselbe  trank  wieder  ein  G 
Wasser.  Nach  einer  Stunde  wurde  der  Harn  untersucht.  Hierauf  wurde  fei 
zweite  Einspritzung  von  Kreatinin  gemacht  und  der  Harn  untersucht.  L 
Resultate  waren  wie  folgt:  Bei  normalen  Personen  und  bei  Kranken,  welc 
an  verschiedenen  Krankheiten  ohne  Nierenläsionen  litten,  war  die  Bar 
ausscheidung  nach  einer  Injektion  von  0,5  g  Kreatinin  wahrend  einer  .  tun 
dreimal  grösser  als  während  der  Stunde  die  der  Injektion  voranging. 
Gesamtausscheidung  am  Ende  von  2  Stunden  war  fünfma  grosser  a  s  wahrc 
der  ersten  Stunde  vor  der  Injektion.  Bei  chronischer  Nierenentzündung  w 
die  Vermeidung  des  Harns  geringer  als  50  Proz.  ln  mehreren  Fallen  wur 
gar  keine  Erhöhung  der  Harnausscheidung  beobachtet. 

F.  H.  Falls:  Transfusion  von  Zitratblut  als  Behandlungsmethode  1 
Blutungen  von  Neugeborenen.  (Journ.  Am  Med  Assoc.,  Chicago  1923.  Nr 
Diese  Methode  bildet  eine  spezifische  Behandlungsform  bei  Blutung 
von  Neugeborenen.  Peripherische  Venen,  besonders  die  Vena  jugula 
externa,  sind  zu  diesem  Zwecke  am  besten  geeignet.  Diese  Methode 
gefahrloser  als  die  Einspritzung  von  Blut  in  den  Sinus  longitudinalis. 
Behandlungsform  kann  auch  angewandt  werden  bei  Kindern  mit  schwer 

Uterus  y  °']^rsu™n  t  h  ,  und  j  j  Short:  Die  spontanen  Veränderunt 

des  Blutdrucks  und  die  Wirkungen  der  Diät  aul  hohen  Blutdruck  mit 
soliderer  Hinsicht  auf  Natriumchlorid.  (Am.  Journ.  Med.  Sciences.  I  hiladelpt 

Spontane  Veränderungen  des  Blutdruckes  kommen  bei  allen  Individi 
vor.  ln  Fällen  von  Hypertension  findet  gewöhnlich  eine  grosse  Verminder 
des  arteriellen  Druckes  während  Perioden  geistiger  und  physischer  i 
pression  statt.  Diese  Veränderlichkeit  des  Blutdruckes  hat  hinsichtlich  1 
Wirkungen  der  Diät,  der  Heilmittel  usw.  auf  den  arteriellen  Druck  ke 
genügende  Beachtung  gefunden.  Proteinnahrung  erhöht  den  Blutdruck  tml 
Stärkenahrung  kann  den  Blutdruck  indirekt  erhöhen,  so  dass  Fettsucht  t| 
setzt  Die  Literatur  liefert  keine  bestimmten  Angaben,  dass  Natriumüiltl 
den  Blutdruck  erhöht.  Die  Menge  der  Blutclilondc  steht  in  keinem  Verhal  l 
zum  Blutdruck.  In  einer  Anzahl  von  Experimenten  vermochte  die  FinnaD 
von  10  g  Kochsalz  den  Blutdruck  bei  Hypcrtension  nicht  zu  erhöhen, 

C  M  Picrsol  und  H.  L.  Bockus:  Untersuchungen  über  die  du 
nichtchirurgische  Drainage  gewonnene  Galle  mit  besonderer  Hinsicht  auf  <1 
Bakteriologie.  (Am.  Journ.  Med.  Sciences,  Philadelphia,  1923,  Nr.  4.)  1 

Lyon  beschrieb  ein  Verfahren,  nach  welchem  frische  paUe  vcrrrnttl 
des  Duodenalschlauches  gewonnen  werden  kann.  Verf.  hat  diese  Mc 
nachgeprüft  und  findet,  dass  dieses  Verfahren  klinischen  Wert  hat.  Kr  gD  « 
dass  die  auf  solche  Weise  erhaltene  Galle  direkt  von  den  O alle n gän K en ^ I 
der  Gallenblase  herrührc.  Krankheiten  der  Gallenblase  ind  der  Gal deiiga _ 
können  auf  diese  Weise  durch  mikroskopische  und  bakteriologische  Un 


20.  Juli  1923. _  _  MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


>uchutiK  der  Galle  diagnostiziert  werden.  Die  bakteriologische  Untersuchung 
ist  schwierig  und  zeitraubend,  aber  von  grossem  Wiert  für  die  Therapie. 

G.  W.  Hall:  Diabetes  insipidus.  Bericht  über  einen  Fall,  der  nach 
„pidemischer  Enzephalitis  mit  mächtiger  Polyurie  auftrat.  (Am.  Journ.  Med. 
Sciences,  Philadelphia,  1923,  Nr.  4.) 

Der  Fall  konnte  durch  intraspinale  Einspritzung  von  Pituitrin  nur  temporär 

>eeinflusst  werden. 

W.  B.  Cadwalader  und  J.  W.  Mc  Gönne  11:  Die  Bedeutung  der 
Reihenfolge  und  des  Entwicklungsmodus  der  Symptome  als  Hilfsmittel  bei  der 
Diagnose  der  multiplen  Sklerose  in  ihren  Friihstadien.  (Am.  Journ.  Med. 
Sciences,  Philadelphia,  1923,  Nr.  3.) 

Beobachtungen  an  6  praktischen  Fällen  führen  Verfasser  zu  folgenden 
Schlüssen:  Die  Reihenfolge,  die  Entwicklungsart  und  die  Kombination  der 
Symptome  sind  von  grösserer  Wichtigkeit  als  die  individuellen  Erscheinungen. 
Jeberdies  deutet  das  Vorkommen  von  Gehirnsymptomen  (besonders  Stammeln 
ind  Nystagmus)  allein  oder  nach  Rückenmarkssymptomen,  oder  umgekehrt, 
Rückenmarkssymptome  nach  zerebralen  Erscheinungen,  mit  grosser  Wahr¬ 
scheinlichkeit  auf  einen  disseminierten  pathologischen  Prozess  hin.  Wenn 
rühere  Remissionen  oder  Unterbrechung  des  Prozesses  im  Frühstadium  mit 
lachfolgendem  progressiven  Verlauf  nachgewiesen  werden  können,  kann  die 
Natur  der  Krankheit  mit  ziemlicher  Sicherheit  festgestellt  werden.  Mit  Aus- 
uihme  der  Syphilis  zeigt  keine  andere  subakute  oder  chronische  Krankheit 
iieses  remittierende  Bild  so  beständig  wie  multiple  Sklerose. 

E.  P.  R  ic  ha  r  so  n:  Vergleichswerte  der  chirurgischen  und  der  Röntgen- 
ichandlung  des  Hyperthyreoidismus.  (Journ.  Am.  Med.  Assoc.,  Chicago,  1923, 
4r.  12.) 

Partielle  Thyreoidektomie  ist  wirkungsvoller  qls  die  Röntgenstrahlen  bei 
ler  Behandlung  des  exophthalmischen  Kropfes,  ln  gewissen  Fällen  sind  die 
Röntgenstrahlen  von  Wert,  wenn'  aber  nach  viermonatiger  Behandlung 
4  Applikationen)  keine  Besserung  eintritt,  sollte  zur  Operation  geschritten 

werden. 

C.  S.  W  i  1 1  i  a  m  s  o  n:  Experimentelle  Erzeugung  peptischer  Geschwüre. 
Annals  of  Surgery,  Philadelphia,  1923,  Nr.  4.) 

Es  wurde  eine  Methode  ausgearbeitet,  nach  welcher  es  möglich  war,  die 
Sekretionen,  welche  den  Magensaft  bei  seinem  Austritt  aus  dem  Magen 
leutralisieren,  nach  einem  anderen,  von  der  Säurequelle  entfernten  Darmteil 
ibzuleiten.  Unter  solchen  Verhältnissen  entwickelten  sich  in  der  Darm- 
nukosa  nächst  der  Magenschleimhaut  typische  chronische  peptische  üe- 
ichwüre,  welche  den  Geschwüren,  die  beim  Menschen  Vorkommen,  patho- 
ogisch  ganz  ähnlich  waren.  A.  Alleman  n. 


Auswärtige  Briefe. 

Berliner  Briefe. 

(Eigener  Bericht.) 

Der  Schiedsspruch  im  Streit  mit  den  Krankenkassen.  —  Der  vertraglose 

lustand. 

Der  Schiedsspruch,  der  für  die  Gestaltung  der  kassenärztlichen  Be¬ 
lebungen  von  entscheidender  Bedeutung  sein  musste,  ist  am  1U.  Juli  gefällt 
vorden.  Er  entspricht  in  keiner  Weise  den  gestellten  Forderungen.  Das 
ür  die  erste  Julihälfte  bewilligte  Honorar  entspricht  ungefähr  dem  dritten 
feil  des  auf  Grund  der  allgemeinen  Lohn-  und  Preissteigerungen  Verlangten; 
iir  die  zweite  Hälfte  des  Juli  sollte  ein  neues  Schiedsgericht  nach  der  dann 
leitenden  Indexzahl  das  Honorar  festsetzen.  Eine  wertbeständige  Errechnung 
vurde  vorläufig  abgelehnt,  weil  erst  das  Ergebnis  der  Bemühungen  um  wert- 
»eständige  Arbeitslöhne  abgewartet  werden  solle.  Der  20  proz.  Zuschlag  iür 
ieruisunkosten  wurde  abgelehnt;  betreffs  der  Epidemieklausei  wurde  nur 
lie  Bemerkung  ins  Protokoll  aufgenornmen,  dass  die  Honorare  nicht  für  Epi- 
lemiezeiten  gelten.  Das  Ergebnis  war  also  teils  ein  ablehnendes,  teils  eine 
ortsetzung  der  bisherigen  Verschleppungstaktik.  Damit  war  die  Kugel  ins 
Jollen  gekommen.  Gemäss  dem  in  der  letzten  Mitgliederversammlung  der 
.Wirtschaftlichen  Abteilung“  gefassten  Beschluss  wurde  eine  neue  Mit- 
Jiedcrversammlung  für  den  13.  Juli  einberufen,  in  der  über  die  Stellung¬ 
ahme  der  Aerzteschaft  Beschluss  gefasst  werden  sollte.  Diese  Versammlung, 
lie  trotz  der  glühenden  Hitze  und  der  weiten  Entfernung  ausserordentlich 
tark  besucht  war,  verlief  sehr  kurz  und  sehr  würdig.  Nach  dem  Bericht 
her  die  Schiedsgerichtsverhandlungen  und  nach  Darlegung  der  durch  das 
'rteil  für  uns  gebotenen  Folgerungen  wurde  debattelos  und  fast  einstimmig 
er  Antrag  des  Vorstandes  angenommen:  Falls  nicht  bis  zum  28.  Juli  Sicher¬ 
eiten  dafür  gegeben  seien,  dass  in  Zukunft  dem  gesunkenen  Geldwert  ent- 
prechende  Honorare  gewährleistet  werden,  so  muss  der  Vorstand  den  Ver- 
rag  zum  1.  August  fristlos  kündigen.  Nach  Annahme  dieses  Antrages  be- 
lächtigte  sich  der  Versammlung  ein  Gefühl  der  Befreiung.  Die  Unzufrieden¬ 
em  in  den  Kreisen  der  Kassenärzte  hatte  einen  Grad  erreicht,  der  kaum 
lehr  steigerungsfähig  war.  Eine  völlig  unzureichende  Entlohnung,  die  hinter 
cn  Arbeiterlöhnen  weit  zuriickblieb  und  für  die  bescheidensten  Lebens- 
nspritche  nicht  ausreichte,  und  die  Auszahlung  dieser  Entlohnung  zu  einer 
eit.  wo  sie  kaum  noch  die  halbe  Kaufkraft  hatte,  dazu  eine  verantwortungs- 
olle  Tätigkeit,  hatten  eine  Erbitterung  hervorgerufen,  die  bei  Fortdauer 
ieser  Zustände  mit  unfehlbarer  Sicherheit  zum  Bruch  und  zum  Kampf 
rängen  musste.  Wohl  hatten  vorsichtige  und  besonnene  Elemente  im 
orstande,  die  die  Gefahren  eines  jeden  Kampfes  sehr  wohl  kannten,  so  lauge 
ie  möglich  den  Kampf  zu  vermeiden  gesucht  und  waren  bis  zur  äussersten 
uenze  der  Geduld  gegangen,  aber  auch  sie  rieten  jetzt  zum  Kampf;  und  ein 
erstand,  der  dieser  Stimmung  der  Mitglieder  nicht  Rechnung  trüge,  hätte 
uch  am  gleichen  Tage  aufhören  müssen,  Vorstand  zu  sein.  Nachdem  der 
ieschluss  gefasst  war,  kam  noch  ein  Kollege  zum  Wort,  der  itu  Namen  und 
n  Aufträge  der  kommunistischen  Aerzte  und  auch  der  kommunistischen 
assenvertreter  erklärte,  dass  ihre  Sympathien  durchaus  auf  seiten  der  Aerzt« 
eien,  deren  Standpunkt  sie  würdigen  und  deren  Bestrebungen  sie  in  jeder 
Veise  zu  unterstützen  bereit  seien.  Er  empfahl  aber  auch,  dass  mit  dem 
ikrafttreten  des  vertraglosen  Zustandes  die  Aerzte  sich  nicht  damit  begnügen 
"Ilten,  die  sie  ansuchenden  Kranken  über  den  Stand  der  Dinge  zu  belehren, 
enn  diese  wollen  Hilfe  und  nicht  Belehrung,  sondern  sich  in  grossen  Ver- 
ammlungen  an  die  Masse  der  Kassenmitglieder  zu  wenden;  auch  hierfür 
•  ie  für  die  Beschaffung  geeigneter  Lokale  sagte  er  die  Hilfe  seiner  Partei  zu. 
Hese  Erklärungen  wurden  mit  grossem  Beifall  aufgenommen,  brachten  aber 


961 


doch  einen  kleinen  politischen  Beigeschmack  in  die  Angelegenheit.  Dem 
wusste  der  Vorsitzende  sehr  geschickt  zu  begegnen,  indem  er  mit  dem 
Dank  für  die  Mitteilungen  des  Kollegen  die  Zuversicht  aussprach,  dass  auch 
die  anderen  politischen  Parteien  für  die  Bestrebungen  der  Aerzte  Verständnis 
und  Sympathie  beweisen  würden. 

In  dem  Beschluss  der  Versammlung  ist  die  Kündigung  noch  nicht  be¬ 
dingungslos  ausgesprochen;  es  ist  den  Kassen  noch  die  Möglichkeit  zum 
Emlenken  offen  gelassen.  Aber  wer  ihre  Ziele  und  ihre  Pläne  kennt,  weiss, 
dass  es  fast  ausgeschlossen  ist,  dass  sie  diese  Brücke  betreten  werden-  der 
Kampf  wird  also  unvermeidlich  sein.  Damit  hat  der  Vorstand  der  „Wirt¬ 
schaftlichen  Abteilung  gerechnet  und  bereits  alle  organisatorischen  Vorberei¬ 
tungen  getroffen.  Er  weiss  aber  auch,  dass  zum  Kriegführen  Geld.  Geld  und 
nochmals  Geld  gehört.  Das  ist  fürs  erste  vorhanden  durch  einen  im 
vorigen  Jahre  geschaffenen  Fonds  für  aussergewöhnlichc  Bedürfnisse  und 
wird  und  muss  weiterhin  beschafft  werden.  Bereits  nach  der  Mitglieder¬ 
versammlung  wurden  Listen  aufgelegt,  in  denen  sofort  namhafte  Beträge 
gezeichnet  wurden.  Die  Aerzteschaft  weiss,  dass  es  sich  um  ihre  Existenz 
handelt  und  nicht  nur  um  die  Existenz  der  Berliner  Aerzte.  die  hier  auf  einem 
vorgeschobenen  Posten  für  dei  Gesamtheit  ihrer  Berufsgenossen  stehen. 
Ein  Appell  an  ihre  Opferwifligkeit  wird  nicht  ungehört  verhallen.  M.  K. 


Vereins-  und  Kongressberichte. 

8.  Tagung  der  Vereinigung  bayerischer  Chirurgen 

am  7.  Juli  1923  in  München. 

I.  Hauptgegenstand:  Das  Karzinom,  insbesondere  Diagnostik  und  Thera¬ 
pie,  mit  Ausschluss  der  Strahlenbehandlung. 

Der  Vorsitzende,  Geh.  R.  König-  Würzburg  überblickt  das,  was  man 
als  gesicherte  Heilerfolge  der  neuzeitlichen  operativen  Chirurgie  betrachten 
darf.  Es  steht  fest,  dass  mit  dem  Messer  auch  „Ueberdauerheilungen“  er¬ 
zielt  werden.  Die  Operabilität  der  Karzinome  hat  sich  gebessert:  die  in 
der  Würzburger  Klinik  zugehenden  Lippen-  und  Zungenkarzinome  z.  B. 
waren  alle  operabel.  An  Rezidivoperationen,  auch  wiederholte,  sollte  man  im 
allgemeinen  etwas  herzhafter  herangehen.  Bei  den  Karzinomoperationen  ist 
sorgfältigste  Technik  geboten.  Die  Diagnostik  in  der  allgemeinen  Praxis 
isit  möglichst  zu  fördern. 

H  a  g  e  m  a  n  n  -  Würzburg  gibt  eine  statistische  Uebersicht  über  die 
operative  Krebsheilung  an  verschiedenen  Kliniken.  Im  ganzen  ist  eine  Ab¬ 
nahme  der  Mortalität  und  Zunahme  der  Heilungen  in  den  letzten  Jahr¬ 
zehnten  festzustellen. 

M  e  r  t  e  n  s  -  München  hat  einen  Schimmel  mit  grossem,  jauchendem 
Melanosarkom,  das  von  der  Schwanzdrüse  aus  um  den  Anus  und  die  Geni¬ 
talien  herumwucherte,  mit  subkutanen  Einspritzungen  aufgeschwemmter  Ge¬ 
schwulstzellen  behandelt  mit  dem  Erfolg,  dass  die  Geschwüre  sich  reinigten, 
die  Geschwulst  kleiner,  beweglicher,  operabler  wurde,  auch  Metastasen 
schwanden. 

H  ä  b  1  e  r  -  Würzburg  betrachtet  die  Vorläuferkrankheiten  des  Karzinoms 
an  Hand  der  Würzburger  Krankenmenge.  Wenn  ein  präkanzeröses  Stadium 
in  einem  durch  chronische  Reize  veränderten  Gewebe  für  viele  Fälle  zwar 
angenommen  werden  kann,  so  ist  es  doch  —  im  Gegensatz  zum  Mäuseteer¬ 
karzinom  —  keineswegs  notwendig.  Ulcuskarzinome  des  Magens  wurden 
2  Proz.  beobachtet,  aus  gutartigen  Verhärtungen  entstandene  Mamma¬ 
karzinome  ebenfalls  2  Proz. 

Aussprache  über  Karzinom: 

K  r  e  c  k  e  -  München  ist  seinen'.  Dauerheilungen  aus  den  letzten 
30  Jahren  nachgegangen  und  zeigt  sehr  schöne  Erfolge  an  verschiedenen 
Kranken  (Magen-,  Mastdarm-,  Dickdarmkarzinom  u.  a.). 

v.  Habere  r  -  Innsbruck  zeigt  an  verschiedenen  Krankengeschichten, 
wie  man  manchen  zunächst  inoperabel  aussehenden  oder  von  anderer  Seite 
unvollkommen  operierten,  sowie  rezidivierenden  Karzinomen  doch  noch  er¬ 
folgreich  beikommen  kann,  nötigenfalls  durch  mehrere  Nachoperationen. 

v.  E  i  s  e  1  s  b  e  r  g  -  Wien  berichtet  über  Verknöcherungen  in  Laparo- 
tomiennai ben,  die  leicht  für  Karzinomknoten  bzw.  Rezidive  gehalten  werden 
können. 

S  a  u  e  rb  r  u  c  h  -  München  ist  grundsätzlich  für  radikales  Operieren  und 
Wiederangreifen  der  Rezidive;  gerade  bei  alten  Leuten  bewährt  sich  dies, 
während  kleine  Karzinome  junger  Menschen  trotz  gründlichster  Entfernung 
sehr  schlechte  Aussichten  bieten.  Die  Karzinome  sind  übrigens,  im  ganzen 
betrachtet,  an  verschiedenen  Orten  ganz  verschieden  geartet,  hier  z.  B.  viel 
schlechter  als  in  Zürich.  Beim  Mammakarzinom  kann  man  selbst  Knochen¬ 
metastasen  erfolgreich  angreifen  bei  entsprechender  Lage  (Sternum).  Seit 
längerer  Zeit  bewährt  sich  das  Wegbrennen  solcher  Karzinome,  die  wegen 
'ihrer  Ausdehnung,  ihres  Sitzes,  des  Alters  des  Kranken  der  blutigen  Opera¬ 
tion  mit  dem  Messer  nicht  mehr  zugänglich  sind,  mit  dem  im  Holzkohlen¬ 
feuer  zur  Rot  glut  (nicht  Weiss  glut)  gebrachten  Lötkolbeneisen.  Vor¬ 
führung  Kranker,  deren  ausgedehnte  Gesichtskrebse  so  behandelt  sind,  mit 
bereits  längerem  Dauererfolge.  Kleinere  IRczidivknoten  werden  erneut  ge¬ 
brannt.  Schliesslich  Hautlappendeckung  der  entstandenen  Höhlen.  (Kran¬ 
kenvorführung.) 

Graser  -  Erlangen  hat  die  Erfahrung  gemacht,  dass  gerade  solche 
Kranke,  die  schon  seit  Jahren  ein  vernachlässigtes  Karzinom  tragen,  oft 
bessere  Heilungsaussichten  bieten,  weil  eben  nur  weniger  bösartige  Tumoren 
so  langsam  wachsen.  Beim  Rektumkarzinom  lässt  sich  die  Operabilität  bei 
der  Untersuchung  in  Narkose  noch  keineswegs  Voraussagen;  bei  entsprechen¬ 
der  Technik,  schrittweiser  Mobilisierung  und  kräftigem,  aber  vorsichtigem 
Zug  abwärts,  lässt  sich  manches  an  der  Grenze  der  Operabilität  stehende 
Karzinom  noch  herabliolen.  Die  grundsätzliche  Anlegung  eines  Kunstafters 
ist  nicht  nötig;  nur  bei  Ileus  ist  sie  geboten. 

König-  Würzburg  legt  doch  lieber  zur  Entlastung  des  Operationsge¬ 
bietes  einen  Anus  praeternat.  an. 

H  ö  1  z  e  1- Würzburg  hat  verschiedene  der  neuen  Elbcrfelder  Versuchs¬ 
sera  diagnostisch  angewendet.  Die  Reaktionen  waren  zu  unsicher,  um  in 
zweifelhaften  Fällen  den  Ausschlag  geben  zu  können. 

E  n  d  e  r  1  e  n  ist  auch  vom  Serum  noch  nicht  befriedigt.  Rezidiv¬ 
operationen  bei  Brustkrebskranken  unter  40  Jahren  geben  schlechte  Aussicht. 

Th.  B  r  u  n  n  e  r  -  München:  Dauererfolge  von  Schädelplastiken  bei  Hirn¬ 
verletzungen. 


%2 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  39. 


Vortr.  berichtet  über  131  Plastikfälle  aus  I  s  s  e  r  1  i  n  s  Abteilung  fm 
hirnverletztc  Kriegsbeschädigte  am  Krankenhaus  Schwabing.  Unter 
94  Kriegsschussverletzten  mit  plastischer  Deckung  der  Lucke  des  Sclmdel- 
daches  58  Proz.  Epileptiker,  deren  Zahl  bei  längerer  Beobachtung  noch  hoher 
sein  dürfte,  gegen  37  Proz.  unter  426  Lückenträgern  “"d  40-50 
den  etwa  1600  Hirnverletzten  Isserlins  überhaupt.  Bei  23  FettplastiKen 
(teilweise  mit  Faszien-  und  Knochenplastik  verbunden)  bestenfalls  4  günstige. 

2  fragliche.  14  ungünstige  Ergebnisse.  In  8  Fällen  1  epileptischer  Anfall 
im  Anschluss  an  die  Plastik.  4  Todesfälle,  die  teilweise  nach  Jahren  noch 
in  einem  gewissen  Zusammenhang  mit  der  Operation  stehen.  Zurückhaltung 
mit  plastischen  Operationen  am  Hirnschädel  bei  Kriegsschussverletzten  wir 
daher  empfohlen.  (Selbstbench  .) 

Aussprache:  v.  Eiseisberg  ist  auch  von  der  freien  Knochen¬ 
transplantation  aus  der  Tibia  mehr  und  mehr  abgekommen.  ste, Rebusse 
soll  man  entfernen,  wenn  sie  ohne  grössere  Schwierigkeiten  (Röntgen¬ 
kontrolle!)  und  Gefahren  erreichbar  sind. 

P  e  r  t  h  e  s  -  Tübingen:  Beitrag  zur  Visierlappenplastik. 

Die  Visierlappenplastik  sollte  viel  häufiger  angewendet  werden.  Die  Er¬ 
nährungsstörung  der  üewebe  nach  Röntgentherapie,  selbst  im  Knochen  vor- 
kommend.  ist  bei  der  Plastik  hinderlich. 

v.  Eiseisberg  schätzt  die  Visierlappenplastik  besonders  nach  Opera¬ 
tion  des  Unterlippenkarzinoms. 

W  y  m  e  r  -  München:  Zur  plastischen  Korrektur  abstehender  Ohren. 

Es  handelt  sich  meist  um  schlechte  Ausbildung  des  Antihelix,  der  des¬ 
halb  aus  der  Muschel  plastisch  gebildet  wird.  Beschreibung  des  Verfahrens. 

Haecker  -  Augsburg  wendet  ein  abgeändertes  Verfahren  von  u  e  r  - 
suny  an.  Ausschneidung  einer  Ellipse  aus  dem  Knorpel 

H  a  e  c  k  e  r  -  Augsburg:  Vorweisungen  zur  plastischen  Chirurgie. 

Mobilisation  eine?  infolge  von  Sepsis  nach  I  yphusschutzimpfung  ver¬ 
steiften  Kniegelenkes.  S-förmiger  Medianschnitt  nach  p  a J  r-  . ff™6": 

—  Sphinkterersatz  am  Anus  praeternaturalis  durch  Hautschlauchbildung  und 

elastische  Luitpelotten.  .  ,  .  ,  „  „  _  . 

Braeucker-  München  demonstriert  einige  anatomische  Präparate,  an 
denen  das  sympathische  Nervensystem  in  Verbindung  mit  den  Zerebrospmal- 
tierven  und  seine  Verzweigungen  an  die  Organe  dargestellt  sind.  Unter 
anderen  wird  gezeigt,  dass  die  Herznerven  des  Sympathikus  zahlreiche 
Zweige  zur  Schilddrüse  abgeben,  und  auf  die  Wichtigkeit  der  Tatsache  ver¬ 
wiesen.  dass  zwischen  Schilddrüse  und  Herz  eine  direkte  nervöse  Ver¬ 
bindung  besteht.  .  .  (Selbstbericht.) 

K  1  u  g  -  Heidelberg:  Ueber  die  Karotisdrüse.  _  .. 

Bei  Tieren  mit  vergrössertem  Thymus  war  sie  ebenfalls  vergrossert. 
Ein  lebenswichtiges  Organ  scheint  sie  nicht  zu  sein. 

Stahnke- Würzburg:  Zur  Frage  der  Verwertbarkeit  des  Viskositats- 
faktors  für  die  funktionelle  Schilddrüsendiagnostik. 

Nach  gemeinsamen  Untersuchungen  mit  Dr.  v.  F  r  e  y.  Zur  Ditterential- 
diagnose  zwischen  Ueber-  und  Unterfunktion  der  Schilddrüse  gab  der  Vis¬ 
kositätsfaktor  keine  genügenden  Hinweise.  .  . 

v.  R  e  d  w  i  t  z  -  München:  Auch  das  histologische  Bild  (H  e  !  b  i  g)  ge¬ 
stattet  keine  genügend  sicheren  Schlüsse. 

L  o  benhoffer- Bamberg:  Schwere  Röntgenschädigung  bei  Basedow. 

Todesfall.  Histologisch  fand  sich  Degeneration  der  Schilddrusenzellen, 
deren  Inhalt  in  die  Blutbahn  geschwemmt  toxisch  wirkte. 

0  r  a  s  e  r  -  Erlangen:  Erfolge  mit  Röntgenbestrahlung  bei  Struma  und 

naMßase'dow  soll  operiert  werden,  aber  erst  nach  längerer  Vorbehandlung, 
wozu  auch  vorsichtige  Röntgenbestrahlung  gehört.  Struma  parench.  bei 
Mädchen  unter  18—20  Jahren  soll  man  nicht  operieren. 

.1  e  h  n  -  München :  Der  künstliche  Pneumothorax. 

Erscheint  demnächst  in  dieser  Wochenschrift. 

Sauerbruch:  Kranken  Vorführungen. 

1.  Totalexstirpation  des  Kehlkopfes. 

2.  Zungenexstirpation.  Heilung  seit  3  Jahren. 

3.  2  Umkippplastiken  am  Bein.  ...... 

4.  2  Lungenlappenresektionen  (wegen  hartnäckiger  Bronchusfistel  unu 

wegen  Bronchusektasen).  Dauererfolge. 

5.  Pankreaszystenexstirpation. 

6.  Mediastinalzystenexstirpation.  Dauerergebnis. 

II.  Hauptgegenstand:  Röntgendiagnostik  der  Körperhöhlen  mit  Luftfülluiig. 

Grashey  -  München  berichtet  über  den  gegenwärtigen  Stand  der 
Technik  und  diagnostischen  Verwertbarkeit  sowie  die  Anzeigen  und  Gegen¬ 
anzeigen  für  Anwendung  der  Gelenk-Sauerstofffiillung,  des  Pneumoperi¬ 
toneums.  und  der  Enzephalographie  und  des  diagnostischen  Pneumothorax. 
Bei  Anwendung  entsprechender  Vorsicht  lassen  sich  schädliche  Neben¬ 
wirkungen  ziemlich  sicher  vermeiden.  Vorweisung  von  Lichtbildern  aus 
der  Sammlung  von  Goetze,  Partsch  u.  a.  _ 

S  e  y  e  r  I  e  i  n  -  Würzburg  ergänzt  diesen  Bericht  durch  Vorführung  Von 
Bildern  betr.  Sauerstofffüllung  des  Kniegelenks  (Meniskusverletzungen)  sowie 
Ventrikulographie. 

Aussprache:  Pflaum  er  -  Erlangen  zeigt  Bilder  sauerstoffgefüllter 
Blasen  zwecks  Darstellung  der  Prostata.  —  Enderlen  hält  die  Pneumo- 
radiographie  des  Nierenlagers  beim  Versagen  anderer  Untersuchungsmetho- 
den  für  wertvoll;  das  Pneumoperitoneum  wurde  über  200  mal  ohne  Scnaden 
angewendet.  —  K  o  h  1  m  a  n  n  -  Erlangen  zeigt  Bilder,  welche  den  Wert  des 
diagnostischen  Pneumothorax  erkennen  lassen. 

F  r  1  e  d  r  1  c  h  -  Erlangen:  Erfahrungen  mit  dem  Tuberkuloprotein 
Toenniessen,  einem  neuen  Tuberkulosediagnostikum. 

Das  T.  T.  ist  ein  aus  Tuberkelbazillen  nach  einer  neuen  Methode  ge¬ 
wonnener  Eiweisskörper,  der  ein  echtes  Antigen  darstellt.  Bei  entsprechen¬ 
der  Dosierung  genügt  einmalige  Einspritzung  zur  Diagnosestellung.  von 
42  histologisch  gesicherten  Fällen  reagierten  37  positiv;  in  33  Proz.  Herd¬ 
reaktion.  29  Fälle,  die  nach  menschlichem  Ermessen  als  völlig  sichere  1  uber- 
kulosen  angesehen  werden  müssen,  reagierten  sämtlich  positiv;  53  Proz.  Herd¬ 
reaktion.  Von  36  Fällen,  die  für  Tuberkulosen  angesehen  wurden,  bis  die 
histologische  Untersuchung  das  Gegenteil  bewies,  reagierten  35  negativ. 
Hauptvorteil  der  Methode  ist  Schnelligkeit  der  Diagnosenstellung  (3  1  age 
gegen  6 — 14  Tage  beim  A.T.)  und  die  Anwendungsmöglichkeit  auch  bei  sub¬ 
febrilen  Temperaturen.  (Selbstbericht.) 

Aussprache:  G  e  b  e  1  e  -  München  sah  bei  einem  11  jährigen  Kind 
nach  diagnostischer  Ponndorfimpfung  schwere  anaphylaktische  Schockwirkung 
und  Exitus;  auch  Reichold  weist  darauf  hin,  dass  die  Ponndorfimpfung 
nicht  so  harmlos  sei,  wie  sie  gewöhnlich  aufgefasst  wird. 


München:  Ueber  die  Folgen  der  MUzarterien- 


v.  Stubenrauch 
Unterbindung.  ,  c  .  ,, 

Weder  die  klinischen  Beobachtungen  der  von  Lanz.  v.  » tu  d  en  - 
rauch  und  v.  H  a  b  e  r  e  r  mitgeteilten  Fälle  von  Unterbindung  des  Lienalis- 
stammes  noch  auch  die  von  verschiedenen  Autoren  (Bal  ac  e  sc  u,  r  j 
u.  a.)  gewonnenen  tierexperimcntcllen  Erfahrungen  sprechen  für  die  Anschau¬ 
ung.  welche  von  den  Pathologen  zumeist  vertreten  und  neuerdings  von  Hier 
betont  wird,  dass  der  Verschluss  des  Lienalisstammes  den  lod  der  mnz 
zur  Folge  habe.  Auch  in  den  von  v.  St.  ausgeführten  Der  versuchen  ist.  m 
keinem  Falle  das  Organ  zugrunde  gegangen,  obwohl  sämtliche  mit  freiem 
Auge  sichtbaren  arteriellen  Gefässe  unterbunden  worden  waren.  Wohl  können 
sich  verschiedene  Folgezustände,  wie  Infarcierung  und  Atrophie  einstellen. 
Die  Folgen  nach  Unterbindung  sind  ebenso  wechselnd  wie  jene  nach  emboH- 
schem  Verschlüsse  des  Arterienstammes.  Die  Verschiedenheit  der  Folgen  ist 
im  wesentlichen  in  den  Verhältnissen  der  Nebenbahnen  und  dem  zeitlich 
offenbar  verschiedenen  Inkrafttreten  des  Nebenkreislaufcs  begründet  Audi 
der  ungestörte  Abfluss  des  Venenblutes  hat  besondere  Bedeutung.  Zur  Er¬ 
klärung  der  Kreislaufstörung,  welche  nach  Verschluss  des  Arterien¬ 
stammes  auftritt,  bedarf  es  jedoch  nicht  der  Annahme  einer  besonderen  Eigen¬ 
schaft  der  Organe,  die  Bier  „Blutgefühl“  nennt.  Der  Nebenkreislauf  geht 
beim  Menschen  durch  Bahnen,  welche  für  gewöhnlich  nicht  bloss  kapillärer 
Natur  sind  (A.  gastroepiploica  sin.,  Art.  gastricae  hreves).  In  der  Mehrzahl 
der  Fälle  dürfte  deshalb  beim  Menschen  die  Unterbindung  des  Lienalis¬ 
stammes  bei  glücklicher  Wahl  der  Unterbindungsstelle  nicht  zum  Tode  der 

Milz  führen.  (Selbstbericht.)  „Äl. 

Ad.  S  c  h  m  1 1 1  -  München  berichtet  über  zwei  erfolgreich  operierte  ralle 

von  Mesenterialzysten. 

Dax-  München:  Ueber  Verletzungen  bei  Gastroskopie. 

Vortr.  hat  4  Kranke  operiert,  bei  denen  der  Gastroskopie  der  Magen 
bzw.  Oesophagus  perforiert  worden  war;  3  Kranke  kamen  durch.  J 

Aussprache:  Schindler  -  München  glaubt,  dass  sich  Unglucks- 
fälle  unter  Verwertung  der  bisherigen  unangenehmen  Erfahrungen  vermeiden 
lassen.  Er  hat  jetzt  über  360  Gastroskopien  gemacht.  —  Mobitz-  München 
rät,  auf  Kehlkopfanästhesie  zu  verzichten  und  bei  sehr  nervösen  Kranken, 
ferner  bei  solchen  mit  gedrungenem  Körperbau  vorsichtig  zu  sein.  Es  konn¬ 
ten  3  Ulzera  gesehen  werden,  welche  sonst  nicht  darstellbar  waren.  — 
K  ö  n  i  g  -  Würzburg:  Für  die  Ulcusdiagnose  leistet  die  Röntgendiagnostik 
Genügendes.  Die  Probelaparotomie  hat  wenig  Gefahren.  Die  Technik  der 
Gastroskopie  muss  noch  vervollkommnet  werden.  Seifert-  Würzbuig. 
Das  Gastroskop  sollte  so  verbessert  werden,  dass  man  es  unter  Kontrolle 
des  Auges  vorschiebt  wie  das  Oesophagoskop.  In  Würzburg  kamen  2  Un¬ 
glücksfälle  vor.  —  W  y  m  e  r  -  München  hat  27  Gastroskopien  gemacht,  da¬ 
von  21  ambulant;  sie  gelangen  alle  leicht.  Der  Pylorus  war  7  mal  einstellbar. 

v  Eiseisberg  zeigt  das  Präparat  einer  transplantierten  Schild¬ 
drüse  in  der  Leber.  Nach  13  Jahren  zeigt  das  histologische  Bild  noch  alle 
Merkmale  der  lebenden  Schilddrüse. 

G  r  a  s  in  a  n  n  -  München;  Zur  Frühdiagnose  intraabdominaler  Ver¬ 
letzungen  bei  stumpfer  Gewalt.  Im  Auftreten  von  Druckempfindlichkeit  ur 
Douglas,  als  Folge  der  intraabdominalen  Blutung,  sieht  G.  ein  sicheres  Zeicher 
der  inneren  Verletzung;  fehlt  es,  so  wartet  er  ruhig  ab.  — 

In  der  Aussprache  erklären  mehrere  Redner,  dass  sie  sich  auf  diese; 
Symptom  nicht  verlassen  möchten.  Graser  lässt  lieber  die  Leukozytei 

zählen.  „ 

M  a  d  l  e  n  e  r  -  Kempten:  Pyflorektomäe  beä  pylorusfernem  Geschwür 

Bei  3  Fällen  von  Ulcus  callosum  der  kleinen  Kurvatur,  bei  welchem  die  Re 
Sektion  zu  eingreifend  gewesen  wäre,  liess  M.  das  Ulcus  unberührt  und  re 
sezierte  den  Pylorus.  Sehr  guter  Erfolg,  offenbar  infolge  Aenderung  de 
Magenchemismus  und  der  Motilität.  . 

Zum  Vorsitzenden  für  das  nächste  Jahr  wurde  Geh.  R.  S  a  u  c  r  b  r  u  c 
gewählt.  Grashey  -  München. 


Deutsche  Gesellschaft  für  Gynäkologie. 


XVIII.  Tagung  vom 


23.  bis  26.  Mai  1923  in  Heidelberg. 


Berichterstatter:  U  t  e  r  -  Heidelberg. 


(Schluss.) 

P  a  n  k  o  w  -  Düsseldorf:  Ergebnisse  10  jähriger  Luesuntersuchungen  bi 
Mutter  und  Kind  unter  der  Geburt  und  im  Wochenbett.  Die  Geburt  ist  ei 
ausserordentlich  günstiger  Zeitpunkt  für  die  serologische  Erkennung  de 
Syphilis  (in  37  Proz.  der  Fälle  positive  WaR.  einziges  Lueszeichen).  Häufij 
keit  der  Untersuchungen  und  Art  der  Technik  entscheiden  Zuverlässigkeit  dt 
Resultate.  Praktisch  kann  man  intra  partum  die  WaR.  auf  die  Mutter  bt 
schränken.  T  h  a  1  e  r  -  Wien  empfiehlt  die  Mcimcke  sehe  1  rubung 
reaktion  mit  cholesterinfreiem  Extrakt  zur  Nachprüfung.  Klafter- Wiei 
Hierbei  sind  die  Sera  aktiv  zu  verwenden.  G  a  m  m  e  1 1  o  f  t  -  Kopenhagi 
hebt  die  schon  von  Pankow  betonte  Wichtigkeit  der  antiluetischen  B 
handlung  in  der  Schwangerschaft  hervor.  Wagner-  Prag  fordert  Anstellut 
des  Wassermann  bei  jeder  Schwangeren,  auch  in  der  Poliklinik. 

Vogt -Tübingen:  Die  luvagination  des  Uterus  ist  ohne  Atonie  <1 
unteren  Uterinsegments  nicht  denkbar:  sie  tritt  meist  unter  Blutungen  in  d 
Nachgeburtsperiode  auf.  Wagner-  Prag  berichtet  über  künstliche  Scheide 
bildung  aus  dem  Darm.  Eine  von  ihm  mit  der  Schubert  sehen  Ma; 
darmmethode  operierte  Frau  wurde  schwanger  und  gebar  durch  die  Ma: 
darmscheide  mit  Forzeps  und  Episiotomie  in  ihrem  Heimatsort  ein  2750 
schweres  Kind.  —  W  e  b  e  r  -  München:  Schwangerschaftsunterbrechung  u 
Sterilisation  in  einer  Sitzung:  Fundusquerschnitt,  Abquetschen  der  Tuben  n 
breitem  Doyen.  •  .  .  „  .  j 

S  i  e  g  e  1  -  Giessen:  Die  Prognosestellung  der  (leburt  beim  engen  Beckl 
hängt  auser  von  der  Conjugata  vera  auch  von  der  Beckenbildung  ab.  Genal 
Austastung  und  Abschätzung  aller  Maasse.  S  a  ch  s  -  Berlin:  Bei  der  m 

handlung  der  unkomplizierten  Querlage  vollständige  Muttermundserweiteruj 
abwarten,  dann  wenden  und  extrahieren.  Auch  Winter  warnt  vor  v< 
zeitiger  Wendung,  da  dann  50  Proz.  der  Kinder  absterben. 

Richter -Wien  verneint  nach  experimentellen  Untersuchungen  mit  int 
venös  eingespritzter  Eisenlösung  die  Frage,  ob  eine  Speicherung  solcher  St 
stanzen  im  Genitale  stattfindet.  —  H  o  f  f  m  a  n  n  -  Darmstadt  empfiehlt  <  \ 
neues  synthetisches  Sekalepräparat:  Clavipurin.  W  e  i  n  s  h  e  i  m  e  r  -  Frai 
furt,  M  e  n  n  e  t  -  Bern.  F  r  e  u  n  d  -  Frankfurt  und  H  o  f  m  e  i  c  r  -  Würzbt 
sahen  Gutes  vom  Gynergen,  das  nach  Ansicht  von  Hofmeier  ul 
Freund  ev.  auch  zur  Wehcncinleitung  geeignet  ist.  —  Zimmerma 
berichtet  über  die  in  der  Jenenser  Klinik  übliche  Stillung  der  Nachgeburt 


?0.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


963 


Mutungen  durch  die  H  e  ti  k  e  1  sehe  Parametrienabklemmung.  Henkel: 
Uir  AbklcmmunK  müssen  Muzeuxzangen,  nicht  Arterienklcmmen  verwandt 
.verden.  t 

Aschner-Wien  empfiehlt  zur  Abkürzung  der  Qcburtsdaiier  und 
'chmerzstillung  manuelle  Muttermundsdehnung,  kombiniert  mit  Pituitrin  und 
irotrahiertem  Aetherrausch.  Fleisch  in  a  n  n  -  Wien  und  v.  Jaschke- 
iiessen  wenden  sich  scharf  gegen  diese  Methode. 

N  ü  r  n  b  e  r  g  c  r  -  Hamburg:  Zur  Biochemie  der  Narkose.  Die  H-Ioncn- 
\onzentration  des  Urins  verhielt  sich  nach  Narkose  nicht  einheitlich.  Das 
ubjektive  Befinden  der  Kranken  zeigte  eine  Abhängigkeit  von  der  aktuellen 
Reaktion  des  Urin,  bei  saurer  Reaktion  wurde  die  Narkose  relativ  gut 
ertragen,  bei  alkalischer  erbrachen  alle  Kranken.  Narkosedauer  und 

inenge  hatten  auf  H-Ionenkonzentration  und  Auftreten  von  Uebelkeit  und 
Erbrechen  keinen  Einfluss;  zur  Bekämpfung  dieser  Zustände  intravenös  5  ccm 
iOproz.  NaCl-Lösung  am  Schluss  und  Y\  Stunden  nach  der  Narkose.  Vol¬ 
le  e  r  -  Ludwigshafen  berichtet  über  gute  Erfahrungen  mit  Lumbalanästhesie. 

R  o  i  t  h  -  Baden-Baden  empfiehlt  ein  neues,  äusserst  billiges 
Unterbindungs-  und  Nahtmaterial  aus  reinster  Zellulose,  das  nur  die  Hälfte 
Jes  Zwirns  kostet,  leicht  sterilisierbar  ist,  keinerlei  Gewebsrcizung  ver- 
irsacht  und  völlig  reaktionslos  einheilt.  E  y  m  e  r  -  Heidelberg  hält  dies 
Mahtmaterial,  das  er  bei  einer  Anzahl  vaginaler  und  abdominaler  Operationen 
verwendet  hat,  für  durchaus  geeignet,  das  teure  Katgut  weitgehend  zu  er- 
-etz.en,  falls  sich  der  Operateur  wegen  der  geringeren  Zugfestigkeit  auf  eine 
vorsichtigere  Technik  umstellt. 

Es  folgen  die  Vorträge  über  Strahlentherapie.  0  p  i  t  z  -  Freiburg:  Zur 
Biologie  der  Strahlenwirkung.  Die  Untersuchungen  der  Freiburger  Klinik 
.'rgaben.  dass  die  Krebszellen  nicht  unmittelbar  vernichtet  werden,  sondern 
iine  Allgemeinwirkung  —  Vagusreizung,  Veränderung  des  Butbildes,  Sinken 
les  Blutzuckers  —  und  eine  Einwirkung  auf  das  benachbarte  Bindegewebe  — 
Kapillarwucherung,  Histiozytenreichtum  —  das  Ausschlaggebende  ist.  Aus- 
ösung  der  Allgemeinwirkung  durch  direkten  Nervenreiz,  vermehrte  endokrine 
Tätigkeit  oder  Cholinwirkung.  Rückbildung  des  Karzinoms  (Radium)  einer¬ 
seits  und  erhöhte  Widerstandskraft  andererseits  (Röntgen,  allgemeine  Kräfti¬ 
gung,  Protoplasmaaktivierung)  ist  anzustreben.  R  i  s  s  e  -  Freiburg:  Blut¬ 
veränderungen  nach  Bestrahlung.  v.  Mikluljicz-Radecki-  Leipzig: 
Röntgenbestrahlung  und  Blutkörperchensenkungsgeschwindigkeit.  Meist  deut¬ 
liche  Verlangsamung,  bei  Rezidiven  erneute  Beschleunigung.  Martius- 
3onn:  Experimentelle  Untersuchungen  an  Erbsen-  und  Bohnenkeimliingen  er¬ 
gaben,  dass  weiche  Strahlen  biologisch  stärker  wirken  als  harte;  deshalb 
sollte  nicht  über  die  zur  Tiefendosis  erforderliche  Strahlenhärte  hinaus¬ 
gegangen  werden.  H  o  f  b  a  u  e  r  -  Dresden  beobachtete  an  der  Münchener 
Klinik  grössere  Strahlenempfindlichkeit  der  Karzinome  nach  vorausgegangener 
Hypophysenbestrahlung  (Erythrozytenzunahme,  Eosinophilie,  Cholinver- 
nehrung).  Werner- Wien:  Milzbestrahlung  beeinflusst  die  meisten  gynäko¬ 
logischen  Blutungen  (3  mal  auch  Melaena  neonatorum)  rasch,  aber  nicht 
Jauernd.  V  o  r  1  ä  n  d  e  r  -  Freiburg:  Histologische  Untersuchungen  an  be¬ 
strahlten  Mäusen  mit  und  ohne  Karzinom.  Histiozytenzunahme  durch  Ein¬ 
wirkung  auf  retikulo-endothelialen  Apparat.  K  o  k  -  Freiburg:  Experimentelle 
Beiträge  zur  Strahlenbehandlung  des  Karzinoms.  Nicht  das  Karzinom  mit 
Riesendosen  totschlagen,  sondern  den  ganzen  Organismus  umstimmen. 
Ooederlein  jun.  und  Schölten  -  München  haben  die  Abhängigkeit  der 
Karzinomprognose  vom  histologischen  Bild  geprüft.  Unter  den  geheilten  Fäl¬ 
len  kein  Adenokarzinom,  ausschliesslich  solide  Karzinome  verschiedenster 
Reife.  Auch  Wachstumsformen  und  Reifegrad  wurden  mit  der  Reaktionsfähig¬ 
keit  auf  Bestrahlung  in  Beziehung  zu  bringen  versucht.  Weibel- Wien: 
Das  Kollumkarzinom  verläuft  nach  Untersuchungen  an  2478  Fällen  in  der 
Schwangerschaft  nicht  bösartiger.  96  Proz.  (24  Fälle)  Operabilität.  4,5  Proz. 
primäre  Operationsmortalität.  —  Das  Alter  hat  auf  Malignität  des  Uterus¬ 
karzinoms  keinen  Einfluss.  Operabilität  verschlechtert  sich  mit  zunehmen¬ 
dem  Alter,  Eine  Zunahme  des  Karzinoms  bei  jüngeren  Frauen  ist  nicht  fest¬ 
zustellen.  D  y  r  o  f  f  -  Erlangen:  Experimentelles  zur  sogen.  Verkupferung. 
Disk.:  D  o  e  d  e  r  1  e  i  n  -  München:  Die  Hypophyse  scheint  durch  ihre  nahen 
Beziehungen  zum  Zwischenhirn  eine  Machtstellung  im  endokrinen  System 
zu  besitzen.  S  e  i  t  z  -  Frankfurt:  Direkte  Röntgenwirkung  auf  die  Karzinom¬ 
zelle  ist  das  wichtigste,  Allgemeinwirkung  steht  erst  in  2.  Linie.  Hirsch- 
Altona:  Zwischen  Hypophyse  und  Ovar  bestehen  enge  Beziehungen.  Myom- 
rückbildung,  aber  nur  temporäre  Kastration  nach  Hypophysenbestrahlung. 
Werner  hat  Kleinerwerden  der  Myome  und  Aufhören  der  Blutung  nicht 
beobachten  können,  jedoch  vorübergehende  Besserung  dysmenorrhoischer  Be¬ 
schwerden  und  klimakterischer  Ausfallserscheinungen.  S  c  h  r  ö  d  e  r  -  Kiel: 
Bessere  Differenzierung  —  Blutungsfälle  —  zyklisch,  ovariell  oder  uterin 
bedingt?  V  o  g  t  -  Tübingen :  Mit  Milzbestrahlung  bei  Blutungen  50  Proz.  Er¬ 
folg.  W  i  n  t  z  -  Erlangen:  Das  Bindegewebe  erdrosselt  nicht  das  Karzinom, 
sondern  tritt  an  seine  Stelle.  Hypophysenbestrahlung  macht  keine  Karzinom- 
sensibilisicrung,  sondern  nur  Stoffwechselsteigerung.  Walthard  -  Zürich 
konnte  an  dem  histologischen  Material  von  4  Jahren  keine  festen  prognosti¬ 
schen  Anhaltspunkte  finden.  Holzbach  -  Mannheim:  Mehr  als  80  Proz.  der 
nopcrablen  Karzinomfälle  gingen  an  Nierenschädigungen  —  Ureterenkompres- 
sion.  Hydronephrose  —  früher  zugrunde,  als  die  Strahlen  wirksam  werden. 
Deshalb  in  geeigneten  Fällen  Einpflanzung  der  Ureteren  in  die  Blasenschcitel. 
K  c  h  r  e  r  -  Dresden:  Mittelreife  Karzinome  geben  die  beste,  reife  eine 
weniger  gute,  unreife  die  schlechteste  Prognose.  Bessere  Erfolge  der  Ra¬ 
diumbestrahlung  beruhen  auf  Schonung  der  Ovarien.  Thal  er- Wien:  Milz¬ 
bestrahlung  gibt  gute  Primär-  aber  keine  Dauerresultate.  Parotisbestrahlung 
wirkt  ähnlich.  —  Winter-  Königsberg  hat  seine  Leitsätze,  die  als  Grund¬ 
lage  für  Karzinomstatistik  dienen  sollen,  nach  den  gemachten  Einwänden  und 
Anregungen  überprüft  und  neu  aufgestellt.  Die  Einteilung  in  operative  und 
nichtoperative  Fälle  wird  von  Pankow  begrüsst.  Stöckel  verlangt 
mindestens  3  Rubriken.  Opitz:  Ein  besseres  Kriterium  ist  die  Lebens¬ 
dauer  nach  der  Behandlung,  für  die  auch  Menge  eintnitt.  Burghart- 
/iwickau  und  A  s  c  h  -  Breslau  bedauern  den  Wegfall  der  Rubrik  „Endstadien". 

Die  Vortragsgruppe  über  innere  Sekretion  bringt  in  der  Hauptsache  theo¬ 
retische  und  experimentelle  Fragen,  aus  denen  hier  nur  folgendes  angeführt 
sei:  B  e  n  t  h  i  n  -  Königsberg:  Den  interstitiellen  Zellen  im  Ovarium  kommt 
nur  ein  vorübergehender  Einfluss  zu.  Sie  sind  keine  „Pubertätsdrüse“. 
Fellner-  Wien  hat  3  bestimmte  Substanzen  aus  dem  früher  von  ihm 
hergestellten  Ovarialextrakt  isoliert.  L  i  n  d  i  g  -  Freiburg:  Uterus  und  Ova- 
jium  sind  eine  innersekretorische  Einheit.  Ein  Organ  reagiert  —  langsam  — 
auf  die  Entfernung  des  anderen.  G  e  1 1  e  r  -  Breslau :  Genitaihypoplasie  ist 
bei  Dementia  praecox  häufig.  (Minderwertige  Erbkonstitution,  hormonale  und 
nervöse  Beziehungen  zwischen  Keimdrüsen  und  Gehirn.)  Thal  er- Wien: 
Bei  jüngeren  Frauen  mit  starken  ovariellen  Blutungen  ist  nach  dem  Ver¬ 


sagen  anderer  Behandlungsmethoden  die  Keilresektion  des  meist  zystischen 
Ovariums  vor  der  Totalexstirpation  zu  versuchen.  Z  o  n  d  e  k  -  Berlin:  Nicht 
nur  auf  Ovarialextrakt,  sondern  auch  auf  unspezifische  Eiweisskörper  und 
biogene  Amine  tritt  Wachstum  des  Uterus  ein.  S  e  i  t  z  -  Giessen:  Zwischen 
Konstitution  und  Pathogenese  gynäkologischer  Blutungen  bestehen  mannig¬ 
fache  Beziehungen.  H  o  r  n  u  n  g  -  Leipzig:  Das  Verhalten  der  Thrombo¬ 
zyten  bei  klimakterischen  Blutungen  und  ihre  Beeinflussung  durch  Kalk¬ 
medikation  (ausführlich  im  Zbl.  f.  Gyn.).  Polano  -  München  zeigt  an  Probe¬ 
exzisionen  aus  der  Brust  lebender  Frauen,  dass  das  Drüsengewebe  dem  men¬ 
struellen  Zyklus  der  Uterusschleimhaut  entsprechende  Veränderungen  durch¬ 
macht.  Disk.:  F  r  a  e  n  k  e  1  -  Breslau:  Für  die  interstitiellen  Eierstocks¬ 
zellen  ist  der  Nachweis  einer  endokrinen  Drüse  nicht  erfüllt.  Wintz- 
Erlangen  hat  14  Körper  aus  dem  Corpus  luteum  isoliert-  Strassmann- 
Berlin:  Lokale  Behandlung  funktioneller  Blutungen  auch  heute  noch  berechtigt. 
(Kürette,  dann  Ovarialresektion,  schliesslich  Totalexstirpation.)  Vogt- 
Tübingen  empfieht  für  solche  Fälle  halbseitige  Röntgenkastration.  N  e  u  - 
Heidelberg  warnt  vor  kritikloser  Anwendung  styptischer  Mittel. 

W  i  n  t  e  r  -  München:  Menstruation  und  Epilepsie,  ln  4  Fällen  Auftreten 
der  Anfälle  ausschliesslich  um  die  Periodezeit.  Besserung  durch  temporäre 
Kastration.  Zangenmeister  -  Marburg:  Die  Beziehungen  zwischen 
Epilepsie  und  Menstruation  sind  nur  lockere.  Prinzipielle  Röntgenkastration 
unrichtig.  F  e  1 1  n  e  r  -  Wien:  In  Vn  der  Fälle  Aufhören  der  immer  zur  Men¬ 
struationszeit  aufgetretenen  Anfälle  in  der  Schwangerschaft.  — 

L  i  e  p  m  a  n  n  -  Berlin :  Sexualpsychologie  und  Frauenheilkunde. 

Walthard-  Zürich:  Physiologische  Reflexe  können  auch  am  Genitale  auto¬ 
matisiert  und  stabilisiert  und  so  zu  bedingten  Reflexen  (P  a  w  1  o  w)  werden 
(Abwehrreflex  —  Vaginismus,  Bereitschaftsreflex  —  Vorfallgefühl).  In  sol¬ 
chen  Fällen  Psychotherapie.  Disk.:  H  a  m  m  e  r  s  c  h  1  a  g  -  Berlin  erzielte 
bei  37  jähriger  Virgo  nach  15  jähriger  Amenorrhoe  Menstruation  durch 
Hypnose. 

H  i  n  s  e  1  m  a  n  n  -  Bonn:  Zur  Theorie  der  Blasenmole.  Saenger- 
Miinchen:  Die  Entstehung  intrakranieller  Blutung  bei  Neugeborenen.  Bedeu¬ 
tung  der  Tentoriumrisse.  Hirnblutungen  auch  bei  Spontangeburten  und 
Kaiserschnittskindern.  M  a  y  e  r  -  Tübingen :  Anhepatozelluläre  Entstehung 
und  intrauterine  Infektion  verdienen  beim  angeborenen  Ikterus  Beachtung. 
K  i  e  h  n  e  -  Halle:  Gleichzeitige  Anwendung  von  Operation  und  Serumbehand¬ 
lung  bei  Tetanus  puerperalis. 

F  i  s  c  h  e  r  -  Wien:  Zur  Frühgeschichte  der  gynäkologischen  Operationen. 
Kondylomabtragung,  Muttermundsdilätation,  Ausschabung,  Polypabtragung 
und  eine  Art  Prolapsoperation  finden  sich  u.  a.  schon  in  den  hippokratischen 
Schriften  angegeben. 

Von  den  zahlreichen  Demonstrationen  sei  nur  folgendes  berichtet: 
B  e  n  t  h  i  n  -  Königsberg  zeigte  an  rektoskopischen  Bildern,  dass  beschwerde¬ 
freie  Radiumschädigungen  des  Darmes  häufiger,  als  angenommen,  sind. 
D  i  e  t  r  i  c  h  -  Göttingen:  Adenombildung  in  einer  Laparotomienarbe.  Ent¬ 
wicklung  aus  dem  Serosaendothel.  L  i  e  p  m  a  n  n  -  Berlin :  Phantom  für  rek¬ 
tale  Untersuchungen  und  Ohlshausen  sehen  Handgriff.  E  y  m  e  r  -  Heidel¬ 
berg:  Spaltbecken  mit  hoher  Assimilation:  46  jährige  Frau,  tadellose  Gehfähig¬ 
keit  trotz  rechtsseitiger  Hüftgelenksluxation.  S  e  1 1  h  e  i  m  -  Halle  demon¬ 
striert  einfachen  „Tubenschneuzer“,  desgleichen  Engelmann  -  Dortmurd. 
H  a  s  e  1  h  o  r  s  t  -  Hamburg:  Abortenkompressorium,  das  sich  von  dem  bisher 
bekannten  durch  eine  elastische,  formveränderliche  Pelotte  auszeichnet. 

Von  Doederlein,  Voltz  und  Zweifel-  München  wurden  inter¬ 
essante  Filme  über  geburtshilfliche  Vorgänge  und  Entstehung  und  Verwertung 
der  Röntgenstrahlen  vorgeführt. 

Nach  Erledigung  der  anstrengenden  Sitzungen  fanden  sich  abends  die 
Kongressteilnehmer  bei  relativ  gutem  Wetter  auf  der  Molkenkur.  in 
Schwetzingen  (Spargelessen)  und  auf  der  Stiftsmühle  gemütlich  zusammen. 

Der  nächste  Kongress  findet  Ln  2  Jahren  in  Wien  unter  dem 
Vorsitz  von  Peham  statt  und  wird  über  Fluor  und  Nachgeburts-, 
b  1  u  t  u  n  g  e  n  verhandeln. 


Berliner  medizinische  Gesellschaft. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  11.  Juli  1293. 

Vor  der  Tagesordnung  stellt  Herr  M  o  s  1  e  r  einen  Fall  von  Zwerchiell- 
riss  und  Lungenruptur  mit  Pneumoperitoneum  als  Folge  vor. 

Dazu  Herr  Bend  a. 

Herr  Lehr:  Zum  Trachealkatheterismus  beim  Neugeborenen. 

Zur  Vermeidung  vpn  Infektionen  soll  das  Ansaugen  des  Katheters  nicht 
durch  den  Mund  erfolgen.  Der  Vortr.  zeigt  einen  ziemlich  einfachen  Apparat, 
mit  dem  dies  vermieden  werden  kann. 

Dazu  Herr  B  u  m  m,  der  einen  solchen  Apparat  lebhaft  begrüsst  und  ihn 
sofort  in  seiner  Klinik  ausprobieren  wird.  Er  betont  jedoch,  dass  Klumpen 
von  Schleim  den  Katheter  leicht  verstopfen  können. 

Tagesordnung:  Herr  Zadek:  Phrenikusexairese  und  Pneumothorax. 

Die  Phrenikusexairese,  worunter  man  die  Herauszichung  des  Phrenikus 
möglichst  bis  zu  seinem  Ansatz  am  Zwerchfell  versteht,  hat  als  selbständige 
Operation  nur  ein  beschränktes  Anwendungsgebiet,  besonders  bei  Prozessen 
des  Unterlappens,  bei  denen  die  Anlegung  des  Pneumothorax  nicht  möglich 
ist.  Die  Wirkung  der  Phrenikusexairese  ist  aber  unbedingt  eine  stärkere, 
als  die  der  reinen  Phrenikotomie.  Eine  Indikation  besteht  ferner,  wo  bei 
doppelseitigen  Erkrankungen  der  Pneumothorax  nicht  angewendet  werden 
kann.  Kontraindiziert  ist  Phrenikotomie  und  die  Phrenikusexairese  stets 
beim  Vorwiegen  exsudativer  Prozesse,  welche  sich,  wie  an  Röntgenbildern 
gezeigt  wird,  nach  dem  Eingriff  in  allen  Fällen  erheblich  verschlimmert 
halben. 

Dagegen  erweist  sich  die  Kombinierung  der  Phrenikusexairese  mit  dem 
Pneumothorax  als  vorteilhaft  und  zwar  hat  der  Vortr.  die  Kombination  in  der 
Weise  angewandt,  dass  er  die  Phrenikusexairese  dem  Pneumothorax  als 
Voroperation  vorausschickte.  Als  Vorteile  dieses  Vorgehens  gegenüber  dem 
reinen  Pneumothorax  wird  angegeben,  dass  bei  Operationen  auf  der  linken 
Seite  eine  Entlastung  des  Magens  eintritt.  dass  in  allen  Fällen  Mediastinal- 
verschiebungen  vermieden  werden,  dass  die  Luft  langsamer  resorbiert  wird 
und  Nachfüllungen  daher  seltener  und  in  geringerer  Menge  notwendig  werden. 
Als  Nachteil  käme  die  Irreparabilität  des  gesetzten  Eingriffs  in  Betracht, 
jedloch  ist  dies  in  gewissem  Sinne  ein  Vorteil,  da  hierdurch  die  Gefahr 
späterer  Ausdehnung  der  erkrankten  Lunge  vermindert  wird  und  dadurch 
die  Gefahr  des  zu  frühen  Eingehenlassens  des  Pneumothorax  ebenfalls  ver- 


964 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIET. 


mindert  wird.  Besonders  hervorzuheben  ist,  dass  an  die  Phrenikusexairese 
der  Pneumothorax  sehr  bald  angeschlossen  werden  muss,  weil  der  Pleura¬ 
raum  nach  dem  Eingriff  sehr  schnell  verödet  und  die  Anlegung  eines  Pneumo¬ 
thorax  dadurch  unmöglich  wird.  . 

Herr  Sultan  hat  für  den  Vortragenden  die  operativen  Eingriffe  durch¬ 
geführt.  Die  Phrenikotomie  in  Verbindung  mit  Resektion  des  Nerven  bleibt 
in  20  bis  30  Proz.  ohne  jeden  Erfolg,  man  empfiehlt,  den  Nervus  subclavius 
durchzuschneiden,  der  häufig  mit  dem  Phrenikus  anastomosiert.  Die  Opera¬ 
tion  ist  technisch  leicht  und  in  Lokalanästhesie  durchzuführen. 

Aussprache:  Herr  Pribram  hat  Erfolge  der  Operation  bei 
chronischen  Hämoptoen  gesehen  und  glaubt,  dass  die  mit  ihr  herbeizuführende 
Ausschaltung  des  Zwerchfellhustens  einen  wesentlichen  Vorteil  darstellt 

Herr  Kurt  Friedmann  hat  den  Eingriff  in  30  Fällen  durchgeführt 
und  zwar  dreimal  als  selbständige  Operation.  Die  Erfolge  waren  befriedi¬ 
gend,  doch  darf  das  Indikationsgebiet  der  Plastik  durch  ihn  nicht  einge¬ 
schränkt  werden.  In  2  Fällen  hat  er  Schädigungen  nach  dem  Eingriff  gesehen, 
einmal  eine  stürmische  Herdreaktion  und  einmal  eine  durch  den  Eingriff 
bedingte  traumatische  Pneumonie. 

Herr  O  u  t  s  t  e  i  n  glaubt,  dass  die  Erfolge  des  Pneumothorax  ohne 
Phrenikotomie  ebenso  günstige  gewesen  sein  würden,  wue  bei  der  kom¬ 


binierten  Operation.  .  ,  .  .  .  .. 

Herr  Wolff-Eisner  hebt  hervor,  dass  eine  vergleichende  Statistik 
zwischen  Pneumothoraxerfolge  und  denen  der  kombinierten  Operation  ausser¬ 
ordentlich  schwierig  ist,  und  dass  man  eher  zu  einer  Beurteilung  des  Wertes 
der  PhrenikusaMsschaltung  käme,  wenn  man  feststellte,  ob  in  Fällen,  in 
denen  der  Pneumothorax  versagt,  durch  die  Phrenikusexairese  eine  Besserung 
noch  herbeigeführt  wird.  Kompression  der  Lunge,  von  welcher  der 
Vortr.  leider  wieder  gesprochen  hat,  ist  beim  Pneumothorax  unter  allen 
Umständen  zu  vermeiden,  es  handelt  sich  bei  dhm  um  die  Entlastung  der 
Lunge  von  dem  negativen  Druck  des  Pleuraraums.  Mediastinalverschiebungen 
kommen  meist  durch  zu  grosse  Füllungen  mit  Kompressionswirkung  zustande. 
Wenn  mato  diese  vermeidet,  so  bleiben  nur  die  seltenen  Fälle  übrig,  in 
denen  ein  schwaches  Mediastinum  durch  die  Saugwirkung  des  negativen 
Drucks  der  nichtoperierten  Seite  herübergezogen  wird  und  hieran  kann  aus 
mechanischen  Gründen  auch  die  Ruhigstellung  des  Zwerchfells  nichts  ändern. 

Herr  Unterricht  macht  darauf  aufmerksam,  dass  erst  die  Phrenikus¬ 
exairese  in  Verbindung  mit  Sympathikusdurchschneidung  eine  Zwerchfell¬ 
lähmung  bewirkt.  Nach  seinen  Erfahrungen  vermindert  Kalkdarreichung  die 
Exsudatbildung  ausserordentlich:  in  seinen  Fällen  ging  der  Prozentsatz  von 
50—60  proz.  auf  29  Proz.  zurück.  Er  wendet  sich  entschieden  dagegen,  die 
Phrenikotomie  zu  diagnostischen  Zwecken  auszuführen,  um  die  Diagnose  der 
Aktivität  oder  Nichtaktivität  des  Prozesses  der  anderen  Seite  zu  stellen  und 
weist  darauf  hin,  dass  der  einfache  Hcftpflasterverband  nach  üoldschei- 
d  e  r  die  gleichen  Dienste  für  die  Diagnostik  tut. 

Herr  Krämer  hat  in  17  Fällen  die  Exairese  ausgeführt. 

Herr  H  enius  gibt  der  Ansicht  Ausdruck,  dass  in  allen  Fällen  azinos- 
nodösen  Charakters  ganz  unerwartet  Besserungen  spontan  im  Bereich  der 
Möglichkeiten  lägen,  dass  man  hiernach  die  mitgeteilten  Erfolge  beurteilen 
müsse.  Hieraus  ergäbe  sich  die  Einschränkung  der  Indikation  auf  Prozesse 

im  Unterlappen.  .  -  „  ., 

Herr  Zadek  (Schlusswort)  gibt  zu,  in  letzter  Zeit  vorsichtiger  mit 
der  Anwendung  von  Drucken  und  Kompressionen  gewesen  zu  sein,  so  dass 
sich  hierauf  eine  Reihe  der  mitgeteilten  günstigen  Erscheinungen  beziehen 
lassen  Aber  er  betont  die  günstige  Wirkung  der  kombinierten  Operation 
auf  Blutung,  Exsudatbildung  und  Verkürzung  und  Vereinfachung  des  Pneumo¬ 
thoraxverfahrens.  A.  Wolff-Eisner. 


Verein  für  innere  Medizin  und  Kinderheilkunde  zu  Berlin. 

(Eigener  Bericht.) 

Pädiatrische  Sektion. 

Sitzung  vom  9.  iMärz  1923. 

Vor  der  Tagesordnung  demonstrierte  Herr  Nassau  eine  Veränderung 
des  Serums  bei  Ernährungsstörungen.  Ausgehend  von  der  Vorstellung,  dass 
bei  der  echten  Ernährungsstörung  des  Säuglings  Toxine  durch  die  Darmwand 
in  den  Kreislauf  übertreten,  und  aufbauend  auf  älteren  negativen  Versuchen 
anderer  Autoren  über  Serumveränderungen  bei  Anämien  verschiedener  Ge¬ 
nese  hat  N.  mit  einer  Versuchsanordnung,  bei  der  0,2  ccm  Serum  mit  steigen¬ 
den  Dosen  2  proz.  NaCLLösung  und  austariertem  96  proz.  Alkohol  angesetzt 
werden,  in  positiven  Fällen  eine  sehr  deutliche  Ausflockung  erzielt.  Das 
Serum  dys-  oder  atrophischer  sowie  hydrolabiler  Kinder  mit  starkem  Ge¬ 
wichtsverlust,  ebenso  das  der  Kinder  mit  akuten  symptomatischen  Durch¬ 
fällen  gab  stets  negative  Resultate,  höchstens  einmal  Trübung  oder  Opales¬ 
zenz  (Demonstration). 

Vortr.  erwähnt  kurz  die  verschiedenen  Theorien  über  die  physikalische 
Grundlage  der  Ausflockungsreaktion,  wie  die  Annahme  einer  Hysteresis  des 
Blutserums  oder  elektrischer  Vorgänge  infolge  geänderter  Obeiflächsn- 
spannung  entsprechend  der  Verteilung  der  Albumine  und  Globuline. 

Zum  Schluss  weist  N.  auf  die  Bedeutung  der  Reaktion  für  die  Differential¬ 
diagnose  zwischen  lokalen  Darmerkrankungen  bzw.  anderen  klinisch  ähnlichen 
Krankheitsbildcrn  und  der  akuten  alimentären  Intoxikation  als  einer  Allge¬ 
meinerkrankung  und  ihre  Wichtigkeit  für  die  Therapie  hin. 

Tagesordnung. 

Herr  Meyerstein:  Referat  über  Gonorrhöe  und  Fluor  im  Kindesalter. 

Die  Vulvovaginitis  gon.  infantum  hat  in  und  nach  dem  Kriege  in 
Deutschland  und  im  Auslande  eine  erhebliche  Verbreitung  erfahren. 

Aetiologisch  spielt  Stuprum  nur  eine  untergeordnete  Rolle.  Meistens 
kommt  indirekte  Uebertragung  in  Frage,  wie  z.  B.  bei  den  Krankenhaus- 

epidermen.  .  ,  ,, 

Die  Infektion  wird  beim  Kind  begünstigt  durch  anatomische  Verhältnisse, 
besonders  das  zarte  Epithel  und  das  alkalische  Sekret  der  Vagina,  ferner 
durch  gewisse  Infektionskrankheiten,  wie  Diphtherie,  Scharlach,  Masern.  Die 
grösste  Häufigkeit  findet  sich  um  das  vierte  Lebensjahr. 

Nach  Aufzählung  der  allgemein  bekannten  Symptome  bespricht  Vortr. 
eine  in  Buch  viel  geübte  endoskopische  Untersuchungsmethode  mittels  dünner 
Spekula  und  Stirnreflektoren,  die  eine  genaue  Inspektion  von  Vagina.  Zervix 
und  Rektalschleimhaut  sowie  exakte  Abstriche  möglich  macht.  Allerdings  ist 
sie  schmerzhaft,  kann  zu  psychischem  Trauma  und  sekundärer  Zervixinfek- 


Nr. 


29. 


tion  sowie  zu  Arthritiden  führen,  ist  daher  bei  der  akuten  Infektion  kontra- 

indiziert.  .  ,  . 

ln  fast  jedem  Falle  zeigte  eine  genaue,  häufig  wiederholte  Untersuchung 
eine  Beteiligung  von  Zervix,  Urethra  und  Rektum.  Weitere  Aszension  auf  die 
inneren  Genitalien  ist  ausserordentlich  selten.  In  dem  glasig-schleimigen 
Sekret  der  chronischen  Fälle  sind  Gonokokken  meist  nicht  nachzuweisen. 
Bartholinitis  und  Zystitis  sind  selten.  Vortr.  beobachtete  einige  Fälle  mit 
Fieber  und  einseitigem  Bauchschmerz.  Ein  achtjähriges  Kind  mit  hohem 
Fieber  zeigte  bei  der  wegen  Appendizitisverdacht  vorgenommenen  Laparo¬ 
tomie  eine  Pelveoperitonitis  serosa.  ä 

Auf  dem  Blutwege  kommt  es  mitunter  zur  Arthritis  auch  mehrerer  Ge¬ 
lenke.  Endokarditis.  Pleuritis,  Meningitis  und  Hautausschläge  hat  Vortr. 
bei  einem  Material  von  über  400  Kranken  nicht  beobachtet.  Sehr  selten 
sind  auch  Augeninfektionen. 

Der  Verlauf  ist  ein  sehr  chronischer,  Rezidive  besonders  von  Zervix 
und  Rektum  aus  sind  die  Regel.  Heilung  darf  nur  nach  sehr  langer  Beobach¬ 
tung  festgestellt  werden.  Als  einfachste  hat  sich  neben  den  üblichen  Provo¬ 
kationsmethoden  ein  mehrtägiges  Waschverbot  bewährt. 

Differentialdiagnose  gegen  den  banalen  Fluor  und  dessen  Aetiologie: 
Paragonokokkus,  Mischinfektion,  Fremdkörper,  Impetigo  vulvae.  Masern, 
Pocken,  Scharlach,  Oxyuren.  Die  Onanie  hält  Vortr.  eher  für  seine  Folge 
als  für  seine  Ursache.  Auch  eine  besondere  Disposition  (exsudative  Dia- 
these,  Neuropathie  und  endogene  Fettsucht,  Asthenie)  wird  für  die  Entstehung 
des  unspezifischen  Fluors  angeschuldigt. 

Prognose  quoad  sanationem  dubiös,  Entscheidung  zwischen  Rezidiv  und 
Reinfektion  oft  schwierig.  Die  kindliche  Gonorrhöe  soll  mitunter,  nach  An¬ 
gaben  ausländischer  Autoren,  zu  Genitaldeformitäten,  primärer  Sterilität, 
Dys-  und  Amenorrhoe  und  Veränderungen  des  Endometrium  führen. 

Hitzetherapie  (W  e  i  s  s)  und  die  besonders  in  Amerika  übliche  Vakzine- 
behandlung  wird  abgelehnt.  Bei  Arthritis  Arthigon.  Lokalbehandlung  war 
schwierig  doch  notwendig  und  lohnend  trotz  einwandfrei  beobachteter 
Spontanheilungen.  Bei  mehrwöchiger  Bettruhe  fünfmal  täglich  (!)  Lokal- 
bchandlung  der  Urethra  mit  %  Proz.,  der  Vagina  mit  1  Proz.  bis  höchstens 
3  Proz,  Protargol,  des  Rektum  mit  1  Prom.  Ag-NOs.  Fast  ebenso  häufig 
wird  lokal  untersucht.  Keine  Balsamika.  Krankenhausbehandlung  unbedingt 
erforderlich,  dabei  Ablenkung  der  Aufmerksamkeit  von  den  Genitalien,  sorg¬ 
fältige  Verhütung  von  Krankenhausepidemien. 

Merkblätter  wünschenswert.  Eine  grosszügige  Prophylaxe  ist  unter  den 
zurzeit  herrschenden  Wirtschafts-,  insbesondere  Wohnungsverhältnissen  kaum 

möglich.  550  rache:  Herr  Meyer  betont  die  Schwierigkeiten-  der  Pro¬ 
phylaxe.  Er  weist  auf  die  bald  nach  dem  Säuglingsalter  zunehmende  lokale 
Resistenz  der  Bindehäute  gegen  die  gonorrhoische  Infektion  hin.  Unter  der 
Pubertät  häufig  Spontanheilung  der  Gonorrhöe.  Glaubt  nicht  an  Ehemfek- 
tionen  als  Folge  einer  in  der  Kindheit  erworbenen  Gonorrhöe.  Unter  Be¬ 
nutzung  der  natürlichen  Hilfskräfte  wird  die  künftige  Therapie  vielleicht 
mehr  von  innen  heraus  wirken,  etwa  durch  Rcaktionsänderung  des  Nähr¬ 
bodens^  c  z  e  r  n  y  hätte  Heber  statt  der  bekannten  Mitteilungen  über 
Gonorrhöe  ausführlicheres  über  den  unspezifischen  Fluor,  die  Pseudo¬ 
gonorrhöe,  gehört.  Er  wendet  sich  entschieden  gegen  die  Polypragmasie  in 
der  kindlichen  Gonorrhöebehandlung.  Hat  bei  grossem  Material  mit  einer 
minimalen,  schonenden  Rcinlichkeitstherapie  mindestens  so  gute  Resultate 
gehabt,  dabei  keine  Komplikationen.  Bedeutung  der  Rektalgonorrhöe  seit 
langem  bekannt.  Wichtigkeit  der  sexuellen  Reizung  durch  den  Fluovr  bei 
jungen  Mädchen. 

Demgegenüber  verteidigt  Herr  Rosenstein  die  von  M.  vorgetragenen 
Anschauungen.  Auch  in  Buch  hätte  man  anfangs  eine  schonende  (Bc- 
rieselungs-  und  Trocken-)  Behandlung  versucht,  dabei  aber  dauernd  Rezidive 
gesehen.  Bezeichnet  die  intensive  Lokalbehandlung  als  unersetzbar.  I. 

Herr  Meyerstein:  Schlusswort.  W. 


Aerztlicher  Bezirksverein  Erlangen. 

Sitzung  vom  3.  M  aT  1923. 

Herr  L.  R.  Müller:  Vorstellungen  von  Kranken  mit  postenzephaliti¬ 
schen  Störungen  und  mit  Gelenk-  und  Allgemeinerkrankungen. 

Aussprache:  Herren  Ewald.  Rcgelsberger  und  Stettner 

Herr  H.  B  ö  w  i  n  g:  Die  übertragbare  Genickstarre  in  Erlangen  seit  1888. 

(Ausführliche  Mitteilung  folgt  im  D.  Arch.  f.  klm.  Med.)  _  _  . 

Bearbeitung  der  in  der  medizinischen  Klinik  und  in  der  Kinderklinik  zu 
Erlangen  vorhandenen  Krankengeschichten  und  eingehende  Beschreibung  einer 
Epidemie  des  Jahres  1923. 

Sporadische  Fälle  der  übertragbaren  Genickstarre  sind  mit  wenigen  Aus¬ 
nahmen  in  jedem  Jahre  in  den  genannten  Kliniken  beobachtet  worden.  Seil 
dem  Jahre  1915  ist  eine  erhebliche  Zunahme  festzustellen.  Im  ganzen  sine 
83  Fälle  vorgekommen. 

Nach  Abzug  der  in  den  ersten  drei  Tagen  des  Klindkaufenthaltes  Ge 
storbenen  bleiben  (in  den  Jahren  1888—1922  58  Erkrankte.  Hinsichtlich  dei 
Therapie  sind  von  diesen  drei  Gruppen  mit  sehr  verschiedener  Mortalität  zi 
unterscheiden: 

1.  Regelmässige  Lumbalpunktionen  und  intralumbale  Seruminiektionen 

14  Fälle,  davon  3  gestorben  und  11  geheilt.  _  B 

2.  Regelmässige  Lumbalpunktionen  und  keine  intralumbalcn  Seruminiek 
tionen;  10  Fälle,  davon  4  gestorben  und  6  geheilt. 

3.  Keine  Lumbalpunktionen  und  keine  intralumbalcn  Seruminiektionen 
34  Fälle,  davon  13  gestorben,  16  geheilt,  5  ertaubt. 

Aus  dieser  Zusammensetzung  scheint  der  Wert  der  intralumbalen  Serum 
behandlung  .erwiesen  zu  sein. 

Die  Epidemie  1923  verlief  schwerer.  Von  11  Fällen  der  Gruppe  1.  starbe 
4  und  7  wurden  geheilt. 

Ohne  regelmässige  Lumbalpunktionen  und  intralumbale  Seruminiektione 
wurden  3  Kranke  behandelt  (Gruppe  3).  Von  ihnen  starben  2. 

Hohe  Mortalität  erklärt  sich  durch  besondere  Virulenz  der  Erreger  un 
dadurch,  dass  das  angewandte  Serum  auf  den  vorherrschenden  Meningo 
kokkenstamm  nicht  eingestellt  ist. 

Das  1.  Lebensjahrzehnt  war  mit  21  Fällen  bei  einer  Mortalität  vo 
60  Proz.  befallen,  das  2.  mit  23  Fällen  und  44  Proz..  das  3.  mit  30  Fälle 
und  30  Proz.  Von  6  Kranken  über  30  Jahre  starben  50  Proz. 


).  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIF  T. 


Nur  '/*  aller  Kranken  waren  weiblichen  Geschlechtes.  Die  relativ 
•rinne  Beteiligung  des  kindlichen  Alters  und  das  Ueberwiegcn  des  miinn- 
:hen  Geschlechtes  erklärt  sich  durch  die  erhebliche  Beteiligung  der  Soldaten 

ii  der  Erkrankung. 

Neben  den  gewöhnlichen  Krankheiitserscheinungen  werden  besonders 
«torische  Unruhe  mit  Delirien.  Pulsverlangsamung.  Schlaflosigkeit,  Wechsel 
der  Auslösbarkeit  der  Reflexe,  Durst,  Obstipation,  Schluckbeschwerden, 
ickerausschcidung  im  Urin  .und  Atcrnstörungen  erwähnt.  Eingehende  Be- 
rechung  der  vasomotorischen,  der  sekretorischen  und  der  piloarrektorischen 
d  tropbischen  Störungen  und  ihrer  Ursachen. 

Aussprache:  Herren  W  i  s  s  m  a  n  n,  W  e  i  c  h  a  r  d  t,  L.  R.  M  ü  1  - 
•  r,  Hauser,  Knorr,  K  ö  n  i  g  e  r.  Ja  m  i  n. 


Aerztlicher  Verein  in  Frankfurt  a.  Wl. 

(Offizieller  Bericht.) 

Sitzung  vom  18.  Juni  1923. 

Vorsitzender:  Herr  M  e  h  1  e  r.  Schriftführer:  Herr  P  r  o  p  p  i  ti  g. 

Herr  Flörcken:  10  Jahre  Magenchirurgie  mit  besonderer  Berück- 
chtigung  des  Ulcus  ventriculi  et  duodeni. 

El.  führte  von  1911  bis  1.  Mai  1923  (1915/16/17  fallen  aus)  368  Magcn- 
•erationen  aus  (mittlerweile  ist  die  Zahl  auf  385  gestiegen).  Von  98  Magen- 
irzinomen  wurden  53  mit  Gastroenterostomie  behandelt;  der  Effekt  der  G.E. 
ar  eine  durchschnittliche  Lebensverlängerung  um  6  Monate  (dabei  wurden 
lieh  Fälle  mit  postoperativer  Lebensdauer  von  15,  14,  10  und  9  Monaten 
••sehen).  45  Karzinome  wurden  reseziert,  davon  sind  2  Kranke  10  und 
Jahre  nach  der  Operation  gesund  und  klinisch  rezidivfrei:  28  Kranke 
arben  mit  einer  durchschnittlichen  Lebensdauer  von  14  Monaten.  2  Magen- 
ilonresektionen  erlagen  2  und  3  Jahre  nach  der  Operation  dem  Rezidiv, 
intgentiefenbestrahlung  in  jeder  Form,  allein  oder  kombiniert  mit  Enzytol- 
iektionen  (Werner),  wird  ebenso  abgelehnt  wie  Behandlung  mit  Tumor- 
itolysaten. 

In  270  Ulcusfällen  wurde  164  mal  die  Gastroenterostomie  gemacht.  Sic 
gibt  bei  strenger  Kritik  nur  58  Proz.  gute  Resultate;  wesentlich  besser 
aren  die  Ergebnisse  der  Resektion,  die  womöglich  als  „grosse  Resektion“ 
it  Einschluss  des  Pylorus  und  des  Antrum  nach  B  i  1 1  r  o  t  h  I  oder  II 
.rönlein-Mikulicz)  durchgeführt  wird:  die  Operationsmortalität 
•trägt  4  Proz,;  neuestens  verfügt  Fl.  über  eine  Serie  von 
•  Resektionen  ohne  Todesfall.  Die  Resektion  ergibt  über 
[  ,roz'  ,ffU*e  Resultate.  Bereits  1914  mit  grosser  Resektion  operierte 
anke  zeigten  sich  allen  Strapazen  des  Krieges  gewachsen,  die  Operation 
'erstümmelt“  höchstens  im  morphologisch-anatomischen  Sinne,  sie  schafft 
iderstandsfähige  arbeitsfähige  Menschen.  Vor  zu  weitgehender  Resektion 
t  auf  Grund  der  experimentellen  Arbeit  von  Enderlen,  Freuden- 
erg  und  v.  Redwitz  zu  warnen;  beim  nichtresezierbaren  Ulcus  sollte 
istatt  der  Gastroenterostomie  die  „palliative  Resektion“  von  Pylorus  und 
utrum  ausgeführt  werden.  Von  8  Ulcera  peptica  jejuni  wurden  6  radikal 
leriert,  1  Todesfall;  4  Kranke  sind  geheilt,  1  Kranker  hat  noch  Beschwerden, 
e  Fl.  auf  den  zuriickgelassenen  Pylorus  zurückführt ;  2  Kranke  wurden  mit 
urchtrennnng  der  abführenden  Schlinge  lind  neuer  G.E.  behandelt,  Daiier- 
sultat  in  beiden  Fällen  nicht  befriedigend. 


Verein  der  Aerzte  in  Halle  a.  S. 

(Bericht  des  Vereins.) 

Sitzung  vom  13.  Juni  1923. 

Vorsitzender:  Herr  F  i  e  1  i  t  z.  Schriftführer:  Herr  Grote. 

Herr  Seil  heim:  Metroendometritls  und  Metropathie.  (Ist  ausfiihr- 
-’h  in  der  D.m.W.  1923  Nr.  22  und  23  erschienen.) 

Ausserdem  besondere  Hervorhebung,  dass  Missbrauch  der  weiblichen 
mtpflanzungsfunktionen  nur  beim  Menschen  stattfindet.  Ebenso  Uebermaass 
:s  Sexualverkehrs.  Das  Säugetier  ist  durch  die  engbegrenzte  Paarungs- 
ison  zum  Maasshalten  verpflichtet.  Dass  Missbrauch  der  weiblichen  Geni- 
lien  zu  Uteruskrankheit  führt,  ist  geradezu  experimentell  durch  die  Beob- 
ditungen  bei  Coitus  interruptus  bewiesen.  Man  sah  die  krankhaften  Ver- 
iderungen  mit  dem  Missbrauch  kommen  und  mit  seiner  Abstellung  gehen. 

Herr  K  i  e  h  n  e:  Unterschiede  im  Blutbilde  ausgebluteter  Frauen  nach 
iintgenkastration  und  nach  Uterusexstirpation. 

Das  Blutbild  wurde  sofort  nach  dem  Eingriff,  14  Tage  und  10  Wochen 
>äter  vergleichend  untersucht.  Bei  Operierten  war  das  Blut  14  Tage  später 
>rmal.  Bei  Bestrahlten  zeigte  sich  14  Tage  später  noch  starke  Anämie  und 
ich  10  Wochen  immer  noch  Zeichen  der  Anämie  mit  Vermehrung  der  Blut- 
ättchen.  Die  Regeneration  des  Organismus  nach  Röntgenkastration  ist  also 
esentlich  ungünstiger  als  nach  der  Operation. 

Besprechung:  Herr  S  e  1 1  h  e  i  m:  Die  Blutschädigung  spielt  in  dem 
Rechteren  Befinden  der  bestrahlten  Frauen  eine  Rolle,  doch  ist  sie  nur 
i  n  nachteilig  wirkender  Faktor.  Ein  wichtiges  Moment  könnte  in  der 
ernichtung  der  Eierstocksfunktion  selbst  noch  in  diesem  Uebergangsalter 

i  suchen  sein,  wobei  die  häufige  Kastrationsendometritis  mit  ihren  starken 
äfteverlusten  mit  in  die  Wagschale  fallen  mag.  Dieser  Gesichtspunkt  sollte 

ii  der  Entscheidung  über  das  schonendste  Behandlungsverfahren  nicht  ausser 
;ht  gelassen  werden. 

Herr  Brandt:  Bei  Indikationsstellung  für  Röntgentherapie  muss  auf 
lutzerstörung  mit  Allgemeinschädigung  mehr  Rücksicht  genommen  werden, 
chlechter  Allgemeinzustand  verbietet  eine  Bestrahlung  ebenso  wie  eine 
peration.  Auch  beim  Karzinom  soll  die  Röntgentherapie  in  aussichtslosen 
allen  nicht  als  ultimum  refugium  gelten.  Kachektische  Kranke  dürfen  nicht 
•«olaminis  causa“  noch  mit  schädigenden  Dosen  bestrahlt  werden.  Man  nützt 
chts,  erzeugt  nur,  wie  Holzknecht  es  nannte,  Kakothanasie. 

Herr  v.  Li  pp  mann:  Durch  Flachschädel  bedingte  Beckenendlage. 

Im  Allgemeinen  können  für  das  Zustandekommen  einer  Beckenendlage 
■ir  von  der  Mutter  oder  vom  Kind  ausgehende  Wahrscheinlichkeitsgründe 
igefiihrt  werden  (z.  B.  enges  Becken,  Placenta  praevia,  Zwillinge  etc.), 
uf  Grund  eines  in  der  Literatur  beschriebenen  und  von  3  selbst  beobachteten 
allen  von  Steisslage,  bei  denen  alle  3  Kinder  infolge  ausserordentlicher 
bflachung  des  Scheitels  und  dadurch  bedingter  äusserst  mangelhafter  Aus- 
Idung  des  Hinterhauptes  eine  sehr  eigentümliche  Verbildung  des  Schädels 
eigten,  wird  an  Hand  von  Lichtbildern  der  Nachweis  geführt,  dass  es  in 


965 

einzelnen  Fällen  bei  genauer  Beobachtung  doch  auch  gelingt,  ganz  bestimmte 
Argumente  namhaft  zu  machen,  die,  abweichend  von  der  Regel,  nicht  die 
Kopflage,  sondern  gerade  duz  Zustandekommen  einer  Bcckcncndlage  „ein¬ 
deutig"  bestimmen. 

Besprechung:  Herr  S  c  1 1  h  e  i  m:  Erklärung  des  Zustandekommens 
der  Gebärlage  des  Kindes  im  Sinne  seiner  Ausführungen  im  Arch.  f.  Gyn. 
106,  H.  1  mit  Demonstration  eines  Phantoms,  welches  die  Einrichtung  der 
Vorstossbewegung  des  Kindes  kopfwärts  in  die  Rückzugsbewegung  des 
Eruchthalterraums  beckenwärts  nach  dem  Gesetz  vom  kleinsten  Zwang  an¬ 
schaulich  macht. 

Herr  Linnert:  Regeneration  der  Uterusschleinihaut  nach  Geburt. 

Nach  der  Entleerung  des  Schwangerschaftsproduktes  kommt  es  zu 
einer  weitgehenden  Verkleinerung  des  Fruchthaltcrs,  derart,  dass  die  Sub¬ 
stanz  des  Uterus  sich  auf  den  kleinstmöglichen  Raum  zusammenzieht.  Nach 
einer  Längenausdehnung  der  schwangeren  Gebärmutter  am  Ende  der 
Schwangerschaft  von  qa.  30  35  cm  verkleinert  sich  der  Uterus  post  partum 

derart,  dass  das  Organ  einige  Stunden  nach  der  Geburt  nur  noch  folgende 
Maasse  aufweist:  Länge  17  cm,  maximale  Breite  10  cm,  Dicke  der  Musku¬ 
latur  im  Uteruskörper  an  der  vorderen  Wand  4 'A,  an  der  hinteren  Wand 
5  cm.  Der  Dickendurchmesser  in  der  sagittalen  Ebene  beträgt  9 — 10  cm. 
Bei  der  Betrachtung  des  Uterus  von  der  Ausscnfläche  her  fällt  auf,  dass 
die  Oberfläche  vorwiegend  in  sagittaler  Richtung  in  zahlreiche  Längstalten 
zerlegt  ist.  Das  Peritoneum  viscerale  und  auch  der  seröse  Ueberzug  der 
Lig.  rotunda  und  sacro-uterina  ist  in  längsvcrlaufende  Falten  gelegt. 

Die  Uterushöhle  weist  folgende  Maasse  auf:  Sagittaldurchmesser  1,6  cm, 
grösster  Querdurchmesser  3  cm,  Wandstärke  am  Fundus  2  cm,  Längsdurch- 
messer  9cm.  Das  Lumen  ist  durch  ein  festes,  in  Organisation  begriffenes 
Blutkoagulum  ausgefüllt.  Nach  vorn  und  oben  kann  man  an  dem  demon¬ 
strierten  Präparat,  das  12  Stunden  post  partum  gewonnen  wurde,  an  einer 
Stelle  beobachten,  wie  sich  ein  flacher,  3 — 4  mm  im  Durchmesser  messender, 
zapfenförmiger  Gefässthrombus  von  der  Hauptmasse  des  Blutgerinnsels  ab¬ 
hebt  und  sich  nach  der  Uteruswand  hin  erstreckt.  Der  Blutpfropf  im  Uterus- 
kavurn  ist  gegen  die  blassrote  Uteruswand  durch  eine  3—4  cm  breite,  grau¬ 
rötliche,  blutig  imbibierte  Deziduazone  abgesetzt,  in  der  sich  einige  feine 
Spaltbn  erkennen  lassen.  In  der  Uteruswand  sieht  man  nur  gianz  ver¬ 
einzelte  spaltförmige  Gefässlumina.  Die  Muskelbündel  zeigen  am  Fundus 
vorwiegend  einen  der  Konvexität  der  Kuppe  entsprechenden  längsfaserigen 
Verlauf.  In  der  Mitte  des  Körpers  überwiegen  mehr  die  schräg  oder  quer 
getroffenen  Faserbündel.  Am  Fundus  und  am  grössten  Teil  des  JJterus- 
körpers  ist  nach  aussen  hin  das  Parenchym  zu  einer  ca.  2  mm  dicken,  kon¬ 
tinuierlichen,  parallelstreifigen,  mehr  weisslichen  Zone  verdichtet,  die  mit 
dem  Peritonealüberzug  fest  verwachsen  ist.  Schon  nach  wenigen  Stunden 
wird  bei  fortschreitender  Rückbildung  der  Halsteil  fester.  Damit  geht  eine 
weitere  Verengerung  des  Halskanals  Hand  in  Hand,  so  dass  schon  nach 
ca.  10  Stunden  die  einzelnen  Abschnitte  des  Uterus  anfangen,  ihre  regelrechte 
Gestalt  anzunehmen.  Bei  der  mikroskopischen  Untersuchung  bemerkt  man 
schon  nach  Ablauf  kurzer  Zeit,  dass  ein  grosser  Teil  der  Uterushöhle  mit 
normalem  Epithel  überzogen  ist.  Schon  nach  53  Stunden  erscheint  eine 
grössere  Strecke  mit  kontinuierlichem  Oberflächenepithel  bekleidet.  Späte¬ 
stens  nach  Ablauf,  der  ersten  Woche  ist  der  Schleimhautüberzug  unter  regel¬ 
rechten  Verhältnissen  vollständig  wiederhergestellt.  Dadurch!,  dass  die 
Drüsenausführungsgänge  durch  die  mechanische  Verkleinerung  des  Uterus 
fast  bis  zur  Berührung  nahe  aneinandergerückt  werden,  wird  die  Ueber- 
häutung  der  Zwischenschicht  und  die  Ueberschiebung  der  Epithelien  vom 
Rande  der  Drüsenausführungsänge  her  von  zahlreichen  Stellen  aus  gleich¬ 
zeitig  vorgenommen,  so  dass  die  schnelle  Epithelisierung  hierdurch  verständ¬ 
lich  wird.  Des  weiteren  hängt  die  Dauer  der  Ueberhäutung  von  dem  Zu¬ 
rückbleiben  von  Deziduagewebe  und  Chorionzotten  ab.  Auffallend  und  als 
mit  der  Neubildung  des  Gewebes  im  Zusammenhang  stehend  anzusehen  ist 
der  Reichtum  der  Epithelien  der  Schleimhaut  und  der  Drüsenschläuche  an 
Iipoiden  und  fettähnlichen  Substanzen. 


Allgemeiner  ärztlicher  Verein  zu  Köln. 

(Offizieller  Bericht.) 

Sitzung  vom  12.  März  1923, 

Vorsitzender:  Herr  C  a  h  e  n  I.  Schriftführer:  Herr  J  u  n  g  b  I  u  t  h. 

Herr  Ernst  Mayer-Köln:  Zur  Therapie  und  Diagnostik  des  Schlel- 
halses. 

Vortr.  empfiehlt  bei  mittelschwerem  Schiefhals  seinen  Gipsverband,  der 
Becken,  die  ganze  Wirbelsäule  und  Kopf  mit  einschliesst.  Vorher  wird  eine 
offene  Durchschneidung  des  Kopfnickers  vorgenommen. 

Der  erste  Akt  des  Gipsverbandes,  der  nach  Art  des  S  a  y  r  6  sehen  Gips¬ 
korsetts  zunächst  nur  Becken  und  Wirbelsäule  umfasst,  wird  in  horizontaler 
Lage  vorgenommen. 

Im  zweiten  Akt  wird  der  Kranke  aufgesetzt,  die  Wirbelsäule  redressiert 
und  dann  Hals  und  Kopf  in  den  Verband  miteinbezogen. 

Das  Indikationsgebiet  dieses  Verbandes  gegenüber  dem  in  vielen  Fällen 
ebenfalls  angezeigten  Watteverband  wird  umgrenzt. 

Dieselbe  Therapie  wie  beim  angeborenen  Schiefhals  wird  auch  angwandt 
bei  hochsitzender  Zervikalskoliose  als  einleitende  Behandlung:  dann  Hauptbe¬ 
handlung  wie  bei  schweren  Skoliosen.  Erwähnung  der  von  K  r  e  in  e  r  und 
Biel  sch  owsky  kürzlich  beschriebene  Art  von  Torticolis  optica,  sowie 
Hinweis  darauf,  jede  Skoliose  von  vorne  zu  betrachten,  dann  wird  der 
Schiefhals  weniger  häufiger  übersehen. 

Diskussion:  Herren  Cords,  Jung  und  P  i  n  c  u  s. 

Herr  Ernst  May  er- Köln:  Ueber  angeborenen  Defekt  der  Kniescheibe. 

yorstellung  eines  lOjähr.  Knaben,  bei  dem  die  Kniescheibe  links  voll¬ 
ständig  fehlt  und  rechts  zu  klein  gebildet  ist.  Röntgenbilder,  die  vor  etwas 
mehr  wie  drei  Jahren  angefertigt  waren,  zeigen  rechts  einen  strichförmigen 
Schatten,  der,  wie  sich  jetzt  herausstelit,  damals  der  Kniescheibe  entsprach. 
Sie  ist  jetzt  auf  dem  Röntgenbild  etwas  überhaselnussgross,  links  ist  ein 
erbsenförmiges  Gebilde  zu  erkennen,  was  vielleicht  der  Anlage  einer  Knie¬ 
scheibe  entsprechen  konnte. 

Der  Knabe  soll  mit  Sehnenplastiken  gegen  die  bestehende  Quadrizeps- 
atrophie  bzw.  habituelle  Patellarluxation  behandelt  werden.  Vorherige 
Streckung  der  Kontraktliren. 

Hieran  anschliessend  stellt  Herr  Landwehr  2  Fälle  von  Luxation 
der  Kniescheibe  vor. 


966 


Münchener  medizinische  Wochenschrift. 


Nr.  2$. 


Aerztlicher  Verein  Nürnberg. 

(Offizieller  Bericht.) 
Sitzung  vom  15.  März  1923. 


Vorsitzender:  Herr  Strauss. 

Herr  F  I  a  t  a  u  zeigt  das  durch  Laparotomie  gewonnene  Präparat  einer 
faustgrossen  Hydrosalpinx  mit  einer  so  festen  zweimaligen  vollkommenen 
Dreh  u  n  g  im  isthmischen  Teil,  dass  1.  eine  starke  Stauungsblutung  in  den 
ampullären  Abschnitt  eingetreten  war,  2.  dass  eine  beginnende  Gangrän  des 
Tumors  zu  bemerken  ist,  3.  dass  endlich  die  Schnürfurche  an  der  '1  orsions- 
stelle  so  dünn  und  brüchig  geworden  war,  dass  eine  vollkommene  Abtrennung 
in  kürzester  Zeit  zu  erwarten  gewesen  wäre.  Interessant  ist  dabei,  dass  das 
Präparat  von  einer  27  jährigen  Primipara  stammt,  die  wieder  im  s  e  c  fas  t  e  n 
Schwangerschaftsmonat  ist.  Die  Kranke  gibt  ganz  charak¬ 
teristisch  an,  dass  sie  plötzlich  nach  einer  Anstrengung  das  Gefühl  gehabt 
hätte,  wie  wenn  etwas  in  die  Beckentiefe  gesunken  wäre  und  dass  sofort 
stärkste  Schmerzen  aufgetreten  wären.  Der  Tumor  lag  tatsächlich  tief  im 
Douglas  und  war  vom  hinteren  Scheidengewölbe  als  praller,  unbeweglich  ^ 
eingeklemmter  Körper  zu  tasten. 

Herr  Th.  Goldenberg:  Ueber  die  Steinerkrankung  der  Nieren  und 
Harnleiter.  (Demonstrationsvortrag.) 

G.  bespricht  zunächst  die  Aetiologie,  dann  an  Hand  zahlreicher  durch 
Operation  gewonnener  Steine  die  chemische  Zusammensetzung  derselben, 
ferner  unter  Anführung  einiger  Krankengeschichtsauszüge  den  klinischen 
Symptomenkomplex.  Insbesondere  wird  auf  die  Verwechselungsmöglichkeit 
von  rechtsseitigem  Ureterstein  mit  chronischer  "Appendizitis  .hingewiesen. 
(Röntgenbilder  von  3  derartigen  Fällen.)  Uretersteine  können  ferner  mit 
.Beckenflecken“,  Phlebolithen  und  verkalkten  Mesenterialdrüsen  ver¬ 
wechselt  werden.  (Demonstration  eines  derartigen  letztgenannten  Falles,  wo 
der  „Steinschatten“  entfernt  vom  Schatten  des  Harnleiterkatheters  lag  und 
wo  die  Operation  ausgeschlossen  wurde.)  Die  Insufflation  von  Gasen  oder 
die  Injektion  von  schattengebenden  Flüssigkeiten  (20  proz.  Bromnatrium-i 
lösung)  ermöglicht  durch  Darstellung  der  Nierenbecken  und  Kelche  eine  ge¬ 
naue  topische  Diagnostik,  indem  sie  den  fraglichen  Steinschatten  in  räum¬ 
liche  Beziehung  zu  diesen  Gebilden  bringt  und  hierdurch  bereits  vor  der 
Operation  eine  ziemlich  exakte  Abgrenzung  der  in  dem  jeweiligen  Falle  in 
Betracht  kommenden  Operation  (Pyelotomie-Nephrotomie?).  (Demon¬ 
stration.)  Die  Methode  der  Wahl  ist  die  Pyelotomie,  vermittelst  welcher 
man  bei  extrarenalem  Nierenbecken  selbst  recht  grosse  und  verzweigte 
Korallensteine  extrahieren  kann  (Demonstration),  bei  intermediärem  Sitz  des 
Nierenbeckens  lassen  sich  natürlich  nur  kleinere  Steine  entfernen,  bei  intra¬ 
renalem  Sitz  des  Nierenbeckens  kann  natürlich  nur  die  Nierenspaltung  in 
Frage  kommen.  Die  Furcht  vor  Fisteln  ist  unberechtigt,  selbst  bei  wenig 
exakter  Naht  des  Nierenbeckens.  Nur  bei  übersehenen  distal  gelegenen 
Abflusshindernissen  (Ureterstein)  kann  diese  seltene  Komplikation  einmal  ein- 
treten.  Bericht  über  23  eigene  wegen  Nierenstein  operierte  Fälle,  7  Frauen, 
16  Männer,  9  mal  Nephrektomie  wegen  Pyonephrosis  calculosa,  sämtlich 
geheilt,  6  Nephrotomien,  davon  starb  einer  im  Anschluss  an  die  Operation  an 
hierbei  zu  fürchtender  heftiger  Nachblutung,  8  Pyelotomien,  sämtlich  geheilt, 
üesamtmortalität  von  23  wegen  Nierenstein  operierten  Fällen:  1  —  4,4  Proz. 


Physikalisch-medizinische  Gesellschaft  zu  Würzburg. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  30.  Mai  1923. 

Vorsitzender:  Herr  Flury.  Schriftführer:  Herr  Walther  Schmitt. 

Herr  v.  Frey:  Ueber  den  Kitzel. 

Der  Vortr.  berichtet  über  gemeinsam  mit  Dr.  K.  Felix-  Heidelberg 
ausgeführte  Versuche,  denen  die  Aufgabe  gesetzt  war,  die  Stellung  des  K. 
zu  den  übrigen  Empfindungen  zu  ermitteln.  Zu  unterscheiden  ist  der  von  den 
Muskeln  auslösbare  tiefe  K.  von  dem  oberflächlichen  oder  Hautkitzel.  Letz¬ 
terer  ist  wieder  von  dem  Jucken  zu  trennen,  das  durch  schwellenmässige 
Reizung  der  oberflächlichen  Schmerznerven  (Epidermisnerven)  hervorgerufen 
wird.  K.  (Hautkitzel)  ist  im  Gegensatz  zum  Jucken  nur  mechanisch  aus¬ 
lösbar,  die  Erregung  ist  gegen  den  Reiz  nicht  verspätet,  abgesehen  von  der 
kurzen  (lh  Sekunden)  und  konstanten  Reaktionszeit,  ist  flüchtig  (Adaptation) 
und  kann  daher  nur  durch  Wandern  des  Reizes  über  die  Haut  durch  einige 
Zeit  unterhalten  werden.  K.  kann  auf  analgetischen  Hautstellen  hervor¬ 
gerufen  werden,  K.  und  Jucken  können  gleichzeitig  auf  derselben  Stelle  auf- 
treten  (in  Bestätigung  von  T  o  e  r  o  e  k  1908).  Bei  starkem  K.  kommt  es 
zum  Uebergreifen  der  Erregung  auf  die  Gefässnerven  (Schauderreflex)  und 
auf  die  oberflächlichen  Schmerznerven  (Jucken). 

Zur  Erregung  von  K.  genügen  auf  der  behaarten  Haut  ausserordentlich 
schwache  Reize,  Bruchteile  eines  Milligramms,  sofern  sie  die  Haare  aus  ihrer 
Richtung  ablenken.  Werden  die  Haare  abgeätzt,  so  steigt  die  Kitzelschwelle 
auf  das  Tausendfache  und  der  Reiz  ist  nur  über  den  Haarbälgen  (Druck¬ 
punkte)  wirksam.  Der  K.  ist  demnach  eine  Leistung  des  Drucksinns,  ebenso 
wie  die  Berührungs-.  Vibrations-  und  Druckempfindung. 

Diese  Empfindungen  werden  im  allgemeinen  als  qualitativ  verschieden 
betrachtet  und  demgemäss  besonderen  Sinneseinrichtungen  und  -nerven  zu¬ 
geschrieben  (Gefühlsnerven,  Knochennerven,  protopathische  Nerven  usw.). 
Ihre  Zusammenfassung  im  Drucksinn  widerspricht  dem  Satze  von  der 
spezifischen  Energie  der  Sinnesnerven,  wenn  man  nicht  annimmt,  dass  die 
in  der  Peripherie  gesetzten  Erregungen  auf  ihrem  Wege  zu  den  Orten  des 
psychophysischen  Geschehens  Ueberarbeitungen  erfahren  im  Sinne  einer  Zu¬ 
sammenfassung  der  Elementarerregungen  zu  neuen  Einheiten,  die  je  nach 
der  räumlichen  und  zeitlichen  Verteilung  des  Reizes  über  die  Gesamtheit  der 
betroffenen  Rezeptoren  ein  verschiedenes  Gesicht  gewinnen.  Der  Vortr. 
weist  hin  auf  verwandte  Vorgänge  in  anderen  Sinnesgebieten,  sowie  bei  den 
höheren  psychischen  Leistungen  (v.  E  h  r  e  n  f  e  1  s  ’  Gestaltqualitäten). 

Aussprache:  Herren  O.  B.  Meyer,  Sticker,  Vogt,  v.  rrey. 

Herr  K  a  d  a  n  o  f  f  demonstriert  histologische  Nervenpräparate  nach  den 
im  Anatomischen  Institut  ausgearbeiteten  Methoden. 


Verein  der  Aerzte  in  Steiermark. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  11.  Mai  1923. 

Herr  S  t  r  e  1  s  s  1  e  r  hält  eineu  Demonstrationsvortrag  über  einen  Fall 
von  Ostitis  iibrosa.  .  ,  . 

Bei  einem  jungen  Burschen  fand  sich  im  oberen  Ende  der  libia  und 
Fibula  je  ein  sich  weich  anfühlender  Tumor,  der  bei  der  Operation  als  mit 
markähnlichen  Massen  ausgefüllt  sich  erwies.  Gibt  dann  eine  kurze  und 
klare  Zusammenfassung  des  Krankheitsbildes  der  Ostitis  fibrosa  und  demon¬ 
striert  die  Bilder  zahlreicher  einschlägiger  Fälle. 

In  der  Wechselrede  sprechen  die  Herren  L  e  e  b  zum  Röntgen¬ 
befund,  B  e  i  t  z  k  e  zum  histologischen.  Herr  W  i  1 1  e  k  erwähnt  eine  hoch¬ 
gradige  Atrophie  am  unteren  Humerusende  bei  einem  70  jähr.  Mann,  wo 
eine  Fraktur  glatt  heilte  ohne  dass  eine  sichere  Diagnose  hätte  gestellt 
werden  können.  Herr  E  r  1  a  c  h  e  r  zeigt  die  Bilder  einer  Knochenzyste 
bei  einem  8  jährigen  Mädchen,  die  nach  einem  leichten  Trauma  beobachtet 
wurde.  Bei  der  Operation  fand  sich  die  Zyste  ausgefüllt  mit  geringer  Menge 
einer  serösen  Flüssigkeit,  aber  keine  Kapsel.  Histologisch  konnte  baser¬ 
mark  nachgewiesen  werden. 

Herr  Weeber  betont,  dass  nach  seinen  Erfahrungen  der  „Blut¬ 
senkungsgeschwindigkeit“  eine  besondere  diagnostische  Be¬ 
deutung  nicht  zukommen  dürfte. 


Gesellschaft  der  Aerzte  in  Wien. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  25.  Mai  1923. 

Herr  H.  Kahler  berichtet  über  einen  Fall  von  neurogener  Form  der 
Adams-Stokes  sehen  Krankheit. 

Herr  J.  Winterberg  demonstriert  Elektrokardiogramme  von 
Adams-Stokes  scher  Krankheit. 

Herr  O.  Stracker  demonstriert  die  Mobilisierung  von  Frakturen  mittels 

Quengeln.  ,  .  , 

Diese  auch  von  Naturvölkern  angewendete  Methode  besteht  darin,  das« 
man  in  die  Gipshülsen  Stäbe  einfügt,  um  die  man  eine  Doppelschnur  legt 
Mittels  eines  rotierenden  Stabes  kann  man  diese  Schnüre  eindrehen  und  sc 
verkürzen.  Auf  diese  Weise  wird  die  Kontraktur  allmählich  beseitigt. 

Herr  E.  Suchanek  demonstriert  einen  Mann,  bei  dein  er  wegen  eines 
malignen  Neoplasmas  die  Exstirpation  des  Larynx  und  die  Resektion  de: 
Pharynx  ausgeführt  hat. 

Herr  J.  Finsterer  stellt  einen  80  jährigen  Mann  vor,  den  er  wegei 
eines  malignen  Neoplasmas  12  cm  oberhalb  des  Anus  mittels  Radikaloperatioi 
mit  gutem  Erfolg  behandelt  hat. 

Herr  E.  Glas  demonstriert  einen  Arzt  aus  Saloniki,  der  wegen  eine: 
Empyems  des  Antrum  Hightnori  in  Saloniki  operiert  worden  war. 

Ein  Instrument  war  abgebrochen  und  das  Fragment  in  der  Kicferhölil« 
liegen  geblieben.  Es  bestand  eine  Protrusio  bulbi,  Schwellung  in  der  Gegem 
der  Fossa  canina;  es  entleerte  sich  stinkender  Eiter.  Der  Kranke  kam  nacl 
Wien,  um  sich  operieren  zu  lassen.  Vortr.  nahm  die  Radikaloperatioi 
des  Empyems  vor.  Die  mediale  Wand  der  Kieferhöhle  war  nekrotisch 
ebenso  das  Dach  derselben;  alle  Rezessus  wurden  ausgeräumt.  Der  Kranki 
war  am  nächsten  Tage  fieberfrei;  Exophthalmus  und  Oedem  waren  ge 
schwunden.  Nur  mehr  leichtes  Oedem  des  unteren  Augenlides  ist  Vorhände 
und  eine  geringradige  Diplopie. 

Herr  L.  Moskowicz  stellt  eine  Frau  vor,  die  er  vor  7  Jahren  wege 
eines  Parotistumors  radikal  operiert  hat. 

Dabei  konnte  natürlich  der  Fazialis  nicht  geschont  werden.  Vortr.  ver 
wendete  nun  ein  im  Tierexperiment  erprobtes  Verfahren,  um  die  Regenera 
tion  des  Fazialis  zu  sichern,  soweit  das  möglich  ist.  Er  lagerte  zwischen  da 
proximale  und  periphere  Stück  der  Fasern  ein  Stück  des  M.  sternocleidc 
inastoideus,  das  mit  dem  Muskel  breit  zusammenhing  und  darum  gut  ernähr 
war.  Diesem  Stück  wurden  vier  motorische  Fäserchen  des  Fazialis  implar 
tiert.  Die  Kranke  hat  Vortr.  in  der  Zwischenzeit  nicht  gesehen.  j 

Die  Kranke  macht  beim  ersten  Blick  den  Eindruck,  als  ob  eine  Fazialis 
parese  vorhanden  wäre;  dem  ist  aber  nicht  so,  denn  es  unterliegt  der  M.  orb 
cularis  oris  und  der  M.  orbicularis  oculi  der  Willkürinnervation.  Nur  de 
M.  frontalis  bleibt  unbewegt.  Die  neurologische  Untersuchung  ergab  Erreg 
barkeit  der  Muskeln  vom  Fazialisstamm  aus.  Am  wenigsten  reagierte  de 
Stirnmuskel  auf  elektrische  Reize;  dieser  zeigte  die  für  die  Entartungsreaktio 
charakteristische  träge  Zuckung.  Das  Ergebnis  ist  im  ganzen  eine  angenehm 
Ueberraschung  und  ein  Hinweis  auf  das  einzuschlagende  Vorgehen,  weil 
schwere  Operationen  notwendig  werden,  bei  denen  eine  Schädigung  de 
Fazialis  nicht  vermieden  werden  kann. 

Herr  I.  Kyrie:  Ueber  die  Ursache  der  Glatzenbildung. 

Anschliessend  an  die  Mitteilung  von  Stein  in  der  Sitzung  voll 
18.  Mai  d.  J.,  dass  die  Glatzenbildung  keine  Krankheit  sei,  berichtet  Redmu 
über  die  histologische  und  biologische  Stellung  der  Hautanhängc.  Man  untel 
scheidet  unter  den  Hautdrüsen  solche  vom  merokrinen  Typ,  bei  denen  d 
Sekretionsprodukte  gebildet  werden,  ohne  dass  die  Zellen  zugrunde  gehe! 
und  solche  vom  holokrinen  Typus,  bei  denen  das  Sekret  auf  Kosten  des  zi 
gründe  gehenden  Zellkörpers  sich  bildet.  Der  erstgenannte  Typus  ist  durc: 
die  Schweissdrüsen  der  Palma  und  Planta  repräsentiert,  der  letztere  dun.1 
die  grosse  Drüse  der  Axilla,  die  Knäueldrüsen  am  Anus,  die  Drüsen  an  dt 
Labien,  die  Mamma.  Die  ersteren  stammen  vom  Epithel  der  Epidermis,  d  . 
letzteren  von  den  Haarkeimen,  ebenso  wie  die  Talgdrüsen. 

Die  holokrinen  Drüsen  sind  bei  den  niederen  Säugern  zahlreicher,  bj 
den  Anthropoiden  merkt  man  schon  ein  Zurückgehen  dieses  Typus.  Auch  b- 
Völkern  verschiedener  Kulturhöhe  bestehen  Unterschiede,  so  dass  man  siel | 
dass  diese  Drüsen  auf  den  Aussterbeetat  gesetzt  sind.  Auch  haben  die  Frau-,, 
mehr  Drüsen  von  diesem  Typus  als  die  Männer.  Die  holokrinen  Drüsen  et 
reichen  ihre  volle  Ausbildung  erst  in  der  Pubertät,  sie  erzeugen  bei  di 
Tieren,  die  für  die  Anlockung  der  Geschlechter  so  wichtigen  Riechstoff 
Aehnlich  erlangt  der  Mensch  bekanntlich  das  terminale  Haarkleid  erst  in  d 
Zeit  der  Pubertät. 

Das  primäre  Haarkleid  geht  meist  am  Ende  des  Embryonallebens  ve 
loren.  Bei  Tieren  bleibt  das  zweite  Haarkleid  mit  seinem  periodisch« 
Wechsel  von  Winter-  und  Sommerpelz  erhalten.  Das  terminale  Haarkle 
entwickelt  sich  unter  dem  Einfluss  der  Reizstoffe,  die  von  den  Sexualdrüsi 
ausgeschwemmt  werden.  Ausfall  oder  Hypofunktion  der  Geschlechtsdrüs* 


I.Juii  1921  _  MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT.  %f 


ichen  die  von  Stein  besprochenen  Anomalien  der  Behaarung.  Zusammeu- 
.send  kann  man  sagen,  dass  die  von  den  embryonalen  Haarkeimen  aus- 
lienden  Gebilde  eine  Tendenz  zur  Reduktion  im  Laufe  der  Phylogenese 

gen. 


Kleine  Mitteilungen. 

Tarif  der  Deutschen  Röntgengesellschaft. 

Gültig  ab  10.  Juli  1923. 

1.  Unkostentarif. 

1.  Diagnostik:  9Xl2  Platte  und  Zahnfilm  27  750  M.,  13  X  15  Platte 
500  M..  IS  X  24  Platte  53  200  M„  24  X  30  Platte  74  250  M„  30  X  40  Platte 
1950  M.,  90  X  50  Platte  185  800  M.,  Orthodiagramm  34  000  M...  Dureli- 
ehtung  32  000  M.,  Citobaryummahlzeit  12  000  M.,  Schlauchfüllung 
000  M„  Einlauf  mit  Citobaryum  16  000  M..  Abzüge  bis  zur  Grösse 
X  24  20  000  M.,  Abzüge  darüber  hinaus  40  000  M.,  Glasdiapositiv  50  000  M. 

2.  Therapie:  a)  Oberflächentherapie  p.  M.A.M.  1000  M.,  b)  (vollw.) 
,‘fentherapie  p.  M.A.M.  1450  M. 

2.  Honorartarif. 

Allg.  Deutsche  Geb.-Ordn.  (Ausg.  rn.  Deckbl.)  Ziffer  336 — 371  mal  400. 

Eine  Reihe  von  Herren  haben  zwar  die  sofortige  Tarifzusendung  aus 
ankfurt  a.  M.  erbeten,  aber  den  vereinbarten  Betrag  nicht  eingezahlt. 

Infolgedessen  kann  ihnen  der  Tarif  nicht  zugehen. 

Im  TaHif  der  D.  R.-G.  vom  20.  VI.  1923  ist  ein  Fehler  vorhanden. 

muss  heissen:  a)  Oberfl.  Therapie  p.  M.A.M.  650  M.,  b)  (vollw.)  Tiefen- 
i  rapie  p.  M.A.M.  800  M. 

Therapeutische  Notizen. 

Das  neue  Antineuralgikum  „Quadro  na  1“. 

Unter  Berücksichtigung  des  Kombinationsprinzipes,  wonach  durch 
schung  mehrerer  Medikamente  eine  ungleich  höhere  Wirkung  erzielt 
rd,  ist  das  „Quadronal“  aus  den  vier  Bestandteilen:  Antipyrin,  Phena- 
in,  Lactophenin  und  Coffeinum  zusammengesetzt.  Die  Kombination 
n  antipyretischen  und  antineuralgischen  Komponenten  mit  der  Herz-, 
fäss-  und  Nervenwirkung  des  Koffeins,  ist  als  besonders  günstig  zu 
trachten  (siehe  darüber  besonders  die  Arbeit  von  Prof.  H.  Kionk  a, 
Kl.  1922  Nr.  21).  Infolgedessen  wird  die  in  vielen  Fällen  erforderliche 
ppelrezeptur  hinfällig,  was  wiederum  eine  für  die  heutige  Zeit  wesentliche 
rbilligung  des  Medikamentes  darstellt. 

Das  therapeutische  Anwendungsgebiet  ist  ein  vielseitiges,  entsprechend 

•  im  „Quadronal“  enthaltenen  Komponenten.  Die  kombinierte  Wirkung 

•  Antipyretica  mit  dem  Koffein  (Herz-Gefäss-Nervenwirkung.  hirngefäss- 
veiternd)  einerseits,  und  die  schmerzlindernde  und  beruhigende  Wirkung 
>  Phenacetins  und  Lactophenins  anderseits,  machen  z.  B.  bei  Migräne  die 
rblüffend  schnelle  Wirkung  des  „Quadronals“  verständlich.  Das  Haupt- 
wendungsgebiet  des  Quadronals  ist  das  grosse  Gebiet  der  akuten  und  chro- 
chen  Neuritiden  und  Neuralgien;  gut  bewährt  hat  es  sich  auch  bei  leich- 
en  Erkältungskrankheiten  und  rheumatischen  Störungen,  schliesslich  kam 

Fällen  von  Menstruationsbeschwerden  die  schmerzlindernde  Wirkung  des 
ttels  voll  zur  Geltung  (siehe  darüber  Dr.  K  e  e  s  e  r,  D.m.W.  1922  Nr.  36). 
:  fieberherabsetzende  Wirkung  ist  von  untergeordneter  Bedeutung. 

Das  Präparat  ist  von  der  allgemeinen  Ortskrankenkasse  München  zu- 
:  lassen.  „Quadronal“  wird  hergestellt  von  der  chemischen  Fabrik 
innig  &  Kipper,  Bielefeld-Brackwede.  Dr.  S  c  h  u  b  e  r  t  -  Grindelwald. 

Ueber  (Jurral. 

C  u  r  r  a  1  ist  ein  neues  Schlafmittel,  das  von  den  Chemischen  Werken 
lenzach  hergestellt  wird  und  uns  in  grösseren  Mengen  zu  Versuchszwecken 
ui  der  Firma  zur  Verfügung  gestellt  wurde. 

Chemisch  ist  Curral  Diallylbarbitursäure  und  bildet  farblose,  glänzende 
listallblättchen  vom  Schmelzpunkt  170 — 171.  Im  kalten  Wasser  ist  es 
:iwer  löslich,  etwas  leichter  in  heissem  Wasser.  Die  wässerige  Lösung 
i  [giert  schwach  sauer. 

Curral  wurde  hier  in  zusammen  25  Fällen  232  mal  verabreicht  und 
;  ar  betrafen  20  Fälle  hiervon  Schlafstörungen  verschiedenen  Grades  bei 
(,’chischen  und  nervösen  Erkrankungen,  die  anderen  5  Fälle,  psychotische 

Fegungszustände. 

Meist  wurde  Curral  in  warmer  Flüssigkeit,  Tee  oder  dergl.  ge- 

ien. 

Was  die  Wirkung  betrifft,  so  wurde  in  9  Fällen  einfacher  Agrypnie 
'  Psychopathie,  Hysterie,  Neurasthenie  u.  ä.  durch  0,1  Curral  ausnahmslos 
i  6 — 7  stündiger,  zusammenhängender  Schlaf  erzielt.  Die  Stärke  der  schlaf- 
:chenden  Wirkung  entsprach  "hierbei  etwa  0,5  Medinal  oder  Veronal. 

In  6  Fällen  mittelschwerer  Agrypnie  bei  bestehender  Unruhe  und  Er¬ 
dung  (es  handelte  sich  um  Melancholie,  chronischen  Alkoholismus,  prä- 
•liies  Irresein  u.  dergl.)  wurde  mit  der  Dosis  0,2 — 0,3  ein  mindestens 
s  hsstündiger  mehr  oder  minder  zusammenhängender  Schlaf  herbeigeführt. 
I;  Wirkung  entsprach  hierbei  1,0  Medinal  oder  0,8 — 1,0  Veronal. 

Von  den  5  Fällen  schwerer  Schlaflosigkeit  bei  schweren  Psychosen,  in 
:ien  Curral  zur  Anwendung  kam,  gelang  es  nur  in  einem  Falle  mit  0,3  Curral 
t  en  genügenden  Schlaf  zu  erzielen.  In  den  anderen  Fällen,  bei  denen  auch 
■  lere  Schlafmittel  oft  versagten,  war  auch  0,3  Curral  wirkungslos.  Diese 

Isis  wurde  nicht  überschritten,  möglicherweise  wäre  mit  einer  höheren 
sis  noch  eine  Wirkung  auch  in  diesen  Fällen  zu  erreichen. 

Recht  günstig  waren  die  Erfahrungen,  die  mit  Curral  als  Sedativum  in 
Fällen  von  schweren  psychotischen  Erregungszuständen  gemacht  wurden. 

■  Dosis  war  0,1  Curral  2 — 3  mal  täglich.  In  allen  Fällen  konnte  eine  be¬ 
ugende  Wirkung  wie  bei  anderen  Schlafmitteln  in  refracta  dosi  festgestellt 
*rden;  für  die  Nacht  war  zum  Teil  noch  die  Verabreichung  eines  weiteren 
:  ilafmittels  notwendig. 

Neben-  oder  Nachwirkungen  von  Curral  wurden  hier  nicht  beobachtet: 
besondere  versicherten  die  Kranken  mit  einfacher  Agrypnie,  dass  sie  nach 
•  rral  nie  das  Gefühl  von  Abgeschlagenheit  und  Mattigkeit  hatten  wie  bei 
leren  Schlafmitteln.  Auch  traten  nie  Kumulationserscheinungen  auf. 

Zusammenfassend  ist  zu  sagen,  dass  Curral  eine  wertvolle  Bereicherung 
i»eres  Schlafmittelschatzes  darstellt  und  mit  allen  anderen  Schlafmitteln 


erfolgreich  konkurrieren  kann.  Hervorzuheben  ist  seine  gute  Bekömmlichkeit 
und  seine  Eignung  als  Sedativum  bei  Erregungszuständen. 

(Aus  der  Lewa  löschen  Kuranstalt  in  Obernigk  bei  Breslau  (Besitzer 
und  leit.  Arzt  Dr.  L  o  e  w  e  n  s  t  e  i  n).  Dr.  Berthold  Maier. 

Assistenten-  und  StudentenbelaiiKe. 

Errungenschaften  der  Berliner  Medizinalpraktikanten. 

Das  preuss.  Ministerium  für  Wissenschaft,  Kunst  und  Volksbildung  hat 
die  Charitee-Direktion  und  die  Direktoren  der  übrigen  Berliner  Universitäts¬ 
kliniken  angewiesen,  den  Mediizinalpraktikanten  an  den  Universitätskliniken 
und  wissenschaftlichen  medizinischen  Universitätsinstituten  bei  nachge¬ 
wiesener  Bedürftigkeit  freie  Wohnung,  wenn  sie  verfügbar  ist,  und  Ver¬ 
pflegung  oder  eines  von  beiden  in  den  Universitätskliniken  zu  gewähren. 
F'erner  hat  das  Ministerium  angeordnet,  dass  den  Medizinalpraktikanten  im 
Erkrankungsfalle  kostenlose  poliklinische  Behandlung  und  bei  stationärer  Auf¬ 
nahme  in  eine  Klinik  für  die  Dauer  der  Behandlung  freie  Behandlung  und 
Verpflegung  gewährt  wird.  Oie  Klinikerschaft  hofft  auch  ihre  übrigen 
Wünsche  in  erneuten  Verhandlungen  durchsetzen  zu  können. 

Englische  Hilfe  für  die  deutschen  Studenten. 

Bei  der  Wirtschaftshilfe  der  deutschen  Studentenschaft  ist  durch  Ver¬ 
mittlung  der  ausländischen  Studentenhilfe  eine  Spende  des  englischen  Uni- 
versities  Committee  von  2000  Pfund  zur  Linderung  der  Notlage  der  deutschen 
Studentenschaft  eingegangen.  Diese  Spende  ist  ausdrücklich  dazu  bestimmt, 
die  Selbsthilfebestrebungen  der  deutschen  Studentenschaft  zu  unterstützen 
unjd  zu  fördern  und  wird  in  Deutschland  vor  allem  im  (Hinblick  auf  die 
durch  den  Ruhreinbruch  ausserordentlich  verschärfte  Notlage  der  deutschen 
Studentenschaft  dankbar  begrüsst  werden.  Das  englische  Universities  Com¬ 
mittee,  das  im  Januar  d.  J.  seine  Tätigkeit  für  die  deutsche  Studentenschaft 
aufgenommen  hat,  setzt  sich  aus  Vertretern  der  Studentenschaft  aller  engli¬ 
schen  Universitäten  und  leitenden  Persönlichkeiten  der  Wirtschaftskreise  zu¬ 
sammen. 

Vergünstigungs-  und  Arbeitsamt  der  Münchener 
Medizinerschaft. 

Die  für  die  Studentische  Nothilfe  erfolgreichsten  Aemter  der  Mediziner¬ 
schaft  sind  neben  dem  Bücheramt  das  Vergünstigungs-  und  Arbeitsamt. 
Ersteres  bedeutet  eine  direkte  Nothilfe,  indem  es  sich  mit  der  Verwaltung 
und  Verteilung  von  Geld,  Büchern  und  anderen  Spenden  befasst,  letzteres 
vermittelt  Nebenverdienst  suchenden  Kommilitonen  entsprechende  Arbeit, 
die  es  ihnen  ermöglicht,  in  der  beschränkten  Zeit  des  Semesters  oder 
während  der  Ferien  sich  die  notwendigen  Mittel  zur  Bücherbeschaffung  und 
Fortsetzung  des  Studiums  zu  beschaffen.  Dem  Vergünstigungsamt 
war  es  im  verflossenen  Semester  möglich,  wöchentlich  100—120  Theater¬ 
karten  zu  bedeutend  ermässigtem  Preise  abzugeben  und  4 — 5  Karten  in 
der  Woche  an  besonders  bedürftige  Kollegen  zu  verschenken. 

Ferner  wurde  in  den  letzten  3  Wochen  an  Bezugskarteninhaber  Brot 
mit  20  proz.  Ermässigung  verkauft.  Zum  deutschen  Turnfest  hatten  wir 
400  Dauerkarten  zum  Preise  von  550  M.  (statt  5000  M.)  zu  vergeben.  — 
Das  Müllersche  Volksbad  hat  uns  in  dankenswerter  Weise  100  Badekarten 
zu  700  M.  (statt  1500  M.)  zur  Verfügung  gestellt. 

Da  die  Nachfrage  nach  Doktorarbeiten  eine  grössere  war  als  Themen 
zur  Verfügung  standen,  überliessen  uns  die  Herren  Dozenten  40  Doktor¬ 
themen  zur  Verteilung  an  uns  als  besonders  geeignet  erscheinende  Kollegen. 
—  Von  Zeitungen  wurden  die  „Münchner  Neuesten  Nachrichten“  mit 
50  Proz.  Verbilligung  an  etwa  150  Kollegen  monatlich  geliefert. 

Das  Arbeitsamt  konnte  in  diesem  Semester  25  Kollegen  einen 
dauernden  Nebenverdienst  durch  Schreibmaschinenarbeit,  durch  medizinisch¬ 
statistische  Arbeiten  5  Kollegen  einen  solchen  verschaffen.  1544  Arbeitstage 
wurden  in  3  Wochen  an  Mediziner  beim  Film  vergeben.  In  der.  ersten 
Woche  belief  ^ich  der  Tagesverdienst  pro  Kopf  26  000  M„  dann  wurde  er 
auf  30  000  M.  erhöht  und  belief  sich  zuletzt  auf  42  000  M.  bis  zu  50  000  M. 
bei  Ueberstunden. 

Die  Münchener  Medizinerschaft  kann  somit  auf  eine  erfolgreiche  Tätig¬ 
keit  im  S.-S.  1923  zurückblicken  und  hofft  dieselbe  im  W.-S.  1923/24  in 
gleicher  Weise  fortsetzen  zu  können,  wobei  sie  aber  auf  weitgehende  Mit¬ 
arbeit  und  Unterstützung  aller  Medizinstudierenden,  Aerzte  und  sonstiger 
Interessenten  für  ihre  Sache  notwendigst  angewiesen  ist.  T  i  e  m  e  r. 


Tagesgeschichtliche  Notizen. 

München,  den  18.  Juli  1923. 

Die  Berliner  Aerteschaft  steht,  wie  unser  Berichterstatter 
(vergl.  d.  Berliner  Brief  S.  961)  schreibt,  vor  der  Erklärung  des  ver¬ 
tragslosen  Zustands.  Wenn  nicht  bis  zum  28.  Juli  Sicherheiten 
von  den  Kassen  dafür  gegeben  sein  werden,  dass  den  Aerzten  in  Zukunft 
der  Geldentwertung  entsprechende  Honorare  von  den  Kassen  gewährt  werden, 
wird  der  Vorstand  den  Vertrag  zum  1.  August  fristlos  kündigen.  Da  nicht 
anzunehmen  ist,  dass  die  Kassen  in  letzter  Stunde  nachgeben  werden,  droht 
den  Berliner  Kollegen  ein  schwerer  Kampf,  in  dem  sie  aber  die  Sympathien 
und,  wenn  es  not  tut,  die  tätige  Hilfe  aller  deutschen  Aerzte  zur  Seite  haben 
werden. 

—  Ueber  die  Zunahme  der  Kindertuberkulose  in  Berlin 
berichtet  in  der  Voss.  Ztg.  Dr.  H.  Putzig,  Oberarzt  im  Kaiscrin-Augusta- 
Victoria-Haus  in  Berlin  nach  Beobachtungen  an  der  Reichsanstalt  zur  Be¬ 
kämpfung  der  Säuglings-  und  Kleinkindersterblichkeit.  Es  geht  daraus  her¬ 
vor,  dass  in  Berlin  eine  erhebliche  Zunahme  der  Tuberkulosesterbefälle  im 
Säuglingsalter,  wie  der  Tuberkulose  im  2.  bis  5.  Lebensjahr  festgestellt  wer¬ 
den  muss.  Während  Tuberkulosefälle  früher  zu  Seltenheiten  bei  dem 
Material  der  Reichsanstalt  gehörten,  bilden  sie  jetzt  einen  wesentlichen  Fak¬ 
tor  unter  den  Aufnahmen.  Ein  Hauptgrund  dieser  bedrohlichen  und  äusserst 
bedauerlichen  Tatsache  ist  die  Zunahme  der  Tuberkulose  bei  Erwachsenen, 
die  als  Infektionsträger  für  die  Kinder  in  Betracht  kommen,  eine  Gefahr,  die 
durch  die  fortschreitende  Verschlechterung  der  wirtschaftlichen  Verhältnisse 
(Wohnungsnot,  Kohlennot,  Unterernährung)  noch  gesteigert  wird.  Hunger 
und  Unterernährung  finden  ihre  Opfer,  selbst  Skorbut  und  ähnliche  schwere 
Erkrankungen  gehören  nicht  mehr  zu  den  Seltenheiten.  Nach  Veröffent¬ 
lichungen  des  Oberbürgermeisters  Böss  ist  die  Milchzufuhr  in  Berlin  von 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


96R 


Nr.  29. 


täglich  1,2  Millionen  Liter  vor  dem  Kriege  im  Februar  d.  J.  auf  300  000  Liter 
täglich  gesunken  und  trotzdem  blieben  von  dieser  kleinen  Menge  noch 
50  0U0  Liter  unverkauft,  weil  unerschwinglich  für  weite  Kreise  der  Be¬ 
völkerung!  — 

So  kann  der  frühere  Führer  des  ritterlichen  Frankreich,  der  Arzt  C  le¬ 
rn  e  n  c  e  a  u,  hoffen,  dass  auch  auf  diesem  Wege  sein  Ziel,  das  deutsche  Volk 
um  20  Millionen  zu  vermindern,  bald  erreicht  sein  wird. 

—  Mit  Wirkung  ab  15.  VII.  1923  werden  die  Gebühren  für  ärzt¬ 
liche  Dienstleistungen  bei' Behörden  in  Bayern  nach  der 
V.  v.  17.  XL  1902/4.  VIII.  1910  GVB1.  S.  715/415  und  der  dieser  V.  bei¬ 
gegebenen  Gebührenordnung  wie  folgt  festgesetzt:  1.  Die  Mindestsätze  des 
S  3  Abs.  II  u.  III  der  V.  werden  auf  das  2000  fache  erhöht,  als  Vergütung 
nach  §  11  Abs.  II  wird  das  1800  fache  des  dortigen  Satzes  bestimmt.  2.  Die 
Sätze  der  Ziff.  14  der  Gebührenordnung  werden  auf  das  2500  fache,  der 
Mindestsatz  der  Ziff.  I  wird  auf  das  1300  fache,  der  Mindestsatz  der  Ziff.  11  auf 
das  700  fache,  die  übrigen  Mindestsätze  werden  auf  das  1800  fache  erhöht. 

3.  Als  Höchstsatz  darf  das  10  fache  der  durch  die  vorstehende  Regelung 
bestimmten  Sätze  berechnet  werden;  dies  gilt  auch  für  jene  Ansätze,  für 
welche  die  V.  v.  17.  XI.  1902 1 4.  VIII.  1910  einen  Spielraum  zwischen  Mindest¬ 
satz  und  Höchstsatz  nicht  vorsieht.  Für  besonders  gelagerte  Ausnahmefälle, 
so  bei  besonders  leistungsfähigen  Zahlungspflichtigen,  wird  gestattet,  diese 
Sätze  zu  überschreiten.  Diese  Sätze  treten  an  die  Stelle  der  Sätze  der 
V.  v.  19.  IV.  1923,  s.  d.  Wschir.  Nr.  18  S.  586. 

—  Mit  Wirkung  ab  15.  Juli  1923  wurden  für  die  Leichenschau 
in  Bayern  folgende  Gebühren  festgesetzt:  für  ärztliche  Leichenschauer: 
a)  Gebühr  für  die  Verrichtung  15  000  M.,  b)  Entfernungsgebühr,  wenn  die  Ent¬ 
fernung  des  Ortes  der  Leichenschau  vom  Wohnorte  des  Leichenschauers 
mehr  als  1  km  beträgt  für  jeden  Kilometer  des  Hin-  und  Rüchweges  3600  M. 
Die  Gebühren  für  eine  ausserhalb  des  Wohnortes  vorgenommene  Leichenschau 
dürfen  insgesamt  den  Betrag  von  40  000  M.  nicht  übersteigen.  Diese  Sätze 
treten  an  die  Stelle  der  entsprechenden  Sätze  der  Verord.  vom  30.  Mai  1923 
(d.  Wschr.  Nr.  23  S.  760). 

—  Nach  einer  Verordnung  des  Reichsarbeitsministers  wird  die  Grenze 
für  das  versicherungspflichtige  Einkommen  in  der  Ange- 
stelltenver  sdche  r.ung  im  unbesetzten  Gebiet  auf  27  Millionen 
Mark,  im  besetzten,  im  Einbruchs-  und  in  dem  Gebiet,  worin  besondere 
Vorschriften  für  die  Erwerbslosenfürsorge  gelten,  auf  34  Millionen  Mark 
festgesetzt.  Für  die  Krankenversicherung  wird  die  Einkommens¬ 
grenze  auf  21  Millionen  im  unbesetzten  und  24  Millionen  im  besetzten  Gebiet 
usw.  erhöht. 

—  Der  sechste  Ausschuss  des  Reichstages  hat  beschlossen,  die  Ziffer  5 
des  §165  der  Reichsversicherungsordnung  wie  folgt  zu  fassen:  „Versicherungs¬ 
pflichtig  sind  Angestellte  in  Berufen  der  Erziehung,  des  Unterrichts,  der 
Fürsorge,  der  Kranken-  und  Wohlfahrtspflege.“  Falls  Reichstagsplenum  und 
Regierung  diesem  Beschluss  zustimmen,  werden  alle  Assistenzärzte  an 
Krankenhäusern  versicherungspflichtig  werden,  deren  Jahreseinkommen  zur¬ 
zeit  unter  21  Millionen  Mark  beträgt.  Desgleichen  alle  entsprechend  an- 
gestellten  Fürsorger  und  Wohlfahrtsärzte  und  ausser  diesen  in  den  ent¬ 
sprechenden  Berufen  Angestellte  ähnlicher  Art. 

—  In  L  o  n  d  o  n  hat  am  7.  Juni  eine  Konferenz  von  Vertretern 
der  ärztlichen  Organisationen  und  der  Krankenkassen 
stattgefunden,  um  über  die  Gestaltung  des  kassenärztlichen  Dienstes  im  Jahre 
1924  zu  beraten.  Aus  dem  Bericht  über  die  Konferenz  (Lancet,  16  Juni)  er¬ 
sieht  man,  dass  die  Hauptstreitpunkte  in  England  dieselben  sind,  wie  bei  uns, 
nämlich  Honorar,  Kassenlöwentum,  freie  Arztwahl  und  Arzneimittelverbrauch. 
Die  Honorarfrage  schied  auf  der  Konferenz  aus,  da  sie  in  einer  ‘-""‘»ren 
Sitzung  im  Oktober  besprochen  werden  soll.  Die  finanzielle  Lage  der  Kran¬ 
kenkassen  ist  aber  eine  derart  glänzende  (23,5  Millionen  Pfund  Ueberschuss), 
dass  der  Regierungsvertreter  eine  glatte  Erfüllung  berechtigter  ärztlicher 
Ansprüche  in  Aussicht  stellen  konnte,  wenn  die  Aerzte  gewissen  Wünschen 
der  Kassen  entgegenkommen  würden.  Dem  Kassenlöwentum  wird  in  Eng¬ 
land  dadurch  entgegengewirkt,  dass  die  Zahl  von  versicherten  Personen, 
die  ein  Arzt  unter  seine  Obhut  nehmen  darf,  beschränkt  ist.  Diese  Zahl  be¬ 
trug  für  einzelne  Aerzte  bisher  3000  und  wurde  jetzt  auf  2500»herabgesetzt; 
für  Aerzte  mit  einem  ständigen  Assistenten  beträgt  sie  4000.  Die  freie  Arzt¬ 
wahl  war  immer  ein  Ziel  der  englischen  Aerzteschaft;  die  Konferenz  hat  sie 
noch  weiter  ausgedehnt.  Dem  Recht  des  Kranken,  den  Arzt  jederzeit  zu 
wechseln,  wurde  das  Recht  des  Arztes,  gewisse  Kranke  von  seiner  Liste 
auszuschliessen,  gegenübergestellt.  Ein  Antrag,  dass  ein  Versicherter  nicht 
mehr  als  einmal  in  3  Monaten  den  Arzt  solle  wechseln  können,  wurde  ab¬ 
gelehnt.  Zum  Schutze  gegen  übermässigen  Arzneimittelverbrauch  bestehen, 
wie  bei  uns,  Kommissionen.  Die  Konferenz  hielt  Massregeln  für  nötig,  um  zu 
verhüten,  dass  die  Aerzte  sich  scheuen,  notwendige  Mittel  zu  verordnen.  So 
wurde  u.  a.  die  Entscheidung  über  Strafen  dem  Minister  Vorbehalten.  Wei¬ 
tere  Verhandlungsgegenstände  betrafen  die  Extraleistungen,  das  Zeugnis¬ 
wesen  u.  a.  Ueber  den  Verlauf  der  Verhandlungen  sagt  der  Berichterstatter 
der  „Lancet“,  er  habe  nie  einer  Beratung  beigewohnt,  die  mehr  das  all¬ 
gemeine  Wohl  im  Auge  gehabt  habe,  wie  diese;  ein  Lob,  das  bei  Verhand¬ 
lungen  mit  deutschen  Krankenkassenvertretern  selten  am  Platze  sein  dürfte. 

—  Auf  Veranlassung  der  Universität  Toronto  wurde  in  Deutschland 
ein  Komitee,  bestehend  aus  den  Herren  Minkowski  (als  Vorsitzender), 
Krehl,  Fr.  Müller,  v.  N  o  o  r  d  e  n,  S  t  r  a  u  s  s,  Umber  und  F  u  1  d, 
gebildet,  das  die  Herstellung  des  Insulin  in  Deutschland  in  die  Wege 
leiten  soll. 

—  Prof.  Brauer  vom  Eppendorfer  Krankenhaus  in  Hamburg  ist  von 
der  Odessaer  Chirurgischen  Gesellschaft  zum  Ehrenmitglied  ernannt  worden. 

—  Fünfzigjähriges  Doktorjubiläum.  Im  Aufträge  der 
medizinischen  Fakultät  Bonn  wurde  dem  emerit.  Kreisarzt  in  Breslau  Geh. 
Med.-Rat  Dr.  med.  Siegfried  W  o  1  f  f  b  e  r  g  durch  den  Dekan  der  Breslauer 
med.  Fakultät  das  zum  50.  Jahrestag  erneuerte  Doktordiplom  überreicht. 

—  Auf  Anregung  des  Zentralkomitees  für  das  ärztliche  Fortbildungswesen 
in  Preussen  und  des  Deutschen  Zentralkomitees  zur  Bekämpfung  der  Tuber¬ 
kulose  hat  eine  Reihe  von  Heilstätten  sich  bereit  erklärt,  unentgeltliche 
Heilstättenkurse  abzuhalten  und  Aerzte  für  den  Zeitraum  von  etwa 
8  Tagen  unentgeltlich  aufzunehmen  und  zum  Selbstkostensatz  zu  verpflegen. 
Während  der  Zeit  des  Kurses  finden  Vorträge  aus  allen  Gebieten  der  Tuber¬ 
kulose,  teils  von  Aerzten  der  Anstalt,  teils  von  Dozenten  aus  benachbarten 
Universitäten  statt.  Besonderer  Wert  wird  auf  die  praktische  Betätigung  der 
Kursteilnehmer  gelegt.  Die  Kurse  verbinden  mit  gründlicher  Fortbildung 
auch  die  Vorteile  eines  wohlfeilen  Ferienaufenthaltes.  Der  nächste  dieser 
Fortbildungskurs  findet  vom  30.  Juli  bis  5.  August  in  der  Heilstätte  Beelitz 
statt.  Da  die  Zahl  der  Teilnehmer  nur  eine  beschränkte  sein  kann,  ist 


schleunigste  Meldung  beim  Zentralkomitee  für  das  ärztliche  Fortbildungs¬ 
wesen  in  Preussen,  Berlin  NW.  6,  Luisenplatz  2  4,  erforderlich.  j 

—  An  der  Westdeutschen  Sozial  hygienischen  Aka¬ 
demie  in  Düsseldorf  findet  der  nächste  Kurs  für  Kreisarzt-  und  Kreis¬ 
kommunalarztanwärter,  Schul-  und  Fürsorgeärzte  in  Verbindung  mit  den 
übrigen  für  die  Zulassung  zur  Kreisarztprüfung  vorgeschriebenen  Kursen 
vom  24.  September  bis  22.  Dezember  1923  statt.  Die  Teilnehmerzahl  ist  be¬ 
schränkt,  daher  baldigste  Anmeldung  notwendig.  Anfragen  beantwortet  das 
Sekretariat  der  Akademie,  Düsseldorf,  Fürstenwall  1,  sowie  der  Leiter  der 
Akademie,  Landesgewerberat  Dr.  T  e  I  e  k  y,  Düsseldorf.  1 

—  An  der  Würzburger  Universität  findet  auch  in  diesem  Jahrei 
vom  8.  bis  13.  Oktober  ein  ärztlicher  Fortbildungskurs  auf  allen 
Gebieten  der  praktischen  Medizin  statt.  Vorlesungsplan  erhäJthch  von  der 
Chirurgischen  Universitätsklinik.  IS.  a..  die  Anzeige  in  d.  Nr.  S.  3.) 

—  Die  „Deutsche  Gesellschaft  für  Gewerbehygiene', 
die  anlässlich  der  Hundertjahrfeier  der  Gesellschaft  deutscher  Naturforscher» 
und  Aerzte  in  Leipzig  ins  Leben  gerufen  wurde,  hat  nunmehr  ihre  Arbeit 
aufgenommen.  Zunächst  wurde  beschlossen,  schon  in  aller  Kürze  eine  selbH 
ständige  Zeitschrift  erscheinen  zu  lassen.  Die  Verhandlungen  mit  dem 
Verlag  stehen  vor  dem  Abschluss.  Für  den  Monat  September  ist  die  erste 
Jahreshauptversammlung  der  Gesellschaft  in  Würzburg  geplant.  Die  \  er- ‘j 
anstailtung  soll  zwei  Tage  dauern.  An  Vorträgen  sind  u.  a.  in  Aussicht 
genommen:  Geheimrat  Prof.  K.  B.  L  e  h  m  a  n  n  -  Würzburg:  Der  Fabrikstauh 
und  seine  Bedeutung  für  die  Gesundheit  der  Arbeiter.  Regierungsrat 
Dr.  Engel  vom  Reichsgesundheitsamt  in  Berlin:  Die  Staubeinatmung  und 
Tuberkulosebekämpfung.  Prof.  Dr.  C  h  a  j  e  s  -  Berlin:  Die  Aufklärung  der 
Arbeiterschaft  über  die  Berufsgefahren  und  die  Heranziehung  zur  Mit¬ 
wirkung  an  der  Bekämpfung  dieser  Gefahren.  Die  Geschäftsführung  der 
Gesellschaft  ist  ab  1.  Juli  dem  Institut  für  Gewerbehygiene  in  Frankfurt  a.  M.  | 
übertragen  worden.  Die  Anmeldungen  zum  Beitritt  zur  Gesellschaft  shidgfl 
an  die  Geschäftsführung  in  Frankfurt  a.  M.,  Viktoria-Allee  9  zu  richten. 

—  Der  Deutsche  Verein  für  öffentliche  Gesund  heits  «1H 
pflege,  nunmehr  50  Jahre  lang  bestehend,  hält  seine  Jahresversammlung 
Montag,  den  17.  Sept.  und  Dienstag,  den  18.  Sept.  in  Mühst  er  i.  W.  u 
(Rathaus)  ab.  Tagesordnung:  I.  Arbeit,  Erholung  und  Wiederaufbau  unseres 
Volkes  (Obergewerberat  K  ö  r  n  e  r  -  Berlin,  Ministerialrat  Dr.  Koelsch-j 
München,  Geheimrat  Dr.  H  u  e  p  p  e  -  Dresden).  II.  Die  gesetzliche  Regelung 
der  Bekämpfung  der  Geschlechtskrankheiten.  III.  Die  Notlage  auf  dem  Ge»!  J 
biet  der  Krankenhilfe  (Stadtrat  Dr.  S  c  h  1  o  s  s  e  r  -  Frankfurt  a.  M.,  Mini¬ 
sterialrat  Dr.  Schulz-  Berlin,  Stadtrat  Dr.  D  i  x  -  Leipzig).  Alle  Anfragen 
sind  zu  richten  an  den  ständigen  Geschäftsführer:  Professor  Dr.  v.  Dri- 
g  a  1  s  k  i  -  Halle.  —  Sonntag  den  16.  IX.  Tagung  der  Deutschen  Kom¬ 
munal-,  Schul  -  und  Fürsorgeärzte  in  Mfinste  r  i.  W.  Ver¬ 
handlungsgegenstand:  Konstitution,  Körperbeschaffenheit  und  fürsorgerische 
Massnahmen  (Prof.  v.  Drigalski  -  Halle  und  Prof.  Schmidt-  Bonn). 

Vom  13.  bis  15.  September  Tagung  des  D  e  u  t  s  c  h.  u  n  d  P  r.  Medizinal- 
beamtenvereins  in  Göttingen;  vom  19.  bis  22.  September  Ver¬ 
sammlung  der  Deutschen  Bahnärzte  in  Nauheim. 

—  Die  XIII.  Tagung  der  Deutschen  Gesellschaft  für  ge¬ 
richtliche  und  soziale  Medizin  findet  vom  18. — 20.  Sept.  1923 
unter  Vorsitz  von  Prof.  Dr.  Merkel-  München  in  Bad  Stehen  im  Fichtel¬ 
gebirge  statt.  Anmeldungen  von  Vorträgen  und  Demonstrationen  sind  an  den 
Schriftführer  Geh.  Rat  Puppe-  Breslau,  Maxstr.  14  zu  richten,  ebenso  auch 
Gesuche  um  Bereitstellung  von  Wohnungen.  Am  Montag,  den  17.  Sept.  ist 
in  Bad  Steben  eine  Zusammenkunft  der  Deutschen  Gerichtsärzte  in  Aussicht 
genommen,  in  der  über  die  Gründung  einer  wirtschaftlichen  Ver¬ 
einigung  der  Deutschen  Gerichtsärzte  Beschluss  gefasst 
werden  soll.  *t 

—  Die  sechste  Tagung  der  Deutschen  Gesellschaft  für  Uro¬ 
logie  findet  vom  26. — 29.  Septembe^  unter  dem  Vorsitz  von  Prof.  Pos- 
ner  in  Berlin  statt. 

—  Vom  Landespolizeiamt  beim  b.  Staatsministerium  des  Innern  wird 
uns  geschrieben:  „Bei  der  Landespolizei  Bayerns  besteht  kein 
Bedarf  an  Aerzten.  Die  vorhandenen  Stellen  sind  besetzt.  Die  Vormerkungen 
decken  den  Bedarf  an  Aerzten  auf  viele  Jahre  hinaus.  Weitere  Gesuche 
um  Einstellung  als  Arzt  bei  der  Landespolizei  Bayerns  sind  deshalb 
zwecklos  ** 

—  Pest.  Aegypten!  Vom  4.  bis  10.  Juni  54  Erkrankungen,  davon  in 
Alexandrien  3,  Port  Said  2  und  Suez  1. 

—  In  der  24.  Jahreswoche,  vom  10. — 16.  Juni  1923  hatten  von  deutschen 
Städten  über  100  000  Einwohner  die  grösste  Sterblichkeit  Münster  i.  W.  mit 
17.2,  die  geringste  Ludwigshafen  mit  7.5  Todesfällen  pro  Jahr  und  1000  Ein¬ 
wohner.  Vöff.  R.-G.-A. 

Hochschulnachrichten. 

Bonn.  In  der  hiesigen  med.  Fakultät  habilitierte  sich  als  Privatdozent 
für  Ohren-,  Nasen-  und  Halskrankheiten  Dr.  Aloys  Esch. 

Breslau.  Habilitiert:  Dr.  med.  Herwart  Fischer  für  gerichtliche 
und  soziale  Medizin.  Antrittsvorlesung:  Die  Bedeutung  der  gerichtlichen 
und  sozialen  Medizin  für  den  Arzt. 

Dresden  Am  6.  VII.  d.  J.  wurde  im  Stadtkrankenhause  Friedrich- 
stadt  der  Neubau  der  Abteilung  für  Ohren-,  Nasen-  und  Halskranke  (Direktor: 
Obermedizinalrat  Dr.  Mann)  seiner  Bestimmung  übergeben..  _  j; 

Leipzig.  Habilitiert:  Dr.  Walther  Weigel  dt  für  innere  Medizin. 

Basel.  Der  ausserordentliche  Professor  E.  Oppikofer  wurde  zun 
Ordinarius  ernannt. 

Innsbruck.  Für  das  Studienjahr  1923/24  wurden  folgende  Pro¬ 
fessoren  der  medizinischen  Fakultät  zu  akademischen  Funktionären  der  Uni¬ 
versität  gewählt:  zum  Rector  Magnificus  Prof.  Dr.  Hans  Hab  er  er.  zun 
Dekan  der  medizinischen  Fakultät  Prof.  Dr.  Richard  S  e  e  f  e  1  d  e  r. 

Todesfall.  1 

Frankfurt  a.  M.  Der  bekannte  wissenschaftlich  sehr  tätige  Frank¬ 
furter  Nervenarzt  Sanitätsrat  Dr.  Siegmund  Auerbach  ist  infolge  eine:- 
Schlaganfalles  plötzlich  verschieden. 


Reichsteuerungsindex. 

Der  Reichsteuerungsindex  für  Ernährung,  Heizung,  Beleuchtung,  Wohnun; 
und  Kleidung  beträgt  für  den  Monat  Juni  7650  (im  Mai  3816).  Die  Erhöhum 
beträgt  somit  100,5  v.  H.  Basiszahl  1913/14  =  1. 

Die  Buchhändler-Schlüsselzahl  ist  ab  18.  VII.  1923:  18  500 


Verlag  von  )  F.  Lehmann  in  München  SW.  2,  Paul  Heyse-Str  26.  —  Druck  von  F..  Mfihlthaler’s  Buch-  und  Kunstdruckerei  O.m.h.H.  München. 


reis  der  einreinen  Nummer  freibleibend  ■>!  2700.-.  .  Bezugspreis 
n  Deutschland  rnd  Ausland  siehe  unter  Bezugsbedingungen. 
Zusendungen  sind  zu  richten 

ür  die  Schriftleitung:  Arnulfstr.  26  (Sprechstunden  — 1  Uhr), 
ür  Bezug :  an  J.  F.  Lehmanns  Verlag,  Paul  Heyse-Strasse  26. 


MÜNCHENER 


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Leo  Waibel,  München,  TheatinerstrasseS. 
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Immer  5  Arbeitstage  vor  Erscheinen. 


Medizinische  Wochenschrift. 


ORGAN  FÜR  AMTLICHE  UND  PRAKTISCHE  ÄRZTE. 


Ir.  30.  27.  Juli  1923. 


Schriftleitung:  Dr.  13.  Spatz,  Arnulfstrasse  26. 
Verlag:  J.  F.  Lehmann,  Paul  Heysestrasse  26. 


70.  Jahrgang. 


Der  Verlag  behält  eich  das  ausschliessliche  Recht  der  Vervielfältigung  und  Verbreitung  der  in  dieser  Zeitschrift  zum  Abdruck  gelangenden  Originalbeiträge  vor. 


Originalien. 

Lieber  die  Echinokokkenkrankheit*). 

ron  Prof.  Dr.  Lozano,  Direktor  der  chirurg.  Universitäts¬ 
klinik  Saragossa. 
Leberechinokokkus. 

Ein  Organ,  das  durch  Echinokokken  ausserordentlich  oft  erkrankt, 
it  die  Leber.  Die  Gründe  dafür  will  ich  übergehen.  Eine  genaue  Dia- 
nose  und  Lokalisation  ist  gerade  hier  wichtig,  bietet  aber  oft  grosse 
ichwierigkeiten.  Palpation,  Auskultation  und  Perkussion  lassen 
icht  immer  mit  voller  Sicherheit  feststellen,  ob  der  Tumor  in  der 
unge  oder  Leber  sitzt.  Es  gibt  Leberzysten,  die  bis  zum  dritten 
iterkostalraum  reichen.  Andere  tiefsitzende  Lungenblasen  drücken 
ie  Leber  stark  nach  unten.  Hier  verschaffte  mir  folgendes  Sym- 
toin  immer  Aufklärung.  Man  bringt  den  Kranken  vor  den  Röntgen- 
riiirm  und  lässt  ihn  tief  einatmen.  Auf  der  Höhe  der  Inspiration  und 
n  Beginn  der  Exspiration  beobachtet  man  in  bestimmten  Lällen  deut¬ 
elte  Wellenbewegungen  der  Llüssigkeit  im  oberen  Zystenpol.  Man 
ielit  den  Zysteninhalt  hin-  und  herschwanken  und  hat  den  Eindruck 
on  Kontraktionen  der  Membranen,  durch  die  kleine  Schwankungen 
uf  der  Oberfläche  des  Flüssigkeitsspiegels  entstehen.  Diese  Be¬ 
legungen  wiederholen  sich  mehrmals  und  klingen  dann  wieder  ab. 
ie  sind  ein  sicheres  Zeichen,  dass  es  sich  um  eine  Zyste  unterhalb 
cs  Zwerchfells  handelt.  Ihr  Fehlen  lässt  ebenso  gewiss  auf  den 
itz  oberhalb  des  Diaphragmas  schliessen.  Wir  haben  damit  ein  dia- 
nostisches  Merkmal  von  grösster  Bedeutung  in  der  Hand. 

Die  Operation  wird  sich  je  nachdem  verschieden  gestalten.  Bei 
ungenzysten  kommen  wir  mit  einer  einfachen  Thorakotomie  aus. 
■ei  Zysten  in  der  Konvexität  der  Leber  müssen  wir  einen  anderen 
veg  einschlagen.  Das  Zwerchfell  muss  von  seinem  Ansatz  abge- 
ennt  und  höher  oben  an  die  Brustwand  befestigt  werden.  Dadurch 
ird  die  Brusthöhle  abgedichtet  und  ein  Uebertreten  von  Flüssigkeit 
ermieden.  Erst  jetzt  darf  man  die  Zyste  eröffnen. 

Die  Eröffnung  hat  demnach  im  ersten  Fall  durch  Interkostal- 
chnitt,  im  zweiten  durch  eine  Laparotomie  zu  erfolgen. 

Von  amerikanischen  Aerzten  wird  eine  besondere  Form  von 
eberechinokokkus  beschrieben.  Sie  gleicht  in  ihren  Symptomen  fast 
öllig  der  Cholezystitis.  Charakteristische  Kolikanfälle,  intermit- 
erendc  Gelbsucht,  sogar  die  typische  Druckempfindlichkeit  an  um- 
thriebener  Stelle  machen  eine  Unterscheidung  beider  Krankheiten 
ihr  schwer. 

Wir  konnten  zwei  derartige  Fälle  beobachten.  Die  Frau 
nes  Kollegen  war  lange  Zeit  wegen«  Gallensteinen  behandelt 
•orden.  Fines  Tages  wurden  nach  einem  Kolikanfall  in  den  Fäzes 
chinokokkustochterblasen  festgestellt.  Man  achtete  nun  darauf  und 
ih,  dass  nach  den  Kolikanfällen  stets  Blasen  verschiedener  Grösse 
^gingen.  Sie  erreichten  manchmal  die  Grösse  eines  Daumengliedes, 
s  war  nun  klar,  dass  diese  Echinokokkusblasen  beim  Passieren  der 
allenwege  die  Koliken  verursachten.  Da  die  Diagnose  gesienert 
ar,  wurde  die  Operation  vorgenommen.  Es  handelte  sich  in  der  Tat 
n  eine  grosse  Blase,  die  die  ganze  Konvexität  der  Leber  einnahm. 

I  .  Dieser  Sitz  ist  für  Echinokokkus  mit  biliären  Symptomen  charak- 
ristisch.  Die  Zysten  im  Konvexitätsteil  dagegen  wachsen  gegen 
is  Innere  der  Leber.  Sie  erreichen  dann  die  Anfänge  der  Gallen- 
inäle  und  treten  damit  in  Verbindung.  Die  Blasen  an  der  Kon- 
ivität  des  Organs  dehnen  sich  gegen  die  Bauchhöhle  zu  aus.  Sie 
•essen  die  Gallenwege  meistens  zusammen. 

L  Fhe  Operation  ist  bei  den  fällen,  in  denen  eine  Verbindung  der 
läse  mit  den  Gallenwegen  festgestellt  wird,  möglichst  bald  vor- 
mehmen;  denn  die  Infektionsgefahr  der  Zyste  ist  sehr  gross. 

.  Ebenso  wie  Blaseninhalt  in  das  Gallengangsystem  übertreten 
mn,  ist  auch  umgekehrt  ein  Ueberfliessen  von  Galle  in  das  Zysten- 
nere  möglich.  Es  kommt  jedoch  nur  seiten  vor.  Ich  persönlich 
inn  mich  an  zwei  derartige  Fälle  erinnern.  Durch  den  Eintritt  der 
alle  entstehen  ausserordentliche  Veränderungen.  Der  Blaseniuhalt 
eicht  sehr  stark  dem  Bild,  wie  man  es  nach  einer  drei  bis  vier  Tage 
ten  mtraabdominalcn  Blutung  findet,  oder  dem  Inneren  eines  Aneu- 
smas  mit  erweichten,  schwarzen  Blutgerinnseln.  Bei  der  Operation 
•  r^tstcllung’  ob  es  sich  um  einen  Echinokokkus  handelt,  nicht 
icnt.  Wenn  man  über  die  klinischen  Begleitumstände  des  Uebcr- 

*)  Gastvortrag,  gehalten  im  Aerztlichen  Verein  München  am  25  VI  23.  I 

Nr.  30. 


tritts  der  Galle  nicht  unterrichtet  ist,  wird  man  leicht  an  eine  ge¬ 
wöhnliche  Zyste  des  Pankreas  oder  des  Netzes  in  der  Bursa  omen- 
talis  denken.  Ich  kann  mir  vorstdien,  dass  man  sogar  ein  Aneurysma 
oder  einen  angiomatösen  Prozess  für  möglich  hält.  Der  Entschluss 
zur  Exstirpation  ist  in  solchen  Fällen  nicht  einfach. 

Lungenechinokokkus. 

In  der  Lunge  siedeln  sich  die  Hydatiden  gleichfalls  häufig 
an.  Vor  Einführung  der  Röntgenstrahlen  galten  Lungenzvsten 
als  selten.  Die  meisten  Kranken  wurden  für  tuberkulös  gehalten. 
Ausschlaggebend  war  dabei  der  Bluthusten.  Heute  wissen  wir,  dass 
er  zusammen  mit  dem  Schmerz  in  der  Brustwand  das  Frühsymptom 
des  Lungenechinokokkus  darstellt.  Ein  sehr  wichtiges  diagnostisches 
Hilfsmittel  bildet  die  Röntgenuntersuchung.  Seit  ihrer  Anwendung 
nimmt  die  Zahl  der  festgestellten  Zysten  ständig  zu.  Ich  wäre  nicht 
überrascht,  wenn  ihre  Häufigkeit  in  Bälde  dem  Vorkommen  in  der 
Leber  gleichkäme.  Wir  sehen  auf  dem  Röntgenschirm  einen  runden 
oder  ovalen,  scharf  umgrenzten  Schatten.  Er  bewegt  sich  gleich- 
mässig  mit  der  Atmung.  Diese  Bewegungen  sind  mit  dem  Schwanken 
einer  Seeboje  vergleichbar. 

Differentialdiagnostisch  muss  die  Verwechslung  mit  Dermoid¬ 
zysten  oder  Lungensarkom  vermieden  werden.  Alle  haben  eine  rund¬ 
liche  Form.  Die  Dermoidzyste  wird  meistens  mit  dem  Mediastinum, 
dem  sie  entstammt,  in  Verbindung  stehen.  Das  Sarkom  gibt  einen 
dichteren  Schatten  als  die  Echinokokkuszyste.  Vor  allein  wird  das 
schwere  klinische  Krankheitsbild  des  Sarkoms  vor  einer  Verwechs¬ 
lung  schützen. 

Eine  gewisse  Uneinigkeit  herrscht  in  der  Frage  der  Therapie 
Es  ist  bekannt,  dass  die  spontane  Eröffnung  der  Blase  und  ihre  Ent 
lcerung  durch  Aushusten  einen  natürlichen  Heilungsprozess  dar- 
stellen.  Somit  erschiene  es  unnötig,  den  Kranken  einem  chirurgischer 
Eingriff  auszusetzen.  Ist  jedoch  dieses  Aushusten  mit  gewissen  Ge 
fahren  verbunden,  oder  erfolgt  es  nur  selten,  so  wird  man  untei 
allen  Umständen  chirurgisch  Vorgehen  müssen. 

Wir  glauben,  dass  viele  Anhänger  der  konservativen  Behandlung 
die  Operation  nur  deshalb  ablehnen,  weil  sie  ihre  Technik  zu  wenig 
kennen.  Die  Thorakotomie  in  Lokalanästhesie  und  Exstirpation  der 
Zyste  nach  sorgfältiger  Lokalisation  ist  heute  kein  schwerer  Eingriff 
mehr.  Wir  haben  keinen  unserer  Kranken  verloren. 

Als  Beispiel  einer  Spontanheilung  darf  ich  vielleicht  kurz  die 
Krankengeschichte  eines  Kollegen  berichten. 

Als  18  jähriger  Student  musste  er  eine  Reise  durch  das  Geestland 
machen.  Unterwegs  trank  er  einmal  ziemlich  viel  Wasser  aus  einem  jener 
1  uinpel,  in  denen  sich  dort  das  Regenwasser  ansammelt.  Davon  leitet  er  die 
Infektion  ab.  Eine  andere  Ursache  glaubt  er  ausschliessen  zu  können,  da  er 
stets  m  Saragossa  gelebt  hatte  und  keine  Hunde  hielt.  Nach  13  Monaten 
bekam  er  dumpfe  Schmerzen  in  der  linken  Brustseite.  Sie  verschlimmerten 
sich  beim  Laufen  oder  bei  Ermüdung.  Wenn  er  einen  Druck  auf  die 
schmerzende  Stelle  ausübte,  so  gingen  die  Beschwerden  zurück.  Nachdem 
er  5  Jahre  lang  an  diesen  Schmerzen  gelitten  hatte,  trat  zum  erstenmal  Blut¬ 
husten  auf.  Er  befragte  nun  verschiedene  Aerzte,  welche  alle  Lungentuber¬ 
kulose  diagnostizierten.  Schliesslich  stellte  ein  Arzt  die  Echinokokkusblase  fest. 
Eine  Röntgendurchleuchtung  bestätigte  den  Befund.  Im  folgenden  Jahre 
hustete  er  zweimal  kleine  Tochterblasen  aus.  Nach  9  Jahren  bekam  er 
piptzlich  einen  heftigen  Hustenanfall,  bei  dem  sich  schätzungsweise  2  Liter 
Flüssigkeit  entleerten.  Er  wurde  blaurot  im  Gesicht,  hatte  grosses  Angst¬ 
gefühl  und  glaubte  zu  ersticken.  Doch  erholte  er  sich  rasch  und  konnte  schon 
nach  einer  Stunde  wie  gewöhnlich  seiner  Tätigkeit  nachgehen.  Seitdem  ist 
er  vollkommen  beschwerdefrei.  Ich  untersuchte  ihn  ein  Jahr  später  und  fand 
die  Lunge  völlig  gesund.  Das  Röntgenbild  ergab  überall  normale  Lungen¬ 
zeichnung,  nirgends  einen  Schatten. 

D6ve  berichtet  über  8  Fälle  von  spontan  ausgehustetem  Echino¬ 
kokkus,  die  ebenfalls  alle  heilten. 

■  Für  die  Therapie  können  wir  uns  jedoch  auf  dieses  rein  zufällige 
Ereignis  nicht  verlassen.  Wir  stehen  daher  auf  dem  Standpunkt  des 
Operierens.  Bezüglich  des  Zeitpunktes  richten  wir  uns  nach  folgen¬ 
dem  Grundsatz:  Alle  Lungenzysten  dicht  an  der  Lungenoberfläche 
oder  unter  einer  dünneren  Lungenschicht  (1—2  cm)  sollen  sofort 
operiert  werden.  Befinden  sie  sich  weiter  entfernt  von  der  Brust¬ 
wand  im  Lungeninnern,  soll  man  abwarten,  bis  sie  grösser  werden 
und  damit  der  Brustwand  näher  kommen. 

Echinokokkus  der  Niere. 

Die  Lokalisation  des  Echinokokkus  in  den  Nieren  ist  seltener. 
Von  den  Symptomen  ist  die  frühzeitige  Ausstossung  von  Hydatiden- 
biaschen  durcli  Harnleiter  und  Blase  besonders  hervorzuheben. 

2 


970 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  30. 


Ohne  jedoch  auf  diese  Erscheinung  zu  warten,  muss  die  Diagnose 
auf  ürund  des  blutigen  Urins,  der  Schmerzen  in  der  Lendengegend 
und  des  Nierentumors  gestellt  werden.  Erleichtert  wird  die  Unter¬ 
suchung  durch  das  Röntgenbild  in  Verbindung  mit  dem  Pneumo¬ 
peritoneum.  ln  Nordamerika  findet  die  Pyelographie  Anwendung. 
Wir  besitzen  über  die  beiden  Methoden  keine  Erfahrung  und  halten 
sie  auch  nicht  für  notwendig. 

Als  Therapie  der  Nierenzysten  kommt  bei  gesunder  zweiter 
Niere  fast  immej  die  Nephrotomie  in  Betracht.  Einmal  nahmen  wir 
bei  einer  walnussgrosscn  Geschwulst,  die  deutlich  im  unteren  Nieren- 
pol  lokalisiert  war,  die  Nephrotomie  vor.  Die  Blasen  konnten  ent¬ 
fernt  werden,  der  Kranke  wurde  geheilt.  Im  allgemeinen  hat  aber 
auch  bei  der  Echinokokkuserkrankung  die  Regel  Geltung,  dass  die 
Entfernung  der  ganzen  Niere  der  gefährlicheren  Nephrotomie  vor¬ 
zuziehen  ist. 

Echinokokkus  des  Kreuzbeins. 

Die  Entwicklung  einer  Zyste  im  Kreuzbein  ist  ausserordentlich 
selten.  Ich  konnte  einen  derartigen  Fall  beobachten.  Es  handelte 
sich  um  einen  jungen  Mann  von  26  Jahren.  Er  litt  an  einer  starken 
Parese  der  unteren  Gliedmassen  und  konnte  schliesslich  überhaupt 
nicht  mehr  gehen.  Die  Oberflächen-  und  Tiefensensibilität  der  Beine 
war  gestört;  die  Patellarreflexe  waren  aufgehoben.  Ausserdem  be¬ 
stand  Incontinentia  urinae.  Der  ganze  Symptomenkomplex  wies  auf 
eine  Kompression  der  Wurzeln  des  Plexus  sacralis  hin. 

Ein  wertvolles  diagnostisches  Hilfsmittel,  das  sich  auch  in  diesem 
Fall  bewährte,  stellt  die  sogen.  Komplementbindungsreaktion  des 
Blutserums  nach  Weinberg  dar.  Sie  beruht,  wie  Sie  wissen,  auf 
dem  Prinzip  der  Wassermann  sehen  Probe.  Wir  haben  in  den 
vier  Jahren  ihrer  Anwendung  nur  einmal  eine  Enttäuschung  erlebt. 
Aus  Argentinien  liegt  eine  Statistik  der  I  m  a  z  sehen  Reaktion,  wie 
sie  dort  genannt  wird,  vor,  mit  positivem  Resultat  in  87  Proz. 

Besonders  nützlich  ist  die  Probe  in  zweifelhaften  rauen  von 
Nierengeschwulst,  Leberzirrhose,  Splenomegalie,  zystischen  Hirn¬ 
geschwülsten,  .  „  ,,  ,  _  ,  x.  ,  . 

Die  Erfahrung  lehrt,  dass  der  negative  Ausfall  der  Reaktion  fast 
mit  Bestimmtheit  eine  Echinokokkuserkrankung  auszuschliessen  er¬ 
laubt.  Bei  Kranken  mit  unbestimmten  Herzstörungen  ist  sie  unserer 
Meinung  nach  zur  Feststellung  der  Hydatidenkrankheit  von  aus¬ 
schlaggebender  Bedeutung.  In  gleicher  Weise  stellt  sie  besonders  in 
Ländern,  in  denen  diese  Krankheit  stark  verbreitet  ist,  für  alle  tief¬ 
gelegenen,  der  direkten  Untersuchung  unzugänglichen  Geschwülste 
einen  sehr  wichtigen  diagnostischen  Faktor  dar. 


Gehirnechinokokkusi 


Eine  seltene  Form  in  Spanien  sind  die  Zysten  im  Gehirn.  Im 
Gegensatz  dazu  treten  sie  in  Argentinien  so  häufig  auf,  dass  Riv  a- 
roda  sie  bezüglich  ihrer  Frequenz  an  die  dritte  Stelle  setzt.  Doch 
findet  man  sie  fast  nur  bei  Kindern.  Bei  Erwachsenen  bilden  sie 
auch  dort  eine  Ausnahme.  In  69  Fällen,  die  alle  aus  Argentinien 
stammen  und  Kinder  unter  15  Jahren  betreffen,  waren  sie  meist  in 
den  sensiblen  und  motorischen  Zentren  lokalisiert. 

Sie  entwickeln  sich  wie  die  Zysten  in  anderen  Organen.  Grössere 
Zerstörungen  oder  Alterationen,  wie  Ventrikelrupturen,  Blutungen, 
werden  nicht  verursacht.  Die  Symptome  gleichen  denen  der  Hirn¬ 
tumoren.  Zur  exakten  Diagnose  empfiehlt  RivarodadiePollak- 
N  e  i  s  s  e  r  sehe  Trepanpunktion.  Die  Zysten  sind  nach  ihm  in  allen 
Fällen  zu  operieren.  Von  21  operierten  Kindern  starben  13  früher 
oder  später  nach  dem  Eingriff.  In  einem  Falle  fand  sich  eine  ver¬ 
eiterte  Zyste.  Sie  war  vorher  mit  Glyzerineinspritzungen  behandelt 
worden.  Acht  Kranke  wurden  geheilt. 


Echinokokkus  des  Herzens. 


Mills  berichtete  im  vorigen  Jahr  über  folgenden  Fall  von  Herz¬ 
zyste:  Ein  36  jähriger  Franzose  wurde  tot  auf  gefunden.  Bei  der 
Autopsie  entdeckte  man  im  rechten  Ventrikel  eine  Blase  von  5  cm 
Durchmesser.  In  der  rechten  Lunge  vier  kleine  Zysten.  Die  mikro¬ 
skopische  Untersuchung  bestätigte,  dass  es  sich  um  Echinokokkus 
handelte.  Mills  glaubt  aus  Gründen,  auf  die  ich  hier  nicht  naher 
eingehen  will,  dass  die  Erkrankung  der  Lunge  in  diesem  Falle 
sekundär  auftrat.  Er  schreibt  ferner,  dass  an  Lebenden  noch  niemals 
Echinokokkenblasen  des  Herzens  diagnostiziert  wurden.  Nur 
Gerne  hatte  einmal  Verdacht  auf  eine  Zyste.  In  den  Fällen  von 
Cote,  Rokitansky,  Goodhart,  Habersohn  und  Made¬ 
lung  scheinen  Spontanheilungen  stattgefunden  zu  haben.  Bis  jetzt 
wurden  in  Nordamerika  drei  solche  Fälle  festgestellt. 


Echinokokkus  des  Pankreas. 

Die  Zyste  der  Bauchspeicheldrüse  kommt  nur  selten  vor.  Al  v  o 
ln  Montevideo  gibt  an,  dass  sie  in  den  russischen  und  englischen 
Statistiken  ungefähr  0,12  Proz.  beträgt.  Er  beschreibt  einen  selbst 
beobachteten  Fall.  Auf  Grund  dieses  Krankheitsberichtes  und 
16  anderer  aus  der  Literatur,  von  denen  6  durch  Autopsie  bestätigt 
wurden,  gibt  er  folgende  Symptome  der  Pankreaszyste  an:  Bauch¬ 
schmerzen  in  der  Nabelgegend,  gastrische  Störungen,  chronischer, 
mechanisch  bedingter  Ikterus,  Abneigung  gegen  fette  Speisen,  starke 
Abmagerung.  Tumor  ohne  morphologische  Leberveränderung. 


Noch  ein  Wort  über  die  Technik. 

Seit  einigen  Jahren  nähen  wir  die  Zystenwand  an  den  ausseren 
Wundrand  an.  Fast  immer  genügt  die  Lokalanästhesie  zur  Aus¬ 


führung  der  Operation.  Vor  der  Eröffnung  der  Blase  heften  wir  die 
Membran  gewöhnlich  mit  Seidennähten  an  die  subkutane  Faszie  an. 
Nach  Anlage  einer  Kreuznaht  wird  die  Wand  im  Zentrum  der  fixierten 
Stelle  eingeschnitten.  Wir  lassen  soviel  Flüssigkeit  ablaufen,  als  sich 
spontan  entleert.  Dann  wird  der  Kranke  so  gelagert,  dass  die 
Zystenöffnung  am  tiefsten  Punkt  liegt  und  so  der  Rest  von  selbst 
abfliessen  kann.  Manchmal  erscheint  jedoch  dieser  Lagewechsel 
gefährlich  ln  solchen  Fällen  führen  wir  einen  dicken  Gummischlaucli 
in  die  Zyste  bis  zur  Basis  ein.  Mittels  einer  Spritze  wird  die  Luft 
aus  dem  Schlauch  abgesaugt.  Auf  diese  Weise  können  wird  den 
Zysteninhalt  durch  Heberdrainage  fast  vollkommen  entleeren.  Ent¬ 
hält  die  Blase  wenig  Flüssigkeit,  aber  zahlreiche  1  ochterblasen, 
so  spritzen  wir  unter  entsprechendem  Druck  steriles  Kochsalzwasser 
ein.  Dadurch  wird  der  Austritt  der  kleinen  Zysten  ei  leichtert.  Nac  i- 
dem  so  das  Zysteninnere  ohne  Anwendung  von  Mulltupfern  oder  ohne 
sonstige  Massnahmen  gesäubert  ist,  ziehen  wir  die  Membran  heraus. 
Es  wird  dazu  eine  grosse  Fasszange  verwendet,  deren  ringförmige 
Enden  mit  Mull  umwickelt  sind.  Die  Operation  ist  mit  der  Ent¬ 
fernung  der  Membran  beendet.  Es  bleibt  uns  noch  übrig.  das  Zu- 
sammenkleben  der  Wundränder  durch  Einlegen  einiger  Mullstreifen 
zu  verhindern.  Nach  drei  Tagen  wird  der  Kranke  so  ge  egt,  dass 
inzwischen  an  gesammeltes  Transsudat  abfliesen  kann.  Manchmal  geht 
dabei  noch  eine  Tochterblase  ab,  die  unbemerkt  zurückgeblieben  war 
Aus  der  Beschreibung  geht  hervor,  dass  unsere  lechnik  bestrebt 
ist,  alles  zu  vermeiden,  was  eine  Infektion  verursachen  konnte. 
Deshalb  sehen  wir  auch  unter  normalen  Verhältnissen  bei  der 
Nachbehandlung  von  jeder  Spülung  ab.  Die  Flüssigkeit  wird  aus¬ 
schliesslich  durch  entsprechende  Lagerung  entfernt.  Nur  bei  Aul¬ 
treten  von  ungefähr  dreitägigem  Fieber  machen  wir  Spülungen  mit 
stark  verdünntem  Wasserstoffsuperoxyd.  Jeder  stärkere  uruclc 

wird  dabei  vermieden.  - 

Bei  infizierteji  Zysten  wird  die  Membran  nicht  entfernt.  Sie 
werden  mit  einem  Gummischlauch  drainiert,  der  bis  auf  den  Grund 
der  Blase  reicht.  Bei  starker  Infektion  nehmen  wir  jeden  dritten  oder 
vierten  Tag  eine  Ausspülung  mit  0,25  proz.  Karbolsäure  vor. 

Als  häufigste  Komplikation  der  Nachbehandlungszeit  ist  das 
Eindringen  von  Galle  in  das  Innere  der  Blase  zu  erwähnen.  Wir 
gehen  hier  ebenfalls  in  der  beschriebenen  Weise  vor.  Mit  dem  all¬ 
mählichen  Schrumpfen  der  Membran  hört  der  Gallendurchtritt  ohne 
besondere  Massnahmen  von  selbst  auf.  Das  ist  jedenfalls  auf  die 
Granulationen  zurückzuführen,  die  sich  an  der  Innenseite  der  Flohle 
bilden  Sie  versperren  wahrscheinlich  die  Ausflussöffnungen  der 
kleinen  Gallenkanälchen.  Von  den  meisten  Chirurgen  wird  zur 
Sterilisierung  und  Vermeidung  von  Impfaussaat  während  der  Opera¬ 
tion  die  vorherige  Einspritzung  von  2  proz.  Formollösung  sehr  emp- 
fohlen.  Ich  habe  mich  diesem  Vorgehen  nie  angeschlossen.  Die  For- 
mollösung  kann  meiner  Ansicht  nach,  selbst  wenn  sie  nur  5  Minuten 
mit  der  Zyste  in  Berührung  bleibt,  grossen  Schaden  anrichten. 

Mit  diesem  Verfahren  habe  ich  keinen  einzigen  Fall  von  wirk¬ 
lichem  Rezidiv  erlebt.  Ein  solcher  lag  zweimal  nur  scheinbar 
vor.  Denn  es  handelte  sich,  wie  sich  herausstellte,  unji 
gleichzeitige,  unabhängige  Zysten,  die  übersehen  worden  waren. 
Es  muss  daher  sorgfältig  darauf  geachtet  werden,  ob  im 
Operationsfeld  etwas  auf  das  Vorhandensein  weiterer  Zysten  deutet. 
Ihre  Anwesenheit  und  Lage  sind  durch  eine  Punktion  sicherzustellen. 
Fällt  sie  positiv  aus,  so  eröffnen  wir  die  Zyste  an  der  zugänglichsten 

Bei  Doppelzysten  darf  man  sich  nicht  dazu  verleiten  lassen,  die 
Scheidewand  zu  durchtrennen.  Sie  enthält  fast  immer  dicke  Venen, 
die  eine  starke  Blutung  verursachen  können.  Ich  wohnte  einmal 
einem  solchen  Zwischenfall  als  Zuschauer  bei. 

Bei  Anwendung  der  beschriebenen  Operationstechnik  kann  man 
sagen,  dass  die  Sterblichkeit  der  nichtinfizierten  und  unkomplizierten 
Fälle  nahezu  gleich  Null  ist. 

In  unserer  Gesamtstatistik  haben  wir  eine  Sterblichkeit  von  nur 

"oie  Mehrzahl  der  tödlichen  Ausgänge  werden  durch  Zwischen¬ 
fälle  herbeigeführt,  die  nicht  in  unmittelbarem  Zusammenhang  mit 
der  eigentlichen  Erkrankung  stehen.  Manchmal  handelt  es  sich  auch 
um  seltene  Komplikationen.  So  starb  z.  B.  ein  Kranker  hnolse 
Ruptur  eines  Aneurysmas  der  Arteria  subclavia.  Ein  weiterer  Fall 
mit  einer  grossen  eiternden  Zyste  überstand  die  Operation  wegen 
der  ausserordentlichen  Allgemeinschwäche  nicht;  auch  sind  Pen- 

tonitis  und  Sepsis  zu  nennen.  . 

Darf  die  Operation  von  Einzelzysten  als  verhältnismässig  einfach 
und  ungefährlich  bezeichnet  werden,  so  trifft  das  für  die  Fälle,  bei 
denen  neue  Zysten  auftreten  oder  sich  mehrere  gleichzeitig  ent¬ 
wickeln,  keineswegs  zu.  _  ' 

Ein  Frage  von  besonderer  Bedeutung  ist  die  Behandlung  mul 
tipler  Zysten  der  Bauchhöhle.  Wir  halten  diese  Form  bis  jetzt  füJ 
unheilbar.  Gegenwärtig  stellen  wir  Versuche  mit  Bestrahlung  an 
Sie  scheint  manchmal  günstig  zu  wirken.  Ein  abschliessendes  Urtei 
möchte  ich  jedoch  nicht  abgeben.  Bei  Fällen  mit  sehr  zahlreiche! 
Blasen  im  Bauchraum  müssen  wir  uns  vorerst  mit  einer  Ieilexstir 
pation  begnügen.  Wir  entfernen  die  grössten,  da  sie  mechanisch* 
Störung  der  Atmung  und  des  Kreislaufes  verursachen  oder  _durcl 
Platzen  zu  Allgemeinvergiftung  und  Metastasenbildung  führen  können 


27.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


971 


Aus  der  geburtshilll.  u.  gynäk.  Klinik  der  National-Universität 
Athen.  (Vorstand:  Prof.  Dr.  Konstantin  Louros.) 

Autovakzinbehandlung  des  Puerperalfiebers. 

Von  Dr.  Nicolas  Louros. 

Die  auf  dem  Gebiete  der  Therapie  der  puerperalen  Strepto- 
kokkensepsis  in  den  letzten  Jahren  gemachten  Forschungen  haben 
unsere  Kenntnisse  über  die  so  gefürchtete  Erkrankung  der  Wöchne¬ 
rinnen  um  mancherlei  interessante  Erfahrungen  bereichert.  Die 
Chemo-,  Sero-  und  Reizkörpertherapie,  als  Resultate  mühevoller  Ex¬ 
perimente,  Untersuchungen  und  Erfahrungen  eines  logischen  Denkens 
entstanden,  wurden  nacheinander  mit  Eifer  geprüft.  Was  die  Erfolge 
dieser  Bestrebungen  anbetrifft,  so  sind  sie  lange  nicht  so  befriedigend, 
wie  wir  es  erwarten  mögen.  Von  verschiedenen  Seiten  werden  aller¬ 
dings  über  die  eine  oder  die  andere  Therapie  erfreuliche  Resultate 
berichtet,  die  wiederum  keine  allgemeine  Anerkennung  finden.  Wenn 
wir  möglichst  objektiv  einen  Rückblick  auf  die  Bestrebungen  der 
letzten  Jahre  werfen,  so  können  wir  als  das  Hauptverdienst  dieser 
therapeutischen  Angaben  im  wissenschaftlichen  Sinne  die  Entwick¬ 
lung  unserer  Skepsis  und  Reserve  über  die  Beurteilung  des  Erfolges 
der  Bekämpfung  der  ausgebrochenen  puerperalen  Streptokokkenblut- 
infektion  und  ihrer  zahlreichen  Komplikationen  feststellen.  Und  das 
ist  sicher  ein  Fortschritt.  Es  dürfte  heutzutage  die  Anschauung  herr¬ 
schen,  den  Erfolg  der  Therapie  als  einen  subjektiven,  von  der  Kranken 
abhängenden,  zu  betrachten.  Den  besten  Beweis  der  Tatsache,  dass 
kein  richtiges  Mittel  existiert,  mit  dem  man  jede  puerperale  Strepto¬ 
kokkenblutinfektion  bekämpfen  kann,  liefern  die  sich  widersprechen¬ 
den  Urteile  über  den  Erfolg  der  angewandten  Therapie.  Die  haupt¬ 
sächliche  Ursache  dieser  Meinungsverschiedenheiten  über  die  be¬ 
obachteten  Erfolge  liegt  vielleicht  in  der  verschiedenen  Auffassung 
dessen,  was  man  Sepsis  nennt.  Für  die  Entwicklung  des  klinischen 
Bildes  spielen  zwei  Faktoren  mit.  Die  Giftigkeit  der  eindringenden 
Keime  und  die  Abwehr  des  überfallenen  Organismus,  was  wir  mit 
einem  Wort  Virulenz  nennen  dürfen.  Durch  die  Definition  der  Virulenz 
sollten  die  Parteikämpfe  befriedigt  werden,  sowohl  diejenigen,  die 
die  Giftigkeit  (Veit  u.  a.),  als  die,  die  die  Abwehr  des  Organismus 
(Sachs  u.a.)  als  ausschlaggebend  für  die  Entwicklung  der  Infektion 
betrachten.  Der  Kampf  zwischen  diesen  beiden  Faktoren  projiziert 
sich  auf  das  klinische  Bild.  Wie  sehr  dieses  Verhältnis  für  das  kli¬ 
nische  Urteil  und  die  Prognose  stimmt,  haben  die  neuen  Virulenz¬ 
prüfungen  von  Rüge  II  und  Philipp  bewiesen.  Es  ist  Rüge  11 
gelungen,  das  Verhältnis  zwischen  Wachstum  der  in  das  Blut  der 
infizierten  Frau  gebrachten  Vaginalkeime,  die  die  Infektion  hervor¬ 
gerufen  haben,  und  der  Abwehr  dieses  Blutes  unter  dem  Mikroskop  zu 
beobachten.  Wachsen  die  Keime  innerhalb  einer  empirisch  bestimmten 
Zeit  von  Diplokokkenform  in  Ketten,  so  entwickelt  sich  eine  schwere 
Sepsis.  Bleiben  dieselben  aber  nach  einer  dreistündigen  Beobachtung 
unter  dem  Mikroskop  unverändert,  so  heisst  es,  dass  entweder  die 
Keime  keine  Kraft,  sich  zu  vermehren,  besitzen,  oder  dass  diese  Kraft 
durch  die  Abwehr  des  Organismus  vernichtet  worden  ist.  In  ähn¬ 
lichem  Sinne  konnte  Philipp  kulturell  durch  sein  ausgezeichnetes 
Plattenverfahren  die  Virulenz  konstatieren  und  auf  das  Krankheitsbild 
diese  Verhältnisse  projizieren. 

Durch  die  Virulenzprüfung  ist  es  möglich,  das  Fieber  im  Wochen¬ 
bett  folgendermassen  zu  deuten: 

1.  Als  eine  Lochialstauung.  Wie  Lamers  und  dann 
Warnekros  bewiesen  haben,  kommt  es  bei  Lochialstauung  trotz 
der  Anwesenheit  von  Staphylo-  und  Streptokokken  im  Lochialsekret 
im  Wochenbett  fast  nie,  bei  Aborten  sehr  selten  zu  Bakteriämien, 
selbst  nicht  mit  Anaörobiern,  im  Gegensatz  zur  Schottmüller- 
sehen  Auffassung. 

2.  Als  eine  lokale  Infektion.  Wobei  Bakterien  (Stäb¬ 
chen,  Diplokokken,  Staphylo-  und  Streptokokken  u.  a.)  im  Vaginal- 
bzw.  Lochialsekret  nachgewiesen  werden,  ohne  aber  die  Fähigkeit  zu 
besitzen,  sich  in  die  Blutbahn  zu  verschleppen  und  zu  wachsen.  Das 
Blut  bleibt  dabei  immer  steril.  Bei  diesen  Fällen  fällt  die  Virulenz¬ 
probe  negativ  aus. 

3.  Alseine  mechanische  Bakteriämie  nach  B  u  m  m 
oder  primäres  Resorptionsstadium  nach  Sachs,  bedingt  am  häu¬ 
figsten  durch  einen  intrauterinen  Eingriff.  Es  werden  durch  die  offene 
Uteruswunde  in  die  Blutbahn  Bakterien  verschleppt.  Klinisch  äussert 
sich  dieser  Vorgang  durch  Schüttelfrost  und  Fieber  und  ist  eine  be¬ 
kannte  und  häufige  Beobachtung  bei  artifiziellen  Aborten.  Wenn  man 
bei  noch  bestehendem  Uteroplazentarkreislauf  während  des  Schüttel¬ 
frostes  Blut  entnimmt,  so  kann  man  nach  24  Stunden  inderSchott- 
ni  ü  1 1  e  r  sehen  Röhre  Bakterienkolonien  nachweisen.  Mit  diesen 
Keimen  wird  aber  der  Organismus  allein  fertig,  so  dass  man  einige 
Stunden  nach  dem  Schüttelfrost  keine  Bakterien  mehr  im  Blut  findet. 
Der  Schüttelfrost  stellt  die  Reaktion  des  Körpers  dar  während  des 
Eindringens  der  Keime  in  die  Blutbahn.  Die  Virulenzprüfung  bei  diesen 
Fällen  zeigt  kein  Wachstum  der  Vaginalkeime  im  Eigenblut  der 
Frau.  Diese  Fälle  heilen  von  selbst  aus,  und  es  wäre  ein  Irrtum,  hier 
eine  I  herapie  als  erfolgreich  zu  verwerten.  Darauf  beruht,  glaube 
ich,  die  Mehrzahl  der  angeblich  erfolgreich  mit  Chemo-,  Sero-  und 
Proteinkörpertherapie  behandelten  Fälle.  Diese  mechanische  Bakteri¬ 
ämie  sollte  man  also  zwecks  Prognose  und  Therapie  scharf  von  der 
Pyämie  und  der  echten  Sepsis  trennen. 


4.  Als  eine  Pyämie.  Unter  Pyämie  verstehen  wir  die  Ver¬ 
schleppung  von  Keimen  aus  einem  infizierten  Thrombus  des  retro- 
plazentaren  Gebietes  in  die  Blutbahn.  Der  infizierte  Thrombus  liefert 
immer  wieder  Bakterien  in  das  Blut.  Es  kommt  zu  Schüttelfrösten 
und  höheren  Temperaturen.  Dem  Körper  gelingt  es,  bis  zu  einem  ge¬ 
wissen  Grade  die  Keime  zu  vernichten,  und  die  Temperatur  sinkt  ent¬ 
sprechend  (typische,  zackige  pyämische  Kurve).  Darauf  kommt  aber 
ein  weiterer  Nachschub  von  Bakterien  aus  dem  infizierten  Thrombus 
in  das  Blut,  so  dass  sich  derselbe  Vorgang  wiederholt.  Bei  solchen 
Fällen  kann  man  entweder  nur  während  des  Schüttelfrostes,  mit¬ 
unter  aber  auch  bei  protrahierten  Fällen  ständig  Bakterien  im  Blute 
finden.  Die  Virulenzprüfung  zeigt  je  nach  der  Schwere  des  Falles  ent¬ 
weder  Wachstum  der  Keime  im  Eigenblut,  oder  lässt  es  vermissen, 
und  geht  dem  sich  im  Körper  abspielenden  Vorgänge  parallel.  Der¬ 
artige  pyämische  retroplazentare  Herde  können  zu  einer  eenten 
Sepsis  führen  (Septikopyämie)  und  scheinen  durch  die  Chemo-,  Sero- 
und  Proteinkörpertherapie  nicht  beeinflussbar  zu  sein.  Die  besten 
Aussichten  liefert  noch  die  operative  Behandlung,  im  Sinne  einer 
Unterbindung  des  den  infizierten  Thrombus  enthaltenden  Gefässes, 
oder  eine  rechtzeitige  Totalexstirpation  des  Uterus. 

5.  Als  eine  im  engeren  Sinne  schwere  Sepsis. 
Als  solche  betrachten  wir  mit  Warnekros  die  Anwesenheit  von 
Bakterien  im  Blut,  die  sich  nicht  nur  einmal  während  des  Schüttel¬ 
frostes  und  des  hohen  Fiebers  nachweisen  lassen,  sondern  die  ständig 
das  Blut  überschwemmen,  ohne  dass  es  dem  Körper  gelingt,  dieselben 
zu  vernichten.  Eine  Sepsis  kann  sich  sowohl  auf  Grund  einer  lokalen 
bzw.  pyämischen  Infektion,  wie  auch  von  vornherein  entwickeln.  Die 
Virulenzprüfung  zeigt  dabei  stets  Wachstum  der  Vaginalkcime  im 
Eigenblut  der  Frau.  Derartige  Fälle  sind  mit  der  Chemo-,  Sero-  und 
Proteinkörpertherapie  fast  gar  nicht  beeinflussbar.  Es  gibt  gewiss 
einige,  leider  sehr  seltene  Fälle  von  Heilungen,  die  aber  eher  einer 
spontanen  Abwehr  des  Organismus  zu  verdanken  sind,  als  durch 
einen  therapeutischen  Einfluss  geheilt.  Als  eine  Komplikation  der 
Sepsis  sind  die  sich  im  Laufe  der  Erkrankung  bildenden  sogenannten 
Metastasen  in  den  verschiedenen  Organen  aufzufassen.  Die  septische 
Endokarditis,  die  Lungen-,  Nieren-,  Leber-,  Milzinfarkte  bringen  eine 
bedeutende  Verschlimmerung  des  Zustandes  mit  sich.  Die  Prognose 
und  die  Heilungsaussichten  sind  infolgedessen  noch  geringer,  denn 
ausser  der  ständigen  Verschleppung  von  Keimen  aus  diesen  Stellen 
spielt  noch  die  Beeinträchtigung  der  Funktion  des  betreffenden  Or¬ 
ganes  eine  wichtige  Rolle. 

Wenn  wir  nun  einen  Rückblick  auf  die  therapeutischen  Erfah¬ 
rungen  und  das  Gesagte  werfen,  so  müssen  wir  annehmen,  dass  die 
meisten  der  berichteten  therapeutischen  Erfolge  auf  Fälle  zurück¬ 
zuführen  sind,  die  nicht  unbedingt  als  schwere  Sepsis  aufzufassen 
waren  und  bei  denen  die  Heilung,  wenigstens  grösstenteils,  der 
körperlichen  Abwehr  zu  verdanken  war.  Denn  woran  soll  es  liegen, 
dass  sowohl  Chemo-,  Sero-  und  Reizkörpertherapie  bei  den  schweren 
Blutinfektionen  in  dem  obenerwähnten  Sinne  versagt? 

Ich  habe  diese  Auseinandersetzung  für  erforderlich  gehalten,  um 
auf  die  Notwendigkeit  der  Trennung  der  Art  und  des  Grades  der 
Infektion  aufmerksam  zu  machen.  Die  Virulenzproben  geben  einen 
wichtigen  Fingerzeig,  der  als  leitender  Faden  für  Diagnose,  Prognose 
und  Therapie  dienen  kann. 

Mit  Berücksichtigung  der  verschiedenen  Grade  der  puerperalen 
Infektion  und  insbesondere  der  Streptokokkeninfektion  möchte  ich 
der  Oeffentlichkeit  das  Urteil  überlassen  über  eine  von  mir  in  der 
Universitäts-Frauenklinik  Athen  angegebene  Behandlungsmethode  der 
im  engeren  Sinne  schweren  Puerperalsepsis.  Leider  konnte  bei  den 
behandelten  Fällen  eine  Virulenzprobe  nach  Rüge  II  und  Philipp 
nicht  vorgenommen  werden,  denn  die  Fälle  stammen  aus  dem  ver¬ 
gangenen  Jahre,  und  die  Virulenzprüfung  wurde  erst  im  Dezember 
1922  veröffentlicht. 

Die  theoretischen  Uebcrlegungen,  auf  die  sich  das  Prinzip  der 
Methode  stützt,  sind  von  dem  im  Körper  sich  abspielenden  Immun¬ 
vorgang  nicht  sehr  verschieden,  unterscheiden  sich  aber  von  der 
Chemo-,  Sero-  und  Reizkörpertherapie  dadurch,  dass  die  heilende 
Wirkung  durch  Steigerung  und  Entwicklung  der  spezifischen 
Abwehrstoffe  des  Körpers  gegen  die  betreffende  Infektion  erzielt 
wird.  Als  Vorbild  unserer  Bestrebungen  dient  das  Abwehrvermögen 
des  Körpers,  eine  leichtere  Infektion  von  selbst  zu  überwinden.  Das 
Virulenzverhältnis  ist  dabei  ausschlaggebend.  Wäre  es  möglich,  das 
Abwehrvermögen  des  Körpers  zu  steigern,  so  könnte  man  damit 
rechnen,  dass  auch  schwerere  Infektionen  von  dem  Körper  abge¬ 
wiesen  werden  könnten.  Die  prophylaktische  Immunisierung  der 
Schwangeren  und  Kreissenden  gegen  die  puerperale  Streptokokken¬ 
infektion  an  Hand  zahlreicher  Beobachtungen  und  neuerdings  an  Hand 
experimenteller  Beweisführung  hat  bewiesen,  dass  man  tatsächlich 
die  spezifischen  Abwehrstoffe  des  Körpers  auch  gegen  Streptokokken 
steigern  kann.  Durch  aktive  Immunisierung  mit  einem  polyvalenten, 
aus  den  in  Frage  kommenden  und  für  die  betreffende  Frau  befürch¬ 
teten  Streptokokken  nach  Abtötung  derselben  hergestellten  Vakzin 
ist  es  mir  gelungen,  spezifische,  gegen  die  im  Vakzin  enthaltenen 
Streptokokkenstämme  wirksame  Abwehrstoffe  im  Körper  zu  mobili¬ 
sieren.  Wenn  dies  prophylaktisch,  d.  h.  vor  der  Anwesenheit  der 
Keime  im  Blut,  unter  Berücksichtigung  besonderer  Angaben  ausge¬ 
führt  wird,  so  kann  der  Körper  die  befürchteten  Streptokokken  ab¬ 
weisen. 


2* 


972 


MÜNCHENER  MT.l  UZ1NISC111  \V0CHENSCHR1F  1 . 


Nr.  30. 


Auf  diese  Erfahrungen  mich  stützend,  habe  icli  versucht  das¬ 
selbe  Prinzip  für  die  Behandlung  der  ausgebrochenen  schweren  Blut- 
infektion  im  engeren  Sinne  anzuwenden.  Hier  sind  aber  die  Verhält¬ 
nisse  etwas  anders  als  bei  der  prophylaktischen  Immunisierung.  Es 
d  irf  nicht  vergessen  werden,  dass,  während  wir  bei  der  prophylaK- 
tischen  Immunisierung  mit  einem  gesunden  Körper,  der  noch  nicht 
mit  der  Infektion  in  Berührung  gekommen  ist,  zu  tun  haben,  im  schon 
S  zierten  Körper  das  Virulenzverhältnis  sich  bereits  im  Sinne 
einer  Verminderung  der  Abwehrkräfte  des  Körpers  undemes 
Ueberwicgens  der  Infektion  ausgebtldet  hat  Hier  «eissi  es 
also  nicht  allein  die  im  physiologischen  Maasse  vorhandenen 
Abwehrstoffe  zu  steigern,  sondern  die  verminderten  erst  ai 
d  is  physiologische  Maass  und  dann  über  dies  kommen  zu  lassen. 
Wir  müssen  also  dem  infizierten  Körper  doppelt  so  viele  Anregungen 
zur  Steigerung  seiner  Abwehrstoffe  liefern  als  dem  einfach  prophy¬ 
laktisch  zu  immunisierenden.  Dies  ist  aber  nicht  die  einzige  Schwierig¬ 
keit  auf  die  wir  beim  schon  infizierten  Körper  stossen.  Wir  können 
hier’ die  gewünschten  Vakzindosen  wegen  der  eintretenden  negative 
Phase  nicht  einspritzen.  Die  gleichzeitige  Einspritzung  v?n 
hat  sich  bei  ausgebrochener  Sepsis  als  fast  unwirksam  bewiesen,  k 
möchte  liier  eine  theoretische  Erklär,,,«  dieser  Umstande  hmzuten 

Der  infizierte  Körper  oder  besser  das  bakterienhaltige  Blut  he- 1 
gegen  die  betreffenden  anwesenden  Bakterien  ^u  kha°l^  v  k  ine 
nrm  in  dieser  Zeit  dem  Blute  noch  künstlich  durch  eine  yakzinc 
Bakterien  hinzufügt,  seien  es  selbst  abgetötete,  so 

bis  jetzt  mit  der  Bekämpfung  der  vorhandenen  nfekt.on  besc^ 

Abwehrstoffe  gegen  die  von  uns  eingefuhrten  P„akt^ricnle'k^Jen 
Geltung.  Dieser  Teil  der  körperlichen  Abwehrstoffe,  der  siel  „egen 
die  Vakzine  wendet,  wird  für  die  Bekämpfung  der  vorhandenen  I 
fektion  sehr  vermisst,  und  es  kann  Vorkommen,  dass  durch  Spal  ung 
der  Abwehrkräfte  ein  absolutes  Ueberwiegen  der  Infektion  entstellt. 
Daraus  ist  ohne  weiteres  zu  ersehen,  dass  die  Einspritzung  * 
höheren  Dosen  Vakzine  bei  vorhandener  Infektion  die  Ausbreitung 
derselben  begünstigen  kann,  statt  sie  zu  verhindern.  Derartige  un¬ 
glückliche  Versuche  sind  uns  aus  Erfahrung  bekannt  und  beweisen 
uns  desto  mehr  die  Gefahr  der  negativen  Phase. 

Nun  gibt  es  aber  ein  Minimum  von  Vakzindosis,  welches  wir  ein- 
sDritzen  dürfen,  ohne  durch  die  künstliche  Bakterienle.bere.nver.ei- 
bung  die  gegen  die  vorhandene  Infektion  kämpfenden  Abwehrstoffe 
in  Anspruch  zu  nehmen.  Es  Hess  sich  bei  meinen  Versuchen  fest¬ 
stellen,  dass  25  000  000  abgetötete  Bakterienleiber  —  mtravenos  cm- 

gespritzt  _  keine  Inanspruchnahme  der  kämpfenden  Abwehrs 

bedeuten  Die  spezifischen  Immunstoffe,  der  minimalen  Vakzindosis 
entsprechend  bilden  sich  in  ganz  kurzer  Zeit,  erfahrungsgemass  in 
24—48  Stunden.  Diese  Einspritzung  ruft  öfters  eine  Reaktion  hervor 
die  ihren  klinischen  Ausdruck  in  Schüttelfrost  und  hohem  hVeb 
finden  kann  ist  aber  für  die  Behandlung  ohne  Belang.  Bei  schweren 
Reaktionen  ist  es  gut,  die  Autovakzinbehandlung  mit  Herzmitteln  zu 

kombinieren.  ...  ,.  ,, 

Die  erwähnte  kleine  Dosis  des  Vakzins  wurde  aber  für  die  all¬ 
gemeine  Abwehrstoffsteigerung  keine  grosse  Hilfe  bedeuten,  wenn 
wir  die  durch  die  Vakzine  gebildeten  spezifischen  Abwehrstoffe  gleich 
gegen  die  vorhandene  Infektion  wirken  liessen.  Vielmehr  “Jaubt  ui  s 
diese  kleine  Dosis  die  Einverleibung  am  übernächsten  Tag  (d.h.  wenn 
sich  die  spezifischen  Abwehrstoffe  gegen  unsere  Vakzine  ausgebildet 
haben)  von  doppelt  so  vielen  Bakterienleibein. 

Die  eingespritzte  frühere  Dosis  und  die  Bildung  der  spezifischen 
Abwehrstoffe  kompensieren  sozusagen  die  durch  die  Inanspruch¬ 
nahme  der  kämpfenden  Abwehrkräfte  doppelte  osis. 

In  dieser  Weise  kann  man  jeden  zweiten  lag  steigende  Dosen 
von  getöteten  Bakterienleibern  einspritzen  und  von  den  gegen  die 
Infektion  beschäftigten  Abwehrkräften  nur  ein  minimales  entziehen. 
Dadurch  wird  die  negative  Phase  vermieden,  und  die  Abwehrstoffe 
des  Körpers  werden  allmählich  milHonenweise  gesteigert,  ohne  sie 
von  ihrer  Hauptarbeit  weggetragen  zu  haben  Jch e,J1 
Vakzindosis  allmählich  steigernd  eingespritzt  (erst  25, 50, 100,  200, 3UU, 
40U  500,  600  Millionen),  ohne  einen  Schaden  beobachtet  zu  haben, 
während  K  dieser  Dosis,  plötzlich  eingespritzt,  bei  schon  ausge- 
hmchener  Sepsis  selbst  den  Tod  herbeiführen  kann.  Allerdings  habe 
Ä  starke  Reaktionen,  Schüttelfrost  und  hohes  Fieber  be¬ 
obachtet  und  daher  die  Behandlung  mit  Herzmitteln  kombiniert  ). 
Von  dem  Erfolg  dieser  Methode  der  Bekämpfung  der  ausgebrochenen 
Blutinfektion  wird  weiter  unten  berichtet.  Vorher  soll  noch  eine 
wichtige  Bemerkung  über  die  für  die  Herstellung  der  Vakzine  zu 
benutzenden  Bakterien  gemacht  werden. 

Es  ist  ohne  weiteres  klar,  dass  bei  den  Fällen  von  ausgebroene- 
ner  Blutinfektion,  wo  durch  die  Blutuntersuchung  der  Erreger  be¬ 
kannt  ist,  eine  spezifische  Abwehrstoffproduktion  gegen  denselben 
erforderlich  ist.  Es  wird  daher  aus  der  Blutkultur  mit  physiologiscner 
Kochsalzlösung  eine  Aufschwemmung  von  Kolonien  gemacht,  odci  es 
werden  die  Blutkeime  in  Bouillon  gezüchtet.  Die  gewonnene  Auf¬ 
schwemmung  bzw.  die  Bouillonkultur  (die  ictztere  aber  erst  nach 

12 _ I8stündigem  Verweilen  im  Brutschrank)  wird  2  3  Stunden  lang 

im  Wasserbad  bei  58  Grad  pasteurisiert,  und  somit  werden  die  Keime 
abgetötet.  Dann  wird  die  Aufschwemmung  oder  die  Bouillonkultur 

*)  Ob  die  Einverleibung  von  Bu'kterienleibern  auch  als  eme  Verab¬ 
reichung  von  Eiweisskörpern  aufgefasst  werden  kann,  oder  ob  die  Vakzinen 
ev.  Bakteriophagen  enthalten,  ist  eine  noch  ungelöste  rrage. 


solange  geschüttelt,  bis  vollständige  Homogenisierung  eintritt.  Es 
folgt 'dann  die  Auszählung  der  Keime  (pro  Leib)  in  der  1  homa- 
7  tG  s  s sehen  Kammer  und  die  Titrierung  und  Verdünnung  mit  NaU, 
so  dass  in  je  1  ccm  25,50,  100,  200,  300,  400,  500,  600  000  000  Strepto¬ 
kokkenleiber  enthalten  sind.  Man  verschliesst  dann  am  besten  mit 
Zusatz  von  2  Tropfen  Karbolsäure  die  einzelnen  Losungen  in  sterilen 
Ampullen  durch  Zuschmelzung  und  kann  dann  dieselben  zu  jeder  Zeit 
steril  zur  Einspritzung  gebrauchen.  Zur  Kontrolle,  dass  die  Kenne 
abgetötet  sind,  kann  man  aus  der  konzentriertesten  Bakterienlo.miigj. 
eine  Blutagarplatte  abstreichen.  Die  in  dieser  Weise  hergestellte* 
Vakzine  werden  im  allgemeinen  Autovakzine  genannt. 

Ich  habe  mit  Absicht  die  Art  der  Einverleibung  für  den  Schluss 
behalten,  weil  für  die  Wirkung  der  Therapied.eser  letzte  Moment 
nach  unseren  Erfahrungen  ausschlaggebend  ist.  Bei  den  ersten  V 
suchen  habe  ich  wie  bei  der  prophylaktischen  Immunisierung,  mEa- 
glutäal  ingespritzt,  konnte  aber  damit  keine  befriedigenden  Resultate 
erzielen.  Derartige  Versuche  mit  intramuskulären  und  subkutaaen 
Einspritzungen  von  Autovakzine  wurden  schon  lange  liaupt 
sächlich  mit  Staphylokokken  gemacht  und  ahmahheh  verlassen.  Ich 
griff  dann  zur  intravenösen  Einspritzung  der  Autovakzine  und  bekam 
dabei  die  überraschenden  Resultate,  die  ich  ra . der  H?raj?tf  ^  das 
Statistik  mitteile.  Die  Einspritzung  der  Vakzine  direkt  das 
Blut  hat  eine  der  intramuskulären  Einspritzung  weit  überlegene  yvii- 
kung  zu  verzeichnen.  Weitere  theoretische  Meinungen  in  dieser  Hin¬ 
sicht  würden  in  das  allzu  Hypothetische  fuhren.  Ich  mochte  r  och 
hier  erwähnen,  dass  ich  die  Autovakzine  nicht  nur  zur  Behandlung 
der  Streptokokkensepsis,  sondern  auch  zur  Behandlung  der  Stapln,  lo- 

kokkensepsis  angewendet  habe.  .  . 

Seitdem  die  prophylaktische  Immunisierung  der  Schwangeren 
und  Kreissenden  gegen  puerperale  Streptokokkenblutinfektion  in  uer 
Frauenklinik  der  Universität  Athen  prinzipiell  angewendet  wird,  lstl 
die  Streptokokkensepsis  in  dieser  Klinik  verschwunden,  wie  ich  Ge¬ 
legenheit  gehabt  habe,  diesen  bemerkenswerten  Umstand  in  einem 
Vortrag  in  der  Medizinischen  Gesellschaft  im  Berlin  zu 
betonen  und  Herr  M  a  r  o  u  d  i  s  in  seiner  Statistik  Die 
prophylaktische  Immunisierung  in  Athen  wird  seit  Dezember  1921  an¬ 
gewendet.  Seit  damals  bis  März  1923  wurde  ein  Teil  der  Schwan¬ 
geren  und  Kreissenden,  und  zwar  die  prognostisch  günstig  aussehen¬ 
den  Fälle,  als  Kontrolle  nicht  immunisiert.  Ich  verweise  auf  die  Sta¬ 
tistik  der  Athener  Universitäts-Frauenklinik  von  Maroudis,  rnn 
Einzelheiten  darüber  zu  erfahren.  Von  diesen  Kontrollfragen,  die 
nicht  prophylaktisch  immunisiert  wurden,  haben  sich  8  rahe  von 
Streptokokkensepsis  (d.h.  1  Proz.  der  Statistik)  entwickelt.  Davon 
sind  7  Fälle  ad  exitum  gekommen,  da  ich  damals  die  intravenös» 
Autovakzinbehandlung  noch  nicht  angewendet  hatte.  Diese  7  Falle 
wurden  mit  verschiedenen  Mitteln  (u.  a.  Rivanol,  Serum)  behandelt 
und  auch  mit  intramuskulärer  Autovakzineinspritzung,  die,  wie  ich 
oben  erwähnt  habe,  keinen  Erfolg  beobachten  liess.  Nur  der  letzte 
dieser  8  Sepsisfälle  wurde  mit  intravenösen  Autovakzineinspritzungen 
behandelt  und  geheilt. 

Neben  diesem  einen  Fall  von  ausgesprochener  puerperaler  .  trePr 
tokokkenblutinfektion  im  engeren  Sinne  wurden  seit  August  19.2 
7  Frauen  mit  schon  ausgesprochener  Sepsis  post  partum  aufgenommen 
und  mit  intravenösen  Autovakzineinspritzungen  behandelt.  Ausserdem 
wurden  die  in  der  letzten  Zeit  vorgekommenen,  in  der  Statistik  von 
Maroudis  erwähnten  zwei  Staphylokokkensepsisfälle  intravenös 
mit  Autovakzin  behandelt  und  noch  ein  dritter  Fall  von  der  Privat¬ 
praxis  des  Kollegen  M.P.,  der  ebenfalls  wegen  Staphylokokkensepsis 
mit  intravenöser  Autovakzinierung  behandelt  wurde.  | 

Ich  verfüge  also  über  8  Streptokokkensepsisfälle  und  3  Staphylo¬ 
kokkensepsisfälle. 

Ich  lasse  nun  die  einzelnen  Kurven  folgen: 


Fall  2  Frau  E.  S.,  28  Jahre.  IV.  Partus.  Entbindung  in  der  Stadt. 
Wegen  Plac.  praevia  Wendung.  Manuelle  Plazentarlösung  Von  der  Heb¬ 
amme  mehrmals  innerlich  untersucht.  Am  dritten  Tage  Schüttelfrost  und 

*)•  +  =  Schüttelfrost. 


27.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


973 


Temperatur  38,2.  Adnexe  beiderseits  vergrössert  und  empfindlich.  Geheilt 
entlassen.  Hämo!.  Streptokokken  während  und  ohne  Schüttelfrost  im  Blut. 


Fall  3.  Frl.  C„  24  Jahre.  Nullipara.  Krimineller  Abort  vor  10  Tagen. 
Bei  der  Aufnahme  Muttermund  geschlossen.  Adnexe  leicht  empfindlich  und 
vergrössert.  Geheilt  entlassen.  Aufgenommen  am  5.  August  1922.  Hämol. 
Streptokokken  während  und  ohne  Schüttelfrost  im  Blut. 


Fall  4.  Frl.  P.  K..  27  Jahre.  Nullipara.  Abortus  incompl  im 
4.  Monat.  Abtreibungsversuch  vor  8  Tagen  zu  Hause.  Die  Kranke  wurde 
mit  Blutung  am  12.  August  1922  aufgenommen.  Muttermund  für  zwei  Finger 
durchgängig.  Kein  lokaler  Befund.  Ausräumung.  Geheilt  entlassen.  Hämol. 
Streptokokken  während  und  ohne  Schüttelfrost  im  Blut. 


Fall  5.  Frau  A.  G.,  33  Jahre.  II.  Partus.  Wurde  am  9.  Woclien- 
bettstag  aus  Lamm  in  die  Klinik  transportiert.  Cs  wurde  eine  manuelle 
Plazentarlösung  wegen  Blutung  in  La.mia  gemacht.  Am  3.  Wochenbettstag 
Schüttelfrost  und  Fieber  zwischen  39  und  40 "  bis  zur  Aufnahme.  Kein 
lokaler  Befund.  Sehr  schlechter  Allgemeinzustand.  Hämol.  Streptokokken 


im  Blut  sowohl  während  als  auch  ohne  Schüttelfrost.  Nach  der  A.-V. -Be¬ 
handlung  geheilt  entlassen.  Aufgenommen  am  22.  August  1922. 


Fall  6.  Frau  E.  P.,  26  Jahre.  IV.  Partus.  Wurde  mit  Zangen¬ 
extraktion  in  Stylis  entbunden.  Vom  3.  Wochenbettstag  Schüttelfröste  und 
Temp.  39 — 40°.  Am  6.  Tag  wurden  10  cg  Elektrargol  vom  Arzt,  am  8.  Tag 
5  cg  eingespritzt.  Am  10.  Tag  wird  die  Kranke  in  die  Klinik  aufgenommen. 
Eitrige,  übelriechende  Lochien.  Streptokokken  im  Blut  sowohl  während  als 
ohne  Schüttelfrost.  Kein  lokaler  Befund.  Geheilt  entlassen. 


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Fall  7.  Frau  E.  K-,  34  Jahre.  VI.  Partus.  Am  4.  Wochenbettstag 
Schüttelfrost  und  Fieber.  Kein  lokaler  Befund.  Seit  der  Aufnahme  kein 
Schüttelfrost,  trotzdem  reichliche  hämol.  Streptokokken  im  Blut  wiederholt 
nachgewiesen.  Geheilt  entlassen. 


Fall  8.  Frau  M.  Th.,  29  Jahre.  II.  Partus.  Manuelle  Plazentar¬ 
lösung  in  der  Stadt.  Am  7.  Wochenbettstag  Schüttelfrost  und  Fieber  39,6. 
Am  8.  Wochenbettstag,  31.  August,  wird  sie  in  der  Klinik  aufgenommen. 
Sowohl  während  als  auch  ohne  Schüttelfrost  Streptokokken  im  Blut  nach¬ 
gewiesen.  Geheilt  entlassen. 

Von  serobakteriologischer  Bedeutung  und  Interesse  sind  die  Be¬ 
funde  der  Steigerung  der  Agglutinine-  und  Baktcriotropinenbildung, 
die  ich  bei  allen  diesen  Fällen  einige  Stunden  vor  und  einen  Tag  nach 
jeder  Autovakzineinspritzung  feststellen  konnte.  Die  Agglutinine 
wurden  durch  Mischung  des  zentrifugierten  Blutserums  der  Frau  mit 
ihren  eigenen,  aus  der  Blutkultur  stammenden  virulenten  Keimen  unter 
dem  Mikroskop  kontrolliert,  die  Bakteriotropine  mit  Hilfe  des  bak¬ 
teriologischen  Instituts  der  Universität  Athen  nach  Neufeld  be¬ 
stimmt.  Ich  kann  hier  leider  die  Befunde  der  8  Frauen  nicht  zeigen. 
Sie  waren  alle  8  durchaus  ähnlich,  und  will  ich  mich  hier  begnügen, 
den  Befund  bei  dem  prognostisch  verzweifelten  Fall  A.  O.  (5.  Kran¬ 
kengeschichte)  tabellarisch  vorzubringen. 

22.  Aug.  1922:  Blutagarplatte  mit  2  ccm  Blut  und  ca.  15  ccm  Agar  zeigte 
16  hämolytische  Streptokokkenkolonien.  Im  Schüttelfrost  Temp.  40,4°, 
Puls  160.  Agglutinine  1:80  positiv,  1:100  negativ.  Baktcriotropinen  1:50 

24.  Aug.  1922:  Ohne  Schüttelfrost  Temp.  40,4°.  Kontinua  seit  22.  August, 
Puls  160.  Blutagarplatte  (wie  oben)  zeigte  25  Kolonien  hämolytischer  Strepto¬ 
kokken.  Agglutinine:  1  :  80  positiv,  1  :  100  negativ.  Bakteriotropine  1  :  50 
(unverändert). 


974 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  30. 


25.  Aug.  1922:  Ohne  Schüttelfrost  Kontinua  40,2°,  Puls  160.  Blutagar¬ 

platte  zeigte  22  hämolytische  Streptokokkenkolonien.  Agglutinine:  1:  100  posi¬ 
tiv,  1  :  125  negativ.  Bakteriotropine  1  :  65.  1.  intravenöse  Autovakzin¬ 

einspritzung  von  25  Millionen  Vakzinekeimen. 

26.  Aug.  1922:  Ohne  Schüttelfrost  Temp.  40,2 u.  Puls  130.  Blutagarplatte 

zeigte  17  hämolytische  Kolonien.  Agglutinine:  1:  125  schwach  positiv.  Bak¬ 
teriotropine  1  :  70.  ,  ,  . 

27.  Aug.  1922:  Temp.  39,6°,  Puls  150.  Blutagarplatte  zeigte  14  Kolonien 

hämolytischer  Streptokokken.  Agglutinine:  1:200  positiv,  1:250  negativ, 
bakteriotropine  1  :  100.  2.  intravenöse  Autovakzineinspritzung  von  50  Mil¬ 

lionen  Vakzinkeimen.  Nach  10  Stunden  Schüttelfrost,  Temp.  40,4°,  Puls  140. 
(Leider  konnte  hier  keine  Blutentnahme  gemacht  werden.) 

28.  Aug.  1922:  Temp.  38,8°,  Puls  150.  Abends  Schüttelfrost,  Temp.  40,4  . 

29.  Aug.  1922:  Temp.  38,6“,  Puls  160.  Blutagarplatte  zeigte  6  Kolonien 

hämolytischer  Streptokokken.  Agglutinine:  1:250  positiv,  1:300  negativ. 
Bakteriotropine  1  :  120.  3.  intravenöse  Autovakzineinspritzung  von  100  Mil¬ 

lionen  Vakzinkeimen. 

31.  Aug.  1922:  Temp.  38,0°,  Puls  100.  Blutagarplatte  zeigte  2  Kolonien 
hämolytischer  Streptokokken.  Agglutinine:  1  :  275  positiv.  Bakteriotropine 
1:  120.  4.  intravenöse  Autovakzineinspritzung  von  200  Millionen  Vakzin¬ 

keimen. 

2.  Sept.  1922:  Temp.  38°.  Puls  100.  Blutagarplatte  zeigt  mit  Sicherheit 
nur  eine  zweifelhaft  hämolytische,  durch  Abstichpräparatc  nachgewiesene  zarte 
Streptokokkcnkolonie.  Agglutinine:  1:375  positiv,  1:400  negativ.  Bakterio¬ 
tropine  1  :  125. 

3.  Sept.  1922:  Temp.  37°,  Puls  90.  Blutagarplatte  steril.  Agglutinine: 

1 :  400  positiv.  Bakteriotropinen  1 :  135.  Die  weiteren  Blutagarplatten  blieben 
steril.  5.  intravenöse  Autovakzineinspritzung  von  300  Millionen  Vakzin¬ 

keimen. 

Obwohl  die  Steigerung  der  Agglutinine  nicht  einen  einwandfreien 
Beweis  der  Steigerung  der  Imm.-Verhältnisse  darstellen  soll,  so  ist 
doch  interessant,  wie  die  Agglutinine  neben  der  Bakteriotropinen- 
bildung  parallel  mit  dem  Plattenbefund  und  dem  klinischen  Bilde  sich 
verhielt.  Ich  bringe  hier  noch  drei  weitere  Fälle  von  Staphylokokken¬ 
sepsis,  bei  denen  ebenfalls  die  Autovakzinbe'nandlung  vorgenommen 
wurde. 


Fall  1.  Frau  D.  M„  30  Jahre.  III.  Partus.  Langdauernde  Geburt, 
Querlage  verschleppt,  Damm-  und  Zervixriss.  Seit  dem  4.  Tag  Steigerung 
der  Temperatur  auf  39  0  mit  Schüttelfrösten.  14.  Kontinua  zwischen  39—40. 
Seit  dem  15.  Tag  bewegte  sich  das  Fieber  zwischen  37,8  und  38,6.  Am 
25.  Tag  wieder  Schüttelfrost  und  Temperatur  39,6.  Aufnahme  in  der  Klinik 
am  27.  September  1922.  Damm-  und  Zervixwunde  deicht  sezernierend. 
Ausstrich  =  Staphylokokken.  Ohne  Schüttelfrost  hämol.  Staphylokokken  im 
Blut  nachgewiesen.  Geheilt  entlassen. 


Fall  2.  Frau  S.  K.,  25  Jahre.  Primipara.  Letzte  Periode  Mitte  Juli  1922. 
Aufgenommen  am  18.  September  1922  mit  Blutungen,  die  von  der  Hebamme 
in  der  Stadt  durch  Tamponade  nicht  aufgehalten  wurden.  Bei  der  Aufnahme 
bekam  die  Frau  Wehen.  Künstlicher  Blasensprung  wegen  der  Blutung  zur 
baldigen  Beendigung  der  Geburt.  Kopflage.  Zangenextraktion.  Temp.  39", 
Puls  120.  Die  Frau  wurde  nach  meinen  Angaben  prophylaktisch  gegen  Strepto¬ 
kokken  simultan  immunisiert  (S.  1).  Am  nächsten  Tage  Temp.  40°, 
Puls  130.  Blutagarplatte  steril.  Geheilt  entlassen 

Fall  3.  Frl.  A.  S.,  17  Jahre,  Primipara.  Letzte  Menses  17.  XI.  21, 
wird  am  20.  VIII.  22  kreissend  aufgenommen,  mit  der  Angabe,  dass  innere 
Untersuchungen  von  der  Hebamme  in  der  Stadt  vorgenommen  worden  sind. 
Die  Blase  war  vor  der  Aufnahme  gesprungen.  Die  Frau  wurde  nach  meinen 
Angaben  prophylaktisch  gegen  Streptokokken  simultan  immunisiert.  Ge¬ 
burt  am  21.  VIII.  22  physiologisch  verlaufen.  Am  3.  Wochenbettstag  unter 


Schüttelfrost  Temp.  40,4°,  Puls  135.  Blutagarplatte  steril.  Lochialsekret 
übelriechend.  Geheilt  entlassen. 


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Berichtigung  zur  Kurve  des  Falles  3:  In  Spalte  6  ist  ^ 
statt  Streptokokken  zu  lesen:  Staphylokokken. 

Auch  diese  drei  Staphylokokkenblutinfektionen  hat  nach  allem 
Anschein  die  Autovakzinbehandlung  günstig  beeinflusst.  Die  Staphylo¬ 
kokken  waren  bei  allen  hämolytisch,  während  die  aus  dem  Blut  ge¬ 
züchteten  Streptokokken  bei  den  Streptokokkeninfektionen  5  mal  > 
hämolytisch  und  3  mal  anhämolytisch  gewesen  sind.  Die  nach  den 
Autovakzineinspritzungen  beobachtete  Reaktion,  wie  ich  mehrmals 
betont  habe,  ist  belanglos  und  sollte  nicht  beängstigen.  Sie  ist  viel¬ 
mehr  als  ein  Zeichen  der  Wirkung  des  Autovakzins  zu  betrachten. 

Ich  glaube,  dass  nach  der  ausführlichen  Schilderung  der  Fälle  . 
kein  Zweifel  bestehen  kann,  dass  cs  sich  um  recht  schwere  Sepsis¬ 
fälle  gehandelt  hat. 

Ich  habe  keinen  einzigen  letal  verlaufenen  Fall  zu  verzeichnen. 

Bei  allen  diesen  Fällen,  wie  man  aus  den  einzelnen  Krankheits¬ 
fällen  ersehen  kann,  wurde  das  klinische  Bild  von  dem  kulturellen 
bakteriologischen  parallel  bestätigt.  Annahme  der  Zahl  der  Kolonien 
wurde  bei  allen  Fällen  ungefähr  nach  der  3.  bis  4.  Einspritzung  kon- 
statiert  und  als  Einleitung  der  Besserung  auch  von  dem  klinisc.ien  v 
Bild  bestätigt.  Das  Sterilbleiben  der  Platte  stellt  dann  die  nun  ein¬ 
getretene  Heilung  fest,  die  sich  auch  parallel  durch  den  klinischen 
Verlauf  bestätigt.  Offenbar  haben  die  drei  ersten  Einspritzungen  ihre 
Wirkung  n  a  c  h  Ansammlung  der  von  uns  eingeführten  Keime  gezeigt,  j 
also  nach  der  3.  Einspritzung. 

Leider  waren  damals  die  Virulenzprüfungen  nach  Rüge  11  und 
Philipp  nicht  bekannt,  und  konnte  daher  durch  die  Virulenzprüfung 
den  Einfluss  der  Therapie  nicht  feststellen.  Gerade  aber  für  die  Wir¬ 
kung  der  Therapie  ist  die  Virulenzprüfung  angezeigt  und  wird  in  der 
Zukunft  ausgefiiiirt. 

Obwohl  ich  die  Beurteilung,  sowie  die  Nachprüfung  dieser  The¬ 
rapie,  wie  ich  oben  erwähnt,  der  Oeffentlichkeit  überlasse,  so  möchte 
ich  doch  meinen  subjektiven  Eindruck  hier  klariegen. 

Es  würde  mich  sehr  wundern,  wenn  diese  sonst  i* 
gar  nicht  behandelten  Fälle,  bei  der  äusserst  schlechten 
Prognose,  ihre  Heilung  ihren  subjektiven,  von  den  Auto¬ 
vakzinen  nicht  beeinflussten  Abwehrkräften  verdanken!  Die 
Autovakzine  würde  dann  einen  fremden  Loorbeer  tragen.  Ich  glaube, 
obwohl  ich  keinen  anderen  Beweis  ausser  dem  der  Zahl  von  11  aus-  • 
geheilten  schweren  Sepsisfällen  habe,  dass  es  die  Skepsis  zu  weit 
führen  heisst,  derartige  Resultate  zu  bezweifeln.  Ich  kann  nur  nach 
Ausschaltung  jedes  mildernden  Umstandes  konstatieren,  dass  die 
Autovakzinbehandlung  in  der  geschilderten  Gebrauchsanweisung  bei 
diesen  Fällen  heilend,  spezifische  Abwehrkräfte  des  Organismus  stei¬ 
gernd  gewirkt  hat.  Es  wäre  sehr  wünschenswert,  wenn  diese  Me¬ 
thode  der  Autovakzinbehandlung  sich  mit  weiteren  Erfahrungen  be¬ 
reichern  würde,  und  ich  will  hoffen,  dass  ähnliche  Versuche  im  allge-  • 
meinen  Interesse  der  Frage  angestellt  werden. 

Mit  freundlicher  Erlaubnis  von  Herrn  Gcheimrat  Bumm  wurde 
diese  Methode  in  der  Universitäts-Frauenklinik  Berlin  eingeführt, 
und  ich  behalte  mir  vor,  an  anderer  Stelle  über  die  Resultate  zu 
berichten. 

Von  grosser  Wichtigkeit  scheint  das  rechtzeitige  Eingreifen  der 
Therapie  zu  sein,  bevor  es  zu  einer  metastatischen  Lokalisation  von 
Streptokokkenherden  kommt.  Die  theroretische  Ueberlegung 
lässt  nur  Voraussagen,  dass  nekrotische,  septische  Gewebs- 
teile,  wie  septische  Infarkte  und  im  allgemeinen  Metastasen  wahr¬ 
scheinlich  keine  natürliche  Fähigkeit  besitzen,  Abwehrstoffe  zu  er¬ 
zeugen  und  infolgdessen  derartige  Herde  trotz  der  übrigen  Steige¬ 
rung  der  Abwehrkräfte  des  Organismus  diesen  immer  wieder  mit 
Keimen  überschwemmen  werden.  Diese  spezifische  Abwehrst eige- 
rungstherapie  hat,  glaube  ich,  gegenüber  der  unspezifischen  Reiz¬ 
körper-  oder  Proteinkörpertherapie  den  Vorteil,  dass  man  diejenigen 
Abwehrstoffe  des  Körpers  mobilisiert,  die  für  die  betreffende  In¬ 
fektion  nötig  sind.  Ich  habe  aber  nichts  dagegen,  wenn  man  neben 
dieser  Autovakzinbehandlung  allgemein  den  Körper  stärkende  Prin¬ 
zipin  anwendet.  Alkohol,  nach  der  alten  R  u  n  g  e  sehen  Auffassung 
von  dessen  stimulierender  Wirkung,  sowie  allgemein  hyperämisie- 
rende  Mittel  wirken  auch  befördernd. 


ZI.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


975 


Ich  will  nicht  verschweigen,  dass  die  Autovakzinbehandliins:  nichts 
Neues  darstellt,  sondern  eine  altbekannte  Sache,  und  dass  die  da¬ 
mit  gemachten  Erfahrungen  keine  befriedigenden  Resultate  gegeben 
haben.  Diese  Erfahrungen,  die  Koch,  Petruschky,  Tavel  und 
Zangemeister  veranlasst  haben,  gegen  die  Wirkung  der  aktiven 
Immunisierung  und  selbst  die  Autovakzinbehandlung  eine  ab¬ 
lehnende  Haltung  einzunehinen,  wurden  in  anderer  Weise  gemacht 
als  die  mehligen.  E.  Meyer  verwarf  bei  der  Erörterung  meines 
Vortrages  über  die  prophylaktische  Immunisierung  gegen  Strepto¬ 
kokkeninfektion  sogar  die  Wirkung  der  aktiven  Immunisierung.  Dies 
steht  in  gewissem  Widerspruch  zu  der  von  ihm  empfohlenen  Sero- 
thcrapic.  Ich  würde  sonst  nicht  begreifen  können,  wie  ein  Anti-  oder 
Streptokokkenserum  entsteht,  ohne  aktive  Immunisierung  des  be¬ 
treffenden  Pferdes.  Ich  glaube,  dass  die  Dosierung,  wie  sich  dies  bei 
der  prophylaktischen  Immunisierung  gezeigt  hat,  und  die  direkte  Ein¬ 
führung  der  Keime  in  das  Blut  eine  wichtige  Rolle  bei  dem  Gelingen 
der  Therapie  spielen  dürften.  Eine  Nuance  kann  vielleicht  doch  sehr 
vieles  ändern. 

Ich  möchte  noch  zum  Schluss  wiederholen,  dass  für  die  Zukunft 
die  R  u  g  e  sehe  und  Philipp  sehe  Probe  eine  glänzende  Kontrolle, 
wie  die  Verfasser  selbst  betonen,  für  die  Beurteilung  der  Therapie  und 
Prognosestellung  liefern  können.  Es  wäre  somit  heutzutage  weniger 
schwer,  mit  steigender  Wahrscheinlichkeit  den  rätselhaften  Immun¬ 
vorgängen  des  Körpers  näherzukommen. 

Literaturverzeichnis. 

Koblank:  Verhandl.  d.  Int.  Kongr.  i.  Geburtsh.  u.  Gyn.  Januar  1922.  — 
T.  a  in  e  r  s:  bei  Warnekros  zitiert.  —  Lo  u  r  o  s:  Arch.  f.  Gyn.  Bd.  116.  — 
Derselbe:  VerhdI.  d.  deutschen  Kongr.  f.  Gynäk.  Heidelberg  1923.  — ■ 
Derselbe:  Verhandl.  d.  Kongresses  deutsch.  Naturforscher  und  Aerzte, 
Leipzig  1922.  —  F.  M  e  y  e  r:  Med.  Klin.  1923  Nr.  1.  —  Sachs:  M.m.W.  58  Jg. 
Nr.  36.  —  Derselbe:  Zschr.  f.  Gyn.  36.  Jg.  Nr.  26.  —  Schottmüller: 
M.m.W.  1903.  —  Rüge  II:  M.KI.  1923  Nr.  7.  —  Rüge  II-Philipp: 
M.m.W..  noch  im  Druck.  —  Veit:  Ergdbn.  d.  Geburtsh.  u.  Gyn.  1910.  — 
Warnekros:  Arch.  f.  Gyn.  Bd.  104.  —  Zangemeister:  M.m.W. 
1917.  —  Warnekros:  Zschr.  f.  Gyn.  1911  Nr.  28.  —  Philipp:  M.m.W. 
1923  Nr.  16.  —  Maroudis:  M.m.W.  1923  S.  727. 


Aus  der  Universitäts-Frauenklinik  Tübingen. 
(Direktor:  Prof.  Dr.  A.  Mayer.) 

Zur  Suggestivtherapie  des  Gynäkologen. 

Von  Dr.  med.  Theo  Brandess,  Assistenzarzt  der  Kliuik 

Vor  über  einem  Jahre  konnte  J.  Raefier  in  seinem  Aufsatz 
über  die  Hypnose  in  der  Gynäkologie  noch  mit  einem  gewissen  Recht 
sagen,  dass  die  meisten  Aerzte  dem  neuen  Zweige  der  Heilkunst,  der 
Hypnose,  vollkommen  fernstehen  und  ihn  ohne  Sachkenntnis  auf 
Grund  irgendwelcher  Vorurteile  verwerfen.  Hierin  hat  sich  in  dieser 
kurzen  Zeit  manches  geändert.  Die  Psychotherapie  und  die  Hypnose 
sind  in  letzter  Zeit  „modern“  geworden,  und  in  vielen  Frauenkliniken 
hat  diese  neue  Heilmethode  ihren  Einzug  gehalten.  Die  Tatsache  an 
sich  ist  in  mancher  Hinsicht  begriissenswert,  weiss  man  doch,  wie 
hoch  der  Prozentsatz  der  modernen  Frauenleiden  ist,  den  man  auf 
das  Konto  der  psychischen  Genese  zu  setzen  hat,  und  mit  Recht  hat 
A.  Mayer  den  Ruf  ertönen  lassen:  „Mehr  Seele  in  der  gynäko¬ 
logischen  Therapie!“,  und  die  Forderung  erhoben,  manche  gynäko¬ 
logische  Störungen  mit  psychischen  Mitteln  und  nicht  Nerven-  und 
Seclenkrankheiten  mit  gynäkologischen  Methoden  zu  behandeln. 

Ueber  die  Fragen,  wer  Psychotherapie  treiben  soll,  welche  Kran¬ 
ken  fiir  diese  Behandlungsmethoden  in  Betracht  kommen  und  wie  im 
einzelnen  die  psychische  Behandlung,  die  ja  sehr  vielseitig  sein  kann, 
zu  handhaben  ist,  darf  ich  hinweggellen,  da  sie  Stemmer  und 
andere  Autoren  erschöpfend  behandelt  haben. 

Ich  beabsichtige,  lediglich  an  Hand  von  zwei  Fällen  einen  Ent¬ 
stehungsmechanismus  eines  psychogenen  Leidens  darzutun  und  zu¬ 
gleich  die  Mittel  und  Wege  zu  demonstrieren,  wie  ein  solches  Krank¬ 
heitsbild  therapeutisch  anzugreifen  ist. 

Fall  1.  Frau  B..  26  Jahre.  Famiüenanarrmese  o.  B.  Periode  früher 
regelmässig,  alle  4  Wochen,  3  Tage  lang.  Heirat  Ende  Oktober  1919.  Kein 
Partus. 

Seit  Anfang  November  1919  bis  27.  Januar  1920  dauernd  Blutungen.  An 
diesem  Tage  Abrasio  durch  den  behandelnden  Arzt.  Sie  ergab  nichts  Be¬ 
sonderes.  Da  die  Blutungen  nicht  sistierten,  nahm  derselbe  Arzt  14  Tage 
später  eine  Probelaparotomie  vor!  Ueber  das  Ergebnis  schreibt  er  nur, 
dass  die  Operation  in  keiner  Weise  die  Ursache  für  die  Blutungen  zu  er¬ 
klären  imstande  war.  Nunmehr  wurde  die  Kranke  im  April  1920  röntgen- 
bestrahlt  —  hierüber  waren  nähere  Angaben  nicht  mehr  zu  ermitteln  — : 
trotzdem  blutete  sie  weiter.  Es  wurde  dann  im  Juni  desselben  Jahres  von 
einem  anderen  Arzt  eine  nochmalige  Bestrahlung  vorgenommen.  Dann  ge¬ 
ringe  Besserung.  Seit  November  1921  Zustand  wie  früher:  dauernde  Blu¬ 
tungen,  die  sie  in  die  Behandlung  eines  3.  Arztes  führten.  Dieser  wies  sie 
uns  zu  und  schreibt  «.  a.:  „Frau  B.  leidet  seit  2  Jahren  an  sehr  starken 
Blutungen“  (Metrorrhagien). 

Die  genaue  Genitaluntersuchung  (Prof.  A.  Mayer)  ergab  keinen  Anhalt 
für  eine  organische  Ursache  des  Leidens.  Prof.  Mayer  hält  dasselbe  für 

psychogener  Natur. 

Die  Psychanamnese  ergibt:  Oktober  1920  Heirat  aus  rein  wirtschaftlichen 
Beweggründen.  Kranke  hat  ihren  Mann  kaum  gekannt.  2  Jahre  lang  vorher 
■  Verhältnis  mit  einem  Geliebten,  der  sie  heiraten  wollte,  sie  aber  infolge 
einer  Klatschaffäre  im  Streite  verliess.  Völlige  Dyspareunie  im  Verkehr  mit 
ihrem  Mann.  Früher  normales  Emp'inden  bei  ihrem  Geliebten.  Sie  wisse, 
dass  ihr  Mann  früher  mit  einer  Reihe  von  Mädchen  ein  Verhältnis  hatte,  und 


der  Gedanke  daran  sei  ihr  so  ekelhaft,  dass  sie  besonders  beim  Verkehr  jedes¬ 
mal  einen  Widerwillen  gegen  ihren  Mann  bekomme.  Ueberhaupt  sei  es  ihr 
manchmal  ganz  recht,  wenn  sic  blute,  dann  lasse  ihr  Mann  sie  wenigstens 

in  Ruhe! - Letzteres  gab  die  Kranke  ganz  spontan  an  und  hellte  damit 

blitzartig  die  Zusammenhänge  ihres  Leidens  mit  ihrem  Seelenleben  auf. 
Es  wird  weiter  festgestellt,  dass  bei  vorher  regelmässiger  Periode  am  Tag 
der  Hochzeit  eine  vorzeitige  Blutung  einsetzte,  die  den  Anfang  der  ganzen 
Erkrankung  bildete.  In  weiteren  Sitzungen  gelingt  es.  die  Kranke  soweit 
zu  bringen,  dass  es  ihr  selbst  klar  wird,  warum  sie  eigentlich  blutet,  und 
dass  dieses  ganze  Leiden  nur  eine  Schutzmassnahme  ihres  eigenen  Ich  dar- 
stellt  gegen  den  ungeliebten  Mann.  Mit  Wachsuggestionen  wird  nun  darauf 
hingearbeitet,  die  feindliche  Einstellung  gegen  den  Mann  zu  mildern  und 
sie  innerlich  von  ihrem  Freund,  an  dem  sie  noch  sehr  hängt,  zu  lösen. 
Da  die  Kranke  streng  katholisch  war,  konnte  an  die  Möglichkeit  einer  Ehe¬ 
scheidung  nicht  gedacht  werden,  diese  hätte  nur  noch  grössere  seelische 
Konflikte  und  Erscheinungen  zur  Folge  gehabt.  In  mehreren  hypnotischen 
Sitzungen  wurden  die  obigen  Wachsuggestionen  verstärkt  und  durch  Sug¬ 
gestion  im  Uterus  Organempfindungen  sowie  sonstige  Sensationen  hervor¬ 
gerufen,  um  der  Kranken  die  wirkende,  hypnotische  Kraft  am  erkrankten 

Organ  unmittelbar  zu  demonstrieren.  Die  Blutungen,  die  die  Kranke  in  den 
ersten  Tagen  ihres  Klinikaufenthaltes  noch  hatte,  waren  bereits  zu  der  Zeit, 
als  sie  die  seelische  Ursache  ihres  Leidens  erfasst  hatte,  verschwunden. 

Ferner  wurde  ihr  in  Hypnose  normales  Empfinden  beim  Geschlechtsakt  sug¬ 
geriert.  und  verboten,  dabei  an  ihren  Freund  zu  denken.  Entlassung  am 
2.  III.  22,  dem  18.  Behandlungstag.  mit  Yohimbin,  ohne  Blutung. 

6  Wochen  später  stellt  sich  die  Kranke  am  16.  IV.  22  vor:  Keinerlei 
Blutung  in  dieser  Zeit.  Periode  am  8.  III.  und  6.  IV.  22  ohne  Beschwerden 

eingetroffen,  5 — 6  Tage  lang.  Kranke  hat  ihre  Arbeit  in  der  Fabrik  wieder 

aufgenommen.  Beim  Verkehr  hat  sie  meistens  Empfindung,  nur  dann  nicht, 
wenn  sie  zufällig  an  ihren  Freund  denken  muss. 

22.  VIII.  22:  Kranke  stellt  sich  wieder  vor.  In  den  6i4  Monaten  hat 
sie  keinmal  mehr  geblutet,  regelmässige  Periode.  Beim  Verkehr  meistens 
normales  Empfinden. 

Dem  Bericht  ist  eigentlich  nichts  hinzuzufügen.  Eine  Kranke,  die 
einmal  kiirettiert,  einmal  laparotomiert  und  zweimal  röntgenbestrahlt 
ist,  wird  lediglich  durch  den  Umstand,  dass  ihr  die  psychogene  Ur¬ 
sache  ihres  Leidens  klar  wird,  geheilt!  Ich  betone  nochmals,  dass 
die  Hypnose  nur  zur  Verstärkung  der  bereits  gegebenen  Wachsugge¬ 
stionen  angewandt  wurde. 

2.  Fall:  Frau  Be.,  30  Jahre,  Bäckerswitwe  seit  1917,  verheiratet  seit 
1915.  Familienanamnese  o.  B.  Periode  früher  regelmässig,  alle  3  Wochen, 
5  bis  6  Tage  lang.  2  Partus. 

Klagen:  Seit  dem  Tode  ihres  Mannes  habe  sie  unregelmässige  Blu¬ 
tungen  zwischen  den  Perioden,  Kreuz-  und  Kopfschmerzen,  starke  Müdig¬ 
keit  und  Schlaflosigkeit.  Auch  sei  sie  immer  sehr  niedergeschlagen.  Der  ein¬ 
weisende  Arzt  ihres  Dorfes  schreibt:  „Frau  Be.  bitte  ich  wegen  Endometritis 
mit  starken  Metrorrhagien  in  Behandlung  zu  nehmen.“ 

Gynäkologischer  Befund  (Prof.  Mayer)  ergibt  ausser  einer  mobilen 
Retroflexio  und  starker  Defatigatio  nichts  Anormales.  Da  die  Anamnese 
auf  eine  psychogene  Ursache  hinweist.  Psychoanamnese:  1915  Heirat 
mit  einem  Altersgenossen,  den  sie  seit  5  Jahren  kannte  und  liebte. 
Der  Mann  fiel  im  Kriege  1917,  nachdem  er  seit  der  Verheiratung  nur 
einmal  im  Urlaub  zu  Hause  war.  Die  Ehe  war  ausserordentlich  glück¬ 

lich  und  die  Affektbetonung  ist  jetzt  noch  —  1922  —  in  dieser  Richtung 
sehr  lebhaft  und  überzeugend.  2  Kinder  1912  und  1916!  beide  von 

ihrem  Mann,  das  erste  unehelich.  Auf  die  Nachricht  vom  plötzlichen  Tode 
des  Mannes  habe  sie  die  eben  beendete  Periode  sofort  wiederbekommen 

und  seither  blute  sie  immer  häufiger  und  unregelmässig.  Augenblicklich  blute 
sie  alle  8  Tage  lang  mehrere  Tage.  Sie  gibt  spontan  an,  sie  glaube,  dass 
dies  mit  dem  Tode  des  Mannes  Zusammenhängen  müsse.  Seit  Jahren 
träume  sie  immer  denselben  Traum,  sie  sei  mit  ihrem  gefallenen  Mann 
zusammen  und  habe  dann  weinen  müssen.  Ihr  Mann  beruhige  sie  dann  immer 
und  fordere  sie  auf,  doch  wieder  zu  lachen.  —  Auf  die  Frage,  ob  sie 

sich  ihrem  Manne  gegenüber  wegen  irgendeiner  Sache  Vorwürfe  machen 
müsse,  bejaht  sie  dies  lebhaft  und  gibt  an,  dass  ihr  Mann  ihr  oft  gesagt  habe, 
sie  lasse  es  äusserlich  zu  wenig  merken,  dass  sie  ihn  gern  habe,  sie  komme 
ihm  zu  wenig  entgegen.  Auch  sei  sie  in  der  Zeit,  wo  sie  ledig  mit  dem 
ersten  Kind  schwanger  ging,  immer  sehr  unfreundlich  zu  ihm  gewesen  wegen 
der  vielen  Unannehmlichkeiten,  die  sie  dadurch  gehabt  habe.  Dies  lasse  sie 
jetzt  nicht  zur  Ruhe  kommen.  Ihr  Mann  habe  in  der  kurzen  Zeit  ihres  Glückes 
dadurch  etwas  entbehrt  und  jetzt,  wo  er  tot  sei,  mache  sie  sich  die 
schwersten  Vorwürfe  darüber,  dass  sie  ihm  nicht  mehr  entgegengekommen 
sei.  In  weiteren  Sitzungen  erzählt  sie  Träume,  die  in  ziemlich  ,unverhüllter 
Weise  sexuelle  Vorgänge  symbolisieren.  Ueber  diesen  Punkt  befragt,  gibt 
sie  zu,  zwar  oft  das  Bedürfnis  nach  sexuellem  Verkehr  zu  haben,  aber  trotz 
mehrerer  Heiratsanträge  würde  sie  ihrem  Manne  in  diesem  Punkte  bis  zum 
Tode  treu  bleiben.  Auch  eine  Heirat  komme  nie  wieder  für  sie  in  Frage.  Die 
Frage,  ob  ihr  Mann  auch  zu  Zeiten  ihrer  Periode  mit  ihr  verkehrt  habe, 
wird  mit  dem  Zeichen  des  Unwillens  verneint.  Dieser  Umstand  gab  mir 
die  Ueberzeugung,  dass  auch  diese  Kranke  in  den  Blutungen  sich  eine  wirk¬ 
same  Schutzvorrichtung  aufgerichtet  hatte  vor  den  Männern,  die  sie  begehr¬ 
ten  und  die  ihr  so  begehrenswert  erschienen,  dass  sie  ihrer  Willensstärke 
allein  nicht  mehr  das  nötige  Vertrauen  entgegenbrachte.  Diese  Lösung  stiess 
bei  der  Kranken  auf  ein  selten  gutes  Verständnis.  Die  psychische  Behandlung 
und  die  Suggestionen  bewegten  sich  nunmehr  in  der  Richtung,  dass  der 
Kranken  klargemacht  wurde,  dass  es  eines  solchen  Schutzes  nicht  bedürfe 
und  dass  sie,  wenn  sie  nur  wolle,  das.  was  sie  sich  vornehme,  auch  durch¬ 
setzen  könne.  In  Hypnose  weitere  „Stärkung  des  Willens“  und  Bekämp¬ 
fung  der  Schlaflosigkeit  mit  gutem  Erfolg.  Weiterhin  verfolgt  die  Therapie 
den  Zweck,  auf  suggestivem  Wege  die  gänzlich  ungerechtfertigten  Selbst¬ 
vorwürfe  zu  entkräften  und  der  Kranken  klarzumachen,  dass  es  viel  mehr 
im  Sinne  ihres  verstorbenen  Mannes  sei,  ihren  Kindern  eine  frische,  tätige 
und  gute  Mutter  .zu  sein,  statt  sich  immer  mit  Vorwürfen  abzuplagen  und 
dadurch  auch  körperlich  immer  mehr  herunterzukommen.  Die  Suggestionen 
werden  in  Hypnose  wiederholt  und  fallen  auf  sehr  fruchtbaren  Boden.  Nach 
8  Tagen  träumt  die  Kranke,  dass  sie  mit  ihrem  Mann  zusammen  gewesen  sei. 
und  sie  habe  gar  nicht  zu  weinen  brauchen,  sondern  habe  mit  ihm  gescherzt 
und  gelacht  wie  früher.  Es  ist  unnötig,  der  Kranken  die  Deutung  des 
Traumes  nahezulegen.  Sie  ist  selig  darüber  und  von  dem  Tage  an  von  ihren 
Selbstvorwürfen  befreit.  Ohne  Zweifel  ist  dieser  Traum  für  die  Prognose 
der  Gesarntbehandlung,  und  zwar  in  einem  günstigen  Sinne  von  grösster  Be- 


976 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  30. 


deutung.  Die  Kranke  hat  vom  2.  bis  8.  Tag  in  der  Klinik  geblutet.  Ob  diese 
Blutung  mit  der  Periode  identisch  war,  vermochte  sie  nicht  anzugeben. 
Seither  keinerlei  Blutung  mehr.  Die  Kranke  wird  nach  3'A  Wochen  als 
ein  vollständig  veränderter  Mensch  entlassen.  Sie  fühlt  sich  zufrieden  und 
glücklich,  schläft  gut  und  hat  keinerlei  Beschwerden  mehr.  Sie  schreibt 

später:  „So  ein  Glück,  dass  ich  wieder  gesund  bin.“  -  „Morgen  ist 

meiies  treu  geliebten,  unvergesslichen  Mannes  Todestag.  Es  sind  schon 
5  Jahre,  seitdem  wir  irdisch  von  einander  geschieden  sind,  doch  hoffe  ich 
auf  ein  frohes  Wiedersehen  im  Jenseits;  doch,  'lieber  Herr  Doktor.  Sie 
dürfen  ausser  Sorge  sein  um  mich,  ich  denke  nur  ganz  still  und  ruhig 
an  meinen  lieben,  unvergesslichen  Mann  zurück,  ln  sonstigen  Jahren  bin 
ich  *ast  verzweifelt  an  diesem  Tag,  Gott  Lob  und  Dank,  dass  ich  jetzt  stark 
bin  “  Ich  setze  diesen  Brief  vor  allem  deshalb  hierher,  weil  er  in  ausdrucks¬ 
voller  Weise  die  ganze  gläubige  und  etwas  primitive  Denkungsart  der 
Kranken  dartut  und  ihre  unbedingte  Zuversicht  am  ihre  Heilung  erkennen 
lässt.  4K  Monate  später  stellte  sich  die  Kranke  zum  letzten  Mal  vor.  Sie 
hat  in  der  ganzen  Zeit  ausser  ihrer  normalen  Periode  nicht  mehr  geblutet 
und  fühlt  sich  körperlich  und  seelisch  gesund. 

Auch  dieser  Fall  lässt  klar  erkennen,  wie  wichtig  es  ist,  den  ur¬ 
sprünglichen  Konflikt  aufzudecken,  der  das  Leiden  .veranlasst  hat, 
ohne  dass  man  dabei,  im  speziell  Freud  sehen  Sinne,  auf  die  frühe¬ 
sten  Kindheitserlebnisse  zurückzugreifen  braucht. 

In  den  beiden  beschriebenen  Fällen  ist  wohl  die  Annahme  be¬ 
rechtigt,  dass  die  Blutungen  psychogen  bedingt  waren,  und  zwar 
dürfen  wir,  ganz  allgemein  gesprochen,  einen  unlustbetonten  Affekt, 
im  ersten  Fall  der  Frau  zu  ihrem  Manne,  im  zweiten  Fall  der  Kran¬ 
ken  zu  anderen  Männern,  die  sie  begehren,  als  Grund  für  die  Blu¬ 
tungen  anschuldigen.  Dass  derartige  Affekte,  ausser  mannigfachen, 
anderen,  körperlichen  Symptomen  und  Folgeerscheinungen  auch  zu 
abnormen  Blutungen  führen  können,  ist  bekannt.  Ich  erwähne  nur  die 
diesbezüglichen  Arbeiten  von  Weber,  A.  Mayer  und  C  i  t  r  o  n. 
Nach  Weber  führt  die  an  der  Körperoberfläche  erfolgende  Verenge¬ 
rung  der  Blutgefässe  zu  einer  Erweiterung  und  Blutüberfüllung  der 
Bauch-  und  Genitalorgane,  auf  deren  Grund  es  dann  zu  Menorrhagien 
kommen  kann.  Auch  Füth  gibt  hierzu  einige  Fälle  an. 

Wenn  nun  auch  das  Bild,  unter  dem  die  einzelnen  Affekte  in  die 
Erscheinung  treten,  ausserordentlich  verschieden  ist,  so  haben  doch 
alle  Affekte  eine  Wirkungsweise  gemeinsam  —  sie  treffen  im  Nerven¬ 
system  alle  auf  einen  Punkt,  das  vasomotorische  Zentrum,  das  die 
Innervation  der  Blutgefässe  besorgt  und  das  allein  imstande  ist,  alle 
die  auffälligen  Symptome,  mit  denen  die  Gemütsbewegungen  uns  vur 
Augen  treten,  hervorzurufen.  . 

Das  Zustandekommen  des  Affektes  selbst  hat  man  sich  so  voi- 
zustellen,  dass  ein  Ereignis,  welches  geeignet  ist,  eine  Gemütsbewe¬ 
gung  hervorzurufen,  durch  irgendeines  der  5  Sinnesorgane  zum  Ge¬ 
hirn  geleitet  wird  und  dort  mit  Hilfe  eines  komplizierten  Mechanis¬ 
mus  als  solches  wahrgenommen  wird.  Gleichzeitig  werden  blitz- 
schnell  sämtliche  Assoziationen  angeschlagen,  die  in  irgendeiner  Be¬ 
ziehung  zu  dem  Ereignis  stehen.  Diese  Assoziationen  vereinigen  sich 
zu  einem  bestimmten  Klang,  der  dann  den  entsprechenden  Affekt  dar¬ 
stellt  und  die  entsprechenden  Erscheinungen  auslöst. 

Gibt  die  Gesamtzahl  der  Assoziationen  einen  physiologischen, 
harmonischen  Klang,  so  wird  der  Affekt  in  der  uns  bekannten  Weise 
ablaufen.  Ist  dies  nicht  der  Fall,  gewinnen  bestimmte  Assoziationen, 
die  von  einer  anderen  Gelegenheit  her  vielleicht  an  gewisse  andere 
Funktionen  und  Wirkungen  geknüpft  sind,  die  Oberhand,  so  wird  das 
Zusammenklingen  ein  disharmonisches,  der  Affekt  läuft  nicht  in  der 
physiologischen  Weise  ab,  sondern  ruft  Erscheinungen  hervor,  die 
ihm  sonst  nicht  eigen  sind.  Dies  sind  die  Symptome,  die  wir  als  Folge 
mancher  psychischen  Traumen  zu  sehen  bekommen. 

Es  ist  nun  ohne  weiteres  klar,  dass  man,  um  zur  Wurzel  des 
Ucbels  zu  kommen,  bis  zu  jenem  Trauma  resp.  jenem  Affekt  zurück¬ 
zugehen  hat,  der  als  Ursache  für  unser  Krankheitsbild  in  Frage 
kommt  Hierbei  wird  nun  dieser  Affekt  noch  einmal  nacherlebt  und 
nunmehr  mit  Hilfe  des  suggestiven  Einflusses  des  Psychotherapeuten 
und  mit  Ruhe  in  die  physiologischen  Bahnen  abgeleitet,  die  seiner 
Eigenart  entsprechen.  Dies  ist  die  Wirkungsweise,  wie  sie  in  der 
Psychanalyse  oder  auch  erweiterten  Psychanamnese  zutage  tritt. 

Will  man  sich  die  therapeutische  Wirkung  der  Hypnose  erklären, 
so  ist  das  nach  den  vorausgegangenen  Erörterungen  nicht  schwer, 
wenn  wir  an  das,  was  Schilder  in  seiner  Arbeit  über  das  Wesen 
der  Hypnose  schreibt,  anknüpfen;  „Es  gilt  der  allgemeine  Satz,  dass 
alle  jene  Wirkungen,  die  in  der  Hypnose  zustande  kommen,  auch 
durch  Affekte  hervorgerufen  werden.“  Man  muss  demnach  annehmen, 
dass  die  Hypnose  dazu  nur  auf  Grund  eines  ihr  eigenen  Affektes  im¬ 
stande  ist.  Ich  setze  also,  wenn  ich  hypnotisiere,  dass  ein  bestimmtes 
Symptom  nicht  mehr  auftreten  soll,  einen  künstlichen^  Affekt,  der  im¬ 
stande  ist,  eine  Wirkung  auszuüben,  die  das  betreffende  Symptom 
aufhebt,  oder  die  dem  Affekt,  welcher  das  besagte  Symptom  ausge- 
löst  hat,  konträr  ist.  Die  Heilung  kann  nur  dann  erfolgen,  wenn  der 
Mechanismus  der  Hypnose  stärker  ist  als  der  Mechanismus  der 
Symptombiidung.  Dies  wird  aber  in  vielen  Fällen  nicht  der  Fall  ocin, 
da  bei  dem  letzteren  täglich  ungezählte  Assoziationen  die  Symptome 
stützen  und  halten,  während  der  Mechanismus  der  Affektbildung  bei 
der  Hypnose  viel  zu  sehr  an  die  Person  des  Hypnotiseurs  und  die 
Triebcinstellung  des  Kranken  zu  diesem  gebunden  ist.  Es  kann  daher 
für  psychogen  bedingte  Krankheitsbilder  nur  eine  Methode  der  thera¬ 
peutischen  Inangriffnahme  geben,  und  die  besteht  darin,  durch  bym- 
ntomanalyse  resp.  Persönlichkeitsanalyse,  die  Jedoch  mehr  m  das 
Bereich  des  Fachpsychiaters  fällt,  die  seelischen  Zusammenhänge 
klarzulegen  und  abreagieren  zu  lassen.  Die  Hypnose  kann  sowohl 


bei  der  Aufdeckung  des  Konfliktes  in  Form  der  kathartischen  Me¬ 
thode  als  auch  zur  nachherigen  Verstärkung  der  Wachsuggestionen 
von  grosser  Bedeutung  sein.  Hypnosebehandlung  allein  ist  eine  un¬ 
physiologische  Methode,  wenn  es  sich  um  psychogene  Leiden  handelt, 
es  sei  denn,  dass  man  sicli  damit  begnügen  will  oder  kann,  rem  sym¬ 
ptomatisch  irgendwelche  Erscheinungen  durch  Hypnose  zum  Schwin¬ 
den  zu  bringen.  ,  „  ,  ,  . 

Ich  möchte  schliessen  mit  einem  Satz,  den  K  r  e  h  1  m  seiner 
neuen  Auflage  der  pathologischen  Physiologie  bringt  und  der  mir  ge¬ 
eignet  erscheint,  nach  diesen  letzten  theoretischen  Erörterungen  eine 
Seite  der  angeschnittenen  Fragen  zu  beleuchten,  die  von  mir  zwar 
kurz  erwähnt,  aber  nicht  mehr  weiter  behandelt  werden  konnte. 
Krehl  schreibt:  „Die  Biologie  kann  für  das  Verständnis  der  Lebens-, 
vorgänge  mit  der  Annahme  mechanisch-kausaler  Zusammenhänge 
allein  nicht  auskommen  .  .  .  Meine  Ueberzeugung  ist,  dass  wir 
eine  einheitliche  Auffassung  von  Mensch,  Natur  und  Gott  nur  wieder¬ 
gewinnen,  wenn  wir  übermechanische  Vorgänge,  die  hinter  den  Er¬ 
scheinungen  stecken  und  sie  leiten,  anfangen  zu  beobachten,  zu  unter¬ 
suchen  und  in  unseren  Rechnungen  zum  Rechte  kommen  lassen.  Mir 
erscheint  das  nicht  als  eine  Abweisung  der  gegenwärtig  herrschenden 
Naturbetrachtung,  sondern  als  ihre  notwendige  Ergänzung  und  Um¬ 
fassung.“ 

Nachtrag  bei  der  Korrektur. 

Inzwischen  liegt  die  Behandlung  eines  weiteren,  ähnlichen  Falles 
weit  genug  zurück,  um  in  Kürze  darüber  berichten  zu  können. 

Frl.  R.,  25  Jahre  alt,  war  früher  schon  4  mal  in  der  hiesigen  Klinik 
wegen  dauernder  Blutungen.  Da  sie  nach  dem  letzten  Aufenthalt  auf  eine 
Röntgenbestrahlung  hin  8  Monate  lang  amenorrhoisch  war,  musste  an  eine 
psychische  Ursache  gedacht  werden,  als  die  Kranke  jetzt  wieder  mit  der 
Klage  kam,  täglich  zu  bluten.  Nachdem  wir  uns,  wie  immer  in  solchen 
Fällen,  von  der  Richtigkeit  ihrer  Angaben  überzeugt  hatten,  förderte  die  ein¬ 
geleitete  Psychoanamnese  folgende  Zusammenhänge  zutage:  Die  Blutungen 
datieren  seit  Anfang  des  Jahres  1919.  Zur  gleichen  Zeit  nämlich  im 
Februar  —  trat  die  Kranke  in  eine  religiöse  Sekte  ein  und  sie  gibt  selbst  an, 
dass  dies  eine  völlige  Aenderung  in  ihrer  Lebensauffassung  bedeutet  hatte. 
Die  auf  ziemlich  strengen  Statuten  aufgebaute  Sekte  hat  als  Grundprinzip 
dasjenige  der  Keuschheit.  Erst  längere  Zeit  später  gibt  die  Kranke  ahs 
Ursache  für  ihren,  für  ein  25  jähriges,  recht  aufgewecktes  Mädchen  auf¬ 
fälligen  Schritt  folgendes  an:  Sie  wurde  als  uneheliches  Kind  einer  Mutter 
geboren,  die  in  der  ganzen  ymgegend  als  eine  berüchtigte  Person  bekannt 
war  und  die  noch  jetzt  für  jeden  Mann  zu  haben  sei.  Sie  selbst  sei  bei  einer 
Verwandten  streng  religiös  aufgezogen  worden  und  habe  seelisch  ihr  ganzes 
Leben  lang  furchtbar  unter  dem  Lebenswandel  der  Mutter  gelitten.  Vor 
allem  habe  sie  immer  die  Angst  gepeinigt,  sie  könne  etwas  von  ihr  geerbt 
haben  und  auch  in  das  gleiche  Fahrwasser  geraten,  da  ihre  sexuellen  Triebe 
und  Wünsche  ihr  viel  zu  schaffen  machten.  Sie  habe  sich  bis  jetzt  rein 
halten  können,  aber  in  dem  Bestreben  sich  einen  grösseren  Schutz  und  eine 
Stütze  zu  suchen  im  Kampf  gegen  ihre  Leidenschaften  sei  sie  in  die  erwähnte 
Gemeinschaft  eingetreten.  Ihre  seelischen  Konflikte  waren  damals  auf  einem 
gewissen  Höhepunkt,  weil  ein  alter  Jugendfreund  sich  intensiv  um  sie  be¬ 
warb  und  auch  in  sexueller  Hinsicht  Ansprüche  an  sie  zu  stellen  suchte.  Mit 
dem  Eintritt  in  die  Sekte  erfolgte  ihre  endgültige  Absage  an  den  Freund  und 
gleichzeitig  das  Auftreten  der  Blutungen. 

Die  Zusammenhänge  sind  hiernach  völlig  klar.  Die  Kranke  macht 
gewissermassen  ein  Gelübde  der  Keuschheit,  jedenfalls,  um  ihrer 
primitiven  Auffassung  nach  dadurch  die  Sünden  der  Mutter  wieder 
gutzumachen.  Auch  liier  sehen  wir  wieder  die  Blutungen  als  Schutz¬ 
massnahme  vor  dem  Mann  auftreten,  und  zugleich  als  Hilfe  in  ihrem 
Kampf  gegen  die  Unkeuschheit.  Die  Kranke  wird  vorsichtig  in  dieser 
Weise  belehrt  und  aufgeklärt  mit  dem  Erfolg,  dass  die  Blutungen 
prompt  aufhörten  und  die  Kranke  seit  einigen  Monaten  völlig  nor¬ 
male  Periode  hat,  ohne  dazwischen  zu  bluten.  Zur  Verstärkung  der 
Suggestionen,  dass  ein  derartiger  Schutz  unnötig  und  dass  ihr  Wille 
stark  genug  sei,  um  die  gefassten  Vorsätze  durchzuführen  wurde 
auch  hier  Hypnose  angewandt.  Eine  Umstellung  der  Kranken  in  ihrer 
Auffassung  bezüglicli  des  Heiratens  und  der  Keuschheit  wurde  gar 
nicht  versucht,  da  zweifellos  neue  und  vielleicht  noch  stärkere  Sym¬ 
ptome  bei  einem  Bruch  mit  der  Gemeinschaft,  an  die  sie  sehr  stark 
affektiv  gebunden  ist,  die  Folge  gewesen  wären. 

Auffällig  ist,  dass  in  allen  3  Fällen  übereinstimmend  die  Blu¬ 
tungen  als  seelisch  bedingte  Schutzmassnahme  des  Körpers  gegen  i 
einen  bestimmten  oder  gegen  die  Männer  überhaupt  aufgefasst  wer¬ 
den  müssen.  Ich  glaube  in  der  Annahme  nicht  fehlzugehen,  dass  es 
sich  hier  um  einen  Zusammenhang  handelt,  der,  wenn  nicht  immer, 
so  doch  sehr  häufig  den  Grund  für  eine  psychogen  entstandene  Blu¬ 
tung  zu  deuten  imstande  ist  und  der  wichtige  Fingerzeige  zur  thera¬ 
peutischen  Inangriffnahme  bietet. 

Literatur. 

1.  Citron:  Zur  Pathologie  der  psycho-physiologischen  Blutverschie- 
bung.  D.m.W.  1911  S.  1781.  —  2.  A.  A.  Friedländer:  Hypnose  undj 
Hypnonarkose.  Stuttgart,  Verlag  Enke.  —  3.  Füth:  Ueber  den  Einfluss  un-j 
lustbetonter  Affekte  auf  die  Entstehung  uteriner  Blutungen.  Festschrift  zur 
Feier  des  10jährigen  Bestehens  der  Akademie  f.  prakt.  Med.  zu  Köln,  Bonn  1915. 
zit.  nach  A.  Mayer.  —  4.  Hir  schlaff:  Hypnotismus  und  Suggestiv¬ 
therapie.  Leipzig,  A.  Barth,  1905.  —  5.  A.  Mayer:  Ueber  Störungen  vor 
Menstruation  und  Schwangerschaft  durch  psychische  Alteration.  Zbl.  f, 
Gyn.  1917.  —  6.  A.  Mayer:  Ueber  die  chirurgische  Aera  in  der  Gynäko 
logie  und  die  gynäkologischen  Grenzgebiete.  Zbl.  f.  Gyn.  1922,  Nr.  12 
S.  449.  —  7.  A.  Mayer:  Ueber  Störungen  der  weiblichen  Sexualfunktionei 
durch  psychische  Traumen.  Vortrag  im  Naturwissenschaft!. -mcd.  Vereit 

Tübingen  19.  II.  17.  Württ.  Korr. Bl.  1917. - 8.  Raeflcr:  Hypnose  in  dei 

Gynäkologie.  Zbl.  f.  Gyn.  1921  Nr.  36,  S.  1274.  —  9.  P.  Schilder:  Uebe; 
das  Wesen  der  Hypnose.  Berlin,  Springer,  1922.  —  10.  W.  Stemmer 


?7.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


07? 


Jeher  Psychodiagnostik  und  Psychotherapie  in  der  Frauenheilkunde.  Zbl. 
.  Qyn.  1922  Nr.  12  S.  458.  —  11.  Weber:  Der  Einfluss  psychischer  Vor- 
tänge  auf  den  Körper,  insbes.  auf  die  Blutverteilung.  Berlin,  Springer,  1910. 


Aus  der  Universitäts-Frauenklinik  München. 
(Direktor:  Geh.  Rat  Prof.  Dr.  Döderlein) 

Ueber  Eklampsie. 

Von  Privatdozent  Dr.  Erwin  Zweifel. 

I.  Zur  Aetiologie. 

Von  allen  Erkrankungen  der  Fortpflanzungsperiode  ist  die 
iklampsie  auch  heute  noch  die  ungeklärteste,  soviel  auch  über  ihre 
Entstehung  geschrieben  worden  ist.  Wenn  das  Krankheitsbild  als 
olches  auch  sehr  exakt  durchstudiert  worden  ist,  wenn  auch  alle 
töglichen  Tierexperimente  zur  Erklärung  der  Eklampsie  lierange- 
ogen  worden  sind,  in  Wahrheit  müssen  wir  es  uns  eingestehen,  dass 
eine  der  Theorien,  die  über  die  Entstehung  dieser  Krankheit  aufgc- 
tellt  worden  sind,  so  ganz  befriedigt.  Das  Krankheitsbild  ist  allen 
aerzten  zu  bekannt,  als  dass  ich  hier  darauf  eingehen  dürfte;  die 
jauptsymptome  der  Erkrankung  sind  die  Anfälle  und  der  Befund  von 
iiweiss  im  Urin;  dabei  muss  hinzugefügt  werden,  dass  in  seltenen 
aisnahmefällen  auch  einmal  eines  dieser  Hauptsymptome  fehlen  kann. 

Die  älteste  Theorie  sah  in  der  Eklampsie  eine  Plethora;  sie  grün¬ 
de  sich  auf  die  Beobachtung,  dass  man  bei  Eklamptischen  Oedeme 
n  Gesicht,  am  Körper  und  an  den  Beinen  sieht. 

0  s  i  a  n  d  e  r  hat  die  Eklampsie  als  eine  pathologisch  gesteigerte  Reflex- 
ewegbarkeit  angesehen.  Eine  solche  kommt  ebenso,  wie  auch  Oedeme  so 
aufig  bei  Schwangeren  vor,  dass  wir  darin  gar  nichts  besonderes  mehr 
rblicken. 

Die  Theorie  von  Lever  gründet  sich  auf  seine  regelmässigen,  positiv 
usgefallenen  Eiweissbefunde  im  Urin  Eklamptischer;  er  sah  die  Eklamp- 
'  sehen  einfach  als  Nierenkranke  an.  Der  Lehre  von  Lever  schloss  sich 
rerichs  an.  Er  hat  analog  der  Urämie  als  den  wichtigsten  Faktor  in 
- r  Behandlung  den  Aderlass  empfohlen,  also  ein  sehr  zweckmässiges  Ver- 
hren,  zu  dem  wir  heute  auf  Grund  der  Empfehlung  von  P.  Zweifel 
ieder  zurückgekehrt  sind,  nachdem  er  von  Traube  verworfen  und  dann 
i  Vergessenheit  geraten  war. 

Hecker  vertrat  die  Anschauung,  dass  retinierter  Harnstoff  die  Ver- 
ftung  bei  der  Eklampsie  herbeiführe;  dem  stehen  die  Versuche  von  Ham- 
u  r  g  e  r  entgegen,  bei  denen  sich  die  Einspritzung  von  Harnstofflösung  als 
dükommen  unschädlich  erwiesen  hat.  Bouchard  glaubte,  dass  im  Blut 
•r  Schwangeren  gewisse  Giftstoffe  kreisen,  die  bei  unzureichender  Nieren- 
tigkeit  den  Ausbruch  der  Eklampsie  herbeiführen.  Die  Arbeit  von 
o  u  c  h  a  r  d  hatte  zur  Folge,  dass  eine  Reihe  systematischer  Urinunter- 
ichungen  bei  Eklamptischen  einsetzte.  Das  Hauptergebnis  dieser  ist  die 
itteilung  von  P.  Zweifel,  dass  bei  der  Eklampsie  die  Eiweissoxydation 
ark  herabgesetzt  ist.  Er  fand  im  Harn  und  Blut  Eklamptischer  regelmässig 
leischmilehsäure. 

Die  Auffassung  der  Eklampsie  als  Urämie  stammt  von  Rosenstein; 
ute  wissen  wir,  dass  wesentliche  Unterschiede  zwischen  der  Eklampsie  und 

rämie  bestehen. 

Auf  eine  mechanische  Ursache  führt  H  a  1  b  e  r  t  s  m  a  die  Eklampsie  zu- 
kk;  er  meint,  dass  durch  eine  Stauung  des  Urins  infolge  behinderter  Ab- 
iissmöglichkeit  die  Eklampsie  entstehe.  Die  von  ihm  angeführten  Befunde 
>n  stark  verdickten  Ureteren  bei  der  Sektion  von  Eklamptischen  beweisen 
ir  nichts,  weil  überhaupt  bei  Schwangeren  die  Ureteren  stark  dilatiert  sind. 

Die  bakterielle  Theorie  von  G  e  r  d  e  s  ist  durch  die  Arbeiten  von 
ä  g  I  e  r  und  Döderlein  widerlegt  worden.  Auch  die  infektiöse  Theorie 
m  S  t  r  o  g  a  n  o  f  f  hat  keine  Anhänger  gefunden. 

Eine  ganz  andere  Erklärung  für  die  Eklampsie  gab  Veit.  Er  hielt  sie 
r  eine  Erkrankung,  bedingt  durch  das  Eintreten  von  Plazentarzellen  in  den 
ütterlichen  Körper,  als  dessen  Folge  ein  Giftkörper,  das  Synzytiolysin,  sich 
Ide.  Zu  trennen  von  dieser  ist  die  plazentare  Theorie,  die  heute  kaum  noch 
nhänger  zählt. 

Des  weiteren  erwähne  ich  die  Fibrinfermenttheorie  von  Dienst  und  die 
-rmentintoxikationstheorie  von  Hofbauer.  Dienst  meinte,  dass  die 
:tention  fötaler  Abfallstoffe  den  Fibringehalt  des  mütterlichen  Blutes  steigere; 
e  Folge  davon  sei  der  Ausbruch  der  Eklampsie.  Hofbauer  ist  der  An- 
-lit,  dass  die  Abschnürung  synzytischer  Komplexe  von  der  Oberfläche  der 
lorionzotten  „die  Veranlassung  zur  Eklampsie“  gebe.  Die  Eklampsie  komme 
nn  zum  Ausbruch,  wenn  „der  Körper  der  Graviden  die  schädigende  Wirkung 
r  eingeschwemmten  Elemente“  nicht  mehr  aufzuheben  vermöge. 

Zur  Kenntnis  der  Eklampsie  will  ich  vor  allem  auf  die  regelmässigen 
'biologischen  Veränderungen  hinweisen,  die  man  bei  an  Eklampsie  Ver- 
orbenen  findet.  Sie  stammen  vor  allem  von  Schmorl;  die  wichtigsten 
id  die  Veränderungen  in  der  Leber,  bestehend  in  mehr  oder  minder  aus¬ 
dehnten  Lebernekrosen. 

Als  weitere  Theorie  erwähne  ich  noch  die  mammäre  Theorie.  Sie  wurde 
fgestellt  auf  Grund  des  Vergleiches  mit  der  Gebärparese  der  Rinder,  die 
der  lat  eine  grosse  Aehnlichkeit  mit  der  Eklampsie  des  Menschen  hat. 

;  Von  F  c  h  1  i  n  g  und  van  der  Höven  stammt  die  fötale  Theorie,  die 
e  Entstehung  der  Eklampsie  durch  das  Eindringen  kindlicher  Stoffwechsel- 
odukte  in  den  mütterlichen  Organismus  erklärt.  '  t 

Im  Zusammenhang  damit  erwähne  ich  als  letzte  die  anaphylaktische 
leorie.  Sie  rührt  von  Weichardt  her. 

Seine  Untersuchungen  wurden  durch  die  Arbeiten  von  Rosenau, 
Inder  so  n,  Gozony  und  Wiesinger  fortgesetzt.  Dann  folgten  die 
rsuehe  von  L  o  ckemann  und  T  h  i  e  s  an  Kaninchen  und  von  Gräfcn- 
"  rt  c  und  1  h  i  e  s  .an  Meerschweinchen,  die  in  der  Tat  äusserst  bemerkens- 
"r  d-  ?e.svltate  erKeüen  haben.  F  e  1 1  ä  n  d  e  r  und  Bauereisen  haben 
]e  Kernigkeit  der  Versuche  von  Lockemann  und  Thies  in  Frage  ge- 
xen.  Auch  I- r  i  e  d  b  e  r  g  e  r  spricht  Bedenken  gegen  ihre  Versuchs¬ 
ordnung  aus.  Die  Richtigkeit  der  Versuche  von  Gozony  und  W  i  e  - 
n  g  er  wird  von  Felländer,  Guggisberg  und  Eisenreich  be¬ 
uten;  man  muss  daran  denken,  dass  die  eingespritzten  Organextrakte 
non  primär  toxisch  waren.  Lockemann  und  Thies  und  Gräfen- 

Nr.  30 


b  c  r  g  und  I  h  i  e  s  habe  ihre  Versuche  in  dem  Sinne  gedeutet,  dass  sie  für 
die  Auffassung  der  Eklampsie  als  anaphylaktische  Erkrankung  anzusehen 
seien. 

Das  klinische  Bild  der  Eklampsie  weist  soviele  Verschiedenheiten 
von  dem  der  anaphylaktischen  Erkrankung  auf,  dass  ich  es  für  ge¬ 
geben  hielt,  diese  Versuche  nochmals  nachzuprüfen. 

Die  grundlegenden  Kenntnisse  der  Anaphylaxie  können  hier  nicht 
wieder  besprochen  werden;  ich  verweise  für  den,  der  sich  rasch 
orientieren  will,  auf  die  verschiedenen  Uebersichtsarbeiten  von 
i  Friedberger  u.  a.,  vor  allem  auf  das  Kapitel  „Ana¬ 
phylaxie  von^  Friedberge  r  im  Handbuch  von  Kraus  und 

Brugsch.  Hier  will  ich  nur  die  Definition  wiederholen:  Die  Ana¬ 
phylaxie  ist  eine  Ueberempfindlichkeitsreaktion,  d.  h.  ein  Tier,  das 
heute  eine  parenteral  geringe,  vollkommen  unschädliche  Dosis  von 
Serum,  z.  B.  Pferdeserum,  erhält,  bekommt  bei  einer  zweiten  Ein¬ 
spritzung  desselben  Serums  nach  10  Tagen  oder  später  schwerste, 
mitunter  tödlich  verlaufende  Krankheitserscheinungen.  Die  Vorberei¬ 
tung  zur  Ueberempfindlichkeit  braucht  nicht  unbedingt  durch  eine 
Injektion  zu  erfolgen.  Als  Beispiel  erwähne  ich,  dass  Tataren,  die 
regelmässig  Pferdefleisch  essen,  auf  eine  Einspritzung  von  Diphtherie¬ 
serum  sehr  häufig  anaphylaktische  Erscheinungen  bekommen. 

Nach  Ueberstehen  eines  anaphylaktischen  Anfalls  entsteht  eine 
Unterernpfindlichkeit,  d.  h.  eine  neue  Einspritzung  desselben 
Serums  wird  ohne  Schaden  vertragen.  Man  nennt  diesen  Zustand 
Antianaphylaxie.  Ich  erwähne  diese,  weil  sic  für  das  Ver¬ 
ständnis  meiner  Versuche  von  Bedeutung  ist. 

Lockemann  und  I  h  i  e  s  haben  das  Blut  von  Föten  von  Ka¬ 
ninchen  gewonnen,  die  sic  durch  Kaiserschnitt  entbunden  hatten.  Das 
Blut  der  Föten  wurde  aufgefangen  und  zentrifugiert;  mit  dem  Serum 
haben  sie  dann  ihre  Einspritzungen  vorgenommen.  Als  Ergebnis  ihrer 
Versuche  fanden  sie,  dass  intravenöse  Einspritzungen  bei  nichtträch¬ 
tigen  Kaninchen  zunächst  keine  Krankheitserscheinungen  hervor¬ 
riefen,  sondern  erst  bei  einer  zweiten  Einspritzung  nach  8  Tagen. 

I  rächtige  Kaninchen  erkrankten  sofort  auf  die  Einspritzung  von  Se¬ 
rum  ihrer  eigenen  Föten.  Bei  einer  wiederholten  Einspritzung  nach 
8  lagen  reagierten  die  Tiere  stärker  als  bei  der  ersten  Einspritzung. 
Das  Krankheitsbild  verglichen  die  Autoren  mit  dem  der  Anaphylaxie. 

Aehnliche  Versuche  hat  Thies  gemeinsam  mit  G  r  ä  f  e  n  b  e  r  g 
auch  an  Meerschweinchen  ausgeführt;  alle  Tiere  wurden  krank  und 
„gingen  akut  oder  innerhalb  15  Stunden“  nach  der  wiederholten  Ein¬ 
spritzung  zugrunde. 

Das  Ergebnis  der  Versuche  von  Gräfenberg  und  Thies 
war,  „dass  bei  Meerschweinchen 

1.  das  artgleiche  Serum  giftig  wirken  kann,  und  dass 

2.  es  besonders  stark  auf  trächtige  Tiere  wirkt“. 

Auf  die  Einzelheiten  der  Versuchstechnik  kann  ich  hier  aus 
Raummangel  nicht  eingehen  und  verweise  auf  meine  Monographie  *) 
und  auf  meine  Arbeit  in  der  Zeitschrift  für  Immunitätsforschung,  1920. 

Ich  komme  also  bei  den  Versuchen  an  Kaninchen  zu  vollkommen 
negativen  Ergebnissen.  Kaninchen,  trächtige  wie  nichtträchtige,  ver¬ 
trugen  die  Einspritzungen  von  fötalem,  plazentarem  und  Neugebore- 
nenserum,  ohne  zu  erkranken;  auch  wiederholte  Einspritzungen  wur¬ 
den  vertragen. 

Man  muss  bei  der  Deutung  derartiger  Versuche  ausserordentlich 
vorsichtig  sein,  denn  nur  zu  leicht  kann  es  sein,  dass  ein  Serum 
primär  toxisch  ist,  jedenfalls  dann,  wenn  man  mit  Mengen  von  meh¬ 
reren  Kubikzentimetern  arbeitet,  d.  i.  für  die  kleinen  Tiere,  mit  denen 
die  Versuche  angestellt  werden,  immer  eine  sehr  grosse  Menge.  So 
habe  ich  zwei  junge  Kaninchen  von  etwa  1500  g  Gewicht  verloren, 
denen  ich  1,  2  und  3  ccm  Serum  einer  Wöchnerin  eingespritzt  habe; 
beide  Tiere  bekamen  Krämpfe  und  gingen  akut  zugrunde,  während 
ein  drittes,  etwa  gleichgrosses  Kaninchen  eine  Einspritzung  von  3  ccm 
desselben  Serums  ohne  irgendwelche  Störungen  vertrug. 

In  Fortsetzung  dieser  Versuche  habe  ich  auch  an  Meerschwein¬ 
chen  analoge  Versuche  angestellt.  Gräfenberg  und  Thies 
hatten  sechs  trächtigen  Meerschweinchen  eine  Dosis  von  0,6— 2,0  ccm 
des  eigenen  fötalen  Serums  eingespritzt,  worauf  alle  Tiere  unter 
Krämpfen  zugrunde  gingen.  Im  Gegensatz  dazu  hatten  von  5  nicht¬ 
trächtigen  Meerschweinchen  4  die  Einspritzung  einer  ähnlichen  Dosis 
fötalen  Serums  vertragen. 

Auch  ich  habe  ähnliche  Versuche  angestellt.  So  habe  ich  zwei¬ 
mal  Meerschweinchen  eigenes  plazentares  Serum  eingespritzt.  Es 
wurde  sowohl  die  erste  Einspritzung  vertragen,  als  auch  eine  zweite, 
die  nach  einem  Zeitraum  von  mehr  als  10  Tagen  erfolgte.  Bei  Meer¬ 
schweinchen  genügt  schon  die  Einspritzung  von  physiologischer 
Kochsalzlösung  und  Ringer  scher  Lösung  in  Mengen  von  1 — 2  ccm, 
um  Temperaturschwankung,  meist  Temperaturabfall  um  mehrere 
Grade  herbeizuführen.  Dafür  kann  ich  eine  ganze  Reihe  von  Ver¬ 
suchen  an  männlichen  wie  weiblichen  Tieren  zum  Beweis  anführen. 
In  3  weiteren  Versuchen  habe  ich  ebenso  wie  Gräfenberg  und 
I  Dies  trächtigen  Meerschweinchen  das  Serum  trächtiger  Meer¬ 
schweinchen  injiziert.  Die  Dosis  war  allerdings  etwas  niedriger  wie 
bei  Gräfenberg  und  Thies.  Während  diese  Tiere  nach  der 
ersten  Injektion  unter  Krämpfen,  ähnlich  denen  bei  der  Anaphylaxie, 
verloren,  ist  von  meinen  Versuchstieren  kein  einziges  an  der  Ein¬ 
spritzung  zugrunde  gegangen.  Ich  habe  zweimal  nach  48  Tagen  noch 
eine  Reinjektion  wieder  vom  Serum  trächtiger  Meerschweinchen  vor- 

*)  E-  Zweifel:  Wirkt  fötales  Serum  artfremd  auf  das  Muttertier? 
Bergmann,  München  1920. 


3 


978 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  3ü. 


genommen,  und  aucli  diese  wurde  reaktionslos  vertragen,  also  ein 
Beweis  dafür,  dass  trächtige  Meerschweinchen  durch  das  Serum  an¬ 
derer  trächtiger  Meerschweinchen  nicht  anaphylaktisch  werden. 

Z  a  n  g  e  m  e  i  s  t  e  r  hat  sich  in  einer  Reihe  von  Arbeiten  mit  dem 
Studium  der  Eklampsie  beschäftigt.  Auch  er  kommt  zu  einer  Ab¬ 
lehnung  der  Auffassung  der  Eklampsie  als  Anaphylaxie  und  stellt  eine 
ganz  neue  Lehre  auf“):  Er  sieht  als  ätiologisches  Moment  ur  das 
Entstehen  der  Eklampsie  einen  bestehenden  Hirndruck  an,  bedingt 
durch  Hirnödem.  Der  Hirndruck  nimmt  regelmässig  intra  partuni  zu. 
Diese  Steigerung  des  Hirndrucks  geht  einher  mit  einer  akuten  Stei¬ 
gerung  des  Blutdrucks,  und  diese  beiden  Faktoren  zusammen  losen 
den  eklamptischen  Anfall  aus. 

Zangemeister  spricht  sich  weiter  dalun  aus,  dass  bei  der 
Graviditätseklampsie  lediglich  die  Ausscheidung  der  Chloride  beein¬ 
trächtigt  sei.  Wuth8)  dagegen  nimmt  auf  Grund  neuerer  Unter¬ 
suchungen  ganz  allgemein  eine  „Störung  des  Ausscheidungsvermogens 
der  Nieren“  an,  betont,  aber,  dass  man  daraus  keineswegs  aut  die 
Retention  als  ätiologischen  Faktor  für  das  Ausbrechen  der  Eklampsie 
schliessen  kann. 

II.  Zur  Prophylaxe. 

Zangemeister  befasst  sich  des  weiteren  eingehend  mit  der 
Möglichkeit  einer  Prophylaxe  der  Eklampsie.  Wenn  eine  akute 
Steigerung  des  Blutdrucks,  wie  man  sie  bei  den  Wehen  regelmassig 
findet,  den  Anfall  auszulösen  vermag,  so  müssten  die  Anfalle  in  erster 
Linie  bei  der  Geburt  auftreten.  Tatsächlich  treten  die  Anfälle  aber 
auch  in  der  Schwangerschaft  und  im  Wochenbett  auf.  Zu  dieser  Zei 
ist  die  Steigerung  des  Blutdrucks  sicherlich  eine  geringere;  es  sind 
also  nur  geringere  Reize  vorhanden,  und  diese  genügen  schon  zum 
Auslösen  des  eklamptischen  Anfalls.  Wenn  das  der  Fall  ist,  so  folgen t 
Z  a  n  g  e  meiste  r,  dass  die  Prognose  der  Schwangerschafts-  und 
Wochenbettscklampsien  eine  ungünstigere  sein  muss  und  dass  die 
Prognose  der  Intra  partum  -  Eklampsie  eine  bessere  sein  muss.  Und 
in  der  Tat  geben  ihm  die  statistischen  Zahlen  für  seine  Prognose¬ 
stellung  recht.  ,  ...  .  . 

Auf  Grund  neuerer  Beobachtungen  findet  man  ]a  in  sehr  vielen 
Fällen  bei  genauerer  Anamnese  und  Untersuchung  Prodromalerschei¬ 
nungen  der  Eklampsie.  Nach  Zangemeister  kommt  es  zuerst  zu 
einer  Schädigung  der  Kapillargcfässe,  dann  zur  Bildung  von  Hydrops 
und  Oedemen  und  konsekutiv  zur  Ausbildung  des  nirnodems.  Mit 
dem  Entstehen  des  Hydrops  bildet  sich  oft  die  Schädigung  der 

Nieren  aus  (Nephropathie).  .  .  ,  „ 

Was  nun  die  Prophylaxe  der  Eklampsie  anlangt,  so  ist  zu¬ 
nächst  das  Augenmerk  zu  richten  auf  die  Verhütung  und  Behandlung 
des  Hydrops  in  der  Gravidität.  Schon  leichte  Oedeme  und  Hydrops- 
bildung  können  erkannt  werden  durch  akute  Gewichtszunahme;  man 
muss  also  die  Schwangeren  regelmässig  wiegen.  Bei  geringen  Oede- 
men  sollen  die  Kranken  täglich  einige  Stunden  ruhen;  die  Nahrungs¬ 
aufnahme  und  Flüssigkeitszufuhr  sollen  mässig  gehalten  werden,  ritt 
Hydrops  dazu,  so  ist  die  Flüssigkeitszufuhr  weiter  zu  beschranken. 
Regelmässige  Urinuntersuchungen  und  Messungen  des  Blutdrucks  sind 
als  Kontrolle  für  den  Gesundheitszustand  der  Schwangeren  unerläss¬ 
lich.  Unkomplizierter  Hydrops  geht  unter  der  angegebenen  Behand¬ 
lung  nach  Zangemeister  meist  rasch  zurück. 

Besteht  bereits  eine  Nephropathie,  so  muss  eine  entsprechende 
Diät  nach  den  modernen  Grundsätzen  der  Nierenbehandlung  einge¬ 
leitet  werden,  also  vor  allem  Einschränkung  der  Flüssigkeitszufuhr 
und  salzfreie  Kost.  Fleischspeisen  werden  nicht  verabreicht  dagegen 
reichlich  Obst  und  Kompott.  Ausserdem  haben  sich  tägliche  Schwitz¬ 
prozeduren  bei  Schwangeren  bewährt.  Der  Blutdruck  ist  regelmassig 
zu  kontrollieren.  Man  findet  ihn  steigend  bei  zunehmender  Albumi- 
nurie  und  umgekehrt  mit  Besserung  des  Urinbefundes  zurückgehend. 

Es  gibt  Fälle,  in  denen  zuerst  Oedeme  und  Hydrops  ^  entstehen 
und  dann  erst  die  Blutdruckzunahme  sich  ausbildet.  In  solcnen  Fällen 
fehlt  oft  die  Albuminurie;  man  muss  hier  den  Hirndruck  als  kausal 
für  die  Blutdruckzunahme  ansehen,  und  die  Blutdruckzunahme  wirkt 
wieder  ungünstig  auf  das  Hirnödem  und  den  Hirndruck. 

ln  allen  derartigen  Fällen  fordert  Zangemeister  eine  ener¬ 
gische  Therapie  der  Hydropserscheinungen  als  prophylaktisches  Mit- 
tcl  gegen  die  Eklampsie.  Da  der  Lumbaldruck  im  präeklamptischen 
Stadium  regelmässig  erhöht  ist,  empfiehlt  er  die  Lumbalpunktion,  die 
therapeutisch  wie  diagnostisch  von  Wert  ist.  Weiter  muss  man  durch 
geeignete  Mittel,  am  besten  Euphyllin,  die  Diurese  heben,  wodurch 
der  Hirndruck  gemindert  wird.  Im  präeklamptischen  Stadium  sind  alle 
äusseren  Reize  fernzuhalten.  Es  gilt,  möglichst  den  ersten  Anfall  zu 
verhüten,  also  hat  schon  hier  die  Behandlung  mit  Narkotika  emzu- 
setzen.  Weiter  fordert  Z  a  n  g  e  m.e  i  s  t  e  r  für  gewisse  Fälle  den 
Aderlass  und  die  Entbindung.  Wir  können  ihm  allerdings  in  der 
Forderung  der  Entbindung  nicht  ganz  folgen,  hat  doch  die  Behandlung 
der  Eklampsie,  auch  der  Schwangerschaftseklampsie,  allein  mit  Ader- 
lass  und  narkotischen  Mitteln  in  der  Leipziger  Frauenklinik  bisher 
unerreicht  gute  Resultate  erzielt,  ln  manchen  Fällen  ging  die  Schwan¬ 
gerschaft  weiter,  und  es  wurde  nach  einiger  Zeit  das  Kind  oft  lebend 
spontan  geboren.  Wir  vertreten  vielmehr  die  Ansicht,  dass  bei  der 
Prophylaxe  der  Eklampsie  und  ebenso  auch  bei  der  Eklampsie  eine 
Entbindung  zunächst  nicht  in  Frage  kommt,  sondern  nur  in  den  Fal¬ 
len,  in  denen  nach  Einsetzen  der  konservativen  Behandlung  die  An¬ 
fälle  fortbestehen.  Für  solche  Fälle  ist  die  rasche  Entbindung  indiziert. 


7-aneemeister  hat  seine  Forderung  bei  den  Hausschwange¬ 
ren  der  Marburger  Frauenklinik  systematisch  durchgefuhrt  und  hat 
damit  ein  günstiges  Resultat  erzielt;  in  5  Jahren  ist  nur  noch  eine 
ä«  HaTsschwangera,  an  Eklampsie  erkrankt  wahrem I  er  vorh« 
öfters  Erkrankungen  an  Eklampsie  unter  den  Hausschwangeren  ge¬ 
funden  hat.  „ 

Zur  Therapie. 

Für  die  Therapie  sind  folgende  Richtlinien  zu  beachten; 

1  Die  Kranken  dürfen  sich  nicht  selbst  schaden; 

2.  die  Anfälle  sind  zu  unterdrücken;  , 

3  der  Blutdruck  ist  zu  senken  und  die  Diurese  zu  heben,  1 

4  den  Kranken  darf  im  Koma  nichts  zu  trinken  gegeben  werden, 

5.  nach  IJeberstehen  der  Anfälle  ist  wieder  Flüssigkeit  zuzu¬ 
führen,  und  zwar  entweder  subkutan  oder  durch  Lingiessung 

6.  naclfu eberstehen  der  Anfälle  ist  die  bestehende  Nierenschadi- 

Die  Behandlung  der  Eklampsie  trennt  sich  in  eine  aktive  operative 
und  in  eine  konservativ-symptomatische  Methode.  .  . 

Die  operative  Entbindung  war  bis  vor  zehn  Jahren  die  allgeme 
anerkannte  Behandlungsmethode  der  Ekhmpsie.  Sie  gründete 
auf  die  Anschauung,  dass  die  Eklampsie  durch  Giftstoffe  hervorge- 
mfen  wird,  die  vom  Fötus  oder  von  der  Plazenta  produziert  werdei 
Seitdem  die  fötalen  und  plazentaren  .  Theorien  zum  gossen 
widerlegt  worden  sind,  hat  auch  die  operative  Behandlung  in  der 
Form  der  forcierten  Schnellentbindung  mehr  und  mehr  an  A^ham,ern 
verloren  und  wird  jetzt  im  allgemeinen  nur  bei  besonderen  Vtrlauis- 
arten  der  Eklampsie  noch  verwendet.  Als  operative  Entbind.ings 
methoden  kommen  in  Frage: 

1.  Die  Beckenausgangszange; 

2.  der  vaginale  Kaiserschnitt; 

3.  der  abdominelle  Kaiserschnitt.  , 

Wir  stehen  auf  dem  Standpunkt,  eine  Eklamptische  dann  zu  ent¬ 
binden.  wenn  die  Entbindung  ohne  grosseren  Eingriff  möglich  ist,  also 
die  Zange  auszuführen,  wenn  die  Vorbedingungen  erfüllt  sind.  Die 
forcierte  sofortige  Entbindung  dagegen  führen  wir  im  allgemeinen 
nicht  mehr  so  oft  aus  wie  früher,  sondern  beginnen  bei  uneroffneten 
Weichteilen  erst  mit  der  Behandlung  mit  narkotischen  Mitteln  und 
entbinden  meist  nur  dann,  wenn  nach  Einleitung  der  narkotischen 

Behandlung  die  Anfälle  weitergehen.  . 

Bei  einer  Erkrankung  wie  die  Eklampsie  liegt  natürlich  jeder  F.  1 
anders  und  wir  werden  in  der  Klinik  die  Behandlung  doch  noch 
öfters  aktiv  gestalten,  wenn  wir  im  Privathause  in  gleicher  Lage  kon¬ 
servativ  vorgehen  würden.  Das  Hauptergebnis  der  Erfahrungen  der 
letzten  Jahre  liegt  darin,  dass  wir  im  Privathause  mit  ruhigem  Ge¬ 
wissen  als  Behandlungsmethode  den  Aderlass  und  Narkotika  wall  en 
können,  ohne  uns  den  Vorwurf  einer  Unterlassung  machen  zu  müssen. 

Für  die  forcierte  Schnellentbindung  stehen  der  vaginale  Kaiser- 1 
schnitt  und  der  abdominelle  Kaiserschnitt  zur  Verfügung.  Im  allge-l 
meinen  wird  der  vaginale  Kaiserschnitt  als  der  geringfügigere  Eingriff! 
bevorzugt.  Nur  in  Fällen,  bei  denen  die  Zervix  noch  erhalten  is  ode  l 
das  Kind  sehr  gross  ist,  wird  der  abdominelle  Kaiserschnitt  a  sj 
Entbindungsmethode  gewählt.  Immer  muss  nach  der  Entb mdung  de! 
Behandlung  mit  narkotischen  Mitteln  durchgefuhrt  werden,  wen  I 
die  Anfälle  fortdauern,  muss  sofort  ein  Aderlass  vorgenominenl 

werden.  konservative  Behandlung  mit  Aderlass  und! 

N  J  Die°  Hauptsache  ist  das  Unterdrücken  der  Anfälle  und  die  Se"j 
kung  des  Blutdrucks,  zugleich  die  Fernhaltung  aller  ausseren  Reize! 
Als  das  wichtigste  Mittel  zu  diesem  Zweck  wird  der  pr  i  mart 
Aderlass  empfohlen,  und  zwar  soll  die  Blutentnahme  eine  beträcht¬ 
liche  sein,  mindestens  500  ccm,  bei  sehr  gespanntem  Blutdruck  bis  zi 
800  ccm.  Vom  primären  Aderlass  darf  nur  dann  abgesehen  werden! 
wenn  xlie  Geburt  in  ganz  kurzer  Zeit,  etwa  V2—I  Stunde,  ^u  erwarteij 
ist.  Der  Aderlass  wie  alle  Eingriffe  sollen  in  leichter  Narkose  ai isge 
führt  werden.  Als  Narkotikum  empfehlen  wir  grundsätzlich  Chlorol 
form,  weil  ihm  eine  blutdruckherabsetzende  Wirkung  mnewohnt.  j 
Als  Narkotika  wählen  wir  entweder  Morphium  und  Ghloralhydraä 
oder  Luminalnatrium  und  Magnesium  glycermo-phosphoricum  );  da 
letztere  bevorzugen  wir  jetzt.  Das  Morphium  und  Chloralhydrat 
abreichen  wir  nach  den  Grundsätzen  von  G.  Veit  in  weiterer  Moda 
fikation: 

Zu  Beginn  der  Behandlung:  0,015  Morphium, hydrochh  subkutan;  I 

1  Stunde  nach  Beginn  der  Behandlung:  2,0  (1,5  2,5)  Chloralhydrat  I 

3  Stunden .  „  0,015  Morphium  hydrochl.  subkutan.  ■ 


7 

13 

21 


2,0  Chloralhydrat  intrarektal. 

1,5  (1,0 — 2,0)  Chloralhydrat. 

1,5  Chloralhydrat. 

Wir  bevorzugen  in  den  letzten  Jahren  in  der  Münchener  Frauer 
klinik  Luminalnatrium  und  geben  es  nach  folgendem  Schema. 

Zu  Beginn  der  Behandlung:  0,4  Luminalnatrium  in  2,0  ccm  dest.  Wasstl 

+  10  ccm  Magnesium  glycerino-phosphoricum,  I 

nach  8  Stunden:  0,4  Luminalnatrium. 

„  16  „  :  0,4 

alles  in  Form  von  Injektionen. 

Es  sei  nochmals  betont,  dass  man  bei  erfüllten  Vorbedingungt 
pntbinden  kann:  die  Entbindung  ist  aber  nur  dann  unbedingt  no 


2)  Zschr.  f.  Qeburtsh.  u.  Gyn.  79. 
=)  \V  uth:  D.m.W.  1922  Nr.  40. 


4)  v.  Miltner:  Mschr.  f.  Geburtsh.  u.  Gyn.  1920. 


27.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


979 


wendig»  wenn  die  Anfälle  fortdauern.  Hören  die  Anfälle  nach  Ein¬ 
setzen  der  Behandlung  auf,  dann  kann  man  ruhig  die  Spontangeburt 
abwarten.  Gehen  die  Anfälle  nach  Einsetzen  der  Behandlung  und 
trotz  der  Entbindung  weiter,  so  soll  ein  zweiter  Aderlass  von  etwa 
2t)i)  350  ccm  ausgeführt  werden.  Bei  üblem  Geruch  ans  dem  Munde 
ist  es  zweckmässig,  den  Magen  auszuhebern  und  auszuspülen,  denn  er 
ist  ein  Zeichen  dafür,  dass  es  zum  Zersetzen  von  Mageninhalt  gekom¬ 
men  ist.  Die  Magenspülung  hat  durch  Einführen  der  Schlundsonde 
durch  die  Nase  zu  erfolgen;  daran  soll  man  eine  Eingiessung  von 
etwa  Vs  Liter  Zitronenlimonade  anschliessen.  Auch  diese  Eingriffe 
müssen  zur  Fernhaltung  aller  Sinnesreize  in  leichter  Narkose  vorge¬ 
nommen  werden,  ebenso  wie  auch  die  Chloralhydrateingiessung  in 
das  Rektum.  Zur  Hebung  der  Diurese  sind  Euphyllininjektionen  an¬ 
zuraten.  da  dieses  Mittel  keinerlei  bluterhöhende  Eigenschaften  be¬ 
sitzt.  Von  anderen  Mitteln,  die  in  der  Therapie  der  Eklampsie  aus¬ 
probiert  werden,  möchte  ich  noch  das  in  Nordamerika  und  Italien 
viel  gebräuchliche  Veratum  viride  erwähnen.  Es  wird  1  ccm  des 
Extractum  fluidum  als  Injektion  gegeben.  Neuerdings  haben  wir  En- 
zytolinjektionen  gegeben;  doch  können  wir  nicht  über  irgendwelche 
besondere  Resultate  berichten. 


Zum  Verlauf  der  Erkrankung  will  ich  hier  nur  die  wenig  bekannte 
Tatsache  bemerken,  dass  in  manchen  Fällen  eine  vollkommene 
Amaurose  auftreten  kann.  Sie  findet  sich  bei  exakter  Beobachtung 
gar  nicht  selten;  so  gibt  R.  Hirsch’’)  in  seiner  Zusammenstellung 
3  Proz.  Amaurosen  an.  Diese  hat  bei  der  Eklampsie  immer  eine  ab¬ 
solut  günstige  Prognose;  sie  kommt  stets  wieder  zur  Heilung. 

Die  Eklampsie  hat  im  allgemeinen  eine  Sterblichkeit  von  etwa 
15—  2ü  Proz.  In  hiesiger  Klinik  haben  wir  eine  Mortalität  von  zirka 
ES  Proz.  Die  günstigste  Statistik,  die  bisher  über  Eklampsie  vorliegt, 
wurde  in  der  Leipziger  Frauenklinik  unter  P.  Zweifel  mit  der  ab¬ 
wartenden  Behandlung  erzielt.  In  den  Jahren  1911  12  kamen  ohne 

j  jeden  Abzug  94  Fälle  von  Eklampsie  zur  Behandlung,  von  denen  nur 
5  Kranke,  also  5,3  Proz.,  ad  exitum  kamen,  ln  einer  Reihe  wurden 
damals  74  Eklampsien  nacheinander  geheilt. 


und 


Ab- 

aus 


12,3 


Eigene  Resultate. 

,  In  der  Münchener  Frauenklinik  haben  wir  vom  1.  Januar  1913 
bis  31.  Dezember  1921  auf  29  733  Geburten  190  Eklampsiefälle  be¬ 
obachtet,  also  1  :  156  =  0,64  Proz. 

Von  den  Kranken  waren  145  Erstgebärende  =  76  Proz. 

45  Mehrgebärende  =  24  Proz. 

Die  Mortalität  war  eine  ziemlich  hohe;  sie  betrug  ohne  alle 
Züge  17,39  Proz.;  das  ist  fast  die  gleiche  Zahl  wie  für  153  Fälle 
den  Jahren  1906—1912  (17,64  Proz.). 

Unmittelbar  an  der  Eklampsie  sind  23  Frauen  gestorben  = 

Proz  Mortalität,  während  7  mittelbar  nach  überstandener  Eklampsie 
an  deren  Folgen,  meist  Aspirationspneumonie,  zugrunde  ge¬ 
gangen  sind. 

Sehr  auffallend  ist  die  Tatsache,  dass  die  mütterliche  Sterblich¬ 
keit  am  höchsten  bei  Eklampsien  des  7.  Monats  ist  und  dass  sie  von 
da  ab  bis  zur  Geburt  konstant  abnimmt,  eine  Beobachtung,  die  unbe¬ 
dingt  einer  Nachprüfung  wert  ist.  Selbstverständlich  bessert  sich 
auch  gleichzeitig  die  Prognose  für  das  Kind,  je  mehr  es  sich  dem  Zeit¬ 
punkt  der  Reife  nähert. 

Zu  bemerken  ist,  dass  die  Mortalität  bei  Mehrgebärenden  viel 
höher  (28,9  Proz.)  ist  als  bei  Erstgebärenden  (15,32  Proz.);  die  Zahlen 
sind  fast  genau  wie  die  von  Lichtenstein  (15,65  Proz.  bei  I.  Parae, 
2N.73  Proz.  bei  Multiparae),  und  auch  fast  alle  anderen  Autoren  kommen 
zu  demselben  Resultat.  Demnach  hat  die  bei  Mehrgebärenden  kür¬ 
zere  (ieburtsdauer  jedenfalls  keinen  günstigen  Einfluss  auf  den  Ver¬ 
lauf  der  Eklampsie. 

Die  Mortalität  der  Kinder  berechnet  sich  nach  Abzug  von  einer 
lebensunfähigen  Frühgeburt  auf  39,5  Proz. 

Betrachten  wir  nun  die  Mortalität  der  Mütter  genauer,  so  finden 
wir  bei  Schwangerschaftseklampsien  (64  Fälle)  32  89 
Prozent  Sterblichkeit.  Wenn  man  die  nicht  entbundenen  Fälle  —  13  an 
Zahl  —  weglässt,  von  denen  11  gestorben  sind,  so  ergibt  sich  19,6 
r.rozen  t  Sterblichkeit.  Man  kann  aber  keine  Schlussfolgerungen  aus 
diesen  Resultaten  ziehen,  weil  bei  den  meisten  unentbunden  üestor- 
aeiien  auf  die  Operation  wegen  zu  schlechten  Allgemeinzustandes  ver¬ 
zichtet  wurde,  d.  h.  die  Prognose  war  bei  Eintritt  in  die  Klinik  schon 
Ihoftnungslos. 

Bei  Geburtseklampsien  finden  wir  10,84  Proz.  Mortalität, 
aei  W  o  c  h  e  n  b  e  1 1  s  e  k  1  a  m  p  s  i  e  n  11,62  Proz.  Mortalität. 

Ganz  merkwürdig  ist  die  auffallend  geringe  Mortalität  der  Fälle, 
die  spontan  verlaufen  sind  oder  durch  einfache  Zange  beendigt  wur- 
Jen  wobei  betont  werden  muss,  dass  dies  keineswegs  nur  leichte 
Ta  e  waren.  Im  Durchschnitt  hatten  die  konservativ  behandelten 
i  ,  -8  A'lfälle-  Für  d'e  „spontan  verlaufenen“  Schwangerschafts- 

ek  ampsien  (29  Fälle)  ergibt  sich  10,35  Proz.  Mortalität,  Geburts- 
;i"a£)Psi£n  (33  Fälle)  6,06  Proz.  Mortalität,  Wochenbettseklampsien 
>20  Falle)  5  Proz.  Mortalität. 

Die  gleiche  Beobachtung  hat  auch  Plotkin  (1913)  in  seiner 
Doktorarbeit  aus  hiesiger  Klinik  gemacht.  So  fand  er  bei  28  Eklamp- 
ischen  aus  den  Jahren  1890 — 1906,  die  spontan  niedergekommen  oder 
iurch  Zange  entbunden  worden  waren,  eine  Mortalität  von  10,71  Proz. 
segen  29,16  Proz.  bei  den  durch  vaginalen  Kaiserschnitt  operativ 


5)  R.  Hirsch:  Mschr.  f.  Qeburtsh.  u.  Qyn.  1922. 


Entbundenen,  für  die  Jahre  1900-1912  bei  spontan  Entbundenen 
15  1  roz.  Mortalität,  bei  operativ  Entbundenen  20  Proz.  Mortalität. 

Betrachten  wir  in  der  Statistik  der  letzten  Jahre  die  Art  der 
Operation  genauer,  so  finden  wir  bei  Spontangeburt  (82  Fälle)  7,34 
1  roz.  Mortalität  der  Mütter,  bei  Beckenausgangszange  (25  Fälle) 
8,0  Proz.  Mortalität  der  Mütter,  bei  forcierter  Entbindung  (51  Fälle) 
21,59  Proz.  Mortalität  der  Mütter. 

Bestand  die  Behandlung  bei  Schwang crschaftseklamp- 
sie  in  Aderlass  mit  Verabreichung  von  Narkotika,  mit  oder  ohne 
Zange,  so  betrug  die  Mortalität  9,7  Proz.,  bei  grösseren  Operationen 
mit  oder  ohne  Aderlass  und  Narkotika  35  Proz. 

für  die  Geburtseklampsien  finden  wir  bei  Aderlass  mit 
Narkotika,  spontan  oder  mit  Zange  (56  Fälle),  7  Proz.  Mortalität,  bei 
Operation  mit  oder  ohne  Aderlass  und  Narkotika  (26  Fälle)  15  Proz 
Mortalität. 

Wir  wollen  hier  nicht  auf  die  Einzelheiten  der  Statistik  eingehen, 
wir  verhehlen  uns  auch  nicht,  dass  schliesslich  bei  der  Eklampsie  jeder 
Fall  anders  liegt,  das  eine  geht  aber  aus  den  hier  wiedergegebenen 
Zahlen  einwandfrei  hervor,  dass  die  Mortalität  bei  den  spontan  ent¬ 
bundenen  Eklampsien  unter  Einschluss  der  Beckenausgangszangen 
auffallend  gering  ist  im  Vergleich  zu  den  „operativ“,  also  durch  vagi¬ 
nalen  oder  abdominellen  Kaiserschnitt  entbundenen  Kranken.  Auch 
I  iotkin  hatte  die  weitaus  geringste  Mortalität  bei  den  spontanen 
Entbindungen  gefunden.  Gewiss  sind  die  Zahlen  noch  klein,  aber  bei 
der  Konstanz  der  Resultate  doch  immerhin  gross  genug,  um  nicht  als 
Zufallsergebnisse  gelten  zu  dürfen. 

Jedenfalls  müssen  wir  feststellen,  dass  unter  unserem  Beobach¬ 
tungsmaterial  die  konservative  Geburtsleitung  ein  auffallend  giin- 
stiges  Resultat  gezeitigt  hat.  Es  waren  keineswegs  nur  die  leichteren 
rtillc,  bei  denen  konservativ  behandelt  wurde,  und  die  schweren,  bei 
denen  mehr  operativ  vorgegangen  wurde.  Auch  war  bei  einer  ganzen 
Zahl  der  schweren  Fälle  die  Geburt  schon  zu  Beginn  der  Behandlung 
soweit  fortgeschritten,  dass  man  die  Entbindung  durch  Zange  vollen¬ 
den  konnte,  und  aus  unserer  Statistik  geht  ja  hervor,  dass  auch  die 
einfache  Zangenoperation  ein  sehr  günstiges  Resultat  in  der  Therapie 
der  Eklampsie  ergibt. 

Für  die  Zukunft  werden  wir  jedenfalls  dieses  Resultat  beachten 
und  mehr  konservative  Behandlung  treiben.  Nur  dann,  wenn  die 
Anfälle  nach  Einsetzen  der  narkotischen  Behandlung  mit  Aderlass 
noch  fortdauern,  scheint  der  vaginale  Kaiserschnitt  noch  am  Pla+ze 
zu  sein. 


Aus  der  medizinischen  Poliklinik  der  Universität  Hamburg 
(Direktor;  Prof.  Dr.  Schottmüller.) 

Ueber  ein  neues  Blutkulturverfahren  in  Gelatine. 

Von  Privatdozent  Dr.  K-  Bing  old. 

Bringt  man  frisch  aus  der  Vene  entnommenes  Blut  in  ein  Rea¬ 
genzglas  mit  10—15  proz.  Nährgelatine,  die  bei  20—30  Grad  C  flüssig 
gemacht  wurde,  und  lässt  diese  Mischung  bei  Brutofentemperatur 
(37  Grad)  stehen,  so  setzen  sich  nach  einiger  Zeit  die  Erythrozyten 
zu  Boden,  und  über  dem  Sediment  bleibt  die  Flüssigkeit  mehr  oder 
weniger  durchsichtig.  Der  Vorgang  ist  damit  aber  noch  nicht  ganz 
zu  Ende.  Nach  einigen  Stunden,  frühestens  nach  einer  halben  Stunde 
tritt  eine  Gerinnung  der  Flüssigkeit  ein,  und  es  entsteht  ein  zuerst 
sulziger,  dann  halbstarrer  Zapfen,  der  häufig  in  einen  dünnen  flüssigen 
Gelatinemantel  eingebettet  ist. 

Diese  letztgenannte  Erscheinung  ähnelt  dem  Phänomen,  das  wir 
bei  Ausprobierung  der  10  proz.  Peptonbouillonkultur  an  der  Klinik 
unter  gewissen  Umständen  schon  früher  beobachten  konnten  und 
über  das  Le  Blanc1)  seinerzeit  ausführlich  berichtet  hat.  Während 
die  Gerinnung  in  der  10  proz.  Peptonbouillon  jedoch  häufig  ausbleibt, 
kann  man  sie  in  der  Qelatine-Bl'utkultur  unter  obigen  Voraussetzungen 
so  gut  wie  konstant  erkennen. 

Es  zeigte  sich  nun  fernerhin,  dass  in  dem  halbstarr  gewordenen 
Nährmedium  (Plasmagelatinc)  im  Blute  kreisende  Bakterien  sehr  gut 
zur  Entwicklung  gelangen.  Die  Vorteile,  die  dieses  neue  Blutkultur¬ 
verfahren  darbietet,  sind  kurz  folgende: 

Unter  der  Gerinnung  leidet  die  Durchsichtigkeit  des 
Nährbodens  nur  in  geringem  Grade.  Man  kann  sich  daher  leicht  über 
das  Vorhandensein  von  Einzelkolonien  informieren;  diese  gelangen 
sichtbar  zum  Wachstum,  wie  unten  näher  beschrieben  werden  soll. 

Die  Technik  dieser  Blutkultur  ist  ausserordentlich  einfach  und 
bedarf  wesentlich  geringerer  Vorbereitungen  als  die  Blutagarkultur. 
Zur  Flüssigmachung  der  Gelatine  werden  die  Röhrchen  in  warmes 
Wasser  gestellt,  und  damit  ist  das  Nährmedium  gebrauchsfertig.  Hat 
man  das  Blut  (3 — 4  ccm  pro  Röhrchen)  vorsichtig  einfliessen  lassen 
und  ist  die  Sedimentierung  eingetreten,  so  kann  man  die  Kultur  in 
kaltem  Wasser  oder  auf  Eis  wieder  erstarren  lassen  und  sie  so  un¬ 
schwer  transportieren  bzw.  zur  Bebrütung  und  nachfolgender  Unter¬ 
suchung  einem  Laboratorium  zuschicken.  Dort  wird  der  Inhalt  der 
Röhrchen  in  warmem  Wasser  wieder  verflüssigt.  Besser  ist  es 
natürlich,  wenn  die  Möglichkeit  gegeben  ist,  sie  gleich  in  den  Brut¬ 
ofen  zu  stellen.  Bei  einer  Temperatur  von  37  Grad  C  tritt  dann  der 

J)  Le  Blanc:  M.K1.  1921  Nr.  12  und  Schottmüller.  Leitfaden  für 
die  klinisch-bakteriologischen  Untersuchungen  (Urban  &  Schwarzenberg  1923). 

3* 


980 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  80. 


Gerinnungsprozess  und  das  Bakterienwachstum  ungehindert  e  n,  auch 
wenn  einige  Zeit  lang  der  Gerinungsvorgang  unterbrochen  war. 

Lässt  man  die  Blut-Gelatinemischung  erstarren  bevor -de  Lrj- 
throzvten  sich  zu  Boden  setzten,  so  kann  man  im  Laboratorium  die 
wieder  flüssig  gemachte  und  vorsichtig  aufgeschuttelte  Mischung  cv. 
'mph  mit  Aear  vcrmciizcn  und  zu  Platten  ausgiessen.^  .  . 

Die  Vorzüge  des  Kulturverfahrens  liegen  aber  in  erst®r.L!J11® 
i„  der  ha'Srren  Beschaffenheit  der  Plasmasäule,  deren  Volumen 
verschieden  Kross  sein  kann.  Durch  das  Zubodensinktn  der 
throzyten  vermindert  sich,  wie  es  scheint,  wesentlich  die  Baktc  r 
z  i  d  i  e  des  keimhaltigen  Blutes.  ..  „..„u 

Durch  die  natürliche  Eiwcissbei  men  g  u  n  g  g^dcd^nNaäh 
Bakterien,  die  für  gewöhnlich  grosse  Anforderungen  an  den i  Nähr¬ 
boden  stellen.  Zusatz  von  Serum,  deformiertem  Blut  oder  Aszites 
fliissigkeit  wird  dadurch  hinfällig.  So  ist  es  uns  schon  gelungen,  b 
einer  Endocarditis  gonocpccica  die  Erreger  in  grosser  Zahl  aus  dem 

BIUtZum  Nachweis  von  Anaerobiern  bedarf  es  keinerlei Q^anzusatz 
Massnahmen,  den  Sauerstoff  zu  entziehen  oder  durch  Organzusatz 
eine  Anaerobiose  herbeizuführen.  Das  Erythrozytensediment  rtu 

dafür  völlig  aus.  Will  mau  ein  übriges  tun,  so  kann Sem  man  die 
nachdem  es  erst  zur  Gerinnung  gekommen  ist,  oder  indem  man  o  e 
Gelatine  in  der  Kälte  vorübergehend  hat  erstarren  lassen,  mit  A„c 
überschichten.  Meist  ist  diese  Manipulation  aber  überflüssig. 

Die  Bakterien  wachsen  häufig  unter  Darbietung  ihrer  wichtigsten 
Eignschaft  eil :  Die  Aerobier  z.  B.  in  Form  geschlossener  Kolonien. 
Gelegentlich  täuschen  bei  der  Beurteilung,  ob  Kenne  vorhanden  sind, 
die  Knoten  des  Fibrinnetzes  Kolonien  vor.  Den  Geübten  stören  solche 
„Pseudokolonien“,  die  .sich  im  Dunkelfeld  häufig  als  Fadchen 
mit  Scheinbewegung  erweisen,  nur  wenig. 

Blutfarbstoffresorption  ist  bei  manchen  Keimen  deut 
lieh  in  Gestalt  einer  hämolytischen  Kapsel  vorhanden  Gut  gedu  u 
auch  Pneumokokken,  der  Streptococcus  mucosus  und  viridans  und 
andere  Erreger,  ohne  allerdings  sichere  Unterscheidungszeichen  da  ¬ 
zubieten.  Manche  Bakterien  verflüssigen  die  Gelatine,  wen 
man  die  Kultur  nachträglich  bei  Zimmertemperatur  weiter  stehen 
lässt.  Es  findet  also  oft  eine  sekundäre  Anreicherung  im 
Gelatinemantel  statt.  Eigenartigerweise  Hessen  häufig  die  lyplns- 
bazillen  das  Entstehen  geschlossener  Kolonien  vermissen.  Ein  Aus¬ 
strich  aus  der  Kultur  bewies  aber,  dass  diese  Keime  zahlreich  in  dei 
Blutgelatine  vorhanden  waren.  Dieses  gelegentliche  Ausbleiben  sicht¬ 
barer  Kolonienbilder  lässt  es  ratsam. erscheinen,  andere  Blutkultur¬ 
methoden  dort,  wo  die  Möglichkeit  besteht,  nebenher  zu  benutzen 

ln  typischer  Weise  geht  das  Wachstum  der  pathogenen  Ana¬ 
erobier  vor  sich.  Man  findet  z.  B.  den  Streptococcus  putnficus 
(Schott  m  ü  1 1  e  r)  zuerst  in  Form  einer  geschlossenen  Kolonie, 
nach  einiger  Zeit  tritt  Gasbildungau  f,  w  o  d  urc  h  der  g  a  n  z  e 
Zapfen  zusammengepresst  und  in  die  Hohe  ge¬ 
trieben  wird.  Entsprechend  der  Erregereigenart  kommt  hie  und 
da  auch  Gestankentwicklung  zustande.  E.  Fraenkel- 
sche  Gasbazillenkolonien  bleiben  geruchlos  und  uberwuchern  leicht, 
ähnlich  wie  in  der  Kitt  sehen  Bouillon,  andere  Keime. 

Ein  weiterer  Vorteil  besteht  darin,  dass  man  die  Kolonien 
jedem  Stadium  der  Entwicklung  festhalten  und  konser¬ 
vier  e  n  kann.  Man  braucht  die  Röhrchen  nur  zu  einem  bestimmten 
Zeitpunkt  auf  Eis  zu  stellen.  In  jeder  Form  kann  man  dann  die  Kul¬ 
turen  monatelang,  aufheben.  .  ,  ,  .  . .  ,,  „  _ 

Ueberraschend  einfach  gestaltet  sich  die  weitere  Ver- 
arbeitung-  Man  lässt  den  Gelatine-Plasmazylmder  auf  eine  Petri¬ 
schale  herausgleiten  und  fixiert  ihn,  indem  man  eine  oder 
zwei  Agarröhrchen  darüber  ausgiesst.  Aus  der  erstarrten,  durch¬ 
sichtigen  Kulturmasse  kann  man  die  einzelnen  Kolonien  bequem  her¬ 
ausstechen  und  weiter  untersuchen. 


Aus  der  chirurgischen  Universitätsklinik  zu  Marburg  a.  L 
(Direktor:  Prof.  Dr.  A.  Läwen.) 

Der  Einfluss  der  Röntgenstrahlen  auf  den  Knochen. 

Von  Priv.-Doz.  Dr.  Walther  Müller,  Assistent  der  Klinik. 


I.  Röntgenstrahlen  und  Knochenwachstum. 

Sehr  bald  nach  Entdeckung  der  Röntgenstrahlen  wurden  die  bio¬ 
logischen  Wirkungen  derselben  auf  die  Zellen  bekannt,  man  lernte  die 
verschiedene  Sensibilität  der  einzelnen  Zellarten  kennen  und 
fand,  dass  speziell  die  Zellen,  welche  ein  sehr  rasches  Wachstum 
aufweisen,  die  sich  in  steter  Teilung  befinden  (Zellen  der  Keimzentrcn 
in  den  Follikeln,  Keimzellen,  Epithelzellen  usw.)  eine  besondere  Strah¬ 
lenempfindlichkeit  besitzen,  während  andere  kaum  mehr  in  Ieilung 
begriffene  Zellen  (Bindegewebe)  sich  fast  gänzlich  indifferent  er- 
wiesen.  Daraus  geht  schon  hervor,  dass  an  dem  fertigen  Knochen¬ 
gewebe  kaum  erhebliche  Einwirkungen  der  Röntgen-  oder  Radium¬ 
strahlen  zu  erwarten  waren  und  es  hat  sich  auch  in  der  lat  gezeigt, 
dass  an  dem  einmal  gebildeten  fertigen  Knochen¬ 
gewebe  so  gut  wie  keine  Veränderungen  auch  nach 
intensiven  Bestrahlungen  sich  einstellen.  Dagegen  war 
anzunehmen,  dass  die  in  rapider  Teilung  begriffenen  Zellen  der  Epi- 
physenfugen  eine  sehr  erhebliche  Sensibilität  zeigen  wurden. 
Zahlreiche  Versuche  haben  auch  ergeben,  dass  die  knorpeligen 


Wachstumszonen  gegenüber  Röntgenstrahlen- 
«ir  i  r  k  ii  u  y  c  n  recht  e  m  pfindl  ich  sind.  m 

Welcher  Art  dabei  die  Prozesse  sind,  welche  sich  unter  dem  Ein¬ 
fluss  der  Röntgen-  oder  Radiumstrahlen  in  den  Zellen  abspielen,  dar¬ 
über  sind  wt  heute  noch  fast  gänzlich  im 

darüber  auf  gestellter  Theorien.  Es  sind  die  V  <;r  m  Teden- 

sjcr,  dabei  an  den  Wachstumszonen  abspielen,  im  wesentlichen  jeauj 
faüs  an  die  in  dauernder  Teilung  begriffenen  Zellen  geknup  ,  und 
zwar  wird?  wie  e?  scheint,  die  Teilungsfähigkeit  dieser  Zellen  in 
erster  Linie  beeinflusst.  . 

Die  Wirkung  der  Röntgen-  und  fedlumstrahlen  ist  bekamiD 

^'vS^eÄS^r^rr^d^eÄÄeÄwjrL; 

£  S  ÄS  SÄÄE  ÄÄft 

dagegen  wirken  hemmend,  die  Teilungsfalugkeit  der  Zellen  ist  herab 
sreset/t  es  resultiert  verlangsamtes  Wachstum,  schliesslich  sogar 
und  Tod  der  Zellen.  So  müsse»  wir  auch  an 
den  Wachstumszonen  der  Knochen  w  achs  tu  m  s  io  r  d  e  r  1  d  ® 
und  wachstumshemmende  Wirkungen  der  .  trah  ei*j 

unterscheiden.  ,  __  ,  ,  • 

Ueber  die  wachstumshemmenden  Wirkungen  der  Rontgenstrah  en 
am  wachsenden  Skelett  sind  eine  ganze  Reihe  von  experimentellen 

Erfahrungen  vorhanden.  V;.  . 

Pnrthes  machte  die  folgende  interessante  Beobachtung:  3  Ku-Ken 
Alter  von  1  Tag  wurden  bis  auf  einen  Flügel  vollkommen  mit  Blei  a  - 
gedeckt  und  dann  in  10  cm  Abstand  45  Minuten  ohne  Filter  bestrahlL  es  wur 
also  eine  mächtige  Strahlendosis  verabreicht.  Bereits  nach  12  Tagen  war 
eine  erhebliche  Verkleinerung  des  bestrahlten  Flüge LäAz endiffe? 
wohl  Federlänge  wie  auch  die  Länge  der  K"oGien  bctra  ,  die  Langend 
renz  am  Humerus  betrug  1  mm.  am  Radius  3  mm,  amin^kjSclen3 
Ganz,  ähnliche  Resultate  ergaben  auch  Versuche  ^  ‘Udere 

Rdcamier  bestrahlte  bei  Hasen  isoliert  die  langen  Kohrk.nKin.iun 
und  konnte  hei  ausgewachsenen  Tieren  keine  veränderungen  erzielen  dag,.gej 
f  ind  er  hei  jungen  Tieren  die  kontinuierliche  Entwicklung  des  Fernstes  g. 
hemmt  Bei  jungen  Katzen  trat  hei  einseitiger  Bestrahlung  emer  Kopfha  fte 
eine  Wachstu.nshemmung  an  den  Schädelknochen  auf,  diese» ben  war r*n  M«. 
ner  und  auffallend  atrophisch.  Bei  jungen  Hühnern  erwies  sich  das  bes“a“Ee 
linke  Bein  gegenüber  dem  unbestrahlten  als  schmächtiger,  kurzer  and  schwa¬ 
cher  die  unteren  Abschnitte  der  Extremität  wiesen  eine  zunehmende  Krum. 
nuuig  auf  und  waren  stark  atrophisch.  Die  Knorpelveranderungen  wurT.tr 
an  jungen  Katzen  studiert.  Der  Epiphysenknorpel  erwies  sich  als  verbreiteit. 

1  sei  in  und  Dicterle  stellten  an  den  Wachstumszonen  folgende 
Strahlenwirkungen  fest:  üertliche  Röntgenbestrahlung  erzeugt  beim  Hund 
am  Orte  der  Bestrahlung  eine  um  so  grössere  Wachstumshemmung  und  Ver¬ 
kürzung  des  bestrahlten  Gliedes,  je  stärker  die  Dosis  und  je  jünger  das  Tier 
ist  „Mikroskopische  Untersuchungen  ergaben  charakteristische  Veran 
riingen  nicht  nur  der  Epiphysenlinie,  der  Knorpelwucherungszone  nid  Lr- 
schhessun.gszone,  sondern  auch  typische  Veränderungen  des  Epiphysen-  und 

aUChFdöSr^teSlfnTÄhlte  einem  8  Tage  alten  Hund  unter  Abdeckung 
des  übrigen  Körpers  durch  Bleigummi  die  linke  hintere  Extremität  bis  z« 
Glutäalgegend  10—20  Minuten  *hne  Filter  bei  20  cm  Fokusdistanz.  Schon 
nach  14  Tagen  war  der  Fuss  (Calcaneus  bis  Zehenspitze)  um  1  cm  hinter  der 
Lä„ge  des  Ken  Fusses  zurückgeblieben.  Bei  der  Tötung  nach  Mona¬ 
ten  betrug  die  Längendifferenz  am  Röntgenbild  ermittelt  am  Femur  10  mm. 
q (j„r  Tibia  38  mm,  am  Fuss  25  mm,  also  ganz  erhebliche  unter 
schiede!  Das  Röntgenbild  zeigte  auch,  dass  die  bestrahlte  Beckenhalftc 
viel  schwächer  war.  Die  Versuche  wurden  an  Kaninchen  fortgesetzt  un 
auch  hier  regelmässig  bei  genügend  langer  Strahlen^rkung  l0  20  Minuten) 
erhebliche  Wachstumsstörungen  festgestellt.  Je  älter  die  Tiere  bei  der  ne 
Strahlung  waren,  desto  geringr  waren  die  Wachstumsunterschiede.  U 
suchungen  bei  jungen  Ziegen  ergaben  ähnliche  Wachstumshemmungen,  ins¬ 
besondere  waren  bei  Bestrahlung  einer  Kopfhälfte  am  Oberkiefer  ganz  erheb¬ 
liche  Wachstumsstörungen  vorhanden.  Aehnliche  Beobachtungen  stammen  v 

K  '  USkeegnablCerhgat  auf  Grund  von  34  Röntgen-  und  7  Radiumbestrahlungen  tu 
8—14  Tagen  alten  Ratten  folgende  Ergebnisse  über  Bestrahlun^swirkungeii 
auf  das  Skelett  veröffentlicht:  Mit  geringen  Dosen  erzielte  er  Wachsums¬ 
hemmung,  mit  höheren  Dosen  vollständigen  Wachstumsstillstand.  Der  Unte 
schied  im  Wachstum  des  bestrahlten  Oliedes  gegenüber  dem  unbestraften  wm 
erheblich.  Die  Entwickelungsstörungen  waren  bleibende,  neben  Verkür¬ 
zungen  auch  Deformationen.  Histologisch  fand  sich:  Degeneration  der  Zt  lei 
der  Epiphysenfuge  und  Aenderungen  der  Struktur,  der  Epiphysenknoipt 
zeigte  in  der  Entwicklungsperiode  besondere  Radiosensibintat, 

All  der  Tatsache  einer  Wachstumshemmung  des  Knochens  untei 
der  Wirkung  der  Röntgenstrahlen  kann  demnach  kein  Zweifel  be¬ 
stehen,  die  liier  etwas  ausführlicher  angeführten  Versuche  sprechci 
eine  eindringliche  Sprache!  Es  ist  dies  zu  betonen,  weil  z.  B.  Wal- 
t  e  r  bei  jungen  Hunden,  Lämmern,  Kaninchen  und  Meerschwcinchci 
nach  Röntgenbestrahlungen  keine  nennenswerten  Knochenverande 
rungen  feststellen  konnte.  Seine  Versuchsergebnisse  sind  etwa: 
überraschend  im  Vergleich  mit  den  oben  angeführten  und  vielleich 
dadurch  erklärlich,  dass  einmal  die  angewandten  Dosen,  für  derei 
Grösse  sich  kaum  richtige  Vergleiche  anstellen  lassen,  zu  klein  ge 
wählt  waren,  und  weiterhin  spielt  offenbar  das  Alter  der  1  lere  ein' 
recht  erhebliche  Rolle.  I  s  e  1  i  n  konnte  an  bereits  9  Wochen  altei 
Tieren  auch  durch  längere  Bestrahlung  keine  Verkürzung  der  Kno 
eben  mehr  erzielen.  V.  Hoff  mann  gibt  als  Dosis  für  die  Wachs 
tumshemmung  auch  bei  schon  älteren  noch  wachsenden  Heren  etw 
40  Proz.  der  Hauteinheitsdosis  an,  eine  Zahl,  die  mir  reichlich  gerin 
namentlich  auch  für  ältere  Tiere  erscheint.  Mikroskopisch  fan 
Hoff  mann  die  Knorpelwucherungszone  etwas  breiter,  die  Knorpel 
zellen  standen  weit  auseinander  und  der  Verkalkungsprozess  war  zv 
rückgeblieben.  Bei  nervengelähmten  Extremitäten  und  überhaut 


27.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


981 


unter  Bedingungen,  welche  das  Skelettwachstum  an  und  für  sich 
langsamer  gestalten,  soll  die  Strahlenempfindlichkeit  geringer  sein. 

Es  sind  auf  Grund  der  angeführten  experimentellen  Ergebnisse 
Befürchtungen  laut  geworden  (F  ö  r  s  t  e  r  1  i  n  g),  ob  nicht  bei  Rönt¬ 
genaufnahmen  oder  bei  Bestrahlungen  kindlicher  Gelenke  dann 
Wachstumshemmungen  zu  befürchten  sind;  wenn  man  die  oben  an¬ 
geführte  H  o  f  f  m  a  n  n  sehe  Zahl  von  40  Rroz.  HED.  als  hemmende 
Dosis  annähme,  wären  solche  Befürchtungen  in  der  Tat  sehr  nahe¬ 
liegend.  In  der  Praxis  haben  sich  aber  derartige  Befürchtungen 
als  nichtig  oder  zum  mindesten  übertrieben  erwiesen.  Es  ist  von  der¬ 
artigen  Wachstumshemmungen  nie  etwas  bekannt  geworden.  Offen¬ 
bar  sind  die  dazu  notwendigen  Strahlendoscn  eben  doch  erheblich 
höher,  und  vor  allem  ist  in  dem  Alter,  in  dem  die  Kinder  gewöhnlich 
Strahlenwirkungen  ausgesetzt  werden,  die  Radiosensibilität  der 
Wachstumszonen  schon  ganz  erheblich  gemindert. 

Im  Gegensatz  zu  den  allgemein  anerkannten  wachstumshemmen¬ 
den  Wirkungen  der  Röntgenstrahlen  sind  die  wachstumsför¬ 
dernden  Wirkungen  noch  keineswegs  so  sichere  und  allgemein 
anerkannte.  Für  Pflanzenkeimlinge  sind  diese  Verhältnisse  auch 
schon  in  zahlreichen  Versuchen  noch  am  meisten  studiert  und 
sichergestellt.  Gottwald  Schwarz,  Czepa  und  Schindler 
haben  aber  auf  Grund  von  an  vielen  tausenden  Exemplaren 
verschiedenster  Pflanzenarten  angestellten  Versuchen  eine  Wachs¬ 
tumsreizung  auch  hier  nicht  finden  können  und  weisen 
|  darauf  hin,  dass  die  in  der  Literatur  zirkulierenden  Angaben  über  das 
Bestehen  einer  solchen  Reizwirkung  (Angaben,  die  schon  zu  weit¬ 
gehenden  praktischen  Folgerungen  in  der  Therapie  verwertet  wur- 
[  den)  als  nicht  genügend  fundiert  zu  bezeichnen  sind.  Wachstums¬ 
hemmung  durch  energische  Röntgen-  und  Radiumbestrahlung  bei 
Pflanzen  oder  Samen  ist  dagegen  vollkommen  erwiesen.  Auch 
Kienböck  leugnet  wachstumsfördernde  Strahlenwirkungen.  Bei 
tierischen  Zellen,  insbesondere  bei  solchen  höherer  Tierarten,  liegen 
|  die  Verhältnisse  noch  viel  ungünstiger.  Hier  ist  es  ungeheuer  schwie¬ 
rig,  wenn  nicht  unmöglich,  gerade  die  richtige  Dosis  herauszufinden, 

I  denn  die  Dosenbreite,  innerhalb  derer  gerade  eine  wachstumsför- 
dernde  Wirkung  zustandekommt,  ist  sehr  schmal  und  die  Wachs- 
|  tumsvermehrung  ist  in  der  Regel  wohl  sehr  gering  und  oft  noch 
innerhalb  der  individuellen  Schwankungen  gelegen,  so  dass  sie 
schwer  nachweisbar  wird.  Dies  ist  wohl  der  Grund,  dass  von  den 
wachstumsfördernden  Strahlenwirkungen  wenigstens  bei  Organen 
höherer  Tiere  nur  wenig  die  Rede  ist. 

1  s  e  1  i  n  und  D  i  e  t  e  r  1  e  konnten  an  Hunden,  Ratten  und  Mäu¬ 
sen  beobachten,  dass  bei  örtlicher  Strahleneinwirkung  an  der  Stelle 
der  Belichtung  zwar  die  wachstumshemmende  Wirkung  eintrat,  dass 
:  aber  daneben  im  wachsenden  Körper  eine  ganz  ausgesprochene  Fern- 
:  Wirkung  im  Sinne  einer  Beschleunigung  des  gesamten  Wachstums 
eintrat..  „Die  Belichtung  von  Gelenken  kann  bei  Mäusen,  Ratten 
und  Hunden  ein  rascheres  Körperwachstum  zur  Folge  haben,  selbst 
dann,  wenn  am  Orte  der  Bestrahlung  beträchtliche  Verkürzung  auf- 
|  tritt.“  Neuerdings  glaubt  V.  Hoffman  n  an  den  Wachstumszonen 
junger  Kaninchen  und  Katzen  wachstumsfördernde  Wirkungen  bei 
Strahlendosen  zwischen  10  und  20  Proz.  der  HED.  gesehen  zu  haben. 

■  Vorübergehend  war  eine  Längendifferenz  zugunsten  der  bestrahlten 
j  Seite  vorhanden,  es  waren  jedoch  so  geringe  Ausmasse,  dass  sic 
noch  innerhalb  der  normalerweise  vorkommenden  Abweichungen 
liegen.  Weiter  wird  auf  das  histologische  Bild  hingewiesen,  wo  eine 
Verbreiterung  der  Knorpelwachstumszone  vorhanden  war  (die  ja 
gerade  auch  bei  Strahlenschädigung  beschrieben  wird!)  und  die  Säu¬ 
len  der  Knorpelzellen  dichter  standen  als  auf  der  unbestraften 
Seite. 

Die  angeführten  Befunde  sind  jedenfalls  noch  nicht  überzeugend 
genug,  um  als  Beweis  für  eine  wirkliche  wachstumsfördernde 
Strahlenwirkung  zu  gelten. 

EsgiltauchheutewohlnochimmerderSatz,  dass 
wachstumsfördernde  Strahlenwirkungen  an  nor¬ 
malen  Gewebes  und  insbesondere  am  wachsenden 
Knochen,  wenn  auch  theoretisch  möglich,  so 
doch  praktisch  bisher  noch  nicht  als  sicher  er¬ 
wiesen  gelten  können. 

II.  Röntgenstrahlen  und  Knochenregeneration. 

Die  Röntgenstrahlen  äussern  ihre  hemmende  bzw.  fördernde  Wir¬ 
kung,  wie  oben  schon  auseinandergesetzt  wurde,  in  erster  Linie  auf 
die  in  starker  Teilung,  also  in  raschem  Wachstum  befindlichen 
jugendlichen  Zellen.  Solche  sind  nun  bei  der  Frakturheilung  in  dem 
jungen,  sich  regenerierenden  Gewebe  zweifellos  vorhanden  und  es 
liegt  infolgedessen  der  Gedanke  nahe,  dass  man  bei  den  genannten 
Prozessen  und  Röntgenstrahlen  eine  sichtbare  Wirkung  im  Sinne 
einer  Verlangsamung  oder  Beschleunigung  der  Kallusbildung  erzielen 
könnte.  Der  Angriffspunkt  derartig  wirkender  Faktoren  wären  die 
Zellen  selbst,  die  zu  erhöhter  oder  geringerer  Tätigkeit  angeregt 
werden. 

Es  sind  nach  dieser  Richtung  hin  eine  ganze  Anzahl  experimen¬ 
teller  Untersuchungen  angestellt  worden. 

S  a  1  v  e  1 1  i  setzte  Frakturen  am  Radius  und  bestrahlte  24  Stunden  spä¬ 
ter  unter  sorgfältiger  Abdeckung  des  übrigen  Körpers.  Es  wurde  täglich  1  mal 
10  Minuten  iang  bestrahlt.  Genaue  Angaben  über  die  Strahlendosis  werden 
nicht  gegeben,  soweit  sich  dies  beurteilen  lässt,  scheinen  immerhin  grössere 
Dosen  auf  die  Bruchstellen  eingewirkt  zu  haben.  Ganz  analoge  Frakturen 


bei  nichtbestrahlten  Tieren  dienten  jedesmal  als  Kontrolle.  Nach  5 — 30  Tagen 
wurde  histologisch  untersucht.  S  a  1  v  e  1 1  i  stellte  einen  schädigenden  Ein¬ 
fluss  der  Bestrahlung  auf  die  Knochennarbe  fest.  In  den  ersten  Stadien  schien 
der  Bildungsprozess  des  Knochenkallus  gestört  zu  sein,  es  erfolgte  eine 
grössere  Produktion  an  Knorpelzellen.  die  auch  länger  erhalten  blieben.  Es 
war  eine  erschwerte  Umwandlung  in  osteoblastisches  Gewebe  und  grössere 
Schmächtigkeit  der  Knochenbälkchen  festzustellen.  Weiterhin  beobachtete  er 
in  späteren  Stadien  eine  reichlichere  Ablagerung  von  Kalksalzen,  dadurch 
entstand  wohl  eine  grössere  Härte  des  Kallus,  die  aber  durch  die  Schmächtig¬ 
keit  der  Knochenbälkchen  kompensiert  erschien. 

Von  C  1  u  z  e  t  und  D  u  b  r  e  n  i  1  wurden  bei  8  Hunden  die  Untcrschcnkel- 
knochen  frakturiert  und  dann  eingegipst.  Bestrahlung  30  Minuten  bis  1  Stunde 
aus  15  cm  Entfernung.  Die  Bestrahlung  vor  oder  nach  der  Fraktur  ver¬ 
zögerte  die  Kallusbildung  erheblich  und  ebenso  den  Zeitpunkt  der  Kon¬ 
solidation.  Schon  äusserlich  war  keinerlei  Anschwellung  des  geheilten  Glie¬ 
des  durch  eine  Kallusbildung  festzustellen. 

A  1  b  e  e  konnte  auf  Grund  experimenteller  Untersuchungen  keinerlei  hem¬ 
mende  oder  fördernde  Wirkungen  auf  den  Knochenkallus  erzielen. 

Verfasser  hat  an  einer  Anzahl  von  Kaninchen  diese  Frage  in  der 
Weise  zu  prüfen  versucht,  dass  er  beiderseits  bei  den  Tieren  ein 
gleich  grosses  Stück  aus  dem  Schafte  des  Radius  resezierte 
und  dann  mit  kleinen  Röntgendosen  die  eine  Seite  be¬ 
strahlte,  die  andere  Seite  diente  als  Kontrolle.  Auf  fortlaufenden 
Röntgenbildern  wurde  dann  die  Regeneration  der  Knochenlücke  ver¬ 
folgt.  Es  zeigte  sich  dabei,  dass  irgendwelche  wesentlichen  Unter¬ 
schiede  zwischen  bestrahlter  und  unbestrahlter  Seite  nicht  vorhanden 
waren.  Die  Bilder  schienen  auch  bei  den  kleinen  Dosen  eher  für 
eine  Hemmung  als  für  eine  Förderung  der  Knochenregeneration  zu 
sprechen. 

Von  der  Erwägung  ausgehend,  dass  kleine  Röntgendosen  die 
Zelltätigkeit  fördern,  hat  man  versucht,  auf  diese  Weise  die  Fraktur¬ 
konsolidation  zu  fördern.  Es  sind  dafür  z.  B.  M.  Fränkel, 
Esser  u.  a.  eingetreten  und  sie  glaubten,  damit  auch  praktische 
Resultate  erzielt  zu  haben.  Ebenso  bestrahlte  Köhler  Frakturen 
mit  kleinen  Dosen,  in  der  Absicht,  eine  Reizdosis  auf  den  Fraktur¬ 
kallus  zu  verabfolgen.  Bei1  Tieren  sah  er  im  Gegensatz  zu  den  oben 
genannten  Autoren  bei  grösseren  Strahlenmengen  (50  X)  mit  sehr 
harten  Röhren  keine  Verlangsamung  der  Frakturheilung,  wie  er 
glaubt,  infolge  der  nur  geringen  Strahlenabsorption  im  Knochen. 
Dagegen  glaubt  er  durch  kleine  Röntgendosen  bei  Kranken  eine  Ver¬ 
kürzung  der  Heilungsdauer  feststellen  zu  können,  gemessen  an  der 
durchschnittlichen  Heilungsdauer  der  einzelnen  Frakturen  der  ver¬ 
schiedenen  Knochen.  Er  untersuchte  auch  einige  bestrahlte  Fraktur¬ 
narben  14  Tage  nach  der  Bestrahlung  und  betont  in  seinen  Befunden 
„die  überaus  reichliche  Bildung  von  jungen  Gefässen  und  die  geradezu 
ideale  Umgrenzung  der  Knochenbälkchen  mit  Osteoblasten“.  Auch 
T  a  m  m  ann  glaubt  auf  Grund  seiner  Tierexperimente  an  eine  Be¬ 
schleunigung  der  Kallusbildung  durch  Röntgenstrahlen. 

Wie  schon  in  dem  früheren  Kapitel  betont  wurde,  muss  man  mit 
den  wachstumsfördernden  Strahlenwirkungen  vorläufig  recht  vor¬ 
sichtig  sein.  Kaum  bei  den  Pflanzen  und  noch  viel  weniger 
bei  höheren  Tieren  ist  doch  bisher  einwandfrei  gelungen,  wirkliche 
wachstumsfördernde  Wirkungen  nachzuweisen,  wenn  wir  von  dem 
sogen.  Wildwerden  bestrahlter  Karzinome  und  dem  Auftreten  von 
Krebsinfiltrationen  in  der  Nachbarschaft  von  Bestrahlungsherden 
absehen,  die  freilicli  auch  zum  Teil  durch  Wachstumsschädigungen 
des  Bindegewebes  erklärt  werden  müssen. 

Es  hat  übrigens  die  Methode  der  Bestrahlung  von  Frakturen 
zum  Zwecke  einer  Beschleunigung  der  Konsolidation  keinerlei  prak¬ 
tische  Bedeutung  erlangt  und  wird  wohl  höchst  selten  angewendet, 
ein  Zeichen  dafür,  dass  nennenswerte  Resultate  nicht  erzielt  worden 
sind. 

Die  wachstumshemmende  Wirkung  von  Röntgenstrahlen  in 
grösserer  Dosis  auf  den  Frakturkallus  darf  wohl  als  einwandfrei 
gesichert  gelten. 


Aus  der  chirurgischen  Universitätsklinik  Göttingen. 
(Direktor:  Prof.  Stich.) 

Spastischer  Ileus. 

Von  Prof.  Dr.  W.  Koennecke,  Oberarzt  der  Klinik. 

Obwohl  der  spastische  Ileus  als  selbständiges  Krankheitsbild  seit 
mehr  als  25  Jahren  bekannt  ist,  finden  sich  in  der  Literatur  nur  etwas 
über  50  Fälle  mitgeteilt,  die  nicht  einmal  sämtlich  diagnostisch  ganz 
einwandfrei  sind.  Die  Ursache  dürfte  nicht  allein  in  der  Seltenheit  der 
Erkrankung  zu  suchen  sein,  sondern  wohl  auch  in  dem  Umstand,  dass 
diesem  Krankheitsbilde  bisher  eine  scharfe  Umgrenzung  und  exakte 
Definition  fehlt.  Erkrankungen,  deren  organische  Ursache  wir  nicht 
oder  nur  zum  Teil  kennen,  bringen  leicht  zwei  Gefahren  mit  sich,  die 
sie  in  Misskredit  bringen:  Sie  werden  mit  Hysterie  und  Nervosität 
verquickt,  und  sie  geben  bisweilen  eine  willkommene  Erklärung  ab, 
um  bei  negativem  Operationsbefund  ein  Ignoramus  oder  eine  falsche 
Indikationsstellung  zu  verdecken.  Der  Diagnose  spastischer  Ileus 
wird  daher  auch  heute  noch  ein  gewisses  Misstrauen  von  kritischen 
Chiruigen  entgegengebracht.  So  berechtigt  eine  solche  Skepsis  in 
der  heutigen  Medizin  ist,  so  kann  andererseits  auch  dadurch  einmal  die 
Erforschung  wichtiger  Störungen  gehemmt  werden.  Ich  möchte  ver¬ 
suchen,  in  folgendem  an  Hand  der  Erfahrungen  der  Göttinger  Klinik 
ein  möglichst  eindeutiges  Bild  des  spastischen  Ileus  zu  entwerfen. 


982 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


An  der  Göttinger  chirurgischen  Klinik  kamen  8  Fälle  von  spasti¬ 
schem  Ileus  zur  Beobachtung1);  davon  stammt  einer  aus  dem  Jahre 
19(10,  die  übrigen  7  aus  dem  letzten  Dezennium.  In  früheren  Jahren 
mag  zuweilen  die  Diagnose  nicht  gestellt  sein,  so  dass  auch  hin¬ 
reichend  zuverlässige  Aufzeichnungen  nicht  gemacht  wurden  Nur 
sichere  und  operativ  bestätigte  Fälle  wurden  berücksichtigt.  Es  ist 
nicht  unwahrscheinlich,  dass  zuweilen  der  Spasmus,  der  die  Ileus- 
erscheinungen  hervorgerufen  hatte,  nach  Eröffnung  des  Bauches  und 
während  der  Revision  der  Darmschlingen  zurückgeht,  ehe  er  zu 
Gesicht  kommt.  In  einem  unserer  Fälle  löste  sieh  der  Spasmus  unter 
unseren  Händen.  Es  scheint  uns  jedoch  vorläufig  richtiger,  bei 
zweifelhaften  Fällen  mit  der  Diagnose  zurückhaltend  zu  sein.  Be¬ 
sonders  scharf  ist  die  Grenze  zu  ziehen  gegenüber  dem  hysteri¬ 
schen  Ileus.  Gewiss  können  auf  hysterischer  Basis  Ileuserschei- 
nungen  entstehen  (Trommelbauch,  geblähte  Darmschlingen,  Er¬ 
brechen,  Verhalten  von  Stuhl  und  Winden),  aber  es  fehlen  ihm  im 
Gegensatz  zum  spastischen  Ileus  echte  Stenosensymptome,  und  vor 
allem  fehlt  ihm  der  objektive  Befund  am  Darm  nach  Eröffnung  des 

Bauches.  ,  ~ 

In  unseren  Fällen  überwog  auffallend  das  weibliche  Ge¬ 
sell  I  e  c  h  t,  da  6  Frauen  nur  2  Männer  gegenüberstanden.  Ebenso 
ist  es  bemerkenswert,  dass  die  meisten  unserer  Kranken  in  vorge¬ 
rücktem  Lebensalter  standen:  6  hatten  das  50.  Lebensjahr  über¬ 
schritten.  Es  ist  möglich,  dass  es  sich  hier  nur  um  einen  Zufall  infolge 
zu  kleiner  Zahlen  handelt,  denn  aus  Sammelstatistiken  ist  eine  der¬ 
artige  Gesetzmässigkeit  nicht  herauszulesen.  _  ... 

Die  Anamnese  des  Ileus  spasticus  ist  die  eines  mechanischen 
Darmverschlusses  und  zwar  mehr  im  Sinne  eines  Obturationsileus 
als  eines  Strangulationsileus.  Zuweilen,  aber  keineswegs  immer,  sind 
schon  fiiiher  ähnliche  Beschwerden  vorhanden  gewesen  und  spontan 
zurückgegangen,  häufiger  hatten  chronische  Stuhlbeschwerden  oder 
umschriebene  Bauchschmerzen  bestanden,  doch  ist  es  auch  durch¬ 
aus  möglich,  dass  gleich  die  ersten  subjektiv  zum  Bewusstsein 
kommenden  Erscheinungen  sich  zum  Ileus  entwickelten.  Der  Be¬ 
ginn  ist  akut  oder  subakut.  Erbrechen,  Verhaltung  von  Stuhl  und 
Winden  wird  meist  angegeben,  Schmerzen  von  kolikartigem  Cha¬ 
rakter  können  sehr  heftig  sein,  sind  aber  ebenso  oft  nur  gering.  Ganz 
plötzlich  waren  bei  unseren  Kranken  zweimal  die  Ileuserscheinungen 
aufgetreten,  während  bei  der  Mehrzahl  die  Entwicklung  der  Stö¬ 
rungen  mehr  subakut  war.  6  Kranke  hatten  erbrechen  müssen,  bei 
zweien  bestand  nur  Aufstossen.  In  5  Fällen  war  eine  völlige  Verhal¬ 
tung  von  Stuhl  und  Winden  vorhanden,  während  von  dreien  die  Be¬ 
schwerden  eines  inkompletten  Ileus  angegeben  wurden. 

So  wenig  die  Anamnese  Schlüsse  auf  die  spastische  Natur  des 
Ileus  zulässt,  so  wenig  ist  der  objektive  klinische  Befund 
dazu  imstande.  Wir  finden  Stenosenperistaltik,  metallische  Ge¬ 
räusche,  Darmsteifungen,  Meteorismus,  Kantenstellung  der  Leber, 
seltener  ein  eingezogenes  und  gespanntes  Abdomen.  Eins  der  siener- 
sten  Stenosensymptome,  die  Darmsteifungen,  konnten  wir  in 
6  Fällen  feststellcn.  In  4  Fällen  fand  sich  ein  ausgesprochener  M  e  - 
teorismus,  in  3  Fällen  war  eine  sonderliche  Auftreibung  des 
Leibes  nicht  nachzuweisen,  einmal  war  das  Abdomen  sogar  einge¬ 
zogen  und  gespannt.  Die  Beteiligung  des  Allgemeinzu  s  t  a  n  d  es 
war  sehr  ungleichtnässigi  in  einigen  Fällen  schwerkranker  Eindruck, 
in  anderen  nur  lokale  Symptome.  Der  Puls  war  meist  beschleunigt 
und  bewegte  sich  5  mal  zwischen  90  und  120  Schlägen,  3  mal  um 
70  herum.  Die  Temperatur  war  fast  immer  normal.  Gewiss  sind  im 
ganzen  die  Erscheinungen  weniger  stürmisch  und  schwer  als  beim 
mechanischen  Ileus,  wird  der  Allgemeinzustand  meist  weniger  in 
Mitleidenschaft  gezogen,  aber  es  kommen  alle  Uebergänge  vor,  und 
im  Einzelfall  ist  es  jedenfalls  unmöglich,  mit  auch  nur  annähernder 
Sicherheit  einen  mechanischen  Darmverschluss  auszuschliessen. 

Daraus  ergibt  sich  die  Therapie  von  selbst.  Zweifellos  kann 
man  erwarten,  einen  Darmspasmus  auch  durch  konservative  Behand¬ 
lung  zur  Lösung  zu  bringen,  aber  eine  solche  Behandlung  wäre  nur 
dann  erlaubt,  wenn  man  ein  mechanisches  Hindernis  ausschliessen 
könnte.  Keinesfalls  darf  durch  die  Annahme  eines  spastischen  Ileus 
die  Möglichkeit  gegeben  werden,  die  ohnehin  grosse  Zahl  der  ver¬ 
schleppten  Ileusfälle  zu  vermehren.  In  leichten  Fällen  einen  kurz¬ 
dauernden  Versuch,  etwa  mit  hohen  Einläufen,  zu  machen,  ist  unter 
denselben  Bedingungen  erlaubt  wie  bei  jedem  anderen  Ileus.  Wir 
konnten  in  3  Fällen  dadurch  vorübergehende  Besserung  erzielen.  Es 
wird  sich  schwer  feststellen  lassen,  wie  oft  es  gelingt,  den  spastischen 
Ileus  durch  konservative  Methoden  zum  Rückgang  zu  bringen,  da 
wir  kein  Mittel  haben,  die  Diagnose  ohne  Eröffnung  des  Bauches 
sicherzustellen.  Bleiben  Ileussymptome  bestehen,  so  wird  man  auch 
nach  Rückgang  der  akuten  Erscheinungen,  zumal  bei  älteren  Leuten, 
zur  Laparotomie  raten,  um  kein  Karzinom  zu  übersehen. 

Als  Operationsbefund  findet  man  den  umschrie¬ 
benen  Darmspasmus.  Es  handelt  sich  um  streckenweise,  bis 
zu  20  cm  lange,  seltener  um  ringförmige  Kontraktionen,  wenn  nicht 
gar  ein  ganzer  Darmteil  kontrahiert  ist.  Der  Spasmus  kann  sich  auf 
eine  einzige  Stelle  des  Darmes  beschränken,  kann  aber  auch  multipel 
auftreten  und  kommt  sowohl  am  Dünndarm  wie  am  Dickdarm  vor. 
In  unseren  Fällen  kam  eine  ringförmige  Einschnürung  nur 
einmal  und  zwar  am  Querkolon  zur  Beobachtung.  Multiple 
Spasmen  waren  5  mal  vorhanden.  Nur  einmal  wiesen  Dünn-  und 

J)  Ausführliche  Krankengeschichten  und  Literatur  sind  in  der  Disser¬ 
tation  von  S  t  e  i  n  h  o  f  f  (Göttingen  1923)  zusammcngestellt. 


Dickdarm  gleichzeitig  Spasmen  auf.  4  mal  war  der  Dünndarm  allem 
betroffen,  2  mal  das  Colon  descendens  und  einmal  das  Sigmoid.  Am 
Dickdarm  war  immer  nur  eine  Stelle  spastisch  kontrahiert.  Gerade 
am  Colon  descendens  und  Sigma  ist  die  spastische  Kontraktion  oft  3 
besonders  ausgedehnt,  und  es  sind  eine  Reihe  von  Fällen  bes-lu  ieben, 
bei  denen  das  ganze  Deszendens  oder  das  ganze  Sigma  einen  tau- 
!  artigen  Strang  darstellten.  Auch  bei  unseren  Fällen  von  Deszendens-  I 
|  und  Sigmaspasmus  handelte  es  sich  zweimal  um  eine  über  den  ganzen 
Darmteil  sich  erstreckende  Dauerkontraktion.  Am  Dünndarm  sind 
zuweilen  während  der  Operation  wandernde  Spasmen  festgestellt.  ■ 
Ueber  den  Befund  am  Darm  darf  man  sich  nicht  täuschen  lassen.  | 
Es  genügt  nicht,  kollabierte  und  weniger  kollabierte  Darmschlingen  I 
im  Bauch  zu  finden,  sondern  ein  umschriebener  Bezirk  des  I  armes 
bis  zu  Klein  fingerdicke  kontrahiert.  M  itunter  ist  die  , 
Darmmuskulatur  so  stark  angespannt,  dass  die  Gcfasse  komprimiert 
werden  und  das  Darmstück  eine  weissliche  Farbe  annimmt  und  sich  -j 
tauartig  hart  anfühlt.  Die  oberhalb  der  spastischen  Stenose  liegen- 
den  Dai  mschlingen  sind  gebläht,  unter  Umständen  sogar  sehr  hoen- 
gradig.  Bei  multiplen  Spasmen  findet  man  auch  die  dazwischen  'Agen¬ 
den  Darmteile  aufgetrieben.  Ein  Gegensatz  zum  mechanischen  Ileus 
ocsteht  nur  insofern,  als  der  Uebergang  vom  geblähten  zum  kolla¬ 
bierten  Darm  nicht  immer  ganz  scharf  ist.  Oft  gehen  die  beiden  .' 
Darmteile  allmählich  und  ohne  genaue  Grenze  ineinander  über. 

In  der  Regel  wird  man,  nachdem  die  spastische  Natur  des  Ileus  ; 
klargestellt  ist,  beim  Fehlen  sonstiger  organischer  Veränderungen  cuej 
Operation  als  Probelaparotomie  beenden  können  In  der, 
Literatur  sind  zwar  Fälle  bekannt,  in  denen  die  Probelaparotomie  zur*| 
Heilung  nicht  genügte  und  eine  Fistel  oberhalb  des  Spasmus  ange¬ 
legt  werden  musste,  doch  sind  das  grosse  Seltenheiten.  In  unseren» 
Fällen  kamen  wir  mit  der  einfachen  Laparatomie  aus.  Wir  müssen 
uns  wohl  vorstellen,  dass  die  nach  jeder  Eröffnung  des  Bauches  cm- 
tretende  Darmparese  die  lokale  Hypertonie  aufhebt. 

Die  Prognose  des  spontanen  spastischen  Ileus  ist  nicht 
schlecht.  Nagel  berechnet  aus  der  Literatur  eine  Mortalität 
von  20  Proz.,  während  der  postoperative  spastische  Ileus,  wovon  wir 
keinen  Fall  zu  beobachten  Gelegenheit  hatten,  eine  höhere  Mortaiitat 
aufweist.  Unsere  Fälle  verliefen  recht  günstig,  denn  abgesehen  oll 
einer  Kranken,  die  an  den  Folgen  einer  Magenoperation  starb,  hatten 
wir  keinen  Todesfall  zu  beklagen.  Seltsamerweise  scheint  es  sich 
sogar  meist  um  Dauerheilungen  zu  handeln,  obwohl  die  Annahme 
naheiiegt,  dass  wir  es  bei  dieser  Erkrankung  oft  mit  einem  zu  Rezi¬ 
diven  neigenden  Symptom  eines  unbekannten  Grundleidens  zu  um 
haben  Gewiss  ist  das  keine  allgemein  gültige  Regel,  und  in  der  Lite¬ 
ratur  sind  eine  Reihe  von  Fällen  beschrieben,  bei  denen  sich  tue 
schweren  Passagestörungen  wiederholten.  Bei  unseren  Kranken 
jedoch  hat  sich,  wie  wir  durch  schriftliche  Nachforschungen  feststellen 
konnten,  in  keinem  Fall  ein  echtes  Ileusrezidiv  eingestellt,  wenn  auch 
zwei  angaben,  noch  ab  und  zu  leichte  Beschwerden  zu  haben. 

Der  spastische  Ileus  stellt  somit,  wenn  wir  die  Diagnose  für  ein¬ 
wandfreie  Fälle  im  Rahmen  obiger  Ausführungen  reservieren,  ein 
wohlcharakterisiertes  Krankheitsbild  dar,  von  dem 
wir  nur  eines  nicht  kennen:  die  Ursache  der  spastischen  Kon¬ 
traktionen.  .  _  ,  ,  ... 

Die  Aetiologie  und  Pathogenese  der  Erkrankung  gibt 
uns  Rätsel  auf,  die  wir  noch  nicht  alle  lösen  können.  Immerhin  lässt 
sich  aber  auch  hier  für  manche  Zusammenhänge  auf  Grund  wissen¬ 
schaftlicher  Erkenntnisse  eine  Erklärung  finden,  ohne  dass  man  den 
Boden  der  Tatsachen  unter  den  Füssen  zu  verlieren  braucht. 

Der  Darmverschluss  beim  spastischen  Ileus  kommt  durch  einen 
lokalen  Krampf  der  Darmfnuskulatur  zustande.  Ein  solcher  Krampf 
kann  zunächst  entstehen  durch  direkte  Muskelreizung,  die  aber  in 
einer  derartig  umschriebenen  Form  nur  für  seltene  Ausnahmefälle 
eine  Rolle  spielen  dürfte.  Wir  wissen,  dass  die  Bewegungen 
des  Darmrohres  den  Wandnervengeflechten,  insbesondere  dem  Plexus 
myentericus,  unterstehen,  und  dass  normalerweise  nur  durch  deren 
Vermittlung  eine  Darmkontraktion  erfolgt.  Die  Wandnerven¬ 
ge  f  1  e  c  h  t  e  sind  autonom,  können  aber  auf  den  verschiedensten 
Wegen  fördernde  und  hemmende  Impulse  erhalten:  vom  Darm¬ 
in  n  e  r  n  aus,  durch  im  Blut  kreisende  I  oxine  oder  Hormon  e, 
durch  die  Mesenterialnerven  und  schliesslich  auch  wohl 
durch  direkte  mechanische  Insulte. 

Der  Plexus  myentericus  bildet  den  einheitlichen  An¬ 
griffspunkt  für  alle  Ursachen  des  spastischen  Ileus.  Durch  me¬ 
chanischen  Reiz  des  Darminhaltes  kontrahiert  sich  der  Darm  spastisch 
um  Fruchtkerne  und  Gallensteine,  durch  Askaridentoxine  —  vielleicht 
kombiniert  mit  dem  mechanischen  Reiz  der  Eigenbewegung  der 
Würmer  —  kommt  es  zum  spastischen  Askaridenileus,  durch  I  raumen, 
die  Darm  oder  Bauchwand  direkt  treffen,  und  durch  das  Anfassen 
bei  Operationen  können  mechanisch  bedingte  Spasmen  zustande  kom¬ 
men,  und  durch  Vermittlung  der  Mesenterialnerven  können  von  jeder 
Stelle  des  Körpers  aus,  vor  allem  aber  aus  $letn  weitverzweigten  Ge¬ 
biet  des  vegetativen  Nervensystems,  Impulse  zum  Darm  gelangen 
und  einen  Spasmus  veranlassen.  Am  klarsten  liegt  die  Vermittlung 
dieser  langen  vegetativen  Bahnen  zutage  bei  dem  pos*''"  "Piven 
spastischen  Ileus,  'wie  er  im  Anschluss  an  gynäkologische 
Operationen,  aber  auch  an  andere  operative  Eingriffe  im  Bereich  von 
Bauchhöhle  und  Rctroperitoneum  beobachtet  wird.  Sehr  viel  häufiger 
ist  ja  der  besonders  nach  Eingriffen  am  Rctroperitoneum  auftretende 
paralytische  Ileus,  und  zweifellos  bestehen  zwischen  diesem  paraly- 


27.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


983 


tischer.  und  dem  spastischen  Ileus  bedeutungsvolle  Parallelen.  Wir 
vermögen  jedoch  diese  Nerveneinflüsse  leider  noch  nicht  zu  analy¬ 
sieren  und  wissen  nicht,  unter  welchen  Bedingungen  es  zum  spastischen 
Ileus  kommt.  Wenn  wir  aber  z.  B.  an  den  vielzitierten  Fall  P  a  n  k  o  vv 
denken,  bei  dem  ein  wochenlang  anhaltender  Dauerspasmus  des 
Colon  ascendens  und  Sigmoids  nach  Exstirpation  eines  grossen  intra¬ 
ligamentär  und  nach  Mesocolon  descend.  und  sigmoid.  entwickelten 
Myoms  auftrat,  so  scheint  eine  operative  Schädigung  der  hypo¬ 
gastrischen  (ianglienkomplexe  und  Mesokolonnerven  am  ehesten  den 
schliesslich  vollkommen  zurückgehenden  Spasmus  zu  erklären.  Auch 
die  nach  retroperitonealen  Blutungen  und  nach  Verletzungen  ent¬ 
fernter  Körperteile  auftretenden  Spasmen  werden  nur  durch  die  An¬ 
nahme  von  Nerveneinflüssen  verständlich.  Mögen  zuweilen  auch 
embolische  Vorgänge  eine  Rolle  beim  Zustandekommen  von  Dauer¬ 
spasmen  spielen  (Payr),  so  wird  ein  Dauerspasmus,  der  zum  Ileus 
führt,  doch  auch  wieder  eine  sekundäre  Innervationsstörung  durch 
Anämie  oder  Blutung  zur  Voraussetzung  haben  müssen. 

Fast  beweisend  für  die  Bedeutung  vegetativer  Nervenbahnen 
beim  Zustandekommen  des  spastischen  Ileus  sind  die  Fälle,  bei 
denen  anatomische  Veränderungen  im  Bereich  der  Hauptganglien- 
komplcxe  festgestellt  werden  konnten.  E  x  n  e  r  und  Jäger,  Pra- 
d  e  r  und  K  1  e  1 1  haben  über  je  einen  Fall  von  spastischem  Ileus  be¬ 
richtet,  bei  dem  der  Plexus  coeliacus  in  entzündliche  Schwielen  oder 
Tumorgewebe  einbezogen  war.  Wir  konnten  2  Fälle  beobachten,  bei 
denen  der  spastische  Ileus  als  Folge  entzündlicher  Ver¬ 
änderungen  im  Bereich  des  Plexus  coeliacus  auf¬ 
zufassen  war.  In  einem  Fall  fand  sich  ein  Tumor  des  Pankreas¬ 
kopfes,  nach  dem  weiteren  Verlauf  wohl  eine  Pankreatitis,  bei  dem 
anderen  Fall,  der  besonders  lehrreich  ist,  gingen  die  Beschwerden 
und  Ileuserscheinungen  nach  der  Laparotomie,  bei  der  sich  das  typi¬ 
sche  Bild  des  spastischen  Ileus  fand,  nicht  zurück.  Eine  zweite  Ope¬ 
ration  drei  Wochen  nach  der  ersten  stellte  ein  übersehenes,  klein¬ 
handtellergrosses,  in  Pankreas  und  Retroperitoneum  perforierendes 
Magengeschwür  fest.  Die  elende  Kranke  kam  einige  Tage  nach 
Resektion  des  Ulcus  ad  exitum. 

Schliesslich  dürfte  auch  ein  Hinweis  angebracht  sein  auf  die  Ver¬ 
wandtschaft  des*  zum  Ulcus  führenden  Spasmus  mit  den  Darmspas¬ 
men  als  Symptom  bestimmter  innerer  Erkrankungen,  so  den  Spas¬ 
men  bei  Nikotin-  und  Bleivergiftung  und  bei  Tabes.  Schlesinger 
berichtet  über  einen  Fall  von  Tabes,  bei  dem  sich  das  ganze  Des¬ 
zendens  während  einer  Krise  bandartig  zusammenzog.  R.  Maier 
und  M  o  s  s  e  erzeugten  experimentell  Bleivergiftungen  und  konnten 
stets  Veränderungen  an  den  Zoeliakalganglien  feststellen.  Dass  die^e 
Krankheitsformen  keine  chirurgische  Bedeutung  gewinnen,  liegt  nicht 
zuletzt  daran,  dass  es  sich  hier  um  ein  bekanntes  Symptom  einer 
Grundkrankheit  handelt,  so  dass  eine  Diagnose  klinisch  zu  stellen  ist 
und  einer  wirksamen  internen  Therapie  nichts  im  Wege  steht. 

Wenn  es  somif  unter  Zugrundelegung  der  Physiologie  und  Pa¬ 
thologie  des  vegetativen  Nervensystems  auch  gelingt,  die  Ursachen 
des  spastischen  Ileus  auf  eine  einheitliche  Basis  zurückzuführen,  so 
dürfen  wir  uns  doch  bei  der  Seltenheit  nachweisbarer  organisener 
Veränderungen  nicht  darüber  täuschen,  dass  wir  in  den  meisten 
Fällen  die  auslösenden  Momente  nicht  kennen.  Mitunter  könnte  man 
an  arteriosklerotische  Störungen  denken,  zumal  gerade  unsere  Fälle 
sich  vorwiegend  in  vorgeschrittenem  Lebensalter  befanden;  bei  an¬ 
deren  kommt  man  aber  um  die  Annahme  einer  konstitutionellen  Labi¬ 
lität  des  vegetativen  Nervensystems,  einer  Krampfbereitschaft  des 
Darmes  nicht  herum.  Da  nun  gerade  hysterische  und  sogenannte 
„nervöse“  Personen  eine  besonders  grosse  Erregbarkeit  der  vegeta¬ 
tiven  Nerven  besitzen,  so  kann  es  nicht  wundernehmen,  dass  der 
spastische  Ileus  bei  derart  disponierten  Menschen  relativ  häufiger 
vorkommt  als  bei  anderen.  Hysterie  und  Spasmus  ent¬ 
stehen  auf  der  gleichen  Basis,  aber  nie  ist  der 
spastische  Ileus  das  Symptom  einer  Hysterie.  Wir 
wissen  ja  auch,  dass  die  Kranken  mit  Magen-  und  Duodenalgeschwür 
zu  einem  gewissen  Prozentsatz  nervös  disponierte  Individuen  sind 
und  dass  Nerveneinflüsse  bei  der  Ulcusentstehung  eine  Rolle  spielen. 
So  verkehrt  es  aber  wäre,  von  einem  hysterischen  Ulcus  zu  sprechen, 
genau  so  verkehrt  ist  es,  den  spastischen  Ileus  bei  gleichzeitiger 
Hysterie  als  hysterischen  Ileus  zu  bezeichnen. 


Aus  der  Abteilung  für  hirnverletzte  Kriegsbeschädigte,  Kranken¬ 
haus  München-Schwabing.  (Chefarzt:  Prof.  Dr.  Isserlin.) 

Periodische  Störungen  des  Sehens  nach  Hirnschädigung- 

Von  Erich  Feuchtwan  ge  r. 

Zu  der  Frage  der  Verursachung  anfallsweise  auftretender  Seh¬ 
störungen  nach  Verletzung  oder  sonstiger  Schädigung  des  Gehirnes 
liefern  H  e  g  n  e  r  und  Naef  („Intermittierende  Erblindung  nach  Schä¬ 
deltrauma“;  M.m.W.  1923  Nr.  16)  einen  wichtigen  Beitrag. 

Sie  beschreiben  einen  Fall,  bei  dem  ein  Mann  durch  Stoss  des  Stieles 
einer  senkrecht  gehobenen  Heugabel  gegen  den  rechten  Backenknochen  infolge 
Herabfallens  eines  Hebebaumes  eine  Kopfverletzung  erlitt.  Der  Mann  fiel 
rückwärts  um  und  war  kurz  Zeit  bewusstlos.  Einige  Zeit  nach  der  primären 
Wundheilung  traten  Anfälle  schwerer  Sehstörung  mit  rasch  zunehmender 
Verdunkelung  des  Gesichtsfeldes  bis  zur  völligen  Erblindung  auf,  die  eine 
halbe  Stunde  und  länger  dauerten,  aber  jedesmal  in  vollkommene  Wieder¬ 
herstellung  des  Sehens  übergingen.  Die  augenärztliche  Untersuchung  ergab 


nichts  Abnormes;  die  neurologische  Untersuchung  brachte  eine  Schädigung 
im  Bereich  der  linken  hinteren  Schädelgrube,  speziell  ein  Betroffensein  der 
linken  Kleinhirnhemisphäre  zutage.  Die  Autoren  waren  der  Ansicht,  dass  ein 
raumbeengender  Prozess  in  der  linken  hinteren  Schädelgrube,  etwa  ein  epi¬ 
durales  Hämatom,  vorlag.  Sic  führen  einen  weiteren  Fall  von  K.  Mendel 
(Neurol.  Zbl.  1916)  an.  bei  dem  nach  einer  Hinterhauptverletzung  nach  ge¬ 
wissen  Anstrengungen  und  Aufregungen  schwere  Sehstörungen  bis  zu  1  bis 
4  ständiger  Erblindung  auftraten. 

Solche  anfallsweise  auftretenden  Ausfälle  im  Bereiche  des  Ge¬ 
sichtsfeldes  nach  Gehirnschädigung  sind  selten.  Unter  dem  reichen 
Material  der  Münchener  Hirnvcrletztenstation  wurde  nur  einmal 
ein  ambulanter  Kranker  mit  Okzipitalhirnverletzung  beobachtet,  der 
über  Anfälle  vorübergehender  Gesichtsfeldeinschränkung  klagte. 

Die  Gesichtsfeldausfälle  sind  aber  nicht  die  einzigen  periodisch 
auftretenden  optischen  Störungen  nach  Hirnverletzung.  Es  wurde 
auf  unserer  Station  ein  Mann  mit  Verletzung  der  Hinterhauptmitte 
und  Betroffensein  beider  Okzipitalhirnlappen  ohne  Gesichtsfeld¬ 
störung  beobachtet,  der  mehrmals  anfallsweise  auftretende  Zustände 
bekam,  in  denen  er  sich  in  der  deutlich  gesehenen  Umgebung  plötz¬ 
lich  nicht  mehr  orientieren  konnte  und  in  denen  er  ihm  sonst  be¬ 
kannte  Strassen,  Häuser  usw.  nicht  mehr  identifizieren  konnte.  Dies 
dauerte  5 — 6  Minuten;  dann  trat  mit  einem  Schlage  wieder  voll¬ 
ständiges  Orientierungvermögen  ein.  Er  war  dabei  ganz  bei  Besonnen¬ 
heit  und  in  vollem  Bewusstsein  seiner  Lage.  (Eine  kurze  Beschrei¬ 
bung  des  Falles  siehe  Zbl.  f.  d.  ges.  Neurol.  u.  Psych.  1922,  30,  H.  6/7.) 
Die  Zustände  wurden  als  kurze  Anfälle  von  optisch-räumlicher 
Agnosie  gedeutet. 

Was  die  theoretische  Auffassung  dieser  Sehstörungen  nach  Hirn¬ 
schädigung  im  Bereiche  der  Sehsphäre  betrifft,  so  scheint  es  am 
zweckmässigsten,  sie  in  den  Erscheinungskreis  der  trauma¬ 
tischen  Epilepsie  einzuordnen.  Sie  sind  dann  in  Parallele  zu 
setzen  mit  den  Jackson  sehen  Anfällen  bei  Affektionen  der  moto¬ 
rischen  Region,  den  vorübergehenden  Ausfällen  des  Sprechens  und 
Schreibens  nach  vorausgegangener  Schädigung  der  Brocagegend, 
den  „sensiblen  Anfällen“  und  Sonstigen  periodisch  auftretenden  lokali¬ 
sierbaren  Ausfallserscheinungen. 

Was  für  die  Folgen  der  violenten  Hirnschädigung  gilt,  kann  sinn¬ 
gemäss  auch  auf  die  chronischen  Affektionen  der  Hirnrinde  durch 
raumbeengende  Prozesse  (Tumoren,  Hämatome  usw.)  Anwendung 
finden.  Die  Auffassung  dieser  periodisch  auftretenden  optischen  Aus¬ 
fälle  als  epileptischer  nimmt  für  die  Erklärung  ihrer  direkten  Ver¬ 
ursachung  im  Eihzelfalle  nichts  vorweg.  Sie  verträgt  sich  durchaus 
mit  der  Erklärungsweise,  die  Hegner  und  Naef  für  ihren  Fall 
geben.  Es  ist  nicht  ausgeschlossen,  dass  sehr  viele  von  den  trau¬ 
matisch-epileptischen  Erscheinungen  durch  plötzliche  vasomotorische 
Aenderungen  in  den  dem  „primär  krampfenden  Zentrum“  entsprechen¬ 
den  Rindenpartien  erzeugt  werden.  Allerdings  müssen  bei  der  heuti¬ 
gen  theoretischen  Unsicherheit  in  bezug  auf  die  Verursachung  der 
epileptischen  Erscheinungen  auch  andere  Erklärungsmöglichkeiten 
offengehalten  werden. 

Dass  auch  bei  der  Migräne  ähnliche  periodische  Sehstörungen 
beobachtet  werden,  spricht  nicht  gegen  unsere  Auffassung.  Gibt  es 
doch  Theorien,  die  die  vielfältigen  Erscheinungen  der  Migräne  dem 
epileptischen  Formenkreis  zurechnen.  Diese  Ansichten  sind  freilich 
nicht  unbestritten,  müssen  aber  in  unserem  Zusammenhang  beachtet 
werden. 

Ausser  vom  theoretischen  Standpunkt  hat  die  Auffassung  der 
periodischen  Sehstörungen  nach  Hirnschädigung  als  epileptischer  Er¬ 
scheinungen  auch  in  praktischer  Hinsicht  eine  gewisse  Bedeu¬ 
tung.  Man  kann  in  solchen  Fällen  hoffen  durch  eine  systematische 
Kur  mit  Brom  und  Luminal  cv.  unter  Kombination  mit  Xifalmilch- 
Injektionen  eine  mehr  als  nur  symptomatische  Behandlung  durch¬ 
führen  zu  können. 


Aus  der  Klinik  und  Poliklinik  für  Haut-  und  Geschlechts¬ 
krankheiten  der  Universität  München. 

(Direktor:  Prof.  Dr.  Leo  Ritter  v.  Zumbusch.) 

Ueber  kongenitale  Phimose. 

Von  Dr.  Carl  Moncorps. 

Unter  Phimose  versteht  man  die  aufgehobene  oder  zumindest  er¬ 
schwerte  Retraktionsfähigkeit  des  Präputium,  deren  Ursache  in  früher 
oder  später  stattgefundener  Entzündung  untl  damit  narbiger  Ver¬ 
engerung  der  Vorhautsacköffnung  zu  suchen  ist  und  deren^  Folge 
sich  in  krankhaften  Erscheinungen  sowohl  am  äusseren  Genitale 
selbst,  als  auch  an  übergeordneten  Organsystemen  äussern  kann 
(Rille,  Englisch,  Heinrichsdorff,  G.  B.  Gr  über). 

Diese  entzündliche  Genese  gilt  auch  für  die  im  frühesten  Kindes¬ 
alter  auftretende,  durch  das  physiologisch-hypertrophische  Prä¬ 
putium  begünstigte  Vorhautverengerung;  als  erworbenen  Zustand 
kommt  ihr  die  Bezeichnung  Phimosis  congenita  nicht  zu  (P  eis  er, 
G.  B.  Grube  r). 

Es  gibt  jedoch  zweifelolme  Vorhautmorphen,  welche  ein  End¬ 
zustand  abnormer  Entwicklungsvorgängc  sind  und  klinisch  das  Bild 
einer  Phimose  auslösen.  Für  diese  wäre  die  Bezeichnung  kongenitale 
Phimose  als  zu  Recht  bestehend  beizubehalten. 

Als  Beleg  hierfür  sei  folgender  Fall,  soweit  er  für  die  vorliegende 
Mitteilung  von  Interesse  ist,  mitgetcilt: 


984 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  30. 


G.  B„  Bauarbeiter.  49  Jahre  alt,  Vater  von  11  Kindern,  bis  zur  jetzigen 
Erkrankung  nie  ernstlich  krank  gewesen,  gibt  an,  seit  Geburt  eine  Verenge¬ 
rung  der  Vorhautsacköfinung  zu  haben,  die  ihm  jedoch  nie  Beschwerden  ver¬ 
ursache.  Er  wird  wegen  eines  3  Wochen  bestehenden  Harnröhrenausflusses, 
dem  sich  seit  8  Tagen  eine  schmerzhafte  Hodenschwellung  zugesellt  hat,  in 

die  Klinik  eingewiesen.  _  ,  . 

Befund:  Vorzeitig  gealteter  Mann.  Innere  Organe.  Nervensystem,  In¬ 
tegument,  Schleimhäute  und  Drüsen  bieten  nichts  Besonderes. 

Aeussere  Genitalien:  Rechter  Hoden  und  Nebenhoden  fast  apfel¬ 
gross  geschwollen,  sehr  druckempfindlich.  Die  Vorhaut  ist  hypertrophisch 
und  nicht  reponibel.  Die  Vorhautsacköffnung  ist  zum  Meatus  urethrae.  dessen 
oberes  Drittel  bei  forciertem  Repositionsversuch  eben  sichtbar  wird,  dorsal 
verlagert  und  zeigt  einen  Durchmesser  von  3  mm.  Die  mediane,  über  der 
Urethra  verlaufende  Raphe  verliert  sich  in  der  Höhe  des  Collum  glandis  und 
endigt  hier  in  einer  ca.  4 — 6  mm  Durchmesser  aufweisenden  scheibenförmigen 
Ausbreitung.  Mikroskopischer  Befund  des  Urethralsekretes  ergab  Gonokokken 
nach  Gram.  Der  Harnstrahl  ist  leicht  gedreht,  kräftig  und  weicht  von  der 
Längsachse  des  Penis  um  ca.  30°  dorsal  ab.  Erste  Urinportion  trüb,  zweite 

klar.  . 

Diagnose:  Gonorrhoe  ac.  ant.,  Epididymitis  dext.  gon.,  Phimosis 

hypertroph.  ,  .  .  ,  , 

Infolge  der  Unmöglichkeit  die  Harnröhre  instrumental  zu  behandeln  wurde 
die  Phimose  auf  hier  nicht  näher  zu  beschreibende  Weise  operativ  behoben, 
erst  jetzt  war  eine  klare  Befundsaufnahme  der  anatomischen  Verhältnisse  mög- 

lich:  .  ..... 

Die  skrotal  zugewandt*  untere  Zirkurnferenz  des  Präputium  ist  platten- 
fürmig,  stumpf  nicht  zu  lösen,  mit  der  Glans  verwachsen;  ein  Frenulum  im 
eigentlichen  Sinne  fehlt.  Der  die  dorsale  Eichelhälfte  deckende  Präputiumteil 
weist  nahe  der  Umschlagsstelle  einige  streifenförmige,  ohne  Erosion  leicht 
stumpf  zu  lösende  Verklebungsresiduen  auf.  Die  Umschlagsstelle  des  Prä¬ 
putium  auf  die  dorsale  Glansoberfläche  liegt  in  der  Mittellinie  ca.  5  mm 
apikalwärts  vor  der  Corona  glandis  und  zeigt  hier  einige  leicht  grübchen¬ 
förmige  Einsenkungen.  Sie  verläuft  beiderseits  bogenförmig  vor  der 
nicht  sonderlich  scharf  abgesetzten  Corona  glandis  über  die  seitlichen  und 
unteren  Glanspartien  zu  dem  unteren  Ende  der  äusseren  Urethralmündung. 
Die  Umschlagstelle  an  der  unteren  Eichelhälfte  ist  scharf,  ohne  grübchen¬ 
förmige  Einsenkungen,  und  'von  ihr  aus  lässt  sich  Präputium  und  Glans 
nicht  stumpf  lösen.  Die  untere  Häfte  der  Urethralmündung  wird  von  einer 
membranösen  Klappe  überbrückt,  welche,  nicht  sonderlich  straff  gespannt, 
sich  von  der  Urethralöffnung  mittels  Sonde  anheben  lässt,  und  sich  in  die 
Umschlagstelle  des  plattenförmig  verwachsenen  Präputialteils  einsenkt. 

Aul  Grund  von  eigenen  Untersuchungen  an  Serienschnitten 
menschlicher  Embryonen  über  die  normale  Entwicklung  des  Prä¬ 
putiums  und  225  vergleichenden  Beobachtungen  am  Lebenden  der 
verschiedensten  Altersklassen,  von  Neugeborenen  bis  zum  Senium 
scheint  uns  die  normale  Entwicklung  der  Vorhaut  in  der  von 
R.  Meyer  beschriebenen  Weise  vor  sich  zu  gehen:  Aus  der  Schaft¬ 
haut  wird  durch  eine  die  Gegend  des  Collum  glandis  mantelförmig 
bis  zu  den  Rändern  der  Urethralrinne  umschliessende  Epithellamellc 
—  die  Glandarlamelle  Fleisch  manns  —  eine  Hautfalte  angelegt, 
welche  als  Präputium  kapuzenartig  über  die  Glans  wächst.  Die  die 
ganze  Eichel  einhtillende  Glandarlamelle  bleibt  bis  nach  der  Geburt 
verschieden  lang  bestehen,  um  sich  dann  von  der  Glansspitze  aus  zu 
lösen,  ein  Vorgang  als  Lösung  der  physiologischen  Verklebung  be¬ 
kannt  (Schweigger-Seidel),  das  Frenulum  wird  paarig  z.  T. 
aus  dem  Mesoderm  der  Glans  angelegt,  z.  T.  aus  den  Rändern  der 
Urethralrinnc  am  distalen  Ende.  Die  paarige  Anlage  verschmilzt 
beim  Schluss  der  Urethralrinne  zum  Frenulum. 

Die  Uebertragung  der  normalen  Entwicklungsvorgänge  am  Prä¬ 
putium  und  Frenulum  auf  den  vorliegenden  Fall  würde  zu  folgendem 
Erklärungsversuch  führen: 

Die  Urethralrinne  schloss  sich  in  ihrem  distalen  Teil  nicht  in 
der  Längsrichtung  des  Penis,  sondern  quer  zu  ihr.  Dieses  atypische 
Aneinanderlegen  der  Ränder  könnte  durch  intrauterine  mechanische 
Einflüsse  bedingt  sein.  Darauf  deutet  die  scheibenförmige  Ausbrei¬ 
tung  der  medianen  Raphe  in  ihrem  distalen  Teil  und  das  Fehlen  des 
Frenulum. 

Die  Glandarlamelle  wurde  hierdurch  in  ihrer  Ausbreitung  ge¬ 
hemmt,  sie  vermochte  aus  der  Schafthaut  im  Bereich  der  unteren 
Eichclhälfte  keine  Trennung  zwischen  Präputium  und  Eichel  herbei¬ 
zuführen. 

Die  Lösung  der  physiologischen  Verklebung  über  dem  dorsalen 
Eichelteil  wurde  durch  die  geringe  Verschieblichkeit  des  Präputium 
infolge  der  Verwachsung  erschwert.  Die  Lösung  unterblieb  vor  der 
Corona  glandis  und  im  Sulcus  und  wurde  dort  organisiert 
(Englisch)  oder  die  Glandarlamelle  wurde  weiter  vorn  als  ge¬ 
wöhnlich  angelegt  und  schob  sich  nicht  zentripetal  vor. 

Die  klappenförmige  Membran  erklärt  sich  zum  Teil  als  Folge  der 
gestörten  Frenulumbildung,  zum  Teil  als  Begleiterscheinung  früh¬ 
zeitiger  Phimosen  (Englisch);  möglicherweise  ist  in  ihr  auch  eine 
organisierte  Residue  der  Glandarlamelle  zu  sehen,  wie  wir  sie  bei 
einem  13  Wochen  alten  Knaben  beobachten  konnten,  dessen  Glans- 
spitzc  gelöst  war,  sonst  aber  noch  Verklebung  aufwies. 

Literatur. 

1.  Bökai  und  Englisch:  Jahrb.  f.  Kinderhlk.  N.  F.  8.  — 

2.  J.  Englisch:  Fol.  urol.  4.  Nr.  4  u.  5.  —  3.  D  e  r  s  e  1  b  e:  Wien.  mei. 
Presse  1903  Nr.  47  u.  49.  —  4.  Fl  ei  sch  mann:  Morph.  Jahrb.  1902,  30. 
—  5.  Derselbe:  Ibidem  1907,  36.  —  6.  Derselbe:  Sitz.Bei.  d.  Phys.- 
med.  Soc.  in  Erlangen  1906,  38.  —  7.  Gg.  B.  G  r  u  b  e  r:  M.m.W.  1922 
S.  1648.  —  8.  P.  Heinrichsdorff:  Mitt.  a.  d.  Grenzgeb.  d.  Med.  u.  Chir. 
24,  H.  3.  —  9.  R.  Meyer:  Arcli.  i.  Anat.  u.  Physiol.  1911,  anat.  Abt.  r— 
10.  J.  P  e  i  s  e  r:  B.kl.W.  1912  Nr.  23.  —  11.  R  i  1  I  e:  D.m.W.  1904  Nr.  48.  — 
12.  Schweigger-Seidel:  Virch.  Arch.  37. 


Neben-  und  Nachwirkungen  bei  intraspinaler  Luft¬ 
einblasung. 

Von  L)r.  H.  Klein  (Belgrad). 

Die  unangenehmen  Nebenwirkungen  bei  der  intraspinalen  Luft- 
einblasung  nach  B  i  n  K  c  1  verursachen  eine  erhebliche  Einschränkung 
in  der  Anwendbarkeit  des  wertvollen  Verfahrens,  so  dass  nach  der 
Meinung  zweier,  m.  W.  bisher  allerdings  vereinzelt  gebliebener 
Autoren  (Schott  und  Eitel)  seine  Vornahme  am  Lebenden  des¬ 
wegen  einstweilen  gar  nicht  berechtigt  ist.  Die  Vermeidung  bzw. 
Abschwächung  dieser  Nebenwirkungen  gehört  somit  zu  den  ersten 
Forderungen  für  den  weiteren  Ausbau  der  Methode. 

Von  den  meisten  Autoren  werden  die  am  häufigsten  zu  be¬ 
obachtenden  Erscheinungen:  Uebelkeit,  Erbrechen,  Pulsänderungen 
(meist  Bradykardie),  z.  T.  auch  der  fast  nie  fehlende  Kopfschmerz, 
mit  ähnlichen  Erscheinungen  nach  der  Lumbalpunktion  verglichen 
und  hier  wie  dort  wird  die  Verminderung  des  intrakraniellen  Druckes 
—  neben  der  direkten  Reizwirkung  des  eingeblasenen  Gases  —  als 
ursächlicher  Eaktor  in  erster  Linie  angeschuldigt1).  Während  sich 
eine  nachträgliche  Hypotension  kaum  vermeiden  lässt,  sucht  Bin- 
gel  ein  Gleichbleiben  des  Drucks  während  der  Einblasung  dadurch 
zu  erzielen,  dass  er  nie  mehr  Liquor  ablässt,  als  er  Luft  eiu- 
geblasen  hat.  . 

Von  den  physikalischen  Eigenschaften  des  für  die  Meningen  und 
das  Ventrikelependym  sicher  nicht  indifferenten  insufflierten  Gases, 
welchen  die  unerwünschten  Nebenerscheinungen  wohl  zum  grössten 
Teil  zur  Last  zu  legen  sind,  kommen  vor  allem  seine  Temperatur, 
seine  Feuchtigkeit  und  sein  Druck  in  Betracht.  Ich  habe  versucht, 
gewärmte  Luft  einzublasen,  habe  aber  diese  Methode  wieder  auf¬ 
gegeben,  weil  sie  eine  nicht  unbeträchtliche  Komplizierung  des  sonst 
so  einfachen  Instrumentariums  erfordert.  Der  Feuchtigkeitsgrad  der 
eingcblasenen  Luft  muss  ein  genügender  sein,  da  sie  aus  der  mit 
Wasser  gefüllten  Druckflasche  oder  in  Wasser  ausgekochten  Spritze 
kommend  noch  die  spinale  Liquorsäule  passiert. 

Was  den  Druck  anlangt,  so  scheint  die  Vermeidung  einer  vor¬ 
übergehenden  Drucksenkung  nur  dort  erforderlich  zu  sein,  wo  eine 
Blutung  zu  befürchten  wäre.  Denn  die  Erfahrung  zeigt,  dass  sich 
auch  ein  kurzdauernder  negativer  Druck  einzig  in  Kopfschmerz  an 
der  höchstgelegenen  Stelle  (der  Stelle  des  geringsten  Druckes)  zu 
äussern  pflegt  und  nach  der  Entnahme  grösserer  Liquormengen  durch 
Lumbalpunktion  treten  die  unangenehmen  Folgen,  hauptsächlich 
Schwindel  und  Kopfschmerz,  nicht  unmittelbar  darauf,  sondern  in  der 
Regel  erst  mehrere  Stunden  später  in  Erscheinung.  Demnach  wären 
nur  die  mehrere  Stunden  nach  der  Lufteinblasung  auftretenden  Neben¬ 
wirkungen  mit  der  Verminderung  des  intrakraniellen  Druckes  in  Zu¬ 
sammenhang  zu  bringen,  da  für  die  klinische  Manifestation  des  ver¬ 
minderten  Liquordruckes  nicht  nur  eine  gewisse  Intensität,  sondern 
auch  eine  gewisse  Dauer  desselben  erforderlich  zu  sein  scheint; 
welche  letztere  übrigens  durch  Flüssigkeitszufuhr  (intravenöse  Injek¬ 
tion  hypotonischer  Lösungen)  verringert  werden  kann. 

Dagegen  halte  ich  es  für  möglich, -dass,  entgegen  der  Ansicht  der 
Autoren,  während,  insbesondere  aber  unmittelbar  nach  dem  Bin- 
g  e  1  sehen  Verfahren  der  Lufteinblasung  eine  Druck  s  t  e  i  g  e  r  u  n  g 
eintritt.  Wenn  wir  nämlich  Luft  von  14°  C  insuffliert  haben,  muss 
—  da  ja  nach  dem  Gay-Lussac sehen  Gesetz  der  Druck  eines 
Gases  steigt,  wenn  es  bei  unverändertem  Volumen  erwärmt  wird  — , 
sobald  sie  Körpertemperatur  angenommen  hat,  ihr  Druck  sich  (um 
bis  900  mm)  erhöht  haben.  Dazu  kommt,  dass  bereits  der  ursprüng¬ 
liche  Druck  der  -insufflierten  Luft  dem  Seitendruck  des  Liquors  in 
der  Höhe  der  Punktion  gleicht,  d.  h.  höher  ist  als  der  intrakranielle, 
dem  sich  hier  noch  der  hydrostatische  Faktor  hinzuaddiert.  Von  dem 
Gedanken  ausgehend,  dass  Bradykardie,  .Uebelkeit,  Erbrechen  nach 
der  Lufteinblasung  in  manchen  Fällen  eine  Folge  dieser  Drucksteige¬ 
rung  sein  könnten,  habe  ich  versucht,  weniger  Luft  cinzublasen,  als 
Liquor  abgelassen  wurde  (und  zwar  im  Verhältnis  10  Luft  :  11, 2  Li¬ 
quor)  und  es  gelang  mir  dadurch,  sowie  durch  vorherige  geringe 
Skopomorphingabe  —  oder,  wo  /Skopomorphin  nicht  angebracht  war, 
Veramon —  diese  Nebenerscheinungen  zwar  nicht  gänzlich  auszu¬ 
schalten,  wohl  aber  beträchtlich  abzuschwächen.  —  Auf  vorsichtiges 
Umlegen  ist  zu  achten.  Alwens  und  Hirsch  nennen  die  ersten 
10  Minuten  nach  der  Insufflation  die  kritische  Zeit;  wenn  damit  aus¬ 
gedrückt  werden  soll,  dass  üble  Zufälle  später  nicht  mehr  zu  be¬ 
fürchten  seien,  so  ist  das  sicher  irrig;  ich  habe  in  einem  Falle 
%  Stunden  nach  beendigter  Lufteinblasung  einen  Atemstillstand  auf- 
treten  sehen,  der  erst  nach  künstlicher  Atmung  behoben  wurde.  • 

Was  die  günstigen  Nachwirkungen  betrifft,  die  bei  genuiner  Epi¬ 
lepsie  von  B  i  n  g  e  1  in  der  Mehrzahl  der  Fälle,  von  W  e  i  g  e  1  d  t  so¬ 
gar  regelmässig  beobachtet  wurden,  so  habe  ich  sie  bis  jetzt  nicht 
gesehen.  Weder  aus  Bing  eis  noch  aus  Weigel  dts  Mitteilung 
ist  ersichtlich,  ob  sie  ihre  Fälle  medikamentös  vor-  oder  nachbehan¬ 
delt  haben;  aber  es  ist  wahrscheinlich,  dass  alle  bereits  Antiepileptika 
bekommen  hatten  und  dass  die  Medikation  vor  der  Insufflation  picht 
ausgesetzt  wurde.  Ich  habe  die  Insufflation  u.  a.  bei  4  Epileptikern 
ausgeführt,  die  bis  dahin  antiepileptisch  nicht  behandelt  waren.  In 
einem  Falle  sind  die  Anfälle  nachher  häufiger  aufgetreten  (3  am  glei¬ 
chen  Tag,  später  täglich  1  Anfall  mit  nachfolgendem  Verwirrtheits- 

*)  B  i  n  g  e  1  betont  ausserdem  mit  Recht  die  Möglichkeit  von  Störungen 
in  der  Funktion  der  oberflächlichen  Kapillaren. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


27.  Juli  1923. 


«stand  gegen  1  Anfall  jeden  bis  jeden  2.  bis  3.  Tag  vor  der  In- 
suiflation),  eine  Besserung  habe  ich  in  keinem  Falle  erzielt.  Auch  bei 
der  Mehrzahl  der  vorher  mit  0,2 — 0,3  Liiminal  pro  die  vorbehandelten 
balle  war  keine  günstige  Beeinflussung  durch  die  Insufflation  zu  ver¬ 
zeichnen;  und  das  gleiche  gilt  für  einige  Fälle  symptomatischer  Epi¬ 
lepsie  (nach  Enzephalitis). 

Nur  in  einem  derartigen  Fall  habe  ich  die  Anfälle  deutlich  seltener  werden 
sehen,  ns  handelte  sich  um  einen  motorisch  Aphasischen  mit  rechtsseitiger 
Vit-Parese  und  Reflexsteigerung  der  r.  o.  E„  mit  normalem  Fundus  und  Liquor- 
befund, ,  der  täglich  1—3  epileptische  Anfälle  hatte,  die  manchmal  von  korti¬ 
kalem  Iypus  (Beginn  im  r.  Vll-gebiet  mit  gleichsinniger  Abweichung  nach  r.) 
und  weder  durch  Luminal,  noch  durch  Br  zu  beeinflussen  waren.  Die  En- 
zephalographie  (Röntgenaufnahme  durch  Herrn  Dr.  Alexander  Marko- 
u  t  s  c  h)  zeigte  eine  hochgradige  Erweiterung  des  1.  Seitenventrikels,  iusbes 
!m  Bereich  des  Vorderhorns.  Nach  der  Insufflation  traten  die  Anfälle  zunächst 
in  10 tägigen  Intervallen,  einen  Monat  später  häufiger,  jeden  2.  Tag  und  schliess¬ 
lich  wieder  täglich  auf. 

Es  ist  naheliegend  anzunehmen,  dass  hier  die  Anfälle  hauptsächlich  durch 
“en  Druck  des  linksseitigen  inneren  Hydrozephalus  hervorgerufen  waren  und 
dass  der  Erfolg  der  Insufilation  auf  eine  länger  anhaltende  Dekompression  zu- 
rdckzuf Uhren  sei.  Bemerkenswert  ist  dabei,  dass  durch  drucksteigernde  Mass¬ 
nahmen  (Bulbusdruck,  Kompression  der  Jugulares,  Injektion  hypotonischer  Lö- 
i  sungen)  kein  Anfall  ausgelöst,  durch  druckentlastende  (Entnahme  grösserer 
Liquormengen  durch  einfache  Lumbalpunktion,  intravenöse  Injektion  hyper¬ 
tonischer  Salzlösungen)  keine  deutliche  Besserung  erzielt  werden  konnte. 

I  Bingeis  Annahme,  dass  infolge  der  stärkeren  Durchsäftung 
;des  Gehirns  nach  der  Gaseinblasung  Stoffwechselschlacken  oder 
andere  schädliche  Substanzen  aus  dem  Gehirn  mit  abgeschwemmt 
werden,  halte  ich  nach  meinen  Erfahrungen  mit  nicht  vorbehandelten 
Epileptikern  für  unwahrscheinlich  und  die  Empfehlung  des  Ein¬ 
griffs  bei  Kranken  mit  schweren  und  gehäuften  Anfällen  und  im  Status 
tiir  verfrüht.  Versuchen  kann  man  ihn  ja  in  Fällen,  wo  trotz  der 
gewöhnlichen  Behandlung  häufig  schwere  Anfälle  auftreten,  aber  auch 
Ja  nur  nach  vorheriger  sowie  mit  gleichzeitiger  und  ununterbrochener 
Darreichung  von^  Antiepilepticis  —  sonst  wird  man  nicht  nur  auf 
Ausbleiben  des  Erfolges,  sondern  auch  auf  Verschlimmerungen  ge¬ 
fasst  sein  müssen.  Hingegen  ist  die  Lufteinblasung  wohl  berechtigt 
n  jenen  Fällen  von  Epilepsie,  in  denen  sich  (auch  als  Aura  oder  inter- 
v-allär  auftretende)  Herdsymptome  nachweiseil  lassen,  derentwegen 
au!  °Perat*ver  Eingriff  in  Frage  käme,  insbesondere  wenn  in  grossen 
Abstanden  schwere  gehäufte  Anfälle  auftreten,  so  dass  die  Krankheit 
£\yar  die  Leistungsfähigkeit  des  Kranken  wenig  herabsetzt,  aber 
5e,n  Leben  plötzlich  bedrohen  kann.  Es  ist  möglich,  dass  die  En- 
jephalographie  hier  manchen  Fall  diagnostisch  klären  und  damit 
herapeutisch  zugänglicher  machen  wird. 

Im  übrigen  sollte  man  die  intraspinale  Gaseinblasung  nur  dort 
/ornehmen,  wo  von  ihr  tatsächlich  eine  Förderung  der  Diagnose 
»der,  was  seltener  der  Fall  sein  wird,  ein  therapeutischer  Erfolg  zu 
-Twarten  ist.  Der  trotz  Schott  und  Eitel  fraglos  hohe  Wert 
les  Verfahrens  wird  dann  um  so  deutlicher  hervortreten. 


Aus  der  medizinischen  Universitäts-Poliklinik  in  Bonn. 

Vie  schützt  der  Arzt  bei  Durchleuchtungen  seine  Kranken 
ind  sich  selber  vor  Schädigungen  durch  Röntgenstrahlen? 

Von  Prof.  Dr.  Paul  Krause. 

.  Wie  schützt  der  Arzt  bei  Durchleuchtungen  seine  Kranken  vor 
Röntgenschädigungen? 

.  *n  den  letzten  Monaten  habe  ich  wiederum  als  Begutachter  von 
’iner  ungewöhnlich  grossen  Anzahl  von  Röntgenverbrennungen, 
velche  rheinischen  Aerzten  Entschädigungsklagen  vor  Gericht  zu- 
ogen,  Kenntnis  bekommen.  Der  eine  verbrannte  innerhalb  von 
Tagen  3,  ein  anderer  innerhalb  von  kurzer  Zeit  7  Kranke;  in  anderen 
allen  wurden  so  schwere  Unterlassungssünden  begangen,  dass  cs 
eutzutage  nicht  mehr  möglich  ist,  für  die  beschuldigten  Aerzte  ein- 
utreten.  Unkenntnis  schützte  bereits  früher  nicht  vor  Bestrafung, 
leutzutage  muss  aber  von  jedem,  welcher  Röntgenstrahlen  thera- 
eutisch  oder  diagnostisch  anwendet,  eine  hinreichende  Kenntnis  und 
msbildung  verlangt  werden.  Die  Möglichkeit,  sie  sich  zu  ver- 
chanen,  ist  in  Deutschland 'reichlich  vorhanden.  Schädigungen  bei 
’urchleuchtungen  können  vermieden  werden. 

Unter  diesen  Gesichtspunkten  will  ich  in  gedrängter  Kürze  die- 
»lchtigsten  Punkte  aufführen,  welche  eine  Vermeidung  von  Ver- 
renmingen  bei  gewissenhafter  Ausführung  ermöglichen, 
i  *.  -  *  Es  ist  fehlerhaft,  wenn  ein  Arzt  mit  einem  Röntgenapparat 
rbeitet.  ohne  genügende  Ausbildung  und  Vorkennt- 
iszubesitzen.  Die  Röntgenkunde  ist  ein  Spezialfach  der  Medi- 
in  geworden.  Sie  muss  in  der  eingehendsten  Weise  studiert  werden 
s  >st  dazu  eine  genügende  Kenntnis  der  Röntgenphysik,  der  Röntgcn- 
•chnik,  der  Röntgendiagnostik,  der  Röntgentherapie,  der  Wirkung 
er  Röntgenstrahlen  auf  die  Biologie  der  tierischen  und  menschlichen 
eilen  notwendig.  Fehlen  ihm  die  Kenntnisse,  so  soll  er  seine  Hände 
avon  lassen.  Meiner  Meinung  nach  macht  sich  jeder  Arzt,  wel- 
ller  Röntgenapparate  ohne  genügende  Ausbildung 
u  diagnostischen  oder  therapeutischen  Zwecken  benutzt,  ebenso 
t  r  a  f  b  a  r,  als  wenn  er  ein  Auto  fährt,  ohne  das  Fahren 
V  e  r  V  7:  11  11  a  b  e  n-  Wie  jeder  Arzt,  der  selber  Auto  fährt,  einen 
unrerschein  haben  muss,  so  sollte  er  auch  den  Nachweis  erbringen 
nssen.  dass  er  in  der  Röntgenologie  genügend  ausgebildet  ist,  ehe 

Nr.  30. 


er  einen  Röntgenapparat  selbständig  gebraucht.  Diese  Erlaubnis¬ 
scheine  für  Führung  von  Röntgenapparaten  sollten 
von  der  Regierung  umgehend  verlangt  werden,  um 
grösseres  Unheil  zu  vermeiden.  Vor  allem  sollte  auch  das  Publikum 
öffentlich  darüber  aufgeklärt  werden,  damit  es  sich  nur  Aerzten  an- 
vertraut,  welche  eine  staatliche  Erlaubnis  zur  Führung  eines  Röntgen¬ 
apparates  besitzen. 

2.  Es  ist  f  e  h  1  e  r  h  a  f  t,  einen  Röntge  napparat  durch 
eine  Röntgenschwester  bedienen-  zu  lassen,  welche  nur 
eine  mehrwöch  entliehe  Ausbildungszeit  hinter  sich 
hat.  In  einem  meiner  Begutachtungsfälle  wurde  festgestellt,  dass  die 
bchwester  nur  4  Wochen  lang  einen  Kurs  mitgenommen  hatte  und 
tr°tzdem  vertraute  ihr  der  Arzt  die  selbständige  Bedienung,  ja  sogar 
Aufnahmen  und  Durchleuchtungen  an.  Die  Ausbildungszeit 
der  Röntgenschwestern  sollte  je  nach  ihrer  Vorbildung  1  Jahr, 
besser  2  Jahre,  betragen.  Zur  selbständigen  Bedienung  in  kleineren 
Betrieben  sollten  in  Zukunft  nur  Röntgenschwestern  verwandt  wer¬ 
den,  welche  dem  Kreisarzt  gegenüber  sich  über  eine  genügend  lange 
Ausbildungszeit  ausweisen  können. 

3.  Es  ist  fehlerhaft,  von  einer  Röntgenschwester 
Röntgendurchleuchtungen  vornehmen  zu  lassen 
Die  Untersuchungsbefunde  bei  Lungen-,  Herz-  und  vor  allem  bei 
Magen-Darmerkrankungen  erfordern  eine  eingehende  ärztliche 
Kenntnis.  Es  ist  geradezu  ein  grober  Unfug,  wenn  Befunde 
uber  die  Erkrankungen  der  genannten  Organe  von 
einer  Rönfgen Schwester  erhoben  werden  sollen.  Jeder 
Arzt,  welcher  es  in  seinem  Betriebe  zulässt,  handelt  leichtfertig 
und  ist  voll  verantwortlich  für  etwaige  Schädigungen. 

4-  Es  ist  fehlerhaf t,  wenn  bei  Durchleuchtungen  keine 
Blende  angewandt  wird,  wie  es  in  kaum  glaublicher  Weise  auch 
jetzt  noch  vorgekommen  ist.  In  jedem  Lehrbuch  der  Röntgenologie 
ist  über  die  Praxis  und  1  lieorie  der  Blenden  genügend  Auskunft  zu 
erhalten.  Nur  mit  ihrer  Hilfe  gelingt  es,  in  vielen  Fällen  richtige 
Diagnosen  und  zwar  in  kürzester  Zeit  zu  stellen. 

5.  Es  ist  fehlerhaft,  mit  modernen  Röntge  nappa¬ 
raten  zu  durchleuchten,  ohne  die  weichen  Strahlen 
durch  ein  geeignetes  Filter  abfiltriert  zu  haben.  Am 
bequemsten  und  leichtesten  anzubringen  sind  Aluminiumfilter  von 
2—3  mm  Dicke.  Sie  sind  durchaus  genügend,  um  die  der  Haut  be¬ 
sonders  schädlichen  weichen  Strahlen  abzuhalten. 

6.  Es  ist  fehlerhaft,  wenn  der  Arzt  die  Durchleuch¬ 
tung  bereits  vornimmt,  ohne  adaptiert  zu  sein.  Auch 
dagegen  wird  immer  und  immer  noch  gefehlt.  Einige  der  ange- 
klagten  Aerzte  entschuldigen  die  Länge  ihrer  Durchleuchtung  damit, 
dass  sie  „noch  nicht  genügend“  gesehen  hätten.  Das  hängt  damit 
zusammen,  dass  sie  eben  vorher  noch  nicht  genügend  adaptiert 
waren.  Um  einen  Anhaltspunkt  des  Adaptionsgrades  zu  bekommen, 
ist  es  zu  empfehlen,  in  jedem  Röntgenzimmer  an  der  Wand  und  an 
den  Blendenapparaten  in  geeigneter  Weise  Leuchtmarken 
von  selbstleuchtendem  Papier  anzubringen.  Erst  wenn 
der  Arzt  diese  Leuchtmarken  deutlich  sieht,  soll  er  mit  der  Durch¬ 
leuchtung  beginnen.  Hat  er  die  Aufgabe  und  die  Absicht,  seine  Be¬ 
funde  auch' anderen  Aerzten  zu  demonstrieren,  so  soll  er»  grundsätzlich 
ablehnen,  die  Durchleuchtung  anzufangen,  ehe  nicht  alle  Aerzte  die 
Adaptionsmarken  aufleuchten  sehen. 

7.  Es  ist  fehlerhaft,  einen  Kranken  zu  durchleuch¬ 
ten,  ohne  dass  man  sich  vorher  unterrichtet  hat,  ob 
und  wie  lange  vorher  er  früher  durchleuchtet  oder 
gar  bestrahlt  worden  ist.  Jeder  Kranke  sollte  grundsätzlich  von 
der  Röntgepschwester  danach  gefragt  werden.  Sie  sollte  auch  an¬ 
gehalten  sein,  darüber  eine  Notiz  in  das  Protokollbuch  aufzunehmen, 
wenigstens  bei  den  Kranken,  welche  eine  positive  Antwort  gaben. 
Bei  solchen  muss  der  Arzt  selbst  noch  eingehend  Erkundigungen  von 
den  Kranken  einziehen.  Es  ist  leider  vorgekommen,  dass  Aerzte 
in  Unkenntnis  einer  kurz  vorher  gesetzten,  ausgiebigen,  mehrfachen 
Röntgenbestrahlung  schwere  Verbrennungen  gesetzt  haben,  welche 
mit  grösster  Wahrscheinlichkeit  gar  nicht  durch  die  von  ihnen  durcii- 
geführte  Untersuchung  herbeigeführt  waren,  sondern  durch  die  vorher 
von  anderer  Seite  erfolgte.  Auch  bei  Kranken,  welche  sich  intensiven 
Bestrahlungen  mit  Sonnenlicht  oder  Ouarzlampenlicht  ausgesetzt 
haben,  wird  man  die  Röntgendurchleuchtung  besonders  kurz  gestalten 
oder,  wenn  möglich,  eine  Anzahl  von  Tagen  noch  aufschieben. 

Um  jederzeit  genaue  Auskunft  zu  haben  über  die  Dauer  einer 
Durchleuchtung,  ist  es  auf  das  dringendste  zu  empfehlen,  eine 
Signaluhr  bei  Beginn  der  Durchleuchtung  in  Gang  zu  setzen, 
welche  wenigstens  alle  Minuten  ein  Zeichen  gibt.  Besonders  bei 
Demonstrationen  vor  mehreren  Aerzten  wird  die  Zeitdauer  recht 
häufig  unterschätzt,  vor  allem  dann,  wenn  schwierigere  Befunde  zu 
erheben  sind.  Die  Röntgenschwester  sollte  angehalten  werden,  nach 
2  Minuten  ohne  weiteres  auf  die  lange  Dauer  der  Durchleuchtung  auf¬ 
merksam  zu  machen. 

Jeder  Arzt,  welcher  Röntgendiagnostik  und  Röntgentherapie 
betreibt,  muss  sich  jederzeit  bewusst  bleiben,  dass  er  für  jede 
Röntgenschädigung  z  i.v  i  1  -  und  strafrechtlich  voll  ver¬ 
antwortlich  ist.  Besonders  bemerkenswert  ist  es,  dass  nach 
Auffassung  der  Gerichte  auch  die  Röntgenschwester,  auch 
der  leitende  Arzt,  selbst  wenn  er  bei  der  Untersuchung  nicht 
dabei  ist,  ja  sogar  die  Krankenhaus-  und  Universi¬ 
tätsverwaltung  haftbar  gemacht  werden  kann.  Tatsäch- 

4 


986 


imnNr.HF.NF.tt  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  30. 


lieh  sind  Anklagen  von  geschädigten  Kranken  gegen  alle  diese 

S 1 C ' 'f  ü  /"  den*  ^Kö ntgcnithe ra pe ut e n  kommen  noch  eine  ganze  Anzahl 
anderer  wichtiger  Massnahmen  in  Betracht,  auf  die  an  ,?.e 
nicht  eingegangen  werden  soll.  Sie  sind  in  den  Handbüchern  der 
Röntgentherapie  ausführlich  dargestellt,  ts  wird  wohl  heute  in 
Deutschland  keinen  Arzt  mehr  geben,  welcher  Röntgentherapie e  be 

treibt,  ohne  eine  spezialistische  Ausbildung  S1fch  if.T^dYss  d i e 
Ganz  allgemein  ist  zu  empfehlen,  dass  aie 
Durchleuchtungszeit  so  kurz  als  irgend  möglich 
durch  geführt  wird.  Kranke  mit  Morbus  Basedow,  mit 
Nephritis8  mit  Diabetes  mellitus,  vasomotorischen  Storungen,  auch 

solche  mit  frischer  Lues,  sind  nach  meiner  Erfahrung  besonder 
empfindlich. 


II.  Wie  schützt  der  Arzt  sich  selber  vor  Schädigungen  bei  Röntgen¬ 
durchleuchtungen? 

Die  Zahl  der  Aerzte,  welche  infolge  von  ^öntgenschädi^ngen  , 
zugrunde  gegangen  sind,  beträgt  heute  mehr  als  120.  Meistens  handelt  ( 
es  sich  um  chronische  Hautveränderungen  an  den  Händen  welche 
zur  Karzinombildung  führten.  Die  Schutzmassnahmen,  welche  in  den 

letzten  20  Jahren  gefunden  und  immer  vervollkommnet  worden  sind, 
S.  iür 'die  Gewöhnliche  DnrclJcuc.Uun.stechn.k  durchaus  £ 
c„it  Anwendung  grösserer  Stromstärken  vor  auem  t 
zum  Betriebe  der  gasfreien  Röhren  sind  sie  nicht  m^r  genügend  j 
wie  uns  Erfahrungen  und  Untersuchungen  in  den  letzten  Monaten  j 
zeigten.  Man  kann  sie  einteilcn  in  S  c  h  u  tzm  a  ss  n  a  h  men  a  n 

der  Untersuchungsapparatur  selbst  angebrach  . 

Dazu  gehören  c  hutzkasten  um  die  R  ö  ntgen  röhr  c.  Am 

vollkommensten  war  zweifellos  der  alte  A 1  b  °  5ass  %t 

sehe  Bleikasten.  Er  hatte  nur  leider  den  grossen  Fehler,  dass  e 
mehrere  Zentner  wog  und  daher  verhältnismässig  schwer  bcweghcl 
war  Auch  litten  die  Röhren  durch  Ueberschlagen  der  Funken  und 
wurden  frühzeitig  unbrauchbar.  Der  kleinere  Schutzkasten  um  das 
von  Reiniger,  Gebbert  &  Schall  gelieferte,  vielfach  umgeanderte 
Durchleuchtungsstativ  ist  nicht  mehr  genügend  In  den  alteren 
dellen  fehlt  vor  allem  eine  Abblendung  nach  unten  zu.  ts  wäre  aucn 
sehr  zu  empfehlen,  wenn  die  Bleigummiwande  starker  angefertigt 

wurden^  Blendenapparate.  Auch  bei  ihnen  wäre  zu  ver¬ 
langen  dass  die  Blenden  mit  stärkerem  Blei  ausgeschlagen  wurden, 
so  dass  ein  noch  grösserer  Teil  von’ Röntgenstrahlen  zuruckgehalten 

würde,  als  es  bisher  der  Fall  ist.  Filters  am 

3  Die  Anbringung  eines  geeigneten  Filters,  am 
besten  aus  Aluminium,  um  vor  allem  die  weichen  Strahlen  abzuhalten. 

4.  Die  Anbringung  eines  genügend  dicken  “  ‘ 
glases  auf  der  dem  Untersucher  zugekehrten  b  eite 
des  Durchleuchtungsschirmes.  Es  muss  darauf  hin¬ 
gewiesen  werden,  dass  die  jetzt  meist  im  Handel  befindlichen  Schutz¬ 
bleigläser  auf  den  Durchleuchtungsschirmen  durchaus  nicht 
genügend  sind.  Es  gelang  mir  bei  einer  Durchleuchtung  voi 
2  Minuten  Länge,  trotz  Aluminiumfilters  von  2  mm  Dicke,  trotzdem 
die  Strahlen  bereits  durch  den  zu  untersuchenden  Kranken  durch¬ 
gegangen  waren,  trotzdem  ein  Bleiglas  auf  dem  Durchleuchtungs¬ 
schirm  angebracht  war,  noch  in  einer  Entfernung  von  etwa  20  cm 
auf  meine8  Brust  in  Höhe  etwa  der  2.  Rippe  auf  einer  photographi¬ 
schen  Platte  ein  deutliches  Röntgenbild  einer  Schere  zu  erzielen, 
ein  Zeichen  dafür,  dass  eine  sehr  beträchtliche  Menge  von  Strahlen 
noch  durchgegangen  ist.  Wenn  also  derselbe  Untersucher  in  emem 
Vormittag  10  und  mehr  Kranke  je  2  Minuten  durchleuchtet,  so  hat 
er  eine  grosse  Menge  von  Röntgenstrahlen  erhalten,  welche  bei  einer 
gewissen  Dauerwirkung  zweifellos  Schädigungen  setzen  müssen. 

5  Besonders  wichtig  und  auch  viel  zu  wenig  bekannt  ist  es, 
dass  die  gasfreien  Röhren  nach  unten  zu  eine  ganz 
beträchtliche  Menge  von  R  ön  t  ge  n  st  r  ahl  e  n  aus 
dem  Blendenkasten  hinauswerfen  und  zwar  in  einem 
grossen,  weiten  Kegel,  so  dass  auch  die  F  ü  s  s  e  u  n  d  U  nt er :s  < c _h  e  n- 
kel  der  untersuchenden  Aerzte  grosse  r  G  e  f  a  h  r  aus 
gesetzt  sind  Es  gelingt  mit  Leichtigkeit,  in  einer  Entfernung  von 
80  cm  und  mehr  in  weitem  Umkreise  Röntgenbilder  von  Metallgegen¬ 
ständen  in  der  gewöhnlichen  Durchleuchtungszelt  von  1—2  Minuten 
zu  erzielen.  Besonders  gefährdet  sind  Fusse  und  Unterschenkel  der 
Untersucher  bei  der  jetzt  üblichen  Untertischdurchleuchtung.  Trotz 
des  Blendenkastens,  der  ja  regelmässig  zugeliefert  wird,  ist  auch  da 
der  Schutz  ungenügend.  Es  ist  daher  unbedingt  die  rojde- 
rung  aufzustellen,  dass  ein  genug  end  erSch  u  t  z  g  e  gen 
die  Bestrahlung  der  Fiisse  in  jedem  Laboratorium  ein¬ 
gerichtet  wird.  Das  kann  wohl  am  besten  und  leichtesten  geschehen 
durch  eine  60—80  cm  hohe  Schutzwand,  welche  mit  2  mm  B1«  ver¬ 
sehen  ist.  Sie  muss  zwischen  den  Kranken  und  die  untersuchenden 
Aerzte  auf  fahrbarem  Gestell,  leicht  beweglich  gemacht,  hingestellt 
werden  können.  Auch  bei  Untertischdurchleuchtungen  sollte  eine 
solche  Wand  regelmässig  vorhanden  sein.  .  .  „  !n 

Von  weiteren  Schutzmassnahmen  m  dieser  Hinsicht  kamen  in 
Betracht:  Die  bessere  Ausbildung  des  Bien  den  ap  pa¬ 
rates  für  die  gasfreien  Röhren  mit  besonderer 
Einrichtung  zum  Abfangen  der  Ront genstrahlen 
nach  unten  hin ;  ferner  eine  geeignete  Bleiwand  am  Dur  c  - 
leucht  ungsstativ  unterhalb  der  Blende,  unter  U 


ständen  auch  Schutz  der  Füsse  und  Unterschenkel  durch  Schutz¬ 
stiefel  aus  Müllerschem  Schutzstoff.  Nach  Mitteilung  der  ge¬ 
nannten  F^rma  wird  es  aber  in  der  heutigen  Notlage  kaum  möglich 
sein,  solche  Schutzstiefel  preiswert  herzustellen 

Ferner  Schutzmassnahmen,  welche  die  an  der  unter 

suchung  teilnehmenden  Aerzte  an  ihrem  AVtzs  c  hürzeV 
führen  können.  Dazu  gehören:  6.  Schutz  s  c  n  u  r  z  e  n,  ^ 
Schutzhandschuhe,  Schutzbrillen,  der  Kopfschutz^  ev.  I 
die  angeregten  Schutzschuhe:  Nach  wie  vor  ist  der  von  der  Firma 
Müller  gelieferte  Gummischutzstoff  der  beste.  Er  muss  nur  ge¬ 
nügend  dick  sein  Leider  wird  der  Gummi  ja  mit  der  Zeit  bruchig 
und  muss  von  Zeit  zu  Zeit  ersetzt  werden.  Die  Herstellung  von 
Schutzstoffen  mit  Hilfe  von  Eisen  und  anderen  Metallen  hat  sich  < 

nicht?  bewahrind  ^  emp{eh,en  ist  eine  Schutzvorrichtung 

gegen  die  Tröpfcheninfektion  von  hustenden  Kranken. 
Wir  haben  in  unserem  Laboratorium  einen 

halb  des  Durchleuchtungsschirmes  angebracht.  Wie  ich  aus  eigener 
Erfahrung  weiss,  ist  leider  selbst  den  Aerzten,  welche  dauer  d 
Tuberkulöse  untersuchen,  diese  einfacheVorrichtung  noch  unbekannt. 
Trotzdem  lassen  sie  bei  fast  jedem  Kranken  zwecks  Studiums  d 
Aufhellung  der  Lungenfelder,  besonders  der  Lungenspitzen,  durch 
Husten  oder  tiefes  Einatmen  recht  häufig  geradezu  Tropfchemnfekt- 

tion  besonders  hervorrufen.  ...  ,  . 

8.  Von  anderen  Schutzmassnahmen  sei  noch  erwähnt,  dass 
jedes  Röntgendurchleuchtungszimmer  die  Möglichkeit  einer 
gründlichen  Durchlüftung  haben  soll,  sei  es  durch  grosse 
Fenster,  sei  es  durch  einen  Ventilator  Vor  allem  darf  das  Zimme 
nicht  zu  klein  sein.  Es  sollen  auch  nach  Möglichkeit  be 
sondere  A  u  s  k  1  e  i  d  e  r  ä  u  m  e  für  die  Kranken  vorhanden  sein. 

Die  Gefahren,  die  bedingt  sind  durch  die  Hochspannung,  scheinen 
nicht  sehr  gross  zu  sein;  immerhin  ist  bet  der  Anlage  darauf  zu 
achten,  besonders  wenn  sehr  starke  Apparate  eingebaut  werden. 

Diese  kurzen  Ausführungen  sollten  jeden  Arzt,  weicher  täglich 
Röntgendurchleuchtungen  vornimmt,  veranlassen,  seine  Schutz 
nahmen  erneut  zu  kontrollieren.  Vor  allem  "jochte  ich  .da™ *  h  ü 
weisen,  dass  der  in  den  meisten  Laboratorien  noch 
fehlende  Schutz  gegen  die  Bestrahlung  der  Fusse 
und  Unterschenkel  eingeführt  wird.  Chronische  Ek¬ 
zeme  an  Füssen  und  Unterschenkeln  waren  ja  noc 
viel  schrecklicher  als  die  chronischen  Ekzeme 
an  den  Händen,  unter  denen  ein  ganzer  Teil  von 
uns  älteren  Röntgenologen  zu  leiden  hat. 


Aus  der  Universitäts-Kinderklinik  Jena. 
(Vorstand:  Prof.  Dr.  Ibrahim.) 

Ueber  angeborene  Ankylosen  der  Fingergelenke. 


(Bemerkungen  zu  der  gleichnamigen  Arbeit  von  Brügger, 
M.m.W.  1923,  S.  874.) 


Von  Dr.  med.  J.  Duken. 


Pol  hat  in  seiner  ausgezeichneten  Arbeit  „Brachydaktylie 
Klinodaktylie  —  Hyperphalangie  und  ihre  Grundlagen  (V  irc  h  o  w 
Archiv,  229,  Heft  III,  S.  388,  1921)  die  ungeheuer  reichhaltige  Lite¬ 
ratur  dieses  Gebiets  zusammengestellt,  kritisch  gesichtet  und  durch 
eigene  Studien  ergänzt  und  geklärt.  Wir  finden  in  ihr  zahlreich  auch 
jene  Fälle  vertreten,  die  B  r  ü  g  g  e  r  in  seiner  Arbeit  unter  dem  Na¬ 
men  angeborene  Ankylosen  der  Fingergelenke  beschrieben  hat 
eine  Bezeichnung,  die  sicher  nicht  sehr  glücklich  gewählt -worden i  » 
und  die  in  der  Literatur  bereits  durch  bessere  ersetzt  wurd 
Brügger  erwähnt  nicht,  ob  die  genaue  Untersuchung  der  Fu 
seiner  Kranken  normalen  Befund  ergeben  hat;  es  ist  wahrscheinlich 
dass  auch  dort  Missbildungen  nachweisbar  sind,  sicher  aber  ist,  das 
er  seine  Befunde  noch  wesentlich  ergänzen  kann,  wenn  er  die  vor 
handene  Literatur  voll  berücksichtigt.  .. 

Brügger  spricht  die  Vermutung  aus,  dass  bei  den  von  ihn 
beschriebenen  Fällen  eine  bindegewebige  Vereinigung  der  Phalangei 
bestanden  habe,  die  dann  vielleicht  in  eine  knöcherne  Ankylose  über 
gegangen  sei.  Die  Unwahrscheinlichkeit  dieser  Annahme  liegt  s> 
sehr  auf  der  Hand,  dass  es  sich  erübrigt,  eine  Erörterung  darüber  an 
"zustellen.  Wir  brauchen  über  diesen  Punkt  auch  keine  Vermutunge 
aufzuwerfen,  da  sichere  Tatsachen  vorliegen.  Die  von  mir  angesteii 
ten  histologischen  Untersuchungen  haben  ergeben,  dass  Fei  diese 
Fällen  die  eigentliche  Gelenksbildung  ausbleibt,  dass  die  Phalange 
von  vornherein  knorplig  verbunden  sind  auf  Grund  einer  ™ai]2  I 
haften  Differenzierung  der  Zwischenzone,  einer  gestörten  Metaplasi 
des  Vorknorpelgewebes.  Ich  habe  dazu  weiter  angegeben,  dass  die. 
mangelhafte  Differenzierung  an  den  Füssen  innerhalb  physio  ogiscWl 
Schwankungen  liegt  und  unter  stärkeren  Graden  als  Missbildung  al 
Händen  und  Füssen  zum  Ausdruck  kommt  unter  Zustanden,  die  w 
als  Gelenkagenesie,  Gelenkaplasie  und  Gelenkhypop  asie  bezeichne 
Assimilation  und  Verkürzung  der  Phalangen  sind  Folgen  dieser  mail 
gelhaften  Differenzierung  der  Zwischenzone. 

Siehe:  Duken:  Familiäre,  kongenitale  Aplasie  der  Interphalange; 
gelenke  an  Händen  und  Füssen.  Verhandlung  d.  D.  pathoL  Oes.  lVZl. 
Duken:  Ueber  die  Beziehungen  zwischen  Assimilationshypophalangie  Wl 
Aplasie  der  Interphalangealgelenke.  Virch.  Arch.  1921,  223,  b.  ZU4. 


27.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


987 


Carl  v.  Hess  t- 

Nicht  nur  die  Augenheilkunde,  sondern  die  gesamte  ärztliche 
Wissenschaft  hat  einen  unersetzlichen  Verlust  erlitten.  Am  28.  Juni 
schloss  Carl  v.  Hess,  der  vor  wenigen  Monaten  noch  in  voller 
Kraft  und  auf  ganzer  Höhe  seines  Schaffens  den  60.  Geburtstag  be¬ 
gangen  hatte,  nach  kurzer  schwerer  Krankheit  für  immer  die  Augen. 
Ein  durch  ein  an  sich  gutartiges  Leiden  erforderlich  gewordener 
operativer  Eingriff  war  erfolgreich  verlaufen,  aber  eine  sich  ent¬ 
wickelnde  perniziöse  Anämie  Hess  keine  volle  Erholung  mehr  auf- 
kommen  und  endete  nach  schnellem  Fortschreiten  viel  zu  früh,  aber 
sanft  ein  Leben  höchsten  Könnens,  ein  Leben,  auf  dem  in  seltenem 
Maasse  die  Sonne  des  Glücks  und  des  Erfolges  gelegen  hatte,  das 
aber  auch  in  einzigartiger  Weise  mit  leidenschaftlicher  Hingabe  bis 
zum  letzten  Atemzuge  der  Wissenschaft  gewidmet  war;  ein  Leben, 
das  nicht  nur  der  deutschen,  sondern  der  ganzen  wissenschaftlichen 
Welt,  der  ärztlichen  wie  der  naturwissenschaftlichen,  seit  langem 
teuer  geworden  war. 

Am  7.  März  1863  in  Mainz  geboren,  als  Sohn  des  weit  über  seinen 
Wirkungsort  hinaus  bekannten  Augenarztes  Wilhelm  Hess,  des 
Freundes  Albrecht  v.  Gräfes  und  langjährigen  geschätzten  Schrift¬ 
führers  der  Heidelberger  Ophthal- 
mologischen  Gesellschaft,  waren 
ihm  von  vornherein  die  Wege  zu 
der  bestmöglichen  Ausbildung  ge¬ 
ebnet.  Nach  einem  Studium  Sn 
Heidelberg,  Bonn  und  Strassburg 
wandte  er  sich  nach  Prag,  wo  er  in 
die  Klinik  H.  Sattlers  eintrat, 
der,  ein  Schüler  A  r  1 1  s,  mit  seiner 
bald  darauf  erfolgenden  Ueber- 
siedlung  nach  Leipzig  der  Haupt¬ 
repräsentant  der  Ar  1  tischen 
Schule  in  Deutschland  werden 
sollte.  Dieser  Schule  ist  Hess 
auch  zeitlebens  treu  geblieben  und 
hat  sie  in  grossen  wie  in  kleinen 
Zügen  nie  verleugnet.  Aber  noch 
in  einem  anderen  und  fast  noch 
tiefergehenden  Sinne  sollte  sein 
Aufenthalt  in  Prag  für  ihn  bestim¬ 
mend  werden.  Damals  wirkte 
dort  als  Direktor  des  physiologi¬ 
schen  Instituts  an  der  deutschen 
Universität  in  der  Blüte  seines 
Schaffens  Ewald  Hering.  Vom 
Genius  dieses  Mannes  ebenso  wie 
von  seiner  Persönlichkeit  ange¬ 
zogen,  widmete  sich  der  junge 
Hess  alsbald  mit  voller  Hingabe 
sinnesphysiologischen  Studien,  und 
gleich  seine  erste  grössere  Unter¬ 
suchungsreihe  „über  den  Farben¬ 
sinn  im  indirekten  Sehen“  zeigt 
den  Sechsundzwanzigjährigen  be¬ 
reits  so  eingelebt  in  das  tiefste 
Wesen  der  Hering  sehen  Far¬ 
benlehre,  zugleich  als  so  feinen 
und  exakten  Beobachter,  dass  sich 
diese  Erstlingsarbeit  noch  heute 
wie  die  eines  reifen  Mannes  liest. 

Die  in  ihr  niedergelegte  Ermitte¬ 
lung  derjenigen  Farbenpaare,  wel¬ 
che  bis  zur  Gesichtsfeldperipherie 
ihren  Ton  nicht  ändern,  brachte 
eine  wesentliche  Stütze  der  The¬ 
orie  der  Gegenfarben.  Es  ist 
verständlich,  dass  deren  Autor,  von  solch  ungewöhnlicher  Be¬ 
gabung  des  so  viel  Jüngeren  angezogen,  ihn  immer  enger  in 
den  Kreis  seiner  Gedanken  einzuführen  suchte,  und  so  entstand,  zu¬ 
mal  Hering  etwa  gleichzeitig  mit  Sattler  einem  Rufe  nach 
Leipzig  folgte  und  Hess  mit  ihnen  dorthin  übersiedelte,  zwischen 
dem  feinsinnigsten  Beobachter  und  tiefsten  Denker,  den  die  Sinnes¬ 
physiologie  neben  Helmholtz  je  aufgewiesen  hat,  und  dem  jungen 
hochstrebenden  Ophthalmologen  ein  Verhältnis  von  Lehrer  zu  Schü¬ 
ler,  wie  es  schöner  kaum  gedacht  werden  kann  und  das  zu  einer  das 
ganze  Leben  hindurch  währenden  engen,  wahren  Freundschaft 
wurde.  Bis  zum  letzten  Atemzuge  blieb  Hess  ein  fast  leidenschaft¬ 
licher  Verteidiger  der  Lehren  seines  Meisters,  und  kaum  etwas  Hess 
in  seinen  späteren  Jahren  tiefere  Blicke  in  sein  Innerstes  tun,  als 
Ihn,  den  weltberühmten  Kliniker  auf  der  Höhe  seines  Ruhmes,  noch 
mit  gleichhingebender  Verehrung  und  Liebe  von  der  schlichten,  vor¬ 
nehmen  Persönlichkeit  Herings  sprechen  zu  hören. 

Aber  in  Leipzig  zogen  ihn  alsbald  auch  klinische  Aufgaben  an. 
Die  Sattler  sehe  Klinik,  aus  der  so  viele  hervorragende  Ophthal¬ 
mologen  hervorgegangen,  nahm  damals  schon  eine  der  ersten  Stellen 
in  Deutschland  ein,  und  Hess  erwies  sich  alsbald  mit  seinen  Arbeiten 
über  das  Wesen  der  Fädchenkeratitis  und  die  Entstehung  der  Strei¬ 
fentrübung  der  Hornhaut  nach  Staroperation  schon  als  der  spätere 
Meister  der  Krankenbeobachtung.  Nach  einem  kurzen  Aufenthalt 


an  der  Schöler  sehen  Klinik  in  Berlin  hatte  er  sich  1891  in 
Leipzig  habilitiert,  war  schnell  zum  ersten  Assistenten  aufgerückt 
und  wurde  1895  zum  ausserordentlichen  Professor  ernannt,  im  Jahre 
1896,  kaum  33 jährig,  zum  Nachfolger  Uhthoffs  als  ordentlicher 
Professor  nach  Marburg  berufen,  ln  die  Zeit  von  1893—1899  fallen 
seine  grundlegenden  Untersuchungen  über  die  Akkommodation,  die 
seinen  Weltruf  als  Forscher  begründeten.  Durch  neue  Methoden  der 
Beobachtung  am  Kranken,  wie  der  entoptischen  Selbstbeobachtung, 
gelang  es  ihm,  die  wahre  Lage  der  Ziliarfortsätze,  das  Herabsinken 
und  Schlottern  der  Linse  und  damit  die  Spannungsverhältnisse  der 
Zonula  beim  Akkommodationsvorgang  nicht  allein  festzustellen,  son¬ 
dern  zu  messen,  und  auf  diese  Weise  eine  Reihe  der  wichtigsten 
Streitfragen  auf  dem  Gebiete  der  Akkommodation  zu  lösen.  Der 
Helmholtz  sehen  Theorie  wurde  hierdurch  nicht  allein  zum  end¬ 
gültigen  Siege  verholten,  vielmehr  wurde  sie  in  wesentlichen  Punkten 
geklärt  und  erweitert.  Die  Heidelberger  Ophthalmologische  Gesell¬ 
schaft  erkannte  darum  Hess  im  Jahre  1900  für  diese  Arbeiten  den 
W  e  1  z  sehen  Gräfe  preis  zu.  Neben  diesen  sinnesphysiologischen 
Studien  gingen  eine  Reihe  von  Untersuchungen  über  die  Entstehung 
von  Missbildungen  und  über  die  Pathogenese  der  wichtigsten  Star¬ 
formen  einher,  zwei  Arbeitsgebiete,  zu  denen  Hess  auch  später 

immer  wieder  gern  zurückkehrte. 
Im  Jahre  1900  erfolgte  dann  seine 
Berufung  nach  Würzburg  als 
Nachfolger  Julius  v.  Michels, 
der  die  Leitung  der  Berliner 
Augenklinik  übernommen  hatte. 

Die  zwölf  Jahre,  die  Hess  in 
der  schönen,  ihm  schnell  ans  Herz 
wachsenden  sonnigen  Mainstadt 
verlebte,  als  Leiter  der  eben  reu¬ 
erbauten  prächtigen  und  ganz  nach 
seinem  Sinn  ausgestatteten  Augen¬ 
klinik,  sollten  den  Höhepunkt 
seines  Schaffens  bilden.  Zunächst 
fallen  in  diese  Jahre  die  zwei 
Lehrbücher  über  die  Anom  ilien 
der  Refraktion  und  Akkommodation 
und  über  die  Pathologie  des  Lin¬ 
sensystems,  die  im  Rahmen  des 
G  r  ä  f  e  - S  ä  m  i  s  c  h  sehen  Hand¬ 
buchs  die  entscheidenden  Lehr¬ 
werke  auf  den  genannten  beiden 
grossen  Gebieten  für  eine  ganze 
Generation  von  Augenärzten  ge¬ 
worden  sind.  Was  diese  Bücher 
besonders  auszeichnet,  ist,  dass  sie 
überall  auf  eigener-  Anschauung 
und  eigener  Erfahrung  fussen, 
nicht  ängstlich  auf  Vollständigkeit 
der  Literatur  bedacht  sind,  son¬ 
dern,  alles  Unwesentliche  beiseite 
lassend,  eigenstes  Urteil  bringen 
und  dabei  den  oft  schwierigen  Ge¬ 
genstand  mit  jener  Klarheit  der 
Diktion  und  Flüssigkeit  des  Stils 
behandeln,  die  alles  auszeichnen, 
was  Hess  geschrieben.  Besonders 
die  Ausführungen  über  Pathologie 
und  Therapie  der  Katarakt  — 
Hess  war  einer  der  besten  Star¬ 
operateure  —  sind  den  Fachge¬ 
nossen  zum  unentbehrlichen  Rat¬ 
geber  geworden.  Bald  wurde  denn 
auch  eine  Neuauflage  und  Neube¬ 
arbeitung  der  beiden  Handbücher 
erforderlich.  Daneben  begannen 
aber  die  grosszügigen  Arbeiten  über  die  vergleichende  Physiologie 
des  Licht-  und  Farbensinnes  sowie  über  die  Variationen  des  Akkom¬ 
modationsmechanismus  in  der  Tierreihe,  die  den  Namen  Hess  durch 
die  ganze  Welt  tragen  sollten.  Er  war  eben  nicht  nur  Arzt  und 
Kliniker,  sondern  Naturforscher  im  wahrsten  Sinne  des  Wortes.  Dar¬ 
um  zog  es  ihn  über  die  Grenzen  des  eigenen  Faches  hinaus  zu  den 
grossen  sinnesphysiologischen  Entwicklungsproblemen. 

Es  ist  kaum  möglich,  die  Fülle  seiner  Untersuchungen  auf  diesem 
Gebiete  auch  nur  in  ihren  Umrissen  hier  zu  skizzieren.  Indem  er 
den  in  der  belebten  Welt  so  tief  eingewurzelten  Drang  zum  Licht 
als  Maassstab  verwendete,  gelang  es  ihm  zum  ersten  Male,  mit 
messenden  Methoden  in  das  Problem  des  Licht-  und  Farbensinnes 
der  Tiere  einzudringen.  Mit  in  staunenswerter  Weise  immer  neu 
variierten  eigensten  Methoden  ging  er  systematisch  Schritt  für  Schritt 
vor,  mit  dem  Lichtsinn  der  Vögel  beginnend,  dann  zu  den  Reptilien, 
Amphibien  und  Fischen  und  endlich  zu  den  Wirbellosen  übergehend, 
und  baute  so  sein  grosses,  rein  aus  Beobachtungen  gewonnenes 
System  auf,  nach  dem  bei  den  Wirbeltieren  sich  erst  beim  Ueber- 
gang  vom  Wasser  zum  Landleben  der  Farbensinn  entwickelt  hat, 
die  Wirbellosen  aber  dauernd  in  einem  Zustand  verblieben  sind,  der 
dem  Sehen  des  total  farbenblinden  Menschen  gleicht.  Es  ist  bekannt, 
wie  diese  gewaltige  Hypothese  besonders  hinsichtlich  des  Farben¬ 
sehens  der  Insekten  von  seiten  der  Zoologen  nicht  ohne  Widerspruch 


988 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


blieb.  Aber  selbst  wenn  spätere  Zeiten  einzelne  seiner  Schlüsse  als 
zu  weitgehend  ablehnen  sollten,  so  wird  iür  immer  allein  schon  die 
geniale  Methodik  als  eine  der  schönsten  Leistungen  naturwissen¬ 
schaftlicher  Forscherarbeit  bestehen  bleiben.  Wenn  man  dazu  be¬ 
denkt,  dass  diese  unermessliche  Arbeit  von  einem  der  vielbescnäf- 
tigsten  Kliniker  geleistet  wurde,  so  fasst  einen  immer  wieder  erneut 
Staunen  und  Bewunderung. 

Zahllos  sind  die  Publikationen,  in  denen  Hess  seine  Forschungs¬ 
ergebnisse  aus  dem  Gebiete  der  vergleichenden  Physiologie  des 
Lichtsinnes  niedergelegt  hat,  eine  grosse  Zusammenstellung  findet 
sich  in  Wintersteins  Lehrbuch  der  vergleichenden  Physiologie, 
den  schönsten,  reifsten  Ausdruck  gewann  seine  Lehre  aber  in  dem 
klassischen,  1913  auf  der  Wiener  Naturforscherversammlung  ge¬ 
haltenen  Vortrag.  Nur  dadurch  vermochte  ein  Einzelner  alles  dies 
zu  vollbringen,  dass  sich  in  ihm  in  seltenster  Weise  nie  erlahmende 
Arbeitskraft,  grösste  Leichtigkeit  im  Produzieren  und  eine  hin¬ 
reissende  Liebe  zum  Beobachten  vereinte.  Wem  das  Glück  zu  Teil 
wurde,  jahrelang  mit  Hess  zusammenzuarbeiten,  der  wird  nie  ver¬ 
gessen,  mit  welcher  Freude  und  Begeisterung  er  einem  seine  neuen 
Beobachtungen  vorwies  und  daran  teilnehmen  liess.  Seine  fabelhafte 
Beobachtungsgabe  zeichnete  ihn  auch  in  der  ärztlichen  Tätigkeit  aus 
und  machte  ihn  zu  dem  so  treffsicheren  Kliniker,  der  immer  das 
Wesentliche  sofort  heraussah,  sich  nie  mit  Nebensächlichem  abgab. 

In  die  Würzburger  Jahre  fällt  auch  die  Uebernahme  der  Redak¬ 
tion  des  Archivs  für  Augenheilkunde,  das  er  nach  Schweiggers 
Tod  zur  neuen  Blüte  brachte  und  fast  20  Jahre  leitete,  fällt  weiter 
eine  Vortragsreise  durch  die  Vereinigten  Staaten  von  Amerika,  die 
seinen  Ruhm  im  Ausland  noch  mehrte,  wo  ohnedies  Hess  bereits 
als  der  vornehmste  Repräsentant  der  deutschen  Augenheilkunde  galt. 
Enge  Beziehungen  verbanden  ihn  bis  zum  Ausbruch  des  Krieges  mit 
den  ersten  Ophthalmologen  der  ganzen  Welt,  woran  seine  ungemeine 
Beherrschung  der  fremden  Sprachen  nicht  unwesentlich  mitwirkte. 
Auch  an  äusseren  Auszeichnungen  —  darunter  die  Verleihung  des 
Adels  —  fehlte  es  nicht,  zumal  er  Rufe  nach  Strassburg,  Heidelberg, 
Wien  und  Berlin  ablehnte.  So  war  es  selbstverständlich,  dass  er 
1912  nach  dem  Tode  von  Eversbusch  auf  den  Münchener  Lehr¬ 
stuhl  berufen  wurde.  Hier  in  dem  weitaus  grösseren  Wirkungsfelde 
hat  Hess  noch  in  erhöhtem  Maasse  seine  ganz  phänomenale  Arbeits¬ 
kraft.  bewiesen.  Zu  der  Leitung  der  grossen  weitläufigen  Klinik 
kam  eine  ausgedehnte  Privatpraxis  mit  Konsultationen,  die  ihn  oft 
ins  ferne  Ausland  riefen.  Dabei  blieb  er  unverändert  produktiv  in 
seinem  Schaffen.  Neben  immer  erneuter  Ausgestaltung  seiner  Ver¬ 
suche  über  das  Sehen  der  Wirbellosen  und  der  Entkräftung  von  Ein¬ 
wänden,  die  gegen  seine  Lehre  erhoben  wurden,  zog  es  ihn.  wieder 
zu  den  alten  Problemen  der  menschlichen  Farbenblindheit,  und  mit 
einer  Fülle  neuer  Methoden  und  Apparaturen  fand  er  auch  hier  auf 
diesem  so  viel  bearbeiteten  Felde  noch  grundlegende  neue  Tat¬ 
sachen.  Indem  er  den  Gelb-Blausinn  der  sog.  Rotblinden  und  Grün¬ 
blinden  messend  untersuchte,  ermittelte  er  eine  Unterwertigkeit  des¬ 
selben  bei  ersteren,  eine  Ueberwertigkeit  bei  letzteren,  und  stellte 
damit  eine  ganz  neue  Stufenreihe  vom  Totalfarbenblinden  über  die 
beiden  Formen  der  Rot-  und  Grünblindheit  zum  Farbentüchtigen  auf. 
Auch  auf  dem  für  die  Neurologie  so  wichtigen  Gebiete  der  Semiotik 
der  Pupillenstörungen  eröffnete  er  mit  seinem  „Differentialpupillo- 
skop“  messenden  Methoden  den  Weg  und  erweiterte  durch  die 
exakte  Prüfungsmöglichkeit  der  motorischen  und  sensorischen  Unter¬ 
schiedsempfindlichkeit  in  wesentlichen  Punkten  die  Diagnostik,  wie 
er  schon  früher  durch  seine  Untersuchungen  über  die  verschiedene 
pupillomotorischc  Wertigkeit  der  einzelnen  Netzhautbezirke  und  die 
Einführung  des  Hemikinesimeters  der  topischen  Diagnostik  ein  neues 
Hilfsmittel  in  die  Hand  gegeben  hatte.  Daneben  ging  die  Fortführung 
seiner  Studien  über  das  Wesen  der  Adaptationsstörungen  und  über 
die  Verbesserungsmöglichkeiten  der  Perimetrie.  Sämtliche  methodo¬ 
logischen  Resultate  fasste  er  in  Abschnitten  der  „Ergebnisse  der 
Physiologie“  und  in  „Abderhaldens  Handbuch  der  biologischen 
Arbeitsmethoden“  zusammen. 

Alle  diese  weitumfassende  Arbeit  vollbrachte  Hess  in  den  zehn 
Jahren  seiner  Münchener  Tätigkeit,  obwohl  vom  Jahre  1914  ab  die 
Not  des  Krieges  und  nach  1918  das  Leid  unseres  Vaterlandes  schwer 
auf  seiner  Seele  lasteten.  Auch  seinen  erlesenen  Geist  beugte  das 
nationale  Unglück  nieder,  und  es  war  oft,  als  suchte  er  in  verdoppelter 
Hingabe  an  seine  wissenschaftlichen  Probleme  Rettung  vor  der  Ge¬ 
genwart.  In  der  Arbeit  blieb  er  von  unveränderlicher  Elastizität,  aber 
der  alte  Frohsinn,  die  hinreissende  Lebensfrische,  die  ihn  früher  aus¬ 
gezeichnet  hatten  und  die  alle  bezauberten,  denen  es  vergönnt  war, 
ihn  in  dem  glücklichst-harmonischen  häuslichen  Heim  seiner  Familie, 
auf  Wanderungen  durch  Gottes  freie  Natur  oder  im  geselligen  Kreise 
zu  sehen,  sie  kehrten  immer  seltener  wieder.  Wohl  war  es  ihm  eine 
tiefe  Freude,  als  ihm  die  Göttinger  naturwissenschaftliche  Fakultät 
den  Dr.  phil.  honoris  causa  verlieh,  und  vor  allem,  als  ihm  im  Früh¬ 
jahr  1922  die  Deutsche  Ophthalmologische  Gesellschaft  mit  der 
Gräfe-  Medaille  die  höchste  Ehrung  zuerkannte,  die  sie  zu  vergeben 
hat  und  die  bisher  nur  Männern  wie  Helm  holt  z,  Leber  und 
Hering  zuteil  geworden  war.  Aber  die  persönliche  Auszeichnung 
konnte  ihm,  dem  so  tief  deutsch  empfindenden  Manne,  dem  leiden¬ 
schaftlichen  Verehrer  unserer  Heroen,  ihm,  der  den  höchsten  Aufstieg 
deutschen  Ansehens  miterlebt  und  selbst  ein  Stück  desselben  reprä¬ 
sentiert  hatte,  den  allgemeinen  Niedergang  nicht  aufwiegen. 

Nun  ruht  seine  Asche  an  einem  wunderbar  friedlichen  Ort  in¬ 
mitten  deutschen  Waldes  in  unmittelbarer  Nähe  Münchens.  In  er¬ 


Nr.  30. 


greifender  Trauerfeier  wurde  sie  unter  dem  Geleit  einer  grossen  An¬ 
zahl  treuester  Freunde,  Kollegen  und  Verehrer  des  Dahingegangenen 
der  Erde  anvertraut. 

Um  C.  v.  Hess’  Heimgang  trauert  die  deutsche  wie  die 
ausländische  Aerzteschaft,  trauert  eine  unermessliche  Zahl  Kranker, 
denen  er  Hilfe  ebenso  durch  seine  Kunst,  wie  durch  die  Kraft  seiner 
hellen,  zuversichtlichen  Persönlichkeit  brachte,  trauer.n  alle,  die  unter 
ihm  gearbeitet  und  seine  warme  Anteilnahme,  sein  gütiges  Wohlwollen 
kennen  gelernt  haben,  trauern  vor  allem  diejenigen  seiner  einstigen 
Schüler,  die  seine  Grösse,  indem  sie  sie  aus  nächster  Nähe  sahen, 
nicht  nur  bewundern,  sondern  lieben  gelernt  hatten  und  denen  er  im 
Laufe  der  Jahre. zum  nahen  Freunde  geworden;  sie,  die  hoffen  durf¬ 
ten,  noch  eine  lange  Strecke  gemeinsam  mit  ihm  zu  gehen.  Mit 
tiefster  Wehmut  sind  daher  diese  Gedenkzeilen  geschrieben.  Aber 
uns  alle  tröstet  das  Bewusstsein,  dass  wir  Hess  nie  ganz  verlieren 
können.  Was  er  gewesen  und  was  er  geleistet,  ist  unser  Besitz. 

K.  Wessely. 


Bücheranzeigen  und  Referate. 

Oskar  H  e  r  t  w  i  g  t  und  Günther  H  e  r  t  w  i  g:  Allgemeine  Bio¬ 
logie.  6.  und  7.  Auflage.  822  S.,  496  teils  farbige  Abbildungen.  Jena,' 
G.  Fischer,  1923.  Preis  Grdz.  geb.  9  M. 

Die  vorliegende  Auflage,  nach  dem  Tode  Oskar  Hertwigs 
von  G.  H  e  r  t  w  i  g  allein  fertiggestellt,  zeugt  wiederum  von  dem 
Bestreben  der  Autoren,  dieses  wichtige  Werk  dauernd  mit  den  gerade 
in  der  allgemeinen  Biologie  sehr  schnell  anwachsenden  Kenntnissen 
dauernd  fortschreiten  zu  lassen,  ln  bewundernswert  klarer  Darstel¬ 
lung  sind  in  der  neuen  Auflage  vor  allem  die  neuen  Tatsachen  über 
den  Zellstoffwechsel,  die  Vererbungsmechanismen,  die  Beziehungen 
des  Plasmas  zum  Kern  usw.  verarbeitet.  Eine  grosse  Reihe  von 
Kapiteln  sind  gründlich  neubearbeitet,  ohne  dass  der  Umfang  wesent¬ 
lich  angewachsen  wäre.  Wir  können  uns  glücklich  schätzen,  dass 
der  Weiterbestand  dieses  einzigartigen  Buches  in  seiner  bisherigen 
Zuverlässigkeit  durch  einen  so  ausgezeichneten  Bearbeiter  gewähr-, 
leistet  ist.  Die  Ausstattung  ist  wieder  auf  der  alten  Höhe,  die  wir 
von  Vorkriegszeiten  her  vom  Fischer  sehen  Verlage  gewohnt  sind, 
der  Preis  sehr  niedrig.  v.  M  ö  1 1  e  n  d  o  r  f  f  -  Hamburg.  , 

L.  Asch  off:  Pathologische  Anatomie.  Ein  Lehrbuch  für  Stu¬ 
dierende  und  Aerzte,  bearbeitet  von  L.  A  s  c  h  o  f  f  -  Freiburg  i.  B., 
M.  A  s  k  a  n  a  z  y  -  Genf,  H.  B  e  i  t  z  k  e  -  Graz,  C.  B  e  n  d  a  -  Berlin. 
M.  Borst-  München,  A.  Dietrich-  Köln,  P.  Ernst-  Heidelberg, 

E.  v.  G  i  e  r  k  e  -  Karlsruhe,  L.  J  o  r  e  s  -  Kiel,  0.  Lubarsch  -  Berlin, 
0.  N  a  e  g  e  1  i  -  Zürich,  R.  R  ö  s  s  1  e  -  Basel,  M.  B.  Schmidt  -  Würz¬ 
burg,  H.  Schridde  -  Dortmund,  E.  Schwalbet-  Rostock, 
M.  Simmonds  -  Hamburg,  C.  Sternberg  -  Wien.  6.  Auflage. 

I.  Band:  Allgemeine  Pathologie,  Allgemeine  pathologische  Anatomie. 
Mit  448  grösstenteils  mehrfarbigen  Abbildungen  im  Text.  II.  Band: 
Spezielle  pathologische  Anatomie.  Mit  670  grösstenteils  mehrfarbigen 
Abbildungen  im  Text  und  1  lithographischen  Tafel.  Jena,  Verlag  von 
Gustav  Fischer,  1923. 

Es  ist  wohl  selbstverständlich,  dass  die  neue  Auflage  des  Lehr¬ 
buches  keine  bedeutenderen  Veränderungen  und  Neuerungen  gegen¬ 
über  der  vorausgegangenen  Auflage  enthält,  nachdem  diese  erst  vor 
kaum  2  Jahren  erschienen  ist.  Im  allgemeinen  Teil  ist  nur  das  Kapitel 
über  die  Schutzkörperbildung  und  Immunität,  welches  früher  von 
Kretz  behandelt  war,  von  Rössle  vollständig  neu  bearbeitet 
worden.  In  dem  Kapitel  über  die  Entzündung  (Lubarsch)  ist  der 
Begriffsbestimmung  dieses  wichtigsten  Prozesses  ein  besonderer  Ab¬ 
schnitt  gewidmet  worden,  auch  haben  die  älteren  Entzündungstheorien 
eingehende  Berücksichtigung  gefunden.  Eine  ziemlich  weitgehende 
Umarbeitung  hat  auch  das  Kapitel  über  die  Geschwülste  (Borst) 
erfahren,  ebenso  das  über  den  Fettstoffwechsel  (v.  G  i  e  r  k  e)  und  im  I 

II.  Teil  das  über  den  Stoffwechsel  in  der  Leber  (S  t  e  r  n  b  e  r  g).  Nur  I 
wenige  Abschnitte,  wie  der  über  die  äusseren  Krankheitsursachen,  I 
sind  etwas  gekürzt  worden.  Wenn  gleichwohl  die  Seitenzahl  des  I 
I.  Bandes  von  850  auf  805  und  die  des  II.  Bandes  von  1088  auf  1030  I 
zurückgegangen  ist,  so  beruht  dies  lediglich  darauf,  dass  der  Text  I 
mit  engeren  Zeilen  gedruckt  worden  ist  und  wohl  auch  an  einigen  j 
Stellen  der  Kleindruck  etwas  mehr  Verwendung  gefunden  hat.  Sowohl  ? 
dem  Herausgeber  wie  auch  dem  Verleger  kann  man  gar  nicht  genug  {1 
danken,  dass  trotz  der  durch  die  Revolution  verursachten  so  überaus  I 
traurigen  Wirtschaftslage  an  der  Ausführung  und  Gründlichkeit  der  I 
Darstellung  des  hervorragenden  Werkes  gegenüber  den  früheren  Auf-  5 
lagen  nichts  geändert,  ja  dass  die  Zahl  der  Abbildungen  sogar  um 
einige  erhöht  worden  ist.  Denn  es  lässt  sich  nun  einmal  das  funda-  I 
mentale  Fach  der  pathologischen  Anatomie  nicht  in  einen  engeren  I 
Rahmen  hineinzwängen,  wenn  das  Werk  seinen  Zweck  als  „Lehr¬ 
buch  für  Studierende  und  Aerzte“  wirklich  erfüllen  soll. 
Im  Gegenteil,  es  wäre,  wie  der  Referent  schon  bei  der  Besprechung  ' 
früherer  Auflagen  wiederholt  betont  hat,  dringend  erwünscht,  wenn 
einige  Abschnitte  noch  eingehender  behandelt  wären.  So  müssten  ■ 
doch  z.  B.  die  Verkrümmungen  der  Wirbelsäule  unbedingt  im  Zu¬ 
sammenhang  mit  den  oft  schweren  Veränderungen  der  Lungen  und 
ihrer  Wirkung  auf  das  Herz  usw.  geschildert  werden.  Erfreulich  ist 
es,  dass  nun  auch  B  e  i  t  z  k  e  in  dem  Kapitel  über  die  Krankheiten  der 
Lunge  zu  der  allgemein  üblichen  Bezeichnung  „Tuberkulose“ 
zurückgekehrt  ist,  so  dass  nun  A  s  c  h  o  f  f  auch  hier  mit  seinem  Ver- 


27.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


such,  diesen  Ausdruck  durch  das  Wort  „Phthise“  zu  verdrängen, 
alleinsteht.  Für  ein  Lehrbuch  wäre  es  im  Interesse  einer  einheit¬ 
lichen  Darstellung,  welche  bei  so  zahlreichen  Mitarbeitern  an  sicii 
nicht  leicht  ist,  besser,  wenn  derartigen  abweichenden  Anschauungen 
vielleicht  nur  in  einer  Anmerkung  Rechnung  getragen  würde. 

G.  Hause  r. 

Fr.  Kraus  und  Th.  B  r  u  g  s  c  h:  Spezielle  Pathologie  und  Thera¬ 
pie  innerer  Krankheiten.  Urban  &  Schwarzenberg.  Liefe¬ 
rung  321 — 350. 

Mit  der  Abhandlung  von  B  r  u  g  s  c  h  -  Berlin:  Erkrankungen 
der  Leber,  U  n  g  e  r  -  Berlin:  Die  akute  Peritonitis,  und  Ka¬ 
re  w  s  k  i- Berlin:  Appendizitis  vom  Standpunkte  der  Chirurgie, 
finden  die  Erkrankungen  des  Verdauungsapparates  ihren  Ab¬ 
schluss.  V  o  g  t  -  Magdeburg  erörtert  die  Pathologie  der  künst¬ 
lichen  Säuglingsernährung.  Ihm  folgt  im  9.  Band  Re  y  h  e  r  -  Benin: 
Der  Skorbut  im  Säuglingsalter  und  späteren  Kindesalter  (Möller- 
B  a  r  1  o  w  sehe  Krankheit),  Eckert-  Berlin:  Pathologie  und  Therapie 
des  älteren  Kindes  und  Franz  und  Z  o  n  d  e  k  -  Berlin:  Beziehungen 
der  Geburtshilfe  und  Gynäkologie  zur  inneren  Medizin. 

!  .  Von  K  i  s  s  k  a  1 1  -  Kiel  ist  das  Kapitel:  Seuchenverbreitung  und 
Seuchenbekämpfung  übernommen  und  als  Ergänzung  zu  der  im 
2.  Band,  1.  Feil  erschienenen  Bearbeitung  des  Typhus  und  Paratyphus 
erscheint  von  Hirsch-  Bonn  ein  Kapitel:  Ueber  Thyphus  und  Para¬ 
typhus  auf  Grund  der  ärztlichen  Erfahrungen  im  Weltkrieg,  wobei  wohl 
als  Wichtigstes  sich  herausstellt,  dass  durch  die  prophylaktische  Imp¬ 
fung  das  Krankheitsbild  sich  im  allgemeinen  verändert  und  dass  die 
Schutzimpfung  sich  als  eine  mächtige  prophylaktische  Waffe  er¬ 
wiesen  hat. 

Die  Abschnitte  Hysterie  und  Neurasthenie  sind  von  Kuszinski- 
Königsberg  und  Stier-  Charlottenburg  verfasst, 
j  Eine  absolut  neue  Betrachtungsweise  ist  niedergelegt  in  dem  um¬ 
fangreichen  Abschnitt  von  Fr.  Kraus-  Berlin:  Insuffizienz  des  Kreis¬ 
laufapparates,  eingeschlossen  die  der  gesamten  Flüssigkeitsverteilung 
im  Organismus.  Von  dem  Satz  ausgehend,  dass  die  Säftebeförderung 
nur  zum  1  eil  durch  den  geschlossenen  Kreislauf  geschieht,  dass  viel¬ 
mehr  der  Schwerpunkt  des  Flüssigkeitsverkehrs  in  den  Geweben  liegt, 
wird  mit  den  modernsten  Errungenschaften  und  Anschauungen  der 
physikalischen  Chemie  die  Erklärung  der  Zirkulationsstörungen  ge¬ 
sucht.  Die  Fülle  des  beigebrachten  Materials  und  der  Gedanken  und 
auch  wohl  die  Schreibweise  stellen  den  Leser  vor  keine  leichte  Auf¬ 
gabe. 

,  Die  zuletzt  erschienene  Lieferung  bringt  die  Bearbeitung  der 
Lähmungen  der  peripheren  Nerven  einschliesslich  der  Untersuchungs¬ 
technik  von  1  oby  Cohn-Berlin,  die  uns  wieder  in  die  gewohnten 
klinischen  Bahnen  führt.  F.  V  o  i  t. 

Die  Salvarsanfrage.  Stenogr.  Bericht  über  die  Sitzung  des  preuss. 
Landesgesundheitsrates,  14.  Jan.  1922.  Veröffentl.  a.  d.  Gebiete  der 
Medizinalverwaltung.  XVI.  Band,  7.  Heft.  Berlin  1922  bei  Richard 
Schoetz.  148  Seiten.  Grundpreis  2.70  M. 

Es  handelte  sich  in  der  Sitzung  darum,  durch  Referate  und  Dis¬ 
kussion  zu  gewissen  Richtlinien  über  Salvarsanbehandlung,  Einführung 
einer  Maximaldosis  etc.  zu  kommen. 

Das  erste  Referat  von  Jadassohn  gibt  in  klarer  Weise  den 
jetzigen  Stand  der  Ansichten  über  Salvarsan  als  Heilmittel  der 
Syphilis  wieder.  Dann  folgt  ein  Referat  von  Busclik  e.  Es  ist 
psychologisch  ungemein  interessant,  denn  er  verweist  am  Anfang 
and  am  Ende  darauf,  dass  seine  im  Jahre  1910  geäusserten  Ansichten 
heute  noch  richtig  seien  und  beruft  sich  auf  sein  damals  abgegebenes 
Urteil.  Offenbar  ist  es  ihm  gar  nicht  zum  Bewusstsein  gekommen, 
dass  diese  Berufung  auf  ein  Urteil,  das  zu  einer  Zeit  abgegeben  war, 
wo  weder  B  u  s  c  h  k  e,  noch  jemand  anderer  genügend  Erfahrung  über 
das  eben  von  Ehrlich  uns  in  die  Hand  gegebene  Salvarsan  haben 
konnte,  schon  darauf  hindeutet,  dass  er  durch  12  Jahre  an  einer  vor¬ 
gefassten  Meinung  festgehalten  hat.  Er  hat  nun  auch  mit  enormer 
Gründlichkeit  seinen  Standpunkt  dargelegt,  wobei  niemand  an  der 
subjektiven  Richtigkeit  des  Gesagten  zweifeln  wird,  aber  doch  gesagt 
werden  muss,  das  manches  der  Korrektur  bedarf.  Wenn  B  u  s  c  h  k  e 
z.  B.  sagt,  bei  der  Pädiatern  beginne  bereits  ein  Rückschlag  gegen  die 
Anwendung  von  Salvarsan  bei  kongenitaler  Lues  (S.  64),  so  hat  Rcf. 
auf  dem  Kongress  für  Kinderheilkunde  in  Leipzig  im  Sept.  1922,  wo  er 
die  Ehre  hatte,  ein  Referat  über  das  Thema  zu  halten  und  eine  aus¬ 
giebige  Diskussion  stattfand,  nichts  davon  gemerkt.  Wenn  von  der 
Jie  Nieren  schädigenden  Wirkung  des  Salvarsans  gesprochen  wird,  so 
vermisst  Ref.  einen  Hinweis  auf  die  viel  grössere  Gefahr,  welche 
Quecksilber  den  Nieren  bringt,  auch  bei  vorsichtiger  Anwendung, 
nicht  wie  Salvarsan  bei  unrichtiger.  Wenn  gesagt  wird,  dass  die 
Aortenlues  seit  der  Salvarsanära  sich  stark  vermehrt  habe,  so  ist 
darauf  wohl  zu  antworten,  dass  sie  jetzt  besser  bekannt  ist.  Die  Fälle 
von  Aortenlues,  die  Ref.  sah,  und  sie  ist  hier  nicht  selten,  wie  wir  seit 
Oberndorfers  schöner  Publikation  wissen,  haben  sich  alle  vor 
vielen  Jahren  infiziert,  vor  der  Salv'arsanzeit  und  ihre  frische  Syphilis, 
wo  doch  wohl  die  Infektion  der  inneren  Organe  auch  schon  einsetzt, 
uhne  Salvarsan  durchgemacht.  Es  würde  zu  weit  führen,  auf  alles 
emzugehen,  was  Widerspruch  herausfordert.  Nur  eines  sei  nach  er¬ 
wähnt:  Buschke  fordert,  dass  die  Studierenden  im  Sinne  des  Re¬ 
ferates  belehrt  werden  sollen;  Aerzte  und  Laien  sollen  in  dem  Sinne 
nelehrt  werden,  dass  die  alten  Mittel  wichtiger  und  ungefährlicher 
sind,  Salvarsan  sei  gefährlicher  und  komme  erst  in  zweiter  Linie  in 


Betracht.  Hier  muss  Einspruch  erhoben  werden:  Erstens  gehören 
Aerzte  und  Studierende  in  eine  Gruppe,  nicht  Aerzte  und  Publi¬ 
kum.  Zweitens  ist  die  Belehrung  der  Studierenden  und  bis  zu  einem 
gewissen  Grade  auch  die  der  Aerzte  Sache  der  klinischen  Lehrer 
und  kann  nicht  durch  Flugblätter  einer  Regierung  gemacht  werden. 
Drittens  ist  die  Belehrung  des  Publikums  Sache  der  behandelnden 
Aerzte;  wohin  würden  wir  kommen,  wenn  die  Kranken  mit  Flug¬ 
blättern  der  preussischen  oder  einer  anderen  Regierung  ins  Ordina¬ 
tionszimmer  der  Aerzte  träten,  um  mit  diesen  eine  wissenschaftliche 
Kontroverse  zu  eröffnen.  Eine  Ansicht,  die  auch  der  Vorsitzende  ver¬ 
trat-  Weiterhin  enthält  der  Bericht  Vorschläge  von  H  e  f  f  t  c  r  über 
die  Möglichkeit,  Salvarsanschäden  zu  vermeiden.  Dann  folgen  sehr 
!.,!t?.res?ante  Bemerkungen  v.  Wassermanns,  die  sich  zum  guten 
I  eil  mit  dem  Referat  Buschke  befassen.  Auch  Lentz  tritt  diesem 
Referat  entgegen,  das  auch  von  Lu  barsch  angegriffen  wurde. 
Arndt  und  S  c  h  o  1 1  z  vertreten  den  Standpunkt,  dass  die  Salvarsan¬ 
behandlung  vorsichtig  durchgeführt,  aber  genügende  Gesamtmenge 
gegeben  werden  müsse.  Besonders  bei  frischer  Lues  wird  ihre  Wicn- 
tigkeit  betont.  Arndt  hebt  die  (auch  in  München  beobachtete)  Tat- 
sache  hervor,  dass  zur  Zeit  der  Beratung  Salvarsanschäden  gehäuft 
auftraten.  Ausser  den  Genannten  beteiligten  sich  noch  eine  Reihe 
anderer  Teilnehmer  (M  e  i  r  o  w  s  k  i  u.  a.)  an  der  Sitzung.  Vertreter 
der  Krankenkassen  hoben  mit  Recht  hervor,  dass  der  Kampf  gegen 
das  Salvarsan  nur  den  Kurpfuschern  Vorschub  leiste. 

L.  v.  Zumbusc  h. 

M.  Lewandowskys  Praktische  Neurologie  für  Aerzte 

4.  verbesserte  Auflage  von  R.  H  i  r  s  c  h  f  e  1  d.  Mit  21  Abbildungen 
396  S.  Berlin,  Julius  Springer.  Grdpr.  12  M. 

Das  ausgezeichnete  Buch  hat  seit  1912  nun  bereits  die  4.  Auf¬ 
lage  erlebt;  seit  dem  tragischen  Tode  seines  Verfassers,  der  die 
2.  Auflage  1916  noch  herausgab,  sind  nun  bereits  2  Auflagen  unter 
der  bewährten  Redaktion  von  R.  Hirschfeld  erschienen;  ein 
Beweis  dafür,  dass  das  Buch  wirklich  den  Bedürfnissen  und  dem 
Geschmack  vieler  Aerzte  entsprach. 

Auch  in  der  neuen  Auflage  hat  es  R.  H  i  r  s  c  h  f  e  1  d  verstanden, 
mit  Geschick  und  Pietät  die  erfrischende  Originalität  Lewan¬ 
dowskys  zu  erhalten,  dieses  grossen,  ungewöhnlich  kritischen 
Gelehrten,  der  sein  Buch  nicht  nur  mit  Gelehrsamkeit  und  souveräner 
Beherrschung  des  grossen  Stoffes,  sondern  auch  mit  dem  gesunden 
Menschenverstand  geschrieben  hatte;  man  lese  zum  Zeugnis  dessen 
die  herzerfreuenden  Ausführungen  über  Hysterie  und  andere  „Psycho- 
neurosen“,  ganz  besonders  über  die  Rentenneurosen,  ihre  Theorien 
und  Behandlung! 

R.  H  i  r  s  c  h  f  e  1  d  hat  überall  ergänzt,  wo  wichtige  neue  Ergeb¬ 
nisse  Vorlagen,  und  hat  in  sehr  knapper,  aber  doch  vortrefflicher 
Weise  Abschnitte  über  epidemische  Enzephalitis  und  extrapyramidale 
Bewegungsstörungen,  sowie  eine  neue  Bearbeitung  des  Kapitels  über 
Begutachtungen  (auf  Grund  des  neuen  Reichsversorgungsgesetzes 
vom  Mai  1920)  hinzugefügt. 

Das  Buch  verdient  auch  in  der  4.  Auflage  viele  Leser  und  wird 
sie  ohne  Zweifel  auch  finden.  Für  den  praktischen  Arzt  und  auch  den 
Studenten  ohne^  fachärztliche  Interessen  gibt  es  nichts  besseres. 
Aber  auch  der  Fachneurologe  wird  sich  in  dem  geistvollen,  knappen 
Buch  gern  vom  Studium  so  mancher  verstiegener  und  langatmiger 
Literatur  erholen.  H.  Curschrrtann  -  Rostock. 

Freud:  Das  Ich  und  das  Es.  Internationaler  psychanalytischer 
Verlag,  Leipzig,  Wien,  Zürich.  77  S. 

Hinter  dem  Ich,  das  die  Wahrnehmungen,  den  Zusammenhang  mit 
der  Aussenwelt,  die  Vernunft  und  Besonnenheit  repräsentiert,  kann 
man  ein  weniger  persönliches  „Es“  unterscheiden,  das  wesentlich 
I  riebkräfte,  die  Leidenschaften  enthält.  Ausserdem  gibt  es  noch 
ein  „Ueber-Ich“  oder  Ichideal,  entstanden  aus  dem  Oedipuskomplex 
durch  Identifizierung  und  Idealisierung.  Im  Ueber-Ich  drücken  sich 
ethische  Strebungen,  besonders  das  Gewissen  aus.  —  An  anderen 
Orten  hat  Fr  eud  unsere  Triebe  in  zwei  grosse  Triebarten  eingeteilt, 
den  Sexualtrieb  oder  Eros,  und  den  Todestrieb,  dem  die  Aufgabe  ge¬ 
stellt  ist,  das  organisch  Lebende  in  den  leblosen  Ruhestand  zurück¬ 
zuführen,  während  der  Eros  das  Leben  erhält.  Der  Todestrieb  wird 
nun  in  den  komplizierten  Organismen  zum  Teil  in  die  Aussenwelt  ab¬ 
geleitet  und  wird  daduroh  zum  Destruktionstrieb.  Aus  dem  Zu¬ 
sammenarbeiten  oder  der  Mischung  der  beiden  grossen  Triebe,  die 
als  so  elementar  zu  betrachten  sind,  dass  sie  schon  in  der  Zelle  Vor¬ 
kommen,  ergeben  sich  neue  Gesichtspunkte  zur  Auffassung  von 
Neurosen,  sogar  der  Epilepsie  und  für  Leben  und  Tod. 

Es  ist  unmöglich,  in  einer  kurzen  Darstellung  einen  genauen  Ein¬ 
blick  in  diese  neuen  F  r  e  u  d  sehen  Vorstellungen  zu  geben;  auch  das 
Büchlein  selbst  ist  nur  verständlich,  wenn  man  die  übrigen  Schriften 
des  Forschers,  namentlich  die  letzten,  kennt.  Ob  man  indessen  diese 
Psychologie,  die  eine  logische  Folge  der  F  r  c  u  d  sehen  elementaren 
Anschauungen  ist,  annimmt  oder  nicht,  Wesen  und  Wert  der  Psych- 
analyse  werden  dadurch  nicht  berührt.  B 1  c  u  1  e  r  -  Burghölzli. 

W.  Zweig:  Lehrbuch  der  Magen-  und  Darinkrankheiten. 

3.  völlig  umgearbeitete  Auflage  mit  81  Textabbildungen  und  4  teils 
mehrfarbigen  Tafeln.  590  S.  Verlag  von  Urban  &  Schwarzen¬ 
berg.  1923.  Grdpr.  18  M. 

Gegenüber  der  vor  10  Jahren  erschienenen  2.  Auflage  hat  die 
zum  Lehrbuch  ausgestaltete  Neuauflage  durch  eine  gute  und  kritische, 


990 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  30. 


mit  zahlreichen  Abbildungen  versehene  Darstellung  der  Röntecn- 
untersuchung  und  der  Rekto-Romanoskopie  eine  wll!kpmmene  Er¬ 
weiterung  erfahren.  Die  Abschnitte  über  Hyperaziditat  Hyper 
Sekretion  Ulcus  ventriculi  und  duodem  sind  entsprechend  duj 
neueren  Forschungen  umgearbeitet  worden  Für  die.Ent.steh|inzS ; 
Ulcus  wird  eine  Vielheit  an  Ursache  und  Wirkung,  bei  denen  Zirku¬ 
lationsstörungen  eine  wesentliche  Rolle  spielen,  angenommen  Die 
neurogene  Theorie  von  Bergmann  wird  nicht  » ®  ^el lehn t. 
Die  experimentellen  Untersuchungen  seiner  Schüler  hatte  man 
aber  nicht  mit  einer  derartigen  Bemerkung  abtun  dürfen.  ..Bekann  - 
lich  können  Kaninchen,  schon  wenn  man  sie  schief  ansieht,  » 
ulzerationen  bekommen.“  Die  Operationsmethoden  und  ihre  Erfolge 
werden  unter  besonderer  Berücksichtigung  der  Mitteilungen  des 
österreichischen  Chirurgen  besprochen;  nach  dem  Eingriff  wird  zur 
Verhütung  von  Rezidiven  eine  strenge  Ulcuskur  gefordert.  D|e  diate 
tischen  und  medikamentösen  Vorschriften  beiden,  ein?e’n^n^be‘ 
heiten  finden  eine  eingehende  Darstellung.  Manche  der  genau  b 
rechneten  Kostverordnungen  sind  ebenso  wie  die  Empfehlung  der 
Oelklistiere  in  der  ursprünglichen  K  us  smaul-Fleine  r  schu 
Fassung  bei  uns  in  absehbarer  Zeit  praktisch  kaum  mehr  durchführ¬ 
bar  Eine  durch  die  Umstände  gebotene  Vereinfachung  einiger  Re¬ 
zepte  wäre  zu  wünschen.  F.  P  e  r  u  t  z  -  München. 


Renjiro  Kaneko:  Ueber  die  pathologische  Anatomie  der 
Spirochaetosis  icterohaemorrhagica  Inada  (W  e  1 1  sehe  Krankheit). 

Rikola-Verlag,  München  1922.  ... 

Durch  die  Untersuchung  deutscher  und  japanischer  Forscher  ist 
ziemliche  Klarheit  über  die  Aetiologie  der  W  e  i  1  sehen  Krankheit 
(Spirochaete  icterohaemorrhagica  Inada  und  Ido,  Spirochaete  lctero- 
genes  Uhlenhuth  und  Fromme,  Spirochaete  nodosa  Hubener  und 

Reiter)  und  ihre  pathologische  Anatomie  geschaffen  worden.  Kaneko, 
der  an  den  Ergebnissen  der  pathologisch-anatomischen  Durch¬ 
forschung  des  Krankheitsbildes  hervorragenden  Anteil  hat,  legt  hier 
eine  Arbeit  vor,  die  neben  einem  historischen  Ueberblick  über  die 
Literatur  bis  zur  Entdeckung  des  Erregers  und  einer  kritischen 
Uebersicht  über  die  nach  der  Entdeckung  der  Spirochäte  genaue 
pathologisch-anatomische  Beschreibungen  der  am  Krankheitsbild  be¬ 
teiligten  Organe  bringt.  Einzelne  sehr  gute  Abbildungen  sind  bei¬ 
gegeben.  Die  Arbeit  zeigt,  dass  die  pathologisch  -  anatomische  Be¬ 
arbeitung  der  Krankheit  als  ebenso  abgeschlossen  wie  die  der  Aetio- 
logie  gelten  kann.  Oberndorfer  -  München. 


August  Gärtner:  Leitfaden  der  Hygiene  für  Studierende. 
Aerzte.  Architekten,  Ingenieure  und  Verwaltungsbeamte.  .  und 

10.  Auflage.  420  Seiten  mit  200  Abbildungen.  Berlin  1923.  Verlag 
von  S.  Karger.  Oz.  8.40,  geb.  9.60  M. 

Wir  begriissen  es  lebhaft,  dass  der  Nestor  der  deutschen  Hygiemker 
im  Interesse  seiner  Wissenschaft  wieder  Zeit  und  Müsse  gefunden  hat, 
sein  allbekanntes  Lehrbuch  in  neuem  Gewände  erscheinen  zu  lassen. 
Es  ist  ein  Zeichen  hoher  Leistungsfähigkeit  und  geistiger  Frische 
und  verdient  volle  Bewunderung,  dass  der  nie  erlahmende  Forscher, 
dessen  Tätigkeit  sich  bereits  bis  in  das  letzte  Viertel  eines  Jahrhunderts 
erstreckt,  noch  ebenso  wie  früher  die  sämtlichen  Fortschritte  aut 
hygienischem  Gebiet  bemeistert  und  sie  nun  in  seiner  neuen  Auf¬ 
lage  den  jüngeren  Fachgenossen  entgegenbringt.  Die  Gärtner  sehe 
Hygiene  war  immer  ein  bevorzugtes  Hilfsmittel,  um  Anfänger  und 
Geübtere,  Studierende  und  Aerzte,  Ingenieure  und  Techniker  mit  dem 
Wissenswerten  vertraut  zu  machen.  Aus  der  Praxis  für  die  Praxis 
geschrieben,  hat  es  seinen  Platz  behauptet,  weil  es  in  allen  Fragen 
den  Kernpunkt  erfasst  und  unter  Weglassung  des  Nebensächlichen 
das  Wichtigste  in  den  Vordergrund  stellt.  Auch  die  neueste  Auflage 
zeigt  diese  Vorzüge.  Die  charakteristischen  Abbildungen  und  Skizzen 
sind  wesentlich  vermehrt,  der  Nachkriegszeit  mit  ihren  veränderten 
Bedingungen  auf  hygienischem  und  sozialhygienischem  Gebiete  ist 
Rechnung  getragen.  Wir  wünschen  dem  Buch,  welches  sich  bei 
Studierenden  und  angehenden  Kreisärzten  auch  als  vorzügliches 
Repetitorium  eines  ausgezeichneten  Rufes  erfreut,  weiteste  Ver¬ 
breitung.  R.  O.  Neumann-Hamburg. 


Martin  Friedemann:  Anatomie  fiir  Schwestern.  8.  Aufl.,  1923. 

160  Seiten  mit  124  Textabbildungen.  Jena,  G.  Fischer,  urdz. 

3  M.,  geb.  4M.  „  .  ,  .  .  . 

Das  empfehlenswerte  Büchlein  von  F  r  i*e  d  e  m  a  n  n  ist  nun  nach 
10  Jahren  schon  in  8.  Auflage  erschienen:  gegen  die  vorige  Auflage 
sind  keine  wesentlichen  Veränderungen  zu  verzeichnen.  Die  Aus¬ 
stattung  ist  hervorragend  gut.  v.  M  ö  1 1  e  n  d  o  r  f  f  -  Hamburg.  , 


Zeitschriften- Uebersicht. 


W.  Croner:  Die  Therapie  an  den  Berliner  Universitätskliniken. 

8  Auflage.  Urban  &  Schwarzenberg.  Berlin-Wien  1923. 
698  Seiten.  Klein  8.  Grdz.  12  M.  Pappband. 

Das  Buch  kommt  dem  Ziele,  ein  brauchbares  Kompendium  zu 
sein  und  dabei  etwas  vom  Geiste  der  Kliniken  erkennen  zu  lassen, 
aus  denen  heraus  die  Anleitungen  geschrieben  sind,  so  nahe,  als  es 
eben  möglich  ist,  wenn  man  Iherapic  in  Komprettenform  bringen  will. 
Verschiedene  Kapitel  sind  neu  bearbeitet,  alle  ergänzt  und  verbessert. 

Kerschensteine  r. 


F.  W  i  1 1  i  g  e  r:  Zahnärztliche  Chirurgie.  5.  Aufl.  Dr.  W.Klink- 
h  a  r  d  t,  Leipzig  1923.  Grdz.  7. 

Gegenüber  der  4.  Auflage,  die  1921  an  dieser  Stelle  besprochen 
wurde,  hat  sich  an  dem  Buch  nichts  wesentliches  geändert.  Ein  neuer 
Abschnitt  über  die  chirurgische  Behandlung  der  Alveolarpyorrlioe, 
sowie  24  neue  Abbildungen  sind  hinzugekommen.  Auch  in  seiner 
neuen  Gestalt,  die  an  vielen  Stellen  die  verbessernde  Hand  erkennen 
lässt,  wird  sich  das  Buch  wie  bisher  bewähren. 

Seifert-  Wiirzbprg. 


Zeitschrift  fiir  klinische  Medizin.  1923.  Bd.  96.  H.  1—3. 
ü  v  Berg  in  a  n  n:  Heinrich  O  u  i  n  C  k  e.  Gedenkrede  bei  einer 
Trauerfeier  der  medizinischen  Fakultät  und  des  ärztlichen  Vereins  zu  frank- 

*  "  Kari  Westphal:  Muskelfunktion,  Nervensystem  und  Pathologie  der 
Gallen wege.  1.  Untersuchungen  über  den  Schmerzanfall  der  Gallenwege  un 
seine  ausstrahlenden  Reflexe. 

Durchleuchtungsbefunde  von  25  Gallenkranken,  die  im  Schmerzanfall 
eine  Kontrastmahlzeit  erhielten,  ln  der  grossen  Mehrzahl  der  Fälle, wurde 
eine  lebhafte  Motilitätssteigerung  der  Magen-  und  Darmmuskulat ir  e- 
obaclitet  Am  Magen  zeigten  sich  ausgedehnte  spastische  Zustande  des  g 
summten  Canalis  egestorius,  gesteigerte  Antrumkontraktion  Pylorospasm^ 
mit  Fehlen  der  Peristaltik,  zuweilen  sogar  ein  totaler  Gastrospasmus.  Der 
Dünndarm  bot  das  «Bild  der  Hypermotilität,  der  Dickdarm  eine -spastische 
Haustrierung.  Diese  Motilitätsstörungen  erfolgen  durch  Reflexe,  die  von  den 
Nervengeflechten  der  Gallenblase  und  des  Ductus  choledochus  ausgehen 
Atropin  vermag  die  Störungen  weitgehend  zu  beeinflussen.  Neben  der 
Bauchdeckenspannung  im  rechten  Oberbauch  wird  als  viscero-motorischer 
Reflex  die  am  Schirm  häufig  beobachtete  Stillstellung  der  rechten  Zwerch¬ 
fellkuppe  gedeutet  Ein  differentialdiagnostisch  wichtiges  Zeichen  für  Ballen¬ 
blasenerkrankungen  aller  Art  ist  die  Druckempfindhchkeit  des  rechten  Phre- 

— ■ 

BCWZ.n8;rTScSsau*"Ss,d«,a,  de,  bisher  vorliegenden  Be- 
obachtungen  über  die  Anatomie  und  Physiologie  der  Gallenwege  folgt  e 
Schilderung  der  vom  Verf.  gebrauchten  Versuchstechnik  zur  direkten  Beob¬ 
achtung  des  gesamten  Gallenkanalsystems  bei  Katzen  Kaninchen  und  Meer¬ 
schweinchen.  Die  im  Hauptteil  ausführlich  und  kritisch  besprochenen  Emzel- 
versuche  erstrecken  sich  auf  elektrische  und  pharmakologische  Vagus-  und 
Sympathikusreizungen.  Die  dabei  beobachteten  Vorgänge  an  den  Gallen- 
wecen  lassen  sich  kurz  dahin  zusammenfassen,  dass  ein  leichter  Vagusreiz 
BBktri 'ch  oder  durch  Pilokarpin)  eine  lebhafte  Peristaltik  bew.rkt  m.t  emer 
Erleichterung  des  Galleabflusses;  ein  starker  Reiz  hat  Spasmen,  vor  : 
im  Gebiet  der  Portio  duodenalis  choledochi,  zur  Folge  mit  einer  Ab*1“s,s" 
hemmung  der  Galle  bis  zu  völliger  Gallerctention.  Vaguslahmung  durch 
Atropin  bewirkt  einen  Tonusabfall.  Splanchnikusreizung  verursacht  einen 

Sphinkterschluss  in  der  V  a  t  e  r  sehen  Papille,  dabei Xnhta«W ^Der  ver* 
duodenalen  Teils  des  Ductus  choledochus,  sowie  der  Gallenblase  Dei '  jar 
stärkte  Muskelapparat  in  der  Wand  des  unteren  Choledochus  ist  in  seiner 
Funktion  vergleichbar  mit  der  Pyloruspartie  des  Magens. 

3.  Die  Motilitätsneurose  der  Gallenwege  und  ihre  Beziehungen  zu  deren 
Pathologie,  zur  Stauung,  Entzündung.  Steinbildung  usw.  ovnp_.  , 

Mittels  der  Duodenalsondierungsmethode  wurden  die  im  Tierexperimuit 
gesammelten  Erfahrungen  über  die  Entleerung  der  Gallenwege  unter ^  ver¬ 
schiedenen  Bedingungen  am  Menschen  nachgepruft  und  fanden  im  Wesent¬ 
lichen  eine  Bestätigung.  Ausser  bei  ausgesprochener  Erkrunkung  der  Ballen¬ 
wege  besteht  eine  erhöhte  Reizbarkeit  der  Muskulatur  derselben  in  der 
Gravidität,  während  der  Menstruation  und  bei  vegetativen  Neurotikern.  1 
Pilokarpinversuch  kommt  diese  erhöhte  Reizbarkeit  zum  Ausdruck  durch  e  n 
verstärkte  initiale  Abflusshemmung  der  Galle.  Für  die  besondere  Dispositi 
des  weiblichen  Geschlechtes  zu  Erkrankungen  der  Gallenwege  braut  diese 
Beobachtung  eine  bessere  Erklärung  als  die  durch  Korsettdruck.  Druck  de. 
wachsenden  Uterus.  Das  Bild  der  Stauungsgallenblase  in  ihrer  hypertoni¬ 
schen  und  hypotonischen  Form  erfährt  hinsichtlich  Genese  und  Folgen  (St ein- 
bildung)  im  Einklang  mit  Versuchsbeobachtungen  eine  De-utung  vom  nervös 
funktionellen  Standpunkt.  Ebenso  wie  die  Muskelhypertrophie  der  Gallenj 
blase  wird  letzten  Endes  auch  die  Steinbildung  in  derselben  hingestd  a  -I 
Folge  einer  Stauung  wegen  erschwerter  Entleerung:  Hypermotüitatsneurosl 
der  Gallenwege.  Diese  hat  wohl,  wie  z.  B.  in  der  Gravidität,  ihre  Ursachl 
in  innersekretorischen  Störungen;  sie  ist  vielleicht  mitb^mgt  durch  ein I 
Hypercholesterinämie.  wie  sie  in  der  Gravidität  und  bei  Artenosklerotike.  I 
festgestellt  ist.  Die  Schmerzen  der  Gallenkolik  beruhen  auf  krampfhaf  e 
Peristaltik  der  Gallenwege  und  reflektorischer  Kontraktionen  an  Magen  um« 
Darm.  Als  geeignetstes  Mittel  zu  deren  Beseitigung  wird  die  ausgiebigd 
Anwendung  von  Atropin  neben  heissen  Kataplasmen  und  Olivenolmedikatio| 

Wilhelm  Weitz:  Zur  Aetiologie  der  genuinen  oder  vaskulären  Hvper; 

tension.  Fanlilien{orschung  bej  82  Hypertonikern  ergab,  dass  Hypertensioj 
und  auf  Hypertension  hinweisende  Todesursachen  in  der  Verwandtscha 
von  Hypertonikern  häufiger  sind  als  es  nach  der  Häufigkeit  des  Leiden! 
zu  erwarten  ist.  Gemeinsame  äussere  Schädigungen  konnten  nicht  gefundtj 
werden.  So  wird  auf  Grund  der  Erhebungen  dem  Alkohol-  und  NikotinabusW 
und  auch  psychischen  Affekten  nur  eine  gewisse  auslösende  Rolle  7:U  -  I 'l 
in  dem  Sinne,  dass  sie  häufig  eine  „latente“  Hypertension  durch  Schwachuni 
des  Herzens  zu  einer  „manifesten“  machen.  Die  genuine  Hypertension  i 
ausserordentlich  häufig,  möglicherweise  stets,  erblich  bedingt;  sie  folgt  wahJ 
scheinlich  einem  einfach  dominanten  Erbgang.  ,  .  , 

Rudolf  Stahl:  Ueber  die  Blutplättchen  bei  Infektions-  und  Blutkrani 
heiten.  insbesondere  über  die  unreifen  pathologischen  Plättcheniorim 

(Thr°Imb  Verbiet  des  Typhus,  bei  Grippe,  Scharlach,  Gelenkrheumatismu] 
Tuberkulose  und  Leukämie  wird  das  Verhalten  der  Blutplättchen  nach  Za 
und  Habitus  studiert.  Die  Zählungen  sind  nach  der  F  o  n  l  o  sehen  Methoi 
vorgenommen,  das  Studium  der  morphologischen  Eigentümhchkeiten  a 
dünnen  Ausstrich,  dessen  Herstellung  unter  besonderen  Kautelen  erfolg 
Auch  beim  Gesunden  kommen  Riesenplättehen  vor,  die  aber  im  Gegen 


27.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


991 


/ii  den  unter  krankhaften  Verhältnissen  beobachteten  ausgesprochen  baso¬ 
philen  ein  neutrophiles  Zytoplasma  haben.  Die  basophilen  Plättchen  können 
in  mannigfacher  Form  auftreten  (klein,  gross,  rund,  oval,  wurstförmig) ;  es 
,ind  unreife  Zellen,  die  ausschliesslich  in  pathologischen  Zuständen  gefunden 
werden,  und  für  keine  bestimmte  Krankheit  charakteristisch  sind. 

Herbert  Herxheimer:  Zur  Grösse,  Form  und  Leistungsfähigkeit  des 
lerzens  bei  Sportslcuten. 

Hei  171  ausgewählten,  durchtrainierten  Sportsleuten  (Teilnehmer  der 
leutschen  Kampfspiele  1922)  wurden  Herzgrössen-  und  Konfigurationsbe- 
timtuungen  mittels  orthodiagraphischer  Aufnahme  vorgenommen.  Die  Herzen 
varen  im  Gesamtdurchschnitt  etwas  grösser  als  die  Herzen  der  Vergleichs- 
icrsonen.  Die  Boxer  hatten  die  kleinsten  Herzen,  die  grössten  die  Skiläufer: 
las  Skiläuferherz  iibertrifft  im  Durchschnitt  sogar  noch  das  des  Marathon- 
iuters  an  Grösse.  Vermutungsweise  wird  dafür  neben  der  starken  Armarbeit 
•eim  Skilauf  in  gebirgigem  Gelände  vor  allem  die  Ueberwindung  der  Höhen- 
interschiedc  mit  der  wechselnden  Sauerstoffspannung  verantwortlich  ge¬ 
nacht.  ln  der  Konfiguration  des  Herzens  ist  nur  insofern  ein  gesetz- 
nassiges  Verhalten  festzustellen  als  die  Skiläufer  im  Gegensatz  zu  den 
i  ihrigen  Sportsleuten  mit  relativer  Vergrösserung  des  rechten  Herzteiles  eine 
elative  Vergrösserung  des  linken  Hcrzteiles  aufwiesen.  Nur  in  Verbindung 
nit  dem  klinischen  Befund  und  dem  Ausfall  einer  Funktionsprüfung  ist  eine 
Beurteilung  des  Herzens  aus  dem  Orthodiagramm  gestattet. 

Paul  Holzer  und  Erich  Schilling:  Piilsdifferenz  als  Funktlons- 
irobe  des  Herzens. 

Hei  25  von  50  Herzkranken  wurden  schon  in  der  Ruhe  oder  erst  nach 
Arbeitsleistung  frustrane  Herzkontraktionen  beobachtet;  die  Zahl  der 
rustranen  Kontraktionen  nahm  nach  Arbeitsleistung  zu.  •  ln  Anlehnung  an 
merikanische  Autoren  bezeichnen  die  Verfasser  diese  Erscheinung  der  Herz- 
nuskclinsuffizienz  als  ..Pulsdefizit“  (P.-D.).  Das  P.-D.  schwindet  bei  rechter 
hcrapie,  bleibt  das  P.-D.  bestehen,  so  ist  die  Prognose  ungünstig. 

Otto  Abraham:  Untersuchungen  über  das  Verhalten  des  protco- 
vtischen  Fermentes  im  Sputum  und  Urin  im  Verlaufe  der  Grippepneumonie. 

Die  Untersuchungen  in  11  Fällen  führen  zu  dem  Ergebnis,  dass  das 
•putum  gesetzmässig  erst  nach  der  Krisis  oder  Lysis  proteolytische  Eigen¬ 
ehaften  erhält.  Mit  der  Lösung  des  peumonischen  Exsudates  haben  proteo- 
vtjscfie  Fermente  nur  insofern  etwas  ziu  tun,  .als  sie  an  den  Eitergehallt 
es  Sputums  gefunden  sind.  Auch  das  eitrige  Sputum  von  Bronchitis, 
ubcrkulose  und  Lungengangrän  hat  eiweissverdauuende  Kraft;  der  frische 
iter  vermag  Fibrin  zu  lösen,  wie  Fr.  Müller  schon  1902  mitteilte.  Der 
bin  ist  in  seiner  Verdauungswirkung  grossen  Unregelmässigkeiten  unter¬ 
worfen,  die  (im  Gegensatz  zu  den  Befunden  B  i  1 1  o  r  f  s)  in  gar  keine  Be- 
iehung  zu  setzen  sind  zur  Verdauungskraft  des  Sputums. 

A.  Punschei;  Der  Blutzucker  im  höheren  Lebensalter  unter  be- 
inderer  Berücksichtigung  der  alimentären  Hyperglykämie. 

Die  Arbeit  ist  in  drei  Teile  gegliedert,  in  deren  erstem  der  Verf.  die 
on  den  verschiedenen  Autoren  angegebenen  Blutzuckernormalwertc  in 
i bellarischer  Uebersicht  zusammengestellt  hat.  Der  zweite  Teil  umfasst 
n  Hand  der  Literatur  eine  Besprechung  von  Faktoren,  die  den  Blutzucker- 
piegel  normalerweise  beeinflussen.  Unter  diesen  Faktoren  ist  auch  das 
ebensalter  aufzuführen.  Bisher  fehlende  systematische  Untersuchungen 
her  den  Zuckergehalt  des  Blutes  im  höheren  Lebensalter  nehmen  den  dritten 
eil  der  Arbeit  ein.  Die  Untersuchungen,  die  als  Serienbestimmungen  mit 
er  Mikromethode  von  Bang  durchgeführt  sind,  erstrecken  sich  auf  drei 
Itersgruppen  von  Kranken.  Sie  ergeben,  dass  die  Blutzucker-Niichternwertc 
n  Alter  erhöht  sind.  Nach  oraler  Verabfolgung  von  20  g  Glukose  steigt  die 
•lutzuckerkurve  im  Alter  höher  an  und  das  Ausgangsniveau  wird  erst  später 
Jeder  erreicht  als  beim  jugendlichen  Individuum.  Eine  messbare  Glykosurie 
■t  in  keinem  Falle  aufgetreten.  B  r  o  g  s  i  1 1  e  r. 

Deutsche  Zeitschrift  für  Chirurgie.  178.  Bd.  1. — 2.  Heft. 

Albeit  N  a  r  a  t  h  -  Heidelberg:  Die  künstliche  Epithelisierung  der  Speise- 
ihre.  Ein  Vorschlag  zur  Behandlung  der  Verätzungsstriktur. 

Die  Ursache  der  ausgedehnten  Narbenbildungen  bei  den  Verätzungs- 
rikturen  der  Speiseröhre  ist  zu  suchen  in  dem  Fehlen  des  Epithels.  Zwecks 
iinstlicher  Epithelisierung  der  Speiseröhre  macht  N.  daher  den  Vorschlag, 
ach  genauer  Feststellung  der  Lage  und  der  Ausdehnung  der  Striktur  ein 
it  einem  grossen  T  h  i  e  r  s  c  h  sehen  Läppchen  armiertes  Gummirohr  so  an 
Je  Stenose  heranzubringen,  dass  die  Wundfläche  des  Läppchens  der  Wand 
es  Oesophagus  im  Bereich  der  Granulationsfläche  anliegt.  Technische  Ein- 
elheiten  im  Original.  Die  Verwirklichung  der  Idee  würde  die  Indikationen 
ir  Bildung  des  a.ntethorakalen  Oesophagus  einschränken  und  manchen 
ranken  ein  qualvolles  Leiden  ersparen. 

Lehmann:  Die  konstitutionell  schwache  Epiphyse  und  ihre  Beziehungen 
Jr  Rhachitis,  Osteochondritis  und  Arthritis  deforinans.  (Aus  der  Chirurg, 
linik  Rostock.  Geheinmrat  Prof.  Dr.  Müller.) 

Verf.  fand  3  mal  hyalinen  Gelenkknorpel  an  der  Abbruchstelle  von 
elenkinäusen,  einmal  fanden  sich  Knorpelerweichungszysten  im  Gelenk- 
ausbett  des  Femur.  Die  Herde  werden  zurückgeführt  auf  Ossifikations- 
örungen  an  einer  „konstitutionell  schwachen  Epiphyse“;  ein  Zusammenhang 
it  der  Spätrachitis  ist  wahrscheinlich.  Die  Osteochondritis  in  Form  der 
elcnkmaus,  der  P  e  r  t  h  e  s  sehen  und  K  ö  h  1  e  r  sehen  Krankheit,  der  sog. 
pophysitis  ist  eine  Systemerkrankung,  die  wahrscheinlich  alle  Gelenke  bc- 
ifft.  Auch  der  Arthritis  deform,  liegt  dieselbe  konstitutionelle  Schwäche 
r  Epiphyse  zu  Grunde.  Mechanische  Schädigungen  spielen  nur  die  Rolle 
■s  auslösenden  Reizes. 

Ernst  Met  ge:  Erfahrungen  an  100  Splanchnikiisanästhesien  nach 

a  p  p  i  s.  (Aus  der  Chirurg.  Universitätsklinik  Rostock.  Geheimart  Prof. 

i .  W.  Mülle  r.) 

Die  Splanchnikusanästhesie  ist  technisch  nicht  schwer,  besser  in  Bauch- 
ge  ausführbar.  Skopolamin-Morphium  wird  nur  bei  älteren  Leuten  fort- 
lassen.  Gegenindikationen:  Deformierung  der  Wirbelsäule,  besonders 
'Kstliche  Kranke;  Kombination  mit  besonders  sorgfältiger  Anästhesierung 
'r  Hauchdecken  ist  erforderlich.  In  %  der  Fälle  wurde  eine  erhebliche  ßlut- 
uckscnkung  beobachtet,  die  allerdings  bis  zum  Abend  des  Operationstages 
ieder  behoben  war.  Meistens  gehen  tiefe  Blutdrucksenkung  und  tiefe 
"ästhesic  Hand  in  Hand.  Bei  112  Splanchnikusanästhesien  wurden  3  töd- 
he  postoperative  Pneumonien  gesehen  im  Gegensatz  zu  7  bei  der  gleichen 
n/alil  Narkosen!  (Diese  Zahl  der  postoperitiven  Pneumonien  ist  über¬ 
sehend  hoch,  ich  zähle  bei  Sauerstoff-Chloroform-Aethernarkose  noch  nicht 
Proz.  Ref.)  Die  primäre  Operationsmortalität  bei  Magen-  und  Gallcnstcin- 


operationen  scheint  durch  die  Splanchnikusanästhesie  verringert  zu  werden. 

Max  Rehbein:  Ueber  Muskelverknöcherung  nach  Rückcnmarksver- 
letzung.  (Aus  der  I.  Chirurg.  Abteilung  des  Krankenhauses  Hamburg-Harm¬ 
beck.  Prof.  Dr.  Sud  eck.) 

Ein  dem  von  Israel  (Fortschr.  a.  d.  Geb.  d.  Röntgenstr.  27,  1921) 
beschriebenen  ganz  analoger  Fall:  23  jähr.  Soldat,  1916  Rückenmarksdurch¬ 
schuss  (Verletzung  der  Cauda  equina  in  Höhe  des  2.  Lendenwirbels),  fast 
vollkommene  Lähmung  der  Becken-  und  Beinmuskulatur.  Nach  4  Monaten 
klinisch  und  röntgenologisch  Verknöcherung  der  Oberschenkel-Becken¬ 
muskeln,  ferner  im  unteren  Femurdrittel  und  innen  am  Kniegelenk.  Nach 
4  Jahren  Exitus  durch  Suizid.  Die  Sektion  stellte  ein  Intaktsein  der  oberen 
Ileopsoasmuskulatur  und  des  obersten  Sartoriusdrittels  fest,  sonst  Degenera¬ 
tion.  Es  bestand  eine  mit  dem  Femur  in  fester  Verbindung  stehende  Ossi¬ 
fikation  des  unteren  Ileopsoas,  des  Pektineus,  des  medialen  tiefen  Glutaeus 
minimus-Teils  und  kleiner  Abschnitte  der  Adduktoren,  ln  der  Kniegclenks- 
gegend  sind  der  Pes  anserinus,  Vastus  mcd.  und  lateral,  und  Articularis 
genu  verknöchert.  Die  Knochenneubildung  entspricht  in  ihrer  Struktur  der 
Längsrichtung  des  Muskels.  Ausser  der  Annahme  der  Trophoneurose,  welche 
die  Bereitschaft  zur  Verknöcherung  erklärt,  ist  für  die  Entstehung  noch  ein 
mechanisches  Moment  anzunehmen;  die  Muskelzugreizung.  Das  obere  Drittel 
der  hauptsächlich  verknöcherten  Muskeln  war  intakt  und  funktionstüchtig; 
die  Kraft  dieses  Teiles  überträgt  sich  über  den  gelähmten  Abschnitt  hinweg 
auf  den  Ansatz  am  Knochen  und  gibt  so  den  Reiz  für  die  Knochenneu¬ 
bildung  ab. 

T.  Aoyama:  Zwei  operativ  behandelte  Fälle  von  Klcinhirnbrücken- 

witikeltumoren.  (Aus  der  Chirurg.  Abteilung  des  Izumibashi-Charitee-Kranken- 
hauses.  Prof.  Dr.  T.  A  o  y  a  m  a.) 

Beide  Fälle  zweizeitig  nach  K  r  a  u  s  e  scher  Technik  operiert.  Im 
1.  Falle  Exitus;  der  2.  Fall  heilte  mit  ganz  beträchtlicher  Besserung  aller 
Symptome.  Beide  Tumoren  hatten  die  typische  Struktur  der  Akustikus- 
tumoren,  im  2.  Fall  war  der  Tumor  zystisch,  wahrscheinlich  durch  Blutung 
und  fettige  Degeneration.  Uebersicht  über  Operationsmethoden  und  Erfolge, 
bei  denen  Cu  sh  in  g  mit  nur  20  Proz.  Mortalität  an  erster  Stelle  steht. 

W.  Oder  matt:  Prüfung  der  Gewebswirkung  der  neuen  Antiseptika 
mit  besonderer  Berücksichtigung  der  Therapia  sterilisans  localis  percapillaris. 
(Aus  der  chir.  Universitätsklinik  Basel.  Prof.  Dr.  G.  H  o  t  z.) 

Versuche  am  überlebenden  Kaninchenohr,  Einbinden  von  Kanülen  in  die 
A.  auricularis  po?t  und  die  Vene,  Durchspülen  mit  Tyradelösung,  Zugabe  der 
zu  prüfenden  Flüssigkeit.  Es  ergab  sich,  dass  die  meisten  der  modernen 
chemotherapeutischen  Mittel  eine  z.  T.  sehr  starke  und  längerdauernde  Ge- 
fässkonstriktion  hervorrufen  und  die  Gewebe  sehr  gegensätzlich  zur  heil¬ 
samen  Hyperämie  erheblich  schädigen.  Dadurch  und  durch  die  Begünstigung 
anderer  gerinnungsfördernder  Faktoren  kann  es  zur  Nekrose  kommen. 

Friedrich  Brunner:  Beitrag  zur  Resektion  des  Dickdarms.  (Aus  dem 
Krankenhaus  der  Diakonissenanstalt  in  Neumünster-Zürich.) 

70  Kolonresektionen  bei  30  Männern  und  40  Frauen  von  1898 — 1922. 
Abgesehen  von  42  Karzinomen  wurde  reseziert  wegen  Verletzungen,  Ulcus 
coli  Simplex,  Inkarzeration,  Invagination.  Für  die  Behandlung  des  Ca-Ileus 
redet  der  Verf.  unbedingt  der  primären  Anlegung  der  Zoekalfistel  das  Wort 
mit  sekundärer  Resektion.  In  unkomplizierten  Fällen  ist  die  einzeitige  Re¬ 
sektion,  die  Verf.  47  mal  —  26  mal  Resectio  ileocolica,  21  mal  Colocolo- 
stomie  —  ausführte,  das  Verfahren  der  Wahl.  Die  Vorlagerung  und  Bildung 
eines  Anus  praeter  hat  viele  Nachteile.  Am  Dickdarm  wird  technisch 
End-zu-End-Anastomose  mit  zweifacher  zirkulärer  Naht  bevorzugt.  Unter 
82  Magenresektionen  wurde  5  mal  ein  Stück  des  Transversum  mitreseziert, 
ein  Fall  ist  seit  12  Jahren  geheilt  geblieben.  Gesammtmortalität  23  Proz. 
Von  42  wegen  Karzinom  operierten  Kranken  sind  7  17  Proz.  gestorben 

(vor  1912  27  Proz.,  nach  1912  13  Proz.).  Von  35  überlebenden  Dickdarm¬ 
karzinomoperierten  sind  8  mehr  als  4  und  7  mehr  als  8  Jahre  geheilt. 

K.  Jaroschka:  Ein  Fall  von  Askaridenobturationsileus  mit  Dünn¬ 
darmperforation  verursacht  durch  Askariden  an  einer  Serosanahtstelle.  (Aus 
der  chir.  Universitätsklinik  Kiel.  Geh.-Rat  Prof.  Dr.  Anschütz.) 

Bei  dem  1  IT  jähr.  Kinde,  das  plötzlich  unter  den  Erscheinungen  des 
Ileus  erkrankte,  fand  sich  das  untere  Ileum  durch  ein  tumorartiges  Wurm¬ 
knäuel  obturiert.  Durch  Enterotomie  Entfernung  von  100  Askariden.  Nach 
2  Tagen  Exitus  infolge  Perforation  des  Darmes  durch  Askariden  an  der  Stelle 
eines  genähten  Serosarisses.  Als  bestes  Anthelmintikum  wird  das  nach 
Preuschoff  vorsichtig  dosierte  Oleum  chenopodii  empfohlen. 

W.  Goldschmidt:  Zur  Frage  des  blutenden  äusseren  ßünndar-.n- 
myoms.  (Aus  der  I.  chir.  Universittsklinik  Wien.  Prof.  A.  E  i  s  e  1  s  b  e  r  g.) 

41-Jähriger,  bedrohliche  Darmblutung,  daneben  kugelige  Geschwulst  in 
der  Mitie  des  Unterbauches,  die  sich  als  übermannsfaustgrosses  Leiomyom 
erwies,  das  den  Dünndarm  divertikelartig  an  seinem  Ansatz  auszog  und 
portioartig  in  das  Lumen  des  so  entstandenen  Divertikels  hineinragte.  Radi¬ 
kale  Operation,  Heilung.  In  der  Symptomatologie  von  16  äusseren  Dünn¬ 
darmmyomen  ist  nur  dreimal  die  Blutung  verzeichnet.  Diese  ist  prognostisch 
sehr  ungünstig  und  ist  Indikation  zur  Operation,  falls  die  Diagnose  gelingt. 

Ernst  M  e  t  g  e:  Zur  Kasuistik  der  akuten  Osteomyelitis  des  Schädel¬ 
daches,  besonders  bei  Erwachsenen.  (Aus  der  chir.  Klinik  Rostock.  Geh.- 
Rat  Prof.  Dr.  Mülle  r.) 

1.  Metastase  am  linken  Stirnbein  bei  multilokulärer  Osteomyelitis.  2.  Iso¬ 
lierte  Staphylokokkenosteomyelitis  des  Hinterhauptbeins.  3.  Kindliche  Osteo¬ 
myelitis  des  Os  occipitale,  auch  hier  Staphylococcus  pyogenes  aur.  Nach 
den  Statistiken  (S  c  h  c  i  n  z  i  s  s)  beträgt  die  akute  Osteomyelitis  der 
Schädelknochen  Vi  Proz. 

W.  Krämer:  Ein  Fall  von  Luxation  im  C  h  o  p  a  r  t  sehen  ■'Gelenk. 

(Aus  der  chir.  Abteilung  des  Hospitals  zum  Heil.  Geist  Frankfurt  a.  M. 
San. -Rat  Dr.  A  m  b  e  r  g  e  r.) 

In  der  Literatur  13  Fälle.  Im  eigenen  Fall  Entstehung  durch  direkte 
Gewalt.  Von  oben  kommende  schwere  Last  eines  Zementkastens  wirkt  auf 
den  Vorfuss  bei  fixiertem  hinteren  Fussteil.  dabei  Ueberabduktion  im  Chn- 
p  a  r  t  sehen  Gelenke.  Reposition  durch  Zug  und  Gegenzug  mit  gutem  Re¬ 
sultat. 

Eugen  Sattler:  Ueber  die  llernia  Lig.  Qlmbernati.  (Aus  der  IV.  chir. 
Abteilung  des  St.  Stefanspitals  Pest.  Prof.  Arnold  W  i  ii  t  c  r  n  i  t  z.) 

41-Jährige.  Bruchsack  unter  dem  Lig.  Pouparti,  Kruralring  leer,  medial 
davon  dringt  durch  eine  scharfrandige,  bogenförmige  Ocffnung  der  5  cm 
lange  Bruchsack.  Bei  sorgfältiger  Präparation  aller  Kruralhernien  würde 
die  Ansicht  von  der  Seltenheit  der  Hernien  sich  nicht  halten  lassen. 

H.  Flörcken  -  Frankfurt  a.  M. 


992 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  30 


Bd.  129.  II.  1. 


Bruns’  Beiträge  zur  klinischen  Chirurgie 

Tübingen  1923. 

R  Sommer:  Die  Osteochondritis  dissecans  (König). 

Die  rein  mechanisch-traumatische  Entstehung  aller  freien  OelenK- 
körper  (Barth)  ist  aus  verschiedenen  Gründen  unwahrscheinlich;  in  vielen 
Fällen  kommt  man  ohne  die  Annahme  einer  Krankheit  oder  Minderwertigkeit 
des  Knochens  (König)  nicht  aus.  Mit  König  ist  era  „i'heumaUsches 
Vorstadium",  während  dessen  die  Lösung  des  Knorpelknochenstuckes  ein- 
setzt,  vom  Stadium  des  freien  Gelenkkörpers  zu  trennen.  12  Krankenge¬ 
schichten  belegen  die  Ausführungen  über  Symptome,  Diagnose,  Prognose  und 
Behandlung  des  Leidens.  Auf  Grund  pathologisch-anatomischer  Untersuchung 
der  von  seinen  Kranken  gewonnenen  Gelenkkörper  einschliesslich  ihres 
Bettes  erklärt  S.  die  Osteochondritis  dissecans  (Koni  g)  für  ein  selbständiges 
Krankheitsbild.  Sie  ist  histologisch  unter  dem  Gelenkabschnitt,  der  sich 
schliesslich  loslöst,  feststellbar  in  Gestalt  eines  aseptischen  Regenerations¬ 
vorganges.  Zelluläre  Substitution  im  Knorpel  und  subchondrale  Dissektion 
mit  Verschwinden  der  Knochengrenzlamelle  und  Uebergreifen  auf  lebende 
Knochenbälkchen  sind  ihre  Kennzeichen.  Die  auslösende  Ursache  für  die 
Osteochondrittis  dissecans  ist  wahrscheinlich  in  dem  Reiz  einer  Knorpel¬ 
quetschung  zu  erblicken.  Ob  sie  auch  „spontan“,  d.  h.  ohne  Gewaltein¬ 
wirkung,  durch  noch  unbekannte  Bedingungen  entstehen  kann,  muss  otten 
bleiben. 


M.  Käppis:  Die  Ursache  der  K  ö  h  1  e  r  sehen  Krankheit  an  den  Köpi- 
chen  der  Mittelfussknochen. 

Histologische  Untersuchung  rechtfertigt  den  Verdacht,  dass  der  K  oh  - 
lerschen  Erkrankueg  ein  Knochenbruch  zugrunde  liegt.  Bei  Fehlen 
des  Trauma  in  der  Vorgeschichte  muss  man  an  Spontanfraktur  denken,  Für 
die  Annahme  einer  Knochenkrankheit,  die  ihr  Entstehen  begünstigt, 
fehlen  sichere  pathologisch-anatomische  Unterlagen.  Die  P  e  r  t  h  e  s  sette 
Hüftgelenkserkrankung  ist  vielleicht  durch  plötzliches  oder  schubweises,  oder 
auch  allmähliches  Zusammenbrechen  an  der  Oberschenkelkopfepiphyse  be¬ 
dingt.  Nur  weitere  mikroskopische  Untersuchungen  von  Frühstadien  können 
das  noch  bestehende  Dunkel  aufhellen. 


Schüler  und  Weil:  Die  Entstehung  der  Stieda  sehen  Fraktur. 

Die  ursprüngliche  Annahme,  dass  es  sich  bei  dem  S  t  i  e  d  a  sehen 
„Begleitschatten“  am  medialen  Femurkondylus  um  eine  Absprengung  oder 
einen  A  usriss  von  Knochenteilchen,  also  um  einen  Bruch  "handelt,  ist  abzu- 
lehnen.  Das  den  Schatten  verursachende  Knochenstück  liegt  m  der  Sehne 
des  M.  adductor  magnus.  Es  entsteht  nicht  durch  Wucherung  ausgerissener 
Knochenhaut,  sondern  metaplastisch,  parostal,  wie  histologische 
Befunde  beweisen.  Als  Ursache  kommt  entweder  eine  unmittelbare 
Quetschung  der  Adduktorensehne  in  Frage,  oder  eine  Zerrung,  wie  sie  durch 
gewaltsame,  nicht  koordinierte  Zusammenziehung  des  M.  adductor  magnus 
bei  Gefährdung  des  Körpergleichgewichtes  möglich  äst. 

H.  Käfer:  Die  chirurgische  Tuberkulose  Ostprcussens  in  den  Kriegs- 
utid  Friedensjahren  1911 — 1920. 

Während  der  ersten  Kriegsjahre  waren  die  Erkrankungen  an  chirurgi¬ 
scher  Tuberkulose  nur  wenig,  von  1917  an  aber  bis  um  das  3  4  fache  der 

Friedenszuhlen  vermehrt.  Daran  ist  das  weibliche  Geschlecht  mehr  beteiligt 
als  das  männliche.  Am  bedeutendsten,  ist  die  Zunahme  der  Krankheitsfälle 
für  das  Alter  zwischen  20—25  und  50—60  Jahren.  Bei  jungen  Mädchen 
zwischen  11  und  15  Jahren  fand  sich  eine  auffallende  Mehrbeteiligung 
an  Wirbelsäulenerkrankungen.  Auch  für  das  Schulter-,  Ellbogen-  und  Hand¬ 
gelenk,  den  knöchernen  Brustring,  für  die  Weichteile  des  Gesichtes.  Stammes, 
und  der  Arme,  für  Brustdrüse  und  Bauchfell  ist  das  statistische  Ergebnis  fui 
das  weibliche  Geschlecht  ungünstig.  Am  meisten  vermehrt  waren  die  lym- 
phbtmatai  colli  (etwa  5  mal  häufiger  als  im  Frieden),  sehn  häufig  auch  die 
tuberkulöse  Peritonitis.  Infolge  ungleichmässiger  Zusammensetzung  der  Be- 
völkeruriR  und  mangelnder  ärztlicher  Versorgung  auf  dem  Lande  hat  die 
Statistik  nur  bedingten  Wert.  Ein  ungeheuer  schädigender  Einfluss  des 
Krieges  auf  die  Volksgesundheit  ist  aber  aus  ihr  einwandfrei  ersichtlich. 

K  Bringmann:  Die  histologische  Blutuntersuchung  in  der  Chirurgie. 

Nach  Schilderung  der  Technik  werden  die  wichtigsten  pathologischen 
Verhältnisse,  bei  denen  die  Blutuntersuchung  für  den  Chirurgen  in  Betracht 
kommt,  zusammengestcllt  (akute  Blutverluste,  wiederholte  chronische  Bin- 
tungen,  Einfluss  von  Bakteriengiften,  von  Geschwülsten,  von  Eingeweide¬ 
würmern,  von  Blutgiften,  Konstitutionskrankheiten  usw.).  Es  folgt  eine 
kurze  Beschreibung  der  krankhaften  Erythrozytenformen  und  das  Wichtigste, 
was  über  die  Blutplättchen,  ferner  über  Zahl  und  Verteilung  der  Leukozyten 
bekannt  ist.  Dann  wird  die  physiologische  Leukozytose  besprochen,  die 
bei  Neugeborenen,  während  der  Schwangerschaft  und  Geburt,  nach  An- 
strengungen,  kalten  Bädern,  Heissluft-,  Glühlicht-,  Sonnenbehandlung,  bei 
Klimawechsel  und  während  der  Verdauung  vorkommt;  hierauf  wendet  sich  B. 
den  pathologischen  Leukozytosen  zu  (posthämorrhagische  L„  infektiöse  L„ 
L  bei  bakteriellen  Erkrankungen,  L.  durch  toxisohe  Wirkung  von  Medi- 
kamenten,  L.  bei  bösartigen  Geschwülsten),  um  der  Betrachtung  der  quanti¬ 
tativen  Veränderungen  eine  solche  der  qualitativen  Verschiebungen  des  Blut¬ 
bildes  anzuschliessen.  Zuletzt  werden  noch  die  Kennzeichen  für  das  Alter 
der  Blutzellen  und  toxischer  Veränderungen  an  ihnen  etörtert. 


N.  v.  Hcdry:  Auf  durch  Strahlenpilz  verändertem  Boden  entstandene 

krebsartige  Geschwülste.  ,  ...  . _ . 

Bei  zwei  männlichen  Kranken  wurde  von  kariösen  Zahnen  ausgehende 
Aktinomykose  der  Mundschleimhaut  festgestellt.  Auf  diesem  Boden  hatten 
sich  Plattenepithelkrebse  entwickelt.  Probeausschnitte  und  histologische 
Untersuchung  sind  besonders  bei  stets  sich  erneuernden  Schüben  dringend 
anzuraten,  um  bei  karzinomatöser  Wucherung  die  Anzeige  zu  radikalem  Ein¬ 
greifen  nicht  zu  versäumen. 


granulierende,  sterilisierte  Wunde  mit  widerstandsfähiger,  elastischer,  nicht 
zur  Geschwürsbildung  neigender  Haut  schlossen 

H.  B  r  ü  1 1  :  Die  Bedeutung  der  anaeroben  Streptokokken  lür  du 

destruktive  hAppendizlUs-ankheitsbiides  wird  bei  der  destruktiven  Appendiziti 

in  der  Regel  durch  Anaerobier  bestimmt.  Unter  diesen  spielen  anaerob. 
Streptokokken  eine  wichtige  Rolle.  Sie  verleihen  dem  Eiter  einen  durch 
dringenden  Gestank  und  besitzen  die  Fähigkeit.  Thrombophlebitiden  zu  er 
zeugen  (in  der  Appendix,  aber  auch  im  Pfortadersystem).  Bei  reiner  Kol. 
Infektion  ist  das  Exsudat  fast  stets  geruchlos  oder  riecht  fade.  Sie  is 
günstiger  als  Mischinfektion  mit  anaeroben  Streptokokken  oder  auch  mi 
Aerobiern.  Völlig  klares  Exsudat  ist  meist  steril  oder  enthalt  vereinzelt. 
Kolikeime;  das  seröseitrige,  nicht  riechende  Exsudat  pflegt  mut  Koli  allen 
'infiziert  zu  sein,  Mischinfektion  ist  seltener.  Die  Bauchhöhle  kann  ge 
schlossen  werden  bei  geruchlosem  Exsudat,  wenn  weder  u  n  e 
deckte  Serosaflächen.  noch  nekrotische  üewe  b  e  zuruck 
geblieben  sind.  Bei  stinkendem  Ergüsse  (anaerobe  Streptokokken)  ist  Drai 

nage  erforderlich.  .  ,,  .  „«  ,.  . 

D.  Frank:  Die  Rektopexie  nach  K  u  m  m  e  1 1  scher  Methode. 
Befestigung  des  Mastdarmes  an  der  vorderen  Bauchwand  oder  an  de 
Weichteilen  der  Beckenschaufel  gibt  keinen  genügenden  und  dauernde 
Halt,  um  das  Wiederauftreten  eines  Vorfalles  zu  verhindern.  Demgegenube 
ist  die  Rektopexie  nach  K  ü  m  in  e  1 1,  die  bisher  12  mal  gemacht  wurde,  leicl. 
ausführbar,  ungefährlich  und  von  befriedigender  Dauerwirkung.  Sie  eigne 
sich  vor  allem  für  schwere  Prolapse,  besonders  bei  alteren  Frauen  un 
elenden  Kranken.  Nach  Eröffnung  der  Bauchhöhle  in  Beckenhochlugerun 
wird  der  Mastdarm  straff  nach  oben  gezogen,  bis  der  Vorfall  verschwunde 
ist.  und  in  der  Gegend  des  Promontorium  mit  3  Seidenknopfnahten  an  da 
derbe  Lig.  longitudinale  anteriums  der  Wirbelsäule  befestigt. 

Bircher  und  Berger:  Experimentelle  Untersuchungen  über  di 

Wirkung  der  Spitzgeschosse.  ,  ,  ..  ..  , 

Nahschüsse  (300—700  m)  üben  eine  Sprengwirkung  auf  die  Knoche 
aus.  Bei  Fernschüssen  (1000,  1500  m  und  darüber)  wird  diese  meist  vei 
misst:  die  Splitterung  ist  geringer,  häufig  sieht  man  nur  Lochschüsse.  Di 
Diaphysen  bieten  das  Bild  der  Schmetterlingsfraktur.  Für  das  Spitzgescho; 
—  das  Kaliber  7,5  mm  erwies  sich  als  das  wirksamste  ist  bezeichnen! 
dass  Hautein-  und  ausschuss  auffallend  klein  sind,  und  zwar  um  so  kleine 
aus  je  grösserer  Entfernung  der  Schuss  fiel.  Auch  reine  Weichteilschus 
kunäle  sind  unter  Kaliberweite.  Parenchymatöse  Organe  werden  durt 
Nahschüsse  gesprengt  (Leber,  Niere).  Bei  Lungenverletzungcn  ist  der  Bin 
gehalt  des  Organes  von  Bedeutung,  beim  Darm  der  Füllungszustand.  D. 
Spitzgeschoss  besitzt  infolge  seiner  hohen  Anfangsgeschwindigkeit  eine  gros: 
lebendige  Kraft.  In  allen  Entfernungen  besteht  erhebliche  Neigung  zu  Schra 
und  Querwendungen,  wenn  die  leicht  ablenkbare  Spitze  einem  einseitig. 

Widerstande  begegnet.  _..  .  . 

Gundermann:  Ueber  die  Behandlung  peripherer  Rontgenulze 

mittels  periarterieller  Sympathektomie.  .  , 

3  Röntgenulzera  bei  Kranken,  welche  wegen  Tuberkulose  des  Ellboge 
und  Handgelenkes  und  der  Mittelhand  bestrahlt  worden  waten,  verändert 
auf  pcriartericlle  Sympathektomie  alsbald  ihr  Aussehen.  Der  Rand  wun 
flacher,  der  Grund  reinigte  sich,  die  Ueberhäutung  setzte  ein  und  die  vorn 
starken  Schmerzen  verschwanden  schlagartig  ohne  Scnsibilitätsstorungcn.  A 
Entzündungsherde  findet  sich  eine  Zone,  in  der  die  Gefässe  durch  Vas 
motorenreizung  verengert  sind.  Dadurch  kommt  es  zu  Blutstauung  und  Al 
Schwitzung  von  Flüssigkeit  und  körperlichen  Bestandteilen  in  der  Mitte  d 
entzündlichen  Gebietes.  Durch  periarterielle  Sympathektomie  wird  die  Vas 
motorensperre  aufgehoben  und  damit  venöse  Hyperämie  und  Oedembildu 

im  Bereiche  der  Entzündung  vermindert.  Eine  vollständige  Untcrbrechu 
der  Konstriktoren  durch  diese  Operation  ist  sehr  unwahrscheinlich,  da  au 
distal  vom  Orte  des  Eingriffes  noch  Vasomotoren  zu  den  Gefassen  ziem 
Es  ist  aber  anzunehmen,  dass  gefässverengende  Einflüsse  nicht  ujimer  dur 
spinale  Nerven  vermittelt  werden,  sondern  auch  von  dem  unmittelbar  v< 
Sympathikus  abstammenden  Vasokonstriktorengeflechte,  das  von  den  grosse 
Brust-  und  Bauchgefässen  sich  auch  auf  die  peripheren  Gefässe  ersti  ec  I 
ln  dieses  wird  durch  die  periarterielle  Sympathektomie  eine  Bresche  gele  I 

Herma  nnsdorfer  -  München! 


K.  Schläpfer:  Hauttransplantation  nach  Reverdin-Halsted 

auf  granulierende  Wunden.  .  , 

.Infizierte  Wunden,  deren  Ueberhäutung  nur  langsam  oder  gar  nicht 
erfolgt,  müssen  vor  der  Transplantation  sterilisiert  werden.  Dies  gelingt  am 
besten  und  raschesten  nach  dem  Verfahren  von  C  a  r  r  e  1  -  D  a  k  l  n .  Be¬ 
schreibung  der  von  Halsted  geübten  Technik:  Wenn  im  Wundsekret 
keine  oder  nur  noch  vereinzelte  Keime  gefunden  werden  und  die  Wunde 
gereinigt  ist.  kann  plastisch  gedeckt  werden.  Für  aseptische  Wunden  ist 
die  Reverdin  sehe  Methode  vorzuziehen.  Nach  H  a  1  s  t  c  d  nimmt  man 
die  Läppchen  dabei  etwas  dicker  als  Reverdin  vorschreibt.  Nach  dem 
R  e  v  e  r  d  i  n -H  a  1  s  t  e  d  sehen  Transplantationsverfahren  kann  man  jede 


Monatsschrift  für  Geburtshilfe  und  Gynäkologie.  Band  I 
Heft  2,3.  Juni  1923. 

H.  F  u  c  h  s  -  Danzig:  Eierstocksschwangerschalt  bei  gleichseitigem  « 
leiterdefekt  (äussere  Spermaüberwanderung).  , 

Eine  Frau,  bei  der  Verf.  6  Monate  vorher  wegen  rechtsseitiger  Tub<- 
Schwangerschaft  den  rechten  Eileiter  entfernt  hatte,  musste  wegen  noW 
maliger  Extrauteringravidität  nochmals  operiert  werden.  Dabei  fand  sj( 
eine  einwandfreie  Eierstockschwangerschaft  des  rechten  Eicrstocks  mit  mtl 
follikulärem  Nidationsmodus.  Die  Befruchtung  kann  nur  durch  auss'| 
Spermaüberwanderung  zustande  gekommen  sein.  v 

W.  Sch  cf  fei- Jena-Greiz:  Schwangerschaftsglykosurle  und  ihre  V- 
wendbarkeit  zur  Frühdiagnose  unter  Berücksichtigung  des  Blutzuckers.  1 

Die  Probe  nach  Kamnitzer-Joseph  besitzt  diagnostischen  Wd 
da  sie  bei  Schwangerschaften  bis  zum  4.  Monat  regelmässig  positiv  austsl 
ist  aber  kein  „sicheres  Schwangerschaftszeichen“,  da  sie  auch  bei  7  Fm 
der  Nichtgraviden  positiv  ausfällt.  Für  die  Differentialdiagnose  bei  Abor« 
imminens  und  incompletus  ist  sie  nicht  zu  verwerten,  ebensowenig  zur  El 
gnose  einer  unterbrochenen  Tubargravidität.  .....  „  . 

E.  K  e  h  r  e  r  -  Dresden:  Ueber  syphilitische  Initialsklerose  der  roiP 

xaglnabs^eist  au{  dig  Häufigkeit  der  syphilitischen  Initialsklerose  an i  * 
Portio  hin  und  fordert  unter  Besprechung  der  Differentialdiagnose  (Ul» 
tuberculosurti  und  carcinomatosum)  die  häufigere,  wiederholte  Untersuch» 
des  Zervixsekretes  auf  Spirochäten. 

R  F  1  e  i  s  c  h  e  r  -  Breslau:  Fibrolipoma  retroperitoneale  permagnutn. 

Kasuistischer  Beitrag.  Der  Tumor  wurde  vor  der  Operation  für  ei" 
Ovarialtumor  gehalten. 

L.  S  e  i  t  z  -  Frankfurt  a.  M.:  Lokale  oder  allgemeine  Wirkung  der  K<| 

S  weist  gegenüber  der  neuerdings  vielfach  (T  heil  h  aber,  O  p  i  •• 
M  Fraenkcl  u.  a.)  vertretenen  Ansicht,  dass  es  sich  bei  Röntgenstrah  • 
Wirkung  um  eine  indirekte,  allgemein  auf  den  Körper  bzw.  den  Drusen  « 
innere  Selkretion  handle,  mit  Recht  darauf  hin,  dass  eine  direkte  lo 


27.  Juli  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


993 


Wirkung  der  Röntgcnstrahlen  auf  die  Karzinomzelle  einwandfrei  histologisch 
uachgewiesen  ist.  An  der  Karzinomdosis  für  das  Uteruskarzinom  hält  er 
fest,  während  er  bestreitet,  behauptet  zu  haben,  dass  diese  Karzinomdosis 
auch  für  die  chirurgischen  Karzinome  allgemeine  Geltung  habe.  Zur  Ver¬ 
meidung  von  Missverständnissen  schlägt  er  daher  statt  Karzinomdosis  die 
Bezeichnung  „funktionshemmende  Dosis  für  Karzinomzellen“  vor;  diese  wird 
durch  grosse  Röntgenmengen  herbeigeführt.  Daneben  gibt  es  noch  eine 
.funktionsanregende  Dosis  für  die  Körperzellen“,  die  durch  kleinere  Röntgen¬ 
mengen  herbeigeführt  wird.  Die  indirekte  Strahlenwirkung  ist  selbstver¬ 
ständlich  auch  vorhanden,  ist  aber  zu  wenig  bekannt,  um  darauf  eine  Therapie 
tufzubauen. 

I’.  H  e  u  p  e  I  -  Giessen:  Syndaktylie. 

Mitteilung  von  familiärem  Vorkommen  von  Syndaktylie.  Die  Miss¬ 
bildung  ist  daher  als  ererbt  anzusehen,  auch  wenn  Erkrankungen  und 
Anomalien  des  Amnions  gefunden  werden,  denn  auch  diese  können  ererbt 
sein.  K  o  1  d  e  -  Magdeburg. 

Zentralblatt  für  Gynäkologie.  1923.  Nr.  27. 

F.  v.  M  i  k  u  1  i  c  z  -  Radecki  (Univers. -Frauenklinik  Leipzig);  Ueber  das 
Druckgefühl  auf  den  Mastdarm  als  Zeichen  der  erfolgten  Ausstossung  der 
Plazenta  aus  dem  Corpus  uteri. 

Neben  den  wichtigsten  Zeichen  der  erfolgten  Ausstossung  der  Plazenta 
aus  dem  Uterus,  nämlich  Hochsteigen  über  Nabelhöhe,  Schmal-  und  Kantig¬ 
werden  des  Uterus,  Vorrücken  der  Nabelschnur  ist  das  Druckgefühl  auf 
den  Mastdarm  zu  nennen,  das  die  Frauen  spüren,  wenn  die  gelöste  Nach¬ 
geburt  im  Halskanal  bzw.  in  der  Scheide  liegt.  Das  Zeichen  wird  von 
den  führenden  Lehrbüchern  nicht,  wohl  aber  von  v.  W  i  n  c  k  e  1  sowie 
dem  Preussischen  Hebammenlehrbuch  erwähnt.  Verf.  hat  es  an  190  Fällen 
geprüft.  Unter  190  Kreissenden  wurde  es  von  116  =  89,3  Proz.  gefühlt, 
in  einer  weiteren  Serie  von  60  Fällen  wurde  es  von  4  =  6,3  Proz.  nicht 
angegeben.  Fast  immer  genügte  leichter  Druck  sofort  nach  Auftreten  des 
Druckgefühls  zur  Expression  des  Mutterkuchens.  Das  Zeichen  erspart  das 
häufige  Aufdecken  und  Kontrollieren  des  Abdomens.  Allerdings  müssen  die 
Kreissenden  vorher  darauf  aufmerksam  gemacht  werden. 

H.  M  c  y  c  r  -  R  u  e  g  g  -  Zürich:  Ueber  Haematometra  cervicalis. 

Die  Hämatometra  cervicalis  besteht  darin,  dass  nach  Eintritt  der 
Altersinvolution,  die  zu  Verengerung  des  äusseren  Muttermundes  führt,  noch 
weitere  menstruelle  oder  pathologische  Blutungen  folgen  und  sich  Gerinnsel 
in  dar  Zervix  sammelt  und  diese  zu  einem  Sack  erweitert.  Das  Gerinnsel 
wird  im  Zervikalkanal  ohne  Beteiligung  des  Korpus  retiniert.  Eingehen 
mit  der  Kornzange,  Spreizen  genügt  zur  Entleerung.  Bei  beunruhigenden 
klimakterischen  Blutungen  ist  daher  auch  an  dieses  Krankheitsbild  zu  denken. 
Verf.  hat  1907  schon  4  derartige  Fälle  beschrieben  und  schildert  nun  einen 
weiteren  Fall. 

K.  Blond. (II.  Univers.-Frauenklinik  Wien):  Der  Dekapitationsfingerhnt. 

Zur  Dekapitation,  die  bei  verschleppter  Querlage  erforderlich  werden 

kann,  hat  Verf.  statt  des  nicht  ungefährlichen  Schlüsselhakens  von  Braun 
und  des  vollendeten,  aber  nur  in  der  Klinik  anwendbaren  Ribemont- 
Bong  sehen  Instrumentes  ein  einfaches  Ersatzinstrument  konstruiert.  Er 
benützt  eine  Säge  aus  sog.  Wiener  Drahtseide,  die  durch  dünne  Gummi¬ 
drains  geschützt  wird.  Sie  wird  an  einem  auf  dem  Daumen  aufgesetzten 
Fingerhut  (Abbildung)  befestigt;  an  dem  Fingerhut  befindet  sich  noch  eine 
Drahtschlinge,  in  die  der  Zeigefinger  eingreifen  kann.  Der  Daumen  umfasst 
von  vorn  den  kindlichen  Hals  und  führt  so  die  Säge  um  ihn,  die  übrigen 
Finger  kommen  von  hinten.  Der  Zeigefinger  greift  dann  in  den  Drahtring 
und  zieht  ihn  nach  abwärts.  Das  Instrument  ist  leicht  zu  sterilisieren. 

J.  Guggenberger  (Univers.-Frauenklinik  München):  Zur  aktiven 
Abortbehandlung. 

Für  Aborte  des  4.  und  5.  Monats,  wo  der  Fötus,  insbesondere  dessen 
Kopf,  schon  ziemlich  gross  ist  und  mit  der  federnden  D  ö  d  e  r  1  e  i  n  sehen 
Eizange  nicht  deformiert  und  extrahiert  werden  kann,  konstruierte  Verf.  ein 
besonderes  Instrument,  das  zwischen  der  D  ö  d  e  r  I  e  i  n  sehen  Eizange  und 
der  B  o  e  r  sehen  Zange  steht.  Es  ist  massiv  gebaut  wie  die  letztere,  in 
den  Fenstern  sind  Querbalken  mit  ineinandergehenden  Krallen.  Zum  Schutze 
gegen  Perforation  ist  der  von  D  ö  d  e  r  1  e  i  n  angegebene  Schutzwulst  ange¬ 
bracht.  Die  Zange  soll  den  Kopf  deformieren  und  extrahieren  sowie  die 
in  solchen  Fällen  oft  adhärente  Plazenta  fassen  (Abbildung). 

G.  Haselhorst:  Schmerzlosigkeit  bei  Geburtswehen  als  Frühsymptom 
bei  Tabes  dorsalis. 

In  einem  Falle,  wo  die  Reflexe  bis  auf  den  Pupillarreflex  normal  waren 
und  erst  serologische  Untersuchung  Lues  erwies,  deutete  die  Schmerzlosig¬ 
keit  deT  Wehen  als  Frühsymptom  auf  Tabes  hin.  Ausführliche  Darstellung 
des  Verhaltens  organisch  Nervenkranker  unter  der  Geburt. 

0.  Ger  ich  (Deutsches  Krankenhaus  Riga):  Intermittierende  Pvometra. 

Ein  gestielter  Polyp  hatte  das  Os  internum  verlegt  und  gab  nur  von 
Zeit  zu  Zeit  bei  Dehnung  der  Uteruswände  dem  Sekretabfluss  Raum.  Dia¬ 
gnose,  die  von  einem  führenden  Berliner  Kliniker  nicht  gestellt  worden,  ergab 
sich  schliesslich  nach  Dilatation  der  Zervix.  Robert  Kuhn-  Karlsruhe. 

Archiv  für  experimentelle  Pathologie  und  Pharmakologie.  97.  Bd., 
1.  bis  6.  Heft  (Schluss). 

L.  Pol  lak -Wien:  Beiträge  zur  Kenntnis  des  nephritlschen  Oedems. 

Der  Uebergang  körperfremder  Salze  (Ferrozyan-  und  Jodnatrium)  aus 

der  Blutbalm  in  die  Bauchhöhle  erfolgt  bei  Tieren  mit  Nephritis,  die  zur  Aus¬ 
bildung  hydropischer  Ergüsse  führt  (Uran-  und  Chromnephritis)  langsamer  als 
in  der  Norm.  Es  steht  also  in  unmittelbarem  Zusammenhang  mit  dem  Prozess 
der  Oedem-  bzw.  Transsudatbildung  eine  Veränderung  der  Wanddurchlässig¬ 
keit  der  Kapillaren  und  Serosa.  Für  Traubenzucker  dagegen  sind  Gefäss- 
wände  und  Serosa  abnorm  durchlässig.  Die  Verhältnisse  sind  also  kompli¬ 
ziert;  es  besteht  nicht  einfach  „eine  erhöhte  Durchlässigkeit  der  Gefäss- 
wände“,  sondern  es  handelt  sich  um  einen  biologischen  Vorgang,  bei  dem 
Gefässwandzellen  einerseits,  Gewebszellen  andrerseits  aktiv  sich  beteiligen. 

0.  P  o  r  g  e  s  und  H.  Lipschütz  -  Wien :  Ueber  Azetonurie  und 
Alkalose. 

Kohlehydratentziehung  kann  bereits  am  ersten  Tag  zu  Azetonurie  führen, 
wenn  gleichzeitig  eine  Alkalose  besteht.  Da  die  neuritische  Atmungstetanie 
zu  Verminderung  der  COa-Spannung  führt  und  infolge  der  Ueberventilation 
das  Verhältnis  C0a:NaHC03  gestört  wird  und  Alkolose  auftritt,  liess  sich 
auch  bei  diesen  Fällen  Azetonurie  nachweisen.  Auch  Alkalose  durch  Dar¬ 


reichung  von  Natrium  bicarbonicum  bei  gleichzeitiger  Kohlehydratentziehung 
erzeugte  Azetonurie.  Die  Azetonkörper  sind  normale  intermediäre  Produkte 
des  Stoffwechsels;  das  Natrium  bicarbonicum  entzieht  nur  die  Azctessig- 
säure  der  Weiterverarbeitung. 

E.  Rost- Berlin:  Die  Atropin-  und  die  Digitaliswirkung  ain  Frosch¬ 
herzen  bei  verschiedenen  Temperaturen.  (Zugleich  ein  Beitrag  zur  Methodik 
pharmakolgischer  Wertbestimmung.) 

J.  Schütz- Wien:  Zur  Kenntnis  der  Nierenfunktion  und  ihrer 
pharmakologischen  Beeinflussung. 

Versuche  an  zwei  Kranken  (mit  chronischer  Hypertension  und  mit  Vitium 
cordis)  zeigten,  dass  bei  der  Wasserdiurese  die  Schlackcnausfuhr  weit  mehr 
hinter  der  Wasserausfuhr  zurückblieb  als  bei  der  Koffeindiurcsc 

S  t  e  r  n  s  c  h  e  i  n  -  Helgoland :  Strychninwirkung  an  Crustacecn.  I.  Die 
Wirkung  an  der  Schere  von  Cancer  pagneus. 

Tez  n  er  -  Wien:  Ueber  Folgeerscheinungen  dauernder  Drucksteigerung 
in  der  Niere. 

Druckerhöhung  in  der  Niere,  durch  Paraffiininjektion  unter  die  Kapsel 
erzeugt  oder  durch  Nierenquetschung,  führt  zu  degenerativen  Veränderungen 
mit  Eiweissausscheidung  (bis  Yi  Prom.),  jedoch  nicht  zu  Blutdrucksteigerung 
oder  Oedemen,  auch  nicht  zu  Hämaturie. 

Tirala:  Ueber  den  Einfluss  der  Aethernarkose  auf  die  Heimkehrfähig¬ 
keit  der  Bienen. 

Die  Bienen  lernen  durch  individuelle  Erfahrungen  die  Lage  ihres  Stockes 
erkennen  und  ihre  Heimkehrfähigkeit  ist  um  so  grösser,  je  länger  und  öfter 
sie  zum  Stock  zurückkehren.  Sie  sind  in  den  ersten  Tagen  nach  Beziehen 
eines  neuen  Stockes  durch  Aethernarkose  bedeutend  gestört,  später  nicht 
mehr.  Es  ist  also  nicht  eine  unbekannte  Kraft,  ein  angeborener  Richtungs¬ 
sinn  wirksam,  sondern  erworbene  Erfahrung. 

R.  Wagner- Wien:  Ueber  experimentelle  Xerophthalmie. 

Die  Xerophthalmie,  eine  sichere  Avitaminose,  bedingt  durch  den  Mangel 
des  Faktors  A  in  der  Ernährung,  kann  im  Experiment  an  Ratten  erzeugt 
werden.  Verf.  fand  nun  eine  Beschleunigung  des  Auftretens  durch  gleich¬ 
zeitige  Schilddrüsenfütterung,  offenbar  infolge  rascheren  Verbrauchs  der  im 
wachsenden  Körper  vorhandenen  Vorräte  von  A-Vitamin.  Das  spricht  für 
eine  Wechselwirkung  zwischen  dem  das  Wachstum  beeinflussenden  inner¬ 
sekretorischen  Faktor  und  dem  Faktor  der  akzessorischen  Nährstoffe. 

W  a  s  i  e  k  y  -  Wien :  Zur  biologischen  Wertbestimmuug  von  Felix  mas. 

Wiechowski-  Prag:  Ueber  die  Muttersubstanz  des  Indischgelb. 

Zak-Wien:  Studien  zur  Blutgerinnungslehre. 

Diejenigen  Fermente,  die  direkt  oder  nach  Vorbehandlung  mit  Plasma 
oder  Serum  sich  als  Fettspalter  erwiesen  haben,  haben  eine  gerinnungshem¬ 
mende  Wirkung.  L.  J  a  c  o  b  -  Bremen. 

Klinische  Wochenschrift.  1923.  Nr.  27. 

R.  B  d  e  1  i  n  g  -  Frankfurt  a.  M.:  Die  unspezifische  Reizwirkung  der 
Proteinkörper.  Antrittsvorlesung. 

H.  Petow  und  H.  S  c  h  r  e  i  b  e  r  -  Berlin:  Ueber  das  Auftreten  blut¬ 
fremder  Lipasen  im  Serum.  Ein  Beitrag  zur  Diagnose  von  Organerkran¬ 
kungen. 

Verfafsser  fanden  eine  chdninfeste  Lipase  im  Serum  bei  allen  Leber¬ 
erkrankungen,  bei  denen  Gallenbestandteile  im  Blute  kreisen  und  bei  allen 
schweren  Nierengewebserkrankungen.  Bei  leichteren  Nephritiden  scheint 
keine  Nierenlipase  ins  Blut  überzutreten.  Bei  allen  untersuchten  gutartigen 
Nierensfclerosen  wurde  keine  chininfeste  Lipase  im  Serum  gefunden,  bei 
allen  funktionsgestörten  Schrumpfnieren  war  sie  vorhanden.  Das  scheint 
also  auch  prognostisch  wichtig  zu  sein. 

Em.  v.  S  k  r  a  m  1  i  k  -  Freiburg  i.  Br.:  Ueber  das  Verhalten  des  Geruch¬ 
sinnes  bei  gleichzeitiger  Einwirkung  zweier  Reize. 

Als  Ergebnis  der  Untersuchungen  wird  mitgeteilt,  dass  dem  physikalisch 
stetigen  Vorgang  bei  der  Duftstoffmischung  keine  stetige  Abstufung  der  Ge¬ 
ruchsempfindungen  entspricht.  Als  psychologischer  Erfolg  der  Mischung  von 
2  Riechstoffen  sind  Diskontinuitäten  in  den  Empfindungen  ermittelt  worden, 
welche  auftreten  an  2  Stellen,  nämlich  beim  Uebergang  von  den  Unter¬ 
drückungsbereichen  in  den  der  Geruchsfolge.  Durch  letztere  Erscheinung 
zeichnet  sich  das  Geruchsorgan  vor  allen  anderen  Sinnesorganen  aus,  indem 
es  sich  um  zeitliche  Aufeinanderfolge  zweier  Empfindungen  handelt.  Ver¬ 
schmelzungen  der  Geruchsempfindungen  kommen  auch  vor. 

A.  L  a  n  d  a  u  -  Berlin:  Ueber  einen  tonischen  Lagereflex  beim  älteren 
Säugling. 

Die  tonische  Haltung  der  betreffenden  Kinder  ist  aus  den  Abbildungen 
im  Original  gut_  zu  erkennen.  Als  Ergebnis  der  Beobachtung  wird  besonders 
bezeichnet:  beim  älteren  Säugling  tritt  eine  Verknüpfung  von  Labyrinth- 
und  Halsreflexen  sehr  sinnfällig  in  die  Erscheinung  und  mag  für  die  Ent¬ 
wicklung  statischer  Fähigkeiten  von  Bedeutung  sein.  Der  klinische  Eindruck 
von  „Tonus  der  Muskulatur“  lässt  keinen  Schluss  zu  auf  ihre  wahre  tonische 
Leistungsfähigkeit. 

L.  L  i  c  h  t  w  i  t  z  -  Altona:  Ueber  die  Beziehungen  der  Fettsucht  zu 
Psyche  und  Nervensystem. 

Verf.  erörtert  das  klinische  Bild  der  endogenen  Adipositas,  die  durch 
Veränderungen  endokriner  Verhältnisse  mitbestimmt  wird  und  zu  seelischen 
Umstimmungen  verschiedener  Art  führen  kann.  (Schilddrüse  und  Keim¬ 
drüsen  spielen  vor  allem  eine  Rolle.) 

H.  N  e  c  h  e  1  e  s -Eppendorf:  Ueber  Dialysieren  des  strömenden  Blutes 
am  Lebenden. 

Verf.  konstruierte  einen  Apparat,  welcher  erlaubt,  das  Blut  eines  Tieres 
innerhalb  des  eigenen  Kreislaufes  durch  ein  System  grosser  Filter  zu  leiten 
und  so  allen  löslichen  kristalloiden  Körpern  Gelegenheit  zum  Ausdialysieren 
zu  geben. 

G.  Giemsa  und  E.  W  e  i  s  e  -  Hamburg:  Ueber  weitere  chemothera¬ 
peutische  Studien  mit  Wismut  und  über  ein  hiebei  gefundenes  antiluetisch 
hochwirksames  Bismutyltatarat. 

Nähere  Mitteilung  der  betr.  Versuche  an  Kaninchen.  Ueber  die  Ver¬ 
suche  an  luetisch  kranken  Menschen  wird  erst  berichtet  werden. 

A.  Aronson  -  Sandträsk:  Versuche  über  eine  Sensibilisierung  der 
Pirquet  sehen  Reaktion. 

Durch  Versuche  an  Kindern  unter  15  Jahren  konnte  Verf.  zeigen,  dass 
ein  Zusatz  von  Morphin  zu  Tuberkulin  eine  höhere  Empfindlichkeit  für  das 
Tuberkulin  erzeugen  kann  und  eine  positive  Pirquetreaktion  auch  dort  aus- 
lösen  kann,  wo  sie  bei  gewöhnlicher  Methode  negativ  blieb.  Mit  Sicherheit 
ist  auf  diese  Wirkung  übrigens  nicht  zu  rechnen. 


994 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  30. 


St.  Hcdiger-  Zürich:  Zur  Frage  der  essentiellen  Hypertonie  und  ihrer 

Behandlung  durch  Kohlensäurebäder.  .  ••  ncvri, jcph 

Verf  konnte  durch  einen  Registrierapparat  zeigen,  dass  die  psychisch 
bedingte  Gefässlabilität  als  ursächliches  Moment  für  die  Hypertonie  nicht 
„«Sawfcrt  werden  darf.  Mittels  dieser  Methode  iiess  sich  nun  unter 
der  Wirkung  kohlensaurer  Bäder  auch  eine  gewisse  Veränderung  der  sog. 
SM.  ver  sehen  Wellen  (periodische  Blutdruckschwankungen)  dartun.  Es 
scheint  dass  durch  die  Wirkung  der  die  Haut  durchdringenden  Kohlensäure 
Ci"C  ^ähp^n^  de^  Vasomotoren  zustaiide^ekonunt.  |,s|or^un^^ 

Bemerkungen^  zu  “der  Arbeit  von  B  u  s  c  h  k  e  und  Kroo  und  von 
S  t  e  i  n  f  e  I  d  im  Jahrgang  2  Nr.  lü  und  13  der  Kl.  W. 

Erwiderung  hierauf  von  B  u  s  c  h  k  e  und  Kroo.  .  . 

hi  pul  ay- Wien:  Kritische  Bemerkungen  zu  den  blutchemischen  Ar- 

^C,te" ii^Vifwideruifg^uf  die  Arbeit  von  Urbach.  Nr.  1/  der  ¥'  W. 

^;b„rch-WÄbro‘"So,v«  -  Ektodennabkijnimllniie. 
K.  K  i  s  s  kalt  und  W.Anschütz- Kiel:  Der  Befund  von  Diphtherie- 

haZilBemerkunKennzu  der  Arbeit  von  Landau  in  Nr.  13  der  Kl.W. 

H^H  aT'ini  d°e  r^Kiel:  Untersuchungen  über  Harnsäurelöslichkeit. 

TT,  r  !%& 

Natur  der  Kristalle  im  Asthmasputum.  „e. 

Mitteilung  der  Untersuchungsergebnisse,  nicht  zu  weiterer  Kürzung  ge 

e,Eno'pitz  und  Brehmet  Quantitative  Urobilinbestimmung. 

K  'mcii'  d  cl  urIdCE0Uen  g  e  r  -  Berlin:  Dermoidzyste  im  Gehirn.  Opera- 
tlon.  Heilung.  Kasuistische  Mitteilung,  einen  32  J« Arzt  • 

Medizinische  Klinik.  Heft  27. 

H  C  urschmann -Rostock:  Ueber  Adipositas  dolorosa. 

In  dem  klinischen  Vortrag  wird  —  an  Hand  von  drei  kurzen  Kranken¬ 
berichten  —  die  thyreogene  Komponente  der  Erkrankung  betont,  die  .  cl 
besonders  eindrucksvoll  aus  der  1  herapie  ergibt.  .  .  p 

p  s  t  e  r  n  -  Göttingen:  Ueber  die  Defektheilungen  und  chronischen  Er- 

krankunzen  bei  epidemischer  Enzephalitis.  iiuoirnnntp 

Aus  den  9  charakteristischen  Krankengeschichten  geht  che  allbekannte 
Vielgestaltigkeit  der  Symptome  erneut  hervor;  doch  ist  es  durch  eine  ein 
heitliche  Betrachtungsweise  möglich,  die  zahlreichen  tmzelerschein  g 

rinige  wenige  Grundstörungen  zurückzuführen.  . . 

A  W  in  kl  e  r -Enzenbach:  Bemerkungen  zur  Diagnosenbezeichnung 

'“TfÄt  ist  4*  Bcr»  überhaupt  „  vermeiden.  A«ch 
dem  Kranken  gegenüber  ist  es  besser,  die  Tuberkulose  beim  rechten  Name 
zu  nennen,  da  sie  zumeist  mit  der  unverfänglich  klingenden  Bezeichnung 

/'k  Ty^e“- -Berlin:  Zur  medikamentösen  Beeinflussung  innerer  und 

ChirUmm?sTs®iUbStdlt  aus  Aethyldiamin  und  Kalzium:  diese  Kombination 
scheint  die  Gerinnbarkeit  des  Blutes  wirksam  zu  steigern  Dies  wird  an 
einigen  Versuchen  und  klinischen  Erfahrungen  veranschaulicht 

M  Kauf  mann -Berlin:  Ueber  Nachbehandlung  der  Pleun  den. 
Atemgymnastik,  für  welche  brauchbare  Vorschriften  mitgeteilt  werden, 
ist  eine  eXhe  und  sichere  Therapie,  die  in  keinem  Falle  von  Pneumon.e 
und  Pleuritis  in  der  Nachbehandlung  unterlassen  werden  sollte. 

r  C  h  a  j  e  s  -  Berlin:  Ein  Universalsiispensorlum.  . 

E.  V  o  g  t  -  Tübingen:  Untersuchungen  zur  Biologie  der  Peritönealflusslg- 

ktMt  Befun^von"”  75  Laparotomien.  Physikalisch-chemische  sowie  zyto- 
logische  Untersuchungen  werden  für  die  Theorie  von  der  Entstehung  de 
Peritonealflüssigkeit  und  von  ihrer  biologischen  Bedeutung,  besonders  de 
weiblichen  Genitalfunktion  verwertet.  ,  ,  . 

K.  B  r  an  d  e  n  b-u  r  g -Berlin:  Ueber  die  Behandlung  der  Zuckerkrank¬ 
heit  mit  Einspritzungen  von  Insulin,  eines  aus  der  Bauchspeicheldrüse  ge¬ 
wonnenen,  zuckerspaltenden  Stoffes. 

H.  E  n  g  e  1  -  Schöneberg:  Progressive  Paralyse  nicht  Unfallfolge. 

E.  Clase  n -Izehohe:  Varizen  —  Ulcus  crurfs  und  ihre  Behandlung. 
Indikation,  Wirksamkeit  und  Technik  des  Zinkleimverbandes. 


Auswärtige  Briefe. 


Schweizerische  medizinische  Wochenschrift.  1923.  Nr.  22. 

P.  S  t  e  in  e  r -Lausanne:  Etude  sur  l’hyperglycemie  et  la  glycosurie 
des  diabötiques.  Leur  evolution.  leurs  variations  et  leurs  correlationA 

N  o  r  d  man  n  -  Basel:  Beiträge  zur  Lehre  von  den  Schwangerschaits- 

Vcrf  führt  H  o  e  h  n  e  gegenüber  aus,  dass  für  das  Eintreten  des  Kopfes 
in  das  kleine  Becken  vor  der  Geburt  weder  mittlere  Fruchtwassermengen, 
wie  sie  meist  vorhanden  sind,  noch  die  sogen  Spannung  des  unterem  UWnn- 
Sezmentes  von  wesentlicher  Bedeutung  sind,  sondern  dass  die  Kratt  de  ^ 
Schwangerschaftswehen  dafür  entscheidend  ist.  Beim  „Rheumatismus  uteri 
handelt  es  sich  vorwiegend  um  Schwangerschaftswehen.  Nachwelten  et  t- 
stchen  offenbar  nicht  selten  durch  Blutgerinnselabgang  aus  dem  puerperalen 

1  '  '  A  v  B  e  u  s  t  -  Zürich:  Ueber  traumatische  Epithelzysten. 

Melsanowitsch  -  Basel:  Ueber  Meningokokkenmeningitis.  Die 
Fälle  der  Baseler  medizinischen  Klinik  in  den  Jahren  1908— -1921. 

Bericht  über  24  Fälle,  davon  18  mit  positivem  Bazillenbefund.  7  starben. 
Verf.  beschreibt  einen  Fall  genauer  mit  schubweisem  Verlauf,  sehr  langer 
Dauer  (5 X  Monate).  Meningokokken  im  Blut,  bei  dem  durch  Autovakzine¬ 
therapie  günstige  Wirkung  erzielt  wurde. 

Sch  w  e  n  t  e  r  -  Bern:  Ein  Beitrag  zur  unspezlfischen  Immunbehandlung 

mlt  Intrakutane  Injektion  an  mehreren  Hautstellen,  zusammen  ca.  1  g.  mehr¬ 
mals  wiederholt,  schien  gute  Wirkung  bei  Furunkulose,  Akne,  Epididymitts 
gonorrhoica  zu  haben.  L.  J  a  c  o  b  -  Bremen. 


Brief  aus  Argentinien. 


Buenos  Aires,  den  26.  Mai  1923. 


Das  immer  zunehmende  wirtschaftliche  Elend  des  Deutschen  Aerzte- 
standes  lässt  im  Herzen  vieler  Kollegen  den  Wunsch  zur  Auswanderung 
wieder  lebhafter  werden.  Argentinien  scheint  nun  ganz  besonders  den 
Ruf  eines  glücklichen  und  zukunltreichen  Landes  zu  haben,  wie  der  mächtig 
anschwellende  Strom  der  Einwanderer  zeigt.  Leider  hat  nun  aber ^  Argen¬ 
tinien  die  Einwanderung  fremder  Aerzte  so  erheblich  erschwert,  dass  mal 
praktisch  von  einer  Sperrung  sprechen  kann.  Diese  Neuordnung  ist  btsh>r 
von  der  Univcrshät  Buenos  Aires  angenommen,  in  Rosario  ist  im  1  rm/.ip 
dasselbe  beschlossen,  die  Ausführung  dürfte  nur  eine  Frage  kurzer  Zeit  sein, 
die  anderen  beiden  Universitäten  in  Cördoba  und  La  Plata  werden  wohl 
hinter  ihren  Schwesterinstituten  nicht  lange  zurückstehen  wollen,  zumal  da 
einflussreiche  und  mächtige  Kräfte  Propaganda  gegen  die  Zulassung  aus¬ 
ländischer  Aerzte  machen.  _ . 

Nun  zu  den  Bestimmungen:  Während  bisher  )  der  fremde 
Kandidat  seine  Examina  zwar  der  Reihe  nach,  aber  in  beliebiger  Zahl  a  - 
legen  konnte,  wozu  ihm  auch  die  Monate  März,  Juli  und  Dezember  zur  - 
fügung  standen,  ist  hier  eine  wesentliche  Aendcrung  eingetreten.  Die  Prü¬ 
fungsfächer  sind  in  4  Gruppen  eingeteilt  (je  5,  5,  9  7.)  Uu11(f  )edes.  " 

man  nur  eine  Gruppe  machen.  Prüfungsmonat  ist  lediglich  Dezember  (Hocn- 
sommer).  Damit  ist  die  Examensdauer  auf  mindestens  3  Jahre  (4  ue- 
zember)  festgelegt.  Artikel  5  sagt  aber:  Wer  in  einem  Jahr  mit  der  be¬ 
gonnenen  Gruppe  nicht  fertig  wird,  muss  diese  im  folgenden  Jahre  beenden, 
ohne  dass  er  berechtigt  wäre,  die  folgende  Gruppe  zu  erledigen.  Es  wird 
oft  schwer  sein,  so  viele  Examina  in  einem  Monat  zu  absolvieren.  Ferner 
bestimmt  derselbe  Artikel:  Wer  in  einem  Fach  durchfällt,  hat  im  nächsten 
Jahre  nur  das  Recht,  dies  Fach  zu  wiederholen,  ohne  das  Examen  weiter 
fortsetzen  zu  können.  Artikel  6  sagt:  Erlaubnis  zum  Examen  wird  nur  erteilt, 
wenn  festgestellt  ist.  dass  der  Betreffende  nicht  praktiziert.  Fbenso  kann 
der  Nachweis  des  Praktizierens  die  Zurückziehung  der  erteilten  Erlaubnis 
bewirken. 

Es  leuchtet  ohne  weiteres  ein,  dass  diese  neue  Bestimmung  den  einzigen 
Zweck  hat  das  Examen  so  zu  erschweren,  dass  es  ein  unübersteigbares 
Hindernis  wird.  Art.  5  gibt  den  Professoren  die  Möglichkeit  m  die  Hand, 
die  Zeit  des  Examens  unbegrenzt  zu  verlängern.  Denn  wenn  bisher  schon 
die  Mehrzahl  der  Prüflinge  in  einem  oder  mehreren  Fächern  durchfiel.  so  ist 
das  jetzt  erst  recht  zu  erwarten,  denn  es  besteht  hier  der  ausge¬ 
sprochene  Wunsch  die  fremden  Aerzte  von  Argentinien  fernzuhalten! 

Damit  komme  ich  zu  den  Gründen  der  neuen  Verordnung.  Das  Be¬ 
dürfnis,  den  Zuzug  fremder  Aerzte  zu  beschränken,  ist  bis  zu  einem  ge¬ 
wissen  Grade  berechtigt  und  verständlich.  Die  Zahl  der  argentinischen 
Aerzte  ist  nämlich  dauernd  im  Steigen  begriffen.  Aus  einer  mir  von  der 
medizinischen  Fakultät  freundlichst  zur  Verfügung  gestellten  Statistik  ent¬ 
nehme  ich,  dass  die  Zahl  der  Zugänge  an  jungen  Medizinstudierenden  von 
488  im  Jahre  1913  auf  995  i.  J.  1922  gestiegen  ist.  In  den  gleichen  Jahren 
wurden  142  und  332  Aerzte  approbiert.  Nach  Beendigung  des  6  jälir.  Studiums 
wird  sich  diese  Hochflut  drückend  bemerkbar  machen.  Hinzu  kommen 
noch  die  in  Cördoba  ausgebildeten  Aerzte.  Die  neugegründeten  Univer¬ 
sitäten  Rosario  und  La  Plata  werden  diese  Zahlen  noch  erheblich  ver- 

Mit  dem  enormen  Anwachsen  der  Aerzteschaft  hier  ist  nun  auch  die 
wirtschaftliche  Lage  derselben  schlechter  geworden.  Dadurch  hat  sich  hier 
ein  ähnlicher  Prozess  vollzogen  wie  einst  in  Deutschland:  Die  Aerzte  haben 
sich  in  einem  Verbände  zusammengeschlossen,  der  die  Interessen  des  Standes 
verteidigen  soll  (Sindicato  de  mödicos).  Obwohl  das  Kassenwesen  hier  nur 
eine  untergeordnete  Rolle  spielt,  sind  doch  schon  einige  Konflikte  dagewesen, 
in  welche  dieser  Verband  erfolgreich  eingegriffen  hat.  (Eine  gesetzliche 
Krankenversicherung  gibt  es  hier  nicht,  es  bestehen  nur  Pnvatkranksn- 
kassen  Nur  die  Fürsorge  des  Unfallverletzten  ist  einseitig  dem  Arbeitgeber 
aufgebürdet,  der  für  Behandlung  und  Entschädigung  zu  sorgen  hat,  doch  nur 
bis  zur  Höchstsunwne  von  6000  Pesos.)  Dieses  Aerztesyndikat  kämpft  auch 
energisch  gegen  den  Zuzug  fremder  Aerzte.  Dabei  ist  die  Zahl  dieser 
sehr  gering,  ln  den  letzten  10  Jahren  wurden  in  Buenos  Aires  71.  in  Cor¬ 
doba  17  darunter  4  Deutsche,  auf  Grund  bestandenen  Examens  zugelassjti. 
Wenn  man  bedenkt,  dass  Argentinien  auf  Einwanderung  angewiesen  ist,  so 
wäre  es  wohl  nicht  unbillig  zu  erwarten,  dass  es  eine  der  Gesamteinwanac- 
rung  entsprechende  Zahl  fremder  Aerzte  zuliesse.  Das  ist  nun  himallM 

Die  enorme  Zunahme  der  argentinischen  Aerzteschaft  ist  aber  nicht  dei 
einzige  Grund,  der  zu  einer  Verschärfung  der  Bestimmungen  geführt  hat 
Leider  haben  einige  fremde  Aerzte  auch  Schuld  am  Erlass  der  neuen  Bestim¬ 
mungen.  Der  Argentinier  ist  stets  sehr  gastfrei  und  tolerant  und  gibt  auch  den 
Fremden  kern  von  seinen  Schätzen  ab.  Er  empfindet  es  aber  als  lebhaftes 
Unrecht,  wenn  der  Fremde  diese  Toleranzgrcnze  in  maassloser  Weise  naei 
oben  übersteigt,  wenigstens  solange  dieser  keine  formelle  Berechtigum 
dazu  hat.  Quid  non  mortalium  pectora  cogis,  auri  sacra  fames.  Es  is 
zu  bedauerlich,  wenn  Aerzte  durch  das  Gold  so  geblendet  werden,  dass  |u 
den  Anstandi  verlieren  und  sich  aufs  geschäftsmässige  Verdienen  werten 
wobei  Titel  und  Ruhm  mit  Presse  und  Reklametamtam  in  Geld  umgesetz  j 
weiVlen.  Das  nimmt  der  Argentinier  übel,  und  mit  Reaht,  zumal  da  du 

Europäer  dabei  tun.  als  ob  sie  trotzdem  eine  höhere  Klasse  Menscher, 

wären!  Diese  „Avjerikanisierung“,  auf  gut  Deutsch  die  Gier  nach  den* 
Dollar,  fängt  oft  schon  bei  den  Assistenten  an,  die  der  Privatpraxis  nacnl 
laufen,  obwohl  sie  nach  Gesetz  und  Vertrag  nicht  dazu  berechtigt  sind,  »nl 
denken  an  ihren  Geldbeutel,  aber  nicht  daran,  dass  sie  die  Sache  ihre  , 

Kollegen  und  Nachfolger  schädigen.  So  ist  zu  befürchten,  dass  Argentirte> 
eine  ähnliche  Bestimmung  erlässt,  wie  Chile,  wo  auch  in  den  Hospitäler 
die  Assistentenstellen  nur  mit  Aerzten  besetzt  werden  dürfen,  die  das  Landes 
djplom  haben.  Das  gefährdet  den  Charakter  und  sogar  den  Bestand  de 
Auslandshospitäler  und  sehliesst  die  letzte  Einwanderungspforte. 

Hierbei  möchte  ich  auch  einige  Bemerkungen  irber  Professoren 
besuche  einflechten.  Argentinien  lädt  ab  und  zu  bedeutende  Wissen 
schaftler  aus  allen  Gebieten  und  Ländern  ein.  um  sich  üben  den  Man 


»)  Vgl.  M.m.W.  1921  Nr.  13. 


21.  Juli  19 22. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


995 


ihrer  Forschungen  und  über  ihre  Erfolge  berichten  zu  lassen.  Dabei  be¬ 
trachtet  der  Argentinier  es  selbstverständlich  für  seine  Ehrenpflicht,  dafür 
zu  sorgen,  dass  der  Gast  keinen  finanziellen  Schaden  leidet,  sondern  das 
gastliche  Land  in  angenehmer  Erinnerung  behält.  Natürlich  beobachtet  der 
Wirt  auch  seine  Gäste,  wobei  Sympathien  und  Antipathien  durch  Rasse¬ 
beziehungen  mitwirken.  Trotzdem  fiel  die  Unverfrorenheit  in  den  Honorar¬ 
forderungen  eines  ehemaligen  französischen  Ministerpräsidenten,  der  hier 
Entschuldigungsreden  für  Frankreich  hielt,  höchst  unangenehm  auf.  Um  so 
schöner  wäre  es  gewesen,  wenn  der  nächste  Gast,  ein  älterer  deutsche1- 
Chirurg,  fernab  von  der  materiellen  Auffassung  jenes  geschäftstüchtigen 
Vielredners,  sich  mehr  den  idealen  Aufgaben  des  Arztes  gewidmet  hätte. 
Dagegen  hat  Herr  Prof.  Nonne  durch  seine  Persönlichkeit,  sein  umfassen¬ 
des  Wissen  und  seine  Korrektheit  dem  deutschen  Namen  alle  Ehre  gemacht. 
Wahrscheinlich  werden  in  einiger  Zeit  wieder  solche  Einladungen  erfolgen, 
was  ja  im  Sinne  einer  geistigen  Annäherung  Argentiniens  und  Deutschland  zu 
begrüssen  ist.  Den  besten  Erfolg  werden  diese  Herren  haben,  wenn  sie  ihre 
Vorlesungen,  die  recht  demonstrativ  sein  müssen,  in  spanischer  Sprache  — 
und  nicht  in  schlechtem  Französisch  —  halten. 

Bei  der  Schwierigkeit  der  Verhältnisse  ist  es  kein  Wunder,  wenn  nach 
dem  Friedensschluss  nur  2  Deutsche  das  Examen  gemacht  haben.  Weitere 
4  sind  dabei.  Einige  wenige  Aerzte  sind  ins  Innere,  oder  besser  gesagt, 
ans  Ende  der  Republik  gegangen,  andere  sind  —  wohl  mit  gebrochenen 
Flügeln  und  leeren  Taschen  zurückgewandert.  Ziemlich  gross  war  die  Zahl 
der  Krankenschwestern  und  Pfleger,  die  hier  eintrafen,  alle  ohne  spanische 
Sprachkenntnissc  und  ohne  Geld.  Die  kleine  deutsche  Kolonie  —  die  in  der 
Heimat  gewaltig  überschätzt  zu  werden  scheint  —  kann  soviel  Menschen 
nicht  beschäftigen.  Die  Mehrzahl  hat  ihren  Beruf  aufgeben  müssen,  um 
Stellen  als  Wirtschafterin  oder  Kindermädchen  anzunehmen.  Aber  auch 
mit  spanischen  Kenntnissen  ist  es  nicht  so  einfach,  da  die  argentinischen 
Kollegen  meist  nur  hier  diplomierte  Krankenpflegerinnen  beschäftigen  wollen. 
An  den  öffentlichen  Hospitälern  gibt  es  nur  katholische  Ordensschwestern. 
Ein  Examenszwang  besteht  aber  für  Pflegepersonal  nicht.  Wohl  aber  ist  die 
Prüfung  gesetzliche  Vorschrift  für  Zahnärzte,  Apotheker  und  Hebammen. 
Eine  Erschwerung  dieser  Bestimmungen  ist  bisher  nicht  eingetreten.  Den 
Vorschriften  sind  alle  Ausländer  unterworfen,  auch  die  Annahme  der  argen¬ 
tinischen  Staatsbürgerschaft  (Naturalisierung)  ändert  daran  nichts.  Nur  der 
geborene  Argentinier  mit  fremdem  Diplom  macht  ein  kurzes  Examen.  Für 
die  Freunde  und  Verwandten  der  Kollegen  noch  einige  allgemeine  Bemer¬ 
kungen.  Die  Einwanderung  in  Argentinien  ist  wieder  im  Steigen  begriffen, 
die  Zahlen  für  1919,  20,  21,  22  sind  148-,  155,  162-  und  290  000,  die  Deutschen 
darunter  mit  2200,  6300,  6900,  12  200.  Also  im  letzten  Jahre  monatlich 
1000  Deutsche!  Davon  sind  die  gelernten  Handwerker  (Tischler.  Schmiede, 
Mechaniker,  Elektriker,  Maurer  u.  a.)  noch  am  besten  untergekommen,  die 
landwirtschaftlichen  Arbeiter  sind  meist  in  die  subtropischen  nördlichen  Pro¬ 
vinzen  geleitet  worden,  wo  das  Land  noch  verhältnismässig  billig  ist.  Natür¬ 
lich  sind  erst  einige  Jahre  harter  Arbeit  und  mancher  Tropfen  Schweiss 
nötig,  um  Kenntnisse  und  Ersparnisse  zu  erwerben.  (Der  Kapitalist  kommt 
wie  in  allen  Ländern  so  auch  in  Argentinien  gut  voran.)  Die  bittersten 
Enttäuschungen  erleben  die  kaufmännischen  Angestellten,  die  in  solchen 
Massen  überhaupt  nicht  unterzubringen  sind.  Sie  müssen,  um  nicht  unter¬ 
zugehen.  Tagelöhnerarbeit  annehmen.  Die  winzige  deutsche  Kolonie  in 
Buenos  Aires  (15 — 20  000  Seelen)  kann  unmöglich  für  alle  diese  Unglück¬ 
lichen  sorgen,  am  allerwenigsten  standesgemäss.  Den  Einwanderern  des 
mittellosen  Mittelstandes  geht  es  genau  so;  ehemalige  Offiziere,  Ingenieure, 
Lehrer,  Juristen  usw.  müssen  meist  alle  aus  Not  auf  ein  tiefes  wirtschaft¬ 
liches  und  damit  auch  gesellschaftliches  Niveau  sinken,  von  dem  der  Wieder¬ 
aufstieg  sehr  schwierig  ist.  Es  ist  traurig,  wenn  man  ehemalige  Offiziere 
und  Akademiker  mit  Wärterstellen  am  Hospital  glücklich  macht,  wie  es  bei 
uns  oft  der  Fall  ist.  Und  da  gibt  es  in  der  Heimat  noch  Phantasten,  die 
glauben,  hier  im  Ausland  seien  noch  „leitende  Stellen“  frei,  die  auf  einen 
Herrn  im  Gehrock  warten,  der  Menschen,  Sprache  und  Land  nicht  kennt. 

Die  Verhältnisse  in  den  (Nachbarstaaten  liegen  zum  grossen  Teil  ganz 
ähnlich.  In  Chile  ist  die  Abwehr  gegen  fremde  Aerzte  z.  Z.  noch  stärker 
als  hier.  Sogar  der  geborene  Chilene  mit  ausländischer  Approbation  muss 
das  ganze  chilenische  Staatsexamen  nochmals  ablegen.  Die  Assistenten  an 
den  Hospitälern,  auch  den  fremdländischen,  müssen  das  chilenische  Diplom 
besitzen.  —  (Paraguay  ist  von  endlosen  Revolutionen  geschüttelt,  die  die 
wirtschaftliche  Kraft  des  armen  Landes  sehr  gebrochen  und  sein  Papiergeld 
enorm  ent/vertet  haben,  also  ein  wenig  verlockendes  Ziel  für  Einwanderung! 
Es  hat  ebenso  wie  Uruguay  Examenszwang.  Dort  scheinen  die  Verhältnisse 
so  schwierig  zu  sein,  dass  überhaupt  kein  fremdländischer  Arzt  einwandert, 
ln  Brasilien  werden  die  Examensschwierigkeiten  tatsächlich  auch  nur  von 
wenigen  überwunden.  Nur  im  Staate  Rio  Grande  do  Sul  herrscht  völlige 
Gewerbefreiheit.  Dafür  ist  es  aber  auch  mit  Aerzten  aller  Herren  Länder 
überfüllt,  wie  ich  aus  privaten  Mitteilungen  und  aus  einem  Ber  cht  der 
deutschen  Gesandtschaft  in  Brasilien  entnehme,  der  mir  von  der  hiesigen 

deutschen  Gesandtschaft  freundlichst  zur  Verfügung  gestellt  wurde.  Dem 

Bericht  entnehme  ich,  dass  dort  ein  gewisser  Mangel  an  Spezialärzten  für 
Haut-  und  Geschlechtskrankheiten  vorliegt  uud  dass  das  Praktizieren  ohne 
Diplom  in  dem  grossen  und  z.  T.  noch  wenig  kultivierten  Lande  eher 

möglich  ist.  Doch  muss  man  sich  darüber  klar  sein,  dass  ein  Leben  ohne 

Rechtsgrundlage  —  wenigstens  hier  in  Argentinien  —  ein  ewiger  Kampf  ist. 
Meist  genügen  die  Einnahmen  nur  zur  Fristung  eines  Daseins,  das  keine 
anderen  Genüsse  bietet  als  die  der  Arbeit  und  in  dem  das  Gespenst  der  un¬ 
sicheren  Zukunft  dauernd  umgeht.  Um  nur  ein  paar  Jahre  im  Ausland  zu 
leben,  bieten  solche  Stellen  auf  entlegenen  Minen,  auf  Zuckerrohrplantagen 
oder  Holzschlägereien  im  Urwald,  oft  hunderte  von  Kilometern  von  „Städten“ 
entfernt  und  meist  noch  in  Malariagegenden,  wenig  verlockendes. 

Denjenigen  Kollegen,  die  den  Gedanken  nicht  loswerden  können,  dass 
sie  nur  in  Südamerika  ihr  Glück  finden  können,  die  aus  den  diagnostischen 
Zweifeln  über  die  Zustände  hier  und  aus  den  prognostischen  Sorgen  über  den 
Verlauf  ihrer  Karriere  nicht  herauskommen,  denen  empfehle  ich  die  Probe¬ 
laparotomie  dieses  wenig  bekannten  Erdteils.  Sie  sollen  etwas  Spanisch 
lernen  und  dann  eine  Reise  als  Schiffsarzt  hierher  machen,  um  mit  eigenen 
Augen  zu  sehen,  ob  sich  eine  passende  Fortkommensmöglichkeit  erspähen  lässt. 
Für  alle  Fälle  müssen  sie  dann  die  Originalapprobation  bei  sich  haben,  die 
vom  Kultusministerium,  vom  Auswärtigen  Amt  und  vom  Argentinischen 
Generalkonsul  beglaubigt  und  auf  der  Rückseite  Photographie  und  beglaubigte 
Unterschrift  haben  muss.  (Man  ist  hier  vielfach  bureaukratischer  als  in 
Deutschland,  besonders  wenn  man  jemand  nicht  gern  haben  möchte.)  Denn 


wenn  die  deutschen  Einwanderer  weiter  zu  Tausenden  herströmen,  so  muss 
wohl  auch  noch  eine  kleine  Zahl  deutscher  Aerzte  mit  Unterkommen  können. 
Allerdings  muss  sich  der  Arzt,  der  seine  Landsleute  hieher  begleitet,  darüber 
klar  sein,  dass  diese  alle  aus  wirtschaftlichem  Elend  auswandern,  dass  also 
ihre  Taschen  leer  sind  —  aber  dafür  ist  ihr  Herz  voll  Hoffnung  auf  eine 
goldene  Zukunft! 

Dr.  Erich  H  i  1 1  e  r, 

Leiter  der  cliir.  Abteilung  des  Deutschen  Hospitals  in  Buenos  Aires. 


Vereins-  und  Kongressberichte. 

Aerztlicher  Bezirksverein  Erlangen. 

Sitzung  vom  12.  Juni  1923. 

Geschäftliches. 

Herr  H  a  u  e  k  zeigt  2  Fülle  von  Mikrosporie  und  einen  Fall  eines  toxi¬ 
schen  Erythems. 

Herr  P  flau  me  r:  Röntgendiagnostik  in  der  Urologie. 

In  kurzer  Einleitung  zur  Demonstration  zahlreicher  Aufnahmen  führt 
Vortr.  folgendes  aus:  Bei  Steinverdacht  ist  es  unerlässlich,  das  Harnsystem 
abzuphotographieren,  wozu  5  Aufnahmen  erforderlich  sind.  Bei  sorgfältig  :r 
Einstellung  genügen  Platten  18  :  24.  Harnleitersteine  sind  viel  häufiger,  als 
man  früher  vermutete;  sie  können  jahrelang  im  Harnleiter  stecken  ohie 
charakteristische  Symptome  zu  verursachen,  die  gewöhnlich  zur  Annahme 
von  Nierenstein,  Appendizitis,  Parametritis,  Zystitis,  Lumbago,  Ischias  ver¬ 
führen.  Differentialdiagnose  durch  Feststellung  von  Erythrozyten  im  Harn 
und  Röntgen.  Die  kleinsten  auf  der  Platte  deutlich  sichtbaren  Harnleiter¬ 
steine  wogen  3  mg  und  2  cg.  Die  Pyelographie  war  seit  Verwendung 
25  proz.  ßromnatriumlösung  nie  mehr  von  unangenehmen  Erscheinungen  ge¬ 
folgt;  Besprechung  ihrer  Bedeutung  zur  Frühdiagnose  der  Nierenbecken¬ 
erweiterung,  zur  Diagnose  von  Tumoren  und  kavernöser  Nierentuberkulose. 
Die  Kontrastfüllung  der  Harnleiter  lässt  Knickungen,  Verengerungen  and  Er¬ 
weiterungen  deutlich  erkennen.  Die  Sauerstofffüllung  der  Blase  erleichtert 
bzw.  ermöglicht  den  sicheren  Nachweis  tiefsitzender  Harnleitersteine  und 
gewisser  strahlendurchlässiger  Blasensteine  sowie  die  Darstellung  von 
Blasengeschwülsten  und  der  vergrösserten  Vorsteherdrüse.  Die  U.rethro- 
graphie  verdient  häufigere  Anwendung.  —  Die  vielseitige  Anwendungsmög- 
lichkeit  der  Röntgendiagnostik  in  der  Urologie  und  anderseits  ihre  spezielle 
Technik  und  die  Langwierigkeit  der  urologischen  Röntgenuntersuchung 
machen  dem  Urologen  die  Verfügung  über  ein  eigenes  Röntgenkabinett,  wie 
es  in  der  Erlanger  chirurgischen  ,KI'n'k  nunmehr  vorhanden  ist,  zum  unbe¬ 
dingten  Erfordernis. 

Aussprache:  Herren  Kohlmann.  Hasselwander,  Jamin, 
P  f  1  a  u  m  e  r. 


Medizinische  Gesellschaft  Göttingen. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  11.  Mai  1923. 

Filmvortrag:  „Ueber  den  Betrieb  der  pharmazeutisch-chemischen  Ab¬ 
teilung  der  Firma  Fr.  Bayer  &  Co.,  Elberfeld-Leverkusen“. 

An  der  Hand  eines  mehraktigen  Films  wird  ein  Ueberblick  über  die 
Laboratorien  und  Arbeitsstätten  der  Farbenfabriken  gegeben.  Die  verschie¬ 
denen  pharmazeutisch-wissenschaftlichen  Laboratorien  (das  pharmazeutische, 
biochemische,  bakteriologische,  chemotherapeutische  und  pharmakologische) 
werden  in  ihrem  Arbeitsbetrieb  vorgeführt. 

Der  Vortrag  hinterliess  bei  den  sehr  zahlreichen  Zuschauern  (es  waren 
auch  die  Mitglieder  der  naturwissenschaftlichen  Fakultät  und  die  Studieren¬ 
den  der  Medizin  und  Naturwissenschaften  geladen)  einen  nachhaltigen  Ein¬ 
druck.  Der  ungeteilte  Beifall,  den  der  Herr  Vortragende  fand,  lässt  die  Vor¬ 
führung  auch  in  anderen  medizinischen  Gesellschaften  angezeigt  erscheinen. 
Es  sei  besonders  hervorgehoben,  dass  die  Firma  Fr.  Bayer  &  Co.  bei  der 
Heranschaffung  des  Films  aus  dem  besetzten  Gebiet  ausserordentliche  Schwie¬ 
rigkeiten  zu  überwinden  hatte. 


Naturhistorisch-medizinischer  Verein  zu  Heidelberg. 

(Medizinische  Abteilung.) 

Sitzung  vom  8.  Mai  1923. 

Herr  P  e  t  e  r  f  i  -  Berlin-Dahlem  (als  Gast):  Operationen  an  Zellen 
(Mikrurgie). 

Ausserordentliche  Sitzung  vom  14.  Mai  1923. 

Herr  Francis  G.  Benedikt  -  Boston  (als  Gast):  Neue  Untersuchungen  über 
den  Grundumsatz  und  seine  klinische  Bedeutung. 

Sitzung  vom  5.  Juni  1923. 

Herr  v.  Weizsäcker:  Bei  der  Häufigkeit  von  thalamischen  Herden 
bei  anatomisch  untersuchten  Fällen  von  Encephalitis  epidemica  überrascht 
die  relative  Seltenheit  von  Sensibildtätsstörungen,  wenigstens  wenn  man  die 
Literatur  darauf  prüft.  Welches  auch  die  Gründe  dafür  seien:  an  der  medi¬ 
zinischen  Klinik  konnten  in  letzter  Zeit  bei  besonders  darauf  gerichteter  Auf¬ 
merksamkeit  bei  akuten  Fällen  und  bei  Folgezuständen  Störungen  der  Haut¬ 
sensibilität  mehrfach  nachgewiesen  werden.  Am  interessantesten  war  ein  mit 
quantitativen  Methoden  gemeinsam  mit  Dr  Stein  und  Dr.  Panzei  sehr 
genau  untersuchter  Fall.  Er  zeigte  hochgradige  hämianästhetische  Störungen 
von  Druck-,  Schmerz-,  Temperatur  und  Kraftsinn,  besonders  am  Arm  und 
proximal  noch  hochgradiger  als  distal.  An  diesem  Arm  waren  Koordination, 
Führungsschwelle,  Formerkennen,  Dingerkennen  nur  sehr  wenig  gestört. 
Lokalisation  und  Diskrimination,  dort  wo  Empfindungsreste  da  waren,  auf¬ 
fallend  gut.  Es  liegt  also  eine  Dissoziation  vor.  wie  sie  in  gewissen  Zügen 
zwar  ähnlich  bei  hysterischen  Anästhesien  bekannt  ist.  Aber  die  grosse 
Konstanz  der,  wie  bemerkt,  nur  mit  quantitativen  Methoden  bestimmten 
Schwellenwerte  der  einzelnen  Funktionen,  das  Fehlen  jeder  Suggestibilitut, 
die  Artung  der  Persönlichkeit  lassen  die  Annahme  einer  einfachen  Sug¬ 
gestionshysterie  nicht  zu.  Vielmehr  ist  anzunehmen,  dass  dieser  Fall,  der 


996 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  30. 


evidente  Symptome  der  Postenzephalitis  auf  den  motorischen  Gebieten  zeigt, 
ein  Beispiel  einer  bisher  kaum  beobachteten,  fast  sicher  zerebralen  Spaltungs¬ 
form  der  sensiblen  Funktionen  darstellt.  Ihr  Hauptinteresse  besteht  im  Nach¬ 
weis,  dass  die  feine  Wahrnehmung  von  Bewegungen,  die  nach  v.  Frey  und 
nach  eigenen  Versuchen  an  die  Integrität  der  Drucksinnendorgane  gebunden 
ist,  auch  dann  erfolgen  kann,  wenn  die  andere  Leitung  dieser  Organe: 
Berührungs-  und  Druckempfindungen  zu  vermitteln,  aufgehoben  ist.  Ferner 
darin,  dass  in  ähnlicher  Weise  diese  letztgenannten  Empfindungen  aufgehoben 
sein  können  und  dass  trotzdem  jene  komplizierten  zu  Form-  und  Dingerkennen 
sowie  zur  Koordination  gehörenden  Funktionen  dieses  SinnesappaTates 
noch  ablaufen  können.  —  Die  Fragen,  welche  sich  daraus  für  die  Beurteilung 
der  Hysterien  und  der  von  den  hysterischen  abzugrenzenden  sog.  funktio¬ 
neilen  Ueberlagerungen  ergeben,  wurden  gleichfalls  eingehender  erörtert. 

Herren  Freud  und  Janssen:  Muskelstoffwechsel  und  chemische 
Wärmeregulation.  (Erscheint  ausführlich  in  Kl.  W.) 

Diskussion:  Herren  Gottlieb,  Gyorgy,  Moro,  Freund. 


Medizinische  Gesellschaft  zu  Kiel. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  28.  Juni  1923. 

Herr  Konjetzny:  Die  Gastritis  des  Ulcusmagens.  (Mit  makroskopi¬ 
schen  und  mikroskopischen  Demonstrationen.) 

Voraussetzung  für  eine  bewusste  kausale  Therapie  des  Magen-Duodenal- 
ulcus  durch  chirurgische  Massnahmen  ist  eine  klare  Erkenntnis  der  Aetio- 
logie  des  Ulcus  und  der  pathologisch-anatomischen  Veränderungen  des  Ulcus¬ 
magens.  Zu  den  Punkten,  die  noch  einer  dringenden  Klärung  bedürfen,  ge¬ 
hört  die  chronische  Gastritis  des  Ulcusmagens.  Zwar  ist  diese  schon  lange 
bekannt,  aber  sie  ist  als  Faktor,  der  bei  der  Frage  der  Aetiologie  und 
Chronizität  des  Ulcus  eine  Rolle  spielen  könnte,  wenig  beachtet  worden. 
Dass  der  chronischen  Gastritis  aber  weitgehendste  Beachtung  zugewandt 
werden  muss,  das  geht  schon  daraus  hervor,  dass  die  chronische  Gastritis 
eine  regelmässige  Erscheinung  des  Ulcusmagens  ist.  Auch  die  durch  radi¬ 
kale  Behandlung  des  Ulcus  duodeni  gewonnenen  Resektionspräparate  zeigten 
stets  eine  mehr  oder  weniger  hochgradige  Gastritis.  Diese  Gastritis  tritt  teils 
herdförmig,  teils  diffus  in  Erscheinung,  immer  ist  der  Pylorusabschnitt  des 
Magens  am  meisten  befallen,  während  der  Fundusabschnitt  weniger  oder 
überhaupt  wenig  im  Sinne  der  chronischen  Gastritis  verändert  ist.  Sehr 
häufig  sind  multiple  Erosionen  in  der  gastritischen  Schleimhaut  meist  vom 
Typus  eigentlicher  follikulärer  Erosionen.  Auch  diese  sind  im  Bereich  der 
Pylorusdrüsen  viel  häufiger  als  im  Fundusdrüsenteil.  Die  Frage,  ob  die 
Gastritis  ein  primärer  oder  ein  sekundärer  Zustand  ist,  war  in  vielen  Fällen 
gar  nicht  zu  entscheiden.  In  vielen  Fällen  sprach  aber  wenigstens  ebenso¬ 
viel  für  die  primäre  als  für  die  sekundäre  Natur  der  Gastritis.  Besonders 
hervorzuheben  ist,  dass  die  das  MagenT)uodenalulcus  begleitende  Gastritis 
unabhängig  von  der  Stagnation  des  Mageninhaltes  und  der  Dauer  des  Ulcus- 
leidens  ist.  In  einer  Anzahl  von  Fällen  konnte  aber  der  sichere  Beweis  er¬ 
bracht  werden,  dass  sich  multiple  oberflächliche  Schleimhauterosionen  mit 
Uebergängen  zum  regulären  Ulcus  rotundum  auf  der  Basis  einer  chronischen 
Gastritis  entwickelt  hatten,  also  ein  Krankheitsbild  vorlag,  das  Nauwerck 
schon  1897  als  Gastritis  chronica  ulcerosa  beschrieben  hat.  Die  chronische 
Gastritis  spielt  also  sicher  unter  den  ursächlichen  Faktoren  des  U'-us  eine 
Rolle.  Welche  Bedeutung  sie  aber  überhaupt  für  das  Uleusproblem  hat,  das 
muss  noch  durch  weitere  umfangreiche  anatomische  und  klinische  Unter¬ 
suchungen  klargestellt  werden.  Sicher  gehört  die  chronische  Gastritis  auch 
zu  den  Bedingungen  für  das  Chronischwerden  des  Ulcus. 

Für  den  Chirurgen  sind  obige  Untersuchungen  von  grosser  Wichtigkeit. 
Sie  sind  geeignet,  vor  allem  Aufklärung  in  der  Frage  der  Operationserfolge 
bei  den  verschiedenen  Operationsmethoden  zu  bringen.  Bei  der  Bewertung 
der  Gastroenterostomie  ist  zu  bedenken,  dass  der  Operationserfolg  abhängig 
ist  von  dem  Grad  der  Gastritis:  ob  eine  noch  reparable  oder  eine  irreparable 
Gastritis  vorliegt.  Die  besseren  Erfolge  der  Magenresektionen  besonders 
nach  den  Billrothmethoden  erklären  sich  daraus,  dass  bei  diesen  der  am 
schwersten  veränderte  Magenabschnitt  eliminiert  wird.  Das  ist  ein  Punkt, 
dem  man  in  der  Beurteilung  der  Operationserfolge  beim  Magen-Duodenalulcus 
unbedingt  Beachtung  schenken  muss.  Die  Verfolgung  der  angeschnittenen 
Fragen  könnte  vielleicht  doch  zu  der  heute  z.  T.  noch  fehlenden  Einigung 
über  die  Wahl  der  Operation  beim  Magen-Duodenalulcus  führen  und  auch 
in  bezug  auf  die  Beurteilung  der  Operationsanzeigen  und  der  Operations¬ 
erfolge  beim  Magen-Duodenalulcus  nicht  ohne  Einfluss  sein. 

Aussprache:  Herren  Anschütz,  Schittenhelm,  Kon¬ 
jetzny. 

Herr  Anschütz:  Ueber  Behandlung  des  Tetanus. 

Wenn  ein  Tetanusfall  in  die  Behandlung  des  Arztes  kommnt,  ist  die 
Schlacht  eigentlich  schon  geschlagen.  Die  Manifestierung  der  Symptome  zeigt, 
dass  wichtige  Ganglienzellen  des  Gehirnes  und  des  Rückenmarkes  von  dem 
Gift  befallen  sind.  Eine  Lösung  des  Toxins  von  diesen  Zellen  ist  auf  keine 
Weise  möglich.  Eine  Heilung  des  Tetanus  ist  also  ausgeschlossen,  es  handelt 
sich  nur  um  ein  Schützen  weiterer  wichtiger  Ganglienzellen  vor  der  Besetzung 
durch  das  Toxin.  Macht  man  sich  diese  Situation  klar,  so  muss  man  unver¬ 
züglich  in  jedem  Falle  das  Toxin  zu  binden  versuchen,  wo  auch  immner  es 
kreist.  Deshalb  sofortige  intravenöse,  intralumbale  und  lokale  Antitoxin¬ 
behandlung,  wenn  die  Wunde  nicht  exzidiert  oder  amputiert  werden  kann. 
Es  sollte  aber  auch  in  allen  Fällen,  wo  es  irgend  geht,  noch  das  in  den  moto¬ 
rischen  Nerven  aufsteigende  Gift  durch  intraneurale -Injektion  in  den  Plexus 
brachialis  resp.  Nervus  ischiadicus  und  cruralis  blockiert  werden.  Und 
zwar  müssen  die  Nerven  freigclegt  werden,  damit  auch  wirklich  eine  voll¬ 
kommene  Durchspritzung  erfolgt.  Die  Giftmenge,  die  in  dem  motorischen 
Nerven  aufsteigend  sich  noch  befindet,  ist  zwar  eine  relativ  kleine,  aber  diese 
kleine  Menge  kann  genügen,  um  dem  Kranken  den  Rest  zu  geben.  Der 
menschliche  Tetanus  bietet  nicht  vollkommene  Analogien  mit  dem  der  Kanin¬ 
chen,  aber  immerhin  einige,  und  es  kommt  darauf  an,  das  Gift  sofort  in 
sämtlichen  Positionen  zu  treffen  und  zu  binden.  Bei  der  Allgemeinbehandlung 
des  Tetanus  hat  sich  das  Magnesiumsulfat  gut  bewährt;  es  wurde  meistens 
intramuskulär,  seltener  intravenös,  einige  Male  lumbal,  aber  dann  immer 
mit  sofortig  tödlichem  Erfolge  gegeben.  Chloral  und  Morphium  reichten  allein 
zur  Beruhigung  der  Kranken  nicht  aus.  Unter  10  auf  diese  Weise  behandelten 
Fällen  heilten  6.  Unter  14,  bei  denen  intraneurale  Injektionen  nicht  gemacht 
wurden,  heilten  nur  4.  1  mit  intraventrikulärer  Antitoxineinspritzung  be¬ 
handelter  Fall  starb. 


Aussprache:  Herren  v.  Stare  k,  Emmerich.  Holzapfel, 
Höher,  Anschütz. 

Herr  Mau:  Beitrag  zur  Aetiologie  der  sog.  Geburtslahmung. 

Vortr.  berührt  kurz  die  einzelnen  bestehenden  Theorien  über  die  Aetio¬ 
logie  der  sog.  Geburts-  oder  angeborenen  Schulterlähmung.  Ain  ausführ¬ 
lichsten  wird  besprochen  die  K  U  s  t  n  e  r  sehen  Theorie  der  intraparturiellen 
Epiphysenlösung;  sie  wird  für  die  grosse  Mehrzahl  der  Fälle  abgelehnt.  Ins¬ 
besondere  kann  die  von  Haenisch  auf  dein  Röntgenkongress  1913  als 
Stütze  derselben  angeführte  Lateralverschiebung  des  medialen  oberen  Epi¬ 
physenkerns  des  Humerus  im  Röntgcnbilde  nicht  als  Beweis  für  eine  statt- 
gehabte  Epiphysenlösung  angesehen  werden,  sondern  muss  vielmehr  ledig¬ 
lich  als  Projektionstäuschung  infolge  der  starken  Innenrotation  des  ganzen 
Armes,  wie  sie  für  das  Krankheitsbild  typisch  ist,  aufgefasst  werden.  Vor¬ 
tragender  sucht  diese  Behauptung  durch  eine  Anzahl  Röntgenskizzen,  die 
im  Diapositiv  vorgeführt  werden,  zu  beweisen.  Wird  die  betroffene  Schulter 
in  Aussenrotationsstellung  röntgenisiert,  so  verschwindet  die  Lateralverschie- 
bung  des  medialen,  zuerst  angelegten  Kernes,  und  es  bietet  sich  röntgeno¬ 
logisch,  abgesehen  von  der  Atrophie  des  Kernes  als  solchem,  sowie  von 
einem  vermehrten  Abstand  des  Kernes  von  der  Pfanne  hinsichtlich  der 
Lage  des  Kernes  zum  Schaft,  ein  durchaus  normales  Bild  dar;  von  einer  Epi¬ 
physenlösung  ist  also  keine  Rede.  Kontroll-Röntgenaufnahmen  bei  normalen 
Kindern  zeigten  ferner,  dass  ebenfalls  bei  starker  Innenrotation  der  mediale 
zuerst  angelegte  Kern  im  Röntgenbild  lateralwärts  wandert.  Auch  die 
Lange  sehe  Distorsionstheorie  kann  höchstens  für  eine  ganz  beschränkte 
Anzahl  von  Fällen  in  Betracht  kommen.  Eine  Lähmung  ist  tatsächlich  bei 
der  weitaus  grössten  Mehrzahl  aller  Fälle  im  Frühstadium  sicher  nach¬ 
zuweisen.  Die  Frage,  ob  die  Nervenläsion  als  intraparturielle  oder  durch 
intrauterine  Druckwirkung  hervorgerufene  Plexusschädigung  aufgefasst  wer¬ 
den  muss  oder  ein  vitium  primae  formationis  auf  zentral-nervöser  Basis 
(Schubert)  angenommen  werden  muss,  ist  noch  nicht  sicher  zu  ent¬ 
scheiden.  Gewichtige  Gründe  lassen  sich  für  alle  3  Ansichten  anführen.  Es 
muss  daher  besonderes  Gewicht  auf  die  Untersuchung  von  Frühfällen  gelegt 
werden.  (Erscheint  ausführlich  in  den  Fortschr.  a.  d.  Geb.  d.  Röntgenstr.) 

Aussprache:  Herren  H  e  y  n,  R  u  n  g  e,  M  a  u.  E. 


Allgemeiner  ärztlicher  Verein  zu  Köln. 

(Bericht  des  Vereins.) 

Sitzung  vom  26.  März  1923. 

Vorsitzender:  Herr  Cahen  I.  Schriftführer:  Herr  J  u  n  g  b  1  u  t  h. 

Herr  Kroh;  Krankenvorstellung. 

Herr  Auerbach:  Ein  Fall  von  Häniatoinyelie  als  Unfallfolge. 

Herr  Adler:  Ueber  P  e  r  t  h  e  s  sehe  Krankheit. 

Herr  Adler:  Ueber  Röntgenbehandlung  eines  Hypophysentumors. 

Mit  Krankenvorstellung. 

Diskussion:  Herren  Marum,  Lämmer. 

Herr  Schmidt:  Präparat  eines  Ullcus  callosum  des  Magens.  (Mit 
Röntgenbild )  _  .  ,  .  . 

Herr  Kroh  bespricht  die  Behandlung  der  Ureteren-Blasenflsteln  durch 
Saugstrom. 

Sitzung  vom  16.  April  1923. 

Vorsitzender:  Herr  Cahen  I.  Schriftführer:  Herr  J  u  n  g  b  1  u  t  h. 

Herr  Goldberg:  Blasensteine  und  Nierensteine  aus  dem  Jahre  1922. 

(Röntgendemonstrationen.) 

7  Fälle  vo'n  Blasenstein,  bemerkenswert: 

Fall  1.  75  jähr.  Mann,  Prostatiker,  seit  4  Jahren  Selbstkatheterismus: 
Divertikel  +  Papillom  +  2  Steine;  nicht  operiert. 

Fall  4.  45  jähr.  Frau;  Stein  in  eine  durch  Follikularabszess  gebildete 

Tasche  der  Harnröhre  eingewandert;  Extraktion. 

Fall  5.  30  jähr.  Mann;  Rückenmarksschuss,  Blasenlähmung,  schwere 

alkalische  Zystitis,  sekundärer  Phosphatstein  freiliegend;  Litholapaxie.  Nach 
2  Jahren  Rezidiv  in  einem  prävesikalen  Divertikel  der  Urethra  prostatica; 
Extraktion  nach  Sectio  alta  (Wehner). 

Fall  7.  36  jähr.  Mädchen,  28.  I.  1916  grosser  primärer  Phosphatkalk¬ 

stein  von  mir  litholapaxiert ;  XII.  1921  (also  6  Jahre  später):  1.  freiliegender 
Stein,  2.  Divertikelstein,  3.  Genitaltumor.  Nach  Kystolithotomie  (Dr.  G  e  u  e  r) 
später  t  an  Ovarialkarzinom. 

34  Fälle  von  Nierenstein:  20  aseptisch  (l  Pyelolithotomie),) 
14  infiziert  (7  operiert),  6  bilateral.  In  allen  Fällen  genügte  zusammen  miti 
den  klinischen  Befunden  die  einfache  Röntgenographie  zur  Sicherung 
der  Diagnose;  Pyelographie  und  Pneumoradiographie  waren  überflüssig. 

Sitzung  vom  30.  April  1913. 

Vorsitzender:  Herr  Cahen  I.  Schriftführer:  Herr  Jungblut  h. 

Herr  Nicmeyer:  Stand  der  Friedmannfrage  und  Erfahrungen  mit  dem 
Heilmittel  bei  Lungentuberkulose. 

Vortragender  berichtet  kurz  über  die  wichtigsten  einschlägigen  kli¬ 
nischen,  bakteriologischen  und  experimentellen  Arbeiten  der  letzten  Jahre. 
Er  hebt  hervor,  dass  durch  Kruses  exakte  Kontrolle  offenbar  jetzt  die 
Reinheit  des  Präparates  gesichert  ist,  während  früher  wiederholt  pathogene 
Bakterien  darin  nachgewiesen  wurden. 

N  i  e  m  e  y  e  r  hat  40  Fälle  von  Lungentuberkulose  verschiedener  Stadien 
mit  dem  Friedmann  sehen  Mittel  behandelt  und  gleichzeitig  die  übliche 
nichtspezifische  Therapie  angewandt.  Es  waren  sämtlich  chronische,  docl 
möglichst  frische  Erkrankungen  zirrhotischer  oder  azinös-nodöser  Natur  ohne 
anderweitige  Kompikationen,  keine  akuten  exsudativen  und  keine  ulzeröser 
Formen.  Bei  allen  Kranken  war  der  Kräftezustand  so,  dass  man  eine  gute 
therapeutische  Reaktionsfähigkeit  erwarten  durfte.  /  der  Fälle  zeigten' 
eine  leichte  Allgemeinreaktion  auf  1 — 8  Tage,  Herdreaktionen  wurden  nicht 
beobachtet.  A  der  Kranken  hatten  eine  leichte  Stichreaktion  in  Form  einet; 
erbsengrossen,  derben  Infiltrates,  welches  nur  in  einem  Falle  abszedierte 
In  keinem  Falle  trat  eine  durch  das  Mittel  bedingte  Verschlechterung  ein 

Beim  vorläufigen  Abschluss  nach  1 — 1/4  Jahren  waren  von  24  schwerei 
Fällen  mit  tuberkulösen  Herden  in  2  oder  mehr  Lungenlappen  11  gestorben 
9  unentwegt  weiter  fortgeschritten,  3  stationär  geblieben  und  1  gebessert 
Von  8  mittelschweren  Fällen,  bei  denen  sich  die  tuberkulösen  Prozesse  in 
wesentlichen  auf  einen  Lungenlappen  beschränkten,  waren  4  weiter  fort 
geschritten,  einer  stationär  geblieben  und  3  gebessert.  Endlich  von  den  leich 


n.  Juli  1923. _ MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


en  Fällen,  8  Spitzenaffektionen  einer  Seite,  war  1  verschlechtert,  3  stehen 
jeblieben,  3  latent  geworden  und  1  klinisch  geheilt. 

Die  gebesserten  Fälle  aller  Stadien  zeigten  keinen  Umschwung  im  An¬ 
schluss  an  die  Impfung,  auch  keine  bald  auftretende  Abnahme  der  toxischen 
Symptome,  Tachykardie,  Kopfschmerz,  Nachtschweisse,  Schwäche.  Sondern 
neist  war  Tendenz  zur  Vernarbung  und  Besserung  schon  vor  der  Injektion 
leutlieh  und  wurde  nachher  nicht  grösser,  oder  der  Umschwung  kam  erst 
lach  mehr  als  einem  halben.  Jahr. 

Niemeyer  kommt  bei  kritischer  Abwägung  der  Resultate  zu  dem 
'chuss  dass  ohne  die  Anwendung  des  F  r  i  e  d  m  a  n  n  sehen  Mittels  bei  ledig- 
ich  unspezifischer  Behandlung  derselbe  Besserungsprozentsatz  zu  erwarten 
rewesen  wäre.  Das  Mittel  scheine  bei  Lungentuberkulose  therapeutisch  wert- 

os  zu  sein. 

Diskussion:  Herren  Bloch,  Sonnenschein,  S  t  ü  r  t  z, 

<ülbs,  Haberland. 


Medizinische  Gesellschaft  zu  Leipzig. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  12.  Juni  1923. 

Vorsitzender:  Herr  S  u  d  h  o  f  f.  Schriftführer:  Herr  W  e  i  g  e  1  d  t. 

Herr  Sonntag:  Demonstrationen  aus  der  Chirurgischen  Poliklinik. 

1.  Aufsteckbare  Zelluloidhülse  nach  Gipsabguss  zur  unblutigen  Behand- 
ung  der  subkutanen  Fingerstrecksehnenruptur  am  Endglied.  Verfahren  emp- 
iehlt  sich  als  Normalmethode,  insonderheit  für  die  u  n  vollständigen  Rupturen, 
>ei  welchen  das  Fingerendglied  nicht  ganz  herabhängt  und  auch  etwas  ge¬ 
treckt  werden  kann.  Die  vorgezeigte  Hülse  ist  handlicher  als  Schienen 
ind  andere  Apparate.  Sie  muss  in  Ueberstreckstellung  angefertigt  und  ge- 
tügend  lang  (ca.  8 — 12  Wochen)  getragen  werden. 

2.  Federnde  Subluxation  des  Ellenköpfchens  bei  einem  8  jährigen  Mäd- 
hen,  welches  vor  6  Wochen  einen  Bruch  des  Ellenköpfchens  erlitten  hatte, 
las  Leiden  wird  beobachtet  bei  verschiedenen  Verletzungen  der  Handgelenks¬ 
legend,  insonderheit  bei  Handverstauchung  oder  Bruch  eines  oder  beider 
Jnterarmknochen  an  deren  unterem  Ende,  wobei  eine  Zerreissung  der  Band- 
■erbindungen  statthat.  Das  Krankheitsbild  steht  in  Analogie  zu  der  federn- 
len  Subluxation  des  akromialen  Endes  des  Schlüsselbeins  und  des  Daurnen- 
letakarpus  an  dessen  proximalem  Ende.  Behandlung:  Handgelenksbandage, 
v.  Operation:  Band-  oder  Knochennaht,  nötigenfalls  mit  Verstärkung  durch 
’aszie  (vgl.  Mitteilung  im  Arch.  f.  Orthop.  u.  Unfallk.  1921). 

3.  Kompaktalnsel  im  Röntgenbild  in  der  proximalen  Grundglieddiaphyse 
'ei  45  jährigen  Mann. 

4.  Erbsengrosser  Speichelstein  im  Ausführungsgang  der  Glandula  sub- 
ingualis  eines  25  jährigen  Soldaten. 

5.  Exstirpiertes  Hauthorn  an  der  Handgelenkaussenseite  eines  8  jährigen 

lädchens. 

6.  Chondrosarkom  der  4.  Metakarpusdiaphyse  bei  30  jährigem  Mann  und 
Sehandlung  durch  Schaftresektion  nebst  anschliessender  freier  Knochentrans- 
lantation  mit  einem  Span  vom  benachbarten  3.  Metakarpus. 

7.  Fibromatöse  Wucherung  mit  hyaliner  Entartung,  aber  ohne  Verkalkung, 
erknorpelung  oder  Verknöcherung  in  der  fibrösen  Kapsel  des  Recessus 
u  p  r  a  p  a  t  e  1 1  a  r  i  s  eines  45  jährigen  Mannes.  Entwicklung  angeblich  nach 
rauma  seit  mehreren  Jahren.  Bei  der  klinischen  Untersuchung  fand  sich 
in  kleinmandelgrosser  und  mandelförmiger,  knorpelhafter  Körper  festsitzend 
ben  aussen  von  der  Kniescheibe  neben  der  Quadrizepssehne.  Röntgenbild 
egativ.  Bei  der  Exstirpation  in  Lokalanästhesie  fand  sich  der  beschriebene 
.örper  unter  einem  kleinen  Schleimbeutel  zwischen  Quadrizepssehne  und 
iclenkkapsel  extrasynovial.  Der  Befund  erscheint  bemerkenswert  mit  Riick- 
icht  auf  die  Möglichkeit,  dass  solche  Gebilde,  namentlich  wenn  sie  verkalken 
nd  in  die  Gelenkhöhle  hineinragen  oder  wenn  sie  sich  abstossen,  Anlass 
ur  Bildung  freier  Gelenkkörper  geben  können. 

8  Traumatische  Epithelzyste  im  Knochenstumpf  eines  Fingers,  24  Jahre 
ach  Unfallverletzung  (ausführliche  Mitteilung  an  anderer  Stelle). 

Aussprache:  Herr  S  c  h  m  i  e  d  t. 

Herr  Sonntag  berichtet  an  Hand  von  Röntgenbildern  über  die  sog. 
londbeinmalazie,  weiche  er  recht  häufig  beobachtet  hat.  12  Fälle  im  Verlauf 
tnes  Jahres.  Gesamtzahl  der  in  der  Literatur  niedergelegten  Fälle  beträgt 
a.  75.  Verhältnis  der  Männer  zu  den  Frauen  2:1,  wobei  bei  den  Männern 
ie  traumatischen  und  bei  den  Frauen  die  professionellen  Fälle  überwiegen, 
echte  Seite  ist  etwas  häufiger  betroffen  als  linke.  Alter  schwankt  zwischen 
7  und  45  Jahren,  meist  ist  es  die  Zeit  kurz  nach  der  Pubertät;  in  den  älteren 
allen  scheint  das  Leiden  längere  Zeit  zurückzureichen.  Histologischer  Be¬ 
rnd  in  einem  selbst  operierten  Fall:  Spongiosanekrose  mit  Knochenan-  und 
ibbau,  osteoidem  Gewebe,  Knochenbälkchen,  Kalkeinlagerung,  Bindegewebs- 
arbe,  Rundzelleninfiltraten  usw.;  ein  Befund  .wie  er  ähnlich  wie  bei  der 
ö  h  l  e  r  sehen  Erkrankung  des  2.  Mittelfussköpfchens  erhoben  wird.  Hin- 
chthcli  der  Pathogenese  sind  spezifische  Entzündung,  spez.  Tuberkulose 
:ad  Syphilis  auszuschliessen.  Kompressionsfraktur  kann  höchstens  für  wenige 
alle  angenommen  werden;  in  vielen  Fällen  fehlt  ein  entsprechendes  Trauma; 
er  histologische  Befund  ähnelt  zwar  dem  bei  unvollkommener  Frakturheilung, 
raucht  aber  nicht  lediglich  als  solcher  erklärt  zu  werden.  Die  öfters  ge- 
ndenen  Knochentrennungslinien  sind  nicht  ohne  weiteres  als  primäre  Fraktur 
i  deuten,  sondern  ebensowohl  als  sekundäre  Fraktur  eines  bereits  erkrankten 
nochens,  zumal  sie  auch  ohne  Trauma  gefunden  werden  und  nach  Trauma 
ereits  länger  bestehend  oder  erst  später  auftretend  oder  gar  von  ver¬ 
miedenem  Alter.  .  Vielmehr  handelt  es  sich  bei  einer  zweiten  Gruppe  um 
.'Chtere  Traumen  im  Sinne  der  Kontusion  oder  Distorsion:  „posttraumatische 
a“* ’•  1°  einer  dritten  Gruppe  fehlt  das  Trauma  ganz;  diese  können  z.  T. 
ohl  als  „professionelle“  Fälle  bezeichnet  werden,  indem  bestimmte  Berufe, 
'ez.  landwirtschaftliche  Arbeiterinnen,  welche  mit  der  schwcrbeladenen 
e“;  °der  Mistgabel  arbeiten,  bevorzugt  sind.  Die  Frage  nach  der  trau- 
'atischen  Genese  ist  u.  a.  für  die  Unfallkunde  von  Bedeutung;  der  Utifall- 
lsamm^nhang  muss  öfters  abgelehnt  werden,  zumal  wenn  das  Leiden  bereits 
>rher  bestanden  hat  oder  sicher  anzunehmen  ist  (Röntgenbild).  Avitaminose 
rrfte  nicht  vorliegen.  Für  Spätrachitis  fehlen  Beweise.  Konstitutions- 
lomalie  und  manchmal  Störung  der  inneren  Sekretion  erscheint  möglich. 

Analogie  zu  setzen  ist  das  Leiden  wahrscheinlich  mit  sonstigen 
achstumsanomalien:  Perthes-,  Schlatt  er-,  Köhl  ersehe  Krank- 
■JJ  sowie  Belastungsdeformitäten.  Klinische  Symptome  sind 
:hmerzen,  Druckempfindlichkeit.  Schwellung,  Knochenverdickung,  Boweglieh- 
ntsbeschränkung,  Schwäche.  Muskelatrophie  usw.  Dem  Kundigen  gelingt 
n  Grund  der  genannten  klinischen  Symptome  spez.  der  umschriebenen 
'ruckempfindlichkeit  oft  die  Wahrscheinlichkeitsdiagnose.  Die  Diagnose 


wird  gesichert,  abgesehen  von  frischen  Fällen  durch  das  typische  Röntgen- 
bild,  welches  das  Mondbein  nach  Form  und  Bau  verändert  erweist,  und  zwar 
in  der  Regel  im  proximalen  Feil,  in  dem  sich  Aufhellungen  und  Verschat¬ 
tungen,  manchmal  auch  Zerteilungen  und  später  Verbildungen  wie  bei  Ar- 
thritis  deformans  finden.  Differcntialdiagnostisch  kommen  in 
Betracht  Verletzungen  und  Entzündungen,  spez.  Tuberkulose  und  Arthritis 
deformans.  I  rognose  ist  hinsichtlich  der  Ausheilung  nicht  eben  günstig; 
jedenfalls  scheint  das  Leiden  hartnäckig  zu  sein  und  öfters  sich  Arthritis 
deformans  anzuschliessen.  Therapie  ist  im  wesentlichen  symptomatisch. 
Antirachitische  Behandlung,  Organpräparate  usw.  können  versucht  werden. 
Die  Operation,  welche  zwar  keinen  schwierigen  aber  doch  beträchtlichen 
Eingriff  in  den  feineren  Bau  und  Mechanismus  des  Handgelenkes  bedeutet, 
ist  im  allgemeinen  nicht  angezeigt,  ausser  in  schweren  Fällen  bei  Versagen 
der  konservativen  Therapie,  aber  auch  dann  nicht  zu  spät,  sondern  vor  Aus¬ 
bildung  einer  ausgedehnten  Arthritis  deformans.  Ein  selbst  operierter  Fall, 
‘J?  ^,e^c*iem  (Jas  Mondbein  entfernt  und  die  Lücke  mit  frei  transplantiertem 
Fett  vom  Oberschenkel  ausgefüllt  wurde,  ergab  keinen  idealen  Erfolg. 
Knochenkernauslöfflung  (M  ü  1  I  e  r)  dürfte  bei  vorgeschrittenen  Fällen  nicht 
genügen.  Weitere  Mitteilungen  erscheinen  wünschenswert  zur  Klärung  der 
Pathogenese  Prognose  und  Therapie.  (Ausführliche  Mitteilung  erfolgt  an 
anderer  Stelle.) 

•  a  ^  siSf-P-r-a  u*'  eU  ^err  M  i  I  n  e  r  steht  noch  auf  dem  früher  von  ihm 
in  der  Medizinischen  Gesellschaft  vertretenen  Standpunkt,  dass  der  „Mond- 
beinschwund“  im  allgemeinen  als  Folge  einer  Fraktur  auf- 
zufassen  ujid  so  zu  erklären  ist,  wie  das  nach  Küramell  benannte  all¬ 
mähliche  Zusammensinken  frakturierter  Wirbel:  Die  Schmerzlosigkeit  der¬ 
artiger  Knochensprünge  hat  zur  Folge,  dass  die  Ränder  des  Bruchspnltes  die 
zum  Zwecke  der  Heilungsvorgänge  erweicht  werden,  bei  fortgesetzter  ’  Be¬ 
lastung  immer  von  neuem  einbrechen.  Dass  die  Kranken  sich  meist  keiner 
Verletzung  als  Ursache  und  Anfang  der  Krankheit  bewusst  sind 
beruht,  wie  bei  den  bekannten  Metatarsalbrüchen  der  sog  Fussgeschwulst 
und  den  Gelenkverletzungen,  z.  B.  des  Kniegelenks,  die  von  Axhausen 
u.  a.  beschrieben  sind,  auf  der  verhältnismässigen  Geringfügigkeit  des 
äusseren  Hergangs  und  der  Schmerzlosigkeit  im  Anfang.  Dass  früh  auf- 
genommene  Röntgenbilder  bisweilen  negativ  sind,  kann 
einmal  damit  erklärt  werden,  dass  eine  Röntgenaufnahme  nicht  alle  Ebenen 
des  Knochenquerschnittes  wiedergibt  und  darum  nicht  jede  Fissur  auf  der 
1  latte  sichtbar  sein  muss,  zumal  dann  nicht,  wenn  nicht  von  2  entgegen¬ 
gesetzten  Richtungen  aus  photographiert  worden  ist.  (Beweis  manche  Kal- 
kaneusfrakturen.)  Dass  in  über  90  Proz.  der  Fälle  die  rechte 
Hand  die  befallene  ist  und  das  jugendliche  Alter  sind  weitere  Hin¬ 
weise  auf  Verletzungen  als  Ursache  des  Mondbeinschwundes.  Kienböcks 
Theorie,  dass  Gefässverletzungen  im  Knochen  zu  den  Erweichungen  fuhren, 
ist  im  Zeitalter  der  freien  Knochen-  und  Gelenktransplantationen  und  der 
erfolgreichen  operative®  Behandlung  von  Totalluxationen,  z.  B.  einer  von 
M.  operierten  Totalluxation  des  Talus,  n  i  c  h  t  h  a  1 1  b  a  r.  Die  Wichtigkeit 
der  Hervorhebung  einer  Verletzung  als  Ursache  beruht  auf  2  praktischen  Er¬ 
wägungen:  1^  bei  jeder  einigermassen  ernstlichen  Verstauchung 
muss  an  eine  Fissur  gedacht  und  wochenlang  starke  Beanspru¬ 
chung  der  betreffenden  Knochen  vermieden  werden,  selbst  wenn  2 — 3  gute 
Röntgenbilder  negativ  sein  sollten;  2.  bei  der  Begutachtung  von  Arthri- 
tis  deformans  als  angeblicher  Unfallfolge  ist  das  Fehlen  einer  schweren 
Verletzung  in  der  Vorgeschichte  nicht  entscheidend. 

Herr  Hu  eck  weist  auf  die  Möglichkeit  hin,  die  Schwierigkeiten,  die 
hinsichtlich  der  Aetiologie  der  Mondbeinmalazie,  Perthes  sehen  und 
Köhler  sehen  Erkrankung  entstanden  sind,  zu  lösen.  Die  bislang  bei 
diesen  Krankheiten  erhobenen  pathologisch-anatomischen  Befunde  sind  viel¬ 
leicht  nicht  alle  einheitlich,  doch  scheint  es,  als  ob  bei  genauester  Unter¬ 
suchung  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  Veränderungen  vorliegen,  die  zum 
mindesten  der  Bezeichnung  Arthritis  deformans  nicht  widersprechen  Die 
Auffassung  der  genannten  Erkrankungen  als  frühzeitige  Arthritis  deformans  ist 
allerdings  nur  mit  der  Einschränkung  möglich,  dass  diese  Bezeichnung  so  viel 
und  so  wenig  eine  ätiologische  und  anatomische  Einheit  umgreift,  wie  es 
z.  B.  die  Arteriosklerose  tut.  Unter  dem  Sammelnamen  Arthritis  deformans 
können  vielmehr  eine  grössere  Menge  von  Knochengelenkleiden  recht  ver¬ 
schiedener  Aetiologie  zusammengefasst  werden,  aber  wie  allen  Formen  der 
Arteriosklerose  die  fortschreitende  Ernährungsstörung  der  üefässwände,  so 
in  allen  Formen  der  Arthritis  deformans  die  fortschreitende  Ernährungsstörung 
des  Knorpels  gemeinsam.  Diese  kann  durch  primäre  Knorpelerkrankung  (be- 
rufhehe  Abnutzung  usw.).  aber  auch  durch  primäre  Knochenerkrankungen 
(Fraktur)  hervorgerufen  werden.  Sicher  ist,  dass  die  Knorpcl-„Abnutzung“ 
schon  in  sehr  frühen  Lebensjahren  beginnen,  von  der  Pubertät  an  stärker 
zunehmen  und  an  den  Gelenken,  die  stärker  in  Anspruch  genommen  werden, 
rasch  fortschreiten  kann. 

Herr  Sonntag:  Schlusswort. 

Herr  Warsow:  Ein  Fall  von  Xanthom. 

Aussprache:  Herren  H  u  e  c  k  und  Sonntag. 

Herr  Curt  H  e  in  p  e  I  berichtet  über  einen  Fall  von  Neurinom  der  Zunge. 
Es  handelte  sich  um  ein  solitäres  Neurinom.  Ein  Trauma  löste  die  Weiter¬ 
entwicklung  des  Tumors  aus.  Der  Kranke  zeigte  Pigmentanomalien  und 
Symptome  2.  Ordnung  der  Recklinghausen  sehen  Krankheit,  bestehend 
in  Strabismus  convergens  und  abnorm  hohem  harten  Gaumen.  (Eingehende 
Schilderung  des  Falles  folgt  in  der  M.m.W.) 

Herr  Kuntzen  zeigt  2  Fälle  von  diffuser  genuiner  Phlebektasie  mit 
Gliedmassenverlängerung. 

1.  Fall.  12  jähr.  Junge. _  Seit  der  Geburt  Venenerweiterungen  am  linken 
Gesäss  und  Rückseite  des  linken  Ober-  und  Unterschenkels,  Fussrücken  und 
Fusssohle  mit  Atrophie  der  Beinmuskulatur.  Verlängerung  des  Beines  um 
2  cm.  Nach  leichten  Traumen  häufig  Hämarthros  im  linken  Kniegelenk.  Im 
Röntgenbild  zackige  und  aufgerauhtc  Konturen  des  Knochens  nahe  der  Epi¬ 
physenfuge. 

2.  Fall.  7  jähr.  Mädchen.  Diffuse  Venenerweiterungen  am  unteren 
Drittel  des  rechten  Unterschenkels  und  besonders  der  Fusssohle.  Verlänge¬ 
rung  und  Verbreiterung  des  rechten  Fusses  gegenüber  links  um  1)4  cm.  Im 
Röntgenbild:  Knochen  des  ganzen  rechten  Fusses  viel  plumper,  länger  und 
dicker  als  die  der  anderen  Seite,  besonders  Fusswurzel  und  Mittelfussknochen. 
Differentialdiagnose:  Abgrenzung  gegen  arterielle  und  arteriovenöse  Ektasien, 
Rankenangiome,  Hämangiome.  Prognose:  Ungünstig  wegen  Druck  auf  die 
Nachbarorgane  und  Komplikationen,  besonders  von  seiten  der  betreffenden 
Nerven.  Behandlung  vorläufig  konservativ. 

Genauere  Beschreibung  der  Fälle  folgt  an  anderer  Stelle.) 


öys 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  3(T. 


Äerztlichei*  Verein  zu  Marburg. 

(Öffizierier  Bericht.) 

Sitzung  vom  1 3  .  J  it  n  f 


Herr  Freudenberg:  Krankenvorstellung. 

1  Sechsjährger  Knabe  mit  Dermatitis  herpetiiormis  Duhrlg. 

2.  3  Fälle  von  infantilem  Skorbut,  darunter  einer  mit  Keratomalazie. 
Es  konnte  der  Nachweis  geführt  werden,  dass  in  diesem  die  Kerato¬ 

malazie  nicht  durch  A-Mangel  bedingt  war,  denn  das  K,ind.  etrh'e’*  ‘  ^ 
15  ccm  Lebertran,  sondern  auf  C-Mangel  beruhte,  also  skorbutischer  Natur 
war.  Rasche  Heilung  bei  antiskorbutischer  Diät.  Hinweis  au ^ Fälle  in  der 
Literatur,  bei  denen  ebenfalls  die  Annahme  einer  skorbutischen  Grundlage  der 
Rkratomalazie.  najieliegt. 

£  Chondrodystrophie  bei  5,jährigem  Knaben.  .  „  .  „ 

4.  Schwere,  psycjiO.gSn  bcdihgfe  Atrophie  eines  2  jährigen  Knaben. 
Diskussion:  Herr  Z  an  g.e'  rrj  e  i.$  f  fc  f.  ,Fr 

Herr  Behrendt:  Ueber  Feftvefdaduitg  im  Shughtigsmagen.  (er¬ 
scheint  im  Jahrb.  f.  Kinderhlk.)  •  _  .  •  ..  . 

Herren  Hoffmaim  und  Schilling:  Zur  Frage  der  ?rw Qfbenen 
Lues  des  Neugeborenen.  Die  Mutter  hatte  seit  8.  XII.  22  Primaraffekl  ätl 
kleinen  Labien.  Geburt  am  12.  XII.  22.  das  Kind  bekommt  am  14  I.  2S 
typischen  Primäraffekt  am  Hinterhaupt.  Bald  darauf  Nachweis  von  Okzipita  - 
drüsenschwellung,  Milz-  und  Lebertumor.  Tödlicher  Ausgang. 

Aussprache:  Herr  Scharnke:  Aus  den  experimente  len  For¬ 
schungen  U  h  1  e  n  h  u  t  h  s  und  Mulzers  wissen  wir,  dass  die  Pallida  senr 
früh  im  Blut  nachweisbar  wird,  noch  vor  dem  Auftreten  der  Sekundarerschei- 
nungen,  ja  sogar  bei  noch  negativem  Wa.  Der  Fötus  kann  also  plazentar  in¬ 
fiziert  werden,  ehe  Sekundärerscheinungen  bei  der  Mutter  auftreten.  Daraus 
erklärt  sich  im  vorliegenden  Fall  das  bereits  vorgeschrittene  Stadium  der  vis¬ 
zeralen  Lues.  Die  Infektion  ist  offenbar  erst  plazentar  und  nachträglich  noch- 
einmal  als  Superinfektion  durch  die  Haut  erfolgt.  Ich  glaube  nicht,  dass  eine 
erst  in  der  Entwicklung  begriffene,  durch  plazentare  Infektion  entstandene 
viszerale  Lues  imstande  ist,  die  Entstehung  eines  Primäraffektes  bei  kutane 

Superinfektion  zu  verhindern.  ...  '  ,  ,  , 

Herr  P.  Esch:  Die  auffallende  Tatsache,  dass  das  k  u  t  a  n  unter  der 
lleburt  luetisch  infizierte  Neugeborene  eine  ausgeprägte  v  i  s  z  c  r  a  l  e  Syphi¬ 
lis  aufwies,  lässt  sich  vielleicht  auf  folgende  Weise  erklären.  Im  allgemeinen 
kommt  es  bei  den  kutanen  Infektionen  des  Neugeborenen  leicht  und  schne  i 
zii  einer  Blutinfektion.  Abgesehen  von  anderen  Gründen  beruht  dies  daraut, 
dass  den  Eiterkeimen  auf  ihrem  Wege  von  einem  örtlichen  Prozess  in  den 
Kreislauf  keine  Schranke  durch  eine  Lymphadenitis  entgegengestellt  wird. 
Infolgedessen  ist  die  Annahme  nicht  von  der  Hand  zu  weisen,  dass  die 
Spirochäten  von  der  kutätiCn  Infektionsstelle  ebenfalls  auffallend  schnell  in 
den  Kreislauf  gelangen  Alsdanrt  haben  wir  ähnliche  Verhältnisse  wie  bei 
der  diaplazentarcn  (hämatogenen)  syphilitischen  Infektion.  Es,.be*teht_!r!n® 
frühzeitige  Blutinfektion,  welcher  die  Gewebsmfektiün  mit  den  für  den  Fötus 
und  das  Neugeborene  eigenartigen  syphilitischen  Orsanveranderungen 

folgt.  _ 

Ausserdem  die  Herren  R  u  e  t  e  und  Schmidt. 


nrimär  multiple  Erkrankung  des  Gefässsysteins.  auch  nicht  um  ein  malignes 
Wachsen  eines  Ängioms  unter  Wahrung  seines  histologisch  reifen  Baues, 
sondern  es  liegt  ein  Bindegewebe  vor.  dem  embryonalen  Mesenchym 
deichend  das  wie  ein  Sarkom  infiltrierend  destruierend  wächst,  aber  im 
Verlauf  seines  geschwulstmässigen  Wachstums  eine  Differenzierung 
in  Blutzöllen  Bindegewebe  und  Bluträume,  wie  bei  reifen  Angiomen’.  1  urc  J 
Ä“l4"n  Hämopn.umo.l.or»  Tod  infolc.  H««».  g£ 

statischer  kavernöser  Knoten  der  Lungenoberfläche.  Näheres  über  dies.» 

-RiÄf.ÄR. 

K  '  1  bf  Aktlnomykose  der  Schädelbasis.  Ein  Kind  bekam  einen  Stoss  gegen 
die  rechte  Wange.  Es  entwickelte  sich  eine  Aktmomykose.  die  in  2/a  Jahren 
alles  vor  sich  her  zerstörend  durch  die  Fossa  pterygo.dea  und  das  Felsen¬ 
bein  in  die  Schädelhöhle  eindrang  und  das  Gehirn  angriff. 

Berichtigung.  In  dem  Bericht  Über  die  Sitzung  vom  30.  Mai 
d.  J.  (S.  826)  muss  es  statt  „Artussin“  heissen:  "A  r  1  'E"  ^  e  r  t  e  n  s_  j 


Aerztiicher  Verein  München. 

t  (Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  11.  Juli  1923, 

Herr  Oberndorfer:  Pathologische  Demonstrationen  mit  Lichtbildern. 

a)  Pseudokarzinom  des  Rektums.  _  r  .  ,  ide{  1n 

45  ifihr  Frau  mit  Leistennarben.  WaR.  ,  5-- -u.  nr.  du 

WäSSeNgen  Durchfällen  und  Verstopfung.  Bei  der  Einlieferung  wurde  P  - 
(bnitis  gefunden  und  Verengerung  des  Rektum.  Fs  handelte  sic  t  c 

Htaassr  ää  sä- 

wegen  Zyanose  und  Herzvergfösserung  in  Behandlung  Stark  vorspringen  i 

Klappe..  Sklerose  der  Arterienwände  in  den  blassen  Lungen.  Sekundäre 

Polyzythämie.  „ter  und  Herr  Mobitz  zeigen  2  bzw. 

,  K,»V«S^;\™«»s"Ürrroiard%r,5,.«r»  die  «*■«.  1»—  da, 

'h,raCr‘SMohb‘iu”Stbfc  dunkle  Fürb.nn  der  Oberlide,  und  de,  Stirn 

hCfV  Herr  Lange-  Petersburg  (a.  G.)  berichtet  über  einen  ganz  ähnlichen 

Fall,  ^den  er  aber  als  Thromboarteriolitis  entzündlmhen  Ursprungs  deutet. 

c.  r  n  F  «  t  der  die  Präparate  gesehen  hat,  halt  es  wie  L  a  n  g  c  iui 
sehr  möglich,  dass  ein  früher  überstandenes  Flcckfieber  zugrunde  liegt.  Die 
Bilder  erinnerten  an.  Periarte^ut.s^nodosa^^  ^  Lei)denwirbel  hat  sich  ein 

völliges  SGe"enk  ausgebildet,  ln  den  übrigen  Wirbelkörpern  die  Spongiosa 
V°n  AKnu°srPsei  rdaUcCi  e  •  Herr  B  o  r  s  t  und  Herr  G  e  b  e  1  e. 

Ä  Abduzens, 

Okulomot'orius.  Ruptur  der  Aortenintima  dicht  oberhalb  der  Klappe  an 
der  klassischen  Stelle.  Trennung  von  Intima  ^daMed'arosb‘®luhn7derSub- 
Teilungsstclle  und  Wiedereinbruch  in  dm  linke ,.1a1“k; *: Mtrl  erklären  die  Er- 
klavia  und  des  Trunc.  anonymus  sowie  der  Ihaca  dextra  erklären  die 

«rhpinnnven  an  den  Gliedmassen,  die  übrigen  sind  dunkel. 

Herr  B  o  r  s  t  hat  im  Felde  ein  dissezierendes  Aneurysma  mit  Durch- 
v*  nrii  in  den  Herzbeutel  bei  angeborenem  Verschluss  -der  Aorta  gesehen, 
ta  demonstrieSn  Falle  hält  er  die  Verschleppung  von  Gewebsfetzen  von 
dei  Rupturstelle  in  die  Vierbügelgegend  für  möglich 

Herr  K  1  i  n  tr  e  (a  G.) :  a)  Ueber  malignes  Angtom.  ... 

Angiom  das  vom  Ünterhautzellgewebe  der  Hand  ausgeht  und  tro.z 


Aerztiicher  Verein  in  Nürnberg. 


(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  19.  April  1923. 
Vorsitzender:  Herr  Bernett. 

Herr  Schwink:  Ueber  Chlordesinfektion  des  Badewassers. 


Sitzung  vom  3.  Mai  1923. 

Herr  Strauss:  Bericht  über  den  Chirurgenkongrcss. 


Sitzung  vom  17.  Mai  1923. 

Herr  Viktor  Veith:  Bericht  über  den  Kongress  für  innere  Medizin. 
Herr  Drossbich:  Ueber  einen  Fatl  von  Ertanbnng  nach  Aspirin- 

Vergütung.  „  ,  , 

Diskussion:  Herr  Schlesinger. 


Sitzung  vom  2.  Juni  1923. 


Herr  Bezirkstierarzt  Dr,  Hellmuth:  Ueber  Tollwut  beim  Tier. 

H  berichtet  über  die  Tollwut  der  Hunde,  nachdem  'm  h'cf1,gcj'  SRis!' 
ho/irk  seit  Ende  April  d.  J.  10  Tollwutfälle  bei  Hunden  und  10  Bis» 
Verletzungen  von  Personen  durch  wutkranke  Hunde  vorgekommen  sind. 
SSd  von  der  Geschichte  dieser  Seuche 

kommens  in  verschiedenen  Ländern  wird  deren  Ad  ol  »  ,  die  " 

der  N  e  g  r  i  sehen  Körperchen,  die  natürliche  Infektion  und  die  Ausbreitung 
des  Virus  im  Körper  geschildert.  Bei  typischem  Verlaufe  der  Krankheit  kann 
man  drei  Stadien,  ein  melancholisches,  ein  Exzitations-  und  ein  paralytisches 
Stadium  unterscheiden,  doch  kommen  vielfache  Modifikationen  vor,  ins- 
besondere  wird  nicht  selten  die  so,-,  stille  Wut  beobachtet  be,  de,  e,n. 
leichte  Lähmung  des  Unterkiefers  oft  zunächst  das  einzige  Symptom  st 
Das  Sektion"  ergdmis  ist  nur  dann  typisch  wenn  der  Magen  statt  normaler 
N-ihruncsbrei  zerbissene  und  verschluckte  Fremdkörper,  Holz.  Stroh,  Sand 
i  oder  I  umoen  u  dergl.  enthält.  Fehlen  diese,  so  bieten  die  Hamatoly» 
und  wechselnd  starke  Hyperämien  der  Schleimhäute  und  Organe  nicht: 
Charakteristisches  Durch  die  Untersuchungen  Pasteurs  und  seiner  Mit 
Seher  wurde  festgestellt,  dass  sich  das  Virus  der  Wut  durch  fortgesetzte 
Weiterimpfung  auf  Affen  so  abschwächen  lässt,  dass  es  bei  Hunden  keim 
Wut  mehr  liervorruft,  dass  es  sich  andererseits  dadurch  steigern  lasst,  das 
es  durch  den  Körper  von  Kaninchen  oder  Meerschweinchen  geleitet  wird 
So  gelingt  es.  im  Gegensatz  zu  dem  inkonstanten  Strassenvirus  ein  fixe 
Virus  von  ganz  bestimmten  Virulenzgraden  herzustellen.  Auf  dieser  Fit 
d  ec  kling  beruht  die  jetzt  allenthalben  übliche  Wutschutzbehandlung  gcbissei  c 
Personen  Die  veterinärpolizeiliche  Bekämpfung  der  ■  ollwut  der  Hui 
erfolgt  durch  strenge  Sperrmassregeln,  die  sich  auf  einen  Umkreis  von  10  kr 
erstrecken.  Innerhalb  des  Sperrgebietes  müssen  alle  Hunde  feslgd^t.  an 
gekettet  oder  eingesperrt  oder  mit  Maulkorb  und  Leine  geführt 
Wutknnke  und  wutverdächtige  Hunde  müssen  getötet  werden,  ebenso  all 
Hunde!  die  freilaufend  betroffen  werden.  Eine  Ausfuhr  von  Hunden  ist  nu 

mit  polizeilicher  Genehmigung  gestattet. 

Herr  Johannes  Müller:  Ueber  Tollwut  beim  Menschen. 

Diskussion-  Herr  Sauerteig  berichtet  über  die  gesundheit 
polizeilichen  Vorschriften  und  behördlichen  Massnahmen  bei  Tollwut. 

Herr  Süssmann  spricht  über  die  N  e  g  r  l  sehen  Körperchen  u 

^ °H err  *()  s^berichtet  über  einen  selbst  beobachteten  Fall  von  Toll  vi 

am  Menschen  während  des  Krieges  in  Rumänien. 


Naturforschende  u.  medizinische  Gesellschaft  zu  Rostoc! 


R. 


•  t  a  li  1. 


(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  14.  Juni  1923. 

Vorsitzender:  Herr  W.  Müller.  Schriftführer:  Herr 
Herr  Man  s:  Zur  Lumbalpunktion  bei  Methyüalkoholamblyopie. 

Herr  Mans  berichtet  über  einen  Fall  von  Methylalkoholamblyopie,  d 
mit  Lumbalpunktionen  behandelt  wurde.  Die  Sehschärfe  hob  sich  na 


mit  LUmUaipmiMIUIlUli  iiiiiiaiiuvu  --  r-  hl.. 

5  Lumbalpunktionen  von  Fingererkennen  vor  den  Augen  auf  /21,  resp.  IU 

it  01..  LI.  MiPr'jnPl 


Aussprache:  Herr  Stahl:  Intern  therapeutische  >  e| 
Wendung  der  Lumbalpunktion  bisher  nur  bei  Memngit^  I 
Urämie  bei  erhöhtem  Lumbaldruck,  allerdings  auch  gelegentlich  bei  I 
Vergiftung.  Einige  Beobachtungen  weisen  in  Uebereinstimmung  mit  den  11 
fahrungen  bei  -Methylalkohol  darauf  hin.  dass  auch  bei  nicht  erhöhtem  Lu 
baldruck  eine  Flüssigkeitsentziehung  zu  Nachstrom  von  Flüssigkeit  aus  c 
Geweben  und  damit  vielleicht  zur  Ausschwemmung von  Toxinen  fuhrt 
einer  Polyneuritis  wurde  schubweiser  Rückgang  der  Sensibilitatsstorun 
im  Anschluss  an  3  Lumbalpunktionen  beobachtet;  bei  einer  multiplen  ,  kler 
und  einer  Lues  cerebri  sah  ich  subjektive  Erleichterung  und  obiektive  Bes 
rung  des  Ganges  am  nächsten  Tage.  Am  eklatantesten  war  der  Nutze 
einer  Ischias,  die  sich  unter  Bettruhe  und  Warme  verschlechterte  und 
Sensibilitätsstörungen  bis  hinauf  zum  10.  Dorsalsegment  führte.  Nach  Ul 


*7.  Juli  192.3. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


'.ilplinldiOn  (Druck  RO  ihm  HaÖ.  Nonne-Apelt  negativ,  Eiweiss  4 14  Strich, 
:  Zellen)  .  läge  mich  erhebliche  Schmerzsteigerung,  dann  rasche  Besserung 
"T.  "i  i«  gleichzeitiger  Darreichung  von  Melubrin,  das  vorher  dir  Ycr- 
chlechtfrahg  kaum  verzögert  hatte.  Nach  ca.  20  Tagen  Schmerzfrei  mit 

Lclwmnlg  entlassen. 

An  der  Aussprache  beteiligen  sich  noch  (Re  \ierren:  v.  Wasiclewski 
3  "m'  *  °  r  S’  W‘  M  ü  1  *-e  r.i  C  Ti  r  s  c  h  m  ann,  W.  Müller.  Man  s.’ 

.  ,/!err  Man  s:  Demonstration  eines  Falles  von  einseitiger  schlchtstar- 
linnener  Linsentrübung 

Kranker  hat  yoi  2b  Jahren  eine  Kontusion  des  linken  Augapfels  erlitten, 
anuils  keine  Linsentrübung.  Nach  Vi  Jahr  ganz  feine  subkapsuläre  Linsen- 

^^er  diesen  hinter  einer  klaren  Rindenschicht  eine  schicht- 

aralmWche  Katarakt. 

Aussprache:  Herr  Peters. 

Herr  Peters:  Demonstration:  Tränenträufeln  bei  VerändeVöPgen  der 
arimkelgegend. 

Vortr.  demonstriert  einen  typischen  Fall  der  Störung,  die  er  im  lahrc 
unteT,  detn  Na.men  -Epiphora  durch  Verhornung  des  Epithels  der  Karun- 
L'lgegend  beschrieben  hat-,  Abi'  Gfund  einer  Reihe  von  weiteren  Fällen 
onnte  das  früher  Gesagte  bestätigt  werden.  Die  auffallend  helle  Farbe 
ad  die  trockene  Beschaffenheit  der  Karunkel,  sowie  die  fast  völlige  Ver- 
.■lileieruiiR  dep  Tränenpunkte  sichern  die  Diagnose,  und  therapeutisch  ge¬ 
igt  m  den  meisten  Fällen  das  Schlitzen  und  Offenhaltcn  des  unteren  Tränen- 
üifchÄrtS,  wozu  sich  ausnahmsweise  bei  Evertierung  die  Exzision  eines  sog 
mann  sehen  Dreiecks  anschliessen  kann.  Besonders  bemerkenswert 
..dass  der  Vater  und  die  Schwester  des  vorgestellten  Kranken  hier  an  der- 
Ibcn  Anektion  behandelt  worden  sind,  und  daraus  ergibt  sich  die  Notwendig- 
it.  vorkommendenfalls  die  Familienmitglieder  mitzuuntersuchen,  damit  fest¬ 
estem  werden  kann,  ob  es  sich  hier  um  einen  eigenartigen  Verliornungs- 
iozess  auf  der  Basis  einer  konstitutionellen  Anomalie  handelt. 

Herr  Glüh:  Ueber  Nasen-  und  Augenreflexe. 

,-i  V0rjr-  ^richtet  über  einen  zuerst  von  Symkowicz  beobachteten 
eflex,  der  durch  einen  Schlag  auf  die  Nasenspitze  ausgelöst  wird  und  zu 
ner  Kontraktion  beider  Lidschliessmuskeln  führt.  Der  Reflex  wurde  regel- 
issig  unter  normalen  Bedingungen  gefunden.  Viermal,  in  Fällen  von  Fazialis- 
timung,  blieb  er  auf  der  gelähmten  Seite  aus,  bei  Fazialisparese  wurde 
iscliuachung  des  Reflexes  beobachtet,  bei  Trigeminusneuralgie  wurde  keine 
•rstarkung  des  Reflexes  beobachtet.  Untersuchungen  im  Schlaf,  in  Narkose 
d  unter  Morphiumwirkung  ergaben,  dass  der  Reflex  nicht  über  die  Gross- 
nrmde  fuhrt.  Die  häufig  auftretenden  Begleitbewegungen  bei  Auftreten  des 
:  „vxf, .  a/fsetl  darauf .  schlossen,  dass  seine  Bahn  nicht  auf  einer  direkten 
rnverbindung  zwischen  Tngemius  und  Fazialis  beruht,  sondern  dass  sie 
ler  die  primären  Optikuszentren  führt. 

Herr  Grafe:  Ueber  den  Einfluss  der  Affekte  auf  den  Gesamtstoffwechsel, 
itersuchungen  in  der  Hypnose. 

Um  die  praktisch  und  vor  allen  Dingen  theoretisch  sehr  wichtige  Frage 
ch  dem  Einfluss  von  Gemütsbewegungen  auf  den  Gesamtstoffwechsel  zu 
I  scheiden,  verwandte  Grafe  in  Gemeinschaft  mit  Mayer  die  Hypnose, 
lern  bei  genau  vorher  für  die  Hypnose  eingeübten,  völlig  gesunden  Men- 
icn.  die  sich  freiwillig  für  derartige  Untersuchungen  zur  Verfügung  stellten. 

J  ensvefährimShhe  Brschutterungen  (Vorstellung  schwerer  eigener  Krankheit, 
.'ensgefahrlicher  Szenen  aus  dem  Kriege,  Tod  naher  Verwandter  etc.)  auf 
Ipnot.schem  Wege  erzeugt  wurden.  Das  Ergebnis  zweistündiger  Re- 

■  rationsversuche  wurde  dann  mit  dem  Resultat  der  meist  am  folgenden 
ge  sich  anschliessenden  Kontrollversuche  bei  einfachem  hypnotischem 

Besonderes  üewicht  wurde  auf  vollkommene  Ruhe  der 
rpcrmuskulatur  gelegt  und  auch  in  dieser  Richtung  entsprechende  Sug- 
'.M,en  gegeben.  Schon  früher  hatte  Grafe  gemeinsam  mit  Trauma  n  n 
e‘  dei raI' Versuchsreihen  angestellt,  aber  das  Resultat  war  entgegen- 
’iz  klar  dSa«e",  ne“  hinzukommenden  10  Versuchsreihen  ergibt  sich  nun 
%  2  p’  ,  r  v  St0flWechsel  sehr  erheblich  gesteigert  sein  kann,  bis 
-o.2  l  roz.  Bei  Versuchspersonen,  die  zum  ersten  Male  derartigen  Unter- 

V  siZ%Uf^e[WOrfFr!  WUrdenT  fehlte  sogar  niema,s  eine  Steigerung  bei  de- 
A  Ql  "•  EtWaS  a,nderl  verhielten  sich  freudige  Affekte,  bei  denen 
sennge  S  eigerungen,  die  aber  wohl  noch  in  das  Bereich  der  Norm 
•cn  fcstgestelh  wuräen.  Da  Muskelbewegungen  als  Ursache  der  Steigerung 

„2—4  Prn  Pa  sf.requenz  so  gering  war,  dass  dadurch  im  ungünstigsten 
’t  •  3  Proz'  Steigerung  erklärt  sind,  muss  man  annehmen,  dass  minde¬ 
st1"  fm°Sreu  Teii  ,der  St,0ffwechselsteigerung  auf  einer  Vermehrung  des 
p‘Z  S!n'  Gehirn  beruht,  da  im  Gegensatz  zu  älteren  Vorstellungen  etwa 
P  .0,;  des  Kesamten  Stoffwechsels  auf  das  Gehirn  entfallen.  Ausserdem 

■  nmt  noch  eine  Fernwirkung  des  Gehirns  auf  viele  andere  Organe  auf  ner- 

,  ™  'Vege  in.Buortcht’  so  dass  man  wohl  zum  mindesten  in  den  Fällen. 

en  eine  erhebliche  Steigerung  des  Stoffwechsels  Vorgelegen  hat,  an  eine 
l-dl  angd?.s  ^samten  vitalen  Tonus  des  Organismus  denken  muss  Betont 
;  de  ausdrücklich,  dass  bei  sorgfältiger  Durchführung  der  Hypnose  niemals 
ndwelche  Schädigung  oder  Nachwirkungen  beobachtet  wurden 
Aussprache:  die  Herren  C  urschmann,  Rosenfeld,  Grafe. 

;  „VJ.  •  tra..k°s.ch:  Demonstration  eines  Falles  von  Netzechinokokkus 
df  JeTnS  Madehen,  das  lange  Zeit  in  einer  Frohnerei  bedienstet  war, 
i-rt  pg  f  Unterleibsschmerzen  und  unregelmässiger  Blutungen  laparo- 
arh  JSL fanden  ZVV  f?st  hühncreigrosse  Echinokokkenblasen  sowie 

,  nrimä^r  i  'u  Ne  Z  U^d,  ,eine  Aussaat  auf  dcm  ^'nzen  Peritoneum.  Da 
'  PJ '™arer  Leberechinokokkus  nachweisbar  war,  ist  an  primären  Nct/- 
denken.  Guter  Heilungsverlauf.  Gewichtszunahme  In  den 
en  Wochen  Ansteigen  der  Eosinophilen  von  3  auf  16  Proz  Rezidiv ^ 
lplementbmdungsreaktion  steht  noch  aus  Keziaiv. 

Aussprache:  Herr  W.  Müller. 


iiysikalisch-medizinische  Gesellschaft  zu  Würzburg. 

(Offizieller  Bericht.) 

Sitzung  vom  14.  Juni  1923. 

ersitzender:  Herr  F  1  u  r  y.  Schriftführer:  Herr  Walther  Schmitt. 

Herr  Rein  wein:  Ueber  ein  neues  tierisches  Gift  aus  Actinla  equina 
n  Kein  wein  isoherte  gemeinsam  mit  D.  Ackermann  und 
u  JtzÄ  Hllfe  dcr  E.  Ku  t  sch  e  r  sehen  Methode  aus  6400  Stück 

i  eu tel  Hl™1!,  "T,”3  12L4  K  der  Basc  C,Hl:lN0  als  Chlorid  (Minimal- 
der  der  Name  Tetramin  gegeben  wurde.  Diese  Base  wurde 


I  ? ^ e a  s  .^‘^rat,  UhLifaurat  und  Chloroplatinat  analysiert,  ist  optisch 
inaktiv  und  nimmt  bei  erschöpfender  Methylierung  durch  Dimethylsulfat 
keine  Methylgruppe  mehr  auf.  Oberhalb  360°  wurde  Trimethylamin  abge¬ 
spalten.  Es  handelt  sich  bei  der  neuen  Basc  um  Tetramethylammonium¬ 
hydroxyd,  wie  auch  aus  dem  Vergleich  der  Zersetzungspunkte  und  sonstigen 
Eigenschaften  mit  den  entsprechenden  synthetisch  dargcstellten  Salzen  mit 
Sicherheit  hervorgeht.  Der  Körper  ist  bisher  weder  in  ider  Tier-  noch 
Pflanzenwelt  beschrieben.  Seit  langem  ist  die  kurareartige  Wirkung  be¬ 
kannt,  welche  mit  dem  Tetramin  genau  so  erzielt  wurde,  wie  mit  kier 
synthetiscehn  Base.  V 100  mg  Tettarninchlorid  pro  Gramm  Tier  ruft  beim 
Frosch  nach  %  Minuten,  Völlige  kiiräfcattjge  LähttiUntt;  hervor,  JDetrion? 
stratiou  ah  Fischen.)  ..Ob  die  Aktinlen  sicii  des  Tctrdniins  ,11s  äktives  Gin 
I  beuieltbrt  natn  Art  der  von  R  i  c  h  e  t  beschriebenen  beiden  bisher  unreinen 
Aktiniengifte  T  halassin  und  Kongestin,  oder  ob  es  sich  um  ein  Stoffwcchscl- 
produkt  handelt,  soll  noch  ermittelt  werden. 

Aussprache:  Herr  F  1  u  r  y,  Herr  Ackermann. 

Herr  Birnbaum:  Erythematodes  und  Tuberkulose. 

Die  für  die  tuberkulöse  Actiologie  des  Lupus  erythematodes  erbrachten 
Beweise  sind  nicht  völlig  einwandfrei.  Die  Möglichkeit  einer  Verwechslung 
mit  Lupus  vulgaris  erythematodes  oder  einer  —  allerdings  seltenen  —  Kom¬ 
bination  von  Lupus  erythematodes  und  Lupus  vulgaris  ist  zu  berücksichtigen. 
Am  wenigsten  Beweiskraft  hat  eine  sonstige  Tuberkulose  bei  Kranken  mit 
Lupus  erythematodes.  Die  statistischen  Zahlen  Uber  die  Häufigkeit  eines 
derartigen  Zusammentreffens  werden  durch  die  sehr  verschieden  starke 
Durchseuchung  der  einzelnen  Gegenden  mit  Tuberkulose  weitgehend  beein¬ 
flusst.  Ausserdem  wäre  aus  ihnen  höchstens  eine  grössere  Anfälligkeit 
Tuberkulöser  für  den  ätiologisch  noch  Ungeklärten  Lupus  erythematodes 
zu  entnehmen.  Ein  äusserst  feines  Mittel  zür  Entscheidung  der  Frage  ist. 
bei  sinngemässer  Anwendung  das  Tuberkulin.  Die  verschiedenen  Möglich¬ 
keiten  seiner  Anwendung  ilt  der  Dertdatol'd^ie  ühd  die  Berechtigung  tief 
aus  den  gewonnenen  Ergebnissen  iu  ziehenden  Schlüsse  werden  kurz  be1- 
sprechen.  Unter  25  Fällen  von  Lupüs  erythematodes  reagierten  4  Fälle 
völlig  negativ  sowohl  auf  kutane  wie  auf  intramuskuläre  TüberkulinzuLihr 
bis  zu  15,  ja  sogar  40  mg.  Sie  sind  also  mit  aliergrösster  Bzw.  grössef 
Wahrscheinlichkeit  überhaupt  als  tuberkulosefrei  anzusehen,  ebenst)  vielleicht 
ein  5.,  allerdings  mir  intramuskulär  geprüfter  FäD.  Bei  det  sehr  stärken 
Durchseuchung  Unterfrankens  mit  TüBerKulöse  ist  dies  besonders  bcnierltenS'. 
wert.  Der  Ausfall  vefgleichendej-  Tuberkülinpriifuugeti  im.GeSundcfi  lind 
im  Kranken  ist  wechselnd  und  kaum  von  ausschlaggebender  Bedeutung, 
ebenso  ist  die  stets  negative  Herdraktion  auf  intramuskuläre  Tüberkulinzdfuhr 

selbst  in  Gaben  bis  zu  15  mg  —  kein  sicherer  Beweis  gegen  die  tuber¬ 
kulöse  Aetiologie.  Dagegen  trat  in  10  Fällen,  in  denen  eine  Stelle  sowohl 
des  Lupus  erythematodes-Herdes  als  auch  der  gesunden  Haut  mit  tuberküün 
örtlich  vorhehandelt  war  (Intrakutanimpfung,  Mo.ro,  P  i  r  q  u  e  t),  auf  spätere, 
z.  T.  wiederholte  intramuskuläre  Tüberkulinzufuhr  stets  eine  positive  Re¬ 
aktion  an  diesen  T uberkulinstcHeti»  iiie  aber  ärri  übrigen  Lupus  erytherrjä- 
todes-Herd  auf.  Dies  spricht  doch  w'öhi  sehr,  gegen  eine  tuberkulöse  Aetid: 
logie  des  Lu'pUs  erytheniatodes  in  diesen  Fällen.  Unter  ihnen  befindet  sicii 
auch  eine  von  2  Kranken,  bei  denen  sicii  neben  dem  Lupus  erytheniatodes 
an  einer  anderen  Hautsteile  ein  Lupus  vulgaris  fand,  der  in  Uebere'h- 
stimmung  mit  den  Impfstellen  im  Gesunden  und  im  Lupus  erythematod .  - 
Herd  und  im  Gegensatz  zum  übrigen  Lupus  erytherriatodes-Herd  wiederholt 
auf  Tuberkulin  eine  positive  Reaktion  zeigte.  Auch  Serienimpfungen  ms 
dem  Lupus  erythematodes-Herd  fielet!  bei  Meerschweinchen  negativ  aus. 
Aus  den  Untersuchungen  ergibt  sich,  dass  Lupus  erytherriatöde^  .auch,  fei 
als  tuberkuloseirei  änzusehenden  Kranken  äuftrit.t,  das.s  eine  gieighzeit  Lj 
anderweitige  T  uberkuiöse,  selbst  eine  solche  der  Haut,  keineswegs  Schlij  ;c 
auf  die  tuberkulöse  Aetiologie  des  Lupus  erythematodes  gestattet  und  d  iss 
bei  Fällen  von  Lupus  erythematodes  mit  positiver  Herdreaktion  auf  intra¬ 
muskuläre  TüberkuÜngaben  die  Möglichkeit  eines  Lupus  Vulgaris  erythem.:  • 
toides  bzw.  einer  Kombination  von  Lupus  vulgaris  mit  Lupus  erythematö  i  ; 
durch  histologische  Untersuchung  eines  möglichst  grössen  und  tief  exzidier..n 
Gewebsstückes  und  durch  das  Tierexperiment  auszuschliessen  ist 

Aussprache:  Herr  Zieler. 

Herr  Flury:  Ueber  den  Vitamingehalt  einiger  Speisepilze.  (Nach 
Versuchen  von  Saburo  H  a  r  a.) 

Zur  ersten  Orientierung  über  den  bisher  nicht  üntersuchten  Vitamin* 
ge.halt  von  Speisepilzen  wurden  Fütterungsversuche  mit  qualitativ  unzu¬ 
reichender  Ernährung  an  Mäusen,  Ratten,  Meerschweinchen  und  Tauben 
angestellt.  Da  dieselben  im  Winter  und  Frühling  äusgeführt  wurden,  kohnteri 
nur  lufttrockene  und  durch  Hitze  konservierte  Pilze  geprüft  werden.  Die 
Fortsetzung  der  Versuche  an  frischem  Material  unter  Berücksichtigung  der 
quantitativen  Verhältnisse  ist  jedoch  in  Angriff  genommen.  Soweit  sich  bis 
jetzt  feststellen  lässt,  ist  der  Steinpilz  (Boletus  edulis)  reich  an  Wachstums¬ 
vitamin  („B-Vitamin“).  Die  Wirkung  von  Steinpilzzulagen  bei  B-Vitamin- 
freier  Ernährung  auf  das  Allgemeinbefinden  und  das  Körpergewicht  ist  gariz 
analog  der  Wirkung  bester  Heiepräparate.  Auch  der  Champignon  (Psaliota 
arvensis)  enthält  Wachstumsvitamin,  der  Gehalt  ist  aber  etwas  geringer 
als  beim  Steinpilz.  An  dritter  Stelle  steht  der  Eierschwamm  (Cantharellus 
cibanus).  In  weitem  Abstand  folgen  dann  der  Hallimasch  (Agaricus  melleus). 
der  Semmelstoppelpilz  (Hydnum  repandum)  und  die  Totentrompete  (Cra- 
terellus  cornucopioides),  deren  Wirkung  in  den  Fütterungsversuchen  ent¬ 
weder  gering  oder  überhaupt  negativ  war.  Trotzdem  darf  angenommen 
werden,  dass  alle  Pilze  „B-Vitamin“,  nur  in  sehr  wechselnden  Mengen, 
enthalten.  Dies  wird  auch  daraus  geschlossen,  dass  die  Lebensdauer  der 
vitaminarm  oder  vitaminfrei  ernährten  Versuchstiere  bei  gleichzeitiger  Pilz- 
fiitterung  in  allen  Fällen  verlängert  wurde.  Bei  Tauben  verhindert  die  früh¬ 
zeitige  Zulage  von  Pilzen  (Steinpilz,  aber  auch  Hallimasch  und  Semmel¬ 
stoppelpilz)  das  Auftreten  von  neuritischen  Erscheinungen.  Bereits  einge¬ 
tretene  Beriberi  wurde  durch  Steinpilz  und  Hallimasch  deutlich  gebessert. 

Es  Iiess  sich  also  eine  Schutz-  und  Heilwirkung  gegen  die  Neuritis  fest¬ 
stellen.  Mäuse  die  frei  von  B-  und  C-Vitamin  ernährt  wurden,  gingen  nach 
20  25  Tagen  zugrunde.  In  allen  Fällen,  wo  Pilzzulagen  gegeben  wurden, 

konnte  eine  Verlängerung  der  Lebensdauer  festgestellt  werden.  Diese  be¬ 
trug  z.  B.  bei  gleichzeitiger  Steinpilzzugabe  übeir  40  Tage.  Auch  bei 
Tauben  wirken  die  Pilze  lebensverlängernd.  Selbst  ein  ungeniessbarer  Baum- 
schwamm  (Polyporus  versicolor)  iiess  eine  Wirkung  auf  Allgemeinzustand 
Lebensdauer.  Körpergewicht  und  Wachstum  erkennen.  Ob  in  den  Speise¬ 
pilzen  „A-Vitamin“  (bzw.  antirachitische  Stoffe)  enthalten  sind,  ist  noch 
unsicher. 


1(100 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. _ 


Nr.  30. 


■Getrocknete  Pilze  enthalten  kein  C-Vitamin,  was  bei  der  le'chten  Zer¬ 
setzlichkeit  dieses  Stoffes  nicht  auffällig  ist.  Alle  Schutz-  und  Hedv  er¬ 
suche  an  skorbutkranken  Meerschweinchen  verliefen  durchaus  negativ. 
Ratten  erwiesen  sich  hier  als  unbrauchbare  Versuchstiere,  ««  ‘«ben  monate- 
lang  bei  C-vitaminfreier  Kost  und  nehmen  an  Gewicht  zu.  Bei  Beurteilung 
der  biologischen  Wertigkeit,  insbesondere  des  Nährwertes  von  Speisepilzen, 
muss  nach  den  vorliegenden  Ergebnissen  der  Gehalt  an  Vitamin  berücksichtigt 
werden.  Die  Pilze  enthalten  sicherlich  Stoffe,  die  hei  den  wechselnden 
Erscheinungen  der  Avitaminose  infolge  qualitativ  unzureichender  Kost  dieser 
Erkrankung  entgegenwirken,  indem  sie  Wachstum  und  Gewichtszunahme 
fördern  und  dadurch  den  Stoffwechsel  und  das  Allgemeinbefinden  günstig 
beeinflussen.  Die  bevorzugte  Stellung  des  Steinpilzes  und  der  Champignons 
unter  den  übrigen  Speisepilzen  findet  durch  die  mitgetcilten  experimentellen 
Untersuchungen  eine  wissenschaftliche  Bestätigung  und  Begründung. 

Aussprache:  Herr  Ackermann,  Herr  v.  Frey. 


Würzburger  Aerzteabend. 

(Offizielles  Protokoll.) 


Sitzung  des  ärztlichen  Bezirksvereins  Würzburg  am 
5.  Juni  1923  im  Luitpoldkrankenhaus. 


Mastdarm,  durch  Probeexzision  von  der  Haut  um  den  Anus  sowie  spater 

auch  vom  Darm  sichergestellt.  Rektum  hoch  hinauf  rm  e  frei 

27  XII.  22.  Links  Laparotomie,  Aszites.  Uebrige  D  a  r  rn ie  1 Ir :e li, 
nur  die  abführe'ndc  Schlinge  des  S-Romanutn  zeigt  plattenformige 
Verdickungen  mit  Knötchen  und  einzelne  Tuberkel.  Es  wird  unter  Durch- 
trennung  der  Schlinge  ein  Anus  artiiicialis  angelegt,  so  dass  zufuhrend 
gesunder  abführend  kranker  Darm  ist.  Mehrfach  lokale  Eingriffe  In  der 
Anabartie.  Ausserdem  Spülung.  Tuberkulin.  Röntgenbestrahlung 

Fortdauernde  Besserung  nach  Ausschaltung  des  Rektums,  doch  nen 

k L  "U’l soUeU eK Tuberkulose  des  unteren  Darmendes  in  der  hier  beschrlebenen 
Weise  ist  äusserst  selten.  Gant  empfiehlt  als  Acusserstes  die  Kolostomie. 
K  legt  Gewicht  auf  die  vorübergehende  völlige  Ausschaltung. 

Der  Kranke  hat  im  Verlauf  eine  sehr  starke  allergische  Reaktion  gezeigt 
im  Anschluss  an  Röntgenbestrahlung.  Fieber,  akuter  -  aber  vorübergehen. 
‘d"!r_  Verfall:  Erguss  in.  Kniegelenk,  von  dem  Tierimpfungen  negativ  ver- 
liefen.  Ausserdem  Conjunctivitis  phlyctaenularis.  Episode  von  -  Monaten 
Seitdem  guter  Verlauf  örtlich  und  allgemein. 


Herr  König:  Progredienter  schwerer  Basedow. 

21  jähriger,  hochaufgeschossener  Mann  mit  Turmschädel.  Struma  leicnt 
vergrössert.  Herzerscheinungen.  Med.  Klinik  rät  zur  Operation.  ... 

19  V  23.  Operation.  Lokalanästhesie,  wenig  Adrenalin.  Alle  4  Ar¬ 
terien  unterbunden,  weiche,  bis  zuletzt  stark  blutende  SUuma  Resektion  bis 
auf  beiderseits  Reste  am  oberen  Pol.  Guter  Erfolg.  Mikroskopie  (Pathol. 
Institut  Prof.  Leupold:  Basedowstruma).  .  .  .  .  „ 

Gegenüberstellung  der  Operation  und  Röntgentherapie,  welch  letztere 
auch  Todesfälle  hat.  Eingehen  auf  mikroskopischen  Befund,  der  uns  fast 
immer  die  typischen  Befunde  ergeben  hat.  . 

Herr  Hagemann:  Vorstellung  einer  Pfählungsvenletzung  bei  einem 
11  jältr.  Mädchen,  welches  6  Stunden  nach  der  Verletzung  zur  Operation  kam. 

Vor  der  Vulva  lag  ein  grosser  Dünndarmkonvolut.  Die  Darmschlmgen 
waren  tiefblau  gefärbt.  Die  Blase  stand  gefüllt  bis  zum  Nabel.  Nach  Ent- 
lerung  des  vollkommen  klaren  Urins  keine  peritonealen  Reizerscheinungen. 
Bei  genauer  Besichtigung,  bei  vorherigem  Abwaschen  der  Darmschlmgen 
mit  1  prom.  Rivanoilösung,  fand  sich  die  hintere  Scheidenwand  in  ganzer 
Länge  aufgerissen,  die  Excavatio  recto  uterina  eröffnet.  Reposi  der 
torquiert  gewesenen  Dünndarmschlingen.  Der  Sphinkter  am  und  die  Musku¬ 
latur*  des  Rektums  waren  an  der  Vorderseite  des  Rektums  aufMdw 
Schleimhaut  durchtrennt.  Schleimhaut  unverletzt.  Naht  des  Sphinkter,  Naht 
der  hinteren  Scheidenwand.  Einlegen  einer  Drainage  zwischen  Scheide  um 
Rektum.  Wundverlauf  ohne  wesentliche  Störung.  Die  in  den  ersten  lagen 
noch  vorhandene  Sphinkterinsuffizienz  war  nach  10  Tagen  behoben. 

2.  Demonstration  eines  radikal  entfernten  Gallengangskarzinoms. 

Die  Diagnose  bei  dem  58  jährigen  Kranken  bot  gewisse  Schwierigkeiten. 
Ohne  besondere  Beschwerden  war  allmählich  ein  Icterus  gravis  aufgetreten. 

Es  bestand  völliger  Verschluss.  Leber  geschwollen,  Gallenblase  nicht  fühl¬ 
bar  Die  Wahrscheinlichkeitsdiagnose  (Tumor)  wurde  durch  einen  deutlich 
positiven  Ausfall  der  Wassermann  sehen  Reaktion  etwas  in  Frage  ge¬ 
stellt.  Lues  war  aber  weder  klinisch  noch  anamnestisch  nachweisbar.  In  der 
Erwägung,  dass  es  bei  Lues  hepatis  oft  nicht  zu  einer  völligen  Befindung 
des  Gallenabschlusses  kommt  und  unter  Berücksichtigung  des  schlechten 
Allgemeinbefindens  wurde  die  Laparotomie  ausgeführt.  D^ese  ergab  einen 
kirschkerngrossen  Tumor  an  dem  Zusammenschluss  der  3  Gallengange.  Re¬ 
sektion  der  Gallengänge  mit  Gallenblase.  Ueberbrückung  des  Defektes 
zwischen  Stumpf  des  Hepatikus  und  Choledochus  durch  ein  F-Rohr. 

Fistellose  Heilung  nach  7  Wochen.  Ikterus  geschwunden.  Stuhl  normal 
gefärbt.  Die  mikroskopische  Untersuchung  ergab  Adenokarzinom. 

Nachträglich  wurde  durch  einen  früher  behandelnden  Arzt  bekannt,  dass 
der  Kranke  an  Lues  gelitten  hat. 

Herr  König:  Choledochoduodenostomie.  . 

39  jähriger  Mann.  Icterus  gravis' seit  10  Wochen.  Schwache  Gewichts¬ 
abnahme.  Lebervergrösserung.  Resistenz  in  der  Mittellinie.  Urin  Gallen- 
farbstoffc,  im  Stuhl  mikroskopisch  reichlich  Fett.  Von  der  med.  Klinik  zui 

Iperatio  ^  Operation.  Stauungsleber.  Gallenblase  hochgradig  erweitert, 
verlegt’  den  Weg.  grosse  Mengen  wasscrklaren  Inhalts  durch  Punktion  ent¬ 
leert  Faustgrosser,  harter,  höckeriger  Tumor  der  Papillagegend,  retro- 
duodenal  entwickelt,  festsitzend.  Choledochus  sehr  erweitert,  enthalt  leicht 
gelblichen  Inhalt.  Duodeno-choledochostomie:  Bauchnaht. 

22.  V.  Ikterus  im  Nachlassen. 

25.  V.  Galliger  Stuhl.  Weiterhin  ohne  Ikterus  entlassen. 

K  spricht  über  die  Entfärbung  der  Galle,  die  weisse  Galle,  welche 
er  in  einem  anderen  Falle  von  chronischer  Kompression  des  Duktus  voll¬ 
endet  sah  Aufhören  der  Leberfunktion,  Schleimsekretion  in  den  Gallenwegen. 

30  jähr  Frau,  seit  1  Jahr  5  mal  heftige  Schmerzanfälle,  die  vom  Ehe¬ 
mann  (Arzt)  auf  Gallensteine  bezogen  wurden.  Letzter  Anfall  vor  wenigen 
Tagen  mit  heftigsten  Schmerzen.  Kräftige,  junge  Frau  mit  ikterischer  Haut¬ 
färbung.  Kein  Fieber.  Leber  vergrössert,  Druckschmerz  mehr  in  der 

Mittellinie.  Sofort  ......  .  .  .  ,.  ,  . 

20  V  Operation.  Galliger  Aszites.  Gallenblase  gefüllt,  nicht  verdickt 

ohne  Steine.  Ligament.  Hepatoduodcnale  sulzig,  wie  die  ganze  Oc-gend 
saftreieh.  Durch  die  Duodenalwand  fühlt  man  im  Pankreaskopf  eine  Harte 
durch  die  in  der  Papillengegend  liegt.  Uebriger  Pankreas  freigelegt,  nicht 
verändert.  Am  grossen  und  kleinen  Netz  Fettgewebsnekroscn.  Choledochus 
nach  Mobilisierung  des  Duodenum  inzidiert,  dicke,  klare  Galle.  Durch  Son¬ 
dierung  wird  der  Weg  ins  Duodenum  freigemacht.  In  der  Annahme  einer 
Pankreatitis  wird  Choledochoduodenostomie  angelegt.  Drain,  sonst  Naht. 
Verlauf  gut.  Nach  3  Tagen  Drain  entfernt.  Stuhl  gefärbt. 

I.  VI.  Kranke  steht  auf.  Entlassen.  ^  ,  ,  . 

K.  spricht  über  die  modernen  Anschauungen  der  Pankreaserkrankung 
unter  Anführung  eigener  Fälle,  sowie  über  die  Indikationen  zur  Choledocho¬ 
duodenostomie  als  Ersatz  der  Hepatikusdrainage. 

Herr  König:  16  jähr.  Junge  mit  isolierter  Tuberkulose  des  Anus,  Rektum 

und  der  untersten  Partie  der  Flexur.  .  YII 

Auswärts  wegen  Hämorrhoiden  operiert.  Beim  Eintritt  am  13.  All.  -z 
schwere  ulzeröse,  schmerzhafteste  Tuberkulose  um  den  Anus  sowie  im 


Verein  der  Aerzte  in  Steiermark. 


Sitzung  vom  1.  Juni  1923. 


Herr  Weeber:  Demonstrationen.  „  .  ,  ..  , 

Herr  Erlacher  hält  einen  Vortrag  über:  Gabelliand  bei  kongenitale 
Lues.  Ein  Beitrag  zur  Entstehung  der  Madelung  sehen  Deformität. 

An  2  Säuglingen  im  Alter  von  l'A  und  2  Monaten  fanden  sich  neben  alle 
Zeichen  der  kongenitalen  Lues  das  eine  Mal  an  beiden  Händen,  im  zweite 
Fall  nur  an  einer  Hand,  sowohl  der  äusseren  Form  nach,  wie  im  Röntgen 
befand  und  auch  am  gehärteten  Präparat  a il  1  e  von  Me  c  hier  als i  sicher 
objektive  Kriterien  für  den  Symptomenkomplex  der  Madelungschen  Defornu 
tat  aufgestellten  Bedingungen.  Als  Ursache  wird  die  nachgewiesene  schwer 
Osteochondritis  besonders  stark  lokalisiert  knapp  proximal  der  Epiphysen  uii 
des  Radius  angenommen:  bei  der  eigenartigen  Handhaltung  der  Säugling 
und  der  besonderen  anatomischen  Verhältnisse  am  Handgelenk  kommt  i 
schon  unter  dem  normalen  Muskeltonus  zum  Einbrechen  der  Diaphyse  knap 
ober  der  Wachstumslinie.  Diese  Fälle,  die  bisher  noch  nicht  bekannt  sin, 
werden  nach  dem  Springer  sehen  Vorschlag,  dessen  Bezeichnung  E.  n 
klarer  und  besser  hält,  der  „Gabelhand“  als  bei  kongenitaler  Lues  vo 
kommend  zugezählt.  Am  Schlüsse  wird  die  Entstehung  einer  De formUat  i 
Sinne  einer  Gabclhand  auf  zweierlei  Weise  abgeleitet,  1.  als  aktive  Wach 
tumsstörung,  2  passiv  durch  ein  Missverhältnis  zwischen  Knochenfestigkc 
und  auf  sie  einwirkendc  Kräfte.  Dazu  gehören  auch  die  eingangs  erwahntt 
Fälle 

in  der  W  e  c  h  s  e  1  r  e  d  e  schliesst  sich  H.  S  t  r  e  i  s  s  1  e  r  im  wesen 
liehen  der  Ansicht  des  Vortragenden  an  und  demonstriert  eine  Reihe  vt 
Bildern  besonders  die  von  ihm  vorgeschlagene  bogenförmige  Osteotomie  z 
Beseitigung  der  Deformität.  Herr  Wittek  sieht  die  Hauptursache  der  D 
formität  bei  Erwachsenen  in  der  Wachtstumsstörung  und  hat  eine  Z-furim: 
Osteotomie  des  Radius  angewendet. 


Sitzung  vom  15.  Juni  1923. 

Herr  Cafasso:  Demonstration.  „  „  .  .  , 

In  der  Aussprache  zum  Tuberkulosevortrag  des  Herrn  Beitzl 
spricht  Herr  Hamburger  besonders  gegen  die  Theorie  H  a  y  e  k  s  a 
Grund  reicher  eigener  Erfahrungen  und  betont  die  Wichtigkeit  und  den  W 
der  lokalen  Reaktion  auf  Tuberkulin;  Herr  Leeb  hofft  auf  eine  exakte-e  I 
dikationsstellung  für  unser  therapeutisches  Handeln.  Ferner:  Flerr 
Kutschera  und  B  e  i  t  z  k  e. 


Gesellschaft  der  Aerzte  in  Wien. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  1.  Juni  1923. 

Herr  J.  Pichler  demonstriert  zwei  Männer,  bei  denen  Unterkfef 

Plastiken  ausgeführt  wurden.  . 

Der  erste  Kranke  wurde  vor  einiger  Zeit  wegen  eines  Unterlipp. 
karzinoms  operiert,  dann  bildete  sich  ein  Tumor  der  submaxillaren  Drus 
Der  zweite  Kranke  wurde  wegen  eines  Schwundes  des  Knochens  operu 
welcher  im  Anschluss  an  eine  Schwellung  auftrat,  die  nicht  mit  einer  I 
krankung  der  Zähne  in  Zusammenhang  stand..  In  beiden  Fällen  wurde  , 
Verhinderung  der  Dislokation  nach  der  Resektion  ein  Knochenspan  eingehi 
Als  Muskelbrüeke  diente  der  M.  digastricus.  .  _ 

Herr  F.  S  t  e  i  n  d  1  demonstriert  einen  Fall  mit  Riesenwuchs  des  ü 
mens  und  Zeigefingers  der  linken  Hand. 

Herr  .1.  Lustig  berichtet  über  einen  Fall  von  operativ  gehen 
Darmokklusion  bei  einem  4  Monate  alten  Kinde.  ,  T 

Das  Kind  war  immer  obstipiert,  hatte  um  die  Mitte  des  Januars  3  I 
keinen  Stuhl,  erbrach  grüne  Massen,  Melaena,  Verfall. 

In  der  rechten  Unterbauchgegend  war  ein  wurstfornnger  I  umor 
tasten;  man  nahm  eine  Invagination  an,  was  die  Operation  bestätigte, 
sache  der  Invagination  ein  papillomatöser  Tumor  (Angiom  mit  plexiforn 
Bau).  Nach  der  Resektion  Vereinigung  des  Darmes  End-zu-End.  Das  H| 

hat  seither  .um  6  kg  zugenommen.  ,  .  . 

Herr  W.  Knöpf  elmacher  demonstriert  einen  Säugling  mit  n 

abszess. 

Bei  dem  Kinde  mit  hydrozephalischem  Schädel  fand  der  Vortr.  ei 
Hirnabszess.  Bei  der  Ventrikelpunktion,  die  K.  immer  °/i  cm  von  der  Me 
linie  entfernt  voriiimmt,  links  eine  zellfreie  Flüssigkeit,  rechts  Eiter,  vc 
war  im  Zweifel,  ob  es  sich  um  einen  Pyocephalus  circumscnptus  oder  e 
Abszess  handle.  Die  Enzephalographie,  die  nach  Entleerung  von  20 
Eiter  und  Einblasung  von  20  ccm  Luft  durch  die  Punktionsnadel  vorgenom 
wurde  ergab,  dass  der  rechte  Seitcnventrikel  zu  Boden  gedruckt  und  : 
lieh  verlagert  worden  war,  dass  also  ein  Hirnabszess  vorlag.  Die  Un- 
suchung  des  Eiters  ergab  Staphylokokken  und  Sarzine.  Jeden  zweiten  I 
wird  der  Abszess  mit  Kochsalzlösung  gespült. 

Herr  .1.  Paluoyay  demonstriert  an  Röntgenbildern  die  Bewegui« 
der  Ingesta  in  der  Speiseröhre. 


Juli  192.1. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCH!!  WOCHENSCHRIFT. 


1001 


5.  Bayerischer  Aerztetag. 

(Eigner  Bericht.) 

Am  21.  und  22.  Juli  1923  fand  in  Nürnberg  der  5.  bayerische  Aerzte- 
i  statt,  auf  dessen  Tagesordnung  eine  Reihe  für  die  Aerzteschaft  lebens- 
chtiger  Fragen  standen.  Mit  einer  Begrüssung  der  Anwesenden  eröffnete 
r  1.  Vorsitzende  Stauder  am  21.  nachmittags  'A 3  Uhr  die  Tagung, 
arme  Worte  der  Begrüssung  widmete  er  dem  Vertreter  der  bayerischen 
aatsregierung,  Herrn  Geheimrat  Prof.  Dr.  D  i  e  u  d  o  n  n  ö,  und  wies  auf 
s  bereitwillige  Entgegenkommen  der  Staatsregierung  in  allen  die  Aerzte 
treffenden  Fragen  hin,  besonders  bei  der  Behandlung  des  Gesetzentwurfes 
r  die  ärztliche  Pensionsversicherung.  Als  Ehrengäste  waren  weiterhin 
schienen  der  Vertreter  der  Kreisregierung  von  Mittelfranken,  Herr  Ober¬ 
gierungsrat  Dr.  K  ü  h  n,  als  Vertreter  des  Aerztevereinsbundes  Geheimrat 
.  Herza  u,  des  Hartmannbundes  Dr.  Kuhns,  von  den  württembergisehen 
■rzten  Dr.  Dörfler-  Biberach  und  aus  Baden  Herr  Dr.  Kahen- 
annheim. 

Der  Vorsitzende  gedachte  weiterhin  der  Not  des  Vaterlandes,  vor  allem 
ch  unserer  Volksgenossen  an  Rhein  und  Ruhr  und  in  der  Pfalz,  deren 
it  auch  die  unsere  sei,  und  deren  mannhaftes  Aushalten  unsere  volle 
lerkennung  und  unseren  heissesten  Dank  finde.  Die  Verkehrsschwie-ig- 
iten  und  die  Grenzsperre  hatten  den  pfälzischen  Kollegen  den  Besuch  der 
■rsammlung  unmöglich  gemacht.  Zur  Erfüllung  einer  Ehrenpflicht  den 
älzer  Kollegen  gegenüber  fand  nachfolgender  Antrag  des  Landesausschusses 
istimmige  Annahme: 

„Die  Landesärztekammer  beschliesst,  bei  den  kassenärztlichen  Ein¬ 
kommen  des  Monats  Juli  1  Proz.  von  allen  rechtsrheinischen  Mitgliedern 
in  Abzug  zu  bringen  zum  Zwecke  der  Bildung  eines  wertbeständig  anzu¬ 
legenden  Reservefonds  für  hilfsbedürftige,  aus  ihrer  Heimat  vertriebene 
oder  in  ihr  durch  die  Besetzung  in  besondere  Not  geratene  Pfälzer  Aerzte 
und  deren  Familien. 

Der  Aerztetag  fordert  alle  rechtsrheinischen  Kollegen  auf,  in  gleicher 
.  Weise  1  Proz.  ihres  Einkommens  aus  der  Privatpraxis  vom  Monat  Juli 

■  zur  Verfügung  zu  stellen.  Alle  ärztlichen  Bezirksvereine  bzw.  deren 
Kassenverrechnungsstellen  führen  diese  Summe  raschestens  an  das  Landes- 

i  Sekretariat  ab.  Dieses  legt  die  Werte  an.  Das  'Landessekretariat 
:  erstattet  Rechnung  am  nächsten  Aerztetage.  Das  angesammelte  Geld  kann 
auch  für  vertriebene  Ruhrkollegen  verwendet  werden.“ 

In  anerkennenden  und  dankenden  Worten  gedachte  der  Vorsitzende  auch 
Is  unvergesslichen  Hart  mann  und  ermahnte  die  Kollegen,  in  seinem 
:  ne  einig  weiter  zu  arbeiten. 

Herr  Geheimrat  Dieudonnd  versicherte  die  Versammlung  des  be- 
aderen  Wohlwollens  der  bayerischen  Staatsregierung  und  wies  noch  einmal 
f  die  Notlage  der  Aerzteschaft  hin,  eine  Not,  deren  ganze  Grösse  in 
:iten  Kreisen  noch  nicht  genügend  bekannt  sei.  Ein  energischer  Kampf 
Igen  die  Kurpfuscher  und  die  Impfgegner  sei  für  die  Aerzte  eine  Notwendig- 
|it.  Er  gedachte  noch  des  verdienstvollen  Wirkens  des  Vorsitzenden  der 
lyerischen  Aerzte,  Herrn  San. -Rat  Dr.  Stauder,  dessen  energischem  und 
■lbewusstem  Vorgehen  die  ärztliche  Pensionsversicherung  zu  danken  sei. 

Herr  Oberregierungsrat  Dr.  Kühn  begrüsste  die  Versammlung  im 
men  der  Kreisi  egierung  von  Mittelfranken,  Herr  H  e  r  z  a  u  als  Vertreter 
s  Aerztevereinsbundes.  Herr  Dörfler  brachte  Grüsse  der  württem- 
irgischen  Aerzteschaft  und  wünschte  ein  engeres  Einvernehmen  der  süd- 
mtschen  Staaten.  Herr  Kahen  sprach  im  Namen  der  badischen  Aerzte 
d  mahnte  ebenfalls  zu  einheitlichem  Vorgehen,  vor  allem  im  Kampfe  mit 
in  Krankenkassen. 

Dann  wurde  in  die  Tagesordnung  eingetreten. 

1.  Jahresbericht. 

ln  gedrängter  Kürze  gab  der  Landessekretär,  Herr  B  e  r  n  e  t  t,  einen 
berblick  über  die  vielseitige  Tätigkeit  des  Landesausschusses,  in  deren 
rdergrund  die  ärztliche  Pensionsversicherung  stand.  Auch  dem  weiteren 
sbau  der  Organisation  musste  stete  Aufmerksamkeit  gewidmet  werden, 
r  Zeit  bestehen  in  Bayern  78  Bezirksvereine  mit  86  Krankenkasson- 
teilungen  und  34  Verrechnungsstellen.  Die  Verhandlungen  mit  den  Krankcn- 
ssen  litten  vielfach  unter  dem  mangelnden  Entgegenkommen  der  Kassen- 
rtreter,  die  im  allgemeinen  kein  Verständnis  dafür  aufbringen  konnten, 
iss  auch  die  ärztlichen  Gebühren  entsprechend  der  Geldentwertung  erhöht 
rden  müssen.  Während  die  Vereinbarung  mit  den  Landesversichcrungs- 

■  stalten  auf  grosse  Schwierigkeiten  stiess  und  nur  zu  einem  unbefriedigen- 
i  Sonderabkommen  führen  konnte,  gelang  es  mit  den  landwirtschaftlichen 
rufsgenossenschaften  ein  befriedigendes  Abkommen  zu  erreichen.  Die 
gelung  der  Berechnung  in  der  Privatpraxis  (Friedenspreis  mal  Index) 
t  sich  im  allgemeinen  bewährt,  doch  muss  die  Indexveröffentlichung  von 
n  an  wöchentlich  erfolgen.  Einen  kleinen  Begriff  von  der  im  Landes¬ 
sschuss  geleisteten  Arbeit  mag  die  Zahl  von  37  000  Nummern  im  Ein- 
d  Auslaufjournal  geben. 

2.  Kassenbericht. 

Herr  Bernett:  Aus  dem  Vorjahre  übernommen  wurden  276  000  M.. 

■  Einnahmen  gingen  ein  T8  365  961  M.,  nach  Abzug  der  Ausgaben  verblieben 
ich  7  789  000  M.  Auf  Antrag  wurde  Entlastung  erteilt.  Im  Anschluss  an 
in  Bericht  wies  Herr  Bernett  auf  die  grossen  Schwierigkeiten  hin, 
Gehe  dem  Landesausschuss  durch  das  verspätete  Eintreffen  der  Beträge 

den  Landesausschuss  durch  verschiedene  Verrechnungsstellen  erwachsen, 
n  diesen  Missständen  zu  steuern,  brachte  er  verschiedene  Anträge  betr. 
Zahlungsart  ein. 

Weiterhin  brachte  der  Referent  noch  eine  Erhöhung  der  Umlage  für  den 
idesausschuss  von  A  auf  1  Proz.  in  Vorschlag. 

Im  Anschluss  daran  bittet  Herr  San.G2at  Dr.  Merkel  als  Vertreter 
s  Invalidenvereines  diesen  Verein  in  engere  Beziehung  zur  Landesärzte- 
|mmer  zu  bringen  und  unterstützt  einen  Antrag  Standers,  im  ganzen 
die  Landesorganisation  lA  Proz.  zum  Abzug  zu  bringen,  wovon  /  Proz. 

: m  Invalidenverein  zufliessen  soll.  Diesem  soll  als  neuer  Vereinszweck 
di  die  Uebernahme  der  Prämien  für  die  Pensionsversicherung  für  unver- 
•  luldet  in  Not  geratene  Aerzte  erwachsen. 

Herr  Prof.  Spuler  betrachtet  die  Annahme  dieser  Anträge  als  eine 
renpflicht  der  durch  die  Pensionsversicherung  gesicherten  Aerzte  gegen¬ 


über  denjenigen,  welche  dieser  Wohltat  nicht  mehr  teilhaftig  werden  können 
und  gegenüber  den  Witwen  und  Waisen 

Die  Anträge  werden  einstimmig  angenommen  und  als  Vertreter  des 
Landesausschusses  in  den  Invalidenverein  Herr  Dr.  Bernett  abgeordnet. 

Zur  Begründung  des  Antrages  der  oberpfälzischen  Aerztekammcr: 

„Der  Landesausschuss  wolle  dahin  wirken,  dass  in  sämtlichen  Kreisen 
Bayerns  auch  von  dem  Einkommen  der  Bahnkassenärzte  dieselben  Abzüge 
gemacht  werden  für  die  Organisation,  wie  von  dem  übrigen  Kasse  i- 
einkommen“ 

führt  Geh. -Rat  Köhler  aus,  dass  diese  Abzüge  eigentlich  eine  Selbstver¬ 
ständlichkeit  seien.  Die  Bahnärzte  sollten  elirenwörtlich  verpflichtet  werden, 
diese  Beträge  genau  anzugeben. 

Herr  St  ein  heim  er  lehnt  eine  ehrenwörtliche  Verpflichtung  ab  und 
schlägt  vor,  bei  Bahnärzten,  welche  keine  Angaben  machen,  das  Einkommen 
einfach  abzuschätzen. 

Der  Antrag  der  oberpfälzischen  Kammer  wird  auf  Antrag  Stauders 
dann  noch  abgeändert  in  „Bahn-  und  Postkassenärzte“  und  einstimmig 
angenommen. 

3.  Pensionsversicherung. 

Stürmisch  begrüsst  stellt  Stauder  nochmals  die  historische  Ent¬ 
wicklung  der  ganzen  Frage  dar  und  erwähnt  die  mannigfachen  Schwierig¬ 
keiten  und  Hemmungen,  welche  sich  der  Durchführung  des  Planes  entgegen¬ 
stellten.  Besonderen  Dank  sprach  er  den  im  Landtag  tätigen  Kollegen 
Prof.  S  p  u  1  e  r  -  Erlangen  und  Dr.  Friedrich  B  a  u  e  r  -  München  aus.  Er 
würdigte  auch  die  Schwierigkeiten,  besonders  juristischer  Art,  welche  für 
die  Staatsregierung  bei  der  Behandlung  der  Anträge  bestanden  und  die 
vielfach  den  nach  einer  raschen  Erledigung  der  Angelegenheit  drängenden 
Kollegen  nicht  bekannt  waren.  Nach  langem  und  wechselvollem  Hin  und 
Her,  in  dem  manchmal  der  ganze  Plan  in  Frage  stand,  kam  es  endlich  in 
einer  13  ständigen  Sitzung  im  Ministerium  des  Innern  am  24.  Juni  1923  zur 
Beratung  der  Gesetzesvorlage  und  des  Satzungsentwurfes,  die  von  Herrn 
Ministerialrat  P  f  ü  1  f  auf  Grund  der  Vorentwürfe  von  Herrn  Präsident 
v.  E  n  g  1  e  r  t  und  der  Kommission  fertiggestellt  waren. 

Am  17.  Juli  erfolgte  die  Annahme  des  von  Herrn  Grafen  Pestalozza 
vertretenen  Gesetzentwurfes  im  Haushaltungsausschuss.  Da  die  Annahme 
einstimmig  erfolgte,  ist  an  der  endgültigen  Annahme  im  Plenum  des  Land¬ 
tages  nicht  mehr  zu  zweifeln. 

An  Hand  des  vorliegenden  Gesetzentwurfes  besprach  und  erläuterte 
Referent  die  einzelnen  Paragraphen.  Eine  besondere  Gewähr  für  den  Be¬ 
stand  der  Einrichtung  erblickte  er  in  der  Einrichtung  einer  mit  Rechtspersön¬ 
lichkeit  ausgestatteten  Anstalt  des  öffentlichen  Rechtes,  die  unabhängig  von 
Regierung  und  unabhängig  von  der  Standesorganisation  auch  unabhängig  von 
Schwankungen  und  Veränderungen  sei.  Die  Durchführung  mit  Staatshilfe  sei 
unbedingt  notwendig  gewesen,  um  der  Anstalt  Dauer  zu  verleihen,  sonst 
bliebe  sie  nur  eine  in  ihrem  Bestand  unsichere  Versorgungskasse  oder  müsste 
auf  dem  Kapitaldeckungsverfahren  aufgebaut  sein.  Der  Gesetzentwurf  ist 
nur  der  allgemeine  Rahmen,  alle  Einzelheiten  stehen  in  den  Satzungen.  Es 
sei  der  Staatsregierung  zu  danken,  dass  sie  die  Notlage  des  ärztlichen 
Standes  nicht  dazu  ausgenützt  habe,  Rechte  der  Aerzteschaft  bei  der  Durch¬ 
führung  des  Gesetzes  zu  beschneiden.  Das  Gesetz  (siehe  Aerztl.  Korres¬ 
pondenzblatt  Nr.  29)  umfasst  10  Artikel,  der  Satzungsentwurf  umfasst 
32  Paragraphen.  Alle  früher  geäusserten  Wünsche  der  Aerztekammer  sind 
in  ihnen  erfüllt.  Es  ist  hervorzuheben,  dass  eine  Zwangsmitgliedschaft  vor¬ 
gesehen  ist  für  alle  approbierten  Aerzte,  Zahnärzte  und  Tierärzte,  die 
deutsche  Reichsangehörige,  in  Bayern  beruflich  tätig,  nicht  dauernd  berufs¬ 
unfähig  sind  und  ihren  Hauptwohnsitz  in  Bayern  haben.  Ausgenommen  vom 
Zwangsbeitritt  sind  diejenigen,  welche  bei  Errichtung  der  Anstalt  das 
60.  Lebensjahr  überschritten  haben,  oder  erst  nach  Vollendung  ihres  40.  Jahres 
die  Praxis  in  Bayern  aufnehmen  oder  die  nach  erlangter  Approbation  noch 
nicht  2  Jahre  in  Bayern  beruflich  tätig  sind.  Ferner  diejenigen,  welche  nur 
einen  Teil  des  Jahres  oder  nur  vorübergehend  in  Bayern  Praxis  ausüben  und 
die,  welche  ihren  Beruf  nicht  gegen  Entgelt  ausüben,  ausserdem  verheiratete 
Aerztinnen.  Um  Härten  bei  der  Errichtung  der  Anstalt  zu  mildern,  wurde 
ergänzend  der  Begriff  der  „Berechtigung  zur  Mitgliedschaft“  geschaffen,  für 
diejenigen,  welche  das  60.  Lebensjahr  vollendet  haben,  und  diejenigen, 
welche  nach  Vollendung  des  40.  Lebensjahres  noch  aus  dem  besetzten  Gebiet 
zuziehen.  Freiwilliges  Mitglied  kann  nach  diesem  §  3  auch  noch  werden 
ein  Arzt,  der  noch  nicht  länger  als  2  Jahre  in  Bayern  tätig  ist  und  solche, 
welche  den  Beruf  nicht  gegen  Entgelt  ausüben.  Voraussetzung  ist  auch  hier 
wieder,  dass  das  40.  Lebensjahr  noch  nicht  überschritten  ist.  Assistenzärzte 
können  also  freiwillig  beitreten,  beamtete  Aerzte  sind  Zwangsmitglieder  und 
entrichten  Beitrag  aus  dem  Praxisein'kommen.  Die  Mitgliedschaft  erlischt  für 
Zwangsmitglieder  mit  dem  Verlust  der  Approbation  oder  der  deutschen 
Reichsangehörigkeit,  mit  Eintritt  dauernder  Berufsunfähigkeit  während  der 
Wartezeit,  mit  der  Aufgabe  des  Berufes,  mit  Verlegung  des  Wohnsitzes 
ausserhalb  Bayerns,  ferner  im  Falle  des  Ausschlusses  und  bei  Aerztinnen  mit 
der  Verheiratung.  Freiwillige  Mitglieder  können  durch  Austrittserklärung 
ausscheiden.  Ein  Ausschluss  kann  nur  aus  schwerwiegenden  Gründen  durch 
Entscheidung  des  Spruchausschusses  erfolgen.  Während  der  Wartezeit 
berufsunfähig  werdende  Mitglieder  und  Frauen,  die  sich  verheiraten,  ferner 
Nichtzwangsmitglieder,  die  austreten,  erhalten  die  Hälfte  der  geleisteten  Bei¬ 
träge  zurück.  Der  Verwaltungsausschuss  der  Anstalt  besteht  aus  5  Mit¬ 
gliedern  (3  Aerzten,  1  Zahn-  und  1  Tierarzt),  ihm  obliegt  im  Ehrenamt  und 
in  Zusammenarbeit  mit  der  Versicherungskammer  die  gesamte  Verwaltung, 
die  Auslagen  trägt  der  Staat.  Die  Mitglieder  haben  die  Pflicht,  die  nötigen 
Angaben  zu  machen  und  Ausweise  vorzulegen,  d.  h.  die  Summe  anzugeben, 
woraus  ihr  Beitrag  sich  errechnet.  Ergeben  sich  berechtigte  Zweifel  über 
die  Richtigkeit  der  Angaben,  so  kann  die  Anstalt  die  Beiträge  erhöhen.  Sie 
kann  auch  rückständige  Beiträge  mit  Nachnahme  einheben  oder  sie  auf  dem 
Vollstreckungswege  wie  andere  Staatssteuern  einheben.  Für  die  ersten 
5  Jahre  der  Berufsausübung  kann  die  Hälfte  der  Beiträge  gestundet  werden. 

Die  Beitragssumme  soll  also  aus  einem  Betrag  errechnet  werden,  der 
dem  wahren  Berufseinkommen  entspricht.  Als  Mindesteinkommen  ist  aber 
das  jeweilige  niedrigste  pensionsfähige  Diensteinkommen  (Grundgehalt  und 
Ortszuschlag)  mit  dem  allgemeinen  Teuerungszuschlag  eines  bayerischen 
etatsmässigen  Staatsbeamten  der  Besoldungsgruppe  A  I  gedacht.  (Dieser 
Gehalt  betrug  im  Juni  ca.  750  000  M„  so  dass  bei  der  jetzt  vorgesehenen 
7  proz.  Umlage  ein  Monatsbeitrag  von  52  000  M.  sich  errechnet  hätte,  was 
einem  künftigen  Ruhegehalt  von  250  000  M.  im  Monat  entspräche,  wozu  dann 


1002 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  .10. 


die  Zuschläge  nach  Zahl  der  Beitragsjahre  und  nach  der  Hohe  der  geleisteten 
Beiträge  kämen.  Im  Juli  betrug  dieses  Einkommen  1  257  000  M..  was  einem 
Beitrag  von  89  000  M.  entspricht  und. einem  künftigen  Grundruhegehalt  von 
452  930  M  )  Bei  Beitritt  innerhalb  der  ersten  3  Monate  nach  Errichtung  der 
Anstalt  beträgt  die  Umlage  7  Proz.,  erhöht  sich  jedoch  bei  spaterem  Beitritt 
um  soviel  Zwanzigstel  als  Jahre  über  30  gezählt  werden. 

Der  Mindestgrundruhegehalt  bleibt  natürlich  hinter  der  tatsächlichen 
Teuerung  zurück,  wenigstens  im  Anfänge,  und  wird  daher  wohl  nur  von 
solchen  Kollegen  in  Anspruch  genommen  werden,  Welche  wirklich  vo 
berufsunfähig  sind.  Er  entspricht  nach  dem  jetzigen  Entwurf  dein  jeweiligu 
niedrigsten  Ruhegehalt  eines  Staatsbeamten  in  Besoldungsklassc  A  I  mit  den 
Teuerungszuschlägen  und  erhöht  sich  für  jedes  minderjährige  eheliche  Kmü 
um  ein  Fünftel.  Als  Zuschlag  tritt  dann  dazu  V wo  der  Gesamtsumme,  aus 
der  Beiträge  bezahlt  worden  sind,  eine  Summe,  die  sich  von  Jahr  zujanr 
erhöht  und  vom  Einkommen  bzw.  den  darüber  gemachten  Angaben  abhängig 
ist  Als  Altersrente  erhält  ein  noch  nicht  dauernd  berufsunfähiges 
Mitglied  nach  Vollendung  des  65.  Lebensjahres  den  halben  Zuschlag,  wenn 
der  Beruf  weiter  ausgeübt  wird. 

Die  Wartezeit  beträgt  5  Jahre.  Mitgliedern,  welche  innerhalb  der  ersten 
3  Monate  nach  Gründung  der  Anstalt  beitreten,  kann  die  Wartezeit  bis  zu 
24  Monaten  angerechnet  werden,  wenn  sie  sich  verpflichten,  für  jeden  Monat, 
der  angerechnet  werden  soll,  eine  Sonderzahlung  zu  leisten.  Diese  Summe 
beträgt  für  Mitglieder,  welche  noch  nicht  länger  als  5  Jahre  berutucn  tat  g 
sind,  den  zwanzigsten,  bei  den  anderen  den  zehnten  Teil  des  pensionsfahigen 
Einkommens  eines  Beamten  der  Klasse  A  I.  (Diese  Sonderzahlung  betragt 
also  zurzeit  ca.  3  000  000.) 

An  weiteren  Leistungen  der  Anstalt  wird  ein  S  t  e  r  b  e  g  e  1  d  beza  i  t, 
das  3  Monaten  Ruhegehalt  entspricht  (zurzeit  ca  1  320  000).  Das  W  i  t  w  e  n  - 
geld  beträgt  die  Hälfte  des  Ruhegehaltes,  das  Waisengeld  /«.  tur 
Doppelwaisen  %  des  Ruhegehaltes.  Witwen  erhalten  die  Rente  nur,  wenn 

die  Ehe  bis  zum  Tode  des  Mitgliedes  angedauert  hat  auch  erlischt  s  e  bei 

Wiederverheiratung,  bei  Kindern  mit  Eintritt  der  Volljährigkeit.  Wird  eine 
Ehe  erst  nach  Eintritt  der  Berufsunfähigkeit  geschlossen,  so  besteht  für  die 
Angehörigen  kein  Anspruch  auf  Rente.  Sind  keine  näheren  Verwandten 
vorhanden,  kann  das  halbe  Witwengeld  an  die  Eltern  ausbezahlt  werden,  deren 
einziger  Ernährer  der  Verstorbene  war,  oder  anderen  bedürftigen  nahen  Ver¬ 
wandten,  die  ihm  mindestens  3  Jahre  den  Haushalt  führten.  Ausnahmswei 
kann  im  Bedürftigkeitsfall  ein  Ruhegehalt  auch  vor  Ablauf  der  Wartezeit  ge¬ 
währt  werden. 


Der  Referent  schloss  seine  mit  starkem  Beifall  aufgenommenen  Aus¬ 
führungen  mit  einem  Aufruf  zur  Mitarbeit.  Er  wies  auch  darauf  hin,  dass  die 
Satzungen  sicher  noch  nicht  ganz  ideal  seien  und  einen  ersten  Versuch  dar¬ 
stellten.  Sie  könnten  aber  jederzeit  geändert  und  den  Bedürfnissen  angepasst 
werden. 


Die  kurze  sich  anschliessende  Aussprache  war  eine  begeisterte  Kund¬ 
gebung  für  unseren  grossen  Führer  Alfons  Stauder.  ln  ehrenden  und ^er¬ 
greifenden  Worten  des  Dankes  und  der  Anerkennung  gedachte  Geheimrat 
D  ö  r  f  1  e  r  -  Weissenburg  der  energischen,  zielbewussten  und  von  hohem 
Idealismus  getragenen  Arbeit  S  t  a  u  d  e  r  s,  dessen  Name  in  der  Geschichte 
der  bayerischen  und  deutschen  Aerzteschaft  mit  seinem  Werke  unvergessen 
bleiben  werde.  Herr  B  u  1 1  e  r  s  -  Nürnberg  brachte  den  Dank  der  Nürnberger 
Aerzte  und  übermittelte  den  Betrag  von  vorerst  8  Millionen,  der  unter  den 
Nürnberger  Aerzten  gesammelt  wurde,  als  Grundstock  für  eine 
Stauder-  Stiftung“,  die  als  Ergänzung  zum  Pensionswerk  gedacht  sei. 
Stauder  dankte  in  bewegten  Worten  und  erklärte,  er  habe  nur  einem  Ge¬ 
danken  Ausdruck  verliehen,  der  aus  der  Not  der  Zeit  geboren  war,  und  auch 
manchen  anderen  als  notwendig  vorschwebte.  Dass  er  ihn  durchfuhren 
konnte  sei  der  Mitwirkung  zahlreicher  arbeitsfreudiger  Männer  zu  Ranken, 
unter  denen  er  vor  allen  auch  noch  Herrn  Präsidenten  v.  Englert  hervor¬ 
hob  Kerschensteiner  -  München  beantragte,  keine  ins  einzelne 
gehende  Diskussion  stattfinden  zu  lassen,  das  ganze  Werk  en  bloc  zu  ge¬ 
nehmigen  und  auch  die  von  Nürnberg  ausgegangene  Alfons  St  a  u  de  r  -  Sstit- 
tung  zu  erweitern  und  in  feste  Form  zu  bringen.  Die  Bezirksvereine  sollen 
zu  den  Einzelheiten  der  Satzungen  Stellung  nehmen.  Ihre  Verbesserungs- 
Vorschläge  sollen  dann  verarbeitet  und  verwendet  werden.  Als  nächster 
Mitarbeiter  hob  er  nochmals  die  Verdienste  Stauders  mit  warmen  Wor¬ 
ten  hervor.  Ein  gleiches  tat  Prof.  Spuler.  Er  wies  nochmals  auf  die 
verdienstliche  Tätigkeit  des  Landtages  hm,  der  den  Aeztestand  in  seinem  Be¬ 
stand  sichern  wollte,  als  wertvollstes  Glied  der  Volksgesundheits P D e g e . 
Jetzt  sei  den  Aerzten  auch  im  Kampfe  mit  den  Kassen  der  Rucken  gestärkt. 
Der  Vorgang  Bayerns  müsse  für  das  ganze  Reich  vorbildlich  sein.  S  t  a  u  - 
d  e  r  dankte  nochmals  für  die  ihm  zuteil  gewordene  Anerkennung  und  hob 
auch  seinerseits  die  Tätigkeit  des  Landtages  noch  einmal  hervor  und  ge¬ 
dachte  der  Arbeit  der  itn  Landtag  tätigen  Kollegen  Prof.  Spuler  und 
Dr.  Bauer.  Auf  seinen  Antrag  wurde  folgende  Entschliessung  einstimmig 


Kleine  Mitteilungen. 


Elektrischer  Strom  und  Hautausschlajj. 


angenommen: 

Die  zur  Tagung  1923  versammelte  bayerische  Landesärztekammer 
dankt*  dem  hohen  Landtag  und  dem  Staatsministerium  des  Innern  für  das 
Zustandekommen  des  Gesetzes  über  die  bayerische  Acrzteversorgung  und 
die  Dotation  von  1  Milliarde  Mark  sowie  für  die  Uebernahme  der  Ver¬ 
waltungskosten.  Sie  spricht  allen  Beratern,  insbesondere  Herrn  Mini¬ 
sterialrat  P  f  ü  1  f,  Herrn  Geheimrat  Dr.  D  1  e  u  d  o  n  n  e,  Herrn  Präsiden¬ 
ten  v  Englert  und  Herrn  Oberregierungsrat  N  u  s  s  e  r.  dem  Herrn 
Staaisminister  Dr.  Schweyer  und  all  den  treuen  Helfern,  die  uns  bei 
der  Durchführung  dieses  Werkes  und  auch  bei  der  Ausarbeitung  des 
Satzungsentwurfes  jederzeit  zur  Seite  standen,  den  herzlichsten  Dank  aus. 

Die  Landesärztekammer  billigt  den  Inhalt  der  Satzung,  sowie  die 
Bestellung  der  bisherigen  Versicherungskommission  zu  Mitgliedern  des 
Verwaltungsausschusses  und  beauftragt  den  Verwaltungsausschuss,  nach 
endgültiger  Festlegung  der  Satzung  dieser  zuzustimmen. 

Die  Satzung  ist  baldmöglichst  itn  Wortlaut  zu  veröffentlichen.  Den 
einzelnen  Bezirksvereinen  bleibt  das  Recht  der  Antragstellung  auf  Aende- 
rung  der  ersten  Satzung  gewahrt.  Der  Landesausschuss  und  seine  Ver- 
sicherungskommission  erhält  den  Auftrag,  diese  Anträge  zu  sichten  und 
bei  etwaiger  Umgestaltung  der  Satzung  zu  verwerten. 


Ani  14  April  wurde  ich  zu  einem  6  Wochen  alten  Kinde  gerufen,  das 
bisher  immer  gesund,  plötzlich  an  einem  Hautausschlage  erkrankt' war. 

Das  Krankheitsbild  war  das  eines  schweren  sog.  seborrhoischen  Ekzems, 
am  stärksten  da,  wo  die  Haut  besonders  wasserreich  beim  Kinde  ist.  also  wo 
Schweissdrüsen  gehäuft  stehen  und  wo  die  nasse  Windel  dein  Körper  anliegt 
Auf  der  Suche  nach  einer  Krankheitsursache  musste  ich  zunächst  fest¬ 
stellen  dass  das  gesund  geborene  und  normal  entwickelte  Kind  reines  Brust¬ 
kind  war,  bestens  gepflegt.  Mit  hautkranken  Personen  soll  es  bestimmt  nicht 
in  Berührung  gekommen  sein.  Nun  aber  machte  ich  eine  Beobachtung,  du 
es  mir  der  Mühe  wert  erscheinen  lässt,  den  Fall  mitzuteilen. 

Der  Vater  des  Kindes  ist  Elektrotechniker.  Er  hatte  sein  Kind  vom  1  age 
der  Geburt  an  fürsorglich  in  der  Wiege  auf  ein  elektrisches  Heizkissen  ge¬ 
bettet,  von  ihm  getrennt  durch  eine  dicke  Gummiunterlage.  Dieses  Heiz¬ 
kissen  trat  als  Wärmespender  nur  in  Funktion,  wenn  das  Kind  nicht  in  der 
Wiege  lag.  also  beim  Stillen,  Baden  etc.  Es  wurde  aber  immer,  wenn  das 
Kind  in  die  Wiege  gelegt  wurde,  zuverlässig  ausgeschaltet,  d.  h.  der  Schalter¬ 
hebel  wurde  auf  0  gestellt.  Stromart  Wechselstrom.  . 

Als  ich  das  in  der  Wiege  liegende  Kind  untersuchte,  hatte  der  die  äussere 
Haut  betastende  Finger  ein  Gefühl,  als  ob  er  etwa  auf  einem  Seidenstoff 
gegen  den  Strich  fuhr.  Ich  deutete  das  als  elektrische  Aufladung  und  konnte 
auch  objektiv  messend  feststellen,  dass  es  sich  um  solche  handelte 

Aus  verschiedenen  Versuchen  ergab  sich  dann  mit  Sicherheit,  das.  ei 
einem  Heizkissen,  welches  an  ein  Wechselstromnetz  angeschlossen  und  nui 
einpolig  ausgeschaltet  ist,  elektrische  Einwirkungen  auf  einen  Körper  statt- 
finden  können,  selbst  dann,  wenn  derselbe  durch  eine  isolierende  Zwischen¬ 
schicht  von  dem  Kissen  getrennt  ist.  ,  .  , 

Ein  elektrischer  Kondensator  besteht  bekanntlich  aus  2  leitenden  Flä 
chen,  zwischen  denen  sich  eine  isolierende  Schicht  befindet;  z.  B.  als  typ  du 
Leidener  Flasche:  2  Stanniolbeläge,  dazwischen  Glasschicht.  Wird  dei 
eine  Belag  eines  solchen  Kondensators  einpolig  mit  einer  Wechselstrom, 

quelle  verbunden,  so  treten  auf  dem  anderen  Belag  wechselnde  Ladungen 
ein  d.  h.  es  pulsiert  ein  Wechselstrom  in  ihm,  obwohl  keine  direkte  leitend. 
Verbindung  mit  der  Stromquelle  vorhanden  ist.  Derartige  Ströme  heisset 

Verschiebungsströme.  .  .  , 

Die  vorher  erwähnte  Anordnung  in  der  Kinderwiege  bildete  einen  solcliei 
Kondensator.  Den  einen  Belag  des  Kondensators  bildeten  die  Metallteile  de 
Heizkissens,  den  anderen  der  leitende  Körper  des  Kindes.  Ueberzug  de 

Heizkissens  T-  Gummiunterlage  =  isolierende  Zwischenschicht.  . 

Obwohl  sich  das  Kind  in  einem  auf  einem  Holzgestell  plaziertei 
Weidenkorb  befand,  also  cinigermassen  isoliert  war,  sind  solche  Verschie 
bungsströme  nicht  ausgeschlossen.  Dieselben  müssen  in  verstärktem  Maass. 
auftreten  wenn  eine  auf  der  Erde  stehende  Person  (geerdeter  Leiter)  mi 
dem  Kinde  in  Berührung  kommt.  Nach  diesen  Auseinandersetzungen  wm 

man  es  verstehen,  dass  sich  schwere  und  unnatürliche  elektrische  Ein 

Wirkungen  auf  den  Körper  des  Kindes  geltend  machen  konnten.  Da  die  Daue 
6  volle  Wochen  betrug,  so  kann  man  sich  vorstellen,  dass  dadurch  ein  patlu; 
logischer  Effekt  eintreten  konnte. 

Wir  wollen  zusammenfassen: 

Ein  bisher  immer  gesundes,  6  Wochen  altes  Kind  erkrankt  plötz 
lieh  an  einem  schweren  sog.  seborrhoischen  Ekzem. 

Das  Kind  liegt  mit  kurzen  Unterbrechungen  seit  seiner  tieburt  ai 
einem  einpolig  ausgeschalteten  Heizkissen. 

Unter  diesen  Umständen  sind  bei  einem  solchen  Heizkissen  wecl 
selnde  elektrische  Aufladungen  physikalisch  leicht  verständlich. 

Das  Kind  steht  während  der  ganzen  Zeit  unter  Wechselstron 
Wirkung. 

Frage:  Steht  die  Hauterkrankung  in  einem  ursächlichen  Zusammenhalt 
mit  der  elektrischen  Dauereinwirkung?  . 

(Man  könnte  sich  etwa  vorstellen,  dass  es  sich  hierbei  entweder  U 
eine  primäre  elektrische  Reizung  der  betreffenden  Gewebsteile  handelte,  od. 
um  elektrochemische  Zersetzungen,  die  sekundär  diese  Reizung  hervorrut. 
konnten  In  letzterem  Falle  wäre  es  verständlich,  dass  gerade  stark  durc 
nässte  oder  an  sich  flüssigkeitsreiche  Teile  besonders  empfindlich  reagiere 
selbst  dann,  wenn  sie  der  Influenzierung  durch  die  andere  Belegung  des  Ko 
densators  nicht  in  bevorzugtem  Maasse  unterlagen,  wie  z.  B.  der  auf  d. 
Gummiunterlage  unmittelbar  aufliegende  kindliche  Rücken,  der  aber  von  de 
Ekzem  am  relativ  wenigsten  befallen  ist.) 

Therapeutisch  wird  es  sich  auf  alle  Fälle  empfehlen,  derartu 
Heizkissen,  unbekümmert  um  die  Stromart,  zweipolig  auszuschalten,  dadurc 
dass  man  den  Verbindungsstecker  jedesmal  herauszieht  und  sich  nicht  a 
den  Ausschalter  allein  verlässt.  Dann  ist  man,  gleichgültig  welche  Stroma 
vorliegt  und  welche  elektrische  Anordnung  stattfand,  ganz  sicher,  die  hier  a 
möglich  geschilderte  Influenzwirkung  während  der  Dauer  der  Nichtbeheizui 

zu  vermeiden.  ,  .  „T  ,  ,  .  ,  ,  ■  , 

Es  ist  einer  Ueberlegung  wert,  wie  auch  beim  Wechselstrom-beheizt 
Kissen  während  seiner  Heizfunktion  diese  Influenzwirkung  unschädlich  g 
macht  werden  könnte.  Dr.  med.  Franz  L  y  o  n  -  Freiburg  i.  Br 


(Schluss  folgt.) 


Eine  einfache  und  brauchbare  Strumpfbandbefestigung, 

Lange  Strümpfe  müssen  entweder  mit  den  gewöhnlichen,  zirkulär  untej 
halb  der  Knie  anzulegenden  Strumpfbändern  oder  durch  lange  Strumpfbänd.j 
welche  irgendwo  an  oder  unter  der  Taille  befestigt  sind,  gehalten  werdt 
Ersteres  Verfahren  schafft  durch  Erschwerung  des  Blutrückflusses  Krami 
adern,  ist  daher  unhygienisch;  das  letztere  ist  bei  Männern  nicht  so  einfa 
wie  bei  Frauen  und  Kindern  mittels  Mieder  oder  Leibchen  zu  bewerkstellig. 
Ein  eigener  Gürtel  wird  lästig  empfunden  und  kostet  heutzutage  auch  zu  vi, 
Der  Hosenbund  lässt  sich  auch  nicht  verwenden,  weil  das  Strumpfband  i< 
dann  nach  innen  und  unten  zieht.  Seit  Jahren  benutze  ich  folgendes  einfac 
von  mir  erdachte  Verfahren:  Von  den  Hosenknöpfchen.  an  welchen  die  nost 
träger  befestigt  werden,  ersetze  ich  die  beiden  in  der  Gegend  der  seitlichi 
Nähte  angebrachten  durch  Patentknöpfe.  Derselbe  Knopf  steckt  nun  aus? 
im  Hosenträger  und  innen  im  Metallbügel  des  Strumpfbandes.  Zug  und  Geg. 
zug  heben  sich  auf;  die  Hose  „sitzt“.  Wenn  man  will,  kann  man  die  Schle 
des  Hosenträgers  etwas  verkürzen,  um  einen  noch  strammeren  Sitz  zu 
reichen.  Da  sich  die  Sache  mir  bewährt  hat,  möchte  ich  sie  doch  c 
Kollegen  für  Zwecke  der  Praxis  bekanntgeben.  _  .  Df-  N 


>7.  Juli  1 923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1003 


Therapeutische  Notizen. 

Zur  Yatrenbehandlung. 

Den  in  letzter  Zeit  von  verschiedenen  Seiten  gemachten  Mitteilungen 
her  günstige  Einwirkung  des  Yatrens  auf  die  Amöbenruhr  sei  noch  ein  Fall 
inzugefügt,  bei  dein  eine  chronische  Kolitis  und  Sigmoiditis  auf  Grund  einer 
Iteu  Ruhr  durch  Yatreneinläufe  zur  Heilung  gebracht  wurde,  nachdem  sie 
iilier  allen  anderen  Behandlungsmethoden  getrotzt  hatte. 

L.,  35  jähr.  Seemann.  1913  auf  Java  an  Amöbenruhr  erkrankt.  Seitdem 
auernd  Durchfälle,  wenigstens  6  mal  täglich.  Verschiedene  Kuren  mit  allen 
ekannten  Mitteln  ohne  Erfolg.  ^  Einlieferung  am  5.  IV.  1923.  Schmerzen  vom 
nken  Hypogastrium  bis  zum  Epigastrium  hinaufziehend.  Sigmoid  als  grober 
trang  fühlbar;  bei  Palpation  lautes  Gurren.  Dünnbreiige  Stuhlentleerungen 
mal  täglich.  Amöben  nicht  nachgewiesen.  Rektoskopie;  Schwere 
iphtherische  Schleimhauterkrankung  von  der  Kohlrauschfalte  aufwärts, 
usser  der  auch  vorher  schon  eingehaltenen  Diät  besteht  die  Behandlung  aus- 
chliesslicb  in  Einläufen  von  3,3  g  Yatren  puriss.  in  200  ccm  Wasser  (10  g- 
'ackung  in  600  ccm  Wasser  aufgelöst  für  3  Einläufe)  nach  vorherigem 
einigungseinlauf;  zunächst  eine  Woche  lang  täglich,  dann  an  3  aufeinander- 
ilgendcn  Tagen  mit  4 — 7  tägigen  Zwischenräumen.  Rückgang  der  Durch- 
ille  auf  1 — 2  malige  breiige  Entleerungen  und  Schwinden  der  Beschwerden 
chon  am  3.  Behandlungstage.  Zu  Beginn  der  zweiten  Yatrenperiode  2  tägiger 
'eizzustand  mit  vermehrten  Durchfällen,  dann  rasches  Abklingen  aller  Er¬ 
lernungen.  Stuhl  geformt,  1 — 2  mal  täglich.  Sigmoid  nicht  mehr  palpabel. 
öllige  und  dauernde  Beschwerdefreiheit.  iNach  7  Wochen  mit  6  kg  Qewichts- 
unahme  entlasse" 

L.  ist  einer  unserer  dankbarsten  Kranken.  Bemerkenswert  ist,  dass  der 
chöne  Erfolg  mit  geringerer  Konzentration  als  der  von  M  ü  h  1  e  n  s  an- 
egebenen  (2 — 5  Proz.)  erreicht  wurde.  Für  den  Fall  eines  Rezidives  sind 
ein  Kranken,  der  wieder  zur  See  geht,  Vorschriften  für  selbstzumachende 
inläufe  mitgegeben. 

Auch  die  günstige  Wirkung  intravenöser  Injektionen  von  5  proz.  Yatren- 
isung  (durchschnittlich  5  ccm)  bei  chronischen  Bronchitiden,  Bronchiektasien 
nd  ähnlichen  Erkrankungen  (S  c  h  i  r  o  k  a  u  c  r)  wird  durch  unsere  Er- 
ihrungen  bestätigt.  Etwa  die  Hälfte  der  von  uns  behandelten  Fälle  dieser 
rt,  besonders  Altersbronchitiden,  wurden  ausgesprochen  günstig  beeinflusst, 
or  allem  schwand  oft  rasch  der  fötide  Charakter  des  Auswurfes. 

Hierbei  möchte  ich  der  Ansicht  entgegentreten,  dass  das  reine  Yatren 
ine  nennenswerte  Reizwirkung  im  Sinne  der  Eiweisskörper  habe 
Zimmer  u.  a.),  vielmehr  wurden  die  Injektionen  stets  völlig  reaktionslos 
ertragen,  so  dass  wir  sie  auch  bei  einigen  immunisatorisch  gut  eingestellten 
allen  von  Lungentuberkulose  zur  Besserung  des  Katarrhes  mit  gutem  Erfolge 
ngewendet  haben.  Nur  2  stark  allergische  Kranke  antworteten  unter 
ichtem  Fieberanstieg  mit  einer  Allgemeinreaktion.  Doch  ist  ja  in  solchen 
allen  jede  parenterale  Medikation  mit  grösster  Vorsicht  anzuwenden. 

Bei  der  Rumpf  sehen  Behandlung  des  Asthma  bronchiale  (R  u  m  p  f  - 
:he  Ströme  nach  oraler  Jodkaligabe)  schienen  uns  Yatreninjektionen,  die  wir 
er  Jodwirkung  wegen  verwendeten,  von  wenigstens  gleicher  Wirksamkeit 
ie  das  teurere  Jodkali. 

Zum  Staphylo-Yatren  ist  (ausser  einigen  günstig  beeinflussten  Akne- 
rkrankungen)  ein  Fall  von  paranephritischem  Abszess  bemerkenswert.  Hier 
urde  die  wegen  Unsicherheit  der  Symptome  nur  vermutungsweise  gestellte 
iagnose  gesichert  24  Stunden  nach  einer  Injektion  von  2,5  ccm  Staphylo- 
atren  II,  da  es  zu  einer  überraschend  schnellen  Einsehmelzung  mit  deut- 
cher  Fluktuation  gekommen  war.  Der  operativ  entleerte  Eiter  enthielt 
taphylococcus  aureus. 

Aus  der  inneren  Abteilung  des  Vereinskrankenhauses  zu  Bremen 

»irektor:  Prof.  Dr.  S  t  r  u  b  e). 

Dr.  Rudolf  Gildemeister,  Assistenzarzt. 


Vorzüge.  Die  Geschmacklosigkeit  des  Präparates  ist  ein  nicht  zu  unter¬ 
schätzender  psychischer  Faktor;  denn  die  Kranken  bemerkten  fast  nie,  dass 
es  sich  um  ein  Kampferpräparat  handelte.  Sehr  häufig  wird  die  Kampferspritze 
im  Laienkreis  neben  dem  Abscheu  gegen  den  Einstich  als  ultimum  refugium 
angesehen.  Ausserdem  kommt  für  den  prakt.  Arzt  bei  täglich  mehrmaligen 
Injektionen  die  Schwierigkeit  hinzu,  dass  eine  geübte  Hilfe  vorhanden  sein 
muss  ganz  abgesehen  von  dem  heute  sehr  teuren  Material  —  während  das 
Lamphochol  von  den  Kranken  allein  ohne  jede  Schwierigkeit  eingenommen 
werden  kann.  Natürlich  muss  für  akute  Kollapszustände  die  Kampferspritze 
ihren  berechtigten  Platz  behalten.  Vor  den  Kampferpulvern  hat  Camphochol 
den  Vorzug  des  mangelnden  Kampfergeruohes  und  der  besseren  Verträglichkeit 
fiu  den  Magen.  Betont  soll  noch  werden,  dass  unsere  recht  schweren  Pneu¬ 
monien  nur  mit  Camphochol  ohne  andere  Herzmittel  behandelt  wurden. 

Mit  dem  Camphochol  ist  der  Arzneischatz  um  ein  gutes,  brauchbares 
orales  Kampferpräparat  vermehrt. 

n  (Auider  innerfn  Abteilung  des  Elisabeth-Diakonissen-  und  Krankenhauses 
Berlin.  Dir.  Arzt:  Prof.  Dr.  Burg  h  a  r  t.)  Dr.  Erich  Haeusermann. 


Assistenten-  und  Studentenbelange. 

Verein  Studentenhaus  München. 

Der  Verein  Studentenhaus  wurde  durch  die  fortschreitenden  Preis¬ 
steigerungen  für  Lebensmittel,  Heizmaterial  und  Arbeitslöhne  gezwungen,  den 
Normalpreis  für,  eine  Mahlzeit  von  3000  auf  5000  M.  zu. erhöhen.  Nahezu  die 
Hälfte  der  in  den  Küchen  speisenden  Studierenden,  gegen  1200,  erhalten 
jedoch  die  Mahlzeit  zu  ermässigten  Preisen  von  4000—1000  M„  je  nach  ihrer 
Bedürftigkeit.  Diese  Ermässigungen  erfordern  für  den  Rest  des  Juli  einen 
Zuschuss  von  116  Millionen.  Nur  dank  der  neuen  Papstspende  ist  der 
Verein  Studentenhaus  in  der  Lage,  diesen  ausserordentlichen  Zuschuss 
wenigstens  für  die  nächsten  Monate  zu  gewähren.  Die  fortschreitende 
1  euerung  lässt  den  Verein  mit  allergrösster  Sorge  dem  Wintersemester  ent¬ 
gegensehen,  wenn  nicht  durch  die  jetzt  in  erhöhtem  Maass  einsetzende 
dankenswerte  Hilfe  der  bayerischen  Landwirtschaft  die  notwendigsten  Vor¬ 
räte  an  Mehl,  Eiern,  Kartoffeln  und  Fett  zugeführt  werden  können 

Wie  wir  eben  erfahren,  sah  der  Verein  Studentenhaus  sich  doch  genötigt 
ab  heute,  23.  VII.  1923,  den  Essenspreis  auf  12  000  M.  bis  auf  weiteres  fest¬ 
zusetzen. 

Spendenverwaltung  der  Münchener  Medizinerschaft. 

Während  der  Osterferien  konnten  18  Spenden  ungenannter  Gönner,  von 
insgesamt  195  000  M.  zur  Auszahlung  gelangen.  18  Kollegen  konnten  ihre 
alten  Freitische  wieder  erhalten,  während  6  Kollegen  neue  Mittags-Freitische 
angewiesen  wurden.  Dabei  sind  wir  Herrn  Ostertag  von  der  Rom¬ 
berg  sehen  Klinik  zu  besonderem  Dank  für  die  Vermittlung  dieser  Freitische- 
verpflichtet. 

Herr  Verwieger  L  e  h  m  a  n  n  stiftete  70  Bände  älterer  Ausgaben  von 
I  i  a  u  s  n  i  t  z  Hygiene,  die  an  bedürftige  Kollegen  zur  Ausgabe  gelangten. 
Die  Spende  des  Herrn  Prof.  Lozano  wird  zurzeit  ausgegeben.  Die  Einzel¬ 
spende  besteht  aus  Unterstützungen  in  Höhe  bis  zu  500  000  M."  Tiemer. 

Vergünstigungen  der  Medizinalpraktikanten. 

Gemäss  einem  Beschluss  des  Preussischen  Landtags  vom  20.  IV.  1923 
hat  der  Minister  für  Volkswohlfahrt  dem  Landtag  eine  Abschrift  seines 
Schreibens  vom  28.  V.  1923  an  den  Reichsminister  des  Innern  zugehen  lassen, 
über  Vergünstigungen  der  Medizinalpraktikanten,  um  einen  katastrophalen 
Rückgang  der  Medizinalstudierenden  zu  verhüten.  Die  Vorlage  ist  noch  nicht 
beraten-  '  Wiss.  Ass. 


Terpestrolsalbe  bei  Lupus. 

In  Nr.  16  der  Wochenschrift  veröffentlicht  Dr.  P  1  a  t  z  -  Magdeburg 
nen  Fall  von  Lupus,  den  er  mit  überraschendem  Erfolg  mit  Terpestrolsalbe 
ehandelt  hat.  Dies  veranlasst  mich,  über  meine  Erfolge  mit  Terpestrol 

ei  Lupus  zu  berichten. 

Ich  habe  bisher  fünf  Fälle  von  Lupus  mit  Terpestrolsalbe  behandelt, 
arunter  zwei,  welche  schon  jahrelang  von  Hautspezialisten  und  allen  mög- 
:hen  Methoden,  natürlich  auch  Bestrahlungen,  ergebnislos  behandelt  waren. 
Ile  fünf  Fälle  glatt  geheilt,  auch  zwei  ganz  schwere  mit  ausgedehnten 
eschwüren  wurden  in  ca.  4  Wochen  zur  Abheilung  gebracht.  Die  Heilung 
rfolgte  ohne  Schmerzen,  ohne  Berufsstörung.  Ich  stehe  nicht  an,  die 
erpestrolsalbe  bei  Hautlupus  als  das  souveräne  Heilmittel  zu  betrachten, 
as  ich  jedem  Arzte  dringend  empfehlen  möchte. 

Dr.  Franz  Wagner-  Essen. 

Zur  Camphocholtherapie. 

Auf  der  inneren  Abteilung  des  Elisabeth-Dfakonissen-  und  Krankenhauses 
ihe  ich  während  dreier  Monate  das  von  der  Firma  J.  D  Riedel  hergestellte 
amphochol  an  Kranken  erprobt.  Ueber  die  Zusammensetzung,  Eigen- 
diaften  und  das  Indikationsgebiet  ist  bereits  von  Städler  (Schweiz.  Rund¬ 
bau  1922,  40),  Taschenberg  (D.m.W.  1921  Nr.  50)  berichtet,  so  dass 
»  sich  erübrigt,  nochmals  darauf  einzugehen. 

I  Die  praktischen  Ergebnisse  meiner  Versuche  sind  recht  befriedigend. 
Ilerdings  habe  ich  die  bisher  angegebenen  Dosen  oft  erheblich  überschritten, 
i  der  Dosierung  sind  2  Gruppen  zu  berücksichtigen.  Die  erste  umfasst  leichte 
reislaufstörungen  im  Verlauf  von  anderen  Krankheiten,  ferner  bei  leichter 
ngina  pectoris  und  Asthma  bronchiale.  Hier  reichten  3  mal  täglich  1  Kapsel 
amphochol  gut  aus.  Zur  zweiten  Gruppe  gehören  vornehmlich  Kreislauf- 
örungen  ernsterer  Art  bei  kruppöser  Pneumonie,  Grippepneumonie  und 
ronchopneumonie  herzkranker  oder  vorher  herzgesunder  Personen.  Ein 
maues  Dosierungsschema  aufzustellen  verbietet  natürlich  die  Reaktionsfähig¬ 
st  eines  jeden  Kranken.  Im  allgemeinen  wurden  5  mal  täglich  1  Kapsel  nach 
itn  Essen  oder  mit  etwas  Milch  gegeben.  Näherte  sich  die  Krisis  bei 
ueumonikern  oder  liess  es  der  Zustand  sonst  notwendig  erscheinen,  ging  ich 
anchmal  bis  zu  12  Kapseln  innerhalb  von  24  Stunden;  nachts  verabfolgte  ich 
inn  um  12  und  4  Uhr  je  3  Kapseln.  Von  allen  Kranken  (18 — 69  jähr.,  männl. 
ie  weibl.  Geschlechts)  ist  dies  nicht  nur  ohne  jede  Nebenerscheinung  ver- 
agen,  sondern  hat  guten  Einfluss  auf  die  Herztätigkeit,  Puls  und  Dyspnoe 
-zeigt.  Gegenüber  Kampferpulvern  und  Injektionen  hat  das  Camphochol  viele 


Tagesgeschichtliche  Notizen, 

München,  den  25.  Juli  1923, 

'  Das  Gesetz  über  die  Aerzteversorgung  fand  itn  Haus¬ 
haltsausschuss  des  Landtages  im  wesentlichen  unveränderte  Annahme, 
ebenso  ein  Antrag  der  Koalitionsparteien,  wonach  der  Staat  zur  Einrichtung 
der  V  e  r  so  rgungsanstalt  einen  einmaligen  Beitrag  von 
einer  Milliarde,  die  als  Grundstock  ungeschmälert  zu  erhalten  und 
bei  etwaiger  Auflösung  an  die  Staatskasse  zurückzugeben  ist,  leisten  soll. 
An  der  Annahme  des  Gesetzes  im  Plenum  ist  nicht  zu  zweifeln.  Der 
5.  bayerische  Aerztetag  in  Nürnberg  konnte  daher  mit  dem 
Gesetz  als  einer  gesicherten  Errungenschaft  rechnen.  Er  begrüsste  seinen 
Vorsitzenden  Stauder,  als  er  zur  Erstattung  seines  Referates  über  das 
Gesetz  schritt,  mit  jubelndem  Beifall,  denn  mit  Recht  erblickt  er  in  ihm 
den  Mann,  der  nicht  nur  den  Gedanken  einer  grosszügigen  Aerzteversorgung 
zuerst  gefasst,  sondern  auch  trotz  unerhörter  Schwierigkeiten  durchgeführt 
hat  bis  zu  einem  Punkt,  an  dem  nun  die  praktische  Arbeit  der  Aerzte  selbst 
einsetzen  muss,  um  den  grossen  Plan  zum  Besten  unseres  Standes  zu  ver¬ 
wirklichen.  Ueber  das  ausgezeichnete  Referat  S  t  a  u  d  e  r  s  wird  an  anderer 
Stelle  d.  Nr.  berichtet.  Im  Aerztetag  sowohl,  wie  im  bayerischen  Landtag 
bestand  der  Eindruck,  dass  das  Gesetz  über  die  Aerzteversorgung  einen 
grossen  sozialen  Fortschritt  bedeutet,  der  vorbildlich  zu  werden  verdient 
nicht  nur  für  die  Aerzte  anderer  Länder,  sondern  auch  für  die  Versorgung 
weiterer  freier  Berufe. 

Der  Aerz  fliehe  Be  zirksverein  Nürnberg  hat  in  seiner 
Sitzung  vom  12.  Juli  über  die  Frage  der  Verrechnungsstellen  für 
die  Privatpraxis  beraten  und  folgende  Entschliessung 
angenommen:  „Der  Ae.B.V.  lehnt  die  Einrichtung  einer  privaten  Verrechnungs¬ 
stelle  ab  und  empfiehlt  seinen  Mitgliedern,  den  Beitritt  zu  einer  bestehenden 
Verrechnungsstelle  zu  unterlassen,  bis  weitere  Erfahrungen  vorliegen.  —  Auf  An¬ 
regung  Steinheimers  wurde  ein  Antrag  an  die  Bayer.  Landesärztekammer  ge¬ 
stellt,  der  den  Ausschluss  der  hauptamtlich  angestelltcn  Aerzte  von  Gruppe  XI 
ab  von  der  Kassenpraxis  fordert.  —  Ein  weiterer  Antrag  Steinheimers 
an  die  Landesärztekammer  wünscht  die  Aufnahme  einer  Bestimmung  in  die 
Satzungen  der  kassenärztlichen  Organisationen,  nach  welcher  den  Inhabern 
von  fixierten  Stellen  der  Eintritt  in  die  kassenärztlichen  Organisationen  ver¬ 
weigert  werden  kann,  bzw.  der  Ausschluss  solcher  Mitglieder  verfügt  werden 
kann.  Von  dieser  Bestimmung  soll  bei  Bahnärzten  immer  Gebrauch 
gemacht  werden.  • —  Laut  Antrag  Stauder  werden  1  v.  H.  der  Junieinnahme 
für  die  R  u  h  r  h  i  I  f  e  zur  Verfügung  gestellt.  —  Herr  Dr.  Mainzer  hat 


1004 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  30. 


seine  Ehrenämter  beim  Bezirksverein  zur  Verfügung  gestellt.  Es  wird  ihm  der 
Bank  des  Vereins  für  seine  erspriessliche  Tätigkeit  ausgesprochen. 

_ Durch  Verordnung  des  bayer.  Staatsministeriums  des  Innern  vom 

19  Juli  werden  1  die  Vorschriften  über  die  Abgabe  starkwirkender 
Arzneien  auf  Dicodid  (Dihydrokodeinon)  und  seine  Salze  ausgedehnt.  In 
dem  Verzeichnis  zu  den  Vorschriften  ist  einzufügen:  ..Dicodid  (Dihydro¬ 
kodeinon)  und  seine  Salze  . 0.03  g.“  2.  Die  wiederholte  Abgabe  von 

Arzneien  zum  inneren  (iebruach.  welche  Dicodid  (Dihydrokodeinon)  oder  seine 
Salze  enthalten,  darf  nur  auf  jedesmal  erneute,  schriftliche,  mit  Datum  und 
Unterschrift  versehene  Anweisung  eines  Arztes  oder  Zahnarztes  ertolgen. 

3  Jedoch  ist  die  wiederholte  Abgabe  von  Dicodid  (Dihydrokodeinon)  und 
seinen  Salzen  gestattet,  wenn  es  nicht  in  einfacher  Lösung  oder  einfacher 
Verreibung,  sondern  als  Zusatz  zu  anderen  arzneilichen  Zubereitungen  ver¬ 
schrieben  wird  und  der  Qesamtgehalt  der  Arznei  an  Dicodid  (Dihydro¬ 
kodeinon)  oder  seinen  Salzen  0,03  g  nicht  übersteigt.  Auf  Arzneien,  die  zu 
Einspritzungen  unter  die  Haut  bestimmt  sind,  findet  dies  keine  Anwendung. 

4.  Die  wiederholte  Abgabe  von  Arzneien  in  den  Fällen  des  vorstehenden  Ab¬ 
satzes  3  ist  nicht  gestattet,  wenn  sie  von  dem  Arzte  oder  Zahnarzte  durch 
einen  auf  der  Anweisung  beigesetzten  Vermerk  untersagt  worden  ist. 

—  Die  Regierungen  der  deutschen  Hochschulländer  haben  sich  ent¬ 
schlossen,  die  von  der  Fürst  Leopold-Akademie  in  P  e  *  m°  '  “ 
verliehenen  akademischen  Grade  nicht  anzuerkennen.  Diese  Entschliessung 
ist  darauf  zurückzuführen,  dass  die  neuerrichtete  Hochschule  ihrem  ganzen 
Aufbau  und  Wesen  nach  einer  wissenschaftlichen  Hochschule  nicht  gleicli- 
erachtet  werden  kann.  Ausserdem  entsprechen  die  Zusammensetzung  des 
Lehrkörpers,  der  Lehrplan,  die  Prüfungsordnungen  und  die  Bestimmungen 
über  die  Zulassung  der  Studierenden  nicht  den  Bedingungen,  die  an  den 
deutschen  wissenschaftlichen  Hochschulen  für  die  Erlangung  akademischer 
Grade  eingeführt  sind,  (hk.) 

—  Die  alte  deutsch-baltische  Universität  Dorpat  ist  trotz,  aller  An¬ 
strengungen,  ihr  den  deutschen  Charakter  zu  rauben,  noch  immer  eine  deutsch 
gerichtete  Hochschule.  Die  deutsche  Sprache  ist  noch  immer  die  verbreitetste, 
viele  Vorlesungen  werden  in  deutscher  Sprache  gelesen  und  die  Mehrzahl  der 
Studierenden  bedient  sich  deutscher  Lehrbücher.  Das  ist  ein  für  den  Iran- 
zösischen  Chauvinismus,  der  sich  die  Verdrängung  der  deutschen  Kultur  im 
Osten  zum  Ziel  gesetzt  hat,  unerwünschter  Zustand,  den  zu  beseitigen  man 
sich  alle  Mühe  gibt.  Auf  französisches  Betreiben  und  mit  französischer  Unter- 
Stützung  wurde  in  Dorpat  ein  „Institut  scientifique  francais  gegründet,  das 
sich  in  5  Sektionen  gliedert:  Medizin,  Recht,  Wissenschaften.  Literatur  und 
Landwirtschaft.  Seine  Aufgabe  ist,  Estland  in  Beziehungen  zur  französischen 
wissenschaftlichen  Welt  zu  bringen  und  die  französische  Wissenschaft  in 
Estland  zu  verbreiten,  oder,  wie  der  Berichterstatter  der  „Presse  medicale 
ebenso  schön  wie  bescheiden  sagt,  die  estländische  Intelligenz  in  den 
Strahlenbereich  des  französischen  Genies  iu  bringen.  Selbstverständlich  zu 
sagen,  dass  man  auch  die  alten  deutschen  Namen  der  baltischen  Städte  zit 
’  verdrängen  sucht.  In  Frankreich  heisst  Dorpat  jetzt  „Tartu“,  Reval  „Tallinn  , 
Namen,  die  hoffentlich  ebenso  rasch  der  Vergessenheit  anheimfallen  werden, 
wie  das  s.  Z.  vom  Zaren  diktierte  „Jurjew“. 

—  Das  bayer.  Staatsministerium  des  Innern  bestimmt  unter  Aenderung 
des  Abs.  II  d.  V.  v.  29.  XII.  1922  über  die  Gebühren  der  Aerzte  und 
Zahnärzte  in  der  Privatpraxis  (GVB1.  S^  698,  St.  A.  1923  Nr.  5) 
und  Aufhebung  der  V.  v.  3.  VII.  1923  Nr  5188  a  40  (St.A.  Nr.  157),  dass  mit 
Wirkung  ab  1.  VII.  1923  zu  den  Sätzen  der  Teile  II  A  u.  B.  sowie  III  der 
Preuss  Geb  Ordng.  v  lü.  XII.  1922  (Deutscher  Reichsanz.  Nr.  281)  für  Bayern 
übernommen  durch  die  V.  v.  29.  XII.  1922,  ein  Teuerungszuschlag  von 

5900  V.  H.  tritt.  .  .  ,  ~ 

—  Die  Gebührenkommission  des  Aerztlichen  Ile- 
7/irksver  eins  München-Stadt  ist  jetzt  da^u  übergegangen,  die 
Bezahlung  in  der  Privatpraxis  nach  dem  jeweiligen  Reichsteuerungsindex  zu 
verlangen.  Es  gelten  als  Mindestforderung:  11 100  der  Mmimalsatze 
der  preuss.  Gebührenordnung  vom  10.  XII.  1922  vervielfacht  mit  dem  letzten 
Indexbetrag;  für  Konsiliar-  und  fachärztliche  Beratungen  sowie  für  ein¬ 
gehende  Erstuntersuchungen  überhaupt  erhöhen  sich  diese  Sätze  auf  das 
2 — 5  fache  mindestens.  Die  Verdoppelungen  für  dringende  Nacht-  und 
Sonntagsbesuche  bleiben  in  Kraft.  „  ,  , 

—  Die  Gebühren  der  preussischen  Kreisärzte  werden 
durch  Erlass  des  Ministers  für  Volkswohlfahrt  ab  1.  Juli  1923  auf  das 
6000  fache  erhöht.  —  Die  Gebühren  in  der  Privatpraxis  erfuhren  vom  15  Juli 
ab  einen  Teuerungszuschlag  von  10  900  v.  H.  zu  den  Sätzen  der  Gebühren¬ 
ordnung.^  ^  Staatlichen  Lymphanstalt  in  Dresden,  Bremerstr.  16,  Fern¬ 
sprecher  22  301,  werden  Wutschutzimpfungen  vorgenommen.  Die 
Behandlung,  zu  der  die  Impflinge  2  Tage  vorher  angemeldet  werden  müssen, 
dauert  21  Tage  und  erfolgt  ambulant.  Der  Impfstoff  wird  unentgeltlich  ge¬ 
liefert.  Die  zü  leistende  Entschädigung  für  Verbrauch  von  sonstigen  Ma¬ 
terialien  beträgt  zurzeit  12  600  M.  Für  etwa  erforderliche  Unterkunft  und 
Verpflegung  haben  die  Impflinge  selbst  zu  sorgen. 

—  Man  schreibt  uns:  Der  Reichs  verband  der  deutschen 
Aerztevereine  in  der  tschechoslowakischen  Republik  hat  in  gross¬ 
zügiger  Weise  der  Bitte  der  Deutschen  Gesellschaft  zur  Be¬ 
kämpfung  des  Kurpfuschertums  um  Stützung  des  durch  die 
katastrophalen  Verhältnisse  der  deutschen  Presse  in  seiner  Existenz  be¬ 
drohten  Gcsundheitslehrers  entsprochen  und  ihr  einen  hohen  Betrag  uber¬ 
wiesen,  um  der  augenblicklichen  Not  zu  steuern.  Die  Deutsche  Gesellschaft 
fühlt  sich  dem  Reichsverband  zu  wärmstem  Dank  verpflichtet  und  hofft,  dass 
auch  die  deutsche  Kollegenschaft  soweit  irgend  möglich  das  ihrige  tut,  um 
diese  ihre  wichtige  Aufgabe  zu  verwirklichen. 

—  Die  Universität  Leeds  hat  Dr.  W.  J.  M  a  y  o,  den  Leiter  des  berühmten 
chirurgischen  Krankenhauses  in  Rochester  U.S.A.,  zum  Doktor  der  Wissen¬ 
schaften  ernannt.  .  . 

—  Zum  Präsidenten  der  American  medical  Association 
wurde  Dr.  William  Allen  P  u  s  c  y,  Dermatologe  in  Chicago,  gewählt. 

—  Das  hochangesehene  englische  Fachblatt  „L  a  n  c  e  t  vollendet  in 
diesem  Jahre  das  100.  Jahr  seines  Bestehens  und  wird  dieses  Ereignis  am 
28.  November  durch  ein  Festessen,  an  dem  die  hervorragendsten  medizinischen. 
Organisationen  teilnehmen  werden,  feiern.  . 

—  Das  mit  der  Vorbereitung  des  Internationalen  Oph¬ 
thalmologenkongresses  1925  betraute  Komitee  britischei  DPh- 
t haimologen  versendet  eine  Erklärung  des  Inhalts,  dass  es  ihm  nicht  möglich 
sei  seine  Aufgabe  gemäss  den  vom  Kongress  in  Washington  1922  gegebenen 
Richtlinien  zu  erfüllen.  I11  Washington  war  beschlossen  worden,  den  nächsten 


Kongress  streng  international  durchzuführen;  Deutsch  sollte  eine  der  Kongress- 
snrachcn  sein.  Dagegen  haben  die  Sociüte  francaise  d  Ophthalmologie,  die 
Soeiete  d'Ophthalinologie  de  Paris  und  die  Societe  Beige  d'Ophthalmologie 
Einspruch  erhoben  und  erklärt,  dass  sie  am  Kongress  nicht  teilnehmen  konnten, 
wenn  Deutsche  eingeladen  würden.  Das  britische  Komitee  spricht  die  An- 
sicht  aus.  dass  ein  solches  Vorgehen  dazu  führen  würde,  die  Spaltung  in  den 
Reihen  der  Augenärzte  zu  verewigen  und  den  E ortschritt  der  Wissenschalt, 
den  alle  zu  fördern  wünschten,  zu  stören.  Das  Komitee  hat  sich  daher  zu 
seinem  Bedauern  genötigt  gesehen,  den  Kongress  zu  verschieben.  Wenn 
man  bedenkt,  dass  noch  der  Kongress  in  Washington  1922  und  der  soeben 
in  London  tagende  Internationale  Chirurgenkongress  unter  Ausschluss  der 
Deutschen  stattgefunden  haben,  muss  man  das  Verhalten  der  britischen  Augen¬ 
ärzte  als  einen  Fortschritt  anerkennen;  wirksamer  für  die  Herbeiführung  nor¬ 
maler  Verhältnisse  wäre  es  freilich  gewesen,  über  den  Einspruch  der  1  ran- 
zosen  und  Belgier  zur  Tagesordnung  überzugehen  und  den  Kongress  abzu¬ 
halten,  dem  fernzubleiben  jenen  ja  dann  freistand.  ,,  ,  ,, 

—  Die  2.  Tagung  der  Deutschen  Gesellschaft  für  U  nfa  11  - 
heilkunde,  Versieh  er  ungs-  und  V  e  r  s  o  r  g  u  n  g  s  m  e  d  1  z  1  n 
findet  am  Samstag,  den  6.  Oktober  1923  in  dem  Hörsaal  der  Chirurgischen 
Universitätsklinik  in  Frankfurt  a.  M.  statt.  Aus  der  Tagesordnung.  1  rof. 
Dr  Finkelnburg  -  Bonn :  Zur  Frage  der  Krankheitsbereitschaft  des 
Nervensystems  (Nach-  und  Späterkrankungen  durch  Unfallschadigungen). 
Ferner  Vorträge  von  G  0  e  t  z  e  -  Frankfurt  a.  M„  G  r  a  s_s  h  e  1  m -Berlin, 

H  0  1  f  e  1  d  c  r  -  Frankfurt  am  Main,  K  ü  h  n  e  -  Cottbus,  E  i  n  1  g  e  r  - Frank¬ 
furt  a  M,  R  o  s  e  n  b  u  r  g -  Frankfurt  a.  M..  S  c  h  e  e  1  e  -  Frankfurt  a. 

P  a  u  1  u  s  -  Nürnberg.  Weitere  Anmeldungen  werden  erbeten  an  den  Vor¬ 
sitzenden  Prof.  Dr.  L  i  n  i  g  e  r  -  Frankfurt  a.  M„  Schumannstr .  65  II. 

—  Pest.  Britisch  Ostindien.  Vom  1.  bis  28.  April  632  Erkrankungen 

—  In  der  25.  Jahreswoche,  vom  17.  bis  23.  Juni  1923.  hatten  von 
deutschen  Städten  Uber  100  000  Einwohner  die  grösste  Sterblichkeit  Lübeck 
mit  16,5',  die  geringste  Buer  mit  6,7  Todesfällen  pro  Jahr  und  1000  Ein¬ 
wohner.  Vöff-  R-°"A- 

Hoch  sch  ulnachrichten 
Bonn.  Der  nichtbeamtete  a.  o.  Professor  Dr.  med.  Franz  Sion  ist 
zum  ordentlichen  Professor  der  Psychiatrie  an  der  Medizinischen  Akademie 

in  Düsseldorf  ernannt  worden.  .  ■  ,  • 

Breslau.  Prof.  Uh  t  ho  ff  feierte  am  21.  Juli  seinen  70.  Geburtstag. 
—  Der  Privatdozent  für  Pharmakologie  Dr.  Richard  Meissner  ist  zum 
nichtbeamteten  ausserordentlichen  Professor  ernannt  worden,  (hk.) 

Erlange  n.  Dr.  Heinz  Langer,  leitender  Arzt  der  Röntgen¬ 
abteilung  der  Universitäts-Frauenklinik  (Direktor:  Prof.  Dr.  W  1  n  t  z),  hat 
einen  Ruf  zur  Leitung  einer  Röntgenklinik  in  Pittsburg  (Pennsylvania)  an¬ 
genommen^  ^  {  ^  ^  t  a  M  Dr  John  A  Mandel,  Professor  der  Chemie  an 
der  New  York-Universität,  wurde  zum  Ehrenmitglied  des  Georg  Speyer-Hauses 
in  Frankfurt  a.  M.  ernannt.  Die  grundlegenden  und  bedeutenden  Arbeiten 
des  bekannten  amerikanischen  Gelehrten  liegen  auf  den  verschiedenen  Ge¬ 
bieten  der  physiologischen  Chemie,  die  Mehrzahl  ist  in  deutschen  wissen¬ 
schaftlichen  Zeitschriften  erschienen.  Durch  Uebersetzung  verbreiteter 
deutscher  chemischer  Lehrbücher  ins  Englische  trug  er  schon  vor  dem  Kriege: 
zu  einer  lebendigen  Wechselwirkung  deutscher  und  angelsächsischer  Wissen¬ 
schaft  bei.  Während  und  nach  dem  Kriege  hat  er  seine  engen  freundschatt- 
lichen  Beziehungen  zur  deutschen  Wissenschaft  nicht  nur  nicht  verleugnet,’ 
sondern  sich  in  tatkräftiger  Weise  dafür  eingesetzt,  die  Not  der  deutschen 

Forschung  zu  lindern,  (hk.)  _  ,  ,  . 

Freiburg  i.  B.  Am  14.  Juli  wurden  die  Erweiterungsbauten  den 
Freiburger  Univ. -Kinderklinik  feierlich  eröffnet.  In  ihrer  einfachen,  aber 
zweckmässigen  und  hübschen  Ausführung  entsprechen  die  Krankenabteilungen 
und  Laboratorien  nunmehr  den  heutigen  Anforderungen.  Die  Mittel  be¬ 
willigten  Staat  und  Stadt,  zum  grossen  Teil  stammen  sie  aus  freiwilligen 

Gaben  des  In-  und  Auslandes.  .  '  ,  ..  . 

München.  Das  neuerrichtete  Extraordinariat  für  physikalische 
Chemie  ist  dem  Privatdozenten  tit.  a.  0.  Professor  Dr.  Kasimir  Fa  ja  ns 
angeboten  worden,  (hk.)  —  Am  20.  Juli  habilitierten  sich  für  das  Fach  dei 
Dermatologie  die  Assistenten  der  Klinik  v.  Zumbusct  Dr.  n.  W .  S  le¬ 
rnen  s  (Hab.-Schr.:  Vererbung  von  Naevi)  und  Dr.  W  1  r  t  h  (Hab. -Sehr. 
Pathogenese  der  Urtikariaquaddeln  in  ihren  Beziehungen  zum  Gefässsystem) 
Utrecht.  Der  Direktor  des  Hygienischen  Instituts,  Prof.  Chr.  Eyk 
mann,  ist  vom  Lehramt  zurückgetreten. 

Todesfälle.  ^  „  1 

In  Berlin  starb,  64  Jahre  alt,  der  Geh.  San. -Rat  Prof.  Dr.  Georg’ : 
Meyer;  er  hat  sich  grosse  Verdienste  erworben  um  das  Rettungswesen  dt; 
Stadt  Berlin,  ferner  war  er  in  vielen  Organisationen  tätig,  die  sich  mi  j 
Krankenfiirsorge  befassen.  Auf  seine  Anregung  hin  wurde  das  Deutsch’] 
Zentralkomitee  zur  Erforschung  der  Krebskrankheit  gegründet,  dessen  lang« 
jähriger  Generalsekretär  er  war. 

Regierungsmedizinalrat  Prof.  Dr.  Hans  D  u  n  z  e  1 1  vom  staatl.  Kranken  i 
Stift  Zwickau  ist  am  15.  Juli  in  Dresden  gestorben. 

ln  Ermetingen  (Schweiz)  starb,  80  Jahre  alt,  Dr.  Otto  N  ä  g  e  1  i,  eine 
der  bekanntesten  Aerzte  der  Ostschweiz.  Sein  Buch  über  die  Behandluml 
von  Neuralgien  und  Neurosen  durch  Handgriffe  hat  3  Auflagen  erlebt.  Ausser  j 
dem  verfasste  er  eine  Reihe  medizinischer  und  statistischer  Arbeiten,  ferne  j 
auch  Schriften  historischen  und  heimatskundlichen  Inhalts,  sowie  Gedichte  j 
Einer  seiner  Söhne  ist  der  ausgezeichnete  Züricher  Kliniker  Prof.  Utt.j 
N  ä  g  e  1  i.  . 


Amtsärztlicher  Dienst.  (Bayern.) 


Die  Bezirksarztstellen  in  Burglengenfeld,  Freyung.  Höchstadt  a.  A 
Kaiserslautern  und  Schongau  sind  erledigt.  Bewerbungen  sind  bei  der  KCl 
gierung,  K.  d.  L,  des  Wohnorts  bis  5.  August  1923  einzureichen. _ 3  1 


Reichsteuerungsindex. 

Der  Reichsteuerungsindex  für  Ernährung,  Heizung,  Beleuchtung,  Wohnun 
und  Kleidung  beträgt  für  den  Monat  Juni  7650  (im  Mai  3816).  Die  Erhöhuul 
beträgt  somit  100,5  v.  H.  Basiszahl  1913/14  =  1. 

Die  Buchhändler-Schlüsselzahl  ist  ab  25.  VII.  1923  :  25  00» 


Verlag  von  J.  F.  Leb  mann  ln  München  SW.  2,  Paul  Heyse-Str.  26.  —  Druck  von  E.  Mublthaler’s  Buch-  und  Kunstdruckerei  O.m.b.  H.  München. 


Preis  der  einzelnen  Nummer  freibleibend  . H  18000.-.  •  Bezugspreis 
in  Deutschland  und  Ausland  siehe  unter  Bezugsbedingungen. 
Zusendungen  sind  zu  richten 

lür  die  Schriftleitung:  Arnuifstr.  26  (Sprechstunden  85-j — 1  Uhr), 
für  Bezug :  an  J.  F.  Lehmanns  Verlag,  Paul  Heyse-Strasse  2 ). 


•  I 


MÜNCHENER 


Anzeigen-Annahme : 

Leo  Waibel,  München,  Theatinerstrasse  3. 
Anzeigenschluss: 

Immer  5  Arbeitstage  vor  Erscheinen. 


Medizinische  Wochenschrift. 


ORGAN  FÜR  AMTLICHE  UND  PRAKTISCHE  ÄRZTE. 


Nr.  31.  3.  August  1923. 


Scliriftleitung:  Dr.  B.  Spatz,  Arnulfstrasse  26. 
Verlag:  J.  F.  Lehmann.  Paul  Heysestrasse  26. 


70.  Jahrgang. 


Der  Verlag  behält  eich  das  ausschliessliche  liecht  der  Vervielfältigung  und  Verbreitung  der  in  dieser  Zeitschrift  zum  Abdruck  gelangenden  Originalbeiträge  vor 


Originalien. 

Das  Arndt-Schu Izsche  Grundgesetz. 

Hugo  Schulz  zum  70.  Geburtstag  gewidmet. 

Von  Geh. -Rat  Prof.  Dr.  Friedrich  M  a  r  t  i  u  s  -  Rostock. 

Die  Feier  des  70.  Geburtstages  eines  um  seine  Sonderwissen- 
Schaft  hochverdienten  Mannes  gibt  erwünschte  Gelegenheit,  seine 
wirkliche  Bedeutung  der  jetzt  lebenden  Generation  der  Aerzte  klar- 
ztilegen,  und  das  um  so  mehr,  wenn  seine  eigenen  Zeitgenossen  ihn 
—  bewusst  oder  unbewusst  —  verkannt  oder  nicht  genügend  ge- 
1  würdigt  haben.  Heute  handelt  es  sich  um  den  Greifswalder  Pharma¬ 
kologen  Hugo  Schulz,  der  am  6.  August  1853  zu  Wesel  am 
Niedcrrhein  geboren  ist.  Ein  glücklicher  Zufall  fügt  es,  dass  in  diesen 
Tagen  im  zweiten  Bande  der  verdienstvollen,  von  Professor  Dr. 
L.  K.  Grote  herausgegebenen  Medizin  der  Gegenwart  in  Selbst¬ 
darstellungen  -(Verlag  von  Julius  Meiner,  Leipzig,  1923)  die  „Auto- 
ergographie“  unseres  Jubilars  erschienen  ist.  Wer  erfahren  will,  was 
Hugo  Schulz  in  über  vierzigjähriger  wissenschaftlicher  ernster 
Arbeit  gewollt  und  erstrebt  hat,  wie  er  selbst  über  sie  denkt  und 
wie  er  ihre  Beziehung  zur  Medizin  der  Gegenwart  einschätzt,  kann 
und  muss  auf  diese  Selbstdarstellung  verwiesen  werden.  Und  doch 
glaube  ich,  dass  sie  einer  gewissen  Ergänzung  bedarf,  die,  von  Hugo 
Schulz  selbst  nicht  scharf  genug  hervorgehoben,  gerade  jetzt  einer 
besonderen  Erwähnung  und  Begründung  bedarf.  Hier  ist  auch  der 
Grund  zu  suchen,  der  gerade  mir  die  Pflicht  auferlegt,  ihm  wenig¬ 
stens  beim  Eintritt  in  das  Patriarchenalter  zu  seinem  Recht  zu  ver¬ 
helfen.  Hugo  Schulz  ist,  wenn  er  meines  Wissens  auch  nie  diesen 
Anspruch  ausdrücklich  erhoben  hat,  einer  der  ersten  und  glück¬ 
lichsten  Mitbegründer  der  „konstitutionellen  Betrachtungsweise“  in 
der  Medizin  gewesen,  die  jetzt  fast  explosionsartig  unsere  Wissen¬ 
schaft  beherrscht.  Mein  Name  ist  mit  dem  Konstitutionalisrnus  un¬ 
serer  Zeit  untrennbar  verknüpft.  Immer  bin  ich  redlich  bemüht  ge¬ 
wesen,  die  Namen  meiner  Gesinnungsgenossen,  denen  ich  Anregung 
und  Förderung  verdanke,  in  helles  Licht  zu  stellen.  Ueberall  fehlt 
der  Name  Hugo  Schulz.  Noch  in  meiner  letzten  „Selbstdarstel- 
lung“  in  Grotes  Sammlung  ist  auf  Ottomar  Rose  n  b  a  c  h, 
Hueppe,  Gott  st  ein  hingewiesen.  Habe  ich  Hugo  Schulz, 
wie  fast  die  ganze  Mitwelt,  unabsichtlich  oder  gar  absichtlich  —  tod¬ 
geschwiegen?  Beim  Durchsehen  meiner  Bücherei  finde  ich  ein  Heft: 
Pharmakologie  von  Dr.  Hugo  Schulz  (Urban  (^'Schwarzen¬ 
berg,  1898).  Ich  habe  immer  die  Gewohnheit  gehabt,  in  Darstel¬ 
lungen,  die  mich  besonders  fesseln,  die  meiner  eigenen  Auffassung 
entsprechenden  Stellen  anzustreichen.  Jenes  Heft  nun  lässt  er¬ 
kennen,  dass  ich  es  damals  sehr  genau,  Wort  für  Wort  durchgear¬ 
beitet  habe.  Ueberall  finden  sich  die  zahllosen  Stellen  angestrichen, 
die  den  Anschauungen  entsprechen,  wie  sie  jetzt  allgemein  anerkannt 
sind.  An  die  Stelle  des  im  Grossen  und  Ganzen  gleich  organisierten 
Tieres  tritt  der  Mensch  mit  seiner  individuell  so  ausserordentlich 
wechselnden,  verschiedenen  Reizbarkeit.  Ich  kann  das  hier  nicht  im 
einzelnen  durchführen.  Wer  den  wahren,  den  nicht  durch  unver¬ 
ständiges  Gerede  entstellten  Hugo  Schulz  kennen  lernen  will,  möge 
heute,  nach  25  Jahren,  seine  Pharmakotherapie  vornehmen.  Er  wird 
über  die  Fülle  von  Bemerkungen  erstaunt  sein,  die  den  Nagel  auf 
den  Kopf  treffen.  Und  das  alles  hatte,  wie  das  in  meinen  Händen  be¬ 
findliche  Exemplar  mir  heute  beweist,  damals  den  tiefsten  Eindruck 
auf  mich  gemacht.  Warum  habe  ich  das  in  meiner  „Konstitution  und 
1  Vererbung“  1914  nicht  ausdrücklich  hervorgehoben?  Wenn  icli  diese 
i  Unterlassungssünde  heute  tief  bedauere,  so  finde  ich  dafür  viel¬ 
leicht  eine  zureichende  Erklärung,  aber  kaum  eine  annehmbare  Ent¬ 
schuldigung.  Also  komme  ich  um  ein  ehrliches  Pater  peccavi  nicht 
herum.  Ich  bin  mir  deutlich  bewusst,  dass,  als  ich  mein  Buch  schrieb, 
die  Anregungen,  die  ich  von  Hugo  Schulz  empfangen  hatte,  in 
meinem  Bewusstsein  so  gut  wie  vollständig  zurückgetreten  waren. 
Ich  habe  einfach  nicht  mehr  an  sie  gedacht.  Und  das  kam  so.  Hugo 
Schulz  schildert  in  seiner  eben  erschienenen  Selbstdarstcllung 
selbst  ausführlich  und  überzeugend,  wie  schon  die  niedrige  Dosierung 
des  wirksamen  Mittels  in  seiner  ersten  Veratrinarbeit  ihm  Missach¬ 
tung  und  Uebelwollen  eintrug.  „Schon  damals  muss  ich  wohl  meinen 
Herren  Kollegen  verdächtig  geworden  sein  wegen  der  ungewohnt 
kleinen  Dosen,  in  denen  sowohl  das  Veratrin,  wie  auch  das  arsenik¬ 
saure  Kupfer  gewirkt  hatten.  Dass  roch  denn  doch  sehr  nach  Hotnöo- 

Nr  31. 


pathie!  Mein  Freund  Ernst  Weber  aber  schrieb  mir,  als  ich  ihm 
meine  Veratrinarbeit  zugeschickt  hatte:  „Jetzt  haben  Sie  die  Meute 
hinter  sich!“  Er  hat  Recht  damit  behalten.  Seit  der  Veröffentlichung 
dieser  Arbeit  haben  sich  nicht  nur  die  homöopathischen  Laienvereine 
an  meine  Fersen  geheftet.  Auch  einzelne  meiner  Spezialkollegen 
haben  diese  und  meine  nachfolgenden  Arbeiten  benutzt,  mir  zu  dem 
Epitheton  ornans  des  .Greifswalder  Homöopathen*  zu  verhelfen.“ 

Alle  weiteren  Arbeiten  von  Hugo  Schulz  bekräftigten  und  ver¬ 
stärkten  dieses  allgemein  gewordene  Vorurteil.  Und  jede  herr¬ 
schende  Richtung  in  der  Medizin  erweist  sich,  solange  sie  die  Gewalt 
hat,  als  rücksichtslos  und  unerbittlich.  Rudolf  Virchow,  der  lange 
Zeit  die  Allgemeinherrschaft  Rusgeübt  hatte,  konnte  sich  nur  schwer 
cntschliessen,  einen  Robert  Koch  anzuerkennen,  und  dieser  ver¬ 
folgte,  zur  Macht  gelangt  (vgl.  die  „Selbstdarstellung“  von  Hueppe), 
seine  Gegner  mit  derselben  Einseitigkeit.  Es  handelt  sich  um  ein 
allgemein  menschliches  Gesetz.  Was  hat  Hugo  Schulz  ver¬ 
brochen,  um  sich  den  Boykott  seiner  wissenschaftlichen  Zeitgenossen 
zuzuziehen?  Wir  haben  jetzt  seine  eigene  klare,  sehr  ruhig  vor¬ 
nehme,  vielfach  leicht  ironisch  gefärbte  Darstellung.  Schon  früh¬ 
zeitig  beschäftigte  er  sich  mit  der  Geschichte  der  Medizin  und  fasste 
dabei  besonders  das  Gebiet  ins  Auge,  welches  die  medizinische 
Sektiererei  und  Häresie  umfasst.  So  lernte  er  Paracelsus  näher 
kennen,  ebenso  auch  den  alten  Rademacher  und  den  Vater  der 
Homöopathie  Hahnemann.  Er  sagte  sich  bald,  dass  es  nicht  an¬ 
gängig  sei,  die  Erfahrungen  der  alten  Aerzte,  die  ihre  eigenen  Wege 
in  der  Ausnutzung  der  Arzneikräfte  gegangen  sind,  einfach  mit  Miss¬ 
achtung  zu  übergehen.  So  kam  er  auf  den  für  einen  Lehrer  der 
Pharmakologie  naheliegenden  Gedanken,  veranlasst  durch  das  Stu¬ 
dium  Hahnemann s,  der  Sache  selbst  einmal  näher  auf  den  Grund 
zu  gehen  und  zu  versuchen,  ob  wirklich  durch  fortgesetztes  Ein¬ 
nehmen  an  sich  völlig  unwirksam  zu  denkender  geringfügiger  Mengen 
einer  Arznei  bei  sonst  gesunden  Menschen  krankhafte  Erscheinungen 
der  Art  hervorgerufen  werden  können,  wie  das  in  Hahne  m  a  n  n  s 
Arzneiprüfungen  angegeben  und  zu  lesen  war. 

Diese  ernsthaften,  mit  allen  gebotenen  Kautelen  des  naturwissen¬ 
schaftlich  durchgebildeten  Forschers  ausgeführten  Nachuntersuchun¬ 
gen  — -  allen  Vorurteilen  zum  Trotz  —  waren  eine  anzuerkennende 
wissenschaftliche  Tat!  Sie  ergaben  —  nach  Schulz’  eigenen  Wor¬ 
ten  — ,  dass  die  Angaben,  die  er  in  den  Arzneiprüfungen  der  homöo¬ 
pathischen  Schule  vorgefunden  hatte,  zu  Recht  bestehen!  Er  bemerkt 
dazu,  „dass  diese  Versuche  denjenigen  meiner  Herren  Kollegen  dien¬ 
liches  Material  liefern  mussten,  die  das  mehr  oder  weniger  ent¬ 
wickelte  Bedürfnis  empfanden,  den  Greifswalder  Pharmakologen  als 
einen  greulichen  Häretiker  hinzustellen  und  damit  als  wissenschaft¬ 
lichen  Arbeiter  ein  für  allemal  zu  diskreditieren,  wusste  ich  im  vor¬ 
aus,  hat  mich  indessen  nicht  weiter  berührt.  Mir  lag  daran,  die 
Wahrheit  herauszubekommen,  mochte  das  Resultat  ausfallen  wie  es 
wollte“. 

Was  hat  Hugo  Schulz  wirklich  bewiesen?  Nicht  die  Richtigkeit 
der  Laienhomöopathie  mit  allem  Drum  und  Dran  als  einer  der  wis¬ 
senschaftlichen  Medizin  an  sich  und  prinzipiell  entgegengesetzten 
allein  wahren  Heilmethode.  Ich  (M  a  r  t  i  u  s)  bin  immer  ein  ausge¬ 
sprochener  Gegner  der  Homöopathie  in  diesem  Sinne  gewesen  und 
geblieben.  Im  Jahre  1921  haben  die  Rostocker  Naturheilfreunde  (ein¬ 
schliesslich  der  Homöopathen)  ein  grosses  öffentliches  Scherbenge¬ 
richt  über  mich  abgehalten,  das  ich  mir  zur  besonderen  Ehre  an¬ 
rechne.  Ueber  meine  Stellung  zur  Sache  kann  denn  auch  niemals  ein 
Zweifel  gewesen  sein.  Damit  erklärt  sich  wohl  bis  zu  einem  gewissen 
Grade,  dass  ich  früher  (1898),  als  ich  Hugo  Schulz’  konstitutionelle 
Anschauungen  zu  meiner  Freude  kennen  lernte,  keine  Lust  verspürte, 
im  Sinne  seiner  angeblichen  „Homöopathie“  mich  einzusetzen.  Ich 
war  selbst  wegen  meiner  ebenfalls  angeblichen  Gegnerschaft  zur 
Bakteriologie  verfemt  genug,  um  mich  nicht  gern  auch  noch  als  wenn 
auch  nur  scheinbaren  Homöopathen  verschreien  zu  lassen. 

Was  hatte  Schulz  wirklich  gefunden  und  bewiesen?  Die 
Richtigkeit  des  ersten  Satzes  des  von  Rudolf  Arndt  aufgestellten 
Biologischen  Grundgesetzes.  Wenn  wirklich  schwache  Reize  die 
Lebenstätigkeit  von  Organen  und  Organismen  fördern,  so  muss  ein 
Gift  in  genügend  herabgesetzter  Menge  nicht  mehr  schädigend,  son¬ 
dern  fördernd  auf  das  Substrat  seines  Einflusses  wirken. 

Schon  in  seinen  ersten  Arbeiten  in  Greifswald  hatte  H.  Schulz 
den  Beweis  für  diesen  Satz  in  seinen  Händen.  Es  ist  begreiflich,  dass 
es  „wie  eine  plötzliche  Erleuchtung  über  ihn  kam,  als  ihm  Rudolph 

2 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  31! 


1006 

Arndt  im  Jahre  1885  auf  einem  gemeinschaftlichen  Spaziergange 
zum  ersten  Male  sein  biologisches  ürundgesetz  auseinandersetzte“, 
bekanntlich  lautet  es:  „Schwache  Reize  fachen  die  Lebenstätigkeit 
an,  mittelstarke  fördern  sie,  starke  hemmen  sie,  stärkste  heben  sie 
auf.“  Dem  experimentellen  Nachweis  dieses  Gesetzes  hat  Schulz 
einen  grossen  Teil  seiner  Lebensarbeit  gewidmet.  Wie  er  erzählt,  hat 
auch  Rudolph  Arndt  bei  seinen  Zeitgenossen  keine  Anerkennung, 
nicht  einmal  Beachtung  gefunden.  „Ausser  anderen  für  mich  in  Be¬ 
tracht  kommenden  Momenten  habe  ich  es  für  meine  Pflicht  als  Freund 
und  Kollege  gehalten,  wenigstens  sein  Gedächtnis  vor  völliger  Ver¬ 
gessenheit  zu  bewahren.  Dass  mein  Aufsatz  („Rudolph  Arndt  und 
das  biologische  Grundgesetz“)  von  mehreren  unserer  wissenschaft¬ 
lichen  Verlage  zurückgewiesen  wurde  und  so  schliesslich  als  Mono¬ 
graphie  hier  in  Greifswald  erscheinen  musste,  sei  nur  nebenbei  be¬ 
merkt.“ 

Nur  „ein  einziger  Kliniker“,  bemerkt  H.  Schulz  schliess¬ 
lich,  „hat  es  bisher  für  wichtig  genug  angesehen,  auch  einmal  den 
Weg  zu  versuchen,  den  ich  an  der  Hand  von  Arndts  biologische^ 
ürundgesetz  in  der  Erkenntnis  seiner  fundamentalen  Bedeutung  für 
die  Therapie  alle  die  langen  Jahre  allein  gegangen  bin:  der  Berliner 
ühirurge  August  Bier.  Damit  ist  aber  auch  die  erste  Bresche  gelegt 
in  den  Wall  von  Nichtbeachtung  und  stellenweise  sogar  unmittelbarer 
Entstellung  des  von  mir  Gewollten“. 

Somit  komme  ich  (M  a  r  t  i  u  s)  auf  meinen  eigenen  Standpunkt 
gegenüber  dem  Lebenswerk  von  Hugo  Schulz  zurück,  wie  er  sich 
mir  heute  darstellt.  August  Bier  sagt:  „H.  Schulz  tat  einen  be¬ 
deutungsvollen  Schritt  vorwärts.  Er  verallgemeinerte  das  Gesetz 
auf  alle  Zellen  des  tierischen  Leibes  und  auf  alle  Krankheiten,  ferner 
auf  die  Pflanzenzelle  (Hefe).  Vor  allem  machte  er  das  starre  Gesetz 
erst  brauchbar  für  die  Praxis  durch  folgende  Betrachtung:  „Ver¬ 
schiedene  Menschen  verhalten  sich  verschieden  gegen  denselben 
Reiz,  kranke  Organe  ganz  anders  als  gesunde,“  usw.  An  anderer 
Stelle:  „Mehr  und  mehr  wird  Schulz’  Lehre  bestätigt.  Nach  Er¬ 
fahrungen,  die  man  mit  Röntgenlicht  (kleine  Dosen  erzeugen,  grosse 
vernichten  das  Karzinom),  mit  Fieber  und  anaphylaktischem  Schock, 
mit  positiver  und  negativer  Chemotaxis,  mit  Hormonen,  mit  Protein¬ 
körpern  usw.  gemacht  hat,  wird  man  wohl  bald  sagen,  sie  sei  eine 
.bekannte  Tatsache1 2 3 4,  und  Schulz  weiter  totzuschweigen  versuchen. 
—  „Fusst  Schulz  auch  auf  dem  Arndt  sehen  biologischen  Grund¬ 
gesetz,  das  für  physiologische  Verhältnisse  aufgestellt  ist,  so  war  es 
doch  eine  grosse  Tat,  dies  auf  die  Pathologie  und  vor  allem  auf  die 
Wirkung  aller  Heilmittel  auszudehnen.  Ich  hoffe  deshalb,  dass 
Schulz  es  noch  erleben  wird,  dass  ihm  und  seinem  Vorgänger 
Arndt  die  Anerkennung  zuteil  wird,  die  den  Entdeckern  eines  so 
grossen  und  praktisch  wichtigen  biologischen  Gesetzes  gebührt.“ 
Worauf  gründet  sich  diese  Hoffnung?  Meiner  persönlichen  Meinung 
nach  auf  den  Umstand,  dass  die  Schulz  sehe  Lehre  ausdrücklich 
konstitutionell  begründet  und  verankert  ist.  „Wenn  das  biologische 
ürundgesetz  richtig  ist,  ergibt  sich  aus  seinem  ersten  Satz.“  sagt 
Schulz,  „dass  man  befähigt  sein  muss,  mit  genügend  herabgesetzter 
Dosis  des  richtig  gewählten,  organspezifischen  Arzneimittels  die  ge¬ 
sunkene  Lebensenergie  damit  in  die  Höhe  zu  bringen,  dass  die  phy¬ 
siologische  Norm  ganz  oder  möglichst  wieder  erreicht  wird.“  Das  ist 
freilich  ein  generelles  Gesetz,  aber  der  Gegensatz  zur  Reagenzglas¬ 
therapie  und  zum  Laboratoriumsversuch  am  gesunden  Tiere  tritt 
scharf  hervor.  „Nicht  gesunde  Tiere,  sondern  kranke  Menschen  bilden 
das  Arbeitsfeld  des  praktischen  Arztes.“  In  unserer  Sprache  sagen 
wir:  Nicht  das  Bakterium  ist  die  alleinige  und  zureichende  Ursache 
der  Krankheit  (es  ist  das  auslösende  Moment).  Die  eigentliche  und 
wahre  Ursache  sind  die  vorhandenen,  gegebenen  Energien  des 
Substrats,  auf  das  sie  wirken,  das  Terrain  der  Franzosen.  Schulz 
selbst  sagt  im  Anschluss  an  seine  Veratrinarbeit,  dass  unter  dem  Ein¬ 
fluss  des  Mittels  irgendwelche  Veränderung  in  der  erkrankten  Magen- 
und  Darmwand  selbst  auftritt,  die  für  die  weitere  Entwicklung  der 
Mikroorganismen  und  der  aus  dieser  resultierenden  Folgezustände 
ungünstige  Bedingungen  schafft.  Dies  „war  der  erste  Gedanke  an 
die  tiefgehende  Bedeutung  des  erkrankten  Organs  als  Nährboden  für 
die  krankheiterregenden  Momente  und  die  daraus  folgerecht  sich 
ergebende,  nicht  weniger  schwerwiegende  Wichtigkeit  der  Organ¬ 
therapie  in  ihrer  Gesamtheit,  nicht  nur  im  vorliegenden  Fall  für  die 
Therapie  infektiöser  Erkrankungen  allein.  Diese  damals  gewonnene 
Anschauung  hat  sich  in  der  Folge  ständig  weiter  verdichtet  und  be¬ 
festigt.  Sie  ist  für  mich  leitend  geworden  durch  die  ganze  Zeit  meiner 
wissenschaftlichen  Tätigkeit.  Sie  hat  mir  die  notwendige  Berechti¬ 
gung  verschafft,  immer  wieder  auf  die  enge  Beziehung  zwischen 
Arzneiwirkung  und  erkranktem  Organ  und  die  Folgerungen  einzu¬ 
gehen,  die  sich  daraus  für  die  Arzneitherapie  mit  zwingender  Not¬ 
wendigkeit  ergeben.“  Dazu  kommt,  und  das  hebt  Schulz  immer 
wieder  hervor,  der  Einfluss  der  Individualität,  der  sich  auch  in  der 
Arzneitherapie  in  jedem  einzelnen  Fall  mehr  oder  weniger  geltend 
macht. 

Wer  die  erwähnte  Pharmakologie  aus  dem  Jahre  1898  von  Hugo 
Schulz  sorgfältig  durchstudiert,  wird  sich  leicht  davon  überzeugen, 
dass  und  wie  unser  Jubilar  schon  damals  als  einer  der  ersten  kon¬ 
stitutionell  gedacht  hat.  Die  Geschichte  der  Medizin  wird  ihn  nicht 
als  halben  Homöopathen  und  ganzen  Sonderling  bewerten,  sondern 
als  ernsthaften,  ehrlichen  Forscher  von  besonderem  JEigenmass, 
dessen  wertvolle  Anregungen  erst  heute  und  künftig  zu  voller  Aus¬ 
wirkung  kommen  werden. 


Hugo  Schulz  selbst  bekennt:  „Müsste  ich  heute  von  vorne 
wieder  anfangen,  ich  würde  ohne  Besinnen  denselben  Weg  von 
neuem  wieder  betreten  und  weiter  verfolgen,  so  wenig  ersichtlichen 
Erfolg  nach  aussen  hin  gerade  dieser  Weg  bisher  auch  gezeitigt 
haben  mag.“ 

Unser  Gruss  aber  am  heutigen  Tage  gilt  dem  ehrlichen  und  tap¬ 
feren  Manne,  dem  ein  ehrenvoller  Platz  in  der  Geschichte  der  Me¬ 
dizin  jetzt  und  für  alle  Zeiten  gesichert  ist. 


Aus  der  chirurgischen  Universitätsklinik  in  Berlin. 

Der  Reizverzug*). 

(Hugo  Schulz  zum  70.  Geburtstag  gewidmet.) 

Von  Prof.  August  Bier. 

Den  Verzug  des  Reizes,  den  ich  hier  beschreibe,  hat  die  Physio¬ 
logie  und  überhaupt  die  theoretische  Medizin  übersehen.  Weder  in 
der  älteren  Literatur,  noch  in  Lehrbüchern  der  Physiologie,  die  den 
Reiz  weitläufiger  behandeln,  wie  in  den  von  Ve  r  w  o  r  n  und  1  i  g  er¬ 
st  e  d  t,  noch  in  der  ausführlichen  Abhandlung  des  ersteren  über 
Erregung  und  Lähmung1),  noch  in  den  in  der  neuesten  Zeit  erschiene¬ 
nen  grösseren  Abhandlungen  von  Physiologen  über  die  Reizfrage  -) 
findet  man  etwas  über  diese  wichtige  Angelegenheit.  Ebensowenig 
erwähnt  sie  Marchand11)  in  einer  neueren  ausführlichen  Abhand¬ 
lung  über  Reizung  und  Reizbarkeit.  Ein  Gebiet  der  praktischen 
Medizin  dagegen,  die  Röntgenkunde,  hat  den  Verzug  eines  einzelnen 
Reizes,  den  des  Röntgenlichtes,  sehr  ausführlich  studiert  und  be¬ 
schrieben,  weil  die  zahlreichen  Unglücksfälle,  die  sich  aus  ihm  er¬ 
gaben,  es  unmöglich  machten,  diese  Erscheinung  zu  übersehen.  So¬ 
viel  ich  finde,  hat  aber  auch  in  der  praktischen  Medizin  bisher  nie¬ 
mand  erkannt,  dass  dieser  Reizverzug  sich  nicht  auf  einen  oder 
wenige  Reize  beschränkt,  sondern  dass  er  eine  ganz  gewöhnliche  Er¬ 
scheinung  bei  den  verschiedensten  Reizen  ist,  und  niemand  hat  seine 
Tragweite  begriffen.  Das  will  ich  an  einer  Reihe  von  Beispielen 
schildern. 

I.  Röntgenlicht, 

Den  Reizverzug  des  Röntgenlichtes  beschreibe  ich  nur  ganz 
kurz,  ohne  auf  Einzelheiten  einzugehen,  beschränke  mich  dabei  auf 
die  Haut  und  beziehe  mich  hauptsächlich  auf  die  Erscheinungen,  die 
bei  der  alten,  nach  unserer  heutigen  Erfahrung  fehlerhaften  Bestrah¬ 
lung  derselben  auftreten.  Wer  sich  über  die  Wirkungen  des  Röntgen¬ 
lichtes  ausführlicher  unterrichten  will,  findet  eine  gute  Beschreibung 
im  Handbuche  der  Röntgentherapie  von  Wette  rer1).  Voraus¬ 
schicken  muss  ich,  dass  die  Röntgenkunde  zwar  das  Röntgenlicht  als 
Reizmittel  anerkennt,  dass  ihr  aber  das  Wesen  der  Reizwirkung 
keineswegs  klar  geworden  ist.  Das  sieht  man  unter  vielen  anderen 
besonders  an  zwei  sehr  verbreiteten  Irrtümern:  1.  Die  Röntgenkunde 
spricht  von  einer  reizenden  und  einer  zerstörenden  Dosis  des  Rönt¬ 
genlichtes.  Es  ist  aber  klar,  dass  es  von  der  Reizschwelle  an  gerech¬ 
net  immer  reizt.  Man  vergisst,  dass  nicht  nur  Erregung,  sondern 
auch  Lähmung  und  Tötung  Reizwirkungen  sind.  Man  sollte  also  nicht 
von  einer  Reizdosis,  womit  man  die  Entzündung  und  Gewebs¬ 
wucherung,  also  gesteigerte  Tätigkeit  verursachende  Gabe  meint, 
sondern  von  Erregungs-,  Lähmungs-  und  Tötungsdosis  sprechen. 
2.  Die  Röntgenkunde  ist  noch  immer  der  Meinung,  dass  die  Reiz¬ 
wirkung  in  derp  eben  geschilderten  Sinne  nur  durch  eine  grosse  rei¬ 
zende  Energiemenge  ausgelöst  werde.  Auch  die  neuesten  Arbeiten 
sind  noch  in  diesem  Irrtum  befangen  [Dessauer6 *),  Cas¬ 
par  i8)].  Der  Reiz  hat  mit  Energie  nichts  weiter  zu  tun, 
als  dass  er  ruhende  in  wirksame  Energie  umsetzt.  Deshalb 
können  die  in  bezug  auf  eigene  Energie  allergeringsten  Reize 
die  heftigsten  Wirkungen  auslösen,  und  ungeheure  Energie¬ 
mengen  brauchen  die  Reizschwelle  gar  nicht  zu  erreichen,  so  dass 
sie  spurlos  am  lebenden  Körper  Vorbeigehen.  Diese  Erscheinung 
ist  der  Biologie  durchaus  geläufig.  Man  nennt  das  Disproportionali¬ 
tät  zwischen  Reizursache  und  Reizwirkung  (der  oft  angewandte  Ver¬ 
gleich  mit  dem  Funken  im  Pulverfass).  Die  Theorie  Dessauers 
von  der  Punktwärme  als  ausschlaggebend  für  die  Wirkung 
des  Röntgenlichtes  ist  also  eine  durchaus  überflüssige  Annahme. 
Ueberhaupt  scheint  mir,  dass  man  in  der  Röntgenkunde  zu  viel  ma¬ 
thematisch  und  physikalisch  und  zu  wenig  biologisch  denkt. 

Nach  einer  gewissen  Stärke  oder  Häufigkeit  der  Belichtung  mit 
Röntgenstrahlen  entstehen  Schädigungen  der  Haut,  von  der  ein¬ 
fachen  Entzündung  bis  zu  den  schwersten  und  schlecht  oder  gar 


*)  Ich  bin  mir  wohl  bewusst,  dass  kein  Verzug  des  Reizes,  sondern  des 
Reizerfolges  (Erregung,  Lähmung,  Tod)  eintritt.  Aus  Gründen,  die  ich  am 
Ende  der  Arbeit  entwickle,  wähle  ich  den  Ausdruck  ,, Reizverzug“,  der 
ausserdem  den  Vorteil  hat,  kurz  und  einfach  zu  sein. 

T  Verworn:  Erregung  und  Lähmung.  Jena  1914  bei  Fischer. 

2)  Jensen:  Reiz,  Bedingung  und  Ursache  in  der  Biologie.  Berlin 
1921  bei  Bornträger.  Und:  Mangold:  Reiz  und  Erregung  usw.  Erg.  d. 
Physiol.  1923,  21,  1.  Abt. 

3)  Marchand:  Ueber  Reizung  und  Reizbarkeit.  Arch.  f.  Entw.Mech.  i 
51,  Bd. 

4)  Leipzig  bei  N  e  m  n  i  c  h. 

6)  Dessauer:  Dosierung  und  Wesen  der  Röntgenstrahlenwirkung  in 

der  Tiefentherapie  vom  physikalischen  Standpunkt.  Dresden  1923. 

")  Caspari:  Theoretisches  zur  Strahlenwirkung.  D.m.W.  1923  Nr.  9. 


3.  August  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1007 


nicht  heilenden  Geschwüren,  die  zu  einer  vollständigen  Vernichtung 
des  betreffenden  Hautgebietes  führen.  Diese  Schädigungen 
treten  aber  erst  nach  einer  gewissen  Pause,  nach  2  Tagen 
bis  3  Wochen  auf.  Nun  zeigt  sich,  genau  wie  bei  den 
Strahlen  des  Sonnenspektrums,  dass  die  verschiedenen  Strahlen- 
arten  des  Röntgenlichtes  nicht  gleichartig  wirken;  die  weichen 
verursachen  in  der  Praxis  vor  allen  Dingen  jene  Schädigungen; 
unter  Umständen  tun  dies  aber  auch  harte,  und  dann  treten 
die  Spätfolgen  erst  Monate  bis  Jahre  nach  der  Belichtung  ein  7 *).  Es 
ist  bekannt,  dass  sie  ziemlich  plötzlich  und  anscheinend  ohne  Vor¬ 
boten  erscheinen.  Der  Reiz  des  Röntgenlichtes  scheint  also  eine 
geraume  Zeit  in  seinen  Wirkungen  gänzlich  verborgen  zu  uleiben 
und  dann  in  vielen  Fällen  unter  Ueberspringung  oder  unter  kurzer 
Dauer  des  Erregungszustandes  sich  gleich  in  Lähmung  oder  l'od  der 
bestrahlten  Körperteile  zu  äussern.  Die  genauere  Beobachtung  aber 
zeigt,  dass  im  sogenannten  Latenzstadium  zweifellos  eine  Erregung 
besteht,  kenntlich  an  einer  Vorreaktion.  Sie  besteht  in  einer  Rötung 
der  Haut,  die  frühestens  nach  Va  Stunde  auftritt  und  mit  leichtem 
Brennen  und  Jucken  vergesellschaftet  ist.  Die  Vorreaktion  ver¬ 
schwindet  wieder.  Dasselbe  beobachtet  man  auch  bei  ganz  anders 
gearteten  Reizen. 

Hier  will  ich  einiger  Besonderheiten  des  Röntgenlichtes  ge¬ 
denken,  die  es  nur  mit  wenig  anderen  Reizmitteln  gemein  hat: 

Die  meisten  dem  Körper  gefährlichen  Reize  lösen  sofort  Unbe¬ 
hagen,  Schmerz  oder  sonstige  erschreckende  Eindrücke  aus,  die 
den  Menschen  veranlassen,  schleunigst  vor  der  Gefahr  zu  flienen. 
Dagegen  kann  man  die  grössten  und  gefährlichsten  Gaben  von  Rönt¬ 
genlicht  auf  den  Körper  einwirken  lassen,  ohne  dass  die  geringsten 
Warnungszeichen  sich  einstellen.  Diese  zeigen  sich  erst  später,  wenn 
er  den  unheimlichen  Reiz  schon  in  sich  aufgenommen  hat  und  ihm 
nicht  mehr  entgehen  kann.  Gegen  Röntgenlicht  gibt  es  keine  Im¬ 
munität,  wie  gegen  Sonnenlicht  nach  Ueberstehen  eines  Sonnen¬ 
brandes.  Im  Gegenteil,  eine  überstandene  Röntgenerkrankung  macht 
den  betreffenden  Körperteil  empfindlicher  gegen  neue  Einwirkung 
von  Röntgenstrahlen. 

Es  gibt  deshalb  auch  keine  Vorbeugung  gegen  Röntgenstrahlen. 
Während  man  den  Menschen  allmählich  an  Sonnenlicht  gewöhnen 
und  gegen  seine  Schäden  aktiv  immunisieren  kann,  bewirken  die  Rönt¬ 
genstrahlen  das  Gegenteil.  So  kann  man  ihn  auch  nicht  durch  vorsich¬ 
tige  und  allmählich  gesteigerte  Gaben  derselben  bräunen.  Zwar  bräu¬ 
nen  auch  die  Röntgenstrahlen  oder  verfärben  anderweitig  die  Haut, 
aber  erst  nachdem  sie  sie  geschädigt,  sei  es,  dass  sie  nur  eine  Ent¬ 
zündung  oder  die  schwersten  Folgen  hervorgebracht  hatten.  Diese 
Hautverfärbungen  haben  nichts  mit  der  Bräunung  durch  Sonnenlicht, 
die  als  Schutzfarbe  aufzufassen  ist,  zu  tun,  sondern  sie  gleichen  den 
Veränderungen,  die  heftige  Reizmittel  (Jodtinktur,  Blasenpflaster, 
sehr  heisse  Umschläge,  in  oberflächliche  Hautwunden  eingeriebenes 
Krotonöl  [Baunscheidtismus]  usw.)  als  Folge  einer  voraufgegangenen 
Schädigung  der  Haut  erzeugen. 

Alles  dies  ist  verständlich,  denn  Röntgen-  und  ähnliche  Strahlen 
kommen  in  der  Natur  nicht  in  einer  Stärke  vor,  die  dem  Menschen 
gefährlich  werden  könnte.  Deshalb  ist  er  nicht  darauf  eingestellt.  Er 
;  hat  keine  Empfindung  für  ihre  Gefährlichkeit,  und  sie  lösen  keiner- 
:  lei  schützende  zweckmässige  Reaktionen  aus.  Das  zeigt  sich  auch 
|  an  den  mangelhaften  Heilungsvorgängen  schwerer  Röntgenschädi- 
|  gungen.  Keine  Wunde  heilt  so  schlecht  wie  ein  Röntgengeschwür. 
In  ihren  formativen  und  nutritiven  Wirkungen  gehorchen  die  Rönt¬ 
genstrahlen  dem  A  r  n  d  t  -  S  c  h  u  1  z  sehen  Gesetz  (Erregungsgabe  — 

:  Epithelwucherungen,  Röntgenkarzinom,  Lähmungsgabe  =  Still- 
I  stehen  wachsender  Geschwülste,  Tötungsgabe  =  Schwinden  von 
i  Geschwülsten).  Der  Gegensatz  in  der  Wirkung  verschiedener  Gaben 
macht  sich  auch  nach  unten  hin  noch  weiter  bemerkbar,  insofern, 

;  als  allerkleinste  Röntgengaben  die  Verhornungen  und  Ernährungs- 
|  Störungen  der  Haut  der  Hände  im  Röntgenberuf  geschädigter  Men- 
j  sehen  bessern.  Bisher  ist  nur  die  formative  und  nutritive  Reizwir¬ 
kung  des  Röntgenlichtes  genügend  erforscht,  über  die  funktionelle 
ist  noch  wenig  bekannt. 

II.  Sonnenlicht. 

Teile  des  Sonnenspektrums  von  einer  gewissen  Wellenlänge 
reizen  nur  die  Netzhaut,  was  rechts  und  links  von  diesen  sichtbaren 
Lichtstrahlen  liegt,  die  sogenannten  chemischen  und  Wärmestrah¬ 
len  alle  Teile  des  Körpers.  Den  geringsten  Reizverzug  haben 
die  sichtbaren  Strahlen.  Ebenfalls  sehr  gering  ist  die  der  Wärme¬ 
strahlen.  Sie  werden  sofort  empfunden  und  führen,  wenn  der  Reiz 
genügend  stark  ist,  bald  zu  Schweissausbruch,  Hautröte,  erhöhter 
Herztätigkeit  usw.  Dagegen  haben  die  chemischen  Strahlen  einen 
Verzug  von  mehreren  Stunden.  Das  zeigt  jeder  Fall  von  Sonnen¬ 
brand.  Ueber  chemische  Strahlen  belehrt  uns  am  besten  das  jetzt 
viel  angewandte  Quarzlampenlicht.  Es  wird  vom  bestrahlten  Körper 
überhaupt  nicht  empfunden;  ist  es  zu  stark  verabreicht,  so  entsteht 
die  Hautentzündung  erst  in  durchschnittlich  12  Stunden.  Auch  hierbei 
gibt  es  häufig  wie  beim  Röntgenlicht  eine  flüchtige  Vorreaktion, 
etwa  eine  Viertelstunde  nach  der  StraHleneinwirkung. 

Gegen  das  Quarzlampenlicht  kann  man  den  Menschen,  wie  gegen 
Sonnenlicht,  durch  allmähliche  Gewöhnung  immunisieren  und  bräunen. 

7)  Auch  die  bösartige  Geschwulst,  die  durch  Rüntgenlicht  beseitigt  wird, 

längt  erst  nach  etwa  3  Wochen  an  sich  zu  verkleinern. 


Doch  hat  die  braune  Farbe  einen  ganz  anderen  Ton  als  die  durch 
das  volle  Sonnenlicht  erzeugte s).  Schädigungen,  die  die  Quarz¬ 
lampe  angerichtet  hat,  heilen  schnell  und  vollständig  aus.  Der  Mensch 
ist  wegen  des  Vorkommens  dieser  Strahlen  im  Sonnenspektrum  dar¬ 
auf  eingestellt. 

Die  roten  und  gelben  Strahlen  wirken  ausser  auf  die  Netzhaut 
nur  unbedeutend  auf  den  Körper.  Sie  werden  aber  starke  Reizmittel 
für  die  übrigen  Gewebe,  wenn  man  diese  mit  Eisen,  Chinin  usw.  in 
Berührung  bringt,  wenn  man  sie  sensibilisiert.  Umgekehrt  kann  das 
Licht  andere  Reizmittel  unwirksam  machen.  In  unserer  Lichtheil¬ 
anstalt  in  Hohenlychen  verabreichen  wir  gleichzeitig  hohe  Dosen  von 
Jod  innerlich,  sehen  aber  so  gut  wie  nie  Jodismus.  Luft-  und  Sonnen¬ 
bäder  verhindern  ihn. 

Gegen  Sonnenlicht  gibt  es  eine  Idiosynkrasie.  Albinos  werden 
krank  davon,  gewisse  erblich  veranlagte  Menschen  bekommen  dar¬ 
nach  Xeroderma  pigmentosum,  viele  Menschen  an  den  oft  grellem 
Licht  ausgesetzten  Körperteilen  die  „Landmanns-  und  Seemanns¬ 
haut“.  Gegen  Röntgenlicht  soll  es  keine  Idiosynkrasie  geben.  Stimmt 
das  wirklich? 

&£/ 

III.  Proteinkörper  und  ähnliche  Reizmittel, 
insbesondere  Ameisensäure. 

Die  in  der  Ueberschrift  genannten  Reizmittel  zeigen  den  Reiz¬ 
verzug  in  gekennzeichneter  Weise,  keines  aber  so  ausgesprochen  und 
auffällig  wie  die  Ameisensäure  bei  der  Gicht  und  chronisch-rheumati¬ 
schen  Erkrankungen.  Der  ältere  K  r  u  1 1 u)  beschreibt,  dass  nach  Ein¬ 
spritzung  von  0,1  bis  1  ccm  einer  Lösung  1  :  1000  bis  1  :  100  000  von 
Ameisensäure  die  allgemeine  und  Herdreaktion  nach  etwa  6  Wochen 
eintritt.  Meiri  Assistent  Dr.  A.  Zimmer  prüfte  Kr  u  11s  Angaben 
nach  und  konnte  sie  vollkommen  bestätigen.  Die  Zeitdauer,  nach  der 
die  Reaktion  eintritt,  ist  jedoch  von  mehreren  Umständen  abhängig: 
1.  Von  der  Höhe  der  Dosis  und  der  Konzentration  des  Mittels.  2.  Von 
der  Art  der  Erkrankung.  Rheumatische  reagieren  früher  als  Gich¬ 
tische.  3.  Vom  jeweiligen  Zustand  des  Erkrankten;  man  sieht  auch 
zuweilen  schon  wenige  Stunden  nach  der  Einspritzung  einen  heftigen 
Anfall  auftreten.  4.  Gleichzeitig  einwirkende  andere  Reize  können 
den  Reizverzug  unterbrechen,  so  starke  Hitze,  Wetterumschlag, 
Verletzungen.  Dasselbe  verursachen  gleichzeitig  eingespritzte  andere 
Reizmittel  (Proteinkörper,  Yatren,  Kieselsäure,  Schwefel  usw.).  Hier 
tritt  nach  wenigen  Stunden  die  Reaktion  ein,  und  zwar  schneller  und 
heftiger,  als  wenn  man  Ameisensäure  oder  jene  Mittel  allein  einge¬ 
spritzt  hätte. 

Der  Reizverzug  der  Ameisensäure  ist  aber  nicht  nur  bei 
Kranken,  sondern  auch  bei  Gesunden  bemerkbar.  Allerdings 
sind  bei  den  letzteren  sehr  viel  höhere  Gaben  notwendig. 
Das  zeigen  sehr  schön  noch  nicht  veröffentlichte  Selbstversuche 
von  A.  Z  i  m  m  e  r.  Er  spritzte  sich  5  ccm  einer  1  proz.  Lösung 
von  Ameisensäure  ein,  ohne  die  geringste  Wirkung  zu  ver¬ 
spüren;  bei  einem  zweiten  Versuch  spritzte  er  5  ccm  einer 
5  proz.  Lösung  ein,  ohne  dass  in  den  nächsten  10  Tagen  irgendwelche 
fühlbaren  Wirkungen  verspürt  wurden  und  ohne  dass  das  Blut¬ 
bild  sich  wesentlich  änderte.  Vom  10.  Tage  ab  entwickelte  sich  all¬ 
mählich  eine  allgemeine  körperliche  und  geistige  Abgeschlagenheit, 
Schmerzhaftigkeit  der  Kniegelenke  und  Schlafsucht,  Erscheinungen, 
die  Zimmer  eine  gewisse  Zeit  arbeitsunfähig  machten.  Der  Krank¬ 
heitszustand  hielt  etwa  6  Wochen  ziemlich  unvermindert  an,  um  dann 
allmählich  zu  verschwinden.  Dasselbe  Krankheitsbild,  nur  weniger 
ausgesprochen,  beobachtete  Zimmer  gelegentlich  auch  bei  Gelenk¬ 
kranken  nach  Anwendung  kleiner  Dosen. 

(Nebenbei  bemerkt:  Die  gänzlich  verschiedene  Wirkung  der  Ameisen¬ 
säure  bei  Kranken  und  bei  Gesunden,  je  nach  Höhe  der  Dose,  je  nach  der 
Krankheit,  je  nach  dem  augenblicklichen  Zustand  des  Kranken,  je  nach  ver¬ 
änderten  äusseren  Umständen  usw.  ist  ein  geradezu  klassisches  Beispiel  für 
die  Richtigkeit  der  Lehre  von  Hugo  Schulz  über  die  Reizmittel.) 

Als  ein  nach  anderen  Richtungen  hin  lehrreiches  Beispiel  von 
Reizverzug  erwähne  ich  den  Reizablauf  nach  Einspritzung  von  art¬ 
fremdem  Blut  oder  Serum.  Bringt  man  dies  in  genügender  Menge 
in  die  Blutbahn,  so  sehen  wir  zunächst  eine  fast  unmittelbare  Vor¬ 
reaktion,  die  je  nach  der  Höhe  der  Gabe  mehr  oder  weniger  stürmisch 
ist,  von  der  selten  fehlenden  flüchtigen  Röte  und  Hitze  im  Gesicht, 
oft  verbunden  mit  Kreuzschmerzen,  bis  zu  den  schlimmsten  soge¬ 
nannten  „Transfusionserscheinungen“  (Atemnot,  Speien  von  Schleim 
und  Blut,  heftig  vermehrte  Peristaltik,  Ohnmacht  usw.).  Diese  Re¬ 
aktionen  gehen  schnell  vorüber,  etwa  eine  Woche  später  aber  entsteht 
nach  scheinbar  vollständigem  Reizablauf  die  Serumkrankheit. 

IV.  Die  Phosphornekrose. 

Der  Phosphor  ist  ein  ausgesprochenes  Reizmittel.  Schon  Georg 
Wegner10),  der  die  berühmten  Versuche  über  den  Einfluss  des 
Phosphors  auf  den  Organismus  anstellte,  hatte  das  erkannt.  Er  hebt 
hervor,  das  dieses  Mittel  in  grossen  Gaben  zur  Erkrankung  führe, 
in  kleinen  formativ  reize.  „Während  dort  Untergang,  ist  hier  blei¬ 
bende  Neubildung  die  Folge.“  Der  Phosphor  fügt  sich  also  der  Regel, 
die  Hugo  Schulz  für  die  Reizmittel  aufgestellt  hat;  kleine  Dosen 

8)  S.  Kisch:  Diagnostik  und  Therapie  der  Knochen-  und  Gelenk¬ 
tuberkulose,  Leipzig  1921. 

8)  Krull:  Ameisensäure  und  chronische  Krankheiten.  5.  Aufl.  Mün¬ 
chen  1911  bei  G  m  e  1  i  n. 

10)  Der  Einfluss  des  Phosphors  auf  den  Organismus.  Virch.  Arch.  55.  Bd. 

2* 


io08 


MÜNCHENER  MEDI ZIN1SCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  31. 


wirken  umgekehrt  wie  grosse,  jene  erregen,  diese  lähmen  oder  töten. 
Die  Reizwirkung  des  Mittels  bei  der  Phosphornekrose  kann  ausser¬ 
ordentlich  lange  verborgen  bleiben.  Im  Jahre  1833  wurden  in 
Deutschland  die  ersten  Phosphorzündholzfabriken  gegründet,  aber 
erst  1838  wurde  die  erste  Kiefererkrankung  beobachtet.  Das  Hesse 
sich  natürlich  am  besten  so  erklären,  dass  erst  die  langjährige  Ein¬ 
wirkung  der  Phosphordämpfe  die  Reizschwelle  erreicht  habe.  Aber 
es  sind  Fälle  bekannt11),  wo  Arbeiter  und  Arbeiterinnen  erst  Jahre 
nachdem  sie  die  Herstellung  von  Phosphorzündhölzchen  aufgegiben 
hatten  und  inzwischen  nie  mehr  mit  Phosphor  in  Berührung  gekom- 
men  waren,  erkrankten.  Die  Krankheit,  die  ja  bekanntlich  gewöhnlich 
nur  die  Kiefer  befällt,  wurde  vor  allen  Dingen  ausgelost  durch  Zahn¬ 
karies,  Verletzungen  und  Schwangerschaften.  Hier  handelt  es  sich 
also  um  einen  ausserordentlich  langen  Reizverzug,  der  durch  neue 
Reize  unterbrochen  wurde. 

Verletzungen  können  auch  die  Krankheit  an  Knochen  auslosen, 
die  sonst  nicht  an  Phosphornekrose  zu  erkranken  pflegen.  Emen 
solchen  Fall,  der  die  Knochen  des  Beins  betraf,  beschreibt  Wegner 
in  seiner  erwähnten  Arbeit. 


V.  Badekuren. 


Im  Anschluss  an  einen  Vortrag  über  Reizbehandlung  in  der  Klinik 
machte  mich  einer  meiner  Assistenten,  der  aus  der  Gegend  von 
Wildbad  stammt,  auf  eine  sehr  lesenswerte  Arbeit  von  Schober. 
„Wildbad  und  seine  Heilquellen“12),  aufmerksam,  in  der  von  den 
dortigen  Bädern  nicht  nur  ähnliche,  sondern  gleiche  Wirkungen  be¬ 
schrieben  werden,  wie  wir  sie  bei  den  eingespritzten  Reizkorpern 
sehen.  Auf  diese  Uebereinstimmung  wies  ich  in  meinem  Schlusswort 
in  der  Aussprache  über  einen  Vortrag  über  „Heilentzündung  und  neil- 
fieber“  in  der  Berliner  medizinischen  Gesellschaft  hin  -)  und  er¬ 
klärte,  dass  ich  demnach  auch  die  Wildbader  Kur  als  eine  Reiz¬ 
behandlung  auffassen  müsse.  Der  Gedanke  wurde  von  Schober  ) 
und  Gerönne”)  weiter  ausgeführt,  und  mein  Assistent  A.  Zim¬ 
mer1®)  zeigte,  dass  man  künstlich  mit  Bädern  in  destilliertem  \\as- 
ser  ganz  ähnliche  Reizwirkungen  wie  durch  Proteinkörper  usw.  her- 
vorrufen  kann. 

Wir  sind  deshalb  wohl  berechtigt,  den  Erfolg  von  gewissen 
Badekuren  auf  Reizwirkungen  zurückzuführen.  Nun  geben  häufig 
Badeärzte  ihren  Kranken,  die  bis  zum  Verlassen  des  Badeortes 
keinen  Heilerfolg  verspürten,  den  Treust  mit  auf  den  Weg,  dieser  Er¬ 
folg  werde  erst  später  als  Nachwirkung  der  Bäder  auftreten.  Diese 
Behauptung  soll  man  nicht,  wie  es  häufig  geschieht,  belache, n, 
denn  es  liegt  ein  grosses  Stück  Wahrheit  darin.  Nicht  nur  haben 
oft  urteilsfähige  Kranke  mir  versichert,  dass  der  Erfolg  der  Kur 
zweifellos  erst  nach  dem  Verlassen  des  Bades  eingetreten  sei,  son¬ 
dern  ich  habe  mich  selbst  davon  überzeugt,  insbesondere  auch  nach 
Kuren  in  Wildbad.  Während  wir  nun  oft  beim  Menschen  den  Reiz¬ 
verzug  (z.  B.  beim  Röntgenlicht  und  der  Phosphornekrose)  als  Schä¬ 
digung  sich  auswirken  sehen,  so  tritt  er  hier  als  Wohltat  in  die  Ki¬ 
scheinung. 


VI.  Die  Befruchtung. 


Man  glaubte  früher,  dass  zur  Befruchtung  zwei  Zellen  verschie¬ 
dener  Herkunft,  Ei-  und  Samenzelle,  notwendig  seien  und  die  Ver¬ 
schmelzung  beider  die  Vorbedingung  für  das  Entstehen  eines  neuen 
Wesens  sei.  Man  hielt  also  die  Befruchtung  für  einen  durchaus 
„spezifischen“  Vorgang.  R.  Hertwig,  Loeb  und  andere10)  aber 
zeigten,  dass  die  allerverschiedensten  chemischen  und  mechanischen 
Reize  Eier  niederer  Tiere  zur  Entwicklung  bringen.  Dasselbe  gelang 
durch  thermische  Reize,  und  zwar  sowohl  durch  plötzliche  Erwär¬ 
mung,  als  auch  durch  plötzliche  Abkühlung.  Man  nannte  das  künst¬ 
liche  oder  experimentelle  Parthenogenese.  Bald  darauf  fand  B  a  - 
taillon,  dass  man  eine  parthenogenetische  Entwicklung  der  Eier 
eines  Wirbeltieres,  des  Frosches  Rana  fusca  verursachen  kann,  wenn 
man  sie  mit  einer  scharfen  Platinnadel  vorsichtig  ansticht  und  sie 
dann  mit  Wasser  übergiesst  (Parthenogenese  traumatique).  Es  tut 
der  grundsätzlichen  Bedeutung  der  Entdeckung  keinen  Abbruch,  dass 
nur  ein  Teil  der  Eier  sich  soweit  entwickelt,  dass  Larven  ausschliipten 
und  nur  ein  ganz  kleiner  Teil  es  zur  Metamorphose  bringt. 

Ausser  der  geschlechtlichen  Befruchtung  können  also  alle  mög¬ 
lichen  chemischen  und  mechanischen  Reize  das  Ei,  das  sonst  schnell 
abstirbt  und  verfault,  vor  dem  Absterben  bewahren  und  zur  Weiter¬ 
entwicklung  erregen.  Allerdings  vermag,  wenigstens  beim  Wirbel¬ 
tier,  nur  die  natürliche  Befruchtung  gesunde  und  daseinsfähige  Aresen 
zu  erzeugen  und  nur  die  Amphimixis,  die  Verschmelzung  der  väter¬ 
lichen  und  der  mütterlichen  Zelle  das  Erbgut  der  Art  zu  übertragen, 


was  uns  hier  nicht  interessiert.  Wichtig  ist  auch,  dass  derselbe  Reiz 
das  Ei  gleichzeitig  zu  den  drei  Formen  der  lätigkeit  erregt,  aie 
Vircho  w  mit  Funktion,  Nutrition  und  Formation  bezeichnet  hat.  ■ 


«)  Solche  Fälle  sind  beschrieben  bei:  a)  Jost:  Zur  Phosphornekrose. 
Bruns’  Beitr.  12.  Bd.  b)  v.  Schulthess-Rechberg:  Ueber  Phosphor¬ 
nekrose  und  den  Ausgang  ihrer  Behandlung.  Inaug.-Diss.,  Zürich  1 879. 
c)  Riedel:  Ueber  Phosphornekrose.  Verhandl.  d.  D.  Oes.  f.  Chir., 
25.  Kongress,  d)  v.  Biebra  und  Geist:  Die  Krankheiten  der  Arbeiter 
in  den  Phosphorzündhölzchenfabriken.  Erlangen  1847. 

12)  B.kl.W.  1921,  Nr.  13,  S.  307.  ^  ... 

13)  Heilentzündung  und  Heilfieber  im  Lichte  der  Balneologie.  D.m.W. 
1922  Nr.  14. 

u)  Zur  Proteinkörpertherapie  der  Gelenkerkrankungen.  Allgem.  med. 
Zentralztg.  1921  Nr.  32/33.  .  ,  _  ,  , 

16)  Zur  Schwellenreiztherapie  der  chronisch-rheumatischen  Gelenk-  und 
Muskelerkrankungen  Allgem.  med.  Zentralztg.  1922  Nr.  27/28. 

lB)  S.  O.  Hertwig:  Allgemeine  Biologie.  4.  Auflage,  Xll.  Kap. 
S.  359.  Jena  bei  Fischer. 


Die  Aehnlichkeit  der  Befruchtung  mit  der  Erregung  der  Regeneration  ist 
schon  frühzeitig  den  Forschern  aufgefallen  und  hat  dazu  geführt,  dass  man 
zwischen  beiden  Vorgängen  Parallelen  gezogen  hat.  die  darin  gipfe  n  dass 
Verletzungen  beide  hervorrufen.  So  ist  es  eine  in  der  Biologie  jetzt  weit 
verbreitete  Ansicht,  dass  die  Entwicklung  des  Eies  durch  die  beträchtliche 
Verletzung,  die  der  Samenfaden  ihm  zufügt,  eingeleitet  wird.  Diese  Ansicht 
haben  schon  vor  langer  Zeit  Bataillon  und  O.  H  e  r  t  w  1  g  ausgesprochen, 
ln  einseitiger  Weise  hat  neuerdings  der  Botaniker  H  ab  erlandt  beide 
Vorgänge  gleichgestellt.  Er  wies  experimentell  nach1*),  dass  bei  Ver¬ 
letzungen  von  Kohlrabi-  und  Kartoffelknollen  der  Wachstumsrciz  auf  die 
Zellen,  die  den  Wundkork  bilden,  von  Zellnekrosen  ausgeht  Die  Zer¬ 
setzungsprodukte  der  getöteten  Zellen  der  Siebröhren  erregen  die  Speicher¬ 
zellen  zur  Teilung  und  zur  Bildung  des  Wundkorkes.  H  a  b  e  r  1  a  n  d  t  nen.it 
diese  wirksamen  Zersetzungsprodukte  der  Zellen  Wundhormone.  Schon  vor 
Habcrlandt  habe  ich18)  auf  die  Notwendigkeit  hingew.esen,  Regenera- 
tionshormone  beim  Menschen  anzunehmen.  Haberlandts  nntuecKUiik 
der  Wundhormone  der  Pflanzen  hat  nun  in  den  Köpfen  einiger  Mediziner, 
die  die  einschlägigen  Verhältnisse  oberflächlich  betrachteten,  grosse  er- 
wirrung  angerichtet.  Sie  sahen  darin  den  experimentellen  Beweis  der  An¬ 
nahme  von  Regenerationshormonen,  sie  haben  aber  den  grundsätzlichen 
Unterschied  zwischen  beiden  übersehen.  Ganz  abgesehen  davon,  dass  der 
Mensch  etwas  anderes  ist,  als  eine  Kartoffel-  oder  Kohlrabiknolle,  erzeugt 
Haberlandt  keine  wahren  Regenerate,  die  ich  beabsichtige,  und  die 
allein  erstrebenswert  sind,  sondern  Narben.  Es  sollte  aber  eigentlich 
Medizinern  nicht  unbekannt  sein,  dass  Zellnekrosen.  Fremdkörper,  die  Ein¬ 
flüsse  der  Ausscnwelt  (Luft,  Wasser)  und  andere  als  Schädlichkeiten  ein¬ 
wirkende  Dinge  Narben  hervorrufen,  die  ich  gerade  vermeiden  will  und  dass 
die  Narbe  um  so  schlechter  wird,  je  mehr  Nekrosen  auf  die  Wunde  ein¬ 
wirken.  [Vgl.  meine  Arbeiten:  Beobachtungen  über  Regeneration  beim 
Menschen  IX.  Abh.,  Falsche  Regeneration:  b)  die  Narbe j  )  und  Re¬ 
generation  und  Narbenbildung  in  offenen  Wunden  usw. -  )|.  Will  man  wahre 
Regenerate  erzielen,  so  muss  man  neben  anderen  Schädlichkeiten  vor  allem 
auch  die  Zelluckrosen  möglichst  hintanhalten,  was  nicht  ausschliesst.  dass  Zell- 
nckrosen  in  kleinsten  Mengen  an  der  Erzeugung  wahrer  Regenerate  solche 
in  grösserer  Menge  bei  der  Erzeugung  von  Narben,  mitbeteiligt  sind.  (Im  Ein¬ 
klang  mit  dem  Arndt-Schulz  sehen  Gesetze  von  der  entgegengesetzten 
Wirkung  schwacher  und  starker  Reize.)  Deshalb  ist  die  Bezeichnung  von 
Zerfallsprodukten  von  Zellen,  die  das  Gegenteil  des  wahren  Regenerates. 
ein  schlechtes  Ersatzgewebe,  das  wir  Narbe  nennen,  hervorrufen,  als  Hormone 
beim  Menschen  durchaus  nicht  gerechtfertigt.  .  Wir  sind  gewohnt  Hormon 
solche  Reize  zu  nennen,  die  „spezifische“  Wirkungen  ausuben.  Ich  zeigte 
nun  dass  von  der  verletzten  Sehne  ein  Reiz  ausgeht,  der1  Sehnen,  vom 
Knochen  ein  solcher,  der  Knochen,  und  zwar  in  der  ursprünglichen  Form 
und  mit  der  ursprünglichen  Funktion  hervorruft  usw.  Also  von  jedem  ver¬ 
letzten  Organe  geht  der  „spezifische“  Reiz  aus,  der  die  gesetzte  Wunde 
oder  sogar  metaplastisch  Naclibargewebe  zur  Erzeugung  des  wahren  Re- 
generates  erregt.  Das  sind  wirkliche  Hormone.  Gröbere  Zellnckrosen  da¬ 
gegen  gehören  zu  den  Reizen,  die  auch  beim  Menschen,  wie  in  Haber- 
1  an  d  t  s  Pflanzenversuchen,  Narben  hervorrufen.  Die  Narbe  des  Menschen 
ist  aber  nach  meiner  Meinung  eine  Krankheit  -1).  So  kämen  wir  denn  zu 
der  Auffassung,  dass  es  Krankheitshormone  gibt.  Die  praktische  Uebertragung 
dieser  Versuche  auf  den  Menschen,  die  man  schon  vorgenommen  hat  ist  also 
widersinnig.  Man  erzielt  damit  derbe  Narben,  die  man  gerade  möglichst  ver- 

"  ^'h'u  b°e  r /a  n  d  23)  zog  nun  ebenfalls  die  Paraljele  zwischen  der  Pei¬ 
lung  von  Körperzellen  und  insbesondere  der  Wundheilung  auf  der  einen  und 
der  Befruchtung,  und  zwar  sowohl  der  natürlichen  Befruchtung  wie  de 
künstlichen  Parthenogenese  auf  der  anderen  Seite  und  suchte  die  letztere  nnt 
seinen  Versuchen  über  Wundhormonc  in  Uebereinstimmung  zu  bringen.  Er 
nimmt  an,  dass  sich  die  befruchtete  Eizelle  deshalb  teilt  weil  sie  beim  Ein¬ 
dringen  der  Samenzelle  mechanisch  verletzt  wird  und  teilungsausloocnde 
Wuiidhormone  erzeugt  werden,  die  als  Nekroliormone,  d.  h.  als  Reizstoh 
entstanden  aus  abgestorbenen  Teilen  der  verletzten  Eizelle  und  der  ein¬ 
gedrungenen  Samenzelle  zu  denken  sind..  .  ll 

Ganz  ähnliche  aber  noch  viel  weitergehende  Anschauungen,  wie  sie 
Haberlandt  vertritt,  hatte  auch  ich  früher.  Ich  sprach  einmal  den  /.t  • 
Setzungsprodukten  des  menschlichen  Körpers,  als  selbstregulierenden  Reiz¬ 
stoffen,  die  fast  alleinherrschende  Bedeutung  für  alle  Tätigkeiten  d  s  Lebens 
nämlich,  um  bei  Virchows  Einteilung  zu  bleiben,  für  Funktion,  Nutntnn. 
und  Formation  zu.  Diese  Anschauung  ging  ursprünglich  aus  von  den  BeoD- 
a-htungen,  die  ich  bei  der  Tierbluttransfusion-1)  machte.  Sie  fusste  .ernei 
auf  Beobachtungen  von  Pflüge  r.W  e  i  g  e  r  t  u.  a  Wie  lchhi‘n : 
Abhandlung  „Reiz  und  Reizbarkeit“  -J)  ause.nandergesetzt  habe  bin  ich  voi 
dieser  einseitigen  Anschauung  abgekommen.  Ich  konnte  für  diesen  Wechse 
in  der  Anschauung  ausser  den  dort  aufgefuhrten  noch  zahlreiche  ande 
Gründe  Vorbringen;  das  will  ich  mir  aber  lieber  aufsparen  bis  auf  eine  den 
nächst  erscheinende  Abhandlung  über  den  formativen  Reiz,  und  hier  nu 
feststellen,  dass  ich  nach  langjähriger  und  besonders  vielseitiger  Erfahrun, 


17)  H  a  b  e  r  1  a  n  d  t:  a)  Zur  Physiologie  der  Zellteilung.  Sitzungsbericht' 
der  Preuss.  Akademie  der  Wissensch.  1921,  8.  b)  Wundhormone  als  Errege 
von  Zellteilungen.  Berlin  bei  B  o  r  n  t  r  ä  g  e  r  1921  und  eine  Reihe  neuere 

Abhandlungen^  Beobachtungen  über  Regeneration  beim  Menschen.  11.  Abi 
DmW  1917  Nr.  27 — 30  und  eine  Reihe  der  diesen  folgenden  Arbeiten. 

'“)  D.m.W.  1918  Nr.  1. 

-°)  B.kl.W.  1917  Nr.  9  u.  10.  ...... 

21)  Ich  mache  wiederholt  darauf  aufmerksam,  dass  die  Narbe  im  noi. 

malen  Körper  nirgends  vorkommt.  -  ‘ 

«)  Rh  kann  hier  auf  diese  Verhältnisse  nur  ganz  oberflächlich  eingehe 
und  behalte  mir  ihre  genauere  Erörterung  für  eine  Arbeit  über  formattv 
Reize,  die  demnächst  erscheinen  soll,  vor.  _  ... 

23)  Haberlandt:  Ueber  Zellteilungsformen  und  ihre  Beziehungen  zu 
Wundheilung,  Befruchtung,  Parthenogenesis  und  Adventivembryonen.  BiOl 

Zbl’  “fßiVr:  Die  Transfusion  von  Blut,  insbesondere  von  fremdartige: 
Blut  usw.  M.m.W,  1901  Nr.  15. 

2B)  M.m.W.  1921  Nr.  46  u.  47. 


August  192.^. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1009 


iuf  diesem  Gebiet  zu  der  V  i  r  e  li  o  w  sollen  Erklärung,  der  den  Reiz  als 
.'ine  Störung  der  Zelle  auffasst,  zurüdkgekehrt  bin.  Nur  dieser  Aus¬ 
druck  wird  allen  Tatsachen  gerecht.  Man  kann  osmotische,  elektrische  usw. 
Störungen  machen,  am  besten  aber  spricht  man  ganz  allgemein  von  Gleich¬ 
gewichtsstörungen.  Eine  solche  Störung  braucht  noch  keineswegs,  wie  das 
’  f  1  ü  g  e  r  und  Weigert  für  die  funktionelle  Hypertrophie  und  für  die  Zell- 
cilung  bei  der  Bildung  neuen  Gewebes  und  neuerdings  Haberl  andt  nur 
ür  die  letztere  annehmen,  eine  Schädigung  zu  sein  20).  Diese  und  insondcr- 
leit  die  Zellnekrose  ist  nur  eine  unter  den  vielen  möglichen  Störungen,  aller- 
lings  eine  ausserordentlich  verbreitete.  Es  ist  aber  dafür  gesorgt,  dass  das 
ebende  Wesen  wegen  der  wechselnden  Einflüsse  der  Aussenwelt  und  der 
ortwährend  in  seinem  Innern  stattfindenden  Zersetzungen  fortwährend  sol- 
hen  Störungen  ausgesetzt  ist.  Ohne  sie  gibt  es  kein  Leben,  denn  ohne  sie 
mdet  keine  Zellteilung,  kein  Wachstum,  keine  Ernährung,  keine  Verrichtung 
;tatt.  Also  ist  es  widersinnig,  alle  diese  Störungen  als  Schädigungen  zu 
'ezeichncn.  Ebenso  verkehrt  aber  ist  es,  w  enn  V  e  r  w  o  r  n  *7)  u.  a.  an- 
lehmen,  dass  es  ein  Optimum  für  den  Körper  gibt,  wo  er  reizlos  ist.  Reiz¬ 
losigkeit  ist,  wenigstens  beim  höheren  Wesen,  gleichbedeutend  mit  Tod. 

Aus  diesen  weitläufigen  Erörterungen  wollen  wir  das  für  uns 
Wichtige  dahin  züsammenfassen,  dass  der  Befruchtungsvorgang  als 
^eizwirkung  aufzufassen  ist.  Die  Erregung,  die  der  Reiz  der  Be- 
ruchtung  hervorruft,  wirkt  erstaunlich  lange;  sie  kann  beim  Men- 
.chen  80  Jahre  und  länger  dauern.  Durch  diese  Betrachtungen  ge- 
vinnen  wir  ein  überaus  fruchtbares  und  bis  jetzt  nur  wenig  be- 
irbeitetes  Gebiet  von  unabsehbarer  Weite.  Denn  die  Befruchtung 
ind  ihre  Folgen  sind  in  der  so  sehr  verschiedenartigen  und  doch  nach 
inheitlichem  Plane  aufgebauten  organischen  Welt  ausserordent- 
ich  mannigfaltig  und  geben  die  Möglichkeit,  übereinstimmende  und 
oneinander  abweichende  kennzeichnende  Merkmale  des  Reizes  be- 
onders  gut  zu  studieren. 

,)  Die  Befruchtung  und  Entwicklung  des  Reh  eie  s. 

Die  Tragzeit  der  Tiere  richtet  sich  im  allgemeinen  nach  ihrer 
irösse.  Deshalb  wunderten  sich  die  Jäger,  dass  das  kleine  Reh, 
lessen  Brunft  sich  von  Mitte  Juli  bis  Anfang  August  abspielt,  sem 
Calb  etwa  zur  selben  Zeit  setzt,  wie  der  verwandte  grosse  Hirsch, 
lessen  Brunft  von  Mitte  September  ab  bis  etwa  zum  10.  Oktober, 
Iso  2  Monate  später,  verläuft.  Ferner  war  schon  den  alten  Jägern 
'ekaunt,  dass  man  vor  Ende  Dezember  keine  Veränderungen  an  den 
veiblichen  Rehen  vorfindet,  die  auf  Trächtigkeit  schliessen  lassen. 
Yegen  dieser  Beobachtungen  nahm  man  für  das  Rehwild  zwei 
irunftzeiten  an,  eine  falsche  Ende  Juli  und  Anfang  August  und  eine 
ivalire  im  Dezember28).  Des  Rätsels  Lösung  brachte  Bischoff29). 
:r  fand,  dass  die  befruchteten  Eier  der  Rehe  von  Mitte  August  bis 
:nde  Dezember  im  Uterus  liegen  bleiben,  ohne  sich  weiter  zu  ent¬ 
wickeln.  Nach  Blschoffs  Untersuchungen  furcht  sich  auch  das 
efruchtete  Rehei  im  Eileiter,  aber  seine  Zerlegung  in  Furchungs¬ 
ellen  sollte  wieder  rückgängig  werden,  sein  Inhalt  sich  wieder  in 
er  Zona  pellucida  verteilen  und  dann  eine  Ruhepause  von 
'/->  Monaten  eintreten.  Der  Uterus  verändert  sich  während  dieser 
leit  nicht,  so  dass  man  meint,  das  Tier  sei  nicht  trächtig.  „Allein 
lötzlich  nach  Mitte  Dezember  fängt  das  Ei  mit  derselben  Schnellig- 
eit  des  Fortgangs  der  Entwicklung,  wie  bei  allen  übrigen  Säuge¬ 
ieren  und  namentlich  Wiederkäuern  an,  sich  zu  entwickeln,  und 
war  so,  dass  in  der  Zeit  von  21—25  Tagen  alle  Teile  des  Eies  und 
;lle  Organe  soweit  gebildet  sind,  dass  sie  fortan  bis  zur  Geburt  nur 
och  eine  Vergrösserung  erfahren.“  45  Jahre  lang  galten  diese  Be- 
bachtung^n  Bischoffs,  bis  K  e  i  b  e  1 30)  und  sein  Schüler 
■  a  k  u  r  a  i 31)  zeigten,  dass  die  Sache  sich  doch  etwas  anders  ver- 
ält.  Eine  völlige  Ruhezeit  des  Reheies  von  August  bis  Dezember 
egt  nicht  vor,  denn  man  beobachtet  auch  während  dieser  Zeit  Kern- 
-•ilungen.  Aber  das  Ei  entwickelt  sich  in  den  ersten  A'A  Monaten 
usserordentlich  langsam;  es  macht  einen  Entwicklunggang  durch, 
en  das  Ei  des  Schafes  und  des  Schweines  in  höchstens  4 — 5  Tagen 
urchläuft.  Ferner  fehlt  während  der  ganzen  Zeit  der  scheinbaren 
iruhe  der  hormonale  Reiz  der  Schwangerschaft,  der  den  Körper 
er  Mutter  umgestaltet. 

Andere  Beispiele  von  Verzug  des  Befruchtungsreizes  sind  bei 
öfteren  Tieren  nicht  bekannt,  wohl  aber  bei  Insekten. 

b)  Der  Keimverzug  der  Pflanzensamen. 

Wie  bei  den  Tieren,  so  ist  auch  bei  den  Pflanzen  nur  das  durch 
en  Reiz  der  Befruchtung  erregte  Ei  lebensfähig.  Die  nicht  be- 
uchteten  Samen  gehen  zugrunde;  bei  Feuchtigkeit  und  Wärme 
erschimmeln  oder  verfaulen  sie  schnell,  während  die  Befruchtung 
nter  denselben  Einflüssen  die  Samen  anregt,  chemische  Stoffe  zu 
ilden,  die  das  Wachstum  zesrtörender  Pilze  verhindern  und  sich 
u  entwickeln. 

Bezüglich  der  Erhaltung  der  Keimfähigkeit  und  des  Beginns  der 
eimung  aber  gibt  es  bei  den  Pflanzen  die  grössten  Unterschiede. 

2')  Vgl.  Orth:  Rückblicke.  Virch.  Arch.  200.  Bd. 

■')  V  e  r  w  o  r  n:  Allgemeine  Physiologie. 

‘0  v.  R  a  e  s  f  e  1  d:  Das  Rehwild.  Berlin  bei  P  a  r  e  y. 

Bischoff:  Entwicklungsgeschichte  des  Rehes.  Giessen  1854. 

)  K  e  i  b  e  1 :  a)  Zur  Entwicklungsgeschichte  des  Rehes.  Verhandl.  d. 
iat.  Ges.,  Tübingen  1899.  b)  Frühere  Entwicklungsstadien  des  Rehes  und 
ic  Gastrulation  der  Säuger.  Verhandl.  d.  anat.  Ges.,  Bonn  1901.  c)  Die 
ntwicklungsgeschichte  des  Rehes  bis  zur  Anlage  des  Mesoblast.  Arch. 
Anat.  u.  Physiol.,  Anat.  Abt.  1902. 

)  Sakurai:  Normentafeln  zur  Entwicklungsgeschichte  des  Rehes  in 
eibels  Normentafeln  zur  Entwicklungsgeschichte  der  Wirbeltiere,  6.  Heft, 

na  bei  Fischer. 


Ich  will  sie  hier  nur  kurz  schildern,  wie  sie  mir  aus  meiner  prak¬ 
tischen  Beschäftigung  mit  der  Forstwirtschaft  geläufig  sind,  und 
einiges  aus  der  Literatur  hinzufügen:  Die  Feldrüster  (Ulmus  cam- 
pestris)  blüht  Ende  März;  Ende  Mai  fällt  der  reife  Samen  ab.  Sät 
man  ihn  zu  dieser  Zeit,  so  geht  er,  vorausgesetzt,  dass  ihm  reichlich 
Feuchtigkeit  zugeführt  wird,  binnen  1—3  Wochen  zu  30—40  Proz. 
auf  (die  Feldrüster  beansprucht  eine  hohe  Bodenfeuchtigkeit,  ähnlich 
wie  die  Esche).  Der  Samen  verliert  aber  bald  seine  Keimfähigkeit, 
d.  h.  mit  anderen  Worten,  er  stirbt  schnell  ab.  Schon  von  dem  im 
August  in  die  Erde  gebrachten  Samen  geht  nur  ein  geringer  Prozent¬ 
satz  auf,  nach  einem  halben  Jahre  nichts  mehr. 

Die  Kiefer  (Pinus  silvestris)  blüht  im  Mai  und  Juni;  bis  zur  Reife 
des  Samens  vergehen  fast  2  Jahre.  Die  warme  Märzsorme  lässt  als¬ 
dann  die  Zapfen  springen  und  die  reifen  geflügelten  Samenkörner 
werden  durch  den  Wind  verweht.  Fliegen  sie  auf  geeigneten  Boden 
an,  oder  sät  sie  der  Forstmann,  so  gehen  sie  bei  genügender  Feuchtig¬ 
keit  in  3 — 5  Wochen  auf.  Bei  beiden  Baumarten  also  entwickelt  sich 
sofort  nach  der  Reife  der  gesäte  Samen  weiter,  wenn  ihm  die  nötigen 
Bedingungen,  im  wesentlichen  Wärme  und  Feuchtigkeit,  geboten 
werden.  Wir  sehen  also  von  der  Befruchtung  zur  Zeit  der  Blüte 
bis. zum  Aufgehen  und  zum  selbständigen  Wachstum  des  Sämlings 
eine  ununterbrochen  fortlaufende  Entwicklung,  die  bei  der  Rüster 
schnell,  bei  der  Kiefer  langsam  erfolgt.  In  folgender  Richtung  aber 
finden  wir  zwischen  den  beiden  Bäumen  schon  einen  grossen  Unter¬ 
schied;  der  Feldrüstersamen  muss  schnell  in  die  Erde  gebracht  wer¬ 
den;  schon  bald  nach  der  Reife  lässt  seine  Keimfähigkeit  nach,  und 
schon  nach  einem  halben  Jahre  ist  sie  erloschen.  Wir  kennen  kein  Mit¬ 
tel,  sie  zu  erhalten.  Dem  Kiefernsamen  dagegen  kann  man  lange  Jahre 
seine  Keimfähigkeit  bewahren.  So  hielt  sich  der  von  der  Forst¬ 
akademie  Eberswalde  in  versiegelten  Glasflaschen  bei  Keller¬ 
temperatur  aufbewahrte  Kiefernsamen  noch  8 — 10  Jahre  (und  wahr¬ 
scheinlich  noch  länger)  vollkommen  keimfähig32).  Hier  ist  also  ein 
Keimverzug  künstlich  durch  eine  besondere  Behandlung  des 
Samens,  d.  h.  durch  äussere  Ursachen  hervorgerufen. 

Zur  Keimung  nötige  Bedingungen  sind  in  grosser  Anzahl 
bekannt.  Die  wichtigste  davon  ist  die  Quellung  durch  Wasser. 
Trocken  aufbewahrter  Samen  keimt  nicht.  Ebenso  benötigt 
er  zur  Keimung  Sauerstoff  und  Wärme,  die  für  die  ver¬ 
schiedenen  Arten  sehr  verschieden  hoch  sein  muss.  Jeder 
Samen  hat  sein  Wärmeoptimum.  Einzelne  keimen  nur  bei 
niederer  Temperatur.  Das  gilt  für  alle  Arten  von  Samen.  Daneben 
aber  verlangen  die  einzelnen  noch  ganz  besondere  Bedingungen;  die 
einen  keimen  nur  im  Licht,  die  anderen  nur  im  Dunkeln;  einzelne  ver¬ 
langen  bestimmte  chemische  Einwirkungen,  z.  B.  Stoffwechselpro¬ 
dukte  von  Bakterien,  viele  im  Norden  oder  in  grosser  Höhenlage  wach¬ 
sende  Samen  ein  starkes  Durchfrieren.  Die  einen  Samen  wollen  zum 
Keimen  mit  viel,  die  anderen  mit  ganz  wenig  Erde  bedeckt  sein.  Auch 
die  Luftelektrizität  scheint  eine  Rolle  zu  spielen.  Beseitigt  man  eine 
oder  mehrere  dieser  für  alle  oder  einzelne  Arten  notwendigen  Be¬ 
dingungen,  so  verursacht  man  in  dem  einen  Fall  (Rüstersamen)  Ab¬ 
sterben,  im  andern  Fall  (Samen  von  Kiefern  und  den  meisten  anderen 
Bäumen)  Keimverzug.  Diese  Erfahrungen  sind  für  Forst-  und  Land¬ 
wirtschaft  und  für  die  Gärtnerei  von  hoher  praktischer  Bedeutung. 
Näher  kann  ich  darauf  nicht  eingehen  und  verweise  auf  die  Lite¬ 
ratur  33). 

Wielange  man  durch  Aenderung  der  äusseren  Bedingungen  bei 
vielen  Arten  von  Pflanzensamen  den  Keimverzug  ausdehnen  kann, 
ist  nur  zum  Teil  bekannt.  Sicher  aber  gelingt  es  für  viele  Jahre. 
Zwar  beruhen  die  märchenhaften  Angaben  von  jahrhunderte-  bis  jahr¬ 
tausendlangem  Keimverzug  zweifellos  auf  Schwindel;  so  die  Behaup¬ 
tung,  dass  Weizen  aus  den  Pharaonengräbern  und  Samen  aus  dem  in 
England  aufbewahrten  Herbarium  Linnes  sich  noch  bis  vor  weni¬ 
gen  Jahren  keimfähig  erhalten  hätten.  Aber  auch  die  sicheren  Be¬ 
obachtungen  sind  erstaunlich  genug.  Ich  erwähne  ein  in  der  botani¬ 
schen  Literatur  mehrfach  angeführtes  Beispiel:  Peter  sah  auf 
einem  Waldboden,  der  46  Jahre  vorher  Ackerland  gewesen  war, 
sofort  eine  Reihe  von  Ackerunkräutern  aufgehen,  als  die  Bedingungen 
für  ihr  Keimen  hergestellt  waren.  Liese  teilt  mir  folgendes  mit:  Ein 
Forstmann  sah  beim  Abtreiben  eines  40  jährigen  Waldbestandes  im 
folgenden  Jahre  überall  die  gelbe  Lupine  aufgehen,  die  auf  dem  ehe¬ 
maligen  Ackerlande  vor  40  Jahren  ausgesät  war.  Die  Begründung 
des  Waldbestandes  hatte  die  Bedingungen  für  das  sofortige  Aufgehen 
der  Lupinen  ausgeschaltet.  Der  Samen  machte  also  einen  Keimverzug 
von  40  Jahren  durch.  Aehnliche  Beobachtungen  von  jahrzehntelangem 
Keimverzug  hat  man  besonders  bei  Leguminosen  öfter  gemacht. 

Auch  bei  so  langem  Keimverzug  handelt  es  sich  aber  keineswegs 
um  vollständige  Ruhe.  Leben,  wenigstens  bei  höheren  Pflanzen  und 
Tieren,  ist  ohne  Stoffwechsel  nicht  denkbar.  Einen  solchen  hat  man 
denn  auch  bei  langdauerndem  Keimverzug  nachgewiesen,  nur  ist 
dieser  äusserst  geringfügig  (Vita  minima). 

32)  Ich  verdanke  diese  Mitteilungen  Forstmeister  Prof.  W  i  e  b  e  c  k  e 
und  Forstbotaniker  Dr.  Liese  in  Eberswalde.  Dem  letzteren  Herrn  bin 
ich  ausserdem  noch  für  wichtige  Auskünfte,  insbesondere  für  Literaturnach¬ 
weis  zu  Dank  verpflichtet. 

33)  a)  N  o  b  b  e,  Handbuch  der  Samenkunde,  Berlin  1876  bei  Wiegandt, 
Hempel  und  Parey.  b)  Detmer:  Vergleichende  Physiologie  des  Keimungs¬ 
prozesses.  Jena  1880  bei  Fischer,  c)  v.  Tubeuf:  Samen,  Frucht  und  Keim¬ 
linge.  Berlin  1891.  —  d)  Molisch:  Pflanzcnphysiologie.  5.  Aufl.  Jena 
1922.  e)  Kinzel:  Frost  und  Licht  als  beeinflussende  Kraft  bei  der  Samen¬ 
keimung.  Stuttgart  1913. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  31. 


1010  _ _ _ _ - 

Bemerkenswert  ist.  dass  durch  den  Keimverzug  das  Leben  der 
sonst  einjährigen  gelben  Lupine  auf  mindestens  40  Jahre  und  wahr 
scheinlich  noch  auf  viel  längere  Zeit  ausgedehnt  werden  kann 

Neben  den  äusseren  Ursachen  des  Keimverzugs  gibt  es  aber  auch 
innere  die  auf  Vererbung  beruhen.  Die  Herbstsaat  unserer  Esche 
1  Fraxinus  excclsior 34)]  liegt  bis  zum  übernächsten  Frühjahr  über. 

Sie  lässt  sich  aus  ihrer  Keimruhe  nicht  erwecken.  Ebensowen ig  ge- 
wisse  Koniferensamen  “).  Mit  dem  Samen  der  Rotbuche  (ragus 
silvatica)  habe  ich  zufällig  selbst  Erfahrungen  gemacht.  Ich  wollte 
die  Güte  mir  angebotenen  Saatgutes,  das  ich  benötigte,  im  Herbst 
durch  die  Keimprobe,  wie  man  sie  z.  B.  bei  Kiefernsamen  durch  Dar¬ 
bieten  von  Wärme  und  Feuchtigkeit  anstellt,  prüfen.  Da  nur  etwa 
1  Proz.  der  Buchein  aufliefen,  lehnte  ich  das  Saatgut  ab.  Im  nächsten 
Frühjahr,  zu  derselben  Zeit,  wo  auch  im  Freien  die  Buchein  keimen, 
lief  meine  Versuchssaat  mit  dem  Rest  der  Buchein  auf.  Durch  d 
Unkenntnis  des  ererbten  Keimverzugs  der  Rotbucheln  verpasste  ich 
ein  mir  sehr  wertvolles  Saatgut  (Buchelmast  gibt  es  nur  selten)  und 

erlitt  einen  grossen  Schaden.  .  .  ,  ..  s  .  v.im 

Nahe  verwandte  Pflanzenarten  verhalten  sich  bezüglich  des  Keim¬ 
verzugs  sehr  verschieden.  Die  Eicheln  einer  unserer  beiden  Eicheii- 
arten  die  der  Traubeneiche  (Quercus  sessiliflora),  keimen  schon  im 
Herfet  am  Baume  oder  sleich  nach  dem  Abfall.,  die  de r  nahe  ver. 
wandten  Stieleiche  (Quercus  pedunculata),  die  sich  .mit .der  erstercn 
oft  und  leicht  verbastardiert,  erst  im  nächsten  Frühjahr.  Aehnliche 

Reisniele  gibt  es  in  grosser  Zahl. 

Sogar  die  einzelnen  Bäume  derselben  Eichenart  zeigen  eine  er¬ 
hebliche  Verschiedenheit  des  Keimverzugs,  wie  nur  der  bekannte 
Eichenforscher  Forstmeister  S  e  i  t  z  mitteilte.  Es  ^bt  also  in  der 
selben  Art  noch  verschiedene  Rassen  mit  besonderer  erblicher  V 
anlagung. 

Ich  habe  für  den  Reizverzug  nur  einzelne  hervorstechende  Bei¬ 
spiele  aus  den  verschiedensten  Gebieten  der  Biologie  aus  ge  wählt. 
Ich  könnte  sie  ohne  Mühe  häufen.  Die  diphtherische  Lähmung,  ge¬ 
wisse  Inkubationen  bei  Infektionskrankheiten  und  viele  andere  Vor¬ 
gänge  lassen  eine  ähnliche  Betrachtung  zu.  . 

Eine  nähere  Einsicht  in  diese  Verhältnisse  gewinnen  wir  vor 
allem  durch  den  Reizverzug  der  Befruchtung.  Wir  wissen,  dass  hier 
der  Keimverzug  durchaus  keine  völlige  Keimruhe  bedeutet,  dass 
also  die  Erregung  der  Befruchtung  fortdauert.  Es  wird  nur  die 
schnelle  Entwicklung  der  Frucht  bis  zur  Reife  und l  die  abermals 
schnelle  Entwicklung  des  Keimlings  zum  neuen  selbständigen  Lebe¬ 
wesen  durch  eine  Zeit  scheinbaren  Stillstandes  unterbrochen,  die 
beim  Rehei  4%  Monate  beträgt,  bei  gewissen  Pflanzensamen  Jahr¬ 
zehnte  dauern  kann.  Bei  vielen  der  letzteren  ist  der  Keimverzug 
bedingt  durch  äussere  Einwirkungen  (Trockenheit,  Licht,  Dunkel¬ 
heit,  Wärme,  Kälte  .usw.),  die  in  den  natürlichen  Einwirkungen  der 
Aussenwelt  beruhen,  die  man  aber  auch  weitgehend  künstlich  schaffen 
kann.  Es  gibt  aber  auch  innere  vererbte  Ursachen,  wie  beim  Eschen¬ 
samen.  Hier  bleibt  der  Embryo  trotz  der  verschiedensten  Einwir¬ 
kungen,  die  sonst  die  Keimung  begünstigen,  von  der  Aussaat  bis  zur 
Keimung  äusserlich  unverändert.  Er  war  aber  wahrend  dieser  Zei 
keineswegs  untätig,  denn  er  hat  in  ihr  grosse  chemische  Verände¬ 
rungen  erfahren.  So  sind  die  Proteinkörper  verschwunden,  wahrend 
Stärkekörner  in  reichlicher  Anzahl  aufgetreten  sind.  Man  nimmt  an, 
dass  bei  dieser  chemischen  Umänderung  im  Samen  hemmende 
Hormone  entstehen,  die  die  Weiterentwicklung  des.  Embryos  ver¬ 
hindern  Aehnlich  dürften  sich  die  scheinbar  ruhenden  Reheier  ver¬ 
halten.  Den  Keimverzug  sieht  man  als  eine  zweckmassige  Anpassung 
an  die  Verhältnisse  der  Aussenwelt  an,  die  das  Aufgehen  und  das 
Weiterleben  der  jungen  Pflanzen  ermöglicht. 

Aber  noch  etwas  grundsätzlich  Wichtiges  zeigt  der  Keimverzug 
der  Pflanzensamen:  Durch  die  verschiedensten  neu  hinzutretenden 
Reize  kann  man  ihn  bei  den  .  meisten  Arten  unterbrechen  und  eine 
schnellere  Entwicklung  in  die  Wege  leiten.  Land-  und  Forstwirtschaft 
machen  von  diesem  Verfahren  ausgiebigen  Gebrauch. 

Aehnlich  liegt  die  Sache  bei  den  meisten  anderen  Formen  des 
Reizverzugs.  Er  wird  durch  neu  hinzutretende  Reize  nicht  nur  unter¬ 
brochen,  sondern  der  ursprüngliche  Reiz,  der  sonst  für  immer  un¬ 
wirksam  geblieben  oder  erloschen  wäre,  kann  die  schwerwiegendsten 
Folgen  nach  sich  ziehen,  die  beim  Menschen  meist  eine  grosse  Schä¬ 
digung  bedeuten.  So  entstehen  die  Schädigungen,  die  Monate  nach 
der  Röntgenbestrahlung  auftreten,  zweifellos  häufig  durch  neue  Reize, 
besonders  durch  Verletzungen.  Ich  habe  zwei  solche  Falle  gesehen: 

1  Ein  27  jähriger  Mann  wurde  wegen  einer  Magenerkrankung  mit  Rönt¬ 
genlicht  teils  durchleuchtet,  teils  photographiert:  Im  Januar  1919  einmal,  im 
Februar  1919  dreimal,  im  April  1919  dreimal,  im  Mai  1920  dreimal.  14  Tage 
später  einen  ganzen  Tag  lang  jede  Stunde,  2  Tage  darauf  zweimal,  un 
Februar  und  Oktober  1922  dreimal.  Am  8.  November  1922  wurde  die  Gastro¬ 
enterostomie  bei  ihm  ausgeführt.  Die  Wunde  heilt  p.  p.  i..  doch  brach  die 
Narbe  am  29.  November  1922  wieder  auf.  Es  bildete  sich  ein  grosses  üe- 
schwür  mit  schmierigem  Belage,  das  durchaus  das  Aussehen  eines  Röntgen- 
Geschwüres  hatte,  mit  dem  es  auch  die  Schmerzhaftigkeit  und  die  schwierige 
Heilung  gemein  hatte.  Erst  am  15.  II.  23  war  das  Geschwür  geheilt. 

3i)  Lakon:  Beiträge  zur  forstl.  Samenkunde.  II.  Zur  Anatomie 
und  Keimungsphysiologie  des  Eschensamen.  Naturw.  Zschr.  f.  Forst-  u. 
Landwirtsch.  9.  jahrg.  1911.  _  .  ,  . 

35)  Lakon:  Beiträge  zur  forstl.  Samenkunde.  I.  Der  Keimvorgang  bei 
den  Koniferen-  und  hartschaligen  Leguminosensamen.  Ebenda  9.  Jahrg.  1911. 
Und:  IV.  Zur  Anatomie  und  Keimung  einiger  Koniferensamen.  Ebenda 
10.  jahrg.  1912. 


2  Ein  49  jähriger  Mann  wurde  seit  dem  Jahre  1903  wegen  Pso””'s 
Röntgenlicht  im  ganzen  etwa  50  mal  bestrahlt,  und  zwar  am 
Knip  nnri  am  Unterschenkel.  1913  stiess  er  sich  am  rechten  UnterschenKei. 

An  dieser  Stelle  entwickelte  sich  ein  schmerzhaftes  Geschwür,  das  nicht 
wieder  heilte  Da  der  Kranke  1895  syphilitisch  erkrankt  war.  wurde  es  iür 
syphilitisch  gehalten.  Aber  lange  antisyphilitische  Behandlung  war  wirkungs¬ 
los  In  letzter  Zeit  verschlimmerte  sich  das  Geschwür.  Am  9.  111.  1922  Kam 
der  Kranke  in  unsere  Klinik,  weil  er  am  Tage  vorher  eine  Spontaniraktu 

des  Schienbeines  erlitten  hatte.  An  der  V«rdersfedateVhfenbGn  Über¬ 
schenkels  sass  ein  grosses  Krebsgeschwur,  das  au*  ^^^^f  nicht  an 
gegriffen  und  diesen  Knochen  gebrochen  hatte.  Der  Mann  btt 
Krampfadern,  die  Wassermann  sehe  Reaktion  war  negativ. 

Wir  sehen,  dass  die  Leute,  die  ihre  Arbeit  in  Zundholzfabriken 
schon  seit  Jahren  aufgegeben  hatten,  an  Phosphornekrose  erkrank¬ 
ten,  wenn  sie  Verletzungen  erlitten  oder  kariöse  Zahne  bekamen  1 

und  wenn  Weiber  schwanger  wurden.  ,  7 . 

Ich  verweise  ferner  auf  die  Erfahrungen,  die  Krull  und  Zim¬ 
mer  bei  der  Anwendung  der  Ameisensäure  ™ach%n- 
der  Leser  zahlreiche  Berührungspunkte  bei  dem  Verzug  der  aller¬ 
verschiedensten  Reize  finden,  die  beweisen,  dass  es  sich  hier  um 
gesetzmässige  Vorgänge  handelt.  Es  erübrigt  sich  deshalb,  naher  | 

darauf  wahrscheinliCh,  dass  der  Erfolg  der  Badekuren,  der 

erst  nach  der  Abreise  der  Kranken  aus  den  Kurorten  eintritt,  häufig 
dem  Klimawechsel  als  neuen  Reiz  zuzuschreiben  ist,  der  den  Reiz- 
verzug  unterbricht.  Denn  ich  habe  mehrfach  darauf  hingewiesen, 
dass  Wechsel  von  Klima  und  Witterung  ganz  gewaltige  Reizmittel  I 
sind,  die  den  Körper  sowohl  im  günstigen,  wie  im  ungünstigen  binne 

Nach  alledem  sollte  man  in  der  praktischen  Medizin  den  Reiz¬ 
verzug  sorgfältig  beobachten  und  erforschen.  Durch  seine  Kenntnis 
kann  der  Arzt  auf  der  einen  Seite  Schaden  verhüten  und  auf  der 
anderen  Heilungen  oder  Besserungen,  die  sonst  ausbleiben  wurden, 
insbesondere  durch  Hinzufügen  neuer  Reize,  herbeiführen.  . 

Diese  in  der  Natur  ausserordentlich  verbreitete  Erscheinung 
empfehle  ich,  Reizverzug  zu  nennen,  da  der  Name  Keimverzug,  der 
nur  eine  Sonderart  des  ersteren  darstellt,  in  der  wissenschaftlichen 
Botanik  und  insbesondere  auch  in  ihren  praktischen  Anwendungs¬ 
gebieten,  in  der  Forst-  und  Landwirtschaft  und  in  der  Gärtnerei  all¬ 
gemein  eingeführt  ist.  Ausserdem  kennzeichnet  dieser  Name  die 
Vorgänge  besser  als  andere,  wie  z.  B.  „Verborgenbleiben  oder 
Latenz  des  Reizes“. _ 

Dosierungsfragen. 

Hugo  Schulz  zum  70.  Geburtstag. 

Von  M.  CI oetta- Zürich. 

Sie  scheint  so  einfach  und  ist  doch  so  ausserordentlich  kompli¬ 
ziert:  die  Dosierung  eines  Medikamentes  im  speziellen  Fall.  Die 
vielen  Sünden,  die  sich  in  dieser  Richtung  in  der  Praxis  anhäuften, 
haben  H.  Schulz  veranlasst,  bei  seinen  oligodynamischen  Ver¬ 
suchen  am  Menschen  stellenweise  ins  andere  Extrem  zu  fallen,  als 
Ausdruck  einer  heilsamen  Reaktion,  für  welche  wir  ihm  dankbar  sein 
können.  Durch  seine  stetigen  Reizschwellenpredigten  ist  auch  unsere 
mentale  Reizschwelle  für  Dosierungen  etwas  sensibler  geworden. 
Die  vielen  Befürworter,  welche  neuerdings  dem  Arndt-Schulz  - 
schen  Gesetz  entstanden  sind,  sollten  sich  aber  davor  hüten,  dasselbe 
übereifrig  zu  Tode  zu  hetzen;  denn  dasselbe  kann  sich  naturgemass 
nur  auf  solche  Stoffe  beziehen,  bei  denen  eine  Reizwirkung  überhaupt 

sich  nachweisen  lässt.  ... 

Der  Arzt,  welcher  ein  Medikament  proportional  den  Gewichts¬ 
verhältnissen  des  Kranken  verordnet,  glaubt  schon  eine  besonders 
gute  Zensur  verdient  zu  haben.  Und  doch  wie  stümperhaft  ist  die 
Dosierung,  wenn  man  nicht  auch  die  Veränderungen,  die  das  Medika¬ 
ment  im  Körper  erfährt,  und  die  Reaktionsfähigkeit  des  Individuums 
berücksichtigt.  Wenn  wir  einem  Kranken  Digitalis  verordnen,  so 
haben  wir  keine  Gewähr  dafür,  was  er  quantitativ  und  qualitativ 
faktisch  bekommt.  Von  den  Säureverhältnissen  und  der  Aufenthalts¬ 
zeit  im  Magen  hängt  es  ab,  wieviel  von  den  wirksamen  Glukosiden 
gespalten  wird.  Durch  diese  Spaltung  wird  aber  nicht  nur  die  Dosie¬ 
rung  illusorisch,  sondern  es  können  dabei  auch  Produkte  entstehen, 
die  ganz  anders  wirken.  Gegen  diese  Vorgänge  könnte  die  parenterale 
Verabreichung  schützen,  aber  auch  dann  bleibt,  wie  bei  jedem  Medi¬ 
kament,  die  variable  individuelle  Reaktionsfähigkeit  bestehen.  Wenn 
man  die  Wirkungslosigkeit  der  Digitalis  beim  fiebernden  Pneumo- 
niker,  gemessen  an  der  Pulszahl,  dazu  benutzt,  dem  Unglücklichen 
möglichst  hohe  Dosen  einzuschütten,  so  ist  das  ebenso  fehlerhaft,  wie 
wenn  man  eine  Herzdilation  mit  den  kleinen  Dosen  beseitigen  will, 
welche  unter  Umständen  eine!  Arhythmie  korrigieren. 

Meist  auch  kann  die  Reaktionsschwelle  eines  Kranken  durch 
klimatische  Einflüsse  und  durch  Badekuren  verändert  werden.  Die 
Haut  als  äusserst  wichtige  ektodermale  Anlage  spielt  bei  solchen  Aen- 
derungen  eine  sehr  wichtige  Rolle.  Für  eine  Reihe  von  Medikamenten 
kann  man  die  Beobachtung  machen,  dass  die  Kranken  anders  auf  die 
gewohnten  Dosen  reagieren,  wenn  sie  sich  im  Hochgebirge  oder  atr 
Meer  befinden  oder  eine  intensive  Badekur  durchmachen.  Auf  ähn¬ 
liche  Weise  kann  durch  pathologische  Zustände  die  Reaktion  de? 
Körpers  auf  irgendein  Medikament  verstärkt,  geschwächt  oder  um 
gekehrt  werden.  Wie  verhängnisvoll  können  7  mg  Morphin  bei  einen 
Oedematösen  wirken,  und  wohlbekannt  war  früher  der  verschieden! 


Aluminium  chloricum  liquidum  25%ig. 

Chlorsäure  Tonerde. 


MAI  I  FR RR  IN  ist  die  25  °/#ige  wässerige,  durchaus  haltbare,  zusammenziehend  schmeckende 
_____ _ _ __ __ ___  Lösung  der  wasserfrei  nicht  existenzfähigen  chlorsauren  Tonerde  A1C1309  von 

einem  spez.  Gewicht  von  1,22.  Die  absolute  Unschädlichkeit  des  Mallebreins  ist  durch  jahre¬ 
lange  therapeutische  Anwendung  erwiesen  und  wurde  neuerdings  auch  durch  Untersuchungen 
im  pharmakologischen  Institut  der  Universität  Erlangen  wissenschaftlich  dargetan  (Münch,  med. 
Wochenschrift  1921,  Nr.  13).  Gelegentlich  dieser  wurde  ebenfalls  festgestellt,  daß  die  Unschäd¬ 
lichkeit  des  Mallebreins  durch  seinen  Aluminiumgehalt  bedingt  ist,  da  dessen  Resorption  von 


der  Magendarmschleimhaut  und  dem  subkutanen  Bindegewebe  aus  nur  imgemein  langsam  er¬ 
folgt.  Eine  schädliche  Methämoglobinbildung,  die  zur  Blutgiftwirkung  führen  würde,  ist  dadurch 
ausgeschlossen.  Nach  den  gemachten  Erfahrungen  können  dank  dieser  Eigentümlichkeit  größere, 
weit  über  das  therapeutische  Bedürfnis  hinausgehende  Mengen  von  Mallebrein  innerlich  ge¬ 
nommen,  und  so  die  desinfizierenden  Wirkungen  dieses  Stoffes  voll  ausgenützt  werden.  Mit¬ 
hin  eine  dem  Aluminium  zuzuschreibende  Möglichkeit,  wie  sie  von  keinem  anderen  der 
zahlreichen,  bisher  von  v.  Behring  und  späteren  Autoren  auf  ihre  Veranlagung  zur  inneren 
Desinfektion  untersuchten  Desinfektionsmittel  erreicht  wurde.  Unter  diesen  sehr  bemerkens¬ 
werten  Umständen  entspricht  das  Mallebrein  völlig  den  an  ein  Innendesinfiziens  zu  stellenden 
Bedingungen  und  erscheint  also  zur  Behandlung  innerer  Erkrankungen,  besonders  solcher 
des  Darmes,  Ruhr,  Typhus  usw.  sehr  geeignet,  zumal  es,  wie  angedeutet,  neben  ge¬ 
nügend  starker  Desinfektions  Wirkung  gänzlich  unschädlich  ist.  In  Bezug  auf  Desinfektions¬ 
wirkung  wurde  die  chlorsaure  Tonerde  beispielsweise  4mal  so  stark  als  die  essigsaure  Tonerde 
gefunden.  In  einer  Lösung  von  1  :  800  wirkt  sie  nach  den  angeführten  Erlanger  Untersuchungen 
noch  wachstumverhindernd  auf  die  resistentesten  Erreger. 


IndikatiOTlCTl  ^  Form  von  Gurgelungen  (20 — 30  Tropfen  Mallebrein  auf  3  Eßlöffel  Wasser 
■  oder  40  ccm  auf  1  Liter  mit  möglichst  vorher  etwas  angewärmtem  Wasser):  alle 
akuten  Erkrankungen  der  Pharynx  und  Larynx,  katarrhalische  Mund-  und  Rachen¬ 
affektionen,  chronische  und  akute  Laryngitis,  Tracheitis,  chronische  und  akute  Bronchitis, 
foetide  Bronchitis,  Bronchiektasie,  insbesondere  aber  die  verschiedensten  Formen  der  Angina 
sowie  Kehlkopf-  und  Lungentuberkulose  im  Initialstadium. 

In  Form  von  4 — 8°/0iger  wässeriger  Lösung  oder  in  Form  von  10%i£er  Mallebre'in- 
Mitinsalbe:  Vaginitis,  Leukorrhoe,  Cervixkatarrhe,  frische  und  veraltete  Wunden,  be¬ 
sonders  alte  Druckwunden  und  Unterschenkelgeschwüre,  Hauterkrankungen  und 
Juckreiz. 

In  Form  von  Eintröpfelungen  bezw.  Tampons  mit  10°/0iger  Lösungen:  eitrige  Ohren- 
und  Nasenerkrankungen,  chronische  Mittelohrentzündungen  und  Ozaena. 


In  Form  innerlicher  Darreichung,  und  zwar  in  Dosen  von  drei-  bis  viermal 
täglich  je  20—40  Tropfen  mit  etwas  Wasser:  Darmerkrankungen  der  verschiedenen,  auch 
epidemischen  Formen.  Mallebrein  wirkt  in  diesen  Fällen  als  promptes  und  verläßliches 
Adstringens  und  Desinfiziens  zugleich.  Bei  Kindern  entsprechend  geringere  Dosen.  Bei 
Säuglingen  (Brechdurchfälle  usw.)  täglich  mehrmals  je  4 — 5  Tropfen  in  etwas  Tee. 


Prophylaktische  Anwendung.  MaUebyn^eWgen 

therie  und  Insufflation  l%iger  Lösung  bei  Schnupfen. 


Mallebre'in  beeinflußt  in  günstiger  Weise  die  menschliche  Stimme,  weshalb  es  Sänger, 
Geistliche,  Lehrer,  Abgeordnete  zur  Beseitigung  stimmlicher  Indisposition  anwenden,  In  diesem 
Falle  sind  im  Gebrauche  angenehmer  und  mindestens  ebenso  wirksam  die  leicht  im  Munde 
vergehenden,  aber  nicht  zu  zerkauenden  WIALLEBREINTABLETTEN. 

Prophylaküsche  innerliche  Mallebrelnanwendungen  haben  sich  bereits  seit  Jahren  zur 
Verhütung  von  gewissen  innerlichen  Erkrankungen,  insbesondere  Darmerkrankungen:  Durch- 
fällen,  Ruhr  usw.  als  sehr  zuverlässig  erwiesen.  Empfehlenswert  sind  in  diesen  Fällen  Dosen 
von  je  20—40  Tropfen  in  etwas  Wasser.  Bei  erhöhter  Infektionsgefahr  sind  dieselben  2— 4  mal 

zu  nehmen.  .  , 

Zur  Bereitung  von  2°/„,  4%,  8%.  10%.  2Q°/0.  25%_  Losungen  sind  etwa 


20,  40,  90,  115,  250, 

mit  1  Liter  unter  Schütteln  oder  Umrühren  zu  mischen. 


350  Gramm  Mallebre'in 


MAI  I  FRRFIN  wird  abgegeben  in  Originalpackungen:  , 

mALLcmvblH  50^  10Q  und  300  Gramm  _  auf  besonderen  Wunsch  auch  in 

größeren  Packungen  für  Krankenhäuser  und  Kliniken. 

Als  Salbe  in  Krücken  von  50  und  100  Gramm.  . 

Als  Tablette  in  Glasröhren  von  12  Stück,  jede  Tablette  enthält  0,1  Gramm  Mallebre’in. 


LITERATUR. 


h 


3. 


4. 


Geh.  Reg. -Rat  Dr.  Fr.  Mallebrein  und  Dr.  Wasmer: 
Ueber  das  Problem  einer  für  den  Organismus  un¬ 
schädlichen  Anwendung  von  Chlor  als  bakterizides 
und  allgemein  giftzerstörendes  Agens.  (Zeitschrift  f. 
Tuberkulose  Bd.  XVIII.  Heft  3.) 

Dr  Jarosch,  Oberarzt  d.  Heilstätte  Friedrichsheim-B.: 
Ueber  die  Bekämpfung  der  Tuberkulose  von  den 
oberen  Luftwegen  aus  mittels  des  „Prophylacticum 
Mallebrein“.  (Deutsche  med  Wochenschrift  1912, Nr.42.) 
Dr.  med.  Nieveling:  Ueber  Behandlung  entzündlicher 
Affektionen  der  oberen  und  unteren  Luftwege  ver¬ 
mittelst  des  „Prophylacticum  Mallebrein".  (Aerzt- 
liche  Vierteljahrsrundschau,  Bonn,  April  1913.) 
Stabsarzt  Dr.  W.  Bierast  u.  Ungermann:  Ueber  die 
Wirkung  des  „Prophylacticum  Mallebrein“  auf  Infek¬ 
tionserreger  und  Toxine.  Aus  dem  hygienischen 
Institut  der  Universität  Halle  a.  d.  S.  (Direktor  Geh. 
Med.-Rat  Dr.  C.  Fränken).  (Berliner  klinische  Wochen¬ 
schrift  1913,  Nr  23 .) 

5.  Dr.  med.  Wiedemann:  Therapeutische  Notiz.  (Mün¬ 
chener  med.  Wochenschrift  1913,  Nr.  14.) 

6.  Dr.  med.  O.  Steinmeyer:  Unsere  Erfahrungen  mit 
„Prophylacticum  Mallebrein“  in  Dr.  Weickers  Kranken¬ 
heim  Görbersdorf.  (Beiträge  zur  Klinik  der  Tuber¬ 
kulose,  Bd.  XXVII,  Heft  2.) 

7.  Dr.  Kurt  Klare :  Behandlung  infektiöser  Erkrankungen 
der  Luftwege  mittels:  „Prophylacticum  Mallebrein" 
(aus  dem  Genesungsheim  Hohenwiese  i.  R.  Landes¬ 
versicherungsanstalt  Schlesien).  (Deutsche  med. 
Wochenschrift  1913,  Nr.  27.) 

Dr.  Kurt  Klare:  Hohenwiese  (Aus  dem  Genesungs¬ 
heim  Hohenwiese):  „Ein  Beitrag  zur  Behandlung  der 
Ozäna“.  (Deutsche  med.  Wochenschrift  1913,  Nr.  45.) 
Dr.  Junker,  dirigierender  Arzt  der  Heilstätte  Cottbus: 
Neuere  immunisierende  und  medikamentöse  Tuber¬ 
kuloseheilmittel.  (Zeitschrift  f.  ärztliche  Fortbildung 
1913,  Nr.  23.) 

Prof.  Dr.  B.  Bendix:  Mallebrein  in  der  Kinderpraxis. 
(Münchener  med.  Wochenschrift  1913,  Nr.  51.) 

Dr.  A.  Ephraim :  „Ueber  die  Anwendung  des  chlor¬ 
sauren  Aluminiums  in  der  Ohren-  und  Nasenheil¬ 
kunde“.  (Passow-Schäfer,  Beiträge  zur  Anatomie, 
Physiologie,  Pathologie  und  Therapie  des  Ohres,  der 
Nase  und  des  Halses,  Bd.  VI,  Heft  4 — 6.) 

Dr.  A.  Wiedemann:  Verwendung  von  chlorsaurem 
Aluminium  in  Form  seiner  25°/oigen  Lösung,  dem 


15. 


16. 


18 


8. 


10. 

11. 


12, 


Mallebrein,  bei  Polyartritis  rheumatica.  (Aerztliche 
Vierteljahrsrundschau  1913,  Nr.  IV.) 

13.  Zahnarzt  Möller:  „Mallebrein“.  (Odontologische  Nach¬ 
richten,  Nr.  23,  1913.)  . 

14.  Korpsstabsveterinär  Walther:  „Prophylacticum  Malle¬ 
brein“.  (Tierärztliche  Rundschau  1913,  Heft  3.) 

Geh.  Reg.-Rat  Dr.  Fr.  Mallebrein  und  Dr.  Wasmer: 
„Zur  Anwendung  des  Prophylaktikum  Mallebrein  bei 
Tuberkulose".  Zeitschrift  f.  Tuberkulose,  Bd.  XXI, 

Heft  4,  1913.)  4  . 

Stabsveterinär  Rips:  „Mallebrein  pro  usu  vetermano  . 
(Zeitschrift  für  Veterinärkunde  1914,  Heft  2.) 

17.  Korpsstabsveterinär  Walther:  „Eine  beachtenswerte 
Behandlungsweise  der  Gehirn  -Rückenmarksentzun- 
dung  der  Pferde  vermittelst  Prophylacticum  Malle¬ 
brein“.  (Tierärztliche  Rundschau  1914,  Nr.  2.) 
Bezirkstierarzt  H.  Fehsenmeier :  Behandlung  maul- 
und  klauenseuchekranker  Rinder  mit  Prophylacticum 
Mallebrein.  (Mitteilungen  d.  Vereins  badischer  Tier¬ 
ärzte  1914,  Nr.  2.)  I.  ,,  . 

19.  Bezirkstierarzt  H.  Fehsenmeier :  Zur  Behandlung  maul- 
und  klauenseuchekranker  Rinder  mit  Mallebrein. 
(Mitteilungen  des  Vereins  badischer  Tierärzte  1914, 

Nr.  5.)  II.  ,  „ 

20.  Dr.  med.  D.  Mansfeld:  Ueber  Behandlung  entzünd¬ 
licher  Affektionen  der  oberen  Luftwege  mit  „Malle¬ 
brein"  (Fortschritte  d.  Medizin  1915,  Nr.  47.) 
Professor  Dr.  von  Beck  und  Professor  Dr.  Port: 
Mittelrhein.  Chirurgenvereinigung  in  Heidelberg,  Jan. 
1916.  (Beiträge  zur  klinischen  Chirurgie  Bd.  98,  Heft 5.) 

21.  Dr.  med.  H.  Lungwitz:  Ueber  Darmkatarrhe.  (Moderne 
Medizin  Nr.  8.  Jahrgang  1916.) 

22.  Veterinärrat  Dr.  Ellinger:  Zur  Heilung  der  puer¬ 
peralen  Infektionen  der  Haustiere  mit  Mallebrein. 
(Berl.  Tierärztl.  Wochenschrift  1917,  Nr.  46.) 

23.  Dr.  med.  Langfeldt:  Mallebrein  und  Tuberkulose. 
(Aerztliche  Rundschau  Nr.  24,  25  und  26,  Jahrg.  1918). 

24.  Prof.  Dr.  Heinz,  Vorstand  des  pharmakologischen  In¬ 

stituts  Erlangen,  Chlorsaures  Aluminium  „Malle¬ 
brein“.  (Münchener  medizin.  Wochenschrift  1921, 
Nr.  13,  S.  395-396.)  ,  M  „  ,  . 

25.  Dr.  Vorschulze:  Zur  Anwendung  des  Mallebrein. 
(Fortschritte  der  Medizin  1921,  Nr.  18.) 

26.  Geh.  Reg.-Rat  Dr.  Fr.  Mallebrein:  Die  Bedeutung  des 
Aluminiums  für  die  Frage  der  inneren  Desinfektion. 
(Der  Tag,  Abteilung  Medizin.  Rundschau  Nr.  278, 
5.  Dezember  1921.) 


20. 


Ausführlicherer  Prospekt,  Literatur  und  Proben  den  Herren  Ärzten  gratis  und  franko. 


Cöln  a.  Rhein, 

Mai  1923. 


Chem.  Fabrik  KREWEL  &  Co.  A.-G. 


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3.  August  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1011 


Einfluss  der  Schmierkuren.  In  sorgfältigen  Versuchen  hat  Königer 
gezeigt,  wie  durch  Tbc.  die  Reaktion  der  Kranken  auf  Pyramidon 
verändert  wird,  indem  häufig  auf  die  primäre  Temperatursenkung 
eine  sekundäre  Steigerung  folgt,  die  vielleicht  heilende  Bedeutung  hat. 
Das  darf  aber  nicht  so  gedeutet  werden,  dass  das  Pyramidon,  weiches 
nicht  unter  das  A  r  n  d  t  -  S  c  h  u  1  z  sehe  Gesetz  fällt,  bei  der  Tbc. 
dies  doch  tue,  sondern  diese  sekundäre  Temperatursteigerung  hängt 
mit  einem  ganzen  Komplex  zusammen,  wobei  wohl  auch  die  vermin¬ 
derte  Expektoration  eine  Rolle  spielt.  Das  automatische  Verordnen 
von  Pyramidon  in  täglichen  kleinen  Dosen  zur  Nivellierung  des 
Fiebers  muss  wegen  der  Unterdrückung  echter  Reaktionsvorgänge 
ernste  Bedenken  erregen.  Uebrigens  erleidet  gerade  die  temperatur¬ 
herabsetzende,  wie  auch  die  fiebererzeugende  (parenterale)  Dosis 
eines  Medikamentes  die  grössten  Aenderungen  durch  pathologische 
Zustände.  Damit  braucht  man  sich  nicht  dem  Similia  sirnibilus 
Hahnemanns  zu  nähern;  wir  haben  dafür  bessere  Erklärungen. 
Die  Hauptsache  ist,  dass  der  Arzt  sich  wieder  mehr  daran  gewöhnt, 
solche  „Kleinigkeiten“  zu  beobachten  und  therapeutisch  zu  verwerten. 
Dass  H.  Schulz  systematisch  hierauf,  und  zwar  durch  Versuche  am 
Menschen  hingewiesen  hat,  bleibt  sein  Verdienst,  wenn  auch  die 
zünftige  Froschherzpharmakologie  oft  nur  ein  tolerantes  Lächeln  für 
solche  der  objektiven  Registrierung  entzogene  Versuche  hatte. 

Wenn  man  diese  Dosierungsschwierigkeiten  richtig  würdigt,  muss 
es  fast  komisch  wirken,  zu  sehen,  wie  die  Therapeutik  sich  mitunter 
bemüht,  da,  wo  die  Verhältnisse  völlig  klarliegen,  dieselben  künstlich 
zu  trüben,  wie  z.  B.  bei  der  Arseniktherapie.  Bei  Mensch  und  Tier 
lässt  sich  mit  einer  bestimmten  minimalen  Dosis  gelöster  arseniger 
Säure  die  günstige  Wirkung  auf  den  Stoffansatz  erzielen.  Die  Dosie¬ 
rung  wird  ungenau,  wenn  man  organische  As-Verbindung  gibt,  weil 
diese,  an  sich  unwirksam,  nur  nach  Massgabe  der  individuell  verschie¬ 
den  starken  Bildung  von  AS2O3  im  Organismus  ihre  spezifische  Wirkung 
ausüben.  Mitunter  kommen  die  Aerzte  sogar  auf  die  Idee,  dasjenige 
As-Präparat  zu  empfehlen,  von  dem  man  ungestraft  die  grössten 
Mengen  dem  Kranken  zuführen  kann.  Die  Dosierung  wird  auch  un¬ 
genau,  wenn  man  AS2O3  in  Substanz  verabreicht.  Jahrelange  Ver¬ 
suche  in  unserem  Institut  haben  gezeigt,  dass  sich  nur  mit  ungelöster 
arseniger  Säure  die  sogenannte  Arsenfestigkeit  in  höherem  Grade 
erzielen  lässt,  weil  hier  die  Resorption  Schaden  leidet.  Es  gibt  keine 
Arseniktrinker,  es  gibt  nur  Arsenikesser!  Unsere  Aufgabe  ist  es  aber, 
nur  die  Menge  der  körperfremden  Substanz  dem  Kranken  zuzuführen, 
mit  welcher  unter  jeweils  vorliegenden  Verhältnissen  gerade  der 
gewünschte  Effekt  erreicht  wird.  —  Alles  selbstverständlich  und  doch 
nicht  allzu  häufig  anzutreffen. 


Aus  der  Chirurgischen  Universitätsklinik  München. 
(Vorstand:  Geh.  Hofrat  Prof.  Dr.  F.  Sauerbruch.) 

Die  Nekrose  einer  Lungenhälfte  nach  Exstirpation  eines 
Ganglionneuroms  des  Brustsympathikus  und  ihre  allgemein 
pathologische  Bedeutung. 

Hugo  Schulz  zum  70.  Geburtstag  gewidmet. 

Von  F.  Sauerbruch. 

Unter  dem  Einfluss  der  Fortschritte  der  intrathorakalen  Chirurgie 
ist  in  den  letzten  Jahren  vielfach  der  Mittelfellraum  operativ  frei¬ 
gelegt  und  eröffnet  worden.  Entzündliche  Erkrankungen,  vor  allen 
Dingen  aber  Tumoren  gaben  die  Veranlassung.  Eine  ganze  Reihe 
schöner  Erfolge  wurde  erzielt.  Selbst  an  die  Geschwülste  des  hinteren 
Mittelraumes  hat  man  sich  trotz  ihrer  tiefen  Lage  und  ihrer  Unzu¬ 
gänglichkeit  herangewagt. 

Aber  auch  heute  noch  sind  Operationen  im  Mittelfelde 
ernste  Aufgaben.  Es  handelt  sich  gewöhnlich  um  atypische 
Eingriffe  in  einem  topographisch  höchst  schwierigen  Gebiete. 
Der  Gang  der  Operation  kann  daher  vorher  nur  in  allgemeinen  Zügen 
planmässig  festgelegt  werden.  Ihre  Gestaltung  im  einzelnen  erfolgt  in 
Anpassung  an  den  jeweiligen  Befund.  Häufig  überraschen  den  Operateur 
Eigentümlichkeiten,  die  klinisch  nicht  erkannt  oder  falsch  gedeutet 
wurden.  Das  Operationsfeld  ist  eng  begrenzt,  der  Zugang  zu  ihm  nicht 
immer  leicht  und  übersichtlich.  Wir  arbeiten  in  einem  Raum,  in  dem 
lebenswichtige  Organe  eng  zusammengedrängt  liegen.  Ihre  Ver¬ 
letzung  kann  unmittelbar  den  Tod  bringen.  Alle  grossen  und  kleinen 
Venen  sind  gestaut.  Selbst  Kapillaren  bluten  unstillbar.  Die  wichtige 
anatomische  Orientierung  wird  gewaltig  erschwert.  Blutung  und  Luft¬ 
embolie  bedrohen  den  Kranken  hier  in  der  Nähe  des  Herzens  in  be¬ 
sonderem  Maasse.  Ein  überaus  reiches  Nervengeflecht  umspinnt  die 
Organe.  Gefährliche  Reflexe  können  in  jedem  Augenblick  und  von 
jeder  Stelle  aus  durch  Zerrung  und  Verletzung  ausgelöst  werden. 
Die  Durchschneidung  der  Hauptnervenstämme  vermag  schlagartig 
den  I od  hervorzurufen.  Mit  Recht  sagt  Garrö:  „Es  mangelt  bei 
diesen  Eingriffen  im  Mittclfellraume  nicht  an  aufregenden  Momenten 
und  Zwischenfällen,  die  Ruhe  und  Geistesgegenwart  des  Operateurs 
auf  die  Probe  stellen.“  Bei  grosser  Ausdehnung  der  Geschwulst  kann 
selbst  der  Geübte  eine  Verletzung  des  Brustfelles  nicht  vermeiden. 
Oft  muss  er  sie  sogar  absichtlich  zur  Vollendung  des  Eingriffs  herbei¬ 
führen.  Das  Druckdifferenzverfahren  schaltet  die  dann  entstehenden 
akuten  Gefahren  zuverlässig  aus,  beugt  aber  keineswegs  immer  den 
Spätfolgen  vor,  wenn  der  Abschluss  der  Pleurawunde  infolge  der 


Ausdehnung  der  Operation  unsicher  blieb.  Verhängnisvoll  können 
auch  Thrombosen  werden.  Sie  entstehen  durch  mechanische  Schädi¬ 
gung  der  Venenwand  in  Verbindung  mit  Aenderungen  der  Zirkulation 
sowie  Fortfall  der  Aspiration  des  rechten  Herzens  und  führen  zu  töd¬ 
licher  Embolie  oder  bedingen  mindestens  ein  langes,  sorgenvolles 
Krankenlager. 

Schliesslich  sei  der  grossen  Empfindlichkeit  des  Mittelfellraumcs 
gegenüber  Infektionen  gedacht.  Die  postoperative  Mediastinitis  ver¬ 
eitelt  nicht  selten  einen  sonst  gesicherten  operativen  Erfolg. 

Unter  Berücksichtigung  dieser  allgemeinen  Schwierigkeiten  und 
der  meist  sehr  geringen  Erfahrungen  des  Einzelnen  verdient  jede  Be¬ 
obachtung  mitgeteilt  zu  werden,  namentlich  wenn  sie  durch  besondere 
Umstände  des  Befundes  oder  des  Verlaufs  sich  auszeichnet. 

Aus  unseren  eigenen  Erlebnissen  sei  eines  hier  hcrausgegriffen. 
Es  beansprucht  wegen  der  erfolgreichen  Beseitigung  einer  nach  Art 
und  Grösse  ungewöhnlichen  Neubildung,  vor  allen  Dingen  aber  wegen 
der  spontanen  Ausstossung  einer  ganzen  Lungenhälfte,  allgemeinere 
Beachtung. 

Vorgeschichte:  19  jähriges  Mädchen.  Sie  stammt  aus  ge¬ 
sunder  Familie.  Als  Kind  machte  sie  Masern  und  Keuchhusten 
durch,  war  später  immer  gesund.“  Seit  2  Monaten  verspürt  sie 
nachts  im  Liegen  einen  drückenden  Schmerz  auf  der  linken  Seite 
des  Rückens  in  der  Gegend  des  Schulterblattes.  Er  war  meist  so  heftig, 
dass  sie  gewöhnlich  nach  lA  Stunde  die  Lage  wechseln  oder  sich  im  Bette 
aufsetzen  musste.  Im  Stehen  oder  Sitzen  verschwand  der  Schmerz  sofort. 
Auch  bei  Tag  trat  er  nur  im  Liegen  auf.  Atembeschwerden  bestanden  nicht. 
Die  Körperwärme  war  nicht  erhöht:  Husten  und  Auswurf,  Abmagerung  oder 
andere  Krankheitszeichen  fehlten  vollständig.  Wegen  Verdacht  auf  Lungen¬ 
tuberkulose  wurde  die  Kranke  zunächst  in  ein  Sanatorium  geschickt.  Auf 
Grund  der  Röntgenuntersuchung  vermutete  man  ein  Exsudat,  dachte  später 
an  eine  Dermoid-  oder  Echinokokkuszyste.  Sie  wurde  am  27.  IV.  22  zur 
Beratung  und  Behandlung  unserer  Klinik  überwiesen. 

Es  handelte  sich  um  ein  mittelgrosses,  schlank  gebautes,  gut  aussehendes 
Mädchen  im  mittleren  Ernährungszustand. 

Die  allgemeine  Untersuchung  des  Körpers  ergab  keine  krankhaften 
yeränderungen.  Der  Brustkorb  war  lang  und  schmal,  gut  gewölbt.  Die 
linke  Seite  war  vielleicht  etwas  aufgetrieben.  Beide  Seiten  dehnen  sich  bei 
der  Atmung  nicht  sehr  ergiebig  aus.  Ueber  der  linken  Spitze  leichte  Schall¬ 
verkürzung,  die  hinten  unten  in  eine  stärkere  Dämpfung  übergeht.  Vom 
oberen  Rand  des  Schulterblattes  bis  zur  8.  Rippe  fast  absolute  Dämpfung, 
die  seitlich  von  einer  bogenförmig  verlaufenden  Linie  begrenzt  wird,  die 
bis  zur  hinteren  Achsellinie  reicht.  Im  Bereich  der  Dämpfung  sind  Atem¬ 
geräusch  und  Stimmzittern  stark  abgeschwächt.  Vorne  finden  sich  lauter 
Klopfschall  und  reines  Zellatmen.  Nirgends  sind  Nebengeräusche  zu  hören. 
Rechte  Lunge  gesund.  Auch  am  Herzen,  das  im  ganzen  etwas  nach  rechts 
verschoben  ist,  keine  krankhaften  Veränderungen. 

Die  Röntgenuntersuchung  ergibt  einen  gewaltigen,  runden,  massiven 
Schatten,  der  zwischen  dem  2.  und  dem  9.  Brustwirbel  breitbasig  vom  hinteren 
Mediastinum  ausgeht  und  oben,  links,  seitlich  und  unten  von  einer  scharf 
bogenförmigen  Linie  begrenzt  wird.  Das  Herz  ist  nach  rechts  beinahe  in 
mediane  Stellung  verdrängt.  Die  Untersuchung  von  der  Seite  lässt  erkennen, 
dass  der  vordere  Brustfellraum  frei  ist.  Man  gewinnt  den  Eindruck,  dass 
die  Geschwulst  in  enger  Beziehung  zur  Wirbelsäule  steht.  Pulsation  ist 
nicht  nachzuweisen. 

Bei  der  Blutuntersuchung  finden  sich  4  336  000  rote,  9800  weisse  Blut¬ 
körperchen.  69,5  Proz.  Polymorphkernige,  19  Proz.  Lymphozyten,  1  Proz. 
Eosinophile,  9,5  Proz.  Mononukleäre  und  1  Proz.  Mastzellen.  Hämoglobin 
nach  Sahli  85  Proz. 

Die  Diagnose  lautete:  Tumor  des  hinteren  Mittel- 
fellraumes.  Eine  genaue  Feststellung  des  Ursprunges  und  der 
Art  der  Geschwulst  war  zunächst  unmöglich. 

Wir  entschlossen  uns  zur  Operation.  Sie  begann  als  Probethorako¬ 
tomie.  Die  3.  bis  6.  Rippe  wurden  paravertebral  in  einer  Ausdehnung  von 
10  cm  reseziert.  Dann  wurde  das  Brustfell  breit  eröffnet.  Es  war  nirgends 
mit  der  Lunge  verklebt  oder  verwachsen.  Diese  selbst  war  gesund.  Es 
fand  sich  eine  über  kindskopfgrosse,  glatte,  derbe,  rundliche  Geschwulst. 
Sie  sass  breitbasig  und  unverschieblich  auf  der  Wirbelsäule  auf  und  umgriff 
Aorta  sowie  Speiseröhre.  Sie  hatte  bei  ihrer  langsamen  Vergrösserung  die 
Lunge  vor  sich  hergeschoben  und  von  hinten  zusammengedrückt.  Der  Tumor 
wurde  als  Fibromyom  oder  Fibrosarkom  angesprochen.  Seine  Entfernung 
erwies  sich  technisch  schwierig  und  für  die  Kranke  gefährlich.  Da  die  Eltern 
ihre  grundsätzliche  Zustimmung  nur  für  einen  leicht  ausführbaren  Eingriff 
gegeben  hatten,  musste  die  Operation  abgebrochen  werden.  Die  Wunde 
wurde  vollständig  geschlossen.  Es  erfolgte  glatte  Heilung. 

Bei  dieser  Sachlage  wurde  später  den  Eltern  der  Versuch  einer  radi¬ 
kalen  Exstirpation  der  Geschwulst  vorgeschlagen.  Sie  stimmten  zu. 
Wiederum  geht  man  von  einem  paravertebralen  Hakenschnitt  aus.  Man  rese¬ 
ziert  noch  die  7.  und  8.  Rippe  und  kürzt  die  Stümpfe  der  3.  bis  6.  Die  Pleura 
costalis  posterior,  die  den  Tumor  bedeckt,  wird  eingeschnitten  und  stumpf  von 
seiner  Oberfläche  ab^elöst.  Dabei  reisst  sie  an  verschiedenen  Stellen  ein. 
so  dass  ein  breiter  Pneumothorax  entsteht.  Darum  wird  die  Lösung  der 
Geschwulst  auf  transpleuralem  Wege  versucht.  Sie  erweist  sich  als  sehr 
mühevoll.  Ueberall  greifen  Fortsätze  in  die  Umgebung,  die  sich  nicht  ohne 
weiteres  ausschälen  lassen.  Starke  Blutung  entsteht.  Zahlreiche  Gefässe 
müssen  unterbunden  werden.  Schliesslich  gelingt  es.  die  Geschwulst 

bis  auf  einen  breiten  Stiel  zu  befreien.  Dieser  selbst  lässt  sich  von  der  Speise¬ 
röhre,  wenn  auch  unter  Schwierigkeiten,  freimachen,  von  der  Aorta  dagegen 
nicht.  Um  eine  Verletzung  dieses  Gefässes  zu  vermeiden,  wird  eine  dünne 
Schicht  der  Geschwulst,  die  es  umklammert,  zurückgelassen  und  die  Ab¬ 
tragung  im  Tumor  selbst  vorgenommen.  Aus  der  Schnittfläche  erfolgt  eine 
beträchtliche  parenchymatöse  Blutung,  die  zunächst  durch  Tamnonade  ge¬ 
stillt  wird.  Die  Ausdehnung  der  Geschwulst  und  ihr  Uebergreifen  auf  die 
Umgebung,  insbesondere  auf  die  Aorta,  wecken  den  Verdacht  auf  Bösartig¬ 
keit.  Nach  sorgfältiger  Blutstillung  und  nach  Reinigung  der  Brusthöhle 
wird  die  Lunge  mit  der  Pleura  costalis  posterior  in  das  Bett  des  Tumors 
wie  ein  Tampon  hereingelegt.  Man  bläht  sie  und  verschliesst  die  gesamte 
Wunde  wiederum  ohne  Drainage  luftdicht.  Trotz  bedrohlicher  Schwäche, 
die  sich  nicht  nur  durch  den  Blutverlust,  sondern  auch  durch  die  gewaltige 


1012 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  .11. 


Schädigung  des  Sympathikusgebietes  erklärt,  übersteht  die  Kranke  auch 
diesen  Eingriff  gut.  Sie  erholt  sich.  Die  Wunde  heilt  glatt. 

Der  entfernte  Tumor  war  über  kindskopfgross,  gelappt,  knollig,  mass 
17:  12:8  ein.  Auf  dem  Durchschnitt  ist  er  seidenglänzend,  grauweiss  durch¬ 
scheinend  und  lässt  unregelmässige  Bindegewebszüge  erkennen.  Die  genaue 
mikroskopische  Untersuchung  ergibt: 

In  dem  sehr  weitmaschigen  retikulären  Bindegewebe,  das  sich  all¬ 
mählich  gegen  die  Peripherie  zu  verdichtet,  finden  sich  astartig  eingelagert 
bald  schmälere,  bald  breitere  Stränge  von  Nervenfasern.  Die  Markscheiden¬ 
färbung  lässt  erkennen,  dass  die  marklosen  Fasern  bei  weitem  die  mark¬ 
haltigen  überwiegen.  An  den  Kreuzungspunkten  des  Fasergerüstes  finden  sich 
spärliche  Ansammlungen  multipolarer  Ganglienzellen.  Die  meisten  von 
ihnen  weisen  Degenerationszeichen  auf. 

Die  Diagnose  (Prof.  Borst)  lautete:  Ganglioneuro  ni  des 
Sympathikus. 

Bei  der  klinischen  Gutartigkeit  solcher  Geschwülste  war  das  Zurück¬ 
bleiben  eines  Restes  für  den  weiteren  Verlauf  belanglos.  Es  konnte  darum 
eine  Heilung  erhofft  werden,  die  auch  tatsächlich,  wenn  auch  erst  unter  ganz 
seltener  Komplikation,  erfolgt  ist. 

Etwa  ld  Tage  nach  der  Operation  bildete  sich  ein  zunächst  seröses  Ex¬ 
sudat.  das  mehrfach  punktiert  wurde.  Im  weiteren  Verlaufe  wurde  es  trübe 
und  schliesslich,  wie  immer  bei  derartigen  Befunden,  eitrig.  Durch  Rippen¬ 
resektion  wurde  nach  4  Wochen  ein  reichlicher,  eitriger,  mit  dicken  Klumpen 
und  Fetzen  durchsetzter  Erguss  entleert.  Etwa  8  Tage  später  holt  man  mit 
einer  Kornzange  weitere  Fetzen  und  grosse  Klumpen  nekrotischen  Gewebes 
aus  dem  Brustfellraum  heraus.  Sie  erweisen  sich  als  Lungensequester,  von 
denen  der  grösste  eine  Ausdehnung  von  12:  8:  4  cm  hat.  Bei  späterer 
Nachprüfung  des  Brustfellraumes  wird  das  Fehlen  der  ganzen  linken 
Lunge  festgestellt. 

Es  handelte  sich  also  um  eine  Total  nekrose  der  ganzen 
linken  Lunge. 

Mit  ihrer  Ausstossung  wurden  in  der  Brusthöhle  Verhältnisse 
geschaffen,  die  aus  rein  mechanischen  Gründen  eine  spontane  Aus¬ 
heilung  ausschlossen.  Hier  konnte  die  gewaltige  Resthöhle  weder 
durch  Ausdehnung  der  Lunge,  noch  durch  Einsinken  der  Brustwand  ver¬ 
schwinden.  Bemerkenswert  war,  dass  die  Rippen  auch  keinerlei  Nei¬ 
gung  zu  Retraktion  zeigten.  Es  fehlte  eben  die  für  diesen  Vorgang  not¬ 
wendige  Zugkraft  der  Lunge.  Dagegen  wurde  die  linke  Brustwand 
durch  den  nach  auswärts  gerichteten  Zug  der  Muskulatur  festgehalten. 
Diesen,  die  Kranke  durch  dauernde  Eiterabsonderung  schwächenden 
Zustand  konnte  man  nur  auf  operativem  Wege  beseitigen.  Aehnlich 
wie  bei  gewöhnlichen  ausgedehnten  Empyemresthöhlen  musste  die 
Brustwand  mobilisiert  und  in  den  Pleuraraum  verlagert  werden. 

In  mehreren  Sitzungen  wurden  die  gesamten  Rippen  von  der  l.bis 
zur  10.  in  ihrer  ganzen  Ausdehnung  von  der  Wirbelsäule  bis  zum  Brust¬ 
wandansatz  so  vollständig  entfernt,  wie  das  bisher  wohl  nur  ganz 
selten  geschehen  ist.  Man  kann  geradezu  von  einer  Exstirpation 
der  linken  Brustkorbhälfte  sprechen.  Es  wurde  damit  der 
Beweis  erbracht,  dass  dieses  operativ-technisch  möglich  ist. 

Nach  dem  Bericht  des  Arztes  besteht  heute,  r°U  Jahr  nach  der 
Operation,  nur  noch  eine  ganz  kleine  Fistel  im  unteren  Abschnitt  der 
Narbe,  die  sich  wohl  spontan  oder  nach  einem  kleinen  Eingriff 
schliessen  wird.  Der  allgemeine  Zustand  der  Kranken  ist  nach  be¬ 
trächtlicher  Gewichtszunahme  ausgezeichnet. 

Die  gewaltsame  Aenderung  des  Rippenkorbes  blieb  nicht  ohne 
Rückwirkung  auf  die  Wirbelsäule.  Entsprechend  den  früheren 
Feststellungen  von  Sauerbruch,  v.  Beust,  Hoesslin  und 
Frey  entwickelte  sich  eine  Skoliose  der  Brustwirbelsäule  mit  Kon¬ 
vexität  nach  der  operierten  Seite.  Sie  erklärt  sich  durch  die  nunmeh¬ 
rige  Einseitigkeit  der  Rippenspannung.  Es  fällt  auf,  dass  diese  Sko¬ 
liose  bei  unserer  Kranken  wahrscheinlich  infolge  der  Starre'  des 
Mittelfeldes  nur  sehr  gering  war.  Auch  das  Brustbein  stellte  sich 
um.  Es  wurde  namentlich  in  feinem  unteren  Abschnitt  sehr  stark 
nach  der  linken  Seite  verschoben  und  zugleich  mit  seiner  Oberfläche 
nach  links  gedreht,  weil  es  links  nicht  mehr  gestützt  wurde.  Das  Herz 
dagegen  blieb  infolge  des  rechtsseitigen  Lungenzuges  zugleich  mit 
den  anderen  Mittelfellorganen  auf  der  anderen  Seite  liegen.  Der 
Schultergürtel  wurde  durch  die  ausgedehnte  Entknochung  der 
Brustwand  nur  unwesentlich  in  seiner  Lage  beeinflusst,  weil  nach  wie 
vor  das  Schlüsselbein  wie  eine  Strebe  die  Skapula  von  der  Brustwancl 
abhielt.  Dagegen  blieb  die  Beweglichkeit  des  linken  Armes  durch 
die  Fixation  des  medialen  Schulterblattrandes  im  Narbengebiet  etwas, 
wenn  auch  praktisch  bedeutungslos  eingeschränkt.  Von  einer  Ent¬ 
stellung  der  bekleideten  Kranken  kann  keine  Rede  sein. 

Auffallend  war  das  Auftreten  von  Trommelschlegelfin¬ 
gern.  Sie  fehlten,  solange  der  grosse  Tumor  vorhanden  war.  Auch 
während  des  Bestehens  der  Empyemresthöhle  vor  ihrer  Eiterung 
Hess  sich  eine  Verdickung  der  Finger  nicht  bemerken.  Sie  begann 
erst  dann,  als  die  Resthöhle  verschwand. 

Damit  sind  Eiterung  und  Resorption  toxischer  Stoffe  als  Ursache 
für  diese  Umformung  abzulehnen.  Man  gewinnt  den  Eindruck,  dass 
die  Schrumpfungsvorgänge,  die  sich  hier  in  ganz  besonderem  Maasse 
abgespielt  haben  müssen,  für  die  Entwicklung  der  Trommelschlegel¬ 
finger  bedeutungsvoll  gewesen  sind.  An  mechanische  Beeinflussung 
des  Vagus  und  des  Sympathikus,  vielleicht  mit  reflektorischer  Rück¬ 
wirkung  auf  die  Hypophyse  und  das  Zwischenhirn,  wie  das  Georg 
Schmidt  annimmt,  kann  hier  gedacht  werden.  Es  könnte  auch 
Einengung  der  grossen  Venenstämme  durch  Narbenschrumpfung  zu 
Stauung  und  diese  zu  Hypertrophie  der  distalen  Enden  der  Finger 
geführt  haben.  Ueber  solche  Zusammenhänge  sind  Untersuchungen 
an  unserer  Klinik  im  Gange. 

Eine  Erklärung  verlangt  noch  das  Zustandekommen  der  Ne¬ 
krose  der  ganzen  linken  Lunge.  Ein  solches  Ereignis  ent¬ 


hält  die  Literatur  in  dieser  Form  noch  nicht.  Mehrfach  sind  zwar 
grosse  LungenseQuester  nach  Gangrän  oder  Schussverletzung  be¬ 
schrieben  worden.  Wir  selbst  haben  in  dem  ersten  Bande  der  „Chi*  ■ 
rurgie  der  Brustorgane"  eigene  Erfahrungen  mitgeteilt.  Hier  aber 
handelt  es  sich  um  die  Sequestieruug  einer  ganzen  Lungenhälfte,  die, 
soweit  das  vor  und  bei  den  ersten  Operationen  autoptisch  festgestellt 
werden  konnte,  vollständig  gesund  >’ar. 

Die  späteren  Eingriffe  und  die  Röntgendurchleuchtung  ergaben 
übereinstimmend  das  Fehlen  der  gesamten  linken  Lunge  und  nicht 
etwa  nur  ihres  grösseren  oder  grössten  'Teiles. 

Diese  ausgedehnte  Nekrose  kann  nur  Folge  der  Unterbre¬ 
chung  der  Blutzufuhr  sein.  Ein  Exsudat,  wie  es  auch  bei 
unserer  Kranken  auftrat,  engt  die  Lunge  ein,  macht  sie  aktelektatisch, 
setzt  ihre  Durchblutung  herab,  hebt  sic  aber  niemals  auf.  so  dass  die 
Lunge  abstirbt. 

Ihre  Ernährung  wird  ausschliesslich  durch  Art.  bron- 
chialis  -  System  gewährleistet.  Unterbindung  der  Art.  pulmo>l 

nalis  führt  zu  hochgradiger  Schrumpfung  des  betreffenden 

Lungenabschnittes,  niemals  aber  zur  Nekrose  (Brungs,  Sauer- 
bruc  h).  Beim  Ausfall  der  Blutversorgung  durch  die  Bronchi¬ 
ales  kann  kompensatorisch  auch  das  Lungenarterienblut  der  Ernäh¬ 
rung  dienen.  Voraussetzung  aber  ist,  dass  die  Arterialisation  in 
den  Alveolen  der  Lunge  ungestört  vor  sich  geht.  Diese  Vorbedingung 
fehlt  aber,  wenn  der  Bronchus  unterbunden  oder  verlegt  und  damit 
dem  Sauerstoff  der  Zutritt  zum  Lungenblut  verwehrt  wird.  Unter¬ 
bindung  der  Art.  bronchialis  und  des  Bronchus  führen  zur  Nekrose.] 
Das  hat  neuerdings  Nissen  an  unserer  Klinik  experimentell  be¬ 
stätigt. 

Man  könnte  also  auf  Grund  dieser  Feststellung  die  Nekrose  bei 
unserer  Kranken  auf  gleichzeitige  Unterbrechung  der  Blutzufuhr  aus 
dem  Gebiete  der  Art.  bronchialis  und  Verlegung  des  Bronchus  be¬ 
ziehen.  Bei  der  Verlagerung  der  Lunge  in  das  Bett  des  grossen  Tu¬ 
mors  hätte  der  Bronchus  durch  Abknickung  eingeengt  oder  sogar 
verschlossen  werden  können.  Während  der  Exstirpation  der  Ge¬ 
schwulst  mussten  mehrere  Aeste  des  Bronchialarteriensystcrns  unter¬ 
bunden  werden.  Die  Bedingungen  der  Nekrose  wären  somit  wie  im 
Experiment  erfüllt  gewesen. 

Aber  auch  eine  andere  Möglichkeit  ist  zu  erwägen.  Der  ge¬ 
waltige  Eingriff  im  hinteren  Mittelfellraum  und  die  ihm  folgenden 
Reaktions-  und  Wundheilungsvorgänge  könnten  zur  -Thrombose  der 
grossen  Hilusgefässe  geführt  haben.  Diese  selbst  gefährdet  zwar  den 
Fortbestand  einer  Lunge  nicht,  wie  wir  aus  mehreren  Beobachtungen 
wissen.  Wird  aber  gleichzeitig  die  Blutzufuhr  aus  dem  Gebiet  der 
Art.  bronchialis  abgeschnitten,  wie  das  bei  unserer  Kranken  der  Fall 
war,  so  ist  jede  Ernährungsmöglichkeit  ausgeschlossen,  da  die  kom¬ 
pensatorische  Versorgung  des  Gewebes  infolge  der  Undurchgängig¬ 
keit  der  grossen  Lungengefässe  fortfällt. 

Ausgeschlossen  erscheint  uns,  dass  etwa  durch  eine  tiefe  Um¬ 
stechung  der  Lungenhilus  selbst  umschnürt  worden  ist.  Der  Verlauf 
wäre  nach  unseren  Erfahrungen  bei  Lungenamputationen  ein  ganz 
anderer  gewesen. 

Schliesslich  wäre  daran  zu  denken,  dass  der  grobe  Eingriff  im 
Gebiete  der  mcdiastinalen  Nervenbahnen  die  Durchblutung  gestört, 
die  Ernährung  verschlechtert  hätte.  Auf  Einzelheiten  kann  hier  nicht 
eingegangen  werden. 

Die  Abstossung  der  Lunge  von  ihrem  Stiele  ohne  Ausbildung 
einer  Bronchialfistel  kann  weniger  überraschen.  Wir  haben 
mehrmals  nach  Amputationen  von  Lungenlappen,  bei  denen  durch  eine 
Massenligatur  der  ganze  Stiel  unterbunden  wurde,  glatte  Einheilung 
des  Stumpfes  beobachtet.  Meistens  entsteht  freilich  eine  Bronchial¬ 
fistel,  die  später  operative  Eingriffe  notwendig  macht.  Bei  langsamer 
Verringerung  der  Durchblutung  und  schliesslicher  Aufhebung  der  Ee- 
nährung  werden  aber  auch  im  Bronchus  selbst  durch  Stauung  und 
Entzündung  reaktive  Vorgänge  wachgerufen.  Die  gegenüberliegenden 
Schleimhautflächen  verkleben  und  verwachsen  später  miteinander. 
So  verödet  die  Lichtung,  und  dickes  Narbengewebe  hüllt  nach  der 
Demarkation  den  Lungenstiel  ein. 

Der  Operationserfolg  gewinnt  durch  die  seltene  Komplikation 
einer  totalen  Lungennekrose  an  Bedeutung.  Diese  Beobachtung  hat 
mehr  als  kasuistische  Wichtigkeit.  Sie  berührt  allgemein  pathologische 
Erfahrungen  und  regt  zu  vergleichenden  Betrachtungen  mit  mannig¬ 
fachen  experimentellen  Ergebnissen  an. 


Aus  der  chirurgischen  Klinik  zu  München. 
(Direktor:  Geh.  Rat  Prof.  Dr.  F.  Sauerbruch.) 

Zur  Kritik  des  künstlichen  Pneumothorax*). 

Herrn  Geh.  Rat  Hugo  Schulz  -  Greifswald  zum  70.  Geburtstag 

gewidmet. 

Von  W.  Jehn. 

Im  allgemeinen  darf  gesagt  werden,  dass  die  Dauerresultate  der 
Pneumothoraxbehandlung  einseitiger  Lungentuberkulose  weit  hinter 
unseren  Erwartungen  zurückgeblieben  sind. 

Es  gelingt  zwar,  unter  Auswahl  der  Fälle  beginnende  und  fort¬ 
geschrittene  Tuberkulosen  mit  und  ohne  Kavernenbildung  durch  das 

*)  Auszugsweise  vorgetragen  auf  der  8.  Tagung  Bayerischer  Chirurgen, 
München,  den  7.  Juli  1923. 


3.  August  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHAU  I 


Verfahren  zu  heilen.  Aber  die  Gefahren  und  Komplikationen  der 
Methode  sind  so  Kross,  dass  man  sie  nur  mit  Vorsicht  anwenden  wird. 

Dies  muss  von  chirurgischer  Seite  betont  werden,  um  die  Allge¬ 
neinpraxis  vor  einem  Optimismus  zu  bewahren,  der  letzten  Endes 
Enttäuschungen  zur  Folge  haben  und  das  Verfahren  in  Misskredit 
iringen  kann. 

Sehen  wir  von  den  Misserfolgen  ab,  bei  denen  der  Pneumothorax 
ms  falscher  Indikation,  mit  fehlerhafter  Technik  oder  gar  in  verzwei- 
eiten  Fällen  „solaminis  causa“  angelegt  wird,  so  können  schwere 
irimäre  oder  sekundäre  Komplikationen  den  Versuch,  die  Tuberkulose 
:u  heilen,  mit  einem  Schlag  vereiteln.  Dabei  denken  wir  in  erster 
-inie  an  jene  Zwischenfälle,  bei  denen  im  Augenblick  der  Einführung 
ler  Pneumothoraxnadel  oder  der  Pneumothoraxluft  in  den  „Pleura¬ 
palt  der  Kranke  kollabiert  und  der  Tod  unmittelbar  eintreten  kann. 

Pleurareflexe  und  Luftembolie  sind  die  Ursachen  für  diesen  mit- 
mter  verhängnisvollen  Ausgang.  Daneben  tritt  bei  Ueberdosicrung 
ler  1  neumothoraxluft  hier  und  da  eine  Mediastinalverdrängung  auf. 
ne  stellt  einen  lebensbedrohenden  Zustand  dar.  Er  kann  allerdings 
ladurch  beseitigt  werden,  dass  ein  entsprechendes  Quantum  Luft  aus 
ler  Pleura  wieder  abgelassen  und  somit  die  Druckverhältnisse  in  der- 
elben  reguliert  werden. 

Von  anderen,  weniger  bedrohlichen  Ereignissen  sehen  v/ir  ab: 
lern  subkutanen  oder  interstitiellen  Emphysem. 

Dagegen  muss  auf  die  in  50  Proz.  aller  Fälle  im  Anschluss  an  den 
herapeutischen  Pneumothorax  auftretenden  Trans-  und  Exsudate 
angewiesen  werden.  Dass  sie  so  oft  auftreten,  hat  seinen  Grund 
larin,  dass  der  Pneumothorax  einen  toten  Raum  darstellt,  ferner  in 
er  Tatsache,  dass  der  geschlossene  Pneumothorax  eine  jede  Infektion 
les  Brustfells  begünstigt. 

Mechanische  und  biologische  Momente  spielen  hierbei  eine  aus- 
chlaggebende  Rolle. 

Vom  klinischen  Gesichtspunkte  aus  lassen  sich  zwei  Gruppen 
■on  Pleuraergüssen  unterscheiden:  die  Transsudate  und  idiopathiscaen 
.rgüsse  auf  der  einen,  die  tuberkulösen  und  mischinfizierten  Em- 
yeme  auf  der  anderen  Seite. 

Transsudate  und  idiopathische  Ergüsse  haben  zunächst  keine 
esondere  klinische  Bedeutung.  Diese  können  sie  dadurch  erlangen, 
ass  bei  rascher  Vergrösserung  der  Flüssigkeit  die  Pneumothorax- 
jft  komprimiert  und  damit  die  Mediastinalverdrängung  ausgelöst 

vird. 

Sie  können  ausserdem  aus  den  verschiedensten  Anlässen  infiziert 
/erden.  Eine  schädigende  Rückwirkung  auf  den  Allgemeinzustand 
es  Kranken  haben  sie,  solange  diese  beiden  Komplikationen  fehlen, 
icht.  Dagegen  sind  die  tuberkulösen  Exsudate  zum  Teil,  die  misch- 
lfizierten  immer  als  eine  schwere  Komplikation  aufzufassen.  Sind 
ie  doch  stets  Empyeme,  eitrige  Ergüsse,  bei  denen  die  Grundkr.mk- 
eit  —  die  Lungentuberkulose  —  in  den  Hintergrund  tritt  und  die 
ifektion  das  Bild  beherrscht. 

Diese  kann  dadurch  erfolgen,  dass  tuberkulöse  Herde  durch  Kon- 
ikt  das  Rippenfell  infizieren  —  rein  tuberkulöse  Exsudate  —  oder 
uf  dem  Blut-  und  Lymphwege  bei  gleichzeitig  bestehender  oder 
berstandener  Angina,  Bronchopneumonie,  Grippe,  Enteritis  neben 
em  Vorhandensein  von  Tuberkelbazillen  geringere  oder  zahlreichere 
lengen  von  Strepto-,  Staphylo-  und  Pneumokokken  im  Eiter  nach¬ 
weisbar  werden. 

Hieraus  resultiert  die  verschiedenartige  klinische  Bedeutung 
ieser  Ergüsse.  Die  schwersten  Formen  sind  die  mischinfizierten 
neumothoraxexsudate.  Durch  unsaubere  Instrumente  dürfte  im 
rossen  und  ganzen  die  Infektion  nur  selten  verursacht  werden, 
agegen  ist  der  Durchbruch  einer  Kaverne  in  den  Pneumothorax¬ 
rum  von  ausschlaggebender  Bedeutung.  Schlagartig  wird  die  bis 
ahin  fast  intakte  Pleura  infiziert.  Es  beginnt  die  letzten  Endes  töd- 
ch  verlaufende  Pleuraphlegmone  oder  Pleurasepsis. 

Diese  Perforation  tritt  gelegentlich  spontan  auf.  Auch  führt  der 
ersuch,  den  Pneumothorax  zu  „forcier  e  n“,  zum  Durchbruch  in 
ie  L  unge.  Es  kann  auch  eine  Kaverne  bei  allmählicher  Einschmel- 
ung^  ihrer  Wand  schliesslich  die  Pleura  durchbrechen.  Damit  ist 
as  Schicksal  des  Kranken  besiegelt. 

'  Immer  wieder  hört  man,  das  Ereignis  träte  so  selten  ein,  dass  es 
eine  allzu  grosse  praktische  Bedeutung  habe. 

In  unserer  Klinik  werden  spezifische  oder  mischinfizierte  Pneumo- 
loraxempyeme  weit  häufiger  beobachtet,  als  man  denken  sollte.  E  s 
andelt  sich  dabei  stets  um  Kranke,  bei  denen 
usserhalb  der  Klinik  ein  Pneumothorax  angelegt 
urde  und  dort  auch  die  Perforation  erfolgte.  Damit 
lt  das  jetzt  bestehende  Empyem  für  den  inneren  Kliniker  oder  den 
ungenspezialisten  an  Bedeutung  verloren.  Es  gelangt  als  „chirur- 
ischer  Fall“  zur  Aufnahme. 

W'ir  haben  im  Laufe  der  Zeit  etwa  100  solcher  Kranker  be- 
mdelt,  bei  denen  nach  anfangs  erfolgreicher  Pneumothoraxkur  ein 
-hwer  misch  infiziertes  Empyem  dem  Kranken  zum  Verderben 
urde.  Fast  90  Proz.  aller  dieser  Kranken  starben.  Zum  Teil  kamen 
e  in  einem  so  desolaten  Zustand  in  Behandlung,  dass  ihnen  selbst 
-r  kleinste  chirurgische  Eingriff  nicht  mehr  zugemutet  werden 
»nute.  Nur  etwa  10  Proz.  konnten  operativ  durch  Punktionsbehaud- 
ng,  Bülaudrainage,  Thorakotomie  und  ausgedehnte  Entknochung 
rer  Brustwand  (Thorakoplastik)  —  zum  Zwecke  der  Behandlung 
rer  Empyemresthöhle  —  gerettet  werden. 

Die  Frage  liegt  nahe,  warum  diese  Kranken  überhaupt  operiert 

Nr.  31. 


werden.  Weil  sie  ohne  Operation  an  Sepsis  oder  Amyloid  zugrunde 
gehen  und  weil  alle  diejenigen,  welche  die  Operation  überstehen,  als 
praktisch  geheilt  entlassen  werden.  Infolge  Pneumothorax-  oder 
Exsudatwirkung  ist  ja  ihre  Lungentuberkulose  anatomisch  aus¬ 
geheilt.  Es  ist  daher  durch  die  Operation  nichts  mehr  zu  ver¬ 
derben,  sondern  nur  noch  zu  gewinnen.  So  stellt  jeder  dieser  10  ge¬ 
heilten  Falle  einen  nennenswerten  Erfolg  dar.  Freilich  haben  die 
Kranken  ihre  Heilung  auf  Umwegen  erlangt. 

Neben  diesen  Zwischenfällen  und  Komplikationen  sehen  wir  bei 
reaktionslos  verlaufendem  therapeutischen  Pneumothorax  andere  in 
der  Art  der  Erkrankung  liegende  Verhältnisse,  welche  oft  das  Ver¬ 
fahren  nur  teilweise  wirken  lassen. 

Es  sei  darauf  hingewiesen,  dass  ein  Pneumothorax  nur  über  dem 
Unterlappen  angelegt  werden  kann,  wenn  die  schwerkranke  Lungen¬ 
spitze  durch  breite  Adhäsionen  an  die  Brustwand  fixiert  ist. 

Für  diese  Fälle  muss  der  definitive  Heilerfolg  so  herbeigeführt 
werden,  dass  im  Bei  eich  der  Adhäsionen  über  der  Spitze  eine  extra- 
pleurale  I  liorakoplastik  ausgeführt  wird,  ein  Kombinationsverfahren, 
welches,  zuerst  von  Sauerbruch  ausgeführt,  mit  Ranke  als 
ideale  Methode  bezeichnet  werden  darf. 

Dem  Verfahren  von  Jakobäus  gegenüber,  bei  strangförmigen 
Verwachsungen  der  Lunge  durch  intrapleurale  Lösung  derselben  aus 
dem  partiellen  Pneumothorax  einen  totalen  zu  machen,  verhalten 
wir  uns  sehr  reserviert.  Neben  mehr  oder  weniger  grossen  Blutungen 
aus  den  durchtrennten  Strängen  wurden  schwere  Infektionen  der 
Pleura  beobachtet. 

Nicht  zu  vergessen  bei  der  Beurteilung  des  Pneumothorax  ist 
die  Tatsache,  dass  er  lange  Zeit  unterhalten  werden  muss,  dass  damit 
die  Kranken  besonders  bei  Ortswechsel  nicht  mehr  unabhängig  vom 
Arzte  sind  und  dass,  diese  Abhängigkeit  den  Kranken  wirtschaftlich 
schwer  belastet.  Sehr  oft  kommen  daher  solche  Kranke  zu  uns  mit 
der  Bitte,  von  ihrem  Preumothorax  durch  den  operativen  Eingriff 

die  extrapleurale  Thorakoplastik  — -  befreit  zu  werden.  Andere 
wieder  verweigern  den  therapeutischen  Pneumothorax  und  verlangen 
die  extrapleurale  Thorakoplastik. 

Es  erhebt  sich  somit  die  Frage,  ob  nicht  in  allen  Fällen,  welche 
an  sich  für  einen  therapeutischen  Pneumothorax  geeignet  sind,  an 
seiner  Stelle  die  extrapleurale  Thorakoplastik  trotz  freier 
Pleura  als  Methode  der  Wahl  empfohlen  werden  sollte. 

Für  die  Bejahung  spricht  vieles:  die  Vermeidung  der  gelegent¬ 
lich  primär  auftretenden  Zwischenfälle  —  Pleurareflex  und  Luft¬ 
embolie  — ,  die  sichere  Vermeidung  der  Exsudatbildung  und  die  Ab- 
kürzung  der  Behandlung,  welche,  in  ein  bis  zwei  Sitzungen  ausge¬ 
führt,  nur  etwa  6  Wochen  dauert  und  daneben  nur  noch  eine  3-6- 
monatige  Nachkur  in  einem  Sanatorium  erfordert. 

Gegen  die  Forderung  spricht  einmal  die  Tatsache,  dass  die  ope¬ 
rative  Behandlung  im  Vergleich  zum  therapeutischen  Pneumothorax 
einen  grösseren  Eingriff  darstellt,  welcher  wie  jede  andere  Operation 
seine  direkten  und  indirekten  Gefahren  mit  sich  bringen  kann.  Aller¬ 
dings  ist  die  Technik  der  Operation  heute  so  gestaltet,  dass  sie,  unter 
Lokalanästhesie  ausgeführt,  in  etwa  20  Minuten  beendet  ist. 

Als  sachlicher  Einwand  könnte  angeführt  werden,  dass  nach  er¬ 
folgreicher  Pneumothoraxbehandlung  die  bis  dahin  retrahierte  Lunge 
in  der  Mehrzahl  der  Fälle  sich  wieder  ausdehnen  und  damit  die  jetzt 
gesunde  Lunge  an  der  Atmung  wieder  teilnehmen  kann,  während 
die  extrapleurale  Thorakoplastik  einen  Dauerzustand  zur  Folge  hat. 
Diesem  Einwande  ist  entgegenzuhalten,  dass  nach  „Eingehenlassen“ 
des  Pneumothorax  Rezidive  der  Tuberkulose  beobachtet  werden. 
Diese  sind  nach  der  extrapleuralen  Thorakoplastik  aus  mechanischen 
Gründen  nicht  mehr  möglich.  Ferner  sehen  wir  gerade  bei  zirrho- 
tischen  Formen  der  Lungentuberkulose  im  Anschluss  an  die  Pneumo¬ 
thoraxbehandlung  häufig  eine  so  intensive  Schrumpfung  eintreten, 
dass  mit  Abbruch  der  Kur  das  Organ  sich  nicht  wieder  ausdehnt. 

Als  wichtigster  Einwand  wird  stets  die  Entstellung  bzw.  Ver¬ 
stümmelung  des  Kranken  angeführt.  Bei  richtig  ausgeführter  Ope¬ 
ration  bleibt  jedoch,  abgesehen  von  den  Narben,  trotz  ausgedehnter 
Rippenresektion  kaum  eine  Entstellung  zurück.  Es  kommt  nur  zu 
einer  starken  Retraktion  der  Brustwand  als  Ausdruck  einer  erfolg¬ 
reichen  Behandlung.  Dagegen  verschwindet  regelmässig  die  bei 
chronischen  Tuberkulosen  beobachtete  Kyphose  nach  dem  operativen 
Eingriff,  da  sich  die  Wirbelsäule  wieder  strecken  kann  (Sauer- 
bruch).  Dagegen  ist  bei  den  Kranken,  welche  wegen  einer  tuber¬ 
kulösen  Empyemrest  nach  Pneumothoraxinfektion  operiert  werden 
müssen,  die  Entstellung  ausserordentlich  gross. 

Wir  glauben,  dass  man  immer  mehr  dazu  gedrängt  wird,  an 
Stelle  des  therapeutischen  Pneumothorax  die  extrapleurale  Thorako¬ 
plastik  als  Methode  der  Wahl  vorschlagen  zu  müssen,  soweit  es  sich 
um  fortgeschrittene  Tuberkulosen  handelt. 

Auch  schliessen  wir  uns  der  Auffassung  A.  B  r  u  n  n  e  r  s  an,  dass 
zirrhotische  Tuberkulosen  aus  dem  Grunde  trotz  freier  Pleura  ope¬ 
rativ  behandelt  werden  sollten,  weil  bei  ihnen  häufig  nach  Abbruch 
der  Kur  eine  plastische  Operation  notwendig  wird,  wenn  infolge  der 
mangelnden  Ausdehnungsfähigkeit  der  Lunge  eine  Pneumothorax¬ 
höhle  zurückbleibt. 

Vielleicht  wird  die  Zukunft  lehren,  dass  wir  bei  der  Behandlung 
der  Lungentuberkulose  der  extrapleuralen  Thorakoplastik  auch  bei 
freier  Pleura  den  Vorzug  zu  geben  haben. 

Auf  das  bestimmteste  jedoch  muss  gefordert  werden,  dass  der 
therapeutische  Pneumothorax  nur  von  Kennern  der  Tuberkulose 

3 


»014 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


ausgefülirt  werden  sollte.  Mangelnde  Erfahrung  führt  ebenso  sicher 
wie  fehlerhafte  Technik  zu  schweren  Enttäuschungen  für  den  Kran¬ 
ken  und  den  behandelnden  Arzt.  — 

Es  lag  der  Gedanke  nahe,  den  therapeutischen  Pneumothorax 
auch  für  die  Behandlung  nichtspezifischer  Lungeneiterungen  zu 
empfehlen. 

Zunächst  für  Bronchiektasen. 

Berücksichtigt  man,  dass  die  Lungentuberkulose  eine  Paren¬ 
chymerkrankung  ist,  die  Bronchiektase  aber  im  wesentlichen 
eine  Erkrankung  des  starren,  atrophisch  oder  hypertrophisch  ver¬ 
änderten  Bronchialsystems  mit  und  ohne  Erweiterung  seines 
Lumens  ist,  so  darf  bei  dieser  Erkrankung  von  vornherein  von  einer 
„Lungenkollapstherapie“  nicht  viel  erwartet  werden.  Zwar  retra- 
hiert  sich  bei  der  Pneumothoraxbehandlung  die  erkrankte  Lunge 
teilweise.  Das  Lungenparenchym  kann  veröden.  In  diesem 
zirrhotischen  Lungengewebe  bleiben  jedoch  fast 
alleBronchien,  zwar  etwas  näher  aneinandergerückt,  m  i  t  w  e  i  t 
klaffendem  Lumen  stehen.  Dementsprechend  sehen  wir 
wohl  vorübergehende  Besserung  des  Leidens  eintreten.  Eine  Heilung 
ist  bis  jetzt  nicht  beobachtet. 

Hinzu  kommt,  dass  noch  mehr  wie  bei  der  Tuberkulose  der  freie 
Pleuraspalt  durch  Kontakt  oder  Durchbruch  von  seiten  der  Lunge 
infiziert  wird  und  damit  ähnliche  Zustände  ausgelöst  werden  wie 
nach  schwerer  Pleurainfektion  bei  Lungentuberkulose. 

Wir  lehnen  daher  die  Pneumothoraxbehandlung  bei  Bronchi¬ 
ektasen  prinzipiell  ab. 

An  ihrer  Stelle  die  extrapleurale  Thorakoplastik  zu  empfehlen, 
halten  wir  uns  nicht  für  berechtigt.  Auch  sie  führt  höchstens  zur 
Besserung,  nicht  zur  Heilung.  Dagegen  empfehlen  wir  sie  als  unter¬ 
stützende  Operation  bei  anderweitigen  chirurgischen  Eingriffen  bei 
einseitigen,  auf  den  linken  Unterlappen  lokalisierten  Bronchiektasen: 
der  Pneumotomie,  sowie  der  Pneumektomie  nach  vor¬ 
heriger  Unterbindung  der  Arteria  pulmonalis 
(S  a  u  e  r  b  r  u  c  h). 

Aus  prinzipiell  anderer  Indikation  ist  sowohl  bei  den  verschie¬ 
denen  Formen  von  Tuberkulose  sowie  der  Bronchiektase  der  künst¬ 
liche  Pneumothorax  gestattet:  bei  schweren  einmaligen  oder  rezidi¬ 
vierenden  Blutungen  aus  der  Lunge.  Hier  treten  alle  Ueberiegun- 
gen  und  Befürchtungen  gegenüber  den  Gefahren  einer  lebensbedro¬ 
henden  Hämoptoe  in  den  Hintergrund.  Um  so  mehr,  als  klinische 
Erfahrungn  beweisen,  dass  in  diesen  Fällen  der  Pneumothorax  lebens¬ 
rettend  wirken  kann! 

Immer  wieder  wird  der  Vorschlag  gemacht,  Lungenabszesse 
und  Lungengangrän  mit  Pneumothorax  zu  behandeln.  In  Einzel¬ 
fällen  mag  bei  frischer  Erkrankung  hie  und  da  ein  Erfolg 
nach  diesem  Vorgehen  beobachtet  worden  sein.  Bedenkt  man  aber, 
wie  empfindlich  jeder  geschlossene  Pneumothorax  gegen  Infektion 
ist,  so  wird  man  uns  ohne  weiteres  recht  geben,  wenn  wir  vom  chi¬ 
rurgischen  Standpunkt  aus  die  Pneumothoraxtherapie  bei  diesen  Er¬ 
krankungen  ablehnen. 

Noch  weit  mehr  als  bei  Lungentuberkulose  und  Bronchiektasen 
tritt  auf  direktem  oder  indirektem  Wege  ein  eitriger  oder  jauchiger 
Erguss  in  der  Brusthöhle  auf,  und  damit  gerät  der  Kranke  in  einen 
lebensbedrohlichen  Zustand.  Der  Pneumothorax  verhindert  ferner 
die  Bildung  von  Adhäsionen  über  dem  Einschmelzungsherd.  Gerade 
deren  Bestehen  ist  jedoch  die  Voraussetzung  für  die  in  Frage  kom¬ 
mende  Therapie  —  die  Pneumotomie  —  wenn  diese  e  i  n  z  e  i  t  i  g 
ausgeführt  werden  soll. 

Ausserdem  wird  häufig  durch  eine  vorherige  Pneumothorax¬ 
behandlung  der  Zeitpunkt  für  einen  chirurgischen  Eingriff  hinaus¬ 
geschoben.  Der  Kranke  kommt  im  Laufe  der  Zeit  so  herunter,  dass 
er  schliesslich  mit  oder  ohne  Empyem  in  einen  solch  trostlosen  Zu¬ 
stand  in  chirurgische  Hände  gerät,  dass  die  Operation  abgelehnt 
werden  muss. 

Auch  der  in  Deutschland  seltene  Lungenechinokokkus  sollte  nicht 
mit  künstlichem  Pneumothorax  behandelt  werden.  Für  ihn  ist  der 
frühzeitige  chirurgische  Eingriff  die  Methode  der  Wahl. 

Ueber  die  neuesten  Vorschläge,  die  Pleuritis  sicca  sowie  die 
kruppöse  Pneumonie  mit  dem  therapeutischen  Pneumothorax  zu  be¬ 
handeln,  erlauben  wir  uns  kein  Urteil.  Wir  haben  prinzipielle  Be¬ 
denken  gegen  diese  Massnahmen. 

Wir  fürchten  auch  hier  die  mehr  oder  weniger  stürmisch  ver¬ 
laufende  Pleurainfektion.  Ausserdem  ist  noch  nicht  erwiesen,  ob  bei 
der  Pleuritis  sicca  nicht  leichter  Rezidive  nach  der  Pneumothorax¬ 
behandlung  auftreten.  Es  ist  ferner  zu  sagen,  dass  viele  Pneumonien 
am  schnellsten  ausheilen,  wenn  man  sie  in  Ruhe  lässt.  Erfahrene 
innere  Kliniker  werden  wohl  das  letzte  Wort  in  dieser  Frage  zu 
sprechen  haben. 

Die  Vorschläge,  den  traumatischen  Hämothorax  zu  punktieren 
und  durch  atmosphärische  Luft  oder  Stickstoff  zu  ersetzen,  sind  ab¬ 
zulehnen.  Sie  entsprechen  in  keiner  Weise  den  grundlegenden  An¬ 
schauungen  über  die  Behandlung  der  Verletzungen  des  Brustkorbes 
und  seiner  Organe. 

Auch  der  diagnostische  Pneumothorax  wurde  empfohlen.  Nach 
seiner  Anlage  sollte  es  gelingen,  vor  dem  Röntgenschirm  oder  durch 
Endoskopie  krankhafte  Veränderungen  der  Brustwand,  der  Pleura 
oder  der  Lunge  gegeneinander  abzugrenzen. 

Hin  und  wieder  mag  das  gelingen.  Vor  allem  dürfte  es  sich 
mühelos  feststellen  lassen,  ob  Brustwandtumoren  auf  die  Pleura  oder 


Nr.  31. 


Lunge  übergreifen.  Es  dürfte  auch  der  Nachweis  leicht  zu  erbringen 
sein,  ob  Veränderungen  im  Lungengewebe  I  umorcharakter  haben. 
Besonders  könnte  die  Frage  entschieden  werden,  ob  ein  soiener 
Tumor  bereits  mit  dem  Rippen-,  Zwerch-  oder  Mittelteil  ver¬ 
wachsen  ist.  j 

Wer  die  Gefahren  des  künstlichen  Pneumothorax  richtig  be¬ 
wertet,  wird  nur  mit  Reserve  an  diese  Methode  herangehen.  Uns 
steht  in  der  unter  Druckdifferenz  auszuführenden  Probethorakotomie 
ein  zuverlässiges  technisches  Hilfsmittel  zur  Verfügung,  welches  ein¬ 
deutigere  Resultate  zeitigt  wie  der  diagnostische  Pneumothorax. 

Ausserdem  kann,  falls  die  Probethorakotomie  sichere  Resultate 
ergibt,  sofort  eine  radikale  Behandlung  angeschlossen  werden.  Auf 
diese  Weise  gewinnen  wir  Zeit  und  unterwerfen  den  Kranken  nur 
einem  Eingriff.  Wir  lehnen  daher  den  diagnostischen  Pneumo¬ 
thorax  gleichfalls  ab. 

Unsere  ablehnende  Haltung  gegenüber  den  verschiedenen  Vor¬ 
schlägen,  aus  diagnostischen  oder  therapeutischen  Gründen  einen 
künstlichen  Pneumothorax  anzulegen,  beruht  auf  jahrelanger  Lr- 
fahrung.  Wir  werden  im  zweiten  Bande  von  Sauerbruchs 
„Chirurgie  der  Brustorgane“  klinische  Belege  für  unsere  Auffassung 
bringen. 

Entgegen  den  immer  wieder  auftauchenden 
Mitteilungen  über  günstige  Resultate  der  Pneu¬ 
mothoraxbehandlung  bei  den  verschiedensten 
Erkrankungen  der  Lunge  betonen  wir  v  o  m  chirur¬ 
gischen  Standpunkt  aus  die  Unsicherheit  und  die 
Gefährlichkeit  der  Methode,  ausserdem  die  lat- 
sache,  dass  oft  kostbare  Zeit  für  wirkungsvollere 
chirurgische  Eingriffe  verloren  geht. 

Wir  erkennen  zurzeit  nur  bei  gewissen  Formen 
beginnender  fortgeschrittener  Lungentuberku¬ 
lose  denbedingtenWert  destherapeutischen  Pneu¬ 
mothorax  an.  Dabei  betonen  wir,  dass,  wenigstens  bei  chronisch 
fibrösen  Formen,  nach  unserer  Ueberzeugung  die  extrapleurale  I  lio- 
rakoplastik  selbst  bei  „freier  Pleura“  zum  mindesten  die  gleiche  Be¬ 
rechtigung  hat  wie  der  therapeutische  Pneumothorax. 


Aus  der  Universitäts-Augenklinik  zu  Bonn. 

(Direktor:  Geh.  Med.-Rat  Prof.  Dr.  Römer.) 

Ueber  den  Einfluss  des  aktiven  Serums  auf  die  intrakutane 
Tuberkulinreaktion  bei  Fällen  von  Augentuberkulose. 

Von  Geh.  Med.-Rat  Prof.  Dr.  Römer  und  Dr.  K.  vom  Hofe. 

In  Nr.  20  der  Klin.  Wschr.  berichtet  W.  Jadassohn  über  Ver- : 
Stärkung  und  Abschwächung  der  Tuberkulinwirkung  durch  Serum.; 
Wir  haben  unabhängig  von  Jadassohn  und  offenbar  gleichzeitig 
seit  mehreren  Monaten  Versuche  gemacht,  die  sich  auf  analoger  Bahn 
bewegen.  Für  uns  waren  freilich  nur  klinische  Gesichtspunkte  mass-  j 
gebend,  während  bei  den  Studien  W.  Jadassohns  zum  grossen 
Teil  theoretische  Gesichtspunkte  der  Immunitätsforschung  eine  Rolle 
spielten. 

Jadassohn  fand,  dass  aktives  menschliches  Serum,  auch  wenn  • 
es  von  tuberkulin-negativen  Menschen  stammte,  mit  einer  Lösung! 
Alttuberkulins  1  : 50  000  zu  gleichen  Teilen  vermischt,  nach  24stündi-i 
gern  Stehenlassen  bei  Zimmertemperatur  stärkere  Intrakutanreaktion 
bewirkt,  als  sie  dem  Tuberkulingehalt  entspricht.  Wurde  dagegen; 
das  Serum  sofort  nach  der  Mischung  intrakutan  injiziert,  so  war  die 
Tuberkulin-Serumreaktion  in  den  meisten  Fällen  schwächer  als  die 
Kontrolle.  Bei  sofortiger  Injektion  wurde  also  im  Gegensatz  zu  den 
Versuchen  mit  längerem  Stehenlassen  eine  Abschwächung  der  Tu¬ 
berkulinreaktion  erzielt.  Jadassohn  nimmt  an,  dass  das  Tuber¬ 
kulin  im  tuberkulösen  Organismus  durch  Verbindung  mit  thermo¬ 
stabiler  Substanz  ohne  Mitwirkung  von  Komplement  in  giftiges  Tu- 
berkulopyrin  übergeführt  wird,  das  teilweise  durch  einen  Ambo-: 
zeptor  und  Komplement  entgiftet  wird. 

Wir  wurden  zu  unseren  Versuchen  durch  die  folgende  klinische; 
Fragestellung  veranlasst: 

Wir  Ophtalmologen  haben  es  im  wesentlichen  mit  zwei  Tuber-i 
kuloseformen  zu  tun.  Auf  der  einen  Seite  steht  die  Skrophulose  mit  i 
den  Erscheinungen  der  phlyktänulären  Konjunktivitis  und  Keratitis,: 
deren  gewaltige  Zunahme  auch  bei  den  Erwachsenen  seit  Kriegs¬ 
und  Nachkriegszeit  jedem  ophthalmologischen  Kliniker  bekannt  ist, 
auf  der  andern  Seite  die  prognostisch  noch  ungünstigere  intraokulare; 
Tuberkulose,  die  uns  unter  dem  Bilde  der  Iritis  und  Uveitis  entgegen¬ 
tritt.  Alle  klinischen  Untersuchungen  haben  bisher  nicht  enthüllen 
können,  wovon  das  Auftreten  dieser  beiden  tuberkulösen  Formen  des 
Auges  abhängig  ist  und  bleibt.  So  ergibt  nach  unseren  umfangreichen 
Untersuchungen  die  Röntgendiagnostik  bei  beiden  Gruppen  keine 
durchgreifenden  Unterschiede  im  Lungen-  und  Drüsenbefund.  Und 
auch  die  Anwendung  des  Tuberkulins  und  anderer  Tuberkulose- ( 
antigene,  ferner  die  bisherige  Serodiagnostik  vermag  uns  nach  un¬ 
seren  Erfahrungen  bisher  keinen  prinzipiellen  Unterschied  im  Ver-i 
halten  des  Organismus  bei  beiden  Tuberkuloseformen  aufzudecken. 
Und  doch  müssen  hier  immun-biologische  Gesetzmässigkeiten  vorhan¬ 
den  sein,  die  diesen  beiden  Hauptformen  der  Augentuberkulose  zu¬ 
grunde  liegen. 


3.  August  192.1 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1015 


Wir  haben  uns  die  Frage  vorgelegt,  ob  es  vielleicht  gelingen 
könnte,  dadurch  immun-biologische  Unterschiede  zwischen  beiden 
Tuberkuloseformen  aufzufinden,  dass  das  Serum  des  betreffenden  In¬ 
dividuums  in  die  eigene  Haut  zusammen  mit  dem  Tuberkulin  injiziert 
wird.  Zu  dieser  Versuchsanordnung  wurden  wir  noch  veranlasst 
durch  eine  Hypothese  aus  der  Tuberkuloseimmunität.  In  der  neueren 
Zeit  wird  bekanntlich  von  manchen  Forschern,  z.  B.  Dey  cke- 
M  u  c  li  und  v.Hajek,  die  These  vertreten,  dass  bei  der  Tuberku¬ 
lose  die  zelluläre  Immunität  der  relativ  dauernde  Immunitätszustand, 
während  die  humorale  Immunität,  wie  v.  Hajek  sagt,  eine  mehr 
flüchtige,  stets  wechselnde  Kampfwelle  ist,  die  von  den  bedrohten 
Körperzellen  erst  dann  eingesetzt  wird,  wenn  es  der  Kampf  gegen 
die  I  uberkulose  gerade  erfordert.  Wir  gingen  ferner  von  der  Hypo¬ 
these  aus,  dass  die  Tuberkulinreaktion  auf  einem  parenteralen  Abbau 
beruht  und  dass  die  Ursache  der  entzündlichen  Erscheinungen  giftige 
Zwischenprodukte  des  Antigenabbaus  sein  können,  die  dann  zur  Wir¬ 
kung  gelangen,  wenn  der  Antigenabbau  unvollkommen  oder  zu  lang¬ 
sam  vor  sich  geht.  Wir  fragten  uns:  Wenn  beide  Formen  der  Augen¬ 
tuberkulose  sich  vielleicht  dadurch  unterscheiden  könnten,  dass  bei 
der  einen  I  uberkulin  abbauende  Antikörper  im  Serum  vorhanden 
sind,  bei  der  andern  aber  fehlen,  so  würde  sich  dies  wohl  dann  am 
besten  zeigen,  wenn  das  Tuberkulin  direkt  mit  dem  Serum  zur  intra¬ 
kutanen  Reaktion  injiziert  wird.  Es  würde  dann  bei  der  Tuberkulose¬ 
form,  bei  der  im  Serum  reichlich  Antikörper  vorhanden  sind,  die 
Tuberkulin-Serumreaktion  vielleicht  milder  verlaufen,  als  an  der 
Kontrollstelle  die  Reaktion  mit  dem  Tuberkulin  allein. 

Der  Gedankengang,  der  uns  führte,  mag  irrig  sein,  wie  vieles, 
was  auf  dem  Gebiete  der  Tuberkuloseimmunität  gedacht  und  gesagt 
\vird.  Iatsächlich  aber  hat  uns  derselbe  zur  Aufdeckung  immunbio¬ 
logischer  Unterschiede  geführt.  Denn  es  finden  sich  bei  dieser  klini¬ 
schen  Untersuchungsmethode  deutliche  Unterschiede,  sowohl  unter 
den  kranken  Individuen  mit  derselben  Tuberkuloseform,  wie  zwi¬ 
schen  unsern  beiden  okularen  Tuberkuloseformen. 

Unsere  Versuchsanordnung  war  folgende: 


Tabelle  1. 

+  bedeutet  durch  Serum  abgeschwächte  Tuberkulinreaktion. 

—  bedeutet  durch  Serum  nicht  abgeschwächte  Tuberkulinreaktion. 


Nr. 

Alter 

Diagnose 

Kesul- 

tat 

1 

17 

Keratoeonj.  scroful. 

2 

9 

3 

12 

1»  J? 

4 

9 

5 

14 

6 

21 

7 

21 

M  >J 

8 

30 

M  J» 

Diagnose 


- 


9 

10 

11 

12 

18 

14 

15 

16 


7 

21 

28 

17 

19 

9 

22 

15 


Keratoeonj.  soroful. 

»  » 

!!  tl 

II  II 

II  II 

II  II 

II  II 


+ 


Tabelle  2. 


N’r. 

Alter 

Diagnose 

3  -»-» 

iß  c3 
<D  «-» 

Nr. 

Alter 

Diagnose 

Eesul- 

tat 

i 

28 

Uveitis  chronica 

_ 

14 

57 

Chorioiditis  acuta 

2 

30 

U 

— 

15 

22 

Juvenile  Glaskörperblut 

3 

40 

— 

16 

56 

Iritis  chronica 

4 

31 

— 

17 

26 

5 

41 

Iritis  „ 

— 

18 

25 

Chorioiditis  dissemiate 

6 

29 

»  v 

— 

19 

31 

Iritis  serosa 

7 

38 

„  serosa 

— 

20 

23 

Iridozyklitis 

-J 

j- 

8 

50 

Chorioiditis  disseminata 

— 

21 

32 

Cyclitis  chronica 

H 

b 

9 

50 

— 

22 

27 

Chorioiditih  areolaris 

-4 

(- 

10 

16 

Heterochromie- Catara  ct 

— 

23 

11 

Juvenile  Glaskörperblut. 

11 

24 

Juvenile  Glaskörperblut. 

— 

24 

23 

Kerato-Iritis 

12 

16 

Kerato- Iritis 

— 

25 

41 

Iritis  serosa 

13 

43 

Uveitis  chronica 

— 

Kleine  Tuberkulosedosen,  wie  sie  Jadassohn  benutzte  und 
wie  wir  sie  ähnlich  in  unsern  Vorversuchen  anwandten,  ergaben  uns 
Keine  eindeutigen  Resultate.  Wir  gingen  daher  so  vor,  dass  wir  den 
(ranken  Blut  entnahmen  und  stets  zu  0,4  ccm  Serum  .0,1  ccm  einer 
-ösung  von  1  :  100  albumosefreien  Tuberkulins  =  0,001  ccm  hinzu- 
ügten.  Dieses  Gemisch  wurde  sofort  am  rechten  Arm  intrakutan 
erimpft,  während  am  linken  Arm  0,1  ccm  albumosefreies  Tuberkulin 
:  100  +  0,4  ccm  Kochsalzlösung  injiziert  wurden.  Entsprechend 
inserer  Vorstellung  bezeichneten  wir  das  Resultat  als  positiv,  wenn 
las  Serum  eine  Abschwächung  der  Tuberkulinwirkung  herbeigeführt 
iatte,  als  negativ,  wenn  ein  abschwächender  Einfluss  nicht  erkennbar 
rar.  Dass  unsere  theoretische  Vorstellung  der  Kompliziertheit  dieses 
'iologischen  Phänomens  jedoch  nicht  genügend  Rechnung  trug,  ergab 
ich  sehr  bald  bei  den  Fällen,  bei  denen  die  Entzündung  an  der 
’erumstelle  sogar  deutlich  stärker  war  als  an  der  Kontrollstelle.  Wir 
ahen  also  auch  bei  dieser  grossen  Tuberkulindosis  in  manchen 
allen  eine  Verstärkung  der  Tuberkulinwirkung,  während  Jadas- 
ohn  bei  sofortiger  Mischung  des  aktiven  Serums  mit  der  kleinen 
uberkulindosis  eine  Abschwächung  der  Tuberkulinwirkung  erzielte. 
Vir  legen  aber,  wie  nochmals  betont  sei,  keinen  Wert  auf  die  ver¬ 
miedenen  Hypothesen,  sondern  nur  auf  die  klinischen  Tatsachen. 
Jnd  das  klinische  Ergebnis  bei  unsern  ersten  einheitlich  untersuchten 
1  Fällen  ist  folgendes: 


Bei  den  meisten  Fällen  von  Skroplmlose  mit  den  Krankheitsbil¬ 
dern  der  Bindehaut-  und  Hornhautentzündung  war  die  intrakutane 
Wirkung  von  0,001  ccm  Tuberkulin  mit  aktivem  Serum  deutlich 
schwächer  als  die  Wirkung  dieser  Tuberkulindosis  allein.  Nur  in  ein¬ 
zelnen  Fällen  von  Skroplmlose  war  diese  abschwächende  Wirkung 
des  Serums  nicht  vorhanden.  Die  klinische  Beobachtung  lehrte,  dass 
es  sich  bei  diesen  Ausnahmefällen  um  besonders  schwere  Formen 
der  allgemeinen  und  Augeuskrophulose  handelte.  Hier  war  in  der 
Hälfte  der  Fälle  die  I  uberkulinreaktion  mit  dem  Serum  zusammen 
ebenso  stark  wie  die  Kontrolle,  ja,  nicht  selten  deutlich  stärker  und 
langandauernder.  War  die  1  uberkulinreaktion  abgeschwächt,  so  er¬ 
gab  die  klinische  Beobachtung,  dass  es  sich  hier  wieder  um  leichte 
und  gutartige  Fälle  handelte. 

Es  macht  also  den  Eindruck,  als  könnte  es  auf  diesem  Wege 
gleichzeitiger  intrakutaner  Impfung  des  Serums  zusammen  mit  einer 
geeigneten  Tuberkulindosis  gelingen,  prognostische  Anhaltspunkte  für 
die  Beurteilung  der  Augentuberkulose  zu  erhalten.  Es  würde  das 
ein  Ziel  sein,  auf  welches  v.  Wasser  mann  zurzeit  mit  Hilfe  kom¬ 
plizierter  Reagenzglasversuche  hinarbeitet.  Wir  sind  aber  weit  da¬ 
von  entfernt,  aus  unsern  ersten  Versuchsreihen  bereits  einen  so 
weitgehenden  Schluss  zu  ziehen,  denn  wenn  nach  Jadassohn 
das  aktive  Serum  bei  sofortiger  Mischung  kleine  Tuberkulindosen 
abschwächt,  nach  kurzem  Stehenlassen  bei  Zimmertemperatur  da¬ 
gegen  verstärkt,  wenn  nach  unsern  Versuchen  das  aktive  Serum  bei 
sofortiger  Mischung  grosse  Dosen  Tuberkulins  je  nach  der  Tuberku¬ 
loseform  abschwächen  oder  verstärken  kann,  so  ergibt  sich  von 
selbst,  dass  noch  umfangreiche  Versuche  für  den  Ausbau  dieser  Me¬ 
thoden  notwendig  sind,  ehe  wir  entscheiden  können,  ob  diese  Me¬ 
thode  zur  prognostischen  Beurteilung  der  Tuberkulose  geeignet  ist. 
Unsere  Mitteilung  kann  daher  nur  den  Zweck  haben,  zu  weiteren 
Untersuchungen  in  dieser  Richtung  anzuregen.  Nachdem  Fellner 
mit  Substanzen  aus  den  Pirquetpapeln  sehr  häufig  wesentlich  stärkere 
Tuberkulinreaktionen  erhalten  hat  (cf.  Wiener  klin.  Wschr.  1919, 
S.937;  Volk  mann  s  Sammlung  klin.  Vorträge  1919,  S.  779),  nach¬ 
dem  Jadassohn  sein,e  Versuche  mitgeteilt  hat  und  nachdem  wir 
gleichzeitig  gefunden  haben,  dass  die  Tuberkuloseform,  von  der  das 
Serum  stammt,  einen  Einfluss  auf  die  Reaktion  hat,  sind  die  Richt¬ 
linien,  in  denen  sich  die  nächsten  Versuche  bewegen  müssen,  klar 
vorgezeichnet. 


Aus  der  Medizinischen  Klinik  und  Nervenklinik  Tübingen. 
(Vorstand:  Prof.  Dr.  Otfried  Müller.) 

Ergebnisse  der  Blasenmethode. 

(lieber  den  Gewebszucker  beim  lebenden  Menschen.) 

(1.  Mitteilung.) 

Von  Priv.-Doz.  Dr.  Max  Gänsslen,  Assistenzarzt  der  Klinik. 
(Mit  einem  Vorwort  von  Otfried  Müller.) 

Vorwort. 

Seit  Beginn  unserer  Kapillarstudien  war  uns  in  Tübingen  aufge¬ 
fallen,  dass  beim  Pankreasdiabetes  oft  eigenartige  Verhältnisse  in 
den  periphersten  Gefässabschnitten  festzustellen  sind.  Schon  im 
Jahre  1912  teilte  Krauss  aus  unserer  Klinik  mit,  dass  der  Kaoillar- 
druck  schwerer  Diabetiker  relativ  zu  ihrem  Arteriendruck  auffallend 
niedrig  ist.  Die  Erscheinung  fand  sich  so  konstant  und  so  ausge¬ 
sprochen,  dass  Krauss  schon  damals  die  Vermutung  aussprach,  sie 
müsse  durch  Erschlaffung  resp.  aktive  Erweiterung  der  Hautgefässe 
bedingt  ein. 

Eine  solche  Erweiterung  der  Hautkapillaren  wurde  denn  auch 
von  Weiss  im  Jahre  1916  aus  unserer  Klinik  mitgeteilt  und  von 
Jürgensen  anderenorts  bestätigt.  Sie  ist  die  Ursache  der  von 
v.  N  o  o  r  d  e  n  als  Rubeosis  bezeichneten  Rosenrote  mancher  Diabe¬ 
tiker,  besonders  im  Gesicht  und  vornehmlich  an  der  Stirn. 

Wir  hatten  immer  den  Eindruck,  dass  diese  Erweiterung  der  peri¬ 
phersten  Kapillarabschnitte,  der  sog.  Schaltstücke,  mit  irgendwelchen 
Besonderheiten  des  Austausches  zwischen  Blut  und  Gewebe  Zusam¬ 
menhängen  müsse.  Dementsprechend  waren  wir  nicht  überrascht,  als 
Gänsslen,  nachdem  er  auf  meine  Veranlassung  an  die  Prüfung  der 
Permeabilität  der  Kapillarwand  herangetreten  war  und  die  Blasen¬ 
methode  ausgearbeitet  hatte,  fand,  dass  beim  Pankreasdiabetes 
erstens  der  Uebertritt  von  Flüssigkeit  aus  dem  Gefäss  ins  Gewebe 
verlangsamt  ist  und  dass  zweitens  der  Zuckergehalt  der  Blase  ein 
höherer  zu  sein  pflegt  als  der  des  Blutes.  Diese  eigenartige  Tatsache 
wurde  reichlich  ein  Jahr  nach  unserer  ersten  Publikation,  offenbar 
unabhängig  von  ihr,  an  Leichenteilen  durch  Barät  und  Het6ny 
ebenfalls  festgestellt.  Es  dürfte  also  wohl  sicher  mit  ihr  zu 
rechnen  sein.  , 

Es  liegt  nun  nahe,  diese  Zuckerstauung  im  Gewebe  im  Sinne 
einer  Verminderung  der  Zuckerverbrennung  zu  deuten,  wie  das  na¬ 
mentlich  von  seiten  Minkowskis  postuliert  worden  ist.  Auch  ist 
es  heute  nicht  mehr  so  schwierig,  die  Vorstellungen  erhöhter  Zucker¬ 
produktion  einerseits  und  verminderten  Zuckerverbrauchs  anderseits 
unter  einem  einheitlichen  Bilde  zu  erfassen.  Wenn  die  Ansicht  der 
Kraus  sehen  Klinik  sich  dauernd  halten  lässt,  wonach  die  Ver¬ 
mehrung  der  Zuckerproduktion  durch  abnorme  nervöse  „Lenkung“ 
(Kraus)  des  endokrinen  Konzernes  infolge  Erkrankung  einer  be- 

3’ 


IU16 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  W OCH ENSCHRIFT. 


Nr.  31. 


stimmten  Stelle  im  Globus  pallidus  (Le  w.v  und  Dresel)  erfolgt,  so 
steht  prinzipiell  aucli  der  Annahme  nichts  im  Wege,  dass  diese  ver¬ 
änderte  Einstellung  der  endokrinen  Drüsen  gleichzeitig  zu  einer  Her¬ 
absetzung  der  Oxydation  führen  kann.  Neuere 
(E  p  p  i  n  ge  r)  bestätigen  sogar  wieder  ausdrücklich  die  Herabsetzung 
des  Grundumsatzes  beim  schweren  Diabetiker. 

Eine  solche  Betrachtungsweise  der  Dinge  müsste  dann  auch  aaza 
führen,  die  Erage  des  Komas  etwas  anders  anzusehen,  als  lange  /.eit 
üblich  war.  Wir  können  doch  auf  die  Dauer  nicht  an  der  1  atsache 
Vorbeigehen,  dass  die  Naunyn sehe  Azidoselehre  tur  den  denken¬ 
den  Praktiker  nicht  zur  Erklärung  aller  Erscheinungen  ausreicht. 
Demgemäss  erscheint  es  mir  -  ebenso  wie  übrigens  auch  B  a  r  a  t 
und  Hetöny  —  zweckmässig,  die  Aufmerksamkeit  doch  mehr  als 
bisher  der  Schädlichkeit  konzentrierter  Zuckerlösungen,  besonders 
für  das  Nervengewebe,  zuzuwenden.  Wenn  wir  lange  vor  dem  Auf¬ 
treten  von  Ketonkörpern  die  Patellarrcflexe  verschwinden,  sowie 
Optikus  und  Retina  Not  leiden  sehen,  so  müssen  wir  uns  doch  sagen, 
dass  schliesslich  auch  die  lebenswichtigen  Hirnzentren  in  der  konzen¬ 
trierten  Zuckerlösung  nicht  mehr  ordnungsgemäss  werden  arbeiten 
können.  Mag  sein,  dass  die  später  auftretenden  Ketone  diesen  Zu¬ 
stand  beschleunigen.  Dass  sie  ihn  allein  herbeiführen,  erscheint  mir 
überaus  unwahrscheinlich.  Wenn  der  Liquor  cerebrospinalis,  wie 
G  ä  n  s  s  1  e  n  gefunden  hat,  im  Koma  z.  B.  0,675  mg  Zucker  in  100  mg 
Flüssigkeit  enthält,  so  ist  das  eine  Konzentration,  die  auf  das  Gehirn 

schädlich  einwirken  muss.  _  i 

So  möchten  wir  uns  den  Lauf  der  Dinge  beim  schweren  Pankreas¬ 
diabetes  zurzeit  etwa  folgendermassen  denken:  Ausser  der  im  Be- 
wusstsein  der  Zeitgenossen  zu  ausschliesslich  in  den  Vordergrund  ge¬ 
tretenen  Produktionsvermehrung  besteht  noch  eine  ebenfalls  endokrin 
bedingte  Verbrauchsminderung  des  Zuckers.  Beide  Vorgänge  sum¬ 
mieren  sich  in  ihrer  Wirkung,  so  dass  es  schliesslich  zu  krisenhaften 
Zuspitzungen  der  Lage  des  Zuckermarktes  der  Gewebe  kommt.  Die 
enorme  Zuckerstapelung  im  Gehirn  ist  schliesslich  mit  dem  x  or  - 
bestand  der  nervösen  Funktionen  nicht  mehr  vereinbar.  Dabei  fuhrt 
die  Oxydationsstörung  sowohl  zu  mangelhafter  Zerstörung  des 
Zuckers,  wie  auch  der  Ketone,  und  demgemäss  ist  die  Azidose  mehr 
eine  Begleiterscheinung,  als  die  alleinige  Ursache  der  komatosen 

Zustände.  .. 

Ich  bemerke  ausdrücklich,  dass  ich  hier  zunächst  nur  einen  Ver¬ 
such  mache,  unsere  Gedankenrichtung  so  einzustellen,  dass  sie  den 
vorliegenden  klinischen  und  physiologischen  Befunden  entspricht.  Die 
nachfolgende  Arbeit  üänsslens  bringt  manches,  was  diesen  Vet- 
such  stützt.  Wie  die  Dinge  wirklich  liegen,  wird  sich  erst  in  weiteren 
langen  und  mühevollen  Untersuchungen  feststellen  lassen. 


selben  Resultate  erzielt,  je  nachdem  es  mit  dem  Aufschiessen  der 
Blasen  geklappt  hatte. _ ^  _ _ _ _ 


Zeit 


Gewebszucker 


Blutzucker 


7. 45 


7  M 
8> 
8.»» 
8.50 

10. “ 

11. «« 
12.» 

l.«° 

3.00 

5.°« 

6.40 


O.iig  |  0,083  (nüchtern  1 

Injektion  von  9  Gramm  Traubenzucker  in  die  Vene. 

0,139  (Iujektionswirkung) 
0,146 
0.088 
0.084 

0,101  (Friihstüekswirkung) 
0,082 
0,084 


0,129 

0,146 

0.165 

0il71 

0,130 

0.135 

0,104 

0,081 


0,130  (Mittagswirkung) 
0,086 


Diese  Versuche  sollen  nichts  anderes  beweisen,  als  dass  es  ge¬ 
lingt  mit  unserer  Methode  die  Anwesenheit  des  durch  intravenöse 
Injektion  verabreichten  Zuckers  im  Gewebe  nachzuweisen:  uberl 
Einzelheiten  in  der  Deutung  wird  sich  streiten  lassen. 

Auf  den  Ergebnissen  dieser  Belastungsversuche  fussend,  haben 
wir  dann  eine  grosse  Anzahl  Einzeluntersuchungen  gemacht;  ihre  Zahl 
beläuft  sich  jetzt  auf  300  Untersuchungen  an  Gesunden  und  Allgemein- 
kranken  und  etwa  100  Untersuchungen  an  Diabetikern  verschiedener 
Aetiologie.  Für  den  Gewebszuckerspiegel,  der  in  der  Regel  mehr 
oder  weniger  unter  dem  Blutzuckerspiegel  liegt  fanden  wir  (labej 
normalerweise  eine  Variationsbrei  c  von  0.0M  bi  s  <U1  in  g 
auf  100  mg,  die  sich  also  etwa  mit  der  des  Blutes  deckt.  Die  Vari¬ 
ationsbreite  ist  absichtlich  etwas  gross  angenommen  um  zumimst 
nur  einmal  auf  ganz  eklatanten  Differenzen  unsere  Folgerungen  auf- 

zubauen.  lebhafteste  interesse  auf  diesem  Gebiet  wird  natürlich  der 
Diabetes  beanspruchen;  das  zugrunde  gelegte  Material  belauft  sic.i 
auf  30  Fälle  verschiedener  Provenienz.  An  einer  grosseren  Reihe  von 
Fällen  möchte  ich  hier  die  geförderten  Vergleichszahlen  zwischen 
Blut  und  Gewebe  demonstrieren: 

1.  Gruppe:  Leichte  vorübergehende  Glykosurieen  (arteriosklero¬ 
tische  Altersformen). 


Name 

Gewebszucker 

Blutzucker 

Schw. 

0,132 

0,137 

M. 

0,151 

0,176 

D. 

0,121 

0,138 

M. 

0,129 

0,132 

Vor  einem  starken  Jahre  haben  wir  die  Blasenmethode')  mit 
ihren  ersten  Resultaten  veröffentlicht  (M.m.W.  1922,  Nr.  8);  die 
Methode  gab  uns  in  der  „Blasenzeit  (Reizzeit)“  eine  Möglichkeit  an 
die  Hand  zur  Funktionsprüfung  des  periphersten  Gefasssystems  aut 
Oedembereitschaft  resp.  Oedemtorpiditat  (M.m.W.  1922,  Nr.  32). 
Weiter  ermöglichten  uns  Mikrobestimmungen  aus  dem  olaseniniiaite 
Studien  über  die  wechselnde  Konzentration  von  Blut-  und  Geweos- 
flüssigkeit  (Zucker-,  Reststickstoff-,  Salz-  usw.  Konzentration). 

Wenn  wir  hier  der  Einfachheit  halber  die  gewonnene  Blasen¬ 
flüssigkeit  kurzweg  als  „Gewebsflüssigkeit  bezeichnen,  so  bedat 
dieses  Vorgehen  einer  kritischen  Einschränkung.  Die  in  einer  wach¬ 
senden  Blase  auftretende  Flüssigkeit  stammt,  wie  in  meiner  ersten 
Publikation  und  in  ü.  Müllers  Kapillarbuch  auseinander gesetzt 
ist  zu  einem  Teil  aus  der  Blutbahn,  zum  andern  Teil  aus  den  Ge¬ 
weben.  Findet  sich  in  einer  Blase  ein  deutlicher  höherer  (resp.  nie¬ 
derer)  Prozentgehalt  gelöster  Stoffe  wie  im  Blute  (bei  gleichzeitiger 
Bestimmung),  so  ist  anzunehmen,  dass  die  Differenz  im  wesentlichen 
durch  die  höhere  (resp.  niedere)  Konzentration  der  betreffenden 
Stoffe  in  den  Geweben  bedingt  ist.  Diese  Annahme  wird  zur  Gewiss¬ 
heit  wenn  Paralleluntersuchungen  an  Leichenteilen  oder  exzidierten 
Stücken  des  lebendigen  Körpers  zu  gleichen  Resultaten  fuhren,  was 
bei  den  wichtigsten  Punkten  unserer  Untersuchungen  tatsächlich  der 

Fall  ist. 

Der  Untersuchung  dürfen  keine  alten,  länger  stehenden  Blasen  zugrunde 
gelegt  werden;  man  verfährt  bei  Einzelbestimmungen  daher  praktisch  am 
tiesten  so,  dass  man  abends  ein  Pflaster  (2  3  qcm)  an  unserer  Teststelle,  der 

Aussenseite  des  Unterschenkels  setzt  (bei  Fällen  mit  verlängerter  Blasen¬ 
zeit  [z.  B.  Diabetes]  am  Oberarm).  Bis  zum  anderen  Morgen  hat  sich  dann 
meist  die  Blase  entwickelt,  das  Pflaster  wird  nun  vorsichtig  abgezogen,  die 
Stelle  mit  Aether  gereinigt,  die  Blase  mit  ausgeglühter  Nadel  angestochen 
und  dann  wird  weiter  verfahren  wie  bei  jeder  Mikrobestimmung  aus  dem 
Blute.  Die  Bestimmungen  werden  morgens  nüchtern  aus  der  Gewebsflüssig¬ 
keit  und  gleichzeitig  immer  auch  aus  dem  Blute  mit  der  Mikromethode  nacli 
Bang  ausgeführt. 

Wir  beginnen  mit  dem  Zucker  und  stellen  den  bereits  in  das 
U.  Müller  sehe  Kapillarbuch  aufgenommenen  Belastungsgrundver¬ 
such  an  die  Spitze.  rT1  „  ...  ,  ,  ,  . 

Dabei  verfuhren  wir  so,  dass  wir  von  7  Uhr  30  Min.  abends  bis 
2  Uhr  50  Min.  nachts  in  etwa  einstiindigen  Intervallen  an  den  Aussen- 
seiten  der  Unterschenkel  Pflaster  setzten,  an  deren  Stelle  im  Laufe 
des  anderen  Tages  Blasen  aufschossen.  In  3  Fällen  haben  wir  das  mit 
einer  Traubenzuckerverabreichung  per  os  und  7  mal  mit  intravenöser 
Injektion  (bis  14  g)  durchgeführt  und  dabei  mehr  oder  weniger  die- 


II.  Gruppe:  Pankreasdiabetes  (meist  schwerer  genuiner  Form) 


Name 


Gewebszucker 


H. 

B. 

W. 

Ko 

Ka. 

M. 

May. 

Schol. 

E. 

Eis 

Bl. 

M. 


0,297 
0.276 
0,221 
0  207 
0,327 
0,172 
0,214 
0,171 
0,167 
0,158 
0,156 
0,284 


Blutzucker 


0,247 

0,223 

0,201 

0,194 

0,281 

0,151 

0.197 

0.137 

0,144 

0,132 

0.145 

0i249 


Name 

Gewebszucker 

Blutzucker 

B. 

0,131 

0,125 

W, 

0,176 

0,171 

Mo. 

0,172 

0,151 

Schl. 

0,193 

0.18.J  1 

Br. 

0.18 

0,14 

Vo. 

0,20 

0,194 

M. 

0.214 

0,197 

Wa. 

0,30rt 

0,274 

F. 

0,  '82 

0,  78 

Liquor: 0,  75 

0,621 

Wie. 

0,217 

0,1 66 

Um  die  Tragfähigkeit  der  Methode  zu  demonstrieren  seien  hier 
noch  die  Kurven  von  2  Fällen  veröffentlicht,  bei  denen  fortlaufende 
Untersuchungen  angestellt  worden  sind. 


*)  Pflaster  bezogen  durch  die  Firma  P.  Hartmann,  Heidenheim  Brenz. 


Kurve  1. 


Im  Interesse  der  Uebersichtlichkeit  ist  nur  das  Wichtigste  aufgenommen. 
Es  handelt  sich  um  die  Kohlehydratentziehungskur  bei  einem  lugendlichei 
Pankreasdiabetiker.  Wie  man  sieht,  liegt  der  Gewebszuckerspiegel  daue'tu 
Übei  dem  des  Blutzuckers  und  fällt  nur  anfangs  darunter,  als  auf  die  täg¬ 
liche  Verabreichung  von  15  g  Na  bicarb.  gegen  die  Azidose  e>ne  starke 
Wasseretention  in  den  Geweben  eintritt  (Gewicht  von  62,4  auf  65,3  Kg. 
kommt  auch  in  geringem  Grade  in  der  Diuresenkurve  zum  Ausdruck).  L»ie 
Angleichung  erfolgt  aber  sehr  rasch,  zumal  auch  die  ansteigende  end 
der  Gewichtskurve  wieder  in  eine  fallende  übergeht.  Die  Wirkung  der  dia  I 


3.  AuRust  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1017 


tischen  Therapie  prägt  sich  in  einer  langsam  kontinuierlich  abfallenden  Gc- 
webs-  und  Blutzuckerkurve  aus.  (Gewebszucker  höchster  Stand  0,215,  Blut¬ 
zucker  höchster  Stand  0.189;  Gewebszucker  niederster  Stand  0,13*1,  Blut¬ 
zucker  niederster  Stand  0,123.) 


Kurve  2. 

Und  dann  der  zweite  Fall,  bei  dem  der  Diabetes  mit  etwa  46  Jahren 
1  offenbar  im  Zusammenhang  mit  dem  Eintritt  der  Menopause  aufgetreten  war. 
Hier  ist  der  Einfluss  von  Entziehung  und  Wiederzulage  der  Kohlehydrate  im 
abfallenden  und  wieder  steigenden  Verhalten  des  Blut-  und  Gewebszucker- 
I  Spiegels  zu  verfolgen. 

Wie  man  sieht,  zeigen  alle  Fälle  der  ersten  Gruppe  ein  charakte¬ 
ristisches  Verhalten  insofern,  als  bei  ihnen  der  Gewebszuckerspiegel 
unter  dem  Blutzuckerspiegel  liegt,  während  bei  der  zweiten  Gruppe, 
den  meist  genuinen  Pankreasdiabetesfällen,  gerade  das  umgekehrte 
der  Fall  ist;  wir  finden  stets  den  Gewebszuckerspiegel  über  dem 
Blutzuckerspiegel  stehend.  Diese  Ergebnisse  stimmen  vollkommen 
mit  den  jüngsten  Untersuchungen  von  B  a  r  ä  t  und  Heteny  überein, 
die  an  Gewebsstückchen  von  Leichen  zu  denselben  Resultaten  kamen. 

Nach  dem  Vorschlag  des  an  unserer  Klinik  weilenden  Herzog- 
Schülers  v.  Ru t  ich  haben  wir  dann  bei  einigen  Fällen 
der  zweiten  Gruppe  auf  einem  dritten  Wege  diese  Befunde  erhärtet, 
indem  wir  nach  der  Methode  von  M  o  r  a  w  i  t  z  und  Denecke  eine 
Abschnürung  des  Armes  von  10—15  Minuten  Vornahmen  und  den  Blut¬ 
zuckerwert  vorher  und  nach  Ablauf  dieser  Frist  am  abgebundenen 
Arm  feststellten.  Während  bei  den  bisher  untersuchten  20  normalen 
Fällen  der  nach  Abbindung  des  Armes  festgestellte  zweite  Wert  stets 
niederer  war,  lagen  bei  10  Diabetesfällen  die  zweiten  Werte  üb  er¬ 
den  ersten,  so  dass  man  auch  nach  dem  Ausfall  dieser  Versuche  an- 
nchmen  muss,  dass  die  Zuckerwerte  im  Gewebe  über  dem  Blut¬ 
zuckerwert  liegen. 


Beispiele: 


Blutzuekerwerte 

Blutzuckerwerte 

I.  Be-  1  11.  Be¬ 
stimmung  Stimmung 

I.  Be-  1  11.  Be¬ 
stimmung  Stimmung 

Diabetes  ... 

0,369 

0,373 

Vasoneurose  .  .  . 

0.099 

0,093 

0,248 

0.260 

Tumor  cerebri 

0,121 

0,113 

0,301 

0,363 

Sana  . 

0,106 

0.092 

»J  .  . 

0p  52 

0.467 

Vasoneurose  .  .  . 

0.096 

0,067 

„  .... 

0.33 

0.39 

Mitralinsufflz'enz  . 

0,098 

0,086 

0,341 

0,399 

Rheumatismus  .  . 

0,093 

0,0*6 

0,1  7 

0,159 

Spitzentbc . 

0.068 

0,062 

0,356 

0,398 

Sanus . 

0.149 

0,112 

0,270 

0,275 

0,116 

0,102 

0,369 

0,373 

Neurasthenie  . 

0.1 10 

0,087 

Andere  Fälle  verhielten  sich  folgender- 

Vasoneurose  .  . 

0,081 

0,064 

0,061 

0.062 

massen: 

Spitzentbc . 

0.112 

0,096 

Jrippepneumonie  . 

0.093 

0,080 

-Hilustbo.  .  .  . 

0,091 

0,089 

'feurasthenie  .  .  . 

0,113 

0,106 

Sanus 

0,101 

0.091 

S'ephritis  .  ... 

0,103 

0,101 

0,091 

0,085 

Enzephalitis 

0,107 

0,106 

Die  genannten  Untersuchungen  ergeben  über¬ 
einstimmend  die  Tatsache,  dass  beim  Pankreas¬ 
diabetes  der  Zuckerspiegel  im  Gewebe  höher  liegt 

wie  im  Blute. 

Diese  Erkenntnis  gestattete  uns  in  einem  Fall  von  tuberkulöser 
Meningitis  und  Enzephalitis,  bei  dem  noch  keine  Glykosurie  aufbat, 
sich  aber  die  Zuckerwerte  folgendermassen  verhielten:  Gewebs¬ 
zucker  0,137,  Blutzucker  0,121,  eine  topische  Diagnose  zu  stellen. 
Mach  dem  charakteristischen  Verhalten  des  Blutzuckers  zum  Gewvbs- 
cucker,  das  einem  beginnenden  Diabetes  entsprach,  nahmen  wir  einen 
Hrkrankungsherd  in  dem  von  Lewy  und  Dresel  lokalisierten 
iuckerregulationszentrum  im  Globus  pallidus  an,  eine  Annahme,  die 
sich  autoptisch  schon  makroskopisch  sichtbar  durch  einen  tube  kr- 
ösen  Erweichungsherd  in  der  Gegend  des  linken  Globus  pallidus 
bestätigte. 

Auf  Grund  dieser  Feststellungen  möchten  wir  beim  Pankreus- 
liabetes  den  in  unserer  ersten  Arbeit  geäusserten  Verdacht  einer 
Jxydationsstörung  (Minkowski)  in  bestimmterer  Form  wieder 
iufnehmen.  Für  eine  Verbrennungsstörung  spricht  der  stets  höhere 
jewebszuckerspiegel  des  Pankreasdiabetikers,  seine  torpide, 
rockene,  welke  Haut  mit  der  verlängerten  Blasenzeit  im  Gegen¬ 
satz  zum  Basedowiker,  der  mit  seiner  feuchtwarmen  Haut  eine  ver¬ 
kürzte  Blasenzeit  und  bei  seinem  gesteigerten  Energieumsatz  häufig 
-‘ine  auffallende  Erniedrigung  des  Gewebszuckerspiegels  aufweist. 
\usser  anderen  Gründen  spricht  dafür  weiter  das  Auftreten  der 


Azidose  in  vorgerückten  Stadien,  sowie  die  in  neuerer  Zeit  erneut 
festgestellte  Herabsetzung  des  Grundumsatzes  (Eppinger). 

An  der  unteren  Grenze,  häufig  auch  tiefer,  fanden  wir  die  Werte 
bei  Krankheiten,  die  mit  Reduktion  der  Körperkräfte  und  Fieber 
einhergehen,  so  z.  B.: 


Gewebszucker 

Blutzucker 

R.  Fndocarditis  leutu  .... 

0,050 

0.082 

B  Grippeempyem,  Nephritis  . 

0,051 

0,109 

K  Schwerer  Scharlach  . 

0,017 

0.099 

R.  Pneumonie  . 

0.053 

0,'  76 

F  Endocurditis  lenta . 

0.063 

0.073 

K.  Masern 

0,028 

0,073 

F.  Laugdauernde  sequestr.  Knocheneiterung 

0,051 

0,061 

(K.  Akute  gelbe  Leber  itrophio  .  . 

— 

0,029!) 

Dieses  Verhalten  ist  zwanglos  mit  dem  durch  die  Krankheit  her¬ 
beigeführten  grossen  Verbrauch  in  Einklang  zu  bringen  und  deckt  sich 
mit  den  autoptischen  Glykogenbefunden.  Das  Depotglykogen  wird 
aufgezehrt,  und  der  Abmangel  macht  sich  zuerst  in  den  Geweben 
bemerkbar,  während  der  Blutzuckerspiegel  durchaus  innerhalb  der 
normalen  Variationsbreite  sich  bewegt.  Es  ist  anzunehmen,  dass  sich 
Muskelarbeit,  Art  der  Ernährung  und  Ernährungszustand  ebenfalls 
Ausdruck  verschafft. 

In  diese  Gruppe  herein  gehört  möglicherweise  auch  ein  Fad  von 
schwerer  Leberlues,  der  wegen  gleichzeitig  bestehender  Nerven¬ 
erscheinungen  lumbalpunktiert  wurde  und  darauf  mit  Fieber  reagierte 
(kurzer  Anstieg  auf  40°  Fieber  bei  normaler  Pulsfrequenz).  Bei  der 
Untersuchung  zeigte  sich,  dass  der  Kohlehydratspiegel  im  Gewebe 
einen  abnorm  niedrigen  Stand  aufwies: 

Gewebszucker  Blutzucker 

0,022  0,087 

Der  Zucker  im  Gewebe  war  offenbar  durch  das  Fieber  wegge¬ 
brannt  und  konnte  von  der  durch  die  Lues  in  ihrer  Funktion  behin¬ 
derten  Leber  aus  nicht  rasch  ersetzt  werden.  Ein  ähnliches  Verhalten 
zeigte  ein  anderer  Fall,  der  auf  einen  Belastungsversuch  (14  g 
Traubenzucker  intravenös)  Temperatursteigerung  (39,4)  bekam  und 
dabei  nicht  entfernt  die  sonst  beobachtete  Erhöhung  des  Gewebs¬ 
zuckerspiegels  aufwies. 

Ganz  aus  dem  Rahmen  der  normalen  Variationsbreite  heraus 
fallen  aber  einige  bei  längerdauernden  ausgesprochenen  Basedow¬ 
fällen  festgestellte  Werte.  Sie  sind  im  folgenden  zusammenge¬ 
fasst:  Der  letzte  Fall  mit  dem  hohen  Wert  ist  ein  frischer  Basedow, 
bei  dem  nur  die  Distanz  zwischen  Blut-  und  Gewebswert  auffällt. 


Gewebszucker 

Blutzucker 

V. 

0.049 

0,082 

Sch. 

0,059 

0.085 

Sehw. 

0,044 

0,078 

L. 

0,  3 

— 

H. 

0,081 

0,096 

Verwunderlich  ist  dieses  Resultat  nicht,  da  doch  beim  Basedow 
der  erhöhte  Energieumsatz  zum  Bilde  der  Krankheit  gehört.  Die 
negative  Bilanz  zwischen  Kalorienzufuhr  und  -verbrauch  führt  dann 
zu  der  oft  ausserordentlichen  Abmagerung  der  Kranken.  Bildlich 
gesprochen  wird  man  also  wohl  sagen  können,  das  die  Sauerstoff¬ 
flamme,  mit  der  ein  Basedowiker  im  Gegensatz  zu  der  normalen  Flam¬ 
me  eines  Gesunden  brennt,  zu  einem  guten  Teil  mit  Kohlehydraten  ge¬ 
speist  wird.  Damit  kann  ungezwungen  in  Einklang  gebracht  werden, 
dass  durch  die  Vorherrschaft  der  Thyreoiden  eine  leichtere  Glykogen- 
mobilisation  auf  dem  Wege  über  das  Pankreas  stattfindet.  Wenn 
diese  erhöhte  Glykogenmobilisation  aber  in  den  abnorm  gesteigerten 
Gesamtstoffwechsel  eingestellt  wird,  so  kommt  sie  bei  dem  hoch¬ 
gradigen  Kohlehydrathunger  und  -verbrauch  im  Gewebe  nicht  mehr 
zum  Ausdruck. 

Hierher  gehören  allem  Anschein  nach  auch  zwei  Fälle  von  Kretinis¬ 
mus,  die  ausser  der  verkürzten  Blasenzeit,  wie  wir  sie  für  den  Base¬ 
dow  bereits  früher  kennengelernt  haben,  auch  einen  auffallend 
niederen  Gewebszuckerspiegel  aufwiesen.  In  diesem  Verhalten  und 
der  besonders  prallen  Füllung  der  Blase  stehen  sie  eher  dem  Morbus 
Basedow  nahe  als  seinem  Antipoden,  dem  Myxödem,  so  eng  auch 
sonst  die  Beziehungen  zwischen  Myxödem  und  Kretinismus  sein 
mögen. 

Ganz  abgesehen  von  der  Divergenz  der  klinischen  Symptome,  der  Pro¬ 
gnose  und  Aetiologie  beider  Krankheiten  fallen  unsere  Untersuchungen  hier 
doch  so  aus,  wie  sie  dem  Standpunkt  von  W.  Scholz  entsprechen,  der 
eine  Identifizierung  von  Kretinismus  mit  Athyreosis  (Myxödem)  ablehnt.  Er 
begründet  diese  Ablehnung  mit  seinen  Befunden  von  funktionierendem  Schild¬ 
drüsengewebe  bei  Kretinen,  der  Differenz  im  Verhalten  der  Kretinen  bei 
Schilddrüsendarreichung  gegenüber  schilddrüsenlosen  Individuen  und  den 
Abweichungen  im  Stoffwechsel,  besonders  N-Stoffwechsel,  der  nicht  dem  bei 
Myxödem,  sondern  dem  bei  Morbus  Basedow  ähnlich  ist,  ein  Verhalten,  wie 
wir  das  soeben  auch  für  den  Zuckerstoffwechsel  gesehen  haben. 

Unter  dem  Hinweis  auf  die  verkürzte  Blasenzeit  bei  Aenderungen 
in  der  Ovarialfunktion,  so  in  der  Schwangerschaft,  nach  Röntgen¬ 
kastration  oder  bei  Chlorose  möchten  wir  dann  zu  den  Beziehungen 
zwischen  Thyreoiden  und  Ovarium  übergehen.  Unter  der  allgemeinen 
Annahme,  dass  in  der  Schwangerschaft  eine  Hemmung  der  generato¬ 
rischen  und  innersekretorischen  Tätigkeit  des  Ovariums  eintritt, 
können  wir  von  einer  unter  dem  Bilde  der  Hyperfunktion  erscheinen- 


1018 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  31. 


I 


den  Vorherrschaft  anderer  Drüsen  mit  innerer  Sekretion,  so  be¬ 
sonders  der  Thyreoidea,  sprechen.  Diese  Vorherrschaft  der  Thyre¬ 
oidea  lässt  sich  an  Hand  einer  Reihe  von  Tatsachen  zeigen,  so  an  der 
Schwellung  der  Schilddrüse,  an  den  Zeichen  gesteigerter  Vitalität 
und  erhöhten  Energieumsatzes  (Biedl),  an  der  höheren  Puls-  und 
Temperaturlage,  an  der  feuchtwarmen  Haut  mit  Neigung  zu  hämor¬ 
rhagischen  Flecken  und  Schweissbildung.  Ferner  lassen  sich  bei 
anderen  Störungen  dieses  Koordinationsverhältnisses  die  Zusammen¬ 
hänge  gut  beleuchten;  so  findet  Chvostek  ein  häufiges  Auftreten 
von  Thyreotoxikose  bei  Chlorose.  Ebenso  ist  die  Atrophie 
des  Genitale  mit  Amenorrhoe  oder  Oligomenorrhoe,  sowie  der  früh¬ 
zeitige  Eintritt  der  Menopause  bei  Basedow  wohlbekannt,  während 
anderseits  an  Basedow  erinnernde  Ausfallserscheinungen  im  Klimak¬ 
terium  auftreten  können. 

Aus  dieser  durch  die  angeführten  Beispiele  begründeten  Ueber- 
legung  heraus  machten  wir  uns  an  die  Untersuchung  des  Gewebs- 
zuckei  Spiegels  bei  Hochgraviden  (9. — 10.  Monat)  und  waren  nicht 
überrascht,  als  die  Resultate  so  ausfielen,  wie  wir  sie  in  dieser  T  a- 
belle  zusammengestellt  haben. 


Name 

Gowebszucker 

Blutzucker 

Frau  F. 

0,051 

0,076 

„  E- 

0,047 

0,084 

„  K. 

0,061 

0,075 

„  M. 

0,059 

0,088 

Name 

Gewebszucker 

Blutzucker 

Frau  M. 

0,060 

0,081 

„  B. 

0,057 

0,072 

„  O. 

0,057 

— 

.  T. 

0,075 

0,105 

Nach  den  abnorm  niederen  Gewebswerten  zu  schliessen,  scheinen 
hier  beim  Zuckerstoffwechsel  der  Hocligraviden  ähnliche  Verhält¬ 
nisse  vorzuliegen,  wie  wir  sie  in  etwas  ausgeprägterer  Form  beim 
Basedow  angetroffen  haben.  Bei  dem  letzten  Fall  (T.),  wo  der  Ge- 
webswert  in  der  Norm  liegt,  fällt  zum  mindesten  auch  wieder  die 
grosse  Distanz  vom  Blutzucker  auf.  Nach  Bang  soll  sich  im  Blut 
der  Spiegel  eher  an  der  unteren  Grenze  bewegen,  was  auch  in  un¬ 
seren  Fällen  Bestätigung  findet;  Bang  meint,  dass  man  schon 
a  priori  eine  Hypoglykämie  erwarten  dürfe,  da  die  vermehrten  kör¬ 
perlichen  Ansprüche  doch  einen  gesteigerten  Zuckerverbrauch  be¬ 
dingen. 

Der  Vollständigkeit  halber  habe  ich  hier  noch  des  auffallend  niederen 
Gewebszuckerspiegels  (0,039,  0,043,  0,048)  bei  exsudativen  Kindeirn  Er¬ 
wähnung  zu  tun,  welche  die  bekannte  Verkürzung  der  Blatenzeit  bieten.  In 
dem  Abschnitt  über  Kochsalz  werde  ich  nochmals  darauf  zurückkommen, 
kann  aber  aus  den  Resultaten  keine  weiteren  Schlüsse  ziehen,  da  eine  breite 
Versuchsbasis  bei  Kindern  fehlt;  die  Möglichkeit  besteht,  dass  bei  Säuglingen 
und  Kindern  die  Werte  an  sich  niederer  liegen.  Schliesslich  ist  noch  der 
stark  erniedrigte  Gewebswert  (0,045)  bei  einem  Fall  von  Myotonia  atrophica 
bemerkenswert,  der  als  ein  Ausdruck  der  Adynamie  zusammen  mit  der  be¬ 
stehenden  Hypotonie  (RR.  85)  und  Lymphdrüsenhyperplasie  auf  eine  Unter¬ 
funktion  der  Nebenniere  hindeutet. 

Zusammenfassung:  1.  Die  Blasenmethode  gestattet  den 
Nachweis  des  durch  intravenöse  Injektion  verabreichten  Zuckers  im 
Gewebe. 

2.  Sie  ergibt  für  den  Gewebszuckerspiegel  eine  normale  Vari¬ 
ationsbreite  von  0,065  bis  0,11  mg  auf  100  mg. 

3.  Sie  ergibt  ferner  die  Tatsache,  dass  beim  Pan¬ 
kreasdiabetes  der  Zuckerspiegel  im  Gewebe  höher 
liegt  wie  im  Blute,  während  leichte,  vorübergehende  Glyko- 
surien  das  umgekehrte,  normale  Verhalten  zeigen.  Möglicherweise 
lässt  sich  eine  periphere  und  zentrale  Form  unterscheiden,  wobei  die 
zentrale  Form  mit  Lewy  und  Dresel  als  eine  im  Globus  pallidtts 
lokalisierte  Lenkungsstörung  (Kraus)  angesehen  wird,  die  nicht 
nur  zu  einer  Vermehrung  der  Blutzuckerproduktion, 
sondern  auch  zu  einer  Verminderung  dse  Gewebszucker- 
verbrauchs  führt. 

4.  Hochgravide,  einige  schwere  Basedowfälle  sowie  konsumie¬ 
rende  Krankheiten  zeigen  einen  abnorm  niederen  Gewebszucker¬ 
spiegel. 

Literatur. 

J.  Bang;  Der  Blutzucker.  —  Barät  und  Heteny:  D.  Arch.  f. 
klin.  M.  141,  H.  5  u.  6.  —  Biedl;  Innere  Sekretion.  —  Lewy  und  Dre¬ 
sel:  Kongress  f.  inn.  M.  1921.  —  Morawitz  und  Den  ecke:  M.tn.W. 
1921  Nr.  22.  —  O.  Müller:  Die  Kapillaren  der  menschlichen  Körperober¬ 
fläche.  Stuttgart  1922,  Enke.  —  v.  Noorden:  Die  Zuckerkrankheit. 


Aus  der  medizinischen  B- Abteilung  der  städtischen  Kranken¬ 
häuser  (Wenzel-Hancke-Krankenhaus)  Breslau. 

(Primärarzt  Prof.  Dr.  Forsch b ach.) 

Seltene  Liquorbefunde  bei  Encephalitis  epidemica. 

Von  Oberarzt  Dr.  med.  H.  E.  Lorenz. 

Nonne  hat  in  seinem  Schlusswort  zum  Referat  über  Encepha¬ 
litis  epidemica  auf  dem  XXXV.  Kongress  für  innere  Medizin  in  Wien 
bedauert,  dass  weder  in  den  Referaten  noch  bei  der  Diskussion  irgend 
etwas  über  neue  Liquorbefunde  bei  dieser  Erkrankung  gesagt  worden 
sei.  Er  zog  daraus  den  Schluss,  dass  eben  Wesentliches  nicht  mehr 
gefunden  sei.  In  der  Tat  liegen  ja  die  Dinge  so,  dass  wir  dieselbe 
Polymorphie,  die  wir  am  klinischen  Bilde  der  E.  e.  sehen,  auch  im 
Liquor  cerebrospinalis  zu  finden  gewohnt  sind.  Jedenfalls  gibt  es 
keinen  für  die  E.  e.  pathognomonischen  Liquorbefund. 


Auf  der  anderen  Seite  sind  aber  einzelne  Veränderungen  der 
Lumbalflüssigkeit  von  den  Autoren  übereinstimmend  als  sehr  selten, 
ja  sogar  direkt  gegen  eine  E.  e.  sprechend  gekennzeichnet  worden. 
Als  sehr  selten  sehen  wir  die  hämorrhagisch-xantho- 
chrorne  Beschaffenheit  der  Zerebrospinalflüssigkeit  genannt 
und  in  der  Literatur  habe  ich  nur  wenige  Fälle  gefunden:  Oppen¬ 
heim  berichtet  in  dem  Kapitel  „Enzephalitis“  in  der  I.  (1897  er¬ 
schienen)  Auflage  des  N  o  t  h  n  a  g  e  1  sehen  Handbuches1):  „Nur 
in  einem  kleinen  Teile  der  Fälle  zeigten  sich  die  Ventrikel  übermässig 
erweitert  und  enthielten  ein  das  Durchschnittsmaas  übersteigendes 
Quantum  seröser,  zuweilen  auch  getrübter,  geröteter  oder  selbst 
blutiger  Flüssigkeit.“  ln  der  II.  (1907  erschienenen),  gemeinsam  mit 
Cassierer  bearbeiteten  Auflage  fügt  er  dann  noch  hinzu  ■):  „Auch 
die  intra  vitam  vorgenommene  Lumbalpunktion  hat  mehrfach  das 
Vorhandensein  sanguinolenter  Flüssigkeit  ergeben.“  Weiterhin  findet 
sich  je  ein  einwandfreier  Fall  von  Economo3 4)  und  Schuster  ) 
berichtet,  die  aber  beide  dem  Befund  scheinbar  keine  grössere  Be¬ 
deutung  beilegen.  Schliesslich  findet  sich  noch  bei  Riley5)  ein 
Fall  mit  „straw-colored  fluid,  which  contained  32  cells  and  a  few 
erythrocythes“.  WaR.  negativ.  Riley  führt  diesen  Fall  als  ein 
Beispiel  des  „transverse  myelitis  type“  der  E.  e.  an.  Es  bestand  hier 
neben  einer  Augenmuskel-  und  linksseitigen  Fazialisparese  eine 
Sensibilitätsstörung  abwärts  vom  II.  Thorakalsegment  und  eine  Para¬ 
parese  beider  Beine.  Im  Anschluss  an  die  Lumbalpunktion  wird  diese 
Paraparese  zur  kompletten  Paraplegie  mit  Retentio  alvi  et  urinae. 
Aber  wenn  auch  die  Augenmuskel-  und  Fazialisstörungen  einerseits, 
die  Paraparese  anderseits  bei  anderer  Annahme  als  der  einer 
Enzephalitismyelitis  sich  kaum  unter  ein  Dach  bringen  lassen,  so 
bestehen  doch  angesichts  der  Verschlimmerung  der  Paraparese 
durch  die  Lumbalpunktion  Bedenken,  ob  es  sich  hier  nicht  um  einen 
anderen  Prozess,  etwa  einen  Rückenmarkstumor  mit  Hirnmetastasen, 
handelt.  Denn  wir  haben  solche  Verschlimmerung  durch  Lumbal¬ 
punktion  bei  E.  e.  nie  gesehen.  Natürlich  ist  aber  nicht  aus- 
zuschliessen,  dass  bei  der  Tendenz  zu  Hämorrhagien,  wie  sie  bei  der 
Enzephalitis  besteht,  nach  der  Druckentlastung  ein  schon  in  der 
Medulla  bestehendes  Hämatom  grösseren  Umfang  angenommen  und 
so  die  Querschnittsunterbrechung  herbeigeführt  hat. 

Fast  ebenso  selten  wurden  Fibringerinnsel  beobachtet 
und  zwar  je  einmal  von  Economo6 7),  Happ  und  Mason'), 
Bernhardt  und  Simons8)  und  R  e  i  n  h  a  r  t 9).  Und  Stern  10)[ 
fügt  bei  Erwägung  der  beiden  ersten  Fälle  hinzu,  dass  in  den  Fällen, 
wo  er  selbst  solche  Gerinnsel  sah,  es  sich  bei  anfänglich  zweifel¬ 
hafter  Diagnose  stets  uni  eine  Meningitis  tuberculosa  gehandelt  habe. 
Es  sei  jedoch  ausdrücklich  betont,  dass  in  den  Fällen  Economos, 
von  Happ  und  Mason  und  von  Bernhardt  und  Simons 
eine  tuberkulöse  Aetiologic  nicht  in  Frage  kommt,  und  Reinhart 
schrieb  mir  über  seinen  Fall,  es  sei  eine  „typische  Enzephalitis“.  -J 

Die  Seltenheit  solcher  Vorkommnisse  und  ihre  differential¬ 
diagnostische  Bedeutung  berechtigt  wohl  die  Mitteilung  ähnlicher 
Fälle,  zumal  wir  bei  einem  relativ  kleinen  Material  von  25  Enzcpha- 
litisfällen  6  mal  hämorrhagisch-xanthochromen  Liquor  sahen.  Einmal 
fanden  wir  bei  einem  dieser  6  Fälle  auch  ein  feines  Fibrinnetz.  In 
folgendem  seien  nun  die  Fälle  zunächst  kurz  referiert: 

Fall  1.  Guido  J.,  20  Jahre.  (Privatklinik  Prof.  Forschbach.) 
Anfang  Dezember  Grippe  mit  Bronchopneumonie.  Weihnachten  wieder  ge¬ 
sund.  In  der  Silvesternacht  plötzliche  Erkrankung  mit  Kopfschmerzen,  Er¬ 
brechen.  Krämpfen,  zunehmende  Benommenheit.  3.  I.  20:  Konsiliarische 
Untersuchung  durch  Prof.  Forschbach:  Tiefes  Koma.  Pupillen  reagieren. 
Leichte  Parese  der  ganzen  rechten  Körperhälfte. 
Babinski  rechts  +,  Patellarreflexe  r.  <  !.,  Bauchdeckenreflexc  rechts  fehlend. 
Nackenstarre.  Kernig +.  T  e  m  p.  37.4°.  4.  I.  Aufnahme  im  Sanatorium. 

Tiefes  Koma.  Schlaffe  Lähmung  der  rechten  Seite,  geringe 
Nackensteifigkeit.  Kernig  +.  Lumbalpunktion:  Liquor  leicht  sanguino- 
lent-xantochrom.  Nonne-Apelt  — ,  Esbach  1/4  Tstr.  Lympho¬ 
zyten  3 — 4,  Tuberkelbazillen  — ,  WaR.  — .  Temp.  bis  37,7°.  Auch  am  5.  I. 
ein  ähnlicher  Liquorbefund,  nur  dass  -diesmal  noch  bis  20  Leukozyten 
im  Gesichtsfeld  waren.  Am  7.1.  keine  xanthochrome  Verfärbung  mehr.  Temp. 
37,2°  und  am  8.  I.  unter  37°.  Mit  langsamem  Freiwerden  des  Sensoriums 
wird  dann  auch  noch  eine  Aphasie  erkennbar.  Ferner  findet  sich  eine 
Neuritis  optica  mit  rechtsseitiger  Hemianopsie.  Es 
folgt  dann  rasche  Besserung  des  Allgemeinzustandes  wie  auch  der  Lähmungs- 
und  Augenerscheinungen.  Die  aphasischen  Störungen  bestehen  in  leichtem 
Grade  fort.  Es  besteht  zwar  volles  Wortverständnis,  doch  kann  der  Kranke  ! 
schwierigere  Worte  schlecht  nachsprechen.  Lesen  und  Schreiben  muss  der 
Kranke  von  Grund  auf  wieder  erlernen.  Diese  aphasisch-agraphische  Störung  I 
besteht  in  leichtem  Grade  auch  noch  bei  der  Entlassung  am  7.  II.  20.  während 
die  Lähmung  der  r.  Körperhälfte  und  die  Hemianopsie  völlig  geschwunden 
sind.  Temperatur  seit  26.  II.  normal. 

Am  30.  IX.  21  wurde  J.  in  das  Stadt.  Krankenhaus  Beuthen  11)  eingeliefert. 
Er  war  sehr  verschlafen,  gähnte  beständig,  klagte  über  starke  Kopf- 1 

*)  Nothnagel:  Handbuch  der  speziellen  Pathologie  und  Therapie 

IX,  2,  S.  23.  2)  I.  c.  S.  29. 

s)  Economo:  Neue  Beiträge  zur  Encephalitis  lethargica.  Neurol.  : 
Zbl.  1917  S.  S66. 

4)  Schuster:  Encephalitis  acuta  in  Kraus-Brugsch  X,  2,  S.  44.  « 

s)  Riley:  The  spinal  forms  of  epidemic  encephalitis.  Arch.  of  neurol.  j 

a.  psych.  1921,  5,  S.  408  (Fall  3).  6)  1.  c. 

7)  Happ  and  Mason:  Epidemic  encephalitis.  Bulletin  of  the  Johns  J 
Hopkins  hosp.  1921.  32,  S.  137. 

8)  Bernhardt  und  Simons:  Zur  Encephalitis  lethargica.  Neurol.  j 

Zbl.  1919,  22.  !l)  Nach  brieflicher  Mitteilung. 

10)  Stern:  Die  epidemische  Enzephalitis.  Springer,  Berlin,  1922. 

J1)  Für  Mitteilung  des  Befundes  in  Beuthen  bin  ich  Herrn  Sanitätsrat 
Dr.  G  r  a  1  k  a  sehr  zu  Dank  verpflichtet. 


3.  August  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1019 


schmerzen.  Keine  Nackensteifigkeit,  kein  Kernig.  Vorübergehende  S  e  h  - 
Störung  des  rechten  Auges  und  leichte  Fazialisparese 
rechts,  die  aber  bei  der  Entlassung  am  21.  X.  ganz  geschwunden  sind. 

Der  Kranke  war  dann  wieder  ganz  beschwerdefrei.  Nach  Angabe  seiner 
Angehörigen  ist  er  seinem  Beruf  als  Verkäufer  in  einem  Delikatesswaren¬ 
geschäft  ungestört  nachgegangen.  Nur  hat  sich  psychisch  eine  Acn- 
d  e  r  u  n  g  bei  ihm  eingestellt;  der  früher  ruhige  und  gutmütige  Mensch  ist 
jetzt  ziemlich  unruhig  und  erregbar  geworden.  Sein  Gedächtnis  hat  sehr  nach¬ 
gelassen.  Auch  bestehen  noch  sprachliche  Störungen.  Ferner  ist 
er  nicht  imstande,  einen  richtigen  Brief  zu  schreiben,  das  wird  oft  „ein 
Kauderwelsch,  wo  man  sich  vieles  denken  und  ergänzen  muss“. 

Bei  einer  Nachuntersuchung  am  2.  IV.  23  gibt  J.  dasselbe  an.  Er  hat 
vollkommen  die  Einsicht  einer  gewissen  geistigen  Funktionsschwächc.  Soma¬ 
tisch  findet  sich:  etwas  starrer  Gesichtsausdruck  mit  leichter 
Vcrstreichung  der  rechten  Nasolabialfalte.  Willkürlich  - 
Innervation  des  Fazialis  prompt.  Händedruck  r.  <  1.  Sonst  alle  Reflexe 
in  normaler  Breite  auslösbar.  Babinski  — ,  keine  Sehstörung.  Nachsprechcn 
schwieriger  Worte  (z.  B.  Divisionsgeneral)  gelang  nicht.  Es  wird  nur  der 
erste  Teil  des  Wortes  (z.  B.  Division)  wiederholt,  der  zweite  Teil  ist  völlig 
vergessen.  Sprache  im  ganzen  etwas  langsam  und  schleppend.  Eine  Schrift- 
probe  ergibt  nichts  besonderes. 

F  a  1 1  2.  Pia  Schm.,  43  Jahre  (Kr.A.  Nr.  13909).  14  Tage  vor  der  Ein- 

lieterung  heftige  Kopfschmerzen.  Der  behandelnde  Arzt  stellte  „Gehirngrippe“ 
fest.  Seit  dem  11.  III.  21  in  Schlafzustand;  wird  so  am  14.  III.  21  eingeliefert. 
Befund:  Tiefer  Schlaf.  Rechtes  Auge :  Internusparese.  Voll¬ 
kommene  Areflexie.  Babinski  rechts  4".  Lumbalpunktion: 
Liquor  hämo  rrhagisch-xa  nt  hoch  rom,  Nonne-Apelt  — ,  Esbach 
9  Tstr..  WaR.  — .  Temperatur  bis  39°,  bleibt  auch  bis  zum  Tode 
I  hoch.  Dieser  erfolgt,  ohne  dass  die  Kranke  aus  ihrem  tiefen  Schlaf  erwacht, 
am  18.  III.  21.  Obduktion  (19.  III.)  ergibt  eine  Encephalitis  haemor- 
rhagica:  zahlreiche  punktförmige  nicht  abspiilbare  Blutungen  und  ein 
zitronengelbes  Oedem  der  Rinde.  Die  Meningen  waren 
frei. 

Fall  3.  Klara  G„  11  Jahre  (Kr.A.  Nr.  13930).  Erkrankt  plötzlich -mit 
Kopfschmerzen,  Krämpfen  in  den  Armen.  „Bewusstlosigkeit“.  Einlieferung 
.V  III.  21.  Befund:  Sensorium  frei.  Deutliche  Nackensteifigkeit 
und  ausgesprochenes  Kernig  sches  Phänomen.  Alle  Haut-,  Periost-  und 
-  ehnenreflexe  in  normaler  Breite  auszulösen.  Keine  krankhaften  Reflexe. 
Hypertonie  der  gesamten  Muskulatur.  Keine  Sensibilitätsstörung.  L  u  m  - 
^  a  1  0  a  11  k  t  i  o  n :  Liquor  sanguinolent-xanthochrom,  Nonne- 
Apclt  -f-,  Lymphozyten  bis  25.  Leukozyten  6—7  im  Gesichtsfeld. 
WaR.  .  Temp.  37,6°,  steigt  in  den  nächsten  Tagen  (14.  III.)  bis  38,8°, 
ist  vom  21.  III.  ab  normal.  Lethargie  wechselnd.  Seit  dem  21.  III. 
Besserung,  so  dass  das  Kind  am  22.  IV.  21  frei  von  Krankheitserscheinungen 
entlassen  werden  kann. 

L  Nachuntersuchung  27.  III.  23:  Das  Mädchen  ist  sehr  vergesslich  geworden, 
t-ruhcr  eine  gute  Schülerin,  kommt  sie  jetzt  nicht  mehr  mit,  blieb  zweimal 
sitzen.  Somatisch:  beide  Pupillen  leicht  verzogen,  prompte  Reaktionen. 
Reflexe  o.  B.  Bewegungen  der  rechten  Extremitäten  zeigen  leichte 
Adiadochokinese. 

F  ?  *1  4-  Erich  W„  36  Jahre  (Pr.P.  439/22).  Plötzlich  beim  Anschnalbn 
der  Skier  mit  Schwindel  erkrankt,  so  dass  er  rücklings  in  den  weichen  Schnee 
killt.  Steht  sofort  auf,  fährt  in  rasender  Fahrt  einen  Abhang  hinunter.  Am 
busse  desselben  wird  ihm  wieder  unwohl,  so  dass  er  sich  im  Wagen  in  das 
Sanatorium  Hochstein-Oberschreiberhau  [Leiter  Dr.  Winter l2)]  zurück- 
nrmgen  lasst.  Hier  sieht  ihn  am  nächsten  Tage  (17.  XII.  22)  Prof  Forsch¬ 
te!1  als  Konsiliarius.  Befund:  Ziemlich  erhebliche  Lethargie. 
Nackensteifigkeit.  Kernig  +.  Fazialisparese  links. 
Babinski  +.  Temperatur  zunächst  nur  sehr  geringfügig.  Lumbal¬ 
punktion:  wiederholt  Liquor  hämorrhagisch-xanthochrom, 
Nonne-Apelt  +,  Esbach  4  Teilstriche,  im  Sediment  massenhaft 
w  d  0  Z  y  f  6  n'  wen,£  Lymphozyten.  Bakteriologische  Influenzastäbchen? 
Iric  'vr,"T'  ,■  ,  .weiteren  Verlauf  stieg  die  Temperatur  bis  38,5  ' 

•  u  ’  ie  sei*  ^errf  XII.  zur  Norm.  Vorübergehende  apha- 
si  s  c  ,i  e  und  a  graphische  Störungen  (Schwerfindbarkeit  von  Worten, 
Unvermögen,  manche  Worte  beim  Lesen  auszusprechen,  Schreibfehler),  sowie 
psychische  Störungen  (Erregbarkeit,  vermehrter  Tatendrang).  Auch  wird 
kurze  Zeit  eine  Atemstörung  beobachtet:  Es  bestand  ein  gewisses 
letes  Schöpfen,  ohne  dass  Gleichmässigkeit  und  normale  Zahl  der  Atemzüge 
«estort  war.  Der  Kranke  merkte  nichts  davon.  Am  27.  III.  sind  alle  Er¬ 
scheinungen  geschwunden.  Am  31.  III.  23  trat  noch  einmal  ein  leichter  Rück¬ 
all  au  mit  plötzlicher  Bewusstseinsstörung  und  angedeutetem  Babinski  links. 
Sonst  kein  objektiver  Befund.  Am  4.  Tag  ist  der  Kranke  wieder  aufgestanden 
md  ist  seitdem  laut  Mitteilung  vom  2.  V.  beschwerdefrei.  Der  Rückfall  kann 
vielleicht  durch  eine  angestrengte  und  mit  vielem  Aerger  verbundene  Tätigkeit 
wahrend  einer  Woche  ausgelöst  sein. 

■  F  a  1 1  5.  Gustav  K„  45  Jahre  (Privatklinik).  Eine  Woche  vor  der  Ein- 
leferung  schwindlig  geworden,  verliert  bald  die  Besinnung.  Die  Frau  des 
\ranken  beobachtete,  dass  die  Augen  in  konvergierender  Schiel- 
«tellung  stehen.  15.  III.  23.  Konsiliarische  Untersuchung  durch  Prof, 
’orschbach,  der  eine  Meningitis,  Lues  cerebri  und  Enzephalitis  in  Be¬ 
dacht  zieht.  16.  III.  Aufnahme  in  der  Privatklinik.  Schlafsucht  leich- 
eren  Grades,  beim  Erwachen  rasch  orientiert,  dann  auch  sehr  grosse  Lo- 
luacitas.  Augen:  Parese  der  1.  Ab  duze  ns  (Doppelbilder).  Links- 
»eitige  Fazialisparese.  Reflexe  o.  B.  Nackensteifigkeit, 
\ernig  +.  Lumbalpunktion:  Liquor  hämorrhagisch¬ 
en  t  o  c  I,  r  o  m,  Nonne-Apelt  schwach  +.  Esbach  5  Tstr.,  20  Lymphoz., 
-0  L  e  u  k  o  z  y  t  e  n  im  Gesichtsfeld,  WaR.  — ,  Temperatur  bis  37,7  °, 
(om  19.  III.  ab  normal.  Im  weiteren  Verlauf  zeitweilig  tiefe  Somnolenz. 
x>nst  keine  Aenderung  im  Befund.  Wiederholte  Lumbalpunktionen.  Die 
xanthochromie  wird  von  Mal  zu  Mal  geringer.  Am  21.  III.  setzt  sich  im 
iquor  ein  Fibrinnetz  ab.  Keine  Tuberkelbazillen  in  demselben, 
lachzuweisen.  Seit  dem  19.  III.  keine  Doppelbilder  mehr;  seit  dem  24.  III. 
asches  Zurückgehbn  der  Fazialisparese.  Wird  am  31.  III.  nach  Hause  fast 
rei  von  Krankheitssymptomen  entlassen.  Laut  brieflicher  Mitteilung  des 
>ehandelnden  Arztes  vom  1.  V.  hat  der  Kranke  zu  Hause  in  der  weiteren 
rholung  gute  Fortschritte  gemacht.  Die  Fazialisparese  ist  noch  nicht  voll- 
sandig  geschwunden.  Die  Frau  teilt  mit,  dass  er  psychisch  sehr 
‘ r  ^  g  b  a  r  geworden  sei. 

12)  Viele  der  Einzelheiten  dieses  Falles  verdanke  ich  den  wiederholten 
reundlichen  briefliciien  Mitteilungen  des  Herrn  Dr.  Winter. 


.  Fall  4-  August  P„  67  Jahre  (W.H.Kr.  Nr.  1458).  Mehrere  Tage  vor 
der  Einlieferung  leichte  Kopfschmerzen  und  Schwindel,  bricht  bei  der  Arbeit 
plötzlich  zusammen  und  wird  bewusstlos  eingeliefert  (31.  III.  23).  Befund: 
Leichtere  Schlafsucht,  aus  der  der  Kranke  noch  erweckbar;  er  gibt  dann 
klare  Auskunft.  Strabismus  divergens.  Lichtreaktion 
rechts  ,  links  Fuziulispcircsc.  Spruche  bulhür  ver- 
\va  s-chen.  Massige  Nackensteifigkeit,  Kernig  +.  Tem¬ 
peratur  dauernd  hoch,  bis  40  °.  Lumbalpunktion:  Liquor  hämor- 
rhagisch-xantochrom,  Nonne-Apelt  +,  Esbach  bis  16  Tstr.,  Lympho- 
zyle|j.  9,s  26,  Leukozyten  bis  5  im  Gesichtsfeld.  Die  Somnolenz  nimmt 
ständig  zu.  Vom  Abend  des  31.  III.  ab  tiefe  Lethargie.  Ohne  dass  der 
Kranke  aus  diesem  Zustand  erwacht.  Exitus  2.  IV.  23.  Obduktion 
am  3.  IV.  23  ergibt  Encephalitis  haemorrhagica:  flohstichartige 
Blutungen  der  Gehirnsubstanz,  besonders  in  der  Gegend  des  Balkens.  Eine 
grössere  solitäre  Blutung,  etwa  1  cm  im  Durchmesser,  in  der  linken  Klein¬ 
hirnhemisphäre.  Im  Ventrikel  und  subpial  sanguinolente  Flüssigkeit.  Die 
Meningen  sind  frei. 

Unzweifelhaft  geben  die  geschilderten  Krankheitsfälle  das  Bild 
der  E.  e.  wieder.  Jedoch  war  angesichts  der  Seltenheit  des  hämor¬ 
rhagischen  Liquors  bei  dieser  Erkrankung  eine  Reihe  differen¬ 
tial-diagnostischer  Erwägungen  erforderlich. 

1.  Lues.  Nonne13)  berichtet  z.  B.  über  2  Fälle  von  Meningo- 
Encephalitis  luetica,  bei  denen  hämorrhagisch-xanthochromer  Liquor 
beobachtet  wurde.  In  unseren  Fällen  ist  jedoch  eine  solche  Aetio- 
logie  durch  den  negativen  Ausfall  der  WaR.  sowohl  im 
Blut  wie  im  Liquor  ausgeschlossen. 

2.  Tumoren.  Diese  Möglichkeit  entfällt  bei  unseren  Fällen 
sowohl  durch  den  nachherigen  Verlauf  als  auch  durch  das  Ergebnis 
der  Obduktion  (Fall  2  und  6). 

3.  T  r  a  umatische  Blutungen  in  die  Subarach¬ 
noidalräume.  Ein  Trauma,  das  eine  solche  Blutung  hätte  be¬ 
wirken  können,  hatte  ih  unseren  Fällen  nie  stattgefunden.  Der  bei 
Kranken  4  berichtete  Fall  nach  hinten  in  den  weichen  Schnee  war 
nach  unseren  Feststellungen  viel  zu  sanft,  um  als  Ursache  einer 
Blutung  in  Frage  zu  kommen.  Wir  sehen  in  ihm  viel  eher  eine  Folge 
der  beginnenden  Erkrankung  (Schwindelgefühl).  Auch  spricht  wohl 
das  Rezidiv  für  diese  Annahme. 

4.  Durchbruch  einer  Hirnblutung  in  die  Ventri¬ 
kel.  Das  dieser  Möglichkeit  entsprechende  Krankheitsbild  wird  wohl 
im  allgemeinen  akuter  einsetzen  und  auch  prägnanter  und  schwerer 
sein,  als  wir  eine  Enzephalitis  verlaufen  sehen.  Gelegentlich  können 
zwar  die  beiden  Erkrankungen  miteinander  grosse  Aehnlichkeit 
aufweisen,  wie  wir  es  in  einem  Fall  von  Durchbruch  eines  Stirnhirn¬ 
hämatoms  in  die  Ventrikel  sahen,  der  erst  durch  die  Obduktion  sicher¬ 
gestellt  wurde.  Aber  die  Durchbruchsblutungen  führten  wohl  stets 
bald  zum  Tode.  In  unserem  Fall  1  mussten  wir  angesichts  der 
Halbseitenlähmung  an  eme  solche  Blutung  im  Anschluss  an  eine 
Apoplexie  denken,  doch  war  diese  nicht  nur  wegen  der  erhaltenen 
prompten  Pupillenreaktion,  sondern  auch  gerade  wegen  der  lang¬ 
samen  und  allmählichen  Entwicklung  der  völligen  Halbseitenlähmung 
aus  der  anfangs  nur  leichten  Halbseitenparese  auszuschliessen. 

5.  Die  Gruppe  der  Leptomeningitiden.  Wir  können  nicht 
nur  bei  jeder  banalen  [Schlesinger 14),  B  i  1 1  o  r  f 14  *)],  son¬ 
dern  auch  bei  der  epidemischen  [E  s  k  u  c  h  e  n  1S),  Knöpfei- 
m  ach  er16)],  grippalen  [Krause16*)]  und  der  tuber¬ 
kulösen  Meningitis  [Schlesinger17),  Villaret  und 
De  scamps  18),  Eskuchen 1SI)]  hämorrhagisch  -  xanthochronum 
Liquor  beobachten.  Der  bakteriologische  Befund  kann  bei 
a.len  diesen  Formen  negativ  sein,  so  dass  wir  aus  dem  gleichen 
Umstand  bei  allen  Fällen  allzu  weitgehende  Schlüsse  nicht  ziehen 
durften,  zumal  gerade  auf  Meningitis  hinweisende  Sym¬ 
ptome  sowohl  klinisch  wie  im  Liquor  cerebro¬ 
spinalis  (Leukozytenbefund!)  stark  hervortraten.  Im 
Fall  5  schien  das  Fibringerinnsel  sogar  direkt  auf  eine 
Meningitis  tbc.  hinzuweisen.  Hier  hat  allerdings  der  negative  Ba¬ 
zillenbefund  schon  mehr  Gewicht;  denn  das  Fibringerinnsel  ist  ja 
gerade  die  beste  Fundstätte  der  Tuberkelbazillen  im  Liquor.  Das 
Fehlen  des  Herpes  und  höherer  Temperaturen  (bei  den  am  Leben 
gebliebenen  Fällen)  spricht  wohl  gegen  die  Meningokokkeninfektion; 
für  die  nicht  epidemischen  und  tuberkulösen  Formen  gewinnen 
wir  hieraus  keinen  sicheren  Anhaltspunkt.  Hier  ist  das  Entscheidende 
einerseits  das  Vorhandensein  von  Symptomen,  die  unzweifelhaft 
nicht  Hirnnervenstörungen,  sondern  intrazerc- 
brale  Herde  an  zeigen,  anderseits  der  weitere  Verlauf 
und  speziell  der  Meningitis  tbc.  gegenüber  der  Uebergang  in  relative 
Heilung  und  die  Obduktionsergebnisse  zweier  Fälle,  bei 
denen  „Meningen  frei“  festgestellt  wurde. 

6.  Pachymeningitis  haemorrhagica.  Diese  zeigt  kli¬ 
nisch  dieselbe  Polymorphie,  wie  wir  sie  auch  bei  der  E.  e.  finden. 
Dadurch  kann  die  Differentialdiagnose  im  Augenblick  schwierig  wer¬ 
den.  Der  Zustand  der  Lethargie  wird  nicht  ohne  weiteres  den  Aus¬ 
schlag  für  E.  e.  geben  können,  da  auch  komatöse  Zustände  bei  Pachy- 

13)  N  o  n  n  e:  Syphilis  und  Nervensystem.  II.  Aufl.  Berlin  1909.  S.  609. 

14)  Schlesinger:  Krankheiten  der  Meningen.  Kraus-Brugsch 
X,  2,  S.  11. 

14*)  Bittorf:  Ueber  Leptomeningitis  haemorrhagica.  D.  Zschr  f. 
Nervenhlkde.  1916,  54. 

l8)  Eskuchen:  Die  Lumbalpunktion.  Berlin-Wien  1919.  S.  125. 

e*)  Krause:  Influenza.  Mohr-Stähelin  1,  S.  221. 

Brugsch  II,  2.  S.  86  u.  91,  1919.  17)  I.  c.  S.  30. 

18)  Villaret  et  Descamps:  A  propos  d’un  cas  de  meningite 
tuberculeuse  hemorrh.  Gaz.  des  h£p.  1913,  59.  l9)  1.  c.  S.  130. 


MUNCH  EN  KR  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  31. 


1020 


rneningitis  haem.  Vorkommen.  Die  Unterscheidung  zwischen  Lethar¬ 
gie  und  Koma  wird  nicht  immer  leicht  sein.  Einen  Hinweis  wird  uns 
vielleicht  die  Feststellung  geben,  ob  die  Erkrankung  sekundär  auf 
dem  Boden  einer  anderen  Krankheit  entstanden  ist,  auf  die  wir 
sonst  die  P.  h.  sich  aufpfropfen  sehen:  chronisch-entzündliche  Hirn¬ 
affektionen  mit  Atrophie  des  Organs,  •  hämorrhagische  Diathesen, 
chronischer  Alkoholismus,  Gicht,  Lues.  Solche  Affektionen  waren 
nun  in  unseren  Fällen  auszuschliessen.  Zudem  ist  in  2  Fällen  die 
Freiheit  der  Meningen  durch  Obduktion  gewährleistet.  In  den  bei¬ 
den  Fällen  1  und  3  sichern  die  Restschäden  die  Diagnose  E.  e. 
Solche  Folgezustände  sind  bei  P.  h.  nicht  bekannt.  In  den  Fällen  4 
und  5  nun  würde  es  uns  gezwungen  erscheinen,  eine  Pachymeningitis 
anzunehmen  in  einer  Zeit,  wo  bekanntermassen  gehäufte  Enzepha¬ 
litiserkrankungen  Vorkommen,  und  bei  Fällen,  bei  denen  wir  bei 
nichthämorrhagischem  Liquor  in  die  Diagnose  E.  e.  sicher  keinen 
Zweifel  gesetzt  hätten.  Zudem  konnte  gerade  in  diesen  Fällen  nicht 
von  einem  Coma,  wohl  aber  von  einer  Schlafsucht  gesprochen  wer¬ 
den,  und  gerade  bei  Fall  5  ist  es  mir  stets  aufgefallen,  wie  rasch  der 
Kranke,  erweckt,  sich  orientierte  und  dann  für  kurze  Zeit  eine  un¬ 
geheure  Loquacitas  entwickelte. 

Hier  scheint  es  mir  auch  am  Platze,  kurz  auf  eine  Mitteilung 
von  R  a  t  h  e  r  y  und  B  o  n  n  a  r  d  20)  einzugehen,  die  über  einen 
Fall  von  Meningealblutung,  der  eine  Encephalitis 
lethargica  vortäuschte,  berichten.  Für  das  Zustandekommen 
des  hämorrhagisch-xanthochromen  Liquors  nehmen  die  Autoren  eine 
akute  Infektion,  eine  „Haemorrhagia  subarachnoidalis  acuta1,  als 
Ursache  an.  M.  E.  handelt  es  sich  auch  hier  um  eine  E.  e.  Weniger 
das  klinische  Bild  bringt  mich  zu  dieser  Annahme,  obwohl  auch  ge¬ 
rade  hier  von  auffallender  Schlafsucht  gesprochen  wird.  Vielmehr 
ist  es  eine  Liquorveränderung.  Der  Zuckergehalt  ist  in  diesem  Falle 
ganz  ausserordentlich  vermehrt  [366  mg-Proz.  *)].  Solche  Ver- 
mehrung  kennen  wir  wohl  bei  Enzephalitis,  nicht  aber  bei  infektiösen 
Meningitiden,  wo  der  Zuckergehalt  des  Liquors  herabgesetzt  ist 
[Eskuchen 21),  B  o  r  b  e  r  g  **)].  Auch  der  Einwand,  dass  ja  durch 
die  Blutbeimengung  der  erhöhte  Zuckergehalt  erklärt  sein  könnte, 
ist  zurückzuweisen.  Um  solchen  hohen  Wert  im  Liquor  zu  bedingen, 
müsste  der  Blutzuckerspiegel  selber  erhöht  sein  (was  ja  übrigens  bei 
der  E.  e.  nicht  selten  ist).  Zudem  würde  aber  auch  dann  im  Falle 
eines  entzündlichen  Prozesses  der  Meningen  der  Zuckergehalt  des 
Liquors  herabgesetzt  sein,  teils  durch  erhöhte  Zuckerresorption 
durch  das  entzündliche  Gewebe  [M  estrezat 23)],  teils  durch  die 
vermehrte  glykolytische  Funktion  der  zellinfiltrierten  Häute  [Bor- 
b  e  r  g 22)] . 

7.  Artefizielle  Beimengungen.  Es  bedarf  wohl  keiner 
weiteren  Auseinandersetzung,  dass  wir  selbstverständlich  auch  hier 
strengste  Selbstkritik  übten,  um  eine  solche  auszuschliessen.  Aber 
die  stets  von  vornherein  gleichmässige  sanguinolente  Durchmiscinng 
und  die  beim  Sedimentieren  deutlich  werdende  X  a  n  t  ho  c  h  r  o  m  i  e 
schien  uns  jedesmal  ein  Beweis,  dass  es  sich  um  eine  ältere 
Extravasation  handeln  müsse. 

Wenn  wir  also  nach  den  vorangegangenen  Erwägungen  durch 


Ausschaltnug  anderer  pathologischer  Prozesse  schon  immer  mehr  in 
unserer  Diagnose  „Encephalitis  epidemica“  gefestigt  wurden,  so 
lagen  doch  auch  noch  eine  Reihe  positiver  Momente  vor, 
die  uns  vollkommene  Sicherheit  gaben.  Diese  sind  im  Voranstehen¬ 
den  wohl  schon  teilweise  gestreift  und  seien  hier  nur  kurz  zv- 
sammengefasst: 

Einmal  stützt  unsere  Diagnose  das  Auftreten  der  Erkrankung  zu 
Zeiten,  wo  andere  typische  Enzephalitisfälle  gehäuft 
Vorkommen.  Es  wäre  gezwungen,  bei  ausgesprochenen  enzepha- 
litischen  Symptomen  in  solcher  Zeit  eine  andere  Diagnose  stellen  zu 
wollen  allein  wegen  des  hämorrhagischen  Liquors.  Und  solche  auf 
intrazerebrale  enzephalitische  Schädigungen  hin¬ 
weisende  Symptome  kommen  doch  schliesslich  bei  allen  Fällen  vor: 
psychisch-funktionelle  Veränderungen;  Schlafsucht,  aus  der  doch 
immerhin  ein  Erwecken  und  rasches  Orientieren  zeitweilig  möglich 
ist;  Augensymptome;  Hemiplegie;  nicht  nur  motorische,  sondern  auch 
sensorische  Aphasie;  bulbäre  Sprache;  Agraphie;  Rigor  u.  a.  m.  Der 
weitete  Verlauf,  z.  T.  mit  Rezidiven  (1,  4)  der  einzelnen  Fälle 
bestätigt  dann  unsere  Diagnose  und  namentlich  sind  in  dieser  Be¬ 
ziehung  die  Restschäden  von  Wichtigkeit:  In  Fall  1  sehen  wir 
einen,  wenn  auch  nur  angedeuteten,  Parkinsonismus  in  der  geringen 
Starre  des  Gesichtes.  Ausserdem  ist  hier  die  Umstimmung  der 
Psvche,  die  so  oft  als  Folge  der  E.  e.  beschrieben  ist,  zu  beachten. 
Aehnlich  lagen  die  Dinge  in  Fall  3,  wo  die  psychische  Restschädigung 
zusammen  mit  der  leichten  Adiadochokinese  auch  epikritisch  die 
Diagnose  sicherstellen.  Schliesslich  glauben  wir  auch  in  Fall  5  eine 
leichte  psychische  Umstimmung  als  vorliegend  oder  beginnend  an¬ 
nehmen  zu  dürfen.  Für  die  beiden  Fälle  2  und  6  haben  wir  dann  aber 
in  den  Obduktionsbefunden,  die  das  typische  Bild  der  En¬ 
zephalitis  mit  ihren  flohstichartigen  Blutpunkten  in  der  Hirnsubstanz 
bieten,  die  unwiderlegliche  Bestätigung  unserer  Diagnose:  Encepha¬ 
litis  —  und  wenn  wir  auf  die  stark  hervortretenden  anfänglichen 


*«)  Kathery  et  Bonnard:  Hdmorrhagie  mdningde  Simulant  clini- 
quement  l’encephalite  ldthargique.  Bull,  et  mön.  de  la  soc.  des  höp..  de  Paris 
36,  S.  300,  1920.  *)  Normal  50—75  mg-Proz.  21)  1.  c.  S.  66. 

22)  Borberg:  Untersuchungen  über  den  Zuckergehalt  der  Spinal¬ 
flüssigkeit  mit  B  a  n  g  s  Methode.  Zschr.  f.  d.  ges.  Neurol.  u.  Psych.  1916,  32. 
2S)  Zitiert  nach  Eskuchen:  1.  c.  S.  66. 


meningealen  Reizerscheinungen  Rücksicht  nehmen  wollen,  Meningo¬ 
encephalitis  —  epidemica. 

Bei  Beantwortung  der  Frage,  ob  dieser  Gruppe  von  tnzephalitis- 
erkrankungen  ausser  der  Xanthochromie  noch  andere  besondere,  sie 
gegen  andere  Encephalitisformen  untersc  he  i  - 
den  de  Merkmale  zu  eigen  sind,  sei  auf  das  unseren  1  allen 
ausser  dem  Liquorbefund  gemeinschaftliche  hingewiesen. 
East  alle  zeigen  sie  einen  akuten  Beginn  mit  plötzlichem  Schwin¬ 
del  und  Trübung  oder  Verlust  des  Bewusstseins,  der  dann  baid  die 
typische  Form  der  Lethargie  annimmt.  Nur  in  Fall  3  sehen  wir  ein 
etwa  11  Tage  währendes  Prodromalstadium  und  im  letzten  Fall  (6) 
bestand  auch  schon  einige  Tage  vorher  leichterer  Kopfschmerz  mit 
Schwindel.  Dann  findet  sich  aber  gerade  auch  hier  der  akute  Zu¬ 
sammenbruch  bei  der  Arbeit,  der  den  einweisenden  Arzt  eine  Apo¬ 
plexie  hatte  diagnostizieren  lassen.  Jedoch  kennen  wir  diesen  akuten 
Beginn  auch  bei  den  anderen  Enzephalitisformen.  Während  nun  aber 
bei  diesem  Fall  6  die  Diagnose  einer  E.  e.  von  vornherein  festzustehen 
schien,  drängten  sich  bei  allen  anderen  Fällen  die  menin  gi- 
tischen  Symptome  anfangs  so  in  den  Vordergrund,  dass  wir 
mit  der  Diagnose  zunächst  schwankten  und  erst  aus  dem  weiteren 
Verlauf  in  jedem  einzelnen  Falle  auf  die  bestimmte  Diagnose  En¬ 
zephalitis  kamen.  Jedoch  finden  wir  die  fast  völlige  Beherrschung 
des  Bildes  durch  den  meningealen  Symptomenkoinplex  auch  in 
anderen  Enzephalitisfällen.  Dreyfus21)  hat  deswegen  den  Begriff 
der  Encephalitis  meningitica  aufgestellt.  Auch  die  starke  Druck- 
erhöhung  des  Liquors,  die  sich  in  einigen  unserer  Fälle  fand 
und  tägliche  bis  zweitägliche  Entlastungspunktionen  notwendig 
machte,  ist  kein  besonderes  Merkmal  und  ist  schon  von  anderen 
Autoren  beschrieben.  Wir  müssen  daher  vorläufig  die  oben  gestellte 
Fr-age  verneinen. 

Ueber  das  Zustandekommen  der  hämorrhagisch- 
xanthochromen  Beschaffenheit  des  Liquors  können  wir 
natürlich  nur  Vermutungen  aufstellen.  Besonders  heftige  Entzün¬ 
dungen  mit  stärkerer  Extravasation  zumal  in  Partien,  die  an  die 
Ventrikel  oder  den  Subarachnoidealraum  angrenzen,  können  da  wohl 
eine  Rolle  spielen.  Einen  Fingerzeig  gibt  uns  vielleicht  Fall  6:  Hier 
fanden  sich  die  Petechien  in  der  Hauptsache  im  Balken,  also  in 
nächster  Nachbarschaft  der  Seitenventrikel.  Ausserdem  bestand 
aber  noch  eine  grössere,  etwa  kirschgrosse  solitäre  Blutung,  wie  sie 
ja  auch  sonst  bei  Enzephalitissektionen  festgestellt  werden,  ln  der 
linken  Kleinhirnhemisphäre  und  kommunizierte  vielleicht  mit  der  sub- 
pial  gelegenen  sanguinolenten  Flüssigkeit.  Uebrigens  kommen  aber 
solche  „Piablutungen“  wohl  bei  Enzephalitis  häufiger  vor.  Auch  wir 
sahen  sie  noch  bei  der  Sektion  eines  anderen  unserer  25  Enzephalitis¬ 
fälle,  bei  dem  allerdings  der  Liquor  bis  zuletzt  klar  und  fast  ohne 
pathologische  Veränderungen  geblieben  war. 

Ueber  das  zeitliche  Auftreten  der  6  Fälle  sei  noch  erwähnt,  dass 
sich  hier  keinerlei  Zusammenhang  unter  ihnen  feststellen  lässt.  Wir 
können  für  die  Gesamtheit  unserer  25  Fälle  zwanglos  4  Perioden 
unterscheiden  25): 

1.  Periode:  Januar  1920  bis  Mai  1920  mit  4  Fällen,  darunter  1  mit  xantho- 

chromem  Liquor. 

2.  .,  :  Dezember  1920  bis  Juni  1921  mit  6  Fällen,  darunter  0  mit  xantho- 

chromem  Liquor. 

Z  „  :  Dezember  1921  bis  Mai  1922  mit  4  Fällen,  darunter  2  mit  xantho- 

chromem  Liquor. 

4.  „  :  seit  Dezember  1922  11  Fälle,  darunter  3  mit  xanthochromem 

Liquor. 

Auch  ein  örtlicher  Zusammenhang  lässt  sich,  zumal  bei  den  letz¬ 
ten  3  Fällen  der  4.  Periode  nicht  auffinden;  denn  von  diesen  er¬ 
krankte  einer  in  Oberschreiberhau,  der  zweite  in  Wohlau.  der  dritte 
in  Breslau.  Es  kommt  also  ein  besonders  virulenter  Stamm  des 
Enzephalitiserregers  nicht,  eher  wohl  individuelle  Disposition,  wenn 
nicht  gar  blosser  Zufall  für  die  Entstehung  der  Xanthrochromie  in 
Frage. 


Zur  Prophylaxe  bei  Fleckfieberepidemien  unter 
unkulturellen  Verhältnissen. 

Von  Dr.  med.  E,  Grahe,  Kasan. 

Bis  jetzt  flammen  noch  immer  wieder  hie  und  da  Fleckfieberepi¬ 
demien  auf,  und  da  trotz  immer  noch  bestehender  Verkehrshemmnisse 
die  medizinischen  Zeitschriften,  namentlich  deutsche,  sich  überall  den 
Weg  zu  bahnen  anfangen,  sei  es  gestattet,  hier  von  einem  primitiven 
und  einfachen  prophylaktischen  Verfahren  zu  berichten,  welches  mir 
in  der  letzten  Fleckfieberepidemie  (Winter  1921 '22)  treffliche  Dienste 
geleistet  hat  und  welches  so  manchem  Kollegen  seine  Aufgaben  bei ^ 
Lokalisierung  von  Fleckfieberepidemien  erleichtern  könnte,  dem  es 
beschieden  sein  sollte,  unter  ähnlichen  unkulturellen  Verhältnissen] 
in  einem  von  Krieg  und  Revolution  heimgesuchten  und  blockierten, 
Lande  wirken  zu  müssen,  wie  es  mir  beschieden  war. 

Das  Wirkungsgebiet  umfasste  5  Dörfer  mit  einer  Einwohnerzahl  von  un¬ 
gefähr  2000,  unweit  der  Stadt  Moskau,  worunter  während  meiner  Wir-  1 


24)  Dreyfus:  Die  gegenwärtige  Enzepalitisepidemie.  M.m.W.  1920  1 
Nr.  19. 

25)  In  den  Zwischenzeiten  sahen  wir  auf  unserer  Abteilung  keine  akute 
Enzephalitis.  Eine  gleich  scharfe  Periodizität  findet  sich  übrigens  bei  unseren 

/  Grippefällen  aus  dem  gleichen  Zeitabschnitt  (Jan.  1920  bis  jetzt)  nicht. 


3.  August  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1021 


kungszeit  82  Erkrankuiigsfälle  in  67  Wohnungen  zu  verzeichnen  sind.  Von 
diesen  67  Wohnungen  waren  9  mit  einer  Bewohnerzahl  von  49  Familienmit¬ 
gliedern  und  23  Erkrankungsfällen,  wo  das  angewandte  Verfahren  aus  ver¬ 
schiedenen  Gründen  (teilweise  auch  aus  Fahrlässigkeit  seitens  der  Angehörigen) 
nicht  hat  durchgeführt  werden  können,  und  58  Wohnungen  mit  276  Bewoh¬ 
nern  mit  nur  je  1  Erkrankungsfall,  in  denen  das  Verfahren  vorgeschriebencr- 
massen  hat  durchgeführt  werden  können.  Es  bestand  in  folgendem:  Es  wurden 
sämtliche  Familien-  und  Wohnungsmitglieder,  gleich  nach  Feststellung  einer 
Erkrankung  und  nach  Reinigung,  möglichster  Enthaarung  und  Desinfizierung 
des  Erkrankten,  ungeachtet  dessen,  ob  eine  Beförderung  und  Aufnahme  des¬ 
selben  ins  Krankenhaus  hat  erlangt  werden  können  oder  nicht,  veranlasst,  täg¬ 
lich  geringe  Dosen  (von  Hanfkorngrösse)  von  grauer  Quecksilbersalbe  in  die 
Haarstellen  des  Körpers  binnen  30  Tagen  zu  verreiben  und  mit  Naphthalysol 
durchtränkte  und  abgetrocknetc  Bänder  um  den  Hals,  Fuss-  und  Handgelenke 
binnen  derselben  Frist  zu  tragen.  Ausserdem  wurde  neben  den  üblichen  Reini¬ 
gungsmassnahmen  veranlasst,  dass  mindestens  binnen  derselben  angegebenen 
Frist  unter  sämtliche  Bett-  und  Lagerstätten,  Matratzen,  Kleider-,  Wäsche- 
Aufbewahrungsgegenstände  mit  Naphthalysol  durchtränkte  Papierblatter  (-strei¬ 
fen)  und  sonst  welche  wertlose  Gegenstände  (Stäbchen,  Läppchen,  Wischtücher 
usw.)  gebracht  und  aufbewahrt  wurden,  womit  der  ganze  Wohnraum  gleich  zu 
Anfang  der  Einschleppung  der  Erkrankung  von  diesem  Geruch  durchdrungen 
wurde,  womit  eine  Entlausung  angestrebt  wurde.  Mit  einer  anderen  An¬ 
wendungsart  des  starkriechenden  Naphthalysols  würde  man  bei  der  unkulti¬ 
vierten,  bis  jetzt  noch  in  mancher  Beziehung  abergläubischen  Bevölkerung 
auf  Widerstand  oder  im  besten  Falle  auf  Ignorierung  dieser  Ratschläge  ge- 
stossen  sein.  Aber  auf  diese  Weise  waren  die  mit  Naphthalysol  durchtränkten 
Gegenstände  nach  abgelaufener  Frist  leicht  aus  den  Wohnräumen  heraus- 
zuschaffen  und  eine  leichtere  Desodorierung  der  letzteren  den  Einwohnern  in 
Aussicht  gestellt  und  damit  der  Bevölkerung  die  Massregel  einleuchtender 
und  annehmbar  gemacht  worden.  Hinzugefügt  sei,  dass  zu  fleissigem  Gurgeln 
mit  Kalichloricumlösung  angehalten  und,  dass  Merkurialismus  nicht  beobachtet 
wurde. 

Die  mitgeteilten  Tatsachen  berechtigen  nicht  zu  mehr  oder  weniger  bin- 
denden  Schlüssen,  aber  m.  E.  auch  nicht  zu  der  Annahme  eines  blossen 
Zufalls.  Ich  entschloss  mich  aber  zu  dem  beschriebenen  Verfahren,  da  keine 
anderen  Mittel  zur  Verfügung  standen,  unter  den  obwaltenden  Verhältnissen, 
wie  gesagt,  kein  anderes  anwendbar  schien  und  selbiges  mir  bereits  früher 
bei  noch  viel  schlimmeren  Verhältnissen  (auf  der  sibirischen  Bahnstrecke,  wo 
es  auf  einigen  Stationen  zu  einer  Anhäufung  von  12  000  Flecktyphuskranken 
gekommen  war!)  gute  Dienste  geleistet  hatte. 

Anmerkung.  Ich  möchte  an  dieser  Stelle  auch  noch  die  günstige  Be¬ 
einflussung  des  Krankheitsverlaufes  durch  Darreichung  von  Magn.  sulf. 
3  mal  täglich,  zu  einem  gestrichenen  Esslöffel,  gleich  bei  Beginn  der  Erkran¬ 
kung,  2 — 4  Tage  hindurch,  bestätigen,  wie  es  seinerzeit  von  einem  im  Rumäni¬ 
schen  Feldzüge  tätig  gewesenen  Kollegen  erprobt  worden  ist,  und  ferner  nicht 
unerwähnt  lassen,  dass  in  geeigneten  Fällen  gleichzeitig  verordnetes  schwaches 
Intus  von  Rad.  Ipecacuanhae  0,2—200,0  mit  suspendiertem  Bolus  alb.  subt. 
pulv.  den  Darm  sehr  befriedigend  reguliert  haben  und  durch  recht  warme  (!) 
feuchte  Umschläge  und  Einwicklungen  die  Kranken  von  so  manchen  Aether- 
oder  Kampferinjektionen  verschont  worden  waren. 


Gutachten  über  die  „offenbare  Unmöglichkeit“  in 
Alimentationsprozessen. 

Von  W.  Zangemeister,  Direktor  der  Univ.- Frauenklinik 
und  F.  Leonhard,  Professor  d.  Rechte  zu  Marburg. 

Wer  in  Alimentationsprozessen  als  Sachverständiger  zu  fungieren 
hat,  muss  über  die  Beziehungen  zwischen  dem  Entwicklungsgrad  des 
Kindes  und  der  Schwangerschaftsdauer,  von  der  Empfängnis  an  ge¬ 
rechnet,  genau  unterrichtet  sein.  Denn  von  seltenen  Ausnahmen  ab¬ 
gesehen  handelt  es  sich  um  die  Frage,  ob  ein  Kind  einer  gewissen  — 
oft  allerdings  nur  notdürftig  beschriebenen  —  Körperentwicklung  bei 
der  Geburt  aus  einer  Beiwohnung  stammen  kann,  welche  zu  einem 
bestimmten  Termin  oder  innerhalb  bestimmter  zeitlicher  Grenzen 
stattgefunden  hat.  Der  Gutachter  muss  vor  allem  die  Grenzen 
kennen,  innerhalb  welcher  der  kindliche  Entwicklungsgrad  bei  be¬ 
stimmter  Schwangerschaftsdauer  p.  concept.  oder  die  Schwanger¬ 
schaftsdauer  bei  bestimmter  kindlicher  Entwicklung  differieren  kan  n. 
Es  gibt  darin  natürlich  scharfe  äusserste  Grenzen;  aber  es  liegt  in 
der  Natur  der  Sache,  dass  uns  dieselben  nicht  ganz  genau  bekannt 
sind.  Denn  wir  sind  bei  Ermittlungen,  welche  die  Frage  aufklären 
sollen,  zu  einem  wesentlichen  Teil  auf  subjektive  Angaben  ange¬ 
wiesen,  und  diese  sind  schon  an  sich,  gerade  aber  auf  diesem  Gebiet, 
keineswegs  immer  zuverlässig.  Bis  vor  kurzem  waren  nun  die  Grund¬ 
lagen  für  derartige  Gutachten  äusserst  dürftig  und  unsicher,  so  dass 
der  Gutachter  in  schwieriger  Lage  war  (vgl.  z.  B.  P  o  t  e  n,  Zentr.  f. 
Gyn..  1910,  S.  1296  —  v.  Franque,  Med.  Klin.,  1911,  Nr.  9). 

Um  die  äussersten  Grenzen  der  Schwangerschaftsdauer  für  be¬ 
stimmte  Entwicklungsgrade  und  des  Entwicklungsgrades  für  eine  be¬ 
stimmte  Schwangerschaftsdauer  möglichst  genau  zu  ermitteln,  habe 
ich  mich  u.  a.  der  graphischen  Methode  bedient  0,  welche  zugleich 
gestattet,  dass  sich  der  Sachverständige  im  Einzelfall  ein  Urteil  über 
die  äussersten  Möglichkeiten  selbst  bilden  kann. 

Ich  habe  die  Fälle  mit  (soweit  möglich)  bekannter  Schwan¬ 
gerschaftsdauer  p.  conc.  in  quadratische  Koordinatensysteme  ein¬ 
getragen.  Als  Vergleichsmaasstab  für  die  Entwicklung  dient  am 
besten  die  Fruchtlänge,  weil  sie  —  von  Missbildungen  abge¬ 
sehen  —  am  wenigsten  durch  Entwicklungsanomalien  beeinflusst 
wird,  und  auch  weil  sie  oft  der  einzige  zuverlässige  Anhaltspunkt 
_ für  die  Fruchtentwicklung  vor  Gericht  ist. 

Arch.  f.  Gyn.  107,  S.  405.  —  Vgl.  auch  Zschr.  f.  Geburtsh.  u.  Gyn. 
69,  b.  127,  ferner  Heuser,  ebenda  70,  S.  381. 

Nr.  31. 


Das  Gesetz  (BGB.  §  1717)  bestimmt  nun,  dass  —  bei  der  Beurtei¬ 
lung,  ob  ein  gewisser  1  ermin  für  die  Schwängerung  in  diesem  oder 
jenem  Fall  in  Betracht  kommt  —  eine  Beiwohnung  nur  dann  ausser 
Betracht  bleibt  (obwohl  sie  inerhalb  der  „Empfängniszeit“,  181—302 
läge  vor  der  Geburt,  liegt),  wenn  es  den  Umständen  nach  offenbar 
unmöglich  ist,  dass  die  Mutter  das  Kind  aus  dieser  Beiwohnung 
empfangen  hat.  Der  Gesetzgeber  hat  die  gültige  „Empfängniszeit“ 
festgelegt  und  lässt  nur  dann  eine  Ausnahme  zu  —  um  Unrecht  aus 
dem  Gesetz  zu  verhüten  — ,  wenn  es  nach  Lage  der  Dinge 
unmöglich,  d.  h.  ausgeschlossen  ist,  dass  das  betreffende 
Kind  aus  der  innerhalb  der  gesetzlichen  Empfängniszeit  liegenden  Bei¬ 
wohnung  stammt. 

Nach  meinen  Untersuchungen  sind  die  Grenzen  des  Möglichen 
relativ  weit.  Ob  sie  zu  weit  sind,  steht  noch  offen;  jedenfalls 
ist  der  Beweis  für  das  Letztere  noch  keineswegs  erbracht.  Und  zu¬ 
verlässige  Erfahrungen  bei  1  i  e  r  e  n  •’)  beweisen,  dass  bei  ihnen  eine 
Variationsbreite  besteht,  welche  die  von  mir  für  den  Menschen  er¬ 
mittelte  sogar  noch  etwas  übertrifft.  Man  mag  nun  meine  Ergebnisse 
als  „auffallend  und  „recht  unwahrscheinlich“  erklären,  solange  die¬ 
selben  nicht  „durch  beweiskräftige  Beobachtungen  gestützt“  seien 
I  C.  Rüge  II  )  | ;  das  ist  eine  wissenschaftliche  Ansicht,  die  der  eine 
teilt,  der  andere  nicht 4).  Es  geht  aber  nicht  an,  e  i  d  1  i  c  h  v  o  r  G  e  - 
r  i  c  h  t  auf  Grund  dieser  Ansicht,  wie  dies  C.  Rüge  will,  unter  Um¬ 
ständen  ein  offenbar  unmöglich  auszusprechen.  Dafür  muss 
vielmehr  erst  der  gegenteilige  Beweis  erbracht  werden,  dass 
nämlich  die  von  mir  gezogenen  Grenzen  tatsächlich  zu  weit  sind. 
Und  dieser  steht  noch  aus.  Auch  C.  Rüge  muss  auf  Grund  des 
heute  vorliegenden  Materials  zum  mindesten  die  entfernte 
Möglichkeit  zugeben,  dass  die  Empfängnis  bei  bestimmter 
Fruchtlänge  innerhalb  der  von  mir  angegebenen  Grenzen  liegt. 

Kürzlich  hat  nun  Döderlein5)  ein  Gutachten  veröffentlicht, 
welches  eine  grundsätzliche  Kritik  herausfordert.  Er  sprach  ein 
„offenbar  unmöglich“  in  einem  Fall  aus,  in  welchem  ein  nach  An¬ 
gaben  der  Hebamme  reifes  Kind  (9  Tage  p.  part.  50  cm  und  6  Pfund) 
224  Tage  nach  der  fraglichen  Konzeption  geboren  wurde.  Abgesehen 
von  der  Unsicherheit  der  Angaben  der  Hebamme  kann  man  nach 
meinen  Ergebnissen  (vgl.  die  Kurven  8  u.  12)  die  Möglichkeit  nicht 
bestreiten,  dass  das  betr.  Kind  aus  einer  224  Tage  vor  der  Geburt 
stattgefundenen  Beiwohnung  stammt. 

Aber  abgesehen  von  diesem  lediglich  den  Einzelfall  be¬ 
treffenden  Punkt  vertritt  Döderlein  eine  Ansicht  über  die  Aus¬ 
legung  des  Begriffes  „offenbar  unmöglich“,  welche  m.  E.  irrig  ist, 
und  welche  auch  nicht  dem  allgemeinen  Brauch  entspricht.  Döder¬ 
lein  stellt  das  „offenbar  unmöglich“,  wie  er  erklärt,  nicht  der 
absolu  t  e  n  Unmöglichkeit,  sondern  einer  grossen  Unwahr- 
sc  Reinlichkeit  gleich.  Er  sagt  erläuternd:  „Diese  Fassung  des 
Gesetzesparagraphen  schliesst  in  sich,  dass  es  wohl  seltene  Aus¬ 
nahmen  geben  kann,  die  eine  vollkommen  sichere  Schlussfolgerung 
in  den  betreffenden  Fällen  erschweren.“  —  „Würde  man  solche 
Seltenheiten  bei  Alimentationsprozessen  zu  Einwänden  gebrauchen, 
dann  wäre  es  ebenso  selten  möglich,  bei  einigermassen  schwierig 
gelagerten  Fällen  überhaupt  ein  Urteil  abzugeben.“  Döderlein 
erwähnt  nicht,  welche  Extreme  er  dabei  im  Auge  hat.  Für  seinen 
Fall  trifft  aber  nicht  zu,  dass  er  „unter  Hunderttausenden  Geburten 
nur  einmal  vorkommt.  Aber  selbst  dies  zugegeben,  kann  man  ein 
„offenbar  unmöglich“  dann  eben  nicht  aussprechen,  wenn  ein  solches 
Vorkommen  überhaupt  möglich  ist. 

Die  Schlussfolgerungen  D  ö  d  e  r  1  e  i  n  s  für  die  Praxis  berech¬ 
tigen  uns  aber  nicht,  den  vom  Gesetzgeber  geschaffenen  Begriff 
anders  auszulegen,  als  er  von  diesem  m.  E.  gedacht  ist. 

Um  hierüber  eine  Klarstellung  herbeizuführen,  habe  ich  mich  an 
den  Vertreter  des  bürgerlichen  Rechtes  an  unserer  Universität,  Herrn 
Prof.  Leonhard  mit  der  Bitte  gewandt,  diese  lediglich  juristische 
Frage  zu  beantworten.  Er  äussert  sich  folgendermassen: 

Das  Bürgerliche  Gesetzbuch  schliesst  in  §§  1591,  1717  den  Beweis 
der  Abstammung  dann  aus,  wenn  diese  „offenbar  unmöglich“ 
ist.  Ueber  die  Bedeutung  dieser  Worte  sind  Zweifel  entstanden. 

L  Entschieden  abzulehnen  ist  die  Ansicht,  die  die  Abstammung 
schon  dann  verneinen  will,  wenn  sie  nur  unwahrscheinlich 
ist.  Sie  wird  dem  Ausdruck  „offenbar  unmöglich“  nicht  gerecht,  der 
einen  besonders  starken  Gegenbeweis  fordert. 

2.  Zweifelhaft  kann  dagegen  sein,  wie  stark  dieser  Gegen¬ 
beweis  sein  muss:  ob  die  Abstammung  als  völlig  ausgeschlossen 
erscheinen  (oft  sagt  man  verkehrt:  dem  gesunden  Menschenverstände 
widersprechen)  muss  oder  .ob  sie  sich  nur  als  ausserordentlich  un¬ 
wahrscheinlich  darzustellen  braucht.  Beide  Ansichten  wurden  schon 
in  der  Kommission  für  das  Gesetzbuch  vertreten "),  und  der  gleiche 
Gegensatz  zeigt  sich  noch  heute  in  Wissenschaft7)  und  Rechtspre¬ 
chung  8). 


7)  Arch.  f.  Gyn.  69,  S.  436.  ;’)  Arch.  f.  Gyn  114,  S.  1. 

)  Vgl.  z.  B.  1.  Ahlfeld:  Kurzfristige  Schwangerschaften,  Leipzig 
1916;  2.  W.  Hannes:  Zschr.  f.  Geburtsh.  u.  Gyn.  71.  S.  524;  3.  E.  Zwei¬ 
fel:  Arch.  f.  Gyn.  116,  S.  140. 

®)  M.m.W.  1923  S.  505.  ")  Protokolle  4,  464. 

')  Für  die  strengere  Auffassung:  Kommentar  von  Reichsgerichtsräten 
2  zu  1591,  Planck  2  zu  1591 ;  dagegen  Hachenburg:  Rechtsstellung  des 
unehelichen  Kindes  26,  Engelmann:  Bl.  f.  R.  A.  63,  69,  S  t  a  u  d  i  n  g  e  r, 
N  e  u  m  a  n  n  zu  1591. 

8)  Für  die  erste  Ansicht  Warneyer  5  Nr.  171,  13  Nr.  26,  dagegen 
Rspr.  7.  416.  Unentschieden  Reichsgericht  J.  W.  1904.  236;  1910,  477, 

4 


1022 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  31. 


Mir  scheint,  dass  die  strenge  Fassung  (völlig 
ausgeschlossen)  den  Vorzug  verdient.  Nach  dem 
offenbar"  soll  nicht  nur  ein  deutlicher  Gegenbeweis  gefordert  wer¬ 
den,  sondern  auch  in  allen  Zweifelsfällen  die  Entscheidung  gegen  en 
Hekla vten  nusfallen-  er  trägt  die  Beweislast  in  den  Grenzfallen.  Die 
gleiche  Bedeutung  hat  das  „offenbar“  auch  in  zahlreichen  ähnlichen 
Stellen  des  Gesetzes  (§§  319.  560,  2049,  2155  BGB.).  Diese  Auffassung 
hat  auch  den  Vorzug,  dass  sie  eine  objektive  Beurteilung  erleichtert. 
Die  Gutachter  können  aus  den  Erfahrungstabellen  der  gynäkologi¬ 
schen  Wissenschaft  mit  einiger  Sicherheit  entnehmen,  ob  ein  Zusarr  - 
menhang  noch  als  möglich  erscheint,  z.  B.  ob  dies  50  cm  lange  Kind 
aus  einer  7  Monate  zurückliegenden  Konzeption  stammen  kann.  An¬ 
ders  wemi  man  ihnen  zumutet,  zu  entscheiden,  ob  diese  Abstammung 
nur  unwahrscheinlich  oder  aber  ausserordentlich  unwahrsche.nl  ch 
ist  Diese  Unterscheidung  ist  so  unbestimmt,  dass  schliesslich  alles 
von  der  persönlichen  Veranlagung  des  Gutachters  abhängig  gemacht 
wird. 


Die  Anwendung  und  Wirkung  des  Novoprotins  bei  der 
Behandlung  von  Phlegmonen. 

Von  Dr.  med.  H.  Schranz,  Hamburg-Eppendorf. 


Behandlung  mit  Novoprotin.  Hier  kam  es  nur  in  seltenen  Fällen  zu 
starken  Allgemeinreaktionen;  auch  die  Heilerfolge  erwiesen  sich 
hier  als  weniger  günstig.  Auf  Grund  der  geschilderten  Erfahrungen« 
komme  ich  zu  folgendem  Schluss:  , 

Frische  Phlegmonen,  möglichst  frühzeitig  mit  Novoprotin  be¬ 
handelt,  heilen  rasch  ab,  wobei  sich  zeigt,  dass  je  deutlicher  sich  All¬ 
gemeinreaktionen  bemerkbar  machen,  man  desto  sicherer  mit  einem 
Erfolg  rechnen  kann.  Bei  alten  Fällen  ist  die  Wirkung  zweifelhaf  , 
erhält  man  hier  nach  der  1.  Novoprotininjektion  keinerlei  sichtbare 
Reaktionen,  hat  Fortsetzung  der  Behandlung  wenig  Zweck.  Der 
therapeutische  Erfolg  ist  dann  zweifelhaft. 

Novoprotin  erweist  sich  als  gutes  Proteinkorperpraparat,  das 
geeignet  ist,  den  Organismus  bei  der  Abwehr  einer  Infektion  kraf  lg 
zu  unterstützen.  Novoprotin  vermag  in  der  Mehrzahl  der  raue 
Phlegmonen  zu  rascher  Heilung  zu  bringen.  Es  empfiehlt  sich,  Novo¬ 
protin  intravenös  zu  injizieren,  langsam,  um  eine  gute  Mischung 
mit  dem  Blute  zu  erzielen,  da  diese  Art  der  Verabreichung  in  ganz, 
besonderem  Maasse  wirksam  ist,  und,  um  starke  Allgemeine!  scnei- 
nungen,  wie  Schüttelfrost,  Mattigkeit  usw.,  zu  vermeiden,  mit 
kleinen  Dosen  individualisierend  zu  beginnen  und  je  nach  Reaktion, 
auf  1  ccm  hinaufzugehen. 


Das  Proteinkörperpräparat  Novoprotin  ist  '.^{j'^^den 

SÄÄÄ  ÄÄ  £ 

"“ftgSSÄ  Novoprotin  in 

brei?  spaltete  und  nach  Kreuzschnitt  vom  gesunden  ins  kranke  Ge- 

sSSSSSsSS 

Hel,Ri„.r  zweiten  Serie  nahm  ich  dieselbe  Spaltung  vor,  iniiÄrte 
das  Novoprotin  jedoch  subkutan,  wobei  keine! riet  ?;l<lcheb  R1 ^ 

k,,,r  sSos»  äs*  hS.i;1i- 

sp1  ""rasch  wie  bei  der  sewölinlichen  Spaltung  und  Behandlung  mit 

feuchten  Verbänden. Serie  ^  Q5_1  ccm  Novoprotin  intravenös 

„„fort  nach  der  Spaltung.  Sämtliche  Karbunkel  wurden  in  den 
erZn  2  Tagen  trocken  verbunden,  ein  Tamponadewechsel  erfolgte 

nicht"  Etwf 1-2  Stunden  nach  der  Injektion  trat  Schüttelfrost 
starker  Schweissausbruch  und  Temperaturanstieg  auf-  ln  der  Wun 
selbst  wurden  stärkere  Schmerzen  angegeben  als  früher  was 
engsten  Zusammenhang  mit  dem  Am  dt -Sc  huzsc,ne  Lb 
stehen  dürfte,  welches  besagt,  dass  schwache  Reize  d,e  Leöt.is 

SS  und  slf  "».ilÄ  £  Äi«  Gewebe 

empfindlicher  ist  als  ein  gesundes,  ist  esfvQei’j1le„u^er^kte  Ge^ebe 
Anftrrten  eines  allgemein  wirkenden  Reizes  das  erkranKte  uevveue 
ganz  besonders  reagiert,  in  diesem  Fall  also  an  den  entzündlichen 
Stellen  heftigere  Schmerzen  auftreten.  Am  folgenden  Tage  war  die 
Temperatur  meist  normal,  die  Reinigung  der  Karbunkel  schritt  rasch 
vorwärts  und  führte  zu  beschleunigter  Heilung,  was  nicht  zum 
wenigsten  der  Novoprotininjektion  zuzuschreiben  ist.  Verglei --hs- 
versSe  mit  Pferdeserumtamponade  nach  Rieder  hatten  den  Er¬ 
folg,  dass  durch  diese  Tamponaden  die  Nekrosen  noch  etwas 
schneller  abgestossen  wurden. 

Ich  zog  daraus  die  Folgerung,  dass  ich  Novoprotin  nur  noch 
intravenös  Injizierte  und  nun  auch  zur  Behandlung  der  Phlegmonen 

mit  diesem  Präparat  überging.  .  ,  .  Fnllen 

Vor  oder  sofort  nach  der  Spaltung  gab  ich  in  den  ersten  ballen 

1  ccm  Novoprotin  intravenös.  1—2  Stunden  nach  der  Injek.ion 
stellte  sich  ein  nur  kurze  Zeit  dauernder  Temperaturanstieg  dis  zu 
•  etwa  40 0  ein,  danach  Schüttelfrost  und  Schweissausbruch,  bcn™5r- 
zen  in  der  entzündlichen  Gegend,  geringe  Schwellung  in  der  Um¬ 
gebung  und  allgemeine  Abgeschlagenheit.  Ich  hatte  den  Eindruck, 
dass  es  sich  in  diesem  Fall  um  eine  Ueberdosierung  handelte,  wes¬ 
wegen  ich  in  der  Folge  auf  0,5  ccm  Novoprotin  durchschnittlich  zu¬ 
rückging.  Die  Injektionen  riefen  zwar  häufig  auch  noch  starke  Re¬ 
aktionen  hervor,  wurden  jedoch  von  den  Kranken  anges lclits  der 
beschleunigten  Heilung  gern  in  Kauf  genommen.  Schon  am  folgen¬ 
den  Tage'  pflegte  die  Temperatur  zur  Norm  zuruckzugehen  und 
schwankte  nu?  in  vereinzelten  Fällen  noch  2-3  Tage  zwischen  37 
und  38 0 

Bei' besonders  hartnäckigen  Phlegmonen  machte  ich  in  Ab¬ 
ständen  von  höchstens  48  Stunden  noch  2—3  Novoprotininjektionen, 
die  wieder  deutliche,  jedoch  gut  erträgliche  Allgeme.nreakt.onen 
auslösten.  Bei  allen  Fällen,  die  frisch  zur  Behandlung  kamen, 
konnte  man  beschleunigte  Wundheilung  beobachten.  Die  mit  Novo¬ 
protin  behandelten  Phlegmonen  wurden  fast  durchweg  in  den  ersten 
beiden  Tagen  trocken  verbunden.  Nach  dieser  Zeit  wechselte  ich 
mit  eintägigen  Wasserstoffsuperoxyd-  oder  Lhloraminverbanden  ab. 
Alte,  bereits  vorbehandelte  Phlegmonen  unterzog  ich  ebenfalls  einer 


Aus  dem  Sanatorium  für  innere  und  Nervenkrankheiten 
Schloss  Hornegg  a.  Neckar. 

Zur  Unterscheidung  funktioneller  und  organischer 

Hypertonie. 


Von  Ludwig  Roemheld. 


Das  Problem  der  Hypertonie  steht  neuerdings  wieder  sehr  im 
Vordergrund  Alle  Autoren  sind  sich  darin  einig,  dass  die  pathologi¬ 
sche  Erhöhung  der  Widerstände  in  der  Peripherie  das  Primäre  ist, 
was  zur  Blutdrucksteigerung  im  ganzen  Gefässsystem  fuhrt,  eine 
Auffassung,  die  vom  Standpunkt  der  Mechanik  sowohl  als  auch  teleo¬ 
logisch  betrachte!  die  grösste  Wahrscheinlichkeit  für  sich  hat  und 
die  in  den  Ergebnissen  der  Müller-Weiss sehen  Kapillarbe- 
obachtungen  bei  Arteriosklerose  eine  gewisse  Stütze  findet.  Die  Druck¬ 
steigerung  wird  zweifellos  anfänglich  hervorgerufen  durch  den  gestei¬ 
gerten  Tonus  der  Muskulatur  der  kleinsten  Gefässe.  Worauf  diese  lo- 
nussteigerung  ihrerseits  wieder  beruht,  wissen  wir  mit  Sicherheit  auch 
heute  noch  nicht.  Jedenfalls  spielt  das  psychische  Moment  dabei 
eine  grosse  Rolle.  ^Anderseits  hat  die  Auffassung,  dass  die  I  onus- 
steigerung  toxisch  bedingt  ist  und  mit  übermässiger  Eiweissernah- 
rung  zusammenhängt,  viel  für  sich,  und  mehr  oder  weniger  ist  unser® 
ganze  heutige  Ernährungstherapie  der  Arteriosklerose  auf  dieser 

These  aufgebaut.  _  .  .  , 

Von  guten  ärztlichen  Kennern  des  Orients,  z.  B  von  Sticker, 
wurde  mir  mündlich  mitgeteilt,  dass  im  Orient,  wo  das  Volk  fast  nur 
von  Milch,  Käse  und  Vegetabilien  lebt,  die  ältesten  Leute  so 
weiche  Gefässe  hätten,  wie  bei  uns  chlorotische  Mädchen.  Neben  dem 
toxischen  Ursprung  (auch  Nikotin  ist  hier  zu  erwähnen)  spielt  aber 
sicher  der  konstitutionelle  Faktor  die  grösste  Rolle,  die  abnorme  An- 
sprechbarkeit  des  Vasomotorenzentrums  und  die  dadurch  bedingte 
vorzeitige  Abnutzung.  Aber  auch  hier  ist  vieles  noch  gänzlich  un¬ 
geklärt.  Ich  kenne  70  jährige  Greise,  die,  wie  ich  von  Aussagen  ihrer 
Hausärzte  weiss,  in  jüngeren  Jahren  die  stärksten  Vasoijiotoriker 
waren  und  immer  Beschwerden  von  seiten  des  vegetativen  Nerven¬ 
systems  hatten,  die  aber  jetzt  doch  noch  normalen  Blutdruck  bei  in¬ 
taktem  Gefässsystem  aufweisen.  I 

Zu  wenig  Beachtung  scheint  mir  ein  Moment  bis  jetzt  gefunden 
zu  haben,  dass  es  n  ä  m  1  i«c  h  besonders  dann  zu  Hyper- 
t  o  n  i  e  kommt,  wenn  die  abnormen  W  i  derstände  y  or- 
wiegend  im  Gebiet  des  Splanchnikus  lokalisier 
sind,  während  Arterioskerose  an  den  Extremitäten  bekanntlich  nicht 
immer  zu  Blutdrucksteigerung  führt.  Daher  der  hohe  Blutdruck  der 
Korpulenten,  der  Menschen  mit  abnormer  Gasspannung  im  Leib  und 
hochgedrängtem  Zwerchfell,  mit  chronischen  Darmkatarrhen  ynfl 
Gärungsprozessen,  mit  Dyspepsie.  Krauss  hat  schon  vor  Jahren 
gerade  auf  den  erhöhten  Blutdruck  bei  Dyspeptikern  hingewiesen. 
Bis  zu  einem  gewissen  Grade  können  wir  das  Bild  künstlich  hervor* 
rufen  durch  aktive  Vermehrung  des  intraabdominellen  Drucks,  durch 
forcierte  Zwerchfellatmung  usw.,  doch  ist  die  Frage  der  respirato¬ 
rischen  Blutdruckschwankungen  noch  nicht  genügend  geklärt  (Ii 
gerstedt,  Ergebnisse  der  Physiologie,  1903).  Beseitigt  man,  sej 
es  durch  Verminderung  der  Fettmenge  im  Abdomen,  sei  es  durch 
Bekämpfung  der  Tympanie,  die  abnorme  Gasspannung  in  der  Bauch¬ 
höhle,  so  sinkt  der  Blutdruck.  Das  haben  Jürgen sen  Arch.  t. 
Verdauungskrankheiten,  1910,  Bd.  16)  und  ich  (Zsclir.  f.  diatet.  u. 
Physik.  Therapie,  1912)  schon  vor  Jahren  gezeigt.  Bleibt  der  Zustanu 
aber  dauernd,  so  fixiert  er  sich,  und  es  kommt  zu  organisch  gewor¬ 
dener  Hypertonie.  Besonders  gut  kann  man  diesen  Umwandlungs¬ 
prozess  verfolgen  bei  den  ursprünglich  rein  funktionellen  Fällen  vorl 
gastrokardialem  Symptomenkomplex. 

Malten  (M.m.W.  1923,  Nr.  17)  hat  kürzlich  in  einer  lesenswertei 
Arbeit  vorgeschlagen,  den  Ausdruck  genuine  Hypertonie  durch  funkti>| 
nelle  bzw.  präsklerotische  Blutdrucksteigerung  zu  ersetzen.  Er  unter¬ 
scheidet,  ähnlich  wie  Huchard,  3  Perioden  der  Entwicklung  dei 


?.  August  192.?. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1023 


Arteriosklerose:  Erstens  ein  rein  funktionell-präskle- 
otisclies  Stadium,  bei  welchem  die  Hypertonie  auf  Angio- 
pasmen  beruht,  das  der  Rückbildung  fähig  ist  bei  geeigneter  Be- 
andlung  mit  diätetischen  und  physikalischen  Massnahmen;  zwei- 
ens  die  gemischt  funktionell-organische  Hyper- 
o  n  i  e,  bei  welcher  der  organisch  bedingte  Anteil  in  wechselndem 
erhältnis,  aber  ständig  wachsend,  von  dem  funktionellen  überlagert 
Grd,  und  schliesslich  das  Endstadium  der  reinen 
Arteriosklerose.  Jeder  Mensch  macht  mehr  oder  weniger 
ährend  der  Lebensdauer  diese  drei  Stadien  durch,  vorausgesetzt, 
ass  er  alt  genug  wird,  und  dass  nicht  durch  Erkrankung  des  Herzens 
ie  Möglichkeit  der  Entstehung  einer  stärkeren  Blutdrucksteigerung 
usgeschlossen  ist. 

Was  den  zeitlichen  Ablauf  dieser  3  Stadien  anlangt,  so  zeigt 
ich  auch  hier  die  Mannigfaltigkeit  der  Natur  von  Fall  zu  Fall.  Den 
ibiauf  zu  verlangsamen,  muss  Aufgabe  der  ärzt- 
i  c  h  e  n  Prophylaxe  sein.  Für  die  Diagnose  und  Prognose 
ei  dem  einzelnen  Individuum  ist  es  nun  aber  von  der  grössten 
Wichtigkeit,  unterscheiden  zu  können,  in  welchem 
’  t  a  d  i  u  m  der  Hypertonie  sich  der  Kranke  befindet, 
mell  die  Therapie  wird  je  nachdem  ganz  verschieden  sein  müssen, 
lach  dieser  Richtung  hin  möchte  ich  zu  der  Malten  sehen  Arbeit 
inige  Bemerkungen  machen. 

j  Malten  hat  schon  darauf  hingewiesen,  dass  die  funktionelle 
lypertonie  durch  physikalische  Heilmethoden  meist  zu  raschem 
ibfall  gebracht  werden  kann,  während  die  einmal  organisch  fixierte 
Slutdrucksteigerung  im  ganzen  nur  wenig  und  jedenfalls  nur  äusserst 
angsam  beeinflussbar  ist.  Das  deckt  sich  vollkommen  mit  meinen 
Erfahrungen,  die  ich  an  einem  grossen  Hypertonikermaterial  zu 
lachen  Gelegenheit  hatte. 

Neuerdings  hat  man  die  Blutdruckmessung  im  Schlaf  zur  Untcr- 
cheidung  herangezogen.  Katsch  und  Pansdorf  (M.m.W.,  1922) 
lauben,  dass  nur  bei  genuiner,  oder,  um  die  Malten  sehe  Nomen- 
latur  zu  verwenden,  bei  funktioneller  Hypertonie  im  Schlaf  der 
onus  zur  Norm  zurückgeht,  nicht  aber  bei  organisch  bedingter, 
ielleicht  wird  man  bei  weiterer  Verfolgung  dieser  Tatsache  zu 
xakterer  Differentialdiagnose  der  verschiedenen  Formen  von  Hyper- 
inie  kommen  können. 

Wie  soll  aber  der  Hausarzt  bei  seinen  Kranken  die  oft  so  wich- 
ge  Differentialdiagnose  stellen,  wenn  nicht  die  lange  Zeit  für  eine 
hysikalische  Behandlung,  nicht  der  noch  recht  komplizierte  Apparat 
ir  nächtliche  Blutdruckmessung  zur  Verfügung  steht? 

Ich  habe  schon  im  Jahre  1910  eine  Methode  der  Blutdruckmes- 
ung  angegeben,  die  eine  ziemlich  sichere  Unterscheidung  ermöglicht, 
»ieselbe  ist  dann  1913  von  einem  damaligen  Assistenzarzt,  Herrn 
•r.  D  e  u  s  s  i  n  g  (Med.  Klin.,  1913,  Nr.  34),  mit  Krankengeschichten 
elegt.  beschrieben  worden  und  wird  seitdem  an  vielen  Orten,  so 
eispielsweise  in  der  R  o  m  b  e  r  g  sehen  Klinik,  angewandt.  Sie 
ründet  sich  darauf,  dass  jede  funktionelle  Hypertonie 
m  Anfang  immer  nur  temporär  —  worauf  neuerdings  auch 
ahrenkamp  hingewiesen  hat  —  auftritt  und  dass,  wenn  man 
ie  Messung  morgens  früh  in  nüchternem  Zustand  des  Kranken  und 
ei  Rückenlage  desselben  vornimmt,  zu  einer  Zeit,  wo  der  Organis¬ 
mus  körperlich  und  psychisch  ausgeruht  und  nicht  belästigt  ist  durch 
törungen  von  seiten  der  Verdauungsorgane  oder  durch  Hochstand 
es  Zwerchfelles,  der  Blutdruck  am  niedrigsten  ist.  Man  b  e  - 
ommt  bis  zu  einem  gewissen  Grad  dann  ein  ähn- 
iches  Resultat  wie  bei  der  Messung  im  Schlaf, 
edenfalls  nähert  sich  der  nüchtern  so  gefundene  Blutdruck  arn 
hesten  dem  für  das  betreffende  Individuum  normalen  Tonus;  und 
ei  Menschen,  die  sich  im  ersten  M  a  1 1  e  n  sehen  Stadium  befinden, 
rhält  man,  auch  wenn  sie  unter  Tags  stärkere  Hypertonie  zeigen, 
i  der  Regel  normale  Werte. 

Ist  der  Tonus  auch  im  nüchternen  Zustand  gemessen  erhöht,  so 
önnen  wir  doch  aus  der  Differenz  zwischen  dem  Resultat  morgens 
nd  unter  Tag  „die  psychogene  (oder  konstitutionelle)  und  die  nicht- 
sychogene  organische  Quote  im  Ursachenkomplex  der  Hypertonie“ 
nterscheiden.  Es  handelt  sich  dann  jedenfalls  nicht  mehr  um  rein 
inktionelle  Hypertonie,  sondern  schon  um  einen  mehr  oder  weniger 
xierten  Zustand,  meistens  das  zweite  Malten  sehe  Stadium. 

.  Prognostisch  am  ungünstigsten  sind  nach  unserer  Erfahrung  die 
alle,  bei  denen  der  Tonus  nüchtern  gemessen  gleich  hoch  oder  sogar 
öher  ist  als  unter  Tag.  Hier  liegt  fast  regelmässig  eine  bedeutende 
lypertonie  mit  beträchtlicher  Arteriosklerose  bzw.  mit  Schrumpf- 
iere  vor. 

Welche  Höhe  des  Tonus  man  als  normal  ansehen  soll,  darüber 
ehen  natürlich  die  Ansichten  vielfach  auseinander.  Manche  Autoren, 
peziell  die  Franzosen,  lassen  einen  systolischen  Blutdruck,  der  in 
im  Hg  ausgedrückt  100  plus  die  Zahl  der  Lebensjahre  beträgt,  noch 
is<  normal  gelten.  Das  scheint  mir  im  allgemeinen,  wenn  man  die 
reite  Gummimanschette  nimmt,  etwas  hoch  zu  sein,  wenigstens  für 
ie  morgens  nach  dem  Aufwachen  gefundenen  Werte.  Fast  noch 
nichtiger  aber  ist  jedenfalls  die  Grösse  der  Amplitude.  Wie  sie  sich 
ei  der  Messung  morgens  nüchtern  bei  den  drei  verschiedenen  Ka- 
egorien  verhält,  darauf  soll  an  anderem  Ort  eingegangen  werden. 


Die  Schlängelung  der  Arterien. 

(Bemerkungen  zu  der  Arbeit  von  R.  Geigel  in  Nr.  18,  1923  d.  Wschr.) 
Von  Primararzt  Dr.  Alfons  Winkler,  Enzenbach,  Steiermark. 

R.  G  e  i  g  e  1  führt  die  Schlängelung  der  Arterien  im  höheren  Alter 
auf  die  Schubspannungen,  die  durcli  das  Fliessen  des  Blutes  in  den 
Randzonen  des  Gefässsystems  entstehen  und  die  Rohrwandung  dau¬ 
ernd  in  der  Richtung  des  Blutstromes  fortzunehmen  versuchen,  zu¬ 
rück.  Infolge  der  steten  Inanspruchnahme  müsse  schliesslich  bei  Min¬ 
derung  der  Elastizität  als  Gegenwirkung  eine  bleibende  Längsdehnung 
des  Rohres  erfolgen.  G  e  i  g  e  1  glaubt  vor  allem,  dass  eine  Streckung 
des  Gefässrohres  der  Länge  nach  keineswegs  durch  den  Druck  im 
Rohre  herbeigeführt  werde. 

Die  theoretischen  Erwägungen,  von  denen  0  e  i  g  e  1  ausgegangen 
ist  und  deren  er  sich  bedient,  um  die  Schlängelung  der  Arterien  zu 
erklären,  sind  an  sich  vollkommen  richtig.  Ich  glaube  aber,  dass 
das  Moment,  welches  ü  e  i  g  e  1  für  ausschlaggebend  hält,  nur  eines 
von  den  vielen  darstellen  dürfte.  Denn  für  die  Schlängelung  eines 
elastischen  Röhrensystems,  wie  es  das  arterielle  ist,  müssen  mehrere 
physikalische  Momente  in  Betracht  gezogen  werden. 

Zunächst  möchte  ich  darauf  hinweisen,  dass  sich  die  physikali¬ 
schen  Verhältnisse  bei  geradlinigen,  unverzweigten  und  gleichweiten 
Röhrensystemen  von  solchen  mit  zahlreichen  Gabelungen,  Teilungen, 
bogen-  oder  winkelförmigen  Knickungen  und  zunehmenden  Verenge¬ 
rungen  ganz  wesentlich  unterscheiden.  Weiters  muss  jeder  Punkt  des 
Röhrensystems  immer  im  Zusammenhang  mit  den  Druck-  und  Strö¬ 
mungsverhältnissen  und  Widerständen  des  ganzen  Systems  betrachtet 
werden.  Dementsprechend  müssen  wir  zwischen  geschlossenen  und 
offenen  elastischen  Röhrensystemen  unterscheiden.  Die  letzteren  glie¬ 
dern  sich  in  einfache  und  verzweigte;  bei  diesen  müssen  vor  allem  die 
W  iderstandsmomente  der  inneren  Reibung  besondere  Berücksichti¬ 
gung  finden. 

Schliesst  man  einen  ungefähr  2  m  langen  Schlauch  aus  gutem 
Paragummi  von  nicht  zu  grossem  Lumen  und  entsprechender  Wand¬ 
stärke  (ich  bediene  mich  bei  meinen  Versuchen  eines  solchen  von 
5,4  mm  lichter  Weite  und  1,3  mm  Wandstärke)  an  einen  Wasserlei¬ 
tungshahn  an,  erhält  ihn  durch  ein  passend  gewähltes  Gewicht  in 
leicht  gespannter,  gerader  Richtung  und  trägt  durch  mehrfaches 
queres  Unterlegen  von  kleinen  Röllchen  (geköpfte,  stärkere  Draht¬ 
stifte)  Sorge  für  eine  möglichst  reibungslose  Dehnungsmöglichkeit  der 
Länge  nach,  so  hat  man  ein  offenes,  gerades,  unverzweigtes  und 
gleichkalibriges  Röhrensystem  vor  sich.  Lässt  man  nun  unter  stei¬ 
gendem  Druck  Wasser  durch  den  Schlauch  fliessen,  so  kann  man  so¬ 
wohl  eine  quere  Erweiterung,  als  auch  eine  Längsdehnung  desselben 
beobachten.  Diese  Längsdehnung  wird  aber  stets  verhältnismässig 
recht  gering  bleiben,  mag  man  das  Wasser  auch  unter  recht  hohem 
Druck  und  mit  grosser  Geschwindigkeit  durchfliessen  lassen.  Dort, 
wo  der  Schlauch  an  dem  starren  Mundstück  des  Hahnes  ansetzt,  ist 
der  Druck  unzweifelhaft  am  grössten.  Der  Druck  in  diesem  Quer¬ 
schnitt  des  Schlauches  muss  sich  aber  nach  allen  Richtungen,  also 
nicht  nur  radial,  sondern  auch  axial  auswirken.  In  der  ersten 
Richtung  bedingt  er  die  Erweiterung  des  Rohres,  in  der  letztgenann¬ 
ten  versucht  er  aber,  die  Wassermassen  gegen  die  freie  Ausflussöff¬ 
nung  des  Schlauches  zu  schieben.  Da  die  Bedingungen  für  ein  Druck¬ 
gefälle  gegeben  sind,  so  wird  das  Wasser  mit  einer  gewissen  Ge¬ 
schwindigkeit  durch  den  Schlauch  fliessen  müssen.  Durch  das  Flies¬ 
sen  tritt  nun  das  Moment  der  inneren  Reibung  als  Widerstand,  als 
Gegendruck,  der  sich  dem  ursprünglichen  Drucke  entgegensetzt,  auf. 
Die  innere  Reibung  ist  in  einem  geraden  elastischen  Rohr  fast  aus¬ 
schliesslich  nur  durch  das  Entlangschieben  der  Wassermassen  an  den 
Schlauchwandungen  gegeben.  In  der  Flüssigkeit  müssen  sich  daher 
nahe  den  Wandungen  Schubspannungen  entwickeln.  Gewiss  wird 
die  Flüssigkeit  dadurch  bestrebt  sein,  die  Rohrwandungen  in  der 
Richtung  des  Druckabfalles  mit  sich  zu  nehmen.  Aber  der  wachsende 
Widerstand  bzw.  Gegendruck,  der  sich  durch  die  Schubspannung  —  je 
weiter  von  der  starr  fixierten  Einflussöffnung  entfernt,  um  so  ausge¬ 
prägter  —  ergibt,  setzt  sich  dem  Druck  der  in  den  Schlauch  eintreten¬ 
den  Wassermassen  entgegen.  In  seiner  Gesamtheit  kann  dieser  Gegen¬ 
druck  als  Punkt  betrachtet  werden,  gegen  welchen  sich  der  Druck 
auch  axial  richten  muss.  Das  heisst,  das  elastische  Rohr  muss  durch 
den  Widerstand  der  inneren  Reibung  infolge  des  Druckes,  unter  wel¬ 
chem  die  Flüssigkeit  in  dasselbe  eintritt,  gedehnt  werden.  Um  so 
mehr,  je  grösser,  um  so  weniger,  je  geringer  das  Moment  der  inneren 
Reibung  ist. 

Ausserordentlich  klar  zeigt  die  mikroskopische  Betrachtung  des 
Kapillarkreislaufes  die  Verhältnisse  der  inneren  Reibung.  Es  ist  ja 
bekannt,  wie  sich  der  Tlüssigkeitsstrom  der  Kapillaren  in  einen  Ach¬ 
senstrom  mit  grosser  Geschwindigkeit  und  in  einen  Randteil  mit 
wandwärts  immer  mehr  abfallender  Geschwindigkeit,  den  Poiseu- 
i  1 1  e  sehen  Raum,  teilt. 

Gabelt  man  nun  das  System  mehrfach  durch .  Einschaltung  von 
entsprechend  grossen  und  passenden  T- Stückchen,  so  bedeutet  dies 
die  Vergrösserung  der  inneren  Reibung,  also  des  Widerstandes,  des 
Gegendruckes,  gegen  welchen  die  Flüssigkeitsmassen  durch  das 
Röhrensystem  hindurchgetrieben  werden.  Alle  Sporne  der  Teilungs¬ 
stellen,  an  welchen  reichlich  Wirbelbildungen  in  der  Flüssigkeit  auf- 
treten  müssen,  können  dann  in  ihrer  Gesamtheit  als  Punkt  zusammen¬ 
gefasst  und  betrachtet  werden,  gegen  welchen  sich  der  Druck  im  An¬ 
fangsteil  des  Schlauches  auch  axial  richtet.  Das  heisst  mit  anderen 


11124 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  31. 


Worten  der  Druck  wird  sich  an  einem  bestimmten  Querschnitt  des 
Schlauches  nahe  dem  Wasserhahn  nicht  nur  in  radialer,  sondern  auch 
in  axialer  Richtung  auswirken  müssen  und  so  eine  Langsdehnung  be¬ 
dingen.  die  um  so  grösser  sein  muss,  je  grösser  die  innere  Reibung 
durch  Vermehrung  von  Gabelungen  gewählt  wird.  Der  Gegendruck 
der  inneren  Reibung  muss  weiterhin  um  so  grösser  werden,  je  mehr 
auch  gleichzeitig  mit  der  Gabelung  das  Strombett  durch  die  Verenge¬ 
rung  der  Röhren  der  E 1  ä  c  h  e  nach  ausgebreitet  wird.  Auch  dann, 
wenn  die  Summe  der  Querschnitte  dem  Querschnitt  des  Hauptrohres 
vor  den  Gabelungen  gleichbleibt  oder  sogar  noch  zunimmt.  Bei 
diesem  Versuch  zeigt  nun  der  Schlauch  eine  bedeutend  grossere 
Längsdehnung  als  früher. 

Je  grösser  nun  der  Widerstand  ist,  den  die  strömenden  Flussig- 
keitsmassen  überwinden  müssen,  um  so  mehr  wird  schliesslich  in  den 
Schlauchteilen  vor  den  Gabelungen  der  Druck  in  axialer  Richtung  zur 
Geltung  gelangen  müssen.  Am  einfachsten  kann  die  Vergrößerung 
eines  solchen  Widerstandes  durch  Abklemmen  des  Schlauches  bewirkt 
werden.  Je  mehr  man  die  Ausflussöffnung  des  Schlauches  durch  eine 
genau  verstellbare  Klemme  verringert,  um  so  grösser  wird  der  Gegen¬ 
druck  werden.  Gleichzeitig  setzt  man  dadurch  aber  auch  die  innere 
Reibung  herab,  die  durch  die  Schubspannungen  bedingt  wird.  Klemmt 
man  schliesslich  den  Schlauch  vollkommen  ab,  so  hat  man  ein  ge- 
geschlossenes  System  vor  sich,  in  dem  die  innere  Reibung  aufgehoben 
ist.  Der  Druck  muss  sich  nun  in  der  Flüssigkeit  ganz  gleichmassi., 
nach  allen  Richtungen  hin,  auf  jedem  Flächenelement  senkrech 
stehend,  auswirken.  Und  in  diesem  geschlossenen  System  tritt  Hand 
in  Hand  mit  der  Drucksteigerung  die  ausgesprochenste  axiale  Druck- 
äusserung,  die  stärkste  Längsdehnung  in  Erscheinung  Werden  Ein- 
und  Ausflussöffnung  des  Schlauches  starr  fixiert,  dann  wird  die 
Schlängelung  des  Schlauches  ganz  sinnfällig  wahrgenominen  werden 

k°niAus  diesen  einfachen  Schlauchversuchen  geht  vollkommen  klar 
hervor,  dass  in  einem  Gefässsystem,  wie  es  das  arterielle  darstellt, 
der  Druck  an  sich  in  jedem  Querschnitt  der  Arterie  sowohl  eine 
radiale,  wie  eine  longitudinale  Erweiterung  bzw.  Verlängerung  her¬ 
beiführen  muss.  Denn  der  Druck  muss  sich  in  diesem  System  überall 
hin  nicht  nur  auf  die  seitlichen  Gefässwände  und  Flachenelemente, 
sondern  auch  in  ganz  gleicher  Weise  auf  den  Einfluss-  und  Ausfluss- 
querschnitt  des  Röhrensystems  auswirken.  Je  grosser  das  Moment 
der  inneren  Reibung  durch  den  Widerstand  bzw.  Gegendruck  wieder¬ 
holter  Teilungen  und  Verengerungen  des  Lumens  wird  gegen  welches 
sich  der  Druck  richten  muss,  um  so  mehr  ergibt  sich  an  einem  be¬ 
liebigen  Querschnitt  des  Gefässsystems  pro  Flachenelement  eine  In¬ 
anspruchnahme  der  Wandung  auch  in  a  x  i  a  1  e  r  Richtung.  In  diesem 
Fall  ist  es  ganz  irrelevant,  ob  das  Rohr  in  seinem  Verlauf  beweglich 
und  verschieblich  gebettet  ist  oder  an  gewissen  Punkten  an  starre 
Unterlagen  fixiert  wird.  Denn  der  Längsdruck  muss  sich  eben  m 
jedem  Rohrabschnitt  geltend  machen  und  wird  sich  überall  da  aus¬ 
wirken,  d.  h.  die  Schlängelung  zeigen,  wo  das  Rohr  nicht  mit  einer 
starren  Unterlage  fix  verbunden  ist.  Das  lässt  sich  auch  am  Schlauch 

ohne  weiteres  zeigen.  . 

Die  innere  Reibung  ist  ausserdem  noch  abhängig  von  der  Weite 
des  Röhrensystems  bzw.  seiner  Aufspaltungen  und  der  Viskosität 
der  Flüssigkeit.  Der  longitudinale  Druck  pflanzt  sich  im  arteriellen 
Gefässsystem  nach  oben  bis  in  den  linken  Ventrikel  und  nach  unten 
über  die  Teilungsstellen  bis  in  die  Kapillaren  unter  vielfacher  lei- 
lung  erfolgt  dabei  eine  erhebliche  Verengerung  des  Lumens  —  und 
darüber  hinaus  in  das  Venensystem  bis  nahe  der  Einmündung  in  das 
rechte  Herz  fort. 

Ich  möchte  nun  dieses  Moment  der  Auswirkung  des  Druckes  in 
einer  Flüssigkeit  nach  allen  Seiten  und  seine  Richtung  gegen  den 
Gegendruck  der  inneren  Reibung,  der  insbesondere  durch  die  Auf¬ 
spaltung  und  damit  Hand  in  Hand  gehende  Verengerung  des  Gefass- 
Systems  gegeben  wird,  für  das  wesentlichste  Moment  und  die  aus- 
schlaggebende  Ursache  der  Schlängelung  von  Arterien  im  höheren 
Alter  halten.  Ich  glaube,  dass  diese  Annahme  durch  Beobachtungen 
am  Venensystem  gestützt  werden  kann.  Die  Venen  des  Handrückens 
beispielsweise  verlaufen  im  wenig  gefüllten  Zustand  während  der 
mittleren  Lebensjahre  in  der  Regel  noch  fast  ganz  gerade.  Staut  man 
sie  aber,  d.h.  füllt  man  sie  unter  Druckerhöhung  mit  Blut  —  wobei 
gleichzeitig  das  Fliessen  des  Blutes  in  denselben  wesentlich  ver¬ 
zögert  wird  — ,  dann  treten  sie  nicht  nur  erweitert,  sondern  auch  sehr 

stark  geschlängelt  hervor.  .  ...  , 

Da  das  arterielle  Gefässsystem  mit  einer  ganz  wesentlichen 
Uebersicherung  gebaut  ist,  so  kann  die  bleibende  Schlängelung  der 
Arterien  nur  bei  Kompensationsstörungen  der  arteriellen  Gefässwand 
dauernd  zur  Beobachtung  gelangen.  Solche  Dekompensationen  im 
Sinne  der  Verschlechterung  des  Materials  und  des  Verlustes  oder  der 
Minderung  seiner  Qualitäten  (Elastizität,  Dehnbarkeit  und  Kontraktili¬ 
tät)  machen  sich  ganz  vorwiegend  im  höheren  Alter  durch  Atrophie, 
fettige  Degeneration  oder  Fettinfiltration,  hyaline  Entartung  und  ähn¬ 
liche  Prozesse  der  glatten  Gefässwandmuskulatur  sowie  Auflockerung 
und  Schädigung  der  dichten,  festgefügten  elastischen  Elemente  durch 
die  verschiedensten  pathologischen  Einflüsse  geltend.  Die  Dekompen¬ 
sation  ist  somit  gleichbedeutend  mit  einem  physiologisch-physikali¬ 
schen  Schaden  der  Gefässwandungen. 

Ich  möchte  weiterhin  auf  eine  andere  physikalische  Ueberlegung 
hinweisen,  welche  mir  auch  bei  verhältnismässig  niederem  Blutdruck 
für  die  bleibende  Schlängelung  der  Arterien  von  Bedeutung  zu  sein 


scheint  Die  eben  erwähnten  pathologischen  Veränderungen  treten 
meist  zunächst  umschrieben,  in  Form  von  Plaques  auf  Sie  stellen 
einen  locus  minoris  restistentiae  dar,  an  welchem  sich  der  Blutdruck 
nicht  nur  in  radialer  Richtung  des  betreffenden  Querschnittes,  in 
welchem  der  Wandschaden  liegt,  sondern  auch  in  longitudinaler  Rich¬ 
tung  geltend  machen  und  zu  erkennen  geben  muss.  Ist  die  Musku¬ 
latur  allein  insuffizient  geworden,  dann  fällt  die  dem  Blutdrucke  ent¬ 
gegenstehende  Gcfässwandspaunung  am  \\  ändschaden  ausschliess¬ 
lich  nur  mehr  den  rein  elastischen  Momenten  zu.  Gegebenenfalls  kann 
dadurch  der  Druck  immerhin  noch  recht  weitgehend  kompensiert 
werden.  Erstreckt  sich  aber  die  Dekompensation  auch  noch  auf  die 
elastischen  Elemente,  dann  weist  das  Gefässrohr  eine  schwächere 
Stelle  auf,  an  welcher  es  infolge  der  Einschränkung  der  Elastizität 
bei  entsprechendem  Drucke  gedehnt  werden  muss,  und  zwar  solange, 
bis  die  Spannung  der  Gefässwand  dem  jeweils  an  diesem  Querschnitt 
herrschenden  Blutdrücke  gleich  ist.  Die  Dehnung  des  minder  wider- 
standsfähigen  Wandabschnittes  erstreckt  sich  aber  nicht  nur  auf  die 
Quer-,  sondern  auch  auf  die  Längsrichtung.  Hat  der  Wandschaden 
eine  solche  Ausdehnung,  dass  er  ein  grösseres  Gebiet  —  etwa  ein 
Drittel  und  mehr  des  Umfanges  sowohl  radial,  als  auch  longitudinal  — 
in  sich  schliesst,  dann  setzt  damit  ganz  automatisch  eine  Knickung 
des  Rohres  an  dieser  Stelle  ein,  falls  das  Gefäss  frei  beweglich  ge¬ 
bettet  ist.  Denn  in  diesem  Gebiete  besteht  die  Gefässwand  aus  einem 
suffizienten  und  einen  insuffizienten  Zylindermantelabschnitt.  \om 
Verhältnis  beider  zueinander  bzw.  des  jeweils  herrschenden  Blut¬ 
druckes  wird  es  abhängen,  ob  und  um  wieviel  das  Rohr  abgebogen, 
geknickt  werden  kann.  Dabei  liegt  der  Scheitel  des  Knickungsbogens 
an  der  schwächsten  Stelle  der  Gefässwand.  _  Ä 

Zum  Schluss  möchte  ich  noch  ein  Experiment  .anführen,  mit  wel¬ 
chem  ich  die  Schlängelung  auf  Grund  eines  lokalen  Wandschadens  an 
einem  Gummischlauch  zu  zeigen  versuchte. 

Ein  geeigneter,  gut  elastischer  Gummischlauch  wird  an  mehreren 
Stellen  vorsichtig  mit  einer  feinen  Feile  solange  bearbeitet,  bis  unge¬ 
fähr  hellerstückgrosse,  palpatorisch  gut  fühlbare,  schwache  Bezirke 
resultieren.  Der  Schlauch  wird  dann  an  einem  WasserleitungshaM 
befestigt  und  der  Widerstand  der  inneren  Reibung  durch  teilweises 
Abklemmen  der  Ausflussöffnung  nachgeahmt.  Bei  steigendem  Druck 
des  durch  den  Schlauch  fliessenden  Wassers  —  der  entweder  durcln 
den  Wasserleitungshahn,  oder  aber  durch  die  Schlauchklemme  an  den 
Ausflussöffnung  erhöht  werden  kann  —  schlängelt  sich  der  Schlauch 
in  ganz  ausgesprochener  und  gesetzmässiger  Weise,  und  zwar  um  so 
mehr,  je  höher  der  Druck  bzw.  je  gröber  der  betreffende  Wand¬ 
schaden  gewählt  wurde. 


Für  die  Praxis. 

Allgemeines  zur  Behandlung  von  Knochenbrüchen. 

Von  Erich  Lexer,  Freiburg  i.  Br. 

Ueberall  wo  die  durchschnittlichen  Erfolge  der  Knochenbrucki 
behandlung  erheblich  zu  wünschen  übrig  lassen  und  sogar  bei  einl 
fachen  und  typischen  Bruchformen,  deren  gute  Heilungsmöglichkei  ! 
auch  dem  Laien  bekannt  ist,  schlechte  Stellungen  und  Funktionsstöl 
rungen  hinterlassen,  findet  eine  Förderung  des  Kurpfuschertums  statt  ( 
das  sich  heute  mehr  als  je  in  Stadt  und  Land  auszubreiten  sucht,  wäli  j 
rend  anderseits  in  ärztlichen  Kreisen  das  Verlangen  nach  einer  weil 
teren  Spezialisierung  der  Chirurgie  gerechtfertigt  erscheint.  Abetj 
wir  brauchen  keine  Spezialisten  für  Knochen i 
briiehe  und  keine  eigenen  Krankenanstalten  dafür! 
wennnur  Arzt  und  Chirurgauf  demBoden  genügen! 
der  Kenntnisse  Zusammenarbeiten. 

Dem  praktischen  Arzt  fällt  an  erster  Stelle  die  vorläufig*! 
Versorgung  eines  frischen  Knochenbruches  zu.  Bei  dem  g  e . 
deckten  Bruch  hat  er  nach  alter  Regel  durch  sofortige  Feststei  i 
lung  dafür  zu  sorgen,  dass  die  Bruchenden  keine  weiteren  Verletzun; 
gen  hervorrufen.  Die  Reposition  dagegen  ist  der  endgültigen  Ver/ 
sorgung  zu  überlassen.  Um  Bewegungen  der  Bruchenden  nach  Mögl 
lichkeit  auszuschalten,  müssen  vom  feststellenden  Verbände  alle  Musj 
kein  des  Gliedes  umfasst  werden,  welche  auf  den  gebrochenen  Knoj 
chen  einwirken  können,  weshalb  er  stets  weit  über  die  nächsten  Ge! 
lenke  hinauszugehen  hat.  Wie  ein  Arzt  glauben  kann,  mit  den  kurze:  ; 
Brettchen  einer  Zigarrenkiste  einen  Oberschenkelbruch  beim  Er¬ 
wachsenen  feststellen  zu  können,  und  das  nicht  nur  zur  vorläufigen 
sondern  zur  endgültigen  Versorgung,  ist  wohl  jedem  ein  Rätsel,  un 
doch  habe  ich  schon  vor  Gericht  solche  Fälle  als  Sachverständige) 
kennen  gelernt.  Die  vorläufige  Feststellung  hat  noch  den  zweite 
wichtigen  Zweck,  den  Austritt  von  Blutmassen  ins  Gewebe  zu  be 
schränken;  denn  je  grösser  ein  Bluterguss  in  der  Umgebung  de 
Bruches  ist,  desto  schlechter  heilt  er  in  der  Regel,  und  desto  häufige 
gibt  es  Pseudarthosen.  Grosse  Blutergüsse  sperren  nicht  nur  di  ; 
Ernährung  ab,  welche  für  die  regenerativen  Kräfte  unerlässlich  is  - 
sondern  stellen  sich  auch  der  Ausbildung  der^  Bruchhyperämie  ent 
gegen,  von  deren  regelrechten  Ausbildung  die  Entwicklung  des  Kalk 
deutlich  abhängt.  Ausserdem  muss  die  nicht  zur  Resorption  kotf 
tnende  Blutmasse  stets  von  gefässführendem  Keimgewebe  durcl 
wachsen,  organisiert  werden.  Dieses  Keimgewebe  aber  hat  verschit 
dene  Herkunft  und  bildet  sich  nur  dann  in  Knochen  um,  wenn  es  vo 
Bestandteilen  des  Knochens,  namentlich  von  der  knochenbildende 


3.  August  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1025 


Schicht  des  Periostes  oder  vom  Mark  und  Endost  stammt  und  aus- 
ieht  und  deshalb  mit  Osteoplasten  ausgestattet  ist.  Daher  wird  ein 
;ubperiostaler  Bluterguss  knöchern  durchwachsen,  ein  ausserhalb  des 
’eriostes  liegender  aber  bindegewebig. 

Gewiss  kann  auch  das  parostale  Bindegewebe  verknöchern.  Aber 
uif  den  parostalen  Kallus  ist  kein  Verlass,  sonst  könnte  es  keine 
(al lusschwäche,  keine  Pseudarthrose  geben.  Die  parostale  Verknö- 
herung  bevorzugt  besondere  Muskeln  (z.  B.  M.  brachial,  int.),  wie  bei 
ier  Myositis  ossif.,  vielleicht  auch  Menschen  mit  besonderer  Veran- 
igung  des  Muskelbindegewebes.  Im  übrigen  ist  die  Frage,  unter 
velchen  Umständen  das  Bindegewebe  durch  Metaplasie  zur  Knochen- 
lildung  kommt,  noch  wenig  geklärt. 

Vor  allem  wird  durch  den  Bluterguss  die  Ernährung  der  Knochen- 
laut  noch  mehr  gefährdet,  als  sie  es  schon  durch  Zerreissung  zalil- 
eiclier  Gefässe  ist,  so  dass  die  Kallusentwicklung  zu  langsam  erfolgt, 
im  einen  raschen  Zusammenfluss  des  osteogenen  Keimgewebes  zu 
rmöglichen.  Vor  ihm  wächst  dann  das  bindegewebige  Keimgewebe 
er  Umgebung  zwischen  die  Bruchenden,  auch  wenn  sie  gut  anein- 
nderstehen,  es  vermauert  die  Markhöhle,  verwehrt  das  Zusammen- 
/achsen  des  Kallus  und  lässt  die  Pseudarthrose  entstehen. 

Aus  diesen  Gründen  ist  es  notwendig,  dass  sofort  nach  der 
erletzung  ein  mit  Watte  gut  gepolsterter  Druckverband  angc- 
;gt  wird,  über  dem  dann  die  Feststellung  mit  Hilfe  von  Schienen 
rfolgt. 

Vielfach  herrscht  die  Ansicht,  dass  ein  grosser  Bluterguss  eine 
räftige  Kallusbildung  verbürge.  Dies  ist  nicht  richtig.  Gewiss  wirkt 
r  auf  die  knochenbildenden  Kräfte  der  Bruchstellen  als  Reiz,  wie 
uch  die  Zerfallsstoffe  der  zertrümmerten  Gewebsmassen,  aber  der- 
clbe  Reiz  wirkt  auch  auf  das  aus  der  Umgebung  stammende,  rein 
indegewebige  Keimgewebe,  das  als  künftige  Narbe  der  Feind  der 
ruchheilung  ist. 

Die  Angst  vor  der  Gefahr  der  Nekrose  am  gebrochenen  Gliede 
urch  den  Druckverband  ist  übertrieben.  Finger  und  Zehen  liegen  in 
:dem  richtigen  Verbände  frei  und  verraten  in  den  ersten  Tagen  dem 
■rzt  jede  Behinderung  des  Kreislaufs  (Anämie,  Zyanose),  jeden  Ge¬ 
lds-  und  Beweglichkeitsausfall  zusammen  mit  wachsenden  Schiller¬ 
en  an  der  Bruchstelle.  Schlimme  Folgen  treten  nur  ein,  wenn  der 
rzt  leichtfertig  trotz  der  Erscheinungen  den  Verband  nicht  wecaselt. 
ewöhnlich  aber  lässt  man  den  Bluterguss  ungehindert  wachsen,  als 
i  er  niemals  wichtige  Gefässe  absperren  und  Nekrose  verschulden 
önnte;  ohne  Druckverband  wird  das  Glied  auf  eine  Schiene  gelagert, 
iagnose  und  Reposition  unterbleiben,  bis  der  Bluterguss  von  selbst 
ch  zurückbildet.  Oft  wird  er  noch  befördert  durch  feuchte  und 
arme  Umschläge,  die  man  sich  beeilt,  möglichst  gleich  nach  der 
erletzung  anzuwenden,  als  ob  das  frisch  verletzte  Gewebe  sehen 
istande  wäre,  die  Resorption  zu  besorgen.  Gelegentlich  findet  man 
ich  noch  die  Verwendung  der  Eisblase,  welche  die  Schmerzen  stillen 
>11,  die  aber  in  den  ersten  Tagen  durch  Gefässlähmung  nur  die  Ge- 
ebsblutung  vermehrt  und  nicht  selten  an  der  schlecht  ernährten  und 
am  Trauma  geschädigten  Hautbedeckung  Nekrose  verschuldet. 

Für  den  offenen  Knochenbruch  ist  die  vorläufige 
ersorgung  der  Wunde  die  Hauptsache.  Die  Jodtinkturdesin- 
ktion  der  Umgebung,  die  Bedeckung  mit  steriler  Gaze  genügen  da- 
r.  Eine  Reposition  der  vorstehenden  Knochenenden  ist  nicht  statt- 
ift,  sie  ist  Sache  der  endgültigen  operativen  Wundversorgung.  Nach 
:r  Wundversorgung  folgt  wie  beim  gedeckten  Bruch  der  Druckver- 
ind  mit  Feststellung -über  die  nächsten  Gelenke  hinaus. 

Die  endgültige  Versorgung  des  geschlossenen 
r  u  c  h  e  s  hat  so  rasch  wie  möglich  zu  erfolgen.  Sie  beginnt  mit  der 
unauen  Reposition  der  Bruchenden.  Dies  wird  am 
ufigsten  vergessen,  namentlich  wenn  Zugverbände  angelegt  wer- 
m.  Es  ist  experimentell  festgestellt,  dass  Muskulatur  oder  sonstige 
eichteile,  welche  zwischen  die  Bruchenden  gekommen  sind,  Ursache 
r  Pseudarthrose  werden,  weil  der  Kallus  nicht  durch  sie  hindurch- 
hen  kann,  solange  sie  sich  erhalten  oder  infolge  der  Schädigung  bei 
r  Verletzung  in  Narbengewebe  umwandeln.  Werden  aber  die  zwi- 
hengelagertcn  Weichteile  von  den  Fragmenten  zerrieben,  so  gibt 
eine  feste  knöcherne  Vereinigung.  Im  Tierversuch  ist  es  nicht  ge- 
ickt,  Pseudarthrosen  zu  erzeugen,  wenn  man  an  Frakturen  vom 
den  Tage  ab  täglich  die  weit  in  die  Weichteile  verschobenen  Frag-, 
r.tc  bewegte,  weil  hierdurch  das  zwischengelagerte  Gewebe  zer- 
ben  wurde  und  die  Kallusmassen  sich  finden  konnten. 

Die  Forderung  der  genauen  und  baldigen  Reposition  ist  daher 
ht  nur  für  die  Erzielung  einer  guten  Stellung  nötig,  wozu  ja  auch 
r  verletzte  Laie  die  Einrichtung  verlangt,  sondern  um  auch  das 
ischengelagerte  Gewebe  völlig  zu  zerstören,  bis  die  Bruchenden 
:h  innig  berühren,  was  sich  durch  Krepitation  kundgibt.  Dass  man 
i  Brüchen  in  der  Nähe  von  Nerven  (N.  radialis,  peronaeus,  tibialis) 
er  gar  bei  Frakturschädigungen  an  ihnen  besonders  vorsichtig  sein 
iss,  ist  selbstverständlich.  Wir  sind  heute  viel  besser  daran  als  die 
:en  Aerzte,  die  nur  nach  ihrem  Augenmass  und  Formgefühl  einen 
lochenbruch  einzurichten  vermochten,  denn  wir  erkennen  am  Rönt- 
nschirm  während  der  Einrichtung  die  Einstellung  der  Bruchenden 
s  auf  feinere  Einzelheiten  ihrer  Verzahnung,  und  doch  waren  die 
iheien  Generationen,  wie  auch  heute  noch  manche  Kurpfuscher, 
el  genauer  und  glücklicher  bei  der  Vornahme  der  Reposition.  Ich 
iube.  man  hat  sich  allmählich  zu  sehr  darauf  verlassen,  dass  der 
igverband  allein  die  Richtigstellung  zuwege  bringt.  Das  tut  er  nur 
ten.  Es  ist  daher  eine  gerechte  Forderung  für  die  heutige  Zeit,  dass 


jeder  frische  Knochenbruch  am  Röntgenschirm 
einzurichten  oder,  wenn  das  nicht  möglich  ist,  wenigstens  am 
Tage  darauf  mit  einer  Röntgenaufnahme  im  feststcllenden  Verbände 
zu  kontrollieren  ist.  Jeder  Verletzte  hat  heute  Anspruch  darauf,  dass 
ihm  die  Erfindung  Röntgens  zugute  kommt.  Sehr  häufig  aber 
wird  umgekehrt  verfahren.  Nach  ungenügender  Reposition  wird  eine 
Aufnahme  erst  dann  gemacht,  wenn  Fehler  der  Stellung  allzu  deutlich 
hervortreten  oder  der  Bruch  nicht  fest  wird.  Die  Unterlassung  der 
guten  Reposition  lässt  sich  aber  nur  selten  damit  entschuldigen,  dass 
dazu  Narkose  nötig  ist;  denn  oft  kommt  man  mit  Morphium,  oft  mit 
einem  leichten  Aether-  oder  Chloräthylrausch  aus. 

Hat  man  am  Röntgenschirm  die  Fragmente  genau  verzahnt  und 
erkannt,  in  welcher  Stellung  des  Gliedes  dies  der  Fall  ist  und  welche 
Zugkräfte  dazu  nötig  sind,  so  folgt  auf  Grund  dieser  Erkenntnis  die 
Retention,  d.  h.  der  Verband  zur  Erhaltung  der  Stellung  der  ver¬ 
zahnten  Fragmente.  Aber  nicht  nur  hierauf  muss  ein  richtiger  Ver¬ 
band  Rücksicht  nehmen,  sondern  er  muss  auch  der  Möglichkeit  Rech¬ 
nung  tragen,  dass  Verschiebungen  durch  Muskelzug  eintreten  können. 
Am  wenigsten  ist  dies  der  Fall,  wenn  die  Gliedabschnitte  in  die  soge¬ 
nannte  Ruhestellung  der  benachbarten  Gelenke,  meist  in  halbe  Beuge¬ 
stellung  gebracht  werden,  wodurch  ein  Gleichgewichtszustand  zwi¬ 
schen  dem  Tonus  der  Antagonisten  (Zuppinger)  erzielt  wird. 

Zu  diesem  Zweck  müssen  die  Verbände  mit  Ueberlegung  und  sehr 
genau  angelegt  werden,  wobei  die  Erfahrung  für  die  typischen 
Brüche  besondere  Stellungen  vorschreibt.  Mit  Recht  ist  der  a Il¬ 
se  i  t  i  g  e  Gipsverband  fast  völlig  verlassen,  denn  er  hindert  die 
Ernährung  der  Muskulatur  und  bewirkt  durch  die  absolute  Ruhig¬ 
stellung  ihre  Atrophie  und  Versteifungen  der  Gelenke.  Ganz  zu  ver¬ 
werfen  ist  er  für  Unterarm-  und  Ellbogengelenkbrüche,  namentlich 
bei  Kindern.  Hier  droht  nicht  nur  der  Brückenkallus,  die  knöcherne 
Verbindung  mit  dem  Nachbarknochen,  sondern  auch  die  folgenschwere 
ischämische  Muskelentzündung.  Man  verbindet  die  Feststellung  am 
besten  mit  dem  Zugverband  in  irgendeiner  Form  und  nimmt  sie 
mit  Papp-  oder  Drahtschienen  vor,  die  besser  mit  Stärkebinden  als 
mit  Gips  festgehalten  werden,  wobei  der  Erfindungsgabe  ein  grosser 
Spielraum  gelassen  wird. 

Es  ist  gar  nicht  nötig,  dass  der  frische  Knochenbruch  in  den 
ersten  Wochen  peinlich  genau  ruhiggestellt  wird.  Es  genügt,  dass 
er  Dislokationen  verhütet,  ja  für  die  typischen  Radius-  und  Knöc'nel- 
brüche  habe  ich  seit  vielen  Jahren  Verbände  nach  dem  Grundsatz 
der  beschränkten  Feststellung  im  Gebrauch.  Sie  heilen  damit  viel 
rascher  als  im  Verband,  der  jede  geringste  Bewegung  ausschliesst. 
Druck,  Zug  und  Reibung  geringen  Grades  an  der  Frakturstelle,  her¬ 
vorgerufen  durch  Zuckungen  der  Muskulatur,  die  nach  den  Unter¬ 
suchungen  von  E.  R  e  h  n  nach  vorübergehender  Erlahmung  von  der 
2.  Woche  ab  in  einem  erhöhten  Erregungszustand  sich  befinden,  bil¬ 
den  sicherlich,  ebenso  wie  Massage  und  Gelenkbewegungen  für  den 
Kreislauf  und  die  Aufsaugung  der  Blut-  und  Zerfallmassen  förderlich 
sind,  eine  Anregung  für  die  Regeneration  an  der  Bruchstelle  selbst. 
Dies  kann  nur  nützlich  sein,  denn  hier  sind  die  Osteoplasten  des  Pe¬ 
riostes,  Markes  und  Endostes  zugrunde  gegangen.  Auch  die  Knochen¬ 
substanz  und  das  Mark  verfallen  an  den  Stumpfenden  der  Nekrose. 
Ueberall  müssen  hier  die  knochenbildenden  Zellen  von  den  erhaltenen 
Teilen  der  Nachbarschaft  durch  Wucherung  ersetzt  werden,  bevor 
sie  dem  unmittelbar  an  der  Bruchstelle  entstehenden  Keimgewebe  den 
Charkter  des  knochenbildenden  verleihen  können. 

Die  Entdeckung,  dass  in  jedem  gebrochenen  Knochen  innerhalb 
der  verschiedenen  Gefässbezirke  eine  starke  und  weitgehende  arte¬ 
rielle  Hyperämie  einsetzt,  die  ihren  Höhepunkt  etwa  in  der  5.  Woche 
erreicht  und  ursächlich  wie  zeitlich  und  nach  ihrem  Grade  mit  der 
Entwicklung  des  Kallus  zusammenhängt,  um  sich  erst  mit  seiner  Kon¬ 
solidierung  zurückzubilden,  lässt  den  Schluss  zu,  dass  auch  nach  dem 
Abklingen  des  gewaltigen  traumatischen  Reizes  noch  andere  Reize, 
wie  die  Zerfallstoffe  der  zugrunde  gehenden  Blut-  und  Gewebsmassen 
mitwirken  und  dass  geringe  traumatische  Reize  während  dieser  Vor¬ 
gänge  nicht  schädlich,  sondern  förderlich  sind. 

Im  allgemeinen  wird  bei  schwereren  Bruchformen  an  den  Beinen 
die  Bettruhe  bevorzugt;  will  man  Gehverbände  machen,  so  soll 
man  es  erstens  nicht  früher  tun,  als  bis  nach  der  2.  Woche  die  Kno¬ 
chenbruchhyperämie  mit  der  Bildung  des  Kalluskeimgewebes  kräftig 
im  Gange  ist,  und  soll  sie  zweitens  sehr  genau  anlegen,  damit  nicht 
durch  Verschiebungen  die  neugebildeten  Gefässe  an  der  Bruchstelle 
zerreissen  und  Blutungen  das  osteogene  Keimgewebe  schädigen.  Aus 
demselben  Grunde  werden  die  aktiven  und  passiven  Gelenkübungen 
an  Gliedern,  die  im  Zugverbande  liegen,  nicht  sofort,  sondern  erst 
nach  Ablauf  der  zweiten  Woche  begonnen.  Bei  Verdacht  auf  Throm¬ 
bose  und  bei  grossen  Blutergüssen,  die  stets  mit  Thrombosierung 
einhergehen,  verbietet  die  Gefahr  der  Embolie  sowohl  den  Gehver¬ 
band  wie  Massage  und  Bewegungen. 

Der  Zeitpunkt,  wann  die  feststellenden  Verbände  fortgclassen 
werden  können,  ist  nach  alter  Regel  dann  erreicht,  wenn  die  Bruch¬ 
enden  miteinander  höchstens  noch  leicht  federnd  verbunden  sind. 
Heute  wird  man  im  Röntgenbild  sich  überzeugen,  ob  der  Kallus  eine 
zunehmende  Kalkablagerung  aufweist. 

Besondere  Sorgfalt  erheischen  die  Brüche  mit  Kallusschwä- 
c  h  e,  bei  welchen  die  Kalkablagerung  und  Konsolidation  mangelhaft 
bleiben.  Es  ist  sicher,  dass  hier  Ernährungsschwäche  an  der  Bruch¬ 
stelle  die  Schuld  trägt.  Sie  kann  allgemeine  Gründe  haben,  ich  nenne 
nur  Marasmus  und  Atherosklerose,  aber  auch  durch  weitgehende 


1026 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  31 


Zerstörung  des  Markes  und  seines  Qefässsystems  und  der  von  den 
Weichteilen  in  der  Periost  eindringenden  Gefässe  an  dem  einen  oder 
an  beiden  Stümpfen  bedingt  sein.  Der  mangelhaft  sich  entwickelnden 
Hyperämie  folgt  Kallusschwäche,  und  nach  ihrer  Zurückbildung  fehlt 
die  nötige  kräftige  Ernährungszufuhr  zur  Vollendung  des  Kallus.  Hier 
sind  Reizmittel  am  Platze,  worunter  die  Massage  und  das  Be¬ 
klopfen  der  Bruchstelle  einen  grösseren  Wert  haben  als 
Einspritzungen  von  Blut  oder  chemischen  Stoffen.  Denn  diese 
erzeugen  viel  eher  bindegewebige  Schwielen  als  knöchernen  Kallus; 
nur  die  von  Eden  nach  Erforschung  der  chemischen  Vorgänge  im 
Kallus  versuchten  Einspritzungen  von  Kalziumglyzerinphosphat  be¬ 
fördern  tatsächlich  die  Verknöcherung.  Den  stärksten  Reiz  bildet 
eine  neue  Fraktur,  wie  man  sie  bei  schlechter  Stellung  vornehmen 
muss;  ihr  folgt  mit  der  neu  und  wohl  kräftiger  einsetzenden  Bruch¬ 
hyperämie  in  der  Regel  auch  rasch  verknöchernder  Kallus. 

Dagegen  ist  nach  neueren  Untersuchungen  die  alte  Ansicht  zu 
bekämpfen,  dass  man  Brüche  mit  weichbleibendem  Kallus  funktionell 
durch  Gebrauch  des  Gliedes  mit  oder  ohne  Verbände  in  Anspruch 
nehmen  soll;  denn  weicher  Kallus  erfährt  häufig,  namentlich  durch 
ständige  geringe  Knickung  oder  Rotation,  an  der  Stelle  der  grössten 
mechanischen  Inanspruchnahme  feine  Zerreissungen,  und  dadurch, 
dass  in  den  entstandenen  Spalt  das  Bindegewebe  der  Umgebung  cin- 
wächst,  können  Pseudarthrosen  entstehen. 

Ich  verlange  daher  bei  Brüchen  mit  Kallusschwäche 
absolute  Ruhigstellung.  Durch  sie  ist  es  nicht  nur  möglich, 
allmählich  eine  völlige  Konsolidierung  des  weichen  Kallus  zu  er¬ 
zielen,  sondern  sogar  atrophische  Knochentransplantate,  die  einen 
Knochendefekt  überbrücken,  zum  festen  lebenden  Umbau  zu  bringen. 
Wird  der  Verband  zum  Abnehmen  eingerichtet,  so  kann  man  noch 
durch  Massage  einwirken,  wobei  das  Glied  in  der  einen  Schale  des 
Verbandes  zur  Ruhigstellung  der  Bruchstelle  liegen  bleibt. 

Während  früher  für  den  frischen  Knochenbruch  die  genaue  Ruhig¬ 
stellung,  für  die  verzögerte  Kallusfestigung  die  funktionelle  Bean¬ 
spruchung  gefordert  wurde,  ist  nach  Erweiterung  unserer  Kenntnisse, 
die  zur  Heilung  des  Bruches  und  zur  Pseudarthrose  führen,  gerade 
das  umgekehrte  Verfahren  am  Platze. 

Die  endgültige  Wundversorgung  eines  offenen 
Knochenbruches  beginnt  natürlich  mit  der  Wunde.  Vorstehende 
Knochenenden  sind  zu  entfernen,  ebenso  gequetschte  Hautränder, 
Muskel-  und  Faszienfetzen.  Ist  die  Wunde  stark  verunreinigt,  so 
wird  Wasserstoffsuperoxyd  aufgeträufelt,  wodurch  lockersitzende 
Schmutzteilchen  entfernt  werden.  Das  Abtasten  der  Wunde,  das 
Sondieren,  das  Ausspritzen  mit  chemischen  Mitteln  ist  untersagt; 
man  verbreitet  damit  mechanisch  die  Infektion  der  Wundoberfläche 
in  die  Tiefe.  Grosse  Verletzungswunden  müssen  zur  kapillären  Drai¬ 
nage  für  ein  bis  höchstens  zwei  Tage  locker  mit  Gaze,  darauf  mit 
Drainröhren  versehen  werden,  kleine  Wunden  bei  Durchstichsfrak¬ 
turen  werden  durch  frisch  bereitete  Jodoformgaze,  die  nur  aufgelegt 
wird  und  sich  an  der  Wundoberfläche  festsaugt,  wie  v.  Bergmann 
sagte,  in  subkutane  verwandelt.  Die  primäre  Naht  der  gewöhnlichen 
Frakturwunden  ist  ein  schwerer  Fehler,  der  sich  durch  Phlegmonen 
oder  Tetanus  rächen  kann.  Nur  die  scharfe  Wunde,  wie  nach  einem 
Beil-,  Säbel-  oder  Sensenhieb,  erlaubt  eine  weitangelegte  Naht  über 
der  Frakturstelle. 

Der  Wundversorgung  folgt  die  Einrichtung  des  Bruches,  doch  ist 
dabei  zu  berücksichtigen,  dass  zu  starke  Bewegungen  an  den  Frag¬ 
menten  die  Wundverhältnisse  verschlechtern  können.  Glückt  es  nicht 
leicht,  die  Bruchenden  durch  Zug  und  Stellungskorrektur  aneinander 
zu  bringen,  so  ist  es  bei  nicht  mehr  frischen  Brüchen  und  bei  Entzün¬ 
dungserscheinungen  richtiger,  zu  warten,  bis  die  Wunde  gut  granu¬ 
liert  und  die  Zeit  der  drohenden  Phlegmone  Überstunden  ist.  Dass  bei 
offenen  Brüchen  häufiger  mit  Kallusschwäche  zu  kämpfen  ist,  hat 
seinen  Grund  nicht  darin,  dass  der  Bluterguss  sich  entleeren  kann, 
wie  viele  glauben,  sondern  darin,  dass  grössere  Schädigungen  der 
umgebenden  Weichteile  vorliegen  und  meist  die  von  ihnen  zum 
Periost  ziehenden  Gefässe  weitgehend  zerrissen  sind.  Dies  ist  nament¬ 
lich  der  Fall,  wenn  der  Knochenbruch  durch  Ueberfahren  oder  durch 
den  Transmissionsriemen  einer  Maschine  zustande  kam,  und  nach 
solchen  Verletzungen  auch  beim  geschlossenen  Bruch. 

Innerhalb  der  Verletzungswunde  einen  Knochenbruch  operativ 
zu  vereinigen,  ist  wegen  der  Verbreitung  der  Infektion  als  grosser 
Fehler  anzusehen;  nur  die  Verzahnung  der  Enden  lässt  sich  ohne  Ge¬ 
fahr  vornehmen,  wenn  sie  eine  grössere  Freilegung  nicht  benötigt. 

Es  ist  noch  die  Frage  wichtig,  wann  Knochenbrüche 
operativ  vereinigt  werden  sollen.  Selbstverständlich  ist  die 
Operation  für  alle  in  schlechter  Stellung  geheilten  Brüche  vorzuneh¬ 
men.  Aber  diese  Indikation  sollte  allmählich  vollständig  fortfallen 
oder  wenigstens  auf  nichtärztlich  behandelte  Brüche  beschränkt  sein, 
denn  sie  würde  ein  Armutszeugnis  für  die  Aerzte  darstellen.  Es  gibt 
bestimmte  Bruchformen,  die  wir  stets  operieren.  Das  ist  der  Bruch 
der  Kniescheibe,  das  sind  die  Abrissfrakturen  von  Trochanter,  Olekra¬ 
non,  Kalkaneus,  also  Brüche,  bei  denen  der  Muskelzug  eine  Diastase 
macht.  Es  gibt  auch  Brüche,  welche  der  Reposition  Schwierigkeiten 
bieten,  namentlich  durch  Verzahnung  ihrer  Enden,  mehrfache  Brüche 
an  den  Knochen  und  alle  diejenigen  Frakturen,  bei  welchen  es  sich 
nach  den  zwei  ersten  Wochen  zeigt,  dass  die  Zugverbandbehandlung 
gegenüber  den  die  Bruchenden  verschiebenden  Muskeln  versagt,  so 
z.  B.  bei  sehr  kräftigen  Männern  am  Oberschenkel,  bei  denen  aus 
irgendeinem  Grunde  das  häufig  noch  zum  Ziel  führende  Stein- 


mannsche  Verfahren  der  Nagelextension,  besonders  mit  der  sehi 
einfachen  Schmerz  sehen  Klammer,  nicht  durchzuführen  ist.  Di» 
Bestimmung  der  besten  Zeit  für  die  Vornahme  der  blutigen  Ein 
richtung  und  der  Vereinigung  richtet  sich  nach  den  Vorgängen  an 
Knochenbruch.  Bei  stark  entwickelter  Bruchhyperämie  in  der  4.  bi: 
5.  Woche  sind  die  knochenbildenden  Kräfte  in  regster  Tätigkeit  um 
sind  die  Gewebsnekrosen  überwunden.  Dies  halte  ich  für  die  besti 
Zeit ;  als  frühester  Zeitpunkt  ist  die  2.  Woche  anzusehen 
Vorher  zu  operieren,  würde  die  Entwicklung  der  Bruchhyperämit 
aufhalten  und  schädigen.  Tatsächlich  sieht  man  bei  den  in  der  erstei 
Woche  operierten  Brüchen  sehr  häufig  Kallusschwäche  und  soga 
Pseudarthrosen.  Gleich  nach  der  Verletzung  ist  die  Operation  eil 
Kunstfehler,  auch  bei  gedeckten  Knochenbrüchen,  denn  sie  geschieh 
in  einem  vom  Trauma  geschädigten  Gewebsgebiet  und  stört  die  nor 
malen,  zur  Regeneration  einsetzenden  Vorgänge,  ganz  abgesehen  voi 
der  grossen  Empfänglichkeit  des  blutdurchsetzten,  zum  Teil  nekro 
tischen  und  schlecht  ernährten  Gewebes  für  Infektionen  aller  Art. 


Bücheranzeigen  und  Referate. 

Untersuchungen  über  den  Kunstgesang.  I.  Atem-  und  Kehlkopf 
bewegungen  von  Dr.  Max  Nadoleczny,  Privatdozent  an  de 
Universität  München.  Berlin,  Julius  Springer,  1923. 

Mit  seinen  Untersuchungen  über  den  Kunstgesang,  von  welche! 
der  I.  Teil:  Atem-  und  Kehlkopfbewegungen  erschienen  ist,  ha 
Nadoleczny  ein  wahrhaft  grundlegendes  Werk  geschaffen.  Auf 
gebaut  auf  ein  grosses  eigenes  Untersuchungsmaterial  von  136  Sia 
gern  bezw.  Sängerinnen,  gestützt  auf  exakte  Methoden  der  experi 
mentellen  Phonetik  und  in  enger  Fühlungnahme  mit  den  Methode; 
und  Ergebnissen  der  experimentellen  Psychologie  und  mit  kritischer 
Geiste  gesichtet,  behandelt  diese  Arbeit  —  weit  über  das  gesteckt 
Ziel  der  Erforschung  der  Atem-  und  Kehlkopfbewegungen  beir 
Singen  hinaus  —  die  wichtigsten  Fragen  des  Kunstgesangs  um 
schafft  eine  wirklich  brauchbare  Grundlage  zur  Erkennung  de 
physiologisch  Normalen  einerseits  und  des  phonetisch  Fehlerhafte 
und  damit  der  Ursachen  der  Phonasthenie  andererseits. 

Im  I.  und  II.  Abschnitt  bespricht  N.  die  Untersuchungsapparat 
und  die  Untersuchungsmethodik,  wobei  er  aus  reicher  Erfahrung  be 
sonders  auch  die  den  Apparaten  und  der  Versuchsanordnung  ar 
haftenden  Fehlerquellen  eingehend  bespricht  und  u.  a.  auch  di 
Eigenschwingungen  und  das  Trägheitsmoment  des  Laryngographe 
und  Atemyolumschreibers  berücksichtigt. 

Der  III.  Abschnitt  ist  den  Versuchspersonen,  ihrem  Vorstellungs 
typus  und  ihren  Singstimmen  gewidmet.  Nach  allgemeiner  Charak 
terisierung  der  Versuchsperson,  wobei  hinsichtlich  der  gesangliche 
Leistung  nicht  das  ästhetisch  Vollkommene  allein  als  normal  au) 
zufassen  ist,  geht  Verf.  auf  den  organischen  Befund  der  oberen  Lufi 
wege  ein,  wobei  der  Prozentsatz  der  von  der  Norm  abweichende 
Befunde  bei  den  verschiedenen  Stimmgattungen  ziemlich  gleic 
gross  ist  und  als  nicht  störender  Zufallsbefund  eine  warzen ähnlich 
Verdickung  im  vorderen  Drittel  einer  Stimmlippe  bei  einer  hoc! 
dramatischen  Sopransängerin  und  eine  rechtsseitige  Rekurrem 
lähmung  bei  einem  Bariton  beiläufig  erwähnt  wird.  Besonders  eir 
gehend  wird  der  Vorstellungstyp  besprochen,  zu  dessen  Feststellun 
ein  Teil  der  Fragen  aus  Baerwalds  Umfrage  benutzt  wurdei 
Aus  den  Ergebnissen  sei  hervorgehoben,  dass  beim  Sänger  unt< 
dem  Einfluss  der  musikalischen  Schulung  und  Betätigung  ein  Voi 
stellungstyp  sich  entwickelt,  bei  dem  die  motorische  Komponenf 
eine  sehr  grosse  Rolle  neben  der  akustischen  spielt.  Das  drücl 
sich  aus  in  dem  häufigen  Vorkommen:  des  inneren  Singens  bl 
66  Proz.  der  Fälle,  der  musikalischen  Mitbewegungen  bei  86  Proj 
und  der  Erinnerungsverklärung  bei  42  Proz.  der  Fälle.  Die  Häufbj 
keit  begleitenden  oder  alleinigen  inneren  Hörens  erreichte  80  Prozi 
wogegen  visuelle  Vorstellungen  (20  Proz.)  zurücktreten  und  ilitj 
Bedeutung  für  einen  Teil  der  Sänger  in  Form  der  Notenbilder  bei« 
Rollenstudium  haben.  Auf  Grund  reicher  Literaturkenntnis  unj 
eigener  Beobachtungen  entwirft  N.  ein  anschauliches  Bild  unsere! 
Wissens  über  die  physiologischen  und  künstlerischen  Grenzen  difl 
menschlichen  Stimme,  deren  Umfang  unter  Einrechnung  abnorj 
hoher  und  tiefer  Töne  eine  Strecke  von  6Va  Oktaven  umfasst,  urj 
beleuchtet  unter  historischen  Gesichtspunkten  die  schwierigen  Pr<| 
blemc  der  Registerfrage,  die  er  durch  scharfe  Trennung  der  akustisclij 
analytischen  und  mechanisch-synthetischen  Betrachtungsweise  eiml 
weiteren  Klärung  entgegenführt.  Er  gelangt  schliesslich  zu  ein« 
Definition,  welche  sich  an  die  klassische  Definition  Manuel  Garcial 
anlehnt  und  diese  weiter  ausbaut:  „Unter  Register  verstehen  wj 
eine  Reihe  von  aufeinanderfolgenden  gleichartigen  Stimmklänge  i 
die  das  musikalisch  geübte  Ohr  von  einer  anderen  sich  daran  ai| 
schliessenden  Reihe  ebenfalls  unter  sich  gleichartiger  Klänge  an  b  i 
stimmten  Stellen  abgrenzen  kann.  Ihr  gleichartiger  Klang  ist  dur<| 
ein  bestimmtes  konstantes  Verhalten  der  Obertöne  bedingt.  Diesil 
Tonreihen  entsprechen  an  Kopf,  Hals  und  Brust  bestimmte,  Objekt  I 
und  subjektiv  wahrnehmbare  Vibrationsbezirke.  Die  Stellung  |d<j 
Kehlkopfs  ändert  sich  beim  Uebergang  einer  solchen  Tonreihe  r  i 
andern  beim  Natursänger  stärker  als  beim  Kunstsänger.  Die  RI 
gistcr  sind  hervorgerufen  durch  einen  bestimmten,  ihnen  zugehörig^ 
Mechanismus  der  Tonerzeugung  (Stimmlippenschwingung,  Stimi 
ritzenform,  Luftverbrauch),  der  jedoch  einen  allmählichen  Uebergai 


August  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIET. 


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in  einem  ins  angrenzende  Register  zulässt.  Eine  Anzahl  dieser 
länge  kann  jeweils  in  zwei  angrenzenden  Registern,  aber  nicht 
imer  in  gleicher  Stärke  hervorgebracht  werden.  Zum  Sprechen 
der  Umgangssprache  können  alle  3  Register  dienen,  jedoch  darf 
an  die  Verwendung  der  Bruststimme  und  etwa  noch  der  Mittei¬ 
mme  dabei  als  normal  ansehen.“ 

Mit  dem  4.  Abschnitt  über  „das  innere  Singen“  geht  der  Verffl  auf 
s  Hauptgebiet  seiner  experimentalphonetischen  Untersuchungen 
er  und  führt  den  Leser  zunächst  in  die  Probleme  dieses  schwicri- 
n  Gebietes  ein,  indem  er  u.  a.  die  von  psychologischer  Seite  schon 
igehend  studierten  Beziehungen  von  Atmung  und  Puls  zu  seelischen 
Standsveränderungen  auf  Sinnesreize  insbesondere  akustischer 
t.  bei  intellektueller  und  sinnlicher  Aufmerksamkeit  etc.  skizziert, 
ährend  hierüber  schon  eine  reiche  Literatur  namentlich  von  seiten 
r  W  u  n  d  t  sehen  Schule  besteht,  sind  die  Kehlkopfbewegungen 
ter  gleichen  Bedingungen  bis  jetzt  noch  nicht  experimentell  unter- 
cht  worden.  Nur  subjektive  Beobachtungen  liegen  von 
■.  ricker,  Stumpf,  Baerwald,  Burkofzer  u.  a.  vor. 
adoleczny  hat  nun  an  seinen  VP.  den  Einfluss  des  Anhörens 
>n  Tönen  (Stimmgabel  A,  a,  al  bzw.  a,  a1,  a2),  die  im  Bereiche  der 
agstimmc  der  VP.  lagen,  auf  Atembewegungen  mittels  der  Gutz- 
ann  sehen  Gürtelpneumographen  und  Kehlkopfbewegungen  mit 
m  Zwaardemaker  sehen  La.ryngographen  festgestellt  und 
terscheidet  3  Gruppen,  von  welchen  die  erste  keinen  Einfluss,  die 
/eite  nur  Aeusserungen  von  Aufmerksamkeit  und  Lustgefühlen 
igte,  bei  der  dritten  inneres  Mitsingen  mehr  oder  weniger  deut- 
h  in  den  Atemkurven  zum  Ausdruck  kam  in  Dauer,  Höhe,  mittlerer 
pschwindigkeit,  respiratorischem  Quotienten  und  Verhältnis  von 
ust-  zur  Bauchatmung.  Dieser  Gruppe  gehörten  überwiegend  die 
itorischen  Sinnestypen  an.  Weniger  häufig,  und  nicht  nur  bei  der 
itten  Gruppe  vorkommend  zeigten  sich  die  Kehlkopfbewegungen, 
;lche  im  Gegensatz  zu  den  gleichmässigen,  die  Atmung  konkomi- 
renden  Kehlkopfbewegungen  durch  ruckartige  Einstellbewegungen 
er  gänzlichen  Stillstand  ausgezeichnet  waren.  Am  deutlichsten 
iren  die  Atem-  und  Kehlkopfaussyhläge  bei  ganz  tiefen  und  ganz 
hen  Tönen,  am  geringsten  bei  mittleren  Tönen.  Sehr  viel  häufiger 
d  der  wirklichen  Einatmung  näherkommend  sind  die  Veränderungen 
r  Atem-  und  Kehlkopfbewegungen  beim  Vorstellen  von  Ge¬ 
igstönen  (Verlängerung  und  Verlangsamung  der  Ausatmung,  Ver- 
rzung  und  Beschleunigung  der  Einatmung,  Stütz-  und  Einstell¬ 
wegungen  besonders  beim  Vorstellen  hoher  Töne,  Einstellbewe- 
ngen  des  Kehlkopfs,  ja  sogar  unwillkürliche  Trillerbewegungen 
sselben),  und  es  kommt  hier  nicht  allein  der  aktuelle  Vorstellungs- 
)us  in  Betracht,  sondern  es  wird  durch  die  motorische  Aufgabe 
5  inneren  Singens  auch  bei  nichtmotorisch  Veranlagten  der  poten- 
II  motorische  Teil  ihres  Vorstellens  angeregt,  es  bildet  sich  ein 
brauchstypus  heraus. 

Den  Bewegungen  der  Atmung  und  des  Kehlkopfes  beim  Singen 
nfacher  Töne  ist  der  V.  Abschnitt  gewidmet,  der  zeigt,  dass 
m  Summen  und  Singen  von  einfachen  Tönen  ein  Singatemtypus 
tritt,  der  gegenüber  dem  schon  beim  Vorstellen  von  Tönen  be¬ 
achteten  nur  eine  graduelle  Steigerung  bedeutet.  Auf  Einzelheiten, 
besondere  auch  auf  die  interessanten  bei  Schwclltönen  beobachte- 
Atemvolumverhältnisse  kann  it\  einem  kurzen  Referate  nicht  ein¬ 
sangen  werden. 

Vom  Einfachen  zum  Komplizierteren  fortschreitend  geht  N.  im 
Abschnitt  zur  Schilderung  der  Verhältnisse  bei  Tonleitern  und 
nfolgen  in  kleinen  und  grossen  Intervallen  über.  Sehr  wertvoll 
vohl  für  den  Stimmphysiologen  als  auch  den  Stimmpädagogen  ist 
diesen  Abschnitt  einleitende  Darstellung  der  historischen  Ent¬ 
ölung  dieser  Fragen,  wobei  besonders  die  Probleme  des  Stützens 
1  Deekens  berücksichtigt  werden.  Aus  der  Fülle  der  eigenen  Unter¬ 
hungen  und  ihrer  Ergebnisse,  die  sich  einem  kurzen  Referat  nicht 
en.  sei  hervorgehoben,  dass  N.  hauptsächlich  3  Singatemtypen 
erscheidet,  die  kostoabdominale  Tiefatmung  als  häufigste  Form, 
in  die  mehr  kostale  Atmung  und  jene  Form,  welche  bei  aufsteigen- 
i  Tonfolgen  mehr  abdominal,  bei  absteigenden  mehr  kostal  atmet, 
bei  die  erstgenannte  Form  als  die  zum  Singen  am  besten  geeignete, 

|  zweitgenannte  als  am  wenigsten  zweckmässig  erscheint.  Ein 
chen  gutgcschulter  Singatmung  sind  gleichmässig  absteigende, 
ht  allzusteile  Atemkurven,  denen  eine  nicht  übertriebene  tiefe 
iatmung  vorausgeht.  Stützbewegungen  und  kleine  Richtungsände- 
[gen  an  Registerübergängen  können  in  massigen  Grenzen  als  nör¬ 
gelten;  wo  sie  übertrieben  werden,  dürften  sie  zu  den  Merkmalen 
ler  schlechten  Singatmung  gehören.  Der  Kehlkopf  steigt  und  sinkt 
den  meisten  Sängern,  namentlich  den  weiblichen,  mit  der  Ton- 
ie  in  kleinen,  den  einzelnen  Tönen  entsprechenden  Stufen,  beim 
|istsänger  aber  kann  die  Kehlkopfbewegung  auch  der  Tonhöhen¬ 
te  entgegengesetzt  verlaufen.  Diese  Umkehrung  der  Kehlkopf- 
vegung  ist  verbunden  mit  sog.  gedeckter  Singweise.  Sie  kommt 
onders  bei  tiefen  Stimmen  vor  und  ist  abhängig  von  der  Tiefe  der 
atmung,  der  Klangfarbe  und  Stimmstärke.  Je  besser  geschult 
ls  Stimme  ist,  desto  kleiner  sind  im  allgemeinen  die  Kehlkopf- 
Legungen,  namentlich  beim  Aufwärtssingen,  während  die  Einstell- 
vegung  nach  abwärts  vor  dem  Singen  beträchtlich  sein  kann. 

-h  die  Registerübergängc  machen  sich  in  der  laryngographischen 
ve  bemerkbar,  doch  ist  der  Registersprung  um  so  grösser,  je 
iiger  geschult  die  Stimme  ist.  Phonetisch  nachweisbar  ist  er  aber 
h  bei  geschulten  Stimmen,  die  sein  Hörbarwerden  durch  Register- 
gleich  vermeiden. 


Der  VII.  Abschnitt  beschäftigt  sich  mit  den  Atembewegungen 
beim  Singen  musikalischer  Phrasen,  worüber  bis  jetzt  nur  eine  sehr 
kleine  Literatur  vorliegt  (Biaggi),  während  eine  Registrierung  der 
Kehlkopfbewegungen  wegen  der  störenden  Einwirkung  der  Artiku¬ 
lationsbewegungen  hier  nicht  möglich  war.  Von  besonderem  Inter¬ 
esse,  insbesondere  durch  seine  Beziehungen  zu  den  Gesetzen  fort¬ 
laufender  gebundener  Bewegungen  und  der  Rhythmisierung  sind  die 
Ausführungen  im  VIII.  Abschnitt  über  den  Triller,  der  „seine  Ent¬ 
stehung  einer  fortlaufenden,  durch  Rückstoss  gebundenen  Schüttel¬ 
bewegung  des  Kehlkopfs  während  der  Stimmgebung  nach  oben  vor 
und  unten  rückwärts  verdankt,  die  teils  durch  willkürliche  Impulse, 
teils  unwillkürlich,  vielleicht  mit  dem  Puls  rhythmisiert  wird“. 

So  haben  wir  in  diesem  Buche  den  Niederschlag  einer  15  jährigen 
Erfahrung  und  Forschung  auf  einem  Gebiete  vor  uns,  das  in  so  um¬ 
fassender  Weise  und  auf  so  breiter  Basis  noch  nicht  bearbeitet  worden 
ist.  Obgleich  zwei  wichtige  Forschungsmethoden,  die  Röntgendia¬ 
gnostik  und  die  Klanganalyse  nicht  herangezogen  worden  sind,  so 
ist  gerade  die  kritisch-exakte  Verwertung  und  Ausschöpfung  der 
angewendeten  Methoden  der  Pneumographie  und  Laryngographie 
ein  Vorzug  des  Buches,  das  eine  ausgezeichnete  Grundlage  für  die 
Pathologie  der  Singstimme  einerseits  und  für  die  Kunstlehre  auch  in 
normativer  Hinsicht  andrerseits  darstellt  und  dem  Physiologen  und 
Stimmarzte  ebensoviel  bietet  wie  dem  Gesangspädagogen  und  Kunst¬ 
ästhetiker.  Privatdozent  Dr.  R.  Schilling-  Freiburg  i/B. 

Ferd.  Hochstetter:  Beiträge  zur  Entwicklungsgeschichte 
des  menschlichen  Gehirns.  II.  Teil,  1.  Lieferung:  Die  Entwick¬ 
lungsgeschichte  der  Zirbeldrüse.  Grossquart.  45  S„ 
4  Tafeln,  6  Textabbildungen.  Wien  und  Leipzig,  D  e  u  t  i  c  k  e. 
Grpr.  10  M. 

Es  ist  sehr  begrüssen,  dass  Hochstetter  mit  dieser  Lieferung 
die  Serie  seiner  „Beiträge“  fortsetzt,  zu  deren  Abfassung  ihm  sein 
bekanntes  aussergewöhnlich  gutes  und  reiches  Material  an  mensch¬ 
lichen  Embryonen  zur  Verfügung  steht.  Infolge  Ergänzung  seiner 
Serien  durch  Sagittalserien  gelang  es  ihm,  die  Zirbeldrüse  bis  auf 
sehr  frühe  Stadien  zurückzuführen  und  zu  zeigen,  dass  dieselbe  ent¬ 
gegen  den  Angaben  von  Krabbe  einheitlich  ist  und  nur  zu  ver¬ 
schiedenen  Zeiten  an  verschiedenen  Stellen  des  Anlagefeldes  zur 
Bildung  von  Zirbelgewebe  schreitet.  Durch  vergleichende  Unter¬ 
suchungen  an  verschiedenen  Säugern  (Igel,  Fledermäuse,  Maulwurf, 
Katze,  Nager,  Wiederkäuer),  auf  die  hier  nicht  im  einzelnen  ein¬ 
gegangen  werden  kann,  werden  die  Besonderheiten  der  menschlichen 
Entwicklungsvorgänge  deutlicher  herausgearbeitet.  Bei  allen  Säu¬ 
gern,  die  unter  sich  in  der  weiteren  Entwicklung  sehr  verschiedene 
Verhältnisse  darbieten,  ist  eine  bestimmte  „Zirbelplatte“  am  Zwischen¬ 
hirndach  als  Anlagefeld  aufzufinden.  Die  Abbildungen  nach  Modellen 
und  Mikrophotogramme  nach  Schnitten  sind  von  bekannter  Güte, 
die  Reproduktion  und  Ausstattung  des  Werkes  ausgezeichnet. 

v.  Möll-endprff  -  Hamburg. 

G.  Klemperer:  Grundriss  der  klinischen  Diagnostik.  23.,  neu¬ 
bearbeitete  Auflage.  Mit  118  Textabbildungen.  Berlin  1923.  August 
Hirschwald.  313  S.  Grdpr.:  7.50  M. 

Der  22.  Auflage  folgt  in  Jahresfrist  bereits  die  23.,  ein  Zeichen 
für  die  grosse  Verbreitung  und  Beliebtheit  des  Buches.  Ein  Vergleich 
mit  der  vorigen  Auflage  ergibt,  dass  tatsächlich  die  wesentlichen  und 
gesicherten  Neuerwerbungen  der  Diagnostik  berücksichtigt  worden 
sind;  insbesondere  gilt  das  von  den  Leberkrankheiten,  bei  denen  auch 
die  neueren  Funktionsprüfungen  dargestellt  werden,  und  von  dem 
Kapitel  der  Röntgendiagnostik,  in  dem  eine  Reihe  neuer  guter  Ab¬ 
bildungen  —  zum  Teil  an  Stelle  weniger  instruktiver  Bilder  der 
vorigen  Aiiflage  —  gebracht  wird.  Auch  das  Kapitel  der  tierischen 
und  pflanzlichen  Parasiten  hat  textliche  und  illustrative  Bereicherung 
erfahren.  Für  die  nächste  Auflage  möchte  sich  Ref.  einige  Abbil¬ 
dungen  der  Kapillaren  (nach  0.  Müller-Weiss)  sowie  einige 
Beispiele  der  Enzephalographie  (A.  Bingel)  wünschen. 

Curschmann  -  Rostock. 

Otto  Seifert:  Die  Nebenwirkungen  der  modernen  Arzneimittel. 

Leipzig,  Kurt  Kabitzsch.  2.  Auflage.  427  Seiten.  Grdpr.  10  M. 

Vor  mehr  als  40  Jahren  erschien  zum  ersten  Male  das  Buch  von 
L.  Le  win,  das  die  Nebenwirkungen  der  Arzneimittel  in  besonderer 
Darstellung  behandelt.  Als  Motto  war  ihm  das  Wort  O  v  i  d  s  voraus¬ 
gestellt:  „Nil  prodest,  quod  non  laedere  possit  idem“.  Es  hat  in 
der  Praxis  grossen  Nutzen  gestiftet,  der  gerade  der  Anwendung 
unserer  wichtigsten  Arzneimittel  zugute  kam  .ln  ähnlicher  Weise 
hat  das  vorliegende  Buch  seine  Wirksamkeit  entfaltet.  Es  umfasst 
zwar  nur  die  „modernen  Arzneimittel“;  aber  der  Begriff  „modern“ 
ist  ziemlich  weit  gefasst,  indem  z.  B.  auch  das  schon  seit  40  Jahren 
eingeführte  Antipyrin  dazu  gerechnet  ist.  Der  Stoff  war  in  der  ersten 
Auflage  nach  therapeutischen  Grundsätzen  in  15  Gruppen  eingeteilt. 
In  der  vorliegenden  hat  Verfasser  ungefähr  900  Mittel  in  alpiia- 
betischer  Reihenfolge  angeordnet.  Bei  allen  findet  sich  die  Zu¬ 
sammensetzung,  die  therapeutische  Verwendung  und  die  Anwendungs¬ 
weise  kurz  angegeben.  Ausführlich  sind  dann,  wenn  solche  be¬ 
obachtet  wurden,  die  Nebenwirkungen  aufgezählt  und  die  Angaben 
mit  zahlreichen  Zitaten  belegt.  Die  Literaturangaben  geben  dem  Buch 
einen  grossen  Wert  für  den  Forscher.  Der  Praktiker,  dem  das 
Schrifttum,  besonders  heutzutage,  nicht  so  leicht  zu  Gebote  steht, 
ist  dagegen  oft  nicht  imstande,  aus  den  kurzen  Bemerkungen  zu 
schliessen,  wieweit  die  Nebenwirkungen  wirklich  dem  Mittel  zuzu- 


1(128 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


schreiben  sind,  oder  ob  sie  nicht  im  einzelnen  Fall  auf  die  Krankheit, 
unzweckmässige  Anwendung,  zu  hohe  Dosierung,  Fälschung  es 
Präparates  zurückzuführen  sind.  Nicht  befreunden  kann  ich  mich 
damit  dass  neben  den  chemisch  reinen  und  wohlcharakterisierten 
Arzneikörpern  zahlreiche  Gemische  mit  geschütztem  Namen,  Spezi¬ 
alitäten  und  Rezepte  in  einer  Linie  aufgeführt  werden.  Sie  sollten 
schon  durch  den  Druck  als  das,  was  sie  sind,  charakterisiert  wer¬ 
den  Dazu  kommt,  dass  von  diesen  vielfach  nur  die  therapeutischen, 
aber  keine  Neben  Wirkungen  erwähnt  werden,  einfach  wohl  des¬ 
halb,  weil  noch  keine  Nachteile  von  ihnen  veröffentlicht  worden  sind. 
Dadurch  entsteht  kein  ganz  richtiges  Bild,  ja  der  weniger  Einge¬ 
weihte  könnte  manchmal  meinen,  das  Gemisch  könnte  weniger 
Nebenwirkungen  haben  als  seine  wirksamen  Bestandteile.  Man  muss 
deshalb  dem  Arzt,  der  das  Buch  benutzt,  den  Rat  geben,  sich  genau 
über  die  in  den  Präparaten  enthaltenen  Stoffe  und  deren,  leider  häu¬ 
fig  nicht  angegebene,  Dosis  zu  informieren  und  darnach  die  Mög¬ 
lichkeit  von  schädlichen  Wirkungen  abzuschätzen.  Sehr  angenenm 
für  den  Praktiker  ist  die  Zusammenstellung  der  Namen  der  Her¬ 
steller  aller  in  dem  Buche  enthaltenen  Arzneimittel.  Zusammen¬ 
fassend  lässt  sich  sagen,  dass  jeder,  der  das  Nachschlagebuch  sorg¬ 
fältig  benutzt,  wesentliche  Hilfe  für  die  Beurteilung  der  Arz.iei- 
wirkungen  daraus  schöpfen  wird.  Penzoldt. 

Martin  Pappenhei  in:  Die  Lumbalpunktion.  \\  ien,  Leipzig, 
München,  Rikolaverlag,  1922.  184  Seiten. 

Nach  einem  einleitenden  Kapitel,  in  dem  die  wesentlichen  ana¬ 
tomischen  und  physiologischen  Voraussetzungen  behandelt  werden, 
folgt  ein  Abschnitt  über  die  Technik  der  Lumbalpunktion.  Hieran 
reiht  sich  die  gesamte  Liquordiagnostik  unter  Berücksichtigung  auch 
der  neuesten  Erfahrungen.  Die  Untersuchungsmethoden  werden  meist 
in  eingehender  Weise  dargestellt,  und  jeweils  wird  die  klinische 
Nutzanwendung  der  Besprechung  des  Technischen  angeschlosscn.  L  ic 
diagnostische  und  prognostische  Bedeutung  der  Lumbalpunktion  er- 
fährt  am  Ende  noch  eine  zusammenfassende  Besprechung.  Den 
Schluss  bildet  ein  Kapitel  über  die  Therapie  mittels  der  Lumbal¬ 
punktion.  ^  , 

Man  merkt  der  Darstellung  die  intensive  Beschäftigung  des 
Autors  mit  dem  Gegenstand  an,  was  in  einer  durchaus  sachver¬ 
ständigen  und  an  eigener  Erfahrung  reichen  Beurteilung  der  z.  I . 
ja  noch  recht  strittigen  Probleme  der  Liquordiagnose  vorteilhaft 
hervortritt.  Ueberall  wird  auf  ein  wirkliches  Verständnis  der  Grund¬ 
lagen  Wert  gelegt,  und  das  Physiologische  wird  eingehender  als  sonst 
üblich  gewürdigt.  Besonders  gediegen  und  erschöpfend  wird  die 
Druckmessung  nebst  ihren  theoretischen  Grundlagen  besprochen. 

F.  Plaut. 


A.  Juckenack:  Unsere  Lebensmittel  vom  Standpunkt  der 
Vitaminforschung.  Heft  4  aus  der  Sammlung  ,,Die  Volksernährung  . 
Julius  Springer,  Berlin  1923.  49  Seiten.  Grundpreis:  M.  0.80. 

Vom  Verf.  ist  die  Frage  aufgeworfen:  „Wird  voraussichtlich  die 
weitere  Erforschung  der  physiologischen  Bedeutung  der  Vitamine  die 
bisherige  Herstellung,  Zubereitung  und  Beurteilung  der  Lebensmittel 
wesentlich  beeinflussen?  Obwohl  wir  noch  keineswegs  über  die  Er¬ 
gänzungsstoffe  genügend  unterrichtet  sind,  ist  die  Frage  nach  den  ein- 
gehenden  Ausführungen  Juckenacks  unbedingt  zu  bejahen.  Das 
reichhaltige  Material,  was  er  zur  Begründung  seiner  Auffassung  bei¬ 
bringt  muss  jedem,  der  sich  mit  dem  Verkehr  und  der  Herstellung  der 
Nahrungsmittel  befasst,  vor  allem  aber  dem  Nahrungsmittelchemiker 
eine  Richtschnur  sein,  nach  der  er  nunmehr  sein  Urteil  über  den  Wert 
der  Nahrungsmittel  einzurichten  hat.  Um  nur  eines  zu  nennen:  Wäh¬ 
rend  bisher  die  Margarine  der  Butter  —  abgesehen  vom  Geschmack  — 
in  ernährungsphysiologischer  Beziehung  als  durchaus  gleichwertig  an¬ 
gesehen  werden  konnte,  ist  dies  nach  den  Erfahrungen  über  den  Vita¬ 
mingehalt  beider  Fettträger  nicht  mehr  der  Fall,  da  z.  B.  Margarine 
aus  Kokosfett  überhaupt  keine  Ergänzungsstoffe  enthält,  während  sie 
in  der  Butter  reichlich  vorhanden  sind.  Was  hier  für  den  einen  Fall 
angedeutet  ist,  trifft  in  einer  grossen  Reihe  anderer  Nahrungsmittel 
ebenfalls  zu.  Verf.  hat  nun  alles  das,  was  man  aus  den  gebräuch¬ 
lichen  Nahrungsmitteln,  wie  z.  B.  Milch,  Eier,  Fetten,  Käse,  Fleisch, 
Lebertran,  Gemüsen,  Kartoffeln,  Hülsenfrüchten,  Getreide,  Obst, 
Fruchtsäften,  Honig,  alkoholischen  Getränken  etc.,  in  bezug  auf  Vita¬ 
mine  weiss,  in  sehr  verständlicher  und  anschaulicher  Form  zusammen¬ 
gestellt  und  damit  einen  trefflichen  Ueberblick  über  das  Problem  der 
Vitamine  für  die  menschliche  Ernährung  gegeben.  Die  Schrift  ist  be¬ 
rufen,  den  Gedankengang  über  die  Beurteilung  und  den  Wert  der 
Nahrungsmittel  umzustellen  und  der  bisherigen  Auffassung  ein  anderes 
Gesicht  zu  geben.  Daher  ist  ihre  Weiterverbreitung  und  ihr  Studium 
sehr  zu  empfehlen  und  zu  wünschen. 

R.  0.  Neumann  -  Hamburg. 

Fr.  H.  v.  Tappeiner:  Taschenbuch  der  allgemeinen  Chirurgie. 

—  Dr.  Werner  Klinkhardts  Kolleghefte.  Heft  10.  —  Leipzig 
1922.  203  S. 

Das  vorliegende  Heft  will  und  kann  zwar  den  gewaltigen  Stoff 
nicht  erschöpfen,  bringt  aber  doch  fast  durchweg  alles  Wesentliche 
in  klarer  Sprache.  Auch  Geschichte  der  Chirurgie,  Verbandlehre, 
Nachbehandlung  nach  Operationen  sind  berücksichtigt.  Bilder  der  chi¬ 
rurgischen  Technik,  chirurgisch  Kranker,  der  Röntgenbefunde  finden 
sich  eingestreut.  Freilich  ist  bei  letzteren  der  Druck  mehrfach  nicht 
recht  gelungen.  Zu  ergänzenden  Eintragungen  ist  neben  dem  1  ext 


breiter  Rand  freigelassen  und  sind  leere  Schreibblätter  angefügt.  — 
Das  Buch  vermeidet  die  in  manchen  Leitfäden  usw.  übliche  trockene 
Aufzählung,  ist  vielmehr  anregend  geschrieben  und  kann  empfohlen 
werden  Georg  Schmidt-  München. 


Franz  Müller:  Hilfsbüchlein  für  wissenschaftlich  technische 
Hilfskräfte.  Leipzig  1923,  bei  G.  T  h  i  e  m  e.  Kleinoktav. 

Der  Herausgeber  beabsichtigt,  eine  Serie  von  Hufsbuchern 
herauszugeben,  die  den  technischen  Hilfskräften  zur  Unterstützt!® 
bei  der  Ausbildung  und  zur  Beratung  bei  ihrer  Tätigkeit  in  Lao  Ora¬ 
torien,  Apotheken,  Drogerien  usw.  dienen  sollen.  Entsprechend  der 
Vorbildung  sollen  die  Bücher  sehr  leicht  fasslich  sein.  Es  sind  gleicnl 
zeitig  vier  Bändchen  erschienen:  Mikroskopische  Untersuchung^. 
methoden  von  Elise  W  o  1  f  f.  Bakteriologische  und  serologisclfl 
Technik  von  Ida  P  i  o  r  k  o  w  s  k  i,  Medizinisch-chemische  urm  mikro¬ 
skopische  Technik  von  Franz  Müller  und  Fritz  Sachs,  Die  wicn- 
tigsten  Chemikalien  und  Drogen  von  Artur  S  c  h  1  o  k  o  w.  U3d.  1. 
249  Seiten.  Grundzahl  2.70  M.  ungeb.,  Bd.  II,  210  Seiten,  2.40  JV1.J 
Bd.  III,  113  Seiten,  1.35  M„  Bd.  IV.  95  Seiten,  1,05  M.)  Die  gut  zu¬ 
sammengestellten  Bändchen  bieten  sehr  viel  und  erfüllen  nicht  bloss 
ihren  Zweck  bei  den  technischen  Hilfskräften,  sondern  können,  ohne 
weiteres  auch  Aerzten  empfohlen  werden.  Kersch  enstein  er 


,|.  Häring:  Leitfaden  der  Krankenpflege  in  Frage  und  Ant 
wort.  4.,  vermehrte  und  verbesserte  Aufl.  Berlin,  1923.  J.  Sprin¬ 
ger.  152  S.  8".  Grdpr.:  1.80  M.  ....  ,  ,  a 

Die  neue  Auflage  des  sehr  brauchbaren  Leitfadens,  der  besonder: 
zur  Vorbereitung  zum  Examen  empfohlen  werden  kann  und  aucl 
Krankenpflegelehr  ern  und  Examinatoren  sehr  gute  Dienste  leistet,  ist 
zeitgemäss  ausgestaltet  worden.  Neu  zugefügt  ist  der  Abschnitt  ubei 
Pflege  der  Geisteskranken,  verbessert  der  über  Säuglingspflege. 

Kerschensteine  r. 


Zeitschriften- Uebersicht. 

Deutsche  Zeitschrift  für  Chirurgie.  178.  Bd.,  3. — 4.  Heft. 

O.  Sch  reu  der:  Kann  die  Erkrankung  des  Os  metatarsale  II  voi 
Alban  Köhler  die  Folge  eines  chronischen  Traumas  sein?  (Aus  der  cmi 
Universitätsklinik  Leiden.  Prof.  Z  a  a  i  j  e  r.)  ,  ,  ..  . 

Unter  Beschreibung  von  3  eigenen  Fällen  sucht  sich  der  Verf.  zunachs 
Klarheit  darüber  zu  verschaffen,  was  die  Aetiologie  und  p“,h°gen,e*e..“j: 
Leidens  ist.  Auffallend  ist,  dass  unter  den  beschriebenen  24  Fallen  15  Mad 
chen  von  10 — 21  Jahren  waren.  Durch  einen  Spreizfuss,  durch  das  1  rage, 
hoher  Absätze  und  andere  statische  Einflüsse  wird  eine  Hyperfunktion  de 
prominenten  II.  Metatarsale  gefordert,  die  über  seine  Kräfte  geht,  Ver 
schlimmerung  durch  vieles  Gehen  und  Stehen.  Durch  ein  chronisches  Trauin, 
und  eine  chronische  Kontusion  getroffen  sinkt  das  Capitulum  schliesslich  en 
Aus  diesem  Ideengange  erklären  sich  zwanglos  alle  Erscheinungen  des  k.®i 
dens,  besonders  auch  das  Betroffensein  und  die  Nekrotisierung  der  zarte 
Spongiosa  im  Gegensatz  zum  elastischen  Knorpel  und  der  Kortikalis.  Aue 
die  Verschiebung  der  subchondralen  Knochenschicht,  die  Umkippung  de 
Capitulum  nach  der  fibularen  Seite,  die  breite  üelenkspalte,  die  Verdickun 
des  Metatarsus  erklären  sich  zwanglos  als  Sekundärerscheinungen.  Ein  ZU 
sammenhang  mit  der  Perthes  sehen,  Osgood-Schlatter  sehen  un 
Köhler  sehen  Erkrankung  wird  abgelehnt.  Ruhe  und  zweckmassige 
Schuhwerk  sind  die  beste  Therapie. 

A.  W.  M  e  1  n  i  k  o  f  f:  Zur  chirurgischen  Anatomie  der  Gefasse  der  narei 
chymatösen  Organe.  (Aus  dem  Institut  für  operative  Chirurgie  und  chirurt 
Anatomie  an  der  Militärmediz.  Akademie  in  St.  Petersburg.)  . 

Eine  genaue  Kenntnis  der  gefässlosen  Felder  parenchymatöser  Organ 
ist  zur  Anwendung  rationeller  Schnittführung  unbedingt  erwünscht.  E» 
symmetrisch  gelegenen  Organen  (Lunge  und  Leber)  wird  sowohl  ein  extr: 
organer  wie  intraorganer  Teilungstyp  getroffen.  Beim  extrapulmonalen  uni 
extrarenalen  Teilungstyp  der  Hauptgefässe  gehen  die  Aeste  1  Ordnum 
ausserhalb  des  Organs  ab,  beim  intraorganen  Typ  liegt  die  Teilungsstelll 
im  Organ  selbst,  die  Aeste  sind  kürzer  wie  beim  1.  Typ.  Bei  den  asymmetr: 
sehen  Organen  teilt  sich  das  Hauptgefäss  extraorgan,  der  Gefässstil  ist  TO 
breiter.  Der  extraorgane  Typ  ist  für  chirurgische  Eingriffe  der  vorteilhafter 
Praktisch  wichtig  ist  der  Abschnitt  über  gefässlose  Felder.  Abgesehen  vc , 
kleinen  Feldern  von  1—2  cm  Grösse  kommen  grössere  gefässlose  Feldu 
vor,  die  sich  über  das  ganze  Organ  oder  über  grosse  Teile  desselben  el 
strecken.  Am  meisten  entwickelt  sind  diese  Felder  in  Milz  und  Niere.  M 
der  Lunge  sind  die  Felder  im  Bereich  des  unteren  Lungenlappens  am  beste 
ausgesprochen.  Ein  Abschnitt  liegt  in  querer  Richtung  an  der  Greni' 
zwischen  oberem  und  mittlerem  Drittel  des  Lappens,  ein  zweiter  Abschflll 
verläuft  vertikal  zum  Hilus,  indem  er  den  auf  der  Grenze  zwischen  mittlere! 
und  letzten  Drittel  der  Lappenzirkumferenz  befindlichen  Teil  der  Rippe 
Oberfläche  einnimmt.  In  der  Leber  besteht  ein  sehr  ausgedehntes,  gefässlosl 
Feld  auf  der  Höhe  des  Lig.  suspensor,  an  der  Niere  an  der  Grenze  zwiscn; 
hinterem  und  mittlerem  Drittel  der  Zirkumferenz  dieses  Organs.  In  der  Mi 
bestehen  zwei  radiär  zusammenfliessende  Felder,  welche  beide  Pole  Cj 
Organs  abgrenzen.  Am  Pankreas  sind  gefässlose  Felder  nicht  Vorhände;! 
Bei  der  Lunge  soll  der  Schnitt  spiralig  dem  Rippenverlauf  gemäss  gefüh 
werden,  die  Spitze  des  Messers  stets  zum  Hilus  gerichtet.  Bei  Milz  m 
Niere  sind  radiäre  Schnitte  nach  dem  Querdurchmesser  gerichtet  vorteilna 
Beim  Pankreas  sollen  die  Schnitte  mit  der  Richtung  des  Ausführungsgang 

übereinstimmen.  . 

Bruno  Hein:  Die  Erfahrungen  mit  dem  Friedmann  sehen  IuDi 
kulose-Heil-  und  Schutzmittel  bei  chirurgischer  Tuberkulose  an  der  König 
berger  chirurgischen  Universitätsklinik.  (Aus  der  chir.  Universitätskunj 

Königsberg.  Prof.  Kürschner.) 

Unter  57  Fällen  wurden  5  Heilungen  beobachtet,  die  aber  auch  n 
anderen  Mitteln  zu  erreichen  gewesen  wären.  Sinngemäss  durchgeführ 
Allgemein-  und  Sonnenbehandlung,  zweckentsprechende  Ruhigstellung  u: 
Entlastung,  gelegentliche  operative  Eingriffe  führten  in  vielen  Fällen  alb 


August  I9z3. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1029 


:  Heilung  herbei.  Dem  Mittel  kommt  ein  entscheidender  heilender  Ein- 
ss  auf  die  chirurgische  Tuberkulose  nicht  zu. 

Ernst  König:  Lieber  Aeuderiing  des  Blutdruckes  durch  operative  Ein- 
ffe.  (Aus  der  Chirurg.  Universitätsklinik  Königsberg.  Prof!  Kirsch- 

■  r.) 

Chloroform  sowohl  wie  Aether  wirken  blutdrucksenkend  ebenso  wie  die 
mbalanästhesie.  Operationen  in  Lokalanästhesie  verlaufen  bei  ge- 
igertem  Blutdruck  (Psychische  Erregung  der  Kranken).  Erst  eingreifende 
lerationen  führen  zu  Blutdrucksenkungen.  Die  fortlaufende  Blutdruck- 
ntrolle  gibt  gute  Anhaltspunkte  für  die  Beurteilung  des  Gesamtzustandes 
s  Kranken.  Allen  lebensbedrohenden  Zufällen  gehen  steile  Blutdruck- 
ikungen  voraus,  so  dass  drohende  Gefahren  rechtzeitig  erkannt  werden 
nnen. 

Bernard  T  e  n  c  k  ho  f  f:  Zur  Entstehung  der  Stildrehung  innerer  Organe, 
arsion  eines  Netzzipfels  und  eines  Leistenhodens).  (Aus  der  chir.  Abteilung 
s  St.  Joscphspitals  Elberfeld.  Dr.  Joh.  Vorschütz.) 

Zur  Erklärung  des  K  ü  s  t  n  e  r  sehen  Gesetzes,  dass  sich  linkseitige  Tu¬ 
rnen  vornherum  von  rechts  nach  links,  rechtseitige  umgekehrt  drehen,  gibt 
rf.  an,  dass  der  Gang  des  Menschen  eine  grosse  Rolle  bei  der  Stildrehung 
:  eit ;  bei  der  Rotation  des  Körpers  beim  Gegen  bleiben  die  drehreifcii 
1  gane  zurück  und  erleiden  jedesmal  eine  minimale  Torsion  in  einer  der 
I  rperdrehung  entgegengesetzten  Richtung;  so  wird  allmählich  dem  Organ 
r  Weg  vorgezeichnet,  den  es  schliesslich  bei  der  endgültigen  Drehung 
nmt. 

H.  Be  eg  er:  Volvulus  coeci  (Volvulus  beim  Mesenterium  ileocoecale 

immune). 

Zusammenstellung  von  67  Fällen  von  Volvulus  coeci  aus  der  Literatur, 

'  Proz.  davon  hatten  nie  vorher  Beschwerden  gehabt.  Meistens  löst  eine 
litzliche  gewaltsame  Anspannung  der  Bauchmuskulatur  heftige  Erschütte- 
ngen  des  Bauches  oder  der  schwangere  Uterus  den  Anfall  aus.  An- 
lliessend  Bericht  über  3  Fälle  von  Volvulus  coeci  aus  der  Abt.  des 
j.  Georgskrankenhauses  Leipzig  (Prof.  Heller),  wovon  2  Fälle  operativ 
irch  Resektion  geheilt  wurden.  Eingehendes  Referat  über  Pathogenese 
Id  Klinik  des  Coecum  mobile  und  des  Volvulus  coeci. 

Otto  Wiemann;  Weitere  Ergebnisse  von  Blutdruckmessungen  bei 
nerationen  in  Novokain-Suprarenin-Anästhesie.  (Aus  der  chir.  Klinik  Würz- 
Irg.  Geheimrat  Prof.  Dr.  Kön  i  g.) 

Verf.  wollte  feststellen,  ob  vielleicht  für  bestimmte  Operationsgruppen 
(sondere  charakteristische  Veränderungen  des  Blutdruckes  sich  ergeben 
irden.  Bei  Hernienoperationen  konnte  der  Lokalanästhesie  ein  wesent- 
i her  Einfluss  auf  das  Verhalten  des  Blutdruckes  nicht  eingeräumt  werden. 
1  scheint,  dass  hier  die  Resorptionsbedingungen  so  ungünstige  sind,  dass 
de  wesentliche  Beeinflussung  der  Kreislauforgane  nicht  zustandekommt.  Im 

■  gensatz  dazu  zeigten  sich  bei  der  paravertebralen  Anästhesie  bei  Kropi- 
icrationen  z.  T,  recht  erhebliche  Blutdrucksenkungen,  die  gefährliche  Zu¬ 
lle  bei  der  Methode  durchaus  erklären.  (Die  paravertebrale  Injektion  bei 
Ir  Kropfoperation  ist  durch  die  neue  Braun  sehe  Methode,  die  durchaus 
Igefährlich  ist,  iiberTTüssig  geworden.  Ref.)  H.  Flörcken  -  Frankfurt  a.  M. 

Zentralblatt  für  Chirurgie.  Nr.  26,  27  und  28.  1923. 

Nr.  26.  A.  L  ä  w  e  n  -  Marburg  a.  Lahn:  Ueber  die  Behandlung  fort¬ 
ireitender  pyogener  Prozesse  im  Gesicht  mit  Inzision  und  Umspritzung 
it  Eigenblut. 

Verf.  hat  bei  fortschreitenden  furunkulösen  Prozessen  im  Gesicht  neben 
isgedehnter  Inzision  eine  Umspritzung  des  Krankheitsherdes  mit  Eigenblut 
Us  der  Vena  cubital.)  ausgeführt  und  dabei  beobachtet,  dass  die  Infektion 
:;ts  vor  dieser  Blutschanze  haltmachte  und  diese  nicht  infizierte  und  die 
hwellung  und  Infiltration  rasch  zurückging.  Diese  Wirkung  setzt  sich 
lenfalls  aus  der  mechanischen  Gewebsabriegelung  und  aus  der  örtlich  anti- 
Ikteriellen  Kraft  des  eingespritzten  Blutes  zusammen.  Jedenfalls  verdient 
ose  einfache  Methode  weitere  Nachprüfung,  da  sie  die  Möglichkeit  bietet, 
•lwere  pyogene  Prozesse  im  Gesicht  zum  Stillstand  oder  zur  Heilung  zu 
ingen. 

W.  R  i  e  d  e  r  -  Eppendorf :  Zur  Frage  der  Behandlung  progredienter 

■sichtsfurunkel. 

Die  Methode  des  Verf.  besteht  darin,  dass  er  zuerst  den  Furunkel  durch 
euzschnitt  bis  ins  gesunde  Gewebe  spaltet,  die  4  Segmente  bis  ins  Gesunde 
(löst  und  dann  die  ganze  Fläche  mit  einem  mit  Diphtherie-  oder  Pferde¬ 
rum  getränkten  Gazestreifen  austamponiert.  Nach  1 — 2  Tagen  stösst  sich 
treits  das  nekrotische  Gewebe  ab.  Worauf  diese  rasche  Wirkung  beruht, 
noch  nicht  geklärt. 

K  o  n  j  c  t  z  n  y  -  Kiel:  Die  chronische  Gastritis  des  Ulcusinagens. 

Verf.  weist  erneut  darauf  hin,  dass  häufig  neben  einem  (frischen  oder 

leren)  Ulcus  eine  Gastritis  auch  entfernter  Schleimhautgebiete  vorkommt, 
ii  deutlichsten  im  Pylorusteil  des  Magens.  Diese  Gastritis  kann  primärer 

ier  sekundärer  Natur  sein.  Ihr  Vorhandensein  erklärt  auch,  wenn  öfter  die 

( stroenterostomie  versagt,  was  bei  weitgehender  irreparabler  Degeneration 
<r  spezifischen  Drüsen  der"  Fall  ist;  andererseits  wird  bei  der  Magen¬ 
sektion  gerade  der  kranke  Teil  eliminiert,  wodurch  die  Aussichten  auf 
uerheilung  wesentlich  besser  werden. 

K.  P  r  o  p  p  i  n  g  -  Frankfurt  a.  M.:  Ueber  Spätstörungeii  in  der  Wund- 
lilung  bei  der  Verwendung  von  Katgut  (Katgutinfektion). 

Verf.  konnte  kürzlich  bei  mehreren  Spätstörungen  in  der  Wundheilung 
hstellen,  dass  das  lange  Lagern  des  trockenen  Sterilkatguts  die  Ursache 
ir;  es  ist  deshalb  nötig,  dass  älteres  Katgut  noch  einmal  frisch  sterilisiert 
rd,  bevor  es  in  Alkohol  kommt;  damit  hörten  bei  Verf.  die  Wundstörungen 
fort  auf. 

C.  ten  H  o  r  n  -  München:  Rollkniegelenk  im  Gegensatz  zum  Schede- 
I  bermannkniegelenk.  (Erwiderung  auf  die  Arbeit  von  Schede  in  Nr.  17.) 

Verf.  setzt  in  kurzer  Entgegnung  die  Unterschiede  seines  „Rollknie- 
:lenkes“  von  dem  Schede-Habermannkniegelenk  auseinander.  Das  Rollknie- 
öenk  ist  eine  Art  Scharniergelenk  mit  feststehender  Gelenkachse;  ein  Rück- 
lrtswandern  des  Drehpunktes  findet  nicht  statt. 

F.  Sauerbruch;  Zusatz  zu  vorstehenden  Ausführungen  ten  Horns. 

Verf.  stellt  fest,  dass  ditf  Einwände  des  Herrn  Schede  unhaltbar  sind 
d  verurteilt  Form  und  Ton,  in  dem  diese  vorgebracht  wurden. 

Nr.  27.  Frz.  F  i  n  k  -  Karlsbad :  Zur  chirurgischen  Behandlung  des 
1  llenstelnleidens. 

Verf.  gibt  einen  Ueberblick  über  die  Art  der  Erkrankungsformen,  über 
ii  Indikationsstellung  für  das  Operationsverfahren  und  die  damit  erzielten 


Resultate.  Bei  Steinen  und  schweren  Entzündungen  der  Gallenblase  stellt 
die  Zystektomie,  bei  Steinen  und  Entzündungen  im  Choledochus  die  Chole- 
dochotomie  mit  Drainage  und  Spülung  das  Normalverfahren  dar.  Die  Mor¬ 
talität  betrug  bei  619  Operationen  14,70  Proz. 

C.  Bayer- Prag:  Zur  Technik  der  Exstirpation  hochsitzender  Rektum¬ 
karzinome. 

Verf.  schildert  ausführlich  seine  neue  Methode,  die  möglichst  radikale 
Entfernung  des  hochsitzenden  Tumors,  Wiederherstellung  der  Funktion  und 
Schaffung  günstiger  Wundverhältnisse  gestattet;  sie  verdient  eingehendes 
Studium  im  Original. 

B  r  ü  n  i  n  g  -  Berlin:  Zur  Technik  der  kombinierten  Resektionsmethode 
sämtlicher  sympathischen  Nervenbahnen  am  Halse. 

Verf.  beschreibt  seine  Resektionsmethode,  die  sich  aus  3  Abschnitten 
zusammensetzt:  1.  aus  der  Exstirpation  des  Halsgrenzstranges  mit  seinen 
Ganglien,  2.  aus  der  periarteriellen  Sympathektomie  an  der  Arteria  verte- 
bralis,  3.  aus  der  Exstirpation  des  Plexus  pericarotideus.  Die  Indikation 
sieht  Verf.  dann  gegeben,  wenn  die  einfache  Exstirpation  des  Halsgrenz¬ 
stranges  eine  zu  schwache  Wirkung  erzielt.  Die  Herabsetzung  des  Blut¬ 
druckes  (um  50  mm  Hg)  ist  leider  nur  vorübergehend. 

E.  M  e  t  z  e  -  Rostock:  Beitrag  zur  traumatischen  Apoplexie. 

Verf.  schildert  1  Fall  von  Commotio  cerebri  mit  partieller  Hemiparese 
(nach  Hufschlagverletzung),  als  deren  Ursache  die  Sektion  neben  multiplen 
kleinen  Blutungen  in  der  Gegend  der  linken  Stammganglien  eine  Massen¬ 
blutung  im  Streifenkörper  ohne  Verletzung  des  Schädels  feststellte. 

W.  Schulze-  Bleicherode  a.  H. :  Providoform  als  Ersatz  für  Jod¬ 
tinktur  zur  Hautdesinfektion. 

Statt  der  teueren  Jodtinktur  benützt  Verf.  5  proz.  Providoformtinktur, 
die  sich  ihm  vorzüglich  bewährt  hat  und  keinerlei  Reizwirkung  ausübt. 

L.  S  e  y  b  e  r  t  h  -  Senftenberg:  Beitrag  zur  Naht  des  Ductus  deferens. 

Die  Nahtmethode  des  Verfassers  besteht  darin,  dass  er  einen  Katgut- 
faden  an  beiden  Enden  mit  einer  geraden  Nadel  armiert,  mit  den  Nadeln 
dann  eine  kleine  Strecke  in  das  Lumen  des  Duct.  def.  eingeht,  dann  durch 
die  Wand  aussticht  und  die  Lumina  einander  nähert  und  nun  den  Faden 
knotet;  zuletzt  wird  die  Naht  durch  Peritoneum  eingescheidet. 

E.  Unger  und  R.  L  ö  w  e  n  s  t  e  i  n  -  Berlin :  Modifikation  der  Magen¬ 
klemmen. 

Damit  die  Magenklemmen  besser  halten,  überziehen  Verf.  beide  Arme 
der  Klemmen  mit  einem  Gummischlauch,  der  spiralig  aufgelagerte  Streifen 
aus  Gummi  in  Form  von  Rippen  trägt,  die  1,5  mm  hoch  und  1,5  cm  von 
einander  entfernt  sind. 

Fel.  F  r  a  n  k  e  -  Braunschweig:  Bemerkung  zur  Mitteilung  von  Hans 
Knorr:  „Neuer  Gipsspreizer“  in  Nr.  13  d.  Zbl. 

Statt  des  teueren  Gipsspreizers  schlägt  Verf.  erneut  vor,  den  Gips¬ 
verband  in  stärkerer  Kochsalzlösung  aufzuweichen,  wodurch  er  dann  leicht 
sich  abnehmen  lässt.  (Referent  benützt  dieses  Verfahren  schon  seit  13  Jahren!) 

Friedr.  S  c  h  o  e  n  i  n  g -Erfurt:  Rektusdiastase  und  Palpation. 

Die  Palpation  löst  wie  jeder  andere  Muskelreiz  eine  Kontraktion  des 
Muskels  aus,  deren  Grad  freilich  auch  noch  durch  den  Tonus,  durch  den 
trophischen  Zustand  und  durch  das  Verhalten  der  Antagonisten  bestimmt 
wird.  Bei  der  Rektusdiastase  fehlt  die  Linea  alba;  die  breiten  Bauch¬ 
muskeln  haben  das  Uebergewicht  über  die  erschlafften  geraden  bekommen; 
der  mechanische  Reiz  der  Palpation  der  breiten  Bauchmuskeln,  die  ihren 
normalen  Ansatz  an  der  von  den  atrophischen  geraden  Muskeln  nur  unvoll¬ 
ständig  ausgefüllten  Rektusscheide  verloren  haben,  löst  eine  stärkere  Kon¬ 
traktion  aus,  die  manchmal  den  Eindruck  eines  Tumors  erwecken  kann,  wie 
Verf.  an  1  Beispiel  zeigt. 

Fr.  L  e  m  p  e  r  g  -  Hatzendorf:  Fall  von  Darmverschluss  durch  Barium¬ 
sulfatstein. 

Verf.  erlebte  kürzlich  1  Fall  von  Ileus  im  Col.  descend.,  bedingt  durch 
einen  10  cm  langen,  5  cm  breiten  und  4  cm  dicken  Bariumstein  von  235  g 
Gewicht.  Der  unglückliche  Ausgang  lehrt,  dass  man  nicht  gleich  nach  Durch¬ 
leuchtungen  die  Magen-  oder  Darmoperation  vornehmen,  sondern  warten  soll, 
bis  kein  Barium  mehr  im  Darm  röntgenologisch  nachweisbar  ist.  Mit  1  Ab¬ 
bildung. 

K  r  ü  g  e  r  -  Weimar:  Typischer  Schnitt  und  Blutleere  bei  der  Operation 
der  akuten  Cholezystitis. 

Verf.  schildert  ausführlich  die  von  ihm  geübte  Schnittführung  bei  der 
Zyktektomie,  die  sich  aus  dem  Riedel  sehen  Schnitt  bei  der  Appendektomie 
entwickelt  hat,  und  die  Technik  der  Zystektomie.  Die  Exstirpation  der 
Gallenblase  wird  wesentlich  erleichtert  durch  Anlegen  einer  Darmklemme 
im  Bereich  des  D.  cysticus,  wodurch  Blutleere  eintritt.  Hernien  nach  dieser 
Schnittführung,  die  am  besten  im  Original  nachzulesen  ist.  hat  Verf.  bei 
Frühoperationen  noch  nie  beobachtet. 

Carl  Bayer -Prag:  Sekundäre  Blasen-Harnröhren-Mastdarmfistel  nach 
transvesikaler  Prostatektomie. 

Verf.  hat  eine  solche  Fistel  mit  folgender  Methode  zur  Heilung  ge¬ 
bracht:  Umschneidung  des  Anus,  Ablösung  der  vorderen  Mastdarmwand  bis 
über  den  Spalt  hinauf,  Naht  des  Defektes  in  der  Darmwand.  Jodoform- 
tamponade  auf  den  Harnröhren— Blasenhalsschnitt,  nachdem  dessen  Naht  miss¬ 
lungen  war,  Naht  der  Winkel  des  Bogenschnittes,  Kauterisation  der  Narben¬ 
harnfistel,  Permanentkatheter.  Nach  5  Monaten  völlige  Heilung.  Harn¬ 
inkontinenz  wesentlich  besser. 

E.  Makai-Pest:  Zur  Technik  der  Arthrodese  des  Fussgelenkes. 

Die  Methode  des  Verfassers  ist  folgende:  Zuerst  Redressement,  dann 
l)4  cm  langer  Fingerschnitt  am  inneren  Knöchel  bis  auf  die  Knochenhaut, 
nun  Bildung  eines  Knochentunnels  in  der  Frontalebene  durch  Malleol.  int.. 
Talus  und  Mall,  extern,  mit  Hohlmeissei,  Eintreiben  eines  Knochenbolzens, 
der  mit  Meissei  aus  Schienbeinkante  entnommen  wird  und  Periost  und  ganze 
Kortikalis  enthält.  Hautnaht.  Die  abgemeisselten  Knochenteile,  die  darinnen 
bleiben,  heilen  den  Span  noch  besser  ein  und  tragen  zur  festen  Ankylo- 
sierung  des  Gelenkes  bei.  Mit  3  Röntgenbildern. 

E.  Heim-  Scbweinfurt-Oberndorf. 

Monatsschrift  für  Geburtshilfe  und  Gynäkologie.  Band  63,  Heft 
4—5.  Juli  1923. 

H.  S  e  1 1  h  e  i  m  -  Halle:  „Weiterstellung“  des  Bauches,  Fasziendehnung 
und  Dehnungsstreifen  der  Haut. 

Die  Ausdehnung  des  Bauches  während  der  Schwangerschaft  erfolgt  im 
Gegensatz  zu  den  Verhältnissen  bei  Geschwülsten  und  Aszites  nicht  passiv, 
sondern  im  wesentlichen  aktiv  durch  „Weiterstellung“,  d.  h.  die  Muskel- 


1030 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  31. 


faszienschicht  wächst  synchron  und  synergetisch  mit.  Beweis:  die  ,, Voll¬ 
saftigkeit“  der  Bauchdecken  oberhalb  des  Gebarmuttergrundcs  und  das 
Fehlen  der  Bauchdeckenspannung.  Als  Zeichendes  Zwang|s  J^f  iie  !^gs) 
nungsstreifen  der  Haut  und  die  Rcktusdiastasc  (Ursache  des  Schlot terba  tchesl 
•mfzufassen  Da  sie  sonst  in  der  Natur  und  beim  Naturweib  nicht  Vor¬ 
kommen.  sind  sie  beim  Kulturweib  ein  Zeichen  der  unzulänglichen  Anpassung 
an  die  natürlichen  Anforderungen  der  Schwangerschaft. 
wirkt  rechtzeitiges  Heiraten,  ausserdem  vielleicht  vorsichtiges  Massieren  der 
Bauchdecken  und  die  modernen  Tänze,  während  durch  den  auf  den  männ¬ 
lichen  Körper  zugeschnittenen  Sport  die  „Frau  mit  der  straffen  Fasu  gc- 

/. uchtet  ^1or^ck  Königsberg  j  Pr-.  Die  Bedeutung  des  Hydramnlon  für  die 
I  ebenswertung  des  Kindes.  (Zu  K  r  a  h  u  1  a  s  Gleichnamigen  von  1921  H.  4  5. 

W»'n”  Krat.la  *  Sterblichkeit  dar  hydrammonk.nder  m.t 
96,2  Proz.  angibt,  Floris  dagegen  nur  25  Proz.  berechnet  ist  die  Mor 
talität  bei  dem  Material  der  Königsberger  Frauenklinik  59,6  Proz.  De 

Unterschied  erklärt  sich  aus  der  Verschiedenartigkeit  des  bearbeiteten 
Materials,  Literaturfälle,  Prozentsatz  der  Zwillinge  und  Missbildungen.  D 
abdominale  Punktion  des  Hydramnion  (Schatz,  Henkel)  w'rd  abgelehnt, 
dagegen  wurde  4  mal  die  Punktion  von  der  Vagina  aus  mit  Erfolg 

genommen.  erschan  -  Breslau:  Ueber  die  Behandlung  der  puerperalen 

Allgemeininfektion  mit  Präparat  Heyden  Nr.  324  „i„Wrnirnilnid'»li>m 

Die  Erfolge  mit  dem  Präparat,  einer  Verbindung  von  elektrokollo  dalem 

Silber  und  Kupfer,  das  demnächst  im  Handel  unter  dem  Namen  CuprocolHrgol 
gebracht  wird,  waren  bei  puerperaler  Sepsis  so  günstig,  dass  eine  Nach¬ 
prüfung  an  grösserem  Material  angezeigt  erscheint.  Das  I  raParat  wurde 
steril,  stets  5  ccm,  in  die  Armvene  injiziert,  Gesamtdosis  5  Imektic mci, 
meist  aber  konnten  1—3  Injektionen,  im  Abstand  von  2  TaJfprP nd  FäUen 
wünschten  Erfolg  herbeiführen.  In  5  geheilten  von  6  schweren  Fa  len 
konnten  im  Blut  Bakterien  nachgewiesen  wetden.  Dm  therapeutische  ' W  r  - 
samkeit  besteht  in  einer  Reizwirkung  auf  den  Organismus,  d  e  eine  Lei¬ 
stungssteigerung  der  Zellkomplexe  herbciführt,  doch  muss  die  Einleitung  der 
Behandlung  möglichst  frühzeitig  geschehen 

O  P  1  ü  m  e  c  k  e  -  Berlin:  Ueber  Entbindungen  nach  Vaginifixur 

Entbindungen  nach  Vaginifixur  verlaufen  ohne  Storung,  wenn  bei  der 
Operation  nach  der  richtigen  Technik  vorgegangen  wird.  Nach  der  niederen 
Martins  sehen  Fixationsmethode  an  der  Umschlagsfalte  traten  bei  73  Fal  c 
keine  Geburtsstörungen  auf.  Die  Vaginifixur  ist  weniger  eingreifend  als  die 
Ventrifixation  und  sicherer  als  die  Operation  nach  Alexander-Adams, 
da  Verwachsungen  nicht  übersehen  werden. 

D.  v.  0 1 1  -  Petersburg:  Vervollkommnungen  der  Myomoperation  an 

Hand  von  mehr  als  2000  Köllotomlen.  .  _  x  .  . ,  .  _ 

Nach  einem  geschichtlichen  Rückblick  über  die  Entwicklung  der  Myom¬ 
operationen,  an  deren  technischer  Vervollkommnung,  besonders  der  vaginalen 
Operationsmethoden  v.  O.  wesentlich  mitgewirkt  hat,  berichtet  er  über  seine 
eigenen,  sich  von  Jahrfünft  zu  aJhrfünft  bessernden  Erfolge  wobei  es  ihm 
gelang,  die  Sterblichkeit  auf  beinahe  0  Proz.  herunterzudrucken.  Er  bevor¬ 
zugt,  2 ausser  bei  konservativen  Operationen  die  Panhysteromyomektomie 
und  zwar  möglichst  auf  vaginalem  Wege  unter  Umstanden  durch  Zc  - 
Stückelung.  Die  Röntgenbehandlung  lehnt  er  ab. 

E.  Wehefritz  -  Göttingen:  Pubertas  praecox  und  Gravidität. 

Beobachtung  einer  Schwangerschaft  und  Entbindung  bei  einem  11  iahr. 

Mädchen,  das  mit  10  Jahren  menstruiert  war,  körperlich  den  E>ndr“ck 
18—20-Jährigen  machte,  aber  geistig  auf  dem  Stand  eines  lOjahr.  Madchms 
stehen  geblieben  war.  Aetiologisch  ist  die  Pubertas  praecox  als  eine  patho¬ 
logische  Konstitution  aufzufassen,  wobei  der  endogene  Krankheitsfaktoi  in  d  r 
Erkrankung  des  ganzen  endokrinen  Systems  gelegen  ist. 

H  H  e  i  d  1  e  r  -  Wien:  Eine  seltene  Gestationstoxonose.  . 

Eine  Frau  bekommt  jedesmal,  wenn  sie  schwanger  ist,  Anfälle,  die  im 
normalen  Zustand  nicht  auftreten.  Der  erste  und  einzige  Anfall  verbunden 
mit  Krämpfen  während  der  ersten  Schwangerschaft  wird  fälschlich  als  in  er- 
kurrente  Eklampsie  gedeutet.  Bei  den  nächsten  Schwangerschaften  hau  en 
sich  die  Anfälle  von  Bewusstlosigkeit,  ohne  von  Zuckungen  und  Krämpfen 
begleitet  zu  sein,  wobei  sich  die  ersten  Anfälle  schon  7—8  Stunden  nach 
dem  befruchtenden  Beischlaf  einstellen,  so  dass  die  Frau  in  ihnen  ein  nie 
trügendes,  höchst  persönliches  Frühdiagnostikum  der  Schwangerschaft  besitzt 
Für  das  Leiden,  das  schwer  von  Epilepsie  zu  unterscheiden  ist.  wird  eine 
Unterfunktion  der  Nebenschilddrüse  als  Basis  angenommen,  eine  Krampf¬ 
bereitschaft,  eine  Uebererregbarkeit  des  gesamten  Nervensystems. 

K  o  1  d  e  -  Magdeburg. 


Zentralblatt  für  Gynäkologie.  1923.  Nr.  28. 

R.  Michaelis:  Flbromyome  der  Harnröhre.  (Diakonissenanstalt  Bad 

Kreugiactü  su^k  der  Myome  und  Fibromyome  der  weiblichen  Harnröhre 
ist  spärlich.  Verf.  beschreibt  2  Fälle.  Im  einen  klagte  die  Kranke  über 
Harndrang,  im  anderen  über  Druckgefühl  in  der  Scheide,  im  einen  Falle  war 
die  Harnröhre  klaffend,  man  fühlte  einen  walnussgrossen  Tumor,  der,  da 
die  Operation  aus  äusseren  Gründen  sich  verzögerte,  spontan  unter  grossen 
Schmerzen  durch  die  Harnröhre  geboren  wurde;  im  zweiten  hatte  sich  der 
apfelgrosse  Tumor  nicht  in  das  Harnröhrenlumen,  sondern  gegen  das  Septum 
urethro-vaginale  hin  entwickelt  und  machte  daher  keine  Harnbeschwerden. 
Beide  Tumoren  gingen  von  der  hinteren  Harnröhrenwand  aus  und  erwiesen 
sich  histologisch  als  Fibromyome.  Operation,  Heilung.  .. 

E.  Vey:  Ein  Beitrag  zur  Behandlung  der  weiblichen  Urethralgonorrhoe. 

(Universitäts-Frauenklinik  Jena.)  .  .  „ 

Auf  Grund  von  Arbeiten  an  der  Leiche  zur  Feststellung  des  anatomischen 
Befundes  bei  Harnröhrendilatation  sowie  auf  Grund  seiner  klinischen  Er¬ 
fahrungen  empfiehlt  Verf.  Behandlung  der  weiblichen  Urethralgonorrhoe 
mittels  Erweiterung  der  Harnröhre  und  nachfolgender  Aetzung.  Die  Harn¬ 
röhre  kann  ohne  Schädigung  völlig  entfaltet  werden  Es  genügen  meist 
2—3  Aetzungen  in  8— 10  tägigen  Intervallen  nach  Dilatation.  Völlige  Ent¬ 
faltung  der  Schleimhaut  erfolgt  bei  Hegar  8.  Verf  dilatiert  mittels  Mast¬ 
darmspekulum1.  nach  Kelly  bis  Kelly  Nt.  8.  Ob  Arg  nitr.,  Kollargol 
Arthigon,  Trypaflavin  oder  Choleval  angewendet  wird,  ist  ziemlich  gleich¬ 
gültig.  Verf.  bevorzugt  Argochrom.  . 

E.  Löwy:  Zur  Frage  der  Versorgung  des  resezierten  Ureters.  (Uni¬ 
versitäts-Frauenklinik  Prag.)  4  ..  .  .  -n„ 

Für  die  Fälle,  wo  die  Resektion  des  Ureters  notwendig  ist,  oder  seine 


Durchtrennung  ungewollt  erfolgte  und  die  Implantation  infolge  hohen  Sitzes 
der  Verletzung  und  Unmöglichkeit  genügender  Blasenmobilisierung  mehl 
ausführbar  ist.  bestehen  drei  Methoden  der  Versorgung  des  Ureters, 
die  doppelte  Unterbindung  nach  Stoeckel,  die  Ureterknotung  nach 
Stocckel-Kawasoye  und  die  Torquierung  nach  P  o  t  c  n.  \  erl. 
berichtet  über  10  Fälle  aus  der  Prager  Klinik.  Am  ungünstigsten  erwies 
sich  die  Knotung.  am  besten  die  Torquierung  und  Versorgung  im  Btcktn- 
bindegewebe  mittels  Peritoneums  (zwei  Dauererfolge),  Infel ^«on  ist  nicht  sehr 
zu  fürchten,  sie  trat  nur  zweimal  auf.  Ausführliche,  für  den  Operateur  lehr- 

i  uüie  Arbeit.  w  ß  .  t  z  e  r;  Ueber  Cystitis  dissecans  gangraenesce« 
(Stoeckel)  infolge  Retroflexlo  Uteri  gravldi  Incarcerati.  (Universität^ 

1  rau^klim^Leipzig.)^  ^  4  Monats  hatte  sich  infolge  Inkarzeratioii  1  schür ia 
Paradoxa  gebildet.  In  der  Klinik  erfolgte  sofort  Aufrichtung  des  Jterus 
sowie  Zystitisbehandlung.  Trotzdem  wurde  18  Tage  später „«"efsfek^er 
Schmerzen  durch  die  Harnröhre  ein  600  ccm  fassender  gangranoser  S^ack.  der 
grösste  Teil  der  Blase,  ausgestossen.  Die  zuruckbleibendi  ••NarbenschrumM- 
blase“  (Stoeckel)  hatte  anfänglich  5  ccm,  nach  Monaten  50  ccm  Fassungs 
vermögen.  Es  blieben  Inkontinenz,  chronische  Zystitis  und  Pyentis  zurii^ 
Der  Fall  lehrt,  dass  die  Rctroflexio  bei  Graviden  nicht  frühzeitig  genug  er 
kannt  werden  kann.  Hier  hatte  die  Ischuria  nur  3  Tage  gedauert,  am  4 
wurde  reponiert,  trotz  der  kurzen  Zeit  und  trotz  sorgfältiger  Blusenb^ha.id 
lung  ist  Gangrän  mit  den  schwersten  Folgezustän^en^ 


Archiv  für  experimentelle  Pathologie  und  Pharmakologie.  98.  Bd, 

1.  und  2.  Heft. 


J  o  a  c  h  i  m  o  g  1  u  und  M  o  s  1  e  r  -  Berlin:  Vergleichende  Untersuch«»*!, 
über  die  Wirkungen  des  d-,  1-  und  i-Kainpfers.  V.  Mitteilung.  Elektro- 

graphische  Untersuchungen  am  isolierten  Froschherzen.  .  .  v 

Die  3  Kampferisomeren  rufen  am  Elektrogramm  glei,chsinFn'gke.  >e ' 
änderungen  hervor,  wobei  elektrische  Erregung  und  mechanischer  Effekt  innig 

miteinander  verknüpft  sind.  atA 

Hsü  und  W  a  1  b  a  u  m  -  Tübingen:  Ueber  den  Einfluss  der  Teinp^ratm 

auf  die  Arbeitsleistung  des  Froschherzens. 

Siehe  d.  Wschr.  1922  S.  490. 

E  F  r  c  y  -  Marburg:  Die  Muskelwirkung  der  erregenden  Gute. 

Erregende  Gifte,  z.  B.  Pikrotoxin,  Kampfer,  Koffein,  Strychnin  u.  a.  be¬ 
wirken  eine  Leistungssteigerung  des  Muskels  (Erhöhung  des  Zuckungsgipfe.s, 
infolge  einer  Verzögerung  der  Erholungsvorgänge  im  Muskel.  Die  MusKcl- 
Verkürzung  besteht  in  einer  Quellung  unter  dem  Einfluss  der  explosions¬ 
artig  entstehenden  Milchsäure  und  Phosphorsäure  aus  einer  bereitgehaltencr 
Betriebssubstanz,  die  Erschlaffung  beruht  auf  einem  Versckwl"de" .  ‘ 
Säuren  durch  Wegdiffundieren  und  Wiederaufbau  zu  organischer  Bind  ng 
Ein  längeres  Bestehenbleiben  der  beiden  Säuren  führt  zur  Vergrößerung  de 
Verkürzung  und  Verlängerung  der  Kontraktionsdaucr.  ^.1"  U(;berIS!:b'nC 
dieser  nach  Zeit  und  Giftkonzentration  begrenzten  Phase  fuhrt  zur  Lähmung 
Jacob  y- Tübingen:  Untersuchungen  über  Formaldehydgangran.  1.  tei 
Der  Vorgang  der-  Stasen-  und  Throinbosenblldung  bei  Einwirkung  von  Formal 
dehyd  nach  Beobachtungen  an  der  Froschschwimmhaut  intra  vitam. 

M ^o  g  -  Marburg1;9  Der  Einfluss  von  Pilokarpin,  Atropin  und  Adrenalli 

auf  die  unmerkliche  Hautwasserabgabe. 

Pilokarpin  bewirkt  eine  Steigerung  der  unmerklichen  Hautwasserabgabi 
durch  Reizung  parasympathischer  Nervenendigungen  der  Schweißdrüsen 
also  durch  unmerkliche  Schweisssekretion  Atropin  und  'n(: 

muskulär  schränken  sie  ein,  erstens  durch  Sekretionshemmung  der  Schwe  ss 
drüsen,  letzteres  durch  Vasokonstriktion,  die  die  Durchblutung  der  Schwuss 
drüsen  und  damit  ihre  Funktion  verringert.  Die  Vermehrung  der  lnsensib.u 
Haut wasserabgabe  ist  also  in  der  Hauptsache  kein  physikalischer  Ver 
dunstungsvorgang,  der  direkt  von  der  Gefässweite  abhängig  ist. 

K  1  e  w  i  t  z  -  Königsberg:  Beiträge  zur  Stoffwechselphysiologie  des  über 

lebenden  Warmblüterherzens.  _  ,  .  ,  .  r. 

Für  das  Warmblüterherz  kommen  nicht  nur  Traubenzucker  und  Gis 
kogen  als  Energiespender  in  Betracht,  sondern  auch  fettartige  und  sich 
N-haltige  Substanzen,  die  auch  als  Depotstickstoff  gespeichert  und  i 
energetischen  Zwecken  und  zum  Ersatz  von  Zellmaterial  verwendet  werde! 

können,  r  sch  und  Rüppel-Bonn:  Experimentelle  Untersuchungen  fl» 
Frage  der  progressiven  Anämie  als  Folge  von  Schwangerschaft.  Nebst  Be 

merkungen  zur  vergleichenden  Pathologie  und  Klinik  der  Biermer-Ehrlic| 

Anämie  überhaupt.  „„ 

In  Versuchen  an  Kaninchen  konnten  die  Verfasser  mit  Presssaft  au 
Fötus  und  Plazenta  nicht  die  geringste  Blutschädigung  erzielen  Sie  Klaubei; 
daher,  dass  die  Schwangerschaft  höchstens  in  seltenen  Fällen  „Schrittmache 
nicht  Ursache  der  progressiven  Anämie  sein  kann.  Es  handelt  sich  nicht  n 
abnorme  Durchlässigkeit  des  graviden  Uterus  resp.  der  Plazenta.  Eine  ve 
giftung  vom  Darm  aus  als  direkte  Ursache  der  perniziösen  Anämie  is 
bisher  nur  für  die  Botriozephalusanämie  bewiesen. 

J  e  n  d  r  a  s  s  i  k  -  Leiden:  Eine  einfache  Methode  zur  Demonstration  de 
Pilokarpinbindungsverjnögens  von  Kaninchenserum.  ...  u 

Die  bindende  Fälligkeit  des  Kaninchenserums  kann  man  dadurch  nacni 
weisen,  dass  das  im  Serum  gelöste  Pilokarpin  nach  Ablauf  einer  bestimmteil 
Zeit  durch  Jodjodkalium  nicht  mehr  gefällt  werden  kann. 

G  r  u  m  a  c  h  -  Königsberg:  Die  Beeinflussung  der  Gefasswirkung  ae 
Strophanthins  durch  Antimon,  Kalium  und  Kalzium.  ,  . 

Wie  am  Herzen,  so  lässt  sich  auch  am  Gefässsystem  des  Frosches  ein 

Steigerung  der  Strophanthinempfindlichkeit  durch  Antimonvergiftung  r.acnj 
weisen.  Es  lievt  ihr  eine  direkte  Verschiebung  des  Kationenverhaltnisse., 
zugunsten  des  Kaliums  zugrunde.  L.  J  a  c  o  b  -  Bremeiu,| 


Deutsche  Zeitschrift  für  die  gesamte  gerichtliche  Medizin.  192.1 

Heft  4.  Mit  12  Abbildungen. 

Ueber  das  Schwimmen  menschlicher  Leichen.  Von  Prof.  Karl  Reuterj 

Hurnburg.rrtümiiche  Volksanschauungen  über  die  Ursache  des  Schwimmen 
menschlicher  Leichen  mitunter  unbewusst  die  Aussagen  von  Zeugen  v 
Gericht  beeinflussen  und  dann,  beim  Auftreten  von  Widerspruchem 
anlassung  zur  Einholung  gerichtlich-medizinischer  Gutachten  geben  konn-i 


August  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1031 


iilt  R.  die  Klärung  dieser  Frage  vom  gerichtlich-medizinischen  Standpunkte 
ir  wichtig:,  Er  behandelt  diese  Frage  an  der  Hand  der  Literatur  und 
ersonnenen  Beobachtung.  Er  kommt  zu  dem  Schluss,  dass  die  VolkS- 
nschauung,  jede  Leiche  eines  Ertrunkenen  müsse  im  Wasser  sofort  unter- 
ehen,  irrig  sei  und  dass,  wenn  eine  frische  Leiche  im  Wasser  schwimme,  an 
cli  nichts  ungewöhnliches  habe  und  dass  sie  a  priori  nicht  gegen  die  An- 
ahme  des  Ertrinkungstodes  zu  verwerten  sei.  Ueberhaupt  sei  es  nicht 
ogiich  ohne  weiteres  irgendeinen  Zusammenhang  zwischen  Todesursache  und 
chwimmverinögen  einer  Leiche  zu  konstruieren,  die  nur  dann  in  Frage 
jmmen  könne,  wenn  der  Tod  durch  Einwirkungen  hervorgerufen  ge- 
esen  wäre,  welche  entweder  die  Entstehung  von  (Jasen  in  der  Leiche  oder 
ier  die  Beseitigung  oder  Verminderung  ihres  natürlichen  Luitgehalts  zur 
ilge  gehabt  hätten,  was  aber  in  Wirklichkeit  wohl  kaum  vorkommc. 

Die  Totenstarre  beim  Menschen.  Von  Prof.  Dr.  R.  M  e  i  x  n  e  r  -  Wien. 

Behandlung  der  Frage  über  Ursache,  Zeit  des  Eintrittes  und  des 
:hwindens  der  1  otenstarre  auf  Grund  eigener  Beobachtungen  seitens  des 
erfassers. 

Die  Bedeutung  von  Verletzungsbefunden  für  die  Frage  „Selbstmord  oder 
ord“.  (Eigentümliche  Verletzungen  bei  Mord  durch  Hiebe.)  Von 
r.  Anton  Maria  Marx.  (Aus  dem  gerichtlich-medizinischen  Institute  der 
putschen  Universität  Prag.) 

Mitteilung  von  3  auf  obige  Frage  bezüglichen  Fällen. 

Ueber  die  Verteilung  des  Kohlenoxyds  ln  der  Leiche  bei  Fällen  von 
»hlenoxydgasvergiftungen  auf  Grund  spektrophotometrischer  Messungen 
)n  Dr.  Walter  Schwär  zacher  -  Graz. 

Nach  den  von  Schw.  angestellten  Untersuchungen  ist  das  Kohlenoxyd- 
moglobin  im  Leichenblute  nicht  in  den  gleichen  Mengen  überall  in  den  Blut- 
'fässen  anzutreffen,  vielmehr  weise  das  Blut  in  der  Schädelhöhle  in  der 
-gel  den  grössten  Teil  hievon  auf,  das  Herzblut  enthalte  durchschnittlich 
ittlere  Mengen,  im  Blute  der  oberflächlich  gelegenen  Venen  sei  je  nach  dem 
ihlenoxydgehalt  des  Raumes,  in  dem  die  Leiche  gelegen,  mehr  oder 
eniger  Kohlenoxyd  nachweisbar.  Diese  Unterschiede  seien  durch  physi- 
hsche  Vorgänge  wie  Dissoziation  und  Diffusion  dieses  Gases  durch  die 
irperoberfläche  zu  erklären.  Durch  quantitative  Untersuchung  des  Leichen- 
utes  sei  es  möglich  zu  entscheiden,  ob  eine  vitale  Vergiftung  oder  ein 
fälliges  postmortales  Eindringen  des  Kohlenoxyds  vorliege. 

Gerlcbtsärztllche  Analyse  eines  Falles  von  Schrotschussverletzung.  Von 
.  Jos.  Hesse-  Münster  (Westfalen). 

Verf.  kommt  auf  Grund  seiner  Beobachtungen  zu  dem  Schlüsse,  dass  über 
'  Entfernung,  aus  der  ein  Schuss  abgefeuert  wurde,  ein  Urteil  abzugeben 
r  möglich  sei,  wenn  Waffe  und  Munition  bekannt  sind  und  mit  beiden 
^gleichende  Untersuchungen  tunlichst  unter  gleichen  äusseren  Bedingungen 
btterung,  Luftbewegung  usw.)  angestellt  wurden.  S  p  a  e  t  -  München. 

Klinische  Wochenschrift.  1923.  Nr.  28. 

K  ö  1 1  n  e  r  -  Würzburg:  Wandlungen  und  Fortschritte  der  Lehre  von 
n  physiologischen  Grundlagen  der  räumlichen  Orientierung. 

Uebersichtsaufsatz. 

H.  J.  Ha  mburger  -  Groningen:  Ueber  eine  neue  Form  von  Zusammen- 

rkung  zwischen  Organen. 

Neben  den  2  bekannten  Formen  der  Zusammenarbeit  von  Organen  (z.  B. 
ibertragung  eines  sensiblen  Reizes  mittelst  des  Zentralnervensystems  auf 
i 'torisch  reagierende  Organe,  Uebertragung  von  Stoffen  mittelst  des  Blutes 
n  einem  Organ  auf  ein  zweites)  gibt  es  eine  weitere  Form:  Versuche 
ugten,  dass  durch  Nervenreizung  in  einem  Organ  gewisse  Stoffe  freige- 
ücht  und  mit  dem  Blutstrom  an  andere  Organe  herangebracht  werden, 

'  welche  sie  dann  in  spezifischer  Weise  wirken  (z.  B.  Entstehung  von 
gusstoffen  und  Sympathikusstoffen).  Diese  Stoffe  können  auf  chemisch- 
ysikalischem  Wege  direkt  nachgewiesen  werden. 

F.  Bruening  und  O.  S  t  a  h  1  -  Berlin:  Ueber  die  physiologische  Wir- 
jg  der  Exstirpation  des  periarteriellen  sympathischen  Nervengeflechtes. 

Mitteilung  neuer  Versuche  und  Beobachtungen,  im  Original  zu  ver- 
lchen. 

Herrn.  W  e  i  1  -  Frankfurt  a.  M.:  Wird  in  einem  primär  durchflossenen 
pillargebiet  mehr  Salvarsan  zuriickgehalten  als  in  einem  sekundär  durch- 
»senen? 

Beim  Vergleich  eines  sofort  von  dem  salvarsanhaltigen  Blut  durch- 
isenen  Organgebietes  mit  einem  erst  später  davon  getroffenen  ergibt  sich, 

>s  immer  eine  grössere  Arsenmenge  im  ersteren  zurückgehalten  wird. 
:se  Ueberlegenheit  kann  beim  Neosalvarsan  sehr  gering,  beim  Silber- 
ivarsan  recht  gross  sein. 

P.  György  und  K.  G  o  1 1 1  i  e  b  -  Heidelberg:  Verstärkung  der  Be- 
ahlungstheraple  der  Rachitis  durch  orale  Eosinverabreichung. 

Bei  14  behandelten  Fällen  wurde  durch  die  Kombination  der  Bestrahlung 

der  Eosinsensibilisierung  die  Behandlungsdauer  wesentlich  abgekürzt  und 

Ouarzlampenbrennzeit  verkürzt.  Das  Eosin  setzten  die  Verfasser  den 
chgemischen  für  die  Kinder  zu=  am  Tage  nachher  erfolgte  dann  die 
''eilige  Bestrahlung. 

E.  K.  W  o  1  f  f  -  Berlin:  Die  biologische  Differenzierung  des  Org.m- 

'eisses. 

Beschreibung  einer  neuen  Methode  einer  Extraktbereitung  und  Immuri- 
^  umherstellung.  Es  lässt  sich  damit  das  Eiweiss  verschiedener  Organe 
'er  Art  differenzieren,  auch  die  Differenzierung  gleicher  Organe  Verschie¬ 
ber  Arten,  was  besonders  auch  für  die  gerichtliche  Medizin  wichtig 

'cheint. 

P.  N  e  u  d  a.  Fr.  Redlich  und  H.  S  i  e  1  m  a  n  n  -  Wien:  Zur  Patho- 
ese  des  sog.  „Röntgenkaters“. 

Vortrag  auf  dem  Internistenkongress  in  Wien  1923. 

H.  K  a  I  k  -  Frankfurt  a.  M.:  Erfahrungen  mit  der  Proteinkörpertherapie 
1  Ulcus  ventriculi  und  duodeni. 

Zusammenfassend  sagt  Verf.,  dass  mit  dem  dort  geübten  Behandlungs¬ 
fahren  sich  die  objektiven  Symptome,  wie  Röntgenbild,  Sekretionsver- 
tmsse  noch  schlechter  als  die  subjektiven  beeinflussen  lassen.  Er  kann 
er  in  der  Injektionstherapie  dieser  Geschwüre  mit  Novoprotin  keinen 

tschntt  erblicken. 

,,  W.  v.  K  a  p  f  f  -  Homburg  v.  d.  H.  (München):  Ueber  das  Fehlen  der 
acke  Im  Elektrokardiogramm  bei  erhaltener  A-Welle  Im  Venenpuls. 

Bei  fehlender  P-Zacke  im  Elektrokardiogramm  ist  die  gleichzeitige'  Auf- 
me  des  Venenpulses  notwendig.  Die  Deutung  von  Extrasystolen,  des 


Vagusdruckversuches,  regelmässiger  Rhythmen  ohne  P  wird  durch  die  Fest¬ 
stellung  einer  a-Welle  im  Venenpuls  bei  fehlender  P-Zacke  entscheidend  be¬ 
einflusst. 

G  r  u  m  m  e  -  Fohrde:  Betrachtungen  zur  Eisenwirkung. 

Verf.  widerspricht  der  Aufstellung  von  H  e  i  n  t  z  -  Erlangen,  dass  organi¬ 
sches  Eisen  zu  schlecht  resorbiert  werde  und  daher  per  os  ferrum  reduct. 
zu  verordnen  sei. 

■  u'  ^  *.?„*  n  *  6  ^  ’  Heidelberg:  Superinfektion  bei  experimenteller  Ka¬ 
ninchensyphilis. 

Bemerkungen  zu  den  Entgegnungen  von  Buschke  und  K  r  o  o  und 
Frei,  Nr.  21  und  27. 

K.  M  ey  e  r  -  Berlin:  Zur  Bakteriologie  des  Duodenums. 

Verf.  na«  den  Nachweis  für  nicht  erbracht,  dass  die  Bakterien  des 
Duodenum  mit  der  Mundflora  identisch  seien  und  kann  daher  eine  prinzipielle 
Trennung  der  Duodenal-  und  der  übrigen  Darmflora  nicht  als  richtig  aner¬ 
kennen. 

, ,  A-  Wcjlbauer  und  E.  J  a  k  o  b  s  t  h  a  1  -  Hamburg:  Bemerkungen  zu 
obigen  Ausfuhrungen. 

.  E  r  i  e  d  j  u  n  g  -  Wien:  Pneumonie  und  neuropathische  Konstitution 

im  Kindesalter. 

m  ZUm  Aufsatz  von  Bergmann  und  Kochmann  in 

Nr.  22  d.  Klm.  Wschr. 

E.  C.  M  e  y  e  r  -  Greifswald :  Eine  Methode  zur  Bestimmung  der  Gallen- 
sauren  im  Duodenalsaft  (Galle). 

.  •  £  Bielin  g- Höchst:  Untersuchungen  über  die  intramolekulare  Atmung 
bei  Mikroorganismen. 

E.  Bloch-  Berlin  :  Untersuchungen  über  Urinlipase. 

A.  H  i  n  t  z  e  -  Berlin:  Symmetrisches  Ganglion  am  Fussrücken. 

Grassmann-  München. 


Deutsche  medizinische  Wochenschrift. 

Nr.  27.  Schröder-  Greifswald:  Die  Entwicklung  der  Histopathologie 
des  Nervensystems  nach  N  i  s  s  1. 

....  ,E;  A  t  zl e  f- Berlin:  Physiologische  Betrachtungen  über  Blutersatz- 
flussigkeiten. 

G.  L  e  h  m  a  n  n -Berlin:  Die  physikalisch-chemischen  Grundlagen  einer 
Losung  zur  intravenösen  Injektion. 

Diese  beiden  Aufsätze  hängen  eng  zusammen,  als  Ergebnis  schlägt  L. 
folgende  Lösung  vor:  NaCl  8  g,  KCl  0,2  g,  CaCb  0,2  g.  MgCh  0,1  g.  Gummi 
arab.  70  g,  NaHCOa  (zur  Regulierung  der  dem  Blut  entsprechenden  neutralen 
Reaktion)  ca.  1,2  g,  Aq.  dest.  ad  1000  g.  (Ref.  benutzt  die  Gelegenheit,  um 
m  unserer  abkürzlustigen  Zeit  die  Einführung  einer  internationalen  kurzen 
Benennung  der  „physiologischen  Kochsalzlösung“  anzuregen.) 

E.  J.  L  e  s  s  e  r  -  Mannheim :  Die  Zuckerbildung  im  Tierkörper. 

Behandelt  die  Hydrolyse  des  Glykogens  zu  Traubenzucker  in  der  Leber 
nach  den  Ergebnissen  der  neuesten  Forschung. 

A.  G  r e  i  1  -  Innsbruck:  Algemeine  Entstehungsbedingungen  der  Kon¬ 
stitutionsanomalien. 

Bemerkungen  zum  Aufsatz  von  R  o  u  x  in  Nr.  4. 

W.  Roux:  Antwort  auf  Vorstehendes. 

L  e  p  e  h  n  e  -  Königsberg:  Ueber  gallentreibende  Mittel  und  ihre  An¬ 
wendung. 

Kurze  kritische  Besprechung  einer  grossen  Zahl  auch  neuester  Arznei- 
und  Heilmittel  zur  Beförderung  der  Galleausscheidung  und  des  GalDn- 
abflusses. 

A.  Braunstein  -  Berlin:  Diabetes  und  Karzinom. 

erklärt  das  Ausbleiben  der  Glykosurie  bei  Pankreaskarzinomen,  und 
die  Verminderung  des  Zuckers  beim  Diabetiker,  der  karzinomkrank  wird,  wird 
vom  Verf.  auf  die  im  Krebsgewebe  vorhandenen  glykoly tischen  Fermente 
zuruckgeführt.  Für  die  Diagnose  des  Pankreaskarzinoms  ist  die  Glykosurie 
nicht  heranzuziehen.  Das  Schwinden  der  Glykosurie  des  Diabetikers  bei 
einer  kruppösen  Pneumonie  dürfte  in  ähnlicher  Weise  auf  dem  Freiwerden 
des  glykolytischen  Fermentes  durch  den  Leukozytenzerfall  (Hyperleuko¬ 
zytose)  beruhen. 


C.  Sonnenschein-  Köln:  Tödliche  Meningitis  nach  Lumbalpunktion. 

Lumbalpunktion  bei  einem  fieberfreien  jungen  Mann.  Nach  einigen 
Stunden  Zeichen  beginnender  Meningitis,  die  in  10  Tagen  tödlich  verläuft- 
Eitrige  Zerebrospmalmeningitis,  die  bereits  während  des  Lebens  bakteriell 
und  serologisch  festzustellen  war. 

L.  Jankowich:  Traumatische  Spätblutung  im  Gehirn. 

J.  bestreitet  den  ursächlichen  Zusammenhang  in  dem  von  Qoroncv 
in  Nr.  13  mitgeteilten  Fall. 

M  o  s  e  r -  Königsberg:  Zur  Schizophreniebehandlung  mit  Somnifendauer- 
narkose. 

M. s  Erfahrungen  können  die  von  K  ä  s  i  berichteten  Erfolge  nicht  be¬ 
stätigen.  Dagegen  dürfte  sich  das  Somnifen  zur  symptomatischen  Behandlung 
starker  Erregungszustände  oft  gut  verwenden  lassen. 

K.  L  ä  m  m  1  e  -  Neustrelitz :  Eine  einfache  Methode,  Warzen  schmerzlos 
und  ohne  erhebliche  Narbenbildung  zu  entfernen. 

L.  empfiehlt  nach  der  von  Blendermann  empfohlenen  Auslöffelung 
der  gefrorenen  Warzen  sofortiges  kräftiges  Betupfen  des  Wundbettes  mit 
Liq.  ferr.  sesquichlor. 

U  1  r  i  c  h  -  Herrnhut :  Zur  Eklampsiebehandlung  mit  Novasurol. 

Völlige  Komatose  und  Anurie.  Aderlass  ohne  Erfolg.  Nach  einer 
Injektion  von  Novasurol  Aufhören  der  Krämpfe,  Eintritt  der  Diurese  Am 
gleichen  Tag  zweite  Injektion.  Allmähliche  Heilung. 

L.  Asch  off:  Ueber  die  Zukunft  der  städtischen  Prosektunen. 

Ein  Mahnruf  an  die  Stadtverwaltungen  zur  Erhaltung  der  Prosekturen. 


Nr.  28.  K  ü  1 1  n  e  r  -  Breslau:  Ueber  Hepatargie,  chronischen  Cholaskos 
und  andere  problematische  Krankheitsbilder  der  Gallenwegschirurgie 

Siehe  Bericht  M.m.W.  1923  S.  546. 

F.  T  o  n  i  e  1 1  i  -  Kiel:  Die  Beurteilung  der  Leberfunktion  durch  Chromo- 
eholoskopie. 

Von  allen  Leberfunktionsproben  hat  die  Chromocholoskopie  mit  Indigo¬ 
karmin  die  beständigsten  Resultate  gegeben. 

H.  D  ü  r  c  k  -  München:  Die  Erforschung  der  anatomischen  Grundlagen 
geistiger  und  nervöser  Krankheiten. 

Gemeinverständlicher  Vortrag. 


1032 


MÜNCHENER  MED1 ZINISCHE  WOCHENSCHRIFT . 


Nr.  31. 


K.  V  o  r  1  ä  n  d  e  r  -  Freiburg  i.  B.:  Histologische  Untersuchungsergebnlsse 
über  die  Wirkung  der  Bestrahlung  aui  das  lmpikarzinom  der  Maus. 

Nach  V  s  Befunden  ist  für  die  karzinomvernichtende  Wirkung  einer 
zweckmässigen  Bestrahlung  eine  vorangehende  Bindegewebszellularreaktion 
von  wesentlichster  Bedeutung.  Das  Bindegewebe  erscheint  als  der  Träger 
der  Allgemeinreaktion  des  Organismus.  Durch  übergrosse  Strahlendosen  geht 
die  günstige  Wirkung  verloren.  , 

F.  Kok:  Experimentelle  Beiträge  zur  Strahlenbehandlung  des  Karzinoms. 

K  betont,  dass  es  nicht  auf  möglichst  starke  Bestrahlung  ankommt, 
sondern  mittlere  Dosen  wirksamer  sind  und  dass  weniger  die  auf  den  Tumor 
selbst  einwirkende  Strahlenmenge  ausschlaggebend  ist,  als  die  Grösse  des 
durchstrahlten  Körpervolumens;  als  wesentlichster  Faktor  hat  die  Allgemein¬ 
wirkung  auf  den  Organismus  zu  gelten. 

A.  Philipp  so  n- Hamburg:  Kritische  Bemerkungen  zur  experi¬ 
mentellen  Krebserzeugung. 

Ph.  schlägt  u.  a.  vor,  sich  von  dem  sattsam  erprobten  Teer  abzuwenden 
und  mit  anderen  chemischen  Stoffen,  wie  Anilin,  Benzidin,  Nikotin,  Scharlach- 
oder  Kongorot,  Akridin  oder  Cholin  die  künstliche  Krebserzeugung  zu  ver¬ 
suchen,  um  allgemeinere  Gesichtspunkte  zu  gewinnen. 

A.  R  ö  m  m  e  r  t  -  München:  Ueber  Schwangerschaftsglykosurie. 

Der  Nachweis  der  Glykosurie  nach  der  Brinnitzer-Roubit- 
schek  sehen  Methode  hat  nur  den  Wert  eines  mutmasslichen  Schwanger¬ 
schaftszeichens. 

W.  R  i  c  h  t  e  r  -  Berlin:  Ueber  die  Wismuttherapie. 

R.s  Versuche  sprechen  für  die  gute  Verwendbarkeit  des  Bisinogenols 
insbesondere  bei  Kontraindikationen  gegen  Quecksilber  und  Salvarsan. 

R.  Möller-  Hamburg:  Ueber  einen  Fall  von  nomaähnlicher  Erkrankung  | 

mit  Beteiligung  der  Haut.  _  . .. 

J.  B  r  i  n  i  t  z  e  r  -  Altona:  Die  Behandlung  der  weiblichen  Gonorrhoe. 

Gute  Erfolge  der  Behandlung  mit  dem  1  proz.  Gonostyli  Argent.  nitr. 

W  i  e  c  z  o  r  e  k  -  Königsberg:  Fall  von  ausserordentlicher  Schwellung  und 
Sekretion  der  Brustdrüsen  beim  Neugeborenen.  .  ,  , 

Die  Erscheinungen,  welche  zuerst  als  Mastitis  gedeutet  und  behandelt 
wurden,  schwanden  alsbald  nach  Einstellung  der  Behandlung,  die  Brüste 
produzierten  eine  vollkommen  reife  Milch. 

F.  R  o  h  r  -  Wilhelmshöhe:  Eineiige  Zwillinge. 

Die  beiden  Knaben  wurden  durch  das  1.  Jahr  regelmässig  gewogen  und 
zeigten  eine  ausserordentliche  Uebereinstimmung  in  den  Gewichtszunahmen 
und  -abnahmen,  die  R.  auf  eine  vollkommen  gleiche  innere  Veranlagung  durch 
die  Eineiigkeit  zurückführt. 

FL.  Harry:  Ein  neues  Kombinationspräparat  zur  Prophylaxe  gegen 
Gonorrhöe  und  Syphilis.  i 

Empfehlung  des  „Antifekts“.  ... 

G.  D  o  r  n  e  r  -  Leipzig:  Ueber  eine  einfache  Methode  der  Bluttransfusion. 

Im  Original  einzusehen. 

E.  F  u  1  d  und  F.  Müller-  Berlin:  Die  Resorption  von  Jod  per  os  und 
durch  die  Haut. 

Von  0,05 — 0,1  g  Jod  im  Tag  per  os  werden  Spuren  im  Harn  ausge¬ 
schieden,  der  Rest  gespeichert,  von  0,05—0,1  g  Jodvasogen  (eingeriebeu) 
erscheint  nichts  im  Harn,  der  grösste  Teil  scheint  sich  zu  verflüchtigen. 

v.  N  o  o  r  d  e  n  -  Homburg:  Phosphozym,  Amylutn-Phosphorsäure  plus 
stomachischem  Hefeextrakt. 

Bei  einer  Reihe  von  Erschöpfungszuständen  z.  T.  mit  Reduktion  der 
Nahrungsaufnahme  leisteten  die  Phosphozymtabletten  sehr  Befriedigeides. 

A.  H  u  1 1  n  e  r  -  Berlin:  Zur  Vakzinetherapie  mit  Posterisan. 

Gute  Erfolge  in  der  Behandlung  der  Hämorrhoiden. 

Priessnitz  -  Rüstringen:  Goluthan,  ein  neues  Prophylaktikum. 

Prophylaktikum  gegen  Gonokokkeninfektion. 

O.  S  a  1  o  m  o  n  -  Koblenz:  Zur  Verhütung  des  angioneurotlschen  Svm- 
ptomenkomplexes  bei  Salvarsanbehandlung. 

S.  setzt  der  Salvarsanlösung  10—20  Tropfen  einer  Lösung  von  Kalzium- 
chlorat  und  Aq.  dest.  äa  zu. 

S.  Alexander  -  Berlin:  Aerztliche  Verrechnungsstellen. 

A.  erhebt  gewichtige  Einwendungen  berufsethischer,  rechtlicher  und 
praktischer  Art  gegen  die  allgemeine,  insbesondere  die  zwangsmässige  Ein¬ 
führung  der  Verrechnungsstellen.  Bergeat  -  München. 


Medizinische  Klinik.  Heft  28. 

K.  G  o  1  d  s  t  e  i  n  -  Frankfurt  a.  M.:  Die  Funktionen  des  Stirnhirnes  und 
ihre  Bedeutung  für  die  Diagnose  der  Stirnhirnerkrankungen. 

Zu  kurzem  Bericht  nicht  geeignet. 

W.  Zweig- Wien:  Ueber  Cholecystitis  larvata. 

Es  handelt  sich  um  Infektionen  der  Gallenblase  ohne  Steinbildung. 
Nervöse  Momente  spielen  eine  unzweifelhafte  Rolle.  Man  kann  eine  Gruppe 
von  Kranken  mit  atypischen  Fieberbewegungen  und  dyspeptischen  Be¬ 
schwerden  scheiden  von  einer  zweiten,  die  sich  durch  atypische  Schmerz¬ 
anfälle  auszeichnet,  ln  der  Therapie  hat  sich  das  Felamin  oder  das  (billigere) 
Hexamethylentetramin  bewährt. 

J.  P  1  e  s  c  h  -  Berlin:  Zur  Behandlung  der  Tumoren  mit  fluoreszierenden 

Substanzen.  . . ,  .  ,  , 

Mitteilung  von  3  Krankenberichten;  bei  2  Fällen  konnte  durch  Aeskulin- 
einspritzungen  allein,  bei  dem  dritten  zusammen  mit  Röntgenbestrahlung  eine 
wesentliche  Besserung  erzielt  werden.  Diese  Ergebnisse  ermuntern  zu 
weiteren  Versuchen. 

S  J  o  s  e  p  h  -  Berlin:  Beber  Utermsperforationen. 

Bericht  über  10  Fälle,  deren  8  durch  ärztliche  Eingriffe  geschehen  waren. 
5  Kranke  wurden  gerettet.  Wichtig  ist  die  Frühoperation  und  die  Prophylaxe. 
C.  B.  Schroeder  -  Hamburg:  Versuche  zur  Beeinflussung  des  Keuch- 


Kausale  Mittel  besitzen  wir  noch  nicht.  Nach  Ausbruch  der  Erkrankung 
müssen  die  Anfälle  selbst  bekämpft  werden  (durch  Beeinflussung  des  Reflex¬ 
zentrums  oder  der  sensiblen  oder  motorischen  Bahnen). 

R  e  h  d  e  r  -  Altona:  Hypnolde  Neurosen. 

Ziel  der  Ausführungen  ist  der  Beweis,  dass  die  klinischen  Phänomene 
der  Hypnose  identisch  sind  mit  akuten  hysterischen  Affektreflexen  einer 
suggerierten  Neurose. 

E.  K  1  o  p  f  e  r  -  Wiborg:  Zur  Behandlung  der  Lues  mit  Sulfoxvlat- 


salvarsan.  . 

Bequeme  Handhabung,  gute  Verträglichkeit, 
Möglichkeit  der  Etappenbehandlung. 


langdauernde  Haltbarkeit, 


'  J.  S  c  h  m  i  t  z  -  Berlin:  Erfahrungen  mit  Digotin. 

Gute  Erfahrungen  an  chirurgisch-gynäkologischem  Material. 

X.  M  i  1 1  e  r  -  Berlin:  Zur  Behandlung  des  Trippers  mit  dem  Gonorrhöe- 
bougie  nach  Dr.  E.  Dannemann. 

Empfehlung. 

F.  F  i  s  c  h  1  -  Prag:  Kapillarbcobachtung  am  Lebenden. 

Mit  wenigen  Ausnahmen  gibt  es  keine  für  bestimmte  Krankheiten  charak¬ 
teristische  und  spezifische  Bilder.  Wohl  aber  lassen  sich  im  Zusammenhang 
mit  anderen  Symptomen  wertvolle  Schlüsse  aus  der  Kapillarbeobachtung 

7  ^  H.  E  n  g  e  1  -  Berlin:  Abszessbildung  bei  Arthropathia  tablca  nicht  Unfall- 
f  olge. 

E.  C  1  a  s  e  n  -  Itzehoe:  Varizen-Ulcus  cruris  und  Ihre  Behandlung.  I 

Zinkleimverband. 

Schweizerische  medizinische  Wochenschrift.  1923.  Nr.  23. 

Mennet-Bern:  Anwendung,  Wirkung  und  Gefahren  der  Hypophysen- 

medikatlon  in  der  Geburtshilfe.  , 

Auf  Grund  der  Erfahrungen  der  Berner  Frauenklinik  bespricht  Vert.  an 
Hand  von  Beispielen  die  Indikation  und  Anwendungsweise  des  Pituitrins  und 
Pituglandols  (intravenös  und  subkutan)  und  hebt  besonders  die  Gefahren  bei 
indikationsloser  Anwendung  hervor.  Dass  Hebammen  diese  Mittel  selbständig 
verwenden  ist  absolut  zu  verwerfen. 

Markwalder  -  Baden:  Ueber  Gleichgewichte  von  Ionen  und  Organen. 

Fortbildungsvortrag,  zu  kurzem  Referat  nicht  geeignet. 

F  e  1  i  x  -  Heidelberg:  Ueber  die  Histone  im  Säugllngsorganismus. 

S  t  r  e  b  e  1  -  Luzern:  Durch  SOn  verursachte  Augenschädigungen  (speziell 
zentrale  punktförmige  Viskoseverätzung  der  Hornhäute).  Schutz  durch 
Maskenbrille  mit  Zinkkohlefilter.  . 

Verf.  hat  seit  Jahren  bei  den  Arbeitern  einer  Viskosefabrik  ein  typisches 
Krankheitsbild  beobachtet,  Keratitis  centralis  punctata  superficialis  träum, 
und  Konjunktivitis,  das  er  im  einzelnen  beschreibt.  Er  empfiehlt  und  be¬ 
schreibt  eine  Schutzbrille  mit  seitlichen  Wattefiltern,  die  mit  feinpulverisierter 
Kohle  und  Zinkoxyd  zur  Absorption  und  Neutralisation  der  SOa-Dämpfe  be- 
oudert  sind.  L.  Jacob-  Bremen.  J 


Oesterreichische  Literatur. 

Wiener  klinische  Wochenschrift. 

Nr.  27/28.  V.  Hiess:  Die  fötale  Indikation  der  Geburtsbeendigung. 

Fortbildungsvortrag. 

Nr  26/27.  R.  Volk- Wien:  Immunitätsprobleme  der  Haut. 

G.  Ho  Iler- Wien:  Ein  kurzer  klinischer  Beitrag  zur  Frage  der  Be¬ 
ziehungen  zwischen  Herpes  febrilis,  Encephalitis  letharglca  und  Grippe. 

S.  B  e  c  k  m  a  n  n  -  Wien:  Zur  Kenntnis  der  Pathogenität  des  Bacillus! 

lactis  aerogenes.  „  ,  ,  ,  ,  „  i 

Beschreibung  eines  Falles  von  septischer  Erkrankung,  als  deren  Erreger 
der  Bacillus  lactis  asrogenes  nachgewiesen  wurde  und  intra  vitam  im  Blut 
festzustellen  war. 

P.  M  o  r  i  t  s  c  h  -  Wien:  Ueber  den  Bakteriengehalt  der  Vakzine! 

„Tebecin"  (D  o  s  t  a  1).  .  ,  „  .  I 

Verf.  hat  aus  einer  Probe  des  Tebecin  einen  mit  dem  roten  Kartonei-, 
bazillus  Globig  identischen  Bazillus  gezüchtet,  wodurch  die  Annahme  einen 
Umzüchtung  des  Tuberkelbazillus  widerlegt  ist. 

H.  M  a  e  n  d  1- Grimmenstein:  Ueber  die  diagnostische  Bedeutung  der 
menstruellen  Hyperämie  für  die  Diagnose  der  Lungentuberkulose. 

M.  zeigt  an  mehreren  Fällen,  dass  bei  lungenkranken  Frauen  mit 
negativem  oder  wenig  ausgesprochenem  Auskultationsbefund  dieser  auf  der 
Höhe  Menstruation  oft  in  ausgesprochener  Weise  positiv  oder  verstärkt  wird. 
Diese  ,, Mensesreaktion"  verdient  für  die  Diagnose  und  Prognose  Beachtung. 
Nr.  28.  J.  Schnüi  er- Wien:  Die  Bekämpfung  der  Wut  bei  Hunden. 
Vorgetragen  in  der  Ges.  der  Aerzte  am  8.  VI.  1923. 

B.  Busson-Wien:  Die  Fällung  des  Diphtherietoxins. 

E.  Schütz- Wien:  Zunahme  der  Erkrankungen  an  Magenkrebs.  (Be¬ 
merkungen  zur  Prophylaxe.  „Frühdiagnose“  und  Behandlung  des  Magen- 

karzinoms.)  ,  ,  ,  J 

Sch.  bemerkt  im  Gegensatz  zu  der  Abnahme  während  der  vergangenen 
Jahre  seit  kurzem  wieder  Zunahme  der  Magenkarzinome  und  zwar  auch  bei 
Frauen  und  Personen  unter  40  Jahren.  Sch.  vermutet  die  Zunahme  in  dem! 
vermehrten  Genuss  von  Alkohol  und  von  —  vielfach  zähem  Fleiscn.l 
Daraus  folgt  die  Prophylaxe.  Die  Frühdiagnose  wird  durch  allgemeine  Be¬ 
lehrung,  welche  das  frühzeitige  Aufsuchen  des  Arztes  fordert,  ermöglicht. 

E.  M  a  1  i  w  a  -  Innsbruck:  Beitrag  zur  chemischen  Differentialdlagnose 
der  arteriellen  Hypertonie. 

M.  Floris-Wien:  Ein  Fall  von  Radialislähmung  nach  Zangengeburt. 

Bergeat-  München.  ■  I 


Holländische  Literatur. 

Nederlandsch  Tijdschrift  voor  Geneeskunde. 

Heft  15.  C.  H.  H.  Spronck:  Experimentelle  Untersuchungen  über 
Immunität  gegen  Tuberkulose. 

Ein  keimfreies  Filtrat  am  tuberkulösen  Gewebebrei  von  Meerschwein! 
chen  erzeugt  bei  Einspritzung  unter  die  Haut  gesunder  Tiere  eine  TuberkuJ 
linüberempfindlichkeit,  wie  sie  sonst  bei  verhältnismässg  frischer  örtlicheii 
Erkrankung  beobachtet  wird.  Veri.  nennt  den  wirksamen  Stoff  luberkulani 
Neben  diesem  findet  sich  im  frischen  Auszug  gleichzeitig  Antituberkulan 
Zusatz  von  Tuberkulin  bindet  Antituberkulan;  Tuberkulan  haltendes  Serum 
wie  es  regelmässig  während  der  Entwicklung  der  Tuberkulose  beim  Meer 
schweinchen  gefunden  wird,  bildet  mit  dem  Antituberkulan  eine  Verbindung 
die  von  sensibilisierten  Zellen  nicht  angezogen  wird.  Bei  hochgradige 
Tuberkulose  verschwindet  die  Tuberkulinreaktion.  Verf.  konnte  zeigen,  das 
dabei  eine  Anhäufung  von  Tuberkulan  neben  freiem  Antituberkulan  im  Blut'« 
besteht. 

L.  Bolk:  Der  Anfang  der  juvenilen  Lebensphase. 

Bemerkenswerte  Unterschiede  in  dem  Beginn  der  Menstruation  be 
Jüdinnen  und  Friesenmädchen  lassen  Verf.  statistische  Sammeluntersuchungei 


\üKUSt  192.1. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


>er  verhältnismässig  sesshaften,  unter  gleichen  klimatischen  Einflüssen 
nden  Russen  w  ilnschehswert  erscheinen. 

Heft  16.  A.  GrcVensteck  Thz..  E.  Laqueur  und  W.  R  i  e  b  e  n  - 

n  m  :  lieber  Insulin. 

Aus  frischem  Pankreas  stellten  die  Verfasser  entsprechend  den  Angaben 
c  I  e  o  d  s  ein  Insulin  her,  das  den  Blutzuckergehalt  beirrt  Kaninchen  prompt 
ibsetzlc.  —  Bemerkenswert  war  die  verhältnismässig  bessere  Verträglicii- 
hei  Einspritzung  in  die  Blutader  statt  unter  die  Haut.  —  Vorläufig  kann 
Präparat  nur  an  einzelne  Fachärzte,  die  Gewähr  fiir  genaueste  Kontrolle 
nehmen,  abgegeben  werden. 

Cornelia  de  La  nge:  Herpes  zoster  varicellosa  (Bokay)  und  Varizellen. 
Beschreibung  einer  kleinen  Varizellenepidcmie  in  einem  Heim  fiir  ledige 
ter  und  ihre  Kinder  im  Anschluss  an  eine  Herpes  zoster-Erkrankung.  Die 
iplenteittbindungsrcaktion  bestätigte  den  Zusammenhang. 

D.  (i.  Cohen  Tervaert:  Welche  Anforderungen  sind  an  ein  Zitrat  zur 
traiisfusioh  zu  stellen? 

Saure  Reaktion  verhindert  die  Gerinnung  nicht.  Das  Salz  muss  neutral 

D.  J.  Beck:  Einiges  über  iVleniiigitis. 

j  Nonnereaktion  und  Zellengehalt  des  Lumbalpunktates  sind  von  mass- 
■nder  prognostischer  Bedeutung. 

Heft  17.  J.  Lobstein:  Einige  Betrachtungen  über  das  Studium  der 

iclikeit  in  der  Psychiatrie. 

Nur  sorgfältige  genealogische  Untersuchungen  können  unsere  Kenntnisse 
der  Erblichkeit  erweitern.  Da  ein  rassenbiologisches  Institut  in  Holland 
äufig  unerreichbar  ist.  so  empfiehlt  Verf.  die  Untersuchungen  vorläufig 
einen  kleinen  Kreis  der  Bevölkerung  zu  beschränken.  Als  besonders  ge- 
et  erscheint  ihm  die  jüdische  Bevölkerung.  Die  ganze  Bevölkerungsgruppe 
iste  in  Kartei  gebracht  werden  und  alle  Karten  müssten  mit  Hilfe  der 
desämter  und  der  Aerzte  ständig  auf  dem  laufenden  erhalten  werden. 

L.  E.  Driessen:  Der  Kampf  um  die  Myombestrahlung. 

Während  in  Deutschland  die  Frage  längst  entschieden  ist,  ist  sie  in 
|ikre ich  und  auch  in  Holland  noch  in  vollem  Gang.  ■ —  Verf.  widerlegt  die 
diauungen  Kouwers  (niedergelegt  in  ..Gynecologie  et  ObstetriciUe“ 

.  VI..  1922,  Nr.  6)  über  die  Gefährlichkeit  der  Myombestrahlung. 

L.  Polak  Daniels  und  J.  Doyer:  Ein  mit  Insulin  behandelter  Fall  von 
terkrankheit. 

Genaue  Untersuchungen  zeigten  deutlich  den  günstigen  Einfluss  auf  den 
Wechsel  und  das  subjektive  Beenden.  —  Eine  Erhöhung  der  Toleranz 
eine  Besserung  der  Krankheit  selbst  konnte  nicht  festgestellt  werden. 

1  Heft  18.  F.  J.  L.  W  o  1  f  r  i  n  g:  Betrachtungen  über  Meningokokkensepsis 
latente  Meningitis  auf  Grund  zweier  Beobachtungen. 

■  In  einem  Fall  folgte  auf  länger  währende  allgemein-septische  Erschei- 
en  eine  schliesslich  ausheilende  Meningitis  mit  Weichselbaum-Diplokokken. 
ländere  Kranke  wurde  etwa  6  Wochen  lang  als  Hysteriker  betrachtet,  bis 
tödliche  epidemische  Genickstarre  Klarheit  brachte. 

F.  de  M  o  u  I  i  n :  Beitrag  zur  Kenntnis  des  Baues  der  Ganglienzellen. 

|  Durch  Untersuchung  von  Gehirnrindenstückchen  verschiedener  Tiere  in 
körpe rfl üssigkeit  (vom  Pferd),  versetzt  mit  Gelatine  und  Methylenblau 
Körpertemperatur  stellte  Verf.  fest,  dass  das  Protoplasma  der  Ganglien- 
n  ..mikrohomogen“  ist. 

Heft  19.  M.  Woensdregt  und  C.  van  Dam:  Blut  und  Parasiten- 

beim  Anfall  von  Malaria  tertiana. 

Bei  holländischer  Tertiana  entsteht  vor  und  bei  dem  Beginn  des  Fieber- 
Hes  Leukopenie,  die  mit  erreichter  normaler  Temperatur  wieder  behoben 
Die  Leukopeniekurve  entspricht  dem  Teilungsstadium  der  Erreger.  Die 
|mg  ist  beendet,  bevor  das  Fieber  seinen  Höhepunkt  erreicht  hat.  Die 
iingsdauer  beträgt  für  den  holländischen  Tertianaparasiten  etwa  6 — 8  Stun- 
Das  Blutbild  zeigt  beim  Beginn  des  Fiebers  eine  Linksverschiebung,  die 
in  das  Ende  zu  abnimmt  und  einer  Monozytose  weicht. 

C.  Ph.  Wassink-van  Raamsdonk  und  W.  F.  Wassink: 
imagglutinine  bei  Krebskranken. 

In  der  Gruppenverteilung  (nach  Ländsteiner)  war  bei  Krebskranken 
Unterschied  gegenüber  Gesunden  feststellbar. 

H.  K.  H  a  1 1  i  n  k:  Die  Skiaskopie  des  linken  Auges. 

Ebenso  wie  bei  der  Skiaskopie  des  r.  Auges  der  Untersucher  mit  seinem 
ige  untersucht,  indem  er  die  Blickrichtung  des  Kranken  zum  r.  Ohr  hin 
ien  lässt,  so  muss  bei  der  Untersuchung  des  linken  Auges  die  Blickrichtung 

I.  Ohr  genommen  werden  und  mit  dem  linken  Auge  die  Beobachtung 
icht  werden,  da  sonst  Fehler  bis  zu  4  und  mehr  Dioptrien  entstehen 
en. 

Heft  20.  Marg.  C.  M.  Smid:  Das  Krankheitsbild  der  akuten  Peritonitis 

1  Säugiing. 

Das  Krankheitsbild  weicht  wesentlich  von  dem  bei  älteren  Kindern  ab. 
lieh  regelmässig  besteht  Erbrechen:  häufig  Durchfall,  aber  auch  normaler 
und  Verstopfung  kommen  vor.  Fast  immer  war  Meteorismus  vorhanden, 
lerzhaftigkeit  fehlte  oft.  Häufig  konnten  Eiweiss  und  Leukozyten  im  Urin 

iden  werden. 

P.  R.  Michael:  Ueber  die  Behandlung  des  Empyems. 

Verf.  empfiehlt  die  Drainage  nach  B  ü  1  o  w,  wenn  nötig  mit  künstlicher 
ugung  des  Eiters. 

D.  E.  Schonten:  Ueber  Insulin  und  Cyclopteius  lumpus. 

Verf.  fand,  dass  dieser  Fisch,  der  hauptsächlich  im  Frühjahr  an  der  Nord- 
iste  vorkommt,  ein  Organ  zwischen  Leber  und  Pankreas  besitzt,  das 
liaus  aus  Langerhans  schem  Gewebe  zu  bestehen  scheint.  —  Bei  der 
! uerigkeit,  welche  die  Gewinnung  von  Insulin  bietet,  ist  diese  Mitteilung 
icht  von  Interesse. 

Heft  22.  T.  Mcuwissen  und  Th.  Thuis:  Behandlung  von  Luiigcn- 

ngen  mit  Milchklysmen. 

Einlauf  von  250 — 300  ccm  Milch  mit  und  ohne  gleichzeitige  Gelatineein- 
’utig  kann  nicht  als  sicherwirkendes  Mittel  angesprochen  werden. 

LP.  Hosste  e:  Ueber  die  Behandlung  chronischer  Gelenksentziindungcn 

^anarthrit  „Heilrier“. 

Bei  Arthritis  deformans  war  das  Medikament  so  gut  wie  wertlos.  KI. 


10.11 

Vereins-  und  Kongressberichte. 

Altonaer  ärztlicher  Verein. 

(Offizielles  Protokoll.) 

S  i  t  z  u  n  g  v  o  m  23.  M  a  i  1923. 

Herr  Carl  B  r  u  e  k  berichtet  über  seine  seit  ca.  2  Jahren  ausgefiihrti.il 
Untersuchungen  über  die  therapeutische  Wirkung  voll  Silbersalzen  der  Zyail- 
gruppe  bei  Gonorrhöe.  Ani  meisten  hat  sicli  ein  ca.  54  Proz.  Silber  ent¬ 
haltendes  Doppelsaiz  bewährt,  das  von  der  Firma  Teicligraeber,  Berlin  unter 
dem  Namen  Acykal  in  den  Handel  gebracht  wird.  Das  Präparat  ist  seit 

IX  Jahren  an  der  dermatologischen  Abteilung  mit  bestem  Frfolgc  in  An¬ 
wendung.  Seine  grossen  Vorteile  gegenüber  anderen  Silberverbindungen  be¬ 
stehen  darin,  dass  die  Lösungen  des  krystallinischen  Körpers  völlig  farblos, 
mizersetzlicb  und  lichtunempfindlich  sind,  so  dass  die  Unangenehme  Ver¬ 
färbung  der  Haut  und  Beschmutzung  der  Wäsche  vollkommen  vcrirtiedcn  wird. 
Da  das  Acykal  ferner  in  Verdünnungen  von  1  :  10  000 — 1  :  3000  angewendet 
wird  und  der  therapeutische  Effekt  der  Lösung  1:10  000  etwa  dem  einer 

X  proz.  Silbereiweissverbindung  entspricht,  bedeutet  das  Präparat  eine  ganz 
erhebliche  Verbilligung  der  Silbertherapie  bei  der  Gonorrhöe,  ein  Punkt,  der 
hpte  sowohl  in  der  Privatpraxis,  als  ganz  besonders  im  Krankenhausbetrieb 
eine  grosse  Rolle  spielt. 

Herr  Reh  der:  Die  Hypnose  als  akuter  hysterischer  Affcktreflex. 

Jeder  Affekt  ist  nicht  nur  von  körperlichen  Affektrcflexen  begleitet, 
sondern  auch  mit  der  Fähigkeit  verbunden,  die  intelektuelle  Kritik  im  Sinne 
des  Affektes  zu  beeinflussen.  Im  Affekt  besteht  dadurch  eine  auffallende  Ge¬ 
bundenheit  der  drei  Faktoren  Affekt,  Kritik  und  Körper  aneinander,  eine  Ge¬ 
bundenheit,  in  welcher  alle  Faktoren  gleichwertig  sind  und  sich  in  gleichem 
Maasse  beeinflussen.  Das  Resultat  der  gegenseitigen  Beeinflussung  nennt 
man  subjektives  Befinden.  Für  das  Zustandekommen  der  Hypnose  bezeichnet 
Reh  der  nun  als  Vorbedingung  die  Erweckung  starker  Affekte  sowie  die 
affektive  Ladung  der  Versuchsperson.  Diese  erfolgt  a)  durch  die  Lehre  von 
der  mystischen  Seelenkraft  des  Hypnotiseurs,  b)  durch  den  Aufbau  des  hypno- 
tropen  Milieus,  c)  durch  die  hyönotropen  Persuasionen  des  Hypnotiseurs. 
Durch  die  Affektladung  werden  in  der  Versuchsperson  im  entscheidenden 
Augenblick  körperliche  Affektreflcxe  erzeugt,  welche  die  Person  für  hypno¬ 
tische  Einwirkung  hält.  Diese  Missdeutung  erzeugt  Gläubigkeit  an  die  be¬ 
ginnende  Unterlegenheit  und  Abhängigkeit  vom  Hypnotiseur  (den  endogenen 
Komplex).  Die  Person  hypnotisiert  sich  selbst  durch  affektive  Gläubigkeit. 
Der  Hypnotiseur  ist  nicht  Ursache,  sondern  Mittel  zur  Hypnose;  er  kann 
durch  jede  beliebige  Staffage  ersetzt  werden,  wenn  die  Versuchsperson  nur 
daran  gläubig  gemacht  ist.  R  e  h  d  e  r  macht  darauf  aufmerksam,  dass  die 
psychologischen  Mechanismen  der  Hypnose  die  gleichen  seien,  wie  beim 
akuten  hysterischen  Anfall.  Er  schliesst  daraus:  die  klinischen  Phänomene 
der  Hypnose  sind  akute  hysterische  Affektreflexe  einer  suggerierten  Neurose. 

Herr  Schröder  gibt  Erläuterungen  zum  neuen  prcussischen  Heb- 
a  inmengesetz. 


Aerztlicher  Bezirksverein  Erlangen. 

Sitzung  vom  26.  Juni  1923. 

Herr  Graser: 

Vortr.  berichtet  zunächst  über  die  sehr  schwierige  Entfernung  eines 
Milztumors,  der  ganz  zwischen  den  Blättern  des  Mesocolon  transversurn  und 
descendens  sich  entwickelt  und  in  verhältnismässig  kurzer  Zeit  zu  der  Grösse 
von  5  Pfd  bei  vorhandener  Leukopenie  ausgebildet  hatte,  und  bespricht  die 
grossen  Probleme,  die  heute  noch  in  Bezug  auf  die  Milzpathologie 
bestehen,  namentlich  über  das  seltene  Vorkommen  einef  echten  Banti¬ 
schen  Krankheit,  als  welcher  der  Fall  der  Klinik  zugegangen  war. 

Dann  gibt  er  einige  grundsätzliche  Auseinandersetzungen  über  die  Patho¬ 
logie  und  Klinik  des  Ileus,  bespricht  2  sehr  interessante  Fälle  von  Ileus, 
von  denen  der  eine  nach  einer  Gastroenterostomie  mit  etwas 
längerer  Schlinge  durch  Durchschlüpfen  des  ganzen  Dünndarms  von  rechts 
nach  links  entstand  und  durch  nachträgliche  Verschliessung  aller  Lücken  zur 
Heilung  gebracht  war. 

Ferner  einen  Fall  von  enormer  Gasblähung  des  Querkolons  nach  einer 
Magenoperation  mit  winkliger  Abknickung  an  der  Flexura  coli  sinistra,  die 
durch  eine  Appendikostomic  ohne  weiteren  operativen  Eingriff  zur  Heilung 
gelangte.  Es  muste  doch  wohl  eine  Achsendrehung  des  Querkolons  bei 
völlig  normalem  Wundverlauf  angenommen  werden. 

Endlich  3  Fälle  von  angeborenem  Darmverschluss  bei  je  3  Tage  alten 
Kindern:  eine  sehr  hochsitzeiide  Atresia  recti,  die  durch  Plastik  ge¬ 
heilt  wurde,  zweitens  eine  bis  in  die  Kreuzbeinhöhlung  beraufreichende 
Atresie  mit  Ausmündung  in  die  männliche  Urethra,  und  endlich  einen  ganz 
seltenen,  äusserst  komplizierten  Fall  von  angeborenem  Verschluss 
mit  Achsendrehung  des  ganzen  Dünndarmes  um  720 °, 
bei  welchem  das  untere  Ende  des  Dünndarms  dick  angefüllt,  vollkommen 
frei  endigte  und  der  Dickdarm  ih  normaler  Weise  ausgebildet  war, 
auch  einige  Zentimeter  Iieum  diesseits  der  B  a  u  h  i  n  sehen  Klappe  mit 
vollkommen  blindem  Abschluss  vorhanden  war.  Zwischen  dem  stumpfen, 
posthornartig  aufgetriebenen  oberen  Ileumende  und  dem  Stumpf  an  der  Ein¬ 
mündungsstelle  in  den  Dickdarm  bestand  nicht  die  geringste  bindegewebige 
Verbindung,  sondern  es  war  eine  völlige  Unterbrechung  vorhanden,  wofür 
in  der  Literatur,  die  ja  an  angeborenen  Atresien  des  Dünndarms  ziemlich 
reichhaltig  ist,  bisher  ein  Beispiel  sich  nicht  auffinden  Hess. 

Aussprache:  Herren  Busch,  Knorr,  Hauser. 

Herr  Knorr:  Mitteilungen  über  zerebrale  Spätfolgen  nach  Infektion  mit 
dem  Pfeifferschen  Innueuzabazillus  bei  Meerschweinchen. 

Seit-X  Jahr  wurden  gemeinsam  mit  Herrn  Dr.  Wissmann  der  sog. 
Koch-Weeks-Bindehautkatarrh  (Augengrippe)  studiert.  An  bis  jetzt  60  Rein¬ 
kulturen  von  Koch-Weeks-Bazillen  wurde  festgestellt,  dass  sie  sich  mit  den 
derzeitigen  Untersuchungsmethoden  nicht  von  den  Influenzabazillen  unter¬ 
scheiden  lassen,  auch  nicht  im  Tierversuch,  wie  Versuche  an  Kaninchen, 
Meerschweinchen  und  Mäusen  ergaben.  Alle  Stämme  zeigen  grosse  Giftig¬ 
keit  (Endotoxine).  Die  Virulenz  der  Stämme  ist  vor  allem  abhängig  vom 
Alter  der  Kultur  und  der  Generation  und  lässt  sich  durch  Tierpassagen 
beträchtlich  steigern.  Besonders  deutlich  ist  die  Endotoxinwirkung  bei 
itrp.  Injektion,  gleichgültig,  ob  lebende  oder  bei  56°  abgetötete  Stämme 
verwendet  werden.  Die  Tiere  gehen  an  einer  ausgesprochen  toxischen 
Peritonitis  ein.  Es  war  nun  aufgefallen,  dass  einige  dieser  Tiere  (mit 


1034 


Nr.  31. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


lebenden  Influenzabazilien,  lebenden  und  toten  Koch-Weeks-Bazillen  geimpft), 
die  die  Impfung  vor  4 — 5  Monaten  überstanden  hatten,  nervöse  Störungen 
aufwiesen.  Man  kann  z.  B.  die  Tiere  auf  den  Rücken  legen  und  weder* 
durch  Geräusch,  Feuer  usw.  sie  aus  dieser  Lage  bringen.  Die  Tiere  ver¬ 
harren  in  den  widernatürlichsten  Stellungen  solange,  bis  sie  durch  Ver¬ 
lagerung  des  Schwerpunktes  ihres  Körpers  in  eine  andere  Stellung  fallen. 
Stellt  inan  die  Tiere  mit  gesunden  in  eine  Reihe  und  führt  Futter  vorbei,  so 
bringen  diese  Tiere  nicht  den  Impuls  im  Gegensatz  zu  den  gesunden  auf, 
nach  dem  Futter  zu  schnappen.  Es  würde  zu  weit  führen,  die  weiteren 
Experimente,  die  mit  diesen  Tieren  anzustellen  sind,  aufzuführen.  Aus  diesen 
Befunden  etwa  zur  Aetiologie  der  Encephalitis  lethargica  Schlüsse  zu  ziehen, 
wäre  voreilig.  Mikroskopische-  anatomisch-pathologische  Befunde  und 
weitere  Versuche  müssen  Klarheit  bringen.  Immerhin  schien  es  wichtig  auf 
die  auffälligen  Störungen  bei  Tieren  mit  einer  derartigen  Vorgeschichte  hin- 
zu  weisen. 

Herr  Dyroff:  Praktische  Ergebnisse  vom  letzten  Gynäkologentag. 

Aussprache:  Herr  Hauser. 


Medizinische  Gesellschaft  Göttingen 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  i7.  Mai  1923. 

Vorsitzender:  Herr  S  c  li  u  1 1  z  e.  Schriftführer:  Herr  v.  Gaza. 

Herr  heubner  demonstriert  den  Universal-Indlkator  der  British  Drug 
Houses  in  London,  der  in  dem  Bereich  von  PH  =  4  bis  PH  — _  lü  die  Farben 
(.es  Spektrums  von  Rot  bis  Violett  zeigt  mit  dem  Neutralpunkt  PH  —  7 
an  der  Grenze  von  Gelb  und  Grün. 

Herr  L  1  c  h  t  w  ä  t  z  -  Altona:  Ueber  Unterernährung.  Ausgedehnte,  in 
den  letzten  Jahren  durchgeführte  klinische  und  anatomische  Untersuchungen 
haben  ergeben,  dass  durch  chronische  Unterernährung  alle  endokrinen  Drüsen 
tiefgreifende  Veränderungen  erfahren.  Am  frühesten  und  schwersten  leidet  die 
Schilddrüse.  Es  wurde  auch  Hungertetanie  und  Hungerdiabetes  beobachtet. 
Beträchtlich  sind  ferner  die  Veränderungen  des  Magendarmkanals.  Inazidität 
des  Magens  findet  sich  regelmässig.  Insuffizienz  der  äusseren  Pankreas¬ 
sekretion  bisweilen.  Im  Kreislaufsystem  überwiegen  die  Schädigungen  der 
kleinen  und  kleinsten  Gefässe  (Neigung  zu  Hämorrhagien  und  zu  Oedem). 
Von  seiten  des  Nervensystems  kam  Polyneuritis  (Neuromalazie)  zur  Be¬ 
obachtung.  Eine  konstante  Veränderung  des  Blutes  ist  die  Lymphozytose. 
Anämie  ist  nicht  regelmässig.  Die  Blutmenge  ist  vermehrt,  nicht  nur  in  Be¬ 
ziehung  zu  dem  durch  Fettverlust  verminderten  Körpergewicht,  sondern  ab¬ 
solut.  Es  besteht  Hydrämie  und  Hypalbuininose.  Das  Skelett  zeigt,  zumal 
bei  Frauen,  auch  klinisch  leicht  nachweisbare  Osteoporose.  Ursache  der 
Veränderungen  der  sezernierenden  Parenchyme  ist  der  Mangel  der  Kost  an 
vollwertigem  Eiweiss. 

Herr  Hauberrisser:  Einige  Beobachtungen  und  therapeutische  Er¬ 
fahrungen  bei  der  sog.  Alveolarpyorrhöe. 

Vortr.  bespricht  eingangs  den  derzeitigen  Stand  der  Alveolarpyorrhöe- 
forschung  und  erläutert  das  Hauptcharakteristikum  der  Erkrankung:  die  Zer¬ 
störung  von  Gewebssubstanz  unter  Umwandlung  in  Granulationsgewebe. 

Die  Aetiologie  der  Erkrankung  ist  noch  nicht  geklärt.  Einerseits  werden 
lokale  äussere  Schädigungen  allein,  anderseits  eine  primäre  Atrophie  des 
Alveolarfortsatzes,  hervorgerufen  durch  konstitutionelle  Momente,  für  das 
Zustandekommen  verantwortlich  gemacht.  Beobachtungen,  dass  bei  jugend¬ 
lichen  Diabetikern  in  90  Proz.  der  untersuchten  Fälle  röntgenologisch 
eine  primäre  Alveolarknochenatrophie  feststellbar  war,  ferner,  dass  be¬ 
stehende  Alveolarpyorrhöe  in  mehreren  Fällen  durch  Thyreoidin  gün¬ 
stig  beeinflusst  wurde,  bestärken  Vortr.  in  der  Annahme,  dass  konstitutionelle, 
namentlich  auch  innersekretorische  Momente  einen  wesentlichen  Einfluss  auf 
die  Entstehung  der  Erkrankung  ausüben.  • 

Bei  Besprechung  der  therapeutischen  Methoden  streift  Vortr.  eigene  Ver-  . 
suche  den  Knochendefekt  durch  ein  Transplantat  zu  decken;  die  gleichzeitig 
und  unabhängig  von  Hegedüs  -  Pest  vorgenommenen,  ähnlichen  Eingriffe 
werden  erwähnt. 


Verein  der  Aerzte  in  Halle  a.  S. 

(Bericht  des  Vereins.) 

Sitzung  vom  27.  Juni  1923. 

Vorsitzender:  Herr  F  i  e  1  i  t  z.  Schriftführer:  Herr  Grote. 

Herr  Seil  heim:  Zerstückelung  grosser  Myome  auf  vaginalem  Wege. 

Die  Indikation  für  das  technisch  etwas  gewagte  Morcellement  des  Myoms 
auf  vaginalem  Wege  ist  gegeben  in  Fällen,  in  welchen  das  abdominale  Ope- 
•rieren  gefährlich  und  das  Röntgenverfahren  aussichtslos  erscheint. 

Eine  solche  Zerstückelung  sollte  eigentlich  der  Geburtshelfer  machen.  Sie 
legt  ihm,  weil  das  Gesetz,  nach  dem  das  Morcellement  am  besten  vorgenommen 
wird,  mit  dem  Grundsatz  übereinstimrnt,  nach  dem  die  normale  Geburt  und  die 
pathologische  Geburt  abläuft,  sowie  alle  Geburtshilfe  sich  richtet:  nämlich  nach 
dem  Gesetz  vom  kleinsten  Zwang,  das  auch  einen  Teil  nach  dem  anderen, 
eine  Kopfhälfte  nach  der  anderen  usw.  zur  Geburt  kommen  lässt.  In  ähnlicher 
Weise  erleichtern  wir  uns  die  Uterusexstirpation  durch  mediane  Sagittal- 
spaltung  und  Versorgung  einer  Hälfte  nach  der  anderen  und  Herausholen 
eines  Myomstückes  nach  dem  anderen. 

Solche  Fälle  sind  nicht  nur  für  den  Gynäkologen  der  die  Operation  aus¬ 
führen  muss,  von  Interesse,  sie  haben  auch  für  den  Praktiker  eine  besondere 
Bedeutung.  Denn  niemand  anders  als  der  vorbehandelnde  Arzt  hat  es  bis  zu 
einem  gewissen  Grade  in  der  Hand,  ob  wir  auf  dieses  schwierige  Verfahren 
zurückgreifen  müssen,  oder  technisch  leichtere  Eingriffe  vornehmen  können. 

Hinweis  auf  die  Wichtigkeit  und  Unerlässlichkeit  der  gynäkologischen 
Untersuchung  in  der  Praxis  bei  allen  Formen  von  Anämie  nicht  nur  bei 
den  auf  Karzinom  hindeutenden  Symptomen.  . 

Wir  haben  so  grosse  Fortschritte  in  der  Technik  der  Operation  von  oben 
her  gemacht,  dass  man  sich  im  allgemeinen,  wenn  man  zwischen  vaginalem 
und  abdominalem  Vorgehen  wählen  kann,  dem  vaginalen  Verfahren  immer 
mehr  abgewandt  hat.  Und  doch  lässt  sich  nicht  leugnen,  dass  ein  gewaltiger 
Unterschied  zwischen  vaginalem  und  abdominalem  Operieren  zu  gunsten  des 
ersteren  Verfahrens  besteht.  Die  Operation  von  oben  stellt  an  den  Gesamt¬ 
organismus  grosse  Anforderungen,  welche  beim  Operieren  von  unten  weg¬ 
fallen.  Die  Beckenhochlagerung,  die  breite  Berührung  mit  Darm  und  Peri¬ 
toneum  greifen  an.  Nach  vaginaler  Operation  verhalten  sich  die  Kranken  in 


dieser  Richtung  fast,  als  ob  überhaupt  nichts  vorgefallen  wäre.  Die  Körper¬ 
funktionen,  insbesondere  die  Bauchfunktionen,  sind  entweder  gar  nicht  gestört, 
oder  kommen  rasch  und  ohne  Beschwerden  wieder  in  Gang.  Die  Laparotomie 
stellt  viel  grössere  Anforderungen  an  den  Betrieb  des  Organismus. 

Es  ist  wohl  kein  Zufall,  dass  dieser  Gesichtspunkt  sich  gerade  heutzutage 
uns  aufdrängt.  Die  Zeit  des  Kummers  und  der  Sorge,  mit  Strapazen,  in  steter 
Gesellschaft  mit  der  chronischen  Unterernährung  richtet  das  Organ,  von  dein 
wir  während  und  nach  unseren  Operationen  die  grösste  Widerstandskraft 
erwarten,  das  Herz,  in  viel  höherem  Grade  zugrunde,  als  wir  das  in  guten 
Zeiten  zu  sehen  gewohnt  waren.  Dieser  Zustand  vermag  bei  der  Wahl  des 
Operationsweges,  wie  auch  bei  anderen  Gelegenheiten,  z.  B.  zum  Entschluss 
zur  künstlichen  Unterbrechung  der  Schwangerschaft  *)  die  Indikationsstellung 
zu  verschieben.  Das  ist  der  Grund,  warum  ich  heute  wieder  mehr  und 
mehr  der  vaginalen  Operation  den  Vorzug  vor  der  abdominalen  zu  geben 
geneigt  bin.  (Erscheint  ausführlich  in  der  Klinischen  Wochenschrift.) 

Besprechung:  Herr  V  o  1  h  a  r  d. 

Herr  Graefe:  Ein  junges  Mädchen  war  lange  Zeit  wegen  „Blutarmut 
mit  Eisen  und  Arsen  behandelt.  Die  Ursache  der  Blutarmut  fand  sich  aber 
in  äusserst  profusen,  häufigen  Menorrhagien.  Untersuchung  ergab  ein  kinds¬ 
kopfgrosses,  submuköses  Myom.  Dies  wurde  durch  Zerstückelung  entfernt. 
Schnelle  Erholung.  Später  Heirat  und  Gravidität.  Schwangerschaft  verhet 
normal.  In  der  Nachgeburtsperiode  schwere  Blutung.  Placenta  accreta 
musste  manuell  gelöst  werden.  Im  Anschluss  an  den  Eingriff.  Sepsis,  Tod. 
In  einem  im  Vorjahr  mit  Enukleation  von  der  Scheide  aus  behandelten  l  all 
von  grossem,  submukösem  Myom  wegen  profuser  Blutungen  trat  nach  Ent¬ 
fernung  der  Geschwulst  aus  dem,  einem  schlaffen  Sack^  gleichenden,  Uteruu 
eine  sehr  starke  Blutung  ein.  Nach  Auswaschen  der  Gebärmutterhöhle  nili 
Papaverin,  Ergotin-  und  Pituglandolinjektion  und  Tamponade  stand  sie  zu¬ 
nächst  vollständig,  kehrte  aber  nach  5  Stunden  wieder,  so  dass  schleunige 
der  Uterus  exstirpiert  werden  musste.  Die  Kranke  genas.  Graefe  hat  voi 
Jahren  in  einer  Arbeit  die  vaginale  Enukleation  submuköser  Myome  warn 
empfohlen.  Auf  Grund  dieser  beiden  Fälle  möchte  er  das  heute  nicht  mehi 
tun.  Bei  solch  grossen  Tumoren  ist  wegen  der  unübersehbaren  Folgen  de: 
vaginalen  Totalexstirpation  mittels  Zerstückelung  der  Vorzug  zu  geben.  Das: 
die  vaginale  Methode  der  abdominalen  mit  Rücksicht  auf  Anämie,  Herz  etc 
vorzuziehen  sei,  bezweifelt'  Graefe.  Er  hat  bei  geeigneter  Vorbereituni 
(Digitalis  etc.)  keine  Schäden  der  abdominalen  Methode  gesehen.  « 

Herr  S  e  1 1  h  e  i  m:  Die  Myomenukleation  ist  eine  Notoperation.  Es  kam 
danach  freilich  in  mittelbarem  oder  unmittelbarem  Zusammenhang  mit  de 
Operation  mancherlei  passieren.  Es  bleibt  eben  doch  ein  geflicktes  und  mehi 
oder  weniger  krankes  Organ  zurück.  Oft  sind  wir  aber  genötigt,  den  Kranke  j 
zulieb,  die  gerne  Kinder  haben  wollen  und  bereit  sind,  dafür  ein  gewisse 
Risiko  zu  übernehmen,  zu  willfahren  und  diese  konservative  Myomoperatio 
auszuführen  Wenn  ich  die  Enukleation  in  Erwägung  ziehe  (es  gibt  Grenzfälk 
in  welchen  man  nicht  mit  Sicherheit  versprechen  kann,  ob  man  zum  Nutze 
der  Kranken  noch  konservativ  verfahren  darf),  wähle  ich  mit  Vorliebe  -de 
Weg  von  oben.  Man  hat  dann  den  besten  Ueberblick  über  den  Zustand  de 
ganzen  Organes  und  kann  am  besten  abwägen,  ob  eine  Enukleation  noch  Sin 
hat,  oder  im  Interesse  der  Kranken  besser  darauf  verzichtet  wird.  J 
Meine  Bemerkungen  bezogen  sich  auf  die  Totalexstirpation  des  Uteru 
Und  da  stehe  ich  gerade  heute  auf  dem  Standpunkt,  dass  das  Operiere 
von  unten  ungleich  schonender  ist,  als  von  oben  .  Es  entfällt  die  Bechenhocl 
lagerung,  die  breite  Berührung  mit  Bauchfell  und  Därmen.  Die  geringere  Bt 
lastung  des  Gesamtorganismus  fällt  in  unserer  heutigen  Zeit  der  chronische 
Unterernährung  usw.  ganz  besonders  in  die  Wagschäle.  Die  Herzstärkung 
mittel  wende  ich  auch  an.  Das  beste  Herzmittel  ist  aber,  den  vaginalen  Mt 
dem  abdominalen  vorzuzieheti. 

Herr  Sellhelm:  Ein  einfacher  Tubenschneuzer. 

Vorführung  und  Beschreibung  des  äusserst  einfachen  Instrumentes  au 
führlich  in  dem  Aufsatze:  Ein  einfacher,  zuverlässiger  und  ungefährlbhi 
Tubenschneuzer;  Zbl.  f.  Gyn.  1923)  —  Bezugsquelle  C.  Köhler,  Halle  a.  1 
Gr.  Steinstr..  9. 

Bericht  Uber  eine  Reihe  von  klinischen  Versuchen  und  Beobachtunge 
welche  die  diagnostische  und  therapeutische  Verwendbarkeit  vor  Aug( 
führen.  Sichere  Feststellung  der  Tubendurchgängigkeit  oder  Nichtdurc 
gängigkeit,  sowie  des  Grades  der  Durchgängigkeit.  Dadurch  Grundlai 
für  die  Sterilitätsbehandlung  gegeben.  Vielleicht  therapeutischer  Effekt 
der  Sterilitätsbehandlung  durch  Schneuzen  der  Tuben,  ähnlich  wie  Zervi 
dilatation  und  Spülung  am  Uterus  wirkt.  Aufhebung  der  durch  Schwellun 
Schleimklümpchen,  leichte  Verklebung  bedingten  relativen  Eileiterverschlüss 
Genaue  Feststellung  der  Verschlusswelle  bei  Salpingostomie  am  offen' 
Bauche.  Offenhalten  der  künstlich  geschaffenen  Tubenöffnung  durch  Katgi 
docht  und  Nachbehandlung  mit  Tubenschneuzen.  fl 

Der  Gedanke,  etwa  durch  gewaltsames  Sprengen  des  Tubenverschltissf 
mittels  exzessiver  Steigerung  des  Luftdruckes  eine  brauchbare  Tubenöffnu: 
herzustellen,  muss  fallen  gelassen  werden,  schon  weil  die  Tube  nicht  1 
platzt,  wo  wir  es  wünschen  —  nämlich  nach  der  freien  Bauchhöhle  zu  - 
sondern  nach  der  schwächsten  Stelle,  welche  der  Bauchfellverstärkung  er 
behrt,  zwischen  die  Platten  des  Ligamentum  latum,  womit  natürlich  nie! 
gewonnen  ist. 

Die  Verschleppung  von  Keimen  aus  der  infizierten  Uterushöhle  ist,  ^ 
durch  Experimente  nachgewiesen  wurde,  möglich.  Das  Verfahren  ist  dah 
auf  die  nicht  infizierte  und  auch  nicht  einmal  infektionsverdächtige  Uteri 
höhle  zu  beschränken.  1 

Herr  K  n  e  1  s  e  zeigt  einen  sehr  grossen  Blasenstein,  der  jahrelang 
der  Blase  undiagnostiziert  gelegen  hatte  und  eine  ungewöhnlich  grosse  P' 
stata.  die  einem  77  jährigen  Manne  mit  gutem  Erfolge  exstirpiert  worden  i 
Herr  Hassen  camp:  Ueber  die  P  o  n  n  d  o  r  f  sehe  Impfung. 

Wir  sind  in  der  spezifischen  Behandlung  der  Tuberkulose  über  c 
K  o  c  h  sehe  Tuberkulin  kaum  wesentlich  hinausgekommen.  Es  tauchen  vj 
Zeit  zu  Zeit  Modifikationen  auf,  deren  Entdecker  jedesmal  behauptet, _  jetzt  c 
Heilmittel  gegen  Tuberkulose  gefunden  zu  haben.  Seit  einiger  Zeit  ist  ' 
P  o  n  n  d  o  r  f  sehe  Methode  in  Mode  gekommen  und  hat  speziell  unter  c 
praktischen  Aerzten  grosse  Verbreitung  gefunden.  Ponndorfs  Prto 
ist  das  einer  aktiven  Immunisierung  durch  die  überragende  Stellung  der  Ha 
Manche  klinische  Beobachtungen,  vor  allem  in  der  Dermatologie,  aber  ai 
in  der  inneren  Medizin  sprechen  für  eine  gewisse  Rolle  der  Haut  bei  < 
Immunität;  doch  dürfte  dieselbe  nur  eine  Teilrolle  sein,  -die  sie  mit  dem  Bl 
der  Lymphe  und  den  Geweben  gemeinsam  hat.  Experimentell  haben  s 

*)  Seil  he  im:  Zur  ärztlichen  Schwangerschaftsunterbrechung.  M.m- 
1923  H.  17. 


lugust  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1035 


rhaupt  noch  keine  greifbaren  Beweise  für  die  Sonderstellung  der  Haut 
mgen  lassen.  Die  Frage  der  aktiven  Immunisierung  ist  durch  die  For- 
ng  der  letzten  Jahre  entschieden;  es  lässt  sich  durch  kein  Tuberkulin- 
iarat  und  auf  keine  der  verschiedenen  Applikationsweisen  eine  aktive 
unisierung  erzielen.  Somit  lässt  sich  Ponndorfs  Grundidee  in  keiner 
<e  mit  den  objektiven  Tatsachen  vereinbaren.  Mitteilung  von  über 
Fällen  von  Tuberkulose,  die  mit  dem  Mittel  behandelt  wurden;  es  liess 
keine  andere  Wirkung  erzielen,  als  durch  die  sonstigen  Tuberkulin- 
arate  auch.  Bei  anderen  Krankheiten,  den  „Mischinfektionen"  Ponn- 
f  s,  war  kein  Eflekt  festzustellen.  Das  Gesamturteil  muss  daher  lauten, 
dem  Ponndorf  sehen  Verfahren  gewiss  nicht  jede  Wirksamkeit  ab¬ 
rochen  werden  soll,  dass  ihm  aber  ebensowenig  eine  Sonderstellung  zü¬ 
rnt.  Am  schärfsten  zu  beurteilen  ist  Ponndorfs  Buch:  es  fehlt  ihm 
Kritik  und  Objektivität.  Fast  alle  Krankheiten  werden  als  Tuberkulose 
als  Mischinfektion  angesehen  und  sollen  durch  die  Impfung  geheilt  werden, 
mitgeteilten  Krankengeschichten  mangelt  jede  Beweiskraft. 
Besprechung;  Herr  Grund. 

Herr  Volhard;  Mit  der  absprechenden  Kritik  im  allgemeinen  »in- 
i  tanden.  Nur  scheint  die  Impfung  nach  Ponndorf  bei  kümmernden,  erst 
|it  tuberkulösen  kleinen  Kindern  einen  recht  guten  Einfluss  zu  haben.  Die 
I  äne  sind  Fälle,  die  positiv  reagieren,  aber  noch  nicht  klinisch  krank  sind. 
Herr  Jastrowitz  konnte  einen  Fall  mit  ausgedehnter  phlegmonöser 
ündung_  der  grossen  Impffläche  beobachten.  Die  „Erfolge“  der  Impfung 
i  .inspezifischen  Erkrankungen  erklären  sich  zwanglos  vom  Standpunkt  der 
i  ezinschen  Reiztherapie  —  da  jedes  Tuberkulin  gewisse  Mengen  Eiweiss 
alt.  Der  V ersuch,  die  verschiedenartigsten  Krankheiten  (Psoriasis.  Base- 
I  durch  Tuberkulose  zu  erkären.  ist  vor  Ponndorf  bereits  von  M  e  n  - 
vergeblich  gemacht  worden. 

Herr  K  n  e  i  s  e. 

Herr  Stöltzner;  Tuberkulinpositive  Kinder  braucht  man  nicht  nach 
iindorf  zu  behandeln.  Sie  gedeihen  ausgezeichnet  durch  eine  richtig 
I  tete  perkutane  Tuberkulinbehandlung.  Dabei  werden  auch  die  schädlichen 
Lmeinreaktionen  erspart. 

Herr  Kochmann:  So  wie  sich  Herr  Volhard  die  Wirkung  des 
hrkulins  vorstellt,  so  muss  man  sich  auch  die  Wirkung  von  Arzneimitteln 
Ihaupt  denken,  sofern  sie  nicht  lediglich  symptomatisch  wirken.  Eine 
i'e  Hyperämie  im  Sinne  Biers,  eine  besondere  Empfindlichkeit  kranker 
i  wenigstens  vom  regelrechten  Verhalten  abweichender  Organe  eröffnen  das 
itändnis  für  Arzneimittelwirkung,  wie  sie  von  Hugo  Schulz  in  Greifs- 
:  vor  mehr  als  40  Jahren  ausgesprochen  worden  sind.  Diese  Anschau- 
|n  gewinnen  immer  mehr  und  mehr  an  Boden  und  werden  auch  praktisch 
lutungsvoll  werden. 

Herr  G  e  1 1  h  o  r  n:  Beiträge  zur  Schilddriisentheorie. 

Bericht  über  mit  Abderhalden  durchgeführte  Versuche,  in  denen 
|  is  Befund,  dass  durch  Schilddrüsenextrakte  die  Erregbarkeit  der  Sym- 
I  kusendapparate  im  Herzen  zunimmt,  am  Herzstreifen  nach  Löwe  nach- 
I aft  wurden.  Nicht  allein  Optone  aus  Thyreoidea.  Thymus,  Hypophyse. 

I  ,  Testis  und  Corpus  luteum  erhöhen  die  Erregbarkeit  für  Adrenalin,  son- 
I  ebenso  auch  die  Aminosäuren  Glykokoll.  Tyrosin  und  Alanin.  Durch 
I  ne.  die  in  an  sich  unwirksamen  Mengen  gegeben  werden,  lässt  sich 
l  enalin  noch  in  einer  Verdünnung  von  1  :  250  Millionen  nachweis»-'.  Die 
i  i  sehe  Reaktion  ist  also  für  Schilddrüsensekret  nicht  spezifisch. 

Auch  die  Reaktion  von  R  e  i  d  Hunt  ist  insofern  unspeziiisch.  als  die 
ittenzsteigerung  gegen  Azetonitril  nicht  allein  durch  Vorbehandlung  mit 
ddrüsenextrakten.  sondern  auch  mit  dem  Opton  aus  Hypophyse  und 
:  s  gelingt.  Im  thyreopriven  Zustand  ist  die  Resistenz  gegen  Azetonitril 
i  indert,  dagegen  gegen  Zyankali  und  Propionnitril  erhöht.  Das  völlig  ver- 
I  dene  Verhalten  thyreopriver  Mäuse  spricht  durchaus  gegen  die  Ent- 
hgstheorie.  Die  vermehrte  Resistenz  gegen  Zyankali  wird  nicht  nur  an 
|:odektomierten.  sondern  auch  an  kastrierten  Mäusen  beobachtet  und  auf 
'd  des  verminderten  Sauerstoffbedürfnisses  erklärt.  Die  Schilddrüse  ent- 
I  also  neben  spezifischen  auch  unspezifische  Inkrete,  die  durch  Inkrete 
irer  Organe  ersetzt  werden  können. 


Medizinische  Gesellschaft  zu  Jena. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  20.  Juni  1923. 

Herr  Goebel;  Erfahrungen  mit  der  D  e  g  k  w  1 1  z  sehen  Masernpro- 

!ixe. 

Völlige  Uebereinstimmung  mit  den  Angaben  von  D  e  g  k  w  i  t  z.  Die 
:en  Beobachtungen  zeigen,  dass  Rekonvaleszentenserum  von  Säuglingen 
!ger  zuverlässig  schützt  als  das  von  älteren  Kindern  (schlechtere  Anti- 
i.'rbildung?)  und  dass  die  Immunisierung  vor  erfolgter  Infektion  nur  einen 
)  vorübergehenden  Schutz  gewährt,  wohl  deswegen,  weil  sie  rein  passiv 
:  Empfehlenswert  ist  die  Verwendung  von  Zitratblut,  weil  dabei  gar  keine 
liste  entstehen  und  jede  technische  Unbequemlichkeit  vermieden  wird. 
Herr  Berblinger:  Pathologisch-anatomische  Demonstrationen. 

L  Hyporaelie.  Der  Vortragende  zeigt  die  Leiche  eines  neugeborenen 
ien.  dem  die  beiden  unteren  Extremitäten,  die  rechte  obere  Extremität 
I:  zu  fehlen  scheinen,  während  von  der  linken  oberen  Extremität  ein  5  cm 
$  Humerusstück  vorhanden  ist.  Das  Röntgenbild  lehrt,  dass  die  Wirbel- 
i.  die  Rippen,  Schulter-  und  Beckengürtel  vollständig  angelegt  sind,  links 
l  ein  knorplig  präformierter  Gelenkkopf  im  Hüitgelenk  sich  findet.  Andere 
inmissbildungen  fehlen.  Der  Arzt  machte  die  Angabe,  dass  bei  der 
rt  dieses  5.  Kindes  bei  der  Mutter  eine  auffallende  Oligohydramnie  fest¬ 
st  werden  konnte.  Vortragender  verweist  darauf,  dass  eine  amniogene 
nldung  nicht  in  Frage  kommt,  da  Missbildungen  gleicher  Art  bei  den 
en  Kindern  nicht  vorhanden  'waren,  vielleicht  doch  eine  mechanische 
ehung  der  Extremitätendefekte  anzunehmen  ist.  bedingt  durch  den  Frucht- 
;rmangel.  Bei  der  physiologischen  Entwicklung  der  Extremitäten  gehen 
ber-en  den  unteren  etwas  in  der  Ausbildung  voraus.  Vortragender  zeigt 
m  einem  6  Wochen  alten  menschlichen  Embryo,  dessen  Handplatte  schon 
;Hert,  dessen  Fussplatte  noch  ungegliedert  ist.  So  verstehen  wir.  dass 
hokomelie  bzw.  Hypomelie  der  stärkere  Defekt  an  den  unteren  Ex¬ 
täten  sich  findet,  sofern  für  derartige  Strahldefekte  nicht  endogene  Fak- 
•  sondern^  mechanische  Momente  ursächlich  eine  Bedeutung  besitzen. 

Tuberöse  Hirnsklerose  und  Rhabdomyome  des  Herzens.  Klinisch 
man  bei  dem  Neugeborenen  mit  zerebraler  Diplegie  an  eine  intrakranielle 
n?  als  auslösende  Ursache  gedacht  und  eine  operative  Aufklappung 
mken  Schläfenbeinschuppe  als  druckentlastende  Operation  vorgenommen. 


Im  Alter  von  4  Monaten  starb  der  Knabe  an  einer  Lungenentzündung.  Die 
Sektion  ergab  das  Vorhandensein  einer  tuberösen  Hirnsklerose,  ferner  einen 
Hydrocephalus  congenitus  externus  wie  internus.  Nur  das  Grosshirn  zeigt 
die  bekannten  histologischen  Veränderungen.  Ueber  den  Befund  am  Rücken¬ 
mark  wird  weitere  Mitteilung  an  anderer  Stelle  erfolgen.  In  der  Wand  des 
linken  \  entrikels  und  im  Kammerseptum  gelegene,  gelbweisse,  bis  haselnuss¬ 
grosse  Knoten  erwiesen  sich  als  Rhabdomyome,  aus  sarkoplasmareichen,  mit 
eigenartigen  Plasmalücken  ausgestatteten  Elementen  aufgebaut.  Glykogen 
konnte  nicht  festgestellt  werden. 

1  uberöse  Hirnsklerose,  bei  Knaben  ungleich  häufiger  als  bei  Mädchen, 
ist  oft  kombiniert  mit  Rhabdomyomen,  ferner  mit  Mischgeschwülsten  der 
Niere  (H  a  n  s  e  r)  und  einem  Adenoma  sebaceum  der  Haut.  Lezteres  ge¬ 
stattet  bei  bestehenden  zerebralen  Symptomen  manchmal  schon  klinisch  die 
richtige  Diagnose  zu  stellen. 

3.  Vortragender  demonstriert  zwei  Beobachtungen  von  fibrösem  par¬ 
tiellem  Herzaneurysma.  Beide  sind  entstanden  auf  dem  Boden  ischämischer 
Herzmuskelinfarkte,  bedingt  durch  hochgradige  Koronarsklerose. 

Der  Ansicht,  dass  eine  syphilitische  Veränderung  der  Kranzarterien  die 
häufigste  Ursache  des  angiogenen.  partiellen  Herzaneurysmas  wäre 
(M.  Sternberg)  kann  Vortragender  nicht  beipflichten,  ebenso  findet  er 
anatomisch  nicht  die  Angabe  bestätigt,  dass  im  Anschluss  an  eine  angiogene 
Myomalazie  sich  stets  eine  umschriebene  Perikarditis  entwickeln  soll. 

4.  Vortragender  zeigt  einen  Fall  ausgedehnter  Lungenzerreissung,  ent¬ 
standenen  bei  einem  13  jährigen.  von  einem  Automobil  überfahrenen  Knaben. 
Der  Entstehungsmechanismus  der  Lungenzerreissung  wird  besprochen  und  eine 
Beobachtung  eines  totalen  Abrisses  des  linken  Stammbronchus  gezeigt. 

5.  Ferner  zeigt  Vortragender  die  Lunge  eines  53  jährigen  Porzellan¬ 
arbeiters  mit  überfaustgrossen  Emphysemblasen.  Es  konnte  eine  Pneumo¬ 
koniose  anatomisch  nachgewiesen  werden  und  Zeichen  chronischer  Bronchitis. 

Erörtert  werden  die  Ansichten  über  die  Pathogenese  des  Lungen¬ 
emphysems.  die  bedeutungsvollen  Untersuchungen  Loeschkes. 

6.  Angborene  Brochniektasen,  sogen.  Sacklunge. 

Im  Spitzenteil  des  linken  Oberlappens  wurden  bei  einem  lK  jährigen, 
an  ausgedehnter  azinöser  Pneumonie  verstorbenen  Mädchens  3  glattwandige, 
mit  dem  Bronchus  nicht  kommunizierende  Höhlen  gefunden.  Ihre  Wand  ent¬ 
hält  elastische  Fasersysteme,  glatte  Muskulatur,  grosse  Gefässe.  Die  Innen¬ 
bekleidung  bildet  zweizeiliges  Zylinderepithel. 

Danach  müssen  angeborene  Bronchiektasen  angenommen  werden;  klinisch 
j  wurde  amphorisches  Atmen  über  den  Höhlen  bemerkt. 

7.  Partielle  Ossifikation  der  Bandscheiben  mit  Versteifung  der  unteren 
i  Brustwirbelsäule  ohne  Kyphose. 

Differentialdiagnostisch  werden  besprochen  die  Genese  dieser  Wirbel¬ 
säulenversteifung  und  derjenigen  Form,  die  als  Spondyloarthritis  ankylo- 
poetica  bezeichnet  wird. 

8.  Schliesslich  demonstriert  Vortragender  ausgedehnte  Metastasen  eines 
osteoplastischen  Karzinoms  in  die  Wirbelsäule  bei  primärem  Prostatakrebs. 

Ada  S  t  ü  b  e  1:  Ueber  anämische  Spinalerkrankungen. 

Bericht  über  einen  im  Pathologischen  Institut  Jena  obduzierten  Fall  von 
funikulärer  Spinalerkrankung  im  Gefolge  einer  perniziösen  Anämie,  der  insofern 
einige  Besonderheiten  bot,  als  klinisch  eine  motorische  Paraparese  der  Beine 
mit  Atrophie  von  Anfang  an  das  Bild  beherrschte,  ohne  Sensibilitätsstörungen 
und  nachweisbare  Ataxien,  während  die  histologische  Untersuchung  eine  aus¬ 
gedehnte  Zerstörung  der  grauen  Substanz  des  Rückenmarkes,  besonders  der 
Hinter-  und  Seitenstränge,  und  eine  Degeneration  mit  Verfettung  der  Vorder¬ 
hornganglienzellen  vorlag. 


Allgemeiner  ärztlicher  Verein  zu  Köln. 

(Offizieller  Bericht.) 

Sitzung  vom  14.  Mai  19?3. 

Vorsitzender:  Herr  Gaben.  Schriftführer:  Herr  Jungblut  h. 

Herr  F.  Cahen:  Chirurgische  Demonstrationen. 

a)  Exstirpierte  Tunica  vaginalis  communis  tuberculosa.  18  jähriger  frisch 
aussehender  Bursche  vom  Lande,  ohne  nachweisbare  Erkrankungen  der 
Brustorgane.  Faustgrosse  Hydrocele  communicans.  Bei  der 
Operation  zeigt  sich  ausgedehnte  Tuberkulose  der  Tunica;  aus  der  Bauch¬ 
höhle  fliesst  seröse  Flüssigkeit  ab.  Der  Finger  fühlt  im  Bauchraum  überall 
miliare  Knötchen  auf  der  Serosa. 

b)  Kranker  mit  r.  Leistenhoden  operiert  nach  der  Hahn  sehen  Methode 
mit  Plastik  aus  der  Haut  des  Oberschenkels.  15  jähriger  Junge  —  Bluter, 
wie  sich  später  zeigte  — ,  bei  dem  nach  Herausleitung  des  mässig  entwickel¬ 
ten  Hodens  aus  dem  Skrotum  eine  sekundäre  Blutung  in  den  gedehnten  Hoden¬ 
sack  eintrat.  Dadurch  verzögerte  sich  die  Rücklagerung  des  Hodens,  der 
überdies  stärker  als  in  sonstigen  Fällen  anschwoll  und  so  die  Versenkung 
in  das  Skrotum  unmöglich  machte.  11  Tage  nach  der  Primäroperation  Bil¬ 
dung  eines  gestielten  Lappens  aus  dem  r.  Oberschenkel  (ähnlich  dem  Vor¬ 
gehen  Katzensteins),  der  zur  Deckung  des  freiliegenden  Hodens  über¬ 
pflanzt  wird.  Heilung  mit  schönem  Resultat.  —  C.  hat  seit  langen  Jahren 
den  Leistenboden,  sobald  er  bei  der  Herablagerung  auf  Schwierigkeiten  durch 
den  Samenstrang  stiess,  nach  der  Methode  von  Hahn  operiert  und  dabei 
durchweg  guten  Erfolg  erzielt.  Die  Frage,  ob  diese  an  normale  Stelle  ver¬ 
pflanzten  mangelhaft  ausgebildeten  Hoden  zur  normalen  Entwicklung  kommen, 
soll  demnächst  an  14  »eigenen  Fällen  nachgeprüft  werden. 

c)  30  cm  lange  Dünndarmschlinge,  operativ  vor  3  Tagen  gewonnen, 
stammt  von  einem  17  jährigen  Mädchen,  das  seit  einem  Jahr  kränkelt,  mit 
S  kg  Gewichtsabnahme.  Seit  6  Wochen  kolikartige  Schmerzanfälle  in  der 
Zoekalgegend.  Hier  fühlt  man  je  nach  der  Darmfüllung  mehr  oder  weniger 
deutlich  eine  eigrosse  Resistenz.  Schwache  Blutreaktion  des  Stuhles  bei 
normaler  Entleerung.  Röntgendurchleuchtung  lässt  bei  Kontrasteinlauf  am 
Zoekum  keine  Veränderung  erkennen.  Auf  der  Platte  zeigt  sich  18  Stunden 
nach  Breiaufnahme  eine  Restfüllung  der  untersten  Ileumschlinge.  Bei  der 
Operation  stösst  man  auf  das  unveränderte  Zoekum;  die  unterste  Ileum¬ 
schlinge,  im  Becken  leicht  adhärent,  wird  vorgezogen,  dabei  platzt  ein  im 
Mesenterium  der  Schlinge  sitzender  apfelgrosser  Abszess  mit  nichtriechendem 
dünnbröckligem  Eiter.  Die  Schlinge  selbst  ist  intensiv  gerötet,  ihre  Wandung 
hochgradig  verdickt.  Resektion  der  Schlinge,  seitliche  Einpflanzung  des  zen¬ 
tralen  Dünndarmendes  ins  Kolon.  —  Die  pathologische  Untersuchung  durch 
Prof.  Dietrich  ergab:  Verlust  der  Schleimhaut,  statt  ihrer  Granulations¬ 
gewebe  und  Leukozyteninfiltrate,  bedeckt  von  iibrinös-eiterigen  Flocken. 
Iniilttation  aller  Schichten,  keine  Tuberkulose.  Mesenteriale  Lymphdrüse 
mit  Abszess. 


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.  *  z!;'  ;z  r.  -.r. d  oft  ent  nach  lar.zen  and 

> ;  -  .  A.'-  '.'.z  der  zr'de  ver  Lehertre;henzfen 

xcfc  r  df/C.h  vor  allen  lor  zen  in  dem  Por.kte 


affAf. 


£r**kt  f(M  KJm'ffc  /o  KHnik  wechv;!^ 


rfa  /?, 


>»C1 


V  ’ITT 


rzil  4r  üriiiKtn  4:ni  thtlxliit*  \»;rW<hr  <tt 
xer  rr  i  iaatn  wir  im  priktis^heo  Lrben  vite  .c 
-v»  Ku*ir  cm  '»cac  nxn  >iidi  Micke  —  isie  diitii  die  Freud  sc-ie 

-  ,  —  _  v  i,  aax  in  '  de*  \aaly>v'  NrKhJ  vxt  und  ia: 

1 1  Jniiil  mg  m  vmam  U<»a  Td  der  Rfc  atosbeh.  kh  habe  l«»  I 
x’  Jeir  xjer  lik^ichcsr-  i  iwische«  .dtx'au'i'x'r  und 

i750tre '  anmnc-ud.-’i  xac  daran*'  tunatewesen»  dass»  je  senauer 
faksWkRn.  M  si  mehr  fcunjf  jat  Koste»  der  Suuatto 
rnmH‘r^.~~ir~T~TTr .t  md  dass  tu  VB  irkltchkeit  \ieiteicht  alle 

Sinacimsiigsoiren  seieit.  _  .  ,  ,  , 

Man  muss  'icrt  als*)  '^«usst  b!<:’?en.  dass  mit  der  kuekronrun»; 

~  :  -  arakter  nicht  viel 

-  tuiis  eurd  m»  sich  W*  ™  - 

i rat  11I1C  der  .eccren  M:cve  für  das  Interesse  am  Krank setn  naturti 
nrrnu  le  M  ;■{  ra  deren  Bc-  in*n~iaz  *<t  und  dass  es  in  anderen  ral.» 
cmiiuiii  <  nn  tjeciTK'  tr»e  iu  aktiviere»,  die  ün  Kranken  wieder  das 
LüTüresse  am  ' iesun d kch  erwecken  können. 


-■ 


/.-  Verytar.-d.vi  r.ytt tr.vs.tr  byrr.gtonje  die  Peycfoe  des 
t  fiBtBtcn  0Mjnid  «tadiert  werde»  mw.  dan  man  nach 
ta  ode»  r.i»,  vor»  dem  der  Ans  ton  a  itzoz.  der  ichlicw 
//(f  Pfade  z»  dem  Interesse  am 

.  y *. 2  Hei  spiele  Km  von  CUinckt 
*.z  o*. •  .'otivxSe  ffartzaoz rin  oev.brlebener  Pall  en*t»'ipc>tfe  sich 
•  ."/»ri*/ .r>z  le*z*  - -rde  da  rin  Motiv  nicht  auf- 

-»  Ursache  o  •  r  hysterischer  Charakter 
ck  jntere*.  »ant  zb  machen,  anze 


Später  stellte 


d.r,.-  dev.'.  oerzier.en  in  Krankenhäusern  den 
■  v.kanzen  der  Kriminaloolizei  entz/*zen  hatte,  I«  einem  anderen  Falle 
...;••  •  ,  •  ; •  .•,.•■■:  -.  ,  •.  •  •:  -  .  *  d*.  *  der.  !■■■/'■.■  .  ■  / .  / 

;  x . e  *v»e.e*  ".re  .'a.et  z.  roac.'.e.e,  i/ezoze.e.  Ms  schliesslich  htrauskam. 


Gesellschaft  der  Aerzte  in  Wien. 

iEIjener  Bericht.) 

Sitzunz  vom  S.  Juni  19J3. 
p  D  episch  berichtet  über  einen  Fall  von  Hermaphr 

'*  icri-ie  Knaki  wurde  weiblich  erzogen:  er  merkte  \*or  4 
i  ’cc  Krne  tic;er  wurde,  bekam  vor  1  Jahr  ein  Bärtchen  a 

~  fy-  3ehaarznsstyx>as  des  Mons  veneris  ist  männlich.  Der 
— .  £.  z„  V-  eine  deutsche  t ilans  und  ein  deutliches  1  *äp3 

x*  ie-  Lnterse  *e  der  (Haas  beginnt  eine  Furche,  die  in  die  L  rethra 
■  ii-  Uretkra  befinde:  sich  ein  6  cm  tiefer  Scheidentrichter. 

cann  *.;.xer-cits  Leätcawien  tasten.  .  - 

-  x  E  i  *  e  I  s  b  e  r  g  demonstriert  einen  Mann,  bei  dem  er  im 
s  1  - 1  p'esekdM  des  EUbogengekeakes  ausgeführt  hat.  Vortr.  mach' 

-  -  des  Gelenkes  wegen  Fungus  und  gab  dem  Kranke» 

um  gewiss«  übermässige  Exkursionen  zu  verhindern, 
liierte  Herr  Gersuny  noch  Paramninjektionen  in  die  üelenkf 
"I  I  TO-  a^—  au.;zezeicuneten  funktionellen  Resultat  aui  die  Para 
c  .-x:Ir  za  beziehen  ist.  lässt  sich  nicht  mit  Bestimmtheit  sagen,  ca 
Tr  des  Pararüns  herausgeeitert  ist.  Der  Kranke  meldete 
r-,:l  Zzs~  creiwHUzen  Dienst  an  der  Front,  wurde  am  Fusse  verwunden 
UI  ..  V->  a  -  Id--e  si  1  alsbald  wieder  ein  Fungus,  der  die  Pirogo:: 
Oferatv.n  nötiz  mac.'.te.  Vortr.  demonstriert  den  Kranken  wegen  des. 
.ete»  WhMdti  Rtsdtatts. 

....  y\.  Scklesiiter  demonstriert  einen  47  jährigen  Mann  mit  t 

zeteötea  laetischea  Gelenk serkra»kung.  t  i 

'  -r  K'zaxt  hatte  Schmerzen  in  der  Schulter  mit  nachträglich* 
a  ,7f~-  -r iiä '.sermarm  negativ.  Vortr.  tiess  Emplastr.  hydrarg. 

U  -  ,  r-V'  i-.e-.  Panier  auxlegen.  Der  ausgezeichnete  triolc^ 
,J  .  vortr.  eine  Osecksüber-Sahrarsanknr  durchzuiühren.  Der 

_  '  -a-ijL  Oer  Röntgenbefund  ergab  später  eine  typische  laei 

Srf.  dass  nach  jeder  Qiiecksilberinjektion  eine 
.  Tempera« rsteizernng  eintrat:  die,  Temperatur  nach  den  Sahn 
-  .<•  -  -  betrug  ma-.bmal  über  39*.  Daneben  bestanden  schwere  * 
-eak*  -  D;-  Kranke  hat  dann  so  weit  gebessert  die  Krankenah 

,  dass  er  nunmehr  seinem  Beruf  als  Tischler  nachgehen  ka 

-  r  :r  rr.er.r  ei  le  zeringe  Einschränkung  der  Beweglichkeit  der  linken 

vorhanden.  _  „  . 

Herr  \.  kkaitz  berichtet  über  einen  Fall,  den  er  wegen 

ick  merzen  operiert  hat.  ... 

ein-'.-  4  jährigen  Knaben  wurde  bei  der  Probelaparotomie  Aj 
.-■A  Jejunum  normal  befunden,  im  Jejunum  landen  sich  Askariden  in  • 

Eine  .VI jährige  Frau,  im  5.  Monat  gravid,  erkrankte  mit  Ko 
....  ;  g  in  Die  Untersuchung  ergab  einen  bis  zum  Nabel  reic 

[  Tmor  Md  sehr  starke  Drnckempfindlichkeit  in  der  Oberbauchgegend. 

die  bloss«  Berührung  machte  Schmerzen.  Kein  Erbrechen.  Bin” 

'  Unter'. je* eng  war  möglich,  als  Vortr.  die  Kranke  zum  erstenmal  sah. 

war  «ne  präzise  Diagnose  unmöglich,  so  dass  Vortr.  sich  entschlos 
f  «i-*;  Vaert  zuzuwarten.  Als  dann  die  Kranke  plötzlich  kollabierte, 
operert  werden,  flei  der  Laparotomie  fand  man  eine  ektopische  Gra 
|  in  einen-:  rupturierten,  rudimentär  entwickelten  Uterushorne.  Intrai 
Ko.  salzmfasion  war  erfolglos.  Die  Kranke  starb. 

Herr  J.  Schürer:  Bekämpfung  der  Wut  bei  Hunden. 

Vortr  tritt  für  die  präventive  Impfung  aller  Hunde  ein. 

Aus  ärztlichen  Standesvereinen. 

5,  Bayerischer  Aerztetag. 

(Eigener  Bericht.) 

(Schlusi.) 

4  Private  Verrechnungsstellen, 

O  r  a  f  -  Gauting  stellt  sein  aus  der  Standesprcsse  genügend 
System  mit  grosser  Eindringlichkeit  und  rednerischer  Gewandt 
AbcH  tr  will  —  wie  seine  Gegner  —  teilen  Zwang  abgelchnt  wiss 
Bedeutung  der  Verrechnungsstelle  liege  einerseits  in  ihrem  Wert 
Durchführung  der  Pensionsverslchtrung,  Indem  sie  eine  genauere  r. 
des  Einkommen  .  und  leichtere  Abführung  der  Abzüge  zur  Folge  hätte, 
.eits  sei  die  Einrichtung  ein  Hllfslaktor  und  ein  Ersatz  Ihr  die  ka 
liehen  Verrechnung.stellen  bei  einem  etwaigen  Kasscnstrelk  der  Aer: 
dem  die  kassenärztlichen  Abzüge  nicht  mehr  •tngfngM 

In  der  sich  anschließenden  lebhaften  Aussprache  kamen  Anhängi 
Gegner  in  gleicher  Weise  zu  Wort  und  legten  Beweis  dntüt  ab. 
Ansichten  über  den  Wert  der  Einrichtung  noch  sehr  uusalnandcrg 
Ein  von  D  e  i  d  c  s  li  e  i  m  e  r  -  Passau  begründeter  Antrag  der 
bayerischen  Aerztekammi  <  zerurtcilte  h  di  a  ollem-n  und  verdeckte» 
zum  Beitritt  zur  Verrechnung*,  .teile.  Es  würden  dadurch  /wlstigkeit« 


m  cs  _  :-:csp?  MEDtzpiiscKE  wochexsctc?  r 


i  •;.?* 


-e«.  wefche  fer  Org*insatxa  schädlich  «m  körnten.  Aach  Stu  J*.: 

•  cTe  «eme  m  der  Standes  ö-exs«  bereit*  meftergeiegte  gegmtte-.i.gi  a.i- 
'  “  ma*  rjm  * a—' 1  *  Jnd  krrtnre  ach  »emen  Aorteii  een  der  Enniimag  1-r 

*  .  ?*ia*  mcat  wrlgSciu  und  töne  Zwangan—  ig 

I  s  fc  ;s*et.e  rir  feg  scand  selbst  sicht  von  Wert  «111.  thm  seit  iss  ucä 
. 8  •  * e  *  *  *  Sarifttri.  in.  Eine  besonders  scharfe  Absage  brachte 
•  Mi-  A.mciL  der  im  Hintergründe  unmer  noch  einen  v  erst  eckt -*n 
g  »Bern  sieht. 

4Js  ein  warme-  AiUagtr  der  Edee  bekannte  sich  dagegen  1er  Vertreter 
-eiprccer  »erbamles.  Herr  Kiiiv.  der  mitreute.  las-:  ein  Zwang  •<  n 

-  -  ' .  .  •  - .  ■  .- 

1  len  sich  aaenteaneal  aas  Dr.  EngeEberger  »w-e.sti.ae  0*5e"-a^ 
i  ;  l  e  .  -  A*fcerg  und  D 1  e  m  -  Krczingen.  En  diesem  Bezirksv  ere  n  <- 
l  UMU  aCer  i-ese  Zwang  re:mnr*si.:s  lareajefiart.  em  a  günstige-  =.n- 
|  .  inf  las  »erbätans  Arzt  ad  Patent  sei  niemals  za  berne'ien  gew  :-^n. 

•  ;  tjeatei:  ua.  eu  1-e  Kranken  TOces  A  erstandncs  Sir  i;e  V  iw  -ac  rt-  - 
1  '  nähme 

Eae  Einijxu  fiess  sich,  natürlich  mehr  erzielen.  doch  bestund  wen 
d  ir«-  DräeBizfceK.  lass  ein  Zwang  Echt  ansgsdm:  werden  du -de  In 

•  ~‘nn,e  ^rn-***  »ach  der  erste  Teil  des  Antrages  d.-  snede-h  »j irischen 

.  iiixia^ü.  trt  äcrncn».  ii>i»  i”.*  T*  z.**? 

• irksvereme.  m  weichen  die  Verrechnangisteüe  d  iräger  'mrt  1  s;cn 
t  anerkennen c  darüber  aassprachen  ad  mit  der  Se-ge-hng  ?enr  zufrieden 

•  cil  ’jöw  :ni  die  Venuxngen  zuweilen  scharf  aufeman  d;  — -  ...reu,  ti;- 

•  1  aerTargeaii  bea  werden,  dass  auch  dieser  Teil  der  3eramnt  etr  :cr- 
» lisch  verfiel  was  einerseits  der  tarne  m  Len  Beaanclmc  1er  Frii; 

fr-  G  c  a  r  ra  langen  war.  andererseits  der  heka  nuten  gemässigTen  and 
t.ianten  1  .tart  staune- s.  sc  v etier  dieser  Tin  manenen  etwas  gg- 
1*®"  -  iiesi -dnung  nt  to  .et  k  1  igi— . . c.  ad  Freundschaft  ru¬ 

ft  i-iigung  beider  Partiien. 

.  twerte^Tig  des  Asmetuges.  Sonntag  der  22..  brachte  ce  T*  a.en_ 

-  *-**"  I-  -  -  -CI  -  -  r-:-;  -  :  -  b  .11;-  ;  ;  ;  viel  ■-  .  - 

•  r‘J*  hob  Vorsitzenden  gewir.c.  aucn  an  hingen  neö  die  Zxs'm.tien- 
*L--g  des  Laadesausschnses  mc  der  Ansscjisse  in  wesentlicua  11. er- 
*irt  Nor  ein  hcchverdieater  Man  scheide:  beenner  :. renv eise  cas  cem 
Adesaus^» — 1  ^  s  1 1  Mi  1  n  c  t  -  '>  ;-n  :  ■  c  1 :  '  -  ; 

■  lacscnuCT  n  e  r  c  -  Bccnicerg.  Als  5era j  zum  Lemcigir  "•  sriene  ir~L 
>  -der  se.cst  tätig  sem.  wihrenc  Minier  nur  mehr  uls  Ersacmuco 
sein  w  -±.  ^ .c  die  KrankenkussenkcuimissiüiL  ein  Ausschuss  t'c  pi  • 
•  *^Uendir  Uichcgätem  wird  ein  Vertreter  Vederravins.  ad  ew.r 
#«=  I:'  '  .  •  II  .7-;.  •  '  .  .  -  .  •  .  ; 

•  c  c.e  Lurrcesausschussw uhlen  nn  Summernecici  Schwu-en  w  *d  '  r- 

ftiCt 

t  l  er  nächste  Punkt  der  Tagescrinog: 

5.  Bericht  der  Krankenkassenkommtssion 

;  “b-'il-:  -  i‘-Tr  -  -  -  :•  •  .‘Csw  I-  -  -  :  . 

1.  Sc:  -  :  1  -  .  .. .. 

-*'CCC"  I-  .  CI.  C  :  re.  C  -  I .  I  —  ;  I  C  :  ‘  I  •  .  .  .  I;- 

ithru.tis  cmner  raneameace  Bedeatang  dec  Krunsiasussenfruzir  Le* 
e:a  Ob  eit  de-  Oesetzgeiang.  steht  fast  sc. täte  :s  eine*  gefesr.gc.  . 
ccc  gescbdcteh  drjanisan.oii  gegeaüie*  Lies  hierts  cur  .'-gunisc:  - 
'  .  ... 

*  Aircte  ru  deu  Küssen  uac.t  Amau-  des  Tanfacs :  ciciens  uuf  unsicher  ec 
■  Vcrgeseien  ist  -«tat  ein  Reuihsaasscirass»  :r  de  f-ucet  der 

ft  ->ang_  der  Pan  Wirtschaft,  der  ficncrarbestiinmnag.  ieäande  1.  -erner 
*  '  sttragsaasschass.  der  e.tem  Sc  edsamt  c:  i  Re.chssc  edsc-i*  .  - 
pw  hHai  ■«ersteht.  Gefiuifcu  nass  werftu  ftc  Emrc: 

•  niera  und  Landesansschössen.  weiche  den  V.-ilcug  ge : ne cer  cen- 
'  '  '  •  ' . .  ' .  •  . .  .  •  .  -  •  •  •  .  . 
ft  1.  Verhaue  uregea  fäuren.  remer  müssen  auch  die  Kessen  er  getr efene 
**  ranntgen  gesetucch  ge&oncen  %-erdea  I.ancesvertrugs-  i-c  Lance<- 
*  csL-ntsr  nässen  engenente:  werden  Pie  freie  Arztwahl  muss  üben 
h  ;  «  Küssen  Terlaagt  and  erzwangen  werden,  der  Be.  trag  ru  den 
fc.-üritiichen  >  ereiaigungea  nass  cc> -gute- sch  sein,  d  •.  ke*c:e  imssc  r 
■  te  K  emkng  to  Kassen  and  soosr : 
toft—to  Di»  /Urne  nässe«  in  der  M-Ncim- - 
--  werden,  da  diesem  Zwecke  sind  Semhrarien  cu  err.c.rten.  Per 

*  .  •e-::..c:c.  •  .  -  .c-.--sc.i-  c  .  .  ce- 

fftt  ah  Mi  die  '  1  ■  hi  1  Mil  hi  ifii  fti^i  ■  Es  echt  rar  >  ; 

knnmiL».  der  Gnfcwke  fter  Scftsthüc  Md  der  F 
*'  *  ecer  gestirk:  werden. 

er  Mc »r rarfrage  Siergeheac  bespricht  Redner  das  schre-  ade  '•  <s- 
-us  swtschen  Hooerar  und  Tenerag.  In  de-  ersten  Juxiihte  ium  die 
S  .  >tung  aar  w  m.  v  Sa  einem  Index  rvn  dl  511.  ietst  scncrri:  s..;  n: 

1  SK.  frei  etoem  Index  von  db  sfd.  Die  Sätze  toettea  sich  an  Vcrahr 
--'e-  den  Mnrcestsatren  der  c-re-ussv  Geh. Ordnung,  feest  sind  s.e  wer 
yfrh-  Ik'indui  btftere  jOm»  Innin  aas  der  Ptaiiz.  tot: 

■  ****  tot  ftcat  Werte  eines  Bes  rnrlihnf  wirft.  Rascheste  Abi» 

*  tn  Noch  sc  -  -:c-  s-icci-  ..  •  •  .  -  '  - ;  ...  . .  .  .  . 

i  i  ciea.  wenn  c  eses  .Vettel  versage,  müsse  man  za  den  schärfsten 

rton  ftns  ge « ertar.fraftfrr.hn»  Kamptes  g-,  Dte  Eatic 

pwftto  ftie  Arafttag  rasch  erhügen.  den  Pfifaer  Kollegen  müssen 
!  gs:  Zulagen  gewährt  wercec  Pie  Wegegehühren  missen  geragt 

-  -  -  ■-  -  ..  I  ■  '  -  <  .  . s - . 

m  e  r  wo  Vmtstenum  hlr  sociale  Fürsorge  hei.  Nach  iemcaec 
■  issaag  ftatcfr  der  \  •  •>  :.  -a.  .  .  ..  v..  .  .... 

-  i>t  dt:  schwe-ta  N.'dhge  der  Ker.te  wohl  bewusst  sei  und  sie ' 

Ph  frtoftnfrnr  werde,  einen  A*s*ieich  1  wischen  den  Interessen  der  Aerite 
fh*  WS»  n  Inden  ftnefr  dese  seien  ra  tu  etotr  schweren  Lage. 

g  fräMtofttrs  ftw  I  iräiffW'ir.kmitaKsalw«.  Er  rerstchert  xn  Sinne 
*  ^c-’  «m:  ’g  a  -  -  x.  .  ...  c  -I .  .  -  . 

•J  •  a  .  ...  V-SCC .  ..  X  x  .  >c:a-  -  ;  aar  \  ... 

frt  fter  Aussprache  wird  ■  Vrdage  and  fti*- 

*  ftfrk  Amte  to  beredten  «oft  ergreifender  >  arten  cesefrftfter*.  $0  vorn 
;tr  de:  badischen  Aerzte  K  a  h  e  n  -  Mannheim,  von  Gilner-  Väu- 
[  ^ftjfr  Sc  h ■  1 1  z  *  Afrfrnch.  Van  ist  einig,  dass  otit  aften  Vkteht  AS 

•  --  -•  •  SS  ;.  I  .;  SC-  ass.  .  a  -  a  -c  ..  a. 

•  i.iessaag  tu  Annahme: 

~xNe  am  dd  Jur  to  Nürnberg  ragende  Mjerisc  -  -  Laudesirztekammer 
c«  Oeleutachte  nachdräcAceusi  aal  d  e  :  e-st  cs»  Lug«  der  Ae;  jre- 


u'ufaierx  .  die  uaaprsächiSa  venchaidet  tot  daran  die  15 -cn- 
wftrt&a  jew-rieae  Töilig  uiKruiarigijaae  Bezacunng  m  der  Ka  -  -amiES. 

w ährend  l_e  imtlicrten  Z-ffetn  cetiics  ehre  Vertinermg  de-  1  .  r- 

«ea  I  rfrrnifrrfttofcmn  ■  Bftt  fte»  awtofci  grgrViir  ton  ?  iJt- 
«anuii  angecen.  rat  das  prsnsstoefre  Wc  mfaartimimscsnum.  das  1  c 
Teaerqggszuscuiug  a  für  i_e  In  der  äTassenpraxLs  gr.cende  Gecühre-  -c- 
nag  äsc setzt.  Le  iafctoa  Gemi.-.na  es&cSch  uuf  das  ü»irn .  ir  .. 

i-mxa  ki.rmnt.  da.i ^  die  Bernls Unkosten  der  Aerzte  ms  Lugeaenri  ge-sre-an 
sind,  ad  Tir  u.ie-n.  lass  :_e  S^izaaiag  der  Mo ao rare  ra  saht  na  a- 
Cura  entwerte:  eräiigx 

Duc-rcb  tot  ier  .Aerz sstni  ier  für  cu.  VitkswBhi  sei  der  ves 
icniin  unre.gr üben en  \ otosgesmuiheit  aentbe-rrfien  tst.  der  Teretoadsng 

ureisgegesex 

T“ese_  gr-.sse  Sce.ag-  der  Aerztescnaft  -irtordert  {erriet msen  em  - 
rorr.ges  Engremen  ier  mas-igscendea  Pegieragssteilea. 

Die  _  bayerische  Airztescham  Teruu-gc  rm-gead  tnm  bajer.  Mn> 
stgtnm  ie<  taeru.  •  c  sich  u-  c.e  Tiai-umgisausctLäga  cur  cebü.-cru- 
. .  InTirr-g  ru  erii.-cen.  damit  s;e  len  w  riccuea  e-v  lübgen  Tiaerags- 
vinammssea  entscrtchen.  Firner  irsucu:  d.e  ca-irscne  AerztesctonE  ras 
Vünsc±r.um  är  scrta.e  rirj.;-gi.  ui  Iresem  Seine  agusännr:  be  m 
jtiuSh.  jtmscinxi!  nir  *  iikiir  idirj.ir!  cc'vufcäs 

ru  befürrnren.  dass  c.±  Aerrtescua ft  m  mrtr  Vercw  txica 
rar  aeStsoure  graä  ad  aut  uZca  £üwirücaar..cnen  V-ttein  den  Samn^ 
ci_  e  cea — hte  - — icstenr  iuacmnit.  wan  irc  aulssigea  ad  -,e—echti,--iii 
- :  ediruerr-sr  ntcht  aalja  irfü.It  tkcix  ' 


Geiegsnnci:  Eeser  Ansscmcae  wird  tue-.  Le  rag;  re-  ■>  — --si-r-a 
oeaaadeit.  re  31  jetzt  6efrranrlt.:h  tat  weitim  aicat  re  äe.bstk  ua  ie-%ei 
Lbe  .irsciagi  *g  1  a  : .  -  Kedermg  Gmadgibänr.  daru  3eaac.umr  des  :  ms- 
ircchen  ruirxtnes  auch  re  Nxhtceaütrung  des  T-*igit..  1 — -  r  a 

3)  Ptjo.  ntr  Prfracgrums  ümien  H^oi! 

—Sir  iclc.i  Ten  »es  renchres  bc  c  dessen  rcscci-riiung  .  — nca— 
mittags  amgfcck  wurde,  becancere  die  Pfanwfrtschacc  5r--  '  ir  -  r'- 

iaergcschen  Wann  fe-  Anfrectoarth iftrag  der  Teien  Arutwxi  ent. 

--■c»-_  ..e  -ccerriZurr  giwissec  .ree  Terimderr  ucc.  mu;;  egat- 
srad  an  N  erzurdZn'gea  zwischen  Aernzeschafr  ad  Kasse-  rüden.  V:a 
seiten  rer  hassen  wird  ein  jraritärtocher  Zalassnttgsaissccu s s  ggx-c.—  "r 
jitrter  Zex  sind,  neue  \ erschlüge  rer  raT^-Ischea  Kassen  ges  -tunen  xe 
•  ic  a.tgit  -  irr  ;.-  b.:.--  ...  „  .  .  - -  ;- 

-  K issegm:cgj  e-ier.  uxassang  erst  1  labn  aacn  der  Xccrcbc-Icn.  Nad- 
Wi.s  ».mirencir  >  211  — usse  auc  rem^jerceie  rer  *■  ers.cier— gyne-d-  m  a’xj 
3esacd  enes  Seminars.  Letzterer  Fcnternag  xt  razastmtmen.  öde  _'ce- 
ren  ceiren  ersten.  Vnr  müssen  _  unter  P'aaw-Irtscbaf:  in  erster  Laie  ncur 

-  --  -  -  I C  '•  i  1 ; "  .1 :  :  .  -  1  -  -  -  X  :  "  :  I  .  "  .  I  f  -.- 

teoörag  ihemtürer  Orte  iir  i_e  im  1  innic.—en.  sendern  tue  r  Fa. 
cu  ruZ  er-.- .gen.  »>  as  die  enzinen  Aerztegrigcea  berriSi.  sc  s:  Ass;.-. 
ad  VaiMtärärzten  die  Kassenrruxto  ru  Terfrteren.  den  V  ersergnagsirrt.a 
ist  sie  bereis  rerbetaa.  L'nireiagt  ra  fordern  st  r.e  —eie  Ä-;ixai 
ce:  den  Ktuccschaccsärrten.  Ueber  d.e  rage  der  Kassenpruvs  rer  Aji-~ 
ad  5c  mürrte  ist  gescnc;rt  ru  sprechen. 


,  i  Die  Bihnritirist 

i*  *-  -AU ic  I  ISS  ic  1  ;  :  .  -  .  ’  ;  -  .  '.;s  -  ?  e  ;  • 

!  reaadelr.  Eine  Regehmg  wnr-de  durch  ras  '» erra  tea  Jes  Yere  us  i^r 

j  Bainame  vere-rtei-. 

j  .  fr  «fcr  Asssprache  wnnfe  auf  tos  Ufrftnftfrasn  to  Lage  tot  «■ipü-h« 
Ä  :~en  besreders  von  Sisii-r.n-.V  Lachen  bingew  -  esc-.  Fee  au- 

'  dl  'S  -  ;  I  .  -  .  -  1;-  \  .  .  ^  ’  *  .  .  --  -  -  ■  - 

-  -  "  -  '  •  '  -  -  -  -  -  '  .1;-  me c.  Cs  .  • ; 

I  ftra  ftnuiiuün.  n  fttosna  Stone  zu  ftnUnii  es  saften  ihm  äto  toaehn 
'  f.  .  .:  -  : .. •  x  -  ..  '  .  -  -  -  .  - 

zewandeii  werren.  dass  de*  Ausscaiuss  der  3a. ca-  ad  Pcstknssenürii.-  rurch- 

- si.  •  1.-  X.s-S  ■  : 's—  1  .  -  "  i.  -r  — 

j-'e-re-  .  *c  is  is  rr-'C-  i'sar  .  .1. 

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.  .  .  . -  - .  . .  i ;  .  . •  . . 

■;esc-  .."C  1.-  f.sc-cc-  *c  -ik-  -ir  .  ä:-c 

M iitcaen  smc  ix  eine-  Ferm  nc  r  einem  Geiste  ücgifasst.  d---  r<a  \ . 

-  - .  .....  -  ... 

j»t  üftftg  izwirh  iftoft.  Der  tojototo  de-nccag  -  ssbübgt  : 

'“C-g  ca-  ci-i  •  1  .  ccc  .--'sc  'c  Ai  -  de  i-g  .  -  . .  .  b;c-  ccs- 

rnicären  ad  macht  auf  die  Feigen  aufmerksam»  d  ;  ce. -  Bedartea  er 
cesem  resci.usse  ectstecen  misste-.  Per  Luncesaisscitass  w  -d  mit  der 
Aasit  inng  dieser  dncsch  esssuexg  ceaiftrugi 

...  •..  'de  .  .  -  _  •.  - 

j  c-sicie.tde  i  -  -  v  ic  :  -  i :  ■ . -  ;  - i'.  Fi—  -.  ... 

Zr.  F  :  :  t  i  i  :  1  {  i  r  -  Mixe«  cr>  ^Äcrt  ad  ceocc"  c.  N- 
_eaes  guten  Ektverui. intens  tvsc'au  Aeritesc.i..-.  ad  Anisum .  •  p»< 

sAiss;cc'-;d-e-  ;  .  sc'.c  er—  Ti  •  ».  •  x  ,>'C  •  .x  ..  1.  .  ... 

r-cx  s.  cur  7 er  x  .  x  . . .»  x  c  •  : .......  . 

Cie  '  ag  ccc  A—  :  sc  -  n  i  i'.i  .  i  ..  . 

En  Annahme  getongt  scfrftessftdfr  fter  Antrag  Näruice-g.  *  c-mc  -  ca: 
A-rsc-:ig  si  x-'-.g  -  i  .  ..  .  .  ■ ..  ■■  .  c.  ..  \  \ 

I  **•  fter  Ktosottos  asEtocUtosoi  wetftun  cgft>  « 

-  den  ersten  ’  -  -  b  .  .  ....  v  : ...  ec  ■  -c  -  '  1  •  x  -  isa-  :  •  .  -  c . . 

cerea  7  icixäxnrsseu  eme  Ausnahme  gemache  werde:-  Dieser  Gtuncsci: 
t  ec:  x  cidi-iccc  -  .-  1  >  vec  -  e  -c  .  ».  •  -  ex  -  »•-»-.;•  c. 

Awtsänte.  Es  seid  der  Ausgleich  anft  trnftftirto  in  Wege  du-ch  Vettoanfttonc 
geraden  werden. 

bc  >>  .  .  .  >e  ■  r'c  -  \  i.-  •  c .  ‘  . . .  -  c  -  i-.g  c  1  s  c.- 

ttotora  The  to  AtoSftrach  nehratn.  frirtnni  ScfrnIL  dass  .  sc  -  - 

I  tMfrt  tot  seinen  Ansichten  Star  FhavitSstoh  etov  et  straften  <*y  ftt 
I  TOtoftlt  AnskhMn  nicht  geüxssort  wurden.  &  h  Tinft  «u  htwL  ftra 
•  r'üfi-”.sc-c  ’i  i  •  bc  *  i".  sec.-1  .  •  '.•-•.••  cc-  Tu-.-.r 

•  sii  ..  .  .  .  .  :.  .  .  .  .  ,n . .  .  -  . 

:  .  Tr  :  •  - .  - 1  .  s  .  1 .-. .  .  .  .  -  .  .  .  .  -i  -  ... 

-  :  ‘  si  c  -  .  •  c  '■  .  g  F  *  x-  s  c  -  c  •  i  ■  i  .  i .  .  .  •  i  -  .■  -  x.  - .  - . 

(tkranm  ri  rtoliton  lifktär  11  frei  Kassen vertotohrace*. 

Der  eine  Pakt  der  I'i.giscrd  •  1  .. 

T.  Bericht  der  Kraukenhaus'  u-td  Fätsergeireie* 

Unnts$:iM 

toi  hei  fter  rattschnHuu  Zeit  rächt  nftr  rät  ftra  wünschenswerte« 
AtofthfeUftt  hfttaNt  werften.  b  . -  mftftt  ftra  rararaftfthehe  to 


1038 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


erfolgreiche  Wirken  des  Vorsitzenden  der  Kommission,  Wille-  Kaufbeuren. 
Dieser  beschränkt  sich  folgende  Anträge  vorzulegen  und  zur  Annahme  zu 

bringen:  .  ... 

1  Der  Landesausschuss  möge  erneut  die  Unterorganisationen  er¬ 
mahnen,  die  Durchführung  der  zentralen  Vereinbarung  über  die  Dienst-  und 
Besoldungsverhältnisse  der  Krankenhaus-  und  Fürsorgeärzte  energisch  zu 
betreiben  und  im  Falle  des  Widerstandes  die  geeigneten  Gegenmassnahmen 

2.  Der  Landesausschuss  möge  beim  Städtebund  Vorstellungen  erheben, 
die  Errichtung  von  Privatkliniken  möglichst  zu  erleichtern  und  den  Kran¬ 
kenhäusern  grosser  Städte  Spezialabteilungen  anzugliedern  mit  beschrankt 

freier  Arztwahl.  ....  ,  ,  . 

3.  Der  Landesausschuss  soll  im  öffentlichen  gesundheitlichen  Interesse, 
wie  zur  Erhaltung  eines  tüchtigen  Aerztestandes  alle  Massnahmen  treffen, 
um  die  Auflösung  zahlreicher  Provinzkrankenhäuser  und  Privatklimken 

zu  verhindern.  ,  „  ,  .  „ 

Mit  nochmaligen  von  Herzen  kommenden  und  zum  Herzen  gehenden 
Dankesworten  K  a  s  1 1  s  -  München  für  S  t  a  u  d  e  r  schloss  nach  13  ständiger 
Arbeit  dieser  denkwürdige  Aerztetag.  S  t  a  u  d  e  r  konnte  mit  Recht  sagen, 
dass  er  sich  den  glanzvollsten  deutschen  Aerztetagen  würdig  an  die  Seite 
stellte.  In  den  letzten  5  Jahren  hat  der  Aerztetag  unter  S  t  a  u  d  er  s 
Führung  vier  grosse  Werke  vollendet:  die  Aerzteordnung,  die  Ehrengerichts¬ 
ordnung,  den  Mantelvertrag  und  nun  als  letztes,  schwierigstes  und  segens¬ 
reichstes,  die  Aerzteversorgung,  eine  Leistung,  auf  die  die  bayerischen  Aerzte 
und  ihr  Führer  stolz  sein  können.  Nicht  minder  erhebend  berührte  der  kolle¬ 
giale,  man  darf  sagen  herzlich  freundschaftliche  Geist,  der  alle  beseelte, 
auch  bei  scharfen  sachlichen  Gegensätzen,  die  zum  Teil  früher  schon  fast 
zu  persönlichen  geworden  waren,  ein  Geist,  der  alle  zusammenhielt,  so  dass 
auch  manches  kräftige  Wort  ohne  Verstimmung  vertragen  wurde,  dieser 
Geist  bietet  die  beste  Gewähr  für  eine  gute  Zukunft  der  bayerischen  Aerzte- 
schaft.  Le0  V  0  1  8  1  -  Nürnberg. 


Kleine  Mitteilungen. 


Der  70.  Geburtstag  Max  v.  Grubers. 


Eine  stattliche  Zahl  von  Freunden  und  Schülern  hatte  sich  am  Nachmittag 
des  6.  Juli  in  dem  schönen  Heim  Geheimrat  v.  Gruber  s  eingefunden,  um 
dem  verehrten  und  geliebten  Meister  die  herzlichsten  Glückwünsche  zu  seinem 
70.  Geburtstage  darzubringen.  U.  a.  überbrachte  Geheimrat  v  u  o 
die  Grüsse  der  Bayer.  Akademie  der  Wissenschaften,  Geh.  Rat  baue  r  - 
brach  diejenigen  der  Medizinischen  Fakultät  München,  Geh.  Rat  Dieu- 
d  o  n  n  <5  hob  die  Verdienste  des  Jubilars  um  die  öffentliche  Hygiene  in  Bayern 
hervor,  Geh  Rat  K  B.  L  e  h  m  a  n  n  -  Würzburg  überreichte  die  Festschrift 
der  SchWer  Prof  Schneider  als  Gabe  der  Mitarbeiter  im  Hygienischen 
Institut  eine  künstlerische  Majolikagruppe.  Den  Höhepunkt  der  stimmungs¬ 
vollen  Feier  bildete  die  Ansprache,  in  der .  Herr  v.  Gruber  für  ilie  » 
dargebrachten  Wünsche  dankte  und  dabei  die  schweren  seelischen  Kampfe 
schilderte,  die  er  im  Laufe  seiner  Entwicklung,  z.  T.  schon  im  frühesten 
Alter,  zu  bestehen  hatte,  bis  er  sich  zu  der  harmonischen  Gestaltung  seiner 
Persönlichkeit,  die  wir  jetzt  an  ihm  bewundern,  durchgerungen  hatte.  Wir 
sind  Herrn  Geh  Rat  v.  G  r  u  b  e  r  besonderen  Dank  schuldig,  dass  er  unserei 
Bitte  entsprochen  hat,  seine  Worte,  die  tiefen  Eindruck  machten  und  diesen 
auch  bei  unseren  Lesern  nicht  verfehlen  werden,  niederzuschreiben.  ^ie 
lauteten: 

Verehrte  Frauen  und  Herren! 

Wahrhaftigkeit  vor  allem  gegen  sich  selbst,  habe  ich  stets  für  eine  erste 
Pflicht  gehalten  Von  diesem  Standpunkte  aus  hatte  ich  sehr  erheblich 
Abstriche  an  dem  zu  machen,  was  Sie  über  meine  Leistungen  und  Erfolge 

ta,A£r  bSiSÄ’ffiv«!«»!»!.  „nd  da„kb„  alles  an  was  Sie 
mir  schenkten,  als  Ehrung  für  meine  wackeren  Ahnen,  für  meinen  edlen  Vater 
vor  allem  und  für  meine  enthusiastische,  für  Natur,  Musik  und  Dichtkunst 
begeisterte  Mutter;  als  Huldigung  für  den  Dämon,  der  mich  gezwungen  hat, 
ihm  durchs  Leben  zu  folgen!  Wir  selbst  sind  ja  ganz  ohne  Verdienst  an  dem, 

U'1S  lmrübHgennmussnich  Sie  bitten,  auch  für  mich  den  Satz  gelten  zu  lassen, 
dass  es  genug  sei,  nach  dem  Höchsten  gestrebt  zu  haben.  Ich  sage  dies  meid 
mit  Bescheidenheit,  sondern  mit  Stolz,  denn  ich  habe  wirklich i  : nach  dem 
Höchsten  gestrebt.  So  tief  hinab  und  so  hoch  hinauf  wollte  ich-  J*lsvde 
menschliche  Geist  nur  immer  zu  dringen  vermag.  Und  nicht  mit  dem  Ver¬ 
stand  allein,  auch  mit  dem  Gemüt  wollte  ich  das  All  umfassen  Das  Beste, 
das  ich  finden  mochte,  sollte  dann  meinen  Mitmenschen,  dem  Vaterlande 

zum  Nutzbe.u  ^g"neem  verehrten  Kollegen  Lehmann,  der  die  Reise  hierher 
nicht  gescheut  und  soeben  wieder  so  überaus  freundliche  Worte  an  mich  g  - 
richtet  hat,  ganz  besonders  herzlich  dankbar  für  die  viele  Zeit  und  Mu  i  . 
die  er  an  das  Studium  meiner  Arbeiten  gewendet  hat,  für  seinen  so  “heraus 
wohlwollenden,  mich  so  sehr  ehrenden  Gluckwunschaufsatz  in  derJWünchener 
medizinischen  Wochenschrift.  Es  erscheint  daher  recht  unartig  und  ich 
bitte  ihn  dafür  um  Verzeihung  — ,  wenn  ich  sage,  dass  ihm  ein  erheb  eher 
Irrtum  unterlaufen  ist,  wenn  er  schreibt,  dass  mein  Leben  ein  friedliches 
deutsches  Gelehrtenleben  mit  einem  einzigen  glatten  Aufstieg  gewesen  sei. 

Aus  der  Ferne  mag  es  so  scheinen.  Aber  in  Wirklichkeit  war  mein 
Leben  keineswegs  friedlich  und  so  wenig  ein  glatter  Aufstieg,  dass  ich  einmal 
in  den  Jahren  der  besten  Kraft  nahe  daran  war,  völlig  aus  der  Bahn  ge¬ 
schleudert  zu  werden.  Ich  habe  seelische  Quetschungen  und  Verwundungen 
erlitten,  von  denen  ich  mich  nie  mehr  völlig  erholen  konnte.  Die  älteren 
meiner  hier  anwesenden  Schüler  haben  diese  Schicksalsstosse  zum  Teile  mit- 

Dann  war  von  vornherein  ein  Fehler  in  meiner  Maschine.  Es  fehlte  mir 
zwar  nicht  an  Spannkraft,  und  geistige  Ermüdung  habe  ich  kaum  Je  gespurt, 
aber  es  fehlte  irgendwie  an  den  Hemmungen,  ohne  welche  es  keinen  ruhigen 
und  gleichmässigen  Gang  einer  Maschine  gibt.  Ich  durfte  gerade  in  meiner 
besten  Zeit  niemals  mit  Volldampf  fahren,  wenn  nicht  das  Ganze  alsbald  m 
rasende  Geschwindigkeit  geraten  und  zerschellen  sollte.  Das  ist  eine  der 
Ursachen  ™  ich  bei  weitem  nicht  das  habe  leisten  können,  was  ich 

leisten  wollte  und  leisten  sollte.  .  M  -  ,  wqr 

Und  dann  muss  ich  Ihnen  ein  Geständnis  ablegen.  Mein  Leben  wa 
eigentlich  gar  kein  Gelehrtenleben!  So  lebhaft  mich  die  GeKenstande  des 
Wissens  immer  beschäftigt  haben;  es  war  gar  me  mein  höchstes  Ziel. 


grosser  Gelehrter  zu  werden  —  und  deshalb  bin  ich  auch  keiner  geworc 
Auf  der  Grundlage  des  Wissens  und  der  Einsicht  unserer  Zeit  ed  es  Mensel 
tum  selbst  zu  verwirklichen  und  anderen  es  verwirklichen  helfen,  das 
—  wenn  ich  mirs  recht  überlege  —  eigentlich  stets  das  letzte  Ziel  ine 
Sehnsucht  gewesen.  Weltanschauungs-.  Sittlichkeitsprobleme  haben  mich  s 
mehr  als  alles  andere  beschäftigt.  Mein  lieber,  glücklicherweise  noch  leben 
als  ausgezeichneter  Chirurg  und  hilfsbereiter  Arzt  in  seinem  Lebenskreise 
verehrter  Kamerad  im  Schweisse  der  medizinischen  Studien  und  in  den  h 
nissen  der  Examina,  Felix  v.  W  i  n  i  w  a  r  t  e  r,  scherzte  einmal,  als 
noch  Studenten  waren,  „Der  Grueber-Schani  hat  sein  Beruf  verfehlt; 
liätt“  Religionsstifter  wern  soiln.“ 

Verehrte  Anwesende!  Vieles,  was  heute  über  mich  gesagt  worden 
gehört  —  Sie  verzeihen  mir  schon!  —  zu  den  liebenswürdigen  Ueberi 
bungen,  welche  bei  solchen  Gelegenheiten  üblich  sind.  Aber  eines  fühle 
doch  mit  grösster  Freude  als  echt  heraus:  dass  Sie  alle  mir  freundschafl 
gesinnt  sind  Da  wird  es  vielleicht  für  Sie  einen  Reiz  haben,  zu  ertah 
wie  ich  dazu  gekommen  bin,  mich  um  die  Hygiene  des  Ich  mindestens  ebe 
viel  zu  kümmern,  als  um  die  Hygiene  des  Körpers.  Sie  selbst  sind  d; 
schuld,  wenn  ich  soviel  von  mir  rede,  denn  ich  habe  mich  mit  Händen 
Füssen  gegen  jede  Feier  gewehrt,  in  der  ich  der  Mittelpunkt  sein  sollte,  ; 
Sie  haben  es  gewollt. 

Meine  Kindheit  war  die  allergücklichste.  Sehr  früh,  mit  3,  4  Jahren  sc 
kam  ich  zu  vollem  Bewusstsein  und  Gefühl.  Ich  fand  mich  an  der  Hand  e 
liebevollen  und  weisen  Vaters,  der  mir  aus  dem  fabelhaft  grossen  Sch 
seines  klaren  Wissens,  das  sich  auf  alle  Gebiete  erstreckte,  mit  vollen  f 
den  gab.  Meiner  Mutter  verdanke  ich  es,  dass  die  düsteren  Räume  der  e 
lieben  Wohnung  im  engstverbauten  Teil  der  Wiener  Altstadt  vom  Son 
glanz  der  Musik  und  Poesie  durchflutet  waren,  dass  mich  .schon  in  früh. 
Kindheit  der  hohe  Geist  Friedrich  Schillers  umwehte.  Und  vor  meinen  Ai 
stand  in  der  vollen  Blüte  reinen  warmen  Mädchentums  meine  geistige  Mu 
Freundin,  Geliebte,  mein  Alles,  meine  Schwester  Auguste;  erfüllte  mein  klt 
Herz  bis  zum  Bersten  mit  unsäglichem  Entzücken  über  das  Ewigweibl 
riss  mich  in  leidenschaftlicher  Liebe  und  in  Ehrfurcht  hin  zur  edlen  r 
ein  Amulet  fürs  ganze  Leben. 

Ich  war  ein  frommes  Kind  und  glücklich,  Verehrungswürdiges  vere 
zu  dürfen.  Aber  ich  war  wenig  mehr  als  10  Jahre  alt  geworden,  als 
alle  religiösen  Ueberlieferungen  geraubt,  alle  religiösen  Illusionen  zer 
wurden.  Mein  Bruder  Naz,  der  mich  aufs  innigste  lieble  und  zu  den  hoct 
Leistungen  bestimmt  glaubte,  selbst  im  Sturm  und  Drang  seiner  20  Ji 
meinte  mir  keinen  besseren  Dienst  leisten  zu  können,  als  indem  er 
von  allen  Vorurteilen  und  Aberglauben  der  Vergangenheit  so  früh  als  mo 
frei  machte,  mir  den  Weg  zu  freiem  Menschentum  bahnte.  Unter  dem  S 
strengster  Verschwiegenheit  gegenüber  dem  hochkonservativen  Vater 
traute  er  mir  an,  bewies  er  mir,  dass  die  überlieferte  Religion  nichts  als  V 
und  Betrug  sei.  Aber  er  hatte  die  Tragfähigkeit  eines  Kinderherzens  f 
schätzt.  Es  kam  die  Stunde,  in  der  mich  das  Gefühl  der  Verlassenheit  in  i 
Welt  ohne  lebenden  Vater  im  Himmel  völlig  überwältigte  und  ich  bei 
Vertrauten  aller  meiner  Schmerzen,  bei  meiner  Gusti  1  rost  suchte.  Nun  k 
an  den  Vater;  ein  schweres  Donnerwetter  ging  über  meinen  Bruder  nn 
eine  dauernde  Entfremdung  zwischen  beiden  blieb  bestehen.  Ich  wurde 
lobt  dass  ich  gebeichtet  hatte,  mit  allen  Mitteln  suchte  man  meinen  Dia 
wieder  herzustellen.  Aber  bald  kam  die  Reue  über  mich.  Kein  Vor 
gegen  mich  war  über  die  Lippen  meines  Bruders  gekommen,  aber  aus  si 
Augen  sprach  der  Kummer,  dass  ich  so  erbärmlich  klein  gewesen 
ihn  zu  verraten,  obwohl  ich  wusste,  welche  Folgen  der  Verrat  für  ihn  ti 
würde,  und  obwohl  ich  wusste,  dass  er  in  selbstloser  Liebe  mein  d 
gewollt  hatte.  Das  konnte  nicht  die  wahre  Religion  sein,  was  eine  s< 
Schändlichkeit  gut  hiess!  Ich  hatte  vom  Baume  der  Erkenntnis  gegessen 
gab  kein  Zurück  mehr.  So  wurde  ich  in  Gewissenskämpfe  gestürzt  wi 
in  solcher  Schwere  wohl  selten  ein  so  junger  Knabe  erlebt  hat.  Auch  das 
trauen  zu  meinem  Vater  war  erschüttert;  es  gab  nun  Dinge,  über  die  icI 
ihm  nicht  mehr  offen  sprechen  konnte.  Schon  vor  diesen  Ereignissen 
ich  in  feindlichen  Gegensatz  zu  meinem  Staat  geraten.  Mein  Bruder 
mich  die  deutsche  und  österreichische  Geschichte  kennen,  er  entfachte 
Nationalgefühl;  sein  damals  glühender  Hass  gegen  die  Habsburg-Lothr 
floss  in  mich  hinüber;  der  Hass  gegen  diese  Dynastie,  die  das  Um 
Deutschlands  war,  der  Hass  gegen  ihren  Staat,  der  zertrümmert  wi 
musste,  wenn  die  Nation  geeint  werden,  ein  neues  starkes  Deutsches 
unter  Preussens  Führung  entstehen  sollte.  Und  ich  war  noch  nicht  io 
alt  geworden,  als  ich  die  Darstellungen  der  Lage  der  Handarbeiter 
Owen,  Saint-Simon,  Fourier,  Proudhon,  Marx  und  Engels  kennen  ft 
aus  denen  hervorzugehen  schien,  dass  auch  die  bestehende  Wirtscl 
ordnung  mit  unheilbaren  Mängeln  behaftet,  wert  sei,  von  Grund  aus  zei 
zu  werden.  So  war  ich  als  unreifer  Knabe  von  allem  um  mich  Bestem 
losgerissen;  auch  in  allen  diesen  Dingen  von  meinem  geliebten  Vater  getr 
jeder  Stütze  beraubt,  stand  ich  auf  einem  Boden,  der  vulkanisch  schwa 
mit  einem  sehnsüchtigen  Streben  nach  Ordnung  und  Gesetz  allein  dem  c 
einer  der  Zerstörung  verfallenden,  dem  Untergang  geweihten  Welt  von 
Stellungen  und  Wirklichkeiten  gegenüber.  Es  war  ein  Kamp  auf  Leben 
Tod.  Jahre  vergingen,  in  denen  ich  das  Gefühl  hatte,  als  verlorener  beji 
mer  gegen  die  Wogen  des  Weltmeers  zu  ringen.  So  habe  ich  die  ganze  11 
Zerrissenheit,  die  ungeheuren  geistigen  und  sittlichen  Nöte  und  Kämpfe 
individualistischen  Zeit  in  meinem  eigenen  leidenschaftlichen  Innern  er 
müssen,  bis  ich  endlich  wieder  festen  .Boden  unter  meinen  Füssen  zu  S] 
anfing.  So  ist  das,  was  ich  und  der  Kreis  meiner  gleichstrebenden  Ju 
freunde  erlebten,  wirklich  ein  Stück  Kulturgeschichte  unserer  Zeit  unc 
werden  jetzt  begreifen,  dass  ich  die  paar  Jahre  geistiger  Leistungsfatn; 
die  mir  vielleicht  noch  übrig  bleiben,  benützen  möchte,  um  mit  Müsse  i 
Lebenserinnerungen  niederzuschreiben,  in  denen  ich  durch  ungeschu 
Schilderung  der  Irrwege,  welche  ich  gegangen  bin,  der  Jugend  das  Auti 
des  rechten  Wegs  zum  körperlichen  und  geistigen  Heil  erleichtern  nu 
Alles,  was  ich  seit  20  Jahren  in  volkstümlichen  Schriften  und  Vorträgen 
diesen  Heilsweg  gesagt  habo,  hat  bisher  nur  allzuwenig  Wirkung  * 
Noch  immer  begreift  unsere  Zeit  nicht  recht,  dass  es  keine  Gesundhej 
Körpers  ohne  Gesundheit  des  Ichs  geben  kann;  die  „Diätetik  der  Seele 
wichtiger  ist,  als  die  Diätetik  des  Magens  oder  der  Muskeln. 

Wenn  ich  über  mein  Leben  zurückblicke,  finde  ich,  dass  ich  mich  wä 
des  grössten  Teils  meines  Lebens  unglücklich  gefühlt  habe.  Der  Ah 
zwischen  Ideal  und  Wirklichkeit,  nicht  zuletzt  der  zwischen  meinem 
von  mir  selbst  und  meiner  Wirklichkeit  war  zu  gross,  liess  die  Sehr 
nie  zur  Ruhe  kommen.  Aber  trotzdem  betrachte  ich  mich  als  einei 
Lieblinge  der  Götter;  jener  Lieblinge,  die  alles  ganz  empfangen,  alle  sc 


August  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


103$ 


:n*  ^ie  >Jpendlichen,  ganz,  aber  auch  alle  Freuden,  die  unendlichen,  ganz, 
m  unendlicher  Reichtum  der  Gesichte  ist  mir  vergönnt  gewesen;  aus  allen 
egistern  habe  ich  die  Orgel  des  Lebens  singen  und  brausen  gehört.  Vor 
lern  Schatze  ich  mich  glücklich,  dass  mir  von  frühester  Kindheit  an  die 
abe  verliehen  war,  den  anderen  Menschen  ins  Innere  zu  schauen,  sie  zu 
rstehen,  nicht  allein  die  männlichen  Seelen  sondern  —  was  bei  einem 
ann  sehr  selten  ist  auch  die  weiblichen;  mit  ihnen  zu  fühlen,  ihre 

.  verborgenen  Schmerzen  mit  zu  leiden,  und  auch,  was  den  meisten 
enschen  viel  schwerer  fällt,  mich  mit  ihnen  an  ihren  verborgensten  Freuden 
it  zu  erfreuen;  unter  den  vielen  Nieten  jene  rasch  herauszufinden,  die 
twas  sind  und  mit  ihnen  „die  Seele  auszutauschen“.  So  ist  mir  ein 
igewolinlich  grosses  Maass  von  dem  Kostbaren  zuteil  geworden,  was  das 
eun'd schuft CtCn  VermaK:  ein  ungewöhnlich  grosses  Maass  von  Liebe  und 

Auch  heute  wieder  beglückt  es  mich,  so  viele  um  mich  zu  sehen,  die 
r  freundlich  gesinnt  sind.  Das  ist  im  Alter  doppelt  süss,  wenn  schon  fast 
e  dalnngegangen  sind,  mit  denen  man  jung  war. 

Ihnen  allen  herzlichsten  Dank! 


Hugo  Schulz, 

der  Qreifswalder  Pharmako¬ 
loge  feiert  am  6.  August 
seinen  70.  Geburtstag.  Sein 
Lebenswerk,  das  nicht 
immer  die  gebührende  An¬ 
erkennung  gefunden  hat, 
wird  aus  diesem  Anlasse 
an  der  Spitze  dieser  Num¬ 
mer  von  Geh.  R.  Mar- 
t  i  u  s  gewürdigt.  Noch 
einige  andere  Arbeiten,  von 
Kollegen  und  Freunden  ihm 
gewidmet,  gestalten  diese 
Nummer  zu  einer  Huldigung 
für  Schulz. 


Galerie  hervorragender  Aerzte  und  Naturforscher. 

Das  in  Nr.^  30,  S.  987  abgedruckte  Bildnis  Carl  v.  Hess’  ist  auch  als 
.  Blatt  der  Galerie  erschienen.  Unsere  Bezieher  erhalten  es  gegen  Ersatz 
erer  Auslagen  durch  Einzahlung  von  1000  M.  auf  das  Postscheckkonto 
F.  Lehmanns  Verlag,  München  Nr.  129,  Nichtabonnenten  gegen  Ein- 
lung  von  2000  M.  Früher  erschienene  Blätter  können  zum  Preise  von 
,  bzw.  1000  M.  mitbezogen  werden.  (In  letzter  Zeit  sind  erschienen 
v.  Gruber,  A.  v.  Strümpell,  Quincke,  Marchand,  Schleich, 
n  z  o  1  d  t.) 

Tarif  der  Deutschen  Röntgengesellschaft  ab  20,  Juli  1923. 

(Minimal  tarif  für  Krankenkassen  usw.) 

I.  Unkostentarif:  a)  Diagnostik:  Platte  9  X  12  =  52  500  M.  (Zahn- 
ebenso),  13  X  18  =  68  900,  18  X  24  =  95  600,  24  X  30  =  139  200,  30  X  40 

213  800,  40  X  50  —  349  200,  Orthodiagramm  50  000,  Durchleuchtung  47  800, 
Jbaryummahlzeit  35  000,  Schlauchfüllung  70  000,  Einlauf  mit  Citobaryum 
100,  Abzüge  bis  zur  Grösse  18  X  24  =  30  000,  grössere  60  000,  Glas- 
Jositiv  75  000.  —  b)  Therapie:  1.  Oberfl.  1  M.A.M.  =  1500,  2.  (vollw.) 
lenther.  1  M.A.M.  =  4000  M. 

II.  Honorartarif:  Allg.  D.  Geb.O.  (Ausg.  m.  Deckbl.)  Ziff.  336— 371  X  1500. 

Therapeutische  Notizen. 

Ueber  Rasapon. 

Seit  Anfang  dieses  Jahres  verwenden  wir  am  hiesigen  Krankenhaus  das 
der  Chemisch-Pharmazeutischen  Aktien-Gesellschaft  Bad  Homburg  her- 
tellte  „R  a  s  a  p  o  n“,  zunächst  versuchsweise,  als  Expektorans.  —  Im 
tenden  soll  ganz  kurz  über  die  bisherigen  klinischen  Erfahrungen  damit 
chtet  werden.  Zunächst  einiges  über  die  Herkunft  des  Präparates, 
ches  wir  den  Mitteilungen  von  Herrn  Prof.  Dr.  Brandt  (Pharmako- 
stisches  Institut  der  Universität  Frankfurt  a.  M.)  entnehmen. 

Unter  den  Expektorantien  nehmen  bisher  die  Radix  Senegae  und  die 
tex  Quillajae  eine  hervorragende  Stellung  ein.  Sie  wirken  durch  ihren 
alt  an  Saponinen,  glykosidähnlichen  Verbindungen  mit  ausgeprägten  Kol- 
eigenschaJten.  Beide  Drogen  sind  ausländischen  Ursprungs  und  daher 
t  nur  in  kleinen  Mengen  und  zu  sehr  hohen  Preisen  erhältlich.  Ihr  Ersatz 
eine  leichter  beschaffbare  und  billigere  einheimische  Droge  ist  deshalb 
(mehrfacher  Hinsicht  wünschenswert.  Unter  den  bei  uns  heimischen 
Inzen  zeichnet  sich  die  Saponaria  officialis  L.  aus  der  Familie  der  Caryo- 
llaceen  durch  erheblichen  Gehalt  ihrer  Wurzel  an  Saponin  aus  und  die 
ix  Saponariae  ist  schon  früher  viel  als  Expectorans  gebraucht  worden. 

’®  Droge  erscheint  denn  auch  zum  Ersatz  von  Senega  durchaus  geeignet, 
ihr  wird  das  „Rasapon“  dargestellt,  ein  Präparat,  das  wie  die  analytische 
trolle  gezeigt  hat,  die  Gesamtmenge  der  wirksamen  Saponine  in  un- 
inderter  Form  enthält.  Das  Präparat  wird  mit  Hilfe  eines  quantitativ 
iolytischen  Verfahrens  auf  einen  bestimmten  Gehalt  an  wirksamen  Sub¬ 


stanzen  eingestellt  und  enthält  etwa  5  Proz.  Rohsaponingemisch.  Hieraus 
ergibt  sich  die  Möglichkeit  stets  gleichmässiger  Dosierung,  die  früher  bei 
Saponindrogen  bzw.  den  daraus  hergcstellten  galenischen  Präparaten  nicht 
vorhanden  war. 

Gegeben  wurde  das  Präparat  in  der  von  den  Herstellern  angegebenen 
F° TnnnafHPOn  ?5’0,  LlqUür  ammon.  anis.  12,5,  Sirup  spl.  50,0,  Aqu.  dost, 
ad  500,0  davon  3  mal  täglich  1  Esslöffel,  Kindern  3  mal  täglich  1  Teelöffel 
nach  dem  Essen. 

Die  Indikationsstellung  war  die  für  Expectorantien  allgemein  gültige, 
„r  Anwendung  kam  es  bisher  in  mehreren  Fällen  von  akuter  und  chronischer 
Bronchitis,  bei  grippösen  Erkrankungen,  bei  chronischer  Bronchitis  mit 
Emphysem  und  asthmatischem  Einschlag,  bei  Lungentuberkulose  und  bei 
Masern.  Zur  Kontrolle  der  Wirkung  wurde  es  grundsätzlich  allein  unter 
cglassutig  der  anderen  Medikamente  gegeben.  In  letzter  Zeit  verwenden 
wir  auch  die  uns  fertig  zur  Verfügung  gestellten  Tabletten. 

Es  konnte  festgestellt  werden,  dass  das  Präparat  von  allen  Kranken, 
sowohl  im  hohen  Lebensalter  und  in  sehr  geschwächtem  Allgemeinzustand, 
als  auch  von  Kindern  gut  vertragen  und  ohne  Widerstreben  genommen  wurde 
Auch  bei  wochenlanger  Darreichung  traten  bisher  keinerlei  Störungen  von 
seiten  des^  Magens,  der  Appetenz  oder  des  sonstigen  Befindens  auf 

Der  Erfolg  der  Darreichung  war  durchweg  günstig.  Hartnäckig  quälen¬ 
der  Husten  wurde  deutlich  gemildert,  zähes  festsitzendes  Bronchialsekret  ge¬ 
lockert  und  verflüssigt  und  seine  Expektoration  wesentlich  erleichtert.  Die 
Kranken  selbst  gaben  an,  dass  der  Auswurf  lockerer  und  das  Aushusten 
eichter  wird.  Die  Wirkung  war  in  den  meisten  Fällen  schon  nach  wenigen 
Gaben  deutlich  wahrnehmbar.  In  vereinzelten  Fällen  trat  sie  erst  nach 
mehreren  Tagen  auf.  wurde  aber  eigentlich  niemals  ganz  vermisst.  Es  sei 
nochmals  hervorgehoben,  dass  unangenehme  Nebenwirkungen  bisher  nicht  be- 
obachtet  wurden.  Für  ein  abschliessendes  Urteil  sind  diese  Erfahrungen 
natürlich  noch  viel  zu  gering.  Es  kann  jedoch  gesagt  werden,  dass  die 
bisherigen  günstigen  Erfolge  unbedingt  zur  weiteren  Prüfung  und  Anwendung 
des  Mittels  auffordern,  zumal  da  unsere  wirtschaftliche  Not  uns  gebietet 
gleichwertigen  deutschen  Präparaten  vor  ausländischen  den  Vorzug  zu  geben’ 
(Aus  dem  Allgemeinen  Krankenhaus  iBad  Homburg  v.  d.  H.  Chefarzt: 
Prof.  Dr.  F.  B  o  d  e.)  Dr.  Schüler,  Assistenzarzt. 


Tel  a  tuten  „Heilner“  bei  Arteriosklerose  und  Hyper¬ 
tension. 

Die  günstigen,  z.  T.  seit  15  Monaten  anhaltenden  Erfolge,  die  ich  von 
der  Behandlung  verschiedener  Formen  Von  Arteriosklerose  und  Hypertension 
mit  Heilners  Telatuten  gesehen  habe,  veranlassen  mich,  meine  Er¬ 
fahrungen  jetzt  mitzuteilen. 

Das  Mittel  erwies  sich  als  ungefährlich,  hatte  objektiv  schnellen  Erfolg 
und  wurde  von  allen  Kranken  sehr  gut  und  ohne  stürmische  Reaktionen 
vertragen  Die  wohltuende  Wirkung  des  Präparates  zeigte  sich  sogar  bei 
den  infaustesten  Fällen  von  schwerster  maligner  Sklerose.  Obwohl  der  töd¬ 
liche  Ausgang  nicht  verhindert  werden  konnte,  traten  die  schwersten  Sym- 
ptome  des  kardialen  Asthmas,  welche  die  Kranken  am  meisten  quälten,  gänz¬ 
lich  zurück.  Nach  3  4  Injektionen  wurde  der  Schlaf  ruhiger,  die  grosse 
Nervosität,  welche  die  schweren  Nephrosklerosen  charakterisiert,  legte  sich, 
der  Appetit  hob  sich,  und  Arbeitslust  stellte  sich  wieder  ein.  Bei  Koronar¬ 
sklerosen  mit  starken  und  häufig  auftretenden  stenokardischen  Anfällen  war 
der  Erfolg  direkt  verblüffend.  Ich  führe  nur  zwei  Fälle  an: 

1.  J.  K„  51  Jahre  alt,  Fabrikant.  Seit  1  Jahre  krank.  Maligne  Sklerose. 
Blutdruck  215  (R.-R.),  Blutungen  in  den  Skleren  und  Schleimhäuten.  Starke 
Herzhypertrophie.  Oligurie,  Isosthenurie,  Albumen  bis  1  Prom.  Ständiges 
Herzasthma,  zeitweise  Hämoptoe,  Schlaf  und  Appetitlosigkeit,  grosse  Unruhe. 

. s  isf,  en  unmöglich,  denn  nach  2 — 3  Schritten  entsteht  Asthma 

mit  Kollaps.  Mächtige  Obstipation.  Therapie:  Telatuten,  jeden  3.  Tag  eine 
intravenöse  Injektion.  Nach  den  2  ersten  Injektionen  Schmerzsensationen 
in  beiden  Nierengegenden.  10  Minuten  lang.  Nach  der  ersten  Injektion 
I  emperatursteigerung  bis  37,6.  Sonst  nie  eine  Erhöhung.  Die  Temperatur¬ 
steigerung  dauerte  im  ganzen  2  Stunden,  von  da  ab  normale  Werte.  Der 
Erfolg  war  nach  der  3.  Injektion  augenscheinlich.  Die  asthmatischen  Anfälle 
waren  verschwunden,  die  nervösen  Erscheinungen  legten  sich,  der  Appetit 
hob  sich  anstatt  Schlaflosigkeit  mässiger  Schlaf,  anstatt  Oligurie  eher  Poly- 
urie  bis  1800  ccm  im  Tag:  Albumen  fiel  auf  gf.  Der  Kranke  verlässt  das 
Bett,  macht  etwas  Körperbewegung  und  an  schönen  Tagen  sogar  Spazier¬ 
fahrten  ohne  Störungen.  Dieser  Zustand  währte  3  Monate.  Der  Blutdruck 
ging  von  215  R.-R.  auf  1.69  R.-R.  zurück.  Der  Kranke  fühlte  sich  kräftiger 
9nn  w2^er*.  ^  Monaten  stieg  der  Blutdruck  wieder  langsam  auf 

200  R.-R. :  die  Zeichen  der  Niereninsuffizienz  stellten  sich  ein  bis  zu  völliger 
Anurie,  und  der  Exitus  erfolgte  im  Coma  uraemicum.  —  Obzwar  dieser  Fall 
schon  a  priori  verloren  war,  war  die  wohltuende  Wirkung  des  Telatuten 
unleugbar;  denn  die  quälendsten  Symptome,  insbesondere  das  Asthma  car- 
diale,  waren  gänzlich  verschwunden  und  das  objektive  und  subjektive  Wohl¬ 
befinden  dauerte  3  Monate. 

2.  E.  W.,  67  Jahre  alt,  Grundbesitzer,  gut  gebaut,  gut  genährt,  leidet 
seit  ca.  1  Jahr  an  Herzbeschwerden,  welche  zeitweise  stürmisch  mit  quälen¬ 
den  krampfartigen  Schmerzen  in  der  Brust,  ausstrahlend  in  den  linken  Arm, 
Schwindel,  riesiger  Atemnot  und  kalten  Schweissen  einsetzten.  Blässe, 
Schlaflosigkeit,  schnelle  Ermüdbarkeit  und  sich  steigernde  Unruhe  mit  Todes¬ 
angst.  (Blutdruck  180  (R.-R.).  Das  linke  Herz  stark  vergrössert,  der 
11.  Aortenton  stark  akzentuiert.  Albumen  1  Prom.  Also  Koronarsklerose 
mit  häufig  auftretender  Angina  pectoris.  Therapie:  12  Telatuteneinspritzungen 
in  3  tägigen  Intervallen  intravenös.  Der  Erfolg  war  ganz  ausgezeichnet.  Nach 
der  3.  Injektion  hörten  die  stenokardischen  Anfälle  wie  mit  einem  Schlage 
auf.  Ruhiger  Schlaf,  gute  Appetenz,  beruhigtes  Nervensystem,  ruhige  At¬ 
mung,  auch  nach  stärkeren  Körperbewegungen,  Arbeitslust  waren  die  Folge. 
Blutdruck  ging  auf  156  R.-R.  zurück  und  ist  seit  12  Monaten  konstant,  Al¬ 
bumen  nur  in  minimalen  Spuren.  Trotz  strengsten  Verbotes  trinkt  und 
raucht  der  Kranke  sehr  mässig,  macht  stundenlang  Spaziergänge,  arbeitet 
stundenlang  in  seinem  Garten  ohne  jede  Störung  und  seit  15  Monaten  hatte 
er  keinen  einzigen  Anfall  mehr. 

Ich  fasse  zusammen:  Telatuten  ist  1.  unschädlich,  leistet  2.  bei  Arterio¬ 
sklerose  sehr  gute  Dienste;  3.  der  hohe  Blutdruck  wird  ganz  beträchtlich 
herabgesetzt,  ohne  Nachteil  und  ohne  schwere  Reaktion. 

Dr.  J.  Deutsch,  prakt.  Arzt,  Nitra  (Tschechoslovakei). 


1040 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


Tagesgeschichtliche  Notizen 

München,  den  1.  August  1923. 


—  Der  bayerische  Landtag  hat  den  Gesetzentwurf  über  die 
Acrzteversorgung  in  erster  und  zweiter  Lesung  einstimmig  an- 

genommem  dcs  vertragslosen  Zustandes  zwischen  Aerzten 

und  Krankenkassen  in  Berlin  ist  vorläufig  abgewendet.  Unter  dem  Vorsitz 
der  Herren  Ministerialdirektor  Dr.  Gott  st  ein  und  Geheimrat  Dr  Di  e- 
tcrich  haben  im  preuss.  Wohlfahrtsmmister.um  sechstägige  Verhandlungen 
stattgefunden,  die  zu  einer  vorläufigen  Einigung  geführt  haben  Die  Voss.  Ztg. 
berichtet  darüber:  Die  Aerzte  verlangten  in  erster  Linie  Wertbestandigkeit 
ihres  Honorars  und  schnelle  Auszahlung.  Das  wurde  ihnen  von  den  Kassen 
zugestanden.  Strittig  blieb  nur  die  Höhe  des  Honorars,  zumal  die  Ae: rzte 
nachdrücklich  eine  Abgeltung  ihrer  gegenüber  der  Vorkriegszeit  stark  ge 
stieeenen  und  immer  weiter  steigenden  Berufsunkosten  verlangten  Da  sie 
neben  ihrer  Arbeit  die  Arbeitsräume,  Werkzeug.  Heizung  Beleuchtung, 
Reinigung,  Wäsche  usw.  Vorhalten  müssten,  sei  ein  einfacher  Vergleich  der 
Arzthonorare  mit  den  Arbeiterlöhnen  nicht  zulässig.  Die  Kassenvcrtrete 
glaubten  aber,  in  bezug  auf  Abgeltung  der  Berufsunkosten  den  deutschen 
Spitzenorganisationen  nicht  vorgreifen  zu  können.  Eskam  dann  die  Einigung 
auf  folgender  Grundlage  zustande:  Friedenshonorar  (5  M.  für  den  Kopf  - 
Versicherten  auf  das  Jahr  berechnet)  mal  jeweiligen  Reichsteuerungsindex, 
Auszahlung  wöchentlich.  Das  Wohlfahrtsministerium  wird  >n  kürzester  Zeit 
Verhandlungen  zwischen  den  deutschen  Spitzenorganisationen  der  Kassen  und 
der  Aerzte  bezüglich  Abgeltung  der  Berufsunkosten  emle.ten  Kommt  es  bei 
diesen  Verhandlungen  zu  keinem  Ergebnis,  dann  wird  das-  W°hlfahrts- 
ministerium  erneut  Sondcrverhandlungen  zwischen  den  Berliner  Kassen  und 

den  Berliner  Aerzten  veranlassen.  .  .  .  .  .  , 

—  Durch  eine  neue  Verordnung  des  Reichsarbeitsministers  wird  die 

Angestelltenversicherungsgrenze  auf  einen  Jahresarbeits¬ 
verdienst  von  78  Millionen  festgesetzt.  Wer  also  nicht  mehr  als  6,5  Mi  honen 
Mark  im  Monat  Gehalt  bezieht,  unterliegt  der  Versicherung.  Für  die 
Kranken  Versicherung  ist  die  versicherungspflichtige  Lohn-  odci  Gehalts¬ 
grenze  auf  48  Millionen  Mark  festgesetzt.  '  .  _ 

—  In  der  neuen  Aula  der  Universität  Berlin  fand  in  der  vorigen  Woche 
eine  von  hervorragenden  Vertretern  des  deutschen  Geisteslebens  veranstaltete 
Protestkundgebung  gegen  das  französische  Vorgeh 
an  Ruhr  Rhein  undSaar  statt.  Prof.  Dr.  H  e  f  f  ter  der  derzeitige 
Rektor  der  Universität,  bezeichnete  als  ihren  Zweck,  das  sittliche  Gefühl  der 
Welt  aufzurütteln.  Es  wurde  folgende  Entschliessung  angenommen:  «Die  zu 
einer  Kundgebung  der  sittlichen  Kräfte  Deutschlands  in  der  Aula  der  Berliner 
Universität  versammelten  Männer  und  Frauen  erheben  ihre  Stimme  eininu  g 
und  von  tiefster  Empörung  gegen  das  barbarische  Schreckensreg, ment  und 
die  unsagbaren  Greuel  der  Franzosen  und  Belgier  an  Ruhr,  Rhein  und  baar. 
Sie  klagen  Frankreich  und  Belgien  vor  Gott  und  Menschen  an.  das Völker¬ 
recht  und  die  geschlossenen  Verträge  andauernd  in  der  schwersten  Weise  zu 
verletzen,  die  Gebote  von  Religion  und  Sittlichkeit  mit  Fussen  zu  treten,  die 
gemeinsame  Lebensgrundlage  der  europäischen  Völker  zu  zertrümmern  u 
so  zu  dem  bereits  vorhandenen  ungeheuren  Unheil  immer  weiteres  Unheil  u  d 

insbesonders  neue  grosse  Kriegsgefahren  heraufzubeschworen.  Die  Ver 

sammelten,  einig  in  der  Ueberzeugung,  dass  eine  gerechte  und  sittliche 
Lösung  der  bestehenden  Schwierigkeiten  sehr  wohl  möglich  wäre,  wenden 
sich  mahnend  und  warnend  an  die  sittlichen  und  religiösen  Kräfte  der  Welt 
endlich  mit  grösserem  Nachdruck  als  bisher  der  unheilvollen  Gewaltspolitik 
entgegen  zutreten,  damit  sie  nicht  mitschuldig  werden  an  dem  allgemeinen 
Verderben,  und  es  von  ihnen  nicht  dermaleinst  heisse.  Gewogen,  gewoge 

iind  zu  j^<'hgngijgchen  Unterhaus  wurde  der  Gesundheitsminister  gefragt,  ob 
ihm  bekannt  sei,  dass  die  Todesfälle  an  perniziöser  Anämie  in  den 
letzten  Jahren  beträchtlich  zugenommen  hätten  und  ob  eine  grossere  Zah 
dieser  Todesfälle  Kriegsteilnehmer  betrafen.  In  Beantwortung  dieser  Anfrag 
wurde  die  Zahl  der  Todesfälle  an  permztöse^  Anämie  im  Jahre  1920  mit 
55  m  62  w.  =  117,  1921  mit  55  m.,  74  w.  —  129,  1922  mit  61  m..  74  w. 
=  135  auf  je  1  Million  Lebende  angegeben.  Unter  den  Kriegsteilnehmern 
kamen  von  60  000  Todesfällen  152  auf  perniziöse  Anäm.e,  (Lancet.  28  Jul. 

—  Im  englischen  Parlament  wurde  das  Gesetz,  das  den  Verkau  von 
alkoholischen  Getränken  an  Kinder  verbietet,  in  zweiter 

Lesung  angenommen.  hien  pr(){.  w  e  y  g  a  n  d  t  -  Hamburg  in  Italien  mehrere 
wissenschaftliche  Vorträge,  u.  a.  im  grossen  Horsaal  des  akademischen 
Krankenhauses  in  Rom  über  Okkultismus.  ,  p 

_  y  Karlsbader  Internationaler  ärztlicher  rort 

bildungskursus  mit  besonderer  Berücksichtigung  der  Balneologie  und 
Balneotherapie.  Unserer  heutigen  Nummer  liegt  der  Prospekt  des  V.  Karls¬ 
bader  Internationalen  ärztlichen  Fortbildungskursus  bei,  der  vom  9.  bis 
15  September  stattfindet.  Die  Kollegen  werden  besonders  darauf  aufmerksam 
gemacht,  dass  den  Teilnehmern  durch  Vermittlung  des  Kuramtes  in  Karlsbad 
das  notwendige  Passvisum  unentgeltlich  erteilt  und  auf  den  ^chechoslowaki- 
schen  Staatsbahnen  eine  33  proz.  Fahrpreisermassigung  in  allen  Wagenklassen 

scttahrt  j\nrd.^^ten  def  jüngst  gegründeten  U  n  gar  i  s  c  h  e  n  Röntge  n  - 
Gesellschaft  in  Pest  wurden  vom  ung.  Ministerium  des  Innern  ge¬ 
nehmigt  Derzeitiger  Präsident  ist  Univ.-Dozent  Dr.  Emench  v  ü  c  r  g  o, 
Vizepräsident  Univ.-Dozent  Dr.  A.  H  e  n  s  z  e  1  m  a  n  n,  Sekretär  Dr.  Vidor 

RlV-  Die  nächste  Tagung  der  S  ü  d  w  es  t  d  eut  s  ch  e  n  Psy¬ 
chiater  findet  am  20.  und  21.  Oktober  1923  in  Frankfurt  a.  M.  statt. 
Berichte:  Kleist:  Ueber  Psychopathologie  auf  hirnpathologischer  Grund¬ 
lage  Jahnel:  Ueber  die  Aetiologie  der  epidemischen  Enzephalitis  An¬ 
meldungen  zu  Teilnahme  und  Vorträgen  bis  15.  September  an  die  Psychiatrische 
Klinik  Frankfurt  a  M.  (z.  H.  von  Prof.  Jahnel)  erbeten. 

—  Die  British  medical  Associati  o  n,  die  soehen  ihre  Jahres¬ 
versammlung  in  Portsmouth  abhielt,  bewilligte  die  Summe  von  100  000  Pf.  St. 
für  den  Ankat  f  und  die  Einrichtung  eines  neuen  Heimes  der  Gesellschaft 

London. s -hreibt  uns:  Vor  kurzem  erschien  als  3.  Bändchen  des  H  a  n  d - 
buchs  für  Leibesübung:  Dr.  L.  Deppe:  Die  körperliche  Erziehung 
des  Säuglii.?:  und  Kleinkindes;  ein  recht  ernsthaftes  Buch  voll  neuer  Ge¬ 
danken  in  glänzender  Darstellung,  das  man  nachdenklich  aus  der  Hand  legt. 


2 


( 


Dazu  hat  die  Firma  E  r  n  e  in  a  n  ti  -  Dresden  unter  Leitung  des  \  erfass 
einen  Film  herausgebracht,  der  dieser  Tage  Pressevertretern  vorgeft 
wurde  In  glücklichster  Weise  bringt  er  das  dort  Dargestellte  selbst  d 
k  "ssesten  lS  Obemutend  nahe:  Kollern  die  in  V oririnen  ete.  So. 
wirken  wird  dies  neue  Hilfsmittel  recht  willkommen  sein, 
wirsen,  iru  Laut  Mitteilung  vom  9.  Juli  wurden  in  Mal 

3  neue  Pestfälie  festgestellt.  -  Mesopotamien.  Im 
in  Bagdad.  -  Siam.  Vom  11.  März  bis  14.  34  Erkrankuiigen 

30  Todesfälle  in  Bangkok.  -  Aegypten  Vom  18  bis  -4.  Juni  33  E  kr 
kungen.  davon  in  Alexandrien  und  Por  Said  je  1.  Peru.  Vom  L 
15.  April  68  Erkrankungen  (und  28  Todesfälle)  davon  in  der  Stadt  Lraa  3 
—  ln  der  26.  Jahreswoche,  vom  24.  bis  30.  Juni  19^.3.  hatten 
deutschen  Städten  über  100  000  Einwohner  die  grösste  Sterblichkeit .  Lub 
mit  17,7.  die  geringste  Mannheim  mit  7,8  Todesfällen  pro  Jahyüu^dRUQ°_ 
wohner. 

Hochschulnachrichten.  „  ,  _ 

Halle  a  S.  Dem  nicht  beamteten  a.  o.  Professor  Dr.  1  riedi 

L  e  h  n  dt  ist  ein  Lehrauftrag  für  Säuglings-  und  Kmderfürsorge  ver  he 

worden  -  Der  nicht  beamtete  a.  o.  Professor  Dr.  Oskar  David  st 
Leiter  der  Röntgenabteilung  am  Israelitischen  Krankenhause  in  Frank!  rt 

^Marburg  Der  Assistenzarzt  der  Med.  Universitätsklinik  Dr.  üerli 
D  e  n  e  c  k  e  erhielt  auf  Grund  seiner  Antrittsvorlesung  „Ueber  den  chroni: 
familiären  Ikterus  und  die  extrahepatische  Gallenfarbstoffbildung  die  V< 
legendi  für  das  Fach  der  Inneren  Medizin.  _  w .  <• 

München  Für  Dermatologie  habilitiert  Dr.  Franz  Wirz  (n 
Wir  Ui.  s.  vor.  Nr.).  -  Für  Chirurgie  habilitierte  sichderLASS.sten 
glinik  Sauerbruch  Dr.  Alfred  Brunner.  Hab.-Schr..  Die  chiruigi: 
Behandlung  der  Lungentuberkulose.  Antrittsvorlesung:  Die  physikalisc 
Grundlagen  des  chirurgischen  Handelns.  —  Den  Privatdozenten  Dr.  Al 
Groth  (Medizinische  Statistik)  ui;d  Dr.  Erich  B  e  n  j  a  m  l  n  (Kinder) 
k utide)  ist  der  Titel  eines  ausserordentl.  Professors  verliehen  worden 
—  Prof.  Dr.  med.  Robert  Heiss.  Konservator  des  Anatomischen  Inst: 
der  Universität  München,  hat  einen  Ruf  als  ordentlicher  rofesxor 
Anatomie  und  Direktor  des  Anatomischen  Instituts  der  Universität  Kor 
berg  i  Pr  erhalten  und  zum  1.  Oktober  1923  angenommen.  Den  im  Apnl 
an  ihn  ergangenen  Ruf  auf  die  anatomische  Lehrkanzel  der  Unrversitat 
hat  Prof.  Dr.  Heiss  abgelehnt.  —  Prof.  Dr.  Oswald  Bu  m  k  e,  Direktor 
Leipziger  Psychiatrischen  Klinik,  der  einen  Ruf  nach  München  als  Naehf. 
Kraepelins  angenommen  hat,  wird  sein  neues  Lehramt  am  .  t<l 

Kiel  in  der  medizinischen  Fakultät  im  Sommersemester  1923 
getragen  551  Studierende.  Davon  studieren  479  Medizin  und  72 !  Zahn 
künde.  Von  den  Medizinstudierenden  stehen  40  im  ersten  Semeste  . 

Rostock.  Dem  a.  o.  Professor  Dr.  med.  Erich  G  r  a  f  e,  Hirektor 
Med  Poliklinik,  wurden  die  Amtsbezeichnung  und  die  akademischen  Km 
eines  ordentlichen  Professors  verliehen,  (hk.)  .  p 

Tübingen.  In  der  hiesigen  med.  Fakultät  habilitierte  sich  als  l  r 
dozent  für  Ohren-,  Nasen-  und  Haiskrankheiten  Dr.  med.  Otto  .  t  e  u  i 
Oberarzt  der  Univcrsitäts-Hals-Nasen-Ohrenkhnik.  t 

Innsbruck.  Dr.  Gg.  B.  Gruier,  Prosektor  am  stadt.  Kianken 
in  Mainz,  hat  den  Ruf  auf  den  Lehrstuhl  für  pathologische  Anatomie  in  I 

1,1  "^w'i'e  n"  "Der'  Dozent  der  Augenheilkunde  Dr.  Adalbert  Fuchs  w 
das  von  Rockefeller  gegründete  Union  Medical  College  in  I  eking  her 

iV Berlin fsUrbL’am  25.  Juli  der  o.  Honorarprofessor  für  innere  Me 
dir  Universität  Berlin  Geh.  Med.-Rat  Dr.  Max  W  o  1  f  L  früher  angjäh 
1  eiter  der  Univ.-Poliklinik  für  Lungenkranke  ebenda,  im  80  Lebensjahre. 

'  ln  Breslau  verschied  am  22.  Juli  der  a.  o.  Professor  der  inneren  Me 
Primärarzt  am  Wenzcl-Haiick  e  sehen  Krankenhause  Dr.  med.  J« 
Forsch  buch  im  Alter  von  45  Jahren,  (hk.) 

Der  Direktor  des  Pharmakologischen  Instituts  der  Universität  1 1 
furt  a.  M.  Geheimrat  Prof.  Dr.  philv  et  med.  Alexander  F.  1 1  i  n  g  e  r  ist- 

langem  schweren  Leiden  gestorben.  net,. 

In  Paris  starb  Dr.  Alexander  M  a  rnt  o  r  e  k.  ein  Mitarbeiter  laste 
und  Erfinder  eines  Serums  gegen  die  Tuberkulose.  ,  .  . 

Mau  schreibt  uns  aus  Argentinien:  Am  6.  Juni  1923  wurde  in  dt 
Alto  Parana  gelegenen  deutschen  Kolonie  Hohenau  (Paraguay)  der  prak 
Arzt  Dr  med.  Leo  S  i  m  a.  ein  Deutschungar,  35  Jahre  alt.  erux 
Dr.  Sinia  hatte  den  Weltkrieg  als  österreichischer  Militärarzt  mitten 
war  dann  ausgewandert  und  1  Jahr  in  der  Stadt  Mexico  tätig.  -  eit  Ai 
hatte  er  sich  in  der  4000  Einwohner  zählenden  rem  deutschen,  lutlieri 
Kolonie  Hohenau  am  Oberlauf  des  Paranä  in  Paraguay  niedergeh 
Hohenau  wurde  vor  20  Jahren  von  Deutschbrasilianern  aus  Rio  Grande  d 
gegründet.  Er  war  ein  sehr  gut  ausgebildeter  und  energischer  Arzt.  t 
stand  eine  Missstimmung  gegen  ihn,  da  die  Kolonisten  die  ärztlichen 
nungen  nicht  zahlen  wollten.  Als  Dr.  Sima  nun  zu  dem  an  sch 

Sepsis  erkrankten  Kolonisten  Schöller  gerufen  wurde,  erkannte  er 
Schwere  des  Falles  und  behandelte  ihn  mit  subkutanen  Einspritzungen, 
behaupteten  die  Leute  nach  dein  Tode  Schöllers,  der  Arzt  habe  ihn  mit  i 
Einspritzungen  aus  persönlicher  Feindschaft  vergiftet.  Zu  der  B 
des  Schöller  erschienen  die  Kolonisten  alle  mit  Revolvern  und  wiiich 
büchsen  bewaffnet.  Als  sie  auf  dem  Wege  zum  Friedhof  an  dem  Haus 
Arztes  vorbeikamen  (ein  Geistlicher  war  nicht  zugegen),  setzten  sie 
hin,  umstellten  das  Haus  und  drangen  unter  lauten  Verwunschungei 
dem  Rufe:  „Jetzt  wollen  wir  abrechnen“  ein  und  erschossen  den  Arz 
den  Augen  seiner  Frau.  Dr.  Sima  hatte  sich  mit  dem  Revolver  tapte 
teidigt.  Mit  mehreren  Schüssen  in  die  Brust  sank  er  zu  Boden  un 
sofort  tot.  Der  Fall  ist  mit  Lynchjustiz  und  Volksurteil  durchaus  mc! 
gemacht  Er  zeigt  vielmehr  den  dumpfen  Fanatismus  und  die  kultunelle 
ständigkeit  der  Urwaldkolonisten.  An  eine  Ahndung  der  Tat  ist  Kai 
denken,  da  die  Regierung  fast  machtlos  ist  infolge  der  schon  über  I 
dauernden  Revolution.  L>r-  Jaeg 


an 


an 


Reichsteuerungsindex. 

Der  Reichsteuerungsindex  für  Ernährung.  Heizung,  Beleuchtung,  Wo“ 
und  Kleidung  beträgt  am  11.  Juli  21511,  am  16.  Juli  28  892  und  am  2. 
39  336.  Basiszahl  1913/14  =  1. 

Die  Buchhändler-Schlüsselzahl 


Verlag  von  ],  F.  Lehmann  in  München  SW.  2,  Paul  Hey.e-Str.  26.  -  Druck  von  E.  Mühlthaler’.  Buch-  und  Kunstdrucke«!  O.m. 


H.  München. 


f’rrts  der  einzelnen  Nurmtiei  freibleibend  -H  IS'WO  -  -  Benigsp  ci's 
•n  Deutschland  und  Ausland  siehe  unter  Bezugsbedingungen. 
Zusendungen  sind  zu  richten 

lüt  die  Schr.ft'e  tung:  Arnulfstr.  26  (Sprechstunden  8%—  1  Uhr), 
liir  Bezug:  an  J.  F.  L eh m  anns  V er  la g,  Paul  Heyse-Strasse  2). 


MÜNCHENER 


Anzeigen- Annahmd: 

Leo  Waibel,  Mönchen,  Theatinerstrasse  3. 
A  nzcigenscblussi 

Immer  5  Arbeitstage  vor  Erscheinen. 


Medizinische  Wochenschrift. 

ORGAN  FÜR  AMTLICHE  UND  PRAKTISCHE  ÄRZTE. 


Nr.  32.  10.  August  1923. 


Schriftleitung:  Dr.  B.  Spatz,  Arnulfstrasse  26. 
Verlag:  J.  F.  Lehmann,  Paul  Heysestrasse  26. 


70.  Jahrgang. 


Der  Verlag  behält  sich  das  ausschliessliche  Recht  der  Vervielfältigung  und  Verbreitung  der  in  dieser  Zeitschrift  zum  Abdruck  gelangenden  Originalbeiträge  vor. 


Origmalien. 

Die  Entwicklung  und  Bedeutung  der  Oto-Rhino-Laryngo- 
logie  mit  besonderer  Berücksichtigung  der  Todesfälle*). 

Von  A.  Scheibe -Erlangen. 

Mein  Lehrauftrag  lautet:  Ohren-,  Nasen-  und  Kehlkopf- 
j  heilkunde.  Ausserdem  hängen  mit  diesen  drei  Fächern  noch  eine 
Keilie  von  Nebenfächern  untrennbar  zusammen;  es  sind  das  die 
!  Krankheiten  des  Uleichgewichtsorgans,  des  Rachens,  die  Sprach- 
,  und  Stimmstörungen,  die  Bronchoskopie  und  die  Üesophagoskopic. 
i  Unserer  Klinik  stehen  bisher  für  den  Unterricht  nur  3  Wochenstunden 
,  zur  Verfügung.  In  dieser  kurzen  Zeit  ist  es  unmöglich,  die  Lehraufgabe 
einigermassen  zu  erschöpfen.  Es  ist  nichts  anderes  übrig  geblieben, 

|  als  ausser  dem  Uiitersuchungskurs  auch  die  Wiederholung  der  Ana- 
j  tomie  und  Physiologie,  die  Funktionsprüfung  und  die  therapeuti- 
j  sehen  Uebungen  in  3  Nebenkollegs  zu  verlegen.  Ohne  eine  weitere 
dritte  Lehrkraft  wird  dies  auf  die  Dauer  kaum  durchführbar  sein. 

Zunächst  möchte  ich  die  Entwicklung  und  Bedeutung  der  Neben- 
!  fächer  besprechen.  Es  ist  selbstverständlich,  dass  dies  nur  in  aller 
Kürze  möglich  ist. 

Das  sogenannte  Gleichgewichtsorgan  besteht  aus  den 
3  Bogengängen  und  dem  Vorhof.  Ueber  die  Funktion  der  einzelnen 
j  Teile  sind  die  Akten  noch  nicht  geschlossen.  In  der  letzten  Zeit 
I  haben  sich  ausser  den  Physiologen  auch  die  Biologen  an  ihrer  Er¬ 
forschung  lebhaft  beteiligt. 

Der  Vorhofs  -  Bogengangsapparat  ist  zusammen  mit  der 
I  Schnecke  im  Labyrinth  untergebracht,  so  dass  seine  Erkrankung 
meist  auch  zur  Taubheit -führt.  Bei  Entzündung  des  üleichge- 
i  wichtsorgans  entsteht  in  der  Regel  starker  Drehschwindel,  Erbre¬ 
chen  und  Nystagmus,  d.  h.  rhytmisches  Augenzittern. 

Spätestens  nach  Monaten  verschwinden  diese  Erscheinungen 
wieder.  Auch  nach  doppelseitiger  totaler  Zerstörung  des  Vorhofs- 
Bogengangsapparats  ist  im  gewöhnlichen  Leben  nichts  mehr 
-  von  Gleichgewichtsstörung  zu  bemerken.  Nur  durch  besondere 
I  Untersuchungsmethoden  lässt  sich  nachweisen,  dass  die  Kranken 
das  Gleichgewicht  nicht  so  gut  halten  können  wie  der  Normale.  Es 
tritt  ein  fast  vollständiger  Ersatz  durcli  den  Gesichtssinn  sowie  die 
i  Gelenk-  und  Muskelempfindungen  ein. 

Die  klinischen  Untersuchungsmethoden  sind  hauptsächlich 
von  B  a  r  a  n  y,  dem  einzigen  Nobelpreisträger  unsres  Faches,  aus¬ 
gearbeitet  worden.  Ich  will  nur  die  wichtigste  anführen,  die  kalo¬ 
rische  Prüfung  auf  Nystagmus.  Dabei  kann  im  Gegensatz  zum 
Drehnystagmus  jedes  Ohr  für  sich  geprüft  werden.  Beim  Nor¬ 
malen  tritt  bei  Ausspritzung  des  Gehörganges  mit  Wasser  unter 
Körpertemperatur  Nystagmus  nach  der  anderen  Seite  ein,  bei 
Ausspritzung  mit  Wasser  über  Körpertemperatur  nach  der  glei- 
c  h  e  n  Seite.  Stellt  man  den  Untersuchten  auf  den  Kopf,  so  dreht 
sich  der  Nystagmus  um.  Das  erklärt  sich  am  besten  durcli  Steigen 
resp.  Fallen  der  Endolymphe  im  zunächstgelegenen  horizontalen 
Bogengang.  Bei  Zerstörung  des  Vorhofs  -  Bogengangsapparats 
oder  des  Nervus  vestibularis  kann  aucli  durcli  Eis  wasser  kein  Ny¬ 
stagmus  mehr  hervorgerufen  werden. 

Die  wichtigste  Krankheit  ist  die  Labyrinth  e  i  t  e  r  u  n  g,  weil  sie 
lebensgefährlich  ist.  Sie  erfordert  zum  Feil  difizile  Operationen  am 
inneren  Ohr,  weshalb  die  Krankheiten  des  Gleichgewichtsorgans 
immer  zur  ütologie  gehören  werden.  Ausser  den  Otologen  haben 
auch  die  Neurologen  lebhaftes  Interesse  für  dieses  Nebenfach. 

Ich  komme  nun  zu  den  Rachenkrankheiten.  Der  Nasen- 
rachen  gehört  zur  Rhinologie.  Seine  Untersuchung,  die  Rhi- 
noscopia  posterior,  ist  ebenso  schwierig  wie  die  Laryngoskopie.  Bei 
beiden  stört  der  Würgreflex  des  Rachens. 

Die  Krankheiten  des  Mund  r  a  c  h  e  n  s  dagegen  sind  leicht  zu 
diagnostizieren.  Es  sind  die  einzigen  unseres  Faches,  ausser  denen 
der  Ohrmuschel,  welche  ohne  Spiegel  erkannt  werden  können.  Die 
Rachenkrankheiten  sind  niemals  von  eigenen  Vertretern  gelehrt  wor¬ 
den.  Von  Krankheiten  sind  die  häufigsten  der  chronische  Rachen¬ 
katarrh,  der  therapeutisch  ziemlich  dankbar  ist,  und  die  Krankheiten 
der  Tonsillen.  Die  Funktion  der  Tonsillen  ist  auch  heute  noch 
unbekannt.  Man  kann  aber  annehmen,  dass  sie  im  Kindesalter  einen 
besonderen  Zweck  haben,  da  sie  später  einschrumpfen. 


*)  Antrittsvorlesung,  gelegentl.  der  Ernennung  zum  Ordinarius.  Febr.  1923. 


Wichtig  ist  der  Zusammenhang  mit  i  n  n  e  r  e  n  Krankheiten.  Bei 
der  Angina  können  akute  Nierenentzündung,  akuter  Gelenkrheuma¬ 
tismus  und  Sepsis  entstehen.  Dies  ist  allgemein  anerkannt.  Dagegen 
ist  es  eine  Streitfrage,  ob  aucli  andere  Allgemeinkrankheiten,  insbe¬ 
sondere  chronischer  Gelenkrheumatismus  und  chronische 
Nephritis,  von  den  Tonsillen  unterhalten  werden  können.  Ja,  es 
sollen  20 — 30  verschiedene  Krankheiten  und  schliesslich  soll,  wie  in 
einer  der  neuesten  Arbeiten  aus  einer  angesehenen  Kehlkopfklinik 
behauptet  wird,  jede  Krankheit  einmal  von  den  Mandeln  aus  ent¬ 
stehen  können.  Zur  Heilung  all  dieser  verschiedenen  Allgemeinkrank- 
heiten  wird  deshalb  vielfach  die  radikale  Entfernung  der  Mandeln 
vorgenommen.  Die  Tonsillektomie  ist  zu  einer  förmlichen  Epidemie 
geworden,  besonders  in  Amerika.  Nur  Sänger  und  Kinder  werden 
meist  verschont.  Da  die  Frage  aktuell  ist,  will  icli  bei  ihr  etwas 
länger  verweilen.  Ursache  jener  Krankheiten  soll  nicht  die  akute, 
sondern  die  sogenannte  chronische  Tonsillitis  sein.  Sie  bestelle  in 
Hypertrophie,  in  Zerklüftung  und  in  dem  Vorhandensein  von  Mandel- 
pfröpfen.  Wie  Fein-  Wien  aber  mit  Recht  betont,  sind  die  3  ge¬ 
nannten  Symptome  nicht  Zeichen  von  Erkrankung,  sondern 
normale  Zustände.  Von  Hypertrophie  lässt  sich  histologisch  in 
den  grossen  Mandeln  nichts  nachweisen,  und  Zerklüftung  zeigt  jede 
Mandel.  Am  meisten  umstritten  sind  die  Mandelpfröpfe,  auch  fälsch¬ 
lich  Eiterpfropfe  genannt.  Sie  bestehen  nicht  aus  Eiter,  sondern 
aus  ausgestossenen  und  zerfallenen  Epithelien  sowie  meist  Sapro- 
phyten,  die  den  bekannten  üblen  Geruch  verursachen.  Diese  Mandel¬ 
pfröpfe  lassen  sich  fast  bei  allen  Menschen,  besonders  bei  Erwach¬ 
senen,  mit  geeigneten  Methoden  nachweisen. 

Wenn  einmal  ausnamsweise  flüssiger  Eiter  in  den  La- 
kunen  vorhanden  ist, muss  die  Möglichkeit  von  lokalen  und  Allgemein- 
krankheiten,  wenigstens  hei  Retention,  ohne  weiteres  zugegeben 
werden.  Aber  im  übrigen  stellt  die  Lehre  von  dem  Zusammenhang 
der  Pfropfe  mit  allen  möglichen  Allgemeinkrankheiten  auf  schwachen 
Füssen.  Die  bisherigen  Statistiken  sind  meist  auf  dem  falschen  Prin¬ 
zip  aufgebaut:  post  hoc,  ergo  propter  hoc.  Die  Statistiken  sollten 
ganz  anders  gemacht  werden.  Ls  müssten  aucli  die  nicht  operierten 
Fälle  berücksichtigt  werden.  Und  in  Amerika,  wo  man  in  einem 
Krankenhaus  täglich  durchschnittlich  30  Mandeln  ausschält,  würde 
man  bald  zu  einem  sicheren  Resultat  kommen,  wenn  man  nur  jeden 
zweiten  Fall  operieren  würde.  Wie  Diskussionen  in  der  deut¬ 
schen  und  in  der  Wiener  laryngologischen  Gesellschaft  zeigen,  ist 
die  Lehre  von  dem  Zusammenhang  der  verschiedensten  Krankheiten 
mit  den  Tonsillen  gegenwärtig  stark  erschüttert.  Wenn  der  Zusam¬ 
menhang  in  der  Tat  in  Zukunft  als  nicht  bestellend  sicli  erweisen 
sollte,  so  ist  doch  eines  sicher,  nämlich  dass  die  Tonsillektomie  als 
Errungenschaft  der  Neuzeit  bei  gewissen  lokalen  Krankheiten  des 
Rachens  dauernd  ihren  Wert  behalten  wird.  Das  ist  der  Fall  vor 
allem  bei  dem  rezidivierenden  peritonsillären  Abszess  und  vielleicht 
auch  bei  der  rezidivierenden  Angina.  Die  Tonsillektomie  ist  aber 
kein  ungefährlicher  Eingriff.  Es  sind  schon  40  Fälle  von  Lungen¬ 
abszess  darnach  beschrieben  worden.  Häufiger  ist  der  lod  erfolgt 
an  Halsphlegmone,  Nachblutung  und  Sepsis.  Unangenehm  ist  aucli 
das  öftere  Auftreten  von  Rachenkatarrh  nach  der  Operation.  Wenn 
aucli  seit  der  besseren  Ausbildung  der  Methode,  besonders  bei  mög¬ 
lichst  stumpfem  Vorgehen,  die  Operation  viel  weniger  gefährlich 
geworden  ist,  so  empfiehlt  es  sich  doch,  erst  konservative 
Methoden  zu  versuchen.  Die  beste,  aber  noch  wenig  bekannte,  ist 
die  Ausspülung  der  Pfropfe,  die  der  Kranke  selbst  erlernen  kann. 
Bei  Kindern  genügt  oft  schon  die  Abtragung  der  vergrösserten  drit¬ 
ten  Mandel,  um  das  Wiederauftreten  der  Anginen  zu  verhüten. 

Als  nächstes  Nebenfach  kommt  die  Phonetik  in  Betracht. 
Sie  hat  sich  zunächst  als  selbständiges  Eacli  entwickelt,  be- 
sondern  durch  den  leider  zu  früh  verstorbenen  Gutzmann.  Jetzt 
wird  sie  meist  mit  der  Laryngologie  vereinigt.  Im  Interesse  der  wis¬ 
senschaftlichen  Entwicklung  ist  es  aber  zu  begriissen,  dass  erst  vor 
kurzem  in  München  ein  Vertreter  für  dies  Spezialfach  sich  habili¬ 
tiert  hat. 

Als  ich  1911  nach  Erlangen  kam,  wurden  nur  die  hysterischen 
Stimmstörungen  behandelt,  alle  anderen  Stimmstörungen  dagegen 
nicht.  Ich  veranlasste  deshalb  Dr.  Brock,  die  Phonetik  bei  Gutz¬ 
mann  zu  studieren.  Die  Regierung  von  Mittelfrankcn  stellte  die 
Mittel  für  die  neue  Abteilung  zur  Verfügung.  Mit  Hilfe  der  philo¬ 
sophischen  Fakultät  gelang  es,  Herrn  Professor  ü  e  i  s  s  1  e  r  hierher 
zu  berufen  und  für  den  technischen  Teil  der  Stimmübungen  zu  ge¬ 
winnen.  Neuerdings  hat  Professor  Brock  auch  einen  Lehrauftrag 

2* 


Münchener  medizinische  Wochenschrift. 


Nr.  32. 


1042 


erhalten  Die  Erfolge  der  Behandlung  sind  zum  Teil  sehr  gut  und.schnell, 
z  B  bei  der  hysterischen  Tonlosigkeit,  bei  den  Mutationsstorungen 
und  beim  Lispeln,  zum  Teil  erfordert  die  Behandlung  viel  Geduld, 
aber  schliesslich  ist  sie  doch  von  Erfolg  gekrönt,  z  B.  bei  der  wich¬ 
tigen  Stimmschwäche  (Phonasthenie),  so  dass  die  Berufsredner  und 
-sänger  ihren  Beruf  meist  nicht  aufzugeben  brauchen;  zum  1  eil  sind 
die  Resultate  schlecht,  vor  allem  beim  Stottern;  es  scheint  mir,  dass 
hier  andere  Wege  gegangen  werden  müssen,  als  Gutzmann  sie 
angegeben  hat. 

Ich  komme  nun  zur  Bronchoskopie.  Sie  ist  ausgebildet  von  den 
I  arvmrolouen  Kill  i  an  und  Brünings.  Die  direkte  La- 
ryngoskopie(Kirstein)  hatte  ihr  den  Weg  gebahnt.  Durch  Ver¬ 
drängung  des  Zungengrundes  nach  vorn  wird  der  rechtwinklige  Weg 
vom  Mund  zum  Kehlkopf  in  einen  geraden  verwandelt.  Die  grössten 
Triumphe  feiert  die  Bronchoskopie  bei  der  Fremdkorperextraktion 
aus  den  Bronchien.  Die  Mortalität  ist  von  früher  mindestens  50  Proz. 
auf  jetzt  höchstens  10  Proz.  herabgedrückt.  Wir  hab|n..blifherc  ™ 
Fremdkörper  mit  Erfolg  extrahiert,  bei  einem  fünften  Fa  11,  der  schon 
mit  Pneumonie  eingeliefert  wurde,  trat  vor  der  Extraktion,  wahr¬ 
scheinlich  durch  Kokainvergiftung,  der  Tod  ein.  Sicher  aber  gehen 
auch  heute  noch  viele  Kinder,  um  die  es  sich  meist  handelt,  an  uner¬ 
kannten  Fremdkörpern  zugrunde. 

Die  Bronchoskopie  ist  auch  für  die  Diagnose  anderer  Krank¬ 
heiten  der  Bronchien  nicht  unwichtig. 

Das  letzte  der  Nebenfächer  ist  die  Oesophagoskopie.  Die  Aus¬ 
bildung  dieser  Methode  verdanken  wir  nicht  nur  Laryngologen 
(S  t  ö  r  k  K  i  1 1  i  a  n,  B  r  ü  n  i  n  g  s),  sondern  auch  inneren  Medizinern 
(K  u  s  s  m  a  u  1)  und  Chirurgen  (Mikulicz).  Die  grössten  Erfolge 
weist  die  Oesophagoskopie  bei  den  Fremdkörpern  in  der  Speiseröhre 
auf.  Die  Mortalität,  die  vorher  zirka  20  Proz.  betrug,  ist  jetzt  fast 
Null.  Die  Diagnose  ist  meistens  ohne  weiteres  gegeben.  Die 
Extraktion  ist  uns  immer  gelungen,  mit  Ausnahme  eines  ein¬ 
zigen  Falles,  wo  ein  grosses  Gebiss  bereits  %  Jahr  lang  fest  in  der 
Speiseröhre  verankert  war.  Hier  gelang  die  Entfernung  des  rreind- 
körpers  in  der  chirurgischen  Klinik  durch  Operation  von  aussen. 
Auch  diese  Kranke  kam  trotz  einer  postoperativen  Pneumonie  mit 

dem  Leben  davon.  R 

Bei  Kindern  ist  die  Oesophagoskopie  zum  I  eil  entbehrlich,  z.  d. 
beim  Steckenbleiben  von  Münzen,  die  man  ungestraft  in  den  Magen 


stossen  kann. 

Von  anderen  Krankheiten  ist  besonders  noch  das  K  a  r  z  i  n  o  in 
der  Speiseröhre  zu  nennen,  bei  dem  die  Einführung  des  Roh¬ 
res  teils  diagnostisches,  teils  therapeutisches  Hilfsmittel  ist.  Es  ge¬ 
lingt  damit  leicht,  eine  Radiumkapsel  in  den  ringförmigen  Krebs  ein- 
zulegen,  aber  bisher  waren  wir  nicht  so  glücklich,  wie  Witt- 
maack,  eine  Heilung  zu  erzielen;  wir  mussten  uns  mit  vorüber¬ 
gehenden  Besserungen  begnügen. 

Ich  komme  nun  zu  den  drei  Hauptfächern,  Kehlkopf-, 
Nasen-  und  Ohrenheilkunde; 

Der  Kehlkopf  ist  Stimmorgan  und  Atmungsorgan  zugleich.  Als 
Atmungsweg  steht  kein  Ersatz  zur  Verfügung  wie  bei  der  Nase.  Seit 
1916,  seit  Eröffnung  der  neuen  Klinik,  sind  in  ihr  an  Kehlkopfkrank¬ 
heiten  14  Kranke  gestorben,  darunter  an  Tuberkulose  13  und  an  Kar¬ 
zinom  1.  Eine  Anzahl  Kranke  ist  von  ihren  Angehörigen  kurz  vor  dem 
Tode  nach  Hause  geholt  worden,  um  die  hohen  Leichentransport¬ 


kosten  zu  sparen.  D  , 

Die  Kehlkopfheilkunde  hat  sich  als  selbständiges  Fach 
entwickelt  unter  Türk,  Czermak  und  K  i  1 1  i  a  n.  Auch  innere 
Mediziner  (G  erhard,  Ziemssen  und  Penzoldt)  haben  sich 
um  die  Entwicklung  verdient  gemacht.  Später  erfolgte  die  Ver¬ 
schmelzung  mit  der  Otologie,  und  zwar  ausschliesslich  aus  prak¬ 
tischen  Gründen.  In  wissenschaftlicher  Beziehung  war 
die  Verschmelzung  ein  Nachteil. 

Die  beiden  Fächer  sind  in  Deutschland  nur  noch  getrennt  in 
München,  Frankfurt  und  Hamburg.  Davon  hat  nur  Frankfurt  2  Kli¬ 
niken  und  2  Ordinariate.  Es  ist  zu  wünschen,  dass  wenigstens  in 
diesen  3  Universitäten  die  Trennung  bleibt,  sonst  ist  zu  befürchten, 
dass  das  Ausland  die  Führung  übernimmt,  die  bisher  Deutschland  hat. 

Von  Krankheiten  ist  zunächst  das  Karzinom  zu  erwähnen. 
Seine  frühzeitige  Operation  ergibt  verhältnismässig  sehr  günstige 
Resultate,  wie  nicht  leicht  in  einem  anderen  Organ.  Die  Laryngo- 
fissur  ist  eine  einfache  Operation  und  fast  gefahrlos.  Die  Funktion 
bleibt  dabei  für  den  Verkehr  genügend.  In  fortgeschritteneren  Fäl¬ 
len  kommt  nur  noch  die  halbseitige  Exstirpation  oder  die  Total¬ 
exstirpation  in  Betracht;  die  erstere  ist  am  schwierigsten.  Wir  haben 
bisher  2  mal  die  Laryngofissur  und  einmal  die  halbseitige  Exstir¬ 
pation  gemacht.  Alle  3  Kranke  sind  geheilt.  Die  Zahl  der  Operationen 
ist  hauptsächlich  deshalb  noch  so  gering,  weil  die  Operation  ent¬ 
weder  verweigert  wird,  oder  weil  die  Kranken  erst  in  einem  in¬ 
operablen  Zustand  zu  uns  kommen.  Die  Diagnose  durch  den  prak¬ 
tischen  Arzt  erfolgt  namentlich  meist  erst  zu  spät.  Die  Ausbildung 
in  der  Laryngoskopie  ist,  das  muss  zugegeben  werden,  bisher  unge¬ 
nügend.  Das  kommt  daher,  dass  1  Kranker  wegen  des  Würg¬ 
reflexes  kaum  von  mehr  als  2 — 3  Praktikanten  untersucht  werden 
kann.  Dafür  reichen  die  klinischen  Kranken  nicht  aus.  Abhilfe  ist 
nur  zu  schaffen  durch  Verlegung  des  Untersuchungskurses  auf  die 
Sprechstunden  der  Poliklinik.  Eine  dritte  Lehrkraft  würde  auch  für 
den  Untersuchungskurs  sehr  erwünscht  sein,  da  der  Lehrer  immer 
neben  dem  Schüler  stehen  soll. 


Die  Ausbildung  der  äusseren  Kehlkopfoperationen  verdanken 
wir  vor  allem  dem  Chirurgen  Gluck.  Die  Operationsmortalität,  die 
vor  ihm  bei  der  Totalexstirpation  zirka  25  Proz.  und  bei  der  halb¬ 
seitigen  zirka  40  Proz.  betrug,  ist  bei  Gluck  selbst  fast  auf  Null 
gesunken,  ln  den  letzten  Jahren  sind  fast  alle  Kehlkopfkliniken  dazu 
übergegangen,  die  Exstirpation  selbst  vorzunehmen.  Ich  halte  es 
aber  wegen  des  öfteren  Uebergreifcns  des  Krebses  auf  die  Nachbar¬ 
organe  zunächst  für  die  Kranken  am  besten,  wenn  der  Laryngologe 
zusammen  mit  dem  Chirurgen  die  Operation  vornimmt.  Die  Nachbe¬ 
handlung  allerdings  sollte  wegen  der  besonderen  Technik  dem  La¬ 
ryngologen  überlassen  werden.  ....  „  , . 

Die  Erfolge  der  Röntgenbestrahlung  sind  beim  Kehl¬ 
kopfkrebs  bisher  schlechte.  Wir  haben  nur  einen  Fall  von  Karzinom  . 
am  Stimmband  heilen  sehen.  Bei  ihm  muss  aber  die  Möglichkeit  zu¬ 
gegeben  werden,  dass  der  lumor  schon  vor  der  Bestrahlung  durch  A 
die  Probeexzision  total  entfernt  worden  war. 

Das  entzündliche  Oedem  des  Larynx  ist  ebenfalls  lebens¬ 
gefährlich.  Abgesehen  von  der  Diphtherie,  kommt  heute  ätiologisch  {■ 
besonders  die  Röntgenbestrahlung  in  Betracht.  Ganz  deletär  ist  die 
oft  erst  Monate  darnach  eintretende  Gangrän.  Als  weitere  Ursache 
der  Kehlkopfstenose  sind  zu  nennen  Lues,  I  uberkulose,  Influenza, 
und  von  lokalen  Krankheiten  der  peritonsilläre  Abszess  und  die 
Angina.  Für  die  Tracheotomie,  die  wegen  Erstickungsgefahr  oft 
ohne  Aufschub  gemacht  werden  muss,  sind  die  praktischen  Aerzte 
durch  den  chirurgischen  Operationskursus  besser  gerüstet  als  für 
die  Untersuchung  des  Kehlkopfes.  Im  späteren  Verlauf  muss  die 
Kehlkopfstenose  häufig  durch  Dehnung  mit  Bolzen  behandelt 
werden,  die  allerdings  grosse  Geduld  erfordert,  aber  doch  meist  zum 

Ziele  führt.  ,  .  , 

Die  Tuberkulose  des  Kehlkopfes  ist  für  die  Kliniken  bisher 
eine  Krux.  Am  besten  ist  Allgemeinbehandlung  im  Sanatorium  mit 
gleichzeitiger  Spezialbehandlung.  Hervorragend  gute  Resultate  hat 
R  ü  d  i  in  Davos  erzielt.  Uns  fehlt  bis  jetzt  noch  eine  Liegehalle,  für 
die  das  Dach  des  Hörsaals  vorgesehen  ist.  Bei  der  Seltenheit  des 
Sonnenscheins  in  Erlangen  wäre  als  Ersatz  des  Sonnenlichtes  das 
universelle  Kohlenbogenlichtbad  dringend  nötig,  mit  dem 
neuerdings  2  Kopenhagener  Kollegen  bei  Tuberkulose  nicht  nur  des 
Larynx  und  der  Nase,  sondern  auch  des  Mittelohrs  ganz  über¬ 
raschende  Erfolge  erzielt  haben.  Hoffentlich  gelingt  es,  in  Er¬ 
langen  die  Mittel  hierfür  aufzubringen.  . 

Besser  sind  die  Resultate  der  Klinik  bei  der  einfachen  Ent- 
z  ii  n  düng  und  besonders  bei  den  gutartigen  Geschwül¬ 
sten.  Die  Lähmungen  dagegen  haben  mehr  diagnostisches 
Interesse. 

Eine  Erleichterung  für  die,  grosse  Uebung  erfordernden,  endo- 
laryngalen  Eingriffe  ist  die  Kil  Mansche  Schwebe.  Während 
der  Kranke  auf  dem  Rücken  liegt,  wird  ein  Spatel  in  den  Kehlkopf 
eingeführt  und  an  dem  sogenannten  Galgen  aufgehängt.  Der  Kehl¬ 
kopf  klafft  dann  so  weit,  dass  er  ohne  Kehlkopfspiegel  direkt  der 
Operation,  und  zwar  für  beide  Hände,  zugänglich  ist.  Seiffert, 
ein  Schüler  Killians,  hat  neuerdings  die  Schwebe  vereinfacht. 

Ich  komme  nun  zu  den  Krankheiten  der  Nase  und  des  Nasen¬ 
rachenraums. 

Sie  sind  nie  von  eigenen  Vertretern  gelehrt  worden,  sondern 
waren  immer  entweder  mit  der  Otologie,  oder  mit  der  Laryngologie  j 
vereinigt.  Die  Nase  ist  ebenso  wie  das  Ohr  Sinnesorgan,  ausser¬ 
dem  aber  auch  Atmungsweg.  Todesfälle  kamen  seit  1916 
in  der  Klinik  vor  4,  darunter  1  an  Hirnabszess  infolge  Nebenhöhlen-  1 
eiterung,  1  an  Hirnabszess  nach  Nasenschuss,  1  an  postoperativer  ; 
Hirnhautentzündung  und  1  an  Karzinom. 

Als  Sinnesorgan  ist  die  Nase  wichtig  nur  bei  gewissen  Ge¬ 
fahren,  z.  B.  Gasausströmung,  und  bei  gewissen  Berufen;  ich  nenne 
von  den  akademischen  den  Chemiker  und  den  Mediziner.  Beim 
Ohrenarzt  z.  B.  kann  das  Leben  des  Kranken  direkt  davon  abhängen, 
ob  der  Eiter  im  Mittelohr  übel  riecht  oder  nicht.  * 

Die  Funktionsprüfung  des  Geruchsvermögens  hat  sich  j 
bisher  noch  nicht  recht  eingebürgert.  Zwardemarker  in  Holland 
hat  zwar  einen  brauchbaren  Apparat  angegeben,  aber  die  Mittel  zu 
seiner  Anschaffung  und  Reparatur  sind  jetzt  kaum  erschwinglich. 

Die  Nase  kann  als  Atmungsweg  ersetzt  werden  durch  den  ! 
Mund,  aber  dabei  ist  die  Filtrierung,  die  Anfeuchtung  und  die  Er-  ; 
wärmung  der  Atmungsluft  nur  mangelhaft.  Dadurch  können  Krank¬ 
heiten  des  Rachens,  des  Kehlkopfes  und  der  Lunge  entstehen.  .fl 

Die  Ursachen  der  Nasen  Verstopfung  können  sein  entzünd¬ 
liche  Schwellung  des  kavernösen  Gewebes  und  der  Schleimhaut,  l 
nervöser  Schnupfen,  Polypen  und  andere  Geschwülste  sowie  die  Vcr- 
grösserung  der  Rachenmandel.  Verbiegung  der  Nasenscheidewand 
dagegen,  an  der  fast  jeder  Mensch  leidet,  kommt  selten  als  Ursache 
in  Betracht,  da  meist  die  andere  Seite  um  so  weiter  ist.  Die  Ope¬ 
ration  der  verbogenen  Nasenscheidewand  wird  noch  viel  zu  häufig 
ausgeführt. 

Die  Therapie  der  Nasenverstopfung,  wenigstens  der  chronischen,  . 
ist  meist  chirurgisch  und  recht  dankbar. 

Die  Ozaena,  die  sogenannte  Stinknase,  nimmt  unter  den  Ka¬ 
tarrhen  eine  besondere  Stellung  ein.  Wahrscheinlich  handelt  es 
sich  um  eine  Konstitutionsanomalie.  Die  modernen  Operations¬ 
methoden  verfolgen  meist  den  Zweck,  die  durch  Schwund  erwei¬ 
terte  Nase  zu  verengern.  Nach  unserer  Erfahrung  aber  hält  die  Bes¬ 
serung  der  Beschwerden  meist  nur  solange  an  wie  der  Reiz  durch 
die  Operation. 


10.  August  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1043 


Die  malignen  Geschwülste  sind  wegen  besonderer  ana¬ 
tomischer  Verhältnisse  fast  hoffnungslos.  Nur  die  Sarkome  haben 
eine  bessere  Prognose;  das  gilt  sowohl  für  die  Operation,  als  auch 
für  die  Röntgenbestrahlung. 

Selbst  histologisch  gutartige  Geschwülste  können 
durch  expansives  Wachstum  sowie  durch  spontane  Blutung  zum 
Tode  führen.  Es  sind  dies  das  echte  Papillom  der  Nase  und  das 
juvenile  Fibrom  des  Nasenrachens.  Was  das  Papillom  anbetrifft, 
so  ist  bisher  noch  kein  durch  Operation  geheilter  Fall  bekannt  ge¬ 
worden.  Dagegen  ist  es  uns  gelungen,  einen  Fall  durch  Röntgen¬ 
bestrahlung  zur  Heilung  zu  bringen.  Beim  juvenilen  Fibrom  kommt 
es  darauf  an,  die  Geschwulst  bis  zirka  zum  25.  Lebensjahre  in 
Schranken  zu  halten.  Nach  dieser  Zeit,  d.  h.  nach  Stillstand  des 
Schädelwachstums,  wächst  sie  nicht  mehr.  Wir  haben  bisher  keinen 
Fall  verloren.  Bei  der  Behandlung  hat  uns  die  Elektrolyse  bessere 
Dienste  geleistet  als  die  recht  blutige  Operation,  die  bis  zum  25.  Le¬ 
bensjahre  gewöhnlich  von  Rezidiven  gefolgt  war. 

Die  wichtigste  Nasenkrankheit  ist  die  Neben höhleneitc- 
rung.  Aus  bestimmten,  gleich  zu  ersehenden  Gründen  will  ich 
etwas  ausführlicher  auf  dieselben  eingehen.  Sie  können  durch  an¬ 
haltende  Kopfschmerzen  Berufsunfähigkeit  hervorrufen,  bilden  eine 
Gefahr  für  die  Nachbarschaft,  z.  B.  das  Ohr,  und  können  durch  Ueber- 
greifen  auf  die  Schädelhöhle  zum  Tode  führen.  Es  muss  aber  betont 
werden,  dass  die  Mortalität  gegenüber  den  Mittelohreiterungen 
ganz  auffallend  gering  ist,  obgleich  es  sich  ebenso  wie  bei  diesen 
um  Eiterung  an  der  Schädelbasis  handelt.  Der  vorher  erwähnte 
Todesfall  an  Hirnabszess  ist  der  einzige,  den  ich  in  meinem  ganzen 
Leben  beobachtet  habe.  Siebenmann  hat  ebenfalls  nur  2  Todes¬ 
fälle  in  20  Jahren  erlebt. 

Die  Ursache  der  geringen  Gefährlichkeit  liegt  in  der  anatomi¬ 
schen  Beschaffenheit  der  Ausführungsgänge  der  Nebenhöhlen.  Im 
Ohr  ist  es  die  Eiterung  in  den  Warzenzellen,  welche  mit  der 
Eiterung  in  den  Nebenhöhlen  verglichen  werden  kann.  Die  soge¬ 
nannten  Terminalzellen  des  Mittelohres  münden  erst  in  Uebergangs- 
zellen  und  von  da  in  die  Warzenhöhle  und  von  da  erst  durch  den 
Aditus  ad  antrum  in  die  Paukenhöhle.  Die  Nebenhöhlen  dagegen 
münden  direkt  in  die  Nase.  Dazu  kommt,  dass  die  Ausführungsgänge 
der  Warzenzellen  flaschenförmige  Gestalt  haben,  die  der  Nebenhöhlen 
aber  fast  alle  fensterförmige.  Retention  in  den  Nebenhöhlen  kommt 
deshalb  äusserst  selten  vor.  Im  Mittelohr  kommt  überdies  noch  das 
besonders  gefährliche  Cholesteatom  in  Betracht,  das  in  den  Neben¬ 
höhlen  wegfällt. 

Die  Operationsmethoden  sind  gut  ausgebildet.  Sie  können  zu¬ 
sammen  mit  den  Ohroperationen  als  Schädelbasischirurgie 
bezeichnet  werden.  Es  ist  zu  erwarten,  dass  die  Chirurgie  der  Schä¬ 
delbasis  im  nächsten  Kriege  noch  mehr  als  im  letzten  in  die  Hände 
der  Rhino-Otologen  gelegt  werden  wird. 

Die  Operation  der  Kieferhöhle  ist  fast  ungefährlich,  anders  die 
der  Stirnhöhle,  der  Siebbeinzellen  und  der  Keilbeinhöhle.  Ja,  es  steht 
jetzt  fest,  dass  die  Operation  dieser  Höhlen  gefährlicher  ist 
als  die  Krankheit  selbst.  Die  K  i  1  1  i  a  n  sehe  Stirnhöhlenoperation 
weist  mindestens  3  Proz.  Mortalität  auf.  Sieben  mann  hat  mehr 
als  3  mal  so  viel  Kranke  an  der  Operation  verloren,  als  an  der  Krank¬ 
heit.  Wir  haben  zwar  nur  2  Fälle  von  postoperativer  Hirnhautent¬ 
zündung  erlebt,  und  zwar  beidemal  bei  Nachoperationen,  aber  wir 
haben  auch  die  Indikation  zur  Operation  der  oberen  Nebenhöhlen 
sehr  eingeschränkt.  Der  Höhepunkt  der  operativen  Aera  ist 
wegen  dieser  Gefahren  bereits  überschritten. 

Seit  einiger  Zeit  hat  man  sich  mehr  der  Ausbildung  der  Spii- 
ungen  gewidmet,  die  technisch  ziemliche  Uebung  erfordern.  Nun 
ehrt  aber  die  neueste  Zeit,  dass  auch  die  Spülungen  nicht  unge¬ 
fährlich  sind,  ja  dass  an  ihren  Folgen  ebenfalls  mehr  Kranke  sterben 
ils  an  der  Krankheit  selbst.  Die  Luftembolie  will  seit  dem  Krieg 
licht  mehr  Von  der  Tagesordnung  unserer  Kongresse  verschwinden. 

5  c  h  1  i  1 1 1  e  r  konnte  bereits  41  sogenannte  üble  Zufälle  Zusammen¬ 
gehen.  Wir  haben  bisher  ebenso  wie  Schüttler  keinen  Kranken 
m  Luftembolie  verloren,  weil  wir  ebenso  wie  dieser  kein  scharfes 
Röhrchen,  sondern  das  stumpfe  von  Sieben  mann  benützen. 

Dagegen  haben  wir  in  den  letzten  Jahren  infolge  Spülung  meli¬ 
ere  Fälle  von  Sepsis  und  Erysipel  beobachtet,  darunter  2  To- 
lesfälle.  In  der  Literatur  finden  sich  über  Sepsis  und  Erysipel  nur 
wenig  zerstreute  kurze  Bemerkungen.  Es  ist  deshalb  eine  Publi¬ 
kation  aus  unserer  Klinik  hierüber  vorgesehen. 

Nach  alledem  kann  es  kein  Zweifel  sein,  dass  nicht  nur  die 
ip  er  a  t  i  v  e,  sondern  auch  die  konservative  Behandlung  ge- 
ährlicher  ist  als  die  Nebenhöhleneiterung  selbst.  Wir  werden  des¬ 
halb  die  Einschränkung  der  Operationen,  abgesehen  von  der  unge- 
ährlichen  der  Kieferhöhle,  auch  weiterhin  beibehalten  und  auch  die 
Spülungen  auf  die  Fälle  beschränken,  bei  denen  sie  nicht  zu  umgehen 
■ind.  Wir  erheben  ausserdem  die  Forderung,  Spülungen  nur  unter 
Kontrolle  des  Thermometers  vorzunehmen. 

Es  bleibt  nun  noch  übrig,  die  Otologie  zu  besprechen.  Sie  ist  das 
vichtigste  und  schwierigste  unserer  3  Hauptfächer.  Schon  anato¬ 
mische  Lage  und  Bau  sind  versteckt  und  kompliziert.  Ohne  Spiegel 
st  nur  die  Ohrmuschel  zu  untersuchen. 

Die  Entwicklung  der  wissenschaftlichen  Ohrenheilkunde  datiert 
■eit  der  Einführung  des  durchbohrten  Reflexspiegels  in  die  Praxis 
urch  v.  Tr  ölt  sch  1856.  Es  war  ihm  nicht  bekannt,  dass  bereits 
I  Jahre  früher  Helmholtz-Ruete  den  durchbohrten  Augen- 
Piegel  angegeben  hatten,  wie  es  anderseits  H  e  1  m  h  o  1 1  z  unbekannt 


war,  dass  bereits  10  Jahre  vor  ihm  der  praktische  Arzt  Hoff  mann 
den  durchbohrten  Reflektor  erfunden  hatte.  Ausser  T  r  ö  1 1  s  c  h 
waren  es  besonders  Politzer,  Bezold,  Schwärt  ze  und 
Körn  er,  welche  sich  um  den  Ausbau  der  Otologie  verdient  gemacht 
haben.  Seit  I  r  ö  1 1  s  c  h  haben  Deutschland  und  die  deutschsprechen¬ 
den  Länder  den  Engländern  und  den  Franzosen  die  Führung  abge¬ 
nommen. 

Im  Jahre  1875  wurde  Tröltsch  in  Würzburg  das  Ordinariat 
angeboten.  Da  er  aber  gleichzeitig  gerichtliche  Medizin  lesen  sollte, 
lehnte  er  es  ab.  Es  war  erst  die  etwas  natürlichere  Vereinigung  mit 
der  Laryngologie  nötig  und  dauerte  noch  26  Jahre,  bis  Körner  im 
Jahre  1901  das  erste  Ordinariat  in  Deutschland  erhielt.  Zwei 
Jahre  vorher  war  für  ihn  schon  die  erste  Klinik  errichtet  worden. 
Jetzt  bestehen  Kliniken  an  den  meisten  deutschen  Universitäten. 
Ohne  den  Kries:  würden  sie  wohl  schon  an  allen  Universitäten  erbaut 
worden  sein.  Prüfungsfach  ist  die  Oto-Laryngologie  seit  1920. 
Ohne  Krieg  und  Revolution  wäre  dies  wohl  kaum  so  schnell  durch¬ 
gesetzt  worden.  Die  Rechte  des  Ordinarius  besitzen  jetzt  die  Fach¬ 
vertreter  an  allen  denjenigen  Universitäten  Deutschlands,  an  denen 
Oto-Laryngologie  vereinigt  sind. 

Die  Bedeutung  der  Ohrenkrankheiten  liegt,  abgesehen  von 
ihrer  H  ä  u  f  i  g  k  e  i  t,  in  der  Störung  der  Funktion  sowie  in 
der  Lebensgefährlichkeit  speziell  der  Mittelrohreiterungen. 
...  Schwerhörigkeit  hindert,  wenn  sie  doppelseitig  ist,  in  der 
Kindheit  die  geistige  Gesamtentwicklung  und  das  Erlernen  der 
Sprache.  Ist  die  Schwerhörigkeit  'hochgradig  oder  besteht  gar 
laubheit,  so  kommt  es  zur  Taubstummheit.  Seit  Bezold  mit  der 
kontinuierlichen  Tonreihe  bei  den  Taubstummen  noch  Hörreste  fest¬ 
zustellen  gelehrt  hat,  ist  Bayern  damit  vorangegangen,  in  den  An¬ 
stalten  Hörklassen  zu  errichten.  In  ihnen  ist  die  Ausbildung  der 
Sprache  und  die  ganze  geistige  Erziehung  eine  bedeutend  bessere  als 
bei  den  Totaltauben.  Es  ist  ohne  weiteres  einleuchtend,  dass  ein 
I  aubstummer,  der  soviel  Hörreste  hat,  um  laute  Sprache  bis  in  20  cm 
Entfernung  verstehen  zu  können,  die  Sprache  niemals  erlernt,  wenn 
zu  ihm  immer  in  einer  Entfernung  von  mehreren  Metern  gesprochen 
wird,  während  er  sie  sofort  versteht,  wenn  der  Lehrer  sich  ihm  bis 

.1.®  cm  nähert,  zumal  wenn  er  ihm  noch  einen  Handspiegel  zur 
Verfügung  stellt,  in  dem  er  die  Sprechbewegung  des  Lehrers  von 
dessen  Gesicht  ablesen  kann. 

Die  Einführung  der  Schwerhörigenschule  verdanken  wir 
Hart  mann.  In  sie  kommen  solche  Schwerhörige,  die  für  die  Volks¬ 
schule  zu  schlecht  und  für  die  Taubstummenanstalt  zu  gut  hören.  In 
den  Grossstädten  sind  bereits  ganze  Schulen  mit  der  normalen 
Klassenzahl  eingerichtet  worden.  In  Erlangen  fanden  wir  in  den 
Volksschulen  nur  einen  einzigen  Schwerhörigen,  der  sich  für  die 
Schwerhörigenschule  geeignet  hätte.  Für  die  kleinen  Orte  müsste 
also  entweder  B  e  z  o  I  d  s  Forderung  durchgeführt  werden,  dass  die 
1  aubstummenanstalten  in  solche  für  Totaltaube  und  solche  für  noch 
Hörende  getrennt  werden,  oder  aber  es  müssten  in  den  Grossstädten 
mit  der  Schwerhörigenschule  Internate  verbunden  werden. 

Bei  Erwachsenen  kann  die  Schwerhörigkeit  zur  Aufgabe  des 
,Uys’  zur  Unmöglichkeit  am  gesellschaftlichen,  gemeindlichen  und 
politischen  Leben  teilzunehmen,  sowie  überhaupt  zur  Zerstörung  des 
ganzen  Lebensglücks  führen. 


( .. ,  ,  .  er  Qer  scnwerborigkeit  ist  es  besonders  die  Lebensge¬ 
fahr  1 1  c  h  ke  i  t,  welche  die  Ohrenkrankheiten  bei  Aerzten  und 
.aien  so  gefürchtet  macht.  Werden  doch  die  Kranken  gerade  in  den 

MStfnT-J?hre,nLUjd  meist  aus  volIer  Gesundheit  dahingerafft!  Die 
Mortalität  ist  bedeutend  grösser  als  die  der  Nasen-  und  Kehlkopf- 
krankheiten  zusammengenommen.  In  der  Klinik  sind  seit  1916  34  ge¬ 
storben,  darunter  4  an  Karzinom,  und  an  Mittelohreiterung  30. 

So  deprimierend  es  ist,  dass  die  Mortalität  bei  den  Neben¬ 
hohl  en  e  1 1  e  ru  n.g  e  n  mit  der  fortschreitenden  Entwicklung  der 
Behandlungsmethoden  sich  erhöht  hat,  so  erfreulich  ist  es.  dass  um- 
.  gekehrt  bei  den  M  i  1 1  e  1  o  h  r  e  i  t  e  r  u  n  g  e  n  die  Anzahl  der  Todes- 
o  u  S5,!t  der  Entwicklung  der  Otochirurgie  und  der  konservativen 
Behandlungsmethoden  wesentlich  abgenommen  hat.  Das  zeigt  der 
Vergleich  dniger  Statistiken  aus  der  voroperativen  Aera  mit  solchen 
nach  1894  dem  Erscheinen  der  Körn  ersehen  Monographie  über 
die  otitischen  Hirnkomplikationen. 


Todesfälle  infolge 
B  a  r  k  e  r 
Bezold 
Kümmel 
Siebenmann 
Erlangen 


von  Mittelohreiterung: 


1877—1888 

1881—1907 

1897— 1906 

1898— 1917 
1911—1920 


25  :  1000 
8,1  :  1000 ‘) 
6  :  1000 
5,9  :  1000 
5,5  :  1000 


Ein  noch  besseres  und  eindeutigeres  Bild  über  die  Erfolge 
der  Behandlung  ergibt  die  Statistik  über  die  Heilungsresultate 
der  einzelnen  Hirnkomplikationen  selbst,  nämlich  des 
Hirnabszesses,  der  Sinusthrombose  und  der  Meningitis.  Körner 
sagt,  dass  sie  1884,  als  er  Assistent  war,  alle  noch  für  unheilbar 
galten. 


Unsere  guten  Resultate  sind  wohl  besonders  auf  die  Nach- 
b  e  h  a  n  d  I  u  n  g  zurückzuführen,  auf  die  wir  wegen  ihrer  Schwierig¬ 
keit  den  grössten  Wert  legen.  Als  neue  Methode  haben  wir  die  Aus- 


)  Diese  Mortalitätsziffer  ist  überraschend  niedrig,  wenn  man  bedenkt, 
dass  die  Hälfte  der  Jahre  in  die  voroperative  Aera  fällt,  und  nur  dadurch  zu 
verstehen,  dass  Bezold  ganz  besonderen  Wert  auf  die  Prophylaxe  der 
zerebralen  Komplikationen  legte. 


1044 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Hi 

irnabszess2). 

Rostock 

27  Proz.  Heilungen 

Berlin 

15  „ 

Heidelberg 

21  „ 

Breslau 

21  ., 

Uöitingen 

50  „  „ 

Strassburg 

30  „ 

Halle 

23  „ 

Erlangen 

53  „ 

Spülung  und  Insufflation  von  Borsäurepulver  eingeführt.  Unser  wich¬ 
tigster  Grundsatz  aber  für  die  Nachbehandlung  ist  der,  dass  kein 
Assistent  ausser  dem  Oberarzt  sie  übernehmen  darf. 

Die  2.  cndokranielle  Komplikation  ist  die  S  i  n  u  s  p  h  I  e  b  i  t  i  s. 

Da  die  Sinusthrombose  infolge  chronischer  Mittelohreite¬ 
rung  weit  gefährlicher  ist  als  die  infolge  der  akute  n,  müssen  wir 
beide  trennen. 


ebitis  nach 

akute 

r  M  i 

ttelohreiterung. 

Wien 

79 

Proz. 

Heilungen 

Giessen 

70 

'** 

» 

Königsbeig 

87 

„ 

*» 

Erlangen 

95 

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eher 

Mittelohreiterung 

Wien 

4-1 

Proz. 

Heilungen 

Königsberg 

51 

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Erlangen 

60 

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Die  guten  Resultate  der  Erlanger  Klinik  dürften  auf  zwei  Grund¬ 
sätze  zürückzuführen  sein. 

1.  Im  Gegensatz  zu  den  meisten  anderen  Kliniken  unterbinden 
wir  die  Jugularis  nur  dann,  wenn  sie  selbst  mit  erkrankt  ist. 

Bei  der  akuten  Mittelohreiterung  ist  dies  nur  ausnahmsweise 
der  Fall,  so  dass  wir  die  Jugularis  in  keinem  Fall  zu  unterbinden 
brauchten,  während  in  Wien  und  Giessen  fast  alle  Fälle  und  in 
Königsberg  etwas  über  die  Hälfte  unterbunden  wurden. 

Bei  der  chronischen  Mittelohreiterung  dagegen  ist  die  Ju¬ 
gularis  sehr  häufig  mit  erkrankt.  Während  bei  ihr  in  anderen  Kli¬ 
niken,  auch  in  Königsberg,  die  grosse  Halsvene  fast  immer  unter¬ 
bunden  wurde,  haben  wir  dies  nur  in  etwa  der  Hälfte  der  Fälle 

nötig  gehabt.  •  . 

2.  Der  zweite  Grundsatz  bei  uns  ist  der,  bei  chronischer 
Eiterung  wegen  der  schnellen  Ausbreitung  der  I  hrombose  die  Sinus¬ 
operation  sofort  am  gleichen  Tage  zu  machen. 

Die  letzte  zu  besprechende  Hirnkomplikation  ist  die  Meningitis. 

Ueber  sie  sind  die  Resultate  in  Erlangen  noch  nicht  zusammen- 
gcstellt.  Mein  Eindruck  ist  der:  Die  Meningitis  ohne  Bindeglied  ist 
fast  hoffnungslos.  Wenn  dagegen  Labyrintheiterung,  Hirnabszess 
oder  Sinusphlebitis  als  Bindeglied  sich  findet,  ist  die  Prognose  viel 
besser.  Auch  die  gefürchtete  eitrige  Meningitis  ist  also  nicht  mehr 
unheilbar! 

Unsere  Grundsätze  bei  ihrer  Behandlung  sind: 

1.  Ausschaltung  des  primären  Eiterherdes. 

2.  Häufige  Lumbalpunktion,  dagegen  keine  Durchspülung  des 
Lumbalsackes. 

Den  grössten  Wert  aber  legen  wir  auf  die  Vermeidung  der  nicht 
seltenen  post  operativen  Meningitis.  Wir  lassen  deshalb 
bei  der  Radikaloperation  Hammer  und  Amboss  stehen,  wenn  die  Ver¬ 
bindung  mit  dem  Steigbügel  nicht  aufgehoben  ist  und  somit  die  Ge¬ 
fahr  seiner  Luxation  aus  dem  Vorhofsfenster  besteht.  Und  bei 
latenter  Labyrinthitis  eröffnen  wir  bei  der  Aufmeisselung 
des  Mittelohrs  das  Labyrinth  prinzipiell  immer  mit.  Bisher  haben 
wir  das  Glück  gehabt,  keinen  Kranken  an  postoperativer  otitischer 
Meningitis  zu  verlieren. 

Aus  dem  Gesagten  geht  hervor,  dass  die  Otochirurgie  in  der 
Heilung  der  zerebralen  Komplikationen  grosse  Fortschritte  gemacht 
hat.  Aber  immer  noch  sterben  ungefähr  die  Hälfte  der  Kranken. 
Vorbeugen  ist  deshalb  auch  hier  besser  als  Heilen.  Wir 
kommen  damit  zu  den  unkomplizierten  Mittelohreiterungen 
und  zu  ihrer  Behandlung. 

Die  Mortalität  der  verschiedenen  Formen  von  Mittelohreite¬ 
rungen  ist  eine  ganz  verschiedene.  Das  ist  erst  deutlich  geworden, 
seit  man  nach  B  e  z  o  1  d  die  Mittelohreiterungen  in  4  Gruppen  ein¬ 
teilt,  in  die  akute  genuine,  d.  h.  im  widerstandsfähigen  Organismus, 
und  die  akute  sekundäre  nach  Allgemeinkrankheiten,  sowie  in  die 
einfache  chronische  ohne  Cholesteatom  und  die  mit  Cholesteatom. 

Absolut  die  meisten  Todesfälle  treten  ein  infolge  von  Chole¬ 
steatom.  obgleich  die  Gesamtzahl  der  Cholesteatomfälle  viel  geringer 
ist  als  die  jeder  der  anderen  drei  Gruppen. 

Das  Cholesteatom  entsteht  meist  durch  Hineinwachsen  der  Epi¬ 
dermis  des  Gehörganges  auf  die  durch  Eiterung  des  Epithels  beraubte 
Schleimhaut  des  Mittelohrs.  Die  oberflächlichen  verhornten  Epider- 
misschuppen  stossen  sich  ab  und  sammeln  sich  besonders  in  den  ver¬ 
steckten  oberen  Mittelohrräumen  zu  dem  sogenannten  Cholesteatom 
an.  Solange  die  angesammelten  Epidermismassen  den  Abfluss  des 
Eiters  nicht  behindern,  sind  sie  ungefährlich.  Der  Eiter  enthält  zwar 
zahlreiche  Fäulnispilze,  da  es  aber  Anaerobier  sind,  spielen  sie  nur 
die  Rolle  von  Saprophyten. 

Sobald  aber  das  Cholesteatom  die  Oeffnung  nach  aussen  ganz 
verlegt,  werden  die  Fäulnispilze  infolge  des  Luftabschlusses  mit 

-’)  Oie  folgende  Statistik  ist,  abgesehen  von  dem  Resultat  in  Erlangen, 
lircr  Arbeit  von  Nüssmann  aus  der  Hallenser  Klinik  entnommen. 


Nr.  32. 

einem  Schlage  höchst  virulent  und  führen  zu  Gangrän  des  Kno¬ 
chens,  so  dass  der  Eiter  in  einem  Tag  die  dickste  Knochenwand 
durchbrechen  kann. 

Etwas  geringer  ist  die  Zahl  der  1  odesfälie  nach  der  genuinen 
akuten  Mittelohreiterung,  der  häufigsten  Form.  Hier  entstehen  die 
zerebralen  Komplikationen  dadurch,  dass  die  Schleimhaut  reaktiv 
stark  anschwillt  und  zur  Retention  des  Eiters  in  den  Warzenzellen 
führt.  Unter  dem  Ucberdruck  des  Eiters,  der  immer  geruchlos  ist, 
kann  der  Knochen  bis  zur  Schädelhöhle  eingeschmolzen  wer¬ 
den.  Das  dauert  aber  bei  der  akuten  Eiterung  mit  geruchlosem 
Sekret  einige  Wochen. 

Ein  nur  kleiner  Prozentsatz  der  Todesfälle  entfallt  auf  die  akute 
Otitis  nach  Allgemeinkrankheiten.  Hier  besteht  im  Gegen¬ 
satz  zu  der  genuinen  Mangel  an  Reaktion,  ja  es  kommt  nicht 
selten  zur  nekrotisierenden  Entzündung.  Die  Bakterien  kön¬ 
nen  unaufhaltsam  bis  ins  Labyrinth  und  bis  zur  harten  Hirnhaut  Vor¬ 
dringen.  Hier  allerdings  machen  sie  überraschend  und  unerklärlicher¬ 
weise  fast  immer  Halt,  so  dass  die  Anzahl  der  Todesfälle  eine  ver¬ 
hältnismässig  sehr  geringe  ist.  Bei  der  tuberkulösen  und  bei 
der  Scharlacheiterung  sicht  der  einzelne  Otologe  in  seinem 
Leben  kaum  mehr  als  einen  Todesfall,  und  bei  der  Masern  otitis 
ist  weder  in  der  Münchener,  noch  in  der  Baseler,  noch  in  der  Er¬ 
langer  Klinik  ein  Todesfall  beobachtet  worden. 

So  gut  wie  ganz  ungefährlich  ist  aber  die  letzte  der  vier 
Formen,  die  einfache  chronische  Mittelohreiterung  ohne  i 
Cholesteatom.  Darin  stimmen  alle  neueren  Statistiken  überein.  Das 
erklärt  sich  in  der  Hauptsache  dadurch,  dass  die  peripheren  Warzen¬ 
zellen  bei  der  chronischen  Eiterung  fehlen.  Sie  sind  durch  Knochen¬ 
masse  mehr  oder  weniger,  ausgefüllt.  Wenn  keine  Zellen  vorhanden 
sind,  kann  natürlich  auch  kein  Empyem  in  ihnen  entstehen. 

Der  Satz  von  der  Ungefährlichkeit  der  einfachen  chronischen 
Eiterung  gilt  selbst  dann,  wenn  sie  zeitlebens  nicht  behan¬ 
delt  wird. 

Während  man  also  diese  Gruppe  ungestraft  vernachlässigen  darf,  I 
sind  es  die  anderen  Gruppen,  bei  denen  die  Therapie,  sei  es  die  kon- 
s  c  r  v  a  t  i  v  e.  sei  es  die  operative,  ihre  grössten  Triumphe  feiert. 

Die  gefährlichste  Form,  das  Cholesteatom,  ist  sogar  ebenfalls 
ganz  ungefährlich,  wenn  es  sachgemäss  behandelt  wird.  Ich 
habe  in  34  Jahren  noch  keinen  einzigen  Fall  von  Cholesteatom  ver¬ 
loren.  der  rechtzeitig  in  Behandlung  gekommen  ist.  Aehnlich  ist  es 
in  der  B  e  z  o  1  d  sehen  und  S  i  e  b  e  n  rn  a  n  n  sehen  Klinik. 

Bei  der  akuten  Otitis  ist  dies  anders.  Zwar  lässt  sich  ebenfalls 
in  den  meisten  Fällen  der  letale  Ausgang  verhüten,  aber  es  bleiben 
Fälle  übrig,  bei  denen  wir  trotz  sofortiger  Behandlung  den  Eintritt 
des  Todes  nicht  zu  verhindern  vermögen.  Das  gilt  sowohl  für  die 
genuine  Otitis,  als  auch  für  die  sekundäre.  Bei  der  genuinen  kann 
sich  nämlich  ein  Empyem  in  einer  Zelle  jenseits  des  Labyrinths  I 
entwickeln,  die  dem  Meissei  unzugänglich  ist.  Und  bei  den  All  ge-  , 
meinkrankh  eiten  mit  mangelhafter  Reaktion  sind  wir  bisher  | 
nicht  sicher  imstande,  das  Vordringen  der  Bakterien  aufzuhalten. 

Da  nach  dem  Gesagten  somit  bei  weitem  die  meisten  Todesfälle  g 
auf  das  unbehandelte  Cholesteatom  und  auf  das  zu  spät  g 
erkannte  Empvera  bei  der  akuten  Otitis  entfallen,  ergeben  sich 
bezüglich  der  Prophylaxe  der  zerebralen  Komplikationen  zwei  g 
Hauptforderungen  für  den  Unterricht.  Dor  Studierende  muss  I 
erstens  die  chronische  Mittelohreiterung  mit  Cholesteatom  von  der  | 
ohne  Cholesteatom  unterscheiden  und  zweitens  das  E  m  -  I 
pyeni  bei  der  akuten  Otitis  diagnostizieren  lernen. 

Beide  Diagnosen  sind  nicht  schwierig  und  werden  in  Erlangen 
von  den  meisten  medizinischen  Prüfungskandidaten  beherrscht. 

Wenn  erst  einmal  alle  Aerzte  im  Lande  diese  beiden  Diagnosen  1 
stellen  können,  wird  sich  die  Mortalität  der  Mittelohreiterungen  noch  n 
weiter  ganz  beträchtlich  herabsetzen  lassen. 

Es  sollten  als  unheilbar  nur  mehr  die  wenigen  vorhin  erwähnten  | 
unberechenbaren  Fälle  bei  der  akuten  Otitis  übrig  bleiben,  | 
die  schätzungsweise  nur  1  auf  1000  oder  2000  ausmachen. 

Für  diese  gilt  es,  neue  Richtlinien  der  Behandlung  | 
aufzustellen,  auf  die  ich  heute  nicht  eingehen  kann. 


Aus  der  chirurgischen  Universitätsklinik  Köln-Lindenburg. 

(Direktor:  Geh.  Med. -Rat  Prof.  Dr.  Tilmann.) 

Die  Reizvakzinetherapie  des  Erysipels. 

Von  Dr  Konrad  Koch.  Assistent  der  Klinik. 

Die  Heilbestrebungen  beim  Erysipel  haben  —  abgesehen  von 
rein  symptomatischen  Massnahmen  —  hauptsächlich  von  drei  ver¬ 
schiedenen  Gesichtspunkten  ihren  Ausgang  genommen;  man  hat  ver¬ 
sucht,  1.  das  örtliche  Weitergreifen  des  Prozesses  durch  mecha¬ 
nische  Einwirkung  hintanzuhalten,  2.  durch  lokal  desinfizierende 
Mittel  auf  die  Krankheitserreger  einzuwirken  und  3.  durch  spezifische 
Immunisierung  oder  unspezifische  Reizbehandlung  den  Organismus  i 
im  Kampfe  gegen  die  Infektion  zu  unterstützen.  Von  den  mechanisch 
wirkenden  Massnahmen  können  die  Heftpflastermethode  (Wölf- 
1  e  r),  die  Stauungsbehandlung  (Bier,  Jo’chma  n  n)  und  die  Heiss¬ 
luftbehandlung  (Ritter)  in  geeigneten  Fällen  zweifellos  heilbeför¬ 
dernd  wirken,  während  die  Mehrzahl  der  zur  Vernichtung  der  In¬ 
fektionserreger  empfohlenen  Antiseptika  —  mit  Ausnahme  vielleicht 
des  reduzierend  wirkenden  und  die  Vitalität  der  Kokken  schädigen- 


10.  August  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


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den  Ichthyols  —  keinen  Erfolg  verspricht  und  kaum  mehr  Anwendung 
findet.  Grösseres  Interesse  dürfen  dagegen  die  in  den  letzten  ver¬ 
flossenen  Dezennien  wachgewordenen  Bestrebungen  einer  spezifi¬ 
schen  bzw.  unspezifischen  Immuntherapie  des  Erysipels  bean¬ 
spruchen,  über  deren  Erfolge  und  Aussichten  ein  abschliessendes 
Urteii  heute  noch  verfrüht  erscheint. 

Der  therapeutische  Wert  der  passiven  Immunisierung  bei  Erysipel- 
kranken  mittels  der  verschiedenen  Antistreptokokkensera  hat  recht  ab¬ 
weichende  Beurteilung  gefunden,  die  zwischen  begeisterter  Empfehlung  und 
völliger  Ablehnung  wechselt.  Chantemesse  (1895)  hat  erstmalig  über 
diesbezügliche  Versuche  mit  dem  M  a  r  m  o  r  e  k  sehen  Serum  berichtet  und 
sich  an  Hand  von  500  Fällen  günstig  hinsichtlich  der  lokalen  sowotd  als  all¬ 
gemeinen  Heilwirkung  ausgesprochen;  Rötung,  Schwellung  und  Schmerz¬ 
haftigkeit  schwanden  meist  schon  nach  24  Stunden,  während  gleichzeitig  das 
Fieber  und  die  Störungen  des  Sensoriums  deutliche  Besserung  zeigten.  Zu 
entgegengesetzten  Resultaten  kam  L  e  n  h  a  r  t  z,  der  auf  Grund  seiner  Er¬ 
fahrungen  mit  dem  gleichen  Präparat  die  Anwendung  von  Antistreptokokken¬ 
serum  nicht  nur  als  nutzlos,  sondern  in  Anbetracht  wiederholt  beobachteter 
Gelenk-  und  Muskelschädigungen  als  gefährlich  bezeichnet;  in  ähnlichem  Sinne 
hat  sich  Petruschky  geäussert,  der  ebenfalls  keine  eindeutigen  thera¬ 
peutischen  und  prophylaktischen  Erfolge  bei  Anwendung  der  Serumtherapie 
beobachten  konnte.  Im  Gegensatz  zu  dem  Marmorek  sehen  monovalenten 
Serum,  das  mit  einer  von  menschlicher  Angina  stammenden  und  durch  Tier¬ 
passage  hochvirulent  gemachten  Streptokokkenkultur  gewonnen  war,  schien 
das  von  A  r  an  s  o  n  hergestellte  polyvalente  Serum  günstigere  Aussichten 
auf  Erfolg  zu  bieten;  zu  seiner  Herstellung  wurde  neben  tierpassierten  hoch¬ 
virulenten  Streptokokkenstämmen  noch  eine  Anzahl  unpassierter.  von  mensch¬ 
lichen  Affektionen  stammender  Kulturen  verwandt.  Ueber  Versuche  mit 
diesem  Serum  haben  Meyer  und  Michaelis  berichtet,  die  nur  in  3  von 
8  Erysipelfällen  eine  gute  Wirkung  sahen.  Günstiger  lauten  die  Erfahrungen 
von  S  t  a  w  s  k  i,  der  auf  Grund  von  30  Fällen  äusserst  warm  für  das  A  r  o  n  - 
s  o  n  sehe  polyvalente  Serum  eintritt,  mit  dem  er  je  nach  Schwere  des  Falles 
in  Dosen  von  2000—4000  E.  prompte  Heilung  erzielte.  Recht  zurückhaltend 
spricht  sich  Joch  mann  über  die  Wirkung  des  nach  Meyer  und  R  u  p  - 
p  e  1  hergestellten  Antistreptokokkenserum  „Höchst“  aus,  von  dem  er  „ver¬ 
einzelte  günstige  Resultate“  gesehen  hat;  der  Einfluss  auf  das  Allgemein¬ 
befinden  trat  stets  deutlicher  zutage  als  die  Wirkung  auf  den  Lokalprozess, 
so  dass  das  Serum  besonders  für  solche  Fälle  empfohlen  wird,  „wo  schwerere 
Störungen  des  Sensoriums,  schlechter  Puls  etc.  auf  toxische  Einflüsse 
sehliessen  lassen“.  Weitere  Untersuchungen  mit  dem  Höchster  Serum,  das  in 
Parallele  zum  A  r  o  n  s  o  n  sehen  Serum  aus  einem  hochvirulenten  Passage¬ 
stamm  und  unpassierten  humanen  Originalstämmen  gewonnen  wird,  sind  von 
Welz  veröffentlicht,  der  zu  keinem  abschliessenden  Urteil  über  den  all¬ 
gemeinen  Wert  der  intravenösen  Serumtherapie  kommt;  er  sah  allerdings  in 
16  von  23  Fällen  eine  im  Anschluss  an  die  Injektion  einsetzende  Entfieberung 
mit  Besserung  des  Gesamtbildes  und  Lokalbefundes. 

Im  Vergleich  zur  Serumtherapie  hat  die  aktive  Immunisierung  mittels 
der  W  r  i  g  h  t  sehen  Vakzinebehandlung  beim  Erysipel  weniger  praktische  An¬ 
wendung  gefunden;  hauptsächlich  von  englischer  und  amerikanischer  Seite 
liegen  diesbezügliche  Untersuchungen  vor.  So  sah  Ball  durch  Vakzination 
in  12  Fällen  sofortigen  Fieberabfall  und  vor  allem  Rezidivfreiheit  in  chroni¬ 
schen  Fällen,  während  Johnson  bei  einem  grösseren  Material  von 

50  Fällen  durch  Dosen  von  10 — 20  Mill.  Keimen,  die  in  zweitägigen  Inter¬ 
vallen  eingespritzt  wurden,  eine  günstige  Einwirkung  auf  Dauer  und  Schwere 
der  Erkrankung  erzielen  konnte.  Ueber  gleich  günstige  Resultate  bei 

erysipelkranken  Säuglingen  wird  von  Sill  berichtet,  der  im  Hinblick  auf 
die  hohe  Mortalität  der  erysipelatösen  Infektion  bei  Neugeborenen  bzw.  Säug¬ 
lingen  (95  bzw.  59  Proz.)  seinen  Erfolgen  besondere  Bedeutung  beimisst. 
Weniger  befriedigend  lauten  die  an  Hand  von  22  Fällen  gewonnenen  Erfah¬ 
rungen  von  W  e  a  v  e  r  und  Boughton,  die  bei  akuten  Erysipeln  keine 
eindeutigen  Erfolge  von  der  Vakzinebehandlung  sahen;  in  3  vakzinierten 

Fällen  von  Wandererysipel  kam  dagegen  der  Prozess  zum  Stillstand. 

Von  deutschen  Autoren  vertritt  W  o  1  f  s  o  h  n  den  Standpunkt,  dass  die 
Gesichtsrose  der  Vakzination  nicht  zugängig  ist.  da  er  bei  8  Fällen  keinmal 
mit  Sicherheit  die  Genesung  der  spezifischen  Therapie  zuschreiben  konnte; 
dagegen  beobachtete  er  bei  2  Wandererysipeln  der  Arme  Stillstand  und 

Rückbildung  der  lokalen  Erscheinungen  als  offensichtliche  Wirkung  der  Vakzi¬ 
nation.  Den  gleichen  Erfolg  bei  wochenlang  dauernden  Wandererysipeln  er¬ 
reichte  Jochmann  mit  einer  Kombination  von  Serumtherapie  und  Vakzine¬ 
behandlung,  indem  er  bei  60°  abgetötete  menschenpatho^ene  Streptokokken¬ 
kulturen  in  Mengen  von  1/io  Oese,  je  nach  Bedarf  in  5  tägigen  Intervallen  an¬ 
steigend  bis  2/to  bzw.  3I io  Oese,  subkutan  einspritzte. 

Neueren  Datums  und  nicht  allzu  zahlreich  sind  die  Versuche  einer  u  n  - 
spezifischen  Therapie  des  Erysipels;  die  bisher  vorliegenden  Resultate 
lauten  allerdings  recht  günstig.  So  konnte  Reichenstein  durch  intra¬ 
muskuläre  Milchinjektion  auffallende  Besserung  bei  Erysipelkranken  erzielen, 
während  T  u  r  n  h  e  i  m  gleichfalls  nach  meist  schon  einmaliger  Einspritzung 
von  6 — 10  ccm  körperwarmer  Milch  einen  Rückgang  der  Krankheitserschei¬ 
nungen  beobachtete  —  angeblich  um  so  prompter,  je  näher  dem  Sitze  des 
Rotlaufs  die  Injektion  erfolgte.  Diese  günstige  Heilwirkung  der  unspezifischen 
Therapie  wurde  von  Kraus  aus  der  Schmidt  sehen  Klinik  (Prag)  be¬ 
stätigt,  der  bei  10  mit  intraglutäalen  Milchinjektionen  behandelten  Kranken 
sofortigen  Temperaturabfall,  Nachlassen  der  subjektiven  Beschwerden  und 
Besserung  des  lokalen  Prozesses  beschreibt;  bedeutend  schlechter  waren  die 
Resultate  bei  Parallelversuchen  mit  Serumbehandlung  und  Lokaltherapie. 
R.  Schmidt  selbst  hat  dann  später  mit  Einschluss  des  von  Kraus  publi¬ 
zierten  Materials  über  insgesamt  52  vakzinierte  Erysipelfälle  berichtet:  bei 
44  Fällen  von  Gesichtsrose  sah  er  in  27  Fällen  am  ersten  Tag,  in  8  Fällen 
am  2.  Tag  nach  der  Injektion  „prompte  Entfieberung  und  Abschwellung  und 
komplikationslosen  Heilverlauf“. 

Aus  diesem  kurzen  Teilüberblick  über  die  Heilbestrebungen  beim 
Erysipel  interessieren  hier  die  mittels  Vakzinebehandlung  und  un- 
spezifischcr  Reiztherapie  erzielten  Ergebnisse;  neben  völligen  Ver¬ 
sagern  und  unsicheren  Resultaten  einerseits  werden  auf  der  anderen 
Seite  prompte  Besserungen  und  auffallende  Heilerfolge  beschrieben. 
Wenn  auch  letzteren  gegenüber  eine  vorsichtige  Stellungnahme 
zweifellos  berechtigt  und  notwendig  erscheint,  würde  es  m.  E.  doch 
wohl  zu  weit  gehen,  wenn  man  solch  günstige  Erfolge  sämtlich  nur 
als  reine  Zufälligkeiten  bewerten  wollte,  zumal  man  einzelnen  Unter- 
Suchern  auf  Grund  ihrer  genauen  Angaben  das  Bestreben  nach  sach¬ 


licher  Kritik  und  möglichster  Vermeidung  von  Fehlerquellen  nicht 
absprechen  kann.  Erscheinen  aber  Vakzination  und  Reiztherapie  als 
Behandlungsmethoden  des  Erysipels  überhaupt  erfolgversprectiend, 
dann  darf  der  Versuch  einer  Kombination  dieser  beiden  Massnanmen 
berechtigte  Hoffnung  auf  Verbesserung  der  bisherigen  Heilresultate 
erwecken.  Dieser  Gedanke  bot  mir  Veranlassung,  das  von  den  Beh¬ 
ringwerken  (Marburg)  hergestellte  und  unserer  Klinik  zu  Versuchs¬ 
zwecken  überlassene  Strepto-Yatren,  das  als  polyvalente 
Aufschwemmung  von  Streptokokken  in  Yatrenlösung  eine  Kombi¬ 
nation  einer  aktiv  immunisierenden  spezifischen  Vakzine  mit  einem 
unspezifischen  Reizstoff  von  stark  aktivierender  Wirkung  darstellt, 
auf  seine  praktische  Brauchbarkeit  hin  zu  erproben.  Es  lag  mir  be¬ 
sonders  daran,  ein  Urteil  über  den  therapeutischen  Wert  dieses 
Mittels  zu  gewinnen,  weil  ich  bereits  mit  dem  auf  gleichen  Herstel¬ 
lungsprinzipien  beruhenden  und  zuerst  von  R  u  e  t  e  und  K  c  i  n  i  n  g 
an  Hand  theoretischer  und  klinischer  Gesichtspunkte  empfohlenen 
Staphylo-Yatren  auffallend  günstige  Erfolge  bei  lokalen  Staphylo- 
mykosen  erzielt  hatte,  die  ich  unter  besonderer  Berücksichtigung  der 
klinisch  nachweisbaren  Reaktions-  und  Heilungsvorgänge  an  anderer 
Stelle  (D.m.W.  1923,  Nr.  21)  ausführlich  mitgeteilt  habe.  Von  der  Er¬ 
wägung  ausgehend,  dass  bei  allgemeinen  Bakteriämien  in  Anbe¬ 
tracht  der  mehr  weniger  weitgehenden,  oft  mit  einem  hohen  opsoni¬ 
schen  Index  verbundenen  Autoinokulationsvorgänge  eine  Vakzine¬ 
therapie  nicht  nur  wenig  nutzbringend,  sondern  mitunter  gefährlich 
und  darum  kontraindiziert  ist,  hielt  ich  es  von  vornherein  tiir  ge¬ 
boten  und  am  aussichtsreichsten,  das  Strepto-Yatren  eben  gerade 
beim  Erysipel  — -  der  lokalisierten  Streptomykose  der 
Haut  —  zur  therapeutischen  Anwendung  zu  bringen.  Ich  war  mir  der 
Schwierigkeit  einer  objektiv  kritischen  Bewertung  einer  bestimmten 
Behandlungsmethode  beim  Erysipel  wohl  bewusst:  die  nach  Krank¬ 
heitsdauer  und  -intensität  überaus  grosse  Variabilität  dieser  In¬ 
fektion  erschwert  ein  richtiges  Urteil  darüber,  inwieweit  eine  auf¬ 
tretende  Besserung  tatsächlich  als  Folge  der  jeweils,  angewandten 
Therapie  zu  betrachten  ist. 

Man  könnte  vielleicht  gegen  die  Anwendung  der  Vakzinebehand- 
iung  bei  einer  akut  fieberhaften,  verhältnismässig  schnell  verlaufen¬ 
den  Streptokokkeninfektion,  wie  sie  im  Erysipel  gegeben  ist,  den 
Einwand  erheben,  dass  eine  solche  Therapie  zu  zeitraubend  ist,  weil 
die  Produktion  von  Antistoffen  erst  vom  Körper  selbst  getätigt  wer¬ 
den  muss:  hiermit  Hesse  sich  ja  auch  die  Tatsache  in  Einklang 
bringen,  dass  nach  den  Angaben  verschiedene  Untersucher  gerade 
längerdauernde  Wandererysipele  und  rezidivierende  Fälle  am  deut¬ 
lichsten  auf  die  W  r  i  g  h  t  sehe  Methode  der  Oosoninanrcichenmg 
ansorechen.  Würde  somit  einerseits  die  Strepto-Yatren-Behandhmg 
kraft  der  spezifischen  Komponente  des  Mittels  für  solch  chronische 
Krankheitsfälle  vielleicht  besonders  geeignet  erscheinen,  so  dürfte 
anderseits  eine  mögliche  Verzögerung  an  Vakzinewirkung  bei  akuten 
und  schneller  verlaufenden  Fällen  durch  die  gleichzeitige  Applikation 
des  Reizstoffes  Yatren  ausgeglichen  werden,  dessen  reaktiv-aktivie- 
rende  Wirkung  nach  den  Untersuchungen  von  Herzberg  aus  dem 
G il  d  e  m  e  i  s  t  e  r  sehen  Laboratorium  bereits  nach  der  innerhalb 
4 — 5  Stunden  erfolgten  quantitativen  Ausscheidung  einzuset/en 
Dflegt.  Eine  möglichst  kombinierte  und  potenzierte  Wirkung  des 
Strepto-Yatrens  lässt  sich  demnach  in  akuten  Fällen  am  ehesten  er¬ 
zielen.  wenn  die  Kranken  recht  frühzeitig  zur  Behandlung  kommen, 
so  dass  bei  der  gewöhnlichen  Dauer  unkomplizierter  Fälle  mit  einem 
Effekt  der  spezifischen  sowohl  als  unspezifischen  Komponente  ge¬ 
rechnet  werden  darf.  Im  übrigen  haben  wir  aber  nach  den  Unter¬ 
suchungen  von  W  r  i  g  h  t  in  der  Verwendung  von  möglichst  kleinen 
Dosen  ein  Mittel  zur  Verfügung,  um  einer  Verzögerung  der  Vakzine- 
wirkung  entgegenzuarbeiten  und  ein  sofortiges  Ansteigen  der  Anti¬ 
stoffe  zu  provozieren.  —  Man  wird  bei  der  aktiven  Immunisierung 
von  Erysipelkranken  —  es  gilt  dies  auch  für  anderweitige  akute 
Infektionskrankheiten  —  ferner  noch  die  Frage  aufwerfen  müssen, 
ob  nicht  die  nach  der  Injektion  entstehende  negative  Phase  eine 
Schädigung  des  schon  kranken  Organismus  bedeutet,  die  den  er¬ 
strebten  Heileffekt  verzögert  oder  illusorisch  macht.  Abgesehen  da¬ 
von,  dass  man  auch  diese  Schwierigkeit  durch  vorsichtige,  zu  einem 
sofortigen  Anstieg  der  opsonischen  Kurve  führende  Dosierung  aus¬ 
schalten  kann,  erscheint  es  nach  der  Ansicht  massgebender  Autoren 
doch  »echt  fraglich,  ob  eine  blosse  negative  opsonische  Phase  in 
allen  Fällen  einen  ungünstigen  Einfluss  auf  den  gesamten  Heil  Verlauf 
ausüben  muss:  klinische  Erfahrungen  mit  der  Vakzinebehandhmg 
besonders  bei  tuberkulösen  und  gonorrhoischen  Affekt'onen  scheinen 
das  Gegenteil  zu  beweisen.  Ueberhaunt  können  wir  beim  Erysipel  — - 
abgesehen  von  schweren  septischen  Fällen  —  als  einem  mehr  minder 
lokalisierten  Prozess  ohne  weitgehendere  Autoinokulation  die  Angst 
vor  einer  protrahierten  negativen  Pha^e  mehr  zurücksetzen  als  bei 
allgemeinen  Bakteriämien,  wo  der  geschwächte  Organismus  auch 
eine  nur  kurzdauernde  Erniedrigung  seiner  Abwehrkräfte  schlecht 
verträgt. 

Für  den  Erfolg  der  Strcpto-Yatren-Behandlung  erscheint  es  von 
Belang,  dass  die  Kombination  von  Yatren  mit  Bakterienimpfstoffen 
eine  Reihe  unleugbarer  therapeutischer  Vorteile  bietet,  die  bereits 
K  e  i  n  i  n  g  in  einer  Arbeit  über  die  theoretischen  Grundlagen  der 
„Schwellenreizvakzinetherapie“  näher  begründet  hat.  Besondere  Be¬ 
deutung  muss  hiernach  u.  a.  vor  allem  der  Tatsache  beigemessen 
werden,  dass  in  den  Yatrcnvakzinen  trotz  der  hohen  bakteriziden 
Kraft  des  Yatrens  das  Bakterienantigen  durch  möglichst  schonende 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1046 


Abtötung  keine  Alteration  erfährt  (Dietrich)  —  dass  ferner  ein 
durch  überlebende  Fermente  bedingter  Abbau  des  Bakterieneiweisses 
durch  die  antifermentativen  (Schwab)  Qualitäten  des  Yatrens  aus¬ 
geschaltet  wird.  . 

Auf  einige  Punkte  sei  hier  kurz  hingewiesen,  die  für  eine  richtige 
Beurteilung  therapeutischer  Heilerfolge  beim  Erysipel  nicht  un¬ 
wesentlich  sind  und  als  mögliche  Fehlerquellen  Beachtung  verdienen. 
Es  ist  zunächst  nicht  gleichgültig,  an  welchem  Krankheitstag  die  Be¬ 
handlung  mit  Strepto-Yatren  einsetzt;  eine  p.  inj.  auftretende  so¬ 
fortige  Besserung  am  ersten  oder  zweiten  Tag  der  Erkrankung  — 
etwa  ein  kritischer  Temperaturabfall  mit  plötzlichem  Freiwerden  des 
Sensoriums  —  besitzt  natürlich  mehr  Beweiskraft  als  ein  günstiger 
Umschlag  der  Erkrankung  nach  einer  Einspritzung  am  5.  oder  6. lag. 
Ich  habe  deshalb  besonderen  Wert  darauf  gelegt,  zunächst  nur  mög¬ 
lichst  frische  Fälle  zu  verwerten,  zumal  ich  versuchen  wollte,  die 
Erkrankung  mit  einer  einmaligen  Dosis  zu  kupieren.  Ferner  muss 
mit  der  Tatsache  gerechnet  werden,  dass  die  erysipelatöse  Infektion 
—  wenn  auch  oft  der  Fieberverlauf  ein  ziemlich  typischer  ist  und 
etwa  demjenigen  einer  Pneumonie  ähnelt  —  vollkommen  atypisch 
verlaufen  kann;  es  kommen  abortive  Fälle  sowohl  als  solche  mit 
unregelmässigem  Fieber  und  wechselnden  Allgemeinerscheinungen 
vor,  so  dass  leicht  eine  zeitweise  Remission  fälschlicherweise  auf  die 
Wirkung  einer  zeitlich  zusammenfallenden  Injektion  bezogen  werden 
kann.  Es  lässt  sich  demnach  nur  durch  regelmässig  und  gleichartig 
in  zeitlich  engbegrenztem  Anschluss  an  die  Injektion  auftretende 
Reaktionen  ein  Rückschluss  auf  den  Wert  der  Behandlung  ermög¬ 
lichen.  Es  müssen  schliesslich  auch  alle  anderweitigen  lokalen  (Pin¬ 
selungen)  oder  allgemeinen  Behandlungsmethoden  (Antipyretica  usw.) 
während  der  Strepto-Yatren-Behandlung  vermieden  werden,  damit 
das  Urteil  über  den  Einfluss  dieser  Therapie  nicht  getrübt  wird.  Es 
braucht  wohl  kaum  betont  zu  werden,  dass  peinlichst  genaue  Fieper- 
messungen  —  am  besten  in  2 — 3  stündigen  Intervallen  — -  eine  uner¬ 
lässliche  Bedingung  für  die  genaue  Kontrolle  der  Injektionswir¬ 
kung  sind. 

Ich  habe  schon  in  meinen  Ausführungen  zur  Strepto-Yatren- 
Behandlung  betont,  dass  die  richtige  Wahl  der  Applikationsart  des 
Impfstoffes  für  den  Erfolg  der  Behandlung  von  nicht  unwesentlicher 
Bedeutung  ist.  Für  die  Strepto-Yatren-Behandlung  des  Erysipels  dürfte 
die  intravenöse  Injektion  die  gebotene  Methode  sein;  es  kommt  dar¬ 
auf  an,  eine  möglichst  schnelle  und  schlagartige  Wirkung  zu  er¬ 
zielen,  die  bei  der  intravenösen  Einverleibung  infolge  günstigster 
Resorptionsverhältnisse  gewährleistet  ist.  Man  darf  sich  zu  dieser 
Injektionsart  um  so  leichter  entschliessen,  weil  sie  kraft  der  abso¬ 
luten  Sterilität  des  Yatrens  keine  Gefahren  für  den  Organismus 
bietet;  bei  vielen  hundert  Injektionen  von  Staphylo-Yatren  und  auch 
den  neuerdings  vorgenommenen  Einspritzungen  von  Strepto-Yatren 
habe  ich  niemals  eine  nachweisbare  Schädigung  gesehen. 

Die  Hauptschwierigkeit  der  Reizvakzinetherapie  des  Erysipels 
liegt  bei  der  Frage  der  Dosierung;  ein  falsches  Vorgehen  wird  hier 
aus  leichtfasslichen  Gründen  bedeutend  nachhaltigere  Ausschläge 
bedingen  als  eine  unrichtige  Dosierung  etwa  bei  einer  Furunkulose. 
Die  Dosis  darf  vor  allem,  wie  schon  vorher  betont  wurde,  nicht  zu 
gross  gewählt  werden,  um  ein  möglichst  sofortiges  Ansteigen  der 
opsonischen  Kurve  zu  veranlassen.  Da  bisherige  Angaben  über  die 
Dosierungsbreite  des  Strepto-Yatrens  an  Hand  klinischer  Versuche 
nicht  vorliegen,  kam  es  darauf  an,  eine  praktisch  brauchbare  Dosie¬ 
rung  zu  finden,  die  möglichst  einen  gleitenden  Uebergang  zwischen 
schematisierter  und  individueller  Behandlung  darstellt.  Ich  hatte  bei 
meinen  Versuchen  das  Strepto-Yatren  in  6  verschiedenen,  durch  an¬ 
steigenden  Keimgehalt  bestimmten  Stärken  zur  Verfügung.  Auf  Grund 
meines  allerdings  noch  kleinen  Materials  glaube  ich  mit  Vorbehalt 
soviel  sagen  zu  können,  dass  es  für  unkomplizierte  Fälle  zweckmässig 
erscheint,  das  fertige  Mischpräparat  in  einer  Dosis  zwischen  Ws  bis 
3  ccm  Stärke  1  als  günstigster  Dosierungsbreite  zu  injizieren;  bei 
Wandererysipelen  empfiehlt  sich  nach  einem  dreitägigen  Intervall 
eine  erneute  Injektion  gleicher  oder  nächsthöherer  Stärke. 

Ich  habe  nach  den  vorstehend  kurz  entwickelten  Gesichtspunk¬ 
ten  bisher  16  Fälle  von  Erysipel  mittels  Strepto-Yatren  behandelt  und 
recht  gute  Heilwirkung  erzielt,  die  ich  in  Anbetracht  der  Gleichartig¬ 
keit  der  einsetzenden  Reaktionen  auf  Rechnung  der  Reizvakzine¬ 
therapie  setzen  zu  können  glaube.  Was  den  Sitz  der  Erkrankung 
anbelangt,  so  waren  betroffen  8  mal  das  Gesicht,  2  mal  der  Rumpf 
und  6 mal  die  unteren  Extremitäten;  unter  den  letzteren  6  Fällen 
waren  3  Wandererysipele.  Es  handelte  sich  mit  Ausnahme  von  zwei 
leichten  Fällen  stets  um  schwerere  Krankheitszustände  mit  durch¬ 
schnittlichen  Temperaturen  von  38,5 — 40  Grad  und  stark  ausgepräg¬ 
ten  Allgemeinerscheinungen;  in  4  Fällen  war  das  Sensorium  vor  der 
Injektion  deutlich  getrübt.  Am  ersten  Krankheitstage  kamen  7  Tülle, 
am  zweiten  Tage  6  Fälle,  am  3.  Tage  2  Fälle  und  am  4.  Tage  1  Fall 
zur  Behandlung;  irgendeine  andere  Therapie  hatte  vor  der  Einliefe¬ 
rung  —  ausser  der  Verordnung  von  antipyretischen  Mitteln  in  vier 
Fällen  —  nicht  stattgefunden  und  wurde  auch  während  des  klinischen 
Aufenthaltes  nicht  angewandt.  Es  lag  mir  vor  allem  daran,  die  Wir¬ 
kung  der  Injektionen  von  Strepto-Yatren  genau  zu  beobachten  auf 
1.  den  Fieberverlauf,  2.  das  Allgemeinbefinden  und  3.  den  Lokal¬ 
prozess. 

Was  zunächst  den  Einfluss  der  Injektion  auf  die  febrile  Tempe¬ 
ratur  anbelangt,  so  kam  es  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  —  wie  an 
Hand  2  stündlicher  Messung  kontrolliert  wurde  —  meist  nach  5—6 


Stunden  zu  einem  vorübergehenden  kurzen  Temperaturanstieg,  der 
mit  gelegentlichen  stärkeren  Kopfschmerzen  und  ziehenden  bzw. 
brennenden  Schmerzen  am  lokalen  Herd  verbunden  war;  diese  Herd¬ 
reaktion  trat  auch  dann  auf,  wenn  deutlichere  Fieberschwankungen 
am  Tage  der  Einspritzung  nicht  beobachtet  wurden.  In  5  Fällen 
(3  mal  1.  K.-T.,  2  mal  2.  K.-T.)  mit  durchschnittlichen  Temperaturen 
von  38,8 — 40  Grad  liess  sich  je  nach  dem  früheren  oder  späteren 
Tageszeitpunkt  der  Injektion  noch  im  Verlauf  der  folgenden  Nacht, 
stets  aber  bis  zum  nächsten  Morgen  ein  kritischer  Temperatursturz 
mit  anschliessender  dauernder  Entfieberung  beobachten;  in  2  Fällen  , 
(1  mal  2.  K.-T.,  1  mal  3.  K.-T.)  bestanden  mittlere  Temperaturen  von 
38,2 — 38,8  Grad,  die  ebenfalls  nach  der  Injektion  sofort  zur  Norm  i 
abfielen.  In  5  Fällen  (2  mal  1.  K.-T.,  3  mal  2.  K.-T.)  fiel  die  Temperatur  i 
nach  der  Einspritzung  bis  zum  nächsten  Morgen  zunächst  ab,  dann  Q 
kam  es  im  Laufe  des  folgenden  Tages  zu  einem  erneuten  Anstieg 
mit  stärkeren  Beschwerden,  und  daran  anschliessend  bis  zum  räch-  \ 
sten  Morgen  zu  einem  kritischen  Temperatursturz.  In  einem  Fall  von  i 
Gesichtserysipel  (3.  K.-T.)  konnte  ich  keine  eindeutige  Wirkung  der  | 
Einspritzung  auf  den  Fieberverlauf  feststellen;  die  Temperatur  hielt 
sich  noch  3  Tage  in  wechselnder  Höhe,  um  dann  lytisch  abzufallen 
In  den  3  Fällen  von  Wandererysipel  liess  sich  nach  der  ersten  In¬ 
jektion  nur  ein  vorübergehendes  Sinken  der  Temperatur  mit  baldi¬ 
gem  Wiederanstieg  beobachten;  dagegen  trat  in  allen  3  Fällen  im 
unmittelbarsten  Anschluss  an  die  nach  einem  3  tägigen  Intervall  vor¬ 
genommene  gleichstarke  2.  Injektion  (2Vs  ccm  Stärke  1)  eine  kritische  j 
Entfieberung  ein.  —  Es  erhebt  sich  sofort  die  Frage,  ob  der  fast  ; 
regelmässige  Temperaturabfall  wirklich  als  direkte  Folge  der  In-  j 
jektion  zu  betrachten  ist;  auch  bei  aller  Skepsis  scheint  mir  die  An¬ 
nahme  eines  kausalen  Zusammenhanges  berechtigt  zu  sein.  Hierfür 
spricht  zunächst  der  Umstand,  dass  der  Temperaturabfall  stets 
in  zeitlich  engbegrenztem  Anschluss  an  die  Injektion  einsetzte,  wo-  < 
bei  es  gleichgültig  war,  an  welchem  Krankheitstage  die  Injektion  er-  , 
folgte.  Zweitens  erscheint  mir  die  Beobachtung  von  besonderer 
Wichtigkeit,  dass  dieser  Fiebersturz  in  der  Hauptsache  nach  2  ganz  be-  \ 


stimmten  Typen  ( 

verlief.  Die  Feststellung  wäre  sicherlich  interessant,  inwieweit  diese  j 
2  verschiedenen  Kurven  von  der  Dosierung  abhängig  sind  und  war-  I 
um  es  insbesondere  in  einem  Teil  der  Fälle  vor  dem  endgültigen  kri-  I 
tischen  Fiebersturz  zu  einem  erneuten,  kurz  dauernden  Anstieg  I 
kommt  (negative  klinische  Phase?).  Ich  habe  auf  Grund  meiner  bis-; 
herigen  Fälle  den  Eindruck,  dass  die  Wahrscheinlichkeit  eines  Fie¬ 
berabfalles  nach  dem  zweiten  Typus,  der  übrigens  auch  bei  Anwen-I: 
düng  der  Serumtherapie  in  ähnlicher  Weise  beobachtet  worden  ist,  ji 
mit  steigender  Dosis  wächst. 

Besonders  deutlich  ist  die  Wirkung  der  Strepto-Yatren-Behandlung; 
auf  das  Allgemeinbefinden  der  Erysipelkranken;  hier  kann  ich  im  , 
besonderen  Hinblick  auf  schwerer  verlaufende  Fälle  von  einem  direkt  , 
auffallenden  Erfolg  sprechen.  In  sämtlichen  Fällen  Hessen  die  sub¬ 
jektiven  Beschwerden  fast  augenblicklich  nach;  wohltuend  wurde  t 
nach  den  oft  spontanen  Aeusserungen  der  Kranken  vor  allem  des 
Schwinden  der  quälenden  Kopfschmerzen  und  des  lästigen  Herz-  ; 
klopfens  empfunden.  Die  Kranken  waren  nach  der  Injektion  durch- ; 
weg  lebhafter,  der  Appetit  besserte  sich,  der  Puls  wurde  kräftiger  \ 
und  die  Abgeschlagenheit  liess  nach.  Ich  hatte  öfters  den  Eindruck,  j 
dass  das  Gefühl  schweren  Krankseins  einer  direkten  Euphorie  Platz  >, 
machte.  In  4  frischen  Fällen,  wo  die  Kranken  in  stark  benommenem,  j 
von  motorischer  Unruhe  unterbrochenem  Zustand  zur  Behandlung  j 
kamen,  schwand  nach  der  Einspritzung  bis  zum  nächsten  Morgen  die  j 
Somnolenz  vollkommen;  die  vorher  völlig  vernehmungsunfä'iigen  ] 
Kranken  waren  klar  bei  Bewusstsein  und  gaben  auf  Befragen  lebhafte 
und  verständige  Antworten. 

Von  den  lokal  einsetzenden  Reaktionen  wäre  zunächst  die  schon  i 
5 — 6  Stunden  nach  der  Injektion  nachweisbare  Herdreaktion  zu, 
nennen,  die  mit  graduellen  Unterschieden  in  sämtlichen  Fällen  ein- H 
trat.  Das  schmerzhafte  Spannungsgefühl  am  Entzündungsherd,  dessen 
dunkelrote  Färbung  an  Intensität  noch  sichtbar  zunimmt,  verstärkt 
sich  zunächst  für  einige  Stunden,  um  dann  einer  wohltuenden  ü 
Schmerzlosigkeit  zu  weichen.  In  3  Fällen  (2  Gesichtserysipele,  1  Un-f; 
terschenkelerysipel)  verlief  die  reaktive  Zunahme  der  lokalen  Ent-l 
Zündungserscheinungen  so  stark,  dass  es  noch  in  den  ersten  6  Stun¬ 
den  p.  inj.  zu  einer  ausgedehnten  Blasenbildung  kam.  Gestalten  sich ij 
die  Herdsymptome  besonders  intensiv,  so  kann  leicht  der  Eindrucks 
entstehen,  als  ob  der  erysipelatöse  Prozess  nach  der  Injektion  zu¬ 
nächst  noch  fortschreite;  nach  längstens  12  Stunden  ist  die  Herd¬ 
reaktion  abgeklungen,  so  dass  dann  ein  lokales  Weitergreifen  des,j 
Prozesses  als  allein  durch  die  Infektion  bedingt  angesehen  werden 
muss.  Ein  solches  Weiterwandern  des  Rotlaufs  habe  ich  nach  Ablauf . 
der  Herdreaktion  in  5  Fällen  beobachten  können;  darunter  befanden 
sich  die  drei  Wandererysipele,  in  denen  aber  nach  der  2.  Injek-ion 
der  Prozess  fast  augenblicklich  zum  Stillstand  kam.  In  den  übrigen 
11  Fällen  war  nach  der  Injektion  —  abgesehen  von  der  Herdreaktion 
—  jedenfalls  keine  sichtbare  Zunahme  der  Lokalerscheinungen  mehr 
festzustellen;  in  6  von  diesen  11  Fällen  liess  sich  auf  Grund  einer 
halbtägigen  Kontrolle  vor  der  Injektion  mit  voller  Sicherheit  ein 
deutliches  Weitergreifen  des  Erysipels  bis  zum  Beginn  der  Strepto- 


in  auffallender  Gleichmässigkeit  ji 


August  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


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ren-Behandlung  beobachten.  Gleichzeitig  mit  dem  Stillstand  der 
den  Entzündungserscheinungen  setzte  in  allen  Fällen  eine  rasch 
aufende  Abblassung  und  Abschwellung  ein. 

Die  numerische  Auszählung  des  Blutbildes  ergab  in  einzelnen 
en,  wo  nicht  schon  von  vornherein  eine  starke  Erhöhung  der 
kozytenwerte  bestand,  eine  bald  nach  der  Injektion  einsetzende 
in  durchschnittlich  24  Stunden  wieder  abklingende  Zunahme  der 
oxytären  Elemente  mit  besonderer  Beteiligung  der  Neutrophilen, 
mit  relativer  Zunahme  der  Lymphozyten  einhergehender  initialer 
kozytensturz,  wie  ich  ihn  bei  den  Staphylo-Yatren-Injektioiien 
s  beobachten  konnte,  Hess  sich  hier  nur  in  3  Fällen  mit  Sicherheit 
stellen ;  die  Differentialauszählung  des  Blutbildes  lieferte  keine 
.vertbaren  Resultate. 

Zusammenfassend  darf  nach  den  vorläufigen  Erfahrungen  mit 
Reizvakzinetherapie  gesagt  werden,  dass  diese  neue  Behand- 
smethode  für  die  Bekämpfung  der  erysipelatösen  Infektion  ge- 
et  und  erfolgversprechend  erscheint;  jedenfalls  konnte  ich  mit 
Strepto-Yatren-Behandlung  bessere  und  eindeutigere  Resultate 
eien  als  mit  anderweitigen  lokalen  und  allgemeinen  Massnahmen, 
endgültiges  Urteil  über  die  allgemeine  Anwendungsrnöglichkeit 
spezifisch-unspezifischen  Erysipeltherapie  muss  weiteren  Unter- 
uingen  und  Nachprüfungen  an  grösserem  Material  Vorbehalten 
ien:  insbesondere  wäre  zu  prüfen,  ob  durch  die  Strepto-Yatren- 
andlung  eine  längere  oder  dauernde  Rezidivfreiheit  in  chronischen 
en  gewährleistet  wird  und  inwieweit  die  Injektionen  einer  Ent- 
ung  von  Komplikationen  Vorbeugen  können. 

Literatur. 

1.  Ball:  Zbl.  f.  Chir.  1911  S.  875  (Ref.),  —  2.  Chante  messe: 
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.  12.  —  6.  Keining:  M.m.W.  1922  Nr.  26.-7.  K  Koch:  D.m.W 
Nr.  21.  —  8.  Kraus:  Med.  Klin.  1918  S.  732.  —  9.  Lenhartz: 
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W  1910  S.  1116.  —  14.  Ruete:  M.m.W.  1922  Nr.  27.  —  15.  R.  Schmidt: 

.  d.  32.  D.  Kongr.  f.  inn.  Med.  1920.  —  16.  Sill:  Zbl.  f.  inn.  Med. 
S.  506  (Ref.).  —  17.  Turnheim:  W.kl.W.  1917  S.  1620.  — 
tawski:  Zbl.  f.  d.  ges.  inn.  Med.  u.  Grenzgeb.  1912.  3  —  18.  W  e  a  v  e  r 
Bo  ught  o  n.  zit.  nach  B  ö  h  m  e  1.  c.  —  19.  Welz:  Ther.  Mh  1913.  27 
0.  Wölf  ler:  W.kl.W.  1889,  S.  455.  —  21.  Wolfsohn:  Mitt.  a.  d. 
zgeb.  d.  Med.  u.  Chir.  1914,  27. 


Aus  der  Universitäts-Augenklinik  Frankiirt  a.  M. 

Ein  Beitrag  zur  Therapie  der  Uveitis  leprosa. 

Von  Prof.  Dr.  O.  Schnaudigel. 

Die  Erkrankungen  der  Augen,  des  Bulbus  selbst  und  seiner 
exe,  sind  bei  der  Lepra  sehr  häufig.  Die  beiden  Formen  der 
mlo  -  anästhetischen  und  der  tuberösen  weisen  insofern  einen 
i ;rschied  auf,  als  bei  der  ersten  Form  in  den  ersten  10  Jahren  der 
Bentsatz  aller  Leprösen  mit  Augenerkrankungen  etwa  60  ist,  der 
er  zweiten  Dekade  auf  100  kommt,  während  bei  der  tuberösen 
a  schon  im  ersten  Jahrzehnt  97  Froz.  der  Kranken  augen- 
:nd  werden.  Auf  alle  Fälle  nimmt  der  Prozentsatz  der  Augen- 
ktionen  mit  dem  zunehmenden  Alter  der  Lepra  schnell  zu. 

Ich  entnehme  diese  Angaben  dem  Werk  von  Börthen  und 
,  der  diese  Angaben  schon  1899  machte.  Die  Erkrankungen  der 
a,  besonders  die  sog.  Iritis  uv6enne,  beurteilt  er,  was  die  He¬ 
ilung  anlangt,  die  eine  rein  symptomatische  war,  nicht  ungünstig 
r  der  Ausgang  in  Erblindung  ist  doch  überaus  häufig.  Lepröse 
ike  habe  ich  nur  einmal  in  Norwegen  gesehen,  Augenkranke  nie- 
•,  bis  mir  am  6.  März  1922  ein  Lepröser  wegen  schwerer  Augen- 
ankung  von  Kollegen  K.  Herxheimer  überwiesen  wurde. 
Vorgeschichte  des  Falles  sei  kurz  angeführt: 

Alter  des  Mannes  54  Jahre.  Mit  25  Jahren  ein  nicht  einwandfrei  fest¬ 
ster  Primäraffekt.  1893  wanderte  der  Kranke  nach  Sumatra  aus,  wo 
is  1921,  ein  paar  Europareisen  ausgenommen,  als  Pflanzer  lebte.  1907 
iung  der  linken  Hand;  die  Untersuchungen  ergaben  keinen  Anhaltspunkt  ! 
epra.  1909  Aufenthalt  in  Deutschland  beschwerdefrei,  1912  in  Deutsch- 
Salvarsankur.  1915  begann  sich  die  Haut  der  Stirne  zu  entzünden, 
dbildung,  Rötung,  Schwellung;  im  Lauf  der  nächsten  Jahre  Schwellung 
orm  von  erhabenen  Flächen  und  subkutanen  Knoten  über  den  ganzen 
er.  Seit  6  Wochen  Abnahme  des  Sehvermögens  unter  heftigen  Schmer- 
Lichtscheu,  Tränenträufeln,  Lidkrampf. 

Beschreibung  des  Gesichts  s.  u.  Hautbefund  im  Auszug  nach  Prof, 
han:  Stamm  und  Extremitäten  sind  in  eigentümlicher  Weise  scheckig 
:  rbt.  Es  finden  sich  auf  Brust,  Bauch,  Armen,  Beinen  ausgedehnte  In¬ 
te,  über  denen  die  Haut  intensiv  glänzt.  Verfärbung  teils  bräunlich,  teils 
■ch-rot,  dazwischen  leukodermartige  Felder,  wodurch  der  Eindruck  der 
-kung  vermehrt  wird  Arme  und  Beine  sind  von  einer  fast  flächenhaft 
ufenden  Röte  eingenommen,  innerhalb  dieser  Fläche  finden  sich  teils 
*■  teüs  subkutan  gelegene  Knoten  (folgt  deren  nähere  Lokalisation).  Kno¬ 
tinden  sich  ferner  in  der  Gegend  beider  Ellbogengelenke,  in  der  Sub¬ 
gelegen,  mit  der  Kutis  verwachsen,  frei  verschieblich,  nicht  druck- 
indlich,  hart,  von  Erbsen-  und  Bohnengrösse  usw. 

Neurologischer  Befund  von  Prof.  Kleist:  ...  Atrophie  des  Daumen- 
Kleinfingerballens  I.,  ebenso  der  Interossei.  Streckung  der  Finger  in  den 
mgealgelenken  unmöglich.  Spreizung  und  Annäherung  der  Finger  auf- 
ben,  ebenso  Opposition  und  Abduktion  des  Daumens.  Sehnenreflexe  an 
sn  und  Beinen  gesteigert.  . . .  Sensibilität  mit  Ausnahme  der  -behaarten 

Nr.  32. 


Kopfhaut  herabgesetzt.  Die  Störungen  an  den  Extremitäten  nehmen  distal- 
würts  zu,  der  linke  Arm  ist  mehr  befallen  als  der  rechte,  das  rechte  Bein 
mehr  als  das  linke  . . .  an  der  linken  Hand  ist  die  Schmerz-  und  Tem¬ 
peraturempfindung  ganz  aufgehoben,  die  Gelenkssensibilität  ist  erhalten. 
Keine  Ataxie. 

Mein  Befund  vom  28.  III.  22:  Der  Eindruck,  den  das  Gesicht  macht, 
erinnert  sofort  an  die  bekannten  Leprabilder  der  Lehrbücher.  Die  Stirne  ist 
wie  bepackt  von  ballenartigen,  roten  Geschwülsten,  die  durch  tiefe  Furchen 
voneinander  getrennt  sind.  Die  Lider  erscheinen  derb  aufgetrieben,  ebenso 
die  Haut  auf  dem  Jochbogen.  Wangen  ebenfalls,  aber  nicht  in  gleichem 
Masse  verdickt  und  härtlich  anzufühlen.  Lippen  etwas  gewulstet,  Ohren  ver¬ 
dickt,  rot,  abstehend.  Die  ohnehin  schwer  zu  öffnenden  Lider  sind  infolge 
der  uvealen  Erkrankung  geschlossen,  der  Kranke  kann  unter  der  dunklen 
Brille  nur  das  rechte  Auge^  einen  kleinen  Spalt  weit  aufmaehen.  Die  Kon¬ 
junktiven  sind  sattrot,  die  Conjunctiva  bulbi  beiderseits  tief  injiziert,  darunter 
die  violette  Injektion  der  Ziliargefässe.  Der  Limbus  ist  beiderseits,  1.  mehr 
wie  r.,  übersponnen  von  feinsten  üefässen,  oben  ist  r.  ein  schmaler.  1.  bis  in 
die  Hornhautmitte  reichender  sulziger  Hornhautbczirk,  von  feinsten  Gefässen 
überzogen,  an  einen  leichten  Pannus  erinnernd.  Lider  nicht  zu  ektropionieren. 
V.  Kammer  r.  leidlich  klar,  1.  etwas  getrübt,  keine  Beschläge.  Iris  rehbraun, 
Pupillenrand  mit  der  v.  Linsenkapsel  in  eigenartiger  Weise  verlötet,  so  dass 
die  Verwachsung  bei  äusserster  Miosis  zustande  gekommen  und  r.  wie  1. 
nur  ein  wie  mit  einer  feinen  Tuschfeder  gezogener  Pupillenstrich  nach  oben 
freigeblieben  ist.  Der  Druck  ist  eher  etwas  herabgesetzt,  Atropin  ganz  un¬ 
wirksam,  Spiegeln  unmöglich.  Enorme  Lichtscheu,  lästiges  Tränenlaufen. 
S.  r.  —  1/25,  1.  Handbewegungen  in  1  m. 

Die  Allgemeinbehandlung  wurde  in  Sumatra  nach  den  üblichen  Methoden 
in  der  Regel  vom  Kranken  selbst  durchgeführt.  Die  Engländer  und  Holländer 
behandeln  ihre  Tuberkulosefälle  mit  den  Natriumsalzen  ungesättigter  Fett¬ 
säuren  des  Lebertrans  (Sodium  Morrhuate)  und  des  Chaulmoograöls  (Sodium 
Gynocardate,  genauer  Hydnocarpate)  subkutan  und  intravenös,  und  haben 
diese  Behandlung  auch  auf  die  Leprösen  übertragen.  Unser  Kranker,  der 
bei  seiner  Intelligenz  und  bei  der  langen  Dauer  seines  Leidens  ein  guter  Be¬ 
obachter  geworden  war,  schreibt  der  Behandlung  (wobei  er  bei  einer  intra¬ 
venösen  Injektion,  die  er  sich  selber  machte,  beinahe  an  einer  Thrombose 
zugrundegegangen  ist)  das  langsame  Fortschreiten  des  Leidens  zu. 

Der  Gedanke,  die  Lepra  in  ähnlicher  Weise  zu  behandeln  wie  die 
Tuberkulose  ist  alt  und  rührt  natürlich  von  der  Verwandtschaft  in 
puncto  der  Säurefestigkeit  ihrer  Erreger  her.  Trotz  der  schweren 
Angreifbarkeit  des  Tuberkulose-  wie  des  Lepraerregers  war  auch 
bekannt,  dass  die  leprösen  Knoten  gegenüber  den  Tuberkelknoten 
den  Vorteil  der  grösseren  Durchblutung  boten.  Ich  bin  nicht  unter¬ 
richtet  genug,  inwieweit  die  obengenannten  Methoden  die  beiden 
Krankheiten  wirklich  günstig  beeinflusst  haben,  jedenfalls  habe  ich 
gleich  den  Vorschlag  gemacht,  eine  Kur  mit  Krysolgan  zu  ver¬ 
suchen.  Alle  Versuche,  den  seit  sechs  Wochen  bestehenden  und  sehr 
stürmischen  Prozess  zu  beeinflussen,  waren  vergebens,  insonderheit 
hat  das  Salvarsan  nicht  den  geringsten  Einfluss  gehabt;  das  Kry¬ 
solgan  schien  mir  das  einzige  Mittel,  mit  dem  ich  dem  Leiden  bei¬ 
zukommen' hoffte.  Der  Urin  war  eiweissfrei  und  blieb  es  während  der 
ganzen  Behandlung,  obwohl  ich  wusste,  wie  gerade  die  Niere  bei 
chronisch  Leprösen  in  der  Regel  angegriffen  ist. 

Wir  sind  dem  Krysolgan,  besonders  in  Verbindung  mit  der  ak¬ 
tiven  Immunisierung,  wie  ich  sie  in  diesem  Blatt  geschildert  iiabe, 
treu  geblieben,  denn  unsere  Erfolge  sind  ausgezeichnete  und  werden 
uns  brieflich  vielfach  bestätigt.  Auch  G  o  e  r  1  i  t  z  hat  das  Verfahren 
lobend  erwähnt  (Tuberkulin  bei  Augenerkrankungen,  Kl.  Mbl.  f. 
AHK.,  68,  1922,  Märzheft  306).  Allerdings  ist  die  Kur  zurzeit  sehr 
teuer;  nebenbei  sei  erwähnt,  dass  das  Krysolgan  nicht  mehr  von  den 
Höchster  Farbwerken,  sondern  von  der  Chemischen  Fabrik  auf 
Aktien  vorm.  E.  Schering  in  Berlin  hergestellt  wird.  Erst  nach 
Abschluss  der  Behandlung  stiess  ich  auf  eine  Notiz,  dass  schon  ein 
anderer  die  gleiche  Idee  von  der  Wirksamkeit  des  Goldes  bei  Lepra 
gehabt  hat:  Referat  der  Dermatologischen  Wochenschrift,  1916,  62, 
S.  79,  über  eine  Arbeit:  A  z  u  a,  J.  de,  und  0  u  i  r  o  s,  B.  de,  Behand¬ 
lung  der  Lepra  mit  Aurum-Kalium  cyanatum.  Actas  dermo-sifilio- 
graficas,  1915,  Juni-Juliheft.  Es  handelt  sich  um  eine  anorganische 
Goldverbindung,  die,  wie  ich  in  meiner  ersten  Veröffentlichung  über 
Goldtherapie  1917  erwähnt  habe,  wegen  ihrer  Giftigkeit  verlassen 
worden  ist. 

Schädigung  der  Haut  und  der  Schleimhäute,  wie  sie  bei  der 
Krysolganbehandlung  neuerdings  Büllmann  (Med.  Kl.,  1922, 
Nr.  44)  in  12  Proz.  der  Fälle  gesehen  hat,  sind  bei  uns  sehr  selten. 
Bei  meinem  grossen  Material  habe  ich  überhaupt  nur  4  Fälle  ver¬ 
merkt.  Aber  ich  stimme  dem  Verfasser  zu,  dass  man  neben  der 
Urinkontrolle  bei  jeder  Injektion  vorher  die  Eosinophilen  feststellen 
soll,  da  deren  Ansteigen  eine  Hautintoxikation  anzeigt.  Von  den 
hohen  Dosen  sind  wir  ganz  abgekommen,  wir  geben  nur  noch 
0,05 — 0,1  (früher  bis  0,4!)  pro  dosi. 

Die  Behandlung  umfasst  den  Zeitraum  vom  27.  III.  bis  19.  V.  22, 
also  53  Tage.  Zuerst  wurde  Bazillenemulsion  und  Krysolgan  24  Stunden  spä¬ 
ter  gegeben.  Da  ist  nun  gleich  die  interessante  Tatsache  zu  bemerken,  dass 
nach  dem  objektiven  Befund,  aber  besonders  nach  den  Beobachtungen  des 
langerfahrenen  und  kritischen  intelligenten  Kranken  mit  der  Sicherheit  der 
Reaktion  auf  die  Tuberkulininjektion  eine  Reizerscheinung  mit  Ver¬ 
schlechterung  des  Sehvermögens,  auf  die  Krysolganinje'ktion  eine 
rasche  Milderung  der  Entzündung  und  eine  Hebung  des  Seh¬ 
vermögens  jeweils  eintrat.  Infolgedessen  haben  wir  das  Tuberkulin  ganz 
weggclassen  und  im  ganzen  12  Krysolganinjektionen.  erst  zu  0,1.  dann  zu 
0,05  gegeben. 

Befund  bei  der  Entlassung:  Die  Injektion  r.  ist  ganz  bedeutend  zurück¬ 
gegangen,  die  Hornhaut  im  oberen  Drittel  noch  getrübt,  aber  die  Gefässe  sind 
zurückgebildet.  Pupille,  wie  erst  erwähnt,  feinster  Schlitz.  Aehnlich  die 
Verhältnisse  1.  Lichtscheu  ganz  verschwunden,  die  Augen  werden  beide  gut 
geöffnet,  so  weit  es  die  Lidwülste  zulassen;  aber  diese  Wülste  haben  sich 
erheblich  zurückgebildet,  die  ganze  Haut  des  Gesichts  ist  nicht  mehr  so  dick, 

3 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


1048 


die  intensiv  rote  Färbung  der  Haut  hat  einem  mehr  blassen  Aussehen  Platz 
gemacht,  die  Ohrmuscheln  sind  schmächtiger.  Auch  sonst  haben  sich  die 
Knoten  verkleinert,  die  Haut  sich  gebessert  mit  Ausnahme  des  linken  Unter¬ 
arms,  wo  derselbe  Befund  erhoben  wird.  Das  rechte  Auge  hat  das 
staunenswerte  Sehvermögen  von  5/is  erlangt,  das  ganz 
schwer  erkrankte  linke  kann  wenigstens  wieder  Finger  zählen.  Aus  seiner 
reichen  Erfahrung  am  eigenen  Leibe  heraus  erklärt  der  Kranke,  dass  er 
noch  niemals  eine  solche  Wirkung  einer  Behandlung 
auf  die  leprösen  Symptome  bemerkt  habe. 

Der  Kranke  ist  Ende  1922  auswärts  verstorben.  Herr  Kollege  Herx- 
h  e  i  m  e  r  -  Wiesbaden  schickt  mir  den  Sektionsbericht  mit  dem  Bemerken, 
dass  man  nur  die  bei  den  Leprösen  häufige  Glomerulonephritis  gefunden  habe, 
die  allerdings  ganz  frisch  gewesen  sei.  Noch  im  Mai  bei  der  Entlassung 
zeigte  sich  im  Urin  gar  nichts  Pathologisches.  Die  Frage  wäre  zu  beant¬ 
worten,  ob  vielleicht  das  Krysolgan  so  spät  noch  auf  die  Niere  gewirkt 
haben  kann  oder  ob  es  sich  eben  um  die  gewöhnliche  Leprosennephritis 
bei  einem  so  veralteten  Fall  gehandelt  hat,  die  so  wie  so  eingetreten  wäre. 
Ich  möchte  das  letztere  annehmen,  denn  niemals  ist  mir  ein  Fall  von  schwerer 
Nephritis  bei  Krysolganbehandlung  unterlaufen. 

Ich  veröffentliche  den  Fall  in  dem  Bewusstsein,  dass  eine 
Schwalbe  keinen  Sommer  macht.  Aber  bei  der  Trostlosigkeit  der 
Therapie  gegenüber  der  Lepra  müsste  das  Verfahren  unter  den  ge¬ 
botenen  Kautelen  in  grossem  Ausmass  angewandt  werden.  Die  Kol¬ 
legen  im  Norden  und  die  in  den  von  der  Lepra  verseuchten  Kolo¬ 
nien  können  sich,  bei  der  Ohnmacht  ihrer  sonstigen  Hilfsmittel,  in 
ganz  kurzer  Zeit  davon  überzeugen,  ob  der  angegebenen  Benand- 
Iungsweise  Wert  beizulegen  ist.  Wenn  nur  in  einem  Bruchteil  der 
Erkrankungen  —  ich  denke  dabei  in  erster  Linie  an  die  frischen 
Fälle  —  Erfolge  erzielt  werden,  wäre  es  für  die  Menschheit  ein 
Gewinn. 


Aus  der  chirurgischen  Universitätsklinik  zu  Halle  a.  S. 
(Direktor:  Prof.  Dr.  Voelcker). 

Direkte  und  indirekte  Gegenstoss-Verletzungen  der 
parenchymatösen  Bauchhöhlenorgane  (Leber,  Milz)*). 

Von  Dr.  med.  Fr.  J.  Kaiser,  1.  Assistent  der  Klinik,  jetzt 
Chirurg  in  Soest  i.  W. 

Aus  dem  grossen  Gebiete  der  literarisch  reichlich  verwerteten 
Bauchverletzungen  im  weiteren  Sinne  möchte  ich  heute  ein  kleines 
Gebiet,  eine  eigenartige  Verletzungsfolge,  herausgreifen,  die  in  den 
Veröffentlichungen  m.  E.  zu  kurz  kommt.  Und  doch  handelt  es  sich 
um  ein  recht  charakteristisches  Krankheitsbild. 

Dass  beim  Hufschlag,  beim  Aufschlagen  des  aus  der  Höhe  Ab¬ 
stürzenden,  beim  Anprallen  von  Holz-,  Metall-  oder  Steinstücken 
infolge  Explosion  u.  a.  m.  das  in  dem  getroffenen  Bauchabschnitt  den 
Bauchdecken  anliegende  Organ  an  der  Aufschlagsstelle  lädiert  wird, 
dass  .also  das  Zökum  oder  die  gefüllte  Harnblase  platzt,  das  Mesen¬ 
terium  vom  Darmansatz  abreisst,  die  Leber  zerquetscht  wird,  ist 
ein  typischer  Befund  und  eine  von  niemand  bezweifelte  Tatsache. 
Dieser  übergrossen  Mehrzahl  der  stumpfen  Verletzungen  gegenüber, 
bei  denen  die  Organläsion  dem  Orte  des  Traumas  direkt  benachbart 
liegt,  treten,  die  sogenannten  Gegenstossverletzungen  der  Bauch¬ 
höhle'  stark  zurück. 

Den  Begriff  des  Gegenstosses  kennen  wir  in  erster  Linie  von 
Gehirnläsionen  bei  Schädeltraiiinen  her;  hier  auch 
durchaus  verständlich.  Denn  wir  wissen,  dass  die  weiche,  blutreiche, 
von  der  Schädelkapsel  rings  umhüllte  Gehirnmasse  im  physikalischen 
Sinne  einer  mit  Flüssigkeit  gefüllten  Kapsel  fast  gleichgesetzt  wer¬ 
den  kann.  Der  von  einem  Punkte  ausgehende  Druck  pflanzt  sich  fast 
unvermindert  und  gleichmässig  nach  allen  Seiten  fort.  So  sind  auf 
hydrodynamischem  Wege  die  enormen  Sprengwirkungen  bei  Nah¬ 
schüssen  zu  erklären.  So  ist  auch  die  Deutung  der  physikalischen 
Vorgänge  bei  den  Gegenstossverletzungen  leicht  und  ungezwungen 
möglich.  Ihre  Eigentümlichkeit  besteht  darin,  dass  die  Zertrümme¬ 
rung  am  Gehirn  dem  Punkte  der  Gewalteinwirkung  diametral  gegen- 
tibcrliegt,  dass  also  z.  B.  beim  heftigen  Aufschlagen  auf  den  Hinter¬ 
kopf  die  Stirnhirnpole  zerquetscht  werden,  durch  „Gegenschlag“  der 
Gehirnmasse  gegen  die  knöcherne  Schädelkapsel  infolge  Fortpflan¬ 
zung  der  Aufschlagskraft  durch  die  Gehirnmasse  nach  vorn. 

Uebertragen  auf  die  Organe  der  Bauchhöhle,  ist  von 
vornherein  anzunehmen,  dass  nur  die  parenchymatösen 
Organe  derselben  für  Gegenstossverletzungen 
einigermassen  disponiert  sind.  Tatsächlich  sind  sie 
bisher  auch  nur  für  die  Leber  beschrieben  worden.  So  erklären 
sich  manche,  meist  sagittal  verlaufende  Risse  und  mehr  flächen¬ 
hafte  Zertrümmerungen  an  der  Hinterseite  der  Leber  bei  plötzlich 
auftreffender,  heftiger  Gewalt  an  der  vorderen  Bauchseite,  wobei  die 
Leber  gegen  die  Wirbelsäule  oder  die  Rippen  anprallt. 

Hier  kommt  jedoch  ein  weiteres,  sehr  wichtiges  Moment  hinzu, 
nämlich  die  Aufhängebänder  der  Leber.  Zwar  hat  man 
ihre  Bedeutung  geleugnet  oder  doch  nur  sehr  gering  eingeschätzt, 
indem  man  den  meist  sagittalen  Verlauf  der  Leberrisse  auf  die  mit 
dem  Gefässverlauf  im  Zusammenhang  stehende  Spaltungsrichtung 
der  Leber  zurückführen  wollte;  das  aber  mit  Unrecht,  da  im  Gebiete 
der  Leberlappen  selbst  diese  quergerichtet  ist.  Ferner  suchte  man 


*)  Die  sonst  geläufige  Bezeichnung  „Contrecoup“  sollte  unserem  freund¬ 
lichen  westlichen  Nachbarn  zu  Ehren  nicht  mehr  gebraucht  werden. 


das  indirekte  Bersten  infolge  Ueberbiegung  —  zweifellos  eine  st  i 
häufige  Ursache  der  Leberruptur  —  auf  alle  diese  Fälle  auszudehm  : 
was  keineswegs  angeht.  Den  Aufhängebändern  der  Leber  wur 
von  Strassmann  und  Fischer  eine  besondere  Bedeutung  2* 
geschrieben.  Auffallend  ist,  dass  die  Leberrisse  sehr  oft  neben  d( 
Aufhängebändern  verlaufen,  am  Ligamentum  falciforine  sagittal,  ;] 
Ligamentum  coronarium  quer.  Sie  lassen  sich  auch  experiment 
erzeugen,  wenn  man  Leichen  aus  der  Höhe  herabstürzen  lä: 
(Ri  eher  and).  Bei  all  diesen  Vorgängen  reisst  die  Leber  ;| 
Aufhängeapparat  ein,  indem  infolge  des  Beharrungsvermögens  il 
mitgeteilte  lebendige  Kraft  die  schwere  massive  Leber  weitertrei  I 
während  die  Aufhängebänder  nicht  nachgeben  und  an  Ort  u 
Stelle  verbleiben.  Der  hiergegen  vorgebrachte  Einwand,  dass  d 
Luftdruck  die  Leber  in  der  Zwerchfellkuppe  festhalte,  dass  im  lu 
leeren  Peritonealraum  die  anderen  Bauchhöhlenorgane,  so  z.  B.  au 
die  Aufhängebänder  und  das  Zwerchfell,  die  Bewegungen  der  Let[ 
mitmachen  müssten,  und  dass  die  Leber  nach  unten  sich  nur  da 
selbständig  weiterbewegen  könne,  wenn  nach  Einriss  von  Zwcrchf 
und  Lunge  Luft  in  den  Bauchraum  eingetreten  sei,  ist  nicht  stk 
haltig.  Tatsächlich  sind  am  Lebenden  und  im  Experiment  Lebere 
risse  und  starke  Dislokationen  auch  ohne  Einrisse  an  anderen  Ci 
ganen  und  ohne  den  Hinzutritt  von  Luft  gesehen  worden.  Es  I 
auch  ohne  weiteres  klar  und  in  der  Erinnerung  an  einfache  phyl 
kalische  Experimente  als  längst  erwiesen  zu  betrachten,  dass  c 
nach  Konsistenz,  Gewicht,  Festigkeit,  Art  der  Anheftung  usw. 
grundverschiedenen  Organe  der  Bauchhöhle  durch  plötzlich  einw 
kende,  bewegende  Gewalt  eine  ganz  verschiedene  Beschleuuigu 
und  Nachwirkung  dieser  lebendigen  Kraft  mitgeteilt  bekommen  u 
dass  diese  Organe  auch  Lageveränderungen  und  Verschiebung 
gegeneinander  vornehmen  können,  ebenso  wie  den  Bewegungen  d 
Intestina  bei  der  Peristaltik,  der  Stieldrehung  der  Ovarialzyste,  d< 
Emporsteigen  des  sich  vergrössernden  graviden  Uterus,  der  St 
kung  der  bandgelockerten  Leber,  Milz  oder  Därme,  um  nur  eiui 
Beispiele  zu  nennen,  in  dieser  Hinsicht  keine  Hindernisse  entgegt 
stehen.  Dass  man  von  Adhäsion  zwischen  Leber  und  Zwerchfell 
streng  physikalischen  Sinne  nicht  reden  kann,  erhellt  auch  darai 
dass  bei  der  nicht  traumatischen  Hepatoptose  höheren  Grades  \ 
vielen  Autoren  eine  Distanz  zwischen  Zwerchfell  und  Leber  u 
eine  Ausfüllung  dieses  Raumes  mit  gasgefüllten  Darmschlingen  natl 
gewiesen  worden  ist.  Die  Feststellung  dieser  Tatsachen  ist  i? 
meine  nun  folgenden  Erörterungen  nicht  bedeutungslos. 

Wie  oben  erwähnt,  sind  bisher  Gegenstossverletzungen  d] 
Bauchhöhle  nur  für  die  Leber  beschrieben,  und  zwar  möchte  it 
diese  als  direkte  Gegenstossverletzungen  bezeichn^ 
indem  die  einwirkende  Gewalt  die  Lebergegend  selbst,  meist  vjj 
der  Seite  oder  von  vorn,  trifft  und  an  dem  entgegengesetzten  Punll 
durch  Rückwirkung  die  Organzerstörung  setzt. 

Es  gibt  aber  noch  eine  zweite  Form  des  Gegenstosses,  über  is 
ich  in  der  Literatur  nichts  habe  finden  können  und  über  die  ich  hl 
berichten  möchte.  Im  Gegensatz  zu  der  genannten  Form  möchte  ii 
sie  indirekte  Gegenstossverletzung  benennen,  indu 
das  Trauma  nicht  in  der  Gegend  des  verletzt« 
Organs  selbst  angreift  und  die  Achse  der  f  o  r  t  w  i  S 
kenden  Kraft  nicht  das  Organ  selbst  durchsetz, 
sondern  bei  Vier  der  Verlvetzungsstoss  an  eintj] 
entfernteren  Körperstelle  auftritt,  sich  durch  d; 
Bauchhöhle  nach  dem  betreffenden  Organe  f  o  r  ■ 
pflanzt  und  das  Organ  als  Ganzes  vom  Gegenstoi 
zurückgeschleudert  und  verletzt  wird.  Die  Bezei;| 
nung  direkte  und  indirekte  Gegenstossverletzung  ist  vielleiciit  nies 
ganz  korrekt,  gibt  aber  doch  einigermassen  das  Richtige  wiederjl 

Zunächst  mögen  in  Kürze  zwei  Krankengeschichten  der  letzt» 
Zeit  folgen: 

Fall  1  betraf  einen  8  jährigen  Knaben,  der  aus  3 — 4  m  Höhe  v>i: 
Treppengeländer  abstürzte  und  mit  der  ganzen  rechten  Seite  auf  Ste| 
Pflaster  aufschlug.  Das  blasse  Aussehen,  der  kleine  frequente  Puls,  die  fl 
Lagewechsel  verschiebliche  Dämpfung  in  den  abhängigen  Partien  des  A 
domens  sprachen  eindeutig  für  eine  innere  Blirtung.  Auffallend  war,  dass  01 
Abdomen  zwar  im  ganzen  stark  gespannt  und  druckempfindlich  war,  da 
sich  aber  Muskelabwehrspannung  und  Druckschmerz  im  linken  Hypoclur 
drium  nach  dem  Rippenbogen  zu  deutlich  verstärkten.  An  der  rechten  K- 
perseite  waren  in  der  Axillarlinie  in  der  Gegend  des  Darmbeinkammes  ul 
des  Rippenbogens  die  Zeichen  von  Weichteilquetschung  durch  das  A- 
schlagen  deutlich  nachweisbar. 

Sofortige  Operation  war  angezeigt.  Die  mediane  Laparotomie  oberlu 
des  Nabels  ergab  grossen  Bluterguss  von  schätzungsweise  gut  1  Liter  ■: 
der  freien  Bauchhöhle.  Darm,  Magen  und  Leber  waren  völlig  intakt.  In  (‘ 
Milzgegend  reichlich  Blutkoagula,  die  Milz  selbst  zertrümmert.  Auf  ci 
Bauchwandlängsschnitt  wird  ein  Querschnitt  nach  links  gesetzt  und  die  M- 
dann  nach  doppelter  Unterbindung  und  Durchtrennung  der  Hilus-  und  einiy 
akzessorischer  Gefässe  exstirpiert.  Das  Organ  ist  vom  Hilus  aus  quer  i 
ganzer  Dicke  eingerissen,  so  dass  die  Teile  nur  noch  durch  einige  Parenchy- 
brücken  aneinanderhängen.  Ausserdem  noch  mehrere  unregelmässige,  nii 
ganz  durchgehende  Einrisse  im  mittleren  Drittel,  neben  dem  Hauptriss,  a 
auf  die  Hilusgegend  zu  mündend. 

Nach  der  Operation  Kochsalzinfusionen  und  Herzmittel.  Primäre  Wut 
heilung;  trotzdem  unregelmässige  Temperatursteigerungen  in  den  erst 
10  Tagen,  für  die  der  Milzausfall  als  Blutdrüse  zur  Erklärung  herangezog 
werden  muss.  Nach  3  Wochen  geheilt  entlassen. 

Fall  2.  Der  39  jährige,  sonst  kräftige  und  gesunde  Mann  wur 
6  Stunden  vor  Einlieferung  von  einer  Wagendeichsel  gegen  die  linke  Beck- 
Seite  gestossen.  Sofort  traten  heftige  Schmerzen  im  Rücken  auf;  er  bra 
sofort  zusammen  und  wurde  in  die  Klinik  überführt.  Bei  der  Aufnah 


10.  August  1 923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT . 


1049 


wurde  bei  dem  blassen,  schwitzenden,  schwer  kollabierten  Manne  eine 
massige  Auftreibung  des  Abdomens  festgestellt.  Dasselbe  war  massig  ge¬ 
spannt,  jedoch  im  ganzen  nicht  nennenswert  druckempfindlich.  Nur  in  der 
rechten  Oberbauchgegend,  nach  dem  rechten  Rippenbogen  hin  zunehmend, 
bestand  deutlich  Druckschmerzhaftigkeit  bei  Muskelabwehrspannung.  Selbst 
aussen  an  der  rechten  Thoraxseite  bestand  unten  im  Bereiche  der  Leber 
Druckempfindlichkeit.  Bei  Rückenlage  in  beiden  Flanken  Dämpfung.  Die 
Zunge  war  wenig  belegt,  feucht;  der  Puls  kräftig,  65  pro  Minute,  gut  gefüllt, 
regelmässig,  Temperatur  36°.  Unterhalb  des  linken  Darmbeinkammes  an 
der  Verletzungsstelle  fand  sich  oberflächliche  Hautschürfung  und  Weichteil- 
quetscluing. 

Die  Diagnose  lautete  auf  intraabdominelle  Blutung  ohne  Verletzung  von 
Darm  und  Magen  und  ohne  peritonitische  Erscheinungen.  Nach  den  Er¬ 
fahrungen  bei  obigem  Falle  wurde  die  Wahrscheinlichkeitsdiagnose  auf  Leber- 

zerreissung  gestellt. ' 

Zunächst  abwartende  Behandlung  unter  Anwendung  von  Exzitantien, 
Tropfeinlauf,  Wärmeapplikation  etc. 

Da  jedoch  die  Zeichen  innerer  Blutung  Zunahmen,  Kranker  erbrach  und 
kollabierte,  wurde  am  Tage  nach  der  Einlieferung,  30  Stunden  nach  dem  Un- 

fall,  operiert. 

Bei  der  medianen  Laparotomie  fand  sich  massenhaft  flüssiges  und  ge¬ 
ronnenes  Blut  in  der  freien  Bauchhöhle.  Intestinaltra'ktus  und  Milz  waren 
intakt.  Dagegen  war  die  Leber  an  ihrer  Konvexität  entlang  dem  Ligamen¬ 
tum  falciforme  und  noch  eine  Strecke  weit  entlang  dem  Ligamentum 
coronarium  tief  eingerissen,  die  Wunde  blutete  stark  und  war  schwer 
zugänglich  in  ihrem  oberen  Abschnitt;  sie  wurde  kräftig  tamponiert,  der 
Tampon  aus  dem  oberen  WundwinkeJ  herausgeleitet,  und  die  Bauchwand 
im  übrigen  durch  Etagennaht  wieder  geschlossen. 

Die  Wundheilung  wurde  durch  teilweise  Vereiterung  der  Bauchdecken¬ 
wunde  verzögert.  Nach  6  Wochen  wurde  der  Kranke  aus  der  klinischen 
Behandlung  entlassen. 

Diese  beiden  Krankengeschichten  sind  m.  E.  typische  Beispiele 
von  indirekten  Gegenstossverletzungen  der  Leber  und  der  Milz.  Im 
ersten  Fall  greift  das  Trauma  von  rechts  her  an,  die  Kraftquelle 
pflanzt  sich  quer  durch  das  Abdomen  fort,  der  Gegenstoss  trifft  die 
Milz,  schleudert  sie  als  Ganzes  von  ihrem  Platze  und  reisst  sie  am 
Hilus  tief  ein  und  teilweise  ab.  Beim  zweiten  Kranken  trifft  ein  .hef¬ 
tiger  Deichselstoss  von  der  Seite  her  die  linke  Darmbeinschaufel; 
schräg  durch  das  Abdomen  sich  fortpflanzend  nach  der  rechten 
Oberbauchgegend  setzt  die  Gegenstosswirkung  die  Leber,  dieses 
massige,  schwere  Organ,  als  Ganzes  ruckartig,  plötzlich  in  Be¬ 
wegung  und  reisst  sie  an  ihren  Aufhängebändern  tief  ein. 

Es  dürfte  daraus  klar  genug  hervorgehen,  dass  es  sich  liier  zwar 
um  eine  Gegenstossverletzung  handelt,  dass  sich  diese  aber  doch 
durch  ihre  Fernwirkung  von  dem  uns  geläufigen  und  aus  der  Lite¬ 
ratur  bekannten  Gegenstoss  unterscheidet.  Es  ist  berechtigt,  beide 
Arten  auch  durch  die  Benennung  zu  kennzeichnen  und  deshalb 
direkte  und  indirekte  Gegenstossverletzungen  des  Abdomens  zu 
unterscheiden.  Berücksichtigt  und  kennt  man  sie,  so  sind  die  Sym¬ 
ptome  eindeutig  genug,  um  schon  ante  operationem  eine  präzise  Dia¬ 
gnose  oder  wenigstens  eine  Wahrscheinlichkeitsdiagnose  zu  stellen. 
Dazu  gehört  allerdings,  dass  man  in  der  Anamnese  genaue  Angaben 
über  die  Art  des  Unfalls  und  den  Angriffspunkt  der  einwirkenden 
Gewalt  erhält,  was  keineswegs  immer  der  Fall  ist.  Des  weiteren  gibt 
die  durch  das  Trauma  lädierte,  fern  von  dem  auf  Verletzung  ver¬ 
dächtigen  Organ  gelegene  Partie  der  Körperoberfläche  mit  ihren 
Hautschürfungen,  Weichteilquetschungen,  ev.  auch  Knochenverlet¬ 
zungen  wichtige  Fingerzeige  für  die  Diagnose. 

Ob  indirekte  Gegenstossverletzungen  auch  an  anderen  Bauch¬ 
höhlenorganen  als  Leber  und  Milz  Vorkommen  oder  möglich  sind, 
erscheint  mir  fraglich.  Immerhin  dürfte  es  angebracht  sein,  der 
Frage  nachzugehen  und  die  Möglichkeit  in  Betracht  zu  ziehen,  wenn 
z.  B.  der  Darm  an  der  Grenze  von  fixierten  und  beweglichen  Ab¬ 
schnitten  abgerissen  ist  und  das  Trauma  fern  davon  eingewirkt  hat. 
Leber  und  Milz  sind  durch  ihren  parenchymatösen  Charakter,  ihr 
Gewicht,  ihre  Fixierung  an  schmal  inserierenden  Ligamenten,  ihrer 
Unterstützung  von  unten  her  durch  die  leicht  ausweichenden  Daim- 
schlingen  für  diese  Art  der  Verletzung  besonders  disponiert.  Alle 
hiergegen  vorgebrachten,  obenerwähnten  Bedenken  halten  ernster 
Kritik  nicht  stand  und  sind  auch  durch  die  hier  mitgeteilten  Befunde 
widerlegt. 


Aus  der  Chirurgischen  Universitätsklinik  zu  Leipzig. 

(Direktor:  Geh.  Med -Rat  Prof.  Dr.  E.  Payr.) 

Oie  histologische  Untersuchung  von  Brustdrüsentumoren 
während  der  Operation. 

Von  Dr.  Arthur  Ladwig,  Assistent  der  Klinik. 

Es  ist  eine  bekannte  Tatsache,  dass  maligne  Tumoren,  aus  denen 
man  zwecks  histologischer  Sicherung  der  Diagnose  Stückchen  ex- 
zidiert  hatte,  oft  rapid  zu  wachsen  anfangen.  Das  wird  jeder  an 
einem  grossen  Material  gelegentlich  beobachten  können.  Die  Probe¬ 
exzision  wirkt  als  ein  positiver  Reiz  auf  das  Geschwulstwachstum 
ein.  Es  erscheint  beinahe  überflüssig,  wenn  man  dies  auch  noch  an 
Tierversuchen  zu  beweisen  versucht.  So  hat  N  a  h  t  e  r  (Arch.  f.  klin. 
Chir.,  119.  Bd.)  aus  der  v.  E  i  s  e  1  s  b  e  r  g  sehen  Klinik  zwei  Serien 
von  Mäusen  Karzinome  erzeugt.  Bei  der  einen  nahm  er  Probe¬ 
exzisionen  vor  und  konnte  feststellen,  dass  diese  Tumoren  nach 
einem  bestimmten  Zeitraum  bedeutend  grösser  waren  als  die  der 
Kontrollserie,  auch  das  Gesamtgewicht  der  Tiere  war  ein  grösseres. 


Er  glaubt,  diese  Zunahme  des  Körpergewichtes  auf  eine  solche  des 
Tumorgewichtes  zurückführen  zu  können. 

An  der  Payr  sehen  Klinik  herrscht  schon  lange  die  Vorschrift, 
dass  aus  krebsverdächtigen  operablen  Tumoren  jedweder  Art  und 
Sitzes  nur  dann  Probeexzisionen  gemacht  werden  dürfen,  wenn 
gegebenenfalls  auch  unmittelbar  die  Radikaloperation  angeschlossen 
werden  kann  (Leipzig,  Med.  Ges.,  Juli  1922). 

In  zweifelhaften  Fällen  von  Mammatumoren  bedienen  wir 
uns  der  histologischen  Untersuchung  während  der  Operation  in  Form 
des  Schnellgefrierschnittes.  Sie  ist  berufen,  Missgriffe  zu  vermeiden, 
dergestalt,  dass  die  Operation  einmal  nicht  radikal  genug  ausfällt, 
im  andern  Fall  eine  Brustdrüse  geopfert  wird,  die  hätte  erhalten 
werden  können,  wobei  man  die  seelische  Noxe,  die  viele  Frauen 
durch  den  Verlust  einer  Brustdrüse  erleiden,  nicht  unterschätzen 
sollte. 

Im  Folgenden  wird  an  Hand  eines  zweijährigen  Materials  der 
Leipziger  Klinik  das  Wertvolle  dieser  Methode  dargelegt  werden. 

In  den  beiden  Jahren  1921  und  1922  sind  insgesamt  56  Fälle  von 
Mammatumoren  zur  Operation  gekommen.  Hierbei  wurde  24  mal  eine 
histologische  Untersuchung  während  der  Operation  angestellt,  32  mal 
wurde  sie  unterlassen.  Unter  diesen  32  Fällen  wurde  31  mal  die  Am¬ 
putation  der  Mamma  mit  anschliessender  Ausräumung  der  Achsel¬ 
höhle  ausgeführt.  Allein  auf  Grund  des  klinischen  Bildes,  ev.  des 
makroskopischen  Befundes  am  Tumor  während  der  Operation, 
glaubte  man,  die  Diagnose  einer  malignen  Geschwulst  und  damit  die 
Indikation  zur  Abtragung  der  Mamma  stellen  zu  müssen.  Nur  ein¬ 
mal  wurde  in  einem  ganz  besonders  klaren  Fall  die  Exstirpation  eines 
kleinen,  wie  sich  später  herausstellte,  Fibroms  vorgenommen. 

Betrachtet  man  die  Kriterien,  auf  Grund  derer  man  diese  Indi¬ 
kation  stellte,  so  ergibt  sich  zunächst  eine  Gruppe  der  absolut  siche¬ 
ren,  über  jeden  Zweifel  erhabenen  Fälle,  und  das  sind  diejenigen,  bei 
denen  der  Tumor  mit  der  darüberliegenden  Haut  fest  verbacken  und 
diese  selbst  Veränderungen  mehr  oder  weniger  weitgehender  Natur 
eingegangen  war,  von  der  narbigen  Verziehung  bis  zur  Ulcusbildung 
und  Metastatierung  in  die  Haut  in  Form  der  lentikulären  Aussaat  und 
des  sogenannten  Panzerkrebses.  Hierher  gehören  23  Fälle,  4  davon 
zeigten  Hautmetastasen,  6  waren  exulzeriert.  Die  Fixation  auf  der 
Pektoralfaszie  war  ein  nahezu  sicheres  Symptom  für  die  Mali- 
ginität;  wichtig  war  ferner  das  Verhalten  der  Mamille,  die  Be¬ 
grenzung  des  Tumors,  seine  Konsistenz  und  Schmerzempfindlichkeit, 
auch  sein  Sitz.  Die  Wachstumsenergie,  die  Multiplizität  von  Ju¬ 
nioren  in  einer  Mamma,  sowie  das  gleichzeitige  Befallensein  beider 
Drüsen  halfen  uns  in  3  Fällen  zu  der,  wie  sich  dann  herausstellte, 
richtigen  Diagnose  Maliginität.  Das  Alter,  die  Untersuchung  der  regi¬ 
onären  Lymphdrüsen  bieten  wertvolle  Hinweise.  Zu  vergessen  ist 
auch  nicht  das  makroskopische  Aussehen  des  durchschnittenen  Tu¬ 
mors,  die  grauweisslich  markigen,  in  die  Umgebung  ausstrahlenden 
Züge  sind  meistens  karzinomatös.  Eine  Fülle  von  Symptomen,  die 
meisten  für  sich  allein  nicht  pathognomonisch,  sondern  nur  in  der 
Kombination  untereinander  wertvoll. 

Trotz  der  Beobachtung  all  dieser  Anhaltspunkte  sind  Fehldiagnosen  vor¬ 
gekommen.  In  4  Fällen  ist  die  Mamma  amputiert  worden  und  bei  der  histo¬ 
logischen  Untersuchung  fanden  sich  gutartige  Tumoren,  3  mal  ein  Fibro¬ 
adenom,  1  mal  die  sog.  Mastitis  chronica  cystica.  Die  trügerischen  Zeichen 
waren  in  dem  einen  Falle  das  Verbackensein  mit  der  Haut  und  die  unscharfe 
Begrenzung  des  Tumors.  Hier  handelte  es  sich  um  die  Mastitis  chronica 
cystica.  Sie  bietet  ja  vor  allem  Anlass  zu  Verwechslungen  mit  Karzinom, 
sei  es  in  Form  der  schwieligen  Indurationsherde  oder  prall  gefüllter,  sich  hart 
anfühlender  Zysten.  Im  zweiten  Falle  täuschte  das  Kriterium  des  raschen 
Wachstums.  Ein  anderes  Mal  hatte  man  geglaubt  bei  mehreren  Knötchen  in 
der  Mamma  besser  dieselbe  amputieren  zu  müssen.  Der  4.  Fall  war  ein  männ¬ 
licher.  Nun,  die  Brusttumoren  bei  Männern  bilden  gewissermassen  eine 
Gruppe  für  sich.  Bei  ihnen  fällt  zunächst  das  kosmetische  Moment  fort:  bei 
einem  58  jährigen  Manne,  der  seit  Wochen  einen  harten  Tumor  in  seiner 
Brustdrüse  wachsen  fühlt,  dabei  noch  Schmerzen  hat,  wird  man  sich  nicht 
lange  besinnen.  Sodann  sind  gutartige  männliche  Brustdrüsentumoren  extrem 
selten.  Im  ganzen  finden  sich  in  diesem  Materiale  5  männliche  Tumoren. 
Bei  allen  ist  die  Mamma  amputiert  worden,  bei  4  ohne  histologische  Unter¬ 
suchung  intra  operationem.  Nur  in  1  Falle  handelte  es  sich  um  ein  Fibrom, 
die  übrigen  waren  Karzinome.  Alle  Kranken  hatten  das  40.  Lebensjahr  über¬ 
schritten. 

Es  gibt  also  eine  Reihe  von  Anhaltspunkten,  die  trügerisch  sein 
können  und  die  zu  Missgriffen  verleiten;  auch  eine  Mamille  kann  in¬ 
folge  eines  rein  entzündlichen  Tumors  eingezogen  sein,  derbe  Achsel¬ 
drüsenschwellungen  können  rein  entzündlicher  Natur  sein,  auch  ohne 
zu  schmerzen.  Deshalb  ist  es  an  unserer  Klinik  zum  Prinzip  erhoben 
worden,  bei  allen  Fällen,  die  nicht  ganz  eindeutig  sind,  die  histo¬ 
logische  Untersuchung  während  der  Operation  zur  Klärung  heranzu¬ 
ziehen.  Der  Aufenthalt  während  der  Operation  ist  gering;  es  ver¬ 
gehen  5—10  Minuten,  die  ganz  gut  mit  der  Blutstillung  usw.  ausge¬ 
füllt  werden  können.  Bei  ruhigen,  verständigen  Kranken  wird  man 
den  ersten  Teil  der  Operation  nach  vorheriger  Aufklärung  in  Lokal¬ 
anästhesie  ausführen  und  gegebenenfalls  in  Narkose  die  Amputation 
der  Mamma  anschliessen.  Wir  haben  in  den  Jahren  1921/22  24 
solche  Untersuchungen  ausgeführt.  17  mal  wurde  die  Diagnose 
Karzinom  gestellt  und  daraufhin  die  Amputation  der  Mamma  mit 
anschliessender  Ausräumung  der  Achselhöhle  vorgenommen.  In  7  Fäl¬ 
len  lagen  gutartige  Tumoren  vor,  bei  deren  Exstirpation  es  sein  Be¬ 
wenden  hatte;  4  davon  waren  Fibroadenome,  3  zeigten  das  histo¬ 
logische  Bild  der  Mastitis  chronica  cystica  mit  den  erweiterten,  von 
einem  zellreichen  periazinösen  Gewebe  umgebenen  Drüsenläppchen, 
vereinzelten  kleinzelligen  Infiltrationsherden  und  gelegentlichen 

3* 


iosö 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  32. 


Epithelproliterationen  an  der  Innenfläche  der  Zysten  oder  Milchgänge, 
die  ja  bekanntlich  bisweilen  auch  histologisch  die  Entscheidung  gut¬ 
artig  oder  bösartig  recht  erschweren  können.  Die  histologische 
Diagnose  Benignität  brachte  in  den  7  Fällen  keine  Ueberraschung, 
auch  die  klinischen  Symptome  hatten  dafür  gesprochen;  dagegen 
hatte  man  in  mehreren  von  den  17  Karzinomfällen  nicht  mit  einem 
solchen  Ausfall  der  Untersuchung  gerechnet.  Besonders  6  Fälle 
hatten  kaum  klinische  Anhaltspunkte  für  Bösartigkeit  dargeboten. 
Die  Tumoren,  walnuss-  bis  kinderfaustgross,  waren  alle  sowohl  gegen 
die  Haut,  als  auch  gegen  den  Pektoralis  frei  verschieblich.  Sie  waren 
nur  langsam  gewachsen  und  verursachten  keine  oder  nur  geringe 
Beschwerden;  die  Mamille  war  völlig  normal,  bei  zweien  konnten 
keine  geschwollenen  Achseldrüsen  nachgewiesen  werden.  Nur  das 
Alter  musste  zur  Vorsicht  mahnen;  die  Kranken  standen  zwischen 
dem  40.  bis  60.  Lebensjahre. 

Fehldiagnosen  insofern,  als  intra  operationem  die  Diagnose  be¬ 
nigner  Tumor  gestellt  und  die  Mamma  belassen  wurde,  sich  hinterher 
aber  das  Karzinomrezidiv  einstellte,  sind  nicht  vorgekommen.  Des¬ 
gleichen  nicht  das  Gegenstück  davon,  Diagnose  maligner  Tumor,  Am¬ 
putation  und  endgültige  Diagnose  benigner  Tumor.  Von  jedem  Fall 
wurden  stets  hinterher  noch  Schnitte  auf  dem  üblichen  Wege  der  ge¬ 
nügend  langen  Härtung  und  ev.  Einbettung  hergestellt. 


Aus  der  orthopäd.  Abteilung  der  Chirurg.  Universitätsklinik 
in  Berlin.  (Direktor:  Geh.  Rat  A.  Bier.) 

Klinische  Aetiologie  und  anatomische  Hirnbefunde*). 

Von  Prof.  Dr.  J.  Fraenkel. 

Die  neuen  Ergebnisse  der  anatomischen  Hirnforschung  haben 
beträchtliches  theoretisches  und  praktisches  Interesse  erweckt.  Die 
Bedeutung  des  Geburtstraumas,  die  Aetiologie  der  spastischen  Läh¬ 
mungen  des  Kindesalters  gehören  in  den  Kreis  der  berührten  Fragen. 
Das  Heer  der  zerebralen  Kinderlähmungen,  ein  Grenzgebiet,  an 
dem  fast  alle  klinischen  Fächer  beteiligt  sind,  Neurologie,  innere  Me¬ 
dizin,  Kinderheilkunde,  Geburtshilfe,  beansprucht  therapeutisch  stark 
die  Neurochirurgie  und  Orthopädie.  Für  diese  Grund  genug,  um  die 
ätiologische  Aufklärung  des  Krankheitsbildes  mitbemüht  zu  sein. 

Die  auf  dem  anatomischen  Gebiet  gelegenen  Fortschritte  werden 
den  Hauptarbeiten  R  i  c  k  e  r  s,  Schwarz’,  Siegmunds  ver¬ 
dankt.  Auf  sie  und  die  in  ihnen  verzeschneten  Vorarbeiten  wird  hier 
vorwiegend  Bezug  genommen. 

In  Kürze  seien  die  tatsächlichen  Feststellungen  vorangeschickt. 

Die  Erfahrungen  Rickers1),  teils  experimentell,  teils  im  Stellungs¬ 
kampf  des  Weltkrieges  gewonnen,  behandeln  die  allgemeine  Lehre  von  der 
Commotio  eerebri.  Danach  erklären  sich  die  Folgen  der  Erschütterung  des 
Hirnes  durch  eine  funktionelle  Störung  des  Blutgefässnervensystems.  Ver¬ 
langsamung  des  Blutstromes  in  erweiterter  Strombahn,  genannt  prästatische 
Hyperämie,  kapilläre  Diapedesisblutungen,  Dauerstase  ist  die  Reihenfolge 
der  Erscheinungen.  Es  schliessen  sich  an  der  rote  Infarkt,  die  rote  Hirn¬ 
erweichung,  bzw.  die  weisse  Erweichung,  wenn  bei  schnellem  Uebergang 
der  Prästase  in  Dauerstase  Austritt  von  roten  Blutkörperchen  gefehlt  hat. 
Einzelpetechien,  die  punktförmigen  Hämorrhagien,  wie  sie  in  der  Wand  des 
Schusskanals  auftreten  und  jedem  Feldchirurgen  geläufig  sind,  entstehen  nach 
R  i  c  k  e  r  also  nicht  direkt,  sondern  indirekt,  entweder  unmittelbar  oder  mehr 
oder  weniger  lange  nach  dem  Trauma  im  Sinne  der  traumatischen  Spät¬ 
blutung  B  o  1 1  i  n  g  e  r  s. 

Die  soeben  skizzierten  Ergebnisse  werden  von  Siegmund  auf  das 
kindliche  Gehirn  übertragen,  mit  der  Einschränkung,  dass  zwischen  dem  pri¬ 
mären  und  dem  Endbefund  in  dem  sich  entwickelnden  Organ  des  Kindes 
ein  besonders  grosser  Unterschied  zu  erwarten  ist. 

Im  Vordergründe  der  Diskussion  stehen  zurzeit  die  Geburtsverletzungen 
des  Gehirns.  Sie  sind  nach  Zahl  und  Art  und  wegen  ihrer  vielseitigen,  jetzt 
erkannten  Beziehungen  von  vorher  nicht  geahnter  Bedeutung. 

Namentlich  die  Mitteilungen  von  Ph.  Schwarz2)  und  Siegmund3) 
haben  berechtigtes  Aufsehen  erregt,  ln  den  Prioritätskampf  einzugreifen,  der 
unter  den  Instituten  Frankfurt  und  Köln  ausgebrochen  ist,  liegt  hier  keine 
Veranlassung  vor  und  kann  nicht  meine  Aufgabe  sein.  Das  Tatsachenmaterial 
ist  folgendes: 

Nach  Schwartz  sind  in  65  Proz.  der  Geburten  makroskopische  patho¬ 
logische  Befunde  zu  erheben.  Dabei  wird  der  Hauptwert  auf  den  Nachweis 
der  intrazerebralen  Blutung  gelegt.  In  den  früheren  Mitteilungen  (Cru- 
veilhiers,  Virchows,  Kundrats  u.  a.)  werden  als  intrakranielle 
Verletzungen  in  der  Regel  subdurale  und  subarachnoideale  Blutungen  ver¬ 
standen,  die  in  Verbindung  mit  Falx-  und  Tentoriumrissen  (B  e  n  e  k  e)  all¬ 
bekannte  üeburtsschädigungen  darstellen.  Hier  handelt  es  sich  um  vor¬ 
zugsweise  intrazerebrale,  oft  miliare  und  multiple  Blutungen,  die  in  allen  Tei¬ 
len  des  Gehirns  angetroffen  werden  (in  der  Rinde,  den  Stammganglien, 
im  Centrum  semiovale,  Kleinhirn,  verlängerten  Mark).  Bevorzugt  ist  das 


*)  Als  Vortrag  angemeldet  für  die  47.  Tagung  der  D.  Ges.  f.  Chir. 

1)  Gustav  Rick  er:  Die  Entstehung  der  pathologisch-anatomischen  Be¬ 
funde  nach  Hirnerschütterung  in  Abhängigkeit  vom  Gefässnervensystem  des 
Hirnes.  Virchows  Arch.  1919,  226.  —  Die  pathologische  Anatomie  der  frischen 
mechanischen  Kriegsschädigungen  des  Hirnes  und  seiner  Hüllen.  Handbuch 
der  ärztlichen  Erfahrungen  im  Weltkriege  1921,  8. 

2)  Ph.  Schwartz:  Die  Ansaugungsblutungen  im  Gehirn  Neugeborener. 
Zschr.  f.  Kinderhlk.  1921,  29.  —  Die  traumatische  Gehirnerweichung  der  Neu¬ 
geborenen.  Zschr.  f.  Kinderhlk.  1921,  31.  —  Die  traumatische  Geburtsschädi¬ 
gung  des  Gehirns.  M.m.W.  1922  Nr.  30. 

3)  H.  Siegmund:  Neue  Untersuchungen  über  die  Encephalitis  inter- 
stitialis  congenita.  Klin.  Wschr.  1922.  —  Geburtsschädigungen  des  kind¬ 
lichen  Gehirns  und  ihre  Folgen.  M.m.W.  1923  Nr.  5.  —  Die  Entstehung  von 
Porenzephalien  und  Sklerosen  aus  geburtstraumatischen  Hirnschädigungen. 
Virch.  Arch.  1923,  241. 


Gebiet  der  V.  terminalis,  die  Nachbarschaft  der  Ventrikel.  Als  Erklärung 
wird  im  wesentlichen  die  physiologische  Druckdifferenzstauung  herangezogen, 
ln  ihrer  Bedeutung  für  die  Geburtshilfe  und  die  Pathologie  des  Kindesalters 
schon  vorher  wohl  erkannt  und  namentlich  von  L.  S  e  i  t  z  gewürdigt,  ver¬ 
gleicht  sie  Schwärt  z  treffend  mit  der  Wirkung  einer  grossen  Saugglocke.  I 
Der  Unterschied  zwischen  dem  atmosphärischen  und  dem  intrauterinen,  durch 
die  vereinigte  Bauchpresse  und  Uterusmuskulatur  erzeugten  Druck  (80  bis 
250  mm  Hg  13  Atmosphären)  ist  beträchtlich.  Er  geht  aus  den  von 
Schatz  berechneten,  genannten  Zahlen  hervor.  Der  Druckdifferenz  wird 
nach  dem  Blasensprung  der  extrauterin  vorliegende  Körperteil,  in  der  Regel 
also  der  Kopf,  unvermittelt  ausgesetzt.  ln  das  Minderdruckgebiet 
(Schwartz)  wird  das  Blut  angesogen,  und  so  kommt  es,  abgesehen  von 
dem  Kephalhämatom,  zu  meningealen  und  intrazerebralen  Hyperämien  und 
Gefässzerreissungen  mit  Ventrikel-  oder  Hirnblutungen.  Verderblich  ist  die 
Ansaugungsblutuug  bei  Sturzgeburten  und  bei  Verzögerung  der  Austreibung, 
was  sofort  verständlich  ist.  Daher  besteht  erhöhte  Gefahr  bei  engem  Becken, 
abnormen  Lagen,  erstgeborenen,  grossentwickelten  Kindern;  ebenso  sind 
Frühgeburten  mehr  bedroht  (Y  1  p  p  ö). 

Pathologisch-anatomisch  schliessen  sich  der  Zirkulationsstörung  zunächst 
feintröpiige  Verfettungen  der  Gliazellen  an.  Grobe  Fetteinlagerungenn  (Körn¬ 
chenzellen)  werden  in  den  perivaskulären  Gliazellen  angetroffen.  Eine  Stö¬ 
rung  des  Markreifungsprozesses  geht  einher.  Auf  das  Thema  der  Hirnver¬ 
fettung  beim  Neugeborenen,  die  Encephalitis  interstitialis  congenita  Vir¬ 
chows,  die  in  der  Literatur  einen  breiten  Raum  einnnimmt.  werfen  diese 
Befunde  Schwartz’,  die  Siegmund  bestätigt  und  teilweise  ergänzt  hat, 
ganz  neues  Licht.  Das  Fett  im  Gliaplasma  ist  nunmehr  als  Folge  des  Ge¬ 
burtstraumas  erkannt;  daneben  werden  infektiöse  Erkrankungen  der  Mutter 
und  Eklampsie  von  W  o  h  1  w  i  1 1  bezichtigt.  Ebenso  wichtig  ist  der  jetzt 
erwiesene  Zusammenhang  der  traumatischen  Hirnerweichung  mit  den  ana¬ 
tomischen  Endzuständen,  die  als  solche  von  früher  her  sehr  gut  bekannt  sind, 
die  aber  vielfach  ganz  irrig  gedeutet  worden  sind,  Hirnnarben,  por- 
enzephalischen  Defekten,  Zysten,  Sklerosen,  Mikrogyrien  mit  sekundärer  De¬ 
generation  der  absteigenden  Nervenbahnen,  namentlich  der  Pyramidenstränge. 
Auch  die  indirekte  Zirkulationsstörung  im  Sinne  Rickers  kann  zu  der¬ 
artigen  Folgezuständen  (Porenzephalien,  Zysten)  führen.  Das  von  Diet¬ 
rich  und  Siegmund  untersuchte  Gehirn  eines  36  jährigen  Soldaten,  in 
dessen  Nähe  eine  Granate  eingeschlagen  war,  ohne  ihn  direkt  zu  verletzen, 
und  der  3  Tage  später  erkrankte  und  nach  einem  Jahre  starb,  beweist  das. 
Der  erhobene  Befund  von  feinwabiger  Porenzephalie  glich  dem  der  Kinder¬ 
hirne.  Die  früher  übliche  Einteilung  in  kongenitale  und  erworbene  Por¬ 
enzephalien  muss  von  jetzt  an  korrigiert  werden. 

Anzureihen  sind  gewisse  Fälle  des  kongenitalen  Hydrozephalus.  Für 
den  Hydrocephalus  externus  haben  Doehle  und  W,  o  h  1  w  i  1 1  den  Weg. 
vom  subduralen  Hämatom  über  die  Pachymeningitis  haemorrhagica  interna 
klargestellt.  Die  Entstehung  des  Hydrocephalus  internus  nach  Einbruch  einer 
Blutung  in  die  Hirnventrikel  infolge  Geburtstraumas  wurde  durch  W.  Fi¬ 
sch  e  r  und  Engel  wahrscheinlich  gemacht.  S  i  e  g  m  u  n  d  bestätigt  ein 
solches  Vorkommen  und  weist  ferner  auf  die  gleiche  Entstehungsweise  eines 
intrauterin  bestandenen  Hydrocephalus  internus  hin,  zugleich  die  Verlegung 
der  Abflusswege  des  Liquors  durch  Verschluss  des  3.  Ventrikels  und  un¬ 
genügende  Liquorresorption  bei  Schädigung  des  Plexus  chorioideus  und  des 
Ependymepithels  anschuldigend. 

Die  klinischen  Folgen  des  Geburtstraumas  sind  nach  Schwartz:  Tot¬ 
geburt,  Scheintod,  Lebensschwäche,  Krämpfe,  Lähmungen;  Zustände,  die 
früher  vielfach  unerklärbar  waren.  Den  Icterus  neonatorum  ist  Siegmund 
geneigt,  auf  die  Resorption  der  bei  der  Geburt  entstandenen  Blutungen 
zurückzuführen.  Es  liegt  nahe,  für  manche  Formen  der  L  i  1 1 1  e  sehen  Krank¬ 
heit,  der  spastischen  kindlichen  Hemiplegie,  wie  der  Idiotie,  Chorea,  Epi¬ 
lepsie,  dieselbe  Ursache  verantwortlich  zu  machen.  Vielleicht  gehören  auch 
Fälle  von  spastischem  Hohlfuss,  deren  Aetiologie  teilweise  völlig  ungeklärt 
ist,  hierher. 

Weiter  brauche  ich  mich  in  die  Einzelheiten  des  anatomischen 
Gebietes  nicht  zu  verlieren.  Das  wesentliche  Extrakt  der  vor¬ 
stehenden  Daten  ist  folgendes:  Nach  den  anatomischen  Unter¬ 
suchungen  ist  das  Gemeinsame  und  Prägnante  der  p  r  i  - 
märenHirnschädigungdieWirkungaufdasGefäss- 
s  y  s  t  e  m.  Es  ist  nur  logisch,  das  Ergebnis  derart  zu  formulieren 
und  die  Schlussfolgerung  so  allgemein  zu  fassen.  Blutungen  sind  die 
Hauptkennzeichen.  Daneben  kommen  im  wesentlichen  in  Betracht 
Ischämie  (B  e  n  e  k  e,  K  r  u  s  c  h  k  a),  Gefässverschluss  durch  Embolie 
und  Thrombose.  Natürlich  sind  auch  direkte  Hirnschädigungen  zu 
berücksichtigen;  ich  kann  selbst  Beweise  dafür  erbringen.  Sie  haben 
der  Erklärung  nie  Schwierigkeiten  bereitet  und  können  hier  füglich 
ausgeschaltet  bleiben. 

Was  veranlasst  und  berechtigt  mich,  auf  diese  Dinge  einzugehen, 
zu  ihnen  das  Wort  zu  ergreifen? 

Es  ist  die  beim  Studium  der  mitgeteilten  Literatur  wachgerufene 
Erinnerung  an  eigene,  ziemlich  weit  zurückliegende  Untersuchungen, 
die  zu  ganz  dem  gleichen  Schluss  gelangt  waren.  Sie  be¬ 
fassten  sich  mit  der  kindlichen  Halbseitenlähmung  und  versuchten  der 
vielfach  missverstandenen  Aetiologie  dieser  dem  Orthopäden  häufig 
begegnenden  Krankheit,  die  gewissermassen  als  das  Seitenstück  zur 
Apoplexie  der  Erwachsenen  aufgefasst  werden  kann,  auf  die  Spur 
zu  kommen. 

Konnte  auch  damals,  ebensowenig  wie  heute,  von  einer  einheit- 
liehen  Aetiologie  der  Krankheit  nicht  gesprochen  werden,  so  war  es  I 
doch  möglich  und  zulässig,  alle  in  Betracht  kommenden  Momente,  1 
so  verschiedenartig  sie  an  sich  sein  mögen,  auf  eine  gemeinsame,  im 
allgemeinen  vaskuläre  Ursache  zurückzuführen.  Das  klar  aus-  I 
gesprochene  Ergebnis 4),  an  dem  entlegenen  Ort  einer  Fachzeitschrift 
niedergelegt,  blieb  ziemlich  unbeachtet.  Jetzt  bietet  sich  die  Gelegen¬ 
heit,  auf  die  klinische  Arbeit  zurückzukommen,  nachdem  ihre  Ueber- 
instimmung  mit  den  Resultaten  der  anatomischen  Untersuchung  sich 
herausgestellt  hat  und  die  willkommene  Bestätigung,  die  bisher  noch 


4)  J.  Fraenkel:  Die  infantile  zerebrale  Hemiplegie.  Zschr.  f.  orthop. 
Chir.  15.  :  t 


|ll.  August  192.3. 


MÜNCHENER  AM  I  »IZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1051 


ausgestanden  hatte,  damit  geliefert  ist.  Aber  nicht  allein  dieses  Motiv 
rechtfertigt  die  Rückkehr  zu  dem  alten  Thema.  Es  dürfte  als  nütz¬ 
liche.  ja  notwendige  Ergänzung  der  anatomischen  Mitteilung  dienen, 
wenn  die  Rolle  des  von  jener  Seite  in  den  Vordergrund  gerückten 
Geburtstraumas  den  klinischen  Erfahrungen  gegenübergestellt  und 
mit  ihnen  verglichen  wird. 

Oie  Methode,  deren  die  klinische  Studie  sich  bediente,  war  in 
höchstem  Grade  einfach:  Sie  bestand  in  nichts  weiter  als  der  Er¬ 
hebung  von  Anamnesen,  eines  Mittels,  das  verdient,  geziemend  ge¬ 
würdigt  zu  werden,  da  es  geeignet  ist,  auf  allen  möglichen  Gebieten 
das  Geheimnis  ätiologischer  Zusammenhänge  zu  lüften;  auch  unser 
hach  nicht  ausgenommen.  Von  wichtigen  hierhergehörenden  Kapiteln 
seien  der  angeborene  Klumpfuss,  der  muskuläre  Schiefhals  hervor¬ 
gehoben,  bei  denen  ebenfalls  Anamnesen  in  ausgedehntem  Maasse 
herangezogen  werden  sollten.  Es  darf  auf  zwei  einschlägige  Publika¬ 
tionen  ’)  u.  n)  in  diesem  Sinne  verwiesen  werden. 

Diese  Vorgeschichten  müssen  mit  Sorgfalt  und  Verständnis  ver¬ 
fasst  werden:  es  genügt  nicht,  sie  einem  beliebigen  vorbereitenden 
Helfer  zu  überlassen.  Sie  müssen  sich,  um  vollständig  zu  sein,  auf 
die  Einzelheiten  des  Schwangerschafts-  und  Geburtsverlaufes,  auf 
hereditäre  und  familiäre  Momente  erstrecken.  Alle  in  die  Schwanger¬ 
schaftszeit  fallenden  örtlichen  und  Allgemeinerkrankungen  der  Mutter, 
mechanische  Einwirkungen  irgendwelcher  Art,  äussere  Traumen, 
mtrauterine  Raumnot,  das  Geburtstrauma  müssen  erkundet  werden. 
Der  Versuch,  in  diese  Dinge  einzudringen,  ist  bei  dem  oft  im  Stich 
lassenden  Gedächtnis  oder  geringer  Intelligenz  der  Beteiligten  nicht 
immer  mühelos,  lohnt  sich  aber  doch  meist.  Es  liegt  auf  der  Hand, 
dass  in  vielen  Fragen  der  Geburtshelfer  das  entscheidende  Wort  mit¬ 
spricht.  Seine  Mitarbeit  ist  unentbehrlich,  worauf  bei  verschiedenen 
Gelegenheiten  von  uns  hingewiesen  wurde  (1.  c.). 

Die  nach  solchen  Gesichtspunkten  erfragten  und  erhaltenen  An¬ 
gaben  wurden  registriert,  gesichtet  und  bei  sich  ergebender  Kon¬ 
kurrenz  der  Ursachen  gegeneinander  abgewogen.  Es  ergaben  sich 
kurz  folgende  Schlüsse: 

Für  die  luetische  Aetiologie  konnten  in  einer  Gruppe 
\  on  Fällen  eindeutige  Beweise  erbracht  werden.  Die  Erfahrungen 
der  Nachkriegszeit  scheinen  dafür  zu  sprechen,  dass  dieser  Faktor 
nicht  hoch  genug  gewertet  werden  kann,  wenn  auch  eine  Ver¬ 
allgemeinerung  im  Sinne  Fourniers  abzulehnen  ist.  Ist  auch  diese 
Ursache  für  das  betroffene  Kind  eher  prognostisch  günstiger  anzu¬ 
sprechen  als  eine  andere,  was  ihm,  zum  Trost  gereichen  kann,  so 
bedeutet  für  die,  an  sich  von  schlechtem  Gewissen  heimgesuchten 
Eltern  die  Erkenntnis,  an  dem  körperlichen  und  geistigen  Siechtum 
des  Kindes  mitschuldig  zu  sein,  mitunter  die  Vollendung  der  Tragödie 
ihrer  vordem  zerrütteten  Ehe.  Nach  Sch  wa  r tz  bevorzugten  die  unter¬ 
suchten  Geburtsschädigungen  die  Frühgeburten.  Das  ist  in  diesem 
Zusammenhang  sehr  bemerkenswert.  Im  Lichte  der  anatomischen 
Befunde  über  das  Geburtstrauma  des  kindlichen  Gehirnes  betrachtet, 
bereitet  die  Lues  die  h  ä  m  o  r'r  h  a  g  is  c"h  e  D  i  a  t  h  e  s  c 
und  damit  den  Boden,  auf  dem  das  physiologische 
Geburtstrauma,  das  sonst  vielleicht  harmlos  ver- 
i  laufen  wäre,  seine  verheerende  Wirkung  entfaltet. 

Die  Frühgeburt  und  die  Schwere  der  Hiruver- 
|  letzung  sind  gleichermassen  von  der  Lues  beein¬ 
flusste  Ereignisse.  Zum  Vergleich  diene  eine  Analogie  aus 
der  Schiefhalsätiologie:  Steisslage  und  Schiefhals  werden  nach 
j  Voclcker  durch  eine  gemeinsame  Ursache,  die  intrauterine 
,  Raumenge,  erklärt.  Eine  gegenseitige  Beziehung  in  dem  Sinne  an¬ 
zunehmen.  dass  der  Schiefhals  lediglich  Folge  der  Steisslage  wäre, 
ist  also  nicht  richtig. 

In  ähnlicher  Weise  wie  bei  der  Lues  kann  die  Wirkung  anderer 
im  mütterlichen  Blute  kreisender  Toxine  gedeutet  werden.  Akute 
Infektionskrankheiten,  Exantheme,  Diphtherie,  Pyämie  und  Sepsis, 
die  Nierenentzündung  sind  in  Betracht  gezogen  worden.  Bei  einem 
jüngst  von  mir  beobachteten,  schwer-hemiplegischen  14  jährigen 
Mädchen  führte  die  einzige  ätiologische  Fährte,  die  wir  aufzunehmen 
vermochten,  auf  eine  von  der  Mutter  überstandene,  schwere 
Schwangerschaftsnephritis. 

Es  handelt  sich  um  eine  Frühgeburt  im  8.  Monat.  Das  seit  der  Geburt 
unter  fortgesetzten  Krämpfen  leidende  Kind  brach  sich  1922  in  einem  Krarnpf- 
•v’faM  den  linken  Schenkelhals  und  wurde  deshalb  klinisch  behandelt.  Am 
12.  III.  23  wurde  wegen  Spitzfuss  die  linke  Achillessehne  nach  der  offenen 
nlastischen  Methode  in  der  jetzt  von  uns  bevorzugten  Form  von  zwei  ge¬ 
trennten  kleinen  Schnittchen,  oben  und  unten  neben  der  Sehne,  mit  tunlichster 
Schonung  und  Wiedervernähung  des  Peritenoniums  tenotomiert. 

Das  den  graviden  Uterus  treffende  Trauma  kann  zweifellos  eine 
kindliche  Hemiplegie  zur  Folge  haben.  Beweise  sind  aus  der 
Literatur  ersichtlich  (Cotard).  Wie  schwere  Zustände  eine  derart 
entstehende  Hirnblutung  auslösen  kann,  lehrt  der  von  L.  S  e  i  t  z  1907 
beschriebene  bedeutungsvolle  Fall  mit  folgendem  Hergang:  Das  müt¬ 
terliche  Trauma  fiel  in  den  4.  Schwangerschaftsmonat.  Das  normal 
geborene  Kind  starb,  nachdem  es  noch  5  Stunden  gelebt  hatte.  Durch 
Blutung  in  das  Hirn  wurde  der  grösste  Teil  des  Grosshirns  zerstört 
gefunden. 

Aus  typisch  lautenden  Anamnesen  konnte  bestimmt  geschlossen 
werden,  dass  bei  der  schweren  Geburt,  insbesondere  der  schweren 

5)  Derselbe:  Zur  Aetiologie  und  Therapie  des  angeborenen  Klump- 

fusses.  Zschr.  f.  orthop.  Chir.  32. 

®)  Derselbe:  Zur  Entstehung  und  Behandlung  des  angeborenen 
muskulären  Schiefhalses.  Langenbecks  Arch.  118. 


Zangengeburt,  grobmechanisch  eine  direkte  Verletzung  der  Hirnsub¬ 
stanz  zustande  kommt.  Aehnlicli  ist  die  Wirkung  postnataler  Unfälle 
und  mancher  Hirnschussverletzungen  zu  verstehen.  Ich  bin  in  der 
Lage,  über  einen  mehrfach  von  uns  operierten  Knaben  zu  berichten, 
der  von  einem  vom  Baugerüst  herunterfallenden  und  seine  Schädel¬ 
decke  rechts  perforierenden  Nagel  so  unglücklich  getroffen  war,  dass 
er  eine  regelrechte  linke  Halbseitenlähmung  davongetragen  hatte. 
Auch  die  Wiedergabe  des  therapeutischen  Teiles  der  Krankenge¬ 
schichte  rechtfertigt  sich  wegen  des  erzielten  Erfolges  einer  Nerven- 
verpflanzung: 

7/4  jähriger  Knabe.  Am  27.  V.  1914  wegen  Spitzfuss  Operation  in  der 
linken  Kniekehle  nach  Stoffel.  Am  5.  VI.  1914:  Medianus-Radialis- 
anastomose  am  linken  Oberarm.  Aus  dem  kräftigen  N.  medianus  wird  der 
vordere  radiale  Anteil,  enthaltend  seine  für  Pronator  teres,  Flexor  carpi  ra- 
dialis  und  I  almaris  longus  bestimmten  Fasern,  abgespalten  und  in  den  ganz 
atrophischen  N.  radialis,  der  angefrischt  wird,  eingenäht  und  durch  peri¬ 
neurale  Naht  befestigt.  Das  Ergebnis,  die  Wiederherstellung  der  verloren¬ 
gegangenen  Hand-  und  Fingerstreckung,  wird  am  28.  V.  1919  von  dem  neuro¬ 
logischen  Begutachter  (Herrn  Prof.  C  a  s  s  i  r  e  r)  als  grosser  Erfolg  der  be¬ 
nutzten  Methode  bezeichnet. 

Der  Vollständigkeit  halber  ist  folgendes  hinzuzufügen:  Aktive  Supination 
und  Daumenabduktion  fehlten  noch.  Beide  wurden  durch  Ueberpflanzung 
des  Flexor  carpi  ulnaris  auf  den  Abductor  pollicis  longus  und  Extensor 
pollicis  brevis,  um  den  Rand  der  Elle  herum  (am  6.  VI.  1919),  gewonnen. 
(Aus  dem  ersteren  Anlass  wurde  in  meiner  zitierten  Arbeit  die  periostale  Ver¬ 
pflanzung  desselben  Muskels  vorgeschlagen.) 

Der  Gang  war  gut  bis  zum  Januar  desselben  Jahres,  wo  der  Kranke 
eine  Lungenentzündung  durchmachte.  Seitdem  drehte  sich  der  linke  Fuss 
wieder  einwärts.  Es  ist  möglich,  dass  der  alte  Hirnherd  durch  die  Infektion 
von  neuem  geschädigt  worden  ist.  Am  10.  V.  1919  wurde  wegen  des  Spitz- 
fussrezidivs  die  plastische  Tenotomie  der  Achillessehne  ausgeführt. 

Wir  kommen  nunmehr  zu  der  akuten  Enzephalitis.  Sie  wird 
meist  als  eine  selbständige  Infektion  aufgefasst  und  in  der  Aetiologie 
der  kindlichen  Hemiplegie  mit  Vorliebe  in  den  Vordergrund  gestellt; 
nach  unseren  Beobachtungen  nicht  ganz  mit  Recht.  Beim  genauen  Ver¬ 
hör  der  Eltern  ergibt  sich,  dass  der  fieberhafte  Beginn  des  Leidens 
nicht  immer  wörtlich  zu  verstehen  ist.  Abgesehen  von  der  Embolie 
oder  Thrombose,  z.  B.  im  Verlauf  eines  Scharlachs,  tritt  die  Lähmung 
selten  plötzlich  wie  ein  Blitz  aus  heiterem  Himmel  auf.  Kaum 
beachtete  oder  den  Eltern  erst  nachträglich  einfallende  Vorboten 
weisen  mit  Bestimmtheit  auf  pränatale  Vorgänge  oder  Geburtsein¬ 
flüsse  zurück,  die  mitgespielt  haben  müssen.  Die  hinzutretende  In¬ 
fektion  (auch  an  die  Nabeleiterung  ist  gedacht  worden)  ist  dann  das 
auslösende  Moment.  Sie  verschlimmert  den  Prozess,  darf  aber  nicht 
generell  als  die  alleinige  Ursache  beurteilt  werden.  Diesen  Sach¬ 
verhalt  erhärten  die  von  uns  seinerzeit  mitgeteilten  Beobachtungen, 
die  in  Tabellenform  niedergeigt  sind,  und  unsere  im  Laufe  der  Jahre 
an  einem  grossen  Material 7)  ergänzten  und  sich  wiederholenden  Er¬ 
fahrungen.  Im  Einklang  hiermit  steht  ein  Sektionsbefund  Neuraths 
aus  dem  Jahre  1899:  Ein  2Vs  ähriger  Knabe  erkrankte  im  Anschluss 
an  Scharlach  an  rechtseitiger  Hemiplegie  und  starb.  Die  Sektion  er¬ 
gab  alte  Sklerosen  in  der  motorischen  Region  der  linken  Hemisphäre, 
deren  Entstehung  in  die  fötale  Entwicklungszeit  verlegt  werden 
musste. 

S  i  e  g  m  u  n  d  nimmt  an,  dass  die  hinzukommende  Infektion  in 
den  verfetteten  Bezirken  des  Gehirns  die  Markreifung  hindere. 

Beim  Keuchhusten  wäre  denkbar,  dass  die  Hustenstösse  eine 
Apoplexie  verursachen.  Sonst  sind  die  Toxine  der  Infektion  anzu¬ 
schuldigen,  indem  sie  ebensowohl  auslösend,  wie  nach  der  obigen, 
sich  auf  die  Lues  beziehenden  Darstellung,  vorbereitend  wirken. 

Wie  dem  auch  sei,  ob  die  Enzephalitis  mehr  oder  weniger  den 
Ausschlag  gibt,  ob  sie  selbständig  oder  im  Gefolge  anderer  Infektionen 
auftritt,  allemal  geht  die  Infektion  des  Gehirns  vaskuläre  Wege 
(Miarie).  Analoges  gilt  für  die  akute  Poliomyelitis  (Goldschei¬ 
der,  K  a  d  y  i).  Auch  an  die  perivaskulären  Infiltrate,  die  charakte¬ 
ristischen  Befunde  bei  Encephalitis  lethargica  und  Fleckfieberenze¬ 
phalitis,  darf  hier  erinnert  werden. 

Somit  steht  vom  klinischen  Standpunkt  aus  der  einheit¬ 
lichen  Auffassung  einer  im  allgemeinen  vaskulä¬ 
ren  Entstehung  der  kindlichen  Hemiplegie  nichts  im 
Wege. 

Die  durch  direkte  Hirnverletzungen  entstandenen  Lähmungen 
bilden,  wie  gesagt,  eine  Sondergruppe. 

Scheinbare  Widersprüche  ergaben  sich  erst,  als  diese  sich  un¬ 
willkürlich  aufdrängende  Auffassung  mit  den  anatomischen  Befunden 
jener  Zeit  verglichen  wurde,  mit  denen  wir  uns  unweigerlich  ausein¬ 
andersetzen  mussten.  Die  damals  lediglich  bekannten  Endzustände, 
die  Porenzephalien,  Sklerosen,  Zysten,  der  Hydrozephalus  usw., 
reimten  sich  schlecht  mit  der  vaskulären  Entstehungsweise.  Sie  wur¬ 
den  überhaupt  sehr  verschieden,  vielfach  als  originelle  Entwicklungs¬ 
störungen  oder  als  Missbildungen  beurteilt.  Primäres  und  Sekundäres 
wurden  verwechselt.  Die  herrschende  Verwirrung  war  gross.  Im¬ 
merhin  konnten  Deutungen  vereinzelter  anatomischer  Endbefunde, 
stammend  von  Cotard,  Marie,  Freud,  W.  König,  Strüm¬ 
pell,  herangezogen  werden,  die  obiger  allgemeinen  Erklärung  durch¬ 
aus  nicht  hinderlich  waren.  Heute  ist  die  Schwierigkeit  gänzlich  be- 

7)  Seitdem  die  Klinik  Krüppelfürsorgestclle  geworden  ist.  wird  sie  mit 
Lähmungen,  speziell  schlaffen  und  spastischen  Kinderlähmungen,  über¬ 
schwemmt.  Soweit  sie  behandelt  sind,  dokumentieren  sie  vielfach  den  hohen 
Stand  der  neuzeitigen  Lähmungstherapie.  Daneben  überrascht  die  Fülle  bis 
dahin  unbehandelter  Fälle,  die  in  der  Grossstadt  in  diesem  Umfang  doch 
nicht  zu  erwarten  war. 


1052 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  32. 


hoben.  Ein  Verständnis  der  Initialläsionen  ist  dank  den  wertvollen 
Arbeiten  der  Pathologen  herbeigeführt.  Die  Untersuchung 
der  Frühstadien  hat  die  Berechtigung  der  klini¬ 
schen  Auffassung  ergeben. 

Zum  Schluss  bleibe  nicht  unerwähnt,  dass  die  als  überaus  wich¬ 
tig  erkannte  Bedeutung  der  Geburtsschädigung  des  Gehirns  durch 
die  Betonung  des  konstitutionellen  Momentes  und  anderer  Einflüsse 
nicht  abgeschwächt  werden  sollte.  Sie  hervorzuheben,  nötigten  die 
klinisch  erkennbaren  Zusammenhänge  und  die  Beziehungen,  die  aus 
der  Fötalzeit  in  die  extrauterine  Lebensperiode  hinüberreichen. 
Gleichwohl  behält  B.  Fischer8)  wohl  im  allgemeinen  recht,  wenn 
er  die  Sc  h  war  tz  sehe  Hauptthese  unterstreicht,  dass  aus  der  Be¬ 
schaffenheit  der  Hirnherde  der  Zeitpunkt  der  Geburt  als  der  Zeit¬ 
punkt  der  Läsion  gefolgert  werden  kann. 


Lieber  die  Blutveränderungen  bei  Pockenkranken. 

Von  Prof.  Dr.  W.  H.  Hoff  mann,  Habana  (Cuba) 
Marine-Qeneraloberarzt  a.  D. 

Trotzdem  das  Krankheitsbild  der  Pocken  in  schwereren  Epi¬ 
demien  sehr  charakteristisch  zu  sein  pflegt,  ist  bei  leichteren  Epidemien 
die  Feststellung  namentlich  der  ersten  Fälle  nicht  immer  ganz  einfach. 
Solange  wir  den  Erreger  nicht  kennen,  wird  daher  immer  das  Be¬ 
dürfnis  bleiben,  die  Untersuchungsverfahren  zu  vervollkommnen, 
welche  den  Nachweis  der  Krankheit  sicherstellen  sollen^ 

Ich  habe  seit  3  Jahren  in  Habana  eine  Pockenepidemie  beobachten 
können.  In  der  ersten  Zeit  machte  ich  besonders  Gebrauch  von  dem 
Verfahren  der  Hornhautimpfung  des  Kaninchens,  das  in  der  Tat  sehr 
einfach  und  zuverlässig  arbeitet.  Auch  in  den  mildesten  Fällen  er¬ 
zielte  ich  immer  die  spezifische  Epithelwucherungen,  in  denen  die 
G  u  a  r  n  i  e  r  i  sehen  Körperchen  leicht  nachgewiesen  werden  konnten. 

Sehr  bald  fing  ich  ausserdem  an,  die  Blutveränderungen  im  Ver¬ 
lauf  der  Krankheit  zu  beobachten,  indem  ich  an  den  Kranken  40  Tage 
lang  regelmässige  Blutuntersuchungen  vornahm.  Ich  verfüge  jetzt, 
nachdem  die  Epidemie  hier  erloschen  ist,  über  300  Beobachtungen, 
die  ich  benutzt  habe,  um  daraus  die  Durchschnittswerte  zu  ermitteln, 
welche  ein  sehr  eigentümliches  Bild  ergeben,  das  für  den  Nachweis 
der  Krankheit  mit  grosser  Zuverlässigkeit  herangezogen  werden 
kann;  ebenso  um  Pocken  auszuschliessen.  Dieses  Untersuchungs¬ 
verfahren  hat  den  besonderen  Vorzug  grosser  Einfachheit  und  kann 
darum  überall  ohne  weiteres  ausgeführt  werden. 

Wenn  im  einzelnen  Fall  die  Zahlen  hier  und  da  etwas  niedriger 
oder  höher  ausfallen  mögen  als  im  Durchschnitt,  so  haben  doch  meine 
sämtlichen  Fälle  ohne  Ausnahme  grundsätzliche  Uebereinstimmung 
mit  den  hier  mitgeteilten  Durchschnittswerten  gezeigt,  so  dass  ich 
mich  für  berechtigt  halte,  die  von  mir  ermittelten  Werte  als  eigen¬ 
tümlich  für  Pocken  anzusprechen,  wenigstens  für  die  von  mir  be¬ 
obachtete  Form. 

Meine  Ergebnisse  sind  die  folgenden: 

Die  Gesamtzahl  der  Leukozyten  ist  in  den  ersten  3  Tagen  sub¬ 
normal  (4—6000).  Sie  steigt  dann  vom  4.  Tage  ab  schnell  sehr  steil 
in  die  Höhe  und  zeigt  in  der  Zeit  zwischen  dem  9. — 14.  Tage  Werte 
von  durchschnittlich  17  000,  in  einzelnen  Fällen  30 — 40  000.  In  der 
3.  Woche  besteht  weiter  eine  Leukozytose  von  durchschnittlich 
10—12  und  gelegentlich  bis  zu  24000  Zellen.  In  den  nächsten 
3  Wochen  sinkt  die  Zahl  der  Leukozyten  allmählich  stufenweise  ab, 
bleibt  aber  immer  noch  deutlich  erhöht  (9 — 12000).  Am  Ende  der 
6.  Woche  ist  die  Zahl  noch  nicht  normal,  aber  ich  konnte  meine  Be¬ 
obachtungen  nicht  weiter  fortsetzen. 

Die  Differentialzählung  zeigt  erhebliche  Abweichungen  von  der 
Norm. 

Die  Zahl  der  vielkernigen  Zellen  ist  vermindert.  Gegenüber 
einem  Durchschnitt  von  65  Proz.  beim  Gesunden  sehen  wir  bei 
Pocken  in  der  ersten  Woche  nur  30 — 20  Proz.  durchschnittlich,  in 
einzelnen  Fällen  nur  12  Proz.  Von  da  ab  halten  sich  die  Werte  um 
40  Proz.  bis  zum  Ende  der  6.  Woche. 

Die  Juvenilen,  unter  gewöhnlichen  Umständen  1 — 3  Proz.,  sind 
in  der  ersten  Woche  auf  15—33  Proz.  vermehrt;  auch  in  der  späteren 
Zeit  ist  immer  noch  eine  leichte  Vermehrung  auf  3 — 10  Proz.  nach¬ 
weisbar.  In  der  ersten  Woche  ist  auch  die  Zahl  der  Stabkernigen 
erhöht. 

Eine  ungewöhnlich  starke  Vermehrung  ist  bei  den  Eosinophilen 
festzustellen;  in  den  ersten  3  Wochen  auf  3 — 10  Proz.  im  Durch¬ 
schnitt,  vom  18.  Tage  ab  sogar  im  Durchschnitt  auf  15 — 20  Proz.  und 
in  einzelnen  Fällen  bis  zu  30  Proz. 

Entsprechend  der  Abnahme  der  Vielkernigen  findet  sich  eine 
ausgesprochene  Vermehrung  der  Lymphozyten.  Mit  Ausnahme  der 
ersten  Woche  liegen  sämtliche  beobachteten  Werte  über  der  Norm 
von  24  Proz.,  und  die  ganze  Kurve  der  Durchschnittszahlen  weist 
eine  relative  Lymphozytose  auf,  in  der  ersten  Woche  mit  45  Proz. 
und  in  der  dritten  mit  65  Proz.;  auch  später  sind  immer  noch  40  bis 
50  Proz.  vorhanden.  Während  der  ganzen  Beobachtungszeit  sind 
Lymphozytenwerte  von  60 — 75  Proz.  nichts  seltenes.  Auch  die 
grossen  Mononukleären  sind  vermehrt,  besonders  in  den  ersten  beiden 


8)  B.  Fischer:  Ueber  die  Geburtsschädigungen  des  Gehirns.  M.m.W. 
1923  Nr.  9. 


Wochen,  durchschnittlich  auf  4—8  Proz.  und  nicht  selten  bis  auf 
20  Proz. 

Ein  besonders  charakteristisches  Zeichenist  das  Auftreten  von 
pathologischen  Zellformen  im  Blut,  nämlich  der  Myelozyten,  die 
kaum  jemals  vermisst  werden.  In  den  ersten  3  Wochen  in  Menge 
von  1—3  Proz.,  oft  4—5  und  selbst  10—12  Proz.;  später  etwas 
weniger  zahlreich. 

Die  Auszählung  der  Kernfragmente  in  den  vielkernigen  Zellen 
nach  dem  Verfahren  von  Arneth  ergibt  in  der  ersten  Woche  eine  : 
starke  Linksverschiebung;  der  Index  ist  bis  auf  90  erhöht  anstatt  I 
der  normalen  Zahl  von  62.  Später  nähern  sich  die  Kernverhältnisse  i 
mehr  der  Norm. 

Die  Veränderungen  sind  sehr  ausgesprochen  und  für  Pocken  in  , 
hohem  Maasse  eigentümlich.  Ich  kenne  nur  eine  Krankheit  mit  ähn-  | 
lichem  Blutbild,  nämlich  Varizellen,  die  ich  auch  in  einer  grossen 
Zahl  von  Fällen  während  20  Krankheitstagen  planmässig  untersucht  ; 
habe.  Bei  Varizellen  ergibt  die  Differentialzählung  sehr  ähnliche 
Verhältnisse  wie  bei  Pocken;  es  besteht  aber  ein  grundsätzlicher  | 
Unterschied  in  dem  Fehlen  von  Leukozytose.  Die  Gesamtzahl  der  ! 
weissen  Zellen  ist  bei  Varizellen  in  der  Regel  sogar  niedriger  als  j 
normal;  nur  in  einzelnen  Fällen  erhöht  sich  die  Zahl  zwischen  dem  ; 
8.  und  10.  Krankheitstage  ganz  leicht  und  gibt  Anlass  zu  Durch-  t 
schnittswerten  von  10 — 12000  während  dieser  Zeit.  Gerade  für  die  I 
Abgrenzung  der  beiden  Krankheiten  gegen  einander  ist  die  Zählung  j 
der  weissen  Blutkörperchen  von  grosser  Bedeutung. 

In  der  Zahl  der  roten  Blutkörperchen  und  im  Hämoglobingehalt  ; 
des  Blutes  habe  ich  auffällige  Veränderungen  bei  den  Pockenkranken  j 
nicht  nachweisen  können,  wenn  auch  eine  geringe  Herabsetzung  der 
Werte  um  10—20  Proz.  nicht  selten  ist.  Nennenswerte  degenerative 
Veränderungen  der  Form  der  roten  Zellen  habe  ich  auch  nicht  beob¬ 
achtet.  Für  Varizellen  gilt  das  gleiche. 

Da  jetzt  häufiger  hier  und  da  Pocken  auftreten,  wo  man  sie  früher 
gar  nicht  kannte,  glaube  ich,  dass  meine  Beobachtungen  sich  bei 
der  Feststellung  erster  Fälle  mit  Nutzen  verwenden  lassen  werden. 
Ich  habe  mit  diesem  Verfahren  gelegentlich  Fälle  am  ersten  und 
zweiten  Krankheitstage  festgestellt,  bei  denen  jeder  andere  Anhalt 
fehlte  und  das  Krankheitsbild  selbst  auf  Grund  der  anderen  Zeichen 
erst  mehrere  Tage  später  deutlich  wurde.  Die  Blutuntersuchung 
sollte  daher  in  jedem  irgendwie  verdächtigen  Falle  unverzüglich  vor¬ 
genommen  werden. 

Zusammenfassung: 

Bei  Pocken  treten  im  Blut  regelmässig  Veränderungen  auf,  die  j 
für  die  Krankheit  eigentümlich  sind,  insbesondere  starke  Vermehrung  < 
der  Leukozyten  vom  vierten  Krankheitstage  ab,  starke  relative  I 
Lymphozytose,  hohe  Eosinophilie,  anfänglich  hoher  Arnethindex,  und 
Gegenwart  von  Myelozyten. 

Ein  ähnliches  Blutbild  findet  sich  nur  bei  Varizellen,  bei  denen  * 
aber  die  Gesamtzahl  der  Leukozyten  im  allgemeinen  eher  vermindert  j| 
ist,  bis  auf  gelegentliche  leichte  Steigerung  um  den  8.  bis  10.  Krank-  | 
heitstag. 

Die  Blutuntersuchung  kann  in  verdächtigen  Fällen  für  den  Nach¬ 
weis  der  Krankheit  ausschlaggebende  Bedeutung  gewinnen. 


Aus  der  Medizinischen  Universitäts- Poliklinik  Leipzig. 
(Direktor:  Prof.  Dr.  Rolly.) 

Die  Bedeutung  der  abdominellen  Luftansammlungen  für 
die  röntgenologische  Darstellung  von  Leber-  und  Gallen¬ 
blasenerkrankungen. 

Von  Dr.  Robert  Nussbaum. 

Richtige  röntgenologische  Beurteilung  von  Erkrankungen  der 
Leibeshöhle  beruht  wie  auch  sonst  auf  genauer  Kenntnis  der  physio¬ 
logischen  Vorgänge  und  des  pathologisch-anatomischen  Verhaltens 
der  Organe.  Natürlich  müssen  auch  die  topographischen  Verhältnisse 
klar  sein.  Trotzdem  ist  eine  genaue  Differenzierung  erst  durch  gute  i 
Kontraste  möglich,  die  uns  aus  dem  gleichmässigen  Schattenbereich 
diagnostisch  wertvolle  Bilder  plastisch  herausarbeiten.  Unter  physio-j 
logischen  Verhältnissen  bietet  ja  die  Betrachtung  des  Bauchphoto-  ! 
gramms  einen  bestimmten  Wechsel  von  Licht  und  Schatten,  mehri! 
oder  weniger  vollkommene  Aufhellungen,  d.h.  lufthaltige  Teile,  neben.! 
schlcierartigem  bis  kompaktem  Schatten.  So  zeichnen  sich  die  grösse¬ 
ren  Organe,  wie  die  Leber  und  Milz,  in  groben  Linien  heraus,  auch 
die  Magenformen  im  Kardia-  und  Fundusteil  stellen  sich  dar,  das  !| 
weitere  Schattenbild  aber  bleibt  unklar  und  ohne  Kontraste  feineren 
Erwägungen  und  Folgerungen  verschlossen.  Wir  verwenden  daher 
zur  Erzielung  einer  Kontrastwirkung  einen  Brei  aus  Schwermetallen, 
z.  B.  von  Baryum  oder  Wismut.  Dadurch  taucht  das  Magen-Darmrohr 
aus  dem  Leibesschatten  heraus  und  stellt  die  Magen-  Darmsilhouette 
plastisch  dar,  während  auch  die  übrigen  Organe  mehr  oder  weniger 
differenziert  werden  können,  und  zwar  nur  an  den  Stellen,  wo  nor¬ 
malerweise  sich  Luft  befindet,  z.  B.  in  der  Flexura  hepatica,  lienalis, 
selbst  im  Ramus  descendens  duodenalis.  Auch  die  Magenblase,  die 
zuweilen  einen  enormen  Lufttrichter  darstellt,  verstärkt  die  Kontrast¬ 
wirkung  im  höchsten  Grade.  Natürlich  können  pathologische  Vor¬ 
gänge  die  Luftmengen  vermehren,  sei  es,  dass  abnorme  Gärungen 
aufreten  und  die  Darmschlingen  meteoristisch  aufblähen,  oder  dass 


0.  August  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIET. 


1053 


erschlösse  sich  einstellen  und  dadurch  abnorme  Gärungen  zustande 
ommen,  oder  schliesslich  dass  durch  Perforationen  freies  Gas  in  die 
auchhöhle  Übertritt.  Derartige  spontane  Luftansammlungen  können 
ertvolle  diagnostische  Aufschlüsse  geben,  in  manchen  Fällen  besser 
s  die  metallischen  Kontrastmittel.  Man  hat  darum  von  jeher  ver- 
icht,  die  Luftkontraste  in  richtiger  Form  auszunutzen  und  auch 
instlich  die  Gasansammlungen  zu  vermehren.  So  Hess  man  im 
lagen  durch  Gaben  von  Weinsteinsäure  und  Natron  eine  genügende 
enge  von  Kohlensäure  sich  entwickeln  (Löffle  r),  musste  natürlich 
ne  Ueberdosierung  scheuen,  zumal  bei  Ulcera  des  Magens  und 
hweren  Verwachsungen,  da  sonst  leicht  durch  bedrohliche  Hem- 
ung  Perforationen  und  Zerreissungen  eintreten  können.  Auch  Luft- 
lfuhr  mittels  Gebläse  kommt  noch  in  Frage;  hier  bestehen  natürlich 
e  gleichen  Kautelen,  nur  haben  wir  die  Dosierung  mehr  in  Gefühl 
id  Kontrolle.  Einen  Fortschritt  auf  dem  Gebiete  der  Luftkontraste 
^deutete  es  nun,  als  Rautenberg  und  G  o  e  t  z  e  Gas  in  die  Pcri- 
.nealhöhle  unter  aseptischen  Kautelen  einleiteten,  womit  sie  gleich- 
im  neben  das  Positiv  der  Baryumwismutkontraste  das  Negativ  der 
uftkontraste  stellten.  Ueber  die  Technik  soll  weiter  unten  kurz  ge¬ 
rochen  werden.  Die  Methode  ist  jetzt  so  vervollkommnet,  dass  sie 
e  diagnostische  Forschung  sehr  befruchtet  hat.  Es  soll  im  folgenden 
in  untersucht  werden,  welche  Bedeutung  diese  Methode  und  die 
irigen  abdominellen  Gasansammlungen  insbesondere  für  die  Er- 
mnung  von  Lebererkrankungen  und  krankhaften  Veränderungen  der 
alienblase  in  ihren  Beziehungen  zur  Nachbarschaft  haben. 

Die  topographisch-anatomischen  Verhältnisse  der  Leber  gestatten 
is  in  normalen  Fällen  eine  relativ  gute  Abgrenzung  gegenüber  der 
mgebung  durch  die  respiratorische  Verschieblichkeit,  da  die  sagittal 
■stellte  Bauchfellduplikatur,  das  Ligamentum  coronarium,  am 
.vechfell  haftet,  ebenso  mit  dem  Ligamentum  falciforme  und  trian- 
ilare  dextrum  teilweise  fixiert  ist.  Auch  das  Ligamentum  hepato- 
lrcnicum  hält  die  Leber  zum  Teil  an  der  Rückwand  des  Bauches 
st;  ferner  ist  sie  durch  die  akzessorischen  Bänder  der  mesenterialen 
latte  festgehalten.  Dadurch,  dass  sie  sich  nun  mit  der  Kuppel  der 
verchfellunterfläche  fest  anschmiegt,  folgt  sie  den  Bewegungen  des 
.verchfelles.  Dje  Leber  tritt  nun  in  innige  Beziehungen  zu  den  Nach- 
irorganen,  so  zur  Kardia  und  zum  Pylorus  des  Magens,  durch  das 
gamentum  hepatogastricum  mit  diesem  verbunden.  Die  Leber 
lerlagert  mit  dem  linken  Anteil  die  Kardia  und  die  kleine  Kurvatur 
ir  mit  dem  Lobus  quadratus  die  Pylorusgegend.  Natürlich  müssen 
:i  derartig  innigem  Konnex  entzündlich-adhäsive  Prozesse  sehr 
echselnde  und  dennoch  charakteristische  Bilder  geben,  so  bei 
hwartigen  Infiltrationen,  Tumoren  oder  Exsudaten.  Allerdings  ge- 
ähren  hier  nur  feinste  Kontrastbilder  Aufschlüsse,  besonders  dann, 
enn  die  Palpation  nur  über  Konsistenz,  Resistenz,  Sitz  und  Beweg- 
üikeit  aussagt,  über  Einzelheiten  aber  im  Stich  lässt.  Wie  sind 
u n  die  physiologischen  und  pathologischen  Ver- 
iltnisse  beim  Pneumoperitoneum  in  der  Leberregion? 

Beim  Pneumoperitoneum  hebt  sich  in  normalen  Fällen  das 
.verchfell  in  einer  nach  oben  konvexen  Bogenlinie  von  der  Leber- 
lerfläche  ab,  wodurch  ohne  weiteres  eine  Betrachtung  der  Leber- 
lppel,  in  geeigneten  Fällen  durch  die  Kontrastwirkung  auch  des 
iberparenchyms  möglich  ist,  indem  Aufhellungen  und  Verdichtungen 
stimmte  Schlüsse  zulassen.  Normalerweise  erkennt  man  neben 
■m  Zwerchfellansatz  das  Ligamentum  teres  mit  dem  medianen  Fett- 
ppen,  der  frei  pendelt.  Die  Gallenblase,  die  als  rundliche,  knopf- 
tige  Vorstülpung  des  Leberschattens  imponiert,  aber  nur  selten  zu 
fferenzieren  ist,  kann  zuweilen  schon  dutgh  das  gasgefüllte  Quer- 
ilon  zur  Darstellung  kommen.  Letzteres  pflegt  sich  allerdings  nur  in 
lsnahtnefällen  zwischen  Leber  und  Zwerchfell  zu  drängen.  Zu  er- 
nnen  ist  diese  Anomalie  durch  den  Hochstand  des  Zwerchfelles 
;w.  durch  die  Abwärtsdrängung  der  Leber,  während  in  dem  luft- 
itüliten  Raume  die  Haustrierung  des  Darmes  auffällt.  Aelmliche 
ilder  entstehen  durch  die  subphrenischen  Gasansammlungen  infolge 
rforierter  Abszesse  der  Leber  oder  von  Magen-Darmgeschwüren 
Veiland  und  Popper)  und  dadurch  entstehenden  subphreni- 
hen  Abszess  oder  Pyopneumothorax  mit  Eiter  und  Gasbildung, 
ierbei  wird  die  Leber  nicht  selten  bis  zur  Nabellinie  nach  unten  und 
ich  seitlich  abgedrängt,  andererseits  ein  Hochstand  des  Zwerchfelles 
■wirkt  und  seine  respiratorische  Beweglichkeit  eingeschränkt  oder 
ügehoben  (W  e  i  n  b  e  r  g  e  r).  Eine  helle  Luftschicht  unter  dem 
•verchfellbogen  und  darin  ein  beweglicher  Flüssigkeitsspiegel  sichern 
e  Diagnose.  Solche  Bilder  können  Bedeutung  gewinnen  für  lokali- 
crte  eitrige  Peritonitiden  und  entzündlich  fibröse  Verklebungen  mit 
■n  Nachbarorganen,  z.  B.  zu  beiden  Seiten  des  Ligamentum  suspen- 
irium  hepatis  zwischen  Leber  und  Zwerchfell,  eventuell  auch  durch 
troperitoneale  Gasansammlung.  Es  fällt  auf,  dass  bei  all  der 
teransammlung  und  Gasbildung,  die  oft  nur  spärlich  sein  kann 
lichaud),  bei  Beteiligung  der  Peritonealtaschen  die  Leber  zwar 
utlich  hervortritt,  aber  kleiner  erscheint,  was  wohl  auf  einer  Vcr- 
mtung  der  Leber  beruht.  Am  Zwerchfell  selbst  werden  wir  weniger 
kennen  können,  da  es  als  ausgespannte,  zarte  Sehnenmuskelplatte 
ner  näheren  Betrachtung  kaum  zugänglich  ist.  Wohl  aber  klärt  es 
seiner  Beziehung  zur  Leber  über  manche  Erkrankung  frühzeitig 
if.  Wenn  nun  auch  das  Zwerchfell  die  Formen  der  Leber  wicder- 
bt,  so  müssen  wir  doch  berücksichtigen,  dass  es  Formveränderungen 
ifzuweisen  vermag,  die  krankhafte  Zustände  der  inneren  Organe 
irtäuschen  können.  Insbesondere  müssen  wir  die  Zwerchfellneurosen 
isschalten,  bei  denen  der  sensorische  Anteil  des  Nervus  phrenicus. 


der  das  Zwerchfell  versorgt,  oft  durch  organische  Erkrankungen  der 
Brust-  und  Bauchorgane  geschädigt  ist.  Auch  kann  schon  rein  örtlich 
auch  mechanische  Beeinflussung  in  der  Brust-  und  Bauchhöhle  Lage 
und  Beweglichkeit  des  Zwerchfelles  stören.  Nach  Rieder  soll  so¬ 
gar  der  Luft-  und  Gasgehalt  des  Magen-Darmrohrs  eine  zwerchfell¬ 
regulatorische  Bedeutung  besitzen.  Natürlich  kommt  in  solchen  Fäl¬ 
len,  wo  eben  krankhaft  erscheinende  Empfindungsstörungen  und  Form¬ 
veränderungen  am  Zwerchfell  sich  einstellen,  der  Trennung  des 
Zwerchfelles  von  der  Leber  durch  Luftkontrast  irgendwelcher  Art 
eine  entscheidende  Bedeutung  zu.  In  diesem  Fall  könnte  z.  B.  ein  hef¬ 
tiger  Schulterschmerz  bereits  die  Annahme  eines  mechanisch  wirken¬ 
den  Reizes  oder  auch  entzündlicher  Veränderungen  rechtfertigen 
(0  e  h  1  e  c  k  e  r),  vielleicht  infolge  Reizung  des  Nervus  phrenicus  im 
Gebiet  der  Verzweigungsäste  des  Ligamentum  Suspensorium  hepatis 
und  der  Nerven  unter  der  Serosa  der  Leberkonvexität  (Quincke) 
durch  Mitreizung  der  Anastomosen  mit  dem  Plexus  cervicalis  in  der 
4.  Zervikalwurzel.  Erhöhter  Schmerz  lässt  eine  Kapselspannung  ver¬ 
muten,  z.  B.  bei  der  Stauungshyperämie,  so  dass  die  von  aussen  ein¬ 
wirkende  Luft  durch  ihren  Druck  den  Schmerz  erhöhen  muss.  Natür¬ 
lich  beruht  der  Schmerz  auf  Dehnung  von  Verwachsungen,  welche 
durch  entzündliche  lokale  flächenhafte  Prozesse  -am  Zwerchfell  zu¬ 
stande  kommen,  wobei  auch  die  Nachbarorgane,  wie  Pleura  und 
Leber,  ergriffen  werden.  Solche  Verklebungen  sind  leicht  feststellbar, 
da  die  eingelassene  Luft  die  Leber  nicht  vom  Zwerchfell  abdrängen 
kann  oder  nur  unvollständig,  so  dass  kleine  Schattenbrücken  erhalten 
sind,  die  wir  als  Verwachsungsstränge  zwischen  viszeralem  und 
parietalem  Blatt  zu  deuten  haben,  wie  wir  es  gerade  bei  der  Bauch¬ 
felltuberkulose  der  Kinder  oft  feststellen  können  (G  e  1  p  k  e  und 
Rupprecht). 

Klare  Bilder  erhalten  wir  über  Grösse,  Form,  Lage  der  Leber  und 
Gallenblase.  In  Rückenlage  des  Kranken  kommen  Oberfläche  und 
obere  Kuppe  der  Leber  zum  Vorschein.  Durch  Drehen  des  Kranken 
auf  die  linke  Seite  betrachten  wir  den  glatten  und  scharfen  unteren 
Leberrand  und  den  rechten  Leberlappen.  Der  kleinere  linke  Leber¬ 
lappen  wird  in  rechter  Seitenlage  sichtbar  und  verschwindet  im 
Stehen,  während  der  rechte  Leberlappen  heraustritt  und  frei  am  Cen¬ 
trum  tendineum  in  die  Bauchhöhle  hineinhängt.  Die  untere  Fläche  ist 
auch  hier  nicht  zu  sehen,  da  die  Leber  mit  ihrer  Schwere  in  den  Darm¬ 
schatten  eintaucht.  Am  besten  betrachtet  man  zu  diesem  Zwecke  auf 
dem  Trochoskop  in  Bauchlage,  wobei  die  Leber  schön  und  plastisch 
in  ihrer  Grösse  und  Form  demonstriert  wird,  indem  sie  ganz  von  Luft 
umspült  wird  und  nach  unten  zu  gegen  die  Nieren  gut  kontrastiert.  In 
Seitenlage  können  wir  Veränderungen  an  der  Leberoberfläche  wie 
höckerige  Gummata  (A  s  s  m  a  n  n)  erkennen  oder  grosse  Karzinom¬ 
knoten  (R  a  u  t  e  n  b  e  r  g),  auch  andere,  luische  Veränderungen,  wie 
starre  und  stumpfwinklige  Abknickungen  der  Leber,  während  normal 
der  Rand  scharf  und  glatt  ist.  Bei  der  Polyserositis  fibrosa  kommen 
selbst  feine  Unebenheiten  der  Leberoberfläche  zum  Vorschein,  be¬ 
sonders  bei  der  zirrhotisch-hypertrophischen  Form  (Zuckergussleber, 
Pseudoleberzirrhose).  Rautenberg  beschreibt  auch  feinere  Unter¬ 
schiede  in  der  Leberstruktur  v-  normale  Leberdellen,  gröbere  Ver¬ 
änderungen,  wie  Schrumpfleber,  Schnlirleber,  Schnürfurchen.  Andere 
stellen  herdförmige  Defekte  bei  akuter  gelber  Leberatrophie  fest.  In 
einem  anderen  Fall  fiel  innerhalb  des  Leberschattens  eine  Gasblase 
mit  darin  befindlichem  horizontalen  Niveau,  nicht  weit  von  der 
Zwerchfelloberfläche  entfernt,  auf  —  ein  intrahepatischer  Abszess,  der 
durch  Operation  bestätigt  wurde.  Die  Abszesse  sind  durch  Aufhel¬ 
lungen  und  Aussparungen  in  dem  kompakten  homogenen  Leberschat¬ 
ten  unschwer  zu  erkennen,  zumal  wenn  sie  eine  Luftblase  als  Aus¬ 
druck  bestehender  Gärungsprozesse  beherbergen.  Liegen  die  Abszes¬ 
se  der  Oberfläche  nahe,  so  kommt  es  nicht  selten  zu  zirkumskripten, 
fibrinösen  Entzündungen  der  Leberserosa,  welche  auch  auf  das  Peri¬ 
toneum  parietale  übergreifen  können  und  so  die  Diagnose  erschwe¬ 
rende  Verklebungen  im  Gefolge  haben.  Aehnliche  Bilder  haben  wir 
bei  Zystenleber  und  Echinokokkus.  Assmann  fand  einen  ver¬ 
kalkten  Echinokokkus  als  Nebenbefund  bei  einem  Pyloruskarzinmn. 
Nach  Part  sch  ist  die  Leberkontur  an  dem  Sitz  der  Zvste  aufge¬ 
rauht,  aufgetrieben  und  bucklig  verändert.  Die  Aufrauhung  war  durch 
die  strahlige  Zystenmembran  bedingt,  in  einem  anderen  Fall  durch  ein 
stark  ausgebildetes,  subseröses,  prall  gefülltes  Venennetz  in  der  Nach¬ 
barschaft  der  Zyste.  Natürlich  ist  die  Diagnose  nur  dann  sicher,  wenn 
der  Parasit  sich  an  der  Oberfläche  entwickelt  hat  oder  den  unteren 
Rand  in  mächtiger  Vorwölbung  überragt. 

Ueberhaupt  ist  die  Grösse  der  Leber  neben  Lage  und  Form  sehr 
wichtig.  Eine  kleine  Leb.er  finden  wir  bei  den  atrophischen  Formen 
der  Zirrhose,  müssen  uns  aber  vor  Täuschungen  hüten,  da  durch  die 
Lufteinblasung  die  Leber  gekantet  wird  und  so  kleiner  erscheinen 
kann.  Bei  interstitieller  Hepatitis  kann  nach  Rautenberg  infolge 
starrer  Leber  eine  Kantenstellung  ebenso  eintreten.  Sind  aber  die 
Gallenwege  dauernd  gestaut  und  kommt  es  zur  Stauungsinduration, 
so  können  wir  eine  gewaltig  grosse,  kugligrunde  Leber  vorfinden. 
Natürlich  können  wichtige  differentialdiagnostische  Aufschlüsse  ge¬ 
geben  werden  auch  gegenüber  gewissen  Tumoren  des  Leibes,  wie 
Ovarialtumoren  oder  Nierentumor.  So  gelang  es  uns,  in  einem  Fall 
einwandfrei  eine  Schntirleber  mit  einem  pendelnden  Hepar  lobatus 
festzustellen,  wo  von  anderer  Seite  ein  Nierentumor  angenommen  und 
Operation  dringend  empfohlen  wurde. 

Bei  Erkrankungen  der  Gallenwegc,  speziell  bei  Cholelithiasis  und 
ihren  Folgen,  bringt  uns  das  Pneumoperitoneum  —  wie  überhaupt 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  3 


1054 


der  Luftkontrast  —  diagnostisch  in  vielen  Fällen  einen  guten  Schritt 
vorwärts.  Schütze  sieht  zwar  in  dieser  Methode  nach  seiner  Er¬ 
fahrung  keine  Bereicherung  der  diagnostischen  Hilfsmittel,  da  die 
Luft  nach  seiner  Ansicht  den  letzten  Kontrast  der  Gallensteine  fort¬ 
nimmt.  Nur  bei  stark  gefüllter  Gallenblase  empfiehlt  er  die  Methode 
und  rät,  auch  den  Dickdarm  mit  Luft  vom  Darm  aus  zu  füllen.  Bei 
normaler  Gallenblase  oder  nur  leicht  vergrössertcr  gibt  das  Pneumo¬ 
peritoneum  kein  sicheres  Bild.  Allerdings  wird  eine  mobile  Gallen¬ 
blase,  die  z.  B.  am  Ductus  cysticus  pendelt,  gut  zur  Darstellung  kom¬ 
men.  Sind  Verwachsungen  eingetreten,  so  sind  sie  an  den  Einbezie¬ 
hungen  der  Nachbarorgane  in  die  schwieligen  Bildungen  indirekt  zu 
erkennen.  Je  nachdem,  ob  pendelnde  oder  fixierte  Gallenblase,  müssen 
wir  unsere  diagnostischen  Schlüsse  ziehen.  Neben  der  Lage  inter¬ 
essiert  die  Form  und  Grösse.  Bei  Gallenstauung  oder  -steinen  über¬ 
ragt  die  Gallenblase  den  Leberrand,  ist  beim  Atmen  in  Rückenlage 
als  rundlicher  Puffer  gut  abzugrenzen.  In  haiblinker  Seitenlage  über¬ 
ragt  er  gut  die  untere  Leberkante.  Bei  stärkerer  hydropischer  An¬ 
spannung  ist  auch  grössere  Schattendichte  vorhanden.  Natürlich  ist 
auch  auf  Unebenheiten  der  Oberfläche  zu  achten,  wie  sie  gerade  bei 
Steinen  und  Krebs  charakteristisch  sind.  Die  Gallensteine  selbst  sind 
nicht  leicht  darstellbar.  Je  kalkreicher,  um  so  kontrastreicher;  Chole¬ 
sterinkalksteine  heben  sich  am  besten  ab.  Reine  Cholesterinsteine 
sind  für  Röntgenstrahlen  gut  durchlässig,  also  auf  der  Platte  unsicht¬ 
bar.  Besteht  bei  Gemischsteinen  die  Rinde  aus  Kalk,  d.  h.  Bilirubin¬ 
kalk,  so  dass  die  Form  eines  Kranzes  oder  Ringes  entsteht,  so  zeich¬ 
net  ein  solcher  kalkhaltiger  Stein  meist  gute  Schatten  auf  die  Platte. 

Wenn  zum  Schluss  ein  Wort  über  die  Technik  gesagt  werden  soll, 
so  hat  sich  uns  das  Verfahren  nach  Goetze  bewährt.  Nach  gründ¬ 
licher  Entleerung  des  Darmes  Beckenhochlagerung  und  Einstich  in 
halbrechter  Seitenlage  oberhalb  der  Spina  anterior  superor  links 
analog  etwa  dem  MacBu rn ey sehen  Punkt  unter  den  üblichen  Kau- 
telen  mit  „Denccke-Nadel“;  1500 — 2000  ccm  Sauerstoff  oder  Stick¬ 
stoff  aus  dem  Pneumothoraxapparat  unter  Manometerkontrolle.  Man 
kann  auch  Kohlensäure  verwenden,  die  schneller  resorbiert  wird. 
Denn  die  anderen  Gase  können  noch  tagelang  im  Peritonealraum  Zu¬ 
rückbleiben  und  besonders  beim  Aufrichten  Beschwerden  machen,  da 
die  schlaffen  grossen  Organe  am  Zwerchfell  einen  Zug  ausüben  und 
rein  mechanisch  die  Phrenikusendigungen  zeigen  können.  Am  besten 
ist  natürlich,  nach  der  Pünktion  das  Gas  wieder  abzulassen. 

Das  Pneumoperitoneum  ist  eine  wertvolle  Bereicherung  unserer 
diagnostischen  Hilfsmittel  bei  Leber-  und  Gallenleiden  und  in  der 
richtigen  Hand  ungefährlich.  Natürlich  besteht  eine  Kontraindikation 
bei  fieberhaften  peritonitischen  Prozessen.  Sonstige  Gefahren  be¬ 
stehen  nicht,  so  etwa  Gasembolien,  Lösung  bestehender  Verwach¬ 
sungen,  Darmverletzung,  Gefässbeschädigung  mit  Blutung,  grösseres 
Hautemphysem.  Der  Erfolg  hängt  wie  immer  von  der  Sicherheit  und 
der  Erfahrung  des  Operateurs  ab. 


Verbesserung  der  Magenröntgendiagnose  durch  Luft¬ 
aufblähung  des  Dickdarms  (Pneumokolon). 

Von  Dr.  Walter  Förster,  Oberarzt  d.  Städtischen  Kranken¬ 
hauses  Suhl 

Wer  viel  mit  Röntgendiagnostik  des  Magens  zu  tun  hat,  wird 
gleich  mir  oft  bei  dicken  oder  schlecht  vorbereiteten  Kranken  über 
die  Undeutlichkeit  der  Bilder  zu  klagen  gehabt  haben.  Ich  konnte 
dann  durch  Luftaufblähen  des  Dickdarmes  meist  die  Magengrenzen 
so  überraschend  gut  zur  Sicht  bringen,  dass  ich  dies  Verfahren  nur 
allgemein  empfehlen  kann.  Beim  Durchsuchen  nach  geeigneter  Lite¬ 
ratur  stellte  ich  dann  fest,  dass  Meyer-Betz1)  diese  Methode 
des  „Pneumokolon“  schon  für  Sichtbarmachen  der  Leber  1914  warm 
empfahl.  Um  dies  gleich  nebenbei  zu  erwähnen,  werden  tatsächlich 
Leber  und  Milz  oft  überraschend  deutlich  und  greifbar  plastisch  dem 
Auge  dargestellt. 

Ich  pflege  gewöhnlich  so  vorzugehen: 

Der  Kranke  bekommt  seinen  Baryumsulfatbrei,  wird  vor  den  Schirm 
gestellt  und  beobachtet.  Eine  schnell  durchgepauste  Skizze  hält  das  Bild 
fest.  Nun  legt  sich  der  Kranke  auf  die  linke  Seite,  durch  ein  Darmrohr  wird 
langsam  solange  mit  einem  kleinen  Gebläse  Luft  eingeblasen,  bis  'der  Kranke 
eine  leichte  Spannung  fühlt.  Mit  der  linken  Hand  kontrolliere  ich  gewöhnlich 
den  Leib  selbst.  15 — 20  mal  genügt  es  meist,  den  Gummiball  auszupressen. 
Zu  starke  Füllung  ist  natürlich  zu  vermeiden,  sonst  klagen  die  Kranken 
sehr;  einmal  erlebte  ich  dabei  sogar  bei  einem  besonders  zarten  jungen 
Menschen  leichte  Schwächeanwandlung  mit  Gesichtsblässe  und  Schfveiss- 
ausbruch.  Ausserdem  Verzieht  zu  starke  Aufblähung  den  Magen,  der  unter 
Umständen  hoch  hinauf  unter  die  linke  Zwerchfellkuppel  steigen  kann  und 
..wie  im  Schock“  seine  Tätigkeit  einstellt.  Da  wird  es  dem  Beobachter  so¬ 
fort  klar,  wie  innig  Dickdarmfüllung  und  Magenstand  voneinander  ab- 
hängen,  wie  stark  ein  geblähter  Magen  und  Dickdarm  das  Herz  belästigen 
können. 

Nun  stellt  sich  der  Kranke  schnell  wieder  vor  den  Schirm.  Wunderbar 
deutlich  liegt  nun  der  ganze  Magen  da,  umkränzt  von  dem  hellen,  luft¬ 
geblähten  Kolon.  Offenbar  drückt  das  gefüllte  hochgestiegene  Querkolon 
den  Magen  sanft  an  die  vordere  Bauchwand  und  bringt  ihn  dadurch  so  schön 
zur  Geltung.  Schon  M  e  y  e  r  -  B  e  t  z  weist  in  jener  Arbeit  darauf  hin. 
dass  ..die  Grenze  zwischen  dem  Luftraum  und  einem  stärker  absorbie-'oiden 
Körper  um  so  deutlicher  und  schärfer  sein  werden,  je  näher  beide  dem 
■  ’hirm  oder  der  Platte  liegen  — “.  Das  ist  ja  klar. 


Eine  nun  sofort  angelegte  zweite  Skizze  zeigt  im  Vergleich  zur  erst( 
dass  durch  das  „Pneumokolon“  der  Magen  etwas  aus  seiner  ursprünglich 
Lage  gebracht  werden  kann,  bald  mehr  nach  rechts  oder  links,  bald  n;i 
oben  oder  unten.  Man  kann  hier  schon  wichtige  Schlüsse  ziehen  auf  die  La 
des  Querkolons  zum  Magen.  Verwachsungen.  Länge  des  Mesocolon  transve 
usw.  Eine  zu  starke  Blähung  muss  man,  wie  schon  gesagt,  va  , 
meiden.  Im  grossen  und  ganzen  kann  man  aber  sagen,  dass  eine  mässi 
Blähung  die  Tätigkeit  des  Magens  nicht  beeinträchtigt,  sondern  nur  d 
gnostisch  fördernd  wirkt. 

Besonders  angenehm  auffallend  ist  auch  bei  diesem  Pneutn 
Kolon  ein  oft  prächtiges  Sichtbarwerden  des  Duodenum.  Es  tritt  . 
ein  an-  und  abschwellender  feiner  schwarzer  bandartiger  Streif] 
zutage,  so  dass  man  seinen  Lauf,  etwaige  Ausstülpungen  und  Vt 
Ziehungen  studieren  kann  und  öfters  besonders  schon  den  Bulbus 
Gesicht  bekommt  (vgl.  Chaouls  Arbeit  aus  der  1.  Münch.  Ch 
Klinik,  M.m.W.  1923,  Nr.  9  und  10). 

Ich  glaube,  in  bescheideneren  Verhältnissen,  in  denen  man  Platt 
und  seine  Zeit  schonen  muss  und  nicht  so  erschöpfende  Beobachtu 
gen  machen  kann  oder  —  will,  bietet  gerade  zur  Beobachtung  d 
Duodenum  diese  Methode  des  Pneumokolon  eine  entschiedene  B 
reicherung.  Sie  dürfte  auch  das  umständliche  und  nicht  ganz  uns] 
fährliche  Pneumoperitoneum  in  geeigneten  Fällen  ersetzen,  z.  B.  ;9 
unterstützende  Vorbereitung  bei  Nierenröntgenaufnahmen. 

Freilich  —  eine  gewisse  Uebung  und  Uebersicht  gehört  zu  all 
Methoden.  Wer  eine  Methode  täglich  übt,  wird  mit  ihr  weiterko:] 
men  als  der,  welcher  sie  nur  hie  und  da  anwendet.  So  ist  es 
schliesslich  mit  jeder  Operationsart. 

Zur  Nachprüfung  halte  ich  diese  einfache  Art  des  diagnostisch! 
Hilfsmittels  jedenfalls  der  Mühe  wert,  empfehle  aber  besonders  dl 
Aufblähen  nicht  im  Stehen,  sondern  in  linker  Seitenlage,  um  das  Coli 
ascendeus  mit  zu  füllen. 

Zum  Schluss  möchte  ich  bemerken,  dass  der  gut  entleerte  u 
dann  mit  Luft  geblähte  Dickdarm  derartig  klar  zur  Schau  tritt,  da 
man  jede  Einziehung,  jede  Knickung  deutlich  sieht.  Ich  glaube  sich' 
dass  man  Tumoren  schon  im  frühesten  Stadium  so  erkennen  wir 
vielleicht  besser  als  nach  der  Fis  eher  sehen  Methode.  Denn  d 
zur  Luftaufblähung  noch  eingelassene  Kontrastbrei  kann  m.  E.  gera 
einen  kleinen  Tumor  leicht  mit  in  seinen  Schatten  nehmen.  Do 
fehlen  mir  hierin  noch  grössere  Erfahrung  und  eigene  Beobachtung! 


Zur  Zoelioskopie  und  Gastroskopie*). 

Von  Prof.  Dr.  G.  Kelling,  Dresden. 

Auf  der  Hamburger  Naturforscherversanunlung  1901  dem' 
strierte  ich  an  einem  lebenden  Hund  die  Besichtigung  der  Baut 
höhle  nach  Luftaufblähung  mittels  Zystoskopes  (Verhandlungen  t 
Ges.  Hamburg  1901,  II.  Bd„  2.  Teil,  S.  119;  und  M.m.W.  1902  Nr.  I 
Jacobäus  publizierte  1910  in  Nr.  40  dieser  Wochenschrift  dl 
gleiche  Verfahren  unter  dem  Namen  Laparoskopie.  Dann  habl 
in  Deutschland  noch  darüber  veröffentlicht  Korb  sch  (M.m.W.  1(1 
Nr.  26),  und  ganz  neuerdings  Unv  er  rieht  (Klin.  Wsclir.  1( 
Nr.  11).  Dass  ich  mich  jetzt  wieder  mit  der  Methode  beschäft 
habe,  hat  in  der  Hauptsache  ökonomische  Gründe.  Die  ungenei 
Teuerung  in  Deutschland  zwingt  dazu,  jedem  Kranken  nach  Möglit 
keit  Verpflegstage,  Verbandmittel  und  insbesondere  möglicherwe 
vermeidbare  Operationen,  wie  Probelaparotomie,  zu  ersparen.  D 
kann  nun  die  Besichtungung  der  Bauchhöhle  in  einer  bestimmten  A 
zahl  von  Fällen  leisten.  Es  besteht  z.  B.  ein  Rektumkarzinom,  u 
man  muss  wissen,  ob  Metastasen  in  der  Leber  vorhanden  siij 
Oder  die  Leber  ist  hart  und  vergrössert:  handelt  es  sich  um  K;l 
zinoin,  um  Syphilis  oder  Zirrhose?  Bei  einem  Magenkarzinom  | 
scheint  die  Leber  verdächtig  auf  Metastasen:  bestehen  solche,  <4 
von  einer  Radikaloperation  absehen  lassen?  Oder  nach  eiil 
Punktion  von  Aszites  will  man  wissen,  ob  Tuberkulose,  KarzinJ 
Zirrhose  vorliegt.  So  z.  B.  fand  ich  bei  einer  43jähr.  Kranken  Vi 
wachsungen  der  Leber  mit  dem  Pylorus  und  Tuberkelknötchen  J 
dem  grossen  Netz.  In  einem  anderen  Fall  —  69  jähr.  Mann  —  wai» 
die  Krebsknoten  der  Leber  sehr  deutlich  zu  sehen.  Bei  eint 
53  jähr.  Mann  mit  Magenkarzinom  war  die  Leber  normal  zu  selil 
Man  erkannte  aber  einen  Tumor  der  grossen  Kurvatur,  der  mit  dl 
Kolon  verwachsen  war,  und  welcher  übrigens  auch  vorher  mit  dl 
Röntgenverfahren  nachzuweisen  war.  —  Bei  einer  63  jährigen  Frlj 
waren  kirschgrosse  Karzinomknoten  der  Leber  mit  Nabelbildu* 
ohne  weiteres  zu  erkennen.  In  einem  Fall  einer  53  jährigen  Frl 
konnte  man  Verwachsungen  der  verdickten  Gallenblase  mit  dl 
Ouerkolon  sehen:  die  Operation  ergab  Gallensteine.  Man  kann  a« 
in  bestimmten  Fällen  von  einer  kleinen  Oeffnung  aus  und  bei  eil' 
Verpflegsdauer  von  etwa  2 — 3  Tagen  zum  Ziele  kommen.  Unter  llj 
ständen  kann  man  auch  Adhäsion,  z.  B.  des  grossen  Netzes  mit  cj 
Bauchdecke,  nachweisen.  Hierbei  muss  man  aber  ganz  besondu 
vorsichtig  Vorgehen. 

Was  die  von  mir  angewendete  Technik  betrifft,  so  verbind 
ich  die  Zoelioskopie  mit  einem  kleinen  Einschnitt  in  die  Baucndecbl 
unter  Lokalanästhesie.  Ist  man  sicher,  dass  der  Magen  nicht  mit  d>»f 
Gastroskop  gleichzeitig  dabei  untersucht  zu  werden  braucht,  ind* 
man  vorher  Krankheiten  desselben  genügend  festgestellt  ori  r  ausy 
schlossen  hat,  so  bevorzuge  ich  die  Linea  alb?,  oberhalb  des  Nab 

*)  Vortrag,  angemeldet  zum  47.  Kongress  der  Deutsch,  Ges.  f.  0 


')  M.m.W.  1914  Nr.  15. 


10.  August  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


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als  den  bequemsten  Ort.  Es  wird  bis  aufs  Peritoneum  anatomisch 
präpariert,  dann  ein  kleiner  Einschnitt  ins  Bauchfell  gemacht.  Ich 
kontrolliere  dadurch  erst,  ob  hier  die  Eingeweide  verschieblich,  also 
nicht  adhärent  sind.  Besteht  hier  eine  Verwachsung,  und  man  ge¬ 
langt  mit  dem  Apparat  in  den  Magendarmkanal,  so  ist  das  lebensge¬ 
fährlich  und  muss  unbedingt  vermieden  werden.  Beim  blinden  Ein¬ 
fuhren  ist  das  aber  immerhin  möglich.  Geht  man  aber  so  vor,  dass 
nichts  geschieht,  was  nicht  durch  das  Auge  kontrolliert  wird,  so  ist 
das  Verfahren  ungefährlich  und  auch  wenig  belästigend  für  den 
Kranken.  Durch  den  Schlitz  führe  ich  den  vorn  abgeschrägten  und 
abgestumpften  Troikart  ein.  Man  könnte  auch  ein  Spülzystoskop 
benützen  und  dadurch  Luft  einblasen.  Da  ich  aber  Wert  darauf  lege, 
immer  Luft  beliebig  zuführen  zu  können  und  auch  die  ganze  Luft 
am  Schluss  der  Untersuchung  bequem  wieder  herauszulassen,  be¬ 
nutze  ich  ein  besonderes  Einführungsinstrument.  Man  denke  sieh 
einen  Troikart  mit  einem  Stilett;  die  Röhre  hat  in  der  Achse  einen 
Hahn,  durch  dessen  Bohrung  das  Stilett  geschoben  ist.  Das  untere 
Ende  der  Röhre  mit  dem  Stilett  ist  unter  45 ü  abgeschnitten,  und  die 
Ränder  sind  abgerundet.  In  die  Hülse  ist  unterhalb  des  Hahnes  eine 
seitliche  Röhre  eingeschmolzen  zur  Luftzuführung,  und  an  dieser  Stelle 
ist  eine  entsprechende  Rille  in  das  Stilett  eingefeilt.  Der  untere  Teil 
der  Hülse  unterhält  die  Luftzuführung,  ist  etwas  weiter  als  der  obere; 
in  den  oberen  passt  das  Zystoskop  gerade  hinein,  so  dass  man  durch 
die  weiteren  unteren  Röhren  bei  der  Besichtigung  jederzeit  Luft  hin¬ 
ein-  und  herauslassen  kann.  Aufgeblasen  wird  die  Bauchhöhle  mittels 
!  eines  Doppelgebläses,  und  die  Luft  wird  vorher  durch  eine  weite 
Glasröhre  mit  steriler  Watte  hindurchgetrieben  und  so  filtriert.  Nach 
1  Aufblasen  der  Bauchhöhle  wird  das  Stilett  entfernt  und  der  Hahn 
geschlossen.  Dann  wird  das  Zystoskop  eingeführt  und  durch  den 
dazu  wieder  geöffneten  Hahn  hindurchgeschoben.  Ich  habe  an  mei¬ 
nem  Zystoskop  Rillen  als  Marken  einfeilen  lassen,  damit  ich  mich 
jederzeit  orientieren  kann,  in  welcher  Tiefe  sich  das  hineingescho¬ 
bene  Ende  des  Zystokops  befindet.  Ich  gleite  an  der  Bauchwand  mit 
dem  Zystoskop  entlang,  unter  Kontrolle  des  Auges  nach  den  Einge- 
weiden  hin  und  nach  rechts  und  links,  damit  nicht  etwa  Adhäsionen 
gezerrt  oder  zerrissen  werden  und  nicht  die  Eingeweide  berührt 
werden.  Die  Lagerung  des  Kranken  wird  nach  Bedarf  gewechselt. 
Am  Ende  stelle  ich  den  Tisch  so,  dass  der  Einstich  die  höchste  Stelle 
I  ausmacht,  und  lasse  nach  Entfernung  des  Zystoskops  die  Luft  gänz¬ 
lich  aus  der  Bauchhöhle  heraus,  zuletzt  unter  vorsichtiger  Ex¬ 
spiration  des  Kranken.  Dann  folgt  eine  Katgutnaht  für  die  Faszie  und 
etwa  3  für  Haut  plus  Unterhautgewebe. 

Nach  Aufblasung  der  Bauchhöhle  kann  man  auch  einen  zweiten 
kleinen  Troikart  nach  Art  des  Fiedler  sehen  einstechen,  dessen 
innere,  unten  abgestumpfte  Röhre  man  vorschiebt.  So  kann  man  die 
Eingeweide  unter  Kontrolle  des  Auges  vorsichtig 
betasten  und  sehen,  ob  die  Wandung  hart  oder  weich  ist  und 
wo  ein  Uebergang  vom  Harten  zum  Weichen  besteht.  Nämlich  harte 
Wandung  gibt  beim  Eindrücken  keine  Delle;  bei  weicher  Wandung 
aber  wird  die  Umgebung  der  Druckstelle  dellenartig  mit  eingedrückt. 
Die  Grösse  der  Delle  richtet  sich  nach  der  Widerstandsfähigkeit  der 
darunterliegenden  Schicht.  Dass  man  einen  kleinen  Haken  zur  Ab¬ 
hebung  der  Leber  einsetzen  kann,  habe  ich  schon  in  der  M.m.W. 
1910,  Nr.  45,  beschrieben.  Eine  dünne  Röhre  ist  um  90°  abgebogen 
und  am  konvexen  Teil  des  Winkels  sind  zwei  Löcher  eingefeilt,  die 
in  die  Achse  sowohl  des  kurzen,  wie  des  langen  Schenkels  gerade 
hineinführen.  Das  Stilett  wird  erst  in  den  kurzen  Schenkel  einge¬ 
führt  und  mit  diesem  in  die  Bauchhöhle  eingebracht,  dann  das  Stilett 
entfernt  und  unter  Nachschieben  der  kurzen  Schenkel  um  90 9  ge¬ 
dreht.  Dann  führt  man  durch  den  langen  Schenkel  einen  zweiten, 
unten  abgerundeten  Stab  ein.  Leichter  ist  es,  einen  zweiten  kleinen 
Einschnitt  zu  machen  und  einen  Harnröhrenkatheter  zu  obigen 
Zwecken  einzuschieben. 

Kontraindikationen  sind  Fettreichtum  des  Bauches  und 
ferner  sehr  straffe  Bauchdecken,  weil  dann  der  Luftraum  zu  klein 
wird,  und  schliesslich  ausgebreitete  Verwachsungen  mit  den  Bauch¬ 
decken,  so  z.  B.  wenn  Operationen  oder  Perforationen  in  den  be¬ 
treffenden  Teil  der  Bauchhöhle  stattgefunden  haben. 

In  zwei  Fällen  habe  ich  an  die  Zystoskopie  direkt  die  Gastro¬ 
skopie  angeschlossen,  und  ich  komme  jetzt  zur  Besprechung  dieser 
Methode. 

Im  Anschluss  an  das  Gastroskop  von  Mikulicz  habe  ich  vor 
mehr  als  zwei  Dezennien  mich  viel  mit  dem  Problem  beschäftigt  und 
auch  meine  Untersuchungen  in  der  M.m.W.  1898,  Nr.  49  und  50,  und 
1902,  Nr.  1,  veröffentlicht.  Es  lässt  sich  ein  Apparat  konstruieren,  in 
dem  man  den  Pylorus-  und  den  Antrumteil  der  kleinen  Kurvatur,  also 
die  Stellen,  auf  welche  es  in  der  Hauptsache  ankommt,  übersehen 
kann.  Solche  Apparate  sind  aber  sehr  kompliziert  und  zurzeit  in 
Anschaffung  und  Reparatur  für  die  meisten  Aerzte  unerschwinglich 
teuer.  Die  Handhabung  ist  auch  nicht  so  einfach  und  nicht  so  bequem 
und  so  gänzlich  ungefährlich  für  die  Kranken,  wie  man  es  für  eine 
diagnostische  Methode  wünschen  möchte.  Mein  Gastroskop  ist  ein 
gegliederter,  biegsam  einführbarer,  unten  winkelig  abgebogener  Ap¬ 
parat,  bei  dem  das  Sehfeld  mit  der  Glühlampe  im  Schnabel  beliebig 
rotierbar  ist.  Das  S  c  h  i  n  d  1  e  r  sehe  ist  ein  gerades  Zystoskop, 
eigentlich  das  alte  Rosenheimsche,  sicher  sehr  viel  einfacher, 
billiger  und  deshalb  praktischer  und,  wo  man  damit  leicht  und  unge¬ 
fährlich  zum  Ziele  kommen  kann,  auch  berechtigt.  Aber  Schindler 
sagt  selbst,  dass  er  in  20—25  Proz.  der  Fälle  den  Pylorus  nicht  sehen 

Nr.  32 


kann  (Boas’  Archiv  f.  Verd.-Krankh.,  Bd.  30,  S.  140).  Er  sagt  ferner, 
dass  ein  negativer  Befund  nicht  beweisend  ist  und  —  was  ein  erheb¬ 
licher  Mangel  ist  —  „dass  der  Antrumteil  der  kleinen  Kurvatur  der 
Besichtigung  am  ehesten  entgeht“  (ebenda  S.  141).  Optisch 
sehr  gut  ist  das  Gastroskop  von  Sternberg  (Medizinische 
Klinik  1923,  Nr.  19).  Der  Hauptvorteil  Sternbergs  beruht 
aber  in  der  freien  Knieellenbogenlage.  Man  stelle  sich  folgen¬ 
des  Problem  vor:  Man  habe  einen  aufgeblasenen  Magen  vor 
sich  und  sei  vor  die  Aufgabe  gestellt,  die  kleine  Kurvatur  und  den 
Pylorus,  als  die  wichtigsten  Stellen,  endoskopisch  sichtbar  zu 
machen,  so  wird  sich  wohl  niemand  eine  solche  feste  Achse  für  die 
Einführung  eines  Zystoskops  wählen,  wie  ihn  der  Oesophagus  dar¬ 
stellt,  sondern  man  wird  sich  ein  Loch  in  die  Nähe  der  grossen  Kur¬ 
vatur  einschneiden  und  hier  ein  Zystoskop  einschieben.  Dann  hat 
man  freies  Spiel  und  kann  alles  von  den  Kardia  bis  zum  Pylorus  ein¬ 
stellen.  Man  kommt  damit  zu  dem  Verfahren,  wie  es  Rovsing 
bei  seinen  Operationen  zur  Aufsuchung  blutender  Magenarterien  an¬ 
gewendet  hat  (Verhandl.  d.  37.  Deutschen  Chir.-Kongr.  1908,  I.  Bd. 
S.  200  und  II.  Bd  S  31)  und  wie  es  dann  Lindstedt  (Ref  in  d. 
D.m.W.  1908,  Nr.  7,  S.  193)  angewendet  hat.  Ich  habe  mich  in  letzter 
Zeit  diesem  Verfahren  in  einigen  geeigneten  Fällen  zugewendet.  Es 
ist  sicher  ungefährlicher  und  ergebnisreicher  und  wenig  belästigend 
für  den  Kranken,  wenn  es  auch  eine  kleine  Laparatomie  im  linken 
Rektus  unter  Lokalanästhesie  nötig  macht.  Ein  Zipfel  des  Magens, 
dessen  Lage  vorher  durch  Luftaufblähung  mittels  Schlundsonde  be¬ 
stimmt  worden  ist,  wird  durch  den  Schnitt  hervorgezogen.  Ich  mache 
das  Loch  in  der  vorderen  Wand  in  der  Nähe  der  grossen  Kurvatur 
und  benutze  zur  Besichtigung  denselben  Apparat,  den  ich  für  die 
Bauchhöhle  verwende,  auch  für  den  Magen.  Besonders  wichtig  ist 
aber,  dass  eine  Beschmutzung  der  Bauchdecken  und  der  Magenwand 
mit  dem  Mageninhalt  vermieden  wird.  Das  geschieht  dadurch,  dass 
ich  das  Operationsfeld  mit  Billrothbattist  bedecke,  in  welchen  ein 
kleiner  Schlitz  eingeschnitten  ist,  und  durch  diesen  ziehe  ich  den 
Zipfel  der  Magenwand.  Mit  kleinen  Hakenklemmen  wird  die  Magen¬ 
wand  an  den  Rand  des  Schlitzes  befestigt.  Das  übrige  ergibt  sich 
von  selbst.  Am  Schluss  wird  die  Luft  herausgelassen,  das  Loch  im 
Magen  vernäht,  dann  kommt  etwas  Jodtinktur  darauf  und  eine  zweite 
seroseröse  Naht  darüber.  Man  kann  nun  entweder  den  Magen  ver¬ 
senken  und  die  Bauchhöhle  schliessen,  oder  man  kann  auch  eine 
Magenoperation  direkt  anschliessen;  ferner  kann  man  eine  Gastro¬ 
stomie  nach  Kader  anschliessen.  Letztere  hatte  ich  noch  keine 
Gelegenheit  bei  Ulcus  zu  machen,  da  den  Kranken  bei  Fistelernährung 
zu  hohe  Verpflegkosten  zurzeit  entstehen.  Man  könnte  aber  bei  Ulcus 
so  Ernährungsversuche  durchführen  und  gleichzeitig  chemische  und 
optische  Kontrollen  damit  verbinden.  Schliesslich  Hesse  sich  auch 
durch  die  Magenfistel  ein  Duodenalschlauch  einführen  und  eine  Duo¬ 
denalernährung  einleitend  Das  Problem,  die  Wirkung  der  internen 
Behandlung  bei  Ulcus  ventriculi  genauer  zu  verfolgen,  ist  meines 
Wissens  auf  diese  Weise  noch  nicht  in  Angriff  genommen  worden. 
Es  lässt  sich  annehmen,  dass  es  Aussichten  zur  Verbesserung  unserer 
Behandlung  bietet.  Ich  habe  nur  eine  Untersuchung  in  dieser  Weise 
machen  können,  indem  ich  die  Wirkung  der  Höllensteinlösung  "bei 
einem  Menschen  mit  Magenfistel  feststellen  konnte.  Eine  solche  Me¬ 
dikation  hilft  bekanntlich  häufig  beim  Ulcus  anämischer  Mädchen, 
trotzdem  Höllenstein  die  Salzsäuresekretion  des  Magens  deutlich 
vermehrt.  Mit  dem  Zystoskop  Hess  sich  nun  feststellen,  dass  Höllen¬ 
stein  auch  die  Magenschleimhaut  stark  hyperämisch  macht  (Boas’ 
Archiv  f.  Verd.-Krankh.,  Nr.  25,  S.  463).  So  wirkt  unter  Umständen 
die  Hyperämie  mehr  heilend,  als  die  Vermehrung  der  Salzsäure¬ 
sekretion  schadet.  Man  wendet  unter  Umständen  auch  die  Jejuno- 
stomie  bei  Ulcus  ventriculi  an.  Ich  plädierte  schon  einmal  dafür 
(Archiv  f.  klin.  Chir.,  117,  S.  96),  hier  noch  eine  Gastrostomie  dazu 
anzulegen,  um  die  pathologische  Physiologie  des  Magens  bei  Ulcus, 
über  welche  wir  zu  wenig  wissen,  studieren  zu  können,  insbesondere 
den  Einfluss  der  Jejunalernährung  auf  die  Magenfunktion. 

In  weiterer  Ausbildung  des  Verfahrens  der  Zoelioskopie  kann 
man  an  der  Tastsonde  Elektroden  anbringen,  um  durch  die  Reizung 
der  berührten  Organe  diagnostische  Aufschlüsse  zu  erhalten. 


Traumatische  Epithelzyste  im  Knochenende  an  einem 
Fingerstumpf  als  Unfallfolge. 

Von  Prof.  Dr.  Sonntag,  Vorstand  des  Chirurgisch-poli¬ 
klinischen  Institutes  der  Universität  Leipzig. 

Nachstehender  Fall  von  traumatischer  Epithelzyste 
an  einem  Fingerstumpf  dürfte  aus  den  unten  genannten 
Gründen  allgemeines  Interesse  beanspruchen. 

Die  Krankengeschichte  ist  kurz  folgende: 

Eine  44  jähr.  Frau  hatte  vor  24  Jahren  einen  Unfall  durch  Maschinenver¬ 
letzung  erlitten,  wobei  das  Endglied  des  linken  Ringfingers  zerquetscht  wurde 
und  abgenommen  werden  musste.  Jetzt  hat  sich  im  Verlaufe  einiger  Wochen, 
und  zwar  angeblich  nach  mehrmaligem  Anstossen,  Schmerz  und  Schwellung 
am  Fingerstumpfende  entwickelt.  Die  Untersuchung  ergab  eine  kolbige, 
druckempfindliche  Knochenverdickung  an  dem  Mittelsgliedende  und  das  Rönt¬ 
genbild  eine  Aufhellung  der  ganzen  distalen  Hälfte  des  anscheinend  an  seinem 
Ende  etwas  schräg  abgesetzten  Mittelgliedknochens  bis  auf  eine  schmale  Rand¬ 
zone.  In  der  Annahme  eines  Knochensarkoms  wurde  der  Fingerstumpf  im 
Qrundgelenk  exartikuliert.  Die  histologische  Untersuchung  des  Präparats  im 

4 


1U56 


Nr.  32. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


hiesigen  pathologischen  Institut  der  Universität  ergab  eine  Epithelzyste, 
welche  sich  im  distalen  Teil  des  Mittelgliedknochens  unter  Aufbruch  des¬ 
selben  bis  auf  eine  schmale  Randzone  entwickelt  hatte  und  in  der  Nähe  des 
erhalten  gebliebenen  Knochens  Riesenzellen  um  Hornschüppchen  aufwies. 


Abb.  t. 


Zunächst  war  auf  Grund  des  Röntgenbildes  und  eines  histo¬ 
logischen  Präparats  ein  Riesenzellensarkom  des  Knochenstumpfes 
angenommen  und  in  dem  eingeforderten  Unfallgutachten  der  Unfall¬ 
zusammenhang  bejaht  worden.  Fingerknochensarkome  sind  nun  aller¬ 
dings  im  ganzen  nicht  häufig.  Immerhin 
sahen  wir  im  Laufe  des  vergangenen 
Jahres  ein  solches  des  Daumenendgiie- 
des  und  ein  solches  des  4.  Mittelhand¬ 
knochens.  An  den  recht  häufigen  Ampu¬ 
tationsstümpfen  der  Finger  oder  sonstiger 
Glieder  sind  freilich  solche  Knochensar¬ 
kome  anscheinend  bisher  überhaupt  noch 
nicht  beobachtet  worden.  Wenn  einmal 
ein  Sarkom  an  einem  soiciien  Stumpf  sich 
entwickeln  würde,  so  läge  die  Annahme 
nahe,  dass  es  dadurch  begünstigt  v/iid, 
dass  das  Stumpfende  nicht  druckgewohnt 
und  öfterem  Anstossen  ausgesetzt  ist; 
man  müsste  in  diesem  Fall  den  Unfall¬ 
zusammenhang  zugeben,  auch  dann,  wenn 
die  allgemein  gültigen  Regeln  über  den 
direkten  Zusammenhang  zwischen  Sar¬ 
kom  und  Trauma,  insbesondere  üie  über 
das  Zeitintervall,  nicht  zutreffen  würden. 

Bei  genauer  histologischer  Unter¬ 
suchung  eines  Fingerquerschnittpräpa¬ 
rats  ergab  sich  nun  aber  die  zweifels¬ 
freie  Diagnose  einer  Epithel- 
zyste.  Offenbar  handelt  es  sich  dabei  um  eine  trau¬ 
matische  Epithelzyste  durch  Einpflanzung  eines  Epidermisteils  in 
die  Tiefe  gelegentlich  der  Verletzung  oder  Wundversorgung  im  Sinne 
von  Reverdin-Garre.  Diese  traumatischen  Epithelzysten  sind  .ia 
genügend  bekannt,  so  dass  ich  eine  Besprechung  mir  hier  ersparen 
kann;  nur  folgende  Punkte  erscheinen  mir  der  besonderen  Erwäh¬ 
nung  wert: 


Abb.|2.  Skizze  des  histologische« 
Präparats  (Fingerquerschnitt). 

1  =  Epithelzyste.  2  =  Granula¬ 
täonsgewebe  mit  Riesenzellen  und 
Hornschüppcben.  3  =:  Knochen- 
schale  um  die  Epithelzyste. 


1.  Die  Epithelzyste  entstand  im  Anschluss  an  eine  Unfallver¬ 
letzung  mit  anschliessender  operativer  Entfernung  des  Endgliedes 
nebst  einem  kleinen  Stückchen  des  Mittelgliedknochens,  wobei  offen¬ 
bar  ein  Epidermisteil  in  die  Tiefe  versenkt  wurde,  und  zwar  ent¬ 
weder  durch  die  Verletzung  selbst  oder  durch  die  Wundversorgung. 
Solche  Fälle  sind  in  der  Literatur  nicht  zu  finden,  dürften  aber  wohl 
öfters  Vorkommen.  Aehnliche  Fälle  sind  aber  beschrieben  im  An¬ 
schluss  an  die  Operation  des  eingewachsenen  Nagels  (Martin), 
Schwielenexzision  (B  1  u  m  b  e  r  g)  usw. 

2.  Klinisch  in  Erscheinung  trat  die  Epithelzyste  erst  nach  24  Jah¬ 
ren.  Dies  ist  ein  bemerkenswert  langer  Zeitraum;  immerhin  sind 
einige  ähnliche  Fälle  beschrieben,  so  von  Gross  (24  Jahre), 
Coenen  (30  Jahre)  usw. 


3.  Unser  Fall  betraf  eine  Frau.  Das  weibliche  Geschlecht  ist  be¬ 
kanntlich  seltener  befallen  als  das  männliche,  dies  aber  doch  wohl 
nur  deshalb,  weil  letzteres  häufiger  Traumen  ausgesetzt  ist. 

4.  Am  Boden  der  Zyste  in  Nachbarschaft  des  erhaltenen  Knochens 
fand  sich  Granulationsgewebe  mit  Riesenzellen  um  Hornschüpp¬ 
chen.  Dieser  Befund  ist  öfters  erhoben  worden  (Böhm,  Hank  e, 
W  ö  r  z,  R  o  e  1  e  n,  Mentschinski  u.  a.) ;  die  Riesenzellen  werden 
dabei  als  Fremdkörperriesenzellen  gedeutet. 

5.  Besonders  bemerkenswert  ist  die  Entwicklung  im  Knochen 
und  dessen  Aufbrauch;  in  dieser  Hinsicht  scheint  der  vorliegende  Fall 
einzig  dazustehen.  Der  genannte  Umstand  erklärt  sich  wohl  dadurch, 
dass  der  Epidermisteil  in  den  Knochen  versenkt  wurde  und  der 
Knochen  später  darüber  zusammenwuchs;  bei  der  weiteren  Entwick¬ 
lung  der  Zyste  kam  es  dann  zu  einem  gewaltigen  Druck,  durch  wel¬ 
chen  der  Knochen  bis  auf  eine  schmale  Randzone  aufgebraucht 
wurde.  In  Analogie  zu  setzen  ist  unsere  Zyste  mit  solchen,  welche 
sich  nach  dem  Körperinnern  entwickeln,  z.  B.  zwischen  Stirnbein 
und  Dura  (H  a  n  1 1  e  y),  wobei  ebenfalls  eine  gewaltige  Ausdehnung 
der  Zyste  und  Verdrängung  benachbarter  Teile  beobachtet  wurde. 

6.  Schliesslich  erscheint  der  Fall  beachtenswert  wegen  des  Un¬ 
fallzusammenhanges,  welcher  mit  Rücksicht  auf  die  unter  1  darge¬ 
stellte  Entstehung  im  Anschluss  an  den  Unfall  und  an  der  Unfall¬ 
stelle  ohne  weiteres  zuzugeben  ist,  wenn  auch  der  Zeitintervall  zwi¬ 
schen  Unfall  und  Erkrankung  als  ein  auffallend  grosser  Erscheinen 
mag. 


Ueber  das  Aufkleben  mikroskopischer  Schnitte  mittels 

Wasserglas. 

Von  A.  üottstein  in  Berlin. 

ln  Nr.  27  der  M.m.W.  vom  6.  Juli  empfiehlt  F.  Wind  holz  das 
Wasserglas  zum  Aufkleben  mikroskopischer  Schnitte  und  betont  im 
vorletzten  Absatz,  dass  Wasserglas  in  der  Mikrotechnik  bisher  nicht 
angewandt  worden  sei.  Diese  Angabe  ist  irrtümlich.  In  einer  kleinen 
Schrift:  „Ueber  Aufbewahrung  mikroskopischer  Objekte“,  die  Her¬ 
mann  W  e  1  c  k  e  r  als  damaliger  Sekretär  des  üiessener  Vereins  für 
Mikroskopie  1856  bei  R  i  c  k  e  r  in  Giessen  veröffentlichte,  bespricht 
W.  ganz  ausführlich  die  Aufhebung  von  Präparaten  in  Wasserglas, 
erwähnt,  dass  er  die  Empfehlung  Dr.  P  h  ö  b  u  s  verdanke,  dass  die 
Methode  leichter  als  die  der  Aufbewahrung  in  Kanadabalsam  sei  und 
berichtet  über  empfehlende  Aeusserungen  von  Leuckart;  über  die 
Dauererhaltung  äussert  er  sich  zurückhaltend. 

Auch  ich  habe  vor  mehr  als  30  Jahren  versucht,  gefärbte  Schnitte  in 
Wasserglas  aufzubewahren,  habe  aber  für  Bakterienfärbungen  Nach¬ 
teile  gesehen.  Wasserglas  ist  so  bekannt,  dass  es  wahrscheinlich 
sehr  vielen  zu  Versuchen  gedient  hat.  Was  interessiert,  ist  die  Mög¬ 
lichkeit,  Schnitte,  die  nach  modernem  Verfahren  gefärbt  sind,  in  ge¬ 
färbtem  Zustand  gut  zu  erhalten;  darüber  berichtet  leider  Wind¬ 
holz  nichts. 


Im  Wandel  der  Zeiten. 

Von  Dr.  E.  Bruglocher,  Oberregierungsrat  und  Ober¬ 
medizinalrat  a.  D. 

So  möchte  ich  die  Mitteilungen  benennen,  für  welche  ich  mir  bei 
der  Gedenkfeier  des  50  jährigen  Bestehens  des  ärztlichen  Bezirks¬ 
vereins  Ansbach  die  Aufmerksamkeit  der  Kollegen  erbeten  hatte.  Als 
am  3.  April  1872  15  Aerzte  sich  zur  Gründung  dieses  Vereins  zu¬ 
sammengefunden  hatten,  war  ein  Jahrzehnt  vergangen,  seit  ich  selbst 
unter  den  nur  mehr  schwach  brandenden  Wogen  des  Ausganges  der 
zweiten  Wiener  Schule  zum  erstenmal  einen  klinischen  Hörsaal  be¬ 
treten  hatte.  Der  Würzburger  Kliniker  Heinrich  Bamberger  war 
noch  ein  ausgesprochener  Vertreter  dieser  Wiener  Schule,  Adolf 
K  u  s  s  maul  hat  sich  in  seiner  Erlanger  Zeit  noch  ganz  als  Nachfolger 
D  i  1 1  r  i  c  h  s  gefühlt,  den  man  von  Prag  nach  Erlangen  geholt  hatte. 
Wien  und  Prag  waren  das  Mekka,  nach  dem  damals  die  deutschen 
Aerzte  pilgerten.  Noch  klingt  mir  in  den  Ohren  das  Lob  des  Pneu- 
monikers  auf  der  Klinik  von  J  a  k  s  c  h  dem  Aelteren  über  den  Wun¬ 
dertrank,  der  ihm  von  gestern  Abend  bis  heute  Morgen  über  die  Krisis' 
hinweggeholfen  hatte.  Und  der  Wundertrank  war  die  auf  manchem 
Krankentische  stehende  Emulsion  aus  Olivenöl,  Wasser  und  arabi¬ 
schem  Gummi. 

Exspektativ-symptomatische  Behandlung  war  in  diesen  Zeiten 
des  therapeutischen  Nihilismus  die  Ouintessenz  aller  therapeutischen 
Weisheit;  nichts  von  der  Polypragmasie  unserer  Tage,  noch  nicht 
hatte  die  pharmazeutische  Grossindustrie  fast  Woche  für  Woche  ein 
neues  synthetisches  Heilmittel  auf  den  Markt  geworfen,  Antipyrin  war 
einer  der  ersten  Phantasienamen,  bei  dem  der  Chemiker  sich  nichts 
denken  konnte  und  und  die  Weisheit  des  Drogenkenners  versagte,  bei 
dessen  Taufe  aber  der  therapeutische  Wunsch  zu  Gevatter  gestan¬ 
den  ist. 

Unser  ganzes  ärztliches  Denken  war  pathologisch-anatomisch  ein¬ 
gestellt;  Rudolf  Virchows  Zellularpathologie  galt  als  die  Bibel  des 
angehenden  Arztes.  Die  Hurnoralpathologie  war  ein  abgedanktes 
Ammenmärchen  und  doch  stecken  wir  heute  in  der  serologischen  Aera 
wieder  tief  bis  zum  Hals  in  humoralpathologischen  Anschauungen. 

Die  ausschliesslich  anatomische  Orientierung  war  geeignet  den 
therapeutischen  Nihilismus  zu  stützen.  Was  konnte  Digitalis  und  Tar¬ 
tarus  stibiatus  nützen,  solange  der  klinische  Begriff  der  kruppösen  ■ 
Pneumonie  —  rm  bei  diesem  Beispiel  zu  bleiben  —  sich  deckte  mit 
der  Hepatisation  des  Lungengewebes?  Kliniker  und  Anatom  mussten 
in  Kongruenz  bleiben.  Nicht  umsonst  haben  Ziemssen  und 
Zenker  gemeinsam  das  Deutsche  Archiv  für  klinische  Medizin  ge¬ 
gründet.  Gleich  dem  traurigen  wilhelminischen  Zickzackkurs 
schwankten  unsere  Anschauungen  bezüglich  der  Tuberkulose  —  um 
nur  dies  eine  herauszugreifen  —  unstet  hin  und  her.  Es  hat  eine  Zeit 
gegeben,  wo  das  miliare  Tuberkelknötchen  in  den  Hintergrund  zu 
treten  schien:  was  wir  am  Leichentisch  sahen,  war  eine  chronisch 
peribronchitische  Entzündung  mit  dem  Ausgang  in  Verkäsung;  das  • 
Tuberkelknötchen  hatte  nur  mehr  sekundäre  Bedeutung.  Mann  konnte 
sagen,  der  Schwindsüchtige  musste  sich  davor  hüten,  tuberkulös  zu 
werden.  Heute  gilt  das  Gegenteil.  Chirurgische  Tuberkulose  war 
unbekannt:  Karies  der  Knochen  und  Fungus  der  Gelenke  ersetzten 
deren  Stelle.  Erst  Robert  Koch  hat  Wandel  geschaffen. 

Und  wie  traurig  war  die  Behandlung!  Ich  freue  mich  noch  heute, 
dass  ich  mich  auch  durch  den  Druck  des  zeitunglesenden  Publikums 
nicht  habe  verleiten  lassen,  den  Rummel  der  Krankenfütterung  mit 
Natrium  benzoicum  mitzumachen.  Heute  ist  Natrium  benzoicum  ein 
obsoletes  Arzneimittel.  Die  Arsenbehandlung  der  Tuberkulose  ging 
wenigstens  von  einem  gesunden,  wenn  auch  zellularpathologisch  be¬ 
einflussten  Gedanken  eines  Kampfes  zwischen  Krankheit  und  Kör¬ 
per  aus. 


.  AuRUSt  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1057 


Kreosot  fristet  in  seinen  Abkömmlingen  auch  heute  noch  sein 
sein  und,  wie  ich  glaube,  nicht  mit  Unrecht.  13  e  n  e  d  i  c  k  t  in  Wien 
t  einmal  gesagt,  wenn  es  bei  der  Eisenbahn  verboten  ist,  im  vollen 
.teil  in  den  Wagen  zu  spucken,  dann  bleibe  nichts  übrig,  als  in 
n  Mage  n  zu  spucken.  Und  wie  oft  geschieht  dies  auch  heute 
ch  unwillkürlich!  Ich  habe  den  Eindruck,  dass  Kreosot  hier  ent- 
tet  und  den  Appetit  erhält. 

Ich  habe  Sanguiniker  gekannt,  die  nach  Entdeckung  des  Tuberkel- 
zillus  frohlockten,  dass  man  nun  die  Tuberkulose  sicher  heilen 
:ine.  Das  rasch  abbrennende  Tuberkulinstrohfeuer,  das  bis  zu  den 
>enkämmen  emporloderte  und  selbst  Davos  zu  entvölkern  drohte, 
isste  sic  eines  besseren  belehren.  Und  doch  hatte  schon  1857 
:  einfacher  Arzt,  Herrmann  Br  e  linier,  in  üörbersdorf  versucht, 
;er  Mahnung  Virchows  gerecht  zu  werden,  der  einige  Jahre  zu- 
r  gesagt  hatte,  cs  sei  die  Aufgabe  der  Menschheit,  jetzt  die  Lungen- 
iwindsucht  zu  überwinden,  wie  der  Skorbut  des  Mittelalters  iiber- 
.nden  ist.  B  r  e  h  m  e  r  hat  es  gewagt,  die  Lungenschwindsucht  zu 
len.  nicht  durch  ein  Mittel  aus  der  Apotheke  oder  aus  einem 
nals  allerdings  noch  nicht  bestehenden  Seruminstitut,  sondern  durch 
nne,  Wasser,  Luft  und  vernünftige  Ernährung,  fast  könnte  man 
ren  durch  die  vier  alten  Elemente.  Es  ist  nicht  nötig,  hier  des 
iteren  auszuführen,  wie  auf  seinen  und  seines  Schülers  D  e  1 1  - 
;iler  Erfahrungen  unsere  moderne  Heilstättenbehandlung  beruht, 
d  doch  konnte  vor  etwas  mehr  als  einem  Jahrzehnt  gelegentlich 

•  Gründung  des  Bayerischen  Vereins  zur  Bekämpfung  der  Tuberku- 
e  ein  hoher  Ministerialbeamter  —  Staatsrat  v.  Kratzeisen  — 
l  Vergleich  anstellen,  es  stürben  in  Bayern  noch  so  viel  Menschen 
der  Tuberkulose,  wie  wenn  jährlich  vier  Bezirksämter  aussterben 
rden. 

Noch  1886  betrug  in  Deutschland  die  Tuberkulosesterblichkeit 
auf  10  000  Lebende,  ist  aber  bis  1913  auf  14  zurückgegangen.  Unter 

•  Hungerblockade  ist  sie  zur  alten  Höhe  ernporgeschnellt.  In  den 
idten  über  15  000  Einwohnern  hat  die  Blockade  in  den  6  Jahren 
3—1918  in  runden  Zahlen  40  000,  41  000,  45  000,  49  000,  68  000,  74  000 
•rbefälle  an  Tuberkulose,  im  ganzen  eine  Zunahme  um  83  Proz. 
macht.  Am  schlimmsten  war  die  Zunahme,  die  dem  argen  Dotschen- 
lter  folgte,  sie  betrug  1917  von  einem  Jahr  zum  anderen  fast 
Proz.  Gleich  einem  grossen  epidemiologischen  Experiment  haben 

Kriegsjahre  den  Beweis  erbracht,  wie  verschwindend  für  die 
rhreitung  der  Tuberkulose  als  Volksseuche  die  Ansteckungs¬ 
ahr  ist  gegenüber  den  Ernährungsschwierigkeiten.  Trotz  der  Ein- 
liung  von  vielen  Tausenden  schwächlicher  und  früher  kranker 
nner,  trotz  aller  Fährlichkeiten  des  Lebens  im  Feld  in  unhygieni- 
!  en  Quartieren  und  Unterständen,  hat  diese  Sterblichkeit  im  Feld¬ 
er  nicht  nennenswert  zugenommen,  die  Steigerung  befiel  fast  aus- 
i  liesslich  die  Zivilbevölkerung. 

Dabei  hat  die  Krankheit  auch  ihr  Gesicht  geändert;  mehr  noch 
l:  beim  Feldheer  nahmen  unter  der  Zivilbevölkerung  die  Fälle  rapid 
■laufender  Tuberkulose  zu.  Auffallend  häufig  gingen  die  Kranken 
ne  die  früher  zeitweise  beobachteten  Stillstände  so  wie  sonst  in 
jiren.  so  nun  in  Monaten  zugrunde. 

Wenn  ich  so  die  Ernährungsschwierigkeiten  gegenüber  der  An- 
i ekungsgefahr  ins  Licht  gerückt  habe,  so  will  ich  gegenüber  der 
Izelerkrankung  das  Wort  Seuche  wiederholt  unterstreichen.  Die 
jegserfahrung  ist  ein  Fingerzeig,  dass  es  nicht  angeht,  die  ganze 
l'lt  ausschliesslich  durch  die  bakteriologische  Laboratoriumsbrille 
i betrachten,  wenn  die  Epidemiologie  gelegentlich  einmal  mit  schwar- 
|i  Finger  ein  Menetekel  an  die  Wand  schreibt. 

Andererseits  lehrt  auch  die  Influenza  verschiedene  Infektions- 
"sre  kennen.  Bei  ihrem  Wiederauftreten  im  Winter  1889/90  hat  sie 
i  neinem  damaligen  Amtsbezirk  in  allen  65  Gemeinden  K  aller  Ein- 
hner  ergriffen,  aber  als  Seuche  war  sie  in  grossen  und  in  kleinen 
;  en  schon  nach  4  Wochen  erloschen.  Wie  ein  Hochwasser  ist  sie 
Kommen,  wie  ein  Hochwasser  hat  sie  sich  verlaufen.  Nach  den 
Inaligen  Anschauungen  und  dem  damaligen  Sprachgebrauch  haben 
1  ihrem  Kommen  als  einer  „miasmatischen“  Erkrankung  entgegen- 
lehen;  aber  schon  die  ersten  klinischen  Beobachtungen  lehrten  in 
n  engen  Rahmen  der  Krankensäle,  wie  sie  als  „kontagiöse“  Krank- 
jt  von  Mann  zu  Mann,  von  Bett  zu  Bett  weitergekrochen  ist.  Und 
i  wir  nach  dem  Ablauf  des  Hochwassers  vom  erweiterten  epidemio- 
I ischen  Gesichtskreis  aus  Rückschau  hielten,  drängte  sich  die  Not- 
'  idigkeit  auf,  für  den  Einbruch  einer  Pandemie,  welche  im  raschen 
in’  grosse  Länderstrecken,  ja  ganze  Kontinente  zu  überfluten  ver- 
k,  nach  anderen  Wegen  für  die  Verbreitung  der  Krankheitserreger 
suchen.  Und  diese  Wege  sind  gefunden.  Im  58.  Band  der  Zschr.  f. 
g.  lesen  wir  von  Ballonfahrten,  bei  denen  noch  in  4000  m  Höhe 
i-‘nsfähige  Mikroorganismen  gefunden  worden  sind.  Bei  einer  See- 
i't  nach  Brasilien  fanden  sich  etwa  100  km  nördlich  der  Insel 
Vincent  mehrmals  zahlreiche  Kolonien  einer  bestimmten  Hefeart, 
chon  die  Seeluft  im  allgemeinen  keimfrei  ist.  Sie  konnten  noch  in 
i  10  m  über  dem  obersten  Deck  und  25  m  über  der  Wasserfläche 
eitenden  Filtern  gezüchtet  werden,  während  dieselbe  Hcfcart  nie- 
■s  in  Kontrollplatten  vorkam.  Nach  der  Windrichtung  konnten  sie 
vom  afrikanischen  Festland  aus  600  km  Entfernung  herüber- 
veht  worden  sein. 

Ganz  hervorragend  waren  in  dem  uns  beschäftigenden  Zeitraum 
Fortschritte  der  Wundbehandlung.  Ignaz  Philipp  Semmel- 
i  s,  Geburtshelfer  in  Pest,  hatte  schon  im  Jahre  1847  die  Wesens- 
chheit  von  Puerperalfieber  und  Pyämie  erkannt  und  gezeigt,  dass 
ersterem  die  Krankheitsursache  in  den  Händen  der  aus  dem 


Sektionssaal  kommenden  Stundenten  zu  suchen  sei.  Auch  an  Abwehr- 
massregeln  hatte  er  es  nicht  fehlen  lassen.  Aber  seine  Lehre  war 
vergessen,  oder  richtiger  gesagt,  wenig  beachtet  worden,  weil  er 
mit  teutonischer  Grobheit  seine  wissenschaftlichen  Gegner  persönlich 
angegriffen  und  als  Mörder  ihrer  Kranken  gebrandmarkt  hatte. 
20  Jahre  später  hielt  noch  sein  Prager  Kollege  Seyfert  zwar  an 
dieser  Identität  fest,  aber  als  Krankheitsursache  hat  er  immer  nur 
einen  unbekannten  genius  epidemicus  anzuschuldigen  gewusst.  Mir 
sind  niemals  im  Leben  schärfere  Gegensätze  zwischen  Theorie  und 
Praxis  vorgekommen,  als  damals  in  Prag;  denn  in  allen  üebärsälen 
standen  die  mit  Chlorkalkwasser  gefüllten  Schüsseln  zur  Hände- 
desinfektion.  Selbst  Saexinger,  sein  Assistent,  der  spätere 
1  übinger  Kliniker,  verhielt  sich  ablehnend,  als  wir  fränkischen  Aerzte 
an  Semmel  weis  erinnerten,  es  sei  nur  eine  Schweinerei  mit 
ungereinigten  Händen  zu  untersuchen.  Aber  zur  Handreinigung  hatten 
in  Erlangen  und  Wiirzburg  doch  Wasser  und  Seife  genügt. 

So  kam  es,  dass  wir  noch  1866  und  1870  mit  Scharpie  ins  Feld 
gezogen  sind;  Leinwandreste  jeglicher  Herkunft,  die  zu  gar  nichts 
mehr  zu  gebrauchen  waren,  waren  noch  gut  genug  zum  Wundver¬ 
band.  Karbolsäure,  eine  damals  trübe  braune  Flüssigkeit,  kam  zwar 
1870  auch  nebenher  zu  Karbolwasserumschlägen  in  Anwendung.  Aetz- 
wirkungen  sind  hiebei  ab  und  zu  beobachtet  worden.  Bald  nachher 
teilte  mir  Walter  Heineke,der  Erlanger  Kliniker,  einmal  mit,  er 
wolle  künftig  genau  nach  Li  st  er  arbeiten,  da  der  Engländer  be¬ 
hauptet  hatte,  die  minder  guten  Erfolge  der  deutschen  Chirurgen 
seien  in  der  geänderten  Technik  begründet.  Der  typische  Lister- 
verband  bestand  aber  aus  einer  achtfachen  Lage  von  Gaze,  getränkt 
mit  Harz  und  Karbolsäure.  Das  Harz  sollte  zur  Fixation  der  flüchtigen 
Karbolsäure  dienen.  Zwischen  die  7.  und  8.  Gazelage  kam  ein  Stück 
Mackintosh,  ein  Hutfutter  zu  liegen,  um  den  Luftkeimen  den  Weg  zur 
Wunde  durch  die  Maschen  des  Gewebes  zu  verlegen;  zwischen  Haut 
und  Verbandstoff  legte  man  ein  Stück  Silk  protective,  ein  undurch¬ 
lässiges  Seidengewebe  zum  Schutz  von  Haut  und  Wunde  vor  der 
giftigen  und  ätzenden  Wirkung  des  Karbols. 

Viele  Jahre  trieb  auch  der  Karbolspray  noch  sein  Unwesen  und 
bestäubte  selbst  beim  einfachsten  Verbandwechsel  Arzt  und  Kranken 
mit  einem  Karbolnebel,  ja  durchnässte  beide  bei  längerer  Dauer  der 
Operation  auf  das  gründlichste.  Ich  gedenke  noch  heute  nicht  ohne 
einen  inneren  Vorwurf  einer  Sequestrotomie,  wo  der  anämische  Knabe 
schliesslich  auf  seiner  Unterlage  im  Karbolwasser  gelegen  ist.  Mein 
assistierender  Kollege  Lochner  war  funktionierender  Militärarzt 
gewesen  und  hatte  ganz  im  Sinn  der  damaligen  Lehre  zum  Spritzen 
zwei  Chevauleger  mitgebracht.  Der  Karbolnebel  war  bestimmt,  die 
von  Pasteur  und  Liste  r  angenommenen  Luftkeime  zu  entgiften. 
Wie  viel  richtiger  war  doch  die  schon  viel  früher  von  Semmel¬ 
weis  behauptete,  aber  längst  vergessene  Kontaktinfektion  gewesen! 

Alles  Heil  erhoffte  man  damals  noch  von  der  Karbolsäure,  denn 
sonst  wäre  es  widersinnig  gewesen,  eigens  zu  erklären,  dass  L  i  s  t  e  r 
seine  Theorie  nicht  aufzugeben  brauchte,  wenn  er  einmal  die  Karbol¬ 
säure  preisgeben  wollte. 

Diesen  Schritt  tat  indessen  mein  Lehrer  Carl  T  i  e  r  s  c  h,  damals 
in  Leipzig,  der  die  Salizylsäure  in  die  Verbandtechnik  einführte.  Harz, 
aber  auch  Machintosh  und  Protective  kamen  nunmehr  in  Wegfall.  Ernst 
v.  Bergmann  in  Würzburg  brachte  später  den  Sublimatverband 
zu  Ehren.  Auch  das  Verbandmaterial  fand  eine  Bereicherung  durch 
den  gleichfalls  von  T  h  i  e  r  s  c  h  empfohlenen  billigen  Jutehanf  und  die 
lange  nach  dem  Tübinger  Chirurgen  Bruns  benannte  entfettete 
Watte.  So  war  der  Weg  gebahnt  für  den  „Deutschen  Verband“,  der 
namentlich  durch  Richard  Volkmann  zum  „Dauerverband“  aus¬ 
gebaut  wurde.  Als  ich  vor  40  Jahren  bei  einem  alten  Empyem  ver¬ 
anlasst  war,  schliesslich  eine  ausgiebige  thorakoplastische  Resektion 
von  fünf  Rippen  vorzunehmen,  konnte  ich  bei  nun  fieberlosem  Verlauf 
den  Verband  nach  dessen  erstem  Wechsel  stets  3  Wochen  liegen 
lassen,  um  der  Brustwand  Zeit  zu  geben,  der  retrahierten  Lunge  ent¬ 
gegenzuwachsen.  Der  Verband  glich  allerdings  mehr  einer  dicken 
Weste,  den  die  Pflegerin  nachher  noch  mit  Nadel  und  Faden  abzu¬ 
nähen  hatte. 

Und  wieder  war  es  H  e  i  n  e  k  e  gewesen,  der  mich  darauf  auf¬ 
merksam  machte,  dass  Theodor  B  i  1 1  r  o  t  h  in  Wien  ohne  Anwendung 
von  desinfizierenden  Chemikalien  mit  seinem  Walratverband  gleich 
gute  Erfolge  erzielt  haben  wollte.  Wir  ahnten  damals  nicht,  dass 
dies  der  Uebergang  war  von  der  Antiseptik  zur  Asepsis,  bereits  die 
Morgenröte  aseptischer  Behandlung  durch  Keimfreiheit  von  Opera¬ 
tionsgebiet  und  Hand  des  Arztes,  von  Instrumenten  und  Verband¬ 
stoffen.  Vielfach  nahmen  in  der  Folgezeit  und  nehmen  zum  Teil  auch 
jetzt  noch  vor  Bauchoperationen  Arzt  und  Kranker  ein  Bad  in  frühe¬ 
ster  Morgenstunde.  Das  Gegenstück  hatte  vordem  Nepomuk  Rings- 
e  i  s  geleistet,  der  streng  katholischgläubige  Arzt,  der  vor  einer  Opera¬ 
tion  mit  seinen  Kranken  das  Abendmahl  genommen  hatte  aus  Priesters 
Hand.  Er  war  ein  Freund  von  König  Ludwig  I.,  der  ihn  nur  seinen 
kleinen  lieben  „Muckel“  nannte.  Er  ragte  noch  herein  in  unsere  Zeit, 
meine  Instruktion  für  die  Studienreise  nach  Prag  und  Wien  war  von 
R  i  n  g  s  e  i  s  gezeichnet. 

Hier  ist  vielleicht  der  Ort,  einige  Streiflicher  zu  werfen  auf  die 
Krankenhauspflege,  die  heute  wohl  allenthalben  neben  der  ganzen 
Hauswirtschaft  Schwestern  übertragen  ist.  Dagegen  hatte  ich  in 
meinen  klinischen  Semestern,  als  Assistenzarzt  am  Nürnbergei 
Krankenhaus  und  als  selbständiger  Krankenhausarzt,  ausschliesslich 
mit  weltlichem  Pflegepersonal  zu  tun.  Ja  noch  1899,  nachdem  ich 
inzwischen  zum  Kreismedizinalrat  von  Mittelfranken  ernannt  worden 


1058 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  32 


war,  war  es  eine  meiner  ersten  auswärtigen  Amtshandlungen  in  einem 
städtischen  Krankenhaus,  die  Diakonissenpflege  durchzudrücken.  Nur 
die  Irrenärzte  haben  bis  heute,  oder  vielleicht  richtiger  bis  zum 
8/9.  Nov.  1918,  die  Ordenspflege  abgelehnt. 

Als  mir  1871  der  Dienst  im  städtischen  Krankenhaus  in  Schwa-  j 
bach  übertragen  worden  war,  bin  ich  bald  mit  dem  Wärter,  der  da-  j 
mals  einzigen  Pflegeperson,  zusammengerückt,  als  er  mir  auf  eine 
dienstliche  Zurechtweisung  hohnlächelnd  entgegnete,  er  sei  nicht  als 
Wärter,  sondern  als  Krankenhaus  aufseher  angestellt.  Demnächst 
fand  ich  in  der  Tobzelle  einen  Kranken  auf  Stroh  auf  dem  Boden 
liegend  und  mittels  eines  achterförmigen  Instrumentes,  dessen  eiserner  j 
Ring  um  den  Hals  lief,  an  eine  Eisenstange  an  der  Wand  angehängt. 
Nur  mit  einem  Schraubenzieher  war  der  Achter  zu  entfernen.  Auf-  j 
seher  und  Eisenstange  mussten  gleichzeitig  fallen.  Eine  Illustration  j 
zum  Wandel  der  Zeiten.  Dieser  Wandel  hat  sich  auch  sonst  noch  ! 
im  ärztlichen  Leben  bemerkbar  gemacht.  Ueber  die  Freigabe  der  j 
ärztlichen  Praxis  in  Bayern  am  1.  Mai  1865  habe  ich  mich  schon 
früher  im  Aerztl.  Korr.Bl.  (1921,  S.  272)  geäußert. 

Es  ist  kein  Ruhmesblatt  in  der  Geschichte  der  Berliner  med.  Ge-  j 
Seilschaft,  dass  auf  ihre  Veranlassung  nur  mehr  der  ärztliche  Titel 
geschützt  wurde.  Kurierfreiheit  und  Aufhebung  der  Kurpfuscherei¬ 
verbote  wurden  hingenommen  gegen  das  Linsengericht  einer  doch 
nur  in  der  Theorie  verfänglichen  Bestimmung,  welche  die  grundlose 
Verweigerung  ärztlicher  Hilfe  mit  Strafe  bedroht  hatte. 

„Los  aus  der  Gewerbeordnung“  war  jahrelang  der  Kampfruf  in 
ärztlichen  Vereinen  und  auf  Aerztetagen.  Unter  den  Rufern  im  Streit 
waren  mit  am  lautesten  die  fränkischen  Triumvirn  D  o  e  r  f  1  e  r  - 
Aub-Rosenthal.  Aber  es  kam  eine  Zeit,  wo  man  sich  nicht 
mehr  mit  solchen  Kleinigkeiten  befassen  konnte.  Das  erste  Gesetz 
über  die  Krankenversicherung  der  Arbeiter  ist  am  1.  Dezember  1884 
in  Kraft  getreten  und  damit  ist  eine  Reihe  praktisch  viel  wichtigerer 
Kämpfe,  welche  endgültig  auch  heute  noch  nicht  ausgetragen  sind,  in 
den  Mittelpunkt  ärztlichen  Interesses  gerückt  worden,  so  dass  in 
den  Vereinen  die  Behandlung  wissenschaftlicher  Fragen  zeitweise  in 
den  Hintergrund  gedrängt  zu  werden  drohte. 

Hat  die  Krankenversicherung  manch  Unschönes  gezeitigt,  in  er¬ 
höhtem  Maasse  gilt  dies  von  der  Unfallversicherung.  Diese  ist 
von  Grund  aus  falsch  aufgebaut.  Wer  vordem  als  Arzt 
tätig  war,  hatte  genugsam  Gelegenheit  zu  sehen,  mit  wie  dankbarem 
Herzen  der  Unfallverstümmelte  seine  Arbeit  wieder  aufgenommen 
hat,  wenn  er  zum  alten  Lohn  wieder  eingestellt  worden  ist.  An  diese 
Erfahrung  hätte  die  Gesetzgebung  anknüpfen  können;  doch  war  es 
für  die  weltfremde  geheimrätliche  Weisheit  bequemer,  die  wirtschaft¬ 
lichen  Folgen  einer  Verunglückung  in  bares  Geld  umzumünzen,  statt 
den  wirtschaftlichen  Schaden  durch  das  Recht  auszugleichen,  an  der 
alten  Arbeitsstätte  oder  ohne  Beeinträchtigung  der  Freizügigkeit  in 
einem  anderen  der  genossenschaftlich  zusammenzufassenden  Betriebe 
unter  den  bisherigen  oder  denen  der  Arbeitsgenossen  anzugleichenden 
Bedingungen  trotz  verminderter  Leistungsfähigkeit  Unterkommen  zu 
finden.  Der  wirtschaftliche  Schaden  wäre  durch,  solch  eine  Regelung 
vom  Arbeiter  auf  den  Arbeitgeber  abgewälzt  worden,  dem  es  anheim¬ 
zugeben  gewesen  wäre,  sich  durch  Rechnung  und  Gegenrechnung 
bei  der  Berufsgenossenschaft  schadlos  zu  halten.  Die  vom  ersten 
Krankheitstage  an  einsetzende  beunruhigende  und  verbitternde 
Rentenbegehrlichkeit  wäre  ersetzt  gewesen  durch  wohltuenden  Ge¬ 
nesungswunsch,  Unfallshysterie  wäre  eine  unbekannte  Krankheit  ge¬ 
blieben  und  Zwergrenten  von  10  und  15  Proz.  würden  nicht  dem 
Hohn  gesprochen  haben,  was  man  vordem  unter  Unglück  und  Unfall 
verstanden  hatte.  Nur  Ganzinvaliden  hätte  man  Geld  geben  müssen. 

Recht  bequem  aber  auch  recht  verkehrt  ist  es  gewesen,  die 
land-  und  forstwirtschaftliche  Unfallversicherung  auf  die  Unternehmer 
mit  ihren  Hausgenossen  und  den  noch  nicht  schulpflichtigen  Kindern 
auszudehnen.  Als  langjähriger  Gutachter  beim  Schiedsgericht  für 
Arbeiterversicherung  hatte  ich  ab  und  zu  Gelegenheit,  einem  wohl¬ 
habenden  Bauern  vorzurechnen,  wie  die  10  proz.  Rente,  um  die  er 
kämpfte,  auch  bei  den  früheren  billigen  Bierpreisen  kaum  zum  freien 
Abendschoppen  hinreichen  würde.  Ich  hatte  vielfach  den  Eindruck, 
dass  eine  verfehlte  Gesetzgebung  es  dahin  brachte,  an  der  Moralität 
unseres  sonst  recht  braven  Volkes  zu  nagen  Die  drei  Versicherungs¬ 
gesetze  haben  die  Aerzte  auch  vor  eine  durchaus  neue  Aufgabe  ge¬ 
stellt.  Wenn  vordem  der  praktische  Arzt  nur  ausnahmsweise  einmal 
in  die  Lage  kam,  als  Gutachter  zu  fungieren  und  die  Gutachtertätigkeit 
der  beamteten  Aerzte  sich  vorwiegend  auf  gerichtlich-medizinischem 
Gebiete  bewegte,  so  ist  dies  nun  mit  einem  Schlag  anders  geworden; 
heute  kann  jeder  Arzt  tagtäglich  in  die  Lage  kommen,  sich  über 
Krankheit,  Erwerbsbeschränktheit  und  Invalidität  gutachtlich  äussern 
zu  müssen.  Dabei  liegt  die  Schätzung  des  Grades  der  durch  einen 
Unfall  oder  durch  Krankheit  bedingten  Minderung  der  Erwerbsfähig¬ 
keit  gar  nicht  auf  medizinischem  Gebiet.  Soweit  meine  Erfahrung 
reicht,  hat  es  nur  wenige  Berufsgenossenschaften  gegeben,  welche 
auf  Grund  einer  anatomisch  einwandfreien  Beschreibung  und  zeich¬ 
nerischen  Erläuterung  einer  Verletzung  den  Grad  der  Einbusse  an 
Erwerbsfähigkeit  betriebstechnisch  feststellen  Hessen,  in  der  Mehrzahl 
der  Fälle  ist  solche  auch  der  ärztlichen  Begutachtung  unterstellt  wor¬ 
den.  Freilich  kann  die  Beurteilung  der  Spätfolgen  einer  Schädel¬ 
verletzung,  einer  Quetschung  des  Brustkorbes,  einer  hysterischen  Un¬ 
fallsfolge  u.  a.  nur  Sache  des  Arztes  sein.  Ich  habe  in  meiner  amt- 

')  Nach  dem  Vortrag  hat  mir  ein  Kollege  die  Aeusserung  eines  Land¬ 
bürgermeisters  mitgeteilt:  Das  müsste  ein  dummer  Bauer  sein,  der  nicht  mit 
60  Jahren  eine  Rente  hätte. 


liehen  Tätigkeit  vielfach  den  Eindruck  bekommen,  dass  die  behörc 
liehe  Wertschätzung  eines  Arztes  vielfach  von  der  Brauchbarke 
seiner  Gutachten  abhängt. 

Qui  bene  diagnoscit,  bene  curat.  Leopold  Auenbruggel 
war  schon  1754  auf  die  Schallunterschiede  aufmerksar  , 
die  man  beim  Anklopfen  an  die  Burstwand  gesunder  ur; 
kranker  Menschen  bemerkt.  Aber  sein  nach  siebenjährige  j 
gewissenhaften  Untersuchungen  1761  erschienenes  Werk  lnvei 
tum  novum  ex  percussione  thoracis  humani  war  längst  vergessen 
Corvisart,  der  Leibarzt  Napoleons  I.  musste  die  Perkussion  180; 
also  fast  50  Jahre  später,  neu  entdecken,  vielleicht  auch  erst  neuei 
dings  zur  allgemeinen  Anerkennung  bringen.  Laennec  samtnell 
seit  1816  mittels  des  von  ihm  erfundenen  Stethoskops  seine  Beobacl 
tungen  über  Herz-  und  Lungenkrankheiten,  die  er  1819  in  einem  bt 
rühmten  Werk  über  die  Auskultation  veröffentlichte.  Erst  1832  c; 
schien  das  Werk  in  deutscher  Ausgabe  von  Meissner. 

Ein  junger  böhmischer  Arzt,  Skoda,  hatte  sich  beides  in  Par 
angeeignet,  deutsche  Aerzte  pilgerten  nach  Wien,  um  Kurse  b 
Skoda  zu  hören.  Da,  wo  sich  heute  die  Prachtbauten  der  Rin 
strasse  befinden,  stunden  bis  zum  italienischen  Kriege  im  Jahre  18; 
Wall  und  Graben,  auch  die  äusseren  Linien  waren  befestigt,  hit 
befanden  sich  die  Zoll-  und  Polizeistationen.  Als  ein  höherer  hinan: 
beamter  einst  diese  Linien  visitierte,  fielen  ihm  die  Namen  viel« 

1  junger  Deutscher  auf,  die  als  Zweck  der  Einreise  Kurse  bei  Skod 
|  eingetragen  hatten.  Da  dämmerte  ihm  im  Metternichschen  Oeste 
!  reich  der  Verdacht,  ob  da  nicht  etwas  Hochverräterisches  dahinte 
i  stecke.  Skoda  musste  ein  Verhör  bestehen  zunächst  bei  de 
|  Finanzbeamten  und  sodann  bei  dem  Leibarzt  eines  der  Erzherzog 
dem  der  erstere  sein  Erlebnis  mitgeteilt  hatte.  Der  Finanzman 
meinte  er,  verstehe  zwar  nichts  von  der  Sache,  aber  hochverrät 
:  risch  sei  sie  gewiss  nicht.  Der  Leibarzt  Hess  sich  die  Sache  eingehei 
j  auseinandersetzen,  als  aber  von  Herztönen  die  Rede  war,  entgegne 
er,  er  diagnostiziere  auch  ohne  dies  Vitium  cordis  und  gebe  Digitali 
Skoda  jedoch  bemerkte,  es  sei  möglich,  dass  sich  von  rauhen  Kla 
pen  etwas  abschwemme  und  ins  Hirn  gelange,  da  sei  es  doch  wichti 
die  Angehörigen  des  Kranken  zu  verständigen  und  alle  Anstrengung« 
von  ihm  fernzuhalten.  Und  nun  fügte  es  der  Zufall,  dass  der  Er 
Herzog  unter  den  klinischen  Zeichen  der  Apoplexia  cerebri  erkrankt 
Skoda  wurde  ans  Krankenbett  geholt  und  diagnostizierte  eine  Ei 
bolie  der  Arteria  fossae  Sylvii.  Als  der  damals  junge  R  o  k  i  t  a  n  s  k 
der  sich  in  der  dunkeln  Leichenkammer  des  allgemeinen  Kranke 
Hauses  mit  Sektionen  beschäftigte,  die  Leichendiagnose  diktiert  liatt 
gab  der  Leibarzt  dem  jungen  Kollegen  die  Hand  mit  der  Frage,  ob 
etwas  für  ihn  tun  könne.  'Skoda  bat,  er  möchte  künftig  auch  seii 
Perkussionskurse  am  Lebenden  abhalten  dürfen,  bisher  sei  dies  n 
an  der  Leiche  gestattet  worden,  da  das  Beklopfen  eines  Kranken  i 
inhuman  gelte.  14  Tage  später  hatte  Skoda  eine  eigene  Abteilui 
im  allgemeinen  Krankenhaus. 

Ich  selbst  habe  später  noch  Gelegenheit  gehabt,  einen  Blick  jj 
Skodas  Klinik  zu  tun. 

Wenn  ich  heute  zurückblicke  auf  die  Erfahrungen  bei  Erkra 
kungen  im  eigenen  Elternhaus,  dann  später  im  Verkehr  mit  älter' 
Aerzten  und  zuletzt  noch  auf  die  Urteile  befreundeter  Kollegen,  dai 
muss  ich  sagen,  dass  es  geraume  Zeit  gedauert  hat,  bis  die  Ergebnis 
der  physikalischen  Diagnostik  Gemeingut  der  Aerzte  geworden  sin 
Dagegen  kann  ich  mir  versagen  im  einzelnen  auszuführen,  welch  b 
trächtliche  Bereicherung  unser  diagnostisches  Rüstzeug  in  der  Folg 
zeit  erfahren  hat,  denn  ich  müsste  meine  Mitteilungen  bis  in  die  jüngs 
Gegenwart  erstrecken,  ich  müsste  Massnahmen  besprechen,  die  S 
täglich  selbst  ausüben  und  für  unentbehrlich  zur  Krankheitserkennti 
erachten.  Nur  eines  will  ich  mir  nicht  versagen,  weil  ich  damit  wc 
eine  der  gewaltigsten  Umwälzungen  in  unserem  ärztlichen  Könn 
und  Erkennen  wenigstens  anzudeuten  vermag.  Es  ist  dies  der  Hi 
weis  auf  alles  das,  was  sich  an  den  Namen  Wilhelm  Roentgi 
knüpft.  ,  _ 

Mein  Freund  Gottlieb  v.  Merkel  hat  vor  19  Jahren  eine  Ec 
rede  aus  Anlass  des  50  jährigen  Bestehens  der  Münchener  medizii 
sehen  Wochenschrift  mit  den  Worten  begonnen:  „Die  Erzählung 
älterer  Kollegen  aus  unserer  ärztlichen  Jugendzeit  gipfelten  zumeist 
dem  Ausspruch,  dass  die  Aerzte  aus  dem  ersten  Drittel  des  vorig 
Jahrhunderts  wie  einsame  Raubtiere  lebten,  jeder  in  seiner  Behausuj 
ohne  Fühlung  mit  den  anderen,  nur  mit  sich  und  seinen  Kranken  t 
schäftigt.“  Ich  selbst  habe  Ihnen  seinerzeit  mitgeteilt,  dass  die  R 
gierung  den  bayerischen  Aerzten  bis  zum  Jahre  *  1865  ihre  „Jag: 
gründe“  gehütet  hat.  Man  hat  auch  gehört,  dass  die  Kollegialität  ’i 
nahm  mit  dem  Quadrat  der  Entfernung.  Hier  hat  die  straffe  Orga;| 
sation,  welche  wir  der  königlichen  Verordnung  vom  10.  August  18 
die  Bildung  von  Aerztekammern  und  von  ärztlichen  Bezirksverein 
betreffend,  verdanken,  gründlich  Wandel  geschaffen.  Das  Zusammen 
leben  in  den  Vereinen  hat  viele  Ecken  und  Kanten  abgestumpft  ur 
geglättet,  welche  Leben  und  Beruf  mit  sich  bringen.  Ich  erinnei 
mich  nicht,  in  50  Jahren  mehr  als  3  mal,  und  das  in  3  verschieden! 
Vereinen,  meines  Amtes  als  Schiedsgerichtsmitglied  haben  walten 
müssen,  obschon  die  Kollegen  mir  fast  ebensolang  diese  zweifelha. 
Ehrenstelle  übertragen  hatten. 

Und  so  schliesse  ich  mit  dem  Wunsche;  Möge  unser  Verein  v 
bisher  so  auch  im  zweiten  Halbjahrhundert  allezeit  sein  ein  H«j 
wissenschaftlichen  Strebens,  der  Wahrung  der  Standesehre  und  c 
Standesinteressen  und  eines  wahrhaft  kollegialen  Verhaltens! 


10.  August  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1059 


Soziale  Medizin  und  Hygiene. 

Neue  Gesichtspunkte  für  die  Bekämpfung  der  Tollwut. 

Von  Dr.  Johannes  Haedicke,  Sanatorium  Kurpark  in 

Ober-Schreiberhau. 

Die  Ausdehnung  und  Verlängerung  der  Hundesperre  hat  die  all¬ 
gemeine  Aufmerksamkeit  von  neuem  auf  eine  der  gefährlichsten  Seu¬ 
chen  gelenkt,  die  im  Deutschen  Reiche  vor  dem  Völkerkriege  fast 
erloschen  war,  jetzt  aber  infolge  gehäufter  Einschleppung  aus  den 
Nachbarländern  nicht  nur  die  stets  bedrohten  Grenzbezirke  stark  ver¬ 
seucht  sondern  auch  Tiere  und  Menschen  in  den  inneren  Gebieten 
zunehmend  gefährdet  und  dort  bereits  mehrere  Todesfälle  verursacht 
hat.  Es  erscheint  daher  angezeigt,  auf  einige  neue  Gesichtspunkte 
hinzuweisen,  die  sich  hinsichtlich  ihrer  Bekämpfung  aus  dein  Fort¬ 
schritt  der  wissenschaftlichen  Forschung  ergeben. 

Bei  der  praktischen  Bekämpfung  der  Tollwut  ist  zu  be¬ 
rücksichtigen: 

1.  Die  Behandlung  bereits  erkrankter  Menschen  und 

Tiere, 

2.  die  Behandlung  von  tollwütigen  oder  tollwutverdächtigen 
Tieren  gebissener  Menschen  und  Tiere, 

3.  die  V  e  r  h  ii  t  u  n  g  der  Ansteckung  durch  tollwütige  Tiere. 

Zu  1.  Die  Behandlung  von  Menschen  und  Tieren  mit  bereits 

agsgebrochener  Tollwut  ist  noch  immer  aussichtslos 
und  besitzt  daher  nur  insofern  allgemeines  Interesse,  als  ein  jeder  um 
seines  eigenen  Lebens  willen  bestrebt  sein  muss,  vor  diesem  trau¬ 
rigen  Schicksal  qualvoller  Leiden  bewahrt  zu  bleiben. 

Zu  2.  Ist  ein  M  e  n  s  c  h  von  einem  tollwütigen  Tiere  gebissen 
worden,  so  teilt  er  dies  am  besten  sofort  seiner  Ortsbehörde  mit  unter 
Angabe  des  Tieres,  und  begibt  sich  ebenfalls  sofort  in  die  Behand¬ 
lung  seines  Hausarztes,  der  die  Wunden  sachgemäss  versorgt  und  ihn 
so  schnell  wie  möglich  der  zuständigen  Wutschutzabteilung 
überweist  zur  spezifischen  Schutz-  und  Heilimpfung. 

Diese  besteht  auch  heute  noch  nach  den  von  Pasteur  ausge¬ 
arbeiteten  Grundsätzen  darin,  dass  ihm  täglich  Einspritzungen  ver¬ 
abfolgt  werden  aus  einer  Auflösung  getrockneten  Rückenmarkes  von 
Kaninchen,  die  künstlich  wutkrank  gemacht  worden  sind,  das  Gift 
aber  in  einer  für  den  Menschen  unschädlichen  Abschwächung  ent¬ 
halten.  Diese  Behandlung  beansprucht  je  nach  der  Schwere  des  Falles 
3 — 6  Wochen  und  ist  immer  lebensrettend,  wenn  sie  rechtzeitig  be¬ 
gonnen  und  vor  Ablauf  der  Inkubationszeit  beendet  oder  doch  bis  zu 
entscheidender  Wirksamkeit  durchgeführt  worden  ist.  Da  nun  die 
Inkubationszeit  beim  Menschen  zwar  durchschnittlich  etwa  70  Tage 
beträgt,  bei  besonders  gefährlichen  Verletzungen,  d.  h.  zahlreichen 
oder  tiefen  Bisswunden  in  der  Nähe  des  Gehirns  (Gesicht,  Hals  und 
Rumpf),  aber  auf  2 — 5  Wochen  herabgesetzt  sein  kann,  so  ist  allge¬ 
mein  und  ganz  besonders  in  solchen  Fällen  so  bald  wie  irgend  mög¬ 
lich  nach  dem  Biss  mit  der  Schutzimpfung  zu  beginnen.  Impfschädi- 
gungen,  zumal  Lähmungserscheinungen  mit  tödlichem  Ausgang  sind 
bei  den  heutigen  vorsichtigen  und  tausendfach  bewährten  luipfver- 
fahren  so  ausserordentlich  selten,  dass  sie  in  keiner  Weise  den  Wert 
der  Wutschutz-  und  Heilimpfung  beeinträchtigen. 

So  wirksam  und  einfach  diese  Behandlung  technisch  ist,  so  ist  sie 
doch  für  den  Impfling  und  seine  Angehörigen  mit  wirtschaftlichen 
Schwierigkeiten,  erheblichen  Kosten  und  seelischen  Erregungen  ver¬ 
bunden,  insofern  dieser  mindestens  3  Wochen  seinem  Beruf  und  seiner 
Familie  entzogen  wird.  Hierzu  tritt  die  Tatsache,  dass  er  oft  nicht 
einmal  darüber  Gewissheit  erlangt,  ob  er  überhaupt  mit  Wutgift  an¬ 
gesteckt  worden  ist  oder  nicht,  wenn  das  Tier,  das  ihn  gebissen  hat, 
entsprechend  dem  heutigen  Schema  inzwischen  getötet  worden  ist. 

Es  istbisher  unmöglich,  bei  einem  Menschen  die 
Ansteckung  mit  Wutgift  vor  Ausbruch  der  Krank¬ 
heit  f  e  s  t  z  u  s  t  e  1 1  e  n.  Da  nun  die  erfolgreiche  Schutzimpfung 
den  Ausbruch  der  Krankheit  endgültig  verhindert,  so  macht  die 
Schutzimpfung  gerade  durch  ihren  Erfolg  die  Entscheidung  unmöglich, 
ob  sie  überhaupt  notwendig  war.  Aehnlich  verhält  es  sich  ja  mit  der 
Schutzimpfung  gegen  die  schwarzen  Blattern:  Die  Tatsache,  dass  es 
heute  Impfgegner  gibt,  beweist  am  besten  die  Wirksamkeit  und  Not¬ 
wendigkeit  der  Kuhpockenschutzimpfung,  denn  durch  diese  gibt  es 
bei  uns  keine  Menschenpocken  mehr,  die  jedoch  mit  ihren  "Todes¬ 
fällen  sofort  wiederkehren  durch  Einschleppung  aus  anderen  Ländern, 
wenn  die  von  unseren  Grossvätern  als  segensreiche  wissenschaft¬ 
liche  Grosstat  erkannte  und  gesetzlich  eingeführte  Schutzimpfung 
wieder  abgeschafft  würde.  Es  ist  eine  bei  uns  nicht  immer  erfüllte 
Aufgabe  jeder  Staatsregierung,  dafür  zu  sorgen,  dass  Unverstand 
der  Enkel  nicht  zerstört,  was  Weisheit  und  Tatkraft  der  Almen  aus 
Idealismus  und  Not  geschaffen  haben. 

Bei  einem  schutzgeimpften  Menschen  wird  also 
die  Diagnose  einer  Wutgiftinfektion  nur  dadurch 
möglich,  dass  die  Tollwut  bei  dem  Tiere  festge¬ 
stellt  wird,  das  ihn  gebissen  hat.  Dieser  Nachweis  sollte 
die  unerlässliche  Grundlage  bilden  für  die  Durchführung  der  Schutz¬ 
impfung,  die  ja  nur  dann  notwendig  ist.  wenn  eine  Ansteckung  mit 
Wutgift  erfolgt  ist.  Der  Biss  eines  nichttollen  Hundes  kann  zwar 
auch  seine  Gefahren  haben  und  bedarf  daher  ärztlicher  Behandlmi?. 
aber  doch  nicht  der  zeitraubenden,  berufstörenden,  kostspieligen  und 
auch  seelisch  nicht  gleichgültigen  Schutzimpfung.  Gerade  im  Inter-  I 


esse  der  Gebissenen  selber  muss  daher  möglichst  bald  festgestellt 
werden,  ob  der  Verdacht  der  'Tollwut  berechtigt  ist,  d.h.  ob  das  Tier, 
das  gebissen  hat,  wutkrank  ist  oder  nicht. 

Diese  für  den  Verletzten  wie  für  die  Gesamtheit  sehr  wichtige 
Entscheidung  ist  nur  dann  sehr  einfach,  wenn  das  heissende  Tier  die 
Kennzeichen  der  akuten  'Tollwut  aufweist  und  diese  daraufhin  von 
dem  zuständigen  Tierarzt  festgestellt  wird.  In  diesen  Fällen  besteht 
die  Möglichkeit  und  Wahrscheinlichkeit,  dass  das  Wutgift  auf  den 
gebissenen  Menschen  übertragen  und  dieser  nun  ebenfalls  tollwut¬ 
infiziert  ist,  so  dass  die  sofortige  Wutschutzimpfung  notwendig  wird. 
Nur  in  solchen  klaren  Fällen  ist  das  'Tier  sofort  zu  töten  und  sein 
Kopf  der  Wutschutzabteilung  einzusenden  zur  Untersuchung  und 
Giftentnahme. 

In  allen  anderen  Fällen  aber,  die  wesentlich  zahlreicher  sind,  wird 
die  Sicherheit  und  Schnelligkeit  der  Krankheitserkennung  beim  Tiere 
wie  bei  den  von  ihm  gebissenen  Menschen  vermindert,  wenn  das  Tier 
alsbald  nach  dem  Biss  getötet  wird.  Denn  beim  toten  Tiere  ist  die 
Feststellung  der  Tollwut  immer  schwieriger  und  zeitraubender,  oft 
unsicher  und  sehr  häufig  ganz  unmöglich,  so  dass  bei  den  heute  gülti¬ 
gen  Vorschriften  eine  grosse  Zahl  von  Personen  unnötig  lange  und 
sogar  unberechtigt  als  tollwutverdächtig  angesehen  und  behandelt 
wird. 

Tollwutverbreitend  wirkt  der  Biss  nur  eines 
tollwut-infizierten  Tieres  während  der  akuten 
Krankheit  und  kurz  vor  deren  Ausbruch.  Bei  diesem 
kann  die  Diagnose  durch  mikroskopische  Untersuchung  des  Gehirns 
unter  günstigen  Umständen  in  wenigen  Stunden  bestätigt  und  ge¬ 
sichert  werden  durch  Nachweis  der  von  B  a  b  e  s  zuerst  aufgefun¬ 
denen  [ll  sog.  Negrischen  Körperchen,  die  nach  Lommel  f2l 
vom  Tage  der  ersten  klinischen  Erscheinungen  ab  in  98 — 99  v.  H.  der 
Fälle  zu  finden  sind. 

Möglich  ist  die  Feststellung  der  Tollwut  auch  noch  bei  solchen 
getöteten  Tieren,  deren  Gehirn  und  Rückenmark  bereits  giftdurch¬ 
setzt  sind,  obwohl  sie  noch  nicht  sichtbar  erkrankt  waren,  die  also 
gegen  Ende  der  Inkubationszeit  getötet  wurden.  Zwar  fehlen  bei 
ihnen  ausser  den  klinischen  Krankheitserscheinungen  noch  die  charak¬ 
teristischen  makro-  und  mikroskopischen  Veränderungen  der  inneren 
Organe  und  auch  der  abnorme  Mageninhalt,  aber  es  ist  doch  schon 
möglich,  durch  Ueberimpfung  ihres  Rückenmarkes  und  Gehirns  auf 
Kaninchen  diese  tollwütig  zu  machen  und  dadurch  den  Nachweis  der 
Krankheit  zu  erbringen.  Aber  dies  Ergebnis  kann  selbst  bei  positivem 
Ausfall  frühestens  nach  19  Tagen  vorliegen  (L  ub  i  n  s  k  i  [3]);  solange 
muss  der  Verletzte  in  Ungewissheit  warten  und  sich  der  Schutz¬ 
impfung  unterziehen. 

Ganz  unmöglich  wird  nun  die  Entscheidung,  ob  Tollwut  vorliegt 
oder  nicht,  wenn  das  'Tier  bereits  im  Beginn  der  Inkubationszeit  ge¬ 
tötet  wurde,  weil  es  sich  dann  weder  äusserlich,  noch  innerlich 
irgendwie  von  gesunden  'Tieren  unterscheidet  und  auch  ganz  gesunde 
Hunde  Fremde  zu  beissen  pflegen,  zumal  wenn  sie  angegriffen  wer¬ 
den,  da  ihnen  der  amtliche  Zweck:  Feststellung  ihrer  Zugehörigkeit, 
nicht  verständlich  gemacht  werden  kann.  Vielleicht  bietet  sich  eine 
Möglichkeit  zur  Feststellung  der  Krankheit  wenigstens  in  der  mitt¬ 
leren  Inkubationszeit  dadurch,  dass  eine  der  Wassermann  sehen 
Reaktion  ähnliche  Methode  gefunden  wird. 

Nun  kann  man  sich  ja  auf  den  Standpunkt  stellen,  dass  auch  bei 
den  von  anscheinend  gesunden  Hunden  gebissenen  Menschen  die 
Durchführung  einer  wochenlangen  Impfbehandlung  das  kleinere  Uebel 
ist  gegenüber  der  immerhin  20  Proz.  und  mehr  betragenden  Wahr¬ 
scheinlichkeit,  dass  der  Gebissene  wirklich  an  Tollwut  erkrankt. 
Dies  wäre  aber  wissenschaftlich  und  sozial  nur  dann  berechtigt,  wenn 
es  keinen  anderen  Weg  gäbe,  der  schneller  und  sicherer  zum  Ziele 
führt. 

Dieser  Weg  ist  nun  durch  die  beiden  Tatsachen  gegeben,  dass 
erstens  an  akuter  klinischer  Tollwut  erkrankte  Hunde  bis  auf  sehr 
seltene  und  daher  praktisch  auszuscheidende  Ausnahmen  immer  der 
Krankheit  erliegen  und  dass  zweitens  ein  Hund,  der  10  Tage,  nachdem 
er  einen  Menschen  gebissen  hat  noch  ganz  gesund  ist,  entweder 
überhaupt  nicht  tollwütig  war  (L  u  b  i  n  s  k  i)  oder,  wie  wir  hinzu¬ 
fügen  müssen,  sich  noch  in  einem  Stadium  der  Inkubation  befand,  in 
dem  sein  Biss  noch  nicht  ansteckend  war.  In  beiden  Fällen  ist  die 
Wutschutzimpfung  überflüssig. 

Das  sicherste  und  am  schnellsten  erkennbare 
Zeichen  der  Tollwut  ist  eben  die  akute  Krankheit 
selbst,  bei  den  Tieren  wie  beim  Menschen.  In  diesem  Sinne 
schreibt  Dr.  Lubinski,  der  Leiter  der  Wutschutzabteilung  Breslau, 
in  einem  kürzlich  erschienenen  Aufsatz  über  die  Tollwut  und  ihre 
Bekämpfung  [3]: 

„Da  von  mir  die  Beobachtung  gemacht  worden  ist,  dass  die 
Negrischen  Körperchen  besonders  häufig  dann  fehlen,  wenn  die 
Tiere  im  Anfangsstadium  der  Erkrankung  getötet  worden  sind,  emp¬ 
fiehlt  es  sich,  tollwutverdächtige  Tiere,  soweit  dies  ohne  Gefahr  ge¬ 
schehen  kann,  nicht  zu  töten,  sondern  in  sicherem  Gewahrsam  zu 
halten  und  zu  warten,  bis  sie  spontan  sterben. 

Abgesehen  aber  von  deii  eben  geschilderten  Fällen,  haben  in 
einem  Bezirk,  in  dem  während  der  letzten  3  Monate  Tollwutfälle  vor¬ 
gekommen  sind,  als  tollwutverdächtig  alle  Hunde  zu  gelten,  die  einen 
Menschen  gebissen  haben.  Denn  selbst  wenn  der  Hund  scheinbar 
gesund  ist,  ist  eine  Schutzimpfung  vonnöten,  da  durch  Versuche  er¬ 
wiesen  ist,  dass  der  Speichel  eines  Hundes  bereits  3—4  Tage  vor 


1060 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


Nr.  32. 


Auftreten  der  ersten  klinischen  Symptome  infektiös  sein  kann.  In 
diesen  Fällen,  wo  es  sich  also  um  anscheinend  gesunde  Hunde  han¬ 
delt,  darf  das  Tier  nicht  getötet  werden,  sondern  es  ist  einer  bis 
zum  10.  Tage  nach  dem  Biss  dauernden  tierärztlichen  Beobachtung 
zu  unterwerfen,  um  festzustellen,  ob  in  dieser  Zeit  auf  Tollwut  ver¬ 
dächtige  Symptome  auftreten.  Nach  dem  oben  über  die  Bedeutung 
des  Fehlens  der  N  e  g  r  i  sehen  Körperchen  Gesagten  ist  dies  nämlich 
die  schnellste  Methode,  den  Tollwutverdacht  mit  Sicherheit  auszu- 
schliessen. 

Zwar  kommt  es  vor,  dass  an  Tollwut  erkrankte  Hunde  wieder 
genesen;  diese  Fälle  sind  aber  so  selten,  dass  sie  für  die  Praxis  keine 
Rolle  spielen.  Bleibt  der  Hund  während  der  10  tägigen  Beobach¬ 
tungszeit  gesund,  so  wird  die  unterdessen  eingeleitete  Behandlung 
der  gebissenen  Personen  abgebrochen.  Die  Erfahrungen  auf  der 
hiesigen  Abteilung  haben  gezeigt,  dass  solche  Fälle,  in  denen  ein 
Hund  bereits  bissig  wird,  bevor  sonstige  Anzeichen  der  Tollwut  auf¬ 
treten,  nicht  zu  den  allergrössten  Seltenheiten  gehören. 

Aus  der  folgenden,  von  Marie  R  e  m  1  i  n  g  e  r  aufgestellten  Ta¬ 
belle  geht  hervor,  nach  welchen  Grundsätzen  der  Arzt  in  zweifel¬ 
haften  Fällen  seine  Entscheidung  zu  treffen  hat. 

1.  Das  Tier  ist  eingegangen  vor  Ablauf  von  10  Tagen  nach  dem  Biss. 
(Spezifische  Behandlung.) 

2.  Getötet  vor  Ablauf  von  10  Tagen  nach  dem  Biss.  (Spezifische  Be¬ 
handlung.) 

3.  Verschwunden.  (Spezifische  Behandlung.) 

4.  Unbekannt.  (Spezifische  Behandlung.) 

Das  verdächtige  Tier  ist 

a)  erkrankt  an  der  Wut.  (Spezifische  Behandlung.) 

b)  geht  unter  verdächtigen  Symptomen  ein.  (Spezifische  Behandlung.) 

c)  erkrankt,  lebt  aber  am  10.  Tage.  (Weitere  Beobachtung,  wenn  +, 
spezifische  Behandlung.) 

d)  gesund  nach  10  Tagen.  (Spezifische  Kur  wird  abgebrochen.) 

Es  ist  verständlich,  dass  bei  dieser  weitgehenden  Indikations¬ 
stellung  manche  Personen  unnötigerweise  sich  den  Unbequemlich¬ 
keiten  der  Schutzimpfung  unterwerfen  müssen.  Es  erscheint  aber 
doch  gerade  bei  dem  furchtbaren  Krankheitsbilde  der  Lyssa  besser, 
etwas  unter  Umständen  Unnötiges  zu  tun,  als  auch  nur  in  einem 
einzigen  Fall  das  Notwendige  zu  unterlassen.“ 

Durch  einfache  Unterlassung  der  Tötung  nicht 
wahrnehmbar  tollwütiger  Tiere  sowie  durch  deren 
sachverständige  Beobachtung  während  nur  10 
Tage  kann  also  die  Beobachtungszeit  und  die 
Dauer  der  prophylaktischen  Wutschutzimpfung 
bei  gebissenen  Menschen  auf  10  Tage  herabgesetzt 
werden,  d.  h.  auf  die  Hälfte  der  bisherigen  Mindest¬ 
frist  von  etwa  20  Tagen. 

Die  Vorteile  dieses  neuen  „Verfahrens  nach  Lubinski“ 
sind  so  handgreiflich,  dass  es  verdient,  allgemein  beachtet,  befolgt 
und  reichsgesetzlich  eingeführt  zu  werden. 

Ein  nicht  zu  unterschätzender  Vorzug  dieses  Menschen  und  Tiere 
schonenden  Verfahrens  liegt  ferner  darin,  dass  es  berechtigte  Forde¬ 
rungen  der  zahlreichen  Hundebesitzer  erfüllt.  Zum  reinen  Vergnügen 
hält  sich  heute  niemand  mehr  einen  Hund  oder  eine  Katze,  Hühner, 
Tauben  und  andere  tollwutempfängliche  Tiere.  Alle  diese  Tiere  wer¬ 
den  vielmehr  zur  Erfüllung  notwendiger  wirtschaftlicher  Aufgaben 
gehalten  und  sind  Wertgegenstände,  die  es  gleich  allen  anderen  be¬ 
sonders  unter  den  gegenwärtigen  Verhältnissen  nach  Möglichkeit  zu 
erhalten  gilt.  Das  wahllose  Niederknallen  einseitig  von  Hunden,  die 
sich  gelegentlich  auch  der  strengsten  Aufsicht  zu  entziehen  wissen, 
da  man  leider  nicht  auch  ihnen  die  Notwendigkeit  der  Hundesperre 
klarmachen  kann,  passt  nicht  mehr  in  unsere  Zeit  und  dürfte  bei  dem 
heutigen  Stande  der  wissenschaftlichen  Erkenntnis  zu  wohlbegrün¬ 
deten  Entschädigungsansprüchen  führen.  Gewiss  sind  strenge  Mass¬ 
nahmen  erforderlich  und  ein  wirklicher  Schutz  nur  durch  deren 
lückenlose  Durchführung  möglich,  aber  diese  Massnahmen  und  Vor¬ 
schriften  müssen  sich  in  den  Grenzen  des  wissenschaftlich  und  sozial 
Notwendigen  halten.  Hierzu  gehört  aber  die' allgemeine  Verfügung: 
„Hunde“,  die  frei  umherlaufend  betroffen  werden,  sind  sofort  zu 
töten“  nicht  mehr. 

Sogar  unter  den  als  tollwutverdächtig  getöteten  Hunden,  deren 
Köpfe  der  Wutschutzabteilung  Breslau  eingesandt  wurden,  befanden 
sich  nach  Lubinski  50  (55  Proz.)  im  Jahre  1913  und  88  (26  Proz.) 
im  Jahre  1921,  bei  denen  Tollwut  nicht  nachgewiesen  werden  konnte, 
die  also  zwecklos  getötet  worden  waren.  Es  ist  mindestens  möglich, 
dass  sich  einige  von  diesen  doch  noch  als  tollwut-infiziert  erwiesen 
hätten,  wenn  sie  nicht  vorzeitig  getötet,  sondern  lebendig  weiter¬ 
beobachtet  worden  wären,  so  dass  auch  deren  Leben  wertvoller  war 
als  ihr  gewaltsamer  Tod.  Die  Tötung  der  weit  zahlreicheren  gesunden 
Hunde  aber  bringt  niemandem  einen  Nutzen  und  bedeutet  für  ihre 
Besitzer  eine  nicht  mehr  gerechtfertigte  Schädigung. 

Zu  3.  Die  Verhütung  der  Ansteckung  von  Menschen 
und  Tieren  durch  tollwütige  Tiere  erfordert  das  von  gegenseitiger 
Hilfsbereitschaft  getragene  Zusammenwirken  der  Bevölkerung 
und  der  Behörden. 

Die  Tollwut  wird  auf  Menschen  übertragen 
nicht  nur  Tiere,  die  beissen,  sondern  die  gebissen 
worden  sind,  und  zwar  von  einem  tollwütigen  Tiere. 
Ein  Hund,  der  nicht  von  einem  solchen  Tiere  gebissen  worden  ist, 
bedeutet  somit  keine  Gefahr  für  die  Allgemeinheit,  und  es  liegt  daher 
keine  rechtliche  Begründung  für  die  behördliche  Anordnung  vor,  ihn 


zu  erschiessen,  selbst  wenn  er  infolge  Reizung  einen  Menschen  ge¬ 
bissen  hat.  % 

Anderseits  wird  durch  einen  gebissenen  und  dadurch  mit  Wut¬ 
gift  angesteckten  Hund  dessen  Besitzer- in  erster  Linie  an 
Gesundheit  und  Leben  gefährdet,  und  daher  hat  der 
Hundebesitzer  selbst  das  allergrösste  Interesse  daran,  dass  sein 
Hund  nicht  gebissen  und  angesteckt  wird.  Diese  Erkenntnis  ist  wert-  i, 
voller  und  bei  Verständigen  wirksamer  als  polizeiliche  Anzeigen  und 
Strafen,  ohne  die  bei  den  Unbelehrbaren  und  Böswilligen  allerdings  > 
nicht  auszukommen  ist. 

Unbedingt  gerechtfertigt  und  geboten  ist  in  tollwutverseuchten  ; 
Gebieten  die  Tötung  fremder  Hunde  und  Katzen,  die  sich 
in  der  Umgebung  einer  Ortschaft  herumtreiben,  da  sie  schutzlos  I 
den  Bissen  umherschweifender  Wuthunde  preisgegeben  sind  und  so-  i 
mit  selber  gemeingefährlich  sind. 

Fremde  Hunde,  die  ohne  Maulkorb  innerhalb  eines  Ortes  I 
angetroffen  werden,  zeigen,  dass  sie  ihrem  Eigentümer  entlaufen  sind  j 
und  weitere  Strecken  zurückgelcgt  haben,  also  ebenfalls  tollwut  -  il 
verdächtig  sind.  Diese  sind  daher  auch  zu  töten,  wenn  es  nicht  j 
gelingt,  sie  einzufangen.  Aber  gerade  dann,  wenn  sie  bei  den  Ver-  i 
suchen  hierzu  Menschen  beissen,  sind  sie  trotzdem  möglichst  am  1 
Leben  zu  lassen,  weil  ihre  Tötung  die  Feststellung  ihrer  Er-  J 
krankung  immer  verzögert  und  oft  verhindert,  so  dass  alsdann  die  I 
Gebissenen  davon  keinen  Nutzen,  sondern  nur  noch  grösseren  Scha-  J 
den  haben. 

Einheimische  Hunde,  die  sich  in  ihrem  verständlichen 
Freiheitsdrang  vom  Hause  entfernt  haben  und  in  dessen  Umgebung  1 
ohne  Maulkorb  angetroffen  werden,  sind  in  kleineren  Orten  jederzeit  ] 
leicht  festzustellen,  da  sie  jedermann  bekannt  sind.  Zu  ihrer  Tötung 
liegt  keinerlei  Grund  vor,  zumal  in  Gemeinden,  die  noch  frei  von  Toll¬ 
wut  sind.  Aber  es  ist  berechtigt,  ihre  Besitzer  in  der  üblichen  Weise 
zu  einer  Zahlüng  an  die  Gemeindekasse  zu  veranlassen. 

Eine  besondere  und  bisher  nicht  vorgesehene  Behandlung  ver-  i 
langen  die  von  fremden  Tieren  gebissenen  Tiere,  da  diese  als  I 
tollwutverdächtig  anzusehen  sind.  Die  Frage:  wann  ein  i 
Tier  tollwutverdächtig  ist,  muss  nach  praktischen  Gesichtspunkten  i 
entschieden  werden.  Im  wissenschaftlichen  Sinne  ist  nur  das  Tier  | 
wutverdächtig,  das  von  einem  wutkranken  Tier  angesteckt  worden  ij 
ist,  sei  es  durch  Biss  oder  anderweitig.  Praktisch  sind  diesen  gleich-  ; 
zuachten  in  bisher  tollwutfr-eien  Orten  alle  Hunde  usw.,  die  von  frem¬ 
den  Tieren  gebissen  worden  sind;  in  allen  anderen  Orten  aber  alle 
Tiere  und  Menschen,  die  von  irgendeinem,  auch  einheimischen,  Tiere,  1 
einschliesslich  des  eigenen  Hundes,  gebissen  worden  sind,  sowie  die¬ 
jenigen  Hunde  usw.,  die  andere  Tiere  und  Menschen  gebissen  liaben. 
In  tollwutverseuchten  und  -gefährdeten  Gebieten! 
sind  praktisch  also  alle  Gebissenen,  Menschen  wie! 
Tiere,  als  tollwutverdächtig  anzusehen  und  dem-] 
entsprechend  zu  behandeln. 

Während  die  gebissenen  Menschen  sofort  der  zuständigen 
Wutschutzabteilung  zu  überweisen  und  dort  der  Wutschutzimp¬ 
fung  zu  unterziehen  sind,  müssen  alle  gebissenen  und  bissigen  j 
Hunde  usw.  als  ansteckungsverdächtig,  wie  dies  bei  allen 
anderen  gemeingefährlichen  Infektionskrankheiten  bereits  gesetzlich 
vorgeschrieben  ist,  sofort  der  zuständigen  Behörde  angezeigt, 
streng  isoliert  und  tierärztlich  beobachtet  werden. 
Diese  Forderung  ergibt  sich  aus  der  Erkenntnis,  dass  die  Tötung  toll-  | 
wutverdächtiger  Tiere  aus  wissenschaftlichen  und  praktisch-ärzt-  i] 
liehen  Gründen  zweckwidrig  und  die  Tötung  ganz  gesunder  Tiere 
ausserdem  aus  volkswirtschaftlichen  Erwägungen  zu  verwerfen  ist. ; 

Die  Isolierung  und  Beobachtung  dieser  praktisch  als  tollwutver- ; 
dächtig  zu  behandelnden  gebissenen  und  bissigen  Hunde  usw.  kann 
wie  bei  anderen  Infektionskrankheiten  im  Hause  des  Besitzers  oder  ; 
auch  in  besonderen  Beobachtungsstätten  erfolgen,  die  im  j 
Wohnort  eines  Tierarztes  oder  des  Kreistierarztes  einzurichten  sind  j 
und  dessen  dauernder  Aufsicht  unterstehen. 

Erweist  sich  ein  Hund  nach  10  Tagen  noch  als  gesund,  so  sind 
die  von  ihm  gebissenen  Menschen  aus  der  WutschHtzabteilung  unter 
Einstellung  der  Schutzimpfung  zu  entlassen,  da  diese  bei  ihnen  J 
wegen  nicht  erfolgter  Ansteckung  überflüssig  ist.  Die  Entlassung  i 
der  Hunde  usw.  muss  der  Entscheidung  des  beaufsichtigenden  Tier-  i 
arztes  Vorbehalten  bleiben.  Sicher  werden  die  meisten  Hunde  auch  4 
weiter  gesund  bleiben,  da  sie  lediglich  infolge  Gereiztseins  gebissen] 
haben,  wie  es  ja  die  bekannte  Art  der  meisten  Hunde  ist.  Es  besteht  1 
aber  immerhin  die  Möglichkeit,  dass  unabhängig  hiervon  in  ver-  ■( 
seuchten  Orten  doch  der  eine  oder  andere  Hund  bereits  tollwut-infi-  I 
ziert  ist,  so  dass  er  zwar  zur  Zeit  (Tds  Bisses  noch  nicht  ansteckend 
war,  aber  nach  Ablauf  der  Inkubationszeit  doch  an  der  akuten  Wut) 
erkrankt  und  alsdann  ansteckend  wird. 

Somit  ergeben  sich  für  amtlich  als  tollwutverseucht  oder  -be-  J 
droht  erklärte  Gebiete  folgende 
■  v\  * 

Richtlinien: 

1.  Alle  Hunde  sind  auch  während  der  Nacht  so  festzu- 
1  egen  (anzuketten  oder  einzusperren),  dass  fremde  Hunde  mit  ihnen 
nicht  in  Berührung  kommen. 

2.  Der  Festlegung  der  Hunde  gleichzuachten  ist  das  Führen  der 
mit  einem  bisssicheren  Maulkorb  versehenen  Hunde  an  der 
Leine  oder  bei  Zughunden  das  sichere  Anschirren  an  den  Wagen. 


August  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


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3.  Die  Ausfuhr  von  Hunden  und  Katzen  aus  dem  gefährdeten 
zirk  ist  nur  mit  ortspolizeilicher  Genehmigung  nach  vorheriger 
rärztlicher  Untersuchung  gestattet. 

4.  Bei  Erkrankungen  von  Hunden  und  anderen  Tieren  an 
Iwutverdächtigen  Erscheinungen  ist  sofort  ein  Tierarzt  zu  he¬ 
gen,  der  Fälle  von  Tollwut  und  Tollwutverdacht  binnen  24  Stun- 
n  dem  Kreistierarzt  und  der  Ortsbehörde  anzuzeigen  hat. 

5.  Die  kranken  und  verdächtigen  Tiere  sind  sofort  zu  isolie- 
n.  Die  Kadaver  sind  zu  verbrennen  oder  tief  zu  vergraben;  die 
,pfe  sind  der  zuständigen  Wutschutzabteilung  einzusenden. 

6.  Nachgewiesene  Fälle  von  Tollwut  bei  Menschen  und 
,'ren  sind  sofort  amtlich  bekanntzugeben. 

7.  Ausserhalb  der  Ortschaften  frei  umhcrlaufende  Hunde  und 
tzen  können  sofort  getötet  werden.  Hierzu  sind  ausser  den 
ndarmen  und  Polizeivollzugsbeamten  auch  Förster-,  Feld-  und 
aldaufseher  befugt. 

8.  Hunde  und  Katzen,  die  in  wutfreien  Orten  von  fremden 
;ren,  oder  in  wutverseuchten  Orten  von  anderen  Tieren  ge- 
ssen  worden  sind  oder  die  selber  andere  Tiere  oder  Men- 
len  gebissen  haben,  sind  sofort  der  Ortsbehörde  anzu- 
tgen,  aber  nur  dann  zu  töten,  wenn  ihr  Einfangen  oder  die 

ststellung  ihres  Besitzers  unmöglich  ist. 

Diese  Tiere  sind  als  tollwutverdächtig  einer  I  s  p  1  i  c  - 
n  g  und  tierärztlichen  Beobachtung  von  mindestens 
Tagen  zu  unterwerfen.  Den  Zeitpunkt  ihrer  Entlassung  bestimmt 
i  Freibleiben  von  Krankheitserscheinungen  der  zuständige  Tierarzt. 

9.  Personen,  die  in  tollwutverseuchten  Gebieten  von  Hunden 
er  Katzen  gebissen  oder  vermutlich  bei  der  Pflege  wutkranker 
:re  oder  anderweitig  angesteckt  worden  sind,  haben  sich  sofort  in 
■  Behandlung  eines  A  r  z  t  e  s  zu  begeben,  der  unter  Meldung  an  die 
tsbehörde  und  den  Kreisarzt  ihre  alsbaldige  Ueberfiihrung  in  die 
ständige  Wutschutzabteilung  veranlasst  zur  Einleitung  der 
hutz-  und  Heilimpfung. 

Literatur. 

V.  B  a  b  e  s  -  Bukarest:  Behandlung  der  Wutkrankheit  des  Menschen. 
izcldt-Stintzing.  Hb.  d.  ges.  Ther.  4.  Aufl.  Bd.  I.  —  F.  Lommel-Jena: 
jnosen.  Mohr-Staehelin,  Hb.  d.  inn.  Med.  Bd.  I.  —  Herbert  L  u  b  i  n  s  k  i: 
lwut  und  ihre  Bekämpfung.  Zschr.  f.  Med. -Beamte  u.  Krankenhausärzte 

3  Nr.  10. 

— 

Was  erreicht  die  „Mannheimer  Beratungsstelle“ 
für  Geschlechtskranke. 

.nnerkungen  zu  Loebs  Aufsatz  in  Nr.  24  dieser  Wochenschrift.) 

on  Dr.  Hans  Schmidt,  Kreisassistenzarzt  in  Marburg. 

In  der  Annahme,  dass  der  Arbeit,  wenigstens  in  ihren  Schluss¬ 
zen,  von  ihrem  Autor  nicht  nur  lokale,  sondern  eine  allgemeine 
deutung  zugedacht  ist,  möchte  ich  folgendes  bemerken.  Die  For- 
•ung  einer  erhöhten  Beeinflussung  der  überwachten  Personen  durch 
’angsmittel  im  Fall  einer  unregelmässigen  Durchführung  oder  einer 
terbrechung  der  Behandlung  wird  ebenso  wie  der  Ruf  nach  Aus- 
mung  der  Ueberwachung  auch  auf  die  nichtversicherten  Kranken 
am  einem  Widerspruch  begegnen.  Dagegen  erscheint  mir  die  Er- 
gung  einer  Beseitigung  oder  Vernachlässigung  der  Meldung  ver- 
tener  Kranker  an  die  für  den  neuen  Wohnort  zuständige  Beratungs- 
lle  doch  recht  anfechtbar,  auch  wenn  sic  in  abgeschwächter  Form 

•  Diskussion  gestellt  wird. 

Nach  meinen  Erfahrungen,  die  ich  als  Leiter  der  Beratungsstelle 
es  Zentrums  des  rheinisch-westfälischen  Industriegebietes  zu  ma- 
:n  in  der  Lage  war,  kann  in  jedem  Fall  dieser  Art  die  Wiederauf- 
ime  der  Ueberwachung  und  der  Behandlung  erreicht  werden,  wenn 
Meldung  von  seiten  der  früher  zuständigen  Beratungsstelle  recat- 
tig  erfolgt.  Freilich  habe  ich  nicht  zu  selten  beobachten  können, 
ss  derartige  Kranke  sich  freiwillig  bei  der  Beratungsstelle 
rstellten  und  die  Meldung  der  Beratungsstelle  des  früheren  Wolri- 
es  entweder  viel  später  oder  überhaupt  nicht  erfolgte.  Ich  habe 
:h  dabei  häufig  fragen  müssen,  wieviele  ungeheilte,  weniger  auf- 
därte  und  weniger  auf  ihre  Gesundheit  bedachte  Syphilitiker  wohl 
•ch  den  Wohnungswechsel  für  immer  der  Behandlung  und  damit 

•  endgültigen  Heilung  entzogen  werden  mögen.  Dies  gilt  besonders 
die  Industriebezirke;  hier  sind  es  die  jugendlichen  Arbeiter,  welche 
ersten  sich  der  Behandlung  und  Ueberwachung  zu  entziehen  ge- 

gt  sind;  die  gleichen  Elemente  sind  es  aber  anderseits,  die  von 
'  Wohnungsnot  weniger  betroffen  und  weniger  zur'Sesshaftigkeit 
:wungen  sind  und  deshalb  häufig  Arbeitsstelle  und  Wohnsitz  wech- 
(i  können.  Aber  auch  für  andere  Gegenden  dürfte  eine  strenge 
ntinuität  der  Ueberwachung  bei  Ortswechsel  notwendig  sein,  bc- 
iders  wenn  man  sich  der  alten  Erfahrungstatsache  erinnert,  dass 
lade  die  sogenannten  Wanderberufe  der  Ansteckung  am  meisten 
'■gesetzt  sind.  Mit  Loeb  teile  ich  das  Gefühl,  dass  der  in  Rede 
■liende  Teil  unserer  Bekämpfungsmassnahmen  bis  jetzt  recht  un- 
riedigend  ist;  doch  bin  ich  der  Ansicht,  dass  Loeb  von  unrich- 
-n  Voraussetzungen  ausgeht,  wenn  er  die  Lücke  bei  der  Wieder- 
i  nähme  der  Ueberwachung  und  Behandlung  gefunden  zu  haben 
mbt;  nicht  hier  liegt  der  Mangel,  sondern  in  dem  ungenügenden 
1  ldewesen.  Deshalb  muss  in  diesem  Punkte  nicht  ein  Abbau,  son- 
n  ein  Ausbau  erfolgen,  und  zwar  muss  die  organische  Zusam- 
narbeit  sämtlicher  deutschen  Beratungsstellen  durch  Schaffung 


eines  einheitlichen  Meldesystems  angestrebt  werden.  Ich  verkenne 
nicht,  dass  diesem  verwaltungstechnische  Schwierigkeiten  entgegen¬ 
stehen  —  wie  erfährt  z.  B.  die  Beratungsstelle  umgehend  den  Wegzug 
des  Kranken,  wenn  sich  dieser  gerade  in  einem  behandlungsfreien 
Intervall  befindet?  Hier  wird  man  auf  Mitwirkung  der  Behörden  nicht 
verzichten  können  — ;  diese  Schwierigkeiten  aber  dürfen  bei  der 
Wichtigkeit  der  in  Rede  stehenden  Materie  kein  Hinderungsgrund  für 
den  geforderten  Ausbau  sein,  sondern  müssen  überwunden  werden. 


Bücheranzeigen  und  Referate. 

Seil  heim:  Die  geburtshilflich-gynäkologische  Untersuchung. 

Ein  Leitfaden  für  Studierende  und  praktische  Aerzte.  Mit  94  Abb. 
4.  vermehrte  und  umgearbeitete  Auflage.  Verlag  J.  F.  Bergmann, 
München  1923. 

Ein  wissenschaftlicher  Spaziergang  mit  S  e  1 1  h  e  i  m  ist  oft 
„inühe“voll,  bringt  aber  immer  Gewinn.  Er  vermeidet  absichtlich  die 
breite,  direkt  zum  Ziel  führende,  abgetretene  Landstrasse  und  leitet 
uns  auf  anmutigen,  weite  Fernsicht  bietenden  Nebenwegen,  wobei 
wir  dann  allerdings  des  öfteren  steinige  und  steile,  bisher  un¬ 
begangene  Pfade  bezwingen  müssen.  Für  den  trainierten  Fachmann 
ist  dies  stets  ein  Genuss;  mancher  Studierende  aber,  der  einen  schwe¬ 
ren  Rucksack  voll  Examenswissen  daneben  zu  schleppen  hat,  wird 
die  alte  bequeme  Landstrasse  vorziehen. 

Das  vorliegende- Buch  S  e  1 1  h  e  i  m  s  zerfällt  in  einen  allgemeinen 
und  einen  praktischen  Teil.  Gerade  der  erste  ist  für  die  wissenschaft¬ 
liche  Arbeitsart  des  Verfassers  ungemein  charakteristisch:  Praxis 
und  Schule  der  geburtshilflich-gynäkologischen  Untersuchung,  Auf¬ 
gaben  der  Hand  in  der  geburtshilflich-gynäkologischen  Diagnostik, 
natürliche  Begabung  der  Hand,  Schulung  der  Hand  für 
die  Aufgaben  der  Geburtshilfe  und  Gynäkologie  lauten  die 
vier  ersten  Kapitelüberschriften,  die  eine  neue  Physiologie 
des  Tastens  enthaltenen  und  jedermann  Wissenswertes  und 
Anregendes  bringen.  Auf  diesen  „steilen  Pfad“  folgen  die  leicht  fass¬ 
bar  und  zugleich  ungemein  interessant  geschriebenen  Abschnitte: 
Unterhaltung  mit  hilfesuchenden  Frauen,  Psychologie  im  Umgang  mit 
kranken  Frauen,  die  dem  Studierenden  und  praktischen  Arzt  eben¬ 
so  wie  dem  Fachmann  wichtige  Leitsätze  fürs  Leben  geben.  Ana¬ 
mnese,  Vorbereitung  und  Hilfsmittel  zur  gynäkologischen  Unter¬ 
suchung  bilden  den  Schluss  des  allgemeinen  Teils.  Der  zweite  spe¬ 
zielle  Abschnitt  beginnt  mit  der  Geburtshilfe:  Untersuchung  des  knö¬ 
chernen  Beckens,  Untersuchung  Schwangerer,  Diagnose  der  Gra¬ 
vidität,  wobei  die  Abderhalden  sehe  Reaktion  ausführlich  be¬ 
sprochen  wird,  von  der  S.  für  die  Zukunft  in  der  neuesten  verbesser¬ 
ten  Form  mancherlei  erhofft.  Die  Diagnostik  ist  ja  Seilheims 
besonderes  Forschungsgebiet;  im  Text  und  im  Bilde  treten  uns  hier¬ 
bei  die  Ergebnisse  seiner  grundlegenden  Arbeiten  wiederum  ent¬ 
gegen.  Bei  der  Untersuchung  Kreissender  wird  dringend  empfohlen, 
sich  möglichst  auf  die  äussere  Untersuchung  zu  beschränken.  Eine 
ausgedehnte  Rektaluntersuchung  wird  für  die  Geburtshilfe  im  Gegen¬ 
satz  zur  Gynäkologie  abgelehnt.  Bei  der  vaginalen  Untersuchung 
liegt  die  Hauptgefahr  in  dem  Eindringen  des  Fingers  in  den  Mutter¬ 
mund,  daher:  Respektieren  des  physiologisch  keimfreien  Gebietes, 
d.  h.  Scheiden  Untersuchung,  und  nur  bei  dringlichsten  Fällen, 
z.  B.  Placenta  praevia  U  t  e  r  u  s  Untersuchung.  Den  letzten  Teil  bil¬ 
det  die  gynäkologische  Untersuchung,  eingeleitet  durch  ein  ungemein 
instruktives  Kapitel  über  die  anatomischen  Grundlagen  der  gynäko¬ 
logischen  Betastung.  Palpation,  Untersuchung  des  Uterusinneren, 
Probeexzision  werden  dann  besprochen.  Das  Pneumoperitoneum 
wird  nur  für  die  Diagnostik  von  Adhäsionen  gewürdigt;  es  gelingt 
aber  auch  hiermit  die  Verhältnisse  im  kleinen  Becken  röntgenologisch 
darzustellen  (Referent  und  Dr.  Dietl).  Den  Schlftss  bildet  die  viel¬ 
fach  vernachlässigte,  von  S.  besonders  ausgearbeitete  gynäkologische 
Mastdarmdiagnostik  und  die  vielleicht  im  Vergleich  zu  den  voran¬ 
gehenden  Kapiteln  etwas  zu  knapp  gehaltene  Untersuchung  der  Harn¬ 
organe. 

Der  wertvolle  Text  findet  eine  vorzügliche  Ergänzung  durch  94 
einfach  gehalterte  und  dadurch  ungemein  klar  wirkende  Bilder,  die 
uns  bereits  zum  grössten  Teil  aus  den  Arbeiten  Seilheims  be¬ 
kannt  sind.  Ausstattung  und  Druck  sind,  abgesehen  von  der  durch 
die  Zeitverhältnisse  bedingten  Ungleichheit  des  Papieres,  vorzüglich. 

Jedem  also,  der  mehr  sucht  als  eine  landläufige,  nur  für  die 
Praxis  zugestutzte  geburtshilflich-gynäkologische  Diagnostik  kann 
das  originelle,  wissenschaftlich  hochstehende  und  anregende  Werk 
Sellheims  bestens  empfohlen  werden.  P  o  1  a  n  o -  München. 

Jaschke  und  Pankow:  Lehrbuch  der  Geburtshilfe.  10.  und 

11.  Auflage  des  Rung  eschen  Lehrbuches  der  Geburtshilfe.  Berlin, 
1923.  Verlag  J.  Springer.  501  Texttabb.  789  S.  Grdpr.:  32  M. 

Wahrlich,  ein  neues  deutsches  wissenschaftliches  Werk  in  gutem 
Friedenszustand:  bestes  Papier,  ausgezeichneter  Druck.  Wir  Ael- 
tcren,  die  wir  uns  an  schönen  Büchern  freuen,  können  das  Buch  eben¬ 
bürtig  unseren  guten  Freunden  im  Bücherschrank  an  die  Seite 
stellen.  Die  Jungen  werden  es  als  Kostbarkeit  seltener  Art  betrachten 
und  behüten.  Auch  inhaltlich:  ein  Buch  von  ausreichendem 
Tert,  ohne  die  von  der  gegenwärtigen  Not  gebotene  aphoristische 
Kürze,  mit  der  sich  die  Jungen  meist  zurechtfinden  müssen.  Ja,  der 
Bilderschmuck  von  verschwenderischer  Fülle,  in  Zahl  und  Grösse. 


1062 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Es  könnte  sogar  zu  gunsten  des  Textes,  unbeschadet  der  Vollendung, 
gar  manches  Bild  beseitigt  werden,  manches  in  kleinerem  Format  ge¬ 
geben  sein.  Insbesondere  einige  der  farbigen  Abbildungen  (so  das 
wenig  gut  gelungene  Bild  vom  Chloasma  uterinum,  der  Schwanger¬ 
schaftsdermatose.  Abb.  168  vom  Dämmerschlaf,  Abb.  68,  69,  76,  78 
usw.).  Jäschke  und  Pankow,  die  Berufenen,  haben  sich  in  die 
Bearbeitung  des  Buches  geteilt.  Aber  sie  haben  es  verstanden,  dasselbe 
auf  eine  einige,  originelle  Linie  zu  führen.  J.  beginnt  mit  der  Physio¬ 
logie  der  Schwangerschaft  (118  Seiten),  P.  reiht  die  Physiologie  der 
Geburt  an  (in  150  Seiten);  .1.  fährt  mit  der  Physiologie  des  Wochen¬ 
bettes  fort,  reiht  die  Pathologie  der  Schwangerschaft  an  (142  Seiten). 
Alsdann  folgt  P.  mit  der  Pathologie  und  Therapie  der  Geburt  und  des 
Wochenbettes  (230  Seiten),  und  J.  beschliesst  das  Buch  in  110  Seiten 
mit  den  geburtshilflichen  Operationen.  All  diesen  einzelnen  Abschnit¬ 
ten  ist  je  ein  sehr  ausführliches  Literaturverzeichnis  angefügt.  Ein 
22  Seiten  starkes  Sachverzeichnis  macht  das  Ganze  zu  einem  vor¬ 
züglichen  Nachschlagewerk. 

Mit  dieser  trockenen  Aufzählung  ist  die  Form  und  der  Plan  des 
Lehrbuches  gegeben. ' 

Wir  Glücklichen,  an  denen  eine  ganze  Reihe  vorzüglicher  mo¬ 
derner  geburtshilflicher  Lehrbücher  vorüberzieht,  die  wir  auch  die 
alten,  in  vielen  Teilen  veralteten  Lehrbücher  erkennen;  Scanzoni, 
Win  ekel,  Schröder,  das  französische  des  Nägele,  und  aus  ihnen 
noch  manch  Wertvolles  schöpfen  können  (vergessen  wir  die  alten 
Meister  nicht!  Sie  enthalten  eine  Fundgrube  von  Gedanken  und  immer 
wertvollen  Darlegungen,  flössen  Achtung  ein  vor  unseren  Vorfahren 
und  könnten  manchen  modernen  Schreiber  bescheiden  machen!),  wir 
müssen  sagen,  dass  das  vorliegende  Buch  ganz  auf  der  Höhe  der 
gegenwärtigen  Forschung,  Anschauungen  und  Erfahrungen  steht, 
ein  Zwilingswerk  der  B  u  m  m  sehen  Geburtshilfe. 

Es  wäre  unangebracht,  in  dem  Hinweis  auf  dies  schöne,  grosse 
Werk  allzu  sehr  auf  Einzelheiten  einzugehen:  Es  könnten  die  Be¬ 
dürfnisse  des  Praktikers  in  einzelnen  Fragen  etwas  mehr  Berück¬ 
sichtigung  finden:  künstliche  Befruchtung,  die  Fl  i  es  s  sehe  Theorie, 
Verhinderung  der  Schwangerschaft.  Anführung  bewährter  Medika¬ 
mente  (der  Anfänger  braucht  eine  Führung  des  Erfahrenen)  könnten 
mehr  berücksichtigt  werden. 

Alles  in  allem  ein  Buch,  das  seinen  Zweck  in  vollstem  Maasse 
erfüllt;  ein  vollkommener  Führer  zu  sein  durch  die  Geburtshilfe.  Ein 
Dokument  unbesieglicher  wissenschaftlicher  Behauptung  an  erster 
Stelle  der  Kulturwelt  —  trotz  aljem  und  allem.  Auch  ein  Beweis 
zukunftshoffender  Tatkraft  des  deutschen  Verlegers 

\  Max  Nassauer  -  München. 

Kompendium  der  Kriegschirurgie.  Bearbeitet  im  Aufträge  des 
eidgenössischen  Oberfeldarztes  von  Paul  Deus,  Hauptmann  der 
Schweizer  Armee,  mit  30  Abbildungen  auf  13  Tafeln.  Verlag  Ernst 
B  i  r  c  h  e  r,  Bern,  1923. 

Wie  Oberfeldarzt  Oberst  Hauser  in  einem  kurzen  Geleitwort 
hervorhebt,  ist  es  auch  für  den  Fachmann  kaum  möglich,  die  zu  so 
enormer  Fülle  angeschwollene  Literatur  der  Kriegschirurgie  durch¬ 
zuarbeiten.  Es  ist  daher  freudig  zu  begriissen,  dass  die  Schweizer 
Sanitätsoffiziere  eine  kurzgefasste,  gediegene,  anschauliche  und  auf 
reicher  eigener  Erfahrung  im  Laufe  des  Weltkrieges  beruhende  Dar¬ 
stellung  der  Kriegschirurgie  aus  der  Hand  eines  ihrer  Kameraden 
erhalten,  der  in  günstigster  Weise  in  österreichischen  Lazaretten 
sich  betätigen  konnte,  zuerst  in  dem  k.  k.  Reservespital  Nr.  11,  das 
unter  Prof.  Spitzys  Leitung  als  orthopädisches  Spital  mit  Invali¬ 
denschulen  eine  ungemein  wichtige  Tätigkeit  besonders  auch  in 
sekundären  Operationen.  Prothesen-  etc.  Versorgung  entfaltete,  dann 
als  Chirurg  an  einem  Divisionsspital  im  Stellungskrieg  und  später 
in  vorderster  Linie  bei  massenhaftem  Verwundetenandrang  tätig  war 
und  alle  Aufgaben  der  Kriegschirurgie  reichlich  kennen  lernen  konnte. 
D.  schildert  in  lebhafter  Anschaulichkeit  seine  Erlebnisse,  bespricht 
im  allgemeinen  Teil  die  Aufgaben  des  Sanitätsdienstes  in  den  ver¬ 
schiedenen  Linien  im  Stellungskrieg  und  Bewegungskrieg,  erörtert 
die  Wahl  der  Operationsräume,  Anästhesie  und  Narkose,  Verbände 
und  Sterilisationsvorrichtungen,  dann  geht  er  auf  die  Schussver¬ 
letzungen,  deren  Pathologie  und  Behandlung,  speziell  auf  Schuss- 
frakturen,  Gelenkschüsse,  Kopf-,  Brust-  und  Bauchschüsse  etc.  näher 
ein.  bespricht  die  Wundinfektionen,  die  Komplikationen  (Schock,  Blu¬ 
tung  etc.)  nach  den  Schlussverletzungen  der  einzelnen  Körperteile,  so 
z.  B.  betr.  der  Schädelschüsse  die  Meningitis,  Enzephalitis,  Hirn- 
nrolaps,  Schädeldefekte,  betreffs  der  Brustschüsse  den  Pneumothorax, 
Hämothorax,  Empyem  etc.:  betont  u.  a.  betr.  der  Bauchschüsse  die 
Wichtigkeit  des  rechtzeitigen  Erkennens  von  Verletzungen  der  Bauch¬ 
organe  (was  in  allen  zweifelhaften  Fällen  eine  Probelaparotomie 
rechtfertigt),  geht  auf  Prognose  und  Behandlung  der  einzelnen 
Schussverletzungen,  u.  a.  auch  anhangsweise  auf  Erkennung  der 
Selbstschüsse  näher  ein  und  gibt  eine  kurze  Darstellung  der  wichtig¬ 
sten  Operationen,  Ligaturen,  Amputationen,  Gefässnaht.  Nervennaht, 
Tracheotomie.  Anus  praeternat.  etc.  Auch  die  Nachbehandlung  von 
Kriegsverletzungen  (Behandlung  von  Kontrakturen.  Verbesserung  von 
Amputationsstümpfen,  Seauestrotomie  und  Pseudarthrosenoperation 
etc.)  findet  entsprechende  Berücksichtigung,  und  auch  die  Gas¬ 
vergiftung  entsprechend  der  Bedeutung  der  Kampfgase  im  modernen 
Kriege  nach  Diagnose,  Prognose  und  Therapie  ausführliche  Be¬ 
sprechung.  Obgleich  die  Ausstattung  (um  den  Erwerb  des  Werkes 
weitesten  Kreisen  zu  ermöglichen)  möglichst  einfach  gehalten  wer¬ 
den  musste,  sind  doch  13  Tafeln  mit  zahlreichen  Abbildungen  von 


Nr. 


Lazaretten,  mobilen  Desinfektionsanlagen,  Krankenwagen  der  Ff  I 
bahn  etc.,  chirurgischen  Applikationen  (S  e  h  r  t  sehe  Klammer,  spj 
eil  Fixationsverbänden.  Nagelextension  und  improvisierte  ExtensicJ 
verbände,  solche  bei  Kniekontrakturen  etc.)  und  Immediatprothc  4 
angeschlossen,  die  die  Darstellungen  des  Verf.  gut  illustrieren;  a  i! 
ein  entsprechendes  Sachregister  ist  beigegeben. 

Das  ungemein  übersichtliche  und  trotz  der  Zusammendrängi I 
des  Gebietes  auf  kleinen  Umfang  sehr  vollständige  Werk  wird  sic  3 
nicht  nur  in  der  Schweiz,  sondern  auch  bei  uns  weite  Verbreiti 
finden  und  auch  wohl  Uebersetzungen  in  fremde  Sprachen  bald 
fahren.  Schi 

Reichardt:  Allgemeine  und  spezielle  Psychiatrie.  3.,  n 

bearbeitete  Auflage.  Jena,  Fischer,  1923.  498  S.  Grundpn 
10  M„  geb.  15  M. 

Die  3.  Auflage  ist  um  107  Seiten  gekürzt,  aber  nicht  bloss 
Kosten  zu  sparen,  sondern  es  handelt  sich  um  eine  sorgfältige  t 
vollständige  Umarbeitung,  durch  die  das  Buch  ganz  wesentlich 
wonnen  hat.  Das  fällt  schon  in  der  Einleitung  auf.  Auch  der 
fahrene  liest  mit  Vergnügen  darin  und  holt  sich  Anregungen,  b 
gewiesen  sei  z.  B.  auf  die  beiden  letzten  Kapitel,  die  traumatiscl 
geistigen  Störungen  und  Defektzustände,  und  über  die  seelis 
nervösen  Störungen,  inklusive  die  Rentenneurosen.  Interessant 
dass  E.  das  Wesen  der  Schizophrenie  in  pathologischen  Gerinnun; 
vermutet;  die  Vorstellung  hat  manches  für  sich,  doch  stehen  ihr  n< 
viele  Bedenken  entgegen.  Das  Schwergewicht  ist  immer  noch 
die  allgemeine  Psychiatrie  gelegt,  die  gerade  so  viel  Raum  einnim 
wie  die  spezielle:  ein  besonderes  Interesse  erhält  sie  durch  die  ebe 
scharfen  wie  knappen  elementar-psychischen  und  lokal isatorisc’ 
Bemerkungen.  Die  Abbildungen  sind  von  95  auf  26  reduziert,  ol 
dass  viel  verloren  wäre.  Einen  Wunsch  hätte  der  Referent: 
wissen,  was  für  Verhältnisse  dahinterstecken,  dass  in  der  Wiirzbur 
psychiatrischen  Klinik  bloss  2,7  Proz.  Alkoholiker  aufgenommen  w 
den,  wobei  erst  noch  die  Morphinisten  und  Kokainisten  mitgerech 
sind  (20  jährige  Statistik;  ganz  oder  fast  ganz  vor  dem  Kriegt 
Das  Werk  ist  in  seiner  jetzigen  Form  nicht  nur  eine  ausgezeichn 
Einführung  für  die  Studierenden,  sondern  auch  dem  Arzt  der 
gemeinen  Praxis  oder  dem  Amtsarzt  ein  vortreffliches  Nachschla 
buch.  E.  Bleuler-  Burghölzl 

Handbuch  der  Neurologie,  begründet  von  M.  L  c  w  andowsl 
Ergänzungsband  1.  Teil.  Unter  Mitarbeit  von  K.  Birnbai 
0.  B  u  mkc,  O.  Färber,  M.  Görke,  F.  Kehrer,  F.  Kram 
F.  Lange,  ü.  Lenz,  B.  Pfeiffer.  E.  R  e  d  1  i  c  h,  G.  S  t  e 
Herausgegeben  von  O.  B  u  rn  k  e  und  O.  F  o er  s  t  e  r.  Bd.  I.  17  A 
492  S.  Berlin,  .1.  Springer,  1923. 

In  diesem  Band  sind  die  Erfahrungen  des  Krieges  auf  dem  i 
biete  der  Neurologie  niedergelegt. 

Karl  Birnbaum  behandelt  das  Kapitel  „Psychopath 
und  Psychosen“.  Ein  wesentlicher  Einfluss  des  Krieges  mf 
progressive  Paralyse,  die  Schizophrenie  und  auf  das  manisch-depi 
sive  Irresein  ist  nicht  festzustellen.  Eine  spezifische  Kriegspsych 
im  Sinne  einer  lediglich  durch  Kriegseinflüsse  verursachten  Stör' 
von  spezifischem  Charakter  gibt  es  nicht.  Dagegen  haben  die  psyc 
pathischen  und  psychogenen  Störungen  eine  riesige  Zunahme 
fahren.  Auch  die  Zahl  der  Morphinisten  und  Kokainisten  ist  beträi 
lieh  angestiegen.  Die  bedeutsamste  Kriegserscheinung  auf  dies 
Gebiete  ist  zweifellos  der  gewaltige  Rückgang  der  Alkoholpsycho 
und  Delirien,  eine  Tatsache,  die  nur  indirekt  mit  dem  Kriege 
sammenhängt. 

Mit  Vergnügen  folgt  man  den  klaren  und  flüssig  geschriebe 
Ausführungen  Oswald  Bumkes  über  die  Kriegsneuros 
Nicht  nur  den  Fachleuten  und  den  Psychotherapeuten,  sondern  jed 
den  seelisches  Geschehen  interessiert,  ist  das  Studium  dieses  Kapi 
anzuraten. 

Ferdinand  Kehrer  geht  auf  die  spezielle  Symptom a t 
logie  der  Hysterie  und  Neurasthenie  ein.  Die  funk 
nellcn  Störungen  der  Sinnesorgane  werden  besonders  ausführ 
abgehandelt.  Die  hysterischen  Geistesstörungen,  die  Ausfalls-  i 
Reizerscheinungen  der  äusseren  und  inneren  Organe,  die  Neuro 
der  Haut  und  der  inneren  Organe  —  um  nur  das  Wichtigste 
nennen  —  werden  übersichtlich  abgehandelt.  Die  Fülle  der 
obachtungen  entstammt  zahlreichen  eigenen  Erfahrungen  unter 
hilfenahme  einer  kritisch  gesichteten,  grossen  Literatur. 

Die  Behandlung  der  Kriegsneurosen  ist  von  F j 
Lange  auf  fast  150  Seiten  dargestellt.  Auf  keinem  andern  Gel 
der  Medizin  ist  der  therapeutische  Erfolg  so  an  die  Person  des  Ar? 
und  an  die  Art  der  Umgebung  geknüpft  wie  bei  der  Behandlung 
Kriegsneurosen.  Alle  die  vielgestaltigen  Methoden  führen  bei  ri) 
tiger  Auswahl  und  entsprechender  Durchführung  in  weitaus  i 
meisten  Fällen  zur  Befreiung  vom  kranken  Symptom.  Freilich  di'J 
gerade  bei  dem  Kriegsteilnehmer  der  Rückfall.  Daraus  ergeben  ? 
sowohl  für  die  Prognose  als  auch  besonders  für  die  weitere  Dien 
fähigkeit  wichtige  Schlussfolgerungen. 

Emil  Redlich  hat  die  Bearbeitung  der  Epilepsie  üb 
nommen.  Redlich  steht  durchaus  auf  dem  Standpunkt,  dass  < 
Epilepsie  eine  organische  —  wenn  auch  nicht  immer  greifbare 
Erkrankung  des  Gehirns  ist.  Der  epileptische  Anfall  wird  als  pat- 
logische  Reaktionsform  des  Gehirns  aufgefasst.  Der  Einfluss  ^ 
Kriegs  auf  die  Epilepsie  besteht,  abgesehen  von  der  Bedeutung  r 


August  192.3. 


Münchener  medizinische  Wochenschrift. 


ädeltraumen  für  diese  Erkrankung,  hauptsächlich  in  der  Aus- 
ng  und  in  der  Verschlimmerung  der  Anfälle  auf  Grund  der  seeli- 
;n  und  körperlichen  Beanspruchung.  H.  B  ö  w  i  n  g  -  Erlangen. 

Engel  und  Baum:  Grundriss  der  Säuglings-  und  Kleinkiuder- 
Je  und  Grundriss  der  gesundheitlichen  Säuglings-  und  Kleinkindcr- 

orge.  11.  und  12..  durchgesehene,  erweiterte  und  unbearbeitete 
age.  München,  Verlag  von  J.  F.  Bergmann,  1922. 

Das  schon  in  den  früheren  Auflagen  wiederholt  lobend  be- 
chene  Buch  liegt  in  neuer  erweiterter  Auflage  vor  uns.  Der  vom 
geäusserte  Wunsch,  die  Kleinkinderkunde  mit  in  das  Buch  auf- 
-hnieii,  wurde  in  glücklichster  Weise  berücksichtigt,  wodurch 
beliebte  Buch  ohne  Ueberhebung  als  das  beste  Lehrbuch  für  die 
glings-  und  Kleinkinderpflegerinnen  bezeichnet  werden  darf.  So- 
1  die  Einteilung  des  Stoffes,  als  auch  die  Behandlung  im  einzelnen 
ten  als  wohlgelungen  bezeichnet  werden.  Setzt  sich  das  Wolil- 
hen  des  Säuglings  und  Kleinkindes  aus  zahlreichen  Kleinigkeiten 
tminen,  mit  denen  Arzt  und  Pflegerin  vertraut  sein  müssen  in 
vorliegenden  Buch  wird  der  Leser  in  fast  anmutiger  Form,  oft 
:li  wohgclungene  Momentaufnahmen  unterstützt,  alles  zu  einem 
i  für  den  Kenner  naturgetreuen  Miniaturbilde  vereinigt  finden, 
it  nur  für  die  staatliche  Prüfung  wird  der  Grundriss  den  Pflege¬ 
ilerinnen  ein  zuverlässiges  Lehrbuch  sein  —  auch  den  Aerzten, 
Kinder  behandeln,  sowie  den  Fürsorgerinnen  sei  es  aufs  ai  ge- 
ntlichste  empfohlen.  0.  Rommel-  München. 

A.  Juckenack:  Was  haben  wir  bei  unserer  Ernährung  im 
shalt  zu  beachten?  Heft  6  der  Sammlung  „Die  Volksernährung  ‘. 
is  Springer,  Berlin  1923.  58  Seiten.  Grundpreis:  1  M. 

Die  vorliegende  Schrift  wendet  sich  in  erster  Linie  an  die  Haus¬ 
en,  also  an  alle  die  Kreise,  die  im  Haushalte  und  der  Küche  dafür 
■orgen  haben,  dass  die  Lebensmittel  in  sachgemässer  Weise  zu- 
itet,  ausgewählt  und  verarbeitet  werden.  Da  wir  leider  nicht' be- 
)ten  können,  dass  wissenschaftliche  Erkenntnis  in  der  Küche  und 
iaushalte  überall  Einzug  gehalten  haben,  so  ist  ein  Buch  zu  be- 
•sen,  welches  nicht  nur  alles  enthält,  was  die  Hausfrau  wissen 
e,  sondern  das  auch  so  geschrieben  ist,  dass  es  zur  Hausfrau 
;ht  imd  ihr  das  notwendige  Wissen  nahebringt.  Der  Verf.  hat  auf 
HM)  Fragen  wie  sie  sich  täglich  aufdrängen,  in  der  rechten  Weise, 
ich  und  bestimmt,  fachmännisch  unanfechtbar,  der  Praxis  und  dem 
entsprechend,  Antwort  gegeben  und  damit  ein  lehrreiches  Ma¬ 
il  zusammengetragen,  das  manches  Lehr-  und  Hausbuch  ersetzt, 
tde  die  Form,  in  der  das  Wissenswerte  dargebracht  wird,  wirkt 
ringlich,  und  so  haben  wir  hier  die  beste  Hoffnung,  dass  in  weiten 
sen,  in  denen  das  Buch  zur  Hand  genommen  werden  möge,  das- 
e  viel  Segen  stiften  wird.  Da  besonders  in  der  jetzigen  Zeit  der 
im  Haushalte  doppelt  darauf  geachtet  werden  muss,  dass  nichts 
orcu  geht  und  dass  die  Nahrung  einfach,  billig  und  gut  sein  soll, 
Jie  Schrift  am  rechten  Platz.  Weil  es  der  Geist  der  Zeit  er- 
ert.  hier  in  erster  Linie  aufklärend  zu  wirken,  sollte  das  Buch  in 
r  Familie  vorhanden  sein.  R.  Ü.  N  e  u  m  a  n  n  -  Hamburg. 

Isidorus  Brennsohn:  Die  Aerzte  Estlands  vom  Beginn  der 
irischen  Zeit  bis  zur  Gegenwart.  Ein  biographisches  Lexikon. 

.  1922.  Gross  8.  551  Seiten. 

Das  Buch  stellt  den  dritten  Teil  eines  grossen  Werkes  dar, 
dies  die  Biographien  der  baltischen  Aerzte  umfasst.  Damit  ist 
Nachschlage-  und  Hilfsbuch  für  Medikohistoriker  und  baltische 
:hichtsforscher  geschaffen,  wie  es  wohl  kein  anderes  Land  in 
icher  Gediegenheit  und  Ausführlichkeit  besitzt.  B.  hat  von  sämt- 
■n  Aerzten  seit  Beginn  der  historischen  Zeit  bis  zu  den  lebenden 
raphische  und  literarische  Notizen  gesammelt,  soweit  sie  zugäng- 
waren.  Dem  Aerztelexikon  ist  ein  historischer  Abriss  der  Estlän- 
nen  Medizinalgeschichte  beigegeben,  der  allgemeines  Interesse 
lient  und  auf  115  Seiten  das  Medizinalwesen,  die  Apotheken, 
ikenanstalten,  Hygiene,  medizinische  Gesellschaften  usw.  um- 
t.  79  Proz.  der  estländischen  Aerzte  waren  deutscher  Nation 
-ivland  72  Proz.,  in  Kurland  74  Proz.).  Es  handelt  sich  also  um 
Stück  deutscher  Aerztegeschichte.  Unter  dem  Namen  finden  sich 
•  die  uns  lieb  sind  und  nicht  nur  in  Deutschland,  sondern  in  der 
:en  Welt  den  besten  Klang  haben.  Eine  Reihe  von  Registern  und 
eilen  erleichtert  die  Benützung  des  Buches.  Es  ist  ein  Denkmal 
scher  Ehre,  hoffentlich  nicht  nur  ein  Totenmal  vergangener 
scher  Grösse.  Kersch  ensteine  r. 

Zeitschriften  -Uebersicht. 

Zentralblatt  für  Chirurgie.  1923,  Nr.  30. 

Otlim.  R  e  i  in  e  r  -  Graz:  Zur  Behandlung  eitriger  Prozesse  ohne  Tam- 

de. 

Verl,  verzichtet  bei  eitrigen  Affektionen  auf  Drainage  un-d  Tamponade: 
gt  zuerst  für  1 — 2  Tage  eine  Paste  mit  Kupfer,  Wismut  oder  Blei  auf. 
dark  antiphlogistisch  wirkt.  Falls  nicht  spontan  der  Eiter  durchbricht, 
it  er  eine  kleine  Inzision  und  legt  dann  wieder  das  Präparat  auf.  Durch 
■ehr  starke  Sekretion,  die  jetzt  einsetzt,  vermag  sich  die  Inzisionswunde 
zu  schliessen.  Freilich  muss  der  Verband  oft  gewechselt  werden,  damit 
durch  das  reichliche  Sekret  die  Haut  mazeriert  wird.  Eiterstauung  in 
liefe  hat  Verf.  nicht  beobachtet.  Die  ganze  Behandlung  ist  schmerzlos;  I 
osen  stossen  sich  von  selbst  ab;  die  Heilungsdauer  ist  kürzer,  die  Narben 
len  kleiner. 


C.  W  e  b  e  r  -  Stargard :  Tod  infolge  Aethereingiessung  bei  diffuser  Peri¬ 
tonitis. 

Verf.  berichtet  von  einem  Todesfall  nach  Eingiessung  von  Nil  g  Aether 
hei  diffuser  Peritonitis;  offenbar  handelt  es  sieh  hier  um  eine  Aether- 
mtoxikation  mit  Lähmung  des  Atemzentrums.  Dieser  Fall  mahnt  trotz'  der 
seither  herrschenden  grossen  Begeisterung  für  die  Aetherbehundlung  der  Peri¬ 
tonitis  zur  Vorsicht  und  zur  Verwendung  von  geringeren  Mengen  von  Aether. 

(i.  P  o  t  o  t  s  c  h  n  i  g  -  I  riest:  Zur  operativen  Behandlung  der  Hcrnia  per- 
uiagua  irreponibilis. 

Bei  sehr  grossen  irreponiblen  Hernien  empfiehlt  Verf.  die  Resektion  des 
ganzen  Bruchinhaltes,  soweit  Dünndarm  und  fettreiches  Gekröse  in  Frage 
kommt;  besonders  das  Gekröse  muss  ausgiebig  keilförmig  reseziert  werden. 
Dickdarm  lässt  sich  in  der  Regel  leicht  resezieren.  Der  Dünndarm  wird  am 
schnellsten  durch  End-zu-End-Anastomose  wieder  vereinigt.  Nach  der  Opera¬ 
tion  (nach  Bassin  i)  tragen  diese  meist  älteren  und  fettreichen  Kranken 
einige  Zeit  eine  Leibbinde. 

M.  K  a  t  z  e  n  s  t  e  i  n  -  Berlin :  Ouadrizepslähniung,  funktionell  geheilt 
durch  Uebertragung  der  Kraft  der  Bauchmuskulatur. 

\  erf.  hat  kürzlich  eine  Ouadrizepslähniung  dadurch  funktionell  geheilt, 
dass  er  die  Kraft  der  Bauchmuskeln  auf  den  Quadrizeps  übertrug;  er  bildete 
2  Sehnen  für  den  M.  rectus  und  obliq.  ext.,  deren  periphere  Enden  mit  dem 
gelähmten  M.  quadriceps  innig  verbunden  wurden.  Der  Erfolg  war  sehr  gut- 
Pat.  kann  gerade  gehen  und  das  Kniegelenk  fest  kontrahieren. 

S.  K  o  f  m  a  n  n  -  Odessa:  Zur  Frage  der  Nearthrosenbildung  am  Koxal- 
gelenk. 

Verf.  hat  bei  einer  Hüftankylose  eine  Nearthrose  am  Schenkelhals  da¬ 
durch  gebildet,  dass  er  einen  10  12  cm  langen,  -1 — 5  cm  breiten  duplizierten 

Faszienlappen  in  die  am  Collum  femoris  gebildete  Knochenspalte  implantierte. 
Die  Methode  ist  an  3  Abbildungen  kurz  erläutert. 

A.  Schwarz-Dresden:  Halswatteverband  bei  Schädelbasisbruch. 

Verf.  empfiehlt  den  von  ihm  schon  früher  angegebenen  typischen  Hals¬ 
watteverband  auch  bei  Schüdclbasisfrakturen,  wo  er  wesentlich  die  Schmerzen 
lindert.  Mit  1  Abbildung. 

A.  S  c  h  a  n  z  -  Dresden:  Die  Sicherung  der  Resultate  orthopädischer 
Osteotomien. 

Um  nach  orthopädischen  Osteotomien  jede  Verschiebung  der  Bruchenden 
zu  verhüten,  führt  Verf.  jede  Osteotomie  auf  dem  Hcusner  sehen  Ex¬ 
tensionstisch  aus,  auf  dem  der  Kraulte  liegen  bleibt,  bis  der  Gipsverband 
hart  ist.  Bohrschrauben  oder  -nägel  aus  nichtrostendem  Stahl  sollen  die 
Knochenenden  in  der  richtigen  Stellung  erhalten.  Mit  4  Abbildungen. 

R.  G  o  e  p  e  1  -  Leipzig:  Zum  Einmanschettierungsverfahren.  Erwiderung 
auf  die  Arbeit  von  Mandl  und  Gara  in  Nr.  16,  1923. 

Verf.  stellt  einige  Missverständnisse  richtig,  die  Mandl  und  Gara 
in  ihrer  letzten  Arbeit  unterlaufen  sind,  und  betont  nochmals  die  wesentlichen 
Punkte  seiner  Methode,  die  bereits  an  vielen  Kranken  mit  Erfolg  angewendet 
worden  ist. 

E.  E  n  d  e  r  1  e  n  -  Heidelberg:  Zur  Mitteilung  von  H.  Seitz:  Zur  Frage 
der  Stumpfversorgung  nach  der  Cholezystektomie.  No.  18,  1923. 

Verf.  weist  darauf  hin,  dass  sich  von  der  „neuen  Methode“  der  Zystikus- 
versorgung  in  „K  e  h  r,  Praxis  der  Gallenwege,  1913“  eine  Abbildung  findet. 

E.  Heim  -  Schweinfurt-Oberndorf. 

Zentralblatt  für  Gynäkologie.  1923.  Nr.  29. 

A.  Mu  eil  er -  München:  Die  Mechanik  der  Geburt.  (Hl.  Schluss.) 

In  Fortführung  seiner  Kritik  der  Seil  hei  m  sehen  Lehre  weist  Verf.  darauf 
hin.  dass  S.  den  Kindskörper  als  elastischen  Zylinder  mit  einseitiger  Ver¬ 
steifung  durch  die  Wirbelsäule  auffasst,  während  richtigerweise  Kopf,  Brust 
und  Becken  als  starre  Teile  ausschlaggebend  seien  und  Hals-  und  Lenden¬ 
wirbelsäule  die  Beweglichkeit  ermöglichen.  Die  starren  Teile  träten  bei 
S  e  1 1  h  e  i  m  gegenüber  dem  Begriff  der  idealen  elastischen  Fruchtwalze,  den 
Verf.  bekämpft,  zu  sehr  in  den  Hintergrund.  Die  Grundlagen  der  Geburt 
seien  mathematisch-mechanisch.  Nach  wiederholter  Durcharbeitung  des 
S  e  1 1  h  e  i  m  sehen  Werkes  „Geburt  des  Menschen“  kommt  Verf.  zum  Ergebnis, 
dass  ihn  das  Prinzip  des  geringsten  Widerstandes  mit  S.  vereinigt,  das  des 
„elastischen  Vorgangs“  von  ihm  trennt. 

E.  K  e  h  r  e  r  -  Dresden:  Entwurf  zu  den  Richtlinien  für  die  operative 
Technik  der  frühzeitigen  Schwangerschaftsunterbrechung. 

Verf.  entwarf  im  Auftrag  der  Dresdner  Gynäkologischen  Gesellschaft 
Richtlinien  für  die  Behandlung  des  nicht  fieberhaften  Abortes  für  Aerzte  und 
besonders  für  forensischen  Gebrauch.  Sie  sollen  nach  Kritik  durch  die  Fach¬ 
presse  der  Allgemeinheit  der  Aerzte  unterbreitet  werden.  Ambulatorische 
Abortbehandlung  geschieht  auf  Verantwortung  des  Arztes,  ambulatorische 
Laminariaeinlegung  ist  unstatthaft.  Er  verlangt  gründlichste  Scheidendesinfek¬ 
tion,  Messen  des  Uterus  vor  Ausräumung  mittels  Sonde  mit  dickem  Kopf, 
Kürettieren  soll  der  weniger  Geübte  nur  im  1.  und  2.  Monat  und  nur  mit 
stumpfer  Kürette.  Unentschuldbar  ist  Unterlassen  des  Transportes  in  Klinik 
oder  der  Hinzuziehung  eines  Spezialisten,  wenn  Perforation  erkannt  wird. 
Genügende  Dilatation  ist  stets  erstes  Erfordernis.  Metreuryse  ist  wegen 
Gefahr  des  Berstens  des  Uterus  vor  dem  5.  Monat  zu  unterlassen.  Tamponade 
soll  nur  bei  stärkerer  Blutung  oder  Verdacht  nicht  völliger  Entleerung  er¬ 
folgen.  (Die  Stellungnahme  gegen  ambulatorische  Behandlung  dürfte  den 
Praktikern  und  Kassen  gleicherweise  etwas  zu  sehr  betont  erscheinen,  zumal 
es  sich  hier  nur  um  nicht  fieberhaften  Abort  handelt.  Ref.) 

E.  Klaften  (1.  Univ.-Frauenklinik  Wien):  Ueber  biologische  Ver¬ 
änderungen  nach  Röntgenschwaclibestralilung  bei  einigen  gynäkologischen  Er¬ 
krankungen. 

Erythrozyten  und  Blutplättchen  bleiben  nahezu  unbeeinflusst,  Leukozyten 
steigen  um  1/e — ■1/i  ihrer  Zahl  auf  Kosten  der  Lymphozyten.  Bei  entzünd¬ 
lichen  Adnexerkrankungen  sind  die  Erscheinungen  ähnlich  denen  der  Protein¬ 
körpertherapie.  Einzelheiten  über  das  Blutbild. 

W.  Li  ep  mann:  Psycho-orgaiifsche  Korrelation  in  der  Gynäkologie. 
(Das  Gesetz  vom  dreifachen  Grunde.) 

Auf  Walthards  Anregungen  und  Kretschmers  Lehren  aufbauend 
stellt  Verf.  für  die  Fälle,  wo  die  gynäkologische  Erkrankung  in  der  Psyche 
ihre  primäre  Ursache  hat,  drei  Gesichtspunkte  auf:  Das  Hemmungsgesetz, 
d.  h.  den  Vorgang,  wo  durch  zurückgehaltenen  Sexualtrieb.  Perversion, 
Fixation  an  die  Umgebung  (Eltern,  Geschwister)  ein  dem  Kranken  un¬ 
bewusster  Seelenkonflikt  entsteht;  dann  die  Gesetze  der  Vulnerabilität  und 
des  Pansexualismus,  auf  Grund  deren  in  einer  zweiten  und  dritten  Phase 
durch  erhöhte  Reizimpulse  organische  Effekte  entstehen,  das  Leiden  also 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WüCH ENSCH RtEl . 


iog4 


organisch  imponiert  und  die  psychische  Genese  verwischt  wird,  weil  sich  ein 
pathologisch-anatomisch-organischer  Automatismus  bildet.  Verf.  bereitet  ein 
grösseres  Werk  über  diesen  Gegenstand  vor. 

H.  L  o  e  b  e  1  -  Przemysl:  Entstehung  und  diagnostischer  Wert  der 
kutanen  Streifen.  . 

Auch  ausserhalb  der  Gravidität  können  kutane  Abdominal-  und  Brust- 
drüsenstreifen  entstehen,  die  als  Ursache  das  Breitenwachstum  und  den  Fett¬ 
ansatz  sowie  eine  gesteigerte  Nachgiebigkeit  des  elastischen  Gewebes,  eine 
Neigung  der  elastischen  Fasern  der  Lederhaut  zum  Bersten  in  der  Pubertät 
haben.  Robert  Kuhn-  Karlsruhe. 

Archiv  für  experimentelle  Pathologie  und  Pharmakologie.  98.  Bd., 
3.  und  4.  Heft. 

Gros  und  K  o  c  h  m  a  n  n  -  Kiel  und  Halle  a.  S.:  Ueber  einen  neuen 
Mechanismus  der  potenzierenden  Wirkung  von  Arzneigemischen  unter  be¬ 
sonderer  Berücksichtigung  von  Novokain  und  Kaliumsulfat. 

Mischungen  von  Novokainchlorid  und  Kaliumsulfat  in  wirksamen  Kon¬ 
zentrationen  beschleunigen  im  Verhältnis  zu  den  Einzelwirkungen  den  Eintritt 
der  Nervenlähmung  und  zwar  führt  diese  Wirkungsbeschleunigung  bei  zeit¬ 
licher  Beschränkung  der  Versuche  zu  einer  Potenzierung.  Die  Verfasser 
schlagen  vor,  diesen  Potenzierungsmechanismus  Zeitpotenzierung  zu 
nennen  im  Gegensatz  zur  Konzentrationspotenzierung,  die  auch 
bei  Ausschaltung  der  Zeit  als  Versuchsfaktor  eintritt. 

Becher  und  J  e  n  s  s  e  n  -  Heidelberg:  Ueber  Harnstoffdiurese. 

Die  osmotischen  Wirkungen  des  Harnstoffs  vom  Blut  aus  sind  für  die 
Diurese  nicht  wesentlich.  Versuche  an  Kaninchen  zeigten  die  überaus  rasche 
Abwanderung  aus  dem  Blut  und  gleichmässige  Verteilung  auf  den  ganzen 
Körper,  trotzdem  Weiterverlauf  der  Diurese.  Letztere  ist  auch  unabhängig 
davon,  ob  Hydrämie  bestand  oder  nicht.  Durch  Schätzung  der  absoluten 
Wasserverdrängung  war  regelmässig  eine  beträchtliche  Flüssigkeitsver¬ 
drängung  vom  Gewebe  ins  Blut  nachzuweisen  und  gesteigerter  Abstrom  durch 
die  Nieren.  Da  die  Wasserausscheidung  anfangs  überwiegt,  wird  durch  Zu¬ 
strom  von  Kochsalz  aus  den  Geweben  das  Blut  kochsalzreicher;  später  über¬ 
wiegt  dann  die  Harnstoffkonzentration  des  Harns,  der  Harnstoff  wird  relativ 
reichlicher  ausgeschieden  als  Wasser  und  Kochsalz.  Nach  Nephrektomie  trat 
nur  anfangs  Hydrämie  auf,  aber  keine  beträchtliche  Flüssigkeitsverschiebung 
vom  Gewebe  ins  Blut  wie  beim  Normaltier.  Wenn  auch  extrarenale  Faktoren 
nicht  auszuschliessen  sind,  sprechen  doch  die  Versuche  im  Sinn  einer  direkten 
Nierenwirkung  des  Harnstoffs.  Es  ist  anzunehmen,  dass  der  wesentlichste 
Angriffspunkt  aller  Diuretika  doch  in  der  Nieäre  selbst  liegt,  dass  nicht,  wie 
man  jetzt  vielfach  annimmt,  die  extrarenale  Wirkung  im  Vordergrund  steht. 

Schlay-Jena:  Die  Ausscheidung  von  Phenolsulfophthalein  durch  den 
Urin  nach  intravenöser  Injektion  in  wässeriger  und  Chlorkalziumlösung, 
nach  Lösung  in  Serum  und  defibriniertera  Eigenblut  und  nach  Verabreichung 
von  Narkoticis. 

K  ü  b  1  e  r  -  Zürich:  Ueber  die  Angewöhnung  an  Arsenik. 

Uebereinstimmend  mit  früheren  Versuchen  von  Cloetta  fand  Verf., 
dass  man  Hunde  in  langen  Zeiträumen  an  hohe,  sonst  letale  Dosen  von  AS2O3 
gewöhnen  kann,  wobei  infolge  allmählicher  Verminderung  der  Resorption  im 
Darm  die  Ausscheidung  im  Harn  prozentual  und  absolut  beträchtlich  absinkt 
(bis  auf  0,3  Proz.  der  zugeführten  Menge).  Das  resorbierte  Arsen  wird  nur 
durch  die  Nieren  ausgeschieden,  eine  wesentliche  Retention  findet  nicht  statt. 
Eine  erworbene  Immunität  kann  auch  ohne  weitere  Arsenzufuhr  lange  Zeit 
bestehen  bleiben.  Da  nur  die  Resorptionsverhältnisse  im  Darm  massgebend 
für  die  Angewöhnung  sind,  gehen  die  immunen  Tiere  nach  subkutaner  Injek¬ 
tion  an  den  gleichen  Dosen  zugrunde  wie  normale. 

M.  C  1  0  e  1 1  a  und  E.  W  a  s  e  r  -  Zürich:  Ueber  die  Beziehungen  zwischen 
Konstitution  und  Wirkung  beim  alizyklischen  Tetrahydro-ß-Naphtylamin  und 
seinen  Derivaten.  II.  Mitteilung. 

I  s  e  n  s  c  h  m  i  d  -  Bern:  Ueber  die  Beteiligung  der  Schilddrüse  an  der 
Wärmeregulation. 

Verf.  fand  bei  Kaninchen,  dass  die  Schilddrüse  in  der  Regulation  der 
Körperwärme  keine  führende  Rolle  spielt. 

H  e  s  s  e  -  Breslau:  Die  Atropinfestigkeit  der  Kaninchen  und  ihre  Be¬ 
ziehung  zur  unspezifischen  Reizbehandlung. 

P  f  e  i  f  f  e  r  -  Graz:  Ueber  den  Einfluss  des  Schilddrüsenverlustes  auf  die 
Wärmeregulation  des  Meerschweinchens. 

Schilddrüsenlcse  Meerschweinchen  waren  leichter  abzukühlen  als  ge¬ 
sunde  und  zeigten  auch  nach  intraperitoneal  eingespritzten  Aspiringaben 
starke  Temperaturabnahme.  Bei  passivem  Ueberhitzen  im  Wärmeschrank 
verhielten  sich  aber  beide  Versuchsgruppen  gleich.  6 — 8  Wochen  nach  der 
Operation  war  das  Wärmeregulierungsvermögen  wieder  zurückgekehrt.  Vor 
der  Operation  sensibilisierte  Tiere  erkrankten  bei  der  Reinjektion  nur  ganz 
wenig  und  bleiben  am  Leben,  vielleicht,  wie  Kapinow  annimmt,  infolge 
Mangel  an  anaphylaktischem  Antikörper.  L.  Jacob-  Bremen. 

Archiv  für  Hygiene.  92.  Band,  Heft  2,  3,  4.  1923. 

O.  N  a  k  a  m  u  r  a  -  Prag:  Die  Hemmung  der  Bakteriophagenwirkung 
durch  Gelatine. 

Dörr  hat  bereits  mitgeteilt,  dass  die  Gelatine  die  Bakteriophagenwirkung 
hemmt.  Verf.  konnte  die  Angaben  vollständig  bestätigen.  Diese  eigenartige 
Hemmung  zeigen  aber  auch  andere  Kolloide,  wie  Salepschleim,  Traganth- 
schleim,  Gummi  arabicum  und  auch  Agar.  Sie  äussert  sich  zunächst  in  einer 
Verzögerung  ihrer  Vermehrung.  Im  ganzen  ist  sie  gering,  wenn  sie  auch  für 
„kleine“  Bakteriophagen  stärker  in  die  Erscheinung  tritt  als  für  „grosse“.  Am 
ausgeprägtesten  ist  die  Wirkung  bei  der  Gelatine.  Interessant  ist  die  Be¬ 
obachtung,  dass  auch  jene  indirekte  Bakteriophagenwirkung,  welche  sich  in 
der  Ausbildung  bäkteriophagenfester  Stämme  äussert,  in  Gelatine  und  anderen 
organischen  Kolloiden  ausbleibt,  obwohl  eine  Vermehrung  der  Bakteriophagen, 
wenn  auch  mit  einiger  Verzögerung  erfolgt. 

L.  Schwarz  und  J.  P  a  g  e  1  s  -  Hamburg:  Versuche  zur  Frühdiagnose 
der  gewerblichen  Manganvergiftung. 

Die  Versuche,  die  mit  Thüringer  Braunstein  und  Mangansuperoxyd  bei 
Katzen  ausgeführt  wurden,  zeigten  eine  Zunahme  des  Hämoglobingehaltes  und 
der  Erythrozytenzahl  im  Anfang.  Nach  langdauernder  Aufnahme  kam  es 
in  einem  Falle  zu  einer  darauffolgenden  Abnahme  von  Hämoglobin  und  der 
Leukozytenzahl.  Dass  auch  das  Zentralnervensystem  beeinflusst  wurde,  be¬ 
wiesen  eintretende  Lähmungen.  Reines  Mangansuperoxyd  wirkte  giftiger  als 
Braunstein.  Die  Giftwirkung  ist  auf  das  MnCh  zurückzuführen,  die  ver¬ 
schiedene  Giftigkeit  auf  die  verschiedene  Löslichkeit  der  Salze. 


x  Nr.J 

K.  B.  Lehmann  und  Hans  W  e  i  1  -  Würzburg:  Vergleichende  V*  . 
suche  über  die  Wirkung  von  Kaffee  und  Tee. 

Wie  schon  früher  von  Lehmann  gezeigt  werden  konnte,  ist  die  W 
kung  des  Kaffees  und  des  Tees  dieselbe,  es  kommt  nur  auf  die  Menge 
die  genossen  wird.  In  den  vorliegenden  Versuchen  sehen  wir  eine  Bestätigu 
dieser  Annahme.  Mengen  von  0,025  g  Koffein  waren  wirkungslos,  ebeni 
0,125  g.  15  g  Tee  mit  0.1  g  Koffein  bis  20  g  Tee  mit  0,17  g  Koffein  wirki 
ebenso.  Bei  0,25  g  Koffein,  gleichgültig  ob  sie  in  Kaffee  oder  Tee  gcnoinm 
werden,  bringen  Schlafstörungen,  Abnahme  der  Pulsfrequenz  und  vermehr 
Urinsekretion  hervor.  Bei  grösseren  Dosen  tritt  die  Wirkung  verstärkt  al 

K.  B.  Lehmann  und  Emil  S  c  h  e  i  b  1  e  -  Würzburg:  Quantitative  Uni. 
suchung  über  Holzzerstörung  durch  Pilze. 

Als  holzzerstörende  Pilze  standen  zur  Verfügung:  Merulieus  lacrimai 
2  Polyporusarten,  Dädalea,  Coniophora,  Stercum,  Armillaria  und  ein  bish 
noch  nicht  bestimmter  Pilz.  Die  Versuche  erstreckten  sich  auf  Kulturversuc 
auf  künstlichen  Nährböden,  auf  die  Bildung  von  Kohlensäure  unter  Her; 
ziehung  von  frischem  Holzmaterial,  das  später  infiziert  wurde.  Ausserdi 
wurden  Bestimmungen  des  Brennwertverlustes  durch  die  Ermittlung  der  Vi 
ringerung  des  spezifischen  Gewichtes  des  absolut  trockenen  Holzes  ausgefüh 
Es  zeigte  sich,  dass  innerhalb  von  6  Monaten  das  Holz  unter  Kohlensäui 
bildung  so  zerstört  werden  kann,  dass  5 — 30  Proz.  der  Trockensubstanz  v. 
loren  gehen.  Damit  geht  Hand  in  Hand  die  Abnahme  des  spezifischen  C 
wichtes  und  des  Brennwertes.  Nach  diesen  Ermittlungen  ist  es  leicht 
berechnen,  dass  in  den  Wäldern  bei  geeigneter  Temperatur  und  Feuchtigk 
so  viel  Verluste  entstehen,  dass  mit  einer  Wertabnahme  von  10  20  Pr. 
gerechnet  werden  muss. 

Sukeyasu  Okuda-Prag:  Pyozyaneusbakteriophagen. 

R.  Kan  ao- Wien:  Zur  Desinfektionswirkung  der  Kresole. 

Aus  den  Ergebnissen  ist  folgendes  hervorzuheben:  Die  Desinfektioi 
Wirkung  von  Ortho-  und  Metakresol  auf  Staphylokokken  stimmen  mit  gross 
Genauigkeit  überein.  Parakresole  zeigen  eine  schwächere  Desinfektionskr; 
Die  Wirkung  der  Kresole  ist  ungefähr  noch  einmal  so  stark  als  die  c 
Phenole.  Die  Einwirkungsdauer  bis  zur  Abtötung  ist  der  siebenten  Potenz  1 
Kresolkonzentration  umgekehrt  proportional.  Im  Innern  der  Zellphasen  ist  c 
methylierte  Phenolmolekül  weniger  giftig  als  das  nichtmethylierte. 

J.  Fürth-  Prag :  Ueber  die  Methodik  der  biologischen  Eiweissdifferi 
zieruug. 

Die  Vorschläge  für  eine  neue  Methode  zur  Eiweissdifferenzierung  1 
ruhen  auf  der  Auffassung  einer  Gegensätzlichkeit  im  Verhalten  körperlicl 
Antigene  zu  ihren  Antikörpern  und  gelöster  zu  den  ihrigen. 

Th.  J.  Bürgers  und  W.  B  a  c  h  m  a  n  n  -  Düsseldorf :  Untersuchung 
über  den  körperlichen  Zustand  der  Jugendlichen  Düsseldorfs  nach  dem  Krie; 

Die  14— lö'jährigen  Düsseldorfer  Jugendlichen  sind  in  ihrer  körp 
liehen  Entwicklung  offenbar  zurückgeblieben,  was  auf  Schädigungen  der  Krie; 
und  Nachkriegszeit  zurückzuführen  ist.  Dagegen  zeigen  die  16  17jährig 
eine  günstigere  Körperentwicklung.  Das  Berufsleben  scheint  keinen  e 
scheidenden  Einfluss  auf  die  gute  oder  schlechte  Beschaffenheit  des  Materi 
auszuüben,  vielmehr  dürften  hier  Berufsauslese,  wirtschaftliche  Konjunktur  e 
eine  Rolle  spielen.  Der  Vergleich  an  Turnern  und  Nichtturnern  im  Alter  v 
14  Jahren  zeigte  die  Ueberlegenheit  der  Turner. 

R.  O.  Neumann  -  Hamburg 

Klinische  Wochenschrift.  1923.  Nr.  29  und  30. 

Nr.  29.  U.  E  b  b  e  c  k  e  -  Göttingen:  Endothelzellen,  „Rougetzellen“  u! 
Adventitialzellen  in  ihrer  Beziehung  zur  Kontraktilität  der  Kapillaren.  I 

Uebersichtsaufsatz. 

H.  Z  0  n  d  e  k  und  T.  Reiter-  Berlin:  Hormonwirkung  und  Kationen 

Als  Ergebnis  ihrer  Versuche  an  Kaulquappen  fassen  die  Verfasser 
sammen:  Die  Hormone  sind  nicht  an  und  für  sich,  sondern  nur  im  Rahm» 
einer  bestimmten  Elektrolytkonstellation  Träger  der  ihnen  als  spezifisch  ;| 
geschriebenen  Wirkungen.  Es  ist  anzunehmen,  dass  das  vegetative  Nervik 
System  als  ein  Bindeglied  zwischen  Hormon  und  Erfolgsorgan  jenem  <| 
optimalen  Bedingungen  für  seine  Wirksamkeit  ermöglicht  und  damit  sein! 
seits  der  Regulation  des  hormonalen  Gleichgewichts  dient. 

O.  G  r  0  s  s  -  Greifswald:  Zur  Röntgendiagnostik  der  PankreaskraiU 
heiten. 

3  Fälle  werden  mit  Krankengeschichten  und  den  RöntgenschirmbildiH 
eingehend  erörtert,  einer  derselben  beweist  auch  die  Wichtigkeit  des  PneunW 
Peritoneums  für  die  Diagnose,  die  beiden  letzten  Fälle  zeigen  die  Wichtigku 
der  funktionellen  Pankreasprüfung.  Dabei  lieferte  die  Kaseinprobe 
quantitativen  Trypsinbestimmung  in  den  Fäzes  einwandfreie  Ergebnisse.  I 

C.  Brunner  und  Ad.  R  i  1 1  e  r  -  Zürich:  Zur  Wirkung  des  Rivan- 
auf  die  Gewebe. 

Aus  den  experimentellen  und  klinischen  Ergebnissen  geht  hervor,  d:. 
die  Rivanollösung  1  :  400,  mit  der  im  Experiment  Meerschweinchen  bei  si<| 
kutaner  Infektion  gegen  die  absolut  tödliche  Dosis  geschützt  werden  konnte 
gleichzeitig  die  Gewebe  stark  schädigt  und  zwar  besonders  die  Muskeln,  H 
welchen  Nekrosen  auftreten.  Das  Ziel  der  Tiefendesinfektion  ist  wohl  nt 
bei  weitem  nicht  erreicht. 

W.  S  t  a  r  1  i  n  g  e  r  -  Wien:  Ueber  die  Bedeutung  der  physikallse 
chemischen  Eiweissstruktur  des  Blutplasmas  und  eine  einfache  kliniso 
Methodik  zu  ihrer  Beurteilung.  Nicht  zu  kurzem  Auszuge  sich  eignend.  Jj 

M.  M  a  r  k  u  s  -  Berlin :  Zur  Diagnose  der  akuten  Pankreaserkrankunfi 
durch  Fermentnachweis  im  Serum. 

Verf.  hat  an  einem  Falle  den  Versuch  unternommen,  das  Pankre.' 
ferment  im  Blute  zu  erfassen.  Die  Pankreaslipase  erweist  sich  als  resist<| 
gegen  Atoxyl,  während  die  normale  Blutlipase  und  andere  spezifisd 
Lipasen  schon  in  geringen  Mengen  tötet.  Die  Pankreaslipase  wurde  dun 
die  stalagmometrisch  zu  registrierende  Aenderung  der  Oberflächenspanntn 
bei  fermentativer  Spaltung  einer  Tributyrinlösung  nachgewiesen. 

P.  G.  B  ö  1 1  c  h  e  r  -  Berlin:  Ueber  die  klinische  Verwertbarkeit  v 
Nadelelektroden  (Straub)  bei  der  Elektrokardiographie. 

Der  Vergleich  der  Hautableitung,  der  intra-,  subkutanen  und  Tief¬ 
ableitung  zeigte,  dass  für  eine  einwandfreie  Kurvenschreibung  offenbar  1 
intrakutane  Nadelableitung  (Straub),  meistens  auch  die  subkutane  Lagen: 
der  Nadelelektroden,  das  Optimum  darstellt. 

Fr.  Blumenthal  und  Finkenrath  -  Berlin :  Ueber  quantltat ; 
Messung  der  Strahlen  in  der  Lichttherapie. 

Verf.  haben  zunächst  die  Beständigkeit  der  Zahlenangaben  verschieder 
Aktinimeter  (Fürstenau)  geprüft  und  gute  Uebereinstimmung  gefundi 
ferner  beschreiben  sie  ein  Verfahren,  mittelst  der  Aktinimeter  auch  '■ 


10.  August  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT.  i065 


individuelle  Lichtempfindlichkeit  jedes  einzelnen  Kranken  zu  bestimmen,  was 
für  die  richtige  Anwendung  der  Lichttherapie  von  Wichtigkeit  ist. 

A.  O  r  li  a  n  s  k  i  -  Berlin:  Die  Sippy-Kur  In  der  Ulcustherapie. 

Das  Prinzip  derselben  besteht  in  einer  dauernden  Alkalisierung  des 
Magensaftes,  wechselnd  mit  kalorienreicher,  schonender  Diät  in  häufigen 
kleinen  Portionen,  die  den  Zweck  haben,  die  Säureprdduktion  herabzusetzen. 
Die  Erfahrungen  bei  28  Kranken  erwiesen  die  Kur  als  „eine  sehr  empfehlens¬ 
werte  Behandlungsmethode  des  Ulcus  ventr.  und  duodeni“.  Sie  muss  aber 
mehrere  Monate,  womöglich'  1  Jahr,  fortgesetzt  werden. 

K.  L  a  q  u  a  -  Breslau:  Hat  die  Vorbehandlung  des  Empfängers  mit  art- 
iremdem  Serum  einen  Einfluss  auf  das  Schicksal  eines  homoioplastlschen  freien 
rransplantates?  Mitteilung  von  Experimenten  an  Ratten. 

C.  W.  C.  M  i  e  r  e  m  e  t  -  Groningen:  Hautveränderungen  durch  Einwir¬ 
kung  des  elektrischen  Stromes,  ihre  differentialdiagnostische  Bedeutung  und 
ihr  histologisches  Bild. 

Bei  der  Einwirkung  des  elektrischen  Stromes  auf  die  Haut  entstehen 
gewisse  Veränderungen  des  Hautbindegewebes  etp„  welche  Folge  der  Tem¬ 
peratur  sein  können,  welche  in  verschiedener  Weise  erhöht  wird:  einerseits 
von  aussen  appliziert,  anderseits  in  der  Haut  gebildet.  Die  Art  der  Haut¬ 
verdickung  scheint  vielleicht  eine  spezifische  Wirkung  des  Stromes  darzu¬ 
stellen. 

H.  Kahn -Altona:  Ueber  eine  einfache  Flockungs-Trübungsreaktion  bei 

malignen  Tumoren. 

Die  mit  ihrer  Methodik  beschriebene  Reaktion  beruht  auf  einer  Ver¬ 
minderung  der  Albumine,  sowie  der  fettsäurebindenden  Lipoide  im  Serum  von 
Tumorkranken.  Die  Reaktion  ist  technisch  unschwer  auszuführen. 

E.  G  o  1  d  b  e  r  g  -  Breslau:  Das  Aurikularisspmptom  der  Meningitis.  Zu 
dem  gleichnamigen  Aufsatz  von  Mendel  in  Nr.  17  der  Klin.  Wschr. 

Verf.  gibt  einen  anderen  Erklärungsversuch  des  von  Mendel  a.  a.  O. 
näher  auseinandergesetzten  Phänomens. 

H  i  I  g  e  r  s  -  Königsberg:  Die  Rachitis  in  den  Grossstädten  und  ihre  Be¬ 
deutung  für  die  Volksgesundheit. 

Bemerkung  zur  gleichnamigen  Arbeit  von  Engel,  Nr.  12  d.  Wschr. 

Engel-  Dortmund:  Erwiderung. 

A.  P  a  1 1  a  d  i  n  -  Charkow:  Ueber  Kohlehydrat-  und  Kreatinstoffwechsel 

bei  experimentellem  Skorbut. 

F.  Kl  e  witz  und  F.  K  r  i  e  g  e  r  -  Königsberg:  Ueber  die  Ninhydrin- 
reaktion  der  eosinophilen  Granula. 

A.  B  u  s  c  h  k  e  und  E.  Langer  -  Berlin :  Schleimhautveränderungen 
bei  Ratten  infolge  der  Teerein  Wirkung. 

Kurze  wissenschaftliche  Mitteilungen. 

W.  V  o  g  e  1  -  Giessen:  Ueber  einen  Fall  von  B  u  h  1  scher  Krankheit  mit 
einem  Beitrag  zur  Frage  des  Fettgehaltes  der  parenchymatösen  Organe  bei 
Veugeborenen.  Kasuistische  Mitteilung. 

Nr.  30.  H.  S  e  e  1  e  r  t  -  Berlin:  Krankheitsursachen  in  der  Psychiatrie. 

Uebersichtsaufsatz. 

A.  G  o  1 1  s  c  h  a  1  k  -  Würzburg:  Der  Nahrungsreiz  als  Regulationsprinzip 

m  intermediären  Stoffwechsel. 

Die  Versuche  ergaben  das  Resultat,  dass  wohldefinierte  Nahrungsbe¬ 
standteile  bei  oraler  Zufuhr  eine  bei  geeigneter  Versuchsanordnung  deutliche 
spezifische  Reizwirkung  auf  den  intermediären  Stoffwechsel  ausüben  und 
zwar  im  Sinne  der  Steigerung  bestimmter  Abbauphasen  des  betr.  Partial¬ 
gliedes. 

F.  S  c  h  e  1  o  n  g  -  Kiel:  Das  Aufhören  der  Tätigkeit  des  menschlichen 

Herzens  im  Tode. 

Elektrokardiographische  Untersuchungen  an  20  Sterbenden  ergaben,  dass 
die  Art  und  Weise  des  Absterbens  in  erster  Linie  vom  Zustand  des  Herz- 
nuskels  abhängt.  Funktionell  und  anatomisch  intakte  Herzen  zeigen  noch 
.'ine  ausgesprochene  Fähigkeit  zur  heterotopen  Automatie.  Wenn  die  Reiz- 
lildung  des  A-V-Knotens  und  niederer  Zentren  sehr  gering  war,  wurden  ge¬ 
wöhnlich  auch  hochgradige  anatomische  Herzveränderungen  gefunden.  In  der 
4rt  des  Absterbens  konnten  3  Stadien  unterschieden  werden,  die  vielge- 
italtigen  Arrhythmien  entstehen  während  der  Uebergänge  von  einem  Stadium 
n  das  andere  durch  Interferenz  mehrerer  Reizbildungsstellen. 

L.  Landau  und  L.  v.  Pap- Wien:  Ueber  den  Einfluss  der  Leber  auf 
len  Wasserhaushalt. 

Die  Leber  greift  im  Wasserhaushalt  nicht  nur  durch  ihre  mechanische 
Anpassungsfähigkeit  reflektorisch  ein,  sondern  ihr  Gewebe  ist  selbst  mitbe- 
eiligt,  um  die  Menge,  die  Konzentration,  die  physikalisch-chemischen  Ver- 
lältnisse  des  Blutes  auf  erwünschter  Höhe  zu  erhalten.  Die  lokale  oder  die 
üiemische  Fernwirkung  des  Leberparenchyms  ist  auch  für  die  Diurese  von 
nitbestimmender  Bedeutung. 

F.  Frisch- Wien:  Nervenlues  und  Aortitis  iuetica. 

Unter  145  Fällen  von  Nervenlues  fand  sich  45  mal  eine  Komplikation 
;eüens  der  Aorta;  nur  2  von  diesen  letzteren  Fällen  machten  Angaben  über 
>uöjektive  Sensationen.  Verf.  glaubt,  dass  die  eine  Nervenlues  kompli¬ 
nerende  Aortitis  eine  der  reinen  Aortitis  nicht  zukommende  Benignität  auch 
n  „tektonischer“  Hinsicht  besitzt,  wofür  er  verschiedene  Argumente  anführt. 

S.  B.  De  Vries  R  o  b  1  e  s  -  Amsterdam:  Untersuchung  über  den  Zu¬ 
sammenhang  zwischen  Asthma  und  exsudativer  Diathese. 

Aus  seinen  Untersuchungen  folgert  Verf.  dass  der  Extrakt  von  Schuppen 
menschlicher  Haut  nicht  geeignet  ist,  das  Bestehen  exs.  Diathese  bei  Kindern 
lachzuweisen,  dass  ferner  ein  deutlicher  Einfluss  des  Alters  auf  Positiv¬ 
er  Nichtpositivsein  der  Reaktionen  nicht  wahrgenommen  wurde.  Mit  dein 
■ichuppenextrakt  kann  ein  ursächlicher  Zusammenhang  zwischen  Asthma  und 
:xs.  D.  nicht  nachgewiesen  werden. 

W.  K  i  r  s  c  h  b  a  u  m  -  Hamburg:  Methoden  und  Kautelen  einer  Malarla- 
ilutkonservlerung  und  -Versendung  zur  Behandlung  der  progressiven  Para- 
yse.  Nach  Beobachtungen  an  Tertianaplasmodlen  ln  vitro  und  an  Impf- 

/ersueben. 

Verf.  hat  längere  Versuchsreihen  ausgeführt,  um  die  Einflüsse  der  Tem- 
leratur,  der  Bewegung,  der  Art  der  Defibrinierung  mit  und  ohne  Dextrose- 
:usatz  die  verlässliche  Dauer  der  Lebensfähigkeit  der  Plasmodien  zu 

■tudieren. 

J.  S.  M  a  g  a  t  -  Simferopol:  Erfahrungen  über  Hämo vakzlne  beim  Fleck- 

vphus. 

Die  prophylaktische  Impfung  gegen  Fleckfieber  mit  defibriniertem  Blut 
'■on  Kranken  auf  der  Höhe  des  Exanthems  nach  Sterilisierung  ist  nicht  ge¬ 
eignet,  die  Ansteckung  zu  verhindern.  Die  prophylaktische  Impfung  kann 

licht  empfohlen  werden. 


C.  J.  R  o  t  h  b  e  r  g  e  r  -  Wien:  Bemerkungen  zur  Theorie  der  Kreisbe¬ 
wegungen  beim  Flimmern. 

Verf.  wendet  sich  gegen  die  Begründung  der  von  de  Bo  er  aufge¬ 
stellten  Ansichten  über  diese  Kreisbewegungen. 

H.  S  c  h  a  c  k  -  Magdeburg:  Vergleichende  Leberfunktionsprüfung. 

Bemerkungen  zu  der  Mitteilung  von  Hesse  und  Havemann  in 

Nr.  42  S.\  2077  d.  Wschr. 

Verf.  konnte  feststcllcii,  dass  auch  bei  Lebergesunden  milchsaures  Natron 
in  bestimmter  Menge  eine  Erhöhung  des  Blutzuckers  bewirken  kann. 
Tabellen. 

J.  S  m  o  i  r  a  -  Magdeburg:  Ueber  vergleichende  Bilirubinbestimmungcn 
mit  der  Methode  von  E.  H  e  r  z  f  e  I  d  und  van  den  B  e  r  g  h. 

Verf.  kommt  zum  Ergebnis,  dass  die  genannte  Methode  praktisch  durch¬ 
aus  brauchbar  ist. 

C.  Oehme-Bonn:  Die  Abhängigkeit  des  Wasser-Salzbestandes  des 
Körpers  vom  Säure-Basenhaushalt  und  vom  physiologischen  lonengleieh- 
gewicht. 

R.  S  t  e  r  n  -  Berlin:  Ueber  den  Mechanismus  der  serologischen  Lues¬ 
reaktionen. 

E.  Bloch  und  E.  0  e  1  s  n  e  r  -  Berlin :  Untersuchungen  an  menschlichen 
roten  Blutkörperchen.  Kurze  wissenschaftliche  Mitteilungen. 

W.  Schmitt-Leipzig:  Passagere  Blindheit  bei  Keuchhusten. 

Kasuistische  Mitteilung.  Grass  tnann  -  München. 

Medizinische  Klinik.  Heft  29. 

Th.  B  r  u  g  s  c  h  -  Berlin:  Allgemeine  Lebensprognostik. 

K.  G  o  1  d  s  t  e  i  li  -  Frankfurt  a.  M.:  Die  Funktionen  des  Stirnhirnes  und 
ihre  Bedeutung  für  die  Diagnose  der  Stirnhirnerkrankungen. 

L.  F  e  i  1  c  h  e  n  f  e  1  d  -  Berlin:  Die  Prognostik  innerhalb  der  Lebens¬ 
versicherung. 

Die  beiden  beachtenswerten  Abhandlungen  von  Brugsch  und  Feil- 
c  h  e  n  f  e  1  d  sind  leider  zu  kurzem  Bericht  wenig  geeignet. 

I.  Z  a  d  e  k  -  Neukölln:  Zur  kombinierten  chirurgischen  Behandlung  der 
Lungentuberkulose;  Phrenikusexairese  und  Pneumothorax. 

Manche  Schwierigkeiten  der  Indikationsstellung  für  die  operative  Be¬ 
handlung  der  Lungentuberkulose  werden  erleichtert  durch  eine  Kombination 
der  beiden  genannten  Eingriffe.  Die  Phrenikusexairese  soll  die  Einleitung 
bilden.  Die  bisherigen  Erfahrungen  mit  einer  Therapie  nach  diesen  Grund¬ 
sätzen  sind  günstig,  da  auch  das  soziale  Moment  zu  seinem  Rechte  kommt. 

G.  Singer -Wien:  Bemerkungen  zur  chirurgischen  Behandlung  der 
Gallensteinkrankheit. 

Der  Internist  warnt  vor  der  Frühoperation,  weil  die  Frühdiagnose  des 
Steinleidens  nur  mangelhaft  sein  kann.  Andererseits  ist  freilich  notwendig, 
die  Verschleppung  aller  schwereren  Gallensteinprozesse  zu  vermeiden.  (Hier¬ 
für  können  leider  nur  geringe  Anhaltspunkte  gegeben  werden.) 

H.  B  i  s  c  h  o  f  f  und  K.  D  i  e  r  e  n  -  Rostock:  Senkungsgeschwindigkeit  der 
Erythrozyten  und  Pirquetreaktion. 

Die  Skg.  schwankt  bei  gesunden  Kindern  erheblich,  aber  gesetzmässig. 
Bei  schweren  Fällen  hat  die  positive  Pirquetreaktion  einen  Einfluss  auf  die 
Skg.;  die  Beziehungen  sind  aber  unsicher.  Bei  leichter  und  latenter  Tuber¬ 
kulose  fehlt  der  Einfluss. 

J.  V  o  1  k  m  a  n  n  -  Halle  a.  S. :  Ueber  Narbenverknöcherung. 

Klinischer  Vortrag.  In  den  letzten  3  Jahren  hat  die  Chirurgische  Klinik 

Halle  neben  25  Fällen  von  ossifizierendem  Hämatom  6  Narbenverknöcherungen 
(meist  der  Medianlinie  nach  Laparotomie)  beobachtet. 

J.  Oettingen  -  Witebsk:  Ueber  einen  Kunstgriff  bei  der  topographi¬ 
schen  Perkussion. 

Das  Nachschwingen  des  Plessimeterfingers  wird  durch  die  im  Augenblick 
des  Plessimeterschlages  erfolgende  Entfernung  des  Fingers  von  der  Thorax¬ 
wand  unmöglich  gemacht.  Ein  festes  Andrücken  des  Fingers  bewirkt  anderer¬ 
seits  eine  Spannung  der  Weichteile  an  der  Perkussionsstelle,  so  dass  die 
bekannte  Forderung  von  G  e  i  g  e  1  erfüllt  wird. 

W.  B  r  a  u  n  -  Berlin:  Ueber  die  Verwendbarkeit  des  Menostatikum  in 
der  gynäkologischen  Praxis. 

Das  Gemisch  pflanzlicher  Drogen  hat  sich  bei  Dysmenorrhöe  und  als 
Hämostyptikum  bewährt. 

J.  J  o  s  e  f  o  w  i  c  z  -  Wien:  Zur  Frage  der  Tuberkelbaziilenaggiutination 
nach  F  o  r  n  e  t. 

Nachprüfungen  ergaben,  dass  das  Phänomen  keine  Agglutination,  sondern 
eine  Fällung  ist,  die  auch  mit  dem  bazillenfreien  Diagnostikum  zustande 
kommt.  Die  Reaktion  ist  unspezifisch,  da  ihr  Ausfall  von  dem  Gehalt  des 
Serums  an  Globulinen  abhängig  ist. 

H.  E  n  g  e  1  -  Schöneberg:  Schüttellähmung  nicht  Folge  eines  Unfalles. 

E.  G  1  a  s  e  r  -  Itzehoe:  Varizen  —  Ulcus  crurls  und  ihre  Behandlung. 

Wechsel  des  Zinkleimverbandes,  B  a  y  n  t  o  n  sehe  Heftpflasterverbände. 

S. 

Schweizerische  medizinische  Wochenschrift.  1923,  Nr.  24. 

G  o  n  i  n  -  Lausanne:  Breves  remarques  sur  Ia  traitement  du  psoriasis. 

A  m  r  e  i  n  -  Arosa:  Ueber  Lungenegelkrankheit  (Distomum  pulmonale)  auf 
Grund  eines  selbstbeobachteten  Falles. 

Die  in  Europa  ausserordentlich  seltene  Krankheit  ist  in  Asien,  besonders 
in  Japan  häufig.  Die  Parasiten  gelangen  mit  der  Nahrung,  hauptsächlich 
Krustazeen,  in  den  Körper,  wandern  durch  den  Oesophagus  oder  die  Darm¬ 
wand  in  die  Lunge  ein,  führen  dort  zu  Bronchiektasen,  zirkumskripten 
Infiltrationen  und  selbst  Abszessbildung.  Im  vorliegenden  Fall  Beginn  mit 
Darmkatarrh  und  Ikterus,  dann  Erscheinungen  im  rechten  Unterlappen,  die 
zuerst  für  Tuberkulose  gehalten  wurden,  zumal  sich  einmal  säurefeste 
Stäbchen  im  Sputum  fanden.  Sehr  häufige,  zum  Teil  starke  Blutungen,  die 
schliesslich  zu  Anlegung  eines  künstlichen  Pneumothorax  zwangen,  danach 
Besserung,  schliesslich  aber  stinkender  Auswurf,  so  dass  ein  chirurgischer 
Eingriff  jetzt  angeraten  wurde.  Das  Sputum  war  pflaumenmusartig  und  ent¬ 
hielt  die  charakteristischen  Eier.  Die  Komplementbindungsreaktion  war 
positiv,  keine  Leukozytose.  Ausführliches  Literaturverzeichnis. 

S  t  e  i  g  e  r  -  Bern:  Die  Röntgenbehandlung  der  Ischias. 

Erfolg  in  13  Fällen  durch  Bestrahlung  des  Wurzelgebietes  des  Nervus 
ischiadicus. 

Ritz:  Experimenteller  Beitrag  zur  Wismuttherapie  der  Syphilis. 

Bericht  über  sehr  günstige  Erfolge  mit  Oleo-Bi  Roche  bei  experi¬ 
menteller  Hodensyphilis  des  Kaninchens.  Die  sicher  heilende  Dosis  ist  20  mal 
geringer  als  die  eben  noch  ertragene.  L.  Jacob-  Bremen. 


1066 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  32. 


Vereins-  und  Kongressberichte. 


Berliner  medizinische  Gesellschaft. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  18.  Juli  1923. 

Vor  der  Tagesordnung  demonstriert  Herr  Grün  borg  einen  Fall  von 
Peilagroid,  der  infolge  quantitativer  Unterernährung  auf  dem  Boden  einer 
alkoholischen  Psychose  entstanden  ist. 

Ferner  berichtet  Herr  N  e  u  m  a  n  n  über  2  einander  ähnliche  halle  mit 
grossem  rechtsseitigen  Bauchtumor  (anscheinend  Leberschwellung),  eigen¬ 
artigem  Fiebertyp.  Der  eine  kam  unter  progredienter  Verschlechterung  zum 
Exitus  und  stellte  sich  als  Ca  renis  heraus  mit  Einwachsen  des  Tumors  in 
Leber,  Pleura  und  Lunge. 

Aussprache:  Herr  Kraus:  Die  makroskopische  Wachstumsform 
und  das  histologische  Bild  sprechen  beide  für  das  seltene  Karzinom  der  Niere. 

Herr  Btnda  glaubt,  dass  es  sich  vielmehr  um  eine  angeborene  MiSch- 
gesch willst  (Karzinosarkom)  handeln  würde,  wenn  man  den  Tumor  an  den 
verschiedensten  Stellen  untersuchte. 

Herr  Neumann  (Schlusswort):  Die  histologische  Untersuchung 
stammt  von  verschiedenen  Tumorstellen  und  Metastasen  und  wurde  von 
Herrn  C  e  e  1  e  n  ausgeführt. 


Tagesordnung: 

Herr  Umber:  Ueber  Pankreasinsulin  und  seine  Anwendung  bei  Dia¬ 
betikern. 

Seit  M  e  r  in  gs  und  insbesondere  Minkowskis  grundlegenden 
Arbeiten  steht  fest,  dass  der  Kohlehydratstoffwechsel  durch  innere  Sekretion 
des  Pankreas  beeinflusst  wird.  Dann  wurde  die  wichtige  Rolle  dei 
Langerhans  sehen  Inseln  erkannt.  Doch  blieben  alle  Pankreasfütterungs¬ 
versuche  erfolglos.  Allerdings  kann  man  heute  sagen,  dass  schon  1908 
Zülzer  dem  Ziele  der  Diabetesorgantherapie  nahegekommen  war,  als  er 
mit  gutem  Erfolg  ein  Präparat  herstcllte,  das  nur  durch  unangenehme  Kom¬ 
plikation  beeinträchtigt  war  und  dessen  weitere  Vervollkommnung  schliesslich 
der  Krieg  hinderte.  Neuerdings  haben  nun  kanadische  Forscher  von  der 
Universität  Toronto  in  eingehenden  Untersuchungen  ein  neues  Präparat  er¬ 
halten,  das  nach  den  Berichten  der  ausländischen,  insbesondere  amerikanischen 
Literatur  vollste  Beachtung  verdient  Es  wurde  nämlich  festgestellt,  dass 
das  proteolytische  Enzym  (Trypsin)  störend  auf  das  Organpräparat  einwirke, 
so  dass  es  ausgeschaltet  werden  müsste.  Verschiedene  Wege  führten  zum 
Ziel,  so  die  Unterbindung  des  Ductus  pancreaticus,  nach  der  der  Drüsen¬ 
körper  atrophiert  unter  Erhaltenbleiben  des  Inselapparates.  Aber  auch  bei 
Kalbsföten  bis  zum  4.  Monat  und  verschiedenen  Fischarten  finden  sich  die 
Langerhans  sehen  Inseln  getrennt  vom  Drüsengewebe.  Aber  erst  durch 
fabrikmässige  Herstellung  im  grossen  konnte  das  Insulin  weitere  Bedeutung 
erlangen.  Es  enthält  Eiwciss  nur  noch  in  Spuren,  verträgt  Erhitzen,  aber  kein 
Kochen  und  wird  durch  Trypsin  rasch  zerstört,  so  dass  orale  Applikation 
nicht  möglich  ist.  Insulin  wirkt  auf  den  Blutzucker  derart,  dass  er  nach 
2  Stunden  stark  absinkt,  nach  6 — 8  Stunden  den  tiefsten  Stand  erreicht  und 
nach  ca.  24  Stunden  seine  Ausgangshöhe  wiederfindet.  Beim  Kaninchen 
kommt  es  schliesslich  zu  Intoxikationszuständen  (Unruhe,  Krämpfe,  Bewusst¬ 
losigkeit,  Tod),  sog.  hypoglykämische  Reaktion.  Sic  scheint 
dadurch  zustande  zu  kommen,  dass  der  Blutzucker  unter  eine  bestimmte 
Minimalhöhe  heruntersinkt.  Diese  Reaktion  ist  durch  Dextrosezufuhr  sofort 
(in  weniger  als  1  Minute)  zu  beseitigen.  Da  beim  Menschen  Prodromal¬ 
erscheinungen  auftreten  (Zittern,  Schweiss,  Schwindel  etc.),  lässt  sich  das 
Auftreten  einer  schwereren  hypoglykämischen  Reaktion  sicher  vermeiden, 
denn  auch  hier  wirkt  Dextrose.  Eine  weitere  Insulinwirkung  besteht  darin, 
dass  Azidose  schwindet  und  die  Glykosurie  bis  zu  normalen  Werten  absinkt, 
dabei  werden  die  zugeführten  Kohlehydrate  besser  ausgenützt.  In  der  Leber 
fand  sich  ein  rasches  Ansteigen  des  Glykogengehaltes,  der  respiratorische 
Quotient  steigt  an,  wie  beim  Normalen.  Die  Hyperglykämie  beim  Zucker¬ 
stich  etc.  bleibt  nach  Insulingaben  aus.  Es  wirkt  bei  Jugendlichen  am 
günstigsten.  Vor  intravenöser  Injektion  ist  zu  warnen,  es  ist  nur  subkutan 
zu  verabfolgen  (10 — 20  Einheiten  pro  die),  wobei  als  Einheit  die  Menge  be¬ 
zeichnet  wird,  die  den  Blutzucker  um  einen  bestimmten  Wert  herabdrückt. 
Die  Behandlung  ergibt  keine  Dauererfolge,  sie  ist  nur  von  vorübergehender 
Wirkung  genau  wie  Thyreoideavxtrakt  beim  Myxödem;  sie  ist  auch  kein 
Ersatz,  sondern  nur  ein  Unterstützungsmittel  der  Diät.  Auf  Grund  eigener 
Erfahrungen  demonstriert  Vortr.,  wie  unter  geeigneten  Insulingaben  die  nega¬ 
tive  Zuckerstoffwechselbilanz  in  eine  positive  verwandelt  wird,  diese  aber 
beim  Aufhören  weiterer  Dosen  sofort  wieder  negativ  wird.  Vortr.  konnte 
eine  nicht  unerhebliche  Wasserretention  (1  Yi  kg  pro  die)  beobachten,  auf- 
ianttia  ist  die  subjektive  Besserung,  die  der  Kranke'  selbst  sofort  verspürt. 
Als  Nachteile  sind  die  sehr  hohen  Kosten  des  Auslandpräparates  anzusehen 
und  die  schmerzhafte  Applikation,  beides  wohl  überwindbare  Fehler,  dann 
aber  das  Fehlen  jeglicher  Nachwirkung  und  die  Verabreichung,  die  nur  unter 
klinisch  und  diätetisch  sorgfältiger  Kontrolle  möglich  ist. 

Aussprache:  Herr  Kraus:  Das  wirksame  Hormon  hat  sich  auch 
im  Pflanzenreich  gefunden,  so  dass  die  Herstellung  eines  guten  Präparates 
auch  bald  bei  uns  möglich  sein  wird,  zumal  die  Industrie  schon  an  der  Arbeit 
ist.  Es  kommen  die  Hefe,  Zwiebel,  aber  auch  andere  unserer  heimischen 
Pflanzen  in  Frage.  Als  wichtige  Indikationen  kommt  die  Behandlung  vor 
Operationen  und  beim  drohenden  Koma  in  Frage. 

Herr  S.  Rosenberg:  Aus  Hefe  ist  schon  vor  Jahren  von  Klark 
ein  brauchbares  Präparat  hergestellt  worden,  auch  Metabolin  (L  o  e  n  i  n  g  und 
V  a  h  1  e  n,  D.m.W.  1922)  und  Reglykol  (Engel-  Düsseldorf)  sind  als  deutsche 
Vorgänger  anzusehen. 

Herr  Eugen  Jungmann  berichtet  gleichfalls  über  einen  mit  Insulin 
behandelten  Fall. 

Herr  Umber  (Schlusswort). 


Sitzung  vom  25.  Juli  1923. 

Vor  der  Tagesordnung  spricht  Herr  Dülirssen  über  die  W  e  n  i  fi  g  c  r- 
sche  Inhalationskur  der  Lungentuberkulose.  Inhalation  von  täglich  50  g  der 
Flüssigkeit  soll,  auch  bei  schweren  Fällen,  absolut  unschädlich  sein  und  ganz 
überraschende  subjektive  und  objektive  Besserungen  bewirken.  Demonstration 
einer  erfolgreich  behandelten  Kranken.  Dazu  stellt  Herr  Dämmert  noch 
8  weitere  Fälle  vor. 


und 


solche  mit 
dreijährige 


Tagesordnung: 

Herr  Pribram:  Proteintherapie  und  chirurgische  Therapie  des  Magen- 
Duodenalgeschwürs. 

P.  behandelt  jedes  Ulcus  ventriculi  oder  duodeni.  auch 
schweren  Stenosen,  zuerst  konservativ  und  verfügt  über  fast 
Erfahrungen  an  Uber  200  Fällen. 

Die  Proteintherapie  bezweckt  eine  Applikation  von  Oewebsreizen  an 
dem  Ulcus  als  chronischem  Entzündungsherd.  Fast  regelmässig  tritt  Herd¬ 
reaktion  auf,  die  im  Laufe  der  Behandlung  zur  Auffüllung  grosser  Nischen 
führt.  Dazu  kommt,  wie  Vortr.  durch  Adrenalinkurven  nachweisen  konnte, 
eine  Wirkung  auf  das  vegetative  Nervensystem  (Schwächung  des  Sympathi¬ 
kus).  24  Stunden  nach  intravenöser  Injektion  von  0,5  ccm  Novoprotin 
zeigen  Puls  und  Blutdruck  keine  Adrerialinreaktion  mehr  (Demonstration  ent¬ 
sprechender  Kurven).  Ein  Vergleich  mit  der  Ulcusthcrapic  durch  Sym¬ 
pathektomie  liegt  nahe. 

P  r  i  b  r  a  m  verwendet  ausschliesslich  jeden  3. — 4.  Tag  wiederholte  intra¬ 
venöse  Injektionen  von  Novoprotin,  ansteigend  von  0,2  1  ccm  derart 

dass  stets  eine  leichte  Reaktion  erfolgt.  Es  werden  höchstens  10 — 12  Injek¬ 
tionen  gemacht,  die  Kur  nötigenfalls  einmal  nach  b  Wochen  wiederholt. 

Die  Einspritzungen  wirken  analgetisch,  spasmuslösend  und  hyperämi- 
sierend.  Meist  sind  die  Kranken  nach  2 — 3  Injektionen  für  Wochen  und 
Monate  beschwerdefrei  ohne  Einhaltung  einer  Schonungsdiät.  Der  Viertel¬ 
stundenrest  verschwindet,  (Demonstration  zahlreicher  Röntgenbilder.) 

Allerdings  kommen  refraktäre  Fälle  von  Ulcus  pepticum  vor,  doch 
wurden  fast  durchweg  wenigstens  vorübergehende  Besserungen  erzielt. 
Völlig  refraktäre  Fälle  haben  sich  bei  der  Operation  im  allgemeinen  als  Fehl¬ 
diagnosen  erwiesen.  so  dass  Erfolglosigkeit  der  Kur  in  dubio  gegen  Ulcus 
spricht. 

Jedenfalls  sollen  refraktäre  Fälle  chirurgisch,  durch  G  astroentero- 
st  o  in  i  e  oder  Resektion,  angegangen  werden.  Da  die  Ausschaltung  des 
Ulcus  aus  der  Magenstrasse  nur  in  50—80  Proz.  Heilung  bringt.  Blutungs¬ 
und  Perforationsgefahr  sowie  die  Entstehung  neuer  Ulcera  an  der  Anasto- 
mosenstelle  nicht  mit  Sicherheit  ausschliesst,  gewinnt  die  Resektion  immer 
mehr  Anhänger.  Nur  Fälle  mit  chronischer  Hämatomesis  operiert  P  r  i  b  r  a  m 
sofort  (Resektion),  alle  anderen  werden  zuerst  mit  Novoprotin  be¬ 
handelt,  wobei  Kombination  mit  der  zurzeit  schwer  zu  beschaffenden 
Schonungsdiät  sich  erübrigt.  J 

Aussprache:  Herr  C  r  o  t  e  -  Halle  hat  120  Fälle  mit  gutem  Erfolg 
mit  Novoprotin  behandelt.  52  Fälle  zeigten  auffallende  Besserung, 
darunter  17  schwere  Stenosen.  Nach  der  Injektion  tritt  Fieber  bis  38  und 
deutliche  Lokalrekation,  mitunter  sogar  Erbrechen  auf.  Die  Salzsäure- 

Keine  so  guten  röntgenologischen,  aber 


gute  klinische  Erfolge  gesehen. 
Ueberflüssigkeit  der  alten  Diätkur.  Der 
wechselvoller,  der  Erfolg  einer 


kombinierten  Therapie  zu. 


reaktion  wird  nicht  herabgesetzt, 
ausgezeichnete  klinische  Erfolge. 

Auch  Herr  Kraus  hat  einige 

Herr  S  t  r  a  u  s  s  leugnet  die 
Verlauf  des  Ulcus  ist  ein  unberechenbarer, 

Behandlung  in  keinem  Falle  sicher. 

Herr  Kraus  gibt  die  Zweckmässigkeit  einer 
Entscheidend  ist  der  klinische  Erfolg. 

Herr  P  r  i  b  r  a  m:  Schlusswort. 

Herr  Westenhöfe  r:  Ueber  Erhaltung  von  Vorfahrenmerkmalen 
beim  Menschen,  insbesondere  eine  progonische  Trias  und  ihre  praktische  Be¬ 
deutung. 

Bei  manchen  Erwachsenen  finden  sich,  wie  W.  schon  in  einem  früheren 
Vortrag  in  der  Anthropologischen  Gesellschaft  ausgeführt  hat,  morphologische 
Bildungen,  wie  sie  für  Kinder  charakteristisch  sind:  Lappung  der  Nieren  und 
der  Milz  und  Hornform  des  Blinddarms  mit  fliessendem  Uebergang  zwischen 
Zoekum  und  Appendix.  Diese  Trias,  die  man  weder  als  Anomalie  noch  als 
Infantilismus  bezeichnen  kann,  findet  sich  fast  regelmässig  bei  einem  Menschen 
vereinigt.  Vortr.  beobachtete  sie  zuerst  vor  etwa  10  Jahren  in  Chile  und 
deutete  sie  als  Rassemerkmal;  aber  auch  bei  uns  zeigen  sie  25  30  Proz. 

der  Menschen.  Es  handelt  sich  um  Ueberreste  von  einer  früheren  Entwick¬ 
lungsstufe.  Sucht  man  entsprechende  Bildungen  in  der  I  ierreihe,  so  findet 
man  die  grade  Verlängerung  des  Zoekum  bei  den  Pflanzenfressern.  Auch  die 
Nierenlappung  kommt  bei  Fleischfressern  niemals,  manchmal  bei  Pferden  vor. 
Ebenso  hat  kein  Fleischfresser  eine  gekerbte  Milz,  die  dagegen  bei  Wasser¬ 
säugetieren  (Walen,  Robben,  Seeottern,  Bären)  die  Regel  ist.  Die  ganze 
progonische  Trias  (Westenhöfe  r)  findet  sich  bei  keinem 
anthropoiden  Affen,  aber  bei  jedem  Kinde.  Ein  Analogon  bildet  das  Erhalten¬ 
bleiben  der  oben  breiten,  unten  schmalen  kindlichen  Lungenform,  eine  Bildung, 
die  in  Amerika  (Bolivien)  häufiger  ist  als  bei  uns.  Darwin  betrachtete 
diese  viereckige  Thoraxform  der  Bolivianer  als  Folge  der  Anpassung  an  das 
Höhenklima  und  zog  sie  in  diesem  Sinne  zum  Beweise  seiner  Theorie  heran. 
(Demnach  wären  alle  Neugeborenen  Höhenbewohner.)  Auch  die  progonische^ 
Einwärtsstellung  der  Füsse  hat  ähnliche  Erklärungen  gefunden. 

Weste  nhöfer  schliesst  aus  seinen  Befunden,  dass  der  Mensch  jeden¬ 
falls  nicht  unmittelbar  vom  Affen  abstammt,  die  Trennung  zwischen  den  Vor¬ 
fahren  beider  vielmehr  viel  höher  in  die  Ahnenreihe  hinaufreicht,  etwa  bis  zu 
den  Reptilien.  Die  Kleinheit  seines  Materials  lässt  weitgehende  Sctilüsse 
nicht  zu,  aber  der  Prozentsatz  des  Vorkommens  (1 :  2)  der  progonischen 
Trias  erinnert  auffallend  an  das  Mendel  sehe  Gesetz. 

Ihre  gesundheitlichen  Folgen  werden  kurz  besprochen.  Appendizitis  ist 
bei  einem  offen  in  das  Zoekum  übergehenden  Wurmfortsatz  nicht  möglich,  im 
Gegensatz  zu  dem  sekundär  ausgebildeten,  senkrecht  zur  Blinddarmlängs¬ 
achse  verlaufenden  Appendix  der  meisten  Menschen.  Daher  bekommen  kleine 
Kinder  keine  Appendizitis  (ausser  einer  metastatischen),  ebensowenig  eine 
Spitzentuberkulose.  Gelappte  Nieren  haben  häufig  ein  doppeltes  Becken.  Bei. 
Pyelitis  erkranken  beide  Becken  einer  einseitigen  Doppelniere.  Zwei  kleinere 

XT'  .  -  1  _  ..  -  1  -  . .  t  1.  .......  1  T  T  A  ,,  h  1,  i  .  i  t  nn  r,  ll  4  PA  L-  »-  ri  T  4  I  A-  liri  O  O 


Nierenbecken  mit  zwei  Ureteren  arbeiten  nicht  so  kräftig  wie  ein  einheitliches 
grösseres.  Die  Menschenniere  besteht  aus  mehreren  funktionell  ganz  selb¬ 
ständigen  Teilen,  die  der  anderen  Säugetiere  ist  ein  einheitliches  Organ.  Von 
den  Tieren  sind  die  Rinder,  die  eine  ähnliche  Nierenform  haben,  am  meisten 
nierenkrank. 

Aussprache:  Herr  Ben  da  hält  die  an  Anthropoiden  angestellten 
Untersuchungen  für  nicht  zahlreich  genug  zur  Ableitung  von  Gesetzen.  Sicher 
stammen  die  Menschen  nicht  von  anthropoiden,  höchstens  von  niederen 
Affen  ab.  W. 


August  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1007 


Aerztlicher  Bezirksverein  Erlangen. 

Sitzung  vom  17.  Juli  1923. 

Herr  L.  R.  Müller:  Vorweisung  eines  Falles  von  Sklerodermie  mit 
ibildungserschcinungen  an  den  Fingerendphalangen. 

Herr  Flaskamp:  Ein  Fall  von  Akanthosis  nigricans  (Dystrophia  papil- 
et  pigmentosa).  23jährige  kräftige  Frau;  Vorgeschichte  belanglos;  rapide 
•  icklung  des  schwersten  Krankheitsbildes  in  drei  Monaten.  Pigmentierung 
Achselhöhlen,  des  Halses,  Bauches,  äusseren  Genitales.  Schwerste 
cimhautveränderungen.  Genital-  und  Leberkarzinom  (!) 
Aussprache:  Herren  H  a  u  c  k,  L.  R.  Müller. 

Herr  W  iss  mann:  Ueber  Retinitis  gravidarum.  (Erscheint  ausführ- 
iu  dieser  Wochenschrift.) 

Aussprache:  Herren  Weichard,  Dyroff. 

Herr  Ko  hl  mann:  Zur  Klinik  und  Röntgendiagnose  des  subphrenischen 

:esses. 

ln  einer  eingehenden  Darstellung  der  topographisch-anatomischen  Ver- 
lisse  erläutert  K.  an  der  Hand  von  Skizzen,  dass  je  nach  dem  Sitz  der 
orationsstelle  an  Magen,  Darm,  Leber,  Milz  usw.  verschiedenartige 
;esse  in  den  entsprechenden  subphrenischen  Taschen  entstehen  können, 
l  Uebergangs-  bzw.  Mischformen  von  2  Taschen  kommen  in  manchen 
:n  vor.  Zur  Klarstellung  des  Krankheitsbildes  kann  bei  gasfreien 
tessen  nach  Probepunktion  Luft  eingeblasen  werden  (mit  Demonstrationen), 
lach  der  Lage  des  Abszesses  sind  Rückschlüsse  auf  die  Aetiologie  und 
^erforationsstelle  möglich  (Vorweisung  zahlreicher  Diapositive).  Um  fest¬ 
eilen,  ob  der  Erguss  vor  oder  hinter  dem  Magen  liegt,  ist  die  frontale 
ihleuchtung  ausgiebig  anzuwenden.  Auch  die  Untersuchung  in  Seitenlage 
zur  ürössenbestimmung  mit  Vorsicht  heranzuziehen.  Die  Differential- 
nostik  wird  eingehend  besprochen;  zu  ihrer  Erläuterung  werden  zahl- 
le  Bilder  projiziert.  In  allen  Fällen  ist  die  Frühdiagnose  anzustreben,  die 
nders  durch  die  Röntgenuntersuchung  erheblich  gefördert  werden  kann. 
Operation  hat  sich  womöglich  gleich  anzuschliessen.  Spontanheilungen 
äusserst  selten.  Die  Mortalitätsziffer  ist  verhältnismässig  hoch.  Befallen 
len  vorwiegend  Kranke  im  mittleren  und  höheren  Lebensalter. 


Medizinische  Geseiiscnatt  Göttingen. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  14.  Juni  1923. 

Vorsitzender:  Herl-  S  c  h  u  1 1  z  e.  Schriftführer:  Herr  v.  Gaza. 

Herr  Richard  Seyderhelm:  Ueber  Beeinflussung  der  perniziösen 
nie  durch  Anlegung  eines  Anus  praeternaturalis. 

Demonstration  eines  Falles  von  perniziöser  Anämie,  bei  dem  nach  An- 
lg  eines  kompletten  Anus  praeternaturalis  im  untersten  Ende  des  Ileum 
plötzlicher  Umschwung  des  Allgemeinzustandes  mit  Besserung  der  Blut- 
e  beobachtet  wurde  (Hämoglobin  von  48  Proz.  auf  105  Proz. ;  Erythro- 
n  von  1  600  000  auf  5  100  000  pro  Kubikzentimeter  innerhalb  8  Wochen), 
der  Anlegung  des  Anus  praeternaturalis  waren  im  Urin  Indikan  und 
tilin  dauernd  stark  +,  unmittelbar  nach  der  Anlegung  des  Anus  während 
nächsten  Wochen  stets  negativ.  An  der  Hand  dieses  neuen  Falles  wird 
ut  auf  die  Bedeutung  bakterieller  Eiweissfäulnisprozesse  im  Bereich  des 
idarms  als  Giftquelle  für  Entstehung  der  perniziösen  Anämie  hingewiesen 
die  von  Meulengracht  zusammengestellten  Fälle  von  perniziöser 
nie  bei  Dünndarmstriktur).  Nach  der  Anlegung  des  Anus  praeternaturalis 
entaner  Umschlag  der  Dünndarmflora,  Sistieren  der  Eiweissfäulnis. 

Herr  Richard  Seyderhelm:  Ueber  rektale  Ernährung. 

Ausgehend  von  den  physiologischen  Grundlagen  der  Dickdarmresorption 
len  auf  besonderen  Wunsch  die  für  die  rektale  Ernährung  in  Frage 
menden  Nährsubstanzen  kurz  besprochen  und  als  besonders  billig  und 
tnet  das  von  v.  Noorden-Salomo  n  empfohlene  Rezept  zu  Tropf- 
ieren  erneut  empfohlen: 

Dextrin  150,0 

Alkohol  30,0 

Kochsalz  7,0 

W’asser  1000,0 

Herr  Ebbecle  demonstriert  eine  Methode  zur  Untersuchung  der 
rotonischen  Erregbarkeitsänderungen  am  Menschen,  bei  welcher  der  durch 
inungsteiler  abgezweigte  konstante  Strom  durch  die  sekundäre  Spule 
.  Induktionsapparates  geleitet  wird,  so  dass  die  zur  Reizschwellenbestim- 
;  dienenden  Induktionsstösse  dem  gleichzeitig  stossenden  konstanten  Strom 
rponiert  werden. 

Herr  Ebbecke  demonstriert  einen  Apparat,  welcher  kurze  Ström¬ 
te  von  genau  bekannter  Dauer  (um  Vioooo  Sek.)  und  Spannung  anzu- 
len  gestattet,  erörtert  die  Vorzüge  dieses  Apparates  gegenüber  dem 
ktionsapparat  und  zeigt  am  Nervmuskelpräparat  vom  Frosch  die  Abhängig- 
der  Reizschwelle  von  der  Stromzeit. 

Herr  Tonndorl:  Ein  neues  Instrument  zur  peroralen  Intubations- 

ose. 

Muss  eine  Operation  an  den  oberen  Luftwegen  in  allgemeiner  Narkose 
enommen  werden,  so  wendet  man  am  zweckmässigsten  die  perorule 
>ationsnarkose  an.  Das  von  Kuhn  dafür  angegebene  Instrumentarium  hat 
Nachteil  schwieriger  Bedienung.  Vorführung  eines  neuen  Instrumentes, 
hes  leicht  zu  handhaben  und  billig  ist.  (Vortrag  erscheint  demnächst  aus- 
ich  in  der  Zschr.  f.  Hals-,  Nasen-  u.  Ohrenhlk.) 

Herr  Tonndorf:  Ueber  einen  Fall  von  Otitis  fibrosa  circumscripta 

ca  am  Schädel.  (Mit  Krankenvorstellung.) 

Ein  21  jähriges  Mädchen  hat  seit  dem  6.  Lebensjahr  (angeblich  infolge 
5  Sturzes)  eine  langsam  wachsende,  schmerzlose  Vorwölbung  der  linken 
i.  Es  wird  eingeliefert  und  operiert  unter  dem  Verdacht  einer  linksseitigen 
ihöhlenentzündung.  Bei  der  Operation  findet  sich  eine  Ostitis  fibrosa 
unscripta  des  Stirnbeines  mit  grosser  Zyste  im  Orbitaldach.  —  Innere 
ine  und  Blutbild  normal,  Wassermann  negativ.  Allem  Anschein  nach 
-ht  nur  der  eine  Krankheitsherd  am  Schädel.  (Vortrag  soll  ausführlich 
ner  der  Fachzeitschriften  für  Hals-,  Nasen-  u.  Ohrenheilkunde  veröffent- 
werden.) 

Herr  Wage  ner:  Demonstration  eines  selbsthaltenden  Autoskops, 
d  beschrieben  in  der  Zeitschrift  für  Hals-,  Nasen-  und  Ohrenheilkunde.) 
Herr  Wagener:  Demonstration  von  Siebheinpräparaten.  (Erscheint 
-n  Verhandlungen  Deutscher  Hals-,  Nasen-  u.  Ohrenärzte.) 


Verein  der  Aerzte  in  Halle  a.  S. 

(Bericht  des  Vereins.) 

Sitzung  vom  11.  Juli  1923. 

Vorsitzender:  Herr  F  i  e  1  i  t  z.  Schriftführer:  Herr  Grote. 

Herr  Boeminghaus:  Demonstration  eines  139  g  schweren  Harn- 
röhrendlvertikelsteines.  Das  Divertikel  mündete  in  die  Pars  pendula  urethrae. 

Herr  Linde  mann  demonstriert  eine  Frau  mit  Inkontinenz  der  Blase, 
die  durch  die  G  ö  b  e  1  -  S  t  o  e  c  k  e  I  sehe  Operation  geheilt  wurde. 

Herr  Grote  demonstriert  ein  6  jähriges  Mädchen  mit  primordialer 
Nanosomie.  Mutter  untermittelgross,  Vater  regelrecht  gewachsen.  Ge¬ 
schwister  normal.  Schon  bei  der  Geburt  zierlich.  Mit  einem  JahT  laufen 
gelernt,  geistig  ganz  leidlich  entwickelt.  Gewicht  jetzt  9,7  kg;  Körpergrösse 
853  mm;  Länge  der  vorderen  Rumpfwand  255  mm;  proportioneller  Brust¬ 
umfang  50,9;  proportionelle  Armlänge  40,3;  proportionelle  Beinlänge  47,9. 
Becher-Lenrihoff :  60,0.  Schädelindex  89,8.  Türkensattel  nicht  verändert. 
Kein  Zeichen  von  Myxödem.  Ein  Jahr  lang  durchgeführte  Thyreoidinbehand- 
lung  hatte  keinen  erkennbaren  Einfluss  auf  das  Wachstum.  Genitale  dem 
Alter  entsprechend.  Mons  veneris  fettreich. 

Besprechung:  Herr  S  t  o  e  1 1  z  n  e  r. 

Herr  Hart  wich:  Die  Differentialdiagnose  zwischen  primordialer  und 
infantiler  Nanosomie  ist  durch  das  seelische  Verhalten  gegeben.  Hier  handelt 
es  sich  wegen  der  leidlichen  psychischen  Entwicklung  um  einen  primordialen 
Zwergwuchs.  Die  Pathogenese  dieser  Form  von  Zwergwuchs  ist  noch  ganz 
unklar.  Vielleicht  sind  als  Erklärung  die  B  o  v  e  r  i  sehen  Experimente 
heranzuziehen,  in  denen  durch  Befruchtung  eines  Teilstückes  vom  Seeigelei 
Zwergembryonen  erzeugt  werden  konnten. 

Herr  Brandt  demonstriert  als  Gegenstück  einen  rachitischen  Zwerg 
und  weist  auf  die  Feststellungen  von  Schlange  und  Veit  hin,  wonach  bei 
Rachitis  mit  Wachstumshemmung  die  Prognose  in  bezug  auf  spontane  Rück¬ 
bildung  der  Knochenverkrümmung  ungünstiger  ist. 

Herr  Stoeltzner:  Der  therapeutische  Stil  im  Wandel  der  Zeiten. 
(Erscheint  als  Originalartikel  in  der  M.m.W.) 

Herr  Streibel:  Beiträge  zur  Rivanoltheraple. 

Bericht  über  gute  Erfolge  bei  puerperaler  Sepsis  nach  Abort  durch  intra¬ 
venöse  Rivanolinjektionen.  (Erscheint  ausführlich  im  Zbl.  f.  Gyn.) 

Besprechung:  Herr  Stoeltzner. 

Herr  H  a  r  t  w  i  c  h  hält  für  die  Beurteilung  des  Rivanoderfolges  eine 
bakteriologische  Blutuntersuchung  vor  und  nach  der  A.iwendung  für  erforder¬ 
lich.  Auch  bei  lokaler  Anwendung  von  Rivanoltampons  im  Uterus  bei 
putrider  Endometritis  muss  eine  bakteriologische  Untersuchung  von  Blut  und 
Zervixsekret  vor  und  nach  der  Anwendung  gefordert  werden. 

Herr  Lindemann:  Es  handelte  sich  in  den  geschilderten  Fällen  um 
schwere  septische  Erscheinungen,  bei  denen  die  Anwesenheit  von  Keimen  im 
Blut  ohne  weiteres  angenommen  werden  konnte.  Wenn  in  solchen  Fällen 
eine  intravenöse  Rivanoltherapie  die  Erscheinungen  zum  Schwinden  bringt, 
so  ist  das  ein  bemerkenswerter  Erfolg. 

Herr  Fr.  Schmidt  hat  bei  einem  13jährigen  Knaben  eine  schwere 
hochfieberhafte  Osteomyelitis  durch  mehrmalige  Injektion  von  je  100  ccm 
0,1  proz.  Rivanollösung  intravenös  zur  Ausheilung  gebracht.  Bei  der  von 
Härtel  und  v.  Kishalmy  empfohlenen  Applikation  in  infizierte  Gelenke 
und  Abszesse  nach  Eiterentleerung  wurden  nicht  so  gute  Erfolge  wie  von 
diesen  Autoren  gesehen. 

Herren  Grund,  Fielitz,  Linde  mann. 

Herr  Lin  de  mann:  Ueber  Verbrennungen  bei  Diathermie.  (Erscheint 
an  anderem  Orte  ausführlich.) 

Besprechung:  Herr  Neuendorff  verwendet  die  Diathermie  viel 
bei  der  weiblichen  Tripperbehandlung.  Er  heizt  im  Durchschnitt  1  bis 
2  Stunden  täglich.  Benutzt  wird  der  Apparat  von  Reiniger,  Gebbert  &  Schall. 
Fettkoagulationen  geringeren  oder  stärkeren  Grades  sind  häufig,  zwingen 
aber  selten  zu  längerem  Aussetzen.  Bei  den  Fällen,  die  keine  Veränderungen 
der  Bauchdecken  zeigen  (Striae,  Operationsnarben)  entstehen  sie  durch  Un¬ 
regelmässigkeiten  in  der  Funkenstrecke. 


Naturhistorisch-medizinischer  Verein  zu  Heidelberg. 

(Medizinische  Sektio  n.) 

11.  Sitzung  vom  19.  Juni  1923. 

Vor  der  Tagesordnung:  Herr  Moro:  Krankenvorstellung:  1.  Auto¬ 
vakzination  an  einem  thermokauterisierten  Hämangiom  mit  sofortiger  Area¬ 
reaktion.  2.  Varizellenschutzimpfung.  3.  Arsenmelanose  bei  Chorea  un( 
Struma.  4.  Sommerprurigo. 

Diskussion:  Herren  Bettmann,  Gottlieb,  Moro. 

Herr  Gans  und  Herr  Pakheisen:  Histochemische  Untersuchungen 
über  das  Kalzium  in  der  gesunden  und  kranken  Haut. 

Mit  dem  von  M  a  c  a  1 1  u  m  (Handb.  d.  biochem.  Arbeitsmeth.  1912,  5) 
angegebenen  Ca-Nachweis  lässt  sich  bei  exsudativen  und  proliferativen  Haut¬ 
veränderungen  eine  Verschiebung  des  Ca  feststellen.  Während  in  der  ge¬ 
sunden  Haut  das  Ca  in  erster  Linie  im  bindegewebigen  Anteil  nachweisbar 
ist  (es  wird  freies  wie  gebundenes  Ca  nachgewiesen)  und  im  Epithel  nur  eine 
gewisse  Anlagerung  an  die  Kerne  auftritt,  überwiegen  bei  den  untersuchten 
Dermatosen  die  Ca-Ablagerungen  im  Epithel  die  in  Papillarkörper  und  Kutis 
bei  weitem.  Scheinbar  folgt  das  Ca  bei  seiner  Verschiebung  den  inter¬ 
epithelialen  Spalträumen;  diese  erscheinen  bei  nässenden  Ekzemen  dichter, 
bei  trockenen  weniger  mit  Granula  angefüllt.  Bei  krustösen  Formen  sammelt 
sich  das  Ca  vorwiegend  in  den  Krusten  in  unregelmässigen  Klumpen,  bei  den 
squamösen  Formen  herrschen  in  den  Schuppen  Anlagerungen  an  die  Kerne  vor. 
Diese  Ca-Verschiebung  in  das  Epithel  lässt  sich  auch  experimentell  durch 
Höhensonnenbestrahlung  erreichen  und  nachweisen. 

Bei  bestimmten  Hautkrankheiten  finden  sich  neben  dem  oben  erwähnten 
Gemeinsamen  bestimmte  Abweichungen.  Inwieweit  diese  jedoch  als  end¬ 
gültige  besondere  Eigentümlichkeiten  zu  betrachten  sind,  wird  weiter  unter¬ 
sucht  werden. 

Gleichzeitig  wurde  das  Kalium  nach  der  H a mb u r g e r sehen  Modifikation 
(Biochem.  Zschr.  1915,  71)  untersucht.  Das  einzige,  was  bisher  hierbei  mit 
völliger  Sicherheit  festgestellt  werden  konnte,  ist  die  verstärkte  K-Ansamm- 
lung  in  Schuppen  und  Krusten. 

Die  Untersuchungsergebnisse  sind  vielleicht  geeignet,  der  bisher  unge¬ 
klärten  Pathogenese  mancher  Hautkrankheiten  näherzukommen. 


1008 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Herr  Siebeck:  Was  bedeutet  der  Zusammenhang  von  Krankheit  und 
Lebensgestaltung  für  die  Aufgaben  der  klinischen  Medizin? 

Herr  Waltz:  Beobachtungen  an  Magenkranken  in  Haus  und  Beruf. 


Medizinische  Gesellschaft  zu  Kiel. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  12.  Juli  1923. 

Herr  Schellong:  Das  Aufhören  der  Tätigkeit  des  menschlichen 
Herzens  im  Tode. 

Von  früheren  Untersuchern  (Robinson,  Hegler)  wurde  die  Tat¬ 
sache  aufgedeckt,  dass  vom  menschlichen  Herzen  noch  eventuell  viele  Minuten 
nach  dem  klinischen  Tode  Elektrokardiogramme  zu  erhalten  seien,  dass  aber 
das  Verhalten  der  einzelnen  Herzabschnitte  zueinander  während  des  Ab- 
sterbens  vollkommen  regellos  sei.  An  der  Hand  von  Elektrokardiogrammen, 
die  von  20  Sterbenden  vor  und  während  des  Exitus  bis  zum  Herzstillstand 
gewonnen  wurden,  wird  gezeigt,  dass  doch  eine  Gesetzmässigkeit  zu  er¬ 
kennen  ist.  Es  werden  drei  Stadien  in  der  terminalen  Herztätigkeit  unter¬ 
schieden.  Im  1.  verlangsamt  sich  der  normale  Sinusrhythmus  bis  zum  even¬ 
tuellen  völligen  Stillstand.  Ursache:  Vagusreizung  infolge  COa-Vermehrung 
des  Blutes,  ln  den  meisten  Fällen  kommt  es  zur  Ausbildung  des  2.  Stadiums, 
das  durch  Automatic  untergeordneter  Zentren  gekennzeichnet  ist.  Der  Zeit¬ 
punkt  des  Beginns  und  der  Verlauf  dieses  Stadiums  sind  abhängig  von  dein 
funktionellen  Zustande  des  Herzmuskels,  der  mit  dem  anatomischen  weit¬ 
gehend  parallel  verläuft:  bei  anatomisch  und  funktionell  noch  intakten  Herzen 
kommt  es  zum  Typ  der  hochgradigen  Reizbildung“,  leistungsfähige  Herzen 
zeigen  keine  oder  nur  geringe  Automatic.  Herzkranke  sterben  also  —  wenn 
die  allmählich  zunehmende  Leistungsunfähigkeit  des  Herzens  die  Todesursache 
ist  —  nicht  unter  Uebererrcgung  oder  gar  unter  Kammerflimmern.  Im 
3.  Stadium  kann  der  Sinus  —  infolge  Lähmung  des  Vaguszentrums  nicht  mehr 
gehemmt  —  wieder  die  Führung  übernehmen.  Auf  die  geschilderte  Art  und 
Weise  stirbt  das  Herz  sowohl  bei  primärem  Atmungs-  als  auch  bei  primärem 
Herztod;  von  der  Ursache  des  klinischen  Todes  ist  nur  die  Dauer  der 
..postmortalen“  Herztätigkeit  abhängig. 

Entgegen  der  Auffassung  von  Robinson  und  Hegler  muss  auf 
Grund  neuerer  Beobachtungen  von  Einthoven  angenommen  werden,  dass 
Kontraktionsvorgänge  am  Herzen  sich  solange  abspielen,  als  Aktionsströme 
zu  erhalten  sind.  Dass  Herztöne  und  Puls  nicht  mehr  nachweisbar  sind,  liegt 
an  dem  Sistieren  des  Kreislaufs  infolge  Lähmung  des  Vasomotoren-  und 
Atemzentrums.  —  An  der  Hand  einiger  Beispiele  wird  darauf  hingewiesen, 
dass  man  aber  aus  der  —  absoluten  oder  relativen  Höhe  der  Zacken 
weder  auf  die  Stärke  des  Kontraktionsvorganges  noch  auf  die  Arbeitsleistung 
oder  Leistungsfähigkeit  des  Herzens  schliessen  darf.  Die  T-Zacke  ist  am 
absterbenden  Herzen  stets  auffallend  hoch;  die  Grösse  von  T  ist  also  kein 
Maass  für  die  Leistungsfähigkeit.  Die  Einflüsse,  die  die  Höhe  der  elektrischen 
Ausschläge  verändern  können,  sind  zu  mannigfaltig,  um  bei  der  Beurteilung 
von  Elektrokardiogrammen  Lebender  auseinandergehalten  werden  zu  können. 
Der  Wert  der  Elektrokardiographie  liegt  in  der  Erkennung  von  Arhythmien 
und  Reizleitungsstörungen.  Darüber  hinaus  ist  ihr  Wert  nahezu  erschöpft. 

Aussprache:  Herren  Frey.  Bürger,  Schellong. 

Herr  Bürger:  Die  Klinik  der  Leberdystopie. 

Der  Bandapparat  der  Leber  bestimmt  lediglich  den  Platz  des  Organs  in 
der  Bauchhöhle,  ist  aber  nicht  geeignet  das  lX>  kg  schwere  Organ  zu  halten 
und  zu  tragen;  dafür  kommen  als  wesentliche  Faktoren  folgende  in  Betracht: 
der  Tonus  der  Bauch-  und  Interkostalmuskulatur,  welcher  einen  seitlichen 
Druck  auf  die  Leber  ausübt;  ferner  das  Darmkissen,  auf  welchem  die  Leber 
ruht.  Schliesslich  der  unteratmosphärische  subphrenische  Druck.  Das 
Zwerchfell  wird  durch  die  im  Thorax  gegebenen  Druckverhältnisse  gewisser- 
massen  in  den  Thorax  hineingesogen;  mit  ihm  die  ihm  durch  kapilläre 
Adhäsion  (Quincke)  fest  anhaftende  Leber.  Kaiser  schätzt,  dass  die 
Leber  mit  einer  Kraft,  die  4  kg  das  Gegengewicht  hält,  in  der  Zwerchfell¬ 
kuppe  ,, festgesogen  wird“.  Sobald  der  Druck  in  der  Leibeshöhle  mit  dem 
Atmosphärendruck  ausgeglichen  wird  (Pneumoperitoneum),  sinkt  die  Leber 
nach  unten,  einen  breiten  Spalt  zwischen  Zwerchfell  und  ihrer  Oberfläche 
zurücklassend.  Das  gleiche  tritt  nach  Magen-  oder  Darmperforation  ein, 
wenn  Luft  in  die  freie  Bauchhöhle  gelangt  (Demonstration  von  Diapositiven). 
Neben  diesem  Mechanismus  der  Leberdystopie  kommt  ein  zweiter  vor.  bei 
welchem  sich  zwischen  Oberfläche  des  rechten  Leberlappens  und  Zwerchfell 
resp.  Brust-  und  Bauchwand  Darmschlingen  einschieben.  Vortragender 
demonstriert  die  Röntgenbilder  dreier  einschlägiger  Fälle.  Die  Breite  des 
Spalts  kann  sich  je  nach  dem  Gasgehalt  und  der  Lage  des  Kranken  rasch 
ändern.  Im  Stehen  und  in  linker  Seitenlage  ist  die  Abhebelung  des  rechten 
Leberlappens  im  allgemeinen  am  deutlichsten.  In  rechter  Seitenlage  fällt  die 
Leber  in  ihre  alte  Lage  zurück.  In  allen  3  Fällen  handelt  es  sich  um  Pylorus¬ 
stenose  mit  perigastrischen  Verwachsungen;  die  Diagnose  wurde  in  2  Fällen 
durch  Operation  gesichert. 

Die  klinischen  Erscheinungen  sind  vor  allem  gekennzeichnet 
durch  Schmerzen  in  der  rechten  Seite,  die  in  linker  Seitenlage  beim  Stehen 
und  Gehen  sich  verschlimmern.  Bei  einem  der  Fälle  trat  gelegentlich  leichter 
Hustenreiz  auf  (Vfenes  tussis  hepatica).  Die  Beschwerden  im  rechten  Hypo- 
chondrium  sind  insofern  von  der  Ernährung  abhängig,  als  grobe  Gemüse, 
schlackenreiches  Brot,  die  zu  Blähungen  führen,  offenbar  durch  stärkere  Gas¬ 
füllung  des  zwischen  Leber  und  Zwerchfell  gelagerten  Dickdarms  die  Be¬ 
schwerden  vermehrten. 

Als  E  r  k  1  ä  r  u  n  g  s  m  o  m  e  ti  t  e  für  die  Dystopie  des  rechten  Leber¬ 
lappens  wurden  angegeben:  die  Verwachsungen  zwischen  Leber  und  Pylorus- 
gegend,  die  die  Leber  nach  unten  ziehen;  die  Verkleinerung  der  Leber  als 
Folge  der  Pylorusstenose,  das  Tiefertreten  des  Darmkissens  infolge  des 
Schwundes  des  intraabdominellen  Fetts. 

In  2  nach  Billroth  I  operierten  Fäll  en,  in  denen  die  Ver¬ 
wachsungen  zwischen  Leber  und  Pylorusgegend  durchtrennt  wurden,  ergab 
die  Nachuntersuchung  eine  vollkommene  Reposition  der  Leber;  auch  nach 
Darmblähung  kam  es  nicht  zur  Dystopie.  Hinweis  auf  die  Fälle  Chilaiditi; 
Weiland.  Systematik  der  Hepatoptosen  und  Dystopien.  (Erscheint  in  der 
Kiin.  Wochenschrift.) 

Aussprache:  Herren  Weiland,  Konjetzny,  Schitten- 
It  e  I  m,  Frey,  Schröder,  Welz,  Bürger.  E. 


Nr.  3 


Wissenschaftl.-med.  Gesellschaft  an  der  Universität  KOI 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  1.  Juni  1923. 

Vorsitzender:  Herr  Moritz.  Schriftführer:  Herr  Habcrland. 

Herr  Kochs:  Vorstellung  eines  Falles  von  doppelseitiger  Luxatlo  c 
turatoria  traumatica  inveterata,  verbunden  mit  doppelseitiger  Unterschenk 
aniputation.  Es  ist  dies  der  5,  Fall  von  doppelseitiger,  traumatischer  Hi 
geienksverrenkung.  Die  verschiedenen  Behandlungsarten  und  ihre  Result, 
werden  erörtert.  Sowohl  von  der  unblutigen  wie  blutigen  Reposition  wut 
wegen  der  Kompliziertheit  des  Falles  und  der  schlechten  funktionellen  1 
sultate  namentlich  des  letzteren  Abstand  genommen.  Mit  der  beiderseitig 
subtrochantären  Osteotomie,  die  die  Flexions-  und  Abduktionskontraktur  b 
der  Oberschenkel,  die  störendsten  Symptome  des  Falles,  beseitigte,  wut 
ein  funktionell  befriedigendes  Resultat  erzielt.  (Ausführliche  Arbeit  ersehe 
demnächst  im  Arch.  f;  Orthop.) 

Besprechung:  Herren  Wiemers,  C  r  a  in  e  r. 

Herr  C.  O.  Sonnenschein:  Ueber  Flockungs-  und  Trübuii; 
reaktionen  zum  Luesnachweis,  insbesondere  über  eine  Formolkontrolle  : 
Meinicke  Dritten  Modifikation  (DM.). 

Erschien  in  gekürztem  Auszug  in  der  M.m.W.  1923  Nr.  21. 

Besprechung:  Herren  Hess,  Haberland,  Moritz.  So 
nenschein  (Schlusswort). 

Herr  Vorschütz:  macht  darauf  aufmerksam,  dass  er  eine  Reihe  \ 
unspezifischen  Wassermann-  und  Meinickereaktionen  beobachtet  hat,  die 
folge  von  schweren  Entzündungen,  Pneumonien,  Pleuritiden  positive  I 
aktionen  ergaben.  Nach  Abklingen  der  Entzündungserscheinungen  waren 
Reaktionen  negativ.  Ferner  weist  er  darauf  hin,  dass  durch  derart 
Entzündungsmomente  Fälle  mit  tatsächlich  vorhandener  Lu 
negative  Reaktionen  ergeben  können.  In  allen  diesen  Fällen  schl 
V.  die  von  Sachs  angegebene  partielle  Enteiweissungsmethode  für  W; 
vor.  V.  hat  nach  derartiger  Enteiweissung  die  Seren  zur  Meinicke  P 
angesetzt  und  hat  dann  entsprechende  Resultate  erhalten. 

Herr  Oer  t  ei:  Bemerkungen  zur  Anatomie  der  inneren  Gehirnven 

Vortr.  berichtet  über  Injektionsergebnisse  an  den  Venen  des  Gehirr 
Besonderer  Wert  wurde  auf  die  Untersuchung  der  mittleren  (inneren  Hi 
venen)  gelegt,  und  zwar  speziell  auf  die  Zuflüsse  aus  dem  Gebiet  der  t 
physe.  Entsprechend  ihrer  Zugehörigkeit  zum  inkretorischen  System  nt 
diese  eine  gute  Zu-  und  Abfuhr  des  Blutes  haben.  Die  Wachsinjektion  erj 
den  Nachweis  einer  kräftigen  Vena  azygos  coronarii«  die  von  M.  I.  Web 
schon  1842  namentlich  erwähnt  wird,  ohne  dass  jedoch  in  den  späteren  Lc 
büchern  genauer  darauf  Bezug  genommen  wird.  Als  speziell  neu  stellte  1 
die  Anordnung  und  die  Art  der  Einmündung  der  Vene  heraus.  Sie  samn 
sich  von  der  hinteren  Kommissur,  von  den  vorderen  Vierhügeln  und  spez 
von  der  Epiphyse,  welche  sie  mit  ihren  Aesten  korbartig  umgreift.  Die  I 
miindung  selbst  erfolgt  genau  in  dem  Vereinigungswinkel  der  beiden  Ve 
cerebri  internue  zur  Vena  magna  Galeni.  Hier  ist  jederseits  des  sagi 
eingestellten  Einmündungsschlitzes  ein  klappenartiges  Vorspringen  der  Ver 
wand  feststellbar,  was  die  Injektion  von  der  Vena  magna  aus  meist  unm 
lieh  macht.  Dieses  (an  in  situ  gehärteten  Gehirnen  ev.  gut  sichtbare)  \ 
handensein  einer  Klappe  ist  um  so  bemerkenswerter,  als  Klappen  im  Ge 
dieser  Venen  sonst  nicht  angegeben  werden.  Funktionell  ist  diese  Tatsa 
von  Bedeutung,  da  bei  Stauung  in  den  Venae  cerebri  internae  die  genau 
Klappe  offenbar  zugedrückt  wird.  Die  Vena  azygos  coronarii  ist  im  juge 
liehen  Alter  am  stärksten.  (Vorläufige  Mitteilung.) 

Besprechung:  Herr  S  i  e  g  m  u  n  d. 


Medizinische  Gesellschaft  zu  Leipzig. 

(Offizieller  Bericht.) 

Sitzung  vom  10  Juli  1923. 

Vorsitzender:  Herr  S  u  d  h  o  f  f.  Schriftführer:  Herr  W  e  i  g  e  1  d  t. 

Herr  Sud  hoff:  Der  Gründungstag  der  Leipziger  medizinischen  Fakul 

Die  heutige  Sitzung  fällt  auf  das  Datum,  an  dem  vor  508  Jahren 
Leipziger  Doktoren  der  Medizin  zur  „Facultas  medicinae“  sich  zusamn 
schlossen,  dem  10.  Juli  1415.  Im  Gründungsjahr  der  Universität  war 
24.  Oktober  1409  die  Wahl  des  Dekans  der  Facultas  artium  erfolgt,  in  dt 
sofort  angelegter  Magistcrliste  auch  5  Mediziner  aufgeführt  sind.  Die  fin 
sich  alle  auch  unter  den  9  Gründungsmitgliedern  der  med.  Fakultät  wit 
mit  angeführt,  deren  erste  Aufzeichnung  im  ältesten  Statutenbuche  der  n 
Fakultät  Vortr.  in  photographischer  Wiedergabe  vorlegt. 

Herr  v.  Mikulicz-Radecki  demonstriert  ein  11  Tage  altes  K 
das  die  Zeichen  des  Mongolismus  aufweist:  Lidspalten  eng,  geschlitzt,  et 
schiefstehend,  nach  aussen  und  oben  divergierend,  Sattelnase.  Schlaffheit 
Glieder,  besonders  der  unteren  Extremitäten.  Am  3.  Tage  trat 
Melaena  v  e  r  a  auf  und  daneben  Hautblutungen  in  den  Falten  der  H; 
und  Fussgelenke.  Die  Melaena  bildete  sich  allmählich  zurück,  die  H 
blutungen  wiederholten  sich  bisher  nicht.  Blutbild  normal  bis  auf 
Thrombozyten,  die  etwas  herabgesetzt  sind  (135  000),  Gerinnungszcit:  Be 
2  Minuten,  Ende  10  Minuten;  Blutungszeit  9  Minuten;  letztere  ist  also 
längert,  ist  aber  in  den  letzten  Tagen  kürzer  geworden.  Vielleicht  liegt 
zur  Konstitutionserkrankung  des  Mongolismus  gehörende  Anomalie 
hämatopoetischen  Systems  vor.  Die  Prognose  scheint  bezüglich  der  Mel; 
günstig  zu  sein. 

Herr  Linzenmeier:  Die  Blutkörperchensenkungsgeschwindigkeit 
ihre  praktische  Bedeutung.  (Erscheint  unter  den  Originalien  der  M.m.W. 

Aussprache:  Herr  Adler:  Die  W  i  d  a  1  sehe  Blutkrisc  ist.  v 
man  die  Leukozyten  und  den  Blutdruck  als  Testobjekt  benutzt,  für  die 
gnose  der  Leberschädigungen  unbrauchbar.  Zieht  man  aber  andere  I 
Veränderungen  nach  Milchzufuhr  heran,  so  ergibt  sich,  dass  beim  Nom’ 
der  Fibrin-  und  Globulingehalt  (wasser-  und  kohlensäurefällbares  Glob 
nach  peroraler  Milchzufuhr  auf  annähernd  der  gleichen  Höhe  bleibt,  t 
Leberkranken  aber  nimmt  der  Fibrin-  wie  auch  der  Globulingehalt  meis 
in  seltenen  Fällen  aber  auch  ab.  Für  diese  Veränderung  im  Fibrin- 
Globulingehalt  des  Blutserums  ist  die  Erythrozytenscnkungsgeschwindii 
ein  ausgezeichneter  Indikator,  sie  geht  den  Fibrin-  und  Globulinveränderu 
im  Blutserum  nahezu  parallel. 

Herr  Sonntag  berichtet,  dass  in  dem  Chirurgisch-poliklinis* 
Institut  der  Universität  Leipzig  seit  einigen  Monaten  ebenfalls  Untersucht^ 


MONCHFNHR  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1069 


UiKUSt  192.1. 

i  die  Blutsenkungsgeschwindigkeit  vorgenoinmcn  werden,  und  zwar  nach 
l_  inzenmeier  sehen  Methode.  Die  Untersuchungen  sind  noch  nicht 
i  chlosscn.  Wenn  auch  die  Reaktion  nicht  spezifisch  ist.  sondern  u.  a.  hei 
angerschaft  sowie  nach  Operationen  und  Frakturen  beobachtet  wird,  so 
sie  doch  schon  wegen  ihrer  Einfachheit  auch  in  der  Chirurgie  neben 
guten  klinischen  Untersuchung  und  neben  sonstigen  Reaktionen  der 
iig  unterzogen  werden.  Soweit  ein  Urteil  bisher  möglich  ist, 
it  die  Blutsenkungsgeschwindigkeitsprobe  brauchbar  zu  sein  zur  Dr¬ 
ing  von  Hysterie  oder  Simulation,  von  akuten  Entzündungen,  von  clironi- 
Entzündungen  einsehi.  von  Tuberkulose  und  Syphilis,  insonderheit 
lochen  und  Gelenken,  von  malignen  Tumoren,  spez.  Karzinom  aller  tb- 
ferner  zur  Beurteilung  latenter  Infektion  vor  Operationen  (Plastik, 
ikmobilisation,  Knochenoperation,  Bauchschnitt  im  Intervall  usw.)  und 
sslicli  zur  Entscheidung  von  Prognose  und  Therapie  bei  Tuberkulose 
i'umoren  (Metastase,  Rezidiv  usw.).  Nach  Abschluss  der  hiesigen  Unter- 
ngen  soll  über  deren  Ergebnis  berichtet  werden. 

Herr  W  eicksei:  An  der  medizinischen  Poliklinik  haben  wir  die 
enkungsreaktion  seit  K>  Jahr  durchgeführt  sowohl  bei  der  Reizkörper- 
pic  als  besonders  bei  der  Behandlung  der  Lungentuberkulose.  Wir 
eten  die  Linzenmeie.r  sehe  Methode  an.  Uns  beschäftigte  insbe- 
re  die  Frage,  ob  es  gelänge,  bei  einem  gelungenen  Pneumothorax  die 
mgsgesehwindigkeit  der  R.  zu  verlängern.  Es  war  uns  aufgefallen,  dass 
(ranker,  bei  dem  2  Jahre  lang  eine  gute  Kompression  der  erkrankten 
»  erzielt  worden  war,  eine  Blutsenkung  von  210  Minuten  nach  L  i  n  z  e  n  - 
e  r  zeigte.  Von  20  zur  Zeit  behandelten  Pneumothoraxfällen  gelang 
iei  einem  Falle  die  Senkungsreaktion  innerhalb  von  5  Monaten  von 
uf  110  Minuten  zu  verlängern.  Die  übrigen  Kranken  blieben  unbe- 
sst.  häufig  trat  nach  eingetretener  Komplikation  (Exsudat  etc.)  eine 
ungsbeschleunigung  ein.  Die  Versuche  werden  fortgesetzt. 

Herr  D  o  r  n  e  r  berichtet  über  Gonokokkensepsis,  die  gegenüber  der 
gkeit  der  Gonorrhöe  im  allgemeinen  doch  ein  seltenes  Krankheitsbild 
eilt.  Als  Ausgangspunkte  kommen,  abgesehen  von  den  Genitalien, 
das  Peritoneum  und  die  Konjunktiven  der  Augen  in  Frage,  dazu  müssen 
andere  schädigende  Momente  hinzukommen,  durch  welche  die  Wider¬ 
skraft  des  Körpers  den  Gonokokken  gegenüber  vermindert  wird  (fieber- 
Erkrankungen,  Traumen,  Artigoninjektionen,  Vakzinetherapie,  bei  letz¬ 
besteht  während  der  negativen  Phase  eine  erhöhte  Infektionsmöglich- 
Die  Gonokokkensepsis  ist  durch  3  Kardinalsymptome  gekennzeichnet, 
ikerkrankungen,  Endokarditis  und  Exantheme.  Die  Prognose  hängt 
sächlich  von  dem  Befallensein  des  Herzens  ab,  es  kommt  bei  schweren 
n  zu  ganz  akut  verlaufenden  Endokarditiden  mit  vollkommener  Klappen- 
örung.  Die  Exantheme  bei  Gonokokkensepsis  sind  äusserst  verschieden, 
elang  bei  einem  Falle  dem  Autor  in  einem  roseolaartigen  Exanthem 
kokken  nachzuweisen  und  damit  die  septisch-embolische  Natur  eines 
s  dieser  Exantheme  sicherzustellen.  Ausserdem  wurden  bei  einzelnen 
ken  noch  eigentümliche  Schwellungen  der  Muskeln  von  Taubeneigrösse 
achtet,  die  rasch  wieder  zurückgingen,  weiterhin  Schwellungen  von 
vialmcmbranen  u.  dgl.  Bei  2  Kranken  konnten  zu  Lebzeiten  aus  dem 
:  mehrfach  Gonokokken  gezüchtet  werden,  bei  2  anderen  erst  nach 
Tode  aus  den  Auflagerungen  am  Endokard  sowohl  im  Schnitte  als  auch 
rell  der  Gonokokkennachweis  erbracht  werden.  Therapeutisch  wird, 
sehen  von  heissen  Bädern  und  Allgemeinbehandlung,  das  Trypaflavin 
■•enös  in  Ys  proz.  Lösung  empfohlen,  wogegen  während  der  Gonokokken- 
s  lokale  Behandlung  zu  vermeiden  ist. 

Herr  Wandel  und  Herr  Schmöger:  Zur  Behandlung  des  Diabetes 
’ankreasextrakten. 

Wandel  bespricht  zunächst  die  historische  Entwicklung  der  Frage 
Insulins  und  die  für  seine  Entdeckung  und  Darstellung  in  Frage 
nenden  Grundlagen  auf  Grund  derer  es  Dr.  Schmöger  auf  seiner 
ilung  gelungen  ist,  das  Insulin  ebenfalls  darzustellen. 

Schmöger  spricht  über  die  Herstellung  und  die  Bewährung  des 
.■stellten  Insulins  in  3  schweren  Fällen  von  Diabetes. 


Aerztlicher  Verein  zu  Marburg. 

(Gtr.z’.ciies  Protokoll.) 

Sitzung  vom  4.  Juli  1923. 

Herr  Läwen:  Zur  Behandlung  fortschreitender  pyogener  Prozesse  im 

:ht. 

Der  malignen  Form  des  Oberlippenfurunk'els  stehen  wir  zurzeit  so  gut 
machtlos  gegenüber,  gleichgültig  ob  man  operiert,  kauterisiert  oder  kon- 
itiv  behandelt.  Es  wurde  ein  neuer  Weg  versucht,  der  darin  bestand, 
nach  der  Inzision  das  ganze  infiltrierte  Gebiet  ausgiebig  mit  Eigen- 
des  Kranken  (aus  der  Vena  cubitalis)  umspritzt  wurde.  In  9  Fällen 
fortschreitenden  Gesichtsfurunkeln  konnte  festgestellt  werden,  dass  die 
ration  stets  vor  der  Blutschanze  haltmachte.  Alle  Fälle  kamen  ohne  neue 
ion  zur  Heilung,  ln  der  Regel  wurden  etwa  40  ccm  Blut  rings  infiltriert, 
wurde  dieser  Bluterguss  infiziert.  Die  Wirkung  wird  zurückgeführt  auf 
die  Resorption  von  Bakterien  und  Toxinen  herabsetzende  Gewebs- 
1  ö  t  u  n  g,  eine  bakterizide  und  antitoxische  Wirkung 
Blutes  und  vielleicht  auf  eine  Proteinkörperwirkung.  Beim 
ill  der  roten  Blutkörperchen  kommt  es  zu  einer  Verstopfung  der  Lymph¬ 
en  und  auch  dadurch  zu  einer  Behinderung  der  Resorption.  Die  Assisten- 
Ues  Vortr..  Hilgenberg  und  T  h  o  m  a  n  n,  konnten  bei  Mäusen  nach¬ 
ten,  dass  nach  Blutinjektion  in  die  Schwanzwurzel  überletale  Dosen  von 
der  Schwanzspitze  eingespritztem  Strychnin,  Kokain  und  Kurare  ver- 
"  n  wurden. 

In  einem  Falle  von  wirklich  malignem  Gesichtsfurunkel  konnte  neuerdings 
j  günstige  Wirkung  der  zirkulären  Blutumspritzung  bestätigt  werden. 
[  r  hohen  Temperaturen  entwickelte  sich  bei  einem  Geisteskranken  ein 
>r  den  Augen  der  Aerzte  sich  vergrössernder  Gesichtsfurunkel  an  der 
den  Oberlippe  und  rechten  Wange.  Inzisionen.  Ueberall  Maulwurfsgänge 
Eiter  und  harte  Infiltration.  Umspritzung  mit  95  ccm  Eigenblut.  Am 
1  sten  Morgen  reicht  die  Infiltration  bis  an  den  Blutwall.  Die  ganze  rechte 
» chtshälfte  bis  in  Schläfengegend  prall  infiltriert.  Temperatur  abends  39,2. 
I  se  Unruhe.  Am  nächsten  Morgen  Temperaturabfall.  Schwellung  geht 
j all  zurück.  In  den  nächsten  5  Tagen  völliger  Rückgang  der  Infiltration 
Ir  Temperaturen  um  37,6  schwankend.  Am  6.  Tag,  als  die  Blutumwallung 


zurückgegangen  war.  Weitergehen  der  Infiltration  an  der  linken  Oberlippe 
und  Wange.  Neue  Blutumwallung  mit  60  ccm  Eigenblut  auf  der  linken  Seite. 
Um  eine  durch  die  Inzision  zustandekommende  Verschiebung  und  Resorption 
von  Toxinen  zu  verhindern,  wird  diesmal  die  Blutumspritzung  vor 
der  Inzision  vorgenommen.  Vorstellung  des  Kranken  am  Tage  dieser 
Operation. 

Die  von  dem  Vortr.  empfohlene  Umwallung  mit  grossen  Blutmengen 
nach  oder  vor  der  Inzision  stellt  eine  neue  Methode  vor  und  hat  mit  Ein¬ 
spritzung  kleiner  Blutmengen  in  den  Furunkel  oder  Umspritzung  mit  Pferde¬ 
serum  u.  dgl.  nichts  zu  tun,  da  sie  sich  auf  ganz  anderen  Voraus¬ 
setzungen  aufbaut. 

Diskussion:  Herr  Zangemeister:  Eine  Reihe  von  klinischen 
und  experimentellen  Beobachtungen  sind  geeignet,  die  interessanten  Ergebnisse 
von  Herrn  Läwen  zu  bestätigen  und  zu  ergänzen.  Ich  habe  schon  zweimal 
erlebt,  dass  parametrane  Exsudate  sofort  entfiebert  wurden,  als  eine  Blutung 
in  das  Exsudat  hinein  stattfand,  das  eine  Mal  bei  einer  Inzision.  Hier  war 
die  Blutung  so  stark,  dass  mir  nichts  übrig  blieb,  als  die  Wunde  zu  vernähen. 
Im  2.  Fall  wurde  das  Exsudat  mehrfach  punktiert  und  dabei  entstand  eine  Blu¬ 
tung  aus  einer  Stichöffnung,  die  offenbar  auch  nach  innen  weiterging. 

Ich  habe  früher  versucht,  die  Anwesenheit  von  Blut  im  Infektionsbezirk 
experimentell  auf  ihre  Bedeutung  zu  ergründen,  indem  ich  Kaninchen  intra¬ 
peritoneal  infizierte  und  dann  Kaninchenblut  in  die  Bauchhöhle  injizierte.  Die 
Infektion  erfolgte  mit  Streptokokken,  deren  Dosis  letalis  für  Kaninchen  mir 
genau  bekannt  war.  Gegen  meine  damalige  Erwartung  starben  die  Tiere, 
welche  zugleich  Blut  bekommen  hatten,  nicht  oder  erheblich  langsamer  als 
die  Konfrontiere  ohne  Blut. 

Vielleicht  ist  die  Wirkung  des  injizierenden  artglcichcn  Blutes  nicht  nur 
eine  lokale.  Wir  haben  in  den  letzten  Jahren  wiederholt  bei  schweren  In¬ 
fektionen.  die  gleichzeitig  anämisch  waren,  an  Stelle  von  artgleichem  Normal¬ 
serum  Blut  intramuskulär  injiziert  und  den  Eindruck  gewonnen,  dass  der  In¬ 
fektionsprozess  dadurch  günstig  beeinflusst  wurde. 

Herr  Dold:  Bei  der  Einspritzung  der  verhältnismässig  grossen  Blut¬ 
mengen  muss  es  zu  Gewebszerreissungen  und  dadurch  zum  Austritt  von  Ge- 
webssaft  kommen.  Aus  früheren  Untersuchungen  von  mir  (Zschr.  f.  Immuni¬ 
tätsforschung  1911,  10  u.  1912  und  Zschr.  f.  exp.  M.  2.  H.  3)  geht  hervor,  dass 
der  sterile  art-  und  körpereigene  Gewebssaft  ausserhalb  seiner  physiologischen 
Bahnen  unter  anderem  eine  gerinnungerzeugende  und  eine  leukotaktische 
Wirkung  besitzt.  Wenn  es  unter  dem  Einfluss  des  Gewebssaftes  zu  einer  Ge¬ 
rinnung  des  eingespritzten  Blutes  kommt,  so  ist  denkbar,  dass  aus  den  zu¬ 
grunde  gehenden  Blutplättchen  und  Leukozyten  bakterienfeindliche  Stoffe 
(Plakine  und  Leukine)  entstehen.  Ferner  ist  zu  bedenken,  dass  das  sich  bil¬ 
dende  Fibrin  Leukozyten  anlockt  und  dass  das  sich  bildende  Serum  mög¬ 
licherweise  bakterienfeindlichp  Eigenschaften  annimmt,  welche  dem  Vollblute 
nicht  eigen  waren.  Dafür  besitzen  wir  in  der  Serologie  viele  Analoga.  Der 
Gewebssaft  als  solcher  wirkt  ebenfalls  leukotaktisch  und  übt  auch  auf  das 
fixe  Bindegewebe  einen  Reiz  aus.  Ich  habe  in  der  erwähnten  Arbeit  gezeigt, 
dass  man  die  sterile  traumatische  Entzündung  auf  diese  Weise  erklären  kann. 
Auf  jeden  Fall  sind  in  dem  sterilen  körpereignen  Gewebssaft  Stoffe  vor¬ 
handen,  welche  entzündliche  Reparationsvorgänge  veranlassen  (Wundhor- 
rnone).  Ich  glaube,  dass  die  erwähnten  Stoffe  sämtlich  an  der  günstigen  Wir¬ 
kung  der  Blutumspritzung  beteiligt  sind. 

Herr  Burckhardt:  Zur  Behandlung  der  traumatischen  Epilepsie. 

Herr  Läwen:  Vorstellung  eines  11jährigen  Mädchens  mit  Invaginatio 
ileocoecalis-colica.  Die  schlaffe,  bis  ins  Querkolon  reichende  Invagination  liess 
sich  leicht  lösen.  Das  Besondere  des  Falles  lag  darin,  dass  sich  an  der  Vor¬ 
derwand  des  Colon  ascendens  kurz  oberhalb  und  nahe  der  Valvula  Bauhini, 
eingesenkt  zwischen  zwei  Haustren  eine  etwa  markstückgrosse  Infiltration  der 
Kolonwand  fand.  Das  Zoekum  war  nach  oben  umgeschlagen,  mit  der  Spitze 
an  der  genannten  Stelle  verklebt  und  dann  ins  Kolon  nach  oben  mit  dem 
Wurmfortsatz  invaginiert.  wobei  es  das  Ileum  nachgezogen  hatte.  Nach  der 
Desinvagination  Fixierung  des  Zoekums  am  parietalen  Peritoneum.  Heilung. 

Herr  Läwen:  Vorstellung  eines  Kranken,  bei  dem  zur  Deckung  eines 
Duradefektes  (Narbenexzision  wegen  traumatischer  Epilepsie)  ein  Stück 
Faszie  aus  der  Fascia  lata  des  linken  Oberschenkels  entnommen  worden  war. 
Während  Vortr.  am  Schädel  operierte,  war  die  Faszienentnahme  mit  Hilfe 
eines  Bogenschnittes  an  Stelle  des  von  Kirschner  empfohlenen  Längs¬ 
schnittes  vorgenommen  worden.  An  dieser  Stelle  hatte  sich  nun  ein  schlaffes 
Lymphextravasat,  wie  man  es  bei  der  traumatischen  Ablederung  der  Haut 
zuweilen  beobachtet,  gebildet.  Es  ist  bisher  3  mal  ohne  Erfolg  punktiert 
worden. 

Herr  Burckhardt  stellt  einen  Fall  von  blutig  reponierter  links¬ 
seitiger  Hüftgelenksverrenkung  vor.  Der  Kranke  war  beim  Dirigieren  des 
hinteren  Endes  einer  Langholzfuhre  verunglückt  und  hatte  sich  eine  Luxatio 
suprapubica  zugezogen.  Am  anderen  Tage  wurden  in  der  Klinik  in  Narkose 
hU  Stunden  lang  ohne  Erfolg  Repositionsversuche  gemacht.  Es  musste  direkt 
die  Operation  angeschlossen  werden.  Ungefähr:  K  o  c  h  e  r  scher  Schnitt. 
Erst  nach  Durchtrennung  des  Glutaeus  medius  ist  die  Einrenkung  möglich. 
Der  Muskel  wird  wieder  genäht.  Vollständiger  Verschluss  der  Wunde. 
Resultat:  fast  normale  Beweglichkeit,  nur  Abduktion  und  Flexion  ein  wenig 
eingeschränkt,  erstere  um  etwa  15°.  letztere  5°. 

Herr  Walther  Müller  zeigt  1.  einen  Mäusetumor.  der  bei  einer  Maus 
an  der  rechten  Halsseite  spontan  entstanden  war.  Das  Tier  war  im  Verlaufe 
von  %  Jahren  26  mal  in  der  Gegend  der  Schwanzwurzel  röntgenbcstrahlt 
worden,  ohne  dass  sich  am  Orte  der  Bestrahlung  irgendeine  Veränderung 
zeigte.  Dagegen  trat  3  Monate  nach  Aufhören  der  Bestrahlung  am  Halse  der 
geschilderte  Tumor  auf,  der  sich  nach  histologischer  Untersuchung  (Prof. 
Verse)  als  ein  kleinzelliges  Karzinom,  wohl  ausgehend  von  versprengten 
Drüsenepithelien  erwies.  Die  Entscheidung,  wie  in  diesem  Falle  ein  Zu¬ 
sammenhang  mit  den  Röntgenbestrahlungen  vorhanden  sein  könnte,  ist  schwer. 

2.  Demonstration  eines  kindlichen  Armes  mit  spontaner  Gangrän  der 
Hand  und  hochgradigster  Schrumpfung  der  Weichteile  des  Armes,  sowie 
konzentrischer  Atrophie  der  Knochen.  Die  Ursache  konnte  nicht  ergründet 
werden.  Primäre  Gefässveränderungen  waren  nicht  da. 

Herr  V  e  r  s  6. 


1070 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr 


Aerztlicher  Verein  München. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  25.  Juli  1923. 

Herr  Borst:  Geschwulsterzeugung  bei  Cholesterinüberfütterung.  (Mit 

Lichtbildern.) 

Die  bei  der  Teerkrebsausbeute  aus  den  verschiedenen  Laboratorien  be¬ 
richtete  grosse  Ungleichheit  gibt  Anlass  als  Grund  eine  gewisse  Freigebig¬ 
keit  mit  der  Diagnose  Krebs  anzunehmen,  zu  der  auch  die  unglückliche  Be¬ 
zeichnung  präkanzeröse  Veränderung  verführt. 

Vortr.  berichtet  über  2  Kaninchen,  deren  eines  ein  einwandfreies  Kar¬ 
zinom  aufweist.  Beide  Tiere  (blaue  Wiener)  wurden  mit  Teer,  Rohparaffin 
und  /(-Naphtylamin  an  Rücken  und  Löffeln  behandelt.  Sie  bekamen  ausserdem 
Cholesterinhafer  zu  fressen. 

Ein  Tier  war  löK  Monate  im  Versuch  und  ging  durch  Uniall  zugrunde. 
Es  bestand  ausgedehnteste  Cholesteatose  im  ganzen  Körper:  Bindegewebe, 
Uefässsystem,  Organe  wiesen  überreiche  Fettanhäufung  auf.  Vieüach  ianden 
sich  Xanthelasmen,  u.  a.  am  Herzen  und  in  der  Magenwand.  Die  Wuche¬ 
rungen  auf  der  Haut  waren  unverdächtig,  nur  am  Rücken  war  eine  Stelle,  die 
vielleicht  als  beginnender  Krebs  zu  deuten  wäre. 

Das  zweite  Tier  lebt  noch  und  ist  reichlich  10  Monate  in  Behandlung. 
(Es  ist  früher  ohne  Erfolg  mit  Syphilis  geimpft  worden.)  Um  die  Metall¬ 
marken  bildeten  sich  stark  wuchernde  Fibrome.  Häufige  Probeexzisionen 
dienten  der  histologischen  Kontrolle.  Anfang  Juni  fand  sich  nur  Fibrom. 
Anfang  Juli  sicherer  Krebs.  Die  Behandlung  wurde  eingestellt.  Die  Ge¬ 
schwulst  aber  wächst  weiter,  zerstörend  und  zerfallend.  Anatomisch  handelt 
es  sich  um  Krebs,  der  vom  menschlichen  Krebs  sich  in  nichts  unterscheidet. 
Es  fragt  sich  ob  die  Stoffwechseländerung,  die  durch  das  Uebermaass  an 
Fettaufnahme  bewirkt  wurde,  eine  Rolle  bei  der  Entstehung  dieses  Krebses 
gespielt  hat.  Vortr.  möchte  die  Möglichkeit,  dass  dem  so  ist,  nicht  abweisen, 
aber  nicht  mehr  sagen. 

Besprechung:  Herr  D  ö  d  e  r  1  e  i  n  jun.  hat  seine  Mäusepräparate 
z.  T.  in  Heidelberg  gezeigt:  Es  wurde  dort  als  Krebs  bezeichnet,  was  hier 
als  solcher  nicht  anerkannt  wird.  D.  hat  neuerdings  eine  Maus,  bei  der  die 
Stelle,  wo  eine  Teerwucherung  abgetragen  wird,  nicht  heilt,  sondern  von 
neuem  wuchert. 

Herr  Theilhaber  lässt  sich  über  den  Einfluss  der  Ernährung  auf  die 
Entstehung  des  menschlichen  Krebses  aus. 

Herr  Kaemmerer  denkt  auf  Grund  von  Analogien  bei  Infektionen  an 
die  Möglichkeit,  dass  Abwehrstoffe  durch  das  Cholesterin  gesättigt  werden, 
wodurch  der  Krebswucherung  Vorschub  geleistet  werde. 

Herr  Borst:  Bei  dem  experimentellen  Krebs  müssen  die  Anforderungen 
an  die  Diagnose  so  hoch,  wie  irgend  möglich,  geschraubt  werden. 

Herr  E.  v.  Redwitz:  Demonstrationen  und  Bemerkungen  zur  chirur¬ 
gischen  Behandlung  des  chronischen  Magen-  und  Duodenalgeschwürs. 

v  R.  demonstriert:  1.  Eine  50  jährige  Kranke,  bei  welcher  vor  8  Jahren 
eine  hintere  Gastroenterostomie  wegen  Ulcus  des  Magenkörpers  ausgeführt 
worden  war  und  bei  welcher  sehr  bald  wieder  die  Beschwerden  einsetzten. 
Bei  der  Untersuchung  im  März  1923  fand  sich  eine  gut  funktionierende 
Gastroenterostomie  und  eine  tiefe  Ulcusnische  im  Magenkörper.  Gastro- 
Pylorektomie  unter  Mitnahme  der  Gastroenterostomie;  Versorgung  des 
Magens  nach  Modus  B  i  1 1  r  o  t  h  I,  der  durchtrennten  Gastroenterostomie- 
schenkel  End-zur-Seit  (analog  der  Roux  sehen  Operation).  Heilung. 

2.  Das  Magenresektionspräparat  einer  54  jährigen  Frau,  bei  welcher  vor 
6  Jahren  eine  hintere  Gastroenterostomie  wegen  Ulcus  am  Pylorus  ausgeführt 
worden  war.  2  Jahre  später  Relaparotomie  wegen  „Verwachsungen“,  die 
angeblich  gelöst  wurden.  1923  röntgenologisch  nachweisbares  Ulcus  gastro- 
jejunale  an  der  hinteren  Jejunumwand  (abführender  Schenkel)  und  Sanduhr¬ 
magen  an  der  Stelle  der  Gastroenterostomie.  Gastro-Pylorektomie  unter  Mit¬ 
nahme  der  Gastroenterostomieschenkel  und  des  Ulcus  nach  Modus  Bill- 
roth  II;  Versorgung  der  durchschnittenen  Gastroenterostomieschenkel  wie 
bei  1.  Heilung. 

3.  Das  Magenresektionspräparat  eines  62  jährigen  Mannes,  bei  welchem 
16  Monate  vorher  wegen  eines  Ulcus  duodeni  eine  Pylorusausschaltung 
mittels  Fadenabschnürung  nach  Paria  vechio  und  hintere  Gastroentero¬ 
stomie  ausgeführt  worden  war.  Bald  nach  der  Operation  neue  Beschwerden 
und  Blutungen.  Im  Juni  1923  Gastro-Pylorektomie  unter  Mitnahme  des  Ulcus 
duodeni  und  der  Gastroenterostomieschenkel  nach  Modus  B  i  1 1  r  o  t  h  II.  Die 
durchtrennten  Gastroenterostomieschenkel  wurden  wie  bei  1.  und  2.  versorgt. 
Befund:  Florides,  noch  blutendes  Ulcus  duodeni,  Ulcus  gastro-jejunale  an  der 
hinteren  Jejunumwand  (zuführender  Schenkel).  Der  Faden  der  Pylorus- 
abschnürung  ist  in  dak  Innere  des  Magens  eingewandert  und  hängt  dort  an 
einer  Schleimhautbrücke.  Der  F*ylorus  ist  wieder  durchgängig.  Der  Kranke 
erlag  11  Tage  nach  der  Operation  einer  Pneumonie. 

Der  Vortragende  zeigt  verschiedene  Röntgenbilder,  welche  ebenialls  das 
Versagen  der  Gastroenterostomie  bei  nischengebenden  organpenetrierenden 
Geschwüren  veranschaulichen,  und  bespricht  die  Wirkungsweise  und  Leistungs¬ 
grenze  der  Gastroenterostomie  beim  chronischen  Magengeschwür.  Die 
Gastroenterostomie  wirkt  beim  stenosierten  und  dilatierten  Magen  als 
Drainage,  beim  nichtstenosierten  muskelkräftigen  Geschwürsmagen  als  physio¬ 
logisches  Sicherheitsventil.  Sie  setzt  die  aktuelle  Azidität  des  Magenchymus 
herab,  nicht  wie  bisher  angenommen  worden  ist,  durch  Neutralisation,  sondern 
durch  reflektorische  Hemmung  der  Magensaftsekretion  vom  Darm  aus.  Die 
Grenze  der  Leistungsfähigkeit  der  G.E.  ist  zu  suchen  in  der  Organpenetration 
der  Magengeschwüre  und  der  breiten  Fixation  der  Magenwand  an  Nachbar¬ 
organen.  Dadurch  wird  die  Schrumpfung  der  Muskelränder  des  Geschwürs 
verhindert,  so  dass  die  Epithelregeneration  von  den  Rändern  her  dann  nicht 
mehr  ausreicht,  den  Geschwürsgrund  zu  überbrücken.  Der  Vortragende  be¬ 
spricht  die  Indikationen  zur  operativen  Behandlung  des  Magengeschwürs  und 
bekennt  sich  als  Schüler  Enderlens  im  allgemeinen  als  Anhänger  der 
radikalen  Resektionsmethoden,  erkennt  aber  an.  dass  die  G.E.  bei  strenger 
Indikation  in  einzelnen  Fällen  nach  wie  vor  ihre  Berechtigung  behält.  Das 
Hauptgewicht  ist  auf  eine  strenge  Auswahl  der  Fälle  zu  legen,  welche  zur 
operativen  Behandlung  überhaupt  bestimmt  werden.  Die  Operation  ist  nur 
eine  Etappe  in  der  Behandlung  des  Magengeschwürs;  sie  muss  jederzeit  von 
einer  exakten  Nachbehandlung  gefolgt  sein.  (Selbstbericht.) 

Besprechung:  Herr  Sauerbruch  stimmt  dem  Vortr.  zu.  Das 
Magengeschwür  ist  kein  lokales  Leiden,  sondern  ein  Symptom  einer  Krankheit. 

Herr  P  e  r  u  t  z  empfiehlt  Prüfung  der  parenteralen  Eiweisstherapie. 

Herr  G  e  b  e  1  e,  Herr  Schindler.  V.  E.  M  e  r  t  e  n  s. 


Münchener  Chirurgen-Vereinigung. 

Sitzung  vom  18.  Mai  1923. 

Vorsitzender:  Herr  G  e  b  e  1  e.  Schriftführer:  Herr  A.  Ploeger.il 
Demonstrationsabend  im  Versorgungskrankeuha  [ 

Herr  Besteime  y  er:  Krankenvorstellung. 

1.  Knochenbolzung  bei  Amputation  zur  Verlängerung  des  Staa 

U.  H.,  37  Jahre  alt.  Am  15.  IX.  1922  hohe  Amputation  dicht  am  Troch  j 
femoris  wegen  Tuberkulose  des  rechten  Kniegelenkes  und  weitreicht 
tuberkulöser  Knochenentzündung  des  Femur.  Nach  dem  Vorschlag  „v.  S 
b  e  n  r  a  u  c  h"  bei  Exartikulation  im  Hüftgelenk  wurde,  da  die  Weici 
gesund  waren,  ein  7  cm  langes  Knochenstück  der  weggenommenea 
durch  Bolzung  in  den  Oberschenkelstumpf  eingesetzt:  die  Heilung  erf 
glatt.  Der  Kranke  ist  vollständig  beschwerdefrei  und  kann  mittels  des 
längerten  Stumpfes  die  Prothese  gut  bewegen. 

2.  Totale  Osteomyelitis  des  rechten  Oberschenkels  nach  Schussbract 
Trochanter.  A.  B.,  25  Jahre  alt.  Nach  mehrjährig  bestehender  Fistelbildu: 
der  Gegend  des  Trochanters  wurde  die  Becksche  Wismutpaste  in  die  F 
eingespritzt;  es  zeigte  sich  nun  aui  dem  Röntgenbild  ein  Kanal,  der 
in  die  Epiphyse  am  Kniegelenk  herabreichte.  Autmeisselung  der  Epiphys- 
inneren  Kondylus  ergab  das  Vorhandensein  einer  grossen  Eiterhöhle. 
Heilung  macht  seit  der  vorgenommenen  Operation  gute  Fortschritte. 

3.  Ulcus  pepticum  jejuni.  G.  H..  37  Jahre  alt.  Im  Felde  wegen  c.-.| 
Bauchbruches  operiert,  wobei  Gastroenterostomie  vorgenommen  wurde. 
Jahre  1919  von  mir  wegen  grossen  Bauchbruches  mit  handbreitem  Klane* 
atrophischen  Muse,  recti  operiert;  durch  freie  Faszientransplantation  u 
der  Bauchbruch  geheilt.  Die  Beschwerden  verschwanden  jedoch  nicht 
Röntgendurchleuchtung  des  Magens  zeigte,  dass  sämtlicher  Speisebrei  c 
die  Gastroenterostomose  den  Magen  verliess.  während  durch  den  Py 
kein  Austritt  erfolgte,  ausserdem  wurden  Verwachsungen  an  der  Ga 
enterostomiestelle  festgestellt.  Nachdem  hier  eine  konstante  Drucken? 
lichkeit  bestand,  wurde  die  Diagnose  auf  Ulcus  pepticum  jejuni  gestellt 
bei  der  Operation  bestätigt  gefunden.  Bei  dieser  wurde  die  Gastrcec 
stomie  durch  Resektion  beseitigt  Am  Magen  bestand  kein  abnormer  Be 
Seit  diesem  Eingriff  funktioniert  der  Pylorus  wieder.  Der  Kranke  is- 
schw'erdefrei. 

4.  Harnleitersteckschuss.  J.  H.,  26  Jahre  alt.  Steckschuss  durch  Gr 
Splitter  im  Jahre  1917;  nur  einmal  angeblich  blutiger  Urin  während  meh 
Tage,  seit  1  Jahr  nie  Blut  im  Urin  beobachtet.  Zystoskopie  mit  Injektion 
Farblösung  ergab  das  vollständige  Funktionieren  beider  Ureter.  Im  Rot 
bild  wurde  ein  erbsengrosser  Splitter  zwischen  Hüftbeinkamm  und  !e 
Rippe  testgestellt.  Bei  Entfernung  des  Splitters  mit  Kryptoskop  zeigte 
dass  dieser  im  Harnleiter  lag.  Entfernung  und  Naht  des  Ureters, 
kurzer  Fistelbildung  Heilung. 

5.  Nierenbeckensteckschuss.  G.  M.,  27  Jahre  alt.  Am  16.  X.  1916  S 
schuss  durch  Granatsplitter  in  der  linken  Nierengegend.  Im  Harn  Spuren 
Eiweiss.  Zystoskopie  mit  Farbstofflösung  ergibt,  dass  die  linke  Niere 
oder  kaum  absondert.  Operation  am  Röntgentisch:  Freilegung  der  Niere 
linsengrosse  Splitter  wird  mit  Kryptoskop  im  Nierenbecken  iestgestellt 
durch  Einschnitt  entfernt.  Die  Niere  erwies  sich  makroskopisch  ge: 
doch  waren  Verwachsungen  im  Nierenlager  vorhanden.  Heilung 

1  wöchentlicher  Fistelbildung.  (Nachträgliche  Zystoskopie  ergab  jetzt 
qualitativ  normale  Funktion  der  linken  Niere;  quantitativ  ist  die  Fun 
noch  etwas  herabgesetzt.) 

6.  Milzsteckschuss.  L.  G..  26  Jahre  alt.  Am  4.  VII.  1917  Iniant 
Steckschuss  am  Rücken.  Das  Geschoss  wurde  am  11.  IV.  1923  aus  der 
durch  Freilegung  derselben  entfernt  (Rippenbogenschnitt).  Die  Milz 
verwachsen,  liess  sich  nicht  vorziehen.  Aui  den  fühlbaren  Fremdkörper  w 
eingeschnitten  und  das  glatte  Geschoss  manuell  in  die  Bauchhöhle  he 
gedrückt.  Nach  Tamponade  glatte  Heilung  innerhalb  4  Wochen. 

7.  Eingeklemmte  Zwerchfellhernie.  F.  K.,  29  Jahre  alt.  Am  9.  XJ. 
Revolversteckschuss;  Einschuss  in  der  rechten  Achsellinie.  Das  Ges. 
findet  sich  im  Röntgenbild  links  neben  dem  1.  Lendenwirbelkörper. 
Heben  von  Kisten  am  10.  XII.  1922  plötzlich  schwere  Erkrankung,  begirp 
mit  Bauchschmerzen.  Stuhlverhaltung.  Am  nächsten  Tag  Auftreten 
heftigen  Brustschmerzen  links.  Nach  2  Tagen  wird  der  Kranke  von  aus- 
hier  eingeliefert.  Leib  leicht  aufgetrieben,  links  etwas  gespannt  und  C 
empfindlich.  Ueber  der  linken  Lunge  hinten  ausgesprochene  Dämpiu*» 
zum  Schulterblatt;  Kurzatmigkeit,  Husten.  Punktion  der  Pleura  e 
dunkelrot-seröse  Flüssigkeit.  Wegen  Verdacht  auf  eine  eingekler 
Zwerchfellhernie  Durchleuchtung,  die  die  Diagnose  sicherstellt. 

3.  Tage  Operation.  Eröffnung  der  Pleura  durch  Resektion  der  ' 
und  8.  Rippe.  Es  fliesst  ca.  1  Liter  stinkende  blutige  Flüssigkeit  ab.  I: 
Pleurahöhle  liegt  eine  40  cm  lange  hochgradig  geblähte  schwärzlich-verii 
nicht  mehr  spiegelnde  Darmschlinge.  Erweiterung  des  Zwerchiellschl: 
Hervorziehen  des  Dickdarms:  Abtragung  der  grossen  gangränösen  Scfc 
und  Vereinigung  des  Dickdarms  durch  zirkuläre  Naht;  dann  teilweise 
des  Zwerchfells  unter  Freilassung  einer  Lücke  für  ein  Tampon.  Die  Ht 
vom  Darm  aus  erfolgte  glatt,  von  seiten  der  Pleurahöhle  besteht  noeb 
grosse  Empyemresthöhle,  doch  dehnt  sich  die  Lunge  in  der  letzten  Zeit 
und  mehr  aus. 

8.  Ostitis  fibrosa.  K.  W.,  46  Jahre  alt.  Fall  auf  ebenem  Bode 
Jahre  1915  am  Exerzierplatz.  Am  30.  XL  1915  erfolgte  Lazarettaufna 
w-obei  Knochenhautentzündunv  mit  Längsfissur  festgestellt  wurde.  Be 
im  Jahre  1923  (Mai)  vorgenommenen  Nachuntersuchung  zeigt  sich  eine  s’ 
Verkrümmung  der  Tibia  in  der  Gegend  der  Tuberositas.  Das  Röntge 
ergibt  typische  Merkmale  einer  Ostitis  fibrosa. 

9.  Ungewöhnlich  grosser  Darmvorfall  am  Anus  praeternaturalis.  Be. 
schussverletzung  im  Jahre  1916.  Seit  dieser  Zeit  bestand  1.  eine  Harnrö 
Mastdarmfistel,  durch  die  sämtlicher  Urin  abgesondert  wurde.  2.  eie 
mählich  immer  grösser  werdender,  zuletzt  40  cm  erreichender  Darmr 
der  Flex.  sigmoid.  des  künstlichen  Afters  auf  der  linken  Bauchseite,  t 
mehrfache  Operationen  wurde  im  Jahre  1922  die  Harnröhren-Mastlanr 
beseitigt,  dann  wmrde  an  die  Beseitigung  des  Darmvorfalls  gegangen.  1 
erfolgte  in  2  Sitzungen:  zuerst  wurde  der  irreponible  Vorfall  an  der  - 
abgetragen:  in  einer  2.  Sitzung  wurde  extraperitoneal  der  Dickdarm  zir 
vernäht  und  versenkt.  Es  erfolgte  ziemlich  rasche  Heilung;  heute  bei 
jedoch  noch  eine  schwere  Nierenbeckenerkrankung  rechts. 

Herr  Luxenburger:  Krankenvorstellung. 

Vortr.  stellt  einige  Kriegsverletzte  mit  Unterkieferpseudaiifc* 
vor,  bei  denen  durch  indirekte  Autoplastik  der  Defekt  ersetzt  ■ 


L  vujtust  1953. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


i  didation  erzielt  worden  war.  Das  Prinzip  der  Methode  besteht  in 
,  riger  Ersetzung  des  Transplantates  in  die  untere  Hälfte  des  Muse. 
I  >cleidomast.  auf  der  Seite  der  Verletzung  und  nach  hier  erfolgter  Ein- 
i  ig  des  Transplantats  Verpflanzen  des  letzteren  samt  einem  Muskelstiel 
i  s  Knochenlücke.  Der  Vorteil  dieses  gegenüber  der  freien  Plastik  um- 
i  icheren  Verfahrens  ist  grössere  Sicherheit  des  Einheilens  selbst  sehr 
inöser  Knochenstücke,  die  Nachteile  sind  ein  grösserer  Weichteilschnitt 
weizeitigkeit. 

Mehrere  sehr  umfangreiche  Gaumendefekte  durch  Schussverletzung 
n  mittelst  gedoppelter  Halshautlappen  verschlossen,  welche  nach  Art 
Wanderplastik  zuerst  neben  dem  Mundwinkel  und  dann  in  einer 
|  ren  Sitzung  nach  Spaltung  des  Mundwinkels  in  den  Defekt  eingefügt 

i  *- 

iir  entstellende  Knochendefekte  auch  der  Stirn-  und  Kriegssattelnasen 
irten  sich  frei  verpflanzte  Tibiasplitter. 


!  irforschende  u.  medizinische  Gesellschaft  zu  Rostock. 

(Medizinische  Sektion.) 

Sitzung  vom  28.  Juni  1923. 

.'orsitzender:  Herr  W.  Müller.  Schriftführer:  Herr  R.  Stahl. 

ferr  Brüning:  Demonstrationen. 

)  Einen  7  Wochen  alten  Säugling  mit  den  typischen  Erscheinungen 

i  ongenitalen  Pylorusstenose. 

)  Die  Kurventafeln  zweier  weiterer  einschlägiger  Fälle,  von  denen  der 

I  rotz  aller  therapeutischen  Massnahmen  zum  Exitus  kam,  whhrend  der 

I I  auf  Dnodenalsondierung  ganz  auffallend  günstig  reagierte. 

)  Das  bei  der  Obduktion  gewonnene  Organpräparat  von  dem  unter  b) 

i  nten  Fall  1. 

ferr  Brüning:  Ueber  Wurmkuren. 

nter  Hinweis  auf  die  bei  den  gebräuchlichen  Wurmmitteln  gelegentlich 
:  eobachtung  gelangenden  Vergiftungserscheinungen,  berichtet  der  Vor- 
;  ide  kurz  über  5  neue,  zu  seiner  Kenntnis  gekommene  Intoxikationen 
I  em  amerikanischen  Wurmsamenöl  (Ol.  Chenopodii  anthelminthici),  das 
:  einer  Ansicht  ein  vorzügliches  Mittel  gegen  Rundwürmer,  insbesondere 
I  Askariden,  darstellt.  Durch  diese  5  Fälle  ist  die  im  Jahre  1919  von 
i  i  Schüler  Preuschoff  gesammelte  Kasuistik  auf  29  Fälle  ge- 
I  n,  von  denen  20  =  70  Proz.  tödlich  verlaufen  sind.  Er  geht  dann 

I  auf  die  Ursachen  dieser  Vergiftungen  ein  und  schildert  als  die  wich- 

I I  Fehler,  welche  bei  anthelminthischen  Kuren  gemacht  werden,  die 
!  den:  1.  Die  Kur  wird  sehr  oft  überhaupt  ohne  genügende  Berechtigung 
I  eitet,  wenn  das  Vorhandensein  der  Darmparasiten  nicht  unmittelbar 

•  mit  Sicherheit  festgestellt  worden  ist.  2.  Die  Kur  wird  häufig  zu 
i  für  den  Wurmträger  ungeeigneten  Zeitpunkt  vorgenommen  (Rekon- 
>  enz  nach  akuter  Erkrankung).  3.  Die  Kur  wird  falsch  durchgeführt 

war  a)  unter  gleichzeitiger  Darreichung  anderer,  ev.  für  das  Anthel- 
kum  nicht  gleichgültiger  Medikamente,  b)  mit  zu  grossen  Dosen  des 
mittels  und  4.  unter  Verwendung  gefälschter  Präparate,  von  denen  er 
lers  aui  die  vielfachen  Fälschungen  des  Ol.  Chenopodii  hinweist.  Er 
l  um  Schluss  noch  die  von  ihm  in  Hunderten  von  Fällen  geübte  Dar- 
l  ng  dieses  Wurmmittels  bekannt  und  fordert,  dass  dasselbe  aus  der 
r  erkaufsliste  gestrichen  wird.  (Näheres  siehe  in  der  D.m.W.) 

ussprache:  Die  Herren  Fischer,  Frey,  Brüning,  Frey, 
i  e  r  und  Grafe. 

err  Hans  Curschmann:  Hämatomveile. 

'  jähr.  Lehrling,  bisher  gesund,  bei  Schlägerei  heftiger  Sturz  oder  Stoss 

■  n  Rücken.  4  Tage  später  plötzlich  Steifwerden  von  Armen  und  Brust, 
i  che  der  Arme,  leichte  Temperatursteigerung  bis  37,7°,  nach  6  Stunden 
I  Lähmung  der  Arme  und  Beine.  Die  Lähmung  ging  von  den  Händen 
i  zur  Schulter  und  von  den  Hüften  hinab  zu  den  Füssen.  Geringer 
i  rz  in  der  Halswirbelsäule,  in  der  Ruhe  völlig  schmerzfrei.  Sofort 
t  io  urinae.  Bei  der  Aufnahme,  4  Tage  nach  der  Lähmung:  Streek- 

■  ln  der  Arme  völlig,  Beugemuskeln  geringer  gelähmt,  kleine  Hand- 
J  ln  gelähmt,  alles  R  >  L.  Das  rechte  Bein  völlig  schlaff  gelähmt. 

:  nur  geringe  Aussenrotation  und  schwache  Dorsalflexion  des  Fusses 
I  h.  Alle  Sehnenreflexe  (ausgenommen  Masseterenreflex)  fehlen,  des- 
i  n  alle  Hautreflexe,  kein  Babinski.  Sensibilität:  vom  5.  Zer- 
llsegment  herab  bis  in  mittlere  Lumbalsegmente 

ger  Verlust  der  Temperatur  -  und  Schmerzempfin- 
bei  tadellos  erhaltenem  Berührungsgefühl,  also 
ite  dissoziierte  Empfindungslähmung.  Wirbelsäule  in 
t  Jeziehung,  auch  röntgenologisch,  intakt.  Liquor  gänzlich  normal,  keine 
I  rbung,  keine  Pleozytose,  keine  Eiw’eissvermehrung.  Blut-  und  Liquor- 
1  &.  Keinerlei  Zeichen  einer  Gefässerkrankung,  Endokarditis.  Sepsis  etc. 

m  sonst  blühend  gesunden  Jungen.  In  den  ersten  14  Tagen  schwere 
i  isuffizienz  infolge  Lähmung  der  Interkosta!muskeln(  bei  intaktem 
t  ifell),  vorübergehend  Sympathikuszeichen  links  im  Gesicht  (Hemihyper- 
und  -hyperämie,  kein  Horner,  keine  Veränderung  der  Iris).  All- 
1  he  Ausbildung  ausgedehnter  Muskelatrophien  in  den  Armen  (besonders 
1  leus  links,  Strecker  und  kleine  Handmuskeln  L.  u.  R.).  Ausbildung 
1  r  Spasmen  im  rechten  Bein.  Kranker  lernt  nach  4 —  Wochen  wieder 
ü  h  gut  stehen  und  gehen,  auch  manche  Hand-  und  Armmuskeln  gut 
'  en.  Die  Lähmung  der  Brust-  und  Bauchmuskeln,  sowie  Blase  und 
5  Tm  ist  völlig  geschwunden.  Die  dissoziierte  Gefühlsstörung  ist  quanti- 
'  twas  geringer,  in  der  Begrenzung  fast  unverändert. 

;e  Differentialdiagnose  gegenüber  Poliomyelitis  oder  Encephalomyelitis 
1  ica.  sowie  Polyneuritis  (L  a  n  d  r  y)  ist  leicht  wegen  der  ausgeprägten 

•  'liierten  Gefühlslähmung.  Diese,  ebenso  wie  der  negative  Liquor- 
intgenbefund  (der  Wirbelsäule)  schliessen  eine  extramedulläre  Blutung 

traumatische  Spinalläsion  aus;  eine  ..Commotio  spinalis“  ist  angesichts 
uer  des  Leidens  abzulehnen.  Die  Diagnose  einer  Läsion  des  zentralen. 

1  n  Graus  ist  sicher,  gegen  eine  (überwiegende)  zentrale  Erweichung 
die  sehr  gute  Restitutionsneigung.  Alles  spricht  also  klinisch  für  eine 
‘  mige.  auf  das  vordere  und  hintere  Grau  lokalisierte  Rückenmarks- 
;  :  von  erheblicher  Länge,  deren  Hauptsitz  aber  in  den  Armsegmenten 
1  Bemerkenswert  ist  1.  das  späte  Auftreten  post  trauma,  analog  Jen 
'■innten  traumatischen  Spätapoplexien  des  Gehirns:  bei  Hämatomyelie 
s  sehr  selten.  2.  Das  Auftreten  bei  völlig  gefässgesundem  jungem 


10/ 1 

Menschen  nach  nicht  besonders  schwerem  Trauma;  dies  ist  nicht  allzu  selten, 
nach  C.  sogar  ziemlich  typisch.  Die  traumatische  Hämatomyelie  setzt  nie 
eine  Atherosklerose  voraus.  3.  Typisch  ist  auch  die  starke  Neigung  zur 
Rückbildung  der  Lähmungen  im  Gegensatz  zum  Beharren  der  sensiblen 
dissoziierten  Defekte.  Die  Prognose  ist  leidlich  gut.  Das  Fehlen  der 
segmentären  Progression  unterscheidet  die  Hämatomyelie  gegenüber  der 
Syringomyelie,  der  sie  im  Befund  sonst  natürlich  völlig  gleichen  kann. 

Aussprac  he:  Die  Herren  Grafe,  Curschmann,  Walter, 
Curschmann,  Fischer,  Curschmann,  Pol  und  Curschmann. 

Herr  Deusch:  Stoffwechselstörung  mit  hochgradiger  Gewichtsabnahme 
und  Polyurie.  (Demonstration.) 

52  jähr.  Obertelegraphensekretär.  Familienanamnese  o.  B.  Während  der 
Militärzeit  angeblich  Herzleiden  zugezogen.  Kinderlos  verheiratet.  Seit 
4  5  Jahren  zunehmende  psychische  Erregbarkeit,  Neigung  zu  Schweiss¬ 

ausbrüchen,  massiger  Ausfall  des  Kopfhaares.  In  den  letzten  2  Jahren  bei 
bestem  Appetit  und  sehr  guter  Ernährung  Gewichtsabnahme  von 
213  auf  109  Pfund.  Grosse  Urinmengen  (5 — 6  Liter  am  Tag)  mit 
Nykturie,  kein  gesteigertes  Durstgefühl,  aber  stets  Hungergefühl.  Abnahme 
der  körperlichen  und  geistigen  Leistungsfähigkeit,  Verminderung  der  Libido 
und  Potenz. 

Befund:  Massiger  Ernährungszustand,  Körpergewicht  54,5  kg  bei  1,70  m 
Länge.  Haut  feucht,  mässige  Stirnglatze,  Körperbehaarung  o.  B.  Kein 
Exophthalmus.  Brust-  und  Bauchorgane  o.  B.  Puls  60—66  in  der  Minute. 
Blutdruck  120  mm  Hg.  Schilddrüse  klein,  etwas  derb.  Testes 
klein.  Sella  turcica  o.  B.  Nervensystem:  lebhafte  Reflexe. 
Dermographismus.  Augenhintergrund  o.  B.  Liquor  o.  B.  WaR.  in 
Blut  und  Liquor  negativ.  Blutstatus:  Hb.  78,8  Proz.,  E.  4,9  Mille,  F.J.  0,8. 
L.  6500.  38  Proz.  Lymphozyten.  Serumkonzentration  schwankend 

zwischen  7,35  und  7,6  Proz.  NaCl  im  Blut  0,5 — 0,53  Proz.  Urin  gelb,  sauer, 
spezifisches  Gewicht  1010 — 1012,  chemisch  und  mikroskopisch  o.  B.  Urin¬ 
mengen  anfangs  bis  4  Liter,  dann  2 — 3  Liter  täglich.  NaCl  im 
Harn  0,7 — 1,0  Proz.  Im  Verdünnungs-  und  Konzentrationsversuch  spezifisches 
Gewicht  1001 — 1015,  überschiessende  Ausscheidung,  in  gut  vertragenem 
24  ständigen  Durstversuch  Konzentration  bis  1027.  Auf  Hypophysin 
vorübergehende  Diuresehemmung.  NaCl-Zulage  von  30  g  in  48  Stunden 
nahezu  völlig  ausgeschieden.  Auf  1  mg  Suprarenin  subkutan  Blutdruck¬ 
senkung  von  125  auf  115  mg  Hg.  L  o  e  w  i  sehe  Adrenalin- 
mydriasis  +.  Während  der  Beobachtung  Abnahme  der  Urinmengen 
(1500 — 2000  ccm),  Zunahme  des  Körpergewichts  um  16  Pfund.  Psychische 
Beruhigung.  Auffallend  gesteigerte  Empfindlichkeit  der  Haut  für  Quarz¬ 
lampenbestrahlung. 

Der  Fall  lässt  sich  unter  keine  der  bekannten  Stoffwechselerkrankungen 
oder  endokrinen  Störungen  einreihen.  Für  Basedow  sehe  Krankheit,  an 
die  die  Stoffwechselstörung  an  sich  am  ehesten  denken  liesse,  keine  Anhalts¬ 
punkte,  ebensowenig  für  hypophysäre  Kachexie.  Vortragender  ist  geneigt, 
das  Krankheitsbild  mit  Rücksicht  auf  die  Stoffwechselstörung,  die  Polyurie 
und  die  Tonussteigerung  des  vegetativen  Nervensystems  als  Folge  einer 
Funktionsstörung  in  den  vegetativen  Zentren  des 
Zwischenhirn  zu  deuten. 

Aussprache:  Die  Herren  Curschmann,  Grafe  und  Deusch. 


Medizinisch-Naturwissenschaftlicher  Verein  Tübingen. 

(Medizinische  Abteilung.) 

Sitzung  vom  2.  Juli  1923. 

Herr  Jüngling:  Fortschritte  auf  dem  Gebiete  der  Lokalisation  von 
Hirntumoren  mittels  Sauerstoffüllung  der  hinteren  Ventrikel. 

26  Fälle  mit’ Verdacht  auf  Hirntumor  wurden  untersucht.  20  mal  wurde 
die  Diagnose  auf  Hirntumor  gestellt.  Von  diesen  Diagnosen  wurden 
11  autoptisch  bestätigt  (teils  durch  Operation,  teils  durch  Obduktion).  Einmal 
konnte  der  angenommene  Tumor  bei  der  Operation  nicht  gefunden  werden. 
Von  den  11  richtig  lokalisierten  Fällen  waren  7  ohne  deutliche  Herdsymptome 
gewesen,  2  waren  neurologisch  falsch  lokalisiert,  bei  2  war  die  Ortsbestim¬ 
mung  auch  neurologisch  möglich  gewesen. 

Punktiert  werden  die  Vorderhörner  in  Gesichtslage,  von  der  Stirnbein- 
Scheitelbeingrenze  aus.  Die  in  den  Ventrikel  eingedrungene  Nadel  wird  mit 
S  t  e  n  t  s  masse  in  ihrer  Lage  gehalten,  als  Kontrastmittel  dient  steriler 
Sauerstoff,  der  unter  möglichster  Vermeidung  von  Druckschwankungen  in  den 
Ventrikel  eingeführt  wird. 

J.  gibt  der  D  a  n  d  y  methode  vor  der  B  i  n  g  e  1  sehen  den  Vorzug,  da 
die  subjektiven  Störungen  geringer  sind,  da  er  sie  wegen  der  reinen  Ventrikel¬ 
füllung  für  übersichtlicher  und  für  weniger  gefährlich  hält.  Auch  in  Fällen 
von  Verschluss  des  Foramen  Magendi  erhält  man  gute  Bilder. 

Auch  die  Ventrikelfüllung  ist  nicht  ganz  ungefährlich.  2  Todesfälle,  ganz 
plötzlich  ohne  Vorboten  wenige  Stunden  nach  der  Ventrikelfüllung,  die  zu¬ 
nächst  anstandslos  ertragen  wurde.  Beide  Male  handelte  es  sich  um  grosse 
Tumoren,  welche  einen  ganzen  Schläfenlappen  eingenommen  hatten. 

Der  Vortragende  demonstriert  die  Bilder  von  12  Fällen  zum  Teil  mit 
Hirnschnitten,  welche  die  Brauchbarkeit  der  Methode  erläutern.  Konvexitäts¬ 
tumoren  sind  eindeutig  zu  lokalisieren,  ebenso  Tumoren,  die  vom  Schläfen¬ 
lappen  her  die  Ventrikel  verdrängen.  Die  Unterscheidung  von  Kleinhirn¬ 
tumoren  unterhalb  des  Tentoriums,  welche  dieses  nach  oben  vordrängen  und 
dadurch  deformierend  auf  die  Hinterhörner  einwirken,  und  von  Hirnstamm¬ 
tumoren,  welche  dasselbe  tun,  kann  Schwierigkeiten  machen. 

Herr  Perthes:  Vorstellung  von  Fällen  erfolgreich  operierter  Hirn¬ 
geschwülste. 

Herr  Duscht:  1.  Demonstration  einer  Kaltblüterparablose  an  Eidechsen. 
Trotz  der  Lebhaftigkeit  der  Tiere  gelingt  die  Parabiose  dank  der  ausser¬ 
ordentlichen  Regenerationsfähigkeit  gut. 

2.  Ueber  eine  seltene  Missbildung  des  Pankreas.  Bei  einem  21  jährigen 
Telegraphenarbeiter,  der  im  diabetischen  Koma  ad  exitum  kam,  fehlten 
Körper-  und  Schwanzteil  des  Pankreas.  Der  seltene  Befund  erklärt  sich 
durch  Fehlen  der  dorsalen  Pankreasanlage,  aus  der  sich  entwicklungs¬ 
geschichtlich  die  nicht  vorhandenen  Drüsenbestandteile  ableiten.  Trotz  der 
kongenitalen  Hypoplasie  der  Drüse  war  der  Diabetes  erst  seit  3  Monaten,  im 
Anschluss  an  eine  fieberhafte  Infektionskrankheit  aufgetreten.  Durch  diese 
akute  Schädigung  ist  die  bis  dorthin  noch  genügende  Drüsensubstanz 
insuffizient  geworden  und  hat  dann  zum  Koma  und  Exitus  des  Kranken  geführt. 


1072 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


Herr  Windholz  spricht  über  die  autonome  Fähigkeit  des  Nebenhodens 
und  des  Vas  deierens,  den  durch  Retention  des  Hodens  gestörten  Descensus 
selbständig  zu  vollenden.  Stellt  -4  Typen  der  diesbezüglichen  Beobachtungen 
aui  und  demonstriert  ein  einschlägiges  Präparat,  welches  bei  Retention  des 
Hodens  und  des  Nebenhodenkopies  in  der  Gegend  des  äusseren  Leistenringes 
Teilung  des  Nebenhodenkörpers  und  Descensus  des  Nebenhodenschwanzes 
und  des  Vas  deferens  aufweist. 


Würzburger  Aerzteabend. 

(Amtliche  Niederschrift.) 

Sitzung  des  ärztlichen  Bezirksvereins  vom  3.  Juli  1923. 


Herr  Zieler:  Krankenvorführungen. 

1.  Zur  Behandlung  der  Gesichtskarzinome  mit  Röntgen¬ 
strahlen.  . 

2.  Lupus  erythematosus:  Heilung  durch  Röntgenstrahlen; 
mehrere  (z.  B.  bereit  früher  gezeigte)  Kranke  mit  teilweisen  Rückfällen 
seit  dem  letzten  Frühjahre. 

3»  Ungewöhnliche  oder  schwierig  zu  erkennende  Aus¬ 
brüche  der  Früh-  und  Spätsyphilis  an  der  Haut  und  an  den  Schleimhäuten. 

4.  Trichophytien  des  Kopfes  bei  Kindern:  a)  M  i  k  r  o  s  p  o  r  i  e  (M  i  k  r  o  - 
sporon  Audouinii)  b)  Trichophytie  der  Kinderköpfe. 

Diese  letzte  Form  ist  bisher  in  Würzburg  nicht  beobachtet  worden.  Bei 
dem  5  jährigen  Knaben  finden  sich  ziemlich  regelmässig  fast  über  die  ganze 
Kopfhaut  zerstreut  rundliche,  fast  vollkommen  kahle  Hende  bis  zu  1  cm 
Durchmesser,  auf  denen  die  Reste  der  abgebrochenen  Haare  ähnlich  wie 
„Pulverkörner“  in  den  Haartrichtern  erkennbar  sind.  Diese  Haarstümpte 
enthalten  massenhaft  Pilzsporen. 

5.  Systematisierter,  hyperkeratotischer  Nävus,  fast  über  den  ganzen 

Körper  ausgebreitet.  .. 

6.  Psoriasis  und  Leukopathie.  Die  Leukopathie  besteht  seit  der  Kindheit. 
Angebliche  Zunahme  mit  dem  klinischen  Deutlichwerden  einer  offenen  Lungen¬ 
tuberkulose  (1916  Hämoptoe).  Die  Psoriasis  ist  zuerst  1917  aufgetreten. 
Oertliehe  Beziehungen  zur  Leukopathie  sind  nicht  erkennbar.  Die  Psoriasis¬ 
herde  finden  sich  sowohl  an  normalen  wie  an  entfärbten  Hautbezirken, 
deren  ürenze  zuweilen  mitten  durch  einen  Psoriasisherd  hindurchgeht,  ohne 
dass  an  den  beiden  Hälften  irgendwelche  Unterschiede  erkennbar  wären. 

7.  Hydroa  vaccinlformis.  11  jähr.  Mädchen.  Die  Krankheit  besteht  seit 
dem  5.  Lebensjahr.  Akuter  Ausbruch  im  Gesicht  seit  einigen  Tagen.  Der 
Harn  enthält,  ul-  meist,  Hämetoporphyrin.  Vor  einem  Jahre  war  bei  einem 
abk‘ingenden  Ausbrugli  weder  Hümatoporphyrin  noch  Porphyrinogen  nachzit- 
weisen,  auch  nicht  nach  kräftiger  künstlicher  Belichtung  (Quarzlampe,  Höhen- 


8.  Lichtdermatose.  22  jähr.  junger  Mann.  Beginn  der  jetzigen  mkran- 
kung  vor  9  Jahren  während  des  Sommers  im  Gesicht,  zuerst  an  der  rechten 
Wange,  dann  Ausbreitung  über  Gesicht  und  Hals.  Besserung  im  Winter. 
Im  nächsten  Sommer  Rückfall  und  gleichzeitige  Erkrankung  der  Hände. 
Regelmässiger  Rückgang  der  Erkrankung  im  Winter,  Verschlimmerung  im 
Sommer.  Die  Erkrankung  betrifft  nur  die  offen  getragenen  Körperstellen 
(Gesicht,  Hals,  Nacken,  Hände  und  Vorderarme).  Das  klinische  Aussehen  ist 
das  eines  chronischen,  infiltrierten  Ekzems,  das  an  einzelnen  Stellen  auch 
oberflächliche  rundliche  Narben  zeigt.  Blasenbildungen  sind  nicht  vorhanden 
und  sollen  auch  früher  nicht  beobachtet  worden  sein.  Beziehungen  zur 
Einwirkung  des  Lichtes  erscheinen  nach  dem  Verlauf  zweifellos.  Die  experi¬ 
mentelle  Prüfung  war  bisher  nicht  möglich.  Die  Einordnung  der  Erkrankung 
ist  schwierig.  Aehnliche  Veränderungen  sind  als  Sommerprurigo  be¬ 
schrieben  worden.  Hümatoporphyrin  oder  Porphyrinogen  haben  sich  nicht 
nach  weisen  lassen.  Die  teilweise  Narbenbildung  (Kratzveränderungen  ?) 
konnte  an  Beziehungen  zur  Hydroa  vacciniformis  denken  lassen.  Ernährungs- 
Verhältnisse  gut  („P  e  1 1  a  g  r  o  i  d“  kommt  nicht  in  Frage). 

9.  Hämatogene  tuberkulöse  Dermatosen:  a)  Erythema  indurat  u  in, 
b)  und  c)  papulo-nekrotische  Tuberkulide,  d)  akute 
pustulöseAussaat  vom  Aussehen  eines  L  i  c  h  e  n  scrofulosorum; 
rascher  Rückgang  auf  Tuberkulin,  e)  Lichen  scrofulosorum  bei 
38  jähr.  Manne  iin  Anschluss  an  eine  ausgedehnte  Tuberkulose  der  Lymph- 
i-noten  der  rechten  Halsseite,  f)  Lichen  scrofulosorum  bei  53  jahr. 
Mann  mit  offener  Lungentuberkulose  von  chronischem  Verlauf.  Der  Lichen 
scrofulosorum  soll  erst  in  den  letzten  Wochen  aufgetreten  sein  und  hat  sich 
in  korymbiformer  Anordnung  zum  Teil  an  etwas  grössere,  geschwünge  und 
warzige  Herde  an  Rumpf  und  Gliedern  angeschlossen.  Das  Auftreten  eines 
Lichen  scrofulosorum  bei  älteren  Erwachsenen  ist  durchaus  ungewöhnlich. 
Diese  auf  dem  Blutwege  entstehenden  Ausbrüche,  die  eine  klinisch  verhältnis¬ 
mässig  gutartige  (chronische)  Miliartuberkulose  der  Haut  darstellen,  haben 
sich  im  letzten  Jahre  entschieden  wieder  gehäuft.  Wir  sehen  diese  Häufung 
und  besonders  auch  das  Auftreten  solcher  mehr  der  Kindheit  angehörenden 
Ausbrüche  bei  älteren  Erwachsenen,  wenn  die  zugrunde  liegende  allgemeine 
(chronisch  verlaufende)  Tuberkulose  (Lymphknoten,  Haut,  Knochen  usw.) 
sich  verschlechtert.  Aus  der  Häufung  solcher  Beobachtungen  gegenüber 
den  Feststellungen  aus  der  Zeit  vor  dem  Kriege  ergibt  sich  der  Schluss,  dass 
weniger  im  Kranken  selbst  liegende  als  allgemeine  Verhältnisse  ursächlich 
von  Bedeutung  sind.  Ebenso  sehen  wir  auch  Verschlechterungen  von  Haut¬ 
tuberkulosen  (Neigung  zu  geschwürigem  Zerfall  bei  sonst  überhäuteten  Herden, 
schnelleres  Fortschreiten  usw.)  mit  der  Verschlechterung  der  allgemeinen 
Verhältnisse.  Die  zunehmenden  Schwierigkeiten  der  Ernährung  bzw.  deren 
Unzulänglichkeit  tragen  wohl  auch  jetzt  die  Schuld,  wie  bei  den  gleichen 
Beobachtungen  unmittelbar  nach  dem  Weltkriege.  Die  jetzige  Mord-  und 
Raubherrschaft  der  Franzosen  an  Ruhr  und  Rhein  hat  mit  ihren  Rückwir¬ 
kungen  auf  das  unbesetzte  Deutschland  den  gleichen  Einfluss  auf  die  allge¬ 
meinen  Gesundheitsverhältnisse  wie  die  Aushungerung  der  Frauen  und  Kinder 
während  des  Weltkrieges  und  nachher  durch  den  Feindbund. 

11.  Bericht  über  zwei  Kranke  mit  etwas  verzettelter  Behandlung  ausge¬ 
breiteter  Allgemeinsyphilis  (6  bzw.  8  Kuren).  WaR.  im  Blut  beim  ersten 
Fall  seit  über  zwei  Jahren  stets  negativ,  im  zweiten  Falle  teils  negativ, 
teils  zweifelhaft.  Die  Untersuchung  der  Rückenmarkflüssigkeit  ergibt  dabei 
bei  beiden  stark  positive  Befunde.  Hinweis  auf  die  Wichtigkeit  der  recht¬ 
zeitigen  Untersuchung  der  Rückenmarksflüssigkeit  in  solchen  Fällen. 

12.  Besprechung  der  Wlsmutbehandlung  der  Syphilis.  Die  vorliegen¬ 
den  Erfahrungen  stehen  im  umgekehrten  Verhältnis  zur  Menge  der  auf  den 
Markt  geworfe  len  und  als  Syphilisheilmittel  empfohlenen  Wismutverbin- 


Nrg 

düngen.  Die  experimentellen  Grundlagen  sind  noch  recht  dürftige.  || 
klinische  Prüiung  ist  ebenfalls  nicht  als  abgeschlossen  zu  betrachten,  ij 
Wismutverbindungen  verhalten  sich  der  menschlichen  Syphilis  gegern 
etwa  ähnlich  wie  das  Quecksilber:  Die  Spirochäten  verschwinden  meist  ) 
sam.  Die  Beeinflussung  der  WaR.  ist  eine  geringe,  ebenso  die  Dauerwirlj 
Nierenstörungen  sind  verhältnismässig  häufig,  jedenfalls  nicht  seltener,  < 
häufiger  als  beim  Quecksilber.  Die  Wismutsalze  machen  zwar  weniger) 
schwerden  als  stark  wirksame  Quecksilberverbindungen.  Dafür  tritt  , 
zuweilen  schon  nach  wenigen  Einspritzungen  ein  Wismutsaum  am  Zahnfl< 
auf,  dessen  Dauerhaftigkeit  eine  recht  unangenehme  Beigabe  ist. 

Für  den  allgemeinen  Arzt  ist  die  Wismutbehandlung  der  Syphilis  ii 
falls  noch  nicht  reif.  Berechtigt  erscheint  die  Anwendung,  wenn  die  Z 
wirksamer  Hg-Verbindungen  grössere  Schwierigkeiten  macht  oder  unwir 
ist.  Das  Salvarsan  zu  ersetzen  sind  die  Wismutverbindungen  nicht  geei 


Physikalisch-medizinische  Gesellschaft  zu  Würzbui 

(Offizieller  Bericht.) 

Sitzung  vom  5.  Juli  1923. 

Vorsitzender:  Herr  F  1  u  r  y.  Schriftführer:  Herr  Walther  Sch  mit 

Herr  Karbe  macht  eine  kurze  Mitteilung  Uber  eine  Schädigung 
Auges  eines  sechsjährigen  Kindes  durch  die  Federkelchhaare  der  Strohl 
(Helichrysum  bracteatum).  Es  ist  hier  neben  einem  Infiltrat  um  ein  ii 
Hornhaut  liegendes  Haar  zu  dem  charakteristischen  Bilde  einer  knöt 
förmigen  Entzündung  (Ophthalmia  nodosa)  der  Augapfelbindehaut  gekoi 
ganz  analog  den  Verletzungen  durch  Raupenhaare.  In  einem  exzid' 
Knötchen  fanden  sich  typische  Pseudotuberkel,  innerhalb  derselben 
Pflanzenhaar  im  Querschnitt.  K.  weist  darauf  hin,  dass  die  toten  Haar 
Strohblume  keinerlei  das  Gewebe  reizende  Stoffe  enthalten  (wie  beisl 
weise  die  Haare  der  Primula  obeoniea)  und  dass  somit  das  Bild  der  I 
thalmia  nodosa  auch  durch  reine  Fremdkörperwirkung  zustandekoil 
kann.  ’-l 

Aussprache:  Herren  v.  Frey,  Flury,  Wessely,  Karbr 

Herr  Wessely:  Ueber  den  Flüssigkeätswechsel  des  Auges  und 
Regulierung  beim  Glaukom. 

In  den  letzten  10  Jahren  hat  sich  in  der  operativen  Therapie  des 
nischen  Glaukoms  mehr  und  mehr  das  Prinzip  der  sog.  „fistelbildenden“ 
rationell  durchgesetzt,  welches  in  der  Schaffung  einer  dauernden  Kom 
kation  in  der  Vorderkammer  mit  dem  subkonjunktivalen  Gewebe  be 
Die  Lagrange  sehe  Sklerektomie  fand  nur  langsam  Anklang,  die  Eil 
sehe  Trepanation  dagegen  wurde  mit  einem  fast  übermässigen  Enthusia 
aufgenommen,  auf  den  ein  Rückschlag  nicht  ausbleiben  konnte.  Wege 
Gefahr  der  Spätinfektion  und  häufigen  Schlusses  der  Fistel  wird  sie 
jetzt  auch  vielfach  bekämpft.  Von  mancher  Seite  wird  sogar  der  Gedank 
äussert,  der  ganze  Plan  der  Therapie,  dem  Kammerwasser  erleichtertet 
fluss  zu  schaffen,  sei  falsch,  weil  unsere  Vorstellungen  über  den  Flüssig 
Wechsel  im  Auge  irrige  seien.  Die  Leber  sehe  Lehre,  dass  die  Zilia 
sätze  die  Hauptbildungsstätte,  der  Kammerwinkel  der  Hauptabflusswe 
Kammerwassers  seien,  soll  ersetzt  werden  durch  die  neue  Hypothese,  nac 
es  weder  Quelle  noch  Wege  gibt,  sondern  die  Augenflüssigkeiten  ihrei 
stand  nur  zellulären  Klüften,  d.  h.  Stoffwechseltätigkeiten  der  sämtlieht 
umgebenden  Zellen  verdanken  (Hamburger,  W  e  i  s  s).  Danach  gä 
natürlich  keine  Regulierung  des  Flüssigkeitswechsels  mehr.  So  wieln 
ist,  die  modernen  Anschauungen  vom  Flüssigkeitshaushalte  der  Gewebe 
auf  da;  Auge  anzuwenden,  so  darf  doch  nicht  übersehen  werden,  da: 
tatsächlichen  Befunde  einer  Flüssigkeitsabströmmöglichkeit  im  Kai 
winkel  durch  den  Schlemm  sehen  Kanal  in  die  Venen  und  einer  Netib 
eiweisshaltigen  Kammerwassers  an  den  Ziliarfortsätzen  nach  Entleerun 
Kammer  oder  unter  der  Wirkung  hyperämisierender  Reize  zum  mim 
am  Tierauge  unzweifelhaft  zu  Recht  bestehen.  Beim  Menschen  soll  ab< 
Regeneration  der  Kammer  nach  Punktion  ganz  anders  erfolgen,  nämlicl 
zugsweise  aus  dem  Glaskörper,  und  der  neue  Kammerinhalt  völlig  eiwe 
sein.  So  soll  zwischen  Menschen-  und  den  zu  den  Versuchen  ben 
Säugetieraugen  ein  prinzipieller  Gegensatz  vorhanden  sein  (H  a 
Loewenstein,  R  a  d  o  s).  Vortragender  hat  demgegenüber  auf  I 
vergleichend-physiologischer  Untersuchungen  stets  betont,  dass  das  ml 
liehe  Auge  nicht  aus  der  Reihe  der  Säugetiere  herausfalle,  sondern 
graduelle  Verschiedenheiten  vorlägen,  die  in  dem  unterschiedlichen  Vf 
nisse  der  Kammerwassermenge  zum  gesamten  Bulbusvolumen  und  in 
entsprechend  verschiedenen  Bau  und  der  verschiedenen  Mächtigke 
Ziliarfortsätze  ihren  Ausdruck  fänden.  Durch  neue  Versuche  wird  dies« 
fassung  gestützt.  Erstens  ist  es  ein  Irrtum  und  beruht  auf  Anwendur 
geeigneter  Untersuchungsmethoden  (Refraktometer),  dass  das  Kai« 
regenerat  beim  Menschen  eiweissfrei  sei.  Am  gesunden  Auge  jugenc! 
Individuen  findet  sich  bei  Apokainanästhesie  (nicht  Kokain,  wegen 
verengernder  Wirkung)  eine  Eiweissvermehrung  im  zweiten  Katnmervj 
von  0,015  auf  0,175  Proz.  Ferner  lässt  sich  an  ein  und  derselben  11 
(Kaninchen)  int  Verlaufe  des  Wachstums  zeigen,  dass  der  im  Vergleich 
Bulbusvolumen  stärker  zunehmenden  Kammergrösse  der  Eiweissgeh;;« 
zweiten  Humor  aqueus  ständig  steigt.  Auch  an  ein  und  demselben  N 
individuum  lässt  sich  die  Durchläsisgkeit  der  Gefässwände  und  damfl 
Eiweissaustritt  (z.  B.  durch  Gewöhnung  an  hyperämisierende  Reize)! 
ieren.  Aehnlich  findet  man  an  dem  anatomischen  Substrat  der  Kafl 
Wasserproduktion  an  den  Ziliarfortsätzen  (G  r  e  e  f  f  s  Epithelblasen,  \l 
selys  Limitansabhebungen)  Abstufungen.  Somit  sind  die  Unterschied! 
sehen  Tier-  und  Menschenauge  nur  graduelle  und  die  im  Tierexperime: 
fundenen  Tatsachen  betreffs  der  Bedeutung  der  Abflusswege  (z.  B.  SekJ 
glaukoin  durch  Kammerwinkelverlegung)  dürften  für  die  menschliche  f 
logie  noch  weitgehend  ihre  Bedeutung  behalten.  Der  Plan,  durch  fistelbijl 
Operationen  dem  Kammerwasser  einen  ständigen  Abfluss  nach  den* 
kcnjunktivalan  Gewebe  zu  schaffen,  behält  daher  vorerst  noch  sein  1 
rechtigung.  Vortragender  zeigt  denn  auch,  dass  an  denjenigen  Gla< 
äugen,  die  einer  solchen  Druckregulierung  bedürfen,  die  Trepanation'1 
in  der  überwiegenden  Zahl  der  Fälle  dauernd  durchgängig  und  da:* 
konjunktivale  Filtrationskissen  jahrelang  erhalten  bleibt.  (Demonstrat < 
Von  112  an  der  Würzburger  Klinik  trepanierten  Fällen  von  chron* 
Glaukom  war  der  Druck  dauernd  völlig  reguliert  in  85  Proz.  der  Fäl 
Funktion  gebessert  oder  ganz  erhalten  in  75  Proz.  Ein  ausgesp-* 
schlechter  Ausgang  war  in  6  Proz.  der  Fälle  zu  verzeichne».  Diese  > 
sehr  günstigen  Ergebnisse  übertreffen  nicht  unmerklich  diejenigen  b 


ÄuRUSt  1923. 


MÜNCHßNRR  MEDIZINISCH^  WOCHENSCHRIFT. 


1073 


lektimie,  selbst  wenn  man  die  beste  der  Statistiken  (U  li  t  h  o  f  f)  daneben 
t.  Besonders  charakteristisch  sind  die  Resultate  einer  allerdings  erst  in 
i  Aniängen  befindlichen  Statistik  von  Fällen  chronischen  Glaukoms,  bei 
len  bei  möglichst  gleichem  Zustande  beider  Augen  an  ein  und  demselben 
inken  einerseits  die  Iridektomie,  andererseits  die  E  1 1  i  o  t  sehe  Trepa- 
\  inn  ausgeführt  wurde  und  die  bisher  lA — 5Ä  Jahre  unter  Beobachtung 
nden.  Hier  war  der  Druck  am  trepanierten  Auge  immer,  am  iridekto- 
•rten  nur  ganz  ausnahmsweise  reguliert  und  auch  hinsichtlich  der  Funk- 
ishaltung  erwies  sich  die  Trepanation  weitaus  günstiger.  Solch  ver¬ 
lebende  Prüfung  scheint  demnach  der  geeignetste  Weg,  in  der  Lösung 
strittigen  Fragen  weiterzukommen. 


Gesellschaft  der  Aerzte  in  Wien. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  15.  Juni  1923. 

Herr  A.  Strasser  stellt  einen  31jährigen  Mann  mit  ankylosierender 

rbelsäulenentzündung-  vor. 

Herr  G.  Schwarz  berichtet  von  einem  Fall  von  Beseitigung  der 

,  urie  durch  Röntgenbestrahlung. 

Herr  J.  Kaspar:  Beeinflussung  der  Struma  durch  leichte  Joddosen. 
Die  Kranken  bekommen  4/ioo  mg  Jodkali  pro  die,  bei  den  erfahrungs¬ 
näss  schwer  beeinflussbaren  Strumen  geht  Vortr.  auf  die  vierfache  Dosis. 

Das  Jodkali  wird  in  wässeriger  Lösung  gegeben.  Niemals  wurden  üble 
I  gen  beobachtet.  In  3 — 4  Wochen  nahm  der  Halsumfang  um  2 — 2'A  cm 

I  Vortr.  demonstriert  4  Geschwister,  bei  denen  der  Halsumfang  um 
i'A  ern  abnahm.  Bei  refraktärem  Verhalten  geht  Vortr.  bis  0,02  g  Jod- 
i  pro  die  hinauf.  Vortr.  demonstriert  2  junge  Männer,  von  denen  einer 
e  Stenose  der  Trachea  hatte.  „Auf  4/ioo  mg  pro  die  nahm  in  diesem  Falle 
r  Halsumfang  um  5  cm  ab.  Bei  dem  anderen  betrug  die  Abnahme  des  Hals- 
(fanges  5  cm.  Diese  Erfolge  weisen  den  Weg  zu  einer  grosszügigen  Kropf- 
landlung. 

Herr  P.  Werner  berichtet  über  Beeinflussung  gynäkologischer  Er- 

I  inkungen  durch  Bestrahlung  der  Hypophyse. 

[  Ein  Feld  von  2  cm  etwas  oberhalb  der  Mitte  der  Verbindungslinie  des 
»sersten  Punktes  der  Orbitalumrandung  und  des  obersten  Punktes  des 
hörganges  wurde  mit  18 — 20  Proz.  der  Hautdosis  von  einer  Siederöhre 
strahlt.  6  Fälle  von  Myom  und  7  Fälle  klimakterischer  Metrorrhagie 
rden  nicht  beeinflusst.  Als  später  die  halbe  Hautdosis  gegeben  wurde, 
reu  die  Erfolge  bei  Amenorrhoe,  Dysmenorrhöe  und  Anfallserscheinungen 
olge  von  Kastration  besser.  Vortr.  bezieht  die  Wirkungen  auf  Beein- 
ssung  der  Thalmuskerne  und  der  Tuber  cinereum.  Da  die  Einstellung  nur 
e  approximative  war,  ist  zu  erwarten,  dass  bei  besserer  Einstellung  die 
sultate  besser  sein  werden. 


Kieine  Mitteilungen. 

Nachweis  von  Tuberkelbaziflen  Im  Stuhl. 

Während  der  Nachweis  der  Tuberkelbazillen  im  Stuhl  für  die  Diagnose 
'  Darmtuberkulose  nicht  verwertbar  ist,  da  aus  verschlucktem  Sputum 
mmende  Tuberkelbazillen  im  Stuhl  erscheinen,  ist  er  aus  dem  gleichen 
unde  brauchbar  bei  solchen  Erwachsenen  und  Kindern,  die  ihr  Sputum 
rschlucken.  Ich  benutze  seit  Jahren  ein  einfaches  eigenes  Verfahren,  das 
n  Schöne  und  Weissenfels  (Zschr.  f.  Tuberkulose  1913,  Bd.  21, 
209)  nachgeprüft  wurde.  Es  ergab  sich,  dass  mein  Verfahren  dem  um- 
ndlicheren  Antiforminverfahren  gleichwertig,  wo  nicht  überlegen  ist,  und 
ss  es  einen  angenehmen  Ersatz  bieten  könnte  für  die  in  der  Pädiatrie  zur 
winnung  verschluckten  Sputums  angewandte  Magenspülung.  Die  M  e  - 
odik  ist  folgende:  Etwas  Stuhl  wird  mit  langem  Glasstab  im  Reagenz- 
ise  unter  Zusatz  von  soviel  destilliertem  Wasser  verrührt,  dass  eine 
t-weiche  Masse  entsteht,  die  nicht  oder  kaum  im  schräg  gehaltenen  Glase 
rabfliesst.  Man  gibt  dann  reichlich  Aether  zu,  verschliesst  mit  Guinmi- 
ipsel  und  schüttelt  kurz  durch.  Der  Aether  wird  in  ein  Zentrifugen¬ 
ischen  abgegossen  und  der  durch  kurzes  Abstehen  oder  Ausschleudern 
laltene  Bodensatz  —  nach  Abgiessen  des  Aethers  —  mit  einigen  Tropfen 
ther  aufgeschüttelt  und  auf  den  Objektträger  gegossen,  wo  er  sehr  gut 
itet.  Färbung  nach  Z  i  e  h  1.  Der  Bodensatz  besteht  fast  nur  aus  Bakterien 
d  ist  darum  angenehm  zu  mikroskopieren.  Die  ausserordentlich  einfache 
d  wenig  zeitraubende  Ausführungsweise  meines  zuverlässigen  Verfahrens 
ranlasst  mich,  in  einer  für  den  Praktiker  bestimmten  Zeitschrift  kurz 
rauf  hinzuweisen,  zumal  es  in  den  Lehrbüchern  nirgends  erwähnt  ist. 

Dr.  Max  R  e  h  -  Berlin-Lichterfeldc. 

Pockenepidetnie  in  der  Schweiz. 

Im  Bericht  des  Schweizerischen  Bundesrats  über  das  Gesundheitswesen 
s  Jahres  1922  wird  bei  der  Besprechung  über  die  seit  dem  Jahre  1921  in 
r  Schweiz  herrschende,  sich  in  bis  jetzt  13  Kantonen  allmählich  immer 
iter  ausbreitende  Pockenepidemie  unter  anderem  gesagt: 

„Die  ausgedehnte  Epidemie,  die  in  der  zweiten  Hälfte  1921  im  Kanton 
arus  ausgebrochen  war,  erlosch  endgültig  zu  Beginn  des  Jahres  1922. 
eses  glückliche  und  unerwartet  rasche  Erlöschen  einer  Epidemie,  die  sich 
ter  so  ungünstigen  Verhältnissen  entwickelt  hatte,  ist  sicher  zu  einem  guten 
uil  dem  Umstand  zuzuschreiben,  dass  die  Kantonsbehörden  unverzüglich  in 
n  verseuchten  Gegenden  des  Kantons  den  Impfzwang  eingeführt  haben.  Es 
iieint  uns  mehr  als  wahrscheinlich,  dass  die  gegenwärtige  Epidemie  auch 
hon  längst  erloschen  wäre,  wenn  alle  Kantone,  in  denen  sie  ausgebrochen 
•i  sich  zur  Befolgung  dieses  Beispiels  hätten  entschlossen  können.  Was 
s  in  dieser  Meinung  bestärkt,  ist  die  Tatsache,’  dass  alle  Kantone  mit 
ligatorischer  Impfung  (so  namentlich  die  Westschweiz,  Graubünden  und 
ssin)  trotz  der  vielen  Ansteckungsmöglichkeiten,  die  der  rege  Verkehr  mit 
n  infizierten  Gegenden  bot,  von  der  Epidemie  nicht  ergriffen  worden  sind, 
e  Mehrzahl  der  Pockenfälle  des  Jahres  1922  —  über  90  Prozent  —  betraf 
igeimpfte,  und  in  Fällen,  in  denen  Geimpfte  von  der  Krankheit  befallen 
urden,  handelte  es  sich  meistens  um  Personen,  bei  denen  der  durch  eine 
ipfung  im  Kindesalter  erworbene  Impfschutz  infolge  ihres  Alters  nicht  mehr 
rhanden  war. 


Wir  dürfen  deshalb  behaupten,  dass  die  Pocken,  die  in  den  Ländern  mit 
regelmässiger  und  systematischer  Impfung  fast  restlos  verschwunden  sind, 
bei  uns  nur  deshalb  einen  günstigen  Boden  für  ihre  Ausbreitung  gefunden 
haben,  weil  die  Impfung  nur  noch  in  einigen  Kantonen  obligatorisch  ist, 
während  die  anderen  den  Impfzwang  abgeschafft  haben  unter  dem  Einfluss 
einer  Propaganda,  die  zur  Erreichung  ihrer  Zwecke  Behauptungen  aufstellt, 
die  auf  schlechter  Beobachtung  oder  falscher  Deutung  von  Tatsachen  beruhen 
und  sehr  oft  auch  in  allen  Teilen  erfunden  sind. 

Der  Schluss,  der  sich  bei  der  Betrachtung  der  jetzigen  Epidemie  auf¬ 
drängt,  ist  der,  dass  der  Impfung  —  der  einzigen,  dafür  aber  unbedingt  wirk¬ 
samen  Massnahme  zur  Bekämpfung  der  Pocken  —  wieder  das  Zutrauen  der 
Bevölkerung  verschafft  werden  muss,  das  sie  nie  hätte  verlieren  sollen.“ 

(Volkswohlfahrt.) 

Die  Pest  in  der  Kirgisensteppe. 

Die  südrussische  Kirgisensteppe  ist  als  ein  Pestherd  von  jeher  bekannt, 
in  dem  alljährlich  eine  Reihe  von  Fällen  zur  Beobachtung  kommen.  Ueber 
die  Pesterkrankungen  im  Winter  1922/23  teilt  Dr.  G  a  i  s  k  i,  der  Leiter  des 
Pestlaboratoriums  in  Alexandrowgai,  einer  in  der  Steppe  gelegenen  Kirgisen¬ 
stadt,  die  durch  eine  Seitenlinie  mit  der  grossen  Eisenbahn  nach  Astrachan 
verbunden  ist.  mit,  dass  im  November  vorigen  Jahres  in  der  Ansiedelung 
Kany  Tschagal  14  Personen  an  Lungenpest  erkrankten  und  starben.  In  einem 
Fall  bestand  zugleich  Bubonenpest.  In  der  Zeit  vom  7.  bis  14.  Januar  1923 
starben  in  Jeremen  6  Menschen  an  Lungenpest,  während  die  letzte  Hälfte  des 
Januar  in  der  Ansiedelung  Kun  Bernen  und  ihrer  Umgebung  eine  Epidemie 
von  77  Fällen  brachte,  von  denen  75  Personen  an  Lungenpest  starben, 
während  die  beiden  anderen,  die  nur  eine  Erkrankung  der  Drüsen  zeigten, 
durchkamen.  In  jener  Gegend  befinden  sich  eine  Reihe  von  Peststationen, 
die  schon  vor  dem  Kriege  eingerichtet  wurden  und  auch  jetzt  ihre  Tätigkeit 
fortführen.  Die  eben  genannten  Orte  befinden  sich  in  unmittelbarer  Nähe  der 
deutschen  Wolgakolonien,  in  denen  selbst  bisher  kein  Pestfall  zur  Beob¬ 
achtung  gekommen  ist.  In  ihrem  Bereich  befindet  sich  eine  Peststation  im 
Dorfe  Sawinka,  an  dessen  Spitze  ein  erfahrener,  mit  den  Verhältnissen  seit 
langen  Jahren  vertrauter  Arzt  steht. 


Tarif  der  Deutschen  Röntgengesellscliaft  ab  1.  August  1923. 

(Minimal  tarif  für  Krankenkassen  usw.) 

I.  Unkostentarif :  a)  Diagnostik:  Platte  9  X  12  =  89  000  M.  (Zahn¬ 
film  ebenso).  13  X  18  =  122  000,  18  X  24  —  175  000,  24  X  30  =  262  500. 
30  X  40  =  411  500,  40  X  50  —  683  500,  Orthodiagramm  110  000,  Durch¬ 
leuchtung  95  500,  Citobaryummahlzeit  70  000,  Schlauchfüllung  140  000,  Einlauf 
mit  Citobaryum  100  000,  Abzüge  bis  zur  Grösse  18  X  24  =  60  000,  grössere 
120  000,  Glasdiapositiv  150  000.  —  b)  Therapie:  I.  Oberfl.  1  M.A.M. 
—  1500,  2.  (vollw.)  Tiefenther.  1  M.A.M.  =  4000  M. 

II.  Honorartarif:  Allg.  D.  Geb.O.  (Ausg.  m.  Deckbl.)  Ziff.  336 — 371'X  1500. 


Galerie  hervorragender  Aerzte  und  Naturforscher. 

Die  allgemeine  Teuerung  hat  uns  dazu  gezwungen,  auch  für  die  Galerie 
nunmehr  Grundpreise  anzusetzen.  Der  Grundpreis  für  die  in  letzter  Zeit 
erschienenen  Bilder  (M.  v.  G  r  u  b  e  r,  A.  v.  Strümpell,  O  u  i  n  c  k  e, 
Marchand,  Schleich,  Penzoldt)  beträgt  für  unsere  Bezieher 
10  Pfennig  für  das  Bild  und  für  Nichtabonnenten  20  Pfennig.  Früher  er¬ 
schienene  Bilder  können  zum  Grundpreise  von  5  Pfennig  für  Bezieher  und 
10  Pfennig  für  Nichtbezieher  geliefert  werden.  Die  Grundzahl  ist  mit  der 
vom  Börsenverein  deutscher  Buchhändler  amtlich  festgesetzten  Schlüsselzahl 
—  am  8.  August  80  000  —  zu  vervielfachen.  Für  unsere  Auslagen  an  Porto 
und  Verpackung  kommt  bei  Einzelversendung  noch  ein  Zuschlag  von  M.  1500 
für  das  Bild  hinzu.  Bei  Bestellungen  bitten  wir  den  Betrag  gleichzeitig  auf 
das  Postscheckkonto  J.  F.  L  e  h  m  a  n  n  s  Verlag,  München  129,  einzuzahlen. 


Therapeutische  Notizen. 

Zur  Schmierseifenbehandlung  der  Tuberkulose. 

Prof.  Heinz  hat  (M.m.W.  1923  Nr.  20)  gegen  Tuberkulose  eine  Kom¬ 
bination  von  10  Proz.  Terpentinöl  und  Schmierseife  empfohlen,  wobei  er  die 
letztere  nur  als  Vehikel  benutzt,  weil  sie  reinlicher  als  Salbe  sei  und  sich 
besser  einreiben  lasse.  Die  Verkennung  der  Wirkung  der  Schmierseife  muss 
eigentlich  wundernehmen,  denn  dieses  uralte  Volksmittel  ist  doch  schon  vor 
Dezennien  von  Kappesser  und  anderen  Autoren  auch  in  der  medizinischen 
Literatur  gegen  Tuberkulose  warm  empfohlen.  Wenn  die  Schmierseifen- 
behandlung  trotzdem  nicht  Allgemeingut  der  Aerzte  wurde,  so  kam  das  daher, 
weil  ihre  Anwendung  gewisse  Nachteile  bot,  weil  die  Seife  vielfach  aus 
schlechten,  ungleichmässigen  Rohstoffen  bestand  und  -so  unwirksam  war.  und 
weil  man  vor  allem  glaubte,  dass  sie  nur  zur  Hautreizung  diene.  Schon  seit 
dem  Jahre  1911  habe  ich  in  Wort  und  Schrift  die  Meinung  vertreten,  dass  die 
Schmierseife  eine  spezifische  Wirkung  ausübt,  dass  sie  durch  ihre  Lipoid¬ 
löslichkeit  die  Wachshüllen  der  Tb.-Bazillen  auflöst  und  durch  ihren  Alkali¬ 
gehalt  die  sauren  Toxine  paralysiert  und  entgiftet.  Grundbedingung  für  die 
Wirkung  ist  aber  ein  chemisch  und  physikalisch  gleiohmässiges  Präparat  von 
bestimmtem  Alkaligehalt.  Ich  Hess  daher  eine  einwandfreie,  leicht  verreibbare 
Schmierseifenkombination  mit  eigens  hierzu  aus  kalt  geschlagenem  Leinöl 
bereiteter  Sapo  kalinus  herstellen,  die  unter  dem  Namen  Sudian  in  weiten 
Aerztekreisen  bekannt  wurde.  Besondere  Beachtung  haben  die  ausgedehnten, 
erfolgreichen  Versuche  gefunden,  die  Prof.  Springfeld  im  Kreise  Hümm¬ 
ling,  in  dem  die  grösste  Tb. -Morbidität  Deutschlands  herrscht,  mit  Sudian 
ausführen  liess  x).  Das  Sudian  habe  ich  auch  mit  Guajakol,  Kreosot  etc.  kom¬ 
binieren  lassen  in  der  Erwartung,  den  Effekt  zu  steigern,  aber  nie  bessere 
Resultate  als  mit  dem  reinen  Präparat  erzielt.  Ob  ein  Zusatz  von  Terpentinöl 
zum  Sudian  therapeutisch  besser  wirkt,  werden  Versuche  lehren. 

Auch  bei  Lepra  dürfte  die  Schmierseife  allein  wirksam  sein,  so  wurde 
mir  schon  vor  Jahren  berichtet,  dass  die  eingeborenen  Medizinmänner  Ost¬ 
afrikas  die  Lepra  mit  Schmierseife  behandelten  und  auch  dabei  Heilungen 
erzielt  hätten.  Dr.  Mosberg  - Bielefeld. 


4)  Mosberg:  Vorläufige  Mitteilung  über  die  Erfolge  der  Sudian- 
behandlung  der  Tuberkulose  im  Reg.-Bez.  Osnabrück  bzw.  ira  Kreise  Hümm¬ 
ling.  M.K1.  1914  Nr.  6. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 


]i)74 


In  einer  zusammenfassenden  Uebersicht  über  die  Therapie  der 
Vulvovaginitis  gonorrhoica  infantum  berichtet  W. S  c  h  m  i  d  t - 
Frankfurt  a.  M.  auch  über  die  von  Ben  da  empfohlenen  Olobuli  in  Suppo- 
sitorienform  Homefa  (zusammengesetzt  aus  Thigenol  5  Proz..  Choleval 
Merck  0.5  Proz..  Hegonon  Schering  0,5  Proz.,  Arg.  proteinic.  3  Proz..  Chinin, 
hydrochlor.  2,5  Proz.,  Hydrarg.  oxycyanat.  0,2  Proz.,  Acid.  boric.  3  Proz., 
hergestellt  von  der  Firma  Karl  Horn  &  Co..  Frankfurt  a.  M.,  Ludwigstr.  27). 
bei  deren  Anwendung  in  einem  Fall  mit  stets  positivem  Gonokokkenbefund 
bei  einem  8  jährigen  Mädchen  die  eitrige  Sekretion  sehr  schnell  nachliess  und 
die  Gonokokken  in  etwa  14  Tagen  verschwanden.  Die  Globuli  vaginales 
haben  den  Vorteil  bequemer  Anwendung,  die  von  der  Mutter  leicht  erlernt 
und  wegen  der  Bequemlichkeit  meist  pünktlich  durchgeführt  wird.  (Ther.  d. 
Gegenw.  1922,  April.)  R.  S. 

S  c  h  i  1  d  b  a  c  k  ist  ein  von  Prof.  L.  Huismans  in  Köln  angegebenes 
zweckmässiges  Schilddrüsenpräparat,  bestehend  in  einem  quadratischen,  in 
Aluminiumfolie  einzelverpackten,  je  0,3  g  Schilddrüse  mit  der  Brühe  ent¬ 
haltenden  Zwieback,  der  von  der  Firma  Bertram  Weiss  in  Köln,  Nährmittel¬ 
fabrik,  Pharmaz.  Abt.,  hergestellt  und  nur  auf  ärztliche  Verordnung  abgegeben 
wird.  (Ther.  d.  Gegenw.,  Juli  1923.)  R.  S. 

S  o  m  n  o  1  i  n  ist  ein  neues  Hypnotikum  und  Antineuralgikum,  über 
welches  W.  Steinbrinck  nach  Erfahrungen  an  mehreren  Hundert 
Kranken  der  mediz.  Abteilung  des  städt.  Krankenhauses  Allerheiligen  in 
Breslau  berichtet.  Das  Mittel  ist  eine  Kombination  des  Chlorals  mit  dem 
Azetyl-Para-  Aminophenol,  der  Muttersubstanz  des  Phenacetins.  Die 
Indikationen  sind  Asomnie  und  Erregungszustände  aller  Art,  sowie  Neuralgien, 
insbesondere  Migräne,  die  Dosierung  je  nach  Erfordern  1 — 2  Tabletten 
pro  die.  Der  Erfolg  war  im  allgemeinen  recht  gut,  völliges  Versagen  war 
selten,  die  Verträglichkeit  war  (bei  Darreichung  zerrieben  und  aufgeschwemmt 
in  einer  halben  Tasse  warmen  Getränkes)  durchweg  gut,  die  Wirkung  zeigte 
sich  1 — 1/4  Stunden  nach  der  Aufnahme  und  hielt  meist  bis  zum  Morgen  an. 
(Darstellung:  Chemische  Fabrik  J.  A.  Wülfing  in  Berlin.)  (Ther.  d.  Gegenw., 
Juli  1923.)  R.  S. 


Tagesgeschichtliche  Notizen. 

München,  den  8.  August  1923. 

—  Sterbekassaverein  der  Aerzte  Bayerns.  Das 
Reichsaufsichtsamt  für  die  privaten  Versicherungsunternehmungen  hat  die 
Aenderung  der  Satzung  betr.  vereinfachter  Form  der  Auflösung  genehmigt. 
Es  findet  daher  eine  ausserordentliche  Generalversammlung  am  9.  September 
d.  J.,  vorm.  9  Uhr,  zu  München,  Altheimereck.  20/1  links  statt.  Tages¬ 
ordnung:  1.  Beschlussfassung  bezüglich  der  Auflösung  des  Vereins,  2.  Liqui¬ 
dationsverfahren. 

—  Unter  Aenderung  des  Abs.  II  der  VO.  vom  29.  XII.  22  über  die 
Gebühren  der  Aerzte  und  Zahnärzte  in  der  Privatpraxis 
(GVBil.  S.  698,  StA.  1923  Nr.  5)  und  Aufhebung  der  VO.  vom  10.  VII.  23 
Nr.  5188  a  41  (StA.  Nr.  168)  wird  bestimmt,  dass  zu  den  Sätzen  der  Teile  II 
A  und  B  sowie  III  der  Preuss.  Geb.O.  vom  10.  XII.  22  (Deutsch.  Reichsanz. 
Nr.  281),  für  Bayern  übernommen  durch  die  VO.  vom  29.  XII.  22,  mit  Wirkung 
ab  15.  VII.  23  ein  Teuerungszuschlag  von  10  900  v.  H.,  mit  Wirkung  ab 
21.  VII.  23  ein  Teuerungszuschlag  von  21  900  v.  H.,  mit  Wirkung  ab  1.  VIII.  23 
ein  Teuerungszuschlag  von  39  900  v.  H.  tritt. 

—  Der  vom  23.  bis  28.  Juli  1923  abgehaltenen  zweiten  diesjährigen  prak¬ 
tischen  und  mündlichen  Prüfung  für  den  ärztlichen  Staatsdienst 
unterzogen  sich  23  Aerzte.  Hiervon  erhielten  7  die  Note  I,  13  die  Note  II, 
3  die  Note  III.  Die  nächste  praktische  und  mündliche  Prüfung  findet  in  der 
Woche  vom  22.  bis  27.  Oktober  1923  statt. 

—  Vom  Aushilfsfonds  der  Notgemeinschaft  deut¬ 
scher  Aerzte  (Geh.  Rat  Schwalbe,  Postscheckkonto  Berlin  25  058) 
sind  dem  Pensionsverein  für  Witwen  und  Waisen  bayerischer  Aerzte  4  Mil¬ 
lionen  Mark  überwiesen  worden. 

—  Vor  25  Jahren,  am  1.  August,  wurde  das  Städtische  Säuglingsheim  in 
Dresden  (Direktor:  Prof.  Dr.  B  a  h  r  d  t)  eröffnet,  das  das  erste  Säuglings¬ 
krankenhaus  in  Deutschland  war.  Es  wurde  in  diesem  Vierteljahrhundert 
von  seinem  Gründer  Prof.  Dr.  Schloss  mann  und  der  Reihe  nach  von 
den  Professoren  Salge.  Rietschel  und  B  a  h  r  d  t  geleitet  und  ist  vor¬ 
bildlich  gewesen  für  alle  später  eingerichteten  Säuglingskrankenhäuser  des 
In-  und  Auslandes. 

—  In  England  haben  Bestrebungen  eingesetzt,  um  die  Forschungen 
gegen  das  Krebsleiden  in  Uebereinstimmung  zu  bringen.  Unter 
dem  Namen  „Britische  Reichs-Krebsbekämpfung“  wurde  eine  neue  Gesell¬ 
schaft  gegründet,  die  bezweckt,  das  notwendige  Kapital  zu  diesem  Zweck 
aufzubringen.  Die  Forschungen  werden  im  ganzen  Reich  unternommen 
werden.  Es  werden  Ausschüsse  eingesetzt,  die  sich  mit  der  Medizin,  mit 
der  Operation,  mit  der  Hygiene  und  mit  der  chemischen  Bekämpfung,  mit 
der  Physik  befassen.  .  Jede  Entdeckung  des  einen  Ausschusses  wird  sofort 
allen  anderen  mitgeteilt,  um  dadurch  die  Arbeiten  zu  unterstützen.  Die  neue 
Gesellschaft  wird  eine  Art  Zentrale  für  alle  diese  Ausschüsse  bilden.  (Volks¬ 
wohlfahrt.) 

—  Ein  Kursus  über  Gesundheit  und  Erziehung  in  der 
Jugendfürsorge  wird  vom  19.  bis  22.  September  1923  vom  Deutschen 
Verein  für  öffentliche  und  private  Fürsorge  auf  der  Kindererholungs¬ 
stätte  Wegscheide  bei  Bad  Orb  veranstaltet.  Arbeitsplan:  (Kurs¬ 
leitung:  Dr.  P  o  1 1  i  g  k  e  i  t.)  Die  Grundlagen  einer  planmässigen  Gesund¬ 
heitspflege  und  Gesundheitsfürsorge  nach  dem  R.  J.  W.  G.  (Dr.  Pollig- 
k  e  i  t  -  Frankfurt  a.  M.).  Säuglingsschutz  und  Säuglingsfürsorge  vom  Stand¬ 
punkt  der  Sozialhygiene  und  der  Jugendfürsorge  (Min.-Rat  Dr.  Baiser- 
Darmstadt).  Die  Durchführung  der  Krüppelfürsorge  (Dr.  Harms-  Mann¬ 
heim).  Tuberkulosefürsorge  bei  Kindern  und  Jugendlichen  (Prof.  Dr.  Simon- 
Frankfurt  a.  M.).  Die  Schulkinderspeisung  als  soziale  und  hygienische  Ein¬ 
richtung  der  Schule  (Stadt-Med.-Rat  Dr.  Oschmann  -  Erfurt).  Oertliche 
Erholungsfürsorge  statt  kostspieliger  Kurunterbringung  (Stadt-Med.-Rat 
Dr.  Fischer-Defoy  -  Frankfurt  a.  M.).  Landaufenthalt  und  Erholungs¬ 
heime:  1.  vom  gesundheitlichen  Standpunkt  (Med. -Rat  Dr.  G  a  s  t  p  a  r  -  Stutt¬ 
gart):  2.  vom  erzieherischen  Standpunkt  (Rektor  J  a  s  p  e  r  t  -  Frankfurt  a.  M.). 
Gesundheitliche  und  schulmässige  Versorgung  chronisch  kranker  Kinder 
(Stadtschuloberarzt  Dr.  B  a  n  d  e  1  -  Nürnberg).  Schulärztlicher  Dienst  (Stadt- 


Med.-Rat  Dr.  Stephani  -  Mannheim).  Heilpädagogik  in  Schule  und  Elte 
haus  (Prof.  Dr.  H  ä  b  e  r  1  i  n  -  Basel).  Die  Dringlichkeit  besonderer  Fürsor 
massnahmen  für  die  Gesundheit  der  schulentlassenen  Jugend  (Stadt-Med.-l 
Dr.  S  c  h  n  e  I  1  -  Frankfurt  a.  M.).  Jugendpflege  und  Jugendbewegung 
die  ärztliche  Fürsorgearbeit  (Stadtarzt  Dr.  H  a  g  e  n  -  Höchst  a.  M.).  |1 
Gesundheitsfürsorge  für  Jugendliche  in  einem  Kreiswohlfahrtsamt  (Med.-I  , 
Dr.  H  e  i  d  -  Heppenheim  a.  d.  B.).  Gesundheitsamt,  Jugendamt  und  Wi 
fahrtsamt  unter  städtischen  Verhältnissen  (Beigeordneter  Dr.  Kraut  wi  1 
Köln).  Da  am  16.  und  17.  September  die  Tagung  der  Fürsorgeärzte  I 
Münster  stattfindet,  steht  den  Teilnehmern  beider  Veranstaltungen  >1 
18.  September  als  Reisetag  zur  Verfügung.  Wegscheide  (früherer  Trupp  I 
Übungsplatz)  liegt  eine  Stunde  von  Bad  Orb  entfernt  (Linie  Frankfurt-Betl 
Seitenbahn  Wächtersbach-Bad  Orb).  Die  Teilnehmer  erhalten  dort  Herbe  i 
und  Verpflegung  zum  Tagessatz  von  50  000  M.  (Einzahlung  auf  der  W  j 
scheide)  Anmeldungen  müssen  bis  Mittwoch,  den  12.  September  in  <1 
Geschäftsstelle  Frankfurt  a.  M..  Stiftstr.  30,  eingegangen  sein. 

—  An  der  Universität  Erlangen  findet  vom  15.  bis  20.  Oktober  d. I 
ein  ärztlicher  Fortbildungskursus  über  die  Fortschritte  J 
Medizin  der  letzten  Jahre  statt.  Bestimmte  Anmeldungen  sind  an  die  Me  I 
zinische  Klinik  zu  richten,  die  auf  Wunsch  auch  den  Vorlesungsplan  üb  I 
mittelt.  Die  Kliniken  wollen  nach  Möglichkeit  auch  Räume  zur  Verfügtl 
stellen,  um  wenigstens  einen  Teil  der  sich  rechtzeitig  anmeldenden  Kolleta 
unterzubringen. 

—  Bad  Kissinger  Fortbildungskurs  für  praktisch 
Aerzte  vom  3.  mit  6.  September  1923.  An  Stelle  des  verstorbenen  He  I 
Geh.  Rat  v.  Hess  liest  Herr  Geh.  Rat  Wessels-  Würzburg,  Prof.  H  I 
manns  van  den  B  e  r  g  h  -  Utrecht  liest  über  neueste  Diabetesthera;! 

—  III.  Jahresversammlung  der  Deutschen  Gesell 
Schaft  für  Vererbungswissenschaft  in  München  v  I 
24.  bis  27.  September  1923.  Allgemeine  Vorträge:  H.  W  i  n  k  I  e  r  -  Hambui 
Ueber  die  Rolle  von  Kern  und  Protoplasma  bei  der  Vererbung;  H.  Spil 
mann-  Freiburg  i.  Br.:  Vererbung  und  Entwicklungsmechanik;  O.  R  e  n  n  e| 
Jena:  Vererbung  bei  Artbastarden.  Anmeldung  von  Vorträgen  sind  an  (I 
Schriftführer  der  Gesellschaft,  Prof.  Dr.  H.  Nachtsheim  -  Berlin-Dahhil 
Institut  für  Vererbungsforschung,  Schorlemer  Allee,  zu  richten.  In  Wohnunl 
angelegenheiten  gibt  Herr  Privatdozent  Dr.  O.  K  o  e  h  1  e  r  -  Münchii 
Zoologisches  Institut,  Neuhauserstr.  51,  Auskunft. 

—  Pest.  Aegypten.  Vom  25.  Juni  bis  1.  Juli  41  Erkrankungen,  davl 
in  Alexandrien  1  und  Port  Said  2. 

—  In  der  27.  Jahreswoche,  vom  1.  bis  7.  Juli  1923,  hatten  von  deutscll 
Städten  über  100  000  Einwohner  die  grösste  Sterblichkeit  Augsburg  mit  lfl 
die  geringste  Barmen  mit  6,9  Todesfällen  pro  Jahr  und  1000  Einwohnl 

Vöff.  R.-O.-A  3 

Hochschulnachrichten 

Breslau.  Zum  Rektor  magnificus  für  das  Studienjahr  1923/24  wuijj 
Domprobst  Johannes  N  i  k  e  1,  Professor  der  katholischen  Theologie  gewäll 
zum  Dekan  der  mediz.  Fakultät  Prof.  Dr.  H  i  n  s  b  e  r  g,  Direktor  der  Uniij 
Ohrenklinik.  —  Der  Unterstützungsfonds  des  Schlesischen  Adels  für  die  ntj 
leidende  Studentenschaft  hat  erneut  namhafte  Beträge  überwiesen.  Es  1 
hielten  die  Breslauer  Studentennot  zwecks  Verteilung  an  bedürftige  Sl 
dierende  10  Millionen,  das  Studentenheim  zu  Breslau  2/4  Millionen,  (I 
Johanneum  1/4  Millionen,  insgesamt  14  Millionen.  Möchte  dieses  edle  B|(| 
spiel  auch  in  anderen  Provinzen  Nachahmung  finden!  (hk.) 

Frankfurt  a.  M.  Der  Privatdozent  für  Kinderheilkunde  an  der  Frahl 
furter  Universität  Dr.  med.  Paul  Grosser  wurde  zum  nichtbeamtelit 
ausserordentlichen  Professor  ebenda  ernannt,  (hk.) 

München.  Dem  Honorarprofessor  Oberregierungsrat  a.  D.  Obi 
medizinalrat  Dr.  Otto  Messerer  wurde  der  Titel  eines  Geheimen  Medizin! 
rates  verliehen. 

Tübingen.  Den  Privatdozenten  Dr.  Ernst  Kretschmer  (P.<l 
chiatrie  und  Neurologie)  und  Dr.  Otto  Jüngling  (Chirurgie)  ist  die  Dien J 
bezeichnung  ausserordentlicher  Professor  verliehen  worden,  (hk.) 

Wien.  Dr.  Anton  P  r  i  e  s  e  1  ist  als  Privatdozent  für  pathologisch 
Anatomie  an  der  Wiener  Universität  zugelassen  worden,  (hk.) 
Todesfall. 

Der  amerikanische  Hygieniker  H.  M.  B  i  g  g  s  in  New  York,  63  Jahre  J 


Abdruck.  Amtliches.  (Bayern). 

Verordnung  des  Staatsmlnisteniums  des  Innern  vom  19.  VII.  23  Nr.  5187  a 
über  die  Gebühren  für  ärztliche  Dienstleistungen  bei  Behörden. 

Mit  Wirkung  ab  20.  VII.  23  werden  die  Gebühren  für  ärztliche  Dien.  1 

17X10 2  715 

leistungen  bei  Behörden  nach  der  VO.  vom  '  '  ,  GVB1.  S.  —  und  ci 

4.  VIII.  10  415 

dieser  VO.  beigegebenen  Gebührenordnung  wie  folgt  festgesetzt: 

1.  Die  Mindestsätze  des  §  3  Abs.  II  und  III  der  VO.  werden  auf  dl 
6000  fache  erhöht,  als  Vergütung  nach  §  11  Abs.  II  wird  das  6000  fache  cl 
dortigen  Satzes  bestimmt. 

2.  Die  Sätze  der  Ziff.  14  der  Gebührenordnung  werden  auf  das  8000  facti 
der  Mindestsatz  der  Ziff.  1  wird  auf  das  4000  fache,  der  Mindestsatz  cl 
Ziff.  11  auf  das  2500  fache,  die  übrigen  Mindestsätze  werden  auf  das  6000  fac! 
erhöht. 

3.  Als  Höchstsatz  darf  das  10  fache  der  durch  die  vorstehende  Regelud 
bestimmten  Sätze  berechnet  werden;  dies  gilt  auch  für  jene  Ansätze,  '/I 

17  XI  02 

welche  die  VO.  vom  -  ^  ‘  einen  Spielraum  zwischen  Mindestsatz  u. 

Höchstsatz  nicht  vorsieht. 

Für  besonders  gelagerte  Ausnahmefälle,  so  bei  besonders  leistuntl 
fähigen  Zahlungspflichtigen,  wird  gestattet,  diese  Sätze  zu  überschreiten.  /. 

Diese  Sätze  treten  an  die  Stelle  der  Sätze  der  VO.  vom  2.  VII.  j 
Nr.  5187  a  31,  StA.  Nr.  161. 

i:.T=.-=-r_  -  - - ls—: — .'i .  .  ■! 

Reichsteuerungsindex. 

Der  Reichsteuerungsindex  für  Ernährung,  Heizung,  Beleuchtung,  Wohnu  i 
und  Kleidung  beträgt  am  11.  Juli  21511,  am  16.  Juli  28  892  und  am  23.  J  i 
39  336.  Basiszahl  1913/14  —  1. 

Die  Buchhändler-Schlüsselzahl  ist  ab  7.  VIII.  1923:  80 0' 


Verlag  von  J.  F.  Lehmann  in  München  SW.  2,  Paul  Heyse-Str.  26.  —  Druck  von  E.  Mühlthaler’s  Buch-  und  Kunstdruckerei  G.m.b.  H.  München. 


Preis  der  einzelnen  Nummer  freibleibend  Jl  18000.-.  •  Bezugspreis 
n  Deutschland  und  Ausland  siehe  unter  Bezugsbedingungen. 
Zusendungen  sind  zu  richten 

ür  die  Schriftleitung:  Amulfstr.  26  (Sprechstunden  8H—  1  Uhr), 
ür  Bezug :  an  J.  F.  L  e  h  m  a  n  n  s  V  e  r  I  a  g ,  Paul  Heyse-Strasse  26. 


Anzeigen-Annahme : 

Leo  Waibel,  München,  Theatinerstrasse  3. 
Anzeigenschluss! 

Immer  5  Arbeitstage  vor  Erscheinen. 


MÜNCHENER 

Medizinische  Wochenschrift 

ORGAN  FÜR  AMTLICHE  UND  PRAKTISCHE  ÄRZTE. 


r.  33.  17.  August  1923. 


Schriftleitung:  Dr.  B.  Spatz,  Arnulfstrasse  26.  __ 

Verlag:  J.  F.  Lehmann,  Paul  Heysestrasse  26.  JcuirQ<UlQ. 


Der  Verlag  behält  sich  daa  ausschliessliche  Recht  der  Vervielfältigung  und  Verbreitung  der  in  dieser  Zeitschrift  zum  Abdruck  gelangenden  Originalbeitrage  vor. 


Originalien. 

US  der  Chirurg.  Abt.  des  städt.  Krankenhauses  München  r.  d.  I. 

(Chefarzt:  Dr.  Max  Qrasmann.) 

ur  Diagnose  intraabdomineller  Verletzungen  durch 
Sumpfe  Gewalt  sowie  zur  Differentialdiagnose  ver¬ 
schiedener  intraabdomineller  Erkrankungen. 

Von  Dr.  Max  Qrasmann. 

Die  Diagnose  intraabdomineller  Verletzungen  durch  stumpfe 
ewalt  kann  manchmal  auch  dem  erfahrenen  Arzte  Schwierigkeiten 
-reiten,  besonders  wenn  die  Bauchquetschung  durch  Verletzung 
js  Brustkorbes,  der  Brustefngeweide,  des  Retroperitoneums,  der 
irbelsäule  oder  des  Beckens  kompliziert  ist.  Gerade  die  der  chirur- 
schen  Behandlung  zugängigen  Fälle  machen  nicht  selten  im  Friih- 
adium  keine  alarmierenden  Symptome.  In  zweifelhaften  Fällen 
izuwarten  ist  sehr  verantwortungsvoll,  denn  die  Prognose  ist,  ab- 
isehen  von  der  Schwere  der  Verletzung,  von  der  Frühdiagnose 
ld  Frühoperation  abhängig.  Wie  jede  Stunde  des  Zuwartens  die 
orhersage  verschlechtert,  zeigt  am  evidentesten  die  Statistik  von 
schistosserhof  (Beiträge  zur  klin.  Chir.,  Bd.  79,  I.). 

Von  den  innerhalb  der  ersten  6  Stunden  operierten  Kranken 


^Urdun.u  , . 50  Proz., 

innerhalb  der  nächsten  6 — 24  Stunden . 12  Proz., 

nach  24  Stunden  . .  proz"' 

geheilt. 


Unser  Bestreben  muss  also  dahin  gehen,  schon  innerhalb  der 
steil  Stunden  nach  dem  Trauma  festzustellen,  ob  ein  Organ  der 
luchhöhle  verletzt  ist.  Welches  Organ  geschädigt  ist,  kann  nur  in 
izelnen  Fallen  mit  grösster  Wahrscheinlichkeit  bestimmt  werden, 
aktisch  ist  diese  Frage  ohne  grössere  Bedeutung,  da  jede  Ver- 
tzung  eines  Bauchorgans  die  Operation  indiziert.  Die  Kenntnis  der 
mptome  intraabdomineller  Verletzungen  ist  für  den  praktischen 
-zt  von  grösster  Bedeutung:  Er  sieht  den  Kranken  in  vielen  Fällen 
erst,  er  soll  die  Diagnose  stellen  und  den  Verletzten  möglichst 
sch  dem  Facharzt  zuführen. 

Aus  der  Erzählung  des  Herganges  der  Verletzung  dürfen  wir  für 
sere  Diagnose  nicht  viele  Schlüsse  ziehen,  denn  die  schwersten 
uichkontusionen  brauchen  keine  inneren  Verletzungen  zu  verur- 
chen;  anderseits  können  relativ  geringe  Gewalteinwirkungen 
hwere  Schädigungen  hervorrufen.  Welche  Faktoren  dabei  aus- 
nlaggebend  sind,  lässt  sich  im  Einzelfall  nicht  bestimmen.  Viel 
ehr  interessieren  uns  Mitteilungen  über  das  Verhalten  des  Kranken 
aerhalb  der  ersten  Stunden  nach  dem  Trauma.  Erfahren  wir, 
ss  sich  der  Kranke  nach  der  Verletzung  zuerst  erholte,  sein  All- 
■meinbefinden  sich  jedoch  nach  1 — 3  Stunden  verschlimmerte,  oder 
ss  sich  erst  einige  Stunden  nach  dem  Trauma  schwerere  Erschei¬ 
ngen  einstellten,  dass  erst  nach  Ablauf  dieser  Zeit  Erbrechen  auf- 
it,  dass  der  Puls  innerhalb  weniger  Stunden  rascher  und  kleiner 
worden  oder  die  Temperatur,  wenn  auch  nur  um  einige  Zehntel, 
stiegen  ist,  so  haben  wir  sehr  wichtige  Anhaltspunkte  gewonnen, 
ets  müssen  wir  uns  erkundigen,  ob  Urin  gelassen  wurde,  ob  der- 
Ibe  mit  Blut  vermengt  war. 

Die  Symptome  der  intraabdominellen  Verletzungen  werden  ein¬ 
teilt  in  Allgemein-  und  Lokalsymptome.  Finden  wir  den  Kranken 
rze  Zeit  nach  der  Verletzung  apathisch,  nur  langsam  und  unwillig 
sere  Fragen  beantwortend,  mit  blassem  Gesicht,  spitzer  Nase,  mit 
Item  Schweiss  auf  der  Stirne,  kühlen  Extremitäten,  oberflächlicher 
mutig,  meist  kleinem,  frequentem,  seltener  verlangsamtem,  ge- 
anntem  Puls,  mit  Brechreiz  oder  Erbrechen,  so  sagen  wir:  Der 
anke  liegt  im  Schock;  seltener  bestellt  im  Anschluss  an  die 
Tletzung  grosse  Unruhe  und  lautes  Jammern. 

Es  ist  allgemein  bekannt,  dass  es  sich  beim  Schock  um  einen 
tlexvorgang  handelt,  dass  er  kein  Zeichen  für  eine  Organverletzung 
•  dass  auch  ohne  Organverletzung  im  Schock  der  Tod  erfolgen 
nn  Weniger  bekannt  ist  die  Tatsache,  dass  auch  ohne  Scliock- 
mptome  schwere  innere  Verletzungen  bestehen,  ja  dass  Kranke 
>tz  Organverletzungen  noch  kürzere  oder  längere  Strecken  Weges 
ojcklegen  können.  Sehr  wichtig  ist  es,  zu  wissen,  dass  der  Schock, 
i  Kcflexyorgang,  nach  kurzer  Zeit,  im  allgemeinen  längstens  nach 
Stunden,  verschwindet.  Ist  nach  dieser  Zeit  das  Allgemeinbe- 

Nr  33. 


finden  noch  schwerer  beeinträchtigt,  oder  hat  es  sich  nach  anfäng¬ 
licher  Besserung  neuerdings  verschlechtert,  so  sind  das  höchst  ver¬ 
dächtige  Anzeichen  einer  inneren  Blutung  oder  fortschreitender  Peri¬ 
tonitis.  Die  Symptome  sind  die  gleichen  wie  bei  rein  traumatisch¬ 
nervösem  Schock;  man  bezeichnet  sie:  Kollapserschein  un- 
g  e  n.  T  h  ö  1  e  hebt  hervor,  dass  sich  nur  durch  die  Dauer  und  das 
zeitliche  Auftreten  die  Symptome  des  eigentlichen  traumatisch-ner¬ 
vösen  Schocks  von  den  Folgen  einer  Bauchnervenreizung  durch  Ein¬ 
geweideverletzung  unterscheiden.  Nur  zu  oft  begegnet  man  dem 
Fehler,  das  gestörte  Allgemeinbefinden  mehrere  Stunden  nach  dem 
Trauma  auf  Kosten  des  Schocks  zu  bewerten.  Ausdrücklich  sei  auch 
noch  erwähnt,  dass  gutes  Allgemeinbefinden  innerhalb  der  ersten 
12—24  Stunden  nach  Verschwinden  des  Schocks  das  Vorhandensein 
einer  intraperitonealen  Verletzung  nicht  ausschliesst. 

Eine  einmalige  Feststellung  der  Pulsbeschaffenheit  ist 
für  die  Diagnose  im  Frühstadium  meist  nicht  zu  verwerten.  Im  FTüh- 
stadium  des  Schocks  soll  der  Puls  stets  regelmässig,  klein,  aber  ge¬ 
spannt,  nur  wenig  oder  gar  nicht  beschleunigt,  oft  sogar  verlangsamt 
sein  (J.  Wieting).  Wegen  der  meist  kurzen  Dauer  dieses  Sta¬ 
diums  kommt  es  selten  zur  klinischen  Beobachtung.  Wir  sehen  meist 
erst  das  zweite  Stadium  des  Schocks:  Puls  klein,  leicht  unterdrück¬ 
bar,  sehr  beschleunigt.  Mit  Schwinden  des  Schocks  bessert  sich  der 
Puls,  auch  wenn  eine  Organverletzung  vorliegt;  nur  bei  schweren 
Blutungen  bleibt  die  Besserung  aus.  Eine  Ausnahme  machen  häufig 
die  Leberverletzungen.  Finsterer  hat  darauf  aufmerksam  ge¬ 
macht,  dass  bei  Leberverletzung  als  Wirkung  der  Resorption  gallen¬ 
saurer  Salze  eine  Pulsverlangsamung  auftritt,  und  hält  dies  für  ein 
charakteristisches  Symptom  der  Leberverletzung;  auch  wir  konnten 
dies  bei  einigen  von  uns  in  der  letzten  Zeit  beobachteten  Fällen  fest¬ 
stellen.  Ist  die  Pleura  mitbeteiligt,  handelt  es  sich  also  um  eine 
Brust-Bauchverletzung,  so  kann  trotz  der  Verletzung  eines  Bauch¬ 
organs  ein  verlangsamter,  kräftiger  Vaguspuls  vorhanden  sein 
(S  a  u  e  r  b  r  u  c  h).  Grösste  Bedeutung  gewinnt  fortlaufende  Kontrolle 
der  Pulsbeschaffenheit;  finden  wir,  dass  die  Pulszahl  von  Stunde  zu 
Stunde  steigt,  dass  sich  die  Qualität  des  Pulses  verschlechtert,  so 
liegt  wohl  sicher  eine  Verletzung  vor;  allein  kostbare  Zeit  ist  ver¬ 
loren. 

Perthes  hat  auf  die  Wichtigkeit  der  Blutdruckmessung 
hingewiesen;  ich  selbst  habe  sie  nie  angewandt,  fand  auch  in  der 
Literatur  keine  Erfahrungen  darüber  niedergelegt.  Ich  glaube,  dass 
sie  nur  bei  wiederholter  Anwendung  innerhalb  mehrerer  Stunden  von 
Bedeutung  sein  kann,  da  der  Blutdruck  im  ersten  Stadium  des 
Schocks  erhöht  sein  soll,  im  zweiten  Stadium  wohl  stets  erniedrigt  ist. 

Fieber  ist  im  Frühstadium  intraabdomineller  Verletzungen 
meist  nicht  vorhanden;  das  Fehlen  von  Temperatursteigerung 
schliesst  also  eine  Organverletzung  nicht  aus.  Hagen  hat  auf 
die  Wichtigkeit  wiederholter,  d.  h.  wenigstens  stündlicher  Aftermes¬ 
sung  hingewiesen  und  auch  nur  das  geringste  Ansteigen  der  Tempe¬ 
ratur  mit  grosser  Wahrscheinlichkeit  als  Symptom  innerer  Ver¬ 
letzungen  schätzen  gelernt.  Auch  wir  haben  früher,  als  wir  die 
Kranken  noch  öfters  beobachten  mussten,  dieses  Zeichen  für  höchst 
beachtenswert  befunden. 

Wichtiger  als  die  Allgemeinsymptome  sind  zur  Stellung  der 
Frühdiagnose  die  Lokalsymptome.  Sicher  liegt  eine  Ver¬ 
letzung  von  Bauchorganen  vor,  wenn  wir  freie  Luft  oder  freie,  bei 
Lagewechsel  verschiebliche  Flüssigkeit  bei  sonst  gesunden  Men¬ 
schen,  oder  wenn  wir  mit  Sicherheit  eine  abnorme  Dämpfung  nacli- 
weisen  können. 

Die  Vorstellung,  dass  in  allen  Fällen  von  Verletzungen  des 
Magen-  und  Darmkanals  eine  grössere  Menge  Luft  oder  Stuhl  aus 
der  Perforationsstelle  in  die  freie  Bauchhöhle  austreten  müsse,  ist 
irrig.  In  Wirklichkeit  tritt  oft  weder  Luft,  noch  Stuhl  in  nachweis¬ 
baren  Mengen  aus;  selbst  bei  Perforation  eines  Magen-  oder  Duo- 
denalulcus,  wo  gewiss  die  günstigsten  Bedingungen  für  ein  solc.ies 
Ereignis  gegeben  sind,  finden  wir  nicht  selten  keine  freie  Luft.  Auf 
die  Gründe  dieses  Verhaltens  kann  hier  nicht  eingegangen  werden. 
Aus  dem  Fehlen  freien  Gases  dürfen  also  keine  Schlussfolgerungen 
gezogen  werden,  ganz  abgesehen  davon,  dass  freie  Luft  bei  Ver¬ 
letzung  parenchymatöser  Organe  oder  bei  Verletzung  des  Gekröses 
nicht  vorhanden  sein  kann.  Ist  Luft  ausgetreten,  so  wird  sie  sich  in 
den  meisten  Fällen  am  höchsten  Punkte  der  Bauchhöhle,  d.  h.  unter 
dem  Zwerchfell,  ansammeln;  ist  die  Menge  eine  genügende,  aber  auch 
nur  dann,  werden  wir  sie  durch  die  Verkleinerung  resp.  das  Ver¬ 
schwinden  der  Leberdämpfung  nachweisen  können.  Es  sei  mit  allem 

2 


1076 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  33 


Nachdruck  darauf  hingewiesen,  dass  das  Vorhandensein  der  Leber¬ 
dämpfung  schwerste  Darmverletzung,  Perforation  von  Magen-  und 
Duodenalgeschwüren  usw.  nicht  ausschliesst.  Anderseits,  wenn  die 
Leberdämpfung  verkleinert  oder  verschwunden  ist,  so  ist  dies  be¬ 
kanntlich  noch  kein  "Beweis,  dass  die  Leber  durch  freie  Luft  ver¬ 
drängt  worden  ist;  #s  kann  der  geblähte  Darm  die  Leber  hoch¬ 
drängen,  oder  es  kann  sich  der  geblähte  Dickdarm  direkt  zwischen 
Leber  und  der  vorderen  Bauchwand  einschieben.  Wir  haben  das 
Verschwinden  der  Leberdämpfung  einige  Stunden  nach  Bauch¬ 
quetschung  ohne  Darmverletzung  dreimal  beobachten  können;  Ein¬ 
mal  war  die  Bauchquetschung  kompliziert  mit  einem  Bruch  des 
dritten  Lendenwirbels,  zweimal  durqh  ein  retroperitoneales  Hä¬ 
matom. 

Dieser  „primäre  Meteorismus“  (L  e  x  e  r,  H  e  i  n  e  c  k  e),  der  in¬ 
nerhalb  der  ersten  2—3  Stunden  nach  der  Verletzung  auftritt,  zieht 
den  ganzen  Darmtraktus  in  Mitleidenschaft;  er  ist  zu  unterscheiden 
vom  „lokalen  Meteorismus“,  der  bedingt  ist  durch  eine  begrenzte 
Darmlähmung  bei  zirkumskripter  Darmquetschung.  Trifft  diese  Quet¬ 
schung  die  rechte,  obere  Bauchgegend,  so  kann  durch  Blähung  des 
Dickdarmes  die  Leberdämpfung  sich  verkleinern  resp.  verschwinden, 
ohne  dass  freies  Gas  vorhanden  ist.  ln  den  späteren  Stunden  ist  das 
Verschwinden  der  Leberdämpfung  meist  durch  Lähmung  des  Darmes 
infolge  fortschreitender  Peritonitis  bedingt;  in  diesem  Stadium  be¬ 
reitet  die  Diagnose  keine  Schwierigkeiten  mehr;  freilich  ist  dann  auch 
von  einer  Operation  kaum  mehr  ein  Erfolg  zu  erhoffen. 

Selten  sammelt  sich  das  freie  Gas  in  Form  einer  isolierten  Gas¬ 
blase  über  der  verletzten  Darmstelle  an,  wohl  nur  dann,  wenn  kleine 
Mengen  Gases  ausgetreten  sind  und  der  Darm  in  der  Umgebung  sehr 
rasch  paralytisch  wird.  Wir  haben  dann  an  der  verletzten  Stelle  eine 
umschriebene  Zone  hochtympanitischen  Schalles,  der  besonders  bei 
Perkussion  mit  dem  Stäbchenplessimetcr  metallischen  Schall  ergibt. 
Freie  Luft  dürfen  wir  aber  nur  dann  diagnostizieren,  wenn  sie  bei 
Lagewechsel  verschieblich  ist;  es  besteht  sonst  grosse  Gefahr  der 
Verwechslung  mit  dem  „lokalen  Meteorismus“.  Der  Nachweis  freien 
Gases  ist  also  oft  mit  grössten  Schwierigkeiten  verbunden.  Lenk 
(M.m.W.  1916)  hat  während  des  Krieges  bei  frischen  Bauchschüssen 
zum  Nachweis  freier  Luft  die  Röntgenstrahlen  zu  Hilfe  genommen; 
er  fand  das  Auftreten  einer  abnormen  Gasblase  zwischen  rechter 
Zwerchfellhälfte  und  Leber  in  Form  eines  schmalen,  halbmondförmi¬ 
gen,  hellen  Streifens  oberhalb  des  Leberschattens.  Dieses  Symptom 
ist  nach  seiner  Erfahrung  ein  sicherer  Anhaltspunkt  zur  Erkennung 
einer  Kolon-  oder  Magenverletzung.  Bei  Dünndarmverletzungen  hat 
Lenk  diese  Wahrnehmung  nur  einmal  machen  können.  Er  empfiehlt 
das  Verfahren  in  der  Friedenspraxis  zur  Differentialdiagnose  zwischen 
perforierten  Magengeschwüren  und  perforiertem  Appendix  und  Gal¬ 
lenblase.  Abgesehen  davon,  dass  der  Kranke  zur  Durchleuchtung 
aufgesetzt  werden  muss,  wird  das  Symptom  bei  stumpfer  Verletzung 
der  Bauchorgane  nur  ausnahmsweise  vorhanden  sein. 

Der  Nachweis  freier,  d.  h.  bei  Lagewechsel  ver¬ 
schieblicher  Flüssigkeit  gelingt  im  Frühstadium  nur  selten. 
Bei  Darmperforation  ist  der  Austritt  von  Darminhalt  meist  ganz  gering 
oder  er  fehlt  vollständig.  Bei  Magenperforation  kann  freie  Flüssigkeit 
häufiger  festgestellt  werden.  Aber  auch  hier  wird  die  Dämpfung  bei 
Lagewechsel  nicht  so  verschieblich  sein,  wie  man  erwarten  sollte.  Die 
Untersuchungen  von  Kranken  mit  perforiertem  Magen-  oder  Duo- 
denalulcus  zeigen  uns  dies.  Selbst  bei  Verletzungen  mit  konsekutiver 
heftiger,  intraabdomineller  Blutung  ist  ein  sicheres  Erkennen  der¬ 
selben  nicht  so  leicht.  Um  freie  Flüssigkeit  sicher  nachweisen  zu 
können,  muss  eine  grössere  Menge  Blutes  vorhanden  sein.  Ist  aber 
eine  grössere  Quantität  fremder  Flüssigkeit  in  der  Bauchhöhle,  so 
tritt  infolge  Fremdkörperreizung  Meteorismus  auf,  der  das  Festslellen 
freier  Flüssigkeit  sehr  erschwert  oder  unmöglich  macht.  Ferner  spielt 
die  Viskosität  und  die  teilweise  Gerinnung  des  Blutes  eine  grosse 
Rolle. 

Grösste  Vorsicht  erfordert  der  Nachweis  abnormer  Dämp¬ 
fung.  Wir  unterscheiden  zweckmässig  zwischen  Flankendämpfung 
und  Dämpfung  über  den  übrigen  Teilen  der  Bauchhöhle.  In  der  Be¬ 
urteilung  der  Flankendämpfung  ist  grösster  Skeptizismus  am  Platze, 
denn  schon  bei  gesunden  Menschen  ist  oft  die  rechte,  noch  häufiger 
die  linke  Flanke  gedämpft.  Ist  die  Dämpfung  bei  Lagewechsel  nicht 
verschieblich,  so  ist  meist  mit  der  Flankendämpfung  nicht  viel  anzu¬ 
fangen.  Aber  auch  die  Dämpfung  an  den  übrigen  Stellen  des  Bauches 
bedarf  einer  kritischen  Würdigung.  Wie  oft  hat  der  Internist  bei 
akuter  Appendizitis  eine  handtellergrosse  Dämpfung  perkutiert  als 
Zeichen  eines  grossen  Exsudates,  und  bei  der  folgenden  Operation 
fanden  wir  wohl  einen  entzündeten,  vielleicht  auch  gangränösen  Pro- 
zessus,  aber  keinen  Tropfen  Exsudat.  Ueber  jeder  kontrahierten 
Schlinge,  besonders  wenn  die  Bauchdecken  straff  gespannt  sind  oder 
wenn  fettes  Netz  über  einer  leeren  Darmschlinge  liegt,  ist  Dämpfung 
zu  erwarten.  Bei  den  Darmperforationen  werden  wir  nach  den  oben 
gemachten  Ausführungen  keine  Dämpfung  beobachten  können;  bei 
Magenperforation  wird  sie  wohl  öfters  festgestellt  werden,  doch  wer¬ 
den  wir  dann  meist  noch  andere  sicherere  Symptome  haben.  Bei 
Verletzungen  von  Leber  und  Milz  wird  uns  die  Perkussion  oft  grosse 
Dienste  leisten;  wir  finden  hier  nicht  selten  neben  der  >Jlanken- 
dämpfung  auch  eine  solche  der  seitlichen  Bauchgegend;  das  Blut  sam¬ 
melt  sich  zwischen  Leber,  resp.  Milz  und  Colon  transversum,  resp. 
Colon  ascendens  und  descendens  an:  die  Leber-,  resp.  Milzdämpfung 
ist  vergrössert.  Vor  kurzem  konnten  wir  bei  ausgedehnter  Leber¬ 


ruptur  wahrnehmen,  wie  eine  solche  Dämpfung  unter  unseren  Fingen I 
zunahm.  -  : 

Es  ist  sehr  zu  beherzigen,  dass  sowohl  eine  Magenperforutior  I 
als  auch  eine  schwere  innere  Blutung  bestehen  kann,  ohne  dass  un  i 
die  Feststellung  abnormer  Dämpfung  gelingt.  Die  Gründe  für  ei 
solches  Verhalten  sind  die  gleichen  wie  die  oben  angeführten  bi  , 
Besprechung  des  Nachweises  von  freier  Flüssigkeit.  Es  muss  ausser  | 
dem  auch  noch  betont  werden,  dass  das  Blut,  um  eine  Dämpfun  j 
zu  geben,  rasch,  d.  h.  aus  einer  stark  blutenden  Wunde  ausl 
strömen  muss. 

Die  reflektorische  Bauchmuskelspannung  ist  ti I 
Stellung  der  Frühdiagnose  eines  der  wichtigsten  und  zuverlässigste  ! 
Merkmale.  Man  hat  zwischen  der  allgemeinen,  der  einseitigen  uml 
der  oft  nur  auf  einen  kleinen  Bezirk  der  Bauchdecken  beschränkte! 
Spannung  der  Bauchdecken  zu  unterscheiden.  Die  allgemeine  Bauch! 
dcckenspanming  ist  fast  pathognomisch  für  Organverletzung;  Ich  kan! 
mich  nur  an  einen  Fall  erinnern,  bei  dem  nach  Hufschlag  auf  de  1 
Bauch  die  ersten  acht  Stunden  eine  diffuse,  brettharte  Spannung,  anJ 
scheinend  ohne  Organverletzung,  bestand.  Der  Fall  soll  noch  kur! 
skizziert  werden.  Schwieriger  ist  die  Beurteilung  einseitiger  Bauciil 
deckenspannung;  man  findet  sie  am  häufigsten  bei  einseitigem  retrcl 
peritonealem  Bluterguss  mit  oder  ohne  Verletzung  der  Niere  odel 
des  Harnleiters  und  bei  Verletzungen  des  Brustkorbes  und  der  Brust! 
organe.  Sind  diese  Verletzungen  mit  Bauchkontusionen  komplizier! 
so  bereiten  sie  der  Diagnose  die  grössten  Schwierigkeiten.  Der  AnÜ 
sicht,  dass  bei  Fehlen  einer  Organverletzung  die  Spannung  der  Bauch! 
muskeln  nicht  so  bretthart  sei,  kann  ich  nicht  beipflichten;  auch  i$| 
nicht  richtig,  dass  dabei  die  Spannung  stets  scharf  mit  der  Linea  alb|j 
abschneiden  müsse. 

Die  zirkumskripte  Muskelspannung  sehen  wir  bei  umschriebene  I 
Gewalteinwirkung,  mag  nun  eine  einfache  Quetschung  oder  eine  Üi  j 
ganverletzung  vorliegen.  Die  Intensität  der  Spannung  gibt  uns  diffe  9 
rentialdiagnostisch  keinen  sicheren  Anhaltspunkt.  Es  ist  richtig,  das 
sich  die  Spannung  bei  einer  Organverletzung  innerhalb  der  näcnstel 
Stunden  auszudehnen  pflegt,  jedoch  ist  das  kein  Frühsymptom,  sorl 
dern  das  Zeichen  fortschreitender  Peritonitis.  Ebenso  ist  eine  ers| 
einige  Stunden  nach  Bauchquetschung  auftretende  Muskelspannuni 
das  Merkmal  fortschreitender  peritonealer  Entzündung  oder  peritontl 
aller  Reizung.  Demmer  (W.kl.W.  1917)  hat  vorgeschlagen,  ig 
zweifelhaften  Fällen  Morphium  zu  geben.  Er  möchte  die  Persistenl 
der  Defense  musculaire  nach  Morphiumgabe  als  differentialdiagnostjj 
sches  Merkmal  zwischen  schützender  Muskelabwehr  („springende! 
Muskel“)  bei  Bauchverletzung  und  zwischen  ruhigstellender  Muskel 
Spannung  bei  gleichzeitigen  Rippen-  oder  Beckenfrakturen  anseheid 
Er  hat  in  vielen  Fällen  beobachtet,  dass  eine  Bauchdeckenspannunl 
welche  bei  gleichzeitiger  Rippenfraktur  ausgelöst  ist,  meist  nacl 
Morphium  injektion  verschwand,  während  dies  bei  gleichzeitiger  Vei 
letzung  intraperitonealer  Organe  nicht  der  Fall  war.  Es  ist  das  sichell 
nicht  allgemein  richtig.  Innerhalb  der  letzten  Wochen  habe  ich  zwi;] 
Fälle  von  perforiertem  Duodenalulcus  untersucht,  die  von  anderes 
Seite  Morphium  bekommen  hatten;  bei  dem  einen  fehlte  die  MuskeH 
Spannung  fast  völlig,  beim  andern  war  sie  nur  undeutlich  vorhanderj 
mag  sein,  dass  zufällig  bei  beiden  Kranken  schon  vorher  die  bretthartjj 
Spannung  nicht  vorhanden  war.  Ich  glaube,  für  die  Praxis  den  altd 
Grundsatz  empfehlen  zu  müssen,  bei  allen  Baucherkrankungen  Mofl 
phium  erst  dann  zu  geben,  wenn  der  Fall  restlos  geklärt  ist. 

Dass  bei  jeder  Organverletzung  eine  Bauchmuskelspannung  vo  j 
handen  sein  müsse,  ist  ein  Irrtum;  auch  bei  schwersten  Magen-  tu! 
Darmverletzungen  kann  sie  fehlen.  Erst  vor  wenigen  Monaten  opi* 
rirte  ich  einen  Kranken  wegen  perforiertem  Duodenalulcus  zw  ! 
Stunden  nach  dem  Durchbruch.  Trotz  reichlichen  Ersudates  in  dtq 
Bauchhöhle  und  besonders  im  Douglas  war  der  Bauch  vollkommü! 
weich,  leicht  eindrückbar,  wenig  schmerzhaft  bei  Fehlen  jeglicht^ 
Schocksymptome.  Es  ist  bekannter,  dass  intraabdominelle  Blutung«;! 
häufig  keine  brettharte  Muskelspannung  auslösen.  Wer  viele  geplatzt  I 
Extrauteringraviditäten  zu  untersuchen  Gelegenheit  hat,  wird  dit 
bestätigen  können.  Ich  habe  dabei  nur  sehr  selten  eine  bretthari 
Spannung  gefunden;  es  besteht  fast  stets  nur  eine  „teigige“  Spaij 
nung  bei  ausgesprochenem  Druckschmerz.  Auch  bei  Leber-  und  Mild 
Verletzungen  konnten  wir  wiederholt  das  Fehlen  der  eigentliche! 
Muskelspannung  konstatieren. 

Spontaner  Schmerz  ist  meist  vorhanden,  jedoch  sehr  hj 
dividuell  und  für  die  Frühdiagnose  nicht  zu  verwerten.  Strahlt  er  -j 
den  Rücken  oder  in  die  Schulter  aus,  so  besteht  der  Verdacht  einoj 
inneren  Verletzung;  bei  rechtsseitigem  Sitze  kann  die  Leber,  bei  link  ‘ 
seitigem  die  Milz  verletzt  sein. 

Ist  der  Druckschmerz  auf  den  ganzen  Bauch  verbreitet,  s  i 
ist  eine  Organverletzung  sehr  wahrscheinlich.  Dieses  Symptom  iü 
aber  nur  dann  zu  verwerten,  wenn  der  Kranke  exakt  untersucht  we 
den  kann  und  zuverlässige  Angaben  macht.  Ist  der  Druckschmerz  ai ! 
die  Stelle  der  Gewalteinwirkung  lokalisiert,  so  besagt  er  nichts;  bo 
steht  bei  zirkumskripter  Gewalteinwirkung  auch  ausserhalb  der  b> 
troffenen  Stelle  Druckempfindlichkeit,  so  ist  eine  innere  Verletzurl 
sehr  wahrscheinlich.  Lässt  der  Schmerz  innerhalb  der  nächsten  Stui 
den  nach  dem  Trauma  nicht  nach,  so  ist  das  sehr  verdächtig;  ve 
breitet  er  sich  sogar  oder  nimmt  er  an  Intensität  zu,  so  ist  eine  inr.e 
Verletzung  wohl  stets  vorhanden.  Es  ist  sehr  zu  beherzigen,  dass  d 
spontane,  wie  auch  der  Druckschmerz  selbst  bei  schwersten  Ve 
letzungen  fast  völlig  fehlen  kann.  Auch  das  Nachlassen  des  Schme 


AuRust  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRlF  1 


s  innerhalb  der  nächsten  Stunden  nach  der  Quetschung  schliesst 
ie  Organverletzung  nicht  aus. 

Erbrechen  innerhalb  der  ersten  2—3  Stunden  ist  sowohl  bei 
agen-Darmverletzungen,  wie  auch  bei  (.infachen  Kontusionen  in 
gefälir  der  Hälfte  der  balle  vorhanden.  Galliges  Erbrechen  ist  kein 
weis  fiir  eine  intraabdominelle  Verletzung.  Tritt  das  Erbreciun 
3  Stunden  nach  der  Verletzung  zum  erstenmale  auf  oder  wieder- 
It  es  sich  nach  dieser  Zeit,  so  ist  das  ein  sehr  ernstes  Zeichen; 
■ist  handelt  es  sich  dann  um  eine  fortschreitende  Peritonitis.  Bei 
ber-  und  Milzverletzungen  fehlt  im  Initialstadium  das  Erbrechen 
ufig. 

Der  Nachweis  kostaler  Atmung  (Enderlen,  Sauer¬ 
uch)  sowie  das  Hustensymptom,  d.  h.  ein  lokalisierter,  stechender 
limerz  an  der  Stelle  der  Verletzung  beim  Husten,  Anzeichen,  die 
s  bei  der  Diagnose  sonstiger  Perforationsperitonitiden  so  gute 
enste  leisten,  lassen  uns  hier  im  Stich,  da  der  Kranke  auch  bei  ein¬ 
her  Quetschung  des  Bauches  meist  die  Baucliatmung  ausscnaltet. 
derseits  sehen  wir  trotz  innerer  Verletzungen  Bauchatmung,  wenn 
h  der  Kranke  noch  im  Schock  befindet. 

Ga  16  (Zentralorgan  Bd.  4)  hat  als  Diagnostikum  die  Fortleitung 
r  auskultatorischen  Herz-  und  Atmungsgeräu- 
h e  auf  das  Abdomen  erwähnt.  Ich  habe  darüber  keine  Er- 
irung,  auch  in  der  Literatur  fand  ich  nichts.  Es  kann  erst  in  den 
iteren  Stunden  mit  Eintritt  der  Darmparalyse  vorhanden  sein. 

Besonders  hervorzuheben  ist  noch,  dass  im  Frühstadium,  auch 
i  schweren  Magen-Darmverletzungen  die  Peristaltik  nicht 
llig  zu  sistieren  braucht.  Trotz  gut  hörbarer  Darmgeräuscne,  tiotz 
gangs  von  Gasen  in  den  ersten  Stunden  kann  eine  Organverletzung 
rhanden  sein. 

Aus  den  vorstehenden  Erörterungen  ist  zu  ersehen,  dass  wir  zur 
idiagnose  einer  intraabdominellen  Verletzung  durch  stumpfe  Ge¬ 
iteinwirkung  nur  wenige  pathognomische  Symptome  besitzen.  Auch 
se  wenigen  Anhaltspunkte  können  im  Einzelfall  fehlen  und  sind 
enfalls  häufig  sehr  schwer  mit  Sicherheit  nachzuweisen. 

Es  ist  daher  begreiflich,  dass  man  nach  diagnostischen  Hilfsmit- 
i  gesucht  hat.  Die  Benützung  der  Röntgenstrahlen  zur  Erkennung 
er  Magen-Darmperforation  sowie  die  Einspritzung  von  Morphium 
Differentialdiagnose  der  verschiedenen  Bauchdeckenspannungen 
>e  ich  bereits  erwähnt.  Oser  (W.kl.W.  1911)  hat  in  zweifelhaften 
len  die  Probepunktion  der  Bauchhöhle  in  Vorschlag  gebracht.  Die 
leu  der  meisten  Chirurgen,  die  Bauchhöhle  zu  punktieren,  scheint 
in  neuerer  Zeit  abgenommen  zu  haben.  Zur  Anlegung  des  soge¬ 
inten  Pneumoperitoneums  wird  nur  zu  häufig  und  kritiklos  punk- 
t.  Man  muss  sich  darüber  klar  sein,  dass  ein  negatives  Resultat 
hts  besagt:  Bei  einer  Darmperforation  werden  wir  im  Frühstadium 
hl  meistens  durch  eine  Punktion  nichts  erzielen.  Bei  innerer 
tung  muss  es  sich  um  beträchtliche  Mengen  freien  Blutes  oder  um 
en  glücklichen  Zufall  handeln,  wenn  die  Punktion  positiv  ausfällt. 
Florence  zieht  in  allen  zweifelhaften  Fällen  die  Douglas- 
iktion  zu  Hilfe.  Den  Douglas  zur  Punktion  zu  wählen,  entsprient 
itiger  Beobachtung  am  Operationstisch,  worauf  ich  weiter  unten 
gehen  werde.  Es  dürften  sich  aber  wohl  wenige  Chirurgen  dazu 
schlossen  können,  beim  Manne  den  Douglas  durch  das  Rektum  zu 
iktieren;  beim  Weibe  aber  sind  schwere  Bauchquetschungen  eine 
tenheit.  Wir  machen  beim  Weibe  in  zweifelhaften  Fällen,  z.  B. 
er  Peritonitis  oder  eines  äusseren  Fruchtkapselaufbruches,  se¬ 
hnlich  nicht  die  Probepunktion  des  Douglas,  sondern  die  Colpoto- 
i  posterior.  Sie  gibt  uns  zuverlässigere  Aufschlüsse,  ohne  dass  der 
initt  eingreifender  oder  zeitraubender  wäre. 

Das  sicherste  Verfahren  ist  die  Probelaparotomie.  Fast  allgemein 
d  empfohlen,  auch  nur  beim  leisesten  Verdacht  einer  inneren  Ver¬ 
eng,  die  Bauchhöhle  durch  einen  kleinen  Schnitt  zu  eröffnen.  Da 
se  Operation  in  Lokalanästhesie  gemacht  werden  könne,  sei  sie 
lkommen  gefahrlos.  Abgesehen  von  dem  wenig  befriedigenden 
ühl,  eine  Bauchhöhle  vergeblich  geöffnet  zu  haben,  halte  ich  auch 
sen  Eingriff  selbst  in  Lokalanästhesie  nicht  immer  für  ganz  unge- 
rlich;  man  denke  nur  an  Kranke,  die  neben  der  Bauchquetschung 
h  eine  heftige  Brustkorbquetschung  oder  eine  Verletzung  der 
isteingeweide  haben.  Ich  glaube,  wir  sollten  danach  streben,  die 
gnosenstellung  zu  verbessern  und  die  Probelaparotomie  möglichst 
vermeiden. 

Ich  habe  im  Laufe  der  Jahre  ein  Symptom  schätzen  gelernt,  das 
in  der  Literatur  nirgends  erwähnt  fand,  das  mir  sowohl  bei  Baucli- 
itusionen,  bei  Bauchstich-  und  -Schussverletzungen,  wie  auch  bei 
Differentialdiagnose  der  verschiedensten  chirurgischen  Erkran¬ 
ken  der  Bauchhöhle  beste  Dienste  geleistet  hat. 

Es  war  mir  in  der  Zeit  vor  dem  Kriege,  in  welcher  wir  in  Mün- 
n  nicht  selten  Bauchstichverletzungen  zu  operieren  hatten,  auf- 
lllen,  dass  sich  bereits  1 — 2  Stunden  nach  einer  intraabdomincllen 
letzung  —  also  zu  einer  Zeit,  in  welcher  die  übrige  Bauchhöhle 
m  vermehrte  Flüssigkeit  aufwies  und  die  Umgebung  der  Darm- 
nde  oft  noch  kaum  eine  Reaktion  zeigte  —  im  Douglas  bereits  Blut 
r  Exsudat  vorfand.  Diese  Feststellung  ist  bei  der  allgemein  be¬ 
sten  Bedeutung  des  Douglas  als  Schlammfang  nichts  besonderes, 
habe  nun  in  derartigen  Fällen  den  D.ouglas  systematisch  unter¬ 
st  und  ihn  bei  intraabdomineller  Verletzung  stets  druckempfindlich 
anden.  Die  Untersuchung  muss  aber  mit  grosser  Exaktheit  duich- 
ührt  werden.  Ich  prüfe,  nachdem  ich  vorsichtig  den  Finger  in  den 
-r  eingeführt  und  kurze  Zeit  ruhig  liegen  gelassen  habe,  zuerst  die 


107? 

Druckempfindlichkeit  der  Prostata,  dann  die  der  Umschlagstelle  des 
Peritoneums  an  der  Blase,  dann  am  Rektum  und  überzeuge  mich  von 
der  Richtigkeit  des  Befundes  durch  Wiederholung  des  Manövers.  Wer 
richtig  untersuchen  kann,  wird  ganz  exakte  Antworten  bekommen. 
Ist  die  Douglasfalte  druckempfindlich,  so  ist  mit  Sicherheit  pathologi¬ 
scher  Inhalt  im  Bauchraum:  Blut,  Magen-Darminhalt  oder  Exsudat, 
und  damit  eine  absolute  Indikation  zur  Operation  gegeben.  Mich  hat 
dieses  Symptom  noch  nie  getäuscht;  bei  dessen  Fehlen  lag  keine 
intraabdominelle  Verletzung,  bei  dessen  Vorhandensein  stets  eine 
Organverletzung  vor. 

Ob  nun  bei  Fehlen  der  Druckempfindlichkeit  innerhalb  der  ersten 
2  3  Stunden  nach  dem  1  rauma  immer  eine  innere  Verletzung  auszu- 
schliessen  ist,  kann  ich  nicht  bestimmt  behaupten;  es  fehlt  mir  die 
Erfahrung,  da  stumpfe  Verletzungen  der  Bauchorgane  auch  in  einem 
grossen  Krankenhaus  vereinzelte  Vorkommnisse  sind  und  Stichver¬ 
letzungen  des  Bauches  in  München  während  des  Krieges,  in  der  Dünn¬ 
bierperiode  und  jetzt  bei  den  hohen  Bierpreisen  Raritäten  geworden 
sind.  Ich  habe  mich  entschlossen,  das  Symptom  bekanntzugeben,  da¬ 
mit  es  auch  anderwärts  geprüft  und  sein  Wert  festgestellt  werden 
könne. 

Aber  nicht  nur  bei  Verletzungen  der  Bauchhöhle  hat  uns  dieses 
Symptom  nie  irregeführt;  es  hat  uns  auch  treffliche  Dienste  bei  der 
Differentialdiagnose  der  verschiedenen  Erkrankungen  des  Bauches 
geleistet,  was  einige  Krankheitsgeschichten  zeigen  können.  Bei  uns 
wird  jeder  Bauchfall,  mag  es  sich  um  eine  Verletzung  oder  Erkrankung 
handeln,  prinzipiell  rektal  untersucht;  ich  kann  dieses  Vorgehen  nicht 
eindringlich  genug  empfehlen. 

W.  K.,  20  j  ä  h  r.  M  a  n  n.  Vor  3  Stunden  zwichen  Aufzug  und  Wand 
gequetscht.  Heftige  Schmerzen  im  Leib  und  der  linken  Lendengegend 
Schwere  Schocksymptome.  P.  96.  Temp.  39,5.  Allgemeine  Muskelspannung 
Keine  Dämpfung,  Leberdämpfung  vorhanden.  Druckempfindlichkeit  der  1. 
Lenden-  und  der  1.  seitlichen  Bauchgegend.  Kein  Erbrechen.  Douglas  sehr 
druckempfindlich.  Operation:  Haematoma  intraperitoneale  ex  ruptura  vasorum 
mesenterici. 

A.  M.,  35  j  ä  h  r.  Mann.  Vor  einer  Stunde  von  einem  ausschlagenden 
Pferde  mit  dem  Hinterhuf  Schlag  in  die  1.  Mittelbauchgegend:  mit  dem  Kopf 
gegen  eine  Wand  geschleudert;  kurze  Zeit  bewusstlos.  Schwerer  Schock. 

,  -  .120V  Temp-  37’2-  Allgemeine  Muskelspannung;  diffuse  Druckempfindlich¬ 
keit.  Keine  Dämpfung.  Leberdämpfung  vorhanden.  Erbrechen.  Quetsch¬ 
wunde  am  Hinterkopf;  keine  Erscheinung  von  intrakranieller  Verletzung 
Douglas  nicht  druckempfindlich,  daher  exspektative  Behandlung.  In  der  fol¬ 
genden  Stunde  steigt  die  Temperatur  auf  37,8.  Puls  bleibt  unverändert.  Dou¬ 
glas  stets  frei.  Nach  8  Stunden  verschwindet  langsam  die  allgemeine  Muskel¬ 
spannung,  auch  die  diffuse  Druckempfindlichkeit  lokalisiert  sich  auf  die  Gegend 
links  vom  Nabel.  Nach  12  Stunden  handtellergrosse  Muskelspannung  und 
Druckempfindlichkeit  an  der  verletzten  Stelle.  Nach  5  Tagen  beschwerdefrei 
entlassen. 

B.  J.,  23j  ähr.  Mann.  Vor  2  Stunden  zwischen  2  Puffer  geraten. 
Schwerer  Schock.  P.  76.  Temp.  36,8.  Allgemeine  Muskelspannung,  diffuse 
Druckempfindlichkeit,  Dämpfung  mit  Sicherheit  nicht  nachweisbar.  Leber¬ 
dämpfung  vorhanden.  Kein  Erbrechen.  Douglas  vorgewölbt,  sehr  druck¬ 
empfindlich.  Operation:  Ruptura  hepatis.  Haemorrhagia  gravis. 

T.  A.,  45  j  ähr.  Mann.  Vor  2  Tagen  mit  einer  Leiter  ausgerutscht  und 
gegen  die  1.  Lendengegend  gefallen.  Konnte  noch  lA  Stunde  arbeiten,  wegen 
vermehrter  Schmerzen  dann  nach  Hause  und  zu  Bett  gegangen;  angeblich 
kein  Blut  im  Urin.  Am  2.  Tage  nachts  4  Uhr  plötzlich  heftigste  Schmerzen 
im  ganzen  Leibe  und  in  der  1.  Lendengegend.  Sehr  blasse  Gesichtsfarbe. 
P.  84.  Temp.  37,5.  Brettharte  Spannung  und  heftige  Druckempfindlichkeit 
der  linken  Bauchseite  und  1.  Lendengegend;  leichter  Meteorismus;  Dämpfung 
mit  Sicherheit  nicht  nachweisbar;  etwas  Brechreiz.  Douglas  frei,  daher  ex¬ 
spektative  Behandlung  trotz  Verdachtes  zweizeitiger  Milzruptur.  Im  nächsten 
Urin  Blut.  Nach  14  Tagen  beschwerdefrei  entlassen. 

M.  K.,  28  j  ä  h  r.  Mann.  Vor  1  Stunde  von  einer  Kreissäge  ein  Stück 
Holz  gegen  die  rechte  Unterbauchseite  abgesprungen.  Sofortige  Ohnmacht, 
Erbrechen.  Schwerer  Schock.  P.  70.  Temp.  36,2.  Brettharte  Spannung 
und  intensive  Druckempfindlichkeit  der  rechten  Unterbauchgegend  in  Hand¬ 
tellergrösse,  in  deren  Mitte  fünfmarkstückgrosses  Suggillat,  keine  Dämpfung; 
Leberdämpfung  vorhanden.  Kostale  Atmung.  Brechreiz  und  wiederholtes 
Erbrechen.  Douglas  frei,  daher  exspektative  Behandlung.  Nach  3  Stunden 
Spannung  und  Druckempfindlichkeit  geringer;  kein  Erbrechen.  P.  84.  TepiP- 
36,8.  Heilungsverlauf  ungestört. 

A.  Rj,  29  j  ä  h  r.  Mann.  Vor  2  Stunden  bei  einer  Rauferei  zu  Boden 
geworfen  und  mit  Nagelschuhen  wiederholt  gegen  Bauch  und  Brustkorb 
gestossen  und  getreten.  Sofortiges  Erbrechen.  Betrunken;  anscheinend 
schwerer  Schock.  Motorische  Unruhe,  lautes  Jammern,  fortwährendes  Er¬ 
brechen.  P.  90.  Temp.  37,6.  An  Brust  und  Bauch  multiple  Kontusionen 
und  Erosionen.  Bauch  bretthart  gespannt,  diffus  druckempfindlich-  Keine 
Dämpfung.  Leberdämpfung  verkleinert.  Fraktur  der  8.  und  9.  Rippe.  Dou¬ 
glas  frei,  daher  exspektative  Behandlung.  Heilungsverlauf  ungestört. 

W.  E.,  12  j  ä  h  r.  Mädchen.  Soll  vor  3  Stunden  beim  Herunter¬ 
rutschen  an  einem  Treppengeländer  vom  1.  oder  3.  Stock  herabgestürzt  sein. 
Näheres  nicht  zu  erfahren.  Wegen  „innerer  Blutung“  eingewiesen.  Grosse 
Unruhe,  hochgradigste  Blässe.  Puls  klein,  stark  beschleunigt,  nicht  zählbar. 
Galliges  Erbrechen.  Starke  Spannung  und  Druckschmerz  beider  Oberbauch¬ 
gegenden.  Rechtsseitige  Rippenfrakturen,  kleiner  Hämatothorax  rechts. 
Douglas  frei,  daher  exspektative  Behandlung.  Nach  3  Stunden  besteht  die 
Bauchdeckenspannung  unverändert  weiter.  P.  102.  Gesichtsfarbe  hat  sich 
gebessert.  Nach  24  Stunden  ist  das  bedrohliche  Krankheitsbild  verschwun¬ 
den.  Ungestörter  Heilungsverlauf. 

St.  M.,  40  j  ä  h  r.  M  a  n  n.  Vor  einer  halben  Stunde  aus  Unvorsichtigkeit 
mit  einem  Revolver  in  die  rechte  Bauchseite  geschossen.  Schwerer  Schock. 
P.  120.  Temp.  36,4.  Kein  Erbrechen.  Rechts  neben  dem  Nabel  Einschuss¬ 
wunde,  Ausschuss  nicht  vorhanden.  Rechte  Unterbauchgegend  durch  einen 
grossen  Bluterguss  vorgewölbt,  gespannt,  druckempfindlich.  Douglas  frei. 
Die  schweren  Allgemeinerschcinungen  lassen  trotz  Fehlens  der  Druckempfind¬ 
lichkeit  des  Douglas  einen  Probeeinschnitt  angezeigt  erscheinen.  Probe¬ 
laparotomie  ergibt:  Bauchhöhle  unverletzt. 


2 


1078 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.J3| 


R  St  22  j  ä  h  r  Mann.  Vor  ca.  1  Stunde  in  die  linke  Bauchseite  ge¬ 
stochen  Kein  Erbrechen.  Betrunken.  3  Queriinger  ausserhalb  und  etwas 
unterhalb  des  Nabels  1 X  cm  lange  Stichwunde.  Keine  Muskelspannung.  ge¬ 
ringe  Druckempfindlichkeit  der  Umgebung  Kerne  Dämpfung  Leberdämpfung 
vorhanden.  Douglas  druckemptmdlich.  Laparotomia:  2  Stichwunden  des 
lleums. 


Er  M  21  i  ä  h  r.  M  a  n  n.  Vor  19  Stunden  plötzlich  mit  heftigen  Scnmer- 
zen  im  Leibe  erkrankt.  Erbrechen.  Früher  gesund.  Facies  abdominalis. 
Kühle  Extremitäten.  P.  102.  Temp.  38,4.  Leib  bretthart,  diffus  druckempfind¬ 
lich  Dämpfung  mit  Sicherheit  nicht  nachweisbar.  Leberdampfung  vorhanden. 
Douglas  nicht  schmerzhaft.  Konservative  Behandlung.  Am  nächsten  läge 
Erholung,  ungestörte  Rekonvaleszenz.  Wahrscheinlichkeitsdiagnose.  Clio  e- 
zystitis  oder  Pankreatitis. 

R.  A.  52  j  ä  h  r.  M  a  n  n.  Vor  6  Stunden  plötzlich  mit  heftigsten  Schmer¬ 
zen  erkrankt.  Früher  gesund.  Wegen  perforierten  Magengeschwürs  zuver- 
fegt.  Schwerer  Schock  P.  120.  Temp.  37,6.  Allgemeine  brettharte  Span¬ 
nung  und  Druckempfindlichkeit.  Dämpfung  nicht  sicher  nachweisbar.  Leber- 
dämpfung  vorhanden.  Douglas  frei,  daher  konservative  Behandlung  Auf 
Morphium  verschwindet  der  bedrohliche  Zustand  innerhalb  der  nächsten 
2  Stunden.  Diagnose:  Dyspraxia  intestinalis  angiospastica. 


H.  A„  21  i  ä  h  r.  Mann.  Vor  2  Stunden  plötzlich  heftiger  Schmerz  in 
der  Magengegend.  Früher  gesund.  Kein  Schock,^  gutes  Allgemeinbefinde  . 
Kein  Brechreiz,  keine  wesentlichen  Schmerzen  Ganz  geringe  Muskelsp.  - 
nung  in  der  rechten  Oberbauchgegend.  Kostale  Atmung  Keine  Da™P*“  J*: 
Leberdämpfung  vorhanden.  Douglas  schmerzhaft.  Operation.  Ulcus  duodcm 

perforatum. 


Anmerkung  bei  der  Korrektur:  Herr  Geheimrat  End  e  r  1  e  n 
bemerkte  gelegentlich  des  Vortrages  auf  dem  bayer.  Ghirurgen- 
tae  1923  dass  v.  Quörvain  in  seiner  chirurgischen  Diagnostik 
bereits  auf  die  Wichtigkeit  der  D  o  u  g  1  a  s  Untersuchung  bei  stumpfen 
Bauchverletzungen  hinweise.  Dies  beruht  auf  Irrtum,  was  mir  auc 
Herr  Ueheimrat  auf  Anfrage  bestätigte.  —  Auf  die  Arbeit  ^0I 
Dr.  Kulenkampff:  „Zur  Frühdiagnose  der  akuten  Masenperf(> 
ration“,  D.m.W.  1913,  S.  110,  die  mir  erst  jetzt  unter  die  Hand  kam, 
kann  ich  leider  nicht  mehr  eingehen. 


Zur  Differentialdiagnose  der  Perityphlitis. 

Von  üeh.-Rat  Prof.  Dr.  A.  Borchard,  Charloitenbuig. 


Die  ausgezeichneten  und  lehrreichen  Ausführungen  meines 
Freundes  Kr  ecke  werden  sicher  allgemeinen  Beifall  gefunden 
haben.  Beim  Lesen  derselben  erinnerte  ich  mich  lebhaft  zweier 
schwerer  Differentialdiagnosen,  die  ich  in  meiner  T  atigkeit  n  l  osen 
erlebte.  Da  sie  allgemeines  praktisches  Interesse  haben  durften,  bis¬ 
her  nicht  publiziert  sind  und  auch  in  den  üblichen  Lehrbüchern  au 
die  beiden  in  Betracht  kommenden  Krankheiten  in  differentialdiagno- 
stischer  Hinsicht  nicht  oder  nur  selten  hingewiesen  ist,  auch 
Kr  ecke  dieselben  nicht  erwähnt,  möchte  ich  sie  kurz  mhteilen. 
Zwar  stehen  mir  die  Krankengeschichten  nicht  zur  Verfügung,  jedoch 
haben  sich  die  beiden  Fälle  so  in  mein  Gedächtnis  eingepragt,  dass 
alle  wesentlichen  Momente  geschildert  werden  können. 


13  jähriger  Junge.  Vor  5  Tagen  mit  Schmerzen  in  der,  rechten  Unter- 
bauchgegend  und  hohem  Fieber  erkrankt.  Stuhlgang  angehalten,  ab  und  an 
Erbrechen.  Unter  der  Diagnose  Perityphlitis  mit  Abszess  in  das  Diakonissen¬ 
haus  in  Posen  abends  eingeliefert.  Befund:  Grosser  kräftiger  Junge.  Te  - 
peratur  gegen  40  B,  Puls  beschleunigt,  ln  der  rechten  Unterbauchgegend, 
der  Beckenschaufel  anliegend,  harter  schmerzhafter  Tumor,  der  sich  nach 
dem  Bauch  bis  etwas  lateral  vom  M  c  B  u  r  n  e  y  sehen  Punkt  erstreckt  und 
nach  hinten  gegen  die  Lendengegend  reicht.  Er  entspricht  ln  se‘n' p 
einem  retrozökal  gelegenen  entzündlichen  Tumor,  und  da  auch  vom  Rektum 
her  rechts  oben  eine  schmerzhafte  Verdickung  zu  fühlen  ist,  wird  die  Dia¬ 
gnose  „Perityphlitis  mit  Abszess"  für  gesichert  gehalten.  Hüftgelenk  frei 
Leichte  Psoasstellung.  Sofortige  Operation  mit  Schrägschnitt  in  der  Nähe 
Beckenschaufel  um  wie  ich  es  damals  und  auch  jetzt  noch  in  entsprechen¬ 
den  Fällen  zu 'tun  pflege,  möglichst  extraperitoneal  an  den  Abszess  heran- 
zukommen  Muskulatur  Stärker  sulzig  infiltriert  wie  gewöhn  ich,  besonder 
aber  nach  der  Beckenschaufel  hm.  Deshalb  Vordringen  entsprechend  de 
grösseren  Infiltration.  Nach  Durchtrennung  einer  stärkeren,  sul*lgen^  *raj  ' 
weisslichen  Üewebsschicht  entleert  sich  dicker,  f  ettig  er  n. i  ch  fr 
schein  Sauerteig  riechender  Eiter.  Schon  dadurch  wurde  die  Dia 
gnose  auf  Osteomyelitis  gesichert.  Bei  Revision  der  Wundhohle  erweist  sich 
eine  Stelle  der  Beckenschaufel  vom  Periost  entblosst  und  verfärbt.  Tre¬ 
panation  der  Beckenschaufel  an  dieser  Stelle  Drainage  nach  aussen  und 
dem  Schnitt  zu.  Heilung  ohne  Besonderheiten. 


So  bestechend  cs  ist,  gleich  mit  der  Entleerung  des  perityphli  i 
tischen  Abszesses  auch  den  Wurmfortsatz  zu  entfernen,  so  gibt  cl 
doch  Fälle  (besonders  gilt  dies  bei  ausgesprochener  retrozok de 
Lage  der  Appendix),  wo  es  besser  ist,  möglichst  extraperitonal  und  vc; 
hinten  her  an  den  Abszess  heranzukommen.  Jedenfalls  lehrt  der  Fal 
selbst  bei  Eröffnung  einer  gut  abgegrenzten  perityph  ltischen  Lite 
rung  sich  mehr  von  dem  anatomischen  Befund  bei  der  Operatioi 
als  von  seiner  vorherigen  Diagnose  leiten  zu  lassen.  Ueberlegungei  I 
die  ich  nach  der  Operation  anstellte,  zeigten  mir,  dass  bei  grossere  i 
Berücksichtigung  der  Lage  des  Infiltrates  in  der  Nahe  resp.-an  de 
Beckenschaufel  diagnostische  Erwägungen  nach  der  Richtung  eine 
akut  entzündlichen  Prozesses  dieser  Gegend  hatten  gepfloge 
werden  müssen. 


Es  hatte  sich  also  um  einen  der  nicht  häufigen  Fälle  von  O  s  t  e  o  - 
myelitis  der  Beckenschaufel  gehandelt.  Da  das  Hüft¬ 
gelenk  trotz  der  leichten  Psoasstellung  des  rechten  Beines,  die  ja 
auch  bei  der  von  mir  angenommenen  retrozökalen  Lage  des  perity- 
phlitischen  Abszesses  vorkommt,  frei  und  schmerzlos  bewegt  werden 
konnte  so  hatte  ich  differentialdiagnostische  Erwägungen  nach  dieser 
Richtig  hin  gar  nicht  angestellt.  Der  Beginn  mit  Fieber  Schmerzen 
in  der  rechten  Unterbauchgegend,  die  Stuhlverhaltung,  das  von  Zeit 
zu  Zeit  auftretende  Erbrechen  passten  genau  zu  dem  Bilde  der  Peri¬ 
typhlitis.  Nur  der  Befund  bei  der  Operation  machte  mich  stutzig 
Die  Infiltration  reichte  mehr  nach  der  Beckenschaufel  zu,  war  hier 
viel  deutlicher  und  stärker,  und  deshalb  ging  ich  entsprechend  diesen 
anatomischen  Veränderungen  in  die  Tiefe.  Hatte  ich  mich i  zu  st ihr 
auf  meine  Diagnose  verlassen,  wäre  ich  mehr  medial  \orgegangen, 
so  hätte  ich  unter  Umständen  Bauchhöhle  und  osteomyelitischen 
Abszess  eröffnen  können.  Eine  tödliche  Peritonitis  bei  dem  hoch¬ 
virulenten  Eiter  wäre  die  Folge  gewesen. 


Der  zweite  Fall  ist  diagnostisch  noch  viel  schwieriger.  g 

Ca.  45  jähriger  Mann.  Vor  einigen  Tagen  mit  Schmerzen  im  Bauch  ei 
krankt.  Seit  dem  vorhergehenden  Tage  hohes  Fieber,  schneUer  kleiner  Pul: 
stärkere  Schmerzen  im  ganzen  Bauch,  besonders  n£c.h|tAer 
bauchgegend,  wo  deutlich  ein  faustgrosser  lumor  fühlbar  geworden  ist. 

Der  betreffende  Kollege,  der  mich  konsultierte,  hielt  das  Ganze  iurem 
Perityphlitis  und  ich  konnte  seiner  Diagnose  auf  Grund  des  in  der  Wurmfori 
satzgegend  gelegenen  faustgrossen  schmerzhaften  1  umors,  der  bestehende 
Temperatur  von  ca.  40°,  der  Schmerzen  im  übrigen  Bereich  mit  leichte 
Rektusspannung  nicht  widersprechen.  Trotzdem  also  ein ‘  ^ofo^tiiie  &■ 
Abszess  vorzuliegen  schien,  war  etwas,  was  mich  an  dem  sofortigen  En. 
Schluss  zur  Operation  hinderte.  Der  Kranke  sah  so  eigentümlich  anämisc 
wie  ausgeblutet  aus.  der  Puls  war  schnell,  dem  Fieber  entsprechend  abs 
klein.  Das  passte  mir  nicht  ganz  zu  dem  Bilde  einer  seit  8  Tagen  bestehende! 
mit  Abszessbildung  einhergehenden  „Perityphlitis.  Ich  wollte  de 

Kranken  nachmittags  noch  einmal  ansehen  (ca.  6  Stunden  spater).  Der  Bt 
{und  war  ungefähr  derselbe;  der  Tumor  in  der  Blinddarmgegend  war  deu 
Ser  geworden  und  ich  batte  ab  und  an  den  Eindruck,  eine  Pulsation  de 
Tumors  zu  fühlen.  Der  Allgemeinzustand  war  schlechter,  die  Anämie  grösst 
geworden  Zu  dem  Bilde  der  Perityphlitis  stimmte  das  aber  nicht  n  dt 
Nacht  Exitus.  Nach  vielen  Schwierigkeiten  gelang  es  mir,  die  Sektion 
der  Wohnung  des  Kranken  machen  zu  dürfen.  Ich  fand  ein  Aneurysma  dt 

Aorta  abdominalis  in  der  Höhe  der  Art.  coeliaca  Der  Sack  sass  recht  Jnnte 

war  geplatzt  und  das  Blut  hatte  sich  retropentoneal  bis  zur  rechten  Dam 
beinschaufel  vorgewühlt.  Der  Tumor,  den  man  rechts  fühlte  und  der  a 
perityphlitischer  Abszess  imponierte,  war  das  von  dicken  Blutgerinnse 
umgebene  Ende  des  Aneurysmasackes.  An  den  übrigen  Organen  nichts  b 
sonderes. 


C1C5. 

Das  wäre  eine  Ueberraschung  gewesen,  wenn  man  diesen  ve: 
meintlichen  Abszess  besonders  in  einer  Privatwohnung  inzidie 
hätte!  Ich  dankte  meinem  Schöpfer,  dass  mich  irgend  etwas  davt 
bewahrt  hatte.  Es  war  das  anämische,  blasse  Aussehen,  die  schnei 
Verschlimmerung  das  Fehlen  peritonitischer  und  septischer  Ersehe 
innigen  bei  dem  sonst  so  schweren  Krankheitsbilde,  ri 
Perityphlitis  sprach  die  Temperatur,  der  deutlich  fühlbare  lumor 
der  Blinddarmgegend,  dessen  Entstehen  und  Wachsen  mnerha^ 
weniger  Tage  vom  behandelnden  Arzt  beobachtet  worden  war,  u 
die  leichte  Rektusspannung;  gegen  Perityphlitis  mit  Peritonitis  (eii 
solche  musste  wegen  des  schweren  Allgemeinzustandes  mit  in  Ej 
wägung  gezogen  werden)  das  anämische  Aussehen  des  frühe  g* 
sunderf kräftigen  Mannes,  die  bleichen,  aber  relativ  warmen  Extrem 
täten  (bei  schwerer  Peritonitis  blaurot,  kühl)  und  die  geringe  Rektu 
Spannung  sowie  das  Fehlen  von  Erbrechen  und  stärkerer  Auftreibui 

des  Leibes. 

Der  vorliegende  Fall  ist  eine  Seltenheit,  hat  aber  trotzdem  c 
praktisches  Interesse.  Wenn  nicht  alles  in  den  Erwägungen i  bei 
typhlitischen  Abszess  stimmt,  soll  inan  lieber  sich  noch  unmal  d 
Fall  ansehen  und  das  Blutbild,  dessen  Bedeutung  damals  (1898)  no< 
nicht  anerkannt  war,  zu  Rate  ziehen.  .  vf 

Die  Differentialdiagnose  der  Perityphlitis  und  Osteomyelitis  <1 
Beckenschaufel  kann  uns  ab  und  zu  einmal  zu  schaffen  machen,  s 
lässt  sich,  wenn  man  an  die  Möglichkeit  denkt,  nach  dieser  oder  je 
Richtung  hin  entscheiden.  Sollte  man  sie  verfehlen,  so >  wir  1 
erfahrenen  Operateurs  die  Veränderung  an  dem  zu  durchbrennoid' 
Gewebe  richtig  leiten  und  vor  Schaden  bewahren.  Die  Different . 
diagnose  mit  einem  Aneurysma  perforatum  der  Aorta  muss  vorh 
gestellt  werden.  Das  Aussehen  der  Kranken,  die  relativ  germe 
peritonitischen  Erscheinungen  trotz  des  schweren  Krankheitsbild 
fallen  da  entsscheidend  ins  Gewicht.  _  jitf 

Aus  den  vielen  interessanten  Fällen,  die  ich  im  Laufe  der  Jan 
als  „Perityphlitis“  gesehen  habe,  hielt  ich  diese  beiden  im  Anschlu 
an  die  Mitteilungen  von  K  r  e  c  k  e  für  erwähnenswert.  Trotz .all 
Fortschritte  und  Errungenschaften  werden  auch  dem  Erfahren 
immer  wieder  unklare  Krankheitsbilder  begegnen;  da  ist  der  De. 
Rat,  sofort  einen  anderen  erfahrenen  Kollegen  zuzuziehen.  , 

Damit  auch  der  Humor  nicht  fehle  —  noch  eine  kleine  Ren 
niszenz.  Ich  hatte  einer  32  jährigen  Klavierlehrerin  den  frisch  « 
zündeten  „Blinddarm“  entfernt.  Zwei  läge  spater  konnt^  *  f  f 
einmal  nicht  sehen.  Objektiv  am  Augenhintergrund  nichts.  Nach  d 
Tagen  Heilung  der  Blindheit,  nachdem  ich  der  (hysterischen)  Krank 
erklärt  hatte,  dass  der  Blinddarm  mit  Blindheit  nichts  zu  tun  hat 
Eine  wahre  Geschichte! 


.  August  192.?. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1079 


is  der  orthopädischen  Klinik  der  Universität  Heidelberg. 
(Direktor:  Prof.  Dr.  Ritter  v.  Baeyer) 

latomischer  Beitrag  zur  Frage  der  operativen  Skoliosen¬ 
behandlung. 

Von  Dr.  med.  Heinz  Jordan,  Assistent  der  Klinik. 

1921  berichtete  v.  Baeyer  in  dieser  Wochenschrift1)  über  ein 
ies  Verfahren  zur  operativen  Behandlung  der  Skoliose;  ausgehend 
n  der  Beobachtung  am  Skelett,  dass  die  auf  der  konvexen  Seite 
irm  vergrösserten  Gelenkfortsätze  ein  Redressionshindernis  dar- 
llen,  nahm  er  die  Resektion  mehrerer  Lendenwirbelgelenkfortsätze 
r  und  machte  die  dadurch  erzielte  erhöhte  Beweglichkeit  in  der 
ndenwirbelsäule  nach  kürzerer  Gipsverbandperiode  im  aktiv  redres- 
renden  Skoliosenkorsett  nutzbar.  Im  gleichen  Jahr  veröffentlichte 
Finck2)  einen  ähnlichen  Opcrationsplan,  der.  auf  der  gleichen 
Römischen  Betrachtung  aufbauend,  lediglich  die  Verkürzung  des 
steigenden  Gelenkfortsatzes  des  5.  Lendenwirbels  vorsah,  um  damit 
Wirbelsäulenbasis  symmetrisch  einzustellen. 

Nach  der  v.  Baeyer  sehen  Methode  wurden  1922  5  Fälle  von 
iwer-  bzw.  nicht  ausgleichbarer  Skoliose  an  unserer  Klinik  operiert, 
handelte  sich  um  einen  Jungen  von  6  und  4  Mädchen  von  14  bis 
Jahren.  4  mal  konnte  eine  Rachitis,  einmal  eine  spinale  Kinder- 
mung  als  Ursache  der  Skoliose  festgestellt  werden.  Der  Qpera- 
jnsverlauf  war  im  wesentlichen  derselbe:  Bogenschnitt  auf  der  hon¬ 
ten  Seite  über  der  stärksten  Lendenkrümmung,  Freipräparieren 
•  Gelenkfortsätze  und  Abmeisselung  derselben  im  Bereich  von 
—4  (3  Fälle)  bzw.  L2  u.  3  (1  Fall)  oder  LI — 3  (1  Fall).  In  einem 
le  (16  jähriges  Mädchen  mit  starker  Skoliose  und  grossem 
ipcnbuckel)  wurden  die  Gelenkfortsätze  (L  2 — 4)  beiderseits  ent- 
nt.  Dann  Schichtnaht  der  Wunde  und  Gipsverband  mit  Einschluss 
;  einen  Beines  bis  unterhalb  des  Knies  in  starker  Gegenkrümmung, 
en  Fällen  gemeinsam  war  ein  reaktionsloser  Verlauf  der  Wund- 
lung  in  ca.  8  Tagen.  Die  Kranken  wurden  nach  6 — 9  Wochen  mit 
iv  adressierendem  Korsett  aus  der  Behandlung  entlassen.  Nur 
e  Kranke  blieb  infolge  anderweitiger  Erkrankung  12  Wochen  in 
Klinik. 

Ucber  den  Erfolg  der  Operation  lässt  sich  aus  äusseren  Gründen 
hwierigkeit  der  Nachuntersuchung  usw.)  nur  soviel  sagen,  dass 
:h  der  Operation  die  Redression  der  Skoliose  in  einem  Umfang 
•genommen  werden  konnte,  wie  sie  mit  unblutigen  Mitteln  nicht 
erzielen  gewesen  wäre,  und’  dass  bei  zwei  zur  Nachuntersuchung 
chienenen  Fällen  (17 jähr.  Mädchen:  rachitische  Skoliose,  und 
ähr.  Mädchen:  paralytische  Skoliose)  nach  12  bzw.  14  Monaten 
e  deutlich  verbesserte  Haltung  festzustellen  war. 

Liefert  uns  somit  das  neue  Verfahren  —  soweit  die  wenigen  zur 
eration  geeigneten  und  geneigten  Fälle  ein  Urteil  zulassen  —  auch 
:ten  Endes  hinsichtlich  völliger  Heilung  keine  wesentlich  besseren 
;u!tate  wie  die  zahlreichen  anderen  unbefriedigenden  Hcil- 
thoden,  so  stellt  es  doch  einen  gangbaren  und  empfehlenswerten 
;g  für  die  Fälle  dar,  in  denen,  wie  in  der  Voraussetzung  enthalten, 
tomische  Hindernisse  eine  ausgiebige  Redression  aussichtslos  er- 
einen  lassen. 

Es  wird  nun  von  Interesse  sein,  mit  der  Empfehlung  der  Opera- 
l  auch  über  Untersuchungen  zu  berichten,  welche  einerseits  die 
tomischen  Grundlagen  des  geschilderten,  nicht  ganz  leichten  Ein- 
fes  liefern,  andererseits  die  Frage  klären  sollten,  ob  etwa  mit 
i  einfacheren  von  v.  Finck  skizzierten  Verfahren  ein  gleich- 
rtiges  Ergebnis  erzielt  werden  kann. 

Zu  diesem  Zweck  nahm  ich  an  den  Leichenwirbelsäulen  eine 
he  von  Messungen  vor.  Für  die  liebenswürdige  Gewährung  des 
leitsmaterials  sei  auch  an  dieser  Stelle  dem  Direktor  des  ana- 
lischen  Instituts,  Herrn  Geheimrat  K  a  1 1  i  u  s,  bestens  gedankt. 

Nur  wenige  und  einander  in  ihren  Resultaten  widersprechende 
taben  über  den  Bewegungsumfang  der  normalen  Lendenwiröel- 
le  sind  bisher  veröffentlicht 3). 

Zwei  normale  und  eine  skoliotischc  Wirbelsäule  standen  mir  zur 
fügung.  Die  Technik  der  Messungen  gestaltete  sich  folgender- 
>sen.  Es  wurde  ein  Bänderpräparat  der  unteren  Brust-,  der 
idenwirbelsäule  und  des  Beckens  hergestellt,  an  dem  noch  die 
nen  Muskeln  zwischen  den  Wirbeln  (Mm.  interspinales,  rotatores, 
rtransversarii)  erhalten  waren.  Der  Wirbelsäulentorso  wurde 
ch  Anschrauben  des  Sakrums  auf  ein  festes  Stativ  montiert,  so 
s  Becken  und  Wirbelsäule  die  Lage  beim  normalen  Stehen  wieder- 
'en.  An  Stelle  von  Winkeln  wurden  Strecken  nach  bestimmten 
htpunkten  gemessen  und  die  Bewegungswinkel  in  den  drei  Haupt- 
neu  geometrisch  berechnet.  Die  Messung  der  Seitenneigung,  die 
n  Hinblick  auf  den  Versuchszweck  am  meisten  interessierte,  wurde 
eils  doppelt  vorgenommen,  indem  hinten  der  Ausschlag  des  Dorn¬ 
satzes  des  1.  Lendenwirbels,  vorn  derjenige  eines  Stiftes  in  der 
tc  der  Zwischenwirbelscheibe  zwischen  dem  untersten  Brust-  und 
.endenwirbel  abgelesen  und  aus  beiden  Messungen  ein  Mittelwert 
:enommen  wurde. 


’)  M.tn.W.  1921  S.  1325. 

2)  Verhandl.  d.  D.  orthop.  Ges.  1921  S.  477. 

6)  Rudolf  Fick:  Handbuch  d.  Anat.  u.  Mech.  d.  Gelenke,  Bd.  3,  S.  87  ff. 


Das  unversehrte  Wirbelsäulenbandpräparat  zeigte  in  allen 
3  Fällen  einen  geringeren  Bewegungsumfang  als  den  Eick  sehen 
Werten  entsprach.  Wahrend  Fick  eine  Seitenneigung  von  35°,  eine 
Vorbeugung  von  23°,  Rückbeugung  von  90°  und  eine  Torsion  von 
5"  angibt,  lieferten  meine  Präparate  eine  Linksneigung  von  10°,  6°, 
7K>°;  Rechtsneigung  von  714°,  614  °,  7!4°  bei  einer  Vorbeugung  von 
16°,  19°,  17°,  Rückbeugung  von  5°,  10°,  2°  und  einer  Torsion  v  on 
16°,  0°  und  44 0  1). 

Die  so  gefundenen  Versuchswerte  dienten  als  Grundlage  für  die 
Beurteilung  der  Erweiterung  des  Bewegungsumfanges  durch  vier 
folgende,  in  jedem  Versuch  gleich  ausgeführte  Resektionen. 

Aus  Gründen  der  Raumersparnis  sollen  nur  die  Ergebnisse  bei 
Seitenneigung  wiedergegeben  werden. 

1.  Nach  Entfernung  der  linksseitigen,  artikulierenden  Gelenkfort¬ 
sätze  des  5.  Lendenwirbels  und  des  Kreuzbeins  mit  dem  Meissei,  wie 
sic  dem  v.  Finck  sehen  Vorschlag  entspricht,  belief  sich  die  I  inks- 
neigung  auf  10°,  7°,  \\%  °.  Nur  bei  der  dritten,  skoliotischcn  Wirbel¬ 
säule  hatte  also  eine  Zunahme  der  Beweglichkeit  um  4°  statt¬ 
gefunden,  während  an  den  beiden  anderen  Präparaten  eine  solche 
innerhalb  der  Fehlergrenzen  nicht  festgestellt  werden  konnte.  Der 
Querfortsatz  des  5.  Lendenwirbels  mit  seiner  zum  Darmbeinkamm 
ziehenden  Bandmasse  hemmte,  auch  nach  Resektion  des  untersten 
Gelenkforsatzes,  die  Bewegung. 

2.  Wurde  dieser  Querfortsatz  mit  Säge  oder  Meissei  entfernt,  so 
fiel  eine  deutliche  Zunahme  der  Linksneigung  auf.  Dieselbe  stieg 
auf  17°,  12°,  18°,  was  einer  durchschnittlichen  Vermehrung  der  er¬ 
strebten  Beweglichkeit  um  95  Proz.  des  Ausgangswertes  entspricht. 

3.  Nachdem  zu  den  bisherigen  Resektionen  noch  die  Entfernung 
der  restlichen  4  Lendenwirbel-Gelenkverbindungen  der  linken  Seite 
gekommen  war,  resultierte  eine  Seitenneigung  nach  links  von  21  Vi  °, 
14°,  18 !4  d.  i.  im  Mittel  125  Proz.  des  Grundwertes,  und  das  chne 
dass  die  Beweglichkeit  in  den  übrigen  Bewegungsrichtungen  wesent¬ 
lich  vermehrt  worden  war.  Es  erscheint  mir  nicht  ohne  Bedeutung, 
dass  gerade  bei  der  skoliotischen  Wirbelsäule  die  Entfernung  aller 
Lendenwirbel-Gelenkfortsätze  das  durch  Resektion  des  5.  Lenden¬ 
wirbel-Querfortsatzes  (nicht  Gelenkfortsatzes!)  erzielte  Ergebnis 
nicht  nennenswert  zu  erhöhen  vermochte. 

4.  Zum  Schluss  wurde  auf  der  rechten  Seite  der  Präparate  zur 
Kontrolle  derselbe  Situs  wie  links  hergestellt  und  dabei  hinsichtlich 
der  Rechtsneigung  ungefähr  der  gleiche  Bewegungsumfang  erzielt, 
wie  er  links  gemessen  worden  war.  Vorbeugung,  Rückbeugung  und 
Torsion  hatten  mit  zunehmender  Versuchsdauer  ebenfalls  an  Umfang 
gewonnen,  ein  Befund,  der  durch  die  versuchsbedingte  Lockerung 
und  Dehnung  der  Bänder  usw.  der  Technik  zur  Last  fällt. 

Betrachten  wir  das  Ergebnis  der  Messungen  noch  einmal  nach 
Präparaten  getrennt,  so  finden  wir  eine  Zunahme  der  Linksneigung 
am  1.  Präparat  nach  Resektion  1  um  0  Proz.,  nach  Resektion  2  um 
70  Proz.,  welch  letzterer  Wert  durch  die  3.  Resektion  um  26  Proz. 
vermehrt  wurde.  Beim  2.  Präparat  sind  die  Werte  17  Proz.,  100  Proz. 
und  17  Proz  einzusetzen,  während  sie  sich  beim  3.  Präparat,  der 
lumbal  linkskonvexen  Skoliose,  auf  53  Proz.,  160  Proz.  und  3  Proz. 
stellen. 

Bei  der  kritischen  Betrachtung  der  Versuchsergebnissc  muss 
man  sich  zunächst  die  Fehlerquellen  vor  Augen  halten,  die  in  der 
Beschaffenheit  der  Präparate  (Altersveränderungen,  Leiche,  Kon¬ 
servierung)  und  der  angewandten  Methode  (Strecken  statt  Bogen 
bzw.  Winkel,  Achsenbestimmung)  liegen.  Fernerhin  mag  ein  Teil 
der  Zunahme  des  Bewegungsumfanges  —  namentlich,  was  die  Tor¬ 
sion  und  die  Vorwärts-Riickwärtsbewegung  anbetrifft  —  auf  die  mit 
der  Versuchsdauer  zunehmende  Dehnung  des  Bandapparates  zurück¬ 
zuführen  sein. 

Unter  Berücksichtigung  dieser  Faktoren  bleibt  jedoch  als  Er¬ 
gebnis  der  Untersuchung  bestehen: 

1.  Dass  eine  ausgiebige  Zunahme  der  Seitenneigung  (bis 
160  Proz.)  in  der  Lendenwirbelsäule  durch  Resektion  der  untersten 
artikulierenden  Gelenkfortsätze  (L5  u.S)  und  des  untersten  Quer¬ 
fortsatzes  (L5)  zu  erzielen  ist,  ohne  das  feste  Gefüge  der  Lenden¬ 
wirbelsäule  wesentlich  zu  lockern;  diese  Zunahme  wird  um  so  erheb¬ 
licher  sein,  je  stärker  die  Gelenkfortsätze  der  konvexen  Seite  ver- 
grössert  sind; 

2.  dass  die  Entfernung  der  untersten  Gelenkfortsätze  (L5  u.  S) 
allein  das  gewünschte  Ziel  nicht  erreicht; 

3.  dass  die  Wegnahme  des  untersten  Querfortsatzes  und  aller 
Lcndenwirbelgelenkfortsätze  die  Beweglichkeit  nach  der  gleichen 
Seite  nicht  unwesentlich  vermehrt,  während  die  Exkursionsfähigkeit 
in  den  übrigen  Hauptebenen  auch  dadurch  nicht  besonders  beein¬ 
flusst  wird. 

Die  Untersuchungen  am  Wirbelsäulenpräparat  bestätigen  also  die 
Beobachtungen  bei  der  v.  Baeyer  sehen  Skoliosenoperation  und 
lassen  darüber  hinaus  auch  die  Wegnahme  des  5.  Lendenwirbelquer¬ 
fortsatzes  angezeigt  erscheinen. 


')  Auf  die  Wiedergabe  in  übersichtlicheren  Tabellen  muss  leider  ver¬ 
zichtet  werden. 


1080 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  3; 


Zur  Frage  der  postpleuritischen  Skoliose. 

Von  Dr.  Josef  Rey,  Assistent  der  orthopäd.  Univ.-Klinik 
Heidelberg,  z.  Z.  am  orthopäd.  Spital  in  Wien  (Hofrat  Prof. 

Dr.  Spitz y.) 

In  Nr.  19  dieser  Wochenschrift  macht  A.  Müller  [l]  den  Mus¬ 
kelzug  für  die  Entstehung  der  empyematischen  Skoliose  verantwort¬ 
lich.  gleichsam  in  Ergänzung  der  von  mir  [2]  angegebenen  Ursachen, 
die  sich  übrigens  auf  unkomplizierte  seröse  Pleuritiden  bezogen.  Ich 
vermag  in  kritischer  Verwertung  meiner  Untersuchungen  dieser  An¬ 
sicht  nicht  beizupflichten. 

Die  hohe  Bedeutung  des  Muskelzugs  in  seiner  modellierenden 
Wirkung  auf  das  menschliche  Skelett  ist  wohl  jedem  mechanisch, 
d.  h.  orthopädisch  denkenden  Arzt  vertraut.  Ich  erinnere  hier  nur 
an  die  eingehenden  Arbeiten  Qrunewalds  [3]  auf  diesem  Ge¬ 
biete. 

Als  ätiologisches  Moment  aber  in  der  Entstehung  einer  post¬ 
pleuritischen  oder  postempyematischen  Skoliose  möchte  ich  den  Ein¬ 
fluss  des  Muskelzuges  nicht  verwerten.  Er  tritt  vielmehr  als  ein  die 
Verbildung  fördernder  Faktor  auf  bei  einer  schon  vorhandenen  De¬ 
formität  und  hindert  später  ihre  Beseitigung.  Wir  finden  dieses  Hin¬ 
dernis  in  mehr  oder  weniger  ausgesprochener  Form  wohl  bei  jeder 
Skoliose,  gleichgültig  welcher  Aetiologie.  Die  eigentliche  Ursache 
der  postpleuritischen  Skoliose  suche  ich  vielmehr,  und  wiederhole 
damit  nur  die  Ansicht  der  meisten  Autoren,  in  der  Zugwirkung  der 
narbig  schrumpfenden  Pleuraschwarten  als  Hauptfaktor,  den  in  vielen 
Fällen  noch  weitere  Momente  [2]  fördernd  begleiten.  Ist  die  Verbin¬ 
dung  einmal  da,  so  folgt  eine  Inaktivitätsatrophie  der  Interkostal¬ 
muskulatur  und  des  übrigen  an  der  Atmung  beteiligten  muskulären 
Apparates  der  betroffenen  Seite,  die  stets  der  Konvexität  der  Sko¬ 
liose  gegenüberliegt.  Mit  der  Zeit  pflegt  die  untätige  Muskulatur  zu 
schrumpfen  und  leistet  dann  einem  späteren  Redressionsversuche 
erheblichen  Widerstand.  Aus  diesem  Gesichtspunkte  z.  B.  empfiehlt 
Krukenberg  [4]  die  Tenotomie  des  konkavseitigen  M.  psoas, 
unter  Umständen  verbunden  mit  einer  Verlagerung  des  M.  obliquus 
ext.  zur  Besserung  einer  Lendenskoliose.  Der  muskuläre  Wider¬ 
stand  aber  ist,  wie  ich  auch  auf  Grund  meiner  Untersuchungen  an¬ 
nehmen  möchte,  nicht  die  Ursache,  sondern  die  Folge  der 
Skoliose. 

Ich  habe  ihn  daher  nur  bei  fertigen,  ausgebildeten  Wirbelsäulen¬ 
deformitäten  vorgefunden.  Eine  Hypertonie  der  krankseitigen 
Atmungsmuskulatur,  wie  sie  von  A.  Müller  [1]  beschrieben  wird, 
konnte  ich  in  keinem  auch  der  frischen  Fälle  feststellen.  Eine  Schwel¬ 
lung  und  Druckempfindlichkeit,  die  einem  einigermassen  genauen 
Untersucher  doch  nicht  entgehen  dürfte,  habe  ich  nirgends  ge¬ 
funden. 

Dass  frische  Pleuritiden,  die  in  der  Abheilung  begriffen  sind,  unter 
Umständen  bei  brüsker  Untersuchung  über  Schmerzen  klagen,  möchte 
ich  mehr  auf  eine  Pleurareizung  beziehen  als  auf  reaktive,  entzünd¬ 
liche  Prozesse  in  der  angrenzenden  Muskulatur.  So  handelt  es  sich 
bei  den  von  mir  untersuchten  Kranken  fast  durchweg  um  einfache, 
seröse,  nicht  durch  Empyem  komplizierte  Pleuritiden,  wo  kein  lang¬ 
wieriger  Eiterungsprozess  in  der  Tiefe  die  Ursache  von  „schwersten 
Degenerationsprozessen“  in  der  umgebenden  Muskulatur  sein 
konnte. 

Aber  auch  die  wenigen  mit  Empyem  verbundenen  zeigten  in 
keiner  Weise,  die  von  A.  Müller  angegebenen  Veränderungen  der 
Muskulatur. 

Auf  diesen  Erwägungen  fussend  ergeben  sich  ohne  weiteres  die 
Richtlinien  für  die  notwendigen  therapeutischen  Massnahmen.  Dass 
mit  einfachen  Atemübungen  allein  die  Beseitigung  einer  einmal  aus¬ 
gebildeten  Skoliose  nicht  erzielt  werden  kann,  braucht  an  dieser 
Stelle  wohl  nicht  besonders  betont  zu  werden.  In  der  vorbeugenden 
Therapie  der  postpleuritischen  Skoliose  aber  leisten  sie  ohne  Zweifel 
recht  gute  Dienste.  Die  fertige  Deformität  verlangt  eingreifendere 
orthopädische  Massnahmen,  deren  Auswahl  man  von  Fall  zu  Fall 
dem  Fachorthopäden  überlassen  wird.  In  der  ProDhylaxe  jedoch 
empfiehlt  sich,  worauf  ich  bereits  an  anderer  Stelle  [2]  hingewiesen 
habe,  zur  Unterstützung  der  Atemgymnastik  die  methodische  Massage 
der  geschwächten  Muskulatur.  Sie  soll  einer  Inaktivitätsatrophie  und 
damit  der  drohenden  Schrumpfung  Vorbeugen  und  eine  Kräftigung 
und  Stärkung  der  Funktion  erzielen.  Ich  möchte  also  im  Gegensatz 
zu  A.  Müller  die  Massage  mehr  als  —  allerdings  nicht  unwichti¬ 
ges  —  Adjuvans  verwendet  wissen,  wie  ich  auch  die  Schädigung  der 
Atemmuskulatur  als  das  Sekundäre,  nicht  das  Ursächliche  der  post¬ 
pleuritischen  Skoliose  betrachte. 

Literatur. 

1.  A.  Müller:  Der  Muskelzug  als  Ursache  der  Skoliose  nach  Empyem. 
M.m.W.  1923  S.  601.  —  2.  Rey:  Die  postpleuritische  Skoliose  im  Kindesalter. 
Arch.  !.  Kinderhlk.  1923.  —  3.  0  r  u  n  e  w  a  1  d:  Ueber  Beanspruchungsdeformi¬ 
täten.  Zschr.  f.  orthop.  Chir.  38,  S.  449.  —  4.  Krukenberg:  Ueber  die 
Verwendung  der  Bauchmuskulatur  in  der  orthopädischen  Chirurgie.  Zschr. 
f.  orthop.  Chir.  42,  H.  4.  —  5.  D  r  a  c  h  t  e  r:  Bedeutung  der  Interkostalmuskel¬ 
atrophie  beim  Raumausgleich  im  Thorax  usw.  M.m.W.  1919  S.  485. 


Aus  der  Medizinischen  Universitätsklinik  Frankfurt  a.  M. 

(Direktor:  Prof.  Q.  v.  Bergmann.) 

Ueber  die  Beziehungen  der  Lambia  intestinalis  zu  Er 
krankungen  der  Gallenwege  und  Leber. 

Von  Privatdozent  Dr.  KarlWestphal,  Oberarzt  der  Klini 
und  Georgi,  früherem  Praktikanten  der  Klinik. 

Lamblia  intestinalis,  die  in  England  und  Frankreich  Girardi.  1 
intestinalis  genannte  Flagellatenart,  ist  als  ein  in  Mitteleuropa  sei 
tener  gefundener,  meist  als  harmlos  angesehener  Bewohner  besom 
ders  des  oberen  Dünndarmes  beim  Menschen  und  verschiedene)! 
Tierarten  bekannt,  der  jedoch  bei  Cholera  und  ruhrähnlichen  Enteri.1 
tiden  bisweilen  sehr  gehäuft  in  den  Dejektionen  gefunden  wurd 
(Moritz  und  Hölz,  Salomon  u.  a.).  Ausgedehnte,  während  de 
Krieges  besonders  von  englicher  Seite  vorgenommene  Massenunter, 
suchungen  haben  nun  gezeigt,  wie  häufig  besonders  bei  den  im  OrienJ 
gewesenen  Truppen  diese  Flagellatenart  in  den  Darmausscheidungel 
nachweisbar  war.  Es  fanden  sich  bei  diesen  (Literatur  bei  Roden! 
wald  im  Handbuch  von  Prowazek)  nach  den  Arbeiten  voij 
Wenyon,  Dobel  1,  Jepps,  Smith  und  M  a  1 1  h  e  s  u.  a.  in  etw;i 
10 — 20  Proz.  diese  Protozoen.  Bei  weiteren  Untersuchungen  fioj 
aber  auf,  dass  auch  Soldaten,  die  nie  an  der  Front  gewesen  un.j 
dort  ungünstigeren  hygienischen  Verhältnissen  ausgesetzt  gewese:ij 
waren,  und  schliesslich  auch  Menschengruppen,  die  nichts  mit  denl 
Kriege  zu  tun  hatten,  in  erheblichem  Maasse,  z.  B.  Asylinsasse  i 
in  3,4  Proz.  (M  a  1 1  h  e  s  und  Smith),  die  Protozoen  aufwiesen,  sl 
dass  man  ganz  allgemein  mit  einem  höheren  Prozentsatz  des  Vor! 
kommens  der  Lamblia  intestinalis  auch  in  europäischen  Länderil 
rechnen  muss. 

Auch  die  hier  erhobenen  Befunde  von  gehäuftem  Vorkommen 
von  Lamblia  intestinalis  zuerst  im  Duodenalsaft,  dann  auch  in  de| 
Fäzes,  die  als  Nebenbefund  bei  der  nach  J.  R  0  t  h  m  a  n  n  -  Mannhein 
vorgenommenen  mikroskopischen  Untersuchung  des  Duodenalsafte 
Gallenblasenkranker  zuerst  erhoben  wurden,  zeigen,  dass  auch  i 
Deutschland  ganz  allgemein  das  Vorkommen  dieser  Flagellaten  wol 
ein  weniger  seltenes  ist,  wie  man  bisher  angenommen  hat.  Durc 
diesen  häufigeren  Befund  wird  naturgemäss  die  immer  noch  um 
strittene  Frage  der  Pathogenität  dieser  Protozoen  von  neuem  auf | 
gerollt.  Bevor  auf  dieses  Problem  eingegangen  wird,  sei  erst  da  ' 
hier  gefundene  Material  an  der  Hand  von  Auszügen  aus  den  Kranken^ 
geschichten  vorgelegt.  Zuerst  fiel  bei  zwei  Fällen  aus  der  Kranki 
heitsgruppe  des  Icterus  Simplex  beim  Mikroskopieren  des  Duodenal! 
saftes  eine  sehr  grosse  Menge  von  Lamblien  im  Sediment  auf. 

1.  Frl.  Sofie  M.,  19  jähriges  Hausmädchen,  litt  bereits  im  Janual 
und  Februar  1921  öfter  an  kurzen,  nur  einige  Minuten  anhaltenden  ausl 
gesprochen  krampfartigen  Schmerzanfällen  im  rechten  Oberbauch  ohne  Gelbl 
sucht  und  ohne  Erbrechen,  gleichzeitig  war  starke  Müdigkeit  und  Appetitlosiglj 
keit  vorhanden.  Dann  wieder  Wohlbefinden  bis  August  1921,  etwa  ai 
10.  ds  Mts.  wieder  Auftreten  von  Mattigkeit,  Appetitlosigkeit  und  häufige) 
Brechreiz,  ohne  Fieber.  Mitte  August  stellte  sich  Hautjucken  ein.  mässig 
Schmerzen  im  rechten  Oberbauch,  die  auch  bisweilen  in  den  Rücken  nac 
rechts  oben  zogen  und  beim  Atemholen  besonders  deutlich  wurden,  zulet? 
tritt  eine  deutliche  Gelbfärbung  des  ganzen  Körpers  ein.  Sie  wird  deswege 
am  2.  IX.  21  in  die  Klinik  überwiesen.  Hier  wird  ein  Ikterus  mässigen  Grade 
bei  der  konstitutionell  etwas  asthenischen  Kranken  gefunden,  an  der  weit« 
ein  leichter  Exophthalmus,  weite  Pupillen,  ausgesprochener  Dermographismiü 
und  eine  Hyperhidrosis  manum  et  pedum  als  Zeichen  eines  etwas  labile 
vegetativen  Nervensystems  auffallen.  Am  Herzen  ist  eine  gut  kompensiert; 
Mitralinsuffizienz  nachweisbar.  Das  Abdomen  ist  aufgetrieben,  der  unter 
I.eberrand  ist  ein  Querfinger  breit  unter  dem  rechten  Rippenbogen  in  del 
Mamillarlinie  palpabei,  die  Gallenblasengegend  ist  druckschmerzhaft,  di 
Gallenblase  selbst  nicht  fühlbar.  Die  Milz  nicht  vergrössert.  Der  Stuhlganr 
ist  hell,  aber  nicht  völlig  acholisch.  Im  Urin  Urobilin  +.  Bilirubin 
Spur,  Wassermann  regativ.  Blutbild:  Erythrozyten  4  500  000,  Leukdi 
zyten  8300,  Neutrophile  polynukleäre  72  Proz.,  Eosinophile  6  Proz..  Lymphri 
zyten  14  Proz.,  grosse  Mononukleäre  und  Uebergangszellen  10  Proz..  bc 
der  zweiten  Untersuchung  finden  sich  8  Proz.  Eosinophile.  Die  Röntgerj 
Untersuchung  des  Magen-  und  Darmtraktes  und  Prüfung  des  Magens  zeia 
nichts  Besonderes.  Okkultes  Blut  im  Stuhlgang  negativ.  Die  Temperati-' 
ist  nie  erhöht,  Wassermann  negativ.  Schneller  Rückgang  des  Ikterus,  ar 
15.  IX.  sind  nur  noch  die  Skleren  leicht  ikterisch,  die  subjektiven  ?i 
schwerden  gebessert,  am  21.  IX.  die  letzten  Spuren  des  Ikterus  geschwundei 
Leber  wieder  von  normaler  Grösse  ohne  Druckempfindlichkeit.  Am  25.  I>j 
wird  eine  Duodenalsondierung  zur  Gewinnung  von  Blasengalle  mit  der 
Witte-Pepton-Reflex  vorgenommen.  Der  Duodenalsaft  ist  von  normale) 
grüner  Farbe,  die  Blasengalle  deutlich  dunkler.  Im  Sediment  der  Gall> 
finden  sich  bereits  in  der  sog.  Lebergalle  sehr  reichliche  Mengen  voi 
lebhaft  sich  bewegenden  zweizeiligen  Flagellaten,  in  der  dunkleren  Blasen 
galle  schwirren  diese  noch  gedrängter  im  frischen  Präparat  durcheinandc 
im  Giemsa-gefärbten  Ausstrichpräparat  imponieren  wieder  durch  ihre  ur 
geheure  Massierung  die  zusammengeballten  Haufen  der  bimförmigen  Prot)' 
zoen  (s.  Abb.  1),  die  sich  bei  genauerer  Ansicht  unschwer  als  Lambh 
intestinalis  bestimmen  lassen.  Im  Stuhlgang  finden  sich  sofort  bei  der  nu 
vorgenommenen  mikroskopischen  Untersuchung  reichlich  enzystierte  Daue 
formen  dieser  Protozoen.  Das  Krankheitsbild,  mit  dem  bereits  von  7  b  ; 
8  Monaten  bestehenden  Beschwerden  im  rechten  Oberbauch,  der  Drucl  \ 
empfindlichkeit  in  der  Gallenblasengegend,  lässt  sehr  an  einem  im  Sinr 
der  N  a  u  n  y  n  sehen  Vorstellung  durch  die  Gallenwege  in  die  kleinste! 
Gallengänge  zur  Leber  hinaufgezogenen  Infekt  als  Ursache  des  Ikterus  denke 
Für  eine  eigentliche  Cholezystitis  oder  Cholangitis  fehlt  Fieber  und  Hypei 
leukozytose.  Welche  Rolle  die  in  so  grosser  Menge  im  Duodenum  E1 
fundenen  Lamblien  für  den  leberwärts  hinaufgewanderten  Infekt  spiele  > 
können,  soll  erst  später  erörtert  werden. 


.  August  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1081 


2.  W.  Johannes.  48  jähr.  Gärtner,  hat  an  früheren  Krankheiten  eine 
igstpsychose  vor  12  Jahren  durchgemacht.  Anfang  Juli  1921  Beginn  der 
!zigen  Erkrankung  mit  Schmerzen  im  Magen,  Gefühl  von  Unbehagen  im 
nzen  Leib.  Mattigkeit,  Appetitlosigkeit,  kein  Durchfall,  kein  Erbrechen, 
n  20.  Juli  tritt  dann  eine  deutliche  Gelbsucht  auf,  Magenbeschwerden  be- 
nders  nach  dem  Essen  bleiben,  keine  Schmerzen  der  Gallenblasengcgend. 
osser  Gewichtsverlust,  im  ganzen  10  kg,  infolge  der  Appetitlosigkeit.  Am 
IX.  eingewiesen  in  die  Klfnik.  An  dem  noch  in  mittlerem  Ernährungs¬ 
stande  befindlichen  Mann  von  kräftig-gedrungenem  Körperbau  (arthritisch- 
knischer  Habitus)  findet  sich  ausser  dem  stark  ausgeprägten  Ikterus  mit 
obilin  und  Bilirubin  im  tiefbraun  verfärbten  Urin  nichts  Wesentliches, 
ber  und  Milz  sind  nicht  vergrössert,  'der  Magen  zeigt  etwas  erhöhte 
urewerte  beim  Probefrühstück,  freie  HCl  58,  Ges.-Azid.  86.  Röntgenunter- 
chung  zeigt  mittleren  Tonus  und  normale  Peristaltik  am  Magen.  Blutbild: 

B.  Keine  Eosinophilie,  Temperatur  in  den  ersten  3  Tagen  subfebril  bis 
.5,  sonst  normal.  Bradykardie  von  60.  Am  21.  IX.  deutlicher  Rückgang 
s  Ikterus,  am  28.  IX.  nur  noch  subikterische  Verfärbung  an  den  Skleren 
rhanden. 

Am  29.  IX.  vorgenommene  Duodenalsondierung  zeigt  besonders  wieder 
der  sog.  Blasengalle  in  sehr  grosser  Menge  im  frischen  Präparat  und 
Sendiment  in  dichten  Haufen  gedrängt  und  lebhaft  sich  bewegend  Lamblien, 
ich  im  Stuhlgang  lassen  sich  bei  nachträglicher  Untersuchung  Zys*''-formen 
grosser  Menge  finden.  Okkultes  Blut  im  Stuhlgang  negativ.  Am  3.  X. 
rd  der  Kranke  aus  der  Klinik  entlassen. 

Auch  hier  wird  ein  Ikterus  Simplex  konstatiert  mit  einer  bei  den  wochen- 
ig  vorausgehenden  Magen-  und  Darmbeschwerden  vielleicht  von  dort  durch 
ekte  Infektionsübertragung  oder  durch  Toxinresorption  hervorgerufenen 
berparenchymschädigung,  für  eine  schwerere  Erkrankung  der  Gallenwege 
!bst  fehlen  auch  hier  die  Zeichen. 

3.  Ein  dritter  Fall  liegt  sehr  ähnlich.  Henrich  J.,  46  jähr.  Buchbinder. 


von  Lamblien  sowohl  in  der  ersten  Portion  wie  in  der  Blasengalle.  Auch 
im  Stuhlgang  finden  sich  in  grossen  Massen  Zystenformen  dieser  Protozoen 
(s.  Abb.  2).  Eine  daraufhin  am  24.  IX.  eingeleitete,  sehr  energische  Abführkur 
mit  häufigen  Gaben  von  Karlsbader  Salz  in  konzentrierter  Lösung  fördert 
einen  sehr  dünnbreiigen,  schon  makroskopisch  deutlich  blutig  tingierten 
Stuhlgang,  bei  dessen  mikroskopischer  Untersuchung  sich  wiederum  in  sehr 
zahlreichen  Exemplaren  neben  enzystierten  Formen  gut  bewegliche  Lamblien 
finden  und  ausserdem  grosse  Mengen  von  Erythrozyten  und  fast  ebenso  reich¬ 
lich  abgestossene  Darmepithelzellen.  Interessanterweise  tritt  am  Abend  des 
24.  am  ganzen  Körper  der  Kranken  ein  urtikariaähnliches  Exanthem  auf,  das 
nach  Zurückgang  der  Quaddclbildung  am  25. / 26.  wie  ein  typisches  Arznei¬ 
mittelexanthem  wirkt  und  vom  beratenden  Dermatologen  (Prof.  Nathan)  als 
ein  solches  mit  grosser  Wahrscheinlichkeit  angesprochen  wird.  —  Da  ausser 
dem  Karlsbader  Salz  neben  dem  sonst  von  der  Kranken  gut  vertragenen 
Atropin  in  diesen  Tagen  kein  Medikament  gegeben  wurde,  so  wird  als 
Ursache  des  Exanthems  bei  dem  sehr  vasomotorischen  Menschen  an  die 
Möglichkeit  einer  solchen  Wirkung  gesteigerter  Resorption  irgendwelcher 
Stoffe  gedacht,  die  beim  Abtransport  dieser  Lamblienmengen  aus  den  stark 
geschädigten  z.  T.  abgetöteten  Protozoen  frei  wurden.  Am  28.  IX.  ist  das 
Exanthem  abgeklungen.  Blutbild  ohne  Besonderheiten.  Eosinophile  3  Proz. 
Im  Stuhlgang  zu  normalen  Zeiten  kein  okkultes  Blut. 

Vom  30.  IX.  ab  waren  die  Schmerzen  im  rechten  Oberbauch  deutlicher 
lokalisiert,  strahlten  in  die  rechte  Schulter  aus,  und  sind  im  ganzen  heftiger. 
Die  Temperatur  zwischen  37  und  38,5°  bei  rektaler  Messung.  Deutliche 
Druckempfindlichkeit  der  Gallenblasengegend  und  in  der  Gegend  der  Papilla 
Vateri,  2  Querfinger  breit  rechts  neben  der  Mittellinie  und  1  Querfinger  breit 
oberhalb  des  Nabels.  Keine  Vergrösserung  der  Leber,  kein  Ikterus.  Es  wird 
die  Diagnose  auf  eine  Gallenblasenentzündung  gestellt  trotz  fehlenden  Gallen- 
blasentumcrs.  Im  Stuhlgang  finden  sich  stets  sehr  reichliche  Mengen  von 
Dauerformen  der  Lamblien  (Abb.  2)  sie  treten  besonders  deutlich  nach  Zu- 


Abbildungl.  Uebersichtspräparat,  Objektiv  Nr.  3. 
Grosse  Mengen  Lamblia  intestinalis  im  Sediment 
des  Duodenalsaftes  in  einem  Fall  von  Ikterus 
Simplex  (Fall  1).  Die  dunklen  Konglomerate  be¬ 
stehen  neben  vereinzelten  Epithelzellen  nur  aus 
diesen  Protozoen. 


Abbild'ung  2.  Grosse  Mengen  von  Zystenformen 
der  Lamblia  intestinalis  als  ovale  Aufhellungen 
im  Tusehepräparat  des  nichteingeengten  Stuhl¬ 
ganges  bei  Cholecystitis  (Fall  4,  Objektiv  Nr.  5). 


geliefert  31.  X.  21  mit  S  t  i  1 1  e  r  schem  Habitus,  leichtem  Exophthalmus 
1  anderen  Zeichen  einer  leichten  Neurose  des  vegetativen  Nervensystems, 
te  Hände  und  Füsse,  vasomotorisch.  Nach  Prodromalstadium  mit  Appetit- 
igkeit,  saurem  Aufstossen  von  ca.  14  Tagen,  Auftreten  von  Ikterus  mit 
ht  völlig  acholischem  Stuhlgang,  Urobilin  und  Bilirubin  im  Urin,  Brady- 
'die  und  subfebrilen  Temperaturen  bis  37,3.  Die  Leber  ist  nur  wenig  ver- 
issert,  die  Milz  nicht  palpabel,  Druckempfindlichkeit  der  Leber  besteht 
ht.  Blutbild:  Leukopenie  von  3600,  keine  Eosinophilie.  Im  Stuhlgang 
len  sich  am  7.  XI.  reichlich  Zystenformen  von  Lamblia  intestinalis.  Die 
odenalsondierung  am  9.  XI.  ergibt  den  für  Ikterus  simplex  typischen  sehr 
Igelben  bilirubinarmen  Duodenalsaft,  in  dem  sich  bei  bakteriologischer 
tersuchubng  vereinzelte  positive  Kokken  und  Stäbchen  nachweisen  lassen, 
turell  Kolibazillen  und  saprophytische  Kokken  (Frl.  Dr.  Goldschmidt, 
gienisches  Institut).  Im  Sediment  des  Duodenalsaftes  finden  sich  sehr  zalil- 
che  Lamblien,  Abklingen  des  Ikterus  nach  4  Wochen. 

Diesen  drei  Krankengeschichten  von  typischen  Erktanktingen  am 
jenannten  Icterus  simplex  folgte  eine  zweite  Gruppe  von  chroni- 
len  Entzündungen  der  Gallenblase  ohne  Ikterus,  bei  dem  gleich- 
ls  in  reichlicher  Menge  Lamblien  sich  auffinden  Hessen. 

4.  Fall.  Johanne  B.,  25  jähr.  Hausmädchen  mit  massig  ausgebildetem 
i  1 1  e  r  sehen  Habitus,  vasomotorisch  leicht  erregbar,  psychisch  sehr  labil, 
■gen  Lungenspitzentuberkulose  rechts  in  Behandlung  der  Klinik  seit  dem 
VII.  21.  Am  31.  VII.  heftiger  Schmerzanfall  im  rechten  Oberbauch,  schnell 
dingend,  am  15.  IX.  plötzlich  Wiederauftreten  im  ganzen  Oberbauch, 
ichzeitig  Anstieg  der  vorher  normalen  Temperatur  auf  37.5°,  Einsätzen 
rker  Appetitlosigkeit  und  Mattigkeit.  Dieser  Zustand  hält  in  den  nächsten 
gen  noch  stärker  ausgeprägt  an.  Hochgradige  allgemeine  Schwäche  mit 
:hten  Schwindelanfällen  beim  Versuch  das  Bett  zu  verlassen,  weiter 
rke  Inappetenz,  diffuse  Schmerzen  im  ganzen  Oberbauch  mit  Gefühl  von 
oiffen  und  Gurren  in  den  Därmen,  H  e  a  d  sehe  Zone  am  Oberbauch  nach 
ten  beiderseits  ausstrahlend  zum  10.  Brustwirbel  sowie  heftige  Druck- 
nfindlichkeit  des  gesamten  Oberbauches  rechts  und  unterhalb  des  Rippen- 
cens  halten  nun  an.  Die  deswegen  vorgenommene  Sekretionsprüfung  des 
gens  ergibt  normale  Säurewerte.  Die  Röntgenuntersuchung  zeigt  einen 
lertonischen  Stierhornmagen  mit  Hyperperistaltik  und  schneller  Entleerung, 
Dünndarm  fällt  bei  der  Durchleuchtung  ebenfalls  eine  starke  Steigerung 
Motilität  auf.  Die  Leibschmerzen  werden  vor  dem  Röntgenschirm  in 
Gegend  der  gesteigerten  Peristaltik  angegeben. 

Am  23.  IX.  ergibt  die  Duodenalsondierung  einen  guten  Witte-Pepton- 
lex,  im  Sendiment  des  Duodenalsaftes  finden  sich  ganz  ungeheure  Mengen 


satz  von  Kollargol  und  chinesischer  Tusche  hervor,  bei  wiederholter  Duo¬ 
denalsondierung  sind  immer  wieder  die  Lamblien  in  sehr  reichlicher  Menge 
im  Duodenalsaft  vorhanden.  Trotz  energischer  Therapie  mit  Atropin,  Kata- 
plasmen,  Karlsbader  Kur,  Diät  sowie  Methylenblau  und  Trypaflavin  gegen 
die  Lamblien  bleiben  die  Beschwerden  die  gleichen.  Am  7.  XL  wird  daher 
in  der  Chirurg.  Klinik  die  Cholezystektomie  vorgenommen  (Dr.  H  e  1 1  w  i  g). 
Es  finden  sich  an  der  Gallenblase  ausgedehnte,  im  ganzen  ziemlich  zarte 
Verwachsungen,  die  Wand  dner  Gallenblase  erscheint  wenig  verdickt,  makro¬ 
skopisch  sind  ausser  der  Serosaverdickung  und  den  Adhäsionen  keine  aus¬ 
gesprochenen  Zeichen  akuter  Entzündung  mehr  feststellbar,  die  Mukosa  er¬ 
scheint  nicht  sehr  verändert.  Im  Gallenblaseninhalt  finden  sich  weder  kul¬ 
turell  noch  mikroskopisch  Bakterien.  Lamblien  sind  ebenfalls  im  Sediment 
der  Blasengalle  nicht  zu  finden.  Nach  der  Operation  vorläufig  Schwund  der 
Beschwerden.  Seitdem  noch  bisweilen  leichte  Krampfschmerzen  im  gesamten 
Oberbauch,  besonders  in  der  Nabelgegend,  die  gut  durch  Atropin  zu  be¬ 
seitigen  sind.  Lamblien  finden  sich  dauernd  weiter  im  Darminhalt  und  dem 
Duodenalsaft  auch  noch  1/4  Jahre  später  im  April  1923.  Verschiedene  weitere 
Versuche  mit  Trypaflavin.  Methylenblau,  Chinin,  Wurmmitteln  unter  gleich¬ 
zeitiger  Anwendung  von  Abführmitteln,  haben  wohl  zu  Verringerung  der 
Zahl  der  Lamblien  aber  nicht  zu  deren  Schwund  geführt. 

5.  Ein  zweiter  Fall  von  Cholezystitis  bei  einemn  25  jährigen  Dienst¬ 
mädchen  Marie  D.  liegt  ähnlich.  Konstitutionell  ausgesprochener  asthenischer 
Habitus  mit  vielen  Zeichen  vegetativer  Neurose,  sehr  vasomotorisch,  Glanz¬ 
auge,  Hyperhidrosis  manum  et  pedum,  auch  psychisch  sehr  labil.  Bei  einer 
3  Monate  lang  bestehenden  Cholezystitis  mit  typischen  Beschwerden,  ge¬ 
ringer  Temperaturerhöhung  ohne  Leberschwellung,  ohne  Ikterus,  finden  sich 
bei  der  Mikroskopie  des  Duodenasaftes  neben  Epithelien  und  sehr  vereinzelten 
Leukozyten  in  mässiger  Menge  Lamblia  intestinalis.  Im  Stuhl  ebenfalls 
Dauerformen.  Eosinophile  1  Proz.  Die  Operation  zeigt  (Oberarzt  Scheele) 
eine  ausgedehnte  verwachsene  Gallenblase,  in  deren  Inhalt  zahlreiche  Koli¬ 
bazillen  bei  mikroskopischer  Untersuchung  sich  finden,  keine  Lamblien. 

6.  Franz  G.,  40  jähr.  Kaufmann.  Ausgesprochener  Stiller  scher  Ha¬ 
bitus,  auch  vegetativ  und  psychisch  neurotisch  zeigt  eine  seit  6  Jahren 
gehende  Anamnese  von  schweren  Gallenkoliken.  Er  kommt  wegen  ganz  hef¬ 
tiger,  neuerdings  wieder  aufgetretener,  kaum  beeinflussbarer  Schmerzattacken 
in  die  Klinik.  In  der  Gallenblasengegend  ist  ein  etwa  taubeneigrosser  Tumor 
tastbar.  Die  Röntgendurchleuchtung  ergibt  ein  in  der  Gegend  der  Papilla 
Vateri  verschmälertes,  oberhalb  erweitertes  Duodenum,  die  Duodenalson¬ 
dierung  zeigt  normalen  Gallen-  und  Pankreasabfluss,  im  Sediment  des  Duo¬ 
denalsaftes  wimmelt  es  stets  bei  mehreren  Untersuchungen  von  Lamblia  in¬ 
testinalis.  Im  Stuhlgang  ebenfalls  in  grossen  Massen  Dauerformen,  keine 


1082 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  33. 


Eosinophilie  im  Blut,  kein  okkultes  Blut  im  Stuhlgang.  Die  nach  3  Wochen 
vorgenommene  Operation  (Dr.  Fischer  I,  Chirurg.  Klinik)  ergibt  eine  aus¬ 
gedehnte,  derb  mit  ihrer  Umgebung  verwachsene  Gallenblase,  die  prall  ge¬ 
füllt  ist  mit  einer  grossen  Menge  von  Bilirubinkalksteinen  und  kaum  noch 
flüssige  Galle  enthält,  am  Gallenblasenhals  ein  haselnussgrosses  Karzinom, 
von  dem  aus  massig  entwickete  Metastasen  zum  Duodenum  und  dessen  Um¬ 
gebung  hinabziehen.  Die  Gallenblasenwand  ist  an  den  nichtkarzinombefal¬ 
lenen  Teilen  chronisch  entzündet  mit  zahlreichen  Ulzerationen  auf  der  Mukosa¬ 
seite.  Eine  mikroskopische  Untersuchung  des  Gallcnblaseninhalts  auf  Lam¬ 
blien  und  Bazillen  war  infolge  des  Mangels  an  Flüssigkeit  nicht  möglich. 
Nach  Anamnese  und  Befund  handelt  es  sich  also  um  eine  chro"ische  entzünd¬ 
liche  Cholclithiasis  mit  einem  später  sich  entwickelnden  Gallenblasenkarzinom. 

Bei  je  drei  Kranken  mit  Ikterus  simplex  und  chronischer  Chole¬ 
zystitis  —  sekundär  hatte  sich  in  einem  der  Fälle  ein  Karzinom  ent¬ 
wickelt  —  wurden  also  in  so  auffallend  grosser  Menge  Lamblia  in¬ 
testinalis  bei  Duodenalsondierung  und  im  Stuhlgang  gefunden,  dass 
der  Gedanke  an  irgendwelches  Zusammenhängen  zwischen  diesen 
Erkrankungen  und  einer  solchen  Häufung  der  Protozoen  im  Duodenum 
in  unmittelbarer  Nachbarschaft  der  Gallenwege  sich  aufdrängt.  Auch 
von  L  o  e  b  e  r  wurde  kürzlich  auf  einen  Fall  mit  massenhaft  Lamblien 
in  der  Blasengalle  der  Duodenalsondierung  hingewiesen,  der  längere 
Zeit  an  einer  Gallenblasenentzündung  ähnlichen  Krankheitserscheinun- 
gen  gelitten  hatte.  Bei  seinem  Kranken  fand  sich  im  Blut  eine  Eosino¬ 
philie  von  11  Proz.,  die  ja  in  diesem  Material  bis  auf  Fall  1  fehlte.  Auch 
er  denkt  an  die  Möglichkeit  krankheitserregender  Wirkung  der  Lamb¬ 
lien  in  Uebereinstimmung  mit  unserer  kurzen  Mitteilung  auf  dem  Wies¬ 
badener  Kongress  1922.  Wären  solche  Beziehungen  möglich?  Wenn  im 
Duodenum  so  grosse  Mengen  dieser  Flaggelaten  umherschwimmen,  wie 
es  in  diesen  Fällen  festzustellen  war,  wäre  es  u.  E.  sogar  im  Gegen¬ 
teil  recht  unwahrscheinlich,  dass  diese  unter  dem  Mikroskop  so  gut 
beweglichen  Tiere  nicht  ab  und  zu,  wie  es  in  so  häufigen  Fällen  in 
der  Kasuistik  von  Askariden  beschrieben  worden  ist,  durch  die  Pa¬ 
pilla  Vateria  eindringen  und  sich  hier  irgendwie  bemerkbar  machen 
würden.  Dass  dieses  Hinaufgehen  in  die  Gallenwege  tatsächlich  ge¬ 
schehen  kann,  zeigte  die  mikroskopische  Untersuchung  des  Sedi¬ 
mentes  des  Inhaltes  einer  operativ  entfernten  Gallenblase  bei  einem 
klinisch  als  leichte  chronische  Gallenblasenentzündung  angespro¬ 
chenen  Fall. 

Sofie  H„  33  jähr.  Köchin,  hat  seit  dem  Jahre  1919  zeitweise  Schmerzen 
in  der  Magengegend  und  im  rechten  Oberbauch,  deswegen  im  März  und 
April  1921  bereits  behandelt  in  der  Med.  Klinik.  Seit  dem  Juli  1921  wieder 
Magenbeschwerden,  etwa  eine  Stunde  nach  dem  Essen  einsetzend,  oft  beson¬ 
ders  stark  im  rechten  Oberbauch  empfunden  und  in  die  rechte  Rückenseite 
ziehend.  Dabei  häufig  Erbrechen,  Schwindel,  bisweilen  auch  Kopfschmerzen 
und  Ohnmachtsanfälle.  Die  Schmerzen  sind  im  August  fast  dauernd  vor¬ 
handen  im  Magen  und-  in  der  Lebcrgegend,  zum  Teil  auch  ganz  unabhängig 
vom  Essen,  häufiger  Erbrechen  gallig  durchtränkter  Massen,  nächtliche 
Schmerzanfälle  kommen  auch  vor,  bisweilen  war  Fieber  dabei  vorhanden, 
Appetitlosigkeit.  Die  sehr  zarte  Frau  von  Stiller  schem  Habitus  mit 
deutlicher  vergrösserter  Schilddrüse,  deutlichem  Dermographismus,  ver¬ 
stärktem  Aktionstyp  des  Herzens  mit  Neigung  zur  Tachykardie,  von  psy¬ 
chisch  stark  nervösem  Wesen  zeigt  im  Abdomen  eine  deutliche  Druck¬ 
empfindlichkeit  am  unteren  Leberrand,  in  der  Mittellinie  beginnend,  am  stärk¬ 
sten  weiter  rechts  am  Ort  der  Gallenblase.  Bei  den  im  Krankenhaus  be- 
oabachteten  Schmerzattacken  besteht  eine  geringe  Spannung  der  Muskulatur 
im  rechten  Oberbauch,  die  Schmerzen  werden  deutlich  ausstrahlend  bis  in 
die  rechte  Schulter  angegeben.  Ein  hier  oft  beobachtetes  Krankheitszeichen 
bei  Erkrankungen  der  Gallenwege,  Druckempfindlichkeit  des  rechten  Hals¬ 
plexus,  ist  bei  der  Kranken  dauernd  vorhanden.  Magensekretionsprüfung 
ergibt  Probefrühstück:  freie  HCl  8,  Ges.-Azid.  29.  Bei  der  Röntgenunter¬ 
suchung  findet  sich  bei  dem  tiefstehenden  Angelhakenmagen  eine  lebhafte 
Antrumperistaltik  und  ein  dauernd  gefüllter,  stets  etwas  schmaler  Duodenal¬ 
schatten.  Auch  vor  dem  Röntgenschirm  Druckempfindlichkeit  unterhalb  der 
oberen  Umbiegungsstelle  des  Duodenums  in  der  Gegend  der  Papilla  Vateri 
und  rechts  davon  in  der  Gallenblasengegend.  Die  Entleerung  des  Magens  ist 
ein  wenig  verzögert,  nach  5  Stunden  noch  mässiger  Rest,  nach  6 Yi  Stunden 
leer.  Stuhlgang  frei  von  okkultem  Blut.  Die  Duodenalsondierung  ergibt  nor¬ 
malen  Wittepeptonreflex.  Mikroskopisch  Epithelien  und  koliähnliche  Bazillen, 
jedoch  nichts  von  Lamblien  bei  zweimaliger  Untersuchung.  Die  Temperatur 
ist  dauernd  etwas  erhöht,  auf  37,5,  zweimal  bis  38,6.  Es  wird  eine  leichte 
chronische  Cholezystitis  angenommen  und  da  die  interne  Therapie  ohne  rech¬ 
ten  Erfolg  bleibt,  wird  am  17.  IX.  in  der  Chirurg.  Klinik  (Oberarzt  Scheele) 
zur  Operation  geschritten:  Am  Magen  und  Duodenum  kein  Befund,  auch  die 
Gallenblase  erscheint  von  aussen  nicht  verändert.  Unter  der  Diagnose  einer 
funktionellen  Stauungsgallenblase  wird  sie  entfernt.  Die  weitere  Untersuchung 
der  Vesica  fcllea  und  ihres  Inhaltes  ergibt  folgenden  interessanten  Befund: 
Sowohl  mikroskopisch  wie  kulturell  sind  in  der  steril  entnommenen  Blasen¬ 
galle  keine  Bakterien  nachweisbar,  dagegen  finden  sich  in  dem  etwas  dick 
gestrichenen  Sedimnent  des  makroskopisch  normalen  Gallenblaseninhaltes 
zahlreiche  bimförmige,  am  zugespitzten  Ende  deutlich  zwei  Geissein  und  in 
der  Mitte  zwei  Kerne  zeigenden  Gebilde  von  gleicher  Grösse  wie  Lamblien 
und  bei  genauer  Untersuchung  der  dünneren,  besser  übersichtlichen  Stellen 
des  Präparates  auch  typische  acht  Geissein  gut  erkennen  lassende,  nach 
Giemsa  deutlich  gefärbte  Exemplare  dieser  Flagellatenart.  Bei  genauester 
mikroskopischer  Untersuchung  verschiedener  Stellen  der  Gallenblasenwand 
fiel  nur  eine  geringe  Verdickung  der  Muskelschicht  auf.  nirgends  fanden 
sich  sichere  Zeichen  einer  noch  vorhandenen  oder  abgelaufenen  Entzündung, 
in  der  normalen  Schleimhaut  lagen  hier  und  da  einige  Plasmazellen.  An 
der  Wand  haftende  Lamblienteile  konnten  trotz  Durchsicht  zahlreicher  Schnitte 
nicht  entdeckt  werden.  An  dem  Beginn  des  Ductus  cysticus  konnte  leider  an 
dem  infolge  der  Operation  in  diesem  Gebiet  nicht  gut  erhaltenen  Präparat 
keine  genaue  Untersuchung  auf  die  für  Stauungsgallenblase  typischen  Ver¬ 
änderungen  im  Sinne  Bergs,  Schmiedens  und  Rhodes  nicht  erhoben 
werden. 

Nach  der  Operation  schnelle  Besserung  der  Beschwerden.  Die  Tem¬ 
peratur  sank  zur  Norm.  Bei  späterer  Untersuchung  in  der  Med.  Klinik 
konnten  bei  neuer  Duodenalsondierung  und  bei  verschiedenen  Untersuchungen 
des  Stuhlganges  auch  mit  dem  Anreicherungsverfahren  keine  Lamblien  ge¬ 


funden  werden.  Bei  der  Nachuntersuchung  nach  1  'A  Jahren  war  die  Kranke 
wieder  völlg  frei  geblieben  .von  ihren  Gallenblasen-  und  Magenbeschwerden.  1 
Lamblien  liessen  sich  auch  diesmal  weder  im  Stuhlgang  noch  im  Duodenal-  ! 
saft  nachweisen. 


Dieser  sehr  interessante  Befund  von  Lamblia  intestinalis  in  dem 
Inhalt  einer  operativ  entfernten  Gallenblase  bei  jahrelangen  Be¬ 
schwerden  von  seiten  dieses  Organs  zeigt,  dass  die  Protozoen  in 
die  Gallenwege  bis  zur  Gallenblase  hinaufdringen  können.  Sie  kön¬ 
nen  sich  auch  hier  lange  lebend  erhalten,  denn  der  völlig  negative 
Befund  bei  dem  häufigen  Suchen  nach  ihnen  im  Darm  spricht  da¬ 
gegen,  dass  sie  in  nennenswerter  Masse  noch  in  diesem  zur  Zeit  der 
Opration  vorhanden  waren.  Man  muss  daher  annehmen, 
dass  sie  vor  längerer  Zeit  vielleicht  beim  Beginn  der  üallen- 
blasenbeschwerden  bereits  in  die  Gallenwege  eingedrungen 
und  später  aus  dem  Darme  zum  grössten  Teil  geschwunden 

waren.  Da  gröbere  anatomisch  -  sichtbare  Veränderungen  an 

der  Wand  der  Gallenblase  sich  nicht  feststellen  liessen, 

so  müssen  wohl  funktionelle  Störungen  an  den  Gallenwegen 

infolge  einer  so  gesteigerten  Reizbarkeit  ihrer  Wandung,  vielleicht 
am  stärksten  entwickelt  bei  der  Entleerung  der  Blase  durch  Spas¬ 
men  oder  Uebcrdehnung  der  glatten  Muskulatur  an  Vesica  fellea. 
Ductus  cysticus  und  Ductus  choledochus,  Ursache  der  Schmerzen 
gewesen  sein,  Betriebsstörungen,  die  bei  einem  an  und  für  sich 
neurotisch-asthenischen  Menschen  durch  die  Anwesenheit  der  Pro¬ 
tozoen  in  besonders  starkem  Maasse  ausgelöst  wurden  und  im  Sinne 
der  von  einem  von  uns  an  anderer  Stelle  ausführlich  geschilderten 
Krankheitsbilde  zu  einer  Gallenblasenneurose  mit  starken  Beschwer¬ 
den  geführt  haben.  Dass  sich  bei  diesem  1  Vs,  Jahre  später  als  aus¬ 
gesprochener  leichter  Basedow  imponierenden  Fall  bei  solchen 
Schmerzattacken  Temperaturerhöhungen  einstellten,  ist  bei  diesem 
Konstitutionstyp  ja  geläufig  auch  ohne  Vorhandensein  schwerer  ent¬ 
zündlicher  Erkrankung. 

Das  Eindringen  dieser  Flagellaten  in  die  Gallenwege  ist  nach 
diesem  Befund  durchaus  möglich  und  damit  auch  die  Annahme  von 
Beziehungen  zwischen  dem  Vorkommen  grosser  Lamblienmengen 
im  Duodenalsaft  mit  den  oben  geschilderten  Krankheitszuständen. 
Um  eine  weitere  Uebcrsicht  über  die  Häufigkeit  solcher  Koinziden 
vom  Vorkommen  der  Lamblien  und  Erkrankungen  der  Gallenwege 
und  Leber  zu  erhalten,  wurde  versucht,  durch  Serienuntersuchung ') 
festzustellen,  in  wie  ausgedehntem  Maasse  bei  Erkrankungen  dieser 
Art  Lamblien  im  Duodenalsaft  und  im  Stuhlgang  nachweisbar  wären. 
Die  Technik  des  Verfahrens  war  dieselbe  wie  bei  den  bisher  ge¬ 
schilderten  Fällen: 


Von  der  bei  Duodenalsondierung  gewonnenen  Flüssigkeit  wurden  jedes-  • 
mal  mehrere  Sedimente  hergestellt  und  diese  zuerst  frisch  untersucht.  Zum  iji 
Färben  der  in  unseren  Fällen  schon  bei  diesen  unbehandelten  Präparaten  gut  I 
sichtbaren  Lamblien  wurde  eine  sehr  dünne  Giemsalösiing  benutzt  in  der 
Weise,  dass  1  Tropfen  der  Stammlösung  auf  1  ccm  Aqu.  dest.  gegeben  wurde 
und  diese  Lösung  1  Stunde  lang  im  Brutschrank  auf  das  vorher  2  Minuten 
lang  mit  Alkohol  fixierte  Präparat  einwirkte.  Es  entstanden  dann  recht .. 
gute  Präparate,  die  eine  genauere  Durchsicht  des  Sediments  gestatteten  und 
bei  Oelimmersion  sehr  deutlich  die  8  Geissein,  die  beiden  Kerne,  den  sog. ; 
Rätselkörper  und  an  den  Ursprungstellen  der  Geissein  die  Basalkörner  ■ 
an  den  etwa  15 — 20  u  grossen,  in  der  Form  einer  Laute  gebauten  Protozoen 
erkennen  lassen  (Abb.  3).  Die  konvexe  Rückenseite  und  die  abgeplattete ; : 
Bauchseite  mit  dem  Saugnapf  im  vordersten  Teile,  erscheinen  dagegen  viel, 
plastischer  im  ungefärbten  Sedimentpräparat,  wenn  die  Tiere  noch  lebhaft  ,V 
sich  bewegend  zu  beobachten  waren. 

Weiterhin  wurde  versucht  mit  Hilfe  eines  Anreicherungsverfahrens, 
wie  es  zum  Auffinden  von  Wurmeiern  im  Stuhl  benutzt  wird,  durch  Behand¬ 
lung  der  Fäzes  mit  Salzsäure,  Aether,  Durchfiltrierung  des  Rückstandes  durch  i-t 
Mullläppchen  und  Sedimentierung  desselben  auch  in  geringer  Menge  vor-  ■ 
kommende  Zystenformen  der  Lamblien  im  Stuhlgang  nachzuweisen';  Das  1 
Verfahren  bewährt  sich  gut.  Auch  nur  wenige  dieser  ovalen,  mit  doppelt ,  I 
konturierter  Kapsel  versehenen  und  an  Grösse  etwas  kleiner  als  die  in 
Geisselformen  erscheinenden  Zysten  wurden  so  leicht  und  schnell  in  den 
Fäzes  entdeckt  bei  schneller  Durchsicht  des  Sediments  mit  Objektiv  Nr.  3 
und  Kontrolle  mit  5  oder  7,  bei  grosser  Anhäufung  gestattete  eine  schnelle 
und  eindrucksvolle  Uebersicht  das  Tusch-  und  Kollargolpräparat  des  nor- 
malen  Stuhlgangs. 

Bei  einer  Serienuntersuchung  fanden  sich  mit  dieser  Methode  der  Stuhl- 1 1 
gangsuntersuchung  unter  100  Normalkranken  der  Klinik  2  mal  Dauerformen 
der  Lamblien.  Auch  mit  der  Duodenalsondierung  konnten  sie  bei  diesen  bei-  fj 
den  dann  nachgewiesen  werden.  Der  eine  dieser  Kranken  hatte  eine  Pneu¬ 
monie,  nie  Magen-  und  Darmbeschwerden  gehabt,  er  war  von  sehr  kräftigem  .i 
Körperbau  und  erschien  wenig  reizbar  in  seinem  vegetativen  Nervensystem.  I 
Der  andere  war  wegen  einer  Herzneurose  in  der  Behandlung  der  Klinik. 
Dieser  beschrieb  in  seiner  Anamnese  heftige  Schmerzanfälle  im  rechten  Ober-  3j 
bauch,  die  von  seinem  behandelnden  Arzte  seinerzeit  als  Gallenblasenkolik¬ 
anfälle  aufgefasst  worden  waren,  so  dass  auch  bei  diesem  Lamblienträger,  der 
die  Protozoen  in  sehr  reichlichen  Mengen  sowohl  in  den  Fäzes  wie  in  dem  rj 
Duodenalsaft  aufwies,  die  Möglichkeit  einer  gleichzeitigen  Erkrankung  der 
Gallenwege  vorliegt.  Ikterus  war  aber  nicht  vorhanden  gewesen.  Zurzeit  1 
des  jetzigen  klinischen  Aufenthaltes  liessen  sich  keine  Beweise  für  eine 
Cholezystitis  oder  ähnliches  finden. 


Im  Duodenalsaft  fanden  sich  hei  Serienuntersuclumgen  an  30  Nor¬ 
malkranken  nie  Lamblien.  Bei  20  Fällen,  die  der  Gruppe  des  Ikterus 
simplex  zuzurechnen  waren,  fanden  sich  die  obenaufgeführten  3  Fälle, 
bei  25  Gallenblasenkranken  mit  Einschluss  von  schweren  Gallenstein¬ 
kranken  und  schweren  Gallenblasenentzündungen  wiederum  die  drei 
obenbeschriebenen  Fälle.  Ausserdem  waren  einmal  die  Lamblien  im 
Sediment  des  Inhaltes  der  als  funktionelle  Stauungsgallenblase  auf- 


*)  Schwester  Ida  Burkard  sei  auch  an  dieser  Stelle  bestens  für  die 
bei  dieser  Untersuchung  geleistete  technische  Hilfe  gedankt. 


.  August  192.3. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1083 


fassten  Erkrankung  nachzuweisen.  Das  Resultat  dieser  Unter- 
chungen  ergibt,  dass  wir  bei  unserem  Durchschnittsmaterial  mit 
nein  Vorkommen  der  Lamblien  in  2  Proz.  zu  rechnen  haben,  bei 
r  Duodenalsondierung  allein  fanden  sich  bei  30  Normalkranken 
gar  keinmal  Protozoen.  Es  ergibt  ferner,  dass  wir  bei  lkterus- 
llen  und  bei  üallenblasenkratiken  dagegen  häufiger  ein  reichliches 
rrkotnmen  dieser  Protozoen  feststellen  können,  so  dass  also  die 
linzidenz  der  Befunde  von  Lamblia  intestinalis  im  Darm  und  von 
krankung  der  üallenwege  oder  Icterus  Simplex  über  das  Maass  der 
im  Normalen  hier  in  Mitteldeutschland  gefundenen  erheblich  liin- 
szugclien  scheint.  Nehmen  wir  jenen  Befund  hinzu,  wo  sich  die 
otozoen  in  der  Gallenblase  nachweisen  Hessen,  so  erscheint  der 
isammenhang  zwischen  einem  sehr  gehäuften  Bewohntsein  des 
roden  ums  durch  diese  sehr  beweglichen  Protozoen  und  den  beiden 
cnangefiihrten  Erkrankungen  doch  ein  recht  wahrscheinlicher. 

Für  die  Vorstellung,  in  welcher  Weise  dieser  Zusammenhang  zu 
lern  Peil  sich  erklären  Hesse,  sei  ein  kurzer  Hinweis  gegeben  auf  ge- 
sse  Erscheinungen  bei  der  funktionellen  Prüfung  der  Motilität  der 
rllenwege  und  ihrer  nervösen  Reflexe,  wie  sie  in  ausführlicher 
eise  in  den  Arbeiten  von  W  e  s  t  p  h  a  1  geschildert  worden  sind, 
bt  man  bei  der  Untersuchung  des  Stepp  sehen  Wittepepton- 
flexes  auf  Gallenblasenentleerung  nach  Eintritt  starken  Ausfliessens 
g.  Blasengalle  dem  Untersuchten  eine  intravenöse  Injektion  von 
—%  ctg  Pilokarpin  je  nach  seinem  Körpergewicht,  so  ist  bei  den 
rrmalen  der  Erfolg  ein  schnelleres  Abfliessen.  Dies  wurde  an  einer 
össren  Serie  von  15  Kranken  erprobt.  Gallenblasenkranke,  Gra¬ 
de  und  Frauen  in  der  Menstruation  wiesen  dagegen  eine  initiale 
mnnung  des  Gallenblasenflusses  auf,  die  zurückgeführt  wird  auf 
te  erhöhte  Reizbarkeit  der  glatten  Muskulatur  der  üallenwege, 
ir  allem  des  von  ü  d  d  i  zuerst  beschriebenen  Sphinktergebietes  an 
r  Mündung  des  Ductus  Choledochus.  Bei  diesen  Untersuchungen 
urden  sechs  von  den  hier  angeführten  Kranken  mitgeprüft.  Es 
gab  sich  dabei  nur  einmal  die  normale  sofortige  Beschleunigung 
s  Ausflusses  der  Blasengalle,  einer  der  Kranken  wies  eine  initiale 
iuse  mittleren  Grades  von  4  Minuten  auf,  und  bei  4  dieser  Kranken 
ir  eine  initiale  Pause  von  über  5  Minuten  vorhanden.  Es  fand  sich 
ter  den  Fällen  mit  der  sehr  verlängerten  initialen  Pause  über  5  Mi- 
ten  1.  Frl.  M.,  der  erste  Fall  von  Icterus  Simplex  mit  einer  Pause 
in  7  Minuten,  2.  die  beiden  ersten  Cholezystitisfälle  (Nr.  4  und  5) 
t  einer  Pause  von  9  und  13  Minuten,  3.  die  Kranke  H.  mit  der 
auungsgallenblase  und  Lamblien  im  Sediment  des  Gallenblasen- 
laltes  mit  einer  Pause  von  15  Minuten. 

Diese  erhöhte  Krampfbereitschaft  des  Muskelgebietes  am  Aus- 
ng  der  üallenwege  spricht  unseres  Ermessens  bei  diesen  Fällen 
hr  dafür,  dass  hier  infolge  der  Anwesenheit  der  Lamblien  im  Duo- 
num  eine  erhöhte  Reizbarkeit  der  Gallenwege  bei  den  Kranken 
irhanden  und  auch  normalerweise  auf  die  im  physiologischen  Be- 
eb  der  Verdauungstätigkeit  vorkommenden  Reflexe  hin  ein  stärkerer 
ampfverschluss  des  0  d  d  i  sehen  Sphinkters  bisweilen  zu  erwar- 
ti  ist.  Ein  solcher  Verschluss  führt  zu  Stauung  in  den  Gallenwegen 
d  gibt  so  erhöhte  Disposition  zum  Aufsteigen  der  in  den  unteren 
irtien  des  Ductus  choledochus  normalerweise  vorkommenden  Koli- 
zillen.  Damit  ist  gleichzeitig  die  Möglichkeit  gegeben  zur  Ent- 
ihung  einer  Cholezystitis  oder  leichten  Cholangitis,  die  als  solche 
er  im  Sinne  der  N  a  u  n  y  n  sehen,  kürzlich  von  Umber  wieder 
schilderten  Cholangie  als  ein  im  anatomischen  Bilde  nicht  stark 
sgeprägter  Infekt  der  üallenwege  bis  in  die  kleinsten  Gallenkapil- 
-en  hinaufsteigen  und  zu  Parenchymerkrankungen  der  Leber  führen 
nn,  die  wir  vorläufig  der  grossen,  wohl  auf  verschiedenste  Ent- 
Hiungsmöglichkeit  zurückgehenden  Gruppe  des  sog.  Icterus  Simplex 
zurechnen  haben.  Es  wäre  also  in  dieser  erhöhten  Reizbarkeit  des 
ündungsgebietes  der  Gallenwege  unseres  Ermessens  ein  Zusam- 
snhang  gegeben  zwischen  dem  sehr  gehäuften  Vorkommen  von 
imblien  in  engster  Nachbarschaft  der  Papilla  Vateri  und  den  eben 
wähnten  Erkrankungen.  Ob  diese  Protozoen  dabei  stets  und  jedes- 
rl  in  die  Gallenwege  hineinkriechen,  erscheint  wohl  erst  in  zweiter 
nie  wichtig.  Auch  die  häufige  Berührung  des  empfindlichen  Schliess- 
uskelapparates  von  aussen  an  der  Papille  durch  diese  wird  eine 
lche  Neigung  zum  Krampfverschluss  herbeiführen.  Voraussetzung 
eibt  allerdings  wohl  ein  sehr  gehäuftes  und  massigeres  Vorkommen 
eser  Dünndarmbewohner  im  oberen  Duodenum,  wie  wir  es  in 
seren  Fällen  beobachten  konnten.  Eine  direkte  anatomische 
:hädigung  der  Mukosa  der  Gallenwege  scheint  nach  dem  mikro- 
opischen  Befunde  an  der  H.schen  Gallenblase  nicht  zu  entstehen.  Die 
öglichkeit,  dass  beim  Eindringen  der  Flagellaten  in  die  Gallenwege 
ae  Reizung  der  Schleimhaut  mit  Neigung  zu  gesteigerter  Sekretion 
rselben  und  in  der  Gallenblase  durch  Resorption  von  Zerfalls- 
odukten  abgestorbener  Tiere  Störungen  für  den  Gesamtorganismus 
tstehen  können  ebenso  wie  bei  weiterem  Eindringen  derselben  in 
e  intrahepatischen  Gänge,  besteht  natürlich  ausserdem. 

Es  wurden  hier  auch  experimentelle  Untersuchungen  vorge- 
imrnen  in  der  Weise,  dass  grosse  Mengen  von  Lamblien,  die  durch 
-dimentierung  aus  Duodenalsaft  gewonnen  waren,  in  die  Gallen¬ 
ase  zweier  Kaninchen  nach  Oeffnung  des  Abdomens  mittels  eines 
irch  die  Leber  geführten  Stiches  eingespritzt  wurden.  Die  Re- 
ltate  dieser  Untersuchungen  waren  negativ,  es  fand  sich  bei  einem 
minchen  eine  sehr  geschrumpfte  Gallenblase  gelegentlich  der  Kon- 
olle  nach  6  Wochen,  die  andere  Kaninchen-Gallenblase  war  durch 
ne  leichte  Entzündung  am  Ductus  cysticus  anscheinend  ver- 

Nr.  33. 


I  schlossn,  sie  enthielt  bei  mikroskopischer  Untersuchung  sehr 
zahlreiche  abgeschilferte  Epithelzellen;  aber  Lamblien  oder 
deren  Reste  waren  weder  im  Gallenblaseninhalt,  noch  bei 
genauer  mikroskopischer  Untersuchung  der  Wand  in  zahlreichen 
Schnitten  von  diesen  Gallenblasen  auffindbar.  Herr  Sanitätsrat 
Dehler,  der  bekannte  Protozoenzüchter  am  Frankfurter  Institut 
für  experimentelle  Therapie,  versuchte  aus  dem  sehr  zahlreiche 
lebende  Lamblien  enthaltenden  Duodenalsaft  diese  Tiere  ausserhalb 
des  Körpers  isoliert  weiterzuzüchten;  für  weitere  experimentelle 
Untersuchungen  wäre  ein  Gelingen  dieses  Versuches  sehr  wertvoll 
gewesen.  Aber  auch  dieses  Vorgehen  erwies  sich  leider  als  erfolg¬ 
los.  Es  scheint  die  Artspezifität  der  Lamblien,  die  auf  bestimmte 
Tiere  als  Wirte  angewiesen  ist  und  ihre  Empfindlichkeit  gegen  starke 
Aenderung  des  Milieus,  das  nicht  dem  Darminhalt  entspricht,  weitere 
Untersuchungen  in  dieser  Richtung  sehr  zu  erschweren. 

Die  Lamblia  intestinalis  erscheint  auch  nach  unseren  Befunden 
nicht  so  sehr  an  sich  pathogen,  sondern  erst  durch  eine  besondere 
auf  ihre  gehäufte  Anwesenheit  stärker  erfolgende  Reaktion  eines  an 
und  für  sich  Empfindlicheren  oder  durch  eine  vorausgehende  Ruhr¬ 
erkrankung  empfindlicher  gewordenen  Organismus  Miterzeuger  der 
Krankheit  zu  werden.  Gerade  dieses  konstitutionelle  Moment  einer 
allgemein  erhöhten  Reizbarkeit  möchten  wir  an  Hand  der  vorher 
aufgführten  Krankengeschichten  noch  einmal  besonders  betonen. 
Fast  alle  unsere  Kranken  zeigten  deutlich  ausgesprochen  einen  sehr 
lebhaften  Dermographismus,  Glanzaugen,  einer  Hyperhidrosis  manum 
et  pedum,  gleichzeitig  war  ein  Stiller  scher  Habitus  und  eine 
leicht  erregbare  Psyche  vorhanden.  Von  ausgesprochen  anderer 
äusserer  Wuchsform  war  nur  der  zweite  Ikteruskranke.  Hier  fehlten 
auch  äussere  Zeichen  einer  besonderen  körperlichen  Reizbarkeit,  qs 
lag  nur  in  der  Anamnese  eine  Psychose,  anscheinend  ein  länger 
dauernder  Depressionszustand,  vor.  Wesentlich  scheint  auch  ein 
solches  konstitutionelles  Moment  zu  sein  bei  dem  krankhaften  Ver¬ 
halten  des  Darmes  infolge  gehäuften  Vorkommens  der  Lamblien.  Ein 
wegen  häufiger  Diarrhöen  ohne  erkennbare  bakterielle  oder  che¬ 
misch-physiologische  Ursache,  die  vom  Hausarzt  und  auch  in  der 
Klinik  (Prof.  v.  Bergmann)  zum  grössten  Teil  als  neurotisch  auf¬ 
gefasst  wurden,  aufgenommener  Kranker  zeigte  bei  der  Untersuchung 
seiner  Dejektionen  sehr  grosse  Mengen  von  enzystierten  Lamblien. 
Ohne  irgendwelche  Behandlung  schwand  jedoch  allein  auf  Bettruhe 
und  etwas  Diät  die  Neigung  zu  Diarrhöen  bei  dem  in  vielem  seines 
Körpers  und  seiner  Psychose  ausgesprochen  nervös  labilen  Men¬ 
schen. 

Die  therapeutischen  Versuche  zur  völligen  Beseitigung  der  Lam¬ 
blien  aus  dem  Darm  führten  hier  ebenso  wie  bei  früheren  Unter¬ 
suchern  nicht  recht  zum  Ziele.  Trotzdem  Zusatz  von  Trypaflavin- 
lösungen  in  Verdünnung  von  1:  10000  zum  Duodenalsaft  bei  mikro¬ 
skopischer  Beobachtung  sehr  schnell  zur  Abtötung  der  Protozoen 
führte,  hatte  eine  sehr  reichliche  Medikation  mit  Trypaflavinlösung 
1 :  1000  durch  die  Duodenalsonde  keinen  ausgesprochenen  Erfolg. 
Nach  dem  Vorschlag  von  Castellani,  Mar  sh  all,  Low  u.  a. 
wurde  Methylenblau  versucht  und  zwar  in  der  Weise,  dass  gleich¬ 
zeitig  durch  konzentrierte  Lösung  von  Karlsbadersalz,  die  nach  dem 
Methylenblau  gegeben  wurde,  eine  intensive  Abführwirkung  herbei¬ 
geführt  und  durch  Chinin  eine  weitere  Protozen  abtötende  Wirkung 
versucht  wurde.  Es  wurden  von  einer  0,3  proz.  Methylenblaulösung 
zweimal  täglich  je  3  mal  in  dem  Abstand  von  je  1  Stunde  200  ccm 
ins  Duodenum  injiziert  und  2  mal  täglich  hohe  Einläufe  mit  der 
gleichen  Lösung  gegeben.  Es  trat  danach  allerdings  eine  bedeutende 
Verminderung  der  Flagellaten  im  Stuhlgang  auf,  ihr  Nachweis  ge¬ 
lang  aber  weiter  bei  genauer  Untersuchung.  Dies  ist  für  die 
Kranken  selbst,  wenn  ungeschickte  psychische  Beeinflussung  vom 
Arzte  vermieden  wird,  im  allgemeinen  nicht  von  Bedeutung  gewesen, 
da  hier  schon  VA  Jahre  lang  beobachtete  Lamblienträger  nur  über 
wenig  Beschwerden  zu  klagen  hatten.  Bei  dem  einen  fehlten  sie 
ganz,  bei  dem  anderen,  einer  wegen  Cholezystitis  operierten  Kranken, 
traten  bisweilen  noch  leichte  krampfartige  Schmerzen  im  linken 
Obrbauch,  wohl  beruhend  auf  einer  mässigen  Hyperperistaltik  des 
Dünndarms,  auf,  die  sich  durch  geringe  Atropindosen  gut  bekämpfen 
Hessen. 

Eine  Anzahl  von  Lamblienträgern  ist  daher  auch  bei  unseren 
Beobachtungen  lange  Zeit  frei  von  irgendwelchen  krankhaften  Er¬ 
scheinungen,  trotz  der  unmittelbaren  Beziehungen,  in  die  nach  den 
Beobachtungen  von  G  r  a  s  s  i  und  Schewiakoff  diese  Flagel¬ 
laten  mit  ihrem  Saugnapf  zu  den  Zellen  der  Darmschleimhaut  treten. 
Beziehungen,  die  in  dem  Abgang  zahlreicher  Darmepithelien  und 
Erytrozyten  beim  gründlichen  Abführen  mit  Kalsbader  Salz  auch 
in  einem  der  hier  beschriebenen  Fälle  ihren  deutlichen  Ausdruck 
fanden.  Es  muss  daher  auch  bei  vielen  normalen  Individuen  von 
nicht  besonders  asthenischer  Natur  oder  im  vegetativen  Nerven¬ 
system  labiler  Konstitutionsform  das  Verhältnis  zu  diesen  dünndarm¬ 
bewohnenden  Flagellaten  im  allgemeinen  im  Rahmen  eines  harm¬ 
losen  Kommensualismus  bleiben;  kommen  aber  besondere  Betriebs¬ 
störungen  der  Darmtätigkeit  durch  Ruhrerreger,  toxische,  endokrine 
oder  klimatische  Schädigungen  vor,  so  macht  unseres  Ermessens  ein 
solcher  Gleichgewichtsausschlag  den  vorher  harmlosen  Mitbewohner 
zum  ebenfalls  pathogenen  Reiz,  besonders  wenn  eine  Vermehrung 
der  Parasiten  ins  Ungemessene  dann  stattfindet.  Und  ähnlich  kann, 
wie  in  den  hier  geschilderten  Fällen,  bei  im  ganzen  konstitutionell 
und  auch  im  Nerven-  und  Muskelapparat  der  Gallenwege,  besonders 

3 


1084 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  33. 


im  Sphinkterengebiet,  empfindlichen  Individuen  die  sonst  harmlose  i 
Symbiose  mit  intestinalen  Lamblien  zu  Störungen  führen,  die  in  ihrer 
Genese  natürlich  auch  wieder  abhängig  von  der  Masse  dieser  Fremd¬ 
linge  im  Duodenum  und  der  Tiefe  ihres  Eindringens  in  die  Gallen¬ 
wege  mit  Ursache  am  pathologischen  Geschehen  in  diesem  Gebiet 
werden  können,  in  Gemeinschaft  mit  dem  so  erzeugten  Schliess- 
muskelkrampf  und  dadurch  erleichtertem  Aufwärtsdringen  bak¬ 
teriellen  Infektes  in  die  biliären  Duktus.  Ein  nicht  zu  gesteigerter 
Reaktion  bereiter  Organismus  wird  dagegen  jahrelang  auch  in  engster 
Nachbarschaft  der  Papilla  Vateri  Lamblien  beherbergen  können,  ohne 
dass  dieser  Zirkel  krankhaften  Geschehens  sich  eröffnet.  So  scheint 
uns  in  verschiedenem  Zustand  des  Wirtskörpers  und  des  lntestinal- 
trakts  das  Problem  der  Pathogenität  der  Lamblia  intestinalis  häufig 
seine  Lösung  zu  finden,  ihre  Pathogenität  ist  nur  eine  relative. 

Literatur. 

Braun:  Die  tierischen  Parasiten  des  Menschen.  Würzburg  1903. 
Loeber:  Ueber  morphol.  Unters,  d.  Duodenalsaftes.  M.m.W.  1923,  22.  — 
Morowitz-Hölzl:  Ueber  Häufigkeit  und  Bedeutung  des  Vorkommens 
von  Megastoma  entericum  im  Darmkanal  des  Menschen.  M.m.W.  1892  S.  831. 
—  Rodenwald:  Flagellaten  als  Parasiten  der  menschlichen  Körperhöhlen. 
Prowacek-Noeller:  Handbuch  der  pathogenen  Protozoen,  Leipzig  1921.  — 

R  o  t  h  m  a  n  n  -  Mannheim:  Untersuchungen  über  die  zelligen  Bestandteile 
der  durch  Duodenalsondierung  gewonnenen  galligen  Flüssigkeit  und  ihre 
differentialdiagnostische  Verwertung.  Mitt.  Qrenzgeb.  1921,  33,  H.  4. 
Schmidt- v.  Noorden:  Klinik  der  Darmkrankheiten.  München  und 
Wiesbaden  1921.  —  Salomon:  Ueber  einen  Fall  von  Infusoriendiarrhöe. 
B.kl.W  1899  S  100.  —  Umber:  Der  Infekt  der  steinfreien  Wege.  Naunyns 
Cholangie.  Klin.  Wschr.  1923  Nr.  13.  —  Westphal:  Muskelfunktion, 
Nervensystem  und  Pathologie  der  Gallenwege.  Zschr.  f.  klin.  M.  1923, 
96,  H.  1—3.  * 


Aus  dem  patholog. -hygienischen  Institut  der  Stadt  Chemnitz. 

Lungenvarix  und  Hämoptoe. 

Von  Prof.  C.  Nauwerck. 

Wer  sich  in  zweifelhaften  Fällen  von  Hämoptoe  in  dem  bekann¬ 
ten  „Lehrbuch  der  Differentialdiagnose  innerer  Krankheiten“,  2.  Auf¬ 
lage,  1921,  von  Matth  es  Rat  holen  will,  dem  bietet  sich  eine  Liste 
krankhafter  Zustände  zur  Auswahl  dar,  die  die  Hauptmasse  der  ge¬ 
samten  Lungenpathologie  umfassen  dürfte.  Trotzdem  wird  eine 
Gruppe  vermisst,  die  Varizen  der  Luftwege  u  n  d  der 
Lungen  nämlich.  Dass  Venektasien  der  Trachea  zu  beträchtlichen, 
periodischen,  über  Jahre  sich  hinziehenden  Blutungen  führen  können, 
lehrt  u.  a.  eine  in  der  D.m.W.,  1911,  Nr.  34,  S.  1580,  von  Ephraim 
mitgeteilte  Beobachtung  eines  Falles,  der  unter  endoskopischer  Be¬ 
handlung  mittels  Chromsäure  zur  Abheilung  gelangte.  In  meiner 
Chemnitzer  Sammlung  findet  sich  nur  ein  einziges  Präparat,  die  Luft¬ 
wege  betreffend,  ein  kleiner  Varixknoten  dicht  unterhalb  der  Glottis. 

Varizen  der  Lunge  dagegen  müssen  ungeheuer  selten  sein,  ln 
der  letzten  Auflage  seines  Lehrbuches  führt  Kaufmann,  dessen 
umfassende  Literaturkenntnis  unbezweifelt  ist,  nur  H  e  d  i  n  g  e  r  (De¬ 
monstration  eines  Lungenvarix,  Verhandlungen  der  Deutschen  patho¬ 
logischen  Gesellschaft  1907)  an,  und  auch  mir  ist  es  nicht  geglückt, 
diese  Kasuistik  zu  erweitern.  Hedinger  meint,  man  werde  bei 
Blutungen  unklarer  Art  an  Lungenvarix  denken  müssen;  bei  einer 

44  jährigen  Frau  hatten  sich  während  dreier  Schwangerschaften  ziem¬ 
lich  reichliche  Blutungen  eingestellt  bei  sonstigem  Wohlbefinden. 
Hedinger  vermag  nicht  mit  Sicherheit  auszuschliessen,  dass  die 
Hämoptoe  auf  tuberkulösen  Prozessen  beruhte,  neigt  aber  doch  mehr 
dazu,  sie  auf  den  Varix  zurückzuführen,  „indem  durch  stärkere  Fül¬ 
lung  desselben  Stauungsblutungen  in  seiner  Umgebung  zu¬ 
stande  kommen  konnten“.  Im  Lichte  nachstehender  Beobachtung 
möchte  es  indessen  näherliegen,  sofern  die  Tuberkulose  ausscheidet, 
den  Varix  selbst  verantwortlich  zu  machen. 

Der  erschütternde  Todesfall  durch  akute  hämoptoische  Ver¬ 
blutung,  den  ich  am  23.  XII.  22  aufzuklären  in  die  Lage  kam,  betraf  die 

45  jährige  kräftige,  gut  ernährte,  bisher  blühend  aussehende  Frau  eines  mir 
wohlbekannten  Arztes.  Aus  seinen  mir  zur  Verfügung  gestellten  Aufzeich¬ 
nungen  entnehme  ich,  dass  sie,  aus  gesunder  Familie  stammend,  selbst  stets 
gesund,  seit  vielen  Jahren  und  schon  als  Kind  besonders  bei  Anstrengungen 
und  Aufregungen  an  Nasenbluten  litt.  Wegen  starker  Lungenblutung  seiner 
Frau  wurde  er  1915  (telegraphisch  aus  dem  Felde  zurückgerufen;  nach  2— äTagen 
stand  die  Blutung;  bei  seinem  Eintreffen  hatte  seine  Frau  keinerlei  Beschwer¬ 
den,  das  Aussehen  war  wie  sonst  frisch  und  gesund.  Auch  Prof.  Clemens 
vermochte  auf  den  Lungen  nichts  Sicheres  festzustellen.  Auf  dem  Rönt¬ 
genbild  glaubte  man  in  der  Gegend  der  Bronchialdrüsen  einen  Schatten 
feststellcn  zu  können,  so  dass  man  immerhin  bei  positivem  Pirquet  stark 
an  Tuberkulose  dachte;  die  Sektion  hat  diesen  Verdacht  nicht  bestätigt.  Die 
Blutung  wiederholte  sich  in  den  folgenden  Jahren  in  verschiedenen,  nicht- 
periodischen  Zeitabschnitten  noch  5  mal,  1  mal  bis  zur  Gefahr  der  Erstickung. 
Die  vorletzte  Blutung  trat  3  Wochen  vor  Weihnachten  auf,  war  weniger  stark, 
aber  längerdauernd  als  sonst.  8  Tage  vor  ihrem  Tode  hatte  die  Kranke  das 
Bett  verlassen  und  verrichtete  wieder  leichte  Arbeiten.  Nach  dem  Auftreten 
einer  Blutung  fühlte  sie  sich  meistens  in  5—6  Tagen  wieder  völlig  wohl, 
so  dass  sie  kaum  im  Bett  zurückzuhalten  war;  niemals  Fieber.  Die  Ge¬ 
burten  zweier  gesunder  Kinder  fielen  vor  die  Zeit  der  Lungenblutungen.  An 
peripheren  Varizen  hat  die  Verstorbene  nicht  gelitten. 

Ich  will  mich  mit  der  Schilderung  der  Ueberschwemmung  der 
Lungen,  der  Luftwege,  des  Rachens,  der  Mundhöhle  mit  Blut,  den 
Zeichen  von  Erstickung  und  akuter  Anämie  nicht  weiter  aufhalten, 
sondern  wende  mich  gleich  zu  dem  entscheidenden  Befund: 


An  der  Aussenseite  des  Unterlappens  der  nirgends  verwachsenen  rechter  I 
Lunge  ragt  in  der  Axillarlinie  eine  haselnussgrosse,  dünnwandige,  wcisslich  i 
undurchsichtige  Blase  vor,  die  bei  den  Manipulationen  unter  quatschen- 1 
dem  Geräusch  bald  einsinkt,  bald  wieder  über  die  Lungenoberfläche  sich  er- 1 
hebt,  die  um  dpi  Sack  herum  durch  Druck  grabenartig  vertieft  erscheint  1 
Vom  unteren  Rande  liegt  er  2,5  cm  entfernt.  Auf  einem  Einschnitt  erweis:  i 
er  sich  als  das  distale  Ende  eines  grösseren,  ovalen  Hohlraums,  mit  diesen  J 
durch  einen  sondendicken  Kanal  verbunden;  die  Höhle  ist  3,5  cm  lang,  2  cm  1 
tief,  enthält  schaumiges  Blut.  Sie  zeigt  eine  zarte,  glatte,  papierdünne  Wan  1 
düng  und  geht  ziemlich  rasch  in  einen  nicht  erweiterten,  nicht  verdiektci  I 
Ast  der  Lungenvene  über.  Vom  Hauptbronchus  bleibt  der  Varix  noch  6  en  I 
entfernt.  Die  Höhle  ist  distal  sinuös  gestaltet,  unter  Bildung  des  beschrie  I 
benen,  subpleuralen  Sackes,  ebenso  proximal.  Hier  weist  hinten  die  vor! 
sichtige  Sondierung  1  ein  vom  proximalen  Ende  entfernt,  hiluswärts  eint! 
freie  Verbindung  zwischen  Varix  und  einem  Bronchial  ! 
ast  erster  Ordnung  nach.  Das  an  den  Varix  angrenzende  Lungengewelxl 
ist  lufthaltig,  frei  von  irgendwelchen  indurativen  oder  sonstigen  Verände  ! 
rungen. 

Der  Durchbruch  des  Varix  in  den  Bronchus  erklärt  die  letzte  $ 
todbringende  Hämoptoe;  es  erschiene  mir  künstlich,  für  die  früherer! 
Lungenblutungen  andere  Ursachen  hcranziehen  zu  wollen,  üb  diel 
gleiche  Stelle,  ob  nicht  vielmehr  mehrfache  Perforationen,  die  siel  j 
dann  wieder  thrombotisch  schlossen,  in  Betracht  kommen  | 
bleibe  dahingestellt.  Für  Stauungsblutungen  im  Sinne  Hedinger  s| 
fehlen  die  Anhaltspunkte.  Atrophierende  Vorgänge,  von  der  Blut -tj 
masse  des  Varix  nach  aussen  wirkend,  dürften  für  die  Durchbrüche? 
entscheidend  gewesen  sein.  Auf  die  mikroskopische  Analyse  habe  icljij 
verzichtet. 

Ueber  die  Entstehung  dieses  Lungenvarix  vermag  ich  cbensg-:. 
wenig  wie  seiner  Zeit  Hedinger  etwas  bestimmtes  beizubringen jj 
wahrscheinlich  handelt  es  sich  um  eine  auf  Unterbildung  der  Venen  u 
wand  zurückzuführende  Anlage;  jedenfalls  bestehen  keine  Gründel 
ihn  durch  schrumpfende  Prozesse  des  umgebenden  Gewebes  als  se-1 
kundär  zu  erklären;  möglich  wäre  es,  dass  die  erweiterte  Vene  eineii 
lokalen  kongenitalen  Lungendefekt  zu  ersetzen  bestimmt  war. 

Alter  und  Geschlecht  sowie  die  Lokalisation  im  rechten  Unter  :; 
lappen  stimmen  in  Hedingcrs  und  meinem  Fall  überein.  Die  sflbj 
pleurale  Lage  lässt  die  Möglichkeit  zu,  dass  unter  Umständen  ein 
Hämothorax  sich  anschliesst. 

Hedinger  bezieht  alte  Infarkte  in  Leber  und  Milz  auf  ver! 
schleppte  Thromben  des  Varix  und  denkt  auch  bei  dem  Ulcus  simple.'* 
duodeni,  das  der  Kranken  den  Tod  brachte,  an  embolische  Entl 

Stellung.  ,  T  , .  . 

In  meinem  Fall  bestand  VA  Jahr  vor  der  ersten  Lungenblutuni 
eine  „leichte  passagere  Hemiplegia  dextra  mit  Sprachstörung“,  die  icl| 
mir,  mangels  jeder  anderen  Ursache,  ebenfalls  als  auf  Embolie  be| 
ruhend  denken  möchte.  _  || 

Diagnostisch  dürfte,  bei  Ausschluss  aller  näherliegenden  Grund! 
lagen,  die  Röntgenuntersuchung  die  positive  Entscheiduna 
für  einen  Lungenvarix  bringen.  Wenigstens  gaben  mir  Sachverstanl 
dige,  wie  Prof.  Clemens  und  Oberarzt  Dr.  Schuster,  ihre  An  ■ 
sicht  bestimmt  dahin  kund,  dass  ein  solcher  scharfbegrenzter  Lungen! 
varix  von  einer  gewissen  Grösse,  wenn  mit  Blut  gefüllt,  einen  Schat| 
ten  liefern  müsse,  sofern  er  von  lufthaltigem  Lungengewebe  umgebeil 
sei.  Der  negative  Ausfall  in  vorliegender  Beobachtung  spräche  nichfl 
mit  Sicherheit  im  gegenteiligen  Sinne,  weil  die  seitliche  Lage  de:| 
Varix  bei  den  üblichen  Aufnahmen  von  vorn  oder  von  hintei! 
ungünstig  habe  wirken  müssen.  Eine  Aufnahme  von  der  Seite  he| 
hätte  wahrscheinlich  den  Varix  zur  Ansicht  gebracht. 

Ob  ein  einmal  diagnostizierter  Lungenvarix.  der  inneren  TherapiJ 
zugänglich  ist,  vermag  ich  nicht  zu  sagen.  Chirurgisch  scheinen  di! 
Aussichten,  wie  ich  der  Meinung  auch  auf  dem  Gebiete  der  Lungen! 
Chirurgie  besonders  Erfahrener  entnehme,  überaus  zweifelhaft  z\H 
sein.  Auch  mein  Vorschlag,  durch  künstlichen  Pneumothorax  deiil 
Varix  zum  Kollaps  und  zur  Verödung  zu  bringen,  löste  keinen  bei 
sonderen  Beifall  aus. 


Aus  der  Hautklinik  der  Universität  Jena. 
(Direktor:  Prof.  Spiel  ho  ff.) 

Kritik  zur  sogenannten  „Hämoklasischen  Krise“ 
Widals  als  Leberfunktionspriifung. 

Von  Dr.  Hans  Mietling,  Volontärarzt  der  Künik. 

Wenn  wir  die  Angaben  Widals  einer  Nachprüfung  unterzöget \ 
so  war  für  uns  massgebend  die  Behauptung  Widals,  dass  nicli 
nur  manifeste,  sondern  auch  latente  Leberschädigungen  mit  seiner 
Funktionsprüfung  nachgewiesen  werden  konnten.  Hatte  Wida 
recht,  so  musste  auch  für  den  Syphilidologen  dies  von  grossem  Vor 
teil  sein,  sowohl  bezüglich  der  klinisch  latenten  Form  von  luetische 
Hepatitis,  als  auch  der  Salvarsanleberschädigungen  während  odel 
auch  nach  der  Kur,  erwies  sich  die  Brauchbarkeit  der  „Hämoklasischt « 
Krise“  als  Leberfunktionsprüfung,  so  musste  sie  von  grossem  Wer 
sein  für  unser  therapeutisches  Handeln.  Nach  den  Mitteilungen  vo 
Widal  über  seine  Blutuntersuchungen  erschien  uns  seine  Method  ' 
nicht  genügend  gesichert.  Wir  haben  zu  beanstanden,  dass  bei  de 
Widal  sehen  Fällen  das  Blutleben  der  Untersuchten  v  o  r  der  Prob 
nicht  genau  ermittelt  ist.  Bei  den  grossen  individuellen  Verschiede! 
heiten,  bei  den  Tagesschwankungen  ist  vom  methodologischen  Stand 
Punkt  unbedingt  die  Forderung  zu  erheben,  dass  das  Blutleben  bc 


7.  August  192.1. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCI IK’lf  I . 


;annt  ist,  bevor  die  Einwirkung  irgendeines  Faktors  auf  das  Blut- 
eben  untersucht  werden  soll  (S  p  i  e  t  h  o  f  f;  näheres  in  seiner  Arbeit: 
Blutbild  bei  den  verschiedenen  Formen  der  Hauttuberkulose.  Archiv 
ür  Dermatologie  und  Syphilis,  Bd.  132,  Jahrg.  1921).  Im  vorliegenden 
'all  passt  sich  die  Voruntersuchung  genau  dem  Typus  der  Haupt- 
mtersuchung  an,  die  Widal  angibt. 

An  drei  aufeinanderfolgenden  Tagen  untersuchten  wir  morgens 
n  vollkommen  nüchternen  Kranken,  jeden  Tag  zu  genau  derselben 
.eit,  ohne  Milchgabe  die  Leukozythenzahlen  im  peripheren  Blut.  Am 
ierten  lag  Messen  wir  bei  gleichen  Bedingungen  den  Widal  sehen 
ersuch  folgen.  Gezählt  wurde  5  mal  hintereinander  im  Abstand  von 
i  20  Minuten.  An  allen  Tagen  wurde  peinlichst  dieselbe  Zäh  I  z  e  it 
inegehalten.  Am  3.  und  4.  Tage  wurde  ausserdem  der  Blutdruck 
ach  Riva-Rocci,  am  4.  Tage  ausserdem  der  refraktometrische 
udex  im  Blutserum  bestimmt.  Als  Leukopenie  nahmen  wir,  ent- 
prechend  den  Angaben  W  i  d  a  1  s,  ein  Absinken  der  Leukozythcn- 
/erte  um  2000  und  mehr  an.  Wir  untersuchten  im  ganzen  15  Kranke, 
ie  ersten  drei  zeigten  sichere  Leberschädigungen,  bei  den  übrigen 
/ar  eine  solche  nicht  nachweisbar  und  auszuschliessen.  Sämtliche 
ueskranke  waren  spezifisch  vollkommen  unbehandelt. 

Fall  1.  Kranker  mit  Lues  hepatis.  Leber  2  Querfinger  unterhalb  des 
ippenbogens  deutlich  palpabel.  Urobilinogen:  ++.  WaR.:  ++++.  Leuko- 
etenwerte  an  den  Vorversuchstagen  schwankend.  Am  Hauptversuchstag  kein 
eukowidal.  Blutdruck  und  refraktometrischer  Index  ohne  Besonderheiten. 

Fall  2.  Lues  I.  Primäraffekt  am  Präputium.  WaR.  H — I — h+.  Kran- 
er  war  wegen  Acne  vulgaris  permagna  lange  mit  hohen  Arsendosen  be- 
jndelt  und  hatte  einige  Zeit  vorher  eine  schwere  Arsenhepatitis  mit  Ikterus 
jrchgemacht.  Urobilinogen:  ++.  Am  2.  Voruntersuchungstag  ein  Absinken 
er  Leukozyten  um  2160  bei  einem  Anfangswert  von  8760.  An  den  anderen 
oruntersuchungstagen  wie  am  Tage  des  Hauptversuchs  in  allen  3  Sym- 
iomen  unbestimmte  Werte. 

F  a  1 1  3.  Acne  vulgaris  permagna.  Längere  Zeit  mit  hohen  Arsendosen 
ahandelt.  Urobilinogen:.  ++.  Vollkommen  schwankende  Werte  an  den 
oruntersuchungstagen  wie  am  Tage  des  Hauptversuches. 


Diagnose 

Uro¬ 

bilinogen 

V  o  runtersuehungen 

Hauptversuch 

1.  Tag 
Leuko¬ 
zyten 

2.  Tag 
Leuko¬ 
zyten 

3.  Tag 
Leuko¬ 
zyten 

Blut¬ 

druck 

3.  Tag 

4.  Tag 
Leuko¬ 
zyten 

4.  Tag 
Refrakt.- 
Index 

4.  Tag 
Blut¬ 
druck 

Lues  hepatis 

+ 

7000 

7950 

12200 

9900 

10100 

7500 

7500 

7750 

5950 

7250 

7600 

6750 

7650 

7200 

5700 

95 

96 
98 
8  a 
92 

X 

1 

7500 

7600 

9 '50 
9750 
6300 

1,34998 
1,34995 
1,35013 
1,3: 027 
1,34958 

98 

108 

105 

105 

98 

t£ 

X 

'  B 

B 

LuesIiFrühe 
ikne,  starke 
Arsen- 
aeliandlung) 

+ 

6200 

6960 

6140 

6440 

6200 

8760 

6600 

6860 

7200 

7600 

7320 

5360 

7400 

5840 

6040 

93 

22 

93 

93 

94 

w 

E 

a 

a 

7050 
6650 
5250 
5500 
65  0 

1,34962 

1,34962 

1,34966 

1,34966 

1,34958 

95 

96 
95 

94 

95 

w 

E 

a 

a 

8.  Acne 
vulgaris 

+ 

8000 

8480 

7000 

7800 

11040 

7080 

7080 

7720 

8800 

L880 

8960 

8t  80 

9240 

8200 

10280 

87 

80 

81 

80 

79 

bfl 

X 

£ 

B 

8000 

8760 

8160 

9560 

11360 

1,34180 

1,34847 

1,34843 

1,34838 

1,34790 

83 

85 

80 

79 

81 

SB 

E 

a 

a 

Vielleicht  wäre  eine  hämoklasische  Krise  noch  anzunehmen,  wenn 
l  dem  Hauptversuchstag  der  Leukozythenabfall  wesentlich  grösser 
:  als  die  Schwankungen  an  den  Voruntersuchungstagen.  Es  wäre  dann 
>n  W  i  d  a  1  nicht  richtig  gewesen,  eine  absolute  Zahl  anzugeben, 
ie  Zahl,  die  als  Leuko-Widal  anzusprechen  wäre,  hätte  iti  jedem 
nzelnen  Fall  an  den  Vorversuchstagen  erst  ermittelt  werden  müs- 
n.  Aber  auch  unter  diesen  Gesichtspunkten  haben  wir  in  den  Fällen 
>n  Leberschädigungen  keinen  Leuko-Widal  feststellen  können. 

In  den  weiteren  12  Fällen  untersuchten  wir  dann  das  Blutleben 
■i  lebergesunden  Kranken  unter  denselben  Voraussetzungen,  die 
ir  bei  den  Leberkranken  angewandt  hatten. 

Fall  4.  Lues  II.  WaR.:  ++- f+.  Unbehandelt.  Urobilinogen:  nega- 
"•  Am  1.  Voruntersuchungstag  ein  Absinken  der  Leukozyten  um  2160  bei 
iem  Anfangswert  von  6800,  am  3.  Vorvcrsuchstag  eine  Leukozytenabnahme 
n  2200  bei  7160  Anfangswert.  Am  Hauptversuchstag  eine  „Leukopenie“ 
n  3560  bei  einer  Anfangszahl  von  9980  Leukozyten. 

Fall  5.  Qonorrh.  ant.  +  post.  Nur  lokal  behandelt.  Urobilinogen: 
gativ.  Am  1.  Voruntersuchungstag  bei  einem  Anfangswert  von  11  640 
ukozyten  ein  Absinken  um  4760.  Am  2.  Tag  bei  einem  Ausgangswert  von 
50  eine  „Leukopenie“  von  2680.  Am  Hauptversuchstag  eine  Abnahme  der 
ukozyten  um  3280  bei  8360  Anfangswert.  Parallel  dem  Absinken  der  Leuko- 
ten  eine  Blutdrucksenkung  von  15  mm  Hg  und  eine  Abnahme  des  refrakto- 
:trischen  Index  um  0,00041. 

Fall  6.  Qonorrh.  ant.  +  post.  Nur  lokal  behandelt.  Urobilinogen: 
gativ.  Am  1.  Voruntersuchungstag  ein  Leukozytensturz  um  5760  bei  einem 
fangswert  von  16  080.  Am  3.  Voruntersuchungstag  bei  einer  Ausgangs- 
hl  von  21  000  ein  Absinken  um  8760  Leukozyten.  Am  Hauptversuchstag 
r  eine  Blutdruckschwankung  um  17  mm  Hg  ohne  „Leuko-Widal“. 

F  a  1 1  7.  Lues  II.  Unbehandelt.  WaR.:  ++H — K  Urobilinogen:  negativ. 

1  1.  Voruntersuchungstag  fand  sich  ein  Absinken  der  Leukozyten  von 
400_auf  7450,  also  um  2950.  Am  Hauptuntersuchungstag  eine  „Leukopenie“ 
a  6500  auf  4400,  also  um  2100.  Bei  letzterem  Falle  eine  Verminderung  des 
raktometrischen  Index  um  0,00058,  entsprechend  dem  Absinken  der  Leuko- 
ten. 

Fall  8.  Lues  I.  Unbehandelt.  WaR.:  4 — I — b+.  Urobilinogen:  nega- 
.•  Dieser  Kranke  wurde  nur  zweimal  ohne  alimentären  Reiz  geprüft.  An 
!den  Untersuchungstagen  ein  Absinken  der  Leukozyten,  am  ersten  um 
-.0  bei  einem  Anfangswert  von  10  050,  am  zweiten  um  2650  bei  einem 
tangswert  von  9350.  Nicht  parallel  dem  Absinken  der  Leukozyten  ging 
i  2.  Tag  eine  Blutdruckerniedrigung  um  15  mm  Hg. 


1085 

^Ma  *  I  9.  Lues  II.  Unbehandelt  WaR.:  H — I — 1 — K  Urobilinogen:  nega¬ 
tiv.  Nur  am  Hauptuntersuchungstag  war  ein  starkes  Absinken  der  Leuko- 
|  zyten  um  4200  bei  einer  Anfangsziffer  von  8750  festzustellen.  An  den  übri¬ 
gen  lagen  schwankende  Werte. 

Fa  1 110.  Lues  II.  Unbehandelt.  WaR.:  +H — I — h  Urobilinogen:  nega¬ 
tiv.  Am  2.  Voruntersuchungstag  Absinken  der  Leukozyten  von  11  200  auf 
7800  also  um  3800. 

....  I’ a  G  H.  Strictura  urethrae  postgonorrhoica.  Lokale  Behandlung.  Uro- 
bilinogen:  negativ.  Am  Hauptuntersuchungstag  eine  Verminderung  der  Leuko- 
I  zyten  von  8320  auf  5280,  also  um  3040.  Parallel  dem  Leukozytenabfall  geht 
;  eine  Verminderung  des  refraktometrischen  Index  um  0,00066. 

|  Fall  12  Lues  II.  WaR.:  H — I — I — j-.  Urobilinogen:  negativ.  Am 
;  3.  Voruntersuchungstag  findet  sich  eine  Verminderung  der  Leukozyten  um 
3250  bei  einem  Ausgangswert  von  11  920. 

f  Miqf  llandelt  es  sich  um  2  Lues-II-Fäile,  WaR.  bei  jedem 

i«  '  j  o-  .und  uni  ^  Prostatitis  chronica,  mit  negativem  Urobilinogen- 
betund.  sie  zeigen  an  allen  Tagen  vollkommen  schwankende  Symptome. 

Zusammenfassung:  1.  Bei  3  Leberkranken  fand  sich  keine 
alimentäre  „Leukopenie“.  Fall  2  ergab  am  2.  Tage  der  Vorunter¬ 
suchung  einen  mässigen  „Leuko-Widal“. 

2  Leukozythenschwankungen  über  die  Widal  sehe  Grenze 
(2000)  hinaus  nach  alimentären  Reizen  sind  nicht  von  einer  gestörten 
Leberfunktion  abhängig. 

Denn  wir  sehen  im  Ablauf  des  Blutlebens,  das  unter  keiner 
probatorischen  oder  therapeutischen  Reizwirkung  steht,  gleiche 
Schwankungen,  wie  sie  W  i  d  a  1  auf  alimentären  Reiz  bei  lebergestör¬ 
ten  Organismen  fand. 


Aus  dem  Krankenhaus  der  barmherzigen  Brüder  zu  Straubing. 
(Leiter:  Dr.  Al  bin  An  ge  rer,  Facharzt  für  Chirurgie.) 

Klinische  Erfahrungen  über  die  intravenöse  Gonargin¬ 
behandlung  der  Gonorrhöe  des  Mannes. 

Von  Dr.  Fritz  Sachweh,  Volontärassistent. 

Angeregt  durch  eine  Arbeit  von  Rhoden  [l],  betitielt  „Klinische 
Erfahrungen  über  die  intravenöse  Behandlung  der  offenen  Schleim- 
hautgonorrhöe  des  Weibes  ,  welche  in  Nr.  31  des  letzten  Jahrganges 
dieser  Wochenschrift  erschien,  versehen  mit  einer  einleitenden  Be¬ 
merkung  von  Professor  G  a  u  s  s  -  Freiburg,  stellte  ich  mir  die  Auf¬ 
gabe,  ähnliche  Versuche  an  gonorrhoischen  Männern  vorzunehmen. 

Einzelheiten  aus  dieser  Arbeit  anzuführen,  wäre  überflüssig.  Nur 
sei  erwähnt,  dass  G  a  u  s  s  auf  Grund  seiner  Erfahrungen  dem  Go¬ 
nargin  den  Vorzug  gibt.  Das  Endresultat  der  mit  Gonargin  behan¬ 
delten  Fälle  war  folgendes:  Bei  31,3  Proz.  sichere,  25  Proz.  wahr¬ 
scheinliche,  12,3  Proz.  fragliche,  31,3  Proz.  keine  Heilung.  Dieses 
Ergebnis  ist  sicherlich  ein  gutes  zu  nennen,  zumal  wenn  man  be¬ 
denkt,  welche  Crux  medicorum  die  Behandlung  der  weiblichen  Go¬ 
norrhöe  darstellt. 

Es  ist  daher  wohl  begreiflich,  wenn  ich  mich  hierdurch  ermutigen 
Hess,  die  gleichen  Versuche  bei  Männern  vorzunehmen,  hoffend, 
dass  dabei  das  Endresultat  ein  noch  günstigeres  sein  werde.  An 
dieser  Stelle  sei  besonders  darauf  hingewiesen,  dass  ich  obige  Arbeit 
lediglich  als  Anregung  benutzt  habe,  dass  es  mir  jedoch  fernliegt, 
irgendwelche  Kritik  an  deren  Ausführungen  üben  zu  wollen. 

Es  kamen  in  der  Zeit  von  August  1922  bis  März  1923  im  ganzen 
15  Fälle  zur  Behandlung,  und  zwar  neben  solchen  mit  einfacher  Ure- 
thralgonorrhöe  eine  Reihe  von  Formen,  die  mit  Arthritis,  Epididy- 
mitis,  Prostatitis  und  Ergriffensein  der  Posterior  kompliziert  waren; 
neben  frischen  Fällen  solche,  die  schon  früher  anderweitig  in  Be¬ 
handlung  gewesen  und  nur  unvollkommen  geheilt  entlassen  worden 
waren. 

Bei  der  Behandlung  dieser  Fälle  wurde  zunächst  genau  das  in 
obiger  Arbeit  angegebene  Behandlungsschema  innegehalten.  Es 
wurde  mit  einer  Injektion  von  5  Mill.  Keimen  begonnen,  die  an  jedem 
2.  bis  3.  Tag  (Gauss  empfiehlt  3.  bis  4.)  um  weitere  5  Mill.  Keime 
erhöht  wurde.  Ich  muss  bemerken,  dass  ich  während  der  Zeit  meiner 
Versuche  keine  andere  Literatur  eingesehen  habe,  um  von  anderer 
Seite  möglichst  unbeeinflusst  zu  bleiben.  Später  bin  Ich  von  selbst 
dazu  übergegangen,  grössere  Dosen,  manchmal  bis  zu  200  Mill. 
Keimen,  anzuwenden.  Als  ich  dann,  nachdem  meine  Versuche  abge¬ 
schlossen  waren,  die  Veröffentlichungen  anderer  Autoren  zum  Ver¬ 
gleich  herbeizog,  konnte  ich  feststellen,  dass  manche  von  ihnen  eine 
weit  höhere  Keimzahl,  ja  bis  zu  350  und  mehr  Millionen,  pro  Injek¬ 
tion  empfahlen. 

Anfänglich  hatte  es  den  Anschein,  als  ob  die  intravenösen  In¬ 
jektionen  tatsächlich  den  gewünschten  Erfolg  bringen  sollten.  Bei 
einigen  Kranken,  auch  solchen,  bei  denen  im  Anfang  reichlich  eitriger 
Ausfluss  vorhanden  war,  liess  die  Sekretion  bereits  nach  wenigen 
Injektionen  merklich  nach,  die  Gonokokken  zeigten  im  mikroskopi¬ 
schen  Präparat,  das  in  der  Regel  wöchentlich  2  mal  angefertigt 
wurde,  eine  merkliche  Abnahme.  Wenige  Tage  später  aber  stellte 
sich  wieder  vermehrte  Sekretion  ein,  und  die  Gonokokken  wurden 
ebenfalls  zahlreicher,  obwohl  die  Kranken  durchweg  zu  strikter  Bett¬ 
ruhe  angehalten  wurden. 

Diese  Wahrnehmung  machte  ich  in  erster  Linie,  d.  h.  ausschliess¬ 
lich,  an  solchen  Kranken,  bei  denen  reine  Urethralgonorrhöe  vorlag, 
ohne  irgendwelche  Komplikationen  von  seiten  der  Posterior,  der 
Prostata  oder  der  Epididymis.  Dieser  Umstand  brachte  mich  sehr 
bald  auf  den  Gedanken,  dass  die  ausschliessliche  Behandlung  mit 

3- 


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MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  33. 


Gonargin  in  solchen  Fällen  unzureichend  sei,  daher  ich  denn  auch 
nicht  lange  zögerte,  neben  der  spezifischen  Behandlung  lokal  wir¬ 
kende  Mittel,  wie  Protargol,  Spülungen  mit  Oxyzyanat  oder  Cal. 
permang.,  anzuwenden,  denn  schliesslich  handelte  es  sich  nicht^  in 
erster  Linie  darum,  die  Wirksamkeit  des  üonargins  in  all  ihren  Ein¬ 
zelheiten  zu  beobachten  und  zu  ergründen;  vielmehr  stand  im  Vor¬ 
dergrund  das  Interesse  an  der  möglichst  raschen  Wiederherstellung 
der  Arbeitsfähigkeit  der  betreffenden  Kranken. 

Dennoch  kann  ich  auf  Grund  meiner  Erfahrungen  nicht  behaup¬ 
ten,  dass  die  Vakzinotherapie  bei  der  Behandlung  der  offenen  Ure¬ 
thralgonorrhöe  vollkommen  wirkungslos  ist,  wie  z.  B.  Hagen  L2J 
getan  hat.  Vielmehr  möchte  ich  sagen,  dass  die  Gonargintherapie 
sehr  wohl  imstande  ist,  einen  günstigen  Einfluss  auf  den  Verlauf  der 
Erkrankungen  auszuüben.  So  traten  z.  B.  bei  allen  denjenigen  Fäl¬ 
len,  die  gleich  zu  Anfang  energisch  auch  mit  Gonargin  behandelt 
wurden,  niemals  Komplikationen  auf,  während  in  der  Zeit,  als  wir  die 
intravenöse  Gonargintherapie  noch  nicht  anwandten,  Komplikationen 
durchaus  nicht  selten  waren. 

Üb  jedoch  in  jedem  Fall  Komplikationen  vermieden  werden,  lässt 
sich  vorläufig  nicht  endgültig  entscheiden,  zumal  das  mir  zur  Ver¬ 
fügung  stehende  Material,  es  handelt  sich  um  1U  derartige  Fälle,  nicht 
reichhaltig  genug  ist,  um  eine  solche  nicht  unwichtige  Frage  voll 
und  ganz  zu  beantworten.  Ich  werde  jedoch  weiterhin  mein  Augen¬ 
merk  darauf  richten. 

Während  nun  die  Gonargintherapie  bei  unkomplizierten  Fallen 
einen  kaum  merklichen  Einfluss  auf  den  Verlauf  der  Erkrankung  aus¬ 
übte,  abgesehen  eben  davon,  dass  Komplikationen  nie^  beobachtet 
wurden,  war  die  Wirksamkeit  in  solchen  Fällen,  die  mit  Epididymitis, 
Prostatitis  usw.  von  vornherein  kompliziert  \yaren,  bedeutend 
günstiger. 

So  konnte'  ich  beobachten,  dass  Schwellung  Schmerzhaftig¬ 
keit  der  Prostata  bzw.  des  Nebenbodens,  in  einigen  Fällen  schon 
nach  wenigen  Injektionen  verschwunden  waren;  auch  liess  der  an¬ 
fangs  heftige  Ausfluss  in  einigen  Fällen  nach,  ohne  jedoch  immer 
ohne  Lokalbehandlung  gänzlich  zu  verschwinden.  Es  lag  daher  nahe, 
anzunehmen,  dass  das  Mittel  einen  erfolgreichen  Einfluss  auszuüben 
vermag  in  solchen  Fällen,  in  denen  es  sich  auf  einer  breiteren  An¬ 
griffsbasis  auswirken  kann.  Eine  Ansicht,  die  durch  die  Auffassung 
verschiedener  Autoren  bestätigt  wird. 

ln  einem  Falle  (Fall  3),  es  handelt  sich  um  eine  frische,  aber  erst  spät 
in  die  Behandlung  'kommende  Erkrankung,  trat  nach  einigen  Tagen  eine 
Posterior  und  Prostatitis  auf.  doch  wurde  Kranker  anfänglich  mit  Gono- 
Yatren  behandelt,  das  in  diesem  Falle  keinen  günstigen  Einfluss  ausübte. 
Diese  Behandlung  wurde  unterbrochen  und  Kranker  bekam  Gonargin  intra¬ 
venös,  worauf  bald  eine  merkliche  Besserung  der  entzündlichen  Verände¬ 
rungen  eintrat. 

Ebenso  spricht  der  Verlauf  der  übrigen  am  Schluss  der  Arbeit 
angeführten  Fälle  dafür,  dass  die  intravenöse  Gonargintherapie  bei 
der  Behandlung  der  komplizierten  Fälle  eine  wertvolle  Unterstützung 


darstellt. 

Bruck  und  Sommer  [3]  begründen  die  bessere  Wirksamkeit 
des  Gonargins  in  komplizierten  Fällen  wissenschaftlich  damit,  dass 
das  Antigen  eine  breitere  Angriffsfläche  an  spez.  Rezeptoren  findet. 


So  konnte  ich  2  Fälle  beobachten,  in  denen  gleichzeitig  mit  dem  Ab¬ 
klingen  der  entzündlichen  Erscheinungen  innerhalb  der  Prostata  eine  merk¬ 
liche  Beserung  in  der  Urethra  Hand  in  Hand  ging.  Und  zwar  wurde  einer 
von  diesen  beiden  Kranken  nur  mit  Gonargin  behandelt,  während  bei  dem 
anderen  später  infolge  beginnender  Striktur  eine  Lokalbehandlung  angezeigt 
erschien. 

ln  einem  3.  Falle  (Fall  1)  handelte  es  sich  um  einen  Kranken,  der  be¬ 
reits  1917  im  Felde  an  Gonorrhöe  erkrankte  und  mehrfach  in  ärztlicher  Be¬ 
handlung  war.  Anfang  September  erneuter  Ausfluss  und  Nebenhoden¬ 
anschwellung  mit  starker  Schmerzhaftigkeit.  Er  kam  einige  Tage  nach  Auf¬ 
treten  dieser  Erscheinungen  in  die  Behandlung,  bekam  nur  Gonargin  intra¬ 
venös,  ohne  gleichzeitige  Lokalbehandlung.  Nach  4  Injektionen  (10  Mill. 
Keime,  20  Mill.,  30  Mill.,  40  Mill.  Keime)  waren  Schwellung  und  Schmerz¬ 
haftigkeit  des  erkrankten  Nebenhodens  bereits  zurückgegangen.  Es  bestand 
jedoch  noch  reichlich  gonokokkenhaltiger  Ausfluss,  so  dass  jetzt  Lokalbehand¬ 
lung  angeschlossen  wurde.  Konnte  nach  4  Wochen  als  geheilt  entlassen 
werden.  6  Präparate  waren  völlig  frei  von  Gonokokken. 


Was  nun  die  Dosierung  des  Gonargins  angeht,  so  habe  ich 
bereits  im  Anfang  erwähnt,  dass  ich  zunächst  in  der  von  Rhoden 
bzw.  G  a  u  s  s  angegebenen  Weise  vorging,  später  jedoch  zu  weit 
grösseren  Dosen  griff.  Während  Rhoden  angeblich  nur  selten  über 
20  Mill.  Keime  pro  Einzeldosis  hinausging  und  im  ganzen  nie  mehr 
als  320  Mill.  Keime  injizierte,  bin  ich  in  den  meisten  Fällen  sehr  bald 
zur  Einzeldosis  von  50  Mill.  bis  100  Mill.  Keimen  übergegangen,  so 
dass  einige  Kranke  im  Laufe  der  Behandlung  unter  Umständen  bis 
zu  400  Mill.  Keime  und  mehr  appliziert  bekamen. 

Schwere  Nebenerscheinungen  wurden  bei  dieser  Art  der  Dosie¬ 
rung  kaum  jemals  beobachtet;  nur  bei  einem  Kranken  traten  bei  In¬ 
jektion  höherer  Dosen  starkes  Herzklopfen  und  Schwindelgefühl  auf. 
Es  war  dies  der  einzige  Fall,  bei  dem  die  Gonargintherapie  eine 
Zeitlang  unterbrochen  werden  musste.  Höhere  Temperaturen  als 
38  Grad  wurden  nur  einmal  beobachtet,  nur  klagten  fast  alle  Kranke 
etwa  2—3  Stunden  nach  der  Injektion  zuweilen  über  heftigen  Schüt¬ 
telfrost,  der  manchmal  eine  Stunde  lang  anhielt,  wonach  dann  häufig 
ein  heftiger  Schweissausbruch  erfolgte.  Kranke,  die  anfänglich  einige 
intramuskuläre  Injektionen  mit  entsprechend  höherer  Keimzahl  er¬ 
halten  hatten,  reagierten  nur  wenig  auf  die  folgenden  intravenösen 
Injektionen;  auch  habe  ich  verschiedene  Kranke  in  dieser  Weise  am¬ 
bulant  behandelt,  ohne  dass  dabei  jemals  bedenkliche  Erscheinungen 


irgendwelcher  Art  beobachtet  worden  wären.  Es  kann  also  meines  - 
Erachtens  die  intravenöse  Therapie  ohne  grosse  Bedenken  ambulant  | 
vorgenommen  werden,  zumal  wenn  man  etwa  2 — 3  intramuskuläre  ! 
Injektionen  voraufgehen  lässt,  vorausgesetzt,  dass  es  sich  nicht  um 
herzschwache  oder  hinfällige  Personen  handelt. 

Da  bei  allen  Fällen  von  unkomplizierter  Gonorrhöe  neben  der 
Vakzinetherapie  auch  Lokalbehandlung  angewandt  wurde,  wäre  es  i 
nicht  angebracht,  eine  Uebcrsicht  über  den  Verlauf  dieser  Art  von  t 
Fällen  beizufügen,  zumal  da  niemals  eine  Abkürzung  der  Behänd-  i 
lungsdauer  bewirkt  und  auch  sonst  der  Verlauf  der  Erkrankungen  J 
kaum  beeinflusst  wurde,  abgesehen  von  der  Beobachtung,  dass  bei  i 
den  mit  Gonargin  behandelten  Kranken  (es  handelt  sich  um  10  Fälle)  {j 
niemals  irgendwelche  Komplikationen  auftraten,  wovon  bereits  oben  f 
einmal  die  Rede  war.  Im  Gegensatz  dazu  steht  die  früher  gemachte  I 
Beobachtung,  dass  häufig  Komplikationen  auftraten,  wenn  die  frische  \ 
Gonorrhöe  lediglich  einer  Lokalbehandlung  unterzogen  wurde. 

Ich  will  mich  deshalb  darauf  beschränken,  nur  solche  Fälle  an- 
zuführen,  bei  denen  ein  sichtbarer  Erfolg  der  Gonargintherapie  zu  1 
verzeichnen  war. 

Fall  1.  LandWirtsch.  Arbeiter  L.,  24  Jahre  alt,  ledig.  1.  gonorrh.  In¬ 
fektion  1917  während  des  Feldzuges.  Seit  einigen  Tagen  erneuter  eitriger 
Ausfluss  und  Epididymitis  links.  4.  IX.  1922.  Mikr.  Befund:  Gonokokken  in 
jedem  Gesichtsfeld,  teils  vereinzelt,  teils  in  Häufchen,  extra-  und  intrazellulär,  i 
Gonargin  intravenös.  Anfangsdosis  10  Mill.  Keime.  Keine  Lokalbehandlung.  4 
Die  Einzeldosen  wurden  jeden  2.- — 3.  Tag  um  weitere  10  Mill.  erhöht.  I 
15.  IX.  1922.  Erhielt  bis  jetzt  100  Mill.  Keime,  Nebenhodenschwellung  zurück¬ 
gegangen,  nicht  mehr  druckschmerzhaft,  gonokokkenhaltiger  Ausfluss  besteht 
fort;  daher  auch  Lokalbehandlung.  7.  X.  1922.  Kein  Ausfluss  mehr.  Nach» 
energischer  Provokation  wenig  schleimiges  Sekret.  6  mikroskopische  Prä- 
parate  frei  von  Gonokokken.  Wird  geheilt  entlassen. 

Fall  2.  Landwirtssohn  S.,  28  Jahre  alt„  verh.  Gon.  Infektion  am 
1.  I.  1923.  Ausfluss  3  Tage  später.  Brennen  in  der  Harnröhre.  War  in 
ärztlicher  Behandlung,  erhielt  Protargol.  Seit  8  Tagen  Schmerzen  bei  Stuhi- 
entleerung;  wurde  vom  Arzt  ins  Krankenhaus  geschickt.  Befund:  Reichlicher, 
dickrahmiger,  eitriger  Ausfluss.  Starke,  derbe,  druckempfindliche  Prostata-  (3 
Schwellung.  26.  I.  1923.  Mikr.  Befund:  Massenhaft  Gonokokken,  Einzelformen 
und  Häufchen,  extra-  und  intrazellulär.  Reine  Gonargintherapie  wie  oben,  t* 
9.  II.  1923.  Prostata  abgeschwollen,  kein  Druckschmerz  mehr,  geringer  Aus-# 
fluss.  Mikr.  Befund:  Spärliche  Degenerationsformen  in  einigen  Gesichts-! 
feldern.  17.  II.  1923.  Erhielt  insgesamt  250  Mill.  Keime.  Kein  Ausfluss  mehr.  % 
Nach  energischer  Provokation  spärliches  Sekret.  Mikr.  Befund:  6  Präparatei 
frei  von  Gonokokken.  Geheilt  entlassen. 

Fall  3.  Kanalarbeiter  M.,  30  Jahre  alt,  ledig.  Gon.  Inf.  angeblich  vor’ 
3  Wochen.  10  Tage  später  Ausfluss,  Brennen  in  der  Harnröhre,  kommt  heute g 
ins  Krankenhaus.  21.  I.  1923«  Mikr.  Befund:  Massenhaft  Gonokokken,  einzeln 
und  in  Häufchen  in  jedem  Gesichtsfeld,  extra-  und  intrazellulär.  Bekommt , 
zunächst  Geno-Yatren  intravenös.  3.  II.  1923.  Seit  einigen  Tagen  Schmerzen: 
bei  Stuhlentleerung  und  brennender  Schmerz  hinter  der  Symphyse.  Rektale^ 
Utersuchung  ergibt  starke,  derbe,  druckempfindliche  Schwellung  der  Prostata.  " 
8.  II.  1923.  Keine  Besserung,  ab  heute  Gonargin  intrav.,  beginnend  mit 
20  Mill.  Keimen,  jeweils  steigend  um  10  Mill.  18.  III.  1923.  Prostatitis 
abgeheilt,  Ausfluss  geringer.  Da  der  Gonarginvorrat  verbraucht,  und  die  , 
neubestellte  Sendung  noch  nicht  eingetroffen  ist,  Behandlung  der  Posterior  j 
mit  Arg.  nitric.-Einträufelungen  in  I  proz.  Lösung.  6.  III.  1923.  Wiederauf- 1 
nähme  der  Gonargintherapie  unter  Beibehaltung  der  Arg.  nitric.-Einträufe-l 
lungen.  12.  III.  1923.  Mikr.  Befund:  Spärliche  Einzelformen.  17.  III.  1923.| 
Kein  Ausfluss  mehr,  trotz  mehrfacher  energischer  chemischer  Provokation# 
und  wiederholter  Prostatamassage.  Mikroskopische  Untersuchung  infolge* 
Fehlens  des  erforderlichen  Sekrets  daher  unmöglich.  Geheilt  entlassen. 

Fall  4.  Arbeiter  H.,  22  Jahre  alt.  ledig.  Gon.  Inf.  im  Juni  1922.  Wurde« 
unvollkommen  geheilt,  auf  eigenes  Drängen  in  ambulatorische  Behandlung! 
entlassen,  erschien  jedoch  nicht.  4  Wochen  später  stellte  er  sich  wiedefii 
ein  mit  Epididymitis  links.  Kein  Ausfluss.  Schwellung  des  linken  Neben-  ( 
hodens,  die  auf  feuchte  Umschläge  nach  einigen  Tagen  zurückgeht;  wird- 
entlassen.  S.  VIII.  1922.  Schwellung  und  Druckempfindlichkeit  des  linken! 
Nebenhodens.  Bekommt  jetzt  ambulatorisch  üonargin  zunächst  intramuskulär,  . 
dann  nach  3  Injektionen  intravenös,  was  ohne  nennenswerte  Nebenerschei-I 
nungen  gut  vertragen  wird.  Suspensorium.  Nach  der  1.  intravenösen  Injek- «. 
tion  gonokokkenhaltiger  Ausfluss,  Klagen  über  Schmerzen  bei  Stuhlentlcerui  g. 
Rektale  Untersuchung  ergibt  derbe  Schwellung  und  Druckschmerzhaftigkeit  , 
der  Prostata.  20.  VIII.  1922.  Mikr.  Befund:  Keine  Gonokokken  mehr,  j 
Schmerzhaftigkeit  und  Schwellung  der  Prostata  und  des  Nebenhodens  sind 
zurückgegangen.  Bleibt  der  Weiterbehandlung  fern.  21.  XL  1922.  Abermals! 
Schmerzhaftigkeit  und  Schwellung  des  linken  Nebenhodens,  jedoch  nicht  be-< 
deutend.  Schmerzen  in  der  Harnröhre  beim  Urinieren.  Krankenhausaufnahme,  j 
Auf  Provokation  mit  Arg.  nitric.  Ausfluss.  Mikr.  Befund:  Massenhaft  Gono-t 
kokken  in  Rasen  angeordnet.  Gonargin  intravenös.  Erhielt  bis  zum 
10.  XII.  1922  insgesamt  400  Mill.  Keime.  Nach  den  ersten  3  Injektionen 
leichter  Schüttelfrost,  der  später  nicht  mehr  auftrat.  15.  XII.  1922.  Kein  Aus-  j 
fluss  mehr.  Provokation.  16.  XII.  1922.  Schleimiger  Ausfluss.  Mikr.  Befund:; 
Von  10  Präparaten  sind  7  frei  von  Gonokokken,  3  erscheinen  verdächtig;  esl 
zeigen  sich  stellenweise  zusammengeballte,  formveränderte  Kokken,  die  ab  . 
Gonokokken  nicht  deutlich  erkennbar  sind.  Wird  als  gebessert  entlassen,  j 
20.  III.  1923.  Blieb  bisher  rezidivfrei. 

F  a  1 1  5.  Viehhändler  H.,  28  Jahre  alt,  verh.  Aufnahme  am  19.  VIII.  1922 
Diagnose:  Arthritis  gon.  des  linken  Handgelenkes.  19.  VIII.  1922.  Gon.  Inf 
vor  2  Monaten,  war  einige  Wochen  in  ärztlicher  Behandlung.  Seit  14  Tager  i 
Schmerzhaftigkeit,  Schwellung  und  zunehmende  Bewegungsbehinderung  de.1 ; 
linken  Handgelenkes.  Wurde  vom  behandelnden  Arzt  mit  Jodtinktur  be-  : 
pinselt!  Da  Verschlimmerung  eintrat,  begab  sich  Kranker  heute  in  Kranken  . 
liausbehandlung.  Befund:  Linkes  Handgelenk  aktiv  so  gut  wie  unbeweglich 
geringe  passive  Bewegung  äusserst  schmerzhaft,  Konturen  verwaschen,  er 
liebliche  Schwellung  des  Gelenkes,  kein  Fieber.  Eitriger,  gonokokkenhaltigei 
Ausfluss.  Behandlung:  Bettruhe,  Ruhigstellung,  B  i  e  r  sehe  Stauung,  Go¬ 
nargin  intravenös  in  der  gebräuchlichen  Dosierung.  2  Stunden  nach  der  In¬ 
jektion  heftiger  Schüttelfrost,  Temperatur  40°,  geht  nach  weiteren  2  Stunder  , 
zurück.  Alle  späteren  Injektionen  wurden  gut  vertragen.  5.  IX.  1922.  Bes¬ 
serung.  Ausfluss  geringer,  Abnahme  der  Kokken,  Schmerzhaftigkeit  um  ■ 
Schwellung  des  Gelenkes  vermindert.  20.  IX.  1922.  Kein  Ausfluss.  Hand 


7.  August  192.1. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1087 


tlenk  wird  allmählich  beweglich,  wenn  auch  bei  forcierter  passiver  Be- 
egung  noch  geringe  Schmerzen  geklagt  werden.  Vorsichtige  Massage  und 
lewegungsübungen,  Heissluftbehandlung.  13.  X.  1922.  Schwellung  und 
chmerzhaftigkeit  völlig  verschwunden.  Sämtliche  Bewegungen  nur  noch 
twa  uni  die  Hüllte  eingeschränkt.  Mikr.  Befund:  Keine  Gonokokken  mehr 
achweisbar.  Geheilt  entlassen. 

Zusammenfassung.  1.  Die  intravenöse  Qonargintherapie 
Hein  hat  auf  akute,  reine  gorforrh.  Urethralerkrankungen  keinen 
usscrlicli  erkennbaren  Einfluss;  auch  wird  die  Behandlungsdaucr 
urch  sie  nicht  abgekürzt.  Die  Frage,  ob  durch  intravenöse  Qonar- 
indarrcichung  Komplikationen  verhütet  werden,  muss  vorläufig 
nentscliieden  bleiben.  Bei  akuten  Prozessen  sollte  sic  stets  mit 
okalbehandlung  kombiniert  werden. 

2.  Der  Einfluss  der  intravenösen  Qonargintherapie  auf  gonorrh. 
Komplikationen,  wie  Arthritis,  Prostatitis,  Epididymitis  und  Erkran- 
ungen  der  Posterior,  ist  ein  äusserst  günstiger.  In  solchen  Fällen 
eniigt  oft  die  reine  Vakzinotherapie.  Dabei  pflegen  die  entzündlicnen 
irscheinungen  in  der  Regel  bereits  nach  wenigen  Injektionen  abzu- 
lingen.  Besteht  gleichzeitig  gonokokkenhaltiger  Harnröhrenausfluss, 
o  empfiehlt  es  sich,  eine  kombinierte  Behandlung  anzuwenden. 

3.  Bei  der  intravenösen  Darreichung  des  Qonargins  sollte  mög- 
chst  grossen  Dosen  der  Vorzug  gegeben  werden.  Anfangsdosis 
—10  Mill.  Keime,  dann  möglichst  rasch  steigend  um  weitere  5 — 10 
tili.  bis  zu  100 — 200  Mill.  Keime  pro  dosi. 

4.  Nebenerscheinungen,  wie  Fieber,  Schüttelfrost,  Kopfschmer- 
en.  Schwindelgefühl,  Herzklopfen,  werden  zuweilen  bei  Darreichung 
rössercr  Dosen  beobachtet,  doch  gehen  sie  meist  rasch  zurück  und 
interlassen  keinerlei  nachteilige  Folgen  für  den  Kranken.  Bei  herz¬ 
ranken  upd  hinfälligen  Kranken  ist  eine  vorsichtige  Dosierung 
atsam. 

5.  Auch  in  der  ambulanten  Behandlung  lässt  sich  die  intravenöse 
ionargintherapie  durchführen,  zumal  wenn  man  einige  intramusku- 
ire  Injektionen  von  entsprechend  höherer  Keimzahl  (50 — 100 — 150 
lill.  Keime)  vorausgeschickt  hat. 

6.  Das  Qonargin  ist  m.E.  ein  Mittel,  auf  dessen  Anwendung  bei 
er  Behandlung  der  Gonorrhöe,  zumal  in  komplizierten  Fällen,  nicht 
erzichtet  werden  sollte. 

Zum  Schluss  danke  ich  ergebenst  der  Firma  Merck  für  die 
ebenswürdige  Zusendung  der  einschlägigen  Literatur. 

Literatur. 

1.  v.  Rhoden:  M.m.W.  1922  Nr.  31.  —  2.  Hagen:  Med.  Klin.  1912 
r.  7.  —  3.  Bruck  und  Sommer:  M.m.W.  1913  Nr.  32. 


leber  Heilwirkung  von  Schlangenserum  bei  Skorpionstich. 

Von  Dr.  Emil  Wiener. 

In  Nr.  22  dieser  Wochenschrift  berichten  R.  Kraus  und  R  o  c  h  a 
I  o  t  e  1  h  o  über  Antiskorpionserum.  Es  gelang  diesen  beiden  For- 
chern,  im  Institute  Butantan  in  Sao  Paolo  antigene  Eigenschaften 
n  Skorpionserum  nachzuweisen  und  antitoxisches  Serum  von  Pfer- 
en  zu  gewinnen. 

Sie  dehnten  hierauf  ihre  Versuche  auf  Schlangenserum  aus  und 
rüften  die  Angaben  Mauranos1)  über  Neutralisation  des  Skor- 
iongiftes  durch  Schlangenserum  nach.  Diese  und  auch  die  Versuche 
on  Vital  Brazil  waren  jedoch  nicht  ganz  eindeutig;  immerhin 
elang  der  Nachweis,  dass  1  ccm  Antibothrop-  und  Antikrotalusserum 
wohl  nicht  imstande  war,  die  Vergiftungserscheinungen  vollständig 
ufzuheben,  aber  einen  evidenten  Einfluss  auf  den  Verlauf  derselben 
atten,  so  dass  sie  sogar  den  Tod  verhüten  konnten“.  Das  erstere 
erum  hatten  nach  Maurano  einen  schwach  antitoxischen  Wert 
egenüber  dem  Schlangengift. 

Kraus  und  Botel  ho  versuchten  nun,  sowohl  Schlangengift 
nt  Antiskorpionserum,  als  auch  umgekehrt  Skorpiongift  mit  Anti- 
chlangenserum  zu  neutralisieren.  Versuchstiere  waren  Tauben.  Vor¬ 
ersuche  bestätigten  die  Annahme  von  früheren  Arbeiten  von  B  r  a  - 
il,  Maurano,  Calmette,  Metschnikoff1),  dass  das  spe¬ 
ifische  gleichartige  Serum  das  entsprechende  Gift  sofort  zu  neutra- 
sieren  vermag,  dass  also  Skorpionserum  Skorpiongift,  Schlangen- 
erum  Schlangengift  sofort  unschädlich  machen  kann. 

Bei  weiteren  Versuchen  zeigte  es  sich,  dass,  wie  bereits  be- 
lerkt,  diese  sofortige  Neutralisation  nicht  gelang,  wenn  Schlangen- 
mim  mit  Skorpiongift  und  Skorpionserum  mit  Schlangengift  ver- 
etzt  wurde. 

Es  gelang  dagegen  die  Neutralisation  in  allen 
ällen,  wenn  die  Mischungen  1  Stunde  bei  32  “stehen 
lieben,  woraus  die  Verfasser  schliessen,  „dass  im  Schlau- 
enserum,  welches  gegenüber  dem  Schlangengift 
ine  maximale  Avidität  besitzt,  Nebenantitoxine 
orkommen,  die  mit  einer  viel  geringeren  Avidität 
usgestattet  sind  und  den  einst  iindigen  Kontakt 
rauche  n“. 

Ein  am  Menschen  beobachteter  Fall  dürfte  einen  weiteren  Beitrag 
u  dieser  Frage  bieten:  Zum  Schieben  der  Trojlics  auf  kleinen  De- 
auville-Eisenbahnen  im  Pilgerlager  der  Quarantänestation  Tor  am 
’oten  Meer  waren  stets  eine  Anzahl  eingeborener  Araber  angestellt; 


*)  Zit.  nach  Kraus  und  B  o  t  e  1  h  o;  die  Originalliteratur  war  mir  nicht 

ugänglich. 


diese  verrichteten  ihren  Dienst  immer  barfuss.  Das  Lager  liegt  am 
Rande  der  Wüste  El  Quäa,  zwischen  dieser  und  dem  Meer,  und  ist 
das  Vorkommen  einer  Skorpionart,  welche  bis  zu  10  cm  gross  ist, 
nicht  selten. 

Gelegentlich  einer  Fahrt  —  im  Januar  1914  —  schrie  einer  der 
bei  den  Trollics  Beschäftigten  plötzlich  auf,  griff  sich  an  den  Fuss, 
machte  heftige  Schmerzäusserungen,  wollte  noch  weitergehen,  was 
ihm  aber  nach  wenigen  Schritten  unmöglich  war.  Er  wurde  im 
Gesicht  blaurot,  der  Atem  wurde  kurz,  er  sank  auf  die  Erde,  und  in 
den  nächsten  Minuten  stellten  sich  eine  Reihe  gefahrdrohender  Sym¬ 
ptome  ein,  die  Zyanose  vertiefte  sich,  die  Atmung  wurde  frequent 
und  oberflächlich,  der  Puls  rasch  und  weich,  es  traten  mehrfach  hefti¬ 
ges  Erbrechen  und  Muskelkrämpfc  auf.  So  fand  ich  wenige  Minuten 
später  den  Kranken,  welcher  mittlerweile  vor  die  Apotheke  gebracht 
worden  war.  Bemerkt  muss  werden,  dass  der  Skorpion,  welcher  die 
Verletzung  verursachte,  von  dem  Kameraden  des  Betroffenen  in  dem 
Moment  getötet  wurde,  als  er  sich  eben  in  den  Sand  graben  wollte. 

Antiskorpionserum  war  in  der  Apotheke  keines  vorhanden,  hin¬ 
gegen  ein  zwei  Jahre  altes,  aus  dem  Londoner 
Listerinstitut  stammendes  Antischlangengift¬ 
serum.  Es  war  eine  5  ccm -Ampulle.  Das  Serum  war  wasserklar. 

Mittlerweile  verstärkten  sich  die  Muskelkrämpfe.  Es  trat  leich¬ 
ter  Opisthotonus  hinzu,  die  Würgbewegungen  blieben  unvermindert 
heftig,  das  Sensorium  leicht  benommen. 

Ich  injizierte  mit  einer  rasch  mittels  Aether  desinfizierten  Re¬ 
kordspritze  ungefähr  20 — 25  Minuten  nach  erfolgter  Infektion  3  ccm 
von  dem  Schlangenserum  in  den  linken  Oberschenkel  intramuskulär 
und  massierte  die  Stelle  kurze  Zeit,  um  die  Resorption  zu  befördern. 

Es  stellte  sich  binnen  wenigen  Minuten  ein  voller  Erfolg  ein.  Die 
Brechbewegungen  und  Krämpfe  Hessen  nach,  nach  einigen  weiteren 
Minuten  wurde  die  Atmung  fast  regelmässig,  die  Pulsfrequenz  sank, 
die  Radialis  war  fast  normal  gespannt,  der  Kranke  begann  stark  zu 
schwitzen,  gab  mit  schwacher  Stimme  auf  Fragen  entsprechende 
Antworten  und  klagte  nur  noch  über  Kopfschmerz  und  Schmerzen 
an  der  Stichstelle.  Am  Abend  war  er  fast  normal. 

Es  war  dies  demnach  ein  voller  Heilerfolg  mittels 
Schlangenserum  bei  einem  Skorpionstich.  Zusam- 
mengehalten  mit  den  Versuchen  von  Kraus  und  B  o  t  e  1  h  o,  er¬ 
geben  sich  Abweichungen  von  den  Laboratoriumsergebnissen.  Der 
Heilerfolg  war  derart  sinnfällig,  dass  es  schwer  fällt,  anzunehmen, 
dass  das  Schlangenserum,  welches,  vom  Lister¬ 
institut  als  solches  bezeichnet,  polyvalent  auch 
gegen  Skorpion  gift  vorbereitet  war. 

Man  muss  daher  annehmen,  dass  dieses  Schlangenserum  im 
menschlicher  Körper  auch  gegen  das  Skorpiongift  hochgradig  wir¬ 
kende  antitoxische  Eigenschaften  besass,  dass  es  in  gewissem  Sinne 
polyvalent  war,  oder  dass  sehr  hochwertige  Nebenantitoxine  vor¬ 
handen  waren,  welche  noch  die  Fähigkeit  hatten,  das  im  menschlichen 
Körper  zirkulierende  Gift  nach  ungefähr  20 — 25  Minuten  zu  neutrali¬ 
sieren.  Bemerkenswert  ist  aber  auch  die  ungewöhnlich  lange  Wir¬ 
kungsdauer  des  Serums,  da  in  der  Literatur  kaum  ein  Fall  Vorkom¬ 
men  dürfte,  dass  eine  solche  durch  2  Jahre  bestand. 

Es  geht  aus  diesem  Fall  auch  die  schon  oft  hervorgehobene 
Tatsache  hervor,  dass  Laboratoriumsexperimente  nicht  ohne  weiteres 
auf  den  Menschen,  überhaupt  auf  den  lebenden,  funktionierenden 
Organismus  übertragen  werden  können,  obwohl  sie  als  Laborato¬ 
riumsversuche  ihren  uneingeschränkten  Wert  haben  können. 


Aus  dem  biologischen  Institut  zu  Frankfurt  a.  M. 

Mitteilungen  über  Tonophosphan. 

Von  Prof.  F.  Blum. 

Die  Kriegs-  und  Notjahre  mit  ihrer  ausserordentlichen  Verschl  :ch- 
terung  der  Volksernährung  haben  mancherlei  Krankheitsbilder  ge¬ 
bracht,  die  ehedem  nahezu  unbekannt  waren,  und  haben  bekannte 
Ernährungsstörungen  in  breite,  früher  fast  ganz  verschont  gebliebene 
Volksschichten  getragen. 

Unter  den  Bekämpfungsmitteln  hat  sich  sehr  bald  als  eines  der 
wirksamsten  der  halb  vergessene  gelbe  Phosphor  erwiesen.  Man 
hatte  ihn  ehedem  verlassen  wegen  der  mit  seinem  ungewissen  Re¬ 
sorptionsfaktor  verbundenen  Gefahr  einer  Ueberdosierung  und  Ver¬ 
giftung.  So  lag  auf  der  einen  Seite  in  der  anerkannten  Heilkraft  des 
Phosphors,  auf  der  anderen  in  seiner  Toxizität  genügend  Lockendes, 
um  einen  Umbau  und  Ausbau  der  Phosphortherapie  zu  versuchen. 
An  den  beiden  Enden  des  Weges,  der  gegangen  werden  musste, 
standen  hüben  der  elementare  Phosphor  und  drüben  das  Endprodukt 
des  Phosphorstoffwechsels,  die  Phosphorsäure.  Zum  Studium  des 
dazwischenliegenden  Gebietes  habe  ich  mich  mit  der  pharmazeu¬ 
tischen  Abteilung  der  Cassella-Werke  zusammengetan.  Ihnen  und 
ihrem  wissenschaftlichen  Leiter,  Herrn  Dr.  B  e  n  d  a,  verdanke  ich, 
dass  unsere  Bemühungen  zu  einem  chemischen  Darstellungserfolg 
geführt  haben. 

Zunächst  lag  es  nahe  in  Analogie  zu  der  im  Vergleich  zur  Arsen¬ 
säure  recht  ungiftigen  Kakodylsäure  organische  aliphatische  Phos¬ 
phorverbindungen  hcrzustellcn.  Diese  Substanzen  verhalten  sich  aber 
chemisch  den  As-Körpern  gegenüber  so  wesentlich  anders,  dass  sie 
als  ungeeignet  bezeichnet  werden  konnten. 


1088 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  33. 


Sicher  erschien  mir,  dass  ein  Teil  der  P-Valenzen  oxydiert  sein 
musste,  um  ein  genügend  ungiftiges  Präparat  zu  gewinnen.  Zu  er¬ 
wägen  aber  war,  ob  der  3-  oder  5  wertige  Phosphor  als  Qrundsub- 
stanz  zu  dienen  habe  und  ob  ein  oder  zwei  Valenzen  organisch  zu 
substituieren  seien.  Ich  habe  Repräsentanten  solcher  Gruppen  ge¬ 
prüft;  als  aussichtsreichste  Klasse  ergaben  sich  Verbindungen,  die 
sich  vom  3-wertigen  Phosphor  herleiteten,  2  Valenzen  durch  OH- 
Gruppen  besetzt  enthielten  und  mit  der  dritten  an  einen  organischen 
Ring  gebunden  waren  —  also  phosphinige  Säuren  mit  Besetzung  des 
nichtoxydierten  P-Armes  durch  jenen  Ring.  Auch  hier  waren  manche 
Variationen  möglich.  Die  vergleichende  Prüfung  hat  substituierte 
Verbindungen  der  Grundformel  amidophenylphosphinige  Säure  als 
die  geeignetsten  Körper  ergeben  und  unter  diesen  hinwiederum  die 
dimethylamidomethylphenylphosphinige  Säure  resp.  deren  Salz. 
Diese  Substanz  wurde  mit  dem  Namen  „Tonophosphan“  bezeichnet. 

Selbst  in  sehr  grossen  Dosen  ist  Tonophosphan  ungiftig.  Ich 
habe  Kaninchen  0,5  g  pro  Kilo  Körpergewicht  intravenös  eingespritzt, 
ohne  irgendeine  Störung  des  Wohlbefindens.  Von  Kochsalz  wirken 
solche  Dosen  schon  ausserordentlich  deletär.  Bei  den  vielen  Er¬ 
probungen  im  Laufe  der  letzten  Jahre  an  Hunden,  Katzen  und  Ka¬ 
ninchen  ist  nie  ein  Tier  durch  die  intravenöse  oder  subkutane  In¬ 
jektion  von  recht  erheblichen  Mengen  von  Tonophosphan  einge¬ 
gangen;  es  trat  auch  weder  eine  Nierenreizung,  noch  eine  nennens¬ 
werte  Erhebung  des  Blutzuckers  auf.  Aber  nicht  nur  die  einmalige 
Verabfolgung,  sondern  auch  lange  durchgeführte  Einspritzungen 
haben  Vergiftungen  nie  im  Gefolge  gehabt.  Im  biologischen  Institut 
befand  sich  bis  vor  kurzem  ein  Hund,  der  während  mehr  als  zwei 
Jahren  täglich  mit  dem  Zwanzigfachen  der  bei  Menschen  gebräuch¬ 
lichen  Dosis  ohne  irgendeine  Schädigung  gespritzt  wurde.  Der  Urin 
blieb  frei  von  pathologischen  Bestandteilen;  das  Blut  zeigte  stets 
normale  Verhältnisse.  Als  das  Tier  nach  dieser  langen  Behandlungs-  I 
zeit  durch  Entbluten  getötet  wurde,  ergab  die  Sektion  bis  auf  später 
zu  besprechende  Knochendeformitäten  völlig  normalen  Befund. 

Nachdem  ich  von  der  Unschädlichkeit  des  Tonophosphans  über¬ 
zeugt  sein  konnte,  rechtfertigten  sich  auch  therapeutische  Versuche. 
Die  Richtung  der  ersten  Erprobung  war  gegeben  durch  den  Ge¬ 
dankengang,  der  zur  Darstellung  des  Tonosphosphans  geführt  hatte. 
Ich  verschaffte  mir  zunächst  rachitische  Hunde  und  behandelte  die¬ 
selben  mit  unserem  neuen  Mittel.  Der  Erfolg  war  durchaus  zufrieden¬ 
stellend.  Gerade  jenes  Tier,  das  so  lange  mit  Tonophosphan  gespritzt 
wurde,  wurde  von  uns  in  jammervollem  Zustand  mit  verkrümmten 
Gliedern  aufgenommen.  Laufen  konnte  es  fast  nicht;  rutschend  be¬ 
wegte  es  sich  fort.  Die  Erholung  blieb  aus,  solange  das  Tier  noch 
kein  Tonophosphan  bekam,  setzte  aber  nach  Beginn  der  Kur  bei 
sonst  unveränderten  Verhältnissen  sofort  und  energisch  ein.  Bald 
wurde  es  munter,  lernte  laufen,  und  auch  die  Beschaffenheit  seines 
Skelettsystems  hat  sich  gebessert.  Immerhin  handelte  es  sich  um 
einen  zu  schweren  und  zu  alten  Fall,  als  dass  eine  Restitutio  ad  in¬ 
tegrum  am  Knochengerüst  noch  möglich  gewesen  wäre. 

Krankengeschichte:  Geburtsort  Wasenbach  bei  Limburg  a.  d.  Lahn. 
Vater:  deutscher  Schäferhund;  Mutter:  Wolfshund;  beide  60 — 70  cm  hoch. 
1918  Wurf  von  4  Jungen;  2  sind  grosse  Wolfshunde  geworden,  2  klein  ge¬ 
blieben  mit  verkrümmten  Beinen.  Der  eine  wurde  erschossen;  das  Ver¬ 
suchstier  —  damals  2  Jahre  alt  —  wurde  am  26.  IX.  20  im  Korb  ins  Institut 
gebracht. 

Befund:  Die  Extremitätenknochen  zeigen  Verkrümmung  und  an  den  Ge¬ 
lenkenden  erhebliche  Auftreibungen.  An  den  Rippen  besteht  Rosenkranz¬ 
bildung.  Alle  Zähne  sind  vorhanden;  die  oberen  mittleren  stehen  unregel¬ 
mässig.  Einige  Zähne  sind  grau  verfärbt.  Das  Tier  kann  kaum  10  Schritte 
laufen,  dann  legt  es  sich  auf  den  Bauch  und  rutscht  nach  seinem  Ziel. 
Fresslust  vorhanden.  Gewicht:  17  Pfd.  400  g.  Ernährung  mit  eiweissreichen 
Abfällen,  Brot  und  Kartoffeln.  Eine  Röntgenaufnahme  am  16.  X.  20  zeigt 
die  Knochenstruktur  lichter  als  normal.  In  den  beiden  ersten  Monaten  der 
Pflegezeit  fällt  auf,  dass  das  Tier  sich  öfters  eigentümlich  geistesabwesend 
benimmt.  Nach  diesen  2  Monaten  bei  unverändertem  Gewicht  und  Zustand 
wird  mit  den  Injektionen  von  Tonophosphan  —  anfänglich  0,3  g  pro  die, 
später  0,15  g  —  begonnen.  Schon  nach  14  Tagen  ist  das  Tier  sehr  viel  leb¬ 
hafter,  welchem  Umstand  es  wohl  auch  zuzuschreiben  ist,  dass  das  Gewicht 
trotz  gleicher  Ernährung  zunächst  absinkt  bis  15  Pfd.  390  g  (18.  XII.  20), 
um  von  da  an  beständig  zuzunehmen  bis  zum  Höchstgewicht  von  23  Pfd. 

(4.  III.  22).  24.  IV.  21:  Besserung  sehr  erheblich.  Psychische  Störungen 

wurden  nicht  mehr  bemerkt.  Läuft  lebhaft  herum.  Rosenkranz  zwar  noch 
fühlbar,  aber  geringer.  6.  V.  21:  Läuft  ohne  Unterbrechung  2/4  km  auf  ebener 
Strasse.  Das  am  1.  VII.  21  aufgenommene  Bild  zeigt  das  Tier  in  seiner 
besten  Verfassung.  Am  10.  I.  23  wird  es  bei  guter  Gesundheit  zwecks  genauer 
Besichtigung  getötet.  Befund  s.  o. 

Von  veterinärärztlicher  Seite  hat  man  mir  berichtet,  dass  bei 
jungen  rachitischen  Tieren  das  Tonophosphan  völlige  Heilung  zu 
bringen  vermöge. 

Dass  eine  Hebung  der  Widerstandskraft  gegenüber  Infektionen 
durch  Tonophosphan  stattfinden  kann,  dafür  haben  sich  im  Tier¬ 
experiment  deutliche  Hinweise  ergeben. 

Versuch:  Weisse  Mäuse  —  2  X  16  —  wurden  die  einen  mit  Ringer¬ 
lösung  (1  ccm),  die  anderen  mit  Tonophosphan  in  Ringerlösung  (0,01:  1,0) 
täglich  8  Tage  hindurch  zwecks  Vorbehandlung  gespritzt.  Nach  weiteren 
10  Tagen  wurden  sie  von  Herrn  Prof.  Braun1)  mit  einer  eingestellten  Auf¬ 
schwemmung  von  Schweinerotlaufbazillen  geimpft.  Gemäss  den  Feststellungen 
des  Hygienischen  Instituts  mussten  bei  der  verwendeten  Kultur  die  Mäuse 
innerhalb  von  4  Tagen  erliegen.  Von  den  nur  mit  Ringerlösung  vorbehandel¬ 
ten  Mäusen  (Durchschnittsgewicht  16,9  g)  starben  1  am  2.,  14  am  3.  und 


*)  Herrn  Prof.  Braun  und  Herrn  Prof.  C  a  s  p  a  r  i  bin  ich  für  die 
Unterstützung  meiner  Arbeit  zu  besonderem  Danke  verpflichtet. 


1  am  4.  Tage;  von  den  mit  Tonophosphan  vorbehandelten  Mäusen  (Durch¬ 
schnittsgewicht  17,1  g)  starben  8  am  4.  Tage,  6  am  5.  Tage  und  2  am  6.  Tage.  \ 

Einige  Versuche  wurden  auf  der  Abteilung  für  Krebsforschung 
des  staatlichen  Instituts  für  experimentelle  Therapie  durch  Herrn 
Professor  Caspari  ausgeführt.  Derselbe  berichtet  über  das  Er¬ 
gebnis: 

„Um  festzustellen,  ob  eine  gewisse  Resistenzerhöhung  gegen  nachfolgende 
Tumorimpfung  durch  Vorbehandlung  mit  Tonophosphan  zu  erreichen  ist,  wur-  . 
den  im  ganzen  55  Mäuse  nebst  der  entsprechenden  Anzahl  von  Kontroll-  3 
tieren  verwandt.  Zunächst  ergab  sich  die  Harmlosigkeit  der  Substanz  | 
bei  subkutaner  Einverleibung.  Injektion  von  1  ccm  einer  1  proz.  Lösung  täg¬ 
lich  während  der  Dauer  von  8  Tagen  wurde  ohne  wahrnehmbare  Schädigung 
von  weissen  Mäusen  von  15 — 20  g  Körpergewicht  ertragen.  Eine  Resistenz-  .] 
erhöhung  gegen  eine  ca.  2  Wochen  nach  der  letzten  Injektion  vorgenommene  n 
Impfung  mit  Karzinom  war  nachweisbar.  Sie  wurde  dadurch  nicht  sehr  deut- 
lieh,  dass  unter  den  Kontrollen  sich  eine  ungewöhnlich  hohe  Zahl  von  absolut  % 
oder  relativ  immunen  Tieren  fand.  Die  Versuche  mussten  wegen  der  augen¬ 
blicklichen  Schwierigkeit  der  Beschaffung  des  notwendigen  Tiermaterials  vor-  1 
läufig  abgebrochen  werden.“ 

Nach  diesen  Vorstudien  war  die  Berechtigung  zum  klinischen  ö| 
Versuch  am  Menschen  vorhanden.  Sehr  bald  Hess  sich  aus  den  ge-  ü 
sammelten  Erfahrungen  erkennen2),  dass  im  Tonophosphan  ein  Mittel 
gegeben  war,  das  sowohl  auf  das  Skelettsystem  günstig  einzuwirken 
vermochte,  als  auch  das  Allgemeinbefinden,  die  Blutbeschaffenheit,  i 
die  Leistungsfähigkeit  und  die  Psyche  nützlich  beeinflusste. 

Aus  mir  zugegangenen  Berichten  und  eigener  Erfahrung  heraus  I 
möchte  ich  als  Paradigmata  auf  der  einen  Seite  die  Osteomalazie5),  i 
auf  der  anderen  Seite  den  Morb.  Basedowii  anführen.  —  Mein 
eigener  Fall  von  Osteomalazie  war  ein  zwar  beschwerdereicher,  aber  £ 
doch  nur  eben  beginnender.  Er  ist  mit  Tonophosphan  sehr  rasch  ge-  f 
bessert,  wieder  marschfähig  und  später  geheilt  worden. 

Krankengeschichte  Nr.  522.  49  Jahre  alte,  seit  langem  an  Achylia 

gastrica  leidende  Kranke.  Im  Krieg  erheblich  körperlich  zurückgegangen; 
1919  Zystitis;  1920  Rezidiv  der  Zystitis  mit  Pyelitis;  unter  spezialistischer 
Behandlung  abgeheilt.  Kurz  darnach  einsetzendes  Klimakterium;  gleichzeitig 
begannen  Beschwerden  beim  Qehen  und  besonders  beim  Treppensteigen: 
Schmerzen  in  den  Knien  und  in  der  Wirbelsäule.  Der  bis  dahin  elastische  r 
Gang  wird  schwerfällig.  Rasche  Ermüdung.  Aussehen  anämisch.  Organ¬ 
befund  o.  B.  Keine  Behinderung  bei  passiven  Bewegungen;  keine  besen-  p 
dere  Druckempfindlichkeit.  Trotz  sorgsamer  Pflege  und  Landaufenthalt  nur  ; 
geringe  Gewichtszunahme  und  keine  Besserung  der  Marschfähigkeit.  Okto-  jJ 
ber  1921  Beginn  der  Tonophosphankur:  Schon  nach  wenigen  Injektionen  (0,01)  s 
verschwinden  die  Schmerzen.  Nach  ca.  40  Einspritzungen  ist  das  Gehen 
wieder  völlg  frei.  Das  Aussehen  ist  ein  viel  frischeres.  Die  Leistungsfähig-  !■ 
keit  hat  sich  gehoben  und  das  Körpergewicht  ist  um  10  Pfd.  angestiegen.  U 
Der  Erfolg  bezüglich  der  zweifellos  osteomalazischen  Beschwerden  hat  an-  I 
gehalten;  das  Allgemeinbefinden  machte  Ende  Oktober  1922  eine  Wieder-  I 
holung  der  Kur  wünschenswert,  die  durchgeführt  wurde  lind  wiederum  einen 
guten  Erfolg  zeitigte. 

Bei  schweren  Osteomalazien  habe  ich  auch  von  Versagern  be¬ 
richtet  bekommen;  ihnen  stehen  eine  Reihe  von  gut  verbürgten,  z.T.  I 
mit  Röntgenbefund  versehenen  Heilerfolgen  gegenüber. 

Als  ein  solch  schwerer  Fall  von  Osteomalazie  erscheint  der  fol-  • 
gende,  dessen  Schilderung  ich  Herrn  Dr.  B  r  ü  c  k  m  a  n  n  -  Vilseck  ,, 
verdanke: 

„Am  26.  VI.  21  wurde  ich  dringend  zu  einer  Oekonomensfrau  gerufen,  die 
heftige  Schmerzen  im  Rücken  klagte.  Bei  der  Untersuchung  ergab  sich  eine  1 
starke  Skoliose  der  Wirbelsäule,  die  sich  in  kurzer  Zeit  entwickelt  hatte.  Da  ’> 
sich  keine  Anzeichen  einer  Tuberkulose  ergaben,  dachte  ich  an  Osteomalazie.  | 
Ich  schickte  die  Frau,  die  in  etwas  vorgerücktem  Alter  viele  schnell  auf-  t 
einanderfolgende  Entbindungen  durchgemacht  hatte,  zur  Röntgenunter-  „I 
suchung.“  —  Bericht  des  Städtischen  Krankenhauses  Wieden:  „Das  Rönt¬ 
genbild  von  Frau  W.  macht  durchaus  den  Eindruck  von  Osteomalazie.  Der  J 
Knochen  ist  auffallend  weich.  Die  sonst  üblichen  Wirbelkonturen  laufen 
unregelmässig  durcheinander  und  geben  ein  ganz  anderes  Bild  als  sonstige  1 
Skoliosen.“ 

„Daraufhin  begann  ich  mit  der  Tonophosphankur.  Der  Erfolg  übertraf 
alle  Erwartungen.  Schon  vor  Ende  der  Injektionskur  waren  die  Beschwer- 
den  vollkommen  verschwunden,  so  dass  die  Frau  ihrer  Arbeit  nachging.  Sie  I 
hat  seit  der  Zeit  nie  mehr  Beschwerden  gehabt.“ 

Ein  diagnostisch  schwierig  zu  rubrizierender  Fall  von  Störungen  . 
am  Skelettsystem,  bei  dem  sich  Tonophosphan  ausserordentlich  be-  J 
währt  hat,  sei  hier  angeführt: 

Krankengeschichte  8511.  15.  VIII.  21.  34  Jahre  alte  Frau.  Unbelastet. 

Als  junges  Mädchen  Bleichsucht.  Appendizitis  1912.  Gürtelrose  1917. 
Periode  mit  18  Jahren  regelmässig,  stark.  Nullipara.  Seit  1912  Gicht,  die 
mit  Grosszehenanfall  begann.  Solche  Anfälle  ereigneten  sich  in  der  Folge 
1  mal  jährlich  an  r.  Fuss  und  r.  Hand.  Seit  Februar  21  kommen  3 — 4  Tage 
vor  jeder  Periode  Schmerzen  und  Verdickungen  r.  u.  1.  an  Händen  und  Füssen.  * 
Seit  6  Wochen  weitgehende  Steifigkeit  im  Rücken  und  am  Hals  nach  dem 
Kopf  hin.  Appetit  gering.  Viel  Durst.  Stuhl  träge.  Erhebliche  Körper-  I 
gewichtsabnahme. 

Befund:  Gequälter  Gesichtsausdruck.  Gang  schiebend.  Armbewegungen  c 
beiderseits  gehemmt.  L.  Schulterbewegungen  (auch  passiv)  stark  gehemmt; 
ebenso  im  Ellenbogengelenk.  Fast  brettharte  Spannung  in  Schulter-  (Skapu- 
lar-)  Muskulatur.  Beiderseits  Vorderarm-Handgelenksbewegungen  gehemmt. 
An  den  Mittelphalangen  mehrerer  Finger  im  Gelenkanteil  mässig  druck¬ 
empfindliche  Verdickungen.  Hüften  frei.  Knie  r.  etwas,  1.  weniger  in  seiner 
Beweglichkeit  beschränkt.  Sprunggelenke  frei.  Innere  Organe  o.  B.  Leichte 
Struma.  Refl.  i.  O.  Blutdruck  R.R.syst.  84  mm  Hg.  Puls  78.  Temp.  nor¬ 
mal.  Urin:  1,1  Prom.  Eiweiss.  Harnsäure  0,07  Proz.  bei  1750  ccm  Tages¬ 
menge.  Mikroskopisch:  vereinzelte  granulierte  Zylinder.  Blut:  64  Proz. 
Hämoglobin.  Rote  Bl.  4  800  000;  weisse  Bl.  4000  mit  41  Proz.  Lymphozyten. 
-  / 

2)  C.  Hoff  mann:  Therapie  der  Gegenwart,  Nov.  1921. 

3)  S.  hierzu:  Wirth:  Erfahrungen  mit  Tonophosphan.  M.m.W.  1923 
Nr.  7. 


August  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1089 


ntgenbefund:  R.  Hand  zeigt  an  Grundphalanx  des  Daumens  leichte  Auf- 
kerung  des  Periosts.  An  den  Metakarpalknochen  r.  im  Gelenkanteil 
1  an  den  Seitenanteilcn  ähnliche  Veränderungen  erkennbar.  L.  Hand:  den 
ichteilverdickungen  entspricht  hier  kein  pathol.  Knochenbefund.  L.  Knie: 
enkspalt  eng;  sonst  o.  B.  Verordnung:  gewürzarme,  purinarme  Kost. 

I. iter  Milch  täglich.  Tonophosphan  0,01  täglich.  13.  IX.  21:  Nach  20  In- 
tionen  Tonophosphan  fühlt  sich  Kranke  jetzt  wesentlich  woliler.  Kann 
e  Stock  gehen.  Aussehen  besser.  L.  Schulterrnuskulatur  nicht  mehr  ge- 
nnt,  Beweglichkeit  der  Schulter  und  im  Schultcrgclcnk  frei.  Vordcrarm- 
idgelenk  freier;  ebenso  Knie.  Albuminurie  unverändert.  11.  X.  21: 
lophosphan  wurde  fortgesetzt.  Hat  kaum  noch  Schmerzen.  Gelenke  frei, 
t:  68  Proz.  Hämoglobin.  Rote  Bl.  5  800  0000,  Weisse  Bl.  5000  mit  18  Proz. 
nphozyten.  29.  XII.  22:  Wohlbefinden.  Die  Tonophosphankur  wurde  nach 
Injektionen  aufgehört.  Vor  Periode  leichtes  Ziehen  in  der  r.  Hand, 
r  ohne  Schwellung.  Gelenke  frei.  Albuminurie  unverändert;  bei  Ruhe 
ingcr  als  nach  Bewegung  (0,3 — 0,7  Prom.).  Nochmals  Tonophosphankur. 

II.  23:  Gelenke  etc.  andauernd  frei  geblieben.  Kein  Ziehen  mehr  vor  der 
iode.  Albuminurie  besteht  noch. 

Seiner  Entstehungsgeschichte  nach  gehört  der  Fall  in  die  Gruppe 
•  Harnsäurediathese;  im  weiteren  Verlauf  aber  entfernt  er  sich  in 
neu  Einzelzügen  von  diesem  Grundtypus  so  sehr,  dass  man  kaum 
durch  die  Diagnose  „Gicht“  erschöpfend  geklärt  ansehen  kann. 
Ich  habe  vor  einiger  Zeit  eine  Kranke  mit  vielen  Anklängen  an 
ges  Krankheitsbild  beobachtet.  Die  Sektion  ergab  eine  Zysten- 
re  als  Grundkrankheit.  —  Völlig  sicher  erscheint  mir  bei  unserer 
mken  die  günstige  Einwirkung  des  Tonophosphans;  denn  was  von 
tetischcn  Massnahmen  durchgeführt  wurde,  war  nichts  wesentlich 
les  in  der  Behandlung. 

Sehr  Nützliches  weiss  ich  von  der  Beeinflussung  der  Base- 
w  sehen  Erkrankung  durch  Tonophosphan  zu  berichten.  Eine 
Therapie  hat  bei  dieser  Krankheit  Kocher  schon  vor  Jahren 
pfohlen.  Den  bisher  gebräuchlichen  Formen  ist  das  Tonophosphan 
it  überlegen.  Auch  hier  sind  es  die  Frühformen,  die  die  besten 
^sichten  für  die  Behandlung  bieten;  ich  habe  aber  auch  sehr 
werc  Fälle  ausgezeichnet  auf  Tonophosphan  reagieren  sehen. 

In  dem  Bestreben,  einen  Einblick  in  die  Art  der  Wirkung  des 
lophosphans  zu  bekommen,  habe  ich  zusammen  mit  meinem  Assi- 
lten,  Herrn  Dr.  Binswanger,  folgenden  Versuch  durchgeführt: 
r  bestimmten  bei  gleichmässig  gefütterten  ausgewachsenen  Ka- 
chen  deren  P2O5-,  anorganische  Schwefelsäure-  und  Aetherschwe- 
äureausscheidung  im  Urin  und  injizierten  ihnen  dann  während 
ger  Tage  Dosen  von  Tonophosphan,  die  genügen  mussten,  um 
ebliche  Ausschläge  in  der  P2O5-  und  —  wenn  umgesetzt  — 
herschwefelsäureausscheidung  zu  erzielen. 

Als  Beispiel  eines  solchen  Stoffwechsels  sei  angeführt:  Kanin- 
u.  2,3  kg.  Ernährung:  Dickwurz  und  Heu. 


Wieviel 

Durchschnittliche  tägl.  Ausscheidung  im  Urin. 

Tage 

P205 

Anorganische 

Aether- 

Schwefelsäure 

Schwefelsäure 

jeriode . 

3 

0,056  g 

531  mg 

93  mg 

ptperiode . 

operiode  ..... 

5 

2 

0,046  g 

0,05  g 

439  mg 

236  mg 

171  mg  i) 

107  mg2) 

J)  Täglich  2  x  0,25  g  Tonophosphan  in  10  ccm  Wasser  subkutan  injiziert. 
*)  Endgewicht  2,4  kg. 


An  dem  ersten  Tage  der  Darreichung  trat  überhaupt  keine  Ver- 
erung  ein;  dann  begann  die  Aetherschwefelsäure  anzusteigen  und 
b  nach  Aussetzen  der  Einspritzungen  noch  eine  Weile  vermehrt; 
P2O5  aber  änderte  sich  nicht.  Es  findet  also  zunächst  statt  eine 
ention  der  gesamten  Verbindung  und  dann  Abspaltung  der  orga- 
Jien  Komponente  unter  Oxydation,  während  der  Phosphoranteil 
Verbindung  gespeichert  wird.  Das  ist  ein  bemerkenswertes  Rc- 
at,  das  die  Phosphorwirkung  des  Präparats  sinnfällig  macht. 

Im  pharmakologischen  Institut  zu  Greifswald  sind  von  Herrn 
fessor  R  i  e  s  s  c  r  und  seinem  Assistenten,  Herrn  Dr.  Engel,  sehr 
ressante  Untersuchungen  über  das  Tonophosphan  durchgeführt 
'den  “).  Die  Autoren  konnten  gemäss  einer  eben  erschienenen 
en  Veröffentlichung  feststellen,  dass  das  Tonophosphan  im  pliar- 
tologischen  Experiment  erhebliche  stimulierende  Wirkung  auf 
geschwächten  Herzmuskel  zeigt  und  dass  es  die  glatte  Musku- 
r  des  Darmes,  der  Blase  und  des  Uterus  anregt.  Die  Klinik  wird 
erproben  haben,  inwieweit  sich  aus  diesen  Befunden  neue  Indi- 
onen  ergeben. 

_ 

Aus  der  Medizinischen  Universitätsklinik  Rostock. 
(D.rektor:  Prof.  H.  Curschmann.) 

Das  Linimentum  Tuberculini  Petruschky. 

Von  Dr.  A.  Müller. 

Auf  Grund  von  Beobachtungen  am  Krankcnmaterial  des  städti- 
-n  Tuberkulosekrankenhauses  Waldhaus-Charlottenburg  in  S0111- 
feld-Osthavelland,  weiche  bei  der  Behandlung  mit  Linimentum 
uschky  dort  gemacht  wurden,  kommt  U  1  r  i  c  i  zu  dem  Schluss, 
■>  das  Verfahren  zwar  absolut  ungefährlich,  aber  auch  völlig  un- 
ksam  sei.  Denn  weder  auf  eine  der  von  Petruschky  vorge¬ 


schriebenen  Dosen,  noch  auf  die  20  fache  Höchstdosis  konnte  U  1  r  i  c  i 
bei  6  Kranken  mit  schwerer  progedienter  offener  Lungentuberkulose 
irgendeine  Reaktion  erzwingen.  Dabei  waren  sämtliche  Kranken  hoch 
allergisch  und  mit  Tuberkulin  nicht  vorbehandelt. 

Diese  Mitteilung  veranlasst  mich,  über  die  Wirkung  des  Linimen¬ 
tum  Petruschky  an  der  hiesigen  Medizinischen  Klinik  kurz  zu  be¬ 
richten.  Trotzdem  die  klinisch  zur  Behandlung  kommenden  Fälle 
in  der  Mehrzahl  sehr  schwere  Lungentuberkulosen  darstellen,  und 
aus  diesem  Grunde  schon  eine  spezifische  Behandlung  sehr  häufig 
nicht  mehr  zulassen,  konnte  ich  doch  bei  Durchsicht  der  Krankenge¬ 
schichten  seit  Oktober  1921  60  mit  „Linimentum  Petruschky“  be¬ 
handelte  Fälle  feststellen.  Alle  diese  Kranken  litten  an  offener  Lun¬ 
gentuberkulose  (Turban  II  und  III),  waren  stark  allergisch  (Pir¬ 
quet  H  I  b)  und  sämtlich  nicht  mit  Tuberkulin  vorbehandelt.  26  die¬ 
ser  Kranken  reagierten  im  Verlauf  der  nächsten  24 — 48  Stunden  auf 
die  Einreibungen  mit  deutlichen  Fiebersteigerungen,  teilweise  bis 
39,0°,  während  34  keinerlei  Reaktionen  zeigten.  Bei  den  26  reagie¬ 
renden  Fällen  finden  sich  7  Kranke,  welche  schon  auf  1  resp.  2  Trop¬ 
fen  der  Anfangsdosis  1  :  25  000  mit  deutlicher  Fiebersteigerung  ant¬ 
worteten,  dann  nach  einigen  Tagen  wieder  entfieberten,  um  erst  im 
Verlauf  der  weiteren  Behandlung  trotz  langsamster  Dosierung  mit 
der  Dosis  1  :  5000  erneut  Fiebersteigerung  mit  deutlicher  Herdreak¬ 
tion  in  der  kranken  Lunge  zu  bekommen.  Die  Behandlung  wurde 
daraufhin  sofort  ausgesetzt  bis  zum  Abklingen  aller  Fieber-  und 
Herderscheinungen.  Es  zeigte  sich  dann  aber  durch  sofortige  erneute 
Fieberzacken,  dass  die  Kranken  so  überempfindlich  gegen  die 
kleinsten  Linimentgaben  geworden  waren,  dass  eine  spezifische 
Therapie  überhaupt  aufgegeben  werden  musste.  5  Kranke  bekamen 
nach  der  Dosis  1  :  25  000  resp.  1  :  5000  ganz  unerwartet  —  bei  vorher 
normalem  Verhalten  gegen  das  Liniment  und  keiner  Blutungsnei¬ 
gung  —  plötzlich  eine  schwere  Hämoptoe,  die  mit  ziemlicher  Sicher¬ 
heit  der  Tuberkulinbehandlung  zur  Last  zu  legen  ist.  Die  übrigen 
14  Kranken  vertrugen  die  Einreibungen  nur  bis  zu  einer  gewissen, 
für  jeden  Kranken  verschiedenen  Grenze,  die  nie  überschritten 
werden  durfte,  ohne  den  Kranken  höherem  Fieber  und  deutlichen 
Herdreaktionen  auszusetzen. 

Zusammenfassend  müssen  wir  also  sagen,  dass  unsere  nun  etwa 
2  jährigen  Erfahrungen  uns  nicht  zu  der  Ueberzeugung  kommen 
lassen,  in  dem  „Linimentum  Petruschky“  ein  ebenso  unwirksames  als 
unschädliches  Mittel  zu  sehen,  wie  dies  U 1  r  i  c  i  annimmt.  Es  unter¬ 
liegt  für  uns  —  wie  sicher  für  die  Mehrzahl  der  Aerzte,  die  mit  dieser 
Methode  gearbeitet  haben  —  keinem  Zweifel,  dass  sich  auch  mit  dem 
Liniment  Herd-  und  Allgemeinreakfionen  auslösen  lassen,  wie  mit 
anderen  Tuberkulinapplikationen,  und  zwar  durchaus  nicht  schwä¬ 
cheren  und  harmloseren.  Wenn  das  Verfahren  therapeutisch  nicht 
das  gehalten  hat,  was  sein  Urheber  uns  versprach,  so  darf  das  Mittel 
doch  keineswegs  wahllos  und,  ut  aliquid  fiat,  angewandt  werden. 
Wie  bei  jeder  spezifischen  Tuberkulosetherapie,  ist  auch  hier  die 
strikte  Forderung  nach  genauester  und  sorgfältigster  Auswahl  der 
Kranken  und  streng  individueller  Behandlungsweise  zu  stellen.  Dass 
überhaupt  auf  perkutanerrv  Wege  eine  Sensibilisierung  erreicht  wer¬ 
den  kann,  ist  ja  durch  vielfache  experimentelle  und  klinische  Be¬ 
obachtungen  erwiesen.  Winkler  und  Stahl  haben,  um  nur  eine 
neue,  bisher  nicht  veröffentlichte  Beobachtung  zu  erwähnen,  an  der 
Rostocker  Medizinischen  Klinik  in  ihren  „Versuchen  über  Beibrin¬ 
gung  von  Typhusimpfstoff  subkutan,  intrakutan  und  perkutan  und  ihre 
Wirkung  auf  die  Agglutininbildung“  nachweisen  können,  dass  eine 
perkutane  Sensibilisierung  zweifellos  eintritt,  wenn  auch  wesentlich 
schwächer  und  langsamer  als  bei  den  beiden  ersteren  Methoden. 
Auf  die  perkutane  Tuberkulinbehandlung  übertragen,  müssen  wir  es 
also  als  Tatsache  hinnehmen,  dass  geringe  Mengen  Tuberkulin  auch 
auf  diesem  Wege  in  den  Körper  übergehen  und  zur  Wirkung  ge¬ 
langen.  Eine  wahllose  Anwendung  des  „Linimentum  Petruschky“ 
brächte  den  also  behandelten  Kranken  in  die  Gefahr  starker  Fieber- 
resp.  Herdreaktionen,  die  zwar  von  Petruschky  selbst  als  er¬ 
strebenswert  hingestellt  wurden,  von  uns  aber  ganz  im  Sinne  der 
Sahli  sehen  Vorschrift  nach  Möglichkeit  vermieden  werden:  die 
Ausdehnung  und  Dauer  einer  solchen  Herdreaktion  sind  nie  voraus¬ 
zubestimmen,  so  dass  der  behandelnde  Arzt  immer  erst  post  festum 
sagen  kann:  Hier  war  die  Herdreaktion  nicht  angebracht!  Moro 
hat  das  unlängst  sehr  fein  ausgedrückt  (in  seiner  Ektebinarbeit 
[M.m.W.  1922,  Nr.  28]),  indem  er  sagt:  Wenn  wir  einen  Fall  (nach 
einer  Erfahrung  oben  gekennzeichneter  Art)  für  ungeeignet  für  die 
Tuberkulintherapie  erklären,  so  haben  wir  ihm  meist  schon  ge¬ 
schadet.  Oberster  Grundsatz  muss  gerade  in  der  spezifischen  Tu¬ 
berkulosetherapie  immer  das  „Nil  nocere“  bleiben,  auch  bei  An¬ 
wendung  des  Linimentum  Petruschky,  das  wegen  seiner  geringen 
Konzentration  und  Dosierung  gar  zu  häufig  nach  dem  Grundsatz: 
„wenn  es  nicht  hilft,  schaden  kann  cs  nicht“  verordnet  wird.  Unsere 
Erfahrungen  warnen  dringend  vor  solcher  Anschauung, 

Literatur. 

Ulrici:  Klin.  Wschr.  1923  Nr.  1  S.  20.  —  M.m.W.  1922  Nr.  13.  — 
v.  Winterfeld:  Ther.  d.  Gegcnw.,  Nov.  1922. 


1090 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  33. 


Clavipurin,  ein  neues,  natürliches  Mutterkornpräparat*). 

Von  Dr.  med.  Klaus  Hoff  mann,  Frauenarzt  in  Darmstadt. 


Seit  mehr  denn  hundert  Jahren  bemühen  sich  die  Wissenscnaftler 
emsig  um  die  Erforschung  der  spezifisch  wirksamen  Bestandteile 
des  Mutterkorns,  das  seit  alters  in  der  geburtshilflichen  und  gynäko¬ 
logischen  Therapie  eine  so  bedeutsame  Rolle  spielt.  Die  Ergebnisse 
gerade  der  letzten  Jahre  auf  diesem  Gebiete  lassen  wiederum  recht 
erfreuliche  Fortschritte  in  der  Lösung  dieser  Frage  verzeichnen. 
Rothlin  [  l]  hat  im  vorigen  Jahre  ln  der  Klin.  Wschr.  ein  vortreff¬ 
liches  Uebersichtsreferat  „über  die  wirksamen  Substanzen  des  Mut¬ 
terkorns“  erstattet,  so  dass  es  sich  erübrigt,  auf  die  geschichtlichen 
Daten  der  Mutterkornforschung  hier  näher  einzugehen.  Nur  soviel 
sei  gesagt:  Man  unterscheidet  nach  dem  jetzigen  Stande  der  For¬ 
schung  einerseits  die  in  der  Mutterkorndroge  prä- 
formierten,  spezifisch  wirksamen  Bestandteile 
und  anderseits  die  auf  die  Uterusmuskulatur  eben¬ 
falls  erregend  wirkenden  proteinogenen  Amine, 
die  ijj  der  Hauptsache  sekundär  bei  der  bisher  üblichen  Extraktberei¬ 
tung  entstehen.  Von  den  letzteren  spielen  das  Tyramin  =  p-Oxy- 
phenyläthylamin  und  das  Histamin  =  ß-Imidazolyläthylamin  die 
Hauptrolle.  Sie  sind  in  der  frischen  Droge,  wie  St  oll  [2]  nach- 
weisen  konnte,  entweder  gar  nicht  oder  nur  in  verschwindend  kleiner 
Menge  enthalten.  Ihre  Entstehung  verdanken  sie  vielmehr  dem  bei 
der  Zubereitung  der  Mutterkornextrakte  auftretenden  Fäulnisprozess 
von  Eiweissstoffen,  indem  sie  durch  fermentative  Dekarboxylierung 
von  Aminosäuren  gebildet  werden.  Ihre  synthetische  Herstellung 
gelingt  unschwer,  so  dass  man  zu  ihrer  Gewinnung  die  Mutterkorn¬ 
droge  völlig  entbehren  kann.  Der  letztere  Umstand  gab  die  Ver¬ 
anlassung  dazu,  dass  bei  der  starken  Einschränkung  der  Mutterkorn¬ 
zufuhr  während  des  Krieges  die  synthetischen  Ersatzprodukte  aus¬ 
gedehnte  Verwendung  fanden,  obwohl  ihre  Wirkung  keineswegs  völ¬ 
lig  identisch  mit  der  typischen  Sekalewirkung  ist.  Die  grösste  Ver¬ 
breitung  in  der  Praxis  hat  wohl  das  vor  allem  von  Jaeger  [3l  als 
Mutterkornersatz  empfohlene  Teno  sin  gefunden,  das  aus  synthe¬ 
tisch  gewonnenem  Tyramin  und  Histamin  zusammengesetzt  ist. 
Rübsamen  Dl  stellte  durch  klinisch-experimentelle  Versuche  am 
Menschen  fest,  dass  die  Wirkung  des  Tenosins  bereits  zirka  2  Mi¬ 
nuten  nach  der  intramuskulären  Verabreichung  beginnt,  aber  nach 
15  Minuten  abgeklungen  ist,  und  erklärt  dies  mit  der  ausserordent¬ 
lich  schnellen  Resorbierbarkeit  der  synthetischen  Amine.  Durch 
mehrfache  Wiederholung  der  Tenosininjektionen  gelingt  es  zwar, 
über  längere  Zeit  hin  dauernde  Uteruswirkung  zu  erzielen  —  ein 
Verfahren,  das  nach  den  Erfahrungen  von  Jaeger.  wie  auch  meinen 
eigenen  ohne  unangenehme  Nebenwirkungen  für  die  Kranke  durch¬ 
geführt  werden  kann;  für  den  beschäftigten  Praktiker  aber,  wie  auch 
in  der  Klinik  bedeutet  die  bei  diesem  Vorgehen  notwendige,  besonders 
sorgfältige  und  dauernde  Ueberwachung  des  zu  Atonie  neigenden 
Uterus  eine  starke  Belastung  und  somit  einen  erheblichen  Naenteil 
gegenüber  der  stundenlang  an- 


schiedenen  zur  Untersuchung  herangezogenen  Tierarten  und  Or¬ 
ganen  keine  qualitativen  Differenzen  der  Wirkung.  Wenn  eine  solche 
quantitativer  Art  besteht,  so  ist  sie  nur  klein,  und  es  bedürfte  zu  inrem 
Nachweis  noch  einer  viel  grösseren  Anzahl  von  Experimenten.  Prak¬ 
tisch  kann  jedenfalls  gesagt  werden,  dass  die  beiden  Alkaloide  in 
ihrer  Wirkung  qualitativ  und  quantitativ  identisch  sind.  Diese  Iden-  t 
tität  schliesst  aber  eine  chemische  Differenz  nicht  aus,  wenn  es  auch 
unwahrscheinlich  ist,  dass  sie  sehr  erheblich  ist.  Die  Isolierung  des 
Ergotamins  führt  also  nicht  zu  einer  Umstellung  der  Pharmakologie 
des  Mutterkorns,  aber  sie  weist  erneut  auf  die  Bedeutung  der 
spezifischen  Alkaloide  der  Droge  hin,  die  von 
deren  zufälligen  und  un  spezifischen  Bestandtei¬ 
len  scharf  unterschieden  werden  müssen’).  Jedenfalls 
steht  und  fällt  der  therapeutische  Wert  des  Mutterkorns  mit  dem  der 
beiden  Alkaloide  Ergotoxin  und  Ergotamin.  Welches  von  beiden 
man  therapeutisch  verwendet,  wird  allein  von  pharmazeutisch-tech¬ 
nischen  Bedingungen  (Reinheitsgrad.  Dosierbarkeit  usw.)  abhängen. 
Für  die  Mutterkornextrakte  wird  es  darauf  ankommen,  dass  sie  die 
Alkaloide  quantitativ  enthalten.“ 

Die  im  letzten  Satz  dieser  Ausführungen  von  Barger  und 
Carr  enthaltene  Forderung  erfüllt  ein  von  der  Firma  Gehe  &  Co. 
in  Dresden  in  den  Handel  gebrachtes,  natürliches  Mutterkornoräpa- 
rat,  das  den  Namen  „Clavipurin“  trägt.  Das  neue  Mittel  wird 
von  dieser  durch  ihre  früheren  Arbeiten  auf  dem  Gebiete  der  Mutter- 
kornforschung  bekannten  Firma  unter  Berücksichtigung  der  Erfah¬ 
rung,  dass  die  Sekaleblasen  gegen  chemische  Reagentien  ausser¬ 
ordentlich  empfindlich  sind,  mittels  eines  besonders  schonenden  Ver¬ 
fahrens  gewonnen.  Nach  den  Angaben  der  herstellenden  Firma  han¬ 
delt  es  sich  bei  dem  „Clavipurin“  (der  Name  ist  von  Claviccps 
purpurea  abgeleitet)  um  die  0,1  proz.  weinsäure-wässrige  Lösung 
eines  klinisch  hochwertigen,  konstanten  Gemisches  der  wirksamen 
Sekalebasen.  Ueber  die  Konstitution  der  darin  enthaltenen  Alkal  )ide 
sind  die  Untersuchungen  noch  nicht  abgeschlossen,  so  dass  Einzel 
daten  noch  nicht  mitgeteilt  werden  können.  Veröffentlichungen  hier¬ 
über  stehen  in  Aussicht. 

Vor  Beginn  der  klinischen  Versuche  am  Menschen,  die  seit  etwa 
einem  Jahre  im  Gange  sind,  wurde  das  Präparat  von  dem  Direktor 
des  pharmakologischen  Universitätsinstituts  in  Halle  a.  S..  Professor 
Koch  m  a  n  n,  im  Tierversuch  geprüft  und  seine  Ungiftigkeit  fest 
gestellt. 

Eine  klinisch  -  experimentelle  Prüfung  des  Mittels,  wie  sie  Riib- 
same  n  aus  der  Erkenntnis,  dass  die  Ergebnisse  der  Experimente  am 
überlebenden  Uterus  nicht  ohne  weiteres  auf  den  Menschen  über 
tragen  werden  dürfen,  fordert,  wurde  in  der  staatlichen  Frauenklinik 
zu  Dresden  vorgenommen.  Durch  das  Entgegenkommen  meines  frü 
heren  Chefs,  Geheimrat  Kehrer,  dem  ich  auch  an  dieser  Stelle  für 
die  liebenswürdige  Ueberlassung  des  Materials  meinen  herzlichsten 
Dank  abstatten  möchte,  ist  es  mir  möglich,  an  Hand  der  beiden  hier 
wiedergegebenen  Kurven  den  exakten  Beweis  der  Wirksamkeit  des 
Clavipurins  auf  den  menschlichen  Uterus  in  der  Nachgeburtsperiode 


haltenden  Wirkung  guter  Se- 
kalepräparate.  Gute  Sekale- 
präparate  aber  stets  zur  Hand 
zu  haben,  war  bis  vor  nicht 
allzu  langer  Zeit  keineswegs 
mit  Sicherheit  möglich,  da, 
wie  allgemein  bekannt  ist,  der 
Gehalt  kler  Mutterkorndroge 
an  wirksamen  Substanzen  in¬ 
konstant  ist  und  demnach  auch 
der  Gehalt  der  Extrakte  an  den 
den  spezifischen  Mutterkorn¬ 
effekt  zeitigenden  Stoffen  wechselt. 


Abb.  1. 


Mit  anderen  Worten:  Es  fehlte 
ein  exakt  dosierbares,  natürliches  Mutterkornpräparat  von  voller  und 
konstanter  Wirkung,  das  nebenbei  auch  frei  von  unerwünschten 
Nebenwirkungen  und  überflüssigen  Ballaststoffen  sein  sollte. 

Einen  wichtigen  Fortschritt  in  der  Mutterkornforschung  bedeu¬ 
tete  in  dieser  Hinsicht  die  Isolierung  eines  krystallisierten 
Alkaloids  aus  dem  Mutterkorn  mittels  einer  neuen  chemischen  Me¬ 
thode  durch  St  oll.  Diese  von  ihrem  Entdecker 
„Ergotamin“  benannte  Sekalebase  übt,  wie 
Spiro  [5]  zeigen  konnte,  auf  den  isolierten  Uterus 
die  für  Mutterkorn  spezifische  Wirkung  aus.  Einzel¬ 
heiten  hierüber  findet  man  u.  a.  in  der  eingangs  er¬ 
wähnten  Rothlin  sehen  Arbeit  und  der  dort  zitier¬ 
ten  Literatur. 


zu  erbringen.  Die  Kurven  wurden  von  dem  Assistenten  der  Dres- 
dener  Klinik,  Dr.  Lehman  n,  dem  ich  ebenfalls  für  seine  freundliche 
Unterstützung  bestens  danke,  mittels  der  von  Rübsamen  |9l  an¬ 
gegebenen  Methode  der  „externen  Hysterographie“  aufgenommen 
Dr.  Lehmann  gibt  dazu  folgende  Erläuterung:  „Bei  der  Kurve  1 
sieht  man  alsbald  nach  der  intramuskulären  Injektion  1203  (sieht 
Pfeil)  eine  "Wehe  auftreten,  ohne  dass  der  bis  dahin  innegehabte  Ab¬ 


Das  „Ergotamin“,  das  als  weinsaures  Salz  den 
wirksamen  Bestandteil  des  schweizerischen  Han¬ 


delspräparats  „Gynergen“  (im  englischen  Sprachge¬ 
biet  als  „Femergin“  bezeichnet)  darstellt,  ist  mit 
dem  von  den  englischen  Forschern  Barger  und  Carr  [6]  bereits 
1906  dargestellten  amorphen  „Ergotoxin“  und  dem  hiermit  iden¬ 
tischen  „H  y  d  r  o  e  r  g  o  t  i  n  i  n“  von  Kraft  Dl  sehr  nahe  verwandt. 
In  einer  neueren  Arbeit  von  Dale  und  Spiro  [8]  wird  darüber 
folgendes  gesagt:  „Die  beiden  Alkaloide  des  Mutterkorns,  Ergotoxin 
(Barger  und  Carr)  und  Ergotarriin  (S  t  o  1  1),  zeigen  bei  den  ver- 


*)  Nach  einem  auf  dem  diesjährigen  Gynäkologenkongress  in  Heidelberg 
gehaltenen  Vortrag.  • 


Abb.  2. 

stand  zwischen  den  einzelnen  Wehen  eingehalten  wird.  7  Minutei' 
später,  also  12'°,  wird  eine  beträchtliche  Tonussteigerung  des  Utenn 
beobachtet  mit  später  rasch  und  regulär  aufeinanderfolgenden,  kräf 
tigen  Wehen,  deren  Wellental  die  frühere  Tiefe  nicht  mehr  erreicht 
Auch  die  Kurve  II  zeigt  die  Injektion  von  ebenfalls  2  ccm  Clavi¬ 
purin  intramuskulär  (4:1S).  Sofort  wird  die  Kranke  ein  wenig  unruhig 
so  dass,  wie  es  häufig  dabei  geschieht,  der  Oberkörper  etwas  zurück- 

’)  Im  Original  gesperrt  gedruckt. 


!7.  August  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1091 


tczogen  wird  und  die  auf  den  Bauchdecken  bzw.  den  Fundus  uteri 
iufgelegte  Pelotte  dadurch  um  Spuren  symphysenwürts  verschoben 
vird.  Man  muss  sich  daher  die  etwa  3  Minuten  später  erfolgende, 
;ehr  kräftige  Wehe  als  im  ganzen  um  die  gegen  früher  vorhandene 
liffcrenz  des  Wellentales  nach  oben  verschoben  denken.  45S  tritt 
•ine  beträchtliche  Tonussteigerung  von  langem  Bestehen  auf,  wonach 
ler  Uterus  noch  lange  Zeit  in  einem  gewissen  Kontraktionsstadium 
erharrt.“ 

Meine  eigenen  Beobachtungen,  die  sich  auf  rein  klinische  Erfüll¬ 
ungen  stützen,  haben  ergeben,  dass  das  C 1  a  v  i  p  u  r  i  n  bisher  in 
.einem  einzigen  Fall  einen  Versager  zeitigte.  Ich  verwandte  das 
dittel  stets  in  solchen  Fällen,  in  denen  ich  erfahrungsgemäss  Sekale- 
»räparate  anzuwenden  pflegte,  also  bei  Blutungen  in  der  Nachgeburts- 
leriode  oder,  wenn  solche  zu  erwarten  standen,  auch  prophylaktisch, 
>ei  Lochialstauungen,  nach  Ausräumung  von  Aborten,  nach  Ausscha¬ 
lungen  der  Gebärmutter  und  bei  gynäkologischen  Blutungen. 

Als  besonders  beweisend  führe  ich  als  Beispiel  einen  Fall  von  Zwilliugs- 
.chwangerschaft  mit  Hydraninion  an,  bei  dem  nach  dreitägigem  Kreissen 
vegen  sekundärer  Wehenschwäche  die  Entwicklung  des  ersten  Kindes  mittels 
(icllandzange  und  des  zweiten,  in  Querlage  befindlichen  Kindes  durch  Wal¬ 
lung  und  Extraktion  durchgeführt  worden  war.  Als  10  Minuten  später  infolge 
\tonin  uteri  eine  stärkere  Blutung  begann,  gab  ich  1  ccm  Clavipurin  intra- 
nuskulär  mit  dem  Erfolg,  dass  sich  die  Gebärmutter  ohne  jeden  sonstigen 
Eingriff  nach  nicht  ganz  2  Minuten  zu  einer  harten,  die  schlaffen  Bauchdecken 
leutlieh  sichtbar  vorwölbenden  Kugel  kontrahierte  und  nach  weiteren 
0  Minuten  die  Expression  der  Plazenta  ohne  erheblichen  Druck  gelang.  Im 
veiteren  Verlauf  blieb  der  Uterus  auch  ohne  mechanische  Hilfsmittel  gut  kon- 
rahiert  und  die  Blutung  setzte  nicht  wieder  ein. 

Olmc  auf  weitere  Einzelfälle  eingelien  zu  wollen,  möchte  ich  noch 
lie  prompte  Wirksamkeit  bei  Aborten  im  4.  bis  6.  Monat  hervor- 
leben,  die  erfahrungsgemäss  leicht  zu  Nachblutungen  neigen.  Audi 
lier  konnte  ich  durch  intramuskuläre  Injektion  von  1  ccm  Clavipurin 
angdauernde  Uteruskontraktion  erzielen  und  grössere  Blutverluste 
üntanhalten.  Mehrmals  injizierte  ich  auch  bei  operativer  Beendigung 
•on  Geburten  und  Aborten  oder  nach  Ausschabungen  14  bis  1  ccm 
Clavipurin  in  die  Portio  und  sah  danach  auffallend  schnell 
’intretende  Zusammenziehung  desvUterus  bei  lange  anhaltender 
Virkung. 

Versuchsweise  applizierte  ich  ferner  die  eine  klare,  wasserhelle 
•'lüssigkeit  darstellende  Clavipurinlösung  in  Mengen  von  0,5  b  i  s 
ccm  intravenös,  um  einerseits  die  Wirkungsart  und  atider- 
eits  die  Verträglichkeit  des  Mittels  bei  dieser  Applikationsart  zu 
irüfen.  Der  Effekt  trat  stets  in  kürzester  Zeit  ein,  und  unliebsame 
Nebenerscheinungen,  wie  sie  bei  intravenöser  Verabreichung  der 
iroteinogenen  Amine  (Tenosin),  insbesondere  des  Histamins,  in  der 
?egel  auftreten,  kamen  niemals  zur  Beobachtung.  Es  ist  dadurch 
ler  Beweis  erbracht,  dass  das  Präparat  frei  von  diesen  Stoffen  ist 
ind  die  darin  enthaltenen  Substanzen  als  die  spezifisch  wirksamen 
>ekalebasen  anzusprechen  sind. 

Ueber  die  Erfahrungen  an  der  Dresdener  staatlichen  Frauenklinik 
>ei  intravenöser  Injektion  des  Clavipurins  berichtet  mir  Dr.  L  e  h  - 

n  a  n  n: 

„Im  Geburtssaal  habe  ich  bei  Frauen,  die  eben  geboren  hatten,  in  etwa 
2  Fällen  das  Clavipurin  intravenös  verabfolgt,  zunächst  ganz  vorsichtig  be- 
tinnend,  strichweise  in  Pausen  von  K  Minute  das  Präparat  injizierend,  spä- 
er  kontinuierlich,  wenn  auch  langsam  einspritzend.  Irgendwelche  schädliche 
Wirkungen  wurden  nicht  gesehen,  wie  sie  sonst  nach  intravenöser  Ver- 
direichung  anderer  Präparate  zuweilen  beobachtet  werden.  Das  Präparat 
■vurde  stets  gut  vertragen  und  erzielte  oft  deutliche  Wirkung.  Ich  habe 
viederholt  beobachtet,  dass  der  Uterus  sich  fast  unmittelbar  nach  der  Iti- 
ektion  intensiv  kontrahierte.  Leider  ist  es  mir  nie  gelungen  diese  Tatsache 
curvenmässig  in  gewünschter  Weise  festzuhalten.  —  Auch  Herr  Dr.  Lcs- 
i  i  n  g  hat  seinerzeit  das  Präparat  wiederholt  intramuskulär  und  intravenös 
■  crabreicht  und  ist  zum  gleichen  Urteil  wie  ich  gekommen.“ 

Ueber  die  orale  Anwendung  des  Clavipurins,  das 
ür  diesen  Zweck  sowohl  als  Lösung,  wie  auch  in  Tablettenform  im 
landel  ist  (1  Tablette  oder  35  Tropfen,  mit  dem  beigegebenen  Tropf- 
däbchen  gemessen,  entsprechen  jeweils  dem  Inhalt  einer  1  ccm  ent- 
laltenden  Ampulle),  teilte  mir  Dr.  Lehmann  mit: 

„Wir  haben  das  Clavipurin,  zunächst  ich  selbst,  dann  auch  Herr 
Ir.  Geller  auf  der  Wochenstation  in  ausgiebiger  Weise  geprüft.  Es  wurde 
n  Tablettenform  (3  mal  2  Tabetten)  oder  in  Tropfenform  (3  mal  50.  3  mal  40, 
I  mal  30  Tropfen  täglich)  verabreicht.  Den  Erfolg  hielten  wir  für  befriedigend ; 
■r  schien  uns  jedenfalls  nicht  hinter  der  Wirkung  des  Secale  cornuti  fluidum 
•urückzustehen.“ 

Meine  eigenen  Erfahrungen  bei  Anwendung  per  os  gehen  dahin, 
lass  man  im  allgemeinen  mit  3  mal  täglich  1  Tablette  oder  35  Tropfen 
Clavipurin  ausreichende  Wirkung  erzielt,  dass  aber  auch  höhere 
)osen  gut  vertragen  werden.  Die  gute  Verträglichkeit  zeigte  mir 
i  a.  eine  ausserordentlich  magcnemnfindliche  Kranke,  bei  der  es 
lach  einer  schweren  Eklampsie  im  Wochenbett  zu  Lochialstauung 
<am:  diese  wurde  durch  3  mal  täglich  35  Tropfen  resp.  eine  Tablette 
Clavipurin  prompt  behoben,  und  die  verzögerte  Rückbildung  der  Ge- 
'ännutter  trat  bald  nach  der  Clavipurindarreichung  in  gewünschter 
\Veise  ein. 

Wenn  ich  der  Vollständigkeit  halber  noch  erwähne,  dass  bei  den 
njektionen  niemals  über  Schmerzen  an  der  Injektionsstelle  geklagt 
vurde,  geschweige  denn  dass  etwa  Abszesse  aufgetreten  wären,  so 
daube  ich,  auf  Grund  der  mitgeteilten  Erfahrungen  das  neue  Mutter- 
■iornpräparat  „Clavipurin“  zu  ausgiebiger  Nachprüfung  warm 
-mpfehlen  zu  dürfen. 


Nur  nebenbei  sei  schliesslich  auch  noch  darauf  hingewiesen,  dass 
der  Preis  des  Clavipurins  im  Verhältnis  zu  den  sonstigen  Mutter¬ 
korn-  und  Mutterkornersatzpräparaten  erstaunlich  billig  ist.  So  ko¬ 
steten  z.  B.  ab  1.  Mai  1923  10  g  Clavipurinlösung  =  1750  M.,  10  g 
Tenosin  2990  M.  und  10  g  Secacornin  6552  M. 

Zusammenfassend  ergibt  sich  aus  Vorstehendem:  Das  neue 
Mutterkornpräparat  „Clavipurin“  zeigt  die  spezifische 
Wirksam  k,e  i  t  der  in  der  Droge  präformierten  S  e  - 
kalebasen  und  enthält  keine  proteinogenen  Amine. 
Im  Gegensatz  zu  den  galenischen  Mutterkornpräparaten  ist  es  frei 
von  Ballaststoffen  und  ermöglicht  durch  seine  chemische 
und  pharmakologische  Konstanz  exakte  Dosierung. 

Als  Indikationen  gelten  die  gleichen  wie  bei  allen 
Sckalepräparaten:  1 .  In  der  Geburtshilfe:  a)  prophy¬ 
laktisch  in  der  Nachgeburtszeit,  um  Blutungen  vorzubeugen,  so¬ 
wohl  bei  normalen  Geburten,  wie  ganz  besonders  bei  geburtshilf¬ 
lichen  Operationen  und  Zuständen,  bei  denen  erfahrungsgemäss  eine 
Atonia  uteri  zu  befürchten  ist  (Ermüdungswehenschwäche,  Zwillinge, 
Hydramnion,  Placenta  praevia,  Sectio  caesarea  und  Aborte,  besonders 
in  vorgeschrittenen  Schwangerschaftsmonaten).  Hierzu  verwendet 
man  in  der  Regel  die  Injektion  von  1  ccm  Clavipurin  in 
die  Oberschenkel  musku  lat  ur,  in  die  Portio  oder 
direkt  in  den  UterusmuskeL  Die  Injektion  kann  im  Bedarfs¬ 
fall  unbedenklich  öfters  wiederholt  werden.  Nach  jedem  unkompli¬ 
zierten  Abort  verordnet  man  zweckmässig  für  die  Dauer  von  3 — 4 
Tagen  3 mal  täglich  eine  Tablette  oder  35  Tropfen 
Clavipurinlösung  (mit  dem  beigegebenen  Tropfstäbchen  ge¬ 
messen)  d  e  r  o  s  zur  Beschleunigung  der  Rückbildung  der  Gebär¬ 
mutter.  b)  Therapeutisch  bei  Atonia  uteri  und  Spätblutungen 
im  Wochenbett:  Anwendung  wie  unter  a  oder  intravenös,  14 
bis  1  ccm  langsam  injiziert,  zur  Erzielung  beson¬ 
ders  schneller  und  intensiver  Wirkung.  Zur  Ver¬ 
längerung  der  Einwirkung  ist  nachfolgende  intra¬ 
muskuläre  I  n  i  e  k  t  i  o  n  der  gleichen  Menge  empfeh¬ 
lenswert.  Bei  Lochialstauung  oder  mangelhafter  Rückbildung  des 
Uterus  genügt  in  den  meisten  Fällen  die  Verabreichung  von  3  mal 
tätlich  einer  Tablette  oder  35  Tropfen  Clavipurin  per  os.  Die  dop¬ 
pelte  Dosis  wird  ebenfalls  ohne  Schaden  vertragen.  2.  In  der  Gy¬ 
näkologie:  Bei  gutartigen  Blutungen  (Cave!  Polypen,  submuköse 
Mvoine  und  Karzinome!)  und  nach  Ausschabungen  des  Uterus  emp¬ 
fiehlt  sich  interne  oder  intramuskuläre  Verabreichung  von  Clavipurin 
wie  oben  geschildert. 

Unangenehme  Nebenerscheinungen  wurden  bisher 
in  keinem  Fall  (auch  nicht  bei  intravenöser  Darreichung)  be¬ 
obachtet. 

Literatur. 

1.  Rot  hl  in:  Klin.  Wsclir.  1922  Nr.  46M7.  —  2.  Stoll:  Schweiz. 
Med.  Wschr.  1921  Nr.  23.  —  3.  Jaeeer:  M.m.W.  1913  Nr.  31;  D.m.W. 
1916  Nr.  7:  Zbl.  f.  Gvn.  1913  Nr.  37.  1919  Nr.  29.  1920  Nr.  43;  Arch.  f.  Ovn. 
1921,  114,  H.  3.  —  4.  Riib  samen:  M.m.W.  1921  Nr.  11.  —  5.  Spiro; 
Schweiz,  med.  Wschr.  1921  Nr.  23  u.  32.  - —  6.  Barger  und  Carr:  Chem. 
News.  1906.  94:  Journ.  of  the  Chem.  Soc.  1907,  91.  —  7.  Kraft:  Arch.  f. 
Pharm.  1906,  244  u.  1907,  245.  —  8.  Dale  und  Spiro.  Arch.  f.  exper. 
Path.  u.  Pharm.  1922,  95,  5./6.  Heft.  —  9.  Rübsamen:  Arch.  f.  Gyn.  112. 


Aus  dem  Städtischen  Tuberkulosekrankenhaus  Waldhaus 
Charlottenburg  in  Sommerfeld /Osthavelland. 
(Direktor:  Dr.  Ulrici.) 

Erfahrungen  mit  Ektebin. 

Von  Dr.  W.  Kremer,  Assistenzarzt. 

Gott  lieb  konnte  an  Schnitten  exstirpierter  Hautstückchen 
nachweisen,  dass  bei  Einreibung  mit  Moros  .Ektebin  (Salbe  mit  Zu¬ 
satz  von  Tuberkulin,  abgetöteten  Tuberkelbazillen  und  „kerato- 
lytischen  Substanzen“)  Tuberkelbazillen  in  die  tieferen  Hautschichten 
gebracht  werden  und  dort  zerfallen. 

M  o  r  o  schliesst  daraus,  dass  die  mit  Ektebin  eingeriebene  Haut¬ 
stelle  einem  tuberkulösen  Herde  entspricht;  er  nimmt  weiter  an,  dass 
durch  einen  solchen  künstlichen  Herd  anderweitige  tuberkulöse  Pro¬ 
zesse  günstig  beeinflusst  werden,  ohne  dass  es  zur  Herdreaktion 
kommt,  wie  man  häufig  günstigen  Verlauf  von  Lungentuberkulose 
sähe,  wenn  dieselbe  mit  Haut-  oder  Knochentuberkulose  kombiniert 
ist.  Mit  dem  Ektcbinverfahren  stellt  M  o  r  o  sich  somit  in  Gegensatz 
zu  Petruschky,  der  bei  Einreibungen  mit  seinem  Lincment  die 
Herdreaktion  zu  erreichen  strebt. 

Die  Erfahrungen  mit  Ektebin  aus  der  M  o  r  o  sehen  Klinik  Lauten 
fast  durchweg  günstig,  Herdreaktionen  wurden  unter  1000  Ein¬ 
reibungen  nicht  beobachtet.  Auch  von  anderer  Seite  werden  günstige 
Erfolge  berichtet:  doch  mehren  sich  in  letzter  Zeit  die  Stimmen,  die 
über  Herdreaktionen  berichten  (H  a  r  t  o  g,  Schellenberg,  Kers- 
s  e  n  b  o  o  m). 

Ich  prüfte  zunächst  die  mikroskopischen  Untersuchungen  von 
G  o  1 1 1  i  e  b  nach. 

Bei  Kindern,  die  in  der  von  Moro  angegebenen  Weise  nach 
vorheriger  Abreibung  mit  Benzin  mit  Ektebin  eingerieben  waren, 
wurden  nach  12,  18,  24  und  36  Stunden  kleine  Hautstückchen  ex- 
zidiert  und  diese  in  Serienschnitten  mikroskopisch  untersucht.  Die 
Schnitte  wurden  abwechselnd  nach  Z  i  e  h  I  und  Gram  gefärbt. 


Nr.  33. 


1092  MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Ich  fand  in  Uebereinstimmung  mit  G  o  1 1 1  i  e  b,  dass  nach 
18  Stunden  sich  im  Stratum  granulosum  zahlreiche  Ziehl-positive 
Stäbcheji  befanden,  ganz  vereinzelte  waren  auch  über  die  Basal¬ 
zellenschicht  hinaus  vorgedrungen.  Nach  24  Stunden  fanden  sich 
kaum  noch  Ziehl-positive  Stäbchen,  dafür  aber  zahlreiche  Gram¬ 
positive  Granula. 

Wenn  ich  so  die  Angaben  G  o  1 1 1  i  e  b  s,  dass  es  mit  der  Ektebin- 
einreibung  gelingt,  Tuberkelbazillen  in  die  tieferen  Hautschichten  zu 
bringen,  bestätigen  kann,  so  zeigten  die  Erfahrungen,  die  wir  bei 
der  Behandlung  mit  Ektebin  machten,  dass  das  Auftreten  einer  Heid- 
reaktion  nicht  ausgeschlossen  ist.  Neben  guten  Erfolgen  bei  skrofu¬ 
lösen  Augenentzündungen,  wie  sie  von  Hirsch  und  Schulz  auch 
von  Alttuberkulin  gerühmt  werden,  und  günstiger  Beeinflussung  bei 
einigen  Knochentuberkulosen,  sahen  wir  in  zwei  Fällen  Verschlimme¬ 
rungen,  die  nur  als  ein  Aufflackern  des  tuberkulösen  Prozesses  unter 
der  Ektibinbehandlung  aufgefasst  werden  können. 

Bei  Fall  1  handelt  es  sich  um  einen  12  jährigen  Jungen  mit  einer  seit 
6  Jahren  bestehenden  Fussgelenkstuberkulose.  Vergleichende  Röntgenbilder 
zeigten  ausgeheilte  Herde  im  Talus  und  Kalkaneus,  einen  frischen  Herd  in 
der  Tibia.  Entsprechend  diesen  Herden  fanden  sich  zu  beiden  Seiten  des 
Kalkaneus  und  Talus  seit  einem  Jahr  geschlossene  Fistelnarben;  an  beiden 
Knöcheln  waren  noch  sezernierende  Fisteln  vorhanden.  Nach  4  Ektebineinrei- 
bungen  brachen  die  Fisteln  am  Kalkaneus  wieder  auf. 

Bei  dem  2.  Fall  handelte  es  sich  um  eine  tuberkulöse  Kniegelenks¬ 
entzündung  mit  einem  grossen  Herde  im  Femur;  nach  einjähriger  konserva¬ 
tiver  Behandlung  war  der  Herd  gut  begrenzt,  das  Kniegelenk  gut  beweglich. 
Nach  3  Ektebineinreibungen  traten  starke  Schmerzen  im  Knie  auf,  so  dass 
Bewegung  kaum  noch  möglich  ist.  Das  Röntgenbild  zeigt  jetzt  den  Herd  ver¬ 
waschen,  den  umgebenden  Knochen  stärker  atrophisch. 

Bei  beiden  Kindern  wurde  in  Abständen  von  4  Wochen  ein¬ 
gerieben.  Eine  stärkere  Sonnenbestrahlung  oder  eine  sonstige  Be¬ 
handlung,  die  für  das  Aufflackern  des  Prozesses  hätte  verantwortlich 
gemacht  werden  können,  hatte  nicht  stattgefunden.  Die  Hautreaktion 
war  jedesmal  mittelstark.  Stärkere  Fiebersteigerungen  waren  nicht 
aufgetreten.  Aehnliche  Erscheinungen  sind  aus  der  Behandlung  mit 
Alttuberkulin  bekannt,  und  es  gelingt  demnach  sicher  mit  dem  Ektebin, 
auf  angenehme  Weise  eine  Tuberkulinwirkung  im  Körper  zu  er¬ 
zeugen,  im  Gegensatz  zu  den  Einreibungen  mit  Petruschkylinement, 
bei  welchen,  wie  Untersuchungen  von  Ulrici  gezeigt  haben,  die 
zwanzigfache  Dosis  ohne  jede  Herd-  und  Lokalreaktion  vertragen 
wird. 

Wenn  nun  auch  anzunehmen  ist,  dass  die  Reaktionen  bei  den 
beiden  Fällen  keine  ernstere  Bedeutung  haben,  so  dürfte  doch  ein 
analoges  Aufflackern  eines  Prozesses  in  der  Lunge  wenig  erwünscht 
sein. 

Literatur. 

1.  Falkenheim  und  Q  o  1 1 1  i  e  b:  M.m.W.  1922  Nr.  40.  —  2.  Q  o  1 1  - 
lieb  und  Heller:  M.m.W.  1923  Nr.  10.  —  3.  Gott  lieb:  M.m.W.  1922 
Nr.  13.  —  4.  Hartog:  M.m.W.  1923  Nr.  10.  —  5.  Hirsch:  B.k..W. 
1921  Nr.  21.  —  6.  Kerssenboom:  M.m.W.  1923  Nr.  22.  —  7.  Moro: 
M.m.W.  1922  Nr.  13.  —  8.  Moro:  M.m.W.  1922  Nr.  28.  —  9.  N  e  i  s  s: 
M.m.W.  1923  Nr.  4.  —  10.  Schellenberg:  M.m.W.  1923  Nr.  21.  — 
11.  Schulz:  Zschr.  f.  Tbk.  1922  H.  2.  —  12.  Ulrici:  Kl.W.  1923  Nr.  1. 


Beitrag  zum  fixen  urtikariellen  Salvarsanexanthem. 

Von  Dr.  H.  Mühlpfordt  in  Allenstein. 

Zu  den  seltenen  Salvarsanschädigungen  gehören  die  fixen  Sal- 
varsanexantheme.  Folgender  Fall  dieser  Art  erscheint  mir  mit¬ 
teil  enswert: 

Frieda  W.,  Arbeiterin,  19  Jahre,  kam  am  27.  1.  23  zu  mir  mit  den 
Erscheinungen  einer  floriden  Lues  II  (Angina  spec.,  Roseola,  Alopec.  spec., 
ausgedehnte  Papeln  ad  genitale).  Schmicrkur  mit  3  g  beginnend,  dann  mit 
4  g.  Die  erste  und  zweite  Neosalvarsaninjektion  je  0,3  g  am  2.  und  7.  II. 
wurden  von  der  kräftigen  Kranken  gut  vertragen. 

12.  II.  23.  Dritte  Injektion  Neosalvarsan  0,45.  Unmittelbar  nach  der 
Injektion  am  rechten  Arm  tritt,  zuerst  um  die  Einstichstelle  herum,  dann  rasch 
über  den  ganzen  Arm  sich  verbreitend,  ein  urtikarielles  Exanthem  auf,  das 
sich  nur  wenig  später  auch  am  linken  Arm  zeigt.  Nach  Angabe  der  Kranken 
besteht  es  2 — 3  Tage  und  juckt  etwas. 

17.  II.  Das  Exanthem  ist  verschwunden,  ohne  dass  deshalb  die  Schmier¬ 
kur,  bei  der  aus  äusseren  Gründen  die  Arme  nicht  eingeschmiert  wurden, 
unterbrochen  wurde.  Alb.:  — .  Kein  Fieber,  keine  Kopfschmerzen,  keine 
Störungen  von  seiten  des  Darms.  Luetische  Erscheinungen  bis  auf  einige 
Papelreste  am  Genitale  abgeheilt.  Keine  Urticaria  factitia!  Vierte  In¬ 
jektion  Neosalvarsan  0,45  in  die  rechte  Armbeuge.  Noch  während  der  In¬ 
jektion  tritt  dasselbe  typische  urtikarielle  Exanthem  um  die  Injektionsstelle 
herum  auf,  breitet  sich  rasch  weiter  über  den  rechten  Arm  aus  und  erscheint 
nach  ca.  5  Minuten  auch  auf  dem  linken  Arm,  besonders  in  der  linken  Arm¬ 
beuge.  Körper  frei.  Es  juckt  leicht  und  verschwindet  unter  Puder  in  den 
nächsten  Tagen. 

22.  II.  Exanthem  verschwunden,  keinerlei  Schuppung.  Fünfte  Injektion 
Neosalvarsan  0,45  wieder  in  die  rechte  Armbeuge.  Das  Exanthem  tritt  in  der 
geschilderten  Weise  erst  rechts,  dann  links  auf,  doch  diesmal  schwächer.  Es 
ist  nach  Angabe  der  Kranken  noch  am  gleichen  Tag  verschwunden. 

Genau  so  verläuft  der  Vorgang  am  28.  II.  bei  der  sechsten  Injektion 
Neosalvarsan  0,45.  Luetische  Erscheinungen  restlos  abgeheilt. 

Die  siebente  Injektion  0,45  am  5.  III.  ruft  das  gleiche  Phänomen  hervor, 
doch  ist  der  Ausschlag,  wie  ich  mich  überzeugen  konnte,  nach  \'A  Stunden 
verschwunden. 

10.  III.  Achte  (letzte)  Injektion  0,45:  Exanthem  nur  am  rechten  Injek¬ 
tionsarm  kurz  nach  der  Spritze  angedeutet,  nach  10  Minuten  verschwunden. 

Kranke  hat  im  ganzen  3,3  g  Neosalvarsan  +  138  g  Ung.  ein.  erhalten. 

16.  III.  WaR.:  — .  Befinden  jetzt  wie  auch  während  der  Kur  sehr  gut”). 


Frühere  Mitteilungen  ähnlicher  Fälle  (Fuchs  [l],  Schön-  i 
f  e  1  d  [2],  A.  Kraus  [3],  Frei  [4])  zeigen,  dass  die  fixen  Salvarsan-  i 
exantheme  erst  auftreten.  nachdem  mehrere  Einspritzungen  anstands¬ 
los  vertragen  wurden.  Auch  bei  meinem  Fall  zeigte  sich  das  Exan¬ 
them  bei  der  3.  Injektion  und  bei  Erhöhung  der  Dosis.  Im  Gegensatz 
zu  den  beiden  von  Fr.  S  t  e  r  n  [5]  beschriebenen  Fällen,  bei  denen  das  j 
Exanthem  sehr  hartnäckig  war,  fällt  bei  meiner  Kranken  das  rasche 
Abklingen  auf. 

Soll  man  nun  beim  Auftreten  fixer  Salvarsanexantheme  das  j 
Salvarsan  aussetzen?  Pinkus  [6]  rät  dazu,  Jadassohn  >j 
1 7]  hält  es  für  richtig,  vorsichtig  weiterzubehandeln,  da  diese  I 
Form  viel  harmloser  sei  als  die  Salvarsandermatitis.  Auch  ich  g 
bin  der  Ansicht,  dass  die  fixen  Exantheme  viel  weniger  mit  der  1 
prognostisch  immer  zweifelhaften  Dermatitis,  als  vielmehr  mit  dem  a 
angioncurotischcn  Symptomenkomplex  in  Parallele  zu  setzen  ist.  Da-  | 
für  spricht  auch  P  o  1 1  a  n  d  s  [8]  Fall,  bei  dem  neben  der  —  allerdings 
generalisierten  —  Urtikaria  der  angioneurotischc  Symptomen¬ 
komplex  auftrat. 

Ich  werde  also  in  ähnlichen  Fällen  stets  wieder  weiterbehandeln.  I 
da  mein  Fall  zeigt,  dass  der  Körper  sich  auch  an  die  niejit  ver-  j] 
kleinerte  Dosis  gewöhnt,  zumal  der  durch  Unterbrechung  der  Kur  h 
entstandene  Schaden  betreffs  Heilung  der  Lues  unverhältnismässig  jj 
viel  grösser  sein  würde  als  die  geringe  Gefahr  eines  fixen  Salvar-  jj 
sanexanthems. 

Wie  beim  angioneurotischen  Symptomenkomplex,  wäre  lediglich  11 
das  Salvarsan  in  mehr  Aq.  dest.  (10  ccm  -  Spritze!)  zu  lösen,  be-  ji 
sonders  langsam  zu  injizieren  und  gegebenenfalls  Adrenalin  zu  ver-  H 
abfolgen. 

Literatur. 

1.  D.  Fuchs:  Fixe  Salvarsanexantheme.  D.m.W.  1919  Nr.  46.  —  | 

2.  W.  Schön  fei  d:  Fixe  Salvarsanexantheme.  D.m.W.  1920  Nr.  1.  —  I 

3.  A.  Kraus:  Fixes  Salvarsanexanthem.  D.m.W.  1920  Nr.  33.  —  4.  Frei:  I 
Fixes  Salvarsanexanthem,  auch  an  unspezifisch  gereizten  Hautstellen.  Schles.  I 
Dcrm.  Ges.  Breslau,  Sitzung  v.  6.  V.  22,  zit.  nach  Zbl.  f.  Haut-  u.  Geschl.-  I 
Kr'kh.  1922,  6,  H.  2.  —  5.  Fr.  Stern:  Zur  Kasuistik  der  fixen  Salvarsan- 
exantheme.  B.kl.W.  1921  Nr.  32.  —  6.  F.  Pinkus:  Die  Behandlung  mit  I 
Salvarsan.  Berlin  1920.  —  7.  Jadassohn:  Diskussionsbemerkung  z.  d.  I 
Vortr.  v.  Frei  (4.).  — 8.  R.  Polland:  Salvarsanurtikaria  und  angio-  I 
neurotischer  Symptomenkomplex.  Derm.  Zschr.  1922,  36,  H.  5. 

— 

Für  die  Praxis. 

Ueber  die  gewöhnlichen  Fehler  bei  der  allgemeinen 

Narkose. 

Von  A.  Krecke  in  München. 

* 

Wenn  ein  neuer  Medizinalpraktikant  in  meine  Anstalt  eintritt,  so  | 
ist  in  der  Regel  meine  erste  Frage:  „Haben  Sie  schon  einmal  eine  I 
Narkose  gemacht?“  In  der  Mehrzahl  der  Fälle  lautet  die  Antwort:  I 
Nein.  Anfangs  war  ich  über  diese  Antwort  immer  etwas  erschüttert,  1 
mit  der  Zeit  gewöhnt  man  sich  aber  an  alles,  und  so  gehe  ich  jetzt  im  t 
allgemeinen  von  der  Erwartung  aus,  dass  ein  neuer  Medizinalprakti-  j 
kant  —  rühmliche  Ausnahmen  gibt  es  überall  —  von  der  Narkose  I 
nichts  versteht,  d.  h.  in  der  Kunst  der  Narkose  in  der  Zeit  seines  Stu¬ 
diums  nicht  ausgebildet  worden  ist.  So  sehr  ich  mich  an  diese  Tat-  j 
Sache  gewöhnt  habe,  so  sehr  muss  ich  bedauern,  dass  in  der  langen  j 
Zeit  des  Studiums  der  junge  Mediziner  keine  Gelegen- 1 
heit  findet,  eine  der  wichtigsten  (medizinischen! 
Künste,  die  Allgemeinnarkose,  zu  erlernen.  Der  Medi-  |j 
zinalpraktikant  steht  so  der  ersten  Narkose,  die  er  selbständig  leiten  ii 
soll,  ratlos  gegenüber,  führt  bei  jedem  kleinen  Zwischenfall  völlig  un- 1 
geeignete  Handgriffe  aus  oder  übersieht  gar  die  schwersten  bedroh-  9 
liehen  Zufälle  vollkommen. 

Auch  die  Praktiker  verfügen  vielfach  nicht  über  die  Kenntnisse  [j 
und  Erfahrungen,  die  zu  einer  sicheren  Ausführung  einer  Narkose  i( 
notwendig  sind.  Zur  Erklärung  dieser  Tatsache  müssen  wohl  ver- 1 
schiedene  Punkte  herangezogen  werden.  Einmal  der  obenerwähnte  u 
Missstand,  dass  auf  der  Universität  der  junge  Mediziner  so  wenig  ii 
Gelegenheit  findet,  sich  in  der  Kunst  der  Narkose  auszubilden.  Hinzu  ii 
kommt  weiter,  dass  von  seiten  der  Mediziner  überhaupt  der  Narkose:] 
nicht  die  Bedeutung  beigemessen  wird,  die  sie  unbedingt  verdient,  u 
Eine  Appendixoperation,  eine  Hernienoperation  ausführen  lernt  jeder  j 
Mediziner  mit  Leichtigkeit.  Eine  ruhige  und  sichere  Narkose  herbei-  i 
führen  ist  aber  eine  viel  schwierigere  Aufgabe,  die  den  meisten  erst  jj 
nach  langen  bösen  Erfahrungen  gelingt.  Der  Durchschnittsmediziner 
bringt  für  die  Narkose  viel  zu  wenig  Interesse  auf.  Ihm  ist  es  viel 
wichtiger  und  unterhaltender,  sich  an  der  Wunde  zuschauender-  oder  . 
assistierenderweise  zu  betätigen,  als  den  Kranken  in  Schlaf  zu  ver-  n 
setzen:  er  schaut  mehr  auf  das  Operationsgebiet  als  auf  das  Gesicht 
des  ihm  anvertrauten  Kranken. 

Eine  einigertnassen  geübte  Krankenschwester  macht  im  allge-  ; 
meinen  weit  bessere  Narkosen  wie  der  junge  Mediziner.  Es  ist  zu¬ 
zugeben,  dass  die  Schwester  in  dem  langen  Anstaltsdienst  viel  mehr 
Uebung  gewonnen  hat.  Sicher  ist  aber  auch,  dass  eine  mit  der  Nar¬ 
kose  betraute  Schwester  ihre  ganze  Aufmerksamkeit  der  Betäubung 


*)  Nachtrag  bei  der  Korrektur:  Bei  der  2.  Kur  —  kein  Hg,  8  mal 
Neosalv.  0,45  —  trat  das  Exanthem  nicht  auf.  WaR.  vor  und  nach  der 
I  Kur:  — ,  Befinden  vorzüglich. 


J.  August  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1093 


iwendet  und  sicli  um  alles  andere,  was  um  sie  herum  vorgeht,  nicht 
limmert.  Die  Narkose  verlangt  die  vollkommene  Aufmerksamkeit 
es  mit  ihr  betrauten  Gehilfen. 

Der  junge  und  auch  der  ältere  Arzt  soll  sich  immer  wieder  in  der 
niist  der  Narkose  üben.  Auch  als  ältere  Assistenten  haben  meine 
ollegen  und  ich  stets  darauf  gehalten,  von  Zeit  zu  Zeit  selbst  Nar- 
iscn  auszuführen,  um  nicht  aus  der  Uebung  zu  kommen  und  die 
itige  Sicherheit  beim  Narkotisieren  nicht  zu  verlieren. 

Ein  Anstaltsleiter  schwankt  immer  zwischen  zwei  Aufgaben  hin 
id  her.  Auf  der  einen  Seite  soll  er  dafür  sorgen,  dass  die  Betäubung 
iner  Kranken  in  bester  Weise  vorgenommen  wird,  auf  der  anderen 
eite  soll  er  die  bei  ihm  zur  Ausbildung  eingetretenen  Praktikanten 
id  Assistenten  in  der  chirurgischen  Technik  und  vor  allem  auch  in 
er  Narkose  ausbilden.  Würde  er  die  Ausbildung  der  jungen  Medi- 
ner  vernachlässigen  und  würde  er  allein  von  dem  Standpunkt  aus 
indcln.  dass  eine  Narkose  nur  von  dem  ausgeführt  werden  darf,  der 
»rin  die  nötige  Erfahrung  hat,  so  wäre  es  am  einfachsten,  berufs- 
iissige  Narkotiseure  und  Narkotiseurinnen  anzustellen.  Bekanntlich 
t  in  sehr  vielen  Anstalten  die  Narkose  beständig  einer  bestimmten 
chwester  anvertraut,  und  in  England  und  in  Amerika  besteht  die 
inrichtung  der  berufsmässigen  Narkotiseure.  Man  hat 
ich  in  Deutschland  der  Einrichtung  dieser  neuen  Facharztgruppe  das 
'ort  geredet.  Es  wäre  aber  doch  zu  bedauern,  wenn  es  in  Deutsch- 
nd  zur  Einführung  dieser  Einrichtung  kommen  würde.  Die  Narkose 
t  eine  ärztliche  Massnahme,  die  von  jedem  Arzt  unter  den  schwie¬ 
gen  Verhältnissen  der  Landpraxis  an  jedem  Ort  und  zu  jeder  Zeit 
ltweder  von  ihm  allein,  oder  unter  Beiziehung  einer  Hilfskraft  vor- 
mommen  werden  muss.  Wie  soll  der  Arzt  eine  Schulterluxation 
nrichten,  wie  soll  er  bei  einem  schreienden  Kinde  eine  Bruch- 
)eration  vornehmen,  wie  soll  er  eine  Wendung  ausführen,  wenn  er 
cht  eine  gute  tiefe  Narkose  einzuleiten  imstande  ist?  Der  Arzt  muss 
lher,  bevor  er  in  die  Praxis  hinausgeht,  sich  die  nötige  Sicherheit 
der  Ausübung  der  Narkose  angeeignet  haben.  Ich  habe  es  immer 
r  meine  vornehmste  Pflicht  gehalten,  die  jungen  Mediziner,  die  zur 
usbildung  zu  mir  kommen,  gerade  in  der  Kunst  der  Narkose  gut 
iszubilden,  so  dass  sie,  wenn  sie  allein  auf  sich  selbst  angewiesen 
nd.  diesen  Teil  der  ärztlichen  Tätigkeit  vollständig  beherrschen, 
an  dem  Standpunkt  aus,  die  Narkose  in  der  Praxis  jederzeit  vor- 
:hmen  zu  können,  habe  ich  auch  im  allgemeinen  auf  die  sonst  so 
irtrefflichen  Hilfsapparate  (Roth-Dräger,  Braun)  verzichtet 
id  halte  darauf,  dass  die  Narkose  mit  den  allergewöhnlichsten  und 
nfachsten  Hilfsmitteln  vorgenommen  wird. 

Eine  ausführliche  Anleitung  für  die  Ausführung  der  Narkose  lässt 
:h  selbstverständlich  nicht  in  kurzen  Worten  geben.  Wollte  man 
les,  was  von  Wichtigkeit  ist,  zusammenfassen,  so  müsste  man  viele, 
eie  Seiten  schreiben;  wohl  aber  scheint  es  mir  möglich,  auf  gewisse 
■hier,  die  bei  der  allgemeinen  Narkose  begangen  werden,  mit  bc- 
nderem  Nachdruck  hinzuweisen. 

Eine  Tatsache,  die  mir  immer  wieder  auffällt,  ist  die,  dass  mancue 
;rzte  mit  sehr  geringen  Mengen  Aether  auskommen,  wäh- 
nd  andere  ganz  unglaubliche  Mengen  davon  verbrauchen.  Sicher 
•gt  die  Ursache  dafür  vielfach  darin,  dass  die  Vielverbraucher  riiek- 
;htslos  immer  wieder  Aether  aufschtitten  und  nicht  in  der  Lage 
id,  an  dem  Narkosemittel  zu  sparen.  Manche  können  aber  auch 
i  dem  besten  Willen  nicht  mit  geringen  Mitteln  auskommen.  Das 
meines  Erachtens  zum  Teil  dadurch  bedingt,  dass  der  Narkotiseur 
:ht  fähig  ist,  ein  persönliches  Vertrauensverhältnis 
rächen  sich  und  dem  Kranken  herzustellen.  Wie  geht  es  denn  in 
r  Regel  bei  der  Narkose  zu?  Der  Kranke  liegt  zur  Operation  vor¬ 
reitet  auf  dem  Tisch,  und  der  mit  der  Narkose  betraute  Arzt  tritt 
nzu,  legt  die  Maske  auf  und  schüttet  den  Aether  auf.  Man  muss  sicii 
ir  in  die  seelische  Stimmung  eines  Kranken,  der  operiert  wird, 
aeinversetzen,  um  zu  verstehen,  welche  Erregung  seinen  Körper 
>r  dem  Eintreten  der  Narkose  durchzittert.  Diese  Erregung  stei- 
rt  sich  in  der  Regel  unter  den  ersten  Einwirkungen  des  Narkose¬ 
ittels  und  verzögert  den  Eintritt  des  Erschlaffungsstadiums  ganz 
deutend.  Wie  ganz  anders  ist  es,  wenn  der  Arzt  an  den  Kranken 
rantritt,  ihm  einige  ruhige  Worte  sagt,  ihn  auf  die  Ungefährlich- 
it  der  Operation  hinweist  und  ihm  versichert,  dass  er  bestimmt  in 
rzer  Zeit  tief  einschlafen  werde. 

Man  hat  oft  von  der  Operation  in  Hypnose  gesprochen,  und 
ist  kein  Zweifel,  dass  sich  vjele  Operationen  in  Hypnose  vornehmen 
■isen.  Eine  gewisse  hypnotische  Wirkung  sollte  auch  bei  jeder  mit 
emlschen  Mitteln  vorgenommenen  Narkose  entfaltet  werden.  Es  ist 
r  kein  Zweifel,  dass  derjenige,  welcher  seine  Kranken  suggestiv  zu 
einflussen  vermag,  weniger  von  dem  Narkosemittel  verbraucht  als 
rjenige,  welcher  sich  um  den  Seelenzustand  seines  Kranken  in 
inerWeise  kümmert.  Der  beste  Narkotiseur  ist  derjenige,  welcher 
ien  persönlichen  Kontakt  zwischen  sich  und  dem  Kranken 
rzustellen  vermag,  und  ich  glaube  gewiss,  dass  darauf  der  Ruf  so 
inchen  Arztes  als  eines  guten  Narkotiseurs  beruht. 

In  München  kannte  ich  einen  Kollegen,  der  als  Arzt  in  keiner  Weise 
■vas  Bedeutendes  leistete,  der  es  aber  verstand,  mit  den  geringsten  Mengen 
ther  ganz  ausgezeichnete  Narkosen  herbeizuführen.  Sicherlich  war  er 
1  solcher  Arzt,  der  seine  Kranken  gut  zu  beeinflussen  verstand,  der  allerdings 
-h  mit  allen  seinen  Sinnen  bei  der  Narkose  dabei  war  und  sich  um  den 
’crationsverlauf  sonst  in  keiner  Weise  kümmerte. 

Dass  die  Narkose  —  ausser  in  zwingenden  Fällen  —  nicht  im 
Jerationssaal  eingeleitet  werden  soll,  ist  selbstverständlich.  Ein 
anker,  der  um  sich  herum  die  zur  Operation  notwendigen  Vor¬ 


bereitungen  sehen  muss,  wird  sicherlich  weit  schwieriger  in  den 
Schlafzustand  kommen,  als  derjenige,  der  von  all  diesen  Dingen  nichts 
bemerkt.  Die  Narkose  soll  darum  unbedingt  in  einem  Neben  rau  m 
des  Operationssaales  vorgenommen  werden. 

Auch  soll  im  Narkosenraum  vollständige  Ruhe  herrschen. 
Wie  oft  muss  man  es  erleben,  dass  sich  zwei  Aerzte  während  der 
Einleitung  der  Narkose  über  irgendwelche  gleichgültige  Dinge  unter¬ 
halten.  Abgesehen  davon,  dass  der  Kranke  in  dieser  Unterhaltung 
eine  grobe  Vernachlässigung  der  von  ihm  mit  Recht  verlangten  Sorg¬ 
falt  erblicken  muss,  wird  es  ihn  auch  seelisch  erregen  und  den  Eintritt 
der  Narkose  verzögern.  Dass  der  Kranke  durch  entsprechende  nar¬ 
kotische  Mittel  (Veronal,  Morphium)  für  die  Operation  vorbereitet 
sein  muss,  ist  allbekannt  und  braucht  nicht  besonders  erwähnt  zu 
werden. 

Dass  der  Arzt,  der  eine  Narkose  unternimmt,  sich  vorher,  wie  vor  jeder 
anderen  chirurgischen  Massnahme,  die  Hände  reinigen  muss,  soll, 
so  selbstverständlich  es  ist,  auch  hervorgehoben  werden.  Ich  habe  es  wieder¬ 
holt  von  sehr  empfindlichen  Damen  aussprechen  hören,  wie  unangenehm  es 
ihnen  war,  wenn  sie  bei  der  »Einleitung  der  Narkose  den  an  den  Händen  des 
Arztes  haftenden  Tabakduft  einzuatmen  hatten. 

Die  zur  Narkose  nötigen  Instrumente  müssen  jederzeit 
bereitliegen.  Wieviele  Aerzte  sieht  man  an  die  Narkose  herangehen, 
ohne  dass  sie  sich  Stieltupfer,  Mundkeil,  Zungenzange  bereitlegen. 
Plötzlich  tritt  eine  schwere  Zyanose  ein;  erschrocken  schaut  der  Arzt 
sich  um,  findet  natürlich  keine  Instrumente  bereit.  Bis  glücklich  von 
einem  anderen  Gehilfen  das  Nötige  herbeigeschafft  ist,  vergehen  qual¬ 
volle  Sekunden  und  Minuten.  In  den  Anstalten  ist  es  in  der  Regel  die 
Aufgabe  der  Schwester,  alle  Instrumente  bereitzustellen.  Dadurch 
werden  die  jungen  Aerzte  verführt,  sich  um  diese  Vorbereitungen 
gar  nicht  zu  kümmern.  Jeder,  der  eine  Narkose  übernimmt,  hat  die 
Pflicht,  sich  alle  Hilfsmittel,  die  bei  Zwischenfällen  benötigt  werden, 
zurechtzulegen. 

Dass  eine  Narkose  nur  bei  leerem  Magen  vorgenommen 
werden  soll,  ist  selbstverständlich.  Bei  plötzlich  notwendig  werden¬ 
den  Operationen  (Bauchverletzung  bei  vollem  Magen  und  ähnl.)  ist 
der  Magen  vorher  auszuspülen.  In  jedem  Fall  von  Darmver¬ 
schluss  soll  der  Operation  eine  Magenspülung  vorangehen.  Die 
Aspiration  des  während  der  Operation  erbrochenen  Darminhaltes  hat 
schon  wiederholt  zu  Pneumonien  geführt. 

Künstliche  Zähne  sind  vor  der  Narkose  herauszunehmeir 
Das  weiss  ein  jeder,  und  doch  wird  es  immer  wieder  vergessen.  Bei 
empfindsamen  Damen  sagt  der  kluge  Arzt  nicht:  „Haben  Sie  künst¬ 
liche  Zähne?“,  sondern  er  lässt  den  Mund  öffnen  und  sieht  selbst 
nach.  Findet  er  ein  künstliches  Gebiss,  so  verschwindet  er  für  eine 
Minute  und  lässt  durch  die  Schwester  den  Zahnersatz  entfernen. 

Mit  welchen  Mitteln  die  Narkose  durchgeführt  werden  soll,  dar¬ 
über  soll  hier  eine  Erörterung  nicht  stattfinden.  Kurz  hervorheben 
darf  ich  nur,  dass  das  einzige  Mittel,  das  jeden  gefährlichen 
Zwischenfall  bei  der  Narkose  ausschliesst,  der  Aether  ist.  Grund¬ 
sätzlich  soll  daher  zur  Narkose  kein  anderes  Mittel  als  der  Aether 
Verwendung  finden.  Chloroform  darf  niemals,  ausser  auf  besondere 
Anordnung  des  Operateurs,  gebraucht  werden.  Auch  das  im  Kriege 
zu  einer  gewissen  Berühmtheit  gelangte  Choräthyl  ist  als  viel  zu 
gefährlich  von  der  Verwendung  bei  der  Narkose  auszuschliessen.  Der 
kurze  Chloräthylrausch  lässt  sich  in  bester  Weise  durch  den  Aether- 
rausch  ersetzen. 

Die  Kunst  des  Aetherrausches  ist  eine  so  wichtige,  dass  sie 
ganz  besonders  von  jedem  jungen  Mediziner  geübt  werden  muss. 
Dass  mit  der  Einleitung  des  Aetherrausches  nicht  eher  begonnen  wer¬ 
den  darf,  als  bis  alles  zur  Narkose  hergerichtet  ist,  ist  .selbstverständ¬ 
lich.  Die  Operationsstelle  muss  abgedeckt  sein,  Operateur  und  Ge¬ 
hilfen  stehen  fertigdesinfiziert  bereit. 

Zur  Einleitung  des  Aetherrausches  bediene  ich  mich  trotz  aller 
gegenteiligen  Empfehlungen  am  iiebsten  der  J  u  1 1  i  a  r  d  sehen  Maske. 
Ich  muss  gestehen,  dass  ich  mit  der  gewöhnlichen  E  s  m  a  r  c  h  sehen 
Maske  nie  so  gut  zurecht  gekommen  bin.  Auch  bei  dem  Aetherrausch 
muss  der  Narkotiseur  sich  vor  allen  Dingen  mit  seinem  Kranken  in 
einen  gewissen  seelischen  Kontakt  setzen,  ihm  freundlich  Zureden 
und  ihm  die  Harmlosigkeit  des  Eingriffs  klarmachen.  Man  fordert 
den  Kranken  auf,  langsam  zu  zählen  und  nähert  erst  dann,  wenn  er 
ruhig  zählt,  die  mit  10 — 20  g  Aether  beschickte  Maske  langsam  dem 
Gesicht.  Diese  grosse  Aethermenge  ist  dem  Kranken  in  der  Regel 
sehr  unangenehm;  er  macht  Abwehrbewegungen  und  atmet  nicht. 
Nichts  ist  unsinniger,  als  jetzt  mit  Gewalt  die  Narkose  erzwingen  zu 
wollen.  Die  Regel  heisst:  Maske  noch  einmal  wegnehmen  und  kurze 
Zeit  frische  Luft  einatmen  lassen,  danach  wiederum  Maske  dem  Ge¬ 
sicht  nähern. 

In  der  Regel  genügen  10 — 20  g  Aether.  Nur  wenn  nach  3  Minuten 
der  Rausch  nicht  eintritt,  soll  man  noch  einmal  10  g  nachgiessen.  Beim 
Nachgiessen  des  Aethers  darf  die  Maske  nur  ganz  kurze  Zeit  gelüftet 
werden.  Dazu  muss  die  geöffnete  Aetherflasche  mit  der  rechten 
Hand  bereitgehalten  werden.  Die  linke  Hand  legt  die  Maske  um,  und 
die  rechte  giesst  schnell  etwas  Aether  hinein. 

Dass  der  Narkotiseur  über  den  Stand  der  Narkose  und 
über  das  Befinden  seines  Kranken  stets  unterrichtet  sein  muss,  ist 
eine  selbstverständliche  Forderung.  Erfüllen  kann  dieselbe  nur  der¬ 
jenige,  der  ständig  auf  Puls,  Atmung,  Pupillen,  Gesichtsfarbe,  Muskel- 
spannung  achtet.  Wie  der  Steuermann  Kurs  und  Geschwindigkeit 
seines  Schiffes  stets  anzugeben  in  der  Lage  sein  muss,  so  muss  der 
Narkotiseur  in  jedem  Augenblick  Auskunft  über  das  Befinden  seines 


1094 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  33. 


Kranken  erstatten  können.  Wie  oft  erlebt  man  das  Gegenteil!  Auf 
die  Frage:  „Wie  ist  der  Puls?“  erfolgt  ein  hastiger  Griff  nach  der 
Radialis.  Auf  die  Frage:  „Wie  sind  die  Pupillen?“  werden  die  Lider 
schnell  auseinandergezerrt.  Der  gute  Narkotiseur  prüft  ständig  ohne 
Hast  und  Unruhe  das  Verhalten  von  Puls  und  Pupille;  alsdann  wird 
er  nie  durch  einen  Zwischenfall  überrascht  werden  und  wird  stets 
wissen,  ob  er  mehr  Aether  aufgiessen  soll,  oder  ob  er  eine  Unter¬ 
brechung  der  Aetherzufuhr  eintreten  lassen  kann. 

Als  ein  höchst  unzweckmässiges  Verfahren  zur  Bestimmung  der 
Narkose  muss  die  Prüfung  des  Hornhautreflexes  be¬ 
zeichnet  werden.  Man  kann  Narkotiseure  sehen,  die  in  Zwischen¬ 
räumen  von  einer  Minute  und  weniger  die  Lider  auseinander  zerren 
und  die  Hornhaut  mit  dem  Zeigefinger  betupfen.  Abgesehen  davon, 
dass  dieses  Verfahren  in  keiner  Weise  zuverlässige  Resultate  ergibt, 
ist  es  auch  geeignet,  die  wertvolle  Kornea  in  unangenehmster  Weise 
zu  schädigen.  Bei  uns  ist  das  Betupfen  der  Kornea  verboten.  Zur 
Beurteilung  der  Narkosentiefe  sind  die  obengenannten  Zeichen  durch¬ 
aus  genügend.  Als  beste  müssen  die  Pupillenreaktion  und  die  Muskel¬ 
spannung  bezeichnet  werden,  die  leidet  viel  zu  wenig  geprüft 
werden.  In  der  tiefen  Narkose  soll  die  Pupille  eng  sein,  aber  auf  Licht 
noch  gut  reagieren.  Auf  diesem  Stande  der  Pupille  muss  die  Narkose 
erhalten  werden.  Zur  Prüfung  der  Muskelspannung  sind  leichte  Beuge- 
und  Streckbewegungen  an  einem  Arm  in  der  Regel  genügend.  Nur 
im  Ausnahmefall  kann  es  erlaubt  werden,  die  Haut  mit  einer  Pinzette 
leicht  zu  zwicken;  das  ist  immer  noch  harmloser  als  ein  Betupfen 
der  Hornhaut. 

Die  Haut  ist  der  empfindlichste  Teil  des  Menschen  und  darum 
muss  bei  der  Durchtrennung  der  Haut,  d.  h.  im  ersten  Augenblick 
der  Operation,  die  Narkose  am  tiefsten  sein.  Statt  dessen  erlebt  man 
nur  zu  oft  im  Anfang  der  Operation  eine  ungenügende  Tiefe  der  Nar¬ 
kose:  Der  Kranke  macht  eine  hastige  Abwehrbewegung,  fährt  mit 
der  Hand  ans  Operationsgebiet,  reisst  die  Tücher  weg,  macht  die 
Asepsis  zunichte  und  bringt  einen  temperamentvollen  Operateur  in 
eine  mehr  oder  weniger  heftige  Erregung.  Bei  einem  guten  Nar¬ 
kotiseur  darf  so  etwas  nicht  Vorkommen. 

Nach  dem  Hautschnitt  darf  die  Tiefe  der  Narkose  in  der  Regel 
nachlassen.  Das  gilt  besonders  für  manche  Laparotomien.  Bei 
manchen  Magen-  und  Darmresektionen  kann  man,  sobald  die  Bauch¬ 
höhle  eröffnet  ist,  und  die  Organe  zur  Resektion  freigelegt  sind,  die 
Aetherisierung  vollständig  aussetzen.  Da  die  viszerale  Serosa  bei 
den  meisten  Menschen  unempfindlich  ist,  so  kann  man  in  solchen 
Fällen  viel  Aether  sparen.  Zur  Verhütung  der  postoperativen  Pneu¬ 
monien  ist  das  sicher  von  Vorteil. 

Für  die  Bauchdecken  naht  muss  dagegen  die  Narkose 
wieder  tiefer  werden.  Bei  einem  unerfahrenen  Narkotiseur 
geschieht  es  nur  zu  oft,  dass  bei  der  Naht  des  parietalen  Peritoneums 
der  Kranke  anfängt  zu  spannen  und  so  die  Naht  ausserordentlich 
erschwert.  Ein  vorsichtiger  Narkotiseur  wird  schon  einige  Zeit  vor 
Beginn  der  Bauchdeckennaht  die  Narkose  wieder  tiefer  werden 
lassen. 

Die  Asphyxien  mit  plötzlichem  Aussetzen  des  Pulses,  maxi¬ 
maler  Erweiterung  der  Pupillen  und  leichenartiger  Verfärbung  des 
Gesichtes,  wie  sie  bei  der  Chloroformnarkose  nur  zu  häufig  und  jedem 
Chirurgen  in  furchtbarster  Erinnerung  sind,  kommen  bei  der  Aether- 
narkose  nicht  vor.  Dadurch  ist  die  Aethernarkose  der  Chloroform¬ 
narkose  so  bedeutend  überlegen,  und  der  Operateur  kann  sich  weit 
unbesorgter  der  Arbeit  an  der  Wunde  widmen.  Derjenige  Nar¬ 
kotiseur  würde  aber  schlecht  beraten  sein,  der  nun  ohne  die  nötige 
Sorgfalt  und  Aufmerksamkeit  an  die  Narkose  herangehen  würde.  Nar¬ 
kosenzwischenfälle  kommen  auch  in  der  Aethernarkose  genügend  vor 
und  verlangen  die  vollständige  Umsicht  des  mit  der  Narkose  be¬ 
trauten  Arztes. 

Die  Zwischenfälle  der  Aethernarkose  betreffen  in  der  Regel  die 
Atmung  und  sind  fast  ausschliesslich  dadurch  bedingt,  dass  in  der 
tiefen  Narkose  die  Zunge  mit  dem  Unterkiefer  zurücksinkt  und  den 
Atmungsweg  im  Rachenraum  verlegt.  Bei  einem  sorgfältigen  Nar¬ 
kotiseur  wird  solch  ein  Zwischenfall  nicht  Vorkommen.  Wie  oft  aber 
trifft  man  einen  sorglosen  oder  unfähigen  Narkotiseur,  der  die 
Atmungsstörung  nicht  merkt.  Er  hört  nicht  das  Rasseln  und  er  sieht 
nicht  die  Zyanose.  Der  Operateur  sieht  an  dem  schwarzen  Blut,  dass 
etwas  nicht  in  Ordnung  ist;  er  schaut  nach  und  findet  Gesicht  und 
Lippen  des  Kranken  zwetschgenblau  verfärbt.  Da§,  is*  der  höchste 
Grad  der  Unwissenheit  und  Gleichgültigkeit.  Einem  Narkotiseur,  bei 
dem  so  etwas  vorkommt,  darf  kein  Kranker  anvertraut  werden,  bis 
er  einen  Beweis  seiner  Besserung  erbracht  hat. 

Der  andere  unerfahrene  Narkotiseur  sieht  die  Zyanose  und  ver¬ 
sucht,  die  Zunge  und  den  Kiefer  nach  vorn  zu  bringen,  verwendet  alle 
in  der  Mehrzahl  der  Fälle  durchaus  ungeeigneten  Handgriffe.  Er  legt 
den  Zeigefinger  an  den  Kieferwinkel  und  die  Daumen  auf  das  Mittel¬ 
stück  des  Unterkiefers,  arbeitet  krampfhaft  an  dem  Unterkiefer  her¬ 
um,  kommt  aber  in  keiner  Weise  zum  Ziel.  Der  Kranke  bleibt  blau. 
Also  Zunge  heraus!  Es  vergehen  qualvolle  Sekunden,  bis  glücklich 
die  krampfhaft  aufeinandergepressten  Zahnreihen  auseinander¬ 
gebracht  sind,  und  nun  liegt  die  Zunge  ganz  hinten,  für  die  Zange 
schwer  erreichbar.  Unruhig  fährt  der  Narkotiseur  in  die  Mundhöhle 
hinein,  ohne  die  Zunge  zu  erreichen.  Mittlerweile  presst  der  Kranke 
den  Unterkiefer  wieder  zu.  Der  Versuch  wird  wiederholt,  und  nach 
vie'en  qualvollen  Sekunden  ist  endlich  die  Spitze  der  Zunge  erfasst 
und  die  Zunge  vorgeholt;  die  Zyanose  hört  auf. 

So  darf  es  nicht  gemacht  werden!  Ein  guter  Narkotiseur  merkt 
an  der  leichten  blauen  Färbung  des  Gesichts  oder  an  der  ras¬ 


selnden  Atmung,  dass  der  Luftweg  nicht  frei  ist.  Sofort  trifft  er  scint 
Gegenmassregeln  und  schiebt  den  Unterkiefer  ruhig  und  gleichmässip 
nach  vorn.  Dazu  legt  er  die  Daumen  auf  die  Schläfe  und  die  Stirn 
und  die  flache  Hand  auf  das  Ohr,  so  dass  die  Spitze  der  Zeigetingei 
an  den  Kieferwinkeln  liegt.  Durch  einen  allmählich  gesteigertei 
Druck  der  Zeigefinger  wird  der  Kiefer  langsam  nach  vorn  geschoben 
Dass  der  Unterkiefer  nach  vorn  gebracht  worden  ist,  merkt  mai 
daran,  dass  die  untere  Zahnreihe  vor  der  oberen  steht  Leider  sieh 
man  noch  immer  manchen  Narkotiseur,  der  von  vorn  her  den  Daume; 
auf  das  Mittelstück  des  Unterkiefers  legt  und  mit  dem  hakenförtnh 
gekrümmten  Zeigefinger  den  Kiefer  vorzuziehen  sucht:  Er  macht  s( 
gewöhnlich  die  Sache  noch  schlimmer  und  bringt  den  Unterkiefei 
noch  mehr  nach  hinten. 

Wenn  trotz  dieser  richtig  angewendeten  Handgriffe  die  Zyanost 
nicht  verschwindet,  so  muss  der  Mund  geöffnet,  der  Rachen  ausge¬ 
wischt  und  die  Zunge  vorgezogen  werden.  Das  Mundöffnen  wird  an 
besten  mit  dem  alten  guten  Holzkeil  vorgenommen,  der  in  scho¬ 
nender  Weise  zwischen  die  Zahnreihe  eingeschoben  werden  kann 
Man  geht  mit  der  Zange  ruhig  in  die  Mundhöhle  hinein,  fasst  di« 
Zunge  breit  und  zieht  sie  vor.  Fasst  man  die  Zunge  nur  an  de 
Spitze,  so  gleitet  die  Zange  gleich  ab,  und  der  Handgriff  muss  wieder 
holt  werden.  Auch  verursacht  eine  nur  an  der  Spitze  gefasste  Zunge 
später  die  heftigsten  Schmerzen,  wie  überhaupt  das  Quetschen  de- 
Zunge  durch  die  Zange  dem  Kranken  später  recht  unangenehme  Be 
schwcrden  verursacht. 

Als  Zange  hat  sich  am  besten  eine  Ringzange  bewährt  mi 
guter  Sperrvorrichtung,  in  der  die  Zunge  sicher  liegt.  Der  Narkotiseu 
muss  die  Zange  vor  Beginn  der  Narkose  prüfen  und  an  seinen 
eigenen  Finger  ausprobieren,  wie  er  sie  anzulegen  hat.  Jeder  Studie 
rende  sollte  mindestens  einmal  Gelegenheit  haben,  an  einem  narkoti 
sierten  Kranken  den  Mund  zu  öffnen  und  die  Zunge  hervorzuziehen 

Besser  als  die  Anlegung  der  Zungenzange  ist  oft  das  Durch 
ziehen  eines  Fadens  durch  die  Zunge.  Dieser  'Faden  kan’ 
während  der  ganzen  Dauer  der  Operation  liegen  bleiben  und  ver 
ursacht  später  dem  Kranken  keine  Beschwerden. 

Das  völlige  Aussetzen  der  Atmung,  ohne  dass  ein  mechanische 
Hindernis  vorliegt,  kommt  bei  der  Aethernarkose  höchst  selten  vor 
Dass  in  einem  solchen  Fall  sofort  die  künstliche  Atmun 
einzuleiten  ist,  versteht  sich  von  selbst.  Nähere  Vorschriften  für  di 
künstliche  Atmung  fallen  nicht  in  den  Rahmen  dieses  kurzen  Aulj 
satzes. 

Erbrechen  tritt  in  der  Regel  nur  dann  auf,  wenn  die  Tiefe  de 
Narkose  nachlässt.  Das  beste  Mittel  gegen  das  Erbrechen  ist  ein 
Vertiefung  der  Narkose.  Vorher  muss  selbstverständlich  das  Erbro 
ebene  aus  dem  Rachen  entfernt  werden  und  ein  Hineinfliessen  in  di 
Luftröhre  verhütet  werden.  Ganz  unzweckmässig  ist  es,  dazu  de 
Kopf  zu  heben  und  so  die  erbrochene  Flüssigkeit  zu  entfernen.  De 
Kopf  muss  im  Gegenteil  nach  hinten  gesenkt  und  auf  die  Seite  gelev 
werden.  Der  Mund  wird  geöffnet,  Rachen  und  Wangentaschen  wer 
den  mit  Stieltupfern  ausgewischt.  Sind  die  Atmiuigswege  frei,  s 
gebe  man  ruhig  Aether  nach. 

Ein  besonderes  Wort  ist  noch  über  die  Einleitung  der  Narkos 
bei  Kindern  zu  sagen.  Auch  bei  Kindern  benutzen  wir  zur  Allgc 
meinbetäubung  grundsätzlich  nur  Aether.  Da  aber  die  Einleitung  de! 
Narkose  mit  Aether  viel  länger  dauert  als  mit  Chloroform  und  da  di 
Kinder  beim  Einatmen  des  unangenehmen  Geruchs  sehr  aufgeret 
werden,  oft  andauernd  schreien,  so  beginne  ich  bei  Kindern  untc 
10  Jahren  die  Narkose  mit  Chloroform.  Natürlich  mit  äusserster  Voi 
sicht  Tropfen  für  Tropfen.  Bei  Kindern  unter  6  Jahren  verfahre 
wir  auf  folgende  Weise.  Man  beschickt  je  nach  dem  Alter  die  Mask 
mit  dreimal  soviel  Tropfen  Chloroform  als  das  Kind  Jahre  zählt  un 
lässt  das  Chloroform  solange  einatmen,  bis  das  Kind  zu  schreien  au 
hört.  Dann  sofort  Maske  weg  und  mit  Aether  fortfahren. 

Man  versäume  nicht,  bei  unverständigen  Kindern  vor  Auflege 
der  Maske  die  Hände  durch  einen  Gehilfen  gut  festhalten  zu  lasse 
Es  gewährt  einen  zu  hässlichen  Anblick,  wenn  das  Kind  sofort  beii 
Auflegen  der  Maske  mit  seinen  Händchen  die  Maske  ergreift  un 
wegreisst,  und  wenn  erst  nach  einem  erbitterten  Kampfe  der  ungeübt 
Betäuber  die  Maske  wieder  auf  das  Gesicht  auflegen  kann.  Die  VoJ 
schrift  heisst  also:  Die  Hände  durch  einen  Gehilfen  sicherhalte 
lassen,  die  Maske  mit  3—18  Tropfen  Chloroform  beschicken  und  er- 
dann  schnell  auf  das  Gesicht  auflegen.  Ganz  falsch  würde  es  sei 
wenn  man  erst  die  Maske  auflegen  und  dann  das  Chloroform  «u 
träufeln  würde.  ^ 

Ist  das  Kind  ruhig,  sofort  Chloroform  weg  und  Aether  auftropfei 
Auch  Säuglinge  lassen  sich  ohne  Schwierigkeit  mit  Aether  narkot 
sieren,  wenn  man  sie  mit  Chloroform  über  das  erste  Erregung 
Stadium  hinübergebracht  hat. 

Es  konnte  hier  nur  auf  einige  wenige  Punkte  cingegangen  we 
den,  die  bei  der  Ausführung  der  Allgemeinnarkose  von  besonder’ 
Bedeutung  ist.  Dass  daneben  noch  unendlich  viele  andere  Diw 
zu  beachten  sind,  sei  nochmals  ausdrücklich  betont.  Insbesondei 
sei  hier  hervorgehoben,  dass  auch  die  Art  der  Vorbereitung  des  Kra: 
ken  vor  der  Narkose  von  grösster  Bedeutung  ist. 

Trotz  aller  Fortschritte  der  örtlichen  Betäubung  bleibt  die  All a- 
meinbetäubung  auch  in  Zukunft  unentbehrlich.  Jeder  Arzt  hat  da 
um  die  Pflicht,  sich  mit  derselben  vertraut  zu  machen  und  sich  in  d’ 
Ausführung  derselben  zu  üben.  Ein  Meister  in  der  Narkose  wird  tu 
derjenige  sein,  der  sich  immer  wieder  von  neuem  in  ihrer  Ausführin 
zu  vervollkommnen  sucht. 


7.  August  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1095 


Bücheranzeigen  und  Referate. 

Ernst  Löwenstein:  Handbuch  der  gesamten  Tuberkulose, 
ierausgegeben  mit  36  Mitarbeitern.  Bd.  1,  1.  Teil  mit  26  teils  farbi- 
;en  Textabbildungen  und  6  teils  mehrfarbigen  Tafeln.  2.  Teil  mit 
0  Textabbildungen.  Urban  öl  Schwarzenberg,  Berlin-Wien. 

044  S. 

Die  rege  Arbeit  auf  dem  Gebiet  der  Tuberkulose  Jiat  erst  neuer- 
ings  eine  gründliche  Zusammenfassung  erfahren  in  der  3.  Auflage 
es  grossen  Sammelwerkes  von  Brauer,  Schröder  und  B  1  u  - 
lenfeld  (vgl.  diese  Wschr.  1923  Nr.  17  S.  539).  Bezüglich  der 
erhütung  und  Behandlung  schienen  nach  dem  Kriege  in  Deutschland 
owie  auch  im  Ausland  die  ausgedehnten  Bekämpfungs-  und  Behand- 
jngsmassregeln  nicht  ohne  Einfluss  geblieben  zu  sein,  indem  die 
•terblichkeit  erheblich  herunterging.  Die  Nachkriegszeit  zeigte  aber 
utlich,  dass  für  die  Höhe  der  Ausbreitung  der  Volksseuche 
tärkere  Einflüsse  massgebend  sind,  als  die  ärztliche  Kunst  bisher 
u  entfalten  imstande  ist.  Um  so  weniger  dürfen  wir  in  unsern  Be- 
trebungen  nachlassen.  Deshalb  ist  das  vorliegende  Sammelwerk 
lit  Freuden  zu  begrüssen.  Es  stellt  sich  zur  Aufgabe,  nach  einer 
rägnanten  Schilderung  der  Pathologie  und  Klinik  der  Tuberkulose 
ine  genaue  Kenntnis  der  Heilfaktoren  und  genaue  Angaben  über  die 
echnik  der  Heilbehandlung  zu  vermitteln.  Der  Herausgeber  sagt  im 
orwort:  „Krankenhaus  und  Heilstätte  können  nur  kurze  Etappen 
n  langwierigen  Verlauf  der  Tuberkulose  sein;  der  Schwerpunkt  der 
uberkulosebehandlung  liegt  eben  in  der  ambulatorischen  Behand- 
ung,  d.  h.  in  den  Händen  des  praktischen  Arztes“.  Das  ist  sehr 
ichtig  und  heutzutage  richtiger  als  je.  Aber  das  erstrebenswerteste 
liel  der  Tuberkulosebehandlung  ist  in.  E.  doch  immer  eine  möglichst 
tilge  ausgedehnte  ärztliche  Ueberwachung  in  einem  Krankenhaus 
der  einer  Heilstätte  oder,  wenn  diese  nicht  möglich,  in  einer  ähn¬ 
elten  hausärztlichen  Behandlung,  nicht  die  eigentliche  ambulatorische 
lehandlung,  die  die  notwendige  strenge  Beaufsichtigung  des  Kranken 
mmöglich  erscheinen  lässt.  —  Der  vorliegende  1.  Band,  der  all- 
:emeine  Teil,  enthält  die  Statistik  von  L.  T  e  1  e  k  y  -  Düsseldorf. 
Venn  uns  die  Zahlen  auch  bekanntlich  nicht  immer  die  Wahrheit 
agen,  besonders  die  statistischen  Ergebnisse  des  Auslandes  nicht 
nmer  mit  den  unsrigen  vergleichbare  Resultate  geben,  so  sind  doch 
olche  Zusammenstellungen  unleugbar  von  Wichtigkeit.  Es  folgt 
ine  gründliche  Besprechung  der  Gefässtuberkulose  von 
i.  Liebermeister  - Düren  i.  W.,  eines  Gebietes,  das  in  neuerer 
.eit  durch  die  Arbeiten  von  Liebermeister  wieder  in  den  Vor- 
ergrund  gerückt  ist.  Mehrere  farbige  Tafeln  erläutern  die  Vorgänge 
n  den  üefässen.  Leider  fehlen  Literaturangaben.  Das  für  Vorher- 
agung  und  Behandlung  gleich  wichtige  Kapitel  der  anatomi- 
chen  und  klinischen  Formen  der  L  ungent  uberku- 
ose  liegt  in  den  Händen  von  A.  B  a  c  m  e  i  s  t  e  r  -  St.  Blasien,  der 
uch  ein  neues  Schema  vorschlägt.  Ausreichenden  Aufschluss  über 
ie  allgemeinen  Grundlagen  der  Strahlentherapie 
rhält  der  Leser  durch  W.  Hausmann-Wien;  über  die  physi- 
alisch-chemischen  und  biologischen  Grundlagen  durch  R.  Gassul- 
Jerlin.  ln  beiden  Abschnitten  mit  reichlichen  Angaben  aus  dem 
>chrifttum.  ln  dem  Artikel  das.  Hochgebirgsklima  kommt  der 
rfahrenc  Praktiker  O.  A  m  r  e  i  n  -  Arosa  zum  Wort;  über  den  H  e  i  1  - 
vert  des  Seeklimas  werden  wir  von  dem  verstorbenen 
.  G 1  a  x  unterrichtet.  Bemerkungen  über  Bau  und  Einricii- 
ung  von  Lungenheilstätten  stammen  von  0.  Frank- 
u  r  t  e  r  -  Wien ;  solche  über  Auswahl  der  Kranken  für  die 
Lungenheilstätten  von  K.  M  e  y  e  r  -  Berlin.  Die  eigentliche 
ichilderung  der  Anstaltsbehandlung  der  Lungentuber¬ 
ul  ose  liefert  A.  Grau-  Honnef,  ln  der  Statistik  der  Heil- 
tättenerfolge  kommt  L.  T  e  1  e  k  y  zu  einem  verhältnismässig 
.ünstigen  Ergebnis  unter  der  Voraussetzung,  dass  sie  nur  eine  Etappe 
uf  dem  langen  Weg  der  Tuberkulosebehandluiig  darstellt.  In  dem 
Abschnitt  Schwangerschaft  und  Tuberkulose  wird  von 
i.  Frischbier  -  Beelitz  besonders  die  Frage  der  künstlichen 
Jnterbrechung  der  Schwangerschaft  eingehend  er- 
»rtert.  In  dem  sehr  beachtenswerten  Abschnitt  über  die  theo- 
eti sehen  Vorraussetzungen  der  Inhalations- 
h  e  r  a  p  i  e  von  dem  Pharmakologen  W.  H  e  u  b  n  e  r  wird  das,  was 
liese  vielgeübte  Methode  erwarten  lässt,  auf  das  richtige  Maass  zu- 
ückgeführt,  während  die  praktische  Inhalations-  und 
'neumotherapie  mit  zahlreichen  Abbildungen  von  M.  Oster- 
nanu-  Wien  geschildert  wird.  Die  Atmungstherapie  ist  von 
-  Hofbauer  -  Wien  besprochen.  Es  folgen  lesenswerte  Darstel- 
ungen  des  Fürsorgewesens  in  Oesterreich  und 
Deutschland  von  A.  G  ö  t  z  1  -  Wien  und  in  den  Vereinig- 
en  Staaten  von  J.  W  e  1  s  h  -  Philadelphia,  sowie  des  Kampfes 
;egen  die  Tuberkulose  in  romanischen  Ländern 
on  J.  B.  D  a  r  d  e  r  -  R  o  d  e  s  -  Barcelona.  Den  Schluss  des  1.  Ban¬ 
les  bilden  die  physiologischen  Grundlagen  der  Er- 
1  ä  h  r  u  n  g  von  A.  D  u  r  i  g  -  Wien,  deren  weitläufige  Darstellung  — 
’ei  aller  Anerkenung  des  hohen  Wertes  für  die  Behandlung  der 
I  uberkulose  darf  man  es  wohl  sagen  —  einen  unverhältnismässig 
uossen  Raum,  beinahe  die  Hälfte  des  ganzen  Bandes  einnimmt.  — 
'•ach  den  bisher  vorliegenden  Arbeiten  kann  man  das  vorzüglich 
msgestattete  Werk  den  Forschern  auf  dem  Gebiet  der  Tuberkulose- 
'ehandlung  ebenso  wie  den  klinischen  Lehrern  und  den  Acrzten  auf 
las  angelegentlichste  empfehlen.  P  e  n  z  o  1  d  t. 


Neue  deutsche  Chirurgie,  begründet  von  P.  v.  B  r  u  n  s,  heraus¬ 
gegeben  von  H.  Küttner-  Breslau.  30.  Bd.,  a  u.  b.  Otto  W. 
Madelung:  Die  Chirurgie  des  Abdoiniualtyphus.  Verlag  von 
Ferd.  Enk  e,  Stuttgart  1923. 

Wenngleich  der  Typhus  durch  die  Arbeit  der  Hygieniker  im  all¬ 
gemeinen  seltener  geworden,  so  flackert  er  besonders  nach  Kriegen  in 
grösseren  Städten  immer  wieder  auf  und  ist  (wie  Madelung  im  Vor¬ 
wort  zu  seinem  umfassenden  Werk  hervorhebt)  noch  heute  ein  sehr  wich¬ 
tiger  Teil  der  Arbeit,  die  die  Aerzte  zu  leisten  haben  und  an  der  sich 
auch  die  Chirurgen  voll  beteiligen  müssen.  Durch  36  jährige  Arbeit  in 
Gegenden,  in  denen  Typhus  relativ  häufig,  hat  M.  grosse  spezielle  Er¬ 
fahrungen  sammeln  können  und  unter  eingehender  Berücksichtigung 
der  hauptsächlich  in  ausländischen  Zeitschriften  zerstreuten  reichen 
1  yphusliteratur  als  Abschluss  seines  Lebenswerkes  ein  bisher  fehlen¬ 
des  diesbezügliches  deutsches  Werk  erstellt,  das  speziell  die  in 
steigender  Bedeutung  sich  ergebenden  chirurgischen  Indikationen 
und  die  chirurgische  Behandlung  der  typhösen  Erkrankungen  um¬ 
fassend  darstellt,  u.  a.  den  Einfluss  von  Typhus  auf  Heilung  von  Wun¬ 
den  und  Knochenbrüchen,  die  Veränderungen  im  Knochen  (Schädel, 
Beckenknochen,  Kreuzbein  etc.),  die  relativ  häufigen  Rippenknorpel¬ 
affektionen,  die  üelenkerkrankungen,  Hämatome  und  Muskelruptureil 
sowie  die  Erkrankungen  der  Blutgefässe  (Thrombophlebitis  und 
Arterienthrombose  mit  ihren  Folgen,  die  Lymphdrüsenerkrankungen 
etc.  im  Typhus  unter  steter  Berücksichtigung  der  Pathogenese,  des 
Bazillenbefundes,  der  Diagnose  und  therapeutischer  Einzelheiten  ein¬ 
gehend  bespricht.  Besonders  ausführlich  wird  die  typhöse  Darm¬ 
perforation  und  Peritonitis  (deren  Literatur  allein  24  Seiten  einnimmt) 
dargestellt  (bei  deren  oft  diagnostischer  Unsicherheit  ev.  der  ex- 
plorative  Bauchschnitt  angezeigt  erscheint).  Die  Technik  und  Nach¬ 
behandlung  werden  im  einzelnen  besprochen  und  u.  a.  hervorgehoben, 
dass  das  E  s  c  h  e  r  sehe  Verfahren  (Bildung  eines  Notafters  als  Er¬ 
gänzung  der  Laparotomie  unter  Umständen  der  Darmnaht  vor¬ 
zuziehen  ist  und  dass  der  Drainiierung  bei  Behandlung  der  Peritonitis 
grosse  Bedeutung  beizumessen  ist:  Die  statistischen  Ergebnisse,  dass 
in  etwa  Va  der  Operationen  auf  Heilung  zu  rechnen  sei,  sind  wohl 
zu  günstig,  da  eben  viele  nicht  erfolgreiche  Operationen  unbekannt 
bleiben.  Nach  Madelungs  Ansicht  kommt  die  Angabe  von 
M  i  c  h  a  u  x,  dass  nach  Operation  7 — 8  Proz.  geheilt  worden  sind, 
der  Wirklichkeit  näher.  Weitere  eingehende  Besprechung  finden  die 
Appendix  vermiformis  im  Typhus,  die  Veränderungen  des  Meckel- 
schen  Divertikels,  Darminvagination  und  Volvulus  bei  Typhus,  eben¬ 
so  die  chirurgisch  wichtigen  Veränderungen  der  Mesenterialdrüsen, 
auch  die  Peritonitis  ohne  Perforation  sowie  einige  Spätfolgen  der 
typhösen  Darmerkrankungen  (Darmwandstrikturen,  Darmverschluss 
durch  peritonitische  Bildungen,  parazoekaler  Spätabszess  werden 
entsprechend  berücksichtigt  und  auch  über  einige  Versuche,  den 
Meteorismus,  die  Koprostase,  die  Darmblutungen  bei  Typhuskranken 
chirurgisch  zu  behandeln,  wird  berichtet.  Die  von  Prof.  C.  Adrian 
gelieferte  Darstellung  der  Hautveränderungen  im  Typhus  erscheint 
in  Anbetracht  der  speziellen  chirurgischen  Bedeutung  des  Werkes 
fast  etwas  zu  ausführlich.  Im  zweiten,  411  Seiten  starken  Teil  wer¬ 
den  in  gleicher  Ausführlichkeit  und  unter  Berücksichtigung  ent¬ 
sprechender  Kasuistik  die  Veränderungen  des  Afters  und  Mastdarms 
im  Typhus  und  ihre  Folgen,  die  Geschwüre  des  Magens  und  Zwölf¬ 
fingerdarms,  die  Veränderungen  des  Mundes,  Erkrankungen  der 
Kieferknochen  etc.,  die  Veränderungen  der  Speicheldrüse  und  der 
Gallenwege,  u.  a.  auch  die  typhösen  Leberabszesse,  Milzabszesse,  die 
Veränderungen  der  Schilddrüse,  der  Harn-  und  Geschlechtsorgane 
im  Typhus  unter  Würdigung  der  Bazillenbefunde,  der  diagnostischen 
und  therapeutischen  Verhältnisse  eingehend  besprochen,  auch  die 
Frage  der  ev  chirurgischen  Behandlung  der  Typhusbazillenstuhl¬ 
ausscheider  entsprechend  gewürdigt. 

v.  H  i  n  s  b  e  r  g- Breslau  gibt  die  ausführliche  Besprechung  der 
Veränderungen  des  Kehlkopfs  im  Typhus  (typhöses  Geschwür,  Peri- 
chondritis  laryngea  typhosa  nach  Pathogenese,  Diagnose,  Therapie, 
schildert  auch  die  sekundären  Narbenstenosen  und  deren  Behandlung, 
die  typhöse  Larynxgangrän  und  posttyphöse  Postikuslähmung. 

J.  Zange- Graz  bespricht  in  ebenfalls  eingehender  Weise  die 
Veränderungen  des  Ohres  beim  Typhus,  sowohl  des  äusseren  als  des 
Mittel-  und  Innenohres  und  die  Folgeerkrankungen  im  Schädel. 

Max  B  a  r  u  c  h  -  Berlin  berichtet  über  den  Paratyphusbazillus  A 
und  B  als  Erreger  chirurgischer  Erkrankungen  und  bespricht  das  kli¬ 
nische  Bild,  die  Diagnose  paratyphöser  Prozesse  (Leberabszesse, 
Gallenblasenentziindungen,  sowie  die  Erkrankungen  des  Respirations- 
traktus  und  des  kardiovaskulären  Systems,  des  Urogenitalapparats, 
der  Muskulatur,  der  Knochen  und  Gelenke  beim  Paratyphus. 

Das  im  Vergleich  mit  anderen  Bänden  der  Neuen  deutschen 
Chirurgie  etwas  umfangreiche  Werk  Madelungs  wird  in  allen 
das  spezielle  Gebiet  der  chirurgischen  Veränderungen  im  Typhus  be¬ 
treffenden  Fragen  entsprechende  Belehrung  geben  und  ist  um  so  mehr 
zu  begrüssen,  als  das  bisher  einzige  Werk  über  das  betreffende  Spe¬ 
zialgebiet  von  dem  Amerikaner  William  Keen  von  1898  die  neue¬ 
sten  chirurgischen  Erfahrungen  nicht  geben  kann  und  die  Made¬ 
lung  sehe  Arbeit,  die  sonst  schwer  auffindbare  diesbezügliche  Litera¬ 
tur  in  seltener  Vollständigkeit  zugänglich  macht.  Sehr. 

F.  Penzoldt:  Lehrbuch  der  klinischen  Arzneibehandlung.  Für 

Studierende  und  Aerzte.  Mit  einem  Anhang:  Chirurgische  Technik 
der  Arzneianwendung  von  M.  v.  Kryger.  10.,  neubearbeitete  Auf¬ 
lage.  Jena,  1923.  G.  Fischer.  Grdpr.:  9  M.,  geb.  11M. 


1096 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIF  T 


Nr.  3 


Vor  nunmehr  33  Jahren  hat  der  Verfasser  erstmalig  den  glück¬ 
lichen  Gedanken  zur  Ausführung  gebracht,  den  gebräuchlichen  von 
Pharmakologen  verfassten  Arzneimittellehren  ein  Lehrbuch  der  Arz¬ 
neibehandlung  an  die  Seite  zu  stellen  mit  der  ausgesprochenen  Ab¬ 
sicht,  den  Hauptnachdruck  auf  die  am  Krankenbett  beobachtete  Ver¬ 
wendbarkeit  zu  legen.  Kein  anderer  war  zur  Lösung  dieser  Aufgabe 
besser  berufen,  als  der  Verfasser,  der  damals  noch  den  Kliniker  und 
Pharmakologen  in  einer  Person  vereinigte.  Der  grosse  Erfolg  des 
Werkes  hat  gezeigt,  dass  für  den  Praktiker  wie  für  den  Studierenden 
ein  wirkliches  Bedürfnis  nach  einer  derartigen,  auf  eigene  klinische 
Erfahrungen  gestützte  Bearbeitung,  die  gleichzeitig  der  pharmakolo¬ 
gischen  Forschung  gebührende  Rechnung  trägt,  bestanden  hat.  Die 
Aerzteschaft  muss  es  dem  verdienten  Kliniker  und  dem  langjährigen 
Vorsitzenden  der  Deutschen  Arzneimittelkommission  besonders  dan¬ 
ken,  dass  er  selbst  im  Ruhestand  nicht  müde  geworden  ist,  sein 
Lehrbuch  aufs  neue  der  Zeit  anzupassen.  Nach  einer  Pause  von  nur 
VA. Jahren  erscheint  es  in  10.  Auflage.  Unermüdlich  hat  der  Ver¬ 
fasser  wieder  neben  den  alten  die  Hochflut  neuer  Arzneimittel,  die 
„täglich  wie  Pilze  aus  der  Erde  wachsen“,  durchmustert  und  mit 
strenger  Kritik  gesichtet.  Von  hoher  Warte  ist  er  immer  wieder  be¬ 
strebt,  „die  Kollegen  und  dadurch  die  Kranken  vor  Schaden  durch 
irreführende  Reklame  zu  schützen“.  Um  dem  Leser  das  Urteil  und 
die  Wahl  zu  erleichtern,  ist  die  erprobte  Methode  beibehalten  wor¬ 
den,  Wichtiges  und  Wertvolles  gegenüber  dem  Entbehrlichen  durch 
Anwendung  verschiedener  Druckschriften  zu  kennzeichnen.  Wiewohl 
die  neue  Auflage  den  alten  Bestand  durch  manche  brauchbare,  oder 
doch  des  Versuches  werte  neue  Arzneimittel  ergänzt,  ist  es  doch 
gelungen,  eine  Vergrösserung  des  gesamten  Umfanges  zu  vermeiden. 
Die  praktische  Anordnung  und  übersichtliche  Darstellung  des  spröden 
Stoffes  und  nicht  zum  wenigsten  das  nach  klinischen  Gesichtspunkten 
zeitgemäss  zusammengestellte  „Therapeutische  Register“  verleihen 
dem  Werk  in  seiner  neuen  Gestalt  wiederum  den  Wert  eines  auf 
allen  Gebieten  der  Arzneiverordnung  zuverlässigen  Ratgebers,^  wozu 
auch  die  im  Anhang  beigefügte  anschaulich  geschriebene  „Chirur¬ 
gische  Technik  der  Arzneibehandlung“  M.  v.  Krygers  das  ihrige 
beiträgt.  Möchte  es  dem  Verfasser  noch  oft  beschieden  sein,  die  so 
dringend  notwendige  Generalmusterung  der  Arzneimittel  zu  wieder¬ 
holen!  Stintzing. 

Karl  Rosenberger:  l)ie  Stationsschwester.  Ein  Führer  durch 
die  praktische  Tätigkeit  der  Krankenschwester.  Berlin,  1923,  bei 
Springer.  88  S.  8°.  Grdpr.:  2.40  M. 

Das  anregend  geschriebene  Büchlein  beabsichtigt  nicht,  Lehr¬ 
bücher  zu  ersetzen,  wie  etwa  das  von  Lindemann,  oder  zur 
Examensvorbereitung  zu  dienen,  wie  das  Büchlein  von  Häring, 
sondern  will  in  erster  Linie  der  schon  ausgebildeten  Schwester  Er¬ 
gänzung  ihres  Wissens  geben.  Vermöge  der  nach  praktischen  Gesichts¬ 
punkten  gewählten  Disposition,  die  von  der  gewöhnlichen  abweicht, 
ist  es  sehr  geeignet,  bei  den  verschiedenen  typischen  Tätigkeiten  der 
Schwester  als  praktischer  Ratgeber  zu  dienen,  so  dass  es  neben  dem 
für  Fortbildungszwecke  ebenfalls  vorzüglichen,  aber  anders  gearteten 
Buch  von  Kulenkampf  doch  seinen  eigenen  Wert  behält  und  der 
fertigen  Schwester  aufs  wärmste  empfohlen  werden  kann. 

Kerschensteine  r. 

Walter  Lindemann:  Schwestern-Lehrbuch  für  Schwestern 
und  Krankenpfleger.  4.  und  5.,  umgearbeitete  Auflage.  München, 
Bergmann.  1923.  419  S.  Gr,  8°.  Mit  440  Abb. 

Das  vorzüglich  geschriebene  Lehrbuch  hat  sich  bewährt  und  gut 
eingeführt.  Die  neue  Auflage  ist  bereichert  durch  einen  kurzen  Ab¬ 
schnitt  über  „die  Röntgenschwester“.  Auch  die  Abbildungen,  die 
ein  besonderer  Vorzug  des  Buches  sind,  erfuhren  Ergänzungen  und 
Bereicherung.  Kerschensteine  r. 

B  u  ni  k  e:  Psychologische  Vorlesungen.  Bergmann,  München, 
1923.  168  S.  Gdpr.:  4  M. 

Kurze  klare  Behandlung  der  Psychologie,  im  wesentlichen  vom 
naturwissenschaftlichen  Standpunkt.  Das  stark  individuelle  Gepräge 
gibt  ihr  ein  besonderes  Interesse,  mag  aber  auch  in  anderer  Hinsicht 
ein  Nachteil  sein.  Für  den  Verfasser  liegt  in  dem  Kapitel  über  Unter¬ 
bewusstsein,  Psychanalyse  und  Dualismus  der  Seele  in  gewissem 
Sinne  sein  „psychologisches  Glaubensbekenntnis“. 

E.  B 1  e  u  1  e  r  -  Burghölzli. 

Vorberg:  Zusammenbruch.  München,  Gmelin,  1922.  2.  Heft 
1923.  47  S.  gr.  Form.  Leuthold,  Rethel,  v.  Gogh  (das  erste 
Heft  siehe  M.m.W.  1922,  S.  1516). 

Keine  Pathographien  gewöhnlichen  Stils,  sondern  kurze  Skizzen 
über  drei  Künstlerleben  mit  ihrer  Leistung  und  ihrem  Untergang. 
Wohl  sind  die  Tatsachen  mit  wissenschaftlichem  Ernst  gesammelt 
und  gesichtet,  wohl  unterbrechen  einige  für  den  Laien  berechnete 
Bemerkungen  über  Ursachen  und  Erscheinungen  von  Paralyse  und 
Schizophrenie  Darstellung  und  Stimmung,  aber  Inhalt  und  Ausdruck 
formen  die  drei  Schicksale  zu  gerade  in  ihrer  Knappheit  erschüttern¬ 
den  Tragödien.  Zwar  nicht  die  Studierstube,  aber  um  so  eher  den 
Salon  des  Arztes  wird  das  künstlerisch  hervorragend  ausgestattete 
Heft  zieren.  E.  Bleuler-  Burghölzli. 


Dermatologisches  Uebersichtsreferat. 

(1.  Halbjahr  1923.) 

Von  Dr.  Julius  K.  M  a  y  r. 

Ueber  die  Art  und  Häufigkeit  der  Hautveränderungen  b 
Schwangeren  berichtet  Jordan  (Zbl.  f.  Haut-  u.  Geschl.Krkh.  8,  H. 
im  Anschluss  an  eigene  Reihenuntersuchungen.  Er  konnte  bei  'A  a! 
Schwangeren,  ausser  den  allen  zukommenden  Rigmentationen  der  Linea  al 
und  der  Brustwarzen,  auch  an  anderen  Hautstellen  Piginentationen  find' 
Diese  bestehen  in  Flecken  an  den  verschiedensten  Teilen  des  Gesichtes  in  c| 
Art  der  Epheliden  und  lassen  sich  von  diesen  in  der  Hauptsache  nur  dur 
ihren  meist  grösseren  Umfang  unterscheiden.  Daneben  können  sie  eil 
flächenhafte  Ausdehnung  annehmen.  Ihre  Lokalisation  ist  ganz  unregelmässl 
anscheinend  spielen  bei  ihrer  Entstehung  auch  Druck  oder  Sonnenlicht  ei 
gewisse  Rolle.  So  gut  wie  immer  fand  sich  ferner  bei  den  Schwangeren  i 
Dermographismus  von  verschiedener  Intensität.  Er  ist  desto  stärker, 
jünger  das  betreffende  Individuum  ist.  Seine  Prädilektionsstellen  sind  Bru 
Bauch  und  Rücken.  Andere  Veränderungen  an  der  Haut  von  Schwanger 
sind  viel  seltener.  Am  öftesten  kommt  noch  Pruritus  vor.  Fast  alle  Ha 
Veränderungen  treten  erst  um  die  zweite  Hälfte  der  Schwangerschaft  auf,  i 
Jucken  erlischt  kurz  vor  oder  bald  nach  der  Geburt,  die  Pigmentationen  geh 
nach  der  Geburt  ganz  allmählich  zurück.  Liegen  nun  bei  diesen  Veräm 
rungen  die  Zusammenhänge  mit  der  Schwangerschaft  einfach,  so  ist  dies  I 
den  sogen.  Schwangerschaftsdermatosen,  der  Impetigo  herpetiformis  und  d 
Dermatitis  gestationis  nicht  ohne  weiteres  der  Fall.  Die  Unterschiede  zwisch 
Herpes  gestationis  und  Dermatitis  herpetiformis  liegen  ja  in  der  Hauptsac 
nur  darin,  dass  die  Krankheit  in  dem  einen  Falle  nur  bei  Schwangeren  a 
tritt.  Da  nun  die  Fälle  von  Dermatitis  herp.  wesentlich  häufiger  beobach 
werden  als  diejenigen  von  Herpes  gestationis,  so  scheint  keine  genügen 
Berechtigung  zu  bestehen,  letztere  als  selbständige  Krankheit  abzugrenzu 
Schwieriger  ist  die  Klärung  bei  der  Impetigo  herp.  hinsichtlich  der  Fra; 
ob  es  sich  hier  um  eine  reine  Schwangerschaftsdermatose  handelt.  Hier  kom 
nun  Jordan  auf  Grund  des  vorliegenden  Literaturmaterials  ebenfalls 
einem  verneinenden  Ergebnis,  da  höchstens  von  einer  grösseren  Neigu 
Schwangerer,  von  dieser  Krankheit  befallen  zu  werden,  gesprochen  werd| 
darf  und  einwandfreie  Krankehitsfälle  bei  Männern  beobachtet  worden  sii 

Ueber  Hautschädigungen  nach  der  Einwirkung  v  i 
Elektrizität,  über  die  J  e  1 1  i  n  e  k  in  einem  ausführlichen  Referat  1 1 
richtet  (W.kl.W.  1923  Nr.  9),  soll  noch  näher  eingegangen  werden.  Dit 
Schädigungen  können  in. dem  Auftreten  von  elektrischen  Strommarken, 
Verbrennungen,  in  Metallisationen,  in  Verfärbungen  und  Niederschlägen  in  c 
Haut,  in  mechanischen  Traumen  bestehen.  Die  Brandwunden  können  leii 
testen  und  schwersten  Grades  sein.  Die  Metallisationen  sind  oberflächlic 
Imprägnierungen  der  Haut  mit  geschmolzenen  und  gasförmig  verteilten  Met« 
teilchen,  welche  sich  über  verschieden  grosse  Hautpartien,  die  unbekleii 
waren,  erstrecken.  Sie  sind  flächenförmig  oder  diffus  angeordnet  und  1 
sitzen  die  Farbe  des  betreffenden  Metalls.  Die  so  veränderte  Hautstelle 
von  trockener  und  rauher.  Oberfläche,  derb,  schwer  faltbar  und  erzeugt  Sp; 
nung  und  Fremdkörpergefühl.  Ihre  Heilung  und  Abstossung  geschieht  in  c 
Form  von  grossen  Lamellen,  die  ganze  Schälung  ist  nach  3  Wochen  oh 
Hinterlassung  von  Narben  beendet.  Die  Verfärbungen  und  Niederschlä 
bestehen  aus  pulverisierten  Teilchen,  die  sich  vom  stromführenden  Kört 
abspalten.  Die  mechanischen  Läsionen  besitzen  je  nach  der  Beschaffenh 
des  den  Strom  leitenden  Gegenstandes  das  Aussehen  von  Schnittwunde 
Abschnürungen,  Suffusionen,  Kontusionen  u.  dgl.  Die  Strommarke  ist  me  I 
kreisrund  oder  eüpsenförmig.  Bei  der  Berührung  eines  scharfkantigen  Körpil 
oder  eines  Drahtes  ist  sie  der  genaue  Abdruck  dieses  Körpers.  Ihre  Fall 
ist  bleichgelb.  Sie  ist  fest,  hart,  wie  eingelegt.  Sie  verursacht  keil 
Schmerzen.  Ihre  Umgebung  ist  ohne  Rötung  und  Entzündung.  Mehrt  I 
Wochen  bleibt  die  Marke  unverändert  bestehen,  sie  lockert  sich  dann  :l 
mählich  und  stösst  sich  bei  spärlicher  Sekretion  ab.  Die  Narbe  ist  wei  l 
glatt,  ohne  Tendenz  zur  Schrumpfung.  Die  Haare  bleiben  während  des  ganz  ti 
Prozesses  unverändert  und  zeigen  keine  Symptome  der  Verbrennung.  /t| 
Haarschaft  findet  sich  dagegen  eine  ganz  eigenartige  Drehung  im  Sinne  eiil 
Schraubenbewegung,  die  Einschnürungen  finden  sich  dabei  in  gleichen  /d 
ständen.  Die  Strommarke  stellt  im  eigentlichen  Sinne  eine  spezifische  EUl 
trizitätsveränderung  dar. 

L  u  i  t  h  I  e  n  (Zbl.  f.  Haut-  u.  Geschl.Krkh.  7,  H.  1)  hat  im  Anschluss  I 
die  vorhandene  Literatur  die  Zusammenhänge  zwischen  E 
nährung  und  Haut  einer  eingehenden  Untersuchung  unterzogen.  H' 
ist  nun  zunächst  sichergestellt,  dass  die  Allgemeinernährung  einen  EinfltJ 
auf  die  chemische  Zusammensetzung  der  Haut  und  damit  auf  ihre  biologiscl 
Reaktion  besitzt.  Bei  Verabreichung  von  saurem  Futter  wird  z.  B.  bei  Tier  1 
eine  Steigerung  der  Haut  gegenüber  äusseren  Giften  erzielt.  Geringe  Vfi 
Schiebungen  einiger  Stoffe  im  Gleichgewicht  zueinander,  die  durch  die 
nährung  ausgelöst  werden  können,  sind  bereits  imstande,  grosse  Wirkung»: 
nach  sich  zu  ziehen.  Unzweckmässige  Ernährung  kann  also  eine  besondil 
Disposition  zu  Dermatosen  hervorbringen.  Bei  diesen  ist  natürlich  die  1- 
nährung  ein  wichtiger  Teil  der  Therapie,  da  es  gelingt,  die  Entzündungsbere-i 
Schaft  des  Gewebes  auf  diese  Weise  herabzusetzen.  Die  beste  Nahrub 
zur  Erreichung  dieses  Zieles  ist  die  Zufuhr  von  Gemüsernineralstoffen,  fl 
Einhaltung  einer  Diät,  die  nur  aus  Vegetabilien  und  aus  gekochtem  Rindfleisch 
bei  vollständiger  Enthaltung  von  Kochsalz  besteht.  Um  den  natürlichen  Sah 
gehalt  der  Gemüse  zu  erhalten,  werden  diese  in  wenig  Wasser  gekocht,  cit 
Wasser  wird  wieder  eingedampft  und  als  dicker  Saft  der  Speise  zugeset. 
Kalk  ist  für  den  allgemeinen  Stoffwechsel  notwendig:  er  muss  aber  im  rnrf 
tigen  Verhältnis  zu  den  übrigen  Mineralstoffen  zugeführt  werden,  ln  viel. 
Fällen  lässt  sich  nun  die  Ueberempfindfichkeit  gegen  gewisse  Nahrungsmittj* 
auf  deren  Zufuhr  die  Haut  mit  Krankheitserscheinungen  antwortet,  durch  e: 
kutane  Probeirnpfung  feststellen.  Die  Prüfung  auf  EiweissempfindlichkL 
durch  eine  kutane  Impfung  beruht  somit  auf  sicherer  Grundlage.  Bei  Uebll 
einpfindlichkeit  gegen  die  Abbauprodukte  des  Fleisches  kann  durch  kle  * 
Dosen  von  Pepton  Heilung  erzielt  werden.  Man  geht  derart  vor,  dass  tri 
nach  dem  Anfall  (Urtikaria  etc.)  Kapseln  mit  Fleischpepton  0,2  und  Fischpep»: 
0,15  oder  einfach  Pepton  0,5  eine  Stunde  vor  den  Mahlzeiten  gibt.  In  ande» 
Fällen  führt  man  die  betreffenden  Nahrungsmittel  in  kleinen  Dosen  zu,  l 
eine  Desensibilisierung  zu  erreichen.  Von  dem  Gelingen  einer  solchen  kc  • 
man  sich  durch  die  Kutireaktion  überzeugen,  die  durch  die  Kur  nega' 
werden  kann. 

Highmann  versuchte  die  Frage  der  sogen,  praecancerös' 
Hauterkrankungen  näher  zu  umschreiben  (New  York  med.  Journ.  • 
med.  rec.  116).  Diese  praecancerösen  Dermatosen  lassen  sich,  wenn  man  U 


7.  August  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1097 


legriff  recht  weit  fassen  will,  in  5  Qrupen  einteilen.  Diese  sind  erstens  die 
xrschiedcnen  Nävi,  d.  h.  also  kongenitale  Bildungen.  zweitens  infektiöse 
Entzündungen,  wie  Tuberkulose  und  Syphilis,  drittens  Irritationsdermatosen, 
lic  durch  chemische,  thermische,  mechanische  und  andere  Reize  bedingt 
werden,  viertens  Narben  und  fünftens  Krankheiten  sui  generis,  wie  vor  Allem 
rtorbus  Darier,  Pagets  und  Bowen,  sowie  das  Xeroderma  pigmentosum, 
dir  hei  diesem  letzteren  geht  eigentlich  das  Entstehen  eines  Krebses  mit 
iner  gewissen  Regelmässigkeit  vor  sich,  bei  den  anderen  kommt  die  Ent- 
rtung  erst  im  Anschluss  an  den  Sitz,  die  Form  der  Erkrankung,  an  Reizungen 
ustande.  Die  ganze  Bezeichnung  einer  praecancerüsen  Dermatose  erscheint 
n  Hinblick  vor  allem  auch  darauf,  dass  sich  auch  anscheinend  von  normaler 
laut  aus  eine  Krebsbildung  entwickeln  kann,  wenig  glücklich. 

In  einem  ausführlichen  Referat  über  die  Pigmentfrage  nimmt 
I  c  i  r  o  w  s  k  y  erneut  Stellung  vor  allem  zu  den  Untersuchungen  B  1  o  c  |i  s 
nd  seiner  Schüler  (Zbl.  f.  Haut-  u.  üeschl.Krkh.  8,  H.  3).  M.  kommt  dabei  zu 
cm  Ergebnis,  dass  die  Dopareaktion  wohl  fermentativen  Charakter  besitze, 
her  nicht  spezifischer  Natur  sei.  Der  Nachweis  einer  absolut  spezifischen, 
igmentbildenden  Dopaoxydase  ist  nicht  erbracht.  Der  positive  Ausfall  der 
Reaktion  ist  nur  der  Ausdruck  dafür,  dass  in  der  positiv  reagierenden  Zelle 
in  die  Oxydierung  beschleunigendes  Agens  tätig  ist.  Damit  stimmt  auch  die 
atsache  überein,  dass  das  Dopa  eine  äusserst  leicht  zu  oxydierende  Substanz 
erstellt.  Nur  der  chemische  Reaktionszustand  entscheidet  hier  über 
en  Ausfall  der  Reaktion.  Die  Reaktion  kann  daher  an  allen  möglichen  Orten, 
ie  sicher  nichts  mit  der  Pigmentbildung  zu  tun  haben,  positiv  sein.  Die 
insicht  B  1  o  c  h  s,  dass  das  Dopa  denjenigen  chemischen  Körper  darstellen 
oll,  der  dem  Melanin  am  nächsten  steht,  lehnt  M.  aus  dem  Grunde  ab,  weil 
ein  Recht  besteht,  wie  auch  besonders  H  u  e  c  k  hervorhebt,  aus  der  grossen 
’eihe  der  Substanzen,  die  als  Propigment  für  das  Melanin  in  Betracht  kommen, 
inen  Körper  als  alleinigen  Ausgangskörper  anzusprechen.  Dazu  kommt, 
ass  das  Dopamelanin  keinen  Schwefel  enthält,  während  nach  der  Analyse 
on  Salkowsky  das  Melanin  schwefelhaltig  ist.  Es  besteht  ferner  kein 
irund.  anzunehmen,  warum  das  Dopa  als  intermediäres  Stoffwechselprodukt 
•n  Blute  kreise  und  in  den  Stätten  der  Melaninbildung  zu  Melanin  oxydiert 

•  erden  soll.  Diese  Annahme  steht  im  Widerspruch  mit  der  Tatsache  der  Ver- 
„■ilung  des  Pigments,  die  nach  phylogenetischen  Gesichtspunkten  vor  sich  geht. 
>enu  bekanntlich  sind  immer  bestimmte  Stellen  stärker  pigmentiert  und  es 
st  nicht  recht  einzusehen,  warum  sich  gerade  hier  die  im  Blute  kreisenden 
’iginentvorstufen  immer  im  erhöhten  Maasse  ablagern  sollen.  Gerade  diese 
hylogenetisch  bedingte  Verteilung  des  Häutpigments  spricht  für  eine  zellu- 
ire  Entstehung  der  Pigmentmuttersubstanzen  und  damit  des  Melanins.  Und 
war  sprechen  die  gefundenen  Veränderungen  am  Kern,  dass  die  Propigmente 
us  diesem  stammen 

Mayr  und  Hof  Stadt  (Derm.  Wschr.  23,  8)  versuchten  die  Brauch- 
arkeit  der  Eigenharnreaktion  nach  Wildbolz,  bei  der  be- 
anntlich  bei  aktiver  Tuberkulose  nach  Impfung  mit  Harn  eine  positive  Reak- 
ion  in  Form  einer  Rötung  und  Schwellung  der  Impfstelle  eintritt,  in  ihrer 
ledeutung  bei  den  Hauttuberkulosen  zu  prüfen.  Die  Verhältnisse  liegen  ja 
ier  vielleicht  insoferne  günstiger,  als  sich  die  Aktivität  eines  tuberkulösen 
’rozesses  leichter  überschauen  lässt,  als  bei  inneren  Tuberkulosen.  Die  Er- 
ebnisse  sind  jedoch  auch  bei  der  Hauttuberkulose  ebenso  wenig  konstant 

•  ie  dort.  Nur  ein  Teil  der  als  positiv  zu  erwartenden  Fälle  ergab  auch  ein 
ositives  Resultat.  Ein  solches  zeigten  aber  auch  Fälle  von  Trichophytie, 
on  Furunkulosen,  von  Impetigo  contagiosa,  von  florider  Lues  und  andere, 
»ie  Untersuchungen  von  Frey  ergaben  günstigere  Zahlen,  insofern  als  bei 
inen  Lupus  vulgaris  und  Skrophulodermen  bis  zu  82  Proz.,  Tuberkulide  etwa 
0  Proz.  ein  positives  Resultat  ergaben,  während  die  gleichen  Zahlen  bei 
L  und  H.  nicht  unbeträchtlich  geringer  waren.  Das  Fehlen  einer  positiven 
Reaktion  in  Fällen,  in  denen  eine  zu  erwarten  gewesen  wäre,  lässt  sich  daraus 
rklären,  dass  der  Uebertritt  von  toxischem  oder  infektiösem  Material  nicht 
ontinuierlich,  sondern  schubweise  vor  sich  zu  gehen  pflegt,  ein  negativer 
iusfall  bei  einer  sicher  aktiven  Tuberkulose  kann  somit  durch  das  Fehlen 
on  Antigenen  in  Blut  und  Harn  bedingt  sein.  Da  ferner  auch  bei  anderen 
ls  tuberkulösen  Prozessen  Antigene  ins  Blut  und  damit  in  den  Harn  über- 
reten  können,  kann  auch  in  solchen  Fällen  durch  das  Zusammenwirken  von 
intigen  und  Antikörpern  eine  positive  Reaktion  resultieren.  Da  nun  ferner 
er  Ausdruck  dieses  Zusammenwirkens  in  der  Form  seiner  Hautreaktion  ein 
ientisches  Aussehen  besitzt,  ohne  Rücksicht  darauf,  welcher  Art  Antigene 
nd  Antikörper  sind,  so  kann  eine  positive  Reaktion  nur  dann  im  Sinne  einer 
ktiven  Tuberkulose  zu  verwerten  sein,  wenn  sich  alle  diese  anderen  Pro¬ 
esse  ausschliessen  lassen.  Durch  diese  Einschränkung  wird  aber  natürlich 
er  praktische  Wert  der  ganzen  Reaktion  sehr  eingeschränkt,  wenn  nicht 
berhaupt  illusorisch. 

Einen  interessanten  Beitrag  zur  Klinik  des  Erythema  exsuda- 
ivum  multiforme  bringt  Brünauer  (Arch.  f.  Derm.  u.  Syph.  142, 
i.  2).  Er  beschreibt  4  Fälle,  bei  denen  neben  den  üblichen  Lokalisationen 
Erscheinungen  an  der  Glans  penis,  am  Präputium  und  am  Skrotum  bestanden 
atten.  An  der  Glans  handelte  es  sich  um  rundlich  flache  Epitheldefekte; 
as  Epithel  war  am  Rande  abgehoben  und  verdickt.  Die  Umgebung  der  Rän- 
er  erwies  sich  als  stark  gerötet,  der  eigentliche  Defekt  präsentierte  sich  als 
iemlich  glatt  und  weisslich  belegt.  Die  Herde  an  Präputium  und  Skrotum 
'■aren  ähnlich,  z.  T.  jedoch  mit  Schuppen  bedeckt,  der  Hof  war  hellrot  ent- 
ündet.  Differentialdiagnostisch  Messen  sich  Lues,  Ulcus  molle,  Balanitis, 
mtipyrinexanthem  und  Pemphigus  ausschliessen. 

Aus  der  Deutschen  Klinik  in  Prag  liegt  von  I  s  e  r  (Derm.  Wschr.  23,  8) 
ine  zusammenfassende  Arbeit  über  die  Behandlung  des  Pemphigus 
or.  Der  Verf.  kommt  auf  Grund  der  Durchsicht  des  sich  über  Jahre  er¬ 
weckenden  Materials  zu  dem  Ergebnis,  dass  Salvarsan,  Chinin,  Trypaflavin 
nd  Seruminjektionen  symptomatisch  wirksam  sind.  Bei  der  Unverträglichkeit 
es  einen  ist  unverzüglich  das  andere  zu  geben.  Das  Salvarsan  wird  in  Dosen 
on  0,15  gegeben,  im  ganzen  etwa  bis  6,25  g.  Beim  Pemphigus  vegetans  ist 
Ins  Neosalvarsan  das  Mittel  der  Wahl.  Es  muss  auch  hier  in  kleineren  Dosen 
:ber  längere  Zeit  gegeben  werden. 

Die  auch  anderwärts  bereits  gemachten  Erfahrungen  über  eine  grössere 
läufigk  eit  un  spezifischer  Epididymitiden  ergänzt  Schu¬ 
macher  mit  einer  grösseren  Arbeit  aus  der  Münchener  Klinik  (Arch.  f. 
•erm.  u.  Syph.  1923,  142,  3).  Das  Leiden  führt  in  der  Regel  nur  zu  sehr 
massigen  Beschwerden.  Seine  Hauptbedeutung  liegt  in  den  diagnostischen 
'diwierigkeiten,  und  zwar  sind  es  auch  Schädigungen  psychischer  Art,  die 
hr  den  Kranken  aus  einer  oft  vorschnellen  Diagnose  erwachsen  können. 
Me  Erkrankung  kann  bald  mehr  akut,  bald  mehr  schleichend  einsetzen;  es 
önnen  demnach  alle  möglichen  Fehlschlüsse  über  deren  Aetiologie  eintreten, 
on  denen  wohl  diejenige  einer  Tuberkulose,  die  unter  Umständen  dann  zu 


höchst  überflüssigen  Kastrationen  führen  kann,  die  schwerwiegendste  sein 
wird.  Bei  diesen  unspezifischen  Entzündungen  handelt  es  sich  um  eine  meist 
nicht  sehr  schmerzhafte  Schwellung  des  Nebenhodens,  in  deren  Verlauf  sich 
ziemlich  scharf  umschriebene  Knoten  von  glatter,  selten  unebener  Oberfläche 
im  Kaput,  wie  auch  in  der  Kauda  ausbilden.  Das  Vas  deferens  ist  ebenfalls 
in  der  Regel  geschwollen.  In  einem  der  beobachteten  Fälle  bildete  sich  sogar 
ein  Abszess  mit  Fistelbildung  aus.  Das  Alter  der  Kranken  schwankte  zwischen 
22  und  52  Jahren.  Nach  dem  Verlauf  lassen  sich  Fälle  feststellen,  die  in 
wenigen  lagen  abortiv  verlaufen,  und  solche,  die  sich  erst  in  Monaten  zurück¬ 
bilden.  In  den  voll  zur  Ausbildung  gekommenen  Fällen  resultieren  dauernde 
Veränderungen  wie  bei  den  gonorrhoischen  Erkrankungen.  Aetiologisch  kom¬ 
men  vor  allem  banale  Eitererreger  iu  Betracht.  Die  Harnröhre  muss  nicht 
miterkrankt  sein;  jedoch  lassen  sich  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  Erscheinungen 
an  dieser  und  auch  an  der  Prostata  nachweisen.  Eine  hämatogene  Infektion 
scheint  zu  den  grössten  Ausnahmen  zu  gehören.  Das  Vas  deferens  wird  unter 
Umständen  den  Weg  darstellen,  auf  dem  die  Bakterien  in  den  Nebenhoden 
gelangen.  Auch  die  bei  der  Ejakulation  nachgewiesene  Antiperistaltik  kann  zu 
einer  Keimverschleppung  führen,  ebenso  wie  rein  psychisch  bedingte  Er¬ 
regungzustände  der  Genitalsphäre  ohne  jegliche  sexuelle  Betätigung.  Eine 
ätiologische  Bedeutung  kommt  sicher  auch  Traumen  zu.  In  diagnostisch  zwei¬ 
felhaften  Fällen,  in  denen  eine  Tuberkulose  nicht  sicher  auszuschliessen  ist, 
bleibt  als  letztes  Mittel  eine  Probeexzision  übrig.  Die  Behandlung  besteht 
auch  bei  der  unspezifischen  Epididymitis  im  akuten  Stadium  in  Ruhigstellung, 
Hochlagerung,  feuchten  Verbänden  etc.  Eine  lokale  Behandlung  von  Urethra 
und  Prostata  ist  nicht  notwendig,  vielleicht  sogar  nicht  einmal  zweckmässig. 
Die  Therapie  ist  also  eine  durchaus  konservative. 

Ueber  eine  interessante  Beobachtung  einer  Myelitis  transversa 
gonorrhoica  berichtet  Polony  (Derm.  Wschr.  1923,  3).  Es  handelte 
sich  um  einen  18  jährigen  Burschen,  der  sich  an  Gonorrhöe  infiziert  hatte, 
eine  Epididymitis  bekam  und  4  Monate  lang,  ohne  mit  der  Arbeit  auszusetzen, 
in  sehr  wechselnder  Behandlung  stand.  Nach  dieser  Zeit  bemerkte  der  Kranke 
ziemlich  plötzlich  alle  möglichen  Ausfallserscheinungen,  wie  Anästhesien,  Un¬ 
sicherheit  in  den  Beinen,  stichartige  Schmerzen  in  den  unteren  Extremitäten 
u.  dgl.  Das  Gehen  wurde  bald  unmöglich,  die  Temperaturen  bewegten  sich 
um  38,5 u.  Bei  der  Spitalsaufnahme  bestand  eine  vollkommene  Lähmung 
beider  Beine,  Tast-  und  Schmerzempfindung  waren  aufgehoben.  In  der  Gegend 
des  Kreuzbeines  hatte  sich  ein  sehr  ausgedehnter  Dekubitus  ausgebildet.  Die 
obere  Grenze  der  Lähmung  entsprach  einem  Segment  etwa  3  cm  unterhalb 
des  Nabels.  Der  Kranke  kam  2  Monate  nach  dem  Beginn  der  Myelitis  zum 
Exitus  unter  den  Erscheinungen  einer  von  dem  Dekubitus  ausgehenden  Sepsis. 

Bei  systematischen  Untersuchungen  über  eine  besonders  auch  für  die 
Praxis  geeignete  Gonorrhöetherapie  des  Weibes  kam  Bruck 
zu  folgender  Technik  (Derm.  Wschr.  1923,  21).  Die  Behandlung  durch  den 
Arzt  hat  2mal  wöchentlich  in  der  Weise  zu  geschehen,  dass  die  Zervix  nach 
vorheriger  Reinigung  der  Scheide  mit  einem  trockenen  Tupfer  mittels  eines 
mit  Arg.  nitr.  10  proz.  beschickten  Wattestäbchens  ausgewischt  wird.  Dann 
wird  ein  kurzes,  in  Wasser  getauchtes  Hegononstäbchen  in  die  Zervix  ein¬ 
geführt.  Davor  wird  ein  mit  50  proz.  Ichthyolglyzerin  getränkter  Tampon 
mit  Schnur  gelegt.  Die  Harnröhre  wird  mit  1  proz.  Arg. -nitr. -Lösung  aus¬ 
gespritzt.  Man  führt  dann  ein  langes  Hegononstäbchen  in  sie  ein.  Die 
Schleimhautfalten  der  Vulva  werden  mit  ebenfalls  50  proz.  Ichthyolglyzerin 
ausgewischt.  Neben  dieser  Behandlung  durch  den  Arzt  hat  sich  die  Kranke 
selbst  zweimal  täglich  morgens  und  abends  in  der  Weise  zu  behandeln,  dass 
sie  nach  dem  Urinieren  ein  Urethralstäbchen  in  die  Harnröhre  einführt  und 
möglichst  hoch  in  die  Scheide  eine  Hegonontablette  zu  legen  versucht.  Um 
ein  Ausfallen  der  Stäbchen  zu  verhindern,  ist  eine  halbstündige  Bettruhe 
nötig.  Während  der  ganzen  Dauer  der  Behandlung  ist  eine  sog.  Gesundheits¬ 
binde  zu  tragen.  Spülungen  werden  nicht  oder  höchstens  zweimal  wöchent¬ 
lich  vorgenommen.  Der  vom  Arzte  eingelegte  Tampon  wird  am  nächsten 
Morgen  entfernt.  Die  Behandlung  wird  kontinuierlich  5  Wochen  lang  durch¬ 
geführt  und  dann  ausgesetzt.  Reizerscheinungen  oder  Komplikationen  hat 
Bruck  niemals  beobachtet.  Das  Resultat  erwies  sich  als  sehr  günstig,  in¬ 
dem  von  32  genügend  lange  behandelten  Fällen  23  dauernd  geheilt  blieben, 
4  Fälle  mit  Adnexerscheinungen  blieben  ungeheilt,  bei  weiteren  5  Fällen  führte 
die  nächste  Menstruation  zu  Rezidiven.  Zur  persönlichen  Prophylaxe  emp¬ 
fiehlt  Bruck  ein  Präparat,  das  unter  dem  Namen  ,,M  ementomittel“ 
in  den  Handel  kommt,  nur  ungiftige  Bestandteile  enthält  (=  fettfreie,  färb-  und 
geruchlose,  wasserlösliche,  auf  der  Haut  völlig  reizlose  Benzoeformalin¬ 
creme)  und  im  hängenden  Tropfen  mit  Spirochätenmaterial  zusammengebracht 
ein  sofortiges  Abtöten  der  Erreger,  im  Rekurrensversuch  bei  Mäusen  einen 
prompten  Schutz  vor  der  Infektion  bietet.  Für  die  Gonorröeprophylaxe 
liegen  zwei  verschiedene  Packungen  für  Männer  und  Frauen  vor,  die  Hego- 
monstäbchen  enthalten. 

Engel  und  Beer  sehen  günstige  Resultate  mit  der  Fulmargin- 
behandlung  bei  gonorrhoischen  Komplikationen.  Diese 
Behandlung  wird  derartig  durchgeführt,  dass  zuerst  täglich  5,0  ccm,  dann  von 
der  dritten  Spritze  ab  alle  3  Tage  dasselbe  Quantum,  im  ganzen  bis  zu  6  In¬ 
jektionen  gegeben  werden.  Schädigende  Nebenwirkungen  sind  niemals  be¬ 
obachtet  worden,  höchstens  in  einigen  Fällen  Temperaturen  bis  38,5°.  Wäh¬ 
rend  bei  Erkrankungen  der  hinteren  Harnröhre  und  bei  Prostatitis  kein  Er¬ 
folg  zu  verzeichnen  war,  war  dieser  bei  den  Epididymitiden  mit  Ausnahme 
von  2  Fällen  stets  eingetreten.  Bei  Gonarthritiden  führte  diese  Fulmargin- 
behandlung  zu  einer  Verkürzung  der  Behandlungsdauer. 

Auf  Grund  seiner  Studien  über  die  Reflexe  des  Harn  -  und  Ge¬ 
schlechtsapparates  kommt  Bartrina  (Journ.  d’urol.  13,  5)  zu  dem 
Ergebnis,  dass  die  unteren  Harnwege,  der  Geschlechtsapparat  und  die  Ver¬ 
dauungsorgane  von  der  Niere  aus  reflektorisch  beeinflusst  werden  können. 
So  kann  bei  Nierensteinen  ein  renourethraler  oder  prostatischer  Reflex  die  Er¬ 
scheinungen  eines  Harnröhrenkatarrhs  verursachen  und  unter  Umständen  einen 
Verdacht  auf  das  Bestehen  einer  Gonorrhöe  erwecken  helfen.  Auch  Störungen 
der  Geschlechtsfunktion,  wie  Impotenz,  Ejaculatio  praecox  und  Samenfluss 
können  ihre  Ursachen  in  solchen  von  den  Nieren  ausgehenden  Reflexen  haben. 

N  e  r  i  o  versucht  die  einzelnen  Formen  der  sexuellen  Impotenz 
zu  klassifizieren  (Semana  med.  Jahrg.  29,  36;  ref.  Zbl.  8,  5/6).  Die  psychi¬ 
sche  Impotenz  scheint  ihm  nur  eine  Scheinimpotenz  zu  sein,  deren  typischste 
Form  sich  bei  Männern  findet,  die  an  einer  Genitalphobie  leiden.  Bei  dieser 
Form  der  Impotenz  bleibt  das  Verlangen  nach  Kohabitation  und  die  Erek¬ 
tionsfähigkeit  erhalten.  Die  eigentliche  Impotenz  lässt  sich  einteilen  in  eine 
physiologische,  die  dem  Kindesalter  und  dem  Senium  entspricht,  und  in  eine 
pathologische.  Bei  letzterer  unterscheidet  der  Verf.  eine  physio-pathologische, 
die  durch  Neurasthenien,  Diabetes  u.  dgl.  bedingt  wird,  und  eine  organische. 
Die  Ursachen  letzterer  sind  einerseits  lokale  Veränderungen  (Miss-..dung, 


1098 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  33. 


Traumen)  oder  allgemeiner  Natur,  wie  Schwäche,  Kachexie,  Störungen  innerer 
Sekretion,  und  drittens  solche,  die  auf  neurologischer  Grundlage  beruhen. 
Hier  sind  in  erster  Linie  Tabes,  Myelitiden  und  Paralyse  zu  nennen,  ln 
letzterem  Zusammenhang  sind  die  Untersuchungen  von  Alessandro  (Note 
e  riv  di  psich  10,  3)  zu  nennen,  der  fand,  dass  bei  allen  parasyphilitischen  Er¬ 
krankungen  und  besonders  häufig  bei  der  Paralyse  Degenerationen  am  Moden 
Vorkommen  können,  die  sich  in  einer  Verminderung  der  endokrinen  Funk¬ 
tionen  bzw.  einem  völligen  Erliegen  derselben  äussern.  Diese  Storungen 
stehen  mit  der  Schwere  der  Erkrankungen  an  sich  in  keinem  direkten  \  er- 
hältnis.  Sie  sind  wohl  in  der  Hauptsache  durch  Ernährungsstörungen  bedingt, 
die  sich  als  Folge  der  Geiässveränderungen  einstellen,  ln  diesen  Ausfalls- 
Erscheinungen  von  seiten  der  Keimdrüsen  ist  der  Grund  für  die  Unfruchtbar- 
keit  oder  die  herabgesetzte  Fortpflanzungsfähigkeit  der  Paralytiker  zu  suchen. 

ln  gerichtlich-medizinischer  Hinsicht  ist  das  Ergebnis  von  Hodenpunk¬ 
tionen  von  Bedeutung,  die  M  ü  h  s  a  m  an  der  Leiche  zwecks  Untersuchung 
auf  vorhandene  Spermatogenese  angestellt  hat.  Hier  ergab  sich  eine  weit¬ 
gehendste  Uebereinstimmung  zwischen  den  Punktionsresultaten  mit  dem 
histologischen  Befund,  dass  die  Punktion  sich  als  absolut  brauchbares  Mittel 
zur  Feststellung  etwa  noch  oder  nicht  vorhandener  Spermatogenese  darstellt. 

Janovsky  (Casopis  lökaruw  ceskych  23,  42;  ref.  Zbl.  8,  5 /b)  versuchte 
die  Beziehungen  zwischen  Tuberkulose  und  Syphilis 
einer  eingehenden  Untersuchung  zu  unterziehen.  Zunächst  zeigte  sich,  dass 
die  erste  Inkubationszeit  für  Syphilis  bei  den  1  uberkulösen  keine  Ab¬ 
weichungen  von  der  Norm  bietet.  Die  Infektionsgefahr  ist  bei  Tuberkulosen 
und  Nichttuberkulösen  die  gleiche.  In  der  Zeit  zwischen  Ausbruch  des  1  ri- 
märaffektes  und  den  Sekundärerscheinungen  lassen  sich  bei  tuberkulösen 
Individuen  nicht  selten  höhere  Temperaturen  beobachten  als  sonst.  Ueber- 
haupt  ist  bei  der  sekundären  Lues  das  Fieber  stärker  als  bei  gesunden  Per- 
sonen,  pustulöse  Exantheme  sind  häufiger.  Kombinieren  sich  beide  Er¬ 
krankungen  an  den  Schleimhäuten,  so  ist  der  Verlauf  meist  bösartiger,  die 
Therapie  ist  weniger  wirksam.  Die  Neigung  zu  Rezidiven  scheint  bei 
Tuberkulösen  vermehrt  zu  sein.  Im  tertiären  Stadium  der  Lues  konnte  der 
Verf.  trotz  des  grossen  Materials  nur  wenig  tuberkulöse  Kranke  finden. 
Syphilis  praecox  und  maligna  ist  bei  tuberkulösen  Personen  zweifellos  häufiger. 
Dagegen  sind  kongenital  luetische  Kinder  gegen  eine  Tuberkuloseinfektion 
nicht  überdisponiert.  . 

Ob  ihrer  Bedeutung  sei  hier  noch  etwas  ausführlicher  auf  eine  Arbeit 
von  Oppenheim  hingewiesen  (Klin.  Wschr.  23,  1),  die  Beobachtungen 
über  den  Syphiiisverlauf  bzw.  das  Verhalten  der  Ausscheidung  von 
Quecksilber  und  Salvarsan  bei  der  Jarisch-Herxheimerschen  Re¬ 
aktion  zum  Gegenstand  hat.  Nach  diesen  systematischen  Untersuchungen, 
wie  solche  meines  Wissens  noch  nicht  vorliegen,  sind  überstarke  Reaktionen 
zweifellos  ungünstig  für  den  weiteren  Verlauf  der  syphilitischen  Infektion. 
Die  Beobachtungen,  die  sich  auf  eine  Zeitdauer  von  über  2  Jahren  erstrecken, 
lassen  deutlich  erkennen,  dass  starke,  aber  unter  Umständen  auch  geringfügige 
Reaktionen  eine  Disposition  zu  einem  häufigeren  und  früheren  Eintritt  von 
Rezidiven  nach  sich  ziehen  können.  Die  Salvarsanexantheme  sind  häufiger 
als  sonst.  Die  Ausscheidung  von  Salvarsan  und  von  Quecksilber  sind  bei 
der  Reaktion  verzögert,  und  zwar  in  gleichem  Umfange  wie  die  Stärke  der 

Wechselmann,  Lockemann  und  Ulrich  bestimmten  den 
Arsen gehalt  von  Blut  und  Harn  nach  der  intravenösen 
Applikation  verschiedener  Salvarsanpräparate  und 
seine  Beziehungen  zu  Salvarsanschädigungen  (Arch.  f.  Derm.  u.  Syph.  HZ, 
2)  Der  Arsengehalt  von  Blut  und  Harn  hängt  von  zwei  Bedingungen  ab, 
nämlich  von  der  chemischen  Natur  des  eingespritzten  Präparates  und  vom 
Ausscheidungs-  bzw.  Aufspeicherungsvermögen  des  Organismus.  Beim  bal- 
varsannatrium  und  beim  Neosilbersalvarsan  verschwindet  in  den  ersten  Stun¬ 
den  und  Tagen  nach  der  Einspritzung  das  Arsen  durchwegs  viel  schneller 
aus  dem  Blut  als  bei  Neosalvarsan  und  Silbersalvarsan.  Nicht  jede  Zurück¬ 
haltung  von  Arsen  im  Blut  muss  sich  auch  klinisch  irgendwie  äussern.  Die 
Ausscheidungsverhältnisse  können  sich  nach  der  günstigen  und  ungünstigen 
Seite  hin  sehr  schnell  ändern.  Im  allgemeinen  wirkt  jedoch  eine  sehi  stark 
verzögerte  Ausscheidung  schädigend  auf  den  Organismus.  Das  in  die  Vene 
eingespritzte  Salvarsan  wird  zum  Teil  durch  die  Niere  ausgeschieden,  z.  1 . 
an  die  Körperzellen,  besonders  diejenigen  der  Leber  gebunden.  Hier  bilden 
sich  wahrscheinlich  ungiftige,  langsam  und  gleichmäßig  wieder  in  den  Blut- 
Kreislauf  gelangende  Verbindungen.  Der  ganze  klinische  Verlauf  zeigt,  dass 
diese  im  Körper  zurückgehaltenen  Mengen  von  Arsen  vollkommen  ungiftig  sind. 

Einen  bemerkenswerten  Beitrag  über  die  r  e  1  a  t  i  v  e  U  n  g  i  f  t  i  g  k  e  1 1 
auch  grosser  Mengen  von  Bismogenol  veröffentlicht  Prater 
(Derm.  Wschr.  23,  14).  Ein  Kranker  erhielt  im  Abstand  von  3  Tagen  2  mal 
je  10  ccm  Bismogenol  intramuskuär,  d.  h.  also  das  Zehnfache  der  üblichen 
Dosis.  7  Tage  nach  der  zweiten  Injektion  trat  eine  Stomatitis  auf,  die  einen 
grösseren  Umfang  mit  Belegen  annahm.  Am  Zungenrand  bildete  sich  eine 
weiche,  oberflächliche  Nekrose  aus.  Im  Urin  fand  sich  ein  Eiweissgehalt 
von  %  Proz.  Die  Erscheinungen  besserten  sich  unter  Bettruhe  sehr  rasch, 
der  Urin  war  nach  6  Wochen  wieder  eiweissnegativ.  Die  Vergiftungserschei¬ 
nungen  waren  demnach  im  Hinblick  auf  die  sehr  grosse  Ueberdosierung 
sehr  gering. 

Accame  (Semana  med.  Jahrg.  29,  38;  ref.  Zbl.  8,  8)  fasst  seine  An¬ 
sichten  über  die  Beziehungen  zwischen  sexueller  Erzieh  u  n  g 
einerseits  und  Geschlechtskrankheiten  andererseits 
in  einer  grösseren,  bemerkenswerten  Arbeit  zusammen.  Die  sexuelle  Er¬ 
ziehung,  die  Biologie,  Pathologie,  Soziologie  und  Ethnographie  zu  umfassen 
hat,  hat  in  frühester  Jugend  einzusetzen.  Eine  etwa  vorhandene  Disposition 
zu  sexuellen  Anomalien  kann  durch  physische  und  psychische  Kräftigung  in 
frühester  Jugend  bekämpft  bzw.  zur  Normalität  zurück-  oder  ubercefuhrt 
werden.  Sexuelle  Funktionsstörungen  lassen  sich  von  einer  Hypo- oder  Hyper¬ 
funktion  der  Keimdrüsen  ableiten.  Die  Sexualerkrankungen  als  solche  sind 
kongenital;  die  funktionellen  sind  in  der  Regel  erworben.  Die  Ursache  ist 
dann  in  Organschwäche,  in  Syphilis,  in  Alkoholismus  oder  in  Geistekrankheiten 
zu  suchen.  Ganz  besonders  häufig  liegt  kongenitale  Lues  zugrunde.  A  c  c  a  m  e 
weist  mit  Recht  darauf  hin,  dass  bei  der  ganzen  Belehrung,  bei  der  metho¬ 
dische  Arbeit,  sportliche  Betätigung,  zweckmässige  Wohnungshygiene  etc. 
mitzuwirken  hat,  nicht  nach  einem  Schema  verfahren  werden  darf.  Es  lassen 
sich  hier  nicht,  wie  schon  an  anderer  Stelle  Mayr  hervorgehoben  hat,  den 
übrigen  Schulfächern  analoge  Lehrpläne  aufstellen.  Einzig  und  allein  eine 
möglichste  Unbefangenheit  bei  der  Erörterung  dieser  Dinge  durch  den  Lehrer 
kann  erzieherisch  wirken  ohne  dass  irgendwelche  Peinlichkeitsmomente  für  den 
Lehrer,  die  dann  zu  Geheimnistuereien  u.  dgl.  führen  müssen,  in  Augenschein 
treten  dürfen. 


Zeitschriften  -Uebersicht. 


Brauer  sehe  Beiträge  zur  Klinik  der  Tuberkulose.  Band  53 
T.  Stenström:  Das  Problem  Influenza-Lungentuberkulose  und  damh 
zusammenhängende  Fragen. 

Die  Empfänglichkeit  für  Influenza  ist  bei  Gesunden  und  Tuberkulöser, 
dieselbe.  Manifeste  Tuberkulose  wird  je  nach  der  Schwere  der  1  uberkulost 
durch  eine  Grippe  beeinflusst,  im  allgemeinen  tritt  eine  V  erschlimmerung  ein 
die  Grippe  kann  auch  auslösend  für  Lungentuberkulose  wirken. 

W.  Röckemann:  Untersuchungen  über  die  Tuberkulinreaktion. 
Stärkerwerden  der  Pirquetreaktion  kann  eintreten  nach  Erregbarkeits¬ 
erhöhung  des  Vasomotorenapparates  (z.  B.  nach  Schwefelapplikation  auf  di«. 

^  "  a.  Winkler:  Das  Wesen  der  Tuberkulinreaktion  vom  Gesichtspunkt! j 

allgemein-pathologischer  und  pathologisch-anatomischer  Grundlagen  der  Organ- 
tuberkulöse.  Zum  Referat  ungeeignet.  ^  . 

Th.  J.  Bürgers:  Die  experimentellen  Grundlagen  moderner  Tuberku- 

losetherapie. 

Nach  parenteraler  Tebeloninjektion  konnten  im  lierversuche  weder  Ein¬ 
wirkung  auf  die  vorhandene  Tuberkulose  noch  Antikörper  nachgewieserl 

\yprHpn 


werdcin  ^  f  $  und  Webering:  Die  experimentellen  Grundlagen  moderne! 

.  ..  .  ■  ■  rv»  i i .. ,11....»  n P  o  1  r  ii  c  P  li  k  v  I 


Tuberkulosetherapie.  11.  Die  Perkutanbehandlung  nach  Petruschky. 

'  nwendung  der  Perkutanbehandlung  zeigte  nach  autop- 


Verschiedenste  Anwendung  u«.«  .  ........ ...... - -—■  *»  — -yr  — yt 

tischen  Befunden  nicht  den  geringsten  Einfluss  auf  die  1  uberkulose  deil 

H  Selter  und  E.  Tan  er  6:  Ueber  die  Natur  der  in  den  Tuberkuline,; 

wirksamen  Stoffe.  I 

Die  „Tuberkulinwirkung“  (wörtlich  zitiert)  ist  ein  chemisch-physikalischeil 
Vorgang;  ”  die  Allergie  kann  nur  durch  Einwirkung  lebender  virulenter  Bajj 
zillen,  nicht  durch  abgetötete  bzw.  ältere  Kulturen  hervorgerufen  werden! 
E.  Guth:  Lungentuberkulose  und  vegetatives  Nervensystem. 

Beim  Zustandekommen  der  Tuberkulinreaktion  sind  vasomotorische  \oi  (I 
gänge  ausserordentlich  stark  beteiligt  (Hemmung  durch  Suprarenin,  Fordei 
rung  durch  Pilokarpin,  Temperatursenkung  durch  Atropin). 

E.  Szäsz:  Gibt  cs  eine  anaphylaktislerende  Tuberkulinbehandlung?  j 
Definition  des  Begriffes.  Ablehnung. 

E.  Kadisch:  Ueber  das  Silicium,  speziell  die  Kieselsäure  bei  .dei 
Therapie  der  Lungentuberkulose. 

Silicium  entfaltet  keine  Wirkung  auf  die  Lungentuberkulose.  . 

E.  De  ho  ff:  Weitere  Beobachtungen  über  die  Bedeutung  der  Uro! 
chromogenreaktion  bei  chirurgischer  I  uberkulose.  .  I 

Negative  Reaktion  indiziert  konservative,  positive  Reaktion  auch  bej 
klinisch  nicht  schwer  erscheinendem  Prozesse  operative  Behandlung. 

A.  Sercer  und  R.  Peiöic:  Ein  Beitrag  zur  Kasuistik  der  Todesfall 
beim  künstlichen  Pneumothorax.  Kasuistischer  Beitrag. 

H.  G  o  r  k  e  und  ü.  T  ö  p  p  i  c  h:  Untersuchungen  über  die  Beeinfliissuu 
experimentell  erzeugter  chronischer  Lungentuberkulose  des  Kaninchens  mittel 
des  Goldpräparates  „Knysolgan“  und  durch  Röntgenbestrahlungen.  1.  Mit 

tUl  "Behandlung  experimentell  gesetzter  Kaninchentuberkulose  mit  Krysolga» 
und  Röntgenstrahlen  ergab  kein  Abweichen  des  histologischen  Bildes  vol 
Lungen  der  Tiere,  die  mit  einer  der  Komponenten  behandelt  waren.  Di 
Beeinflussung  des  Prozesses  war  nirgends  beweisbar. 

A.  Wallgren:  Epidemisches  Auftreten  von  Erythema  nodosuin. 

E.  n.  ist  eine  sporadisch  meist  in  der  Folge  von  1  uberkulose  au  . 

tretende  Infektionskrankheit.  „  „  ,  .  ,  1 

Q.  Geiger:  Die  Pneumothoraxbehandlung  im  Stadt.  Krankenhaus  Lud 

wigshafen  a.  Rh.  1920/21.  25  Fälle,  14  gute  Fortschritte,  6  Todesfälle.  U 

E.  Moro:  Spezifische  Tuberkulosebehandlung  mit  Einreibungen  vo 
Eiktebin  in  die  Haut.  Theoretische  Grundlagen,  Methodik  der  Therapie. 

K.  Staunig:  Zur  Technik  der  röntgenologisch  differenzierten  Lunger: 

Untersuchung. 

R.  Peters:  Erwiderung,  Schlusswort. 

Persönliche  Replik. 

D.  Reinders:  Die  Exposition  der  Spitze  der  Lunge. 

Kritik  der  Theorien  über  den  Infektionsmodus.  Ablehnung  der  I  heori>l 
der  aerogenen  und  hämatogenen  Infektion.  Unterscheidung  von  DispositicJ 
und  Exposition  (Aussetzen  von  Lungenpartien  der  Bazilleninvasion).  ln  üta 
durch  Entzündung  der  unteren  Halsdrüsen  (Zähne,  Tonsillen)  entstehende! 
Adhäsionen  ist  ein  pathologischer  Weg  für  die  oft  in  den  tiefen  Hall 
drüsen  vorhandenen  Bazillen  (?).  Den  Umstand,  dass  die  Lungenspitze  dur« 
diesen  Weg  den  Bazillen  zugänglich  ist,  nennt  Verf.  Exposition,  der  er  eit; 
überragende  Bedeutung  beim  Entstehen  der  Lungentuberkulose  zumisst.  I 
R.  Katz:  Die  Bedeutung  der  biologischen  Reaktionen  für  den  Statt 
und  die  Prognose  einer  Tuberkulose.  .  ..  _.  J 

In  Hinsicht  auf  Diagnose  und  Prognose  der  Tuberkulose  ist  die  \  LI 
q  u  e  t  sehe  Kutanprobe  bedeutungslos.  Wiederholte  r  negativer  .Austu  | 
der  Intrukutantuberkulininjektion  lässt  die  >  Diagnose  I  uberkulose  a 
schliessen.  Starker  und  mittelstarker  Ausfall  nach  subkutaner  Tuberkulid 
injektion  und  starke  Reaktion  auf  alle  Partialantigene  gestaltet  die  PrognoQ 
günstig,  allergisches  Bild  bei  späteren  Partialimpfungen  ist  prognostisch  in 

fuust  zu  bewerten.  .  ,  .  e  . 

K.  Rennen:  Ueber  Sepsis  tuberculosa  gravissima  bei  einem  rai 

von  Polyzythämie.  Kasuistischer  Beitrag. 

E  S  e  e  g  e  r:  Ueber  die  Bedeutung  der  Kutanproben  mit  spezifischen  An' 
genen  und  unspezifischen  Proteinkörpern  für  die  Prognose  der  chronisch*! 

Lungentuberkulose.  ......  .  -rwtJ 

Starke  P  i  r  q  u  e  t  sehe  Reaktionen  mit  gleichzeitiger  guter  M.Tb.M 
Reaktion  bieten  eine  gute  Prognose,  Fehlen  der  M.  Tb  R.-Reak >n  ui 
schwacher  bis  negativer  Pirquet  sind  prognostisch  ungünstig  zu  bewerten. 
H.  KUmme  11  jr.:  Ueber  eine  Gruppenreaktion  mit  Blutkörperchen  o- 

Nachweis  von  Tuberkuloseantigenen  in  den  Erythrozyten  durch  intrjl 
kutane  Verimpfung  derselben  in  Anlehnung  an  die  Ideen  Spenglers' 
Gegensatz  zu  Much  und  Leschke,  entsprechend  der  Theorie  der  Eige 
harnreaktion  von  W  i  1  d  b  o  1  z.  Technik  und  Gewinnung  des  Injektion  . 

materials  im  Original  nachzulesen.  .  „  ...  _ 

E.  A.  Schmidt:  Ueber  die  K  ü  in  m  eil  sehe  Gruppenreaktion  n 

Blutkörperchen  bei  Lungentuberkulose.  , 

Ablehnung  der  K.schen  Reaktion  bei  Lungentuberkulose  (60  Falle). 


.  AuKust  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1099 


P.  Hecht:  lieber  erworbene  Dextrokardie  bei  chronischer  Limgcn- 

bcrkulose. 

Beruht  auf  rechtsseitiger,  zu  totaler  Schrumpfung  führender  Zirrhose 
kurzer  Zeit.  Prognose,  falls  Kavernen  nicht  vorhanden,  günstig. 

C.  Falkenheim  und  P.  György:  Ueber  die  Beziehungen  des 

iberkullns  zur  Serumlipase. 

Tuberkulin  besitzt  eine  Affinität  zur  Serumlipase  (=  die  Fetthülle  der 
izillen  lösendes  Ferment),  wirtet  „vergiftend“  auf  sie  in  der  Art  chemischer 
•aktion.  Cs  kann  in  dieser  Hinsicht  kein  Unterschied  zwischen  normalem 
rum  und  Serum  Tuberkulöser  nachgewie'sen  werden. 

A.  Rustemeyer:  Die  W  e  i  s  s  sehe  Urochromogenreaktion  und  ihr 
ognostlscher  Wert  in  der  Beurteilung  der  Lungentuberkulose. 

Inkonstant  auftretende  U-Reaktion  beweist  eine  Verschlimmerung  des 
idens  ohne  sichere  prognostische  Schlüsse,  konstante  U-Reaktion  deutet 
f  eine  infauste  Prognose  hin. 

A.  Sternberg:  Ueber  die  Diagnose  der  Lokalisation  der  Luugen- 

ütungen. 

Die  Hauptgefahr  der  Hämoptoe  besteht  in  der  Aspirationspneumonie,  die 
wohnlich  einseitig  der  blutenden  Lunge  entsprechend  cintritt.  Hierbei  ist 
icumothorax  arteficialis  indiziert. 

H.  Oerhartz:  Experimentelle  Untersuchungen  über  den  Einfluss  des 
nähningszustandes.  des  Alters  und  anderer  allgemeiner  Einflüsse  aui  den 
•rlauf  der  Tuberkulose. 

Meerschweinchenversuche;  Einfluss  nicht  feststellbar. 

J.  Schnorrenb  erg:  Ueber  das  Verhalten  der  weissen  Bl"'lfnrpcr- 
en  bei  der  chronischen  Lungentuberkulose,  insbesondere  bei  Mischinfektion. 

Leukozytosen  deuten  nicht  stets  auf  Mischinfektion  hin.  Neutrophilien 
gegen  kommen  fast  nur  dabei  vor. 

O.  Seiffert:  Der  Nachweis  der  Hustentröpfchen,  ihre  Bedeutung  für 
iektionen,  insbesondere  bei  Tuberkulose. 

Vergl.  d.  W.  1922  Nr.  28  S.  1038. 

B  a  1 1  i  n  und  Lorenz:  Die  Hämoptoe  in  ihrer  Beziehung  zu  den  patho- 
'isch-anatomischen  Grundformen  der  Lungentuberkulose. 

Die  zirrhotischen  Formen  der  Lungentuberkulose  stellen  infolge  des  Ver¬ 
ses  des  elastischen  Gewebes  das  Hauptkontingent  zu  den  Hämoptoen. 

H.  v.  Hayek:  Zur  Frage  der  Tuberkulindiagnostik. 

Zum  Referat  ungeeignet. 

Rodenacker.  Die  Pausen  zwischen  den  einzelnen  Tuberkulinein¬ 
ritzungen. 

Bericht  über  Erfolge  bei  kleinsten  Dosen  Bazillenemulsion  Höchst  in 
igeren  Intervallen  (3  Wochen)  177  Fälle. 

K.  Käding:  Mamillenschatten  im  Röntgenbilde. 

Darstellung  am  besten  in  10  cm  Haut-Platten-Abstand  nach  vorherigem 
:ibcn  der  Mamille  (Hyperämie). 

A.  V.  Frisch:  Kombination  von  Pneumothorax  und  Phrenikotomie  als 
icrapie  der  Lungentuberkulose. 

Bei  Hämoptoe,  die  trotz  Anlegung  eines  Pneumothorax  (infolge  flächcii- 
fter  Verwachsungen  am  Diaphragma)  nicht  zum  Stillstand  kommt,  ist  die 
irenikotoniie  indiziert.  3  Fälle. 

E.  La  deck:  Zur  röntgenologischen  Feststellung  des  freien  phreniko- 

stalen  Winkels. 

Bewegung  des  Körpers  nach  der  Seite  der  gesunden  Lunge,  Stemmen  der 
ind  der  gesunden  Seite  in  die  Hüfte,  Umgreifen  des  Kopfes  mit  der  Hand 

r  kranken  Seite. 

J.  Petschek:  Beitrag  zur  Tuberkuloseinfektlon  im  Säuglingsalter. 

F.  Jessen:  Tuberkulöse  Usur  der  Lungenpleura  beti  künstlichem 

icumothorax. 

S.  Berg:  Ein  Fall  von  Konglomerattuberkel  der  Leber  mit  sekundärem 
bphrenischen  Abszess.  Drei  kasuistische  Beiträge. 

P.  Strassmann:  Schwangerschaft  und  Tuberkulose.  Fortbildungs- 

rtrag. 

Indikationsstellung  für  den  Praktiker.  Zum  kurzen  Referat  ungeeignet. 

K.  Peyrer:  Ueber  offene  Tuberkulose  im  Kindesalter. 

Tuberkulose  kann  im  2.  Stadium  (Kindertuberkulose)  offen  sein,  wobei 

:  Prognose  relativ  günstig  gestellt  werden  kann. 

C.  J.  Raff  auf:  Ueber  die  Veränderungen  des  weissen  Blutbildes  im 
rlauf  der  diagnostischen  Tuberkulinanwendung  bei  Lungentuberkulose. 

Die  Verschiebung  des  weissen  Blutbildes  nach  Tuberkulinanwendung  ist 
r  Ausdruck  der  Reaktion  des  Gesaintorganismus  und  ein  feineres  Reagens 
>  die  anderen  Reaktionsarten.  Eosinophilie  und  Lymphozytose  ohne  Eosino- 
ilie  nach  Tuherkulininjektion  ist  prognostisch  günstig  und  indiziert  Tuber- 
lintherapic,  Neutrophilie  mit  Fehlen  der  Eosinophilen  ist  prognostisch  un- 
nstig  und  mahnt  zur  Vorsicht  bei  Tuberkulintherapie. 

Fr.  Kellner:  Beitrag  zur  Kenntnis  der  Pncumothoraxnebenhöhlen. 

Fall  von  Pneumothoraxnebenhöhle,  die  vor  dem  Cor  und  den  Gefässen 
legen  in  vivo  nicht  erkennbar  durch  Kompression  den  Tod  herbeiführte, 
itopsie. 

W.  Böhme:  Problematische  Gedanken  zur  Ponndorf-Hautimpfung. 

Zum  kurzen  Referat  ungeeignet. 

K.  Gottlieb:  Histologische  Untersuchungen  zur  Tuberkulosetlicrapie 

t  Ektebin. 

Ektebinapplikation  bewirkt  eine  histologisch  charakterisierte  Tuberkulin- 
tzündung,  histologisch  nachweisbar  ist  auch  Eindringen  von  Bazillen- 
littern  in  die  tieferen  Hautschichten,  wo  sie  dann  aufgelöst  werden. 

A.  Menninger  v.  Lerchenthal:  Die  Tuberkulose  in  einem  Ge- 
•gstalc.  Zum  kurzen  Referat  nicht  geeignet. 

E.  Sp  rin  gut:  Steigerung  abgestimmter  Reaktionen  durch  unabge- 
mmte  Reizmittel. 

Vorbehandlung  mit  Yatren  (1  :  100U)  bewirkt  eine  starke  Steigerung  der 
aktionsfähigkeit  auf  Alttuberkulin  (1:100  000)  und  Partialantigene. 

F.  Mattausch:  Unspezifische  Immunität  bei  der  chronischen  Lungen- 

Iierkulose. 

Erfolgreiche  Behandlung  von  auf  dem  Boden  von  Phthisen  aufgetretenen 
unchopneumonien  mit  Immunovollvakzine  (Omnadin  -  M  u  c  h). 

H.  Ulrici:  Jahresbericht  deutscher  Lungenheilanstalten  1921. 

O.  Wiese:  Zur  Häufigkeit  der  tuberkulösen  Infektion  im  Schulalter. 
Polemik  gegen  Klose  —  Band  52,  1.  Ein  einmaliger,  auch  jährlich 
cderholter  Pirquet  genüge  nicht,  die  Wiederholung  solle  innerhalb  4  Tagen 
ecks  Sensibilisierung  event.  mit  verschiedenen  Tuberkulinen  erfolgen. 

H.  Deist:  Beitrag  der  experimentellen  Meerschweinchentuberkulosc 
d  ihrer  Beeinflussung  durch  Röntgenbestrahlung. 

Bericht  über  eine  neue  Methode  der  experimentellen  Mcerschwcinchen- 


tuberkulose.  Leuko’zytcnsturz  durch  Röntgenbestrahlung,  dadurch  schnellere 
Ausbreitung  des  Prozesses  (14  Tage);  Versager  jedoch  häufig. 

K.  Neufeld  -  Hamburg. 

Deutsche  Zeitschrift  für  Chirurgie.  178.  Band,  5.  bis  6.  Heft. 

Adolf  Herrmannsdorfer:  Experimentelle  Nierenstudien  an  Para- 
biose-  und  Einzelratten.  (Aus  der  Chir.  Univ. -Klinik  München.  Prof.  Sauer¬ 
bruch.) 

Weiterer  Ausbau  der  von  Georg  Schmidt  an  der  Klinik  Sauer- 
b  r  u  c  h  wieder  aufgenommenen  Parabioseexperimente.  I.  Parabiosevergif- 
tung.  Meistens  kommt  es  bei  parabiotischen  Tieren  zu  einem  Vergiftungsbild 
infolge  innerer  biochemischer  toxischer  gegenseitiger  Beeinflussung.  Der 
Grad  der  Vergiftung  hängt  ab  von  der  Nähe  der  biologischen  Verwandtschaft 
der  Partner.  Wichtigste  Symptome  dieser  Vergiftung  sind  Kachexie  und  Blut¬ 
verschiebung.  Das  kachektische  und  hypcrämischc  Tier  stirbt  zuerst.  Bei 
einer  harmonisch  scheinenden  Parabiose  erfolgt  die  Blutverschiebung  vor¬ 
wiegend  durch  akzessorische  Gefässverbindungen. 

II.  Ueber  Nierenkompensation  bei  Parabiosetieren.  Ein  cölostomiertes 
Parabiosepaar  kann  monatelang  mit  einer  einzigen  Niere  gesund  ohne  die  ge¬ 
ringsten  urämischen  Erscheinungen  leben.  Die  Rcstniere  leistet  eine  4  fach 
gesteigerte  Arbeit  und  hypertrophiert  um  das  3  fache.  Bei  nur  durch  Haut¬ 
muskelbrücke  vereinigten  Tieren  geht  die  Kompensation  des  Nierenausfalls 
weniger  weit.  Der  Abtransport  der  Harnschlacken  aus  dem  nierenlosen 
Partner  geschieht  z.  T.  durch  die  Bauchlymphe. 

III.  Urämie  und  Eklampsie.  Durch  beidseitige  Nierenhilusunterbindung, 
Nephrektomie,  Ureterunterbindung,  Blasenkappung  und  intraperitoneale  Ein¬ 
spritzung  von  Harn  einer  gesunden  Ratte  wird  stets  dasselbe  Krankheitsbild 
der  echten  Harnvergiftung  erzeugt:  echte  oder  Retentionsurämie.  Eine  ent¬ 
giftende  Funktion  innersekretorischer  Nierenprodukte  ist  bei  der  Harnvergif¬ 
tung  nicht  nachweisbar.  Die  sog.  hormonale  Nierentätigkeit  spielt  daher  bei 
der  Urämie  keine  Rolle.  Tonisch-klonische  Krämpfe  gehören  nicht  zur  echten 
Urämie.  Wird  Harn  von  Parabioseratten  einer  gesunden  Einzelratte  intra- 
peritoneal  injiziert,  so  verendet  sie  akut  unter  tonisch-klonischen  Krämpfen 
unter  dem  Krankheitsbilde  der  Eklampsie.  Das  Krampfgift  entsteht  durch 
extrarenale  biochemische  Störungen  unter  Mitwirkung  der  Nieren  („Nieren“- 
krampfgift).  Analog  sind  die  Eclampsia  gravidarum  und  die  Krampfurämie 
als  Erkrankungen  aufzufassen,  die  bei  toxischer  Störung  des  Gesamtstoff¬ 
wechsels  durch  Krampfgiftbildung  in  den  Nieren  mit  Resorption  des  Giftes  in 
den  Kreislauf  entstehen. 

Oskar  Hürzeler:  Chirurgische  Askariserkrankungen.  (Aus  dem  allg. 
Krankenhaus  zu  Bad  Homburg  v.  d.  H.  Prof.  Dr.  Bode.) 

2  Fälle  von  Askaridiasis  unter  dem  Bilde  der  Appendizitis.  2  weitere 
unter  dem  Bilde  des  Ileus,  die  beiden  letzten  wurden  operiert  mit  Laparo¬ 
tomie,  später  Santoninkur,  ein  Exitus.  Anschliessend  ein  Fall  von  traumati¬ 
scher  Perforationsperitonitis  bei  Askaridiasis. 

Friedrich  K  e  m  p  f  -  Braunschweig:  Die  maligne  intermittierende  adhäsive 
Peritonitis  und  ihre  Behandlung  mit  körpereigenem  flüssigem  Fett. 

Ausführliche  Krankengeschichte  eines  Patienten,  der  im  ganzen  9  mal 
operiert,  7  mal  laparotomiert  wurde,  meistens  wurden  Verwachsungen  gelöst, 
der  letzten  Operation  erlag  der  Kranke.  Verf.  spricht  von  einer  „fessellos 
fortschreitenden,  chronischen,  durch  akute  Schübe  weitergetragene  Peritonitis 
von  äusserst  malignem  Charakter“.  Anschliessend  wird  die  Frage  der  peri¬ 
tonealen  Adhäsionen  und  deren  Vorbeugung  erörtert.  (Der  unbefangene  Leser 
hat  den  Eindruck,  dass  der  Kranke  ein  schwerer  Neurotiker  war.  Rcf.) 

Karl  Gras  mann:  Zur  Aetiologie  spontaner  Massenblutungen  ins 
Nierenlager.  (Aus  der  chir.  Abt.  des  städt.  Krankenhauses  München  r.  d.  I. 
Dr.  Max  G  r  a  sman  n.) 

Im  Anschluss  an  ein  Panaritium  ossale  entstanden  bei  der  36  jährigen 
metastatische  Abszesse  und  Infarkte  in  der  Rindenschicht  der  rechten  Niere, 
an  einer  Stelle  kam  es  nach  Durchbruch  der  Rindenschicht  und  Sprengung  der 
Nicrenkapsel  zu  einer  ausgedehnten  Diapedesisblutung  ins  Nierenlager.  Auch 
andere  Fälle  in  der  Literatur  sind  vielleicht  ähnlichen  hämatogenen  Ursprungs. 

Aurel  C  a  n  d  e  a  -  Timisoara  (Rumänien):  Primäres  Sarkom  der  Leber. 

Durch  eine  Blutung  mit  Kollaps  machte  sich  eine  nussgrosse  Geschwulst 
der  Leber  bemerkbar,  die  exstirpiert  wurde,  histologisch  Sarkom;  Tod  nach 
2  Jahren  an  Rezidiv.  Anschliessend  erwähnt  der  Verf.  eine  Familie,  in  der 
von  5  Kindern  binnen  4  Jahren  3  an  Sarkom  im  Alter  von  19 — 23  Jahren 
starben.  H.  Flörcken  -  Frankfurt  a.  M. 

Zentralblatt  für  Gynäkologie.  1923,  Nr.  30. 

H.  S  e  1 1  h  e  i  m  -  Halle:  Ein  einfacher,  zuverlässiger  und  ungefährlicher 
Tubenschneuzer. 

An  Stelle  der  umständlichen  Apparatur  Rubins  zur  Prüfung  der  Tuben¬ 
durchgängigkeit  setzt  Verf.  einfach  eine  150  ccm  fassende  Glasspritze,  die 
mit  Schlauch  und  einer  in  den  Uterus  einzuführenden  Metallröhre  armiert  ist. 
Ein  Manometer  zur  Druckkontrolle  ist  zwischengeschaltet  (Abbildung).  Bei 
guter  Durchgängigkeit  fand  S.  50 — 100  mm  Druck.  Bei  einiger  Uebung  fühlt 
man  sogar  den  rückwirkenden  Druck  der  Luft  bei  geschlossenen  Tuben  mit 
dem  den  Kolben  führenden  Finger.  S.  bezeichnet  daher  dieses  Vorsichher- 
schieben  der  Luftsäule  in  Spritze  und  Schlauch  bis  in  die  Tuben  hinein  als 
eine  Art  Tasten.  Die  Spritze  misst  zugleich  die  Menge  der  eingeführten 
Luft.  S.  empfiehlt  die  Durchblasung  als  wertvolle  Bereicherung  der  gynäko¬ 
logischen  Diagnostik. 

G.  H.  Schneider  (Univ. -Frauenklinik  Frankfurt  a.  M.):  Allgemeine 
Peritonitis  im  Anschluss  an  eine  Menstruation  erst  nach  einem  halben  Jahre 
nach  der  Geburt. 

Bei  einem  Falle  von  leichtem  Puerperalfieber  nach  Spontangeburt  trat 
nach  Vi  Jahr  plötzlich  Bauchfellreizung  (vom  Arzt  zuerst  als  Typhus  dia¬ 
gnostiziert  und  in  medizinische  Klinik  verwiesen)  und  Bauchfellentzündung 
ein.  Ueberall  heftiger  Druckschmerz  über  dem  Abdomen.  Flankenpunktion 
ergab  eitriges  Exsudat.  Laparotomie  hielt  den  Exitus  nicht  mehr  auf.  Im 
Uterus  fand  sich  post  mortem  eine  kleine  eitrig  belegte  Plazcntarstelle.  Von 
dieser  war  eitrige  Salpingitis  und  von  dieser  allgemeine  Peritonitis  aus¬ 
gegangen. 

L.  Han  dorn  (Univ.-Frauenklinik  Heidelberg):  Operative  Heilung  eines 
Falles  von  chronischer  lnversio  uteri  puerperalis. 

Die  spontane  lnversio  uteri  puerperalis  ist  selten.  Verf.  beschreibt  einen 
derartigen  Fall.  Die  Kranke  kam  3 X>  Monate  nach  Ablauf  eines  leicht  fieber¬ 
haften  Wochenbettes  wegen  Ausfluss  und  unbestimmten  Schmerzen.  Im 
Scheidengrund  zeigte  sich  eine  kugelige  hochrote  Geschwulst,  die  aus  dem 


1100 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT.  _  Nr.  33 


Muttermund  hervorquoll.  Corpus  uteri  nicht  tastbar.  Unblutige  Reinversion 
war  nicht  möglich.  Die  durch  Menge  selbst  ausgeführte  Operation  nach 
Kiistner  war  von  Heilung  gefolgt,  hatte  aber  wegen  Rückwärtsverlagerung 
des  Uterus  Verwachsungen  im  Gefolge.  Es  wird  daher  in  ähnlichen  Fällen 
empfohlen,  nach  Spinelli-Thorn  das  vordere  Scheidengewölbe  zu  er¬ 
öffnen  und  die  Naht  auf  die  Vorderwand  des  Uterus  zu  verlegen,  wodurch 
auch  jede  lleusgefahr  vermieden  wird. 

K.  Riediger  (Dudenstift  Dortmund):  Entgegnung  auf  die  Arbeit 
F  1  n  k  s  „Zur  Kritik  der  Kiellandzange“,  d.  Zbl.  1923  Nr.  17. 

Verf.  weist  darauf  hin,  dass  die  Fink  sehe  Arbeit  über  54  Kielland¬ 
zangen  zu  Unrecht  den  Eindruck  erweckt,  dass  die  Königsberger  Klinik  mit 
dem  neuen  Modell  wenig  günstige  Erfahrungen  gemacht  habe.  Verf.,  der 
selbst  bei  vielen  der  von  Fink  erwähnten  Zangen  anwesend  war,  revidiert 
dessen  Darstellung  im  einzelnen.  Er  tritt  energisch  für  die  neue  Zange  ein. 
Man  darf  aber  von  ihr  nicht  zu  viel  verlangen,  sie  soll  nicht  geradezu  zur 
queren  Kompression  des  Kopfes  sowie  zu  Extraktion  ohne  Pausen  statt  zu 
einzelnen  Traktionen  verführen.  An  der  Dortmunder  Klinik  werden  seit  1920 
alle  Zangen  mit  dem  neuen  Modell  ausgeführt,  und  zwar  mit  sehr  gutem 
Erfolg.  Nicht  jede  Klinik  verfügt  über  ein  Originalmodell;  dieses  federt  nicht. 

B.  v.  Värö-Pest:  Bemerkungen  über  den  Aufsatz  „Ueber  Serum¬ 
untersuchungen  auf  Syphilis  bei  Neugeborenen  gesunder  und  luetischer  Mütter 
und  über  den  kongenitalen  Infektionsmodus  bei  der  latenten  kongenitalen 
Syphilis  von  Prof.  Esch.  (Zbl.  f.  Gyn.  1923  Nr.  18.) 

Die  Ansicht  Esch’,  dass  das  Serum  luetischer  Neugeborener  negativ 
reagieren  könne,  ist  unhaltbar.  Es  gibt  Fälle,  wo  die  Mutter  negativ,  das 
Kind  positiv  reagiert,  aber  die  Mutter  ist  in  diesen  Fällen  doch  stets  luetisch. 
Stellt  man  neben  Wassermann  auch  Sachs-Georgi  an,  so  entdeckt  man  oft 
die  Lues.  Robert  Kuhn-  Karlsruhe. 

Klinische  Wochenschrift.  1923,  Nr.  31. 

Fr.  v.  G  r  ö  e  r  -  Lemberg:  Die  Dermoreaktionen  mit  besonderer  Berück-^ 
sichtigung  pharmakodynamischer  Funktionsprüfung  der  Haut.  Schluss  folgt. 

M.  K  a  p  p  i  s  -  Hannover:  Weitere  Erfahrungen  mit  der  Sympathektomie 
(bei  verzögerter  Konsolidation,  Beingeschwüren  u.  a.  m.). 

Mitteilung  einer  grösseren  Kasuistik  (beginnende  Gangrän  der  Zehen, 
Ulcus  varic.  oder  trophicum,  Narbenulcera,  Dekubitus  etc.).  Aus  den  an 
15  Kranken  gewonnenen  Erfahrungen  kommt  Verf.  u.  a.  zu  folgenden 
Schlüssen:  Im  allgemeinen  gute  Erfolge  bei  Dysbasia  angiosklerotica,  Ray¬ 
naud  scher  Gangrän,  bei  verzögerter  Konsolidation  einer  Unterschenkel¬ 
fraktur,  sehr  guter  Erfolg  bei  jahrelang  bestandenem  Ulcus  varic.  Die 
Ursache  des  eigenartigen  Verhaltens  der  Arterien  nach  der  periarteriellen 
Sympathektomie  ist  noch  nicht  sicher  erkannt.  Die  Verschiedenheit  der 
Ergebnisse  der  Operation  kann  nicht  auf  der  Art  der  Technik  beruhen. 

P.  S.  M  e  y  e  r  -  Breslau:  Weitere  Studien  über  die  Gewöhnung  des  Bac. 
prodigiosus  an  Strahlenwirkung. 

Verf.  fand,  dass,  ebenso  wie  gegen  Röntgenstrahlen,  der  Bazillus  auch 
gegen  Höhensonne  und  Kohlenbogenlicht  gefestigt  werden  kann.  Zur  Er¬ 
reichung  dieser  Festigung  bedarf  der  Bac.  prod.  keines  Nährbodens.  Die 
Tatsache  der  Festigung  kann  zur  Erklärung  der  geringeren  biologischen 
Wirkung  einer  in  dosi  refracta  verabfolgten  Bestrahlung  herangezogen 
werden.  Ein  röntgengefestigter  Prodigiosusstamm  wird  von  Höhensonne-  und 
Kohlenbogenlicht  ebenso  geschädigt,  wie  eine  überhaupt  noch  nicht  bestrahlte 
Kultur.  i  .  i  i  -I  1  :!. 

H.  H  o  h  1  w  e  g  -  Duisburg:  Zur  Diagnose  der  Nierensteine  und  Nieren¬ 
beckenerkrankungen,  speziell  mit  Hilie  der  Pyelographie. 

Diagnostische  und  differentialdiagnostische  Darlegungen.  Röntgenologisch 
kann  der  Steinschatten  in  97  Proz.  der  Fälle  auf  der  Platte  sichtbar  gemacht 
werden.  Mitteilung  einzelner  Fälle,  Technisches.  Verwendung  von  Kollargol 
wird  widerraten,  10  proz.  Jodkalilösung  oder  15  proz.  Bromnatriumlösungen 
sind  vorzuziehen,  liefern  ebensolche  Schattentiefe.  Bei  einseitig  erkanntem 
Steinleiden  ist  die  röntgenologische  Kontrolle  der  anderen  Niere  angezeigt. 

H.  Guggenheimer  und  K.  S  a  s  s  a  -  Berlin:  Ueber  die  Beeinflussung 
des  Koronarkreislaufs  durch  Purinderivate. 

Vortrag  auf  dem  Kongress  für  Innere  Medizin,  Wien  1923. 

Fr.  K  i  s  c  h  -  Marienbad:  Experimentelle  und  klinische  Untersuchungen 
über  das  Verhalten  des  Blutfibrinogens  bei  pathologischen  Zuständen. 

Nach  den  Resultaten  der  Untersuchungen  lässt  sich  behaupten,  dass  unter 
der  Einwirkung  von  Toluylendiamin,  welchem  eine  hämolytische  Wirkung 
zukommt,  nach  kurzdauernder  anfänglicher  Steigerung  eine  intensive  Herab¬ 
minderung  des  Blutiibrinogengehaltes  eintritt,  welche  sich  nach  Abklingen  der 
Giftwirkung  wieder  ausgleicht.  Es  scheint  eine  Beziehung  zwischen  der 
Funktion  des  retikulo-endothelialen  Systems  und  der  Blutfibrinogenmenge  zu 
bestehen.  Auch  ausgebreitete  Parenchymschädigungen  der  Leber  können  die 
Menge  des  Blutfibrinogens  herabsetzen. 

K.  N  a  t  h  e  r  -  Zürich:  Zur  Gefässanatomie  der  Magenstrasse. 

Untersuchungen  an  embryonalen  Magen  verschiedenen  Alters  bei  mög¬ 
lichst  gleichem  Kontraktionszustand  liessen  erkennen,  dass  die  Magenstrasse 
hinsichtlich  ihrer  Gefässversorgung  im  Verlaufe  ihrer  Entwicklung  in  ähnlicher 
Weise  charakterisiert  ist,  wie  sie  am  ausgewachsenen  Magen  als  ein  eigenes 
Blutversorgungsgebiet  zu  bezeichnen  ist. 

Mar.  L  e  m  e  s  i  c  -  Belgrad :  Prüfung  diuretischer  Mittel  an  der  Isolierten 
Kaninchenniere. 

Abbildung  und  Beschreibung  der  Vorrichtung.  Experimentell  geht  hervor, 
dass  die  isolierte  Niere  funktionstüchtig  ist,  dass  Novasurol  stark  diuretisch 
darauf  wirkt,  Euphyllin  in  geringem  Maasse,  Harnstoff  gar  nicht. 

W.  S  o  g  c  f  f  e  r  -  Charlottenburg:  Zur  Frage  des  Fibrinogengehaltes  des 
Blutes  bei  Lebererkrankungen. 

Bemerkungen  zu  der  Arbeit  von  Isaac-Krieger  und  H  i  e  g  e  in  der 
Klin.  Wschr.  1923  Nr.  23,  sowie  Erwiderung  von  den  3  letztgenannten 
Autoren. 

0.  Neuberg  und  A.  Gottschalk  -  Berlin-Dahlem:  Vorführung  der 
Azetaldehydbildung  durch  Organe  des  Warmblüters  im  Vorlesungsversuche. 

Beschreibung  des  Verfahrens. 

A.  B  u  s  c  h  k  e  und  Fr.  P  e  i  s  e  r  -  Berlin:  Ueber  schwere  Schleimhaut- 
und  Knochenverändertingen  bei  Ratten  durch  experimentelle  Thalliumwirkung. 

Kurze  wissenschaftliche  Mitteilung. 

H.  B  a  e  r  -  Frankfurt  a.  M.:  Ueber  äussere  und  innere  Pankreassekretion. 

Kurze  wissenschaftliche  Mitteilung. 

F.  R  o  s  e  n  t  h  a  1  -  Berlin :  Salvarsanintoxikatlon  und  Staphylokokken- 
empfindlichkeit.  Kasuistische  Mitteilung.  Grassmann  -  München. 


Medizinische  Klinik.  Heft  30. 

G.  D  o  r  n  e  r  -  Leipzig:  Der  künstliche  Pneumothorax. 

Antrittsvorlesung. 

G.  S  t  ü  m  p  k  e  -  Hannover:  Ueber  blasenartige  Hauterkrankungen,  Bei- 
träge  zu  deren  Aetiologie,  Pathogenese  und  Therapie. 

Die  Arbeit  ist  im  wesentlichen  ein  klinischer  Vortrag  über  den  Pemphigui  ' 
vulgaris  mit  besonderer  Berücksichtigung  der  neueren  Anschauungen  und  de:  j 
Differentialdiagnose  gegen  die  Dermatitis  herpetiformis  Duhring. 

J.  F  a  b  r  y  -  Dortmund:  Zur  .  Frage  der  Verhütung  der  syphilitischer 
Berufsinfektion. 

Bericht  über  den  Fall  eines  Kollegen,  bei  dem  die  Fingerwunde  un¬ 
mittelbar  nach  der  Verletzung  energisch  kauterisiert,  geätzt  und  mit  Neo-j 
salvarsan  gebadet  wurde.  Eine  Infektion  trat  nicht  ein.  Empfehlenswert  und 
berechtigt  wäre  in  solchen  Fällen  auch  eine  Salvarsaninjektion,  die  hier  aut 
Wunsch  des  Kollegen  unterlassen  wurde. 

A.  D  ü  h  r  s  s  e  n  -  Berlin:  Die  W  e  n  i  n  g  e  r  sehe  Fnhalatlonskur  der 
Lungentuberkulose. 

Warme  Empfehlung  der  Methode,  die  in  der  Inhalation  einer  Flüssigkeit 
besteht,  die  in  erster  Linie  Uran,  Thorium,  Mangan  und  Säuren  enthält.  Ziel 
dieser  magischen  Behandlung,  deren  Erfolg  durch  einen  Krankenbericht  belegt 
wird,  ist  die  Durchdringung  der  wachsartigen  Hülle  der  Tuberkelbazillen,  un 
die  toxischen  und  infektiösen  Eigenschaften  der  Organismen  aufzuheben. 

H.  F  1  ö  r  c  k  e  n  -  Frankfurt  a.  M.:  Erfahrungen  mit  der  Bluttransfusion1 

Erfahrungen  an  150  Fällen,  meist  mit  der  Methode  von  O  e  h  1  e  c  k  e  r 

Stets  Sicherung  durch  die  Dreitropfenmethode  von  Nürnberger. 

B.  F  i  s  c  h  e  r  -  Prag:  Der  Einfluss  von  Sensibilitätsstörungen  auf  der 
B  ä  r  ä  n  y  sehen  Zeigeversuch. 

Bericht  über  2  Fälle,  wo  das  an-  bzw.  hypästhetische  Schultergelenk  derl 
Ausfall  der  Versuche  beeinflusste. 

E.  Schill-Pest:  Ueber  ein  annäherndes  Quantitativverfahren  zur  Be¬ 
stimmung  des  Harnzuckers  mittels  einfacher  Einrichtung. 

Das  Verfahren  beruht  darauf,  dass  man  den  Urin  solange  verdünnt,  bi: 
bei  Anwendung  von  Nylanders  Reagens  die  den  bekannten  Zucker¬ 
konzentrationen  entsprechenden  Farbentöne  zum  Vorschein  kommen. 

Gottschalk  -  Mayen:  Scheidenrisse. 

Für  die  extraperitonealen  Scheidenrisse  wird  die  Naht,  weil  teclmisct 
schwierig,  dem  Praktiker  widerraten  und  die  Tamponade  nach  Dührsser 
empfohlen.  Mitteilung  dreier  Fälle. 

Rh.  E  r  d  m  a  n  n  -  Berlin:  Einige  Gedanken  über  Zellwucherungen  ii 
weitestem  Sinne  nach  experimentellen  Erfahrungen  der  in-vitro-Kultur. 

Beitrag  zur  Krebsforschung. 

H.  Engel-  Schöneberg:  Progressive  Paralyse  nicht  Folge  einer  Kopf. 
Verletzung.  S. 

Vereins-  und  Kongressberichte. 

Gesellschaft  für  Natur-  und  Heilkunde  zu  Dresden. 

(Vereinsamtliche  Niederschrift.) 

Sitzung  vom  12.  März  1923  im  grossen  Saale  des  Konzei;thauses. 

Gymnastik  für  den  weiblichen  und  kindlichen  Körper,  vorgeführt  von) 

Bund  der  selbständigen  Gymnastinnen  Dresdens,  E.  V. 

a)  Gesundheitsübungen  —  Mensen  dieck, 

b)  Körperbildung  —  L  o  h  e  1  a  n  d, 

c)  Aesthetische  Gymnastik  —  Wo  ndsworth  -  Flint. 

Sitzung  vom  19.  März  1923. 

Vorsitzender:  Herr  Mann. 

Schriftführer:  Herr  Grunert  und  Herr  Wemmers. 

Tagesordnung: 

Herr  Wachtel:  Die  dogmatischen  und  sozialen  Grundlagen  der  Laien 
medizin. 

Vortr.  ging  als  Pharmakologe  bei  seinen  Untersuchungen  davon  aus,  di> 
Arzneimittel  der  laienärztlichen  Heilrichtungen  kennenzulernen,  und  wurd' 
bei  dieser  Gelegenheit  in  enger  Berührung  mit  praktizierenden  Laienärztei 
auch  Beobachter  anderer  Heilmethoden,  welche  zum  Teil  auf  der  Wirkung 
strahlender  Kräfte  (Magnetismus,  Od,  Helioda)  beruhen  sollen,  zum  Teil  siel 
rein  seelenärztlicher  Mittel  bedienen.  Die  Ergänzung  dieser  Beobachtungei 
durch  das  Studium  der  für  die'  verschiedenen  laienärztlichen  Richtungen 
massgebenden  Quellenschriften  führte  den  Vortragenden  zu  einer  systemati 
sehen  Gruppierung  der  heute  in  Gebrauch  befindlichen  laienärztlichen  Arbeitst 
methoden.  Diese  Methoden  sind  oft  sehr  weitgehend  ausgebaut,  so  dass  si* 
ganze  Lehrsysteme  bilden,  die  sich  dem  äusseren  Ansehen  nach  als  wissen! 
schaftliche  geben.  So  gibt  es  z.  B.  einen  Atlas  der  Augendiagnostik,  de; 
viele  hundert  Irisbilder,  die  für  verschiedene  Erkrankungen  charakteristisch 
sein  sollen,  wiedergibt.  Selbstverständlich  bedienen  sich  die  laienärztliche: 
Richtungen  nicht  der  gleichen  Logik,  wie  die  exakte  Naturwissenschaft,  es  is 
aber  falsch,  sie  einfach  als  unlogisch  und  unsinnig  beiseite  zu  legen.  Ihr 
Denkmittel  sind  vielmehr  diejenigen  der  Gehcimwissenscjiaften,  der  Grundsat; 
der  Entsprechung,  der  mehrfachen  Bedeutung,  der  sprachlichen  Symbolik  un« 
der  intuitiven  Gewissheit;  was  für  den  Naturwissenschaftler  die  Beobachtuni 
und  das  Experiment,  das  ist  für  den  Laienarzt  eine  einfache  Empirie  um| 
durch  Hellsehen  erworbene  Kenntnis. 

Ueber  diese  Methoden  selbst  herrscht  bei  Aerzten  und  Laien  im  all 
gemeinen  weitgehende  Unkenntnis;  deshalb  hat  sich  der  Vortragende  ent 
schlossen,  eine  zusammenfassende  Darstellung  der  in  Betracht  kommende 
Gegenstände  in  einem  Buche,  unter  dem  Titel:  „Laienärzte  un1 
Schulmedizin,  ihre  hauptsächlichen  und  sozialen  Beziehungen  im  Licht  • 
der  zeitgenössischen  Medizin  und  Philosophie“  zu  geben,  das  im  Verlag  vo 
Gurt  Kabitzsch,  Leipzig,  erschienen  ist.  In  dieser  Darstellung  kommt  zur 
Ausdruck,  dass  die  Entwickelung  der  laienärztlichen  Richtungen  in  Parallel 
steht  zu  der  Entwickelung  der  okkultistischen  Wissenschaften  und  sich  wi 
diese  auf  der  gleichen  Entwickelungslinie  des  magischen  Idealismus  bewegi 
Infolgedessen  enthalten  alle  laienärztlichen  Richtungen  zahlreiche  mystisch  t 
Bestandteile,  die  zu  einer  häufigen  Berührung  mit  religiösen  Ideen  führen 
Nur  wenn  die  wissenschaftlichen  Aerzte  sich  dieses  Zusammenhanges  be 
wusst  sind,  werden  sie  nicht  verständnislos  vor  der  Tatsache  stehen,  das 


August  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


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e  Laienärzte  ihre  Wirkung  auf  das  Volk  heute  noch  genau  so  üben,  wie  an 
:r  Wiege  der  Menschheit  vor  Jahrtausenden.  Aus  diesem  Grunde  ist  es 
itwendig,  dass  die  Schulmedizin  die  Laienärzte  nicht  einfach  als  eine  Gesell¬ 
haft  von  Geldverdienern  und  Schwindlern  betrachtet,  sondern  sie  muss 
ese  Bewegung  zum  Objekt  ihrer  Studien  machen,  genau  so  wie  irgendein 
ideres  Gebiet  der  sozialen  Hygiene. 

Selbstverständlich  lässt  sich  bei  einer  genauen  Kenntnis  der  Grundlagen 
icnärztlicher  Heilweise  die  Bekämpfung  der  Laienärzte  weit  gründlicher 
rcliführen,  wenn  man  imstande  ist,  unter  ihnen  die  Idealisten  und  Schwindler 
reng  zu  sondern,  nur  dürfen  wir  nicht  erwarten,  dass  es  uns  jemals  gelingen 
:rd.  die  Laienärzte  auszurotten;  denn  ihr  Vorhandensein  entspricht  einem 
ingenden  Bedürfnis  des  Volkes,  dessen  vielseitige  Ansprüche  mystischer 
t  die  wissenschaftliche  Medizin  natürlich  nicht  befriedigen  wird.  Wir 
lssen  uns  damit  begnügen,  die  sozialen  und  volksgesundheitlichen  Schäden, 
eiche  durch  eine  unbeaufsichtigte  und  unkontrollierte  Laienheilkunde  an¬ 
richtet  werden  können,  nach  Möglichkeit  auf  ein  Mindestmaass  zu  bc- 
hränken.  Die  Darstellung  in  dem  Buche  „Laienärzte  und  Schulmedizin“  ist 
eignet,  dem  Arzte  die  Kenntnisse  zu  vermitteln,  deren  er  in  der  täglichen 
axis  und  als  Gutachter  in  Kurpfuscherprozessen  bedarf. 

Herr  Nahmacher:  Grundlagen  und  Ausführungstechnik  der  Strahlen- 
ifentherapie  und  über  die  notwendige  Zusammenarbeit  des  behandelnden 
•ztes  mit  dein  Strahlentherapeuten. 


Medizinische  Gesellschaft  Göttingen. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  28.  Juni  1923. 

Vorsitzender:  Herr  S  c  h  u  1 1  z  e.  Schriftführer:  Herr  v.  Gaza. 

Herr  R  1  e  c  k  e  demonstriert  ein  18  jähriges  Mädchen  mit  Angiokeratoma 
gitorum  acroasphycticutn.  Asthenischer  Habitus,  pigmentarme  Haut,  röt¬ 
ende  Haare.  Keine  nachweisbare  Tuberkulose.  Akroparese.  Symmetrisch 
beiden  Dorsalflächen  der  Hände,  übergreifend  seitlich  auf  die  Volae  ein 
.anthem,  bestehend  aus  bordeauxroten  und  tiefdunklen  Flecken,  welche  auf 
■uck  nicht  verschwinden  und  aus  verrukösen  grünschwarzen  und  dunkel- 
aunroten  Erhabenheiten,  auf  Druck  dunkle  Blutpunkte  zurücklassend,  rauh 
d  uneben  an  der  Oberfläche.  Daneben  namentlich  an  der  stärker  befallenen 
iken  Hand  orbikuläre,  flachmuldenförmige,  weissbläuliche  glatte  Narben, 
rrührend  von  früheren  Perniones. 

Anamnestisch:  Erfrierung  mit  12  Jahren;  seit  etwa  dem  15.  Lebensjahre 
itwicklung  der  angiokeratotischen  Veränderungen.  Mutter  und  Tante  zeigen 
iselben  Erscheinungen.  Ein  Grossvater  litt  an  Erfrierung  der  Hände. 

Herr  Staemmler:  Untersuchungen  über  die  Arterlenrauskulatur,  ins¬ 
sondere  der  Milz-  und  Nierenarterie. 

Vortr.  zeigt  an  der  Hand  von  mikroskopischen  Präparaten,  wie  die  Media 
r  grossen  Arterienstämme  vom  muskulösen  Typus,  insbesondere  der  Niere 
d  Milz,  im  Laufe  des  Lebens  einer  fortschreitenden  bindegewebigen  De- 
neration  verfällt.  Nachdem  es  anfangs  nur  zu  einer  Einlagerung  kollagener 
d  elastischer  Elemente  zwischen  den  Muskeln  kommt,  ohne  dass  diese  patho- 
;ische  Veränderungen  zeigen,  entsteht  vom  3. — 4.  Jahrzehnt  zuweilen  auch 
hon  im  2.,  ein  herdförmiger  Untergang  von  Muskelfasern,  der  durch  eine 
hwielenähnliche  Bindegewebswucherung  gedeckt  wird.  Die  elastischen 
sern,  die  in  diesen  Schwielen  zunächst  in  grosser  Menge  vorhanden  sind, 
rschwinden  unter  körnigem  Zerfall.  In  den  höchsten  Graden  kann  die  ganze 
uskulatur  bindegewebig  ersetzt  sein.  In  der  Adventitia,  besonders  der 
erenarterie,  findet  sich  gleichzeitig  häufig  eine  Hypertrophie  der  Längs- 
rsulatur. 

Als  Ursachen  des  Prozesses  müssen  wohl  rein  funktionell-mechanische 
omente  angesprochen  werden. 

Diese  „fibröse  Degeneration  der  Media“  hat  mit  Intima¬ 
ränderungen  direkt  nichts  zu  tun,  ist  aber  trotzdem  zur  Arteriosklerose  zu 
chnen  und  zeigt  in  ihrer  ganzen  Entstehung  die  grösste  Aehnlichkeit  mit 
r  bei  der  Arteriosklerose  auftretenden  Intimaericrankung  (1.  Stadium  mit 
/perplasie,  2.  Stadium  mit  Degeneration). 

Als  Folgen  treten  Ektasie  und  Schlängelung  der  Arterien  ein.  Allgemeine 
eislaufstörungen  entstehen  nicht,  da  die  peripheren  Aeste  meist  intakt 
;iben.  (Der  Vortrag  erscheint  ausführlich  a.  a.  Stelle.) 

Herr  Ebb  ecke:  Ueber  Zellreizung  und  ihre  Beziehung  zu  klinischen 
agen. 

Als  elektrischer  Ausdruck  einer  Erregung  findet  sich  bei  Muskeln  und 
:rven  das  Auftreten  von  Aktionsströmen  und  die  Abnahme  der  Polarisier- 
rkeit  und  des  Gleichstromwiderstandes.  Diese  Erscheinungen  lassen  sich 
f  Permeabilitätssteigerung  von  Oberflächengrenzschichten  und  Membran- 
.kerung  zurückführen.  Dieselben  Erscheinungen  zeigt  die  Netzhaut  (durch 
dichtung  vermehrte  Phosphorsäureausscheidung,  Leitfähigkeitszunahme, 
;tionsströme),  die  Epidermis  der  Haut  (Flammströme,  reversible  Wider- 
indsänderungen,  Aenderungen  des  Sauerstoffverbrauchs)  und  die  Pflanze,  bei 
r  die  aus  den  elektrischen  Messungen  erschlossene  Durchlässigkeitssteige- 
ng  der  Plasmahäute  sich  auch  aus  der  Beobachtung  der  plasmolytischen 
enzkonzentration  und  des  Turgors  ergibt.  Für  Einzelzellen  werden  die 
zellen,  Amöben  und  weissen  Blutkörperchen  als  Beispiel  angeführt  und  wird 
f  den  Zusammenhang  zwischen  Abnahme  der  Oberflächenspannung,  amöboider 
:weglichkeit  und  Phagozytose  hingewiesen.  Ganz  ähnlich  wie  die  weissen 
utkörperchen  verhalten  sich  die  Endothelzellen  der  Blutgefässe,  deren  ver¬ 
werte  Oberflächenspannung  zu  Kapillarerweiterung  und  deren  Durchlässig- 
itssteigerung  zum  Austritt  kolloidaler  Substanzen  (Plasmaeiweiss.  Vital- 
bstoffe)  aus  der  Blutbahn  führt.  Die  Anschauung  wird  angewandt  auf  die 
iktionelle  Zunahme  der  Vitalfärbbarkeit,  die  Erscheinungen  des  Schocks  und 
r  omnizellulären  parenteralen  Reizkörperwirkung.  (Erscheint  in  der  D.mAV.) 


Verein  der  Aerzte  in  Halle  a.  S. 

(Bericht  des  Vereins.) 

Sitzung  vom  25.  Juli  1923. 

Vorsitzender:  Herr  F  i  e  1  i  t  z.  Schriftführer:  Herr  Grote. 

Herr  Volhard  demonstriert  einen  Fall  von  Perikardobiiteration  und 

örtert  die  operative  Behandlung. 

Herr  Kürten  demonstriert  eine  für  Endocarditis  lenta  charakteristische 
rumreaktion:  1,0  ccm  Serum  und  2  Tropfen  käuflichen  lackmusneutralen 


Formalins  ergeben  nach  Minuten  bis  wenigen  Stunden  Gelatinierung.  Bei  den 
differentialdiagnostisch  in  Frage  kommenden  Erkrankungen  bleibt  die  letztere 
auch  noch  nach  24  Stunden  aus.  Die  Erscheinung  beruht  auf  einer  starken 
Globulinanreicherung  des  Serums.  (Ausführliche  Publikation  a.  a.  O.) 

Besprechung:  Herren  Neuendorff,  Volhard,  Beneke, 
Kürten. 

Herr  Grund:  Ueber  Situs  inversus  partialls  abdomlnis. 

Bei  einem  60  jährigen  Manne  ist  röntgenologisch  folgender  Befund  zu 
erheben:  Normale  Lagerung  der  Brusteingeweide  und  der  Leber;  Situs  trans- 
versus  des  Magens,  des  Duodenums  und  der  Milz;  der  Dünndarm  liegt  rechts, 
Zoekum,  Dickdarm  und  S  romanum  links,  wobei  das  Zoekum  der  Mitte  am 
nächsten  liegt.  Der  Befund,  der  anatomisch  einige  Male,  klinisch  aber  noch 
nicht  beobachtet  worden  ist,  ist  zu  erklären  durch  eine  verkehrte  Drehung 
der  Magenschleife  und  eine  rechtläufige,  aber  ungenügende  Drehung  der 
Darmschleife. 

Besprechung:  Herr  S  t  i  e  d  a. 

Herr  Ackermann:  Ueber  hereditäre  spastische  Spinalparalvse. 

Demonstration  zweier  Schwestern,  die  48  jährige  mit  stark  spastischem 
Gang  und  typischen  Pyramidensymptomen,  die  50  jährige  mit  schwersten 
spastischen  Kontrakturen  der  unteren  Extremitäten,  geringeren  auch  des 
rechten  1  Arms.  Die  ebenfalls  untersuchte  70  jährige  Mutter  hat  leichtere 
spastische  Störungen.  Bei  allen  dreien  keinerlei  sonstige  Symptome.  Keine 
Syphilis.  Liquor  normal.  Blutsverwandtschaft  der  Eltern  —  der  Vater  war 
der  Onkel  der  Mutter. 

-Besprechung:  Herr  Grund:  Wahrscheinlich  sind  leichtere  Formen 
der  spastischen  Spinalparalyse  häufiger  als  im  allgemeinen  angenommen  wird; 
sie  bleiben  aber  stationär  und  kommen  nicht  zur  Obduktion. 

Herr  Grund:  Ueber  den  Kroch  sehen  Respirationsapparat. 

Vortr.  demonstriert  und  erläutert  die  Konstruktion  und  die  Anwendungs¬ 
weise  des  Apparates  und  gibt  einen  kurzen  Ueberblick  über  die  klinische  Be¬ 
deutung  der  Bestimmung  des  Grundumsatzes.  Folgende  Modifikation  des 
Apparates  wurde  vorgenommen:  Der  Netzeinsatz  mit  dem  zur  Absorption 
der  CO2  bestimmten  Natronkalk  fällt  fort.  Dafür  wird  der  Natronkalk  in 
einem  etwa  2  kg  fassenden  Glasgefäss  untergebracht,  das  auf  dem  Boden  des 
Apparates  steht  und  bis  etwas  über  den  Wasserspiegel  reicht.  Das  Rohr, 
welches  die  Exspirationsluft  in  den  Apparat  leitet,  wird  von  unten  bis  etwas 
über  den  Wasserspiegel  hochgeführt  und  mit  einem  Glasrohr  verbunden,  das 
von  oben  in  das  Glasgefäss  bis  auf  den  Boden  reicht,  wo  es  mit  einem  Draht¬ 
netz  verschlossen  ist.  Im  übrigen  wird  das  ganze  Innere  des  Apparates  mit 
Wasser  gefüllt. 

Die  Absorption  des  CO2  ist  bei  dieser  Anordnung  sicherer,  die  Aus¬ 
nutzung  des  Natronkalkes  besser,  der  Verbrauch  darum  sparsamer.  Die 
häufiger  notwendige  Auswechselung  des  Natronkalkes  vollzieht  sich  sehr 
rasch  und  sauber. 

Besprechung:  Herren  Winternitz,  Kochmann,  Grund. 


Naturhistorisch-medizinischer  Verein  zu  Heidelberg. 

(Medizinische  Abteilung.) 

12.  Sitzung  vom  3.  Juli  1923. 

Herr  Teutschländer  zeigt  ein  .makroskopisches  Präparat  und  Licht¬ 
bilder  eines  von  ihm  als  Haarscheidengeschwulst  (Trichokoleom)  bezeichneten 
Tumors,  welcher  bisher  nur  bei  der  Maus  beobachtet  wurde  (Tumeur  mollus- 
coide) ;  aber,  da  seine  Matrix  bei  den  meisten  Säugetieren  und  auch  beim 
Menschen  vorhanden  ist,  wohl  nicht  nur  -bei  der  Maus  Vorkommen  dürfte. 
Von  diesem  Standpunkt  aus  hat  diese  eigenartige  Geschwulst,  die 
sich  mit  keinem  der  bisher  bekannten  Epithelgeschwulsttypen  identifizieren 
lässt  und  sich  durch  ihren  sehr  regelmässigen  Bau  (mit  peripheren  Blind¬ 
säcken  und  zentralen,  dichotomisch,  gabelig  geteilten  Strahlen,  welche  zentral 
nekrotisches,  peripherwärts  über  Keratohyalinbildung  verhornendes  Epithel 
enthalten)  auszeichnet,  auch  für  den  Human-  und  Tierpathologen  und  Dermato¬ 
logen  Interesse. 

Herr  Klug:  Ueber  die  periarterielle  Sympathektomie  (Leriche  sehe 
Operation). 

Zurzeit  die  modernste  chirurgische  Operation.  Hat  bereits  ihre  Vor¬ 
läufer  in  der  Sympathikusresektion  von  Jonnescu  und  J  a  b  u  1  a  y  bei 
Basedow,  Epilepsie,  Glaukom  und  bei  Hysterie.  Diese  Operation,  zunächst 
in  Vergessenheit  geraten,  wird  jetzt  neuerdings  wieder  bei  Angina  pectoris 
von  Jonnescu,  Tuffier  und  Brüning  ausgeführt.  Eppinger  und 
Hofer  durchschneiden  bei  der  gleichen  Erkrankung  den  Nerv,  depressor, 
einen  Abkömmling  des  Nerv,  vagus. 

Eingehende  Erörterung  der  Leriche  sehen  Operationsmethode  und  der 
einzelnen  Theorien,  auf  Grund  welcher  die  Operation  ausgeführt  wird.  Eigene 
Erfahrung  bei  16  Fällen  der  E  n  d  e  r  1  e  n  sehen  Klinik  mit  Nerven-  und  Ge- 
fässerkrankung.  Es  können  die  von  anderer  Seite  gerühmten  Erfolge  mit 
der  Leriche  sehen  Operation  und  die  bestehenden  Theorien  bei  sehr 
beschränkter  Indikationsstcllung  und  sauberster  Technik  nicht  bestätigt 
werden.  Allen  Fällen  gemeinsam  ist  in  der  ersten  Zeit  nach  der  Operation 
eine  gewisse  Hyperämie,  die  sich  in  subjektivem  wie  objektivem  Wärmegefühl 
-äussert.  Es  treten  aber  schon  bald  wieder  die  früheren  Störungen  auf,  z.  B. 
Zyanose.  Der  Blutdruck  wird  teilweise  beeinträchtigt,  teilweise  nicht,  viel¬ 
leicht  Operationseinfluss.  Gefässkontraktion  während  der  Operation  nur  bei 
Jugendlichen  vorhanden.  Peripher  und  zentral  von  der  Kontraktionsstelle 
besteht  gleiche  Weite  des  Gefässrohres.  Dieser  Zustand  spricht  daführ,  dass 
das  Blutvolumen  in  der  Extremität  nicht  beeinträchtigt  wird.  Es  ist  dies 
auch  experimentell  von  W  i  c  d  h  0  p  f  beim  Hunde  plethysmographisch  nach¬ 
gewiesen.  Als  event.  Spätschäden  der  Operation  sind  vielleicht  wieder¬ 
auftretende  Oedeme,  ferner  ein  Schwächersein  des  peripheren  Pulses  an¬ 
zusehen.  Die  Kapillartätigkeit  wird  offenbar  nur  vorübergehend  beeinträchtigt 
(Beobachtungen  mit  dem  Kapillarmikroskop).  Später  tritt  die  Automatic  der 
Kapillaren  wieder  in  Kraft.  Senföl-  und  Adrenalinversuche  an  den  nach 
Leriche  operierten  Extremitäten  führten  zur  prompten  Rötung  bzw. 
Blässe;  es  bestand  kein  Unterschied  gegenüber  der  anderen  Extremität.  In 
den  Ausfallszonen  bei  Nervenverletzungen  blieb  die  Senfölreaktion  vor  wie 
nach  der  Leriche  sehen  Operation  aus.  Die  Kapillardilatation  und  Kapillar¬ 
kontraktion  wird  also  durch  die  Leriche  sehe  Operation  keineswegs  be¬ 
einflusst  und  es  scheint  die  Nervenversorgung  der  Gefässe  doch  eine  seg¬ 
mentäre  zu  sein. 


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MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  33 


Ausserdem  hat  man  auch  mit  pathologischen  Stoffwcchsclvorgängen  zu 
rechnen.  Die  Zyanose  spricht  für  Uebersäuerung,  Rötung  oder  Blässe  für 
die  Wirkung  irgendwelcher  Reizstoffe  aus  dem  geschädigten  Gewebe.  Beides 
aber  ist  von  Einfluss  auf  die  Kapillartätigkeit.  So  scheint  der  Erfolg  der 
L  e  r  i  c  h  e  sehen  Operation  an  der  Automatic  der  Kapillaren  und  ihrem 
engen  Zusammenhang  mit  dem  geschädigten  Gewebe  zu  scheitern.  Vorüber¬ 
gehende  Erfolge  und  Scheinerfolge  verdanken  wir  wohl  der  Hyperämie,  der 
Ruhe  und  der  Pflege.  Als  Therapie  der  Wahl  dürfte  die  Operation  wegen 
ihrer  geringen  anatomischen  und  experimentellen  Begründung  und  ihres  nicht 
einwandfreien  Erfolges  kaum  in  Betracht  kommen.  Für  das  Experiment  bietet 
sie  vielleicht  bessere  Aussichten.  Daher  erst  Erproben  der  Methode  im  Ex¬ 
periment  und  daraus  die  Indikation  zur  Operation  am  Menschen. 

D  ii  s  k  u  s  s  i  o  n :  Herren  Ernst,  Freund,  Klug. 

Herr  Steinthal:  Untersuchungen  an  Herzkranken. 


Wissenschaftl.-med.  Gesellschaft  an  der  Universität  Köln. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  6.  Juli  1923. 

Vorsitzender:  Herr  Moritz.  Schriftführer:  Herr  Haberland. 

Herr  Dietrich:  Ueber  die  Entstehung  des  Hydrozephalus.  (Mit  De¬ 
monstration.) 

Erscheint  unter  den  Originalien  dieser  Wochenschrift. 

Besprechung:  Aschaffenburg,  Tilmann,  Moritz, 

Dietrich,  Hering. 

Herr  Thomas:  a)  Ueber  das  Spitzenpigment  des  Kleinkindes. 

Es  handelt  sich  um  eine  normalerweise  auftretende  Pigmentierung  des 
letzten  Fingergliedes  (Dorsalseite),  seltener  der  Zehenendglieder.  In  den 
ersten  Lebenswochen  ist  die  Pigmentierung  nicht  wahrzunehmen,  da  sie  durch 
die  rote  Farbe  verdeckt  ist.  Sie  fand  sich  deutlich  bei  etwa  der  Hälfte 
der  untersuchten  Säuglinge,  in  einem  Viertel  war  sie  zweifelhaft,  in  einem 
weiteren  Viertel  fehlte  sie.  Im  zweiten  Lebensjahr  wird  sie  bedeutend  inten¬ 
siver,  um  gegen  das  fünfte  Lebensjahr  hin  allmählich  abzunehmen.  Bei 
älteren  Kindern  ist  nur  proximal  vom  Nagelfalz  noch  eine  streifenförmige 
pigmentierte,  meist  nur  gerötete  Zone  nachweisbar.  Eine  Erklärung  steht  vor¬ 
läufig  noch  aus,  Insolation  oder  Karotinablagerung  kommt  nicht  in  Frage. 

Besprechung:  Cords,  Haberland,  Sieger  t,  Mei- 

rowsky,  Müller. 

b)  Jodgehalt  der  Neugeborenenschilddrüse. 

Es  wurden  über  90  Kölner  Schilddrüsen  von  Kindern  auf  ihren  Jodgehalt 
nach  der  Methode  von  Baumann-Authenrieth  untersucht  (Ueber- 
sichtstabelle).  Im  Rahmen  dieser  Untersuchungen,  die  mit  E.  Delhougne 
zusammen  ausgeführt  wurden,  ist  auch  bei  4  Schilddrüsen  von  ausgetra¬ 
genen  Neugeborenen  und  von  6  Frühgeburten  der  Jodgehalt  festgestellt  wor¬ 
den.  Entgegen  den  Angaben  der  Literatur  zeigten  3  von  4  Neugeborenen- 
und  2  von  6  Frühgeburtenschilddrüsen  deutlichen  Jodgehalt.  Dass  nicht 
sämtliche  Neugeborenenschilddrüsen  Jod  enthielten,  führt  Th.  darauf  zurück, 
dass  es  sich  um  Winterschilddriisen  handelte.  Nachdem  K  e  n  d  a  1 1  im  nor¬ 
malen  Blut  mit  einer  sehr  empfindlichen  Methode  Jod  nachgewiesen  hat  und 
die  fötale  Schilddrüse  schon  Fähigkeit  zur  Jodspeicherung  zeigt,  wäre  eine 
Jodfreiheit  der  Neugeborenenschilddrüse  nur  so  zu  erklären,  dass  die  Pla¬ 
zenta  für  Jod  undurchlässig  wäre,  was  unwahrscheinlich  ist.  Dass  die 
Neugeborenenschilddrüse  Jod  enthält,  beweist  noch  nichts  für  ihre  volle 
Tätigkeit.  Es  kommt  vielmehr  der  Gehalt  an  Thyroxin  in  Frage,  welcher 
wegen  der  kleinen  Ausgangsmenge  nicht  dargestellt  werden  kann.  Die 
Latenzzeit  myxödematöser  Zeichen  bei  angeborenem  Schilddrüsenmangel 
deutet  darauf  hin,  dass  der  Neugeborene,  falls  die  mütterliche  Schilddrüse 
leistungsfähig  ist,  ein  Thyroxindepot  im  Körper  mitbringt,  welches  thyreo- 
prive  Erscheinungen  solange  hintanhält.  Beim  normalen  Kind  fängt  die  Schild¬ 
drüse  an  zu  produzieren  und  ergänzt  das  Thyroxindepot. 

Besprechung:  Sieger  t. 

Herr  Siegmund:  Zur  Pathologie  chronisch  verlaufender  Fälle  von 
Encephalitis  epidemica  — -  Ueber  die  durch  das  Herpesvirus  erzeugte  En¬ 
zephalitis  von  Kaninchen. 

Vortragender  zeigt  zahlreiche  Präparate  und  Bilder  der  Hirnverände¬ 
rungen  bei  akut  und  besonders  chronisch  verlaufenden  Fällen  von  Encepha¬ 
litis  ep.  Bei  den  akuten  Fällen  stehen  die  degenerativen  Veränderungen  an 
den  nervösen  Elementen  im  Vordergrund;  alle  übrigen  Erscheinungen,  wie  die 
Ganglioneuronophagie.  Gliaknötchen,  perivaskuläre  Infiltrate  etc.,  sind  der 
Ausdruck  resorptiver  Leistungen  seitens  des  ektodermalen  und  mesenchvrmlen 
Stützapparates.  Besonders  deutlich  lässt  sich  das  an  solchen  Stellen  zeigen, 
wo  pigmentierte  Fett-  oder  eisenhaltige  -Bestandteile  untergehenden  nervösen 
Gewebes  zum  Abbau  gelangen  und  der  direkte  Nachweis  der  Abbauprodukte 
möglich  wird.  Die  wiederholt  beschriebenen  Ganglienzelleinschh'isse  sind 
intrazelluläre  Degenerationsprodukte.  Im  adventitiellen  Maschenwerk  von 
Venen  und  Kapillaren  auftretende  Zellinfitrate  entstehen  an  Ort  und  Stelle 
aus  dem  retikulären  Gewebe  der  Gefässwand  unter  dem  Einfluss  und  als  Er¬ 
folg  der  Verarbeitung  von  herangebrachten  Zerfallsprodukten. 

Bei  den  chronisch  verlaufenden  Fällen  sind  die  Restzustände  von  den 
meist  schubweise  auftretenden  frischen  Veränderungen  zu  trennen.  In  drei 
klinisch  als  Spätzustände  erscheinenden  Fällen  (8  Wochen.  2  Jahre,  3  Jahre)- 
fanden  sich  bei  der  histologischen  Untersuchung  jedes  Mal  auch  ganz  frische 
Prozesse,  so  dass  die  Zweifel  an  einer  Heilung  der  Enc.  ep.  durchaus  be¬ 
rechtigt  sind.  Es  handelt  sich  meist  um  ein  Fortschreiten  des  Leidens.  Neben 
schweren,  oft  überraschend  ausgedehnten  Ausfällen  von  Ganglienzellen  in  den 
verschiedensten  Kerngebieten  (Olivenkern,  Nucleus  dent.,  Kerne  der  Hauben¬ 
region  usw.),  aber  auch  der  Rinde  mit  meist  sehr  geringfügigen  feinfaserigen 
reparatorischen  Gliawucherungen  fanden  sich  kleine  Entmarkungsherde  mit 
Fettkörnchenzellen  und  perivaskuläre  Gliaverdichtungen.  Am  augenfälligsten 
sind,  wie  auch  von  Spatz  u.  a.  betont  wird,  die  Veränderungen  der  Sub- 
stantia  nigra,  die  in  ein  gliöses  Narbengewebe  mit  eingestreuten  Pigmtent- 
massen  verwandelt  ist,  in  denen  Ganglienzellen  so  gut  wie  ganz  fehlen.  Peri¬ 
vaskuläre  Infiltrate  sind  ausserordentlich  gerinfügig  und  finden  sich  nur  in 
solchen  Abschnitten,  wo  auch  frische  Veränderungen  nachzuweisen  sind,  hier 
neben  Gliaknötchen  und  mannigfachen  akuten  und  subakuten  degenerativen 
Veränderungen  der  Ganglienzellen.  Zum  Studium  lokalisatorischer  Probleme 
sind  Fälle  von  chronischer  Enc.  ep.  nicht  geeignet. 

Verfasser  demonstriert  zum  Schluss  eine  Reihe  von  Kaninchengehirn¬ 
schnitten  mit  enzephalitischen  Veränderungen,  die  durch  korneale  Infektion 
mit  Herpesbläscheninhalt  erzeugt  wurden.  Das  histologische  Bild  ist  dabei, 


je  nach  Verlauf  der  Infektion,  ausserordentlich  wechselnd.  Es  gibt  alle  Ueber  I 
gängc  von  akut  verlaufenden,  rein  eitrig  abszedierenden  Prozessen  zur  rei  ’ 
proliferativen,  die  dem  Bilde  von  menschlicher  Enzephalitis  ausserordeutlic  j 
ähnlich  sind.  Das  anatomische  Bild  der  Hirnveränderungen  allein  berechtig  i 
nicht  zu  Schlüssen  über  die  Aetiologie  des  Prozesses  und  darf  nicht  ul  • 
Beweis  für  die  Einheit  des  Enzephalitis-  und  Herpesvirus  im  Sinne  vo 
Dörr  und  Schnabel  angeführt  werden.  Die  experimentelle  Kaninchen 
enzephalitis  ist  ein  sehr  geeignetes  Objekt  zum  Studium  der  feineren  gewel 
liehen  Veränderungen,  insbesondere  der  Zellentstehung  aus  Gefässwandzellet 

Besprechung:  Herren  Aschaffenburg,  Hess,  Asch  affen 
bürg. 

Fr.  O.  Hess  betont  die  Wichtigkeit  fortlaufender  klinischer  Beot 
achtungen  der  Enzephalitiskranken,  besonders  auch  mit  Rücksicht  auf  später 
anatomische  Befunde  und  der  möglichst  scharfen  Trennung  zwischen  Erkrar 
kungen,  die  ohne  Unterbrechung  oder  in  Schüben  von  der  akuten  Erkrankun 
bis  zum  Tode  verlaufen  ,und  solchen,  die  klinisch  (vielleicht  nur  scheinbar 
zum  Stillstand  gekommen  sind  und  nur  „Restsymptome“  zeigen. 

Im  Gegensatz  zu  Aschaffen  bürg  betont  Hess,  dass  er  bisher  bt 
keinem  seiner  Kranken,  auch  nicht  bei  den  schwersten,  eine  „Dementi 
encephalitica“  habe  feststellen  können;  man  ist  im  Gegenteil  bei  eingehende 
Unterhaltung  oft  überrascht,  bei  den  körperlich  erstarrten  Kranken  ein  rege 
üeistesinnenlcben  zu  finden. 


Medizinische  Gesellschaft  zu  Leipzig. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  24.  Juli  1923. 

Vorsitzender:  Herr  S  u  d  h  o  f  f.  Schriftführer:  Herr  W  e  i  g  e  1  d  t. 

Diskussionsbemerkungen  zum  Vortrag  von  Herrn  Wandel 
Ueber  die  Insulintherapie  des  Diabetes. 

Herr  Thomas  berichtet  von  den  neueren  Arbeiten  über  die  Konstitutio 
der  Zucker  (Irvine,  Karrer,  Pringshei  m).  Der  Blutzucker  is 
normalerweise  nach  Winter  und  Smith  y-Glukose.  Bei  überstürzte 
Glykogenolyse  durch  Adrenalin  werden,  wie  im  Pankreasdiabetes,  höhe 
drehende  Abbaustufen  von  Disaccharidcharakter  ins  Blut  abgegeben.  Insuli 
erleichtert  die  Umwandlung  der  «- ß-Glukose  in  die  stapelungsfähige  y-Forr 
und  führt  deshalb  zur  Glykogenanhäufung  in  der  Leber;  es  kann  also  nich 
als  Antipode  vom  Adrenalin  bezeichnet  werden.  Insulin  begünstigt  ausserdei 
den  Verbrauch  von  Zucker  in  den  Geweben.  Da  diese  auch  bei  schwere 
Fällen  von  Pankreasdiabetes  die  Fähigkeit  der  Verbrennung  von  Zuckei 
derivaten,  die  im  Muskel  verbraucht  werden  und  aus  anderem  Material  ge 
bildet  worden  sind,  nie  vollständig  verloren  haben,  wird  im  (Insulin  ei) 
zweiter  Aktivator  vermutet,  der  die  Umwandlung  vom  Gewebeglykogen  i 
die  reaktionsbereite  Glukoseform  (Laktacidogen?)  begünstigt. 

Herr  H  u  e  c  k  weist  darauf  hin,  dass  das  „Insulin“  kein  Extrakt  sei,  de 
lediglich  aus  dem  Inselgewebe  (im  histologischen  Sinn)  gewonnen  wird.  De 
Schluss  erscheine  also  nicht  zulässig,  dass  durch  das  „Insulin“  die  Seil 
ständigkeit  des  Inselgewcbes  im  Pankreas  bewiesen  sei.  Nach  wie  vo 
sprechen  sehr  viele  Gründe  für  eine  innige  Zusammengehörigekeit  von  Inse 
und  Drüsengewebe  im  Pankreas. 

Herr  Wandel  (Schlusswort):  Die  Amerikaner,  vor  allem  Al  lat 
haben  weitere  Stützen  für  den  spezifischen  Charakter  des  Insularapparatö! 
erbracht.  In  Ergänzung  seines  Vortrages  spricht  W.  über  die  Natur  dt 
Insulins.  Es  ist  nicht  als- glykolytisches  Ferment  im  alten  Sinne  Lepinc 
aufzufassen,  denn  es  wirkt  nicht  in  vitro  und  erhöht  auch  nicht  die  glyke 
lytische  Funktion  der  Blutzellen,  sondern  es  ist  als  hormonaler  Aktivator  dt 
Umsetzungsvorgänge  im  Zuckerstoffwechsel  anzusehen.  Seine  Angriffssteli! 
ist  wahrscheinlich  eine  zweifache:  1.  beim  Glykogenaufbau  und  2.  bei) 
Zuckerabbau.  In  anderen  Organen  als  im  Pankreas  wurde  es  beim  Tier  nicl 
gefunden.  Ob  der  aus  Hefe  dargestellte  Stoff  beim  Menschen  dasselbe  leist' 
wie  das  Insulin,  ist  noch  nicht  sicher;  nach  eigenen  Kaninchenversucht 
setzte  es  den  Blutzucker  in  ähnlicher  Weise  herab  wie  das  Insulin. 

Herr  Bostroem:  Ueber  Stirnhirntumoren. 

Für  die  Erkennung  von  Stirnhirntumoren  sind  wertvoll  die  Kombinat«) 
von  Gleichgewichtsstörungen,  besonders  R  u  m  p  f  a  t  a  x  i  e,  di 
der  zerebellaren  klinisch  im  wesentlichen  gleicht,  mit  einer  eigentümliche 
A  k  i  n  e  s  e.  die  sich  vor  allem  in  einer  Entschlussunfähigkeit,  Mangel  a 
Antrieb  und  in  Fehlen  jeder  Spontaneität  äussert.  —  Es  wird  über  9  älterl 
und  neue  Beobachtungen  kurz  berichtet.  —  Um  ein  Lokalsymptom  im  strenge) 
Sinne  des  Wortes  handelt  es  sich  dabei  nicht,  da  in  einer  Reihe  von  Fälle] 
auch  der  Balken  beteiligt  war,  und  da  es  zuweilen  auch  Stirnhirngcschwülstj 
ohne  diese  Symptome  gibt.  Man  wird  daher  aus  diesen  AusfallscrscheinungeJ 
keine  Schlüsse  auf  die  Funktion  des  Stirnhirns  ziehen  können.  Praktisch 
wichtig  ist  es,  dass  es  sich  immer  um  sehr  grosse  Tumoren  gehandelt  ha ( 
Man  kann  aus  den  Beobachtungen  entnehmen,  dass  Geschwülste  dieses  Sitzet- 
offenbar  erst  sehr  spät  klinische  Erscheinungen  machen,  dass  besonders  da 
erwähnte  charakteristische  Syndrom  erst  spät  auftritt,  wobei  auch  Allgcmeii 
Symptome,  wie  Stauungspapille.  Druckpuls,  ja  auch  Kopfschmerz  oft  fehler. 
Man  wird  daher  trotz  gestellter  Diagnose  unter  Umständen  eine  Indikatioj 
zum  operativen  Eingriff  zunächst  nicht  für  gegeben  halten.  Die  Erfahrun 
lehrt  aber:  Sind  die  obenerwähnten  charakteristischen  Symptome  vorhandef 
so  kann  man  nicht  nur  auf  das  Vorhandensein  eines  Stirnhirntumors  schliessef 
sondern  man  kann  auch  annehmen,  dass  ein  recht  grosser  Tumor  vorlieg 
und  wir  haben  in  diesem  Syndrom  auch  ein  bedrohliches  Zeichen  zu  erblicket 
das  auch  ohne  alarmierende  Allgemeinsymptome  die  Indikation  zu  eine 
Trepanation  abgibt. 

Diskussion:  Herr  Niesslv.  Mayendorf:  Man  muss  zwische 
Stirnphysiologie  und  der  Symptomatologie  der  Stirn 
hirntu  moren  streng  unterscheiden.  Letztere  lässt  keine  Rückschluss;  J 
auf  die  erstere  zu.  Wenn  dies  versucht  wurde,  verfiel  man  in  Irrtümcr. 

Herr  R.  A.  Pfeife  r:  Anatomische  Darstellung  des  kortikalen  Ende 
der  Sehlcitung. 

Auf  Grund  myelogenetisch-anatomischer  Untersuchungen  kommt  dt 
Vortragende  zu  der  Anschauung  des  Verlaufs  der  Sehstrahlung  in  einer  g< 
schlossenen  Marklamelle  (Sehmarklamelle).  Von  der  Ursprungsleiste  a: 
äusseren  Kniehöcker  aus  divergieren  die  optischen  Fasern,  um  als  nahez 
vertikal  aufgestellter  „Stielfächer“  die  innere  Kapsel  zu  verlassen.  Dt 
dorsale  Saum  steigt  bis  zur  Höhe  des  oberen  Inselrandes  auf  und  behüt; 
als  Leitseil  Stabkranzanteile  des  Gyrus  fornicatus.  Er  überbrückt  de 


7.  August  192,?. 


Münchener  medizinische:  Wochenschrift. 


1103 


entrikel  an  der  Ursprungsstelle  des  Hinterhorns  aus  dem  Seitenventrikel 
id  tritt,  in  eine  seichte  Eindellung  (Jochbildung)  des  in  den  Markkörper  vor- 
„•triebenen  Rindengraues  der  Fissura  parieto-occipitalis  eingelagert,  in  den 
uneus  ein.  Fr  durchquert  diesen  von  vom  oben  nach  hinten  unten  und 
crsorgt  kaudale  Abschnitte  der  Fissura  calcarina  bzw.  die  Polkappe.  Der 
entrale  Saum  steigt  nach  dem  Schläfenlappen  ab,  beschreibt  dort  eine 
dileife  mit  der  Konvexität  nach  vorn  um  das  Unterhorn  vom  Scitenventrikel 
emporales  Knie)  und  verläuft  entlang  der  Basis  des  Unterhorns  nach  oralen 
hschnitten  der  Unterlippe  der  Fissura  calcarina.  Die  Verteilung  der  übrigen 
isern  auf  Ober- und  Unterlippe  sowie  die  Gyri  cuneo-linguales  ist  kompliziert 
id  kann  im  einzelnen  hier  nicht  wiedergegeben  werden.  Die  Sehmark¬ 
melle  als  Ganzes  erhält  zahlreiche  Digitationen  und  Impressionen  durch 
arspringen  des  Rindengraucs  nach  dem  Markkörper  zu.  Das  in  den  Mark- 
irper  vorgetriebene  Rindengrau  der  Fissura  collateralis  lässt  in  der  Gegend 
-*s  Gyrus  lingualis  eine  grosse  napfförmige  Impression  (Impressio  lanciformis) 
itstehen  und  lateral  davon  typisch  die  basale  Duplikatur  der  Sehmarklamelle, 
n  der  Stelle  des  Uebergangs  der  sagittal  gestellten  Sehmarklamelle  zu  dem 
irizontal  gespreizten  Fächer,  der  die  Versorgung  der  Polkappe  übernimmt, 
itsteht  im  retroventrikulären  Markraum  eine  ,, Umschlagstelle“  mit  sehr 
impliziertem  Faserverlauf.  Die  Hypothese  hat  viel  für  sich,  dass,  was  die 
unktion  anbelangt,  jener  überstehende  Teil  der  Unterlippe  der  Fissura 
ilearina,  dem  also  die  Oberlippe  noch  nicht  paarig  gegenübersteht,  die 
aserversorgung  der  temporalen  Sichel  enthält,  dass  jene  Teile  der  Fissura 
dcarina,  in  denen  sich  Unter-  und  Oberlippe  paarig  gegenüberstehen,  das 
inokulare  Gesichtsfeld  versorgen  und  in  der  Polkappe  wesentliche  Anteile 
er  Macula  lutea  lokalisiert  sind.  (Der  Vortrag  erscheint  als  Monographie 
ei  Julius  Springer.) 


Münchener  Chirurgen-Vereinigung. 

Sitzung  vom  22.  Juni  1923. 

Vorsitzender:  Herr  G  e  b  e  I  e.  Schriftführer:  Herr  A.  P  1  o  e  g  e  r. 
Demonstrationsabend  im  Krankenhaus  r.  d.  Isar. 


Herr' M.  Gras  mann:  1.  Demonstrationen. 

1.  Fall  von  Schmerzscher  Faszienplastik  nach  Rekurrensparalvse, 
eit  über  3  Jahren  mit  bestem  Erfolge  operiert. 

2.  Femurepiphysenlösung  bei  14  jähr.  Fräulein,  Reposition  nach  Lorenz 
nt  gutem  anatomischen  und  funktionellen  Resultate. 


3.  Zungenkarzinom  mit  medianer  Kieferspalturig  operiert. 

4.  Progressive  Rippenknorpelnekrose  bei  49  Jahre  altem  Arbeiter,  die 
ch  an  einer  Stichverletzung  des  V.  Rippenknorpels  entwickelt  hatte:  Ent- 
irnung  der  III. — XI.  Rippenknorpeln.  Besprechung  der  anatomischen  und 
hysiologischen  Eigentümlichkeiten  der  Rippenknorpel. 

5.  Durch  Kapseleinklemmung  irreponible  Daumenluxation;  Spaltung  der 
ielenkkapsel,  leichte  Reposition. 

6.  Vof  X>  Jahr  periarterielle  Sympathektomie  wegen  trophischer  Ulcera 
cs  Fusses  nach  Ischiadikusschussverietzung:  seitdem  keine  Geschwürs- 

ildung.  t 

7.  Deckung  des  Defektes  der  Haut  der  ganzen  Hand  bis  über  das  Hand- 
elenk  durch  Muffplastik  mit  sehr  gutem  funktionellem  Resultate. 

8.  Fall  von  Pateilarfraktur  mit  bestem  Erfolge  operiert  mit  der  Kapselnaht- 
icthode  nach  Schulze. 

9.  Im  Anschlüsse  an  die  Vorstellung  eines  operierten  (seitliche  Anasto- 
lose  und  Resektion)  Vodvulus  Sromani:  Empfehlung  einer  neuen  Bauch¬ 
eckennaht  zur  Vermeidung  der  Nahtfistel  bei  grösseren  Magen-  und  Darm- 
perationen:  Durchgreifende  Bauchnaht  durch  Faszie,  Muskel  und  Peri- 
meum;  Haut  und  subkutanes  Gewebe  wird  nicht  genäht.  Die  Fäden  bleiben 
mg,  Entfernung  der  Fäden  nach  3  Wochen;  Heilung  in  ca.  5  Wochen.  Feste, 
chmale  Narbe. 

10.  Bei  allen  Verletzungen  der  Schultergelenksgegend  (Distorsionen, 
.ontusionen,  Frakturen  am  oberen  Ende  des  Oberarmes,  ob  eingekeilt  oder 
icht,  Frakturen  des  Schlüsselbeines)  vom  ersten  Tage  an  funktionelle  Be- 
andlung.  Bei  grosser  Schmerzhaftigkeit  für  ca.  10  Tage  Extensionsverband 
l  Abduktions-  und  Auswärtsrotation,  dann  funktionelle  Behandlung.  Ab- 
uktionsschiene  nur  bei  sekundärer  Versteifung  des  Gelenkes. 


11.  60  Jahre  alter  Mann  mit  Abriss  der  Sehne  des  M.  supraspinatus  bei 
.uxation  des  Oberarmes  im  Schultergelenk,  wegen  Alters  keine  Naht. 

12.  Bei  Oberarmluxationen,  wo  immer  möglich,  Reposition  durch  eine 
:xtensionsmethode.  Demonstration  eines  Falles,  der  auswärts  durch 
(otationsmethode  nach  Kocher  eine  Parese  des  Nervus  axillaris  und 
adialis  davongetragen  hat.  Bei  Oberarmluxationen  vom  ersten  Tage  an 
unktionelle  Behandlung. 

13.  Revolverkugel  im  Kniegelenk.  Entfernung:  Erönffung  des  Gelenkes 
urch  S-Schnitt  nach  Payr,  welcher  stets  ausgezeichneten  Ueberblick  gibt. 
■  icht  alle  Meniskusverletzungen  erfordern  einen  operativen  Eingriff. 

14.  Pseudarthrose  des  Unterschenkels,  durch  Verriegelung  geheilt. 

2.  Zur  Behandlung  der  äusseren  Darmfisteln. 

Erwähnung  einiger  wichtiger  Punkte  der  pathologischen  Anatomie  der 
>armfisteln.  Viele  Darmfisteln  heilen  durch  konservatives  Verhalten.  Wenn 
ine  Operation  nötig  ist,  so  muss  fast  immer  der  Darm,  der  Fistelkanal  und 
ie  Haut  genäht  werden.  Von  den  extraperitonealen  Methoden  wird  die  von 
1  i  n  s  c  h  e  r  f  und  Payr  erwähnt,  die  P  a  y  r  sehe  wegen  ihrer  Gefährlichkeit 
bgelehnt.  Die  Spornquetschmethode  ist  fast  ganz  verlassen.  Intraperi- 
oneal  wird  fast  nur  mehr  nach  der  zuerst  von  Hacker  angegebenen 
Methode  operiert:  Eröffnung  der  Bauchhöhle  weit  ab  von  der  Fistel,  Ablösung 
les  Fisteldarmes,  Schliessung  der  Fistelstelle  durch  Peritonealnaht.  Ver¬ 
tagung  des  Darmes.  Darmausschaltungen  kommen  nur  als  Notoperation  in 
Tage. 

Wenn  möglich  stets  extraperitoneal.  Vortr.  empfiehlt  die  Hautdarm- 
dastik  nach  Nelaton-Jeanell:  Umschneidung  der  Fistel  in  einer  Ent- 
ernung  von  1  Yi — 2  cm,  Beweglichmachen  der  Ränder  des  Lappens  rings- 
>crum,  Umwendung  des  Lappens,  so  dass  die  Epidermis  des  Lappens  dem 
-umen  des  Darmkanales  zugekehrt  ist,  Vernähung  der  Wundränder  des 
-appens  durch  dichte  Koriumnähte,  Versenkung  des  Ganzen  durch  zwei-  oder 
treischichtige  Bauchwandnaht. 

Die  Operation  wurde  in  22  Fällen  ausgeführt;  3  mal  bei  axialen  Dick- 
larmfisteln,  3  mal  bei  Dünndarmfisteln,  die  übrigen  Fälle  betrafen  laterale 


Dickdarmfisteln.  Gestorben  ist  keiner,  geglückt  alle  bis  auf  3.  wobei  2  mal 
technische  Fehler  den  Misserfolg  verursachten. 

(Erscheint  anderwärts  ausführlicher.) 


Medizinisch-Naturwissenschaftlicher  Verein  Tübingen. 

(Medizinische  Abteilung.) 

Sitzung  vom  9.  Juli  1923. 

Herren  A  n  d  1  e  r  und  Sch  ml  n  ek  e:  Ueber  maligne  Chordome. 

Besprechung  der  Symptomatologie,  Klinik,  Prognose,  Therapie,  Patho¬ 
genese,  pathologischen  Anatomie  der  malignen  Chordome  mit  Vorweisung  von 

2  neuen  Fällen  mit  Lokalisation  in  der  Kreuz-Steissbeingegend,  bei  einem 
45  jähr.  und  62  jähr.  Mann. 

Im  1.  Fall  hatte  die  Geschwulst  sich  nach  einem  vor  5  Jahren  erlittenen 
I  rauma  langsam  unter  dem  Auftreten  neuralgischer  Schmerzen  im  Gesäss 
und  an  der  Rückseite  beider  Oberschenkel  entwickelt.  2  malige  Operation. 
In  der  ersten  Entfernung  eines  hühnereigrossen  Steissbeintumors,  der  nach 
einer  beschwerdefreien  Pause  von  einem  Jahr  rezidivierte.  Bei  der  zweiten 
Operation  diffuse  Geschwulstinfiltration  aller  Kreuzbeinwirbelkörper.  Nur 
teilweise  Entfernung  möglich.  Röntgenbestrahlung,  die  anscheinend  das 
zurückgelassene  Geschwulstgewebe  zum  Schwund  brachte.  Der  Kranke  ist 
bis  jetzt  beschwerdefrei  ohne  Erscheinungen  eines  weiteren  Geschwulst¬ 
wachstums. 

Im  2.  Fall  anscheinend  spontane  Entstehung  der  Geschwulst  innerhalb 
von  5  Jahren.  Auch  hier  Neuralgien.  Tumordiagnose  mit  Sicherheit  erst 

3  Jahre  nach  Beginn  der  Beschwerden  zu  stellen.  Röntgenbestrahlung 
erfolglos.  Operation  ergab  ca.  zweifaustgrossen  Tumor  im  Kreuz-  und  Steiss- 
bein  ohne  Möglichkeit  einer  genaueren  Lokalisation. 

ln  beiden  Fällen  Aufbau  der  Geschwulst  aus  einem  in  seiner  Konsistenz 
wechselndem,  glasigem,  teilweise  gallertigem  Gewebe.  Mikroskopisch  un¬ 
regelmässig  gestaltete  Zellen  mit  kuglig-tropfigen  Einlagerungen  und  weit¬ 
gehendem  vakuolärem  Zerfall,  z.  T.  dicht  nebeneinander  gelagert  —  Chorda¬ 
karzinom  — ,  z.  T.  durch  hyaline  und  fibrilläre,  reichlich  mit  Vakuolen  durch¬ 
setzte  Grundsubstanz  getrennt.  Vortragende  leiten  die  Geschwulst  in  beiden 
Fällen  von  den  von  L  i  n  c  k  und  Warstat  (Beitr.  z.  klin.  Chir.  127,  3) 
kennengelernten,  extravertebral  in  der  Sakrokokkygealgegend  gelagerten 
Chordagewebsresten  ab. 

Herr  Schmincke:  Ueber  Tuberkulose.  I1.  Infektionswege  und 
Morphologie. 

Hinweis  auf  die  ausschliessliche  Entstehung  der  Tuberkulose  des 
Menschen  durch  Infektion  mit  Typus  humanus-Bazillen.  Die  enteral  und 
mesenterial-glandulär  lokalisierte  Infektion  mit  Bovinbazillen  ist  nur  hin¬ 
sichtlich  einer  dadurch  bedingten  Allergie  von  Bedeutung.  Die  intrauterine 
plazentare  Infektion  ist  praktisch  ohne  Belang.  Von  Bedeutung  ist  nur  die 
pulmonale  Infektion  in  jeder  Phase  des  extrauterinen  Lebens.  Die  isolierte 
Phthise  entsteht  durch  gehäufte  (?)  exogene  Reinfektion.  Besprechung  der 
Morphologie  der  Tuberkulose  an  der  Hand  der  anatomischen  Formen  der 
Lungentuberkulose  unter  Vorweisung  zahlreicher  Lichtbilder. 

Sitzung  vom  23.  Juli  1923. 

Herr  Schmincke:  Demonstration  einer  missbildeten  Frühgeburt  im 

7.  Monat  mit  Aphasie  des  äusseren  Genitals,  Atresie  des  Anus,  Meningocele 
lumbalis  und  einer  birngrossen  Zyste  rechts  neben  der  Blase,  die  mit  dem 
Blasenhats  in  Form  einer  schweinsborstendicken  Oeffnung  kommunizierte. 
Die  Zyste  war  mit  Plattenepithel  ausgekleidet  und  zeigte  im  übrigen  eine 
bindegewebige  Wand  mit  reichlich  glatten  Muskelfasern.  Es  handelte  sich 
hierbei  um  den  rudimentären  und  sekundär  zystisch  entarteten  rechten 
Müller  sehen  Gang.  Der  linke  fehlte  vollkommen.  Die  röntgenologische 
Untersuchung  ergab  eine  Verlagerung,  rudimentäre  Anlage,  z.  T.  Defekt  der 
unteren  Brust-,  Lenden-  und  Kreuzbeinwirbelkörper.  Die  Missbildungen  sind 
syngenetische  und  ursächlich  auf  eine  Schädigung  der  Lenden-Kreuzbein- 
gegend  in  früher  Embryonalperiode  —  ca.  5. — 6.  Woche  —  zurückzuführen. 

Herr  Brandess:  Neues  Instrument  zur  Lokalisation  der  Portio  vag. 
bei  Röntgentiefentherapie. 

Demonstration  eines  Instrumentes,  das  zur  Lokalisation  der  Portio  vag. 
im  Becken  dient.  Das  Instrument  gestattet,  die  Portio  nicht  nur  genau  auf 
Bauch-,  Rücken-  und  Vulvafeld  zu  projizieren,  sondern  auch  —  was  bei  vielen 
bisher  konstruierten  Apparaten  nicht  möglich  war  —  auf  die  beiden  Seiten¬ 
felder  und  den  entsprechenden  Hautportioabstand  abzulesen.  Auf  den 
projizierten  Punkt  ist  dann  jeweils  der  Zentralstrahl  bei  Bestrahlung  von 
Kollumkarzinomen  zu  richten.  Mit  Hilfe  einer  beigegebenen  Tabelle  ist  es 
weiter  möglich,  auch  beliebige  andere  Punkte  in  der  Mittellinie  des  Körpers 
auf  der  Haut  festzulegen,  die  mittels  des  Instrumentes  zu  der  vorher  be¬ 
stimmten  Portioprojektion  in  Beziehung  gebracht  werden  können,  und  für 
diese  sofort  den  Portiohautabstand,  sowie  den  dazugehörigen  Röhrenkantungs- 
winkel  abzulesen,  der  erforderlich  ist,  wenn  man  den  Zentralstrahl  durch  den 
neubestimmten  Hautpunkt  auf  die  Portio  lenken  will. 

Herr  E.  Vogt:  1.  Biologie  der  Peritonealflüssigkeit. 

V.  hat  die  Peritonealflüssigkeit  bei  ungefähr  100  Laparotomien  chemisch, 
physikalisch  und  zytologisch  untersucht.  Er  bespricht  die  Abhängigkeit  der 
Peritonealflüssigkeit  von  der  chronischen  Appenditis,  sowie  die  Theorie  von 
N  o  v  a  k,  wonach  die  Peritonealflüssigkeit  von  dem  jeweiligen  Funktions¬ 
zustand  des  Corpus  luteum  abhängt.  Die  Beziehungen  der  Peritonealflüssig¬ 
keit  zu  den  verschiedenen  Stadien  der  Gravidität  und  die  Bedeutung  der  Peri¬ 
tonealflüssigkeit  für  den  Eitransport  und  für  die  Vitalität  der  Spermatozoen 
werden  erörtert,  und  ausserdem  die  Beeinflussung  der  weiblichen  und  männ¬ 
lichen  Geschlechtszelle  von  der  Follikelflüssigkeit  in  Beziehung  zur  Sterilitäts¬ 
frage. 

2.  Röntgendemonstrationen. 

V.  hat  die  Harnblase  mit  Jodkalilösung  gefüllt  und  dadurch  sehr  über¬ 
sichtliche  Blasenbilder  erhalten.  Die  ungeheuer  grosse  Anpassungsfähigkeit 
der  Blase  wird  gezeigt  an  Bildern  nach  ventraler  Fixation  des  Uterus,  nach 
Vaginifixur  und  nach  Kollifixur.  Die  Harnblase  kann  sich,  wie  der  Vortragende 
früher  gezeigt  hat,  nicht  nur  in  ausgedehntester  Weise  unter  der  Geburt 
extraperitoneal  entwickeln,  sondern  auch  beim  Totalprolaps,  wie  aus  Röntgen¬ 
aufnahmen  nach  Füllung  der  Harnblase  im  Stehen  und  Liegen  hervorgeht. 
Beim  Totalprolaps  wandert  die  Blase  nach  oben  und  vermehrt  ihren  sagittalen 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  33 


1104 

Durchmesser  ganz  beträchtlich.  Das  lässt  sich  röntgenologisch  sehr  gut  nach- 
weisen. 

Es  wird  noch  das  Röntgenbild  eines  Granatsplitters  gezeigt,  welcher  im 
Uterus  nach  einer  Eliegerbombcnverletzung  im  Jahre  1916  ganz  reaktionslos 
eingeheilt  ist  und  bisher  bei  der  Kranken  auch  gar  keine  Erscheinungen  ge¬ 
macht  hat.  Dieser  Bombensplitter  wurde  als  Nebenbefund  in  einem  Falle  ent¬ 
deckt,  bei  welchem  wegen  Aneurysma  arterio-venosum  der  Uteringefässe 
infolge  einer  Bombensplitterverletzung  die  Totalexstirpation  mit  Erfolg  aus¬ 
geführt  worden  ist. 


Physikalisch-medizinische  Gesellschaft  zu  Würzburg. 

(Offizieller  Bericht.) 

Sitzung  vom  12.  Juli  1923. 

Vorsitzender:  Herr  F  1  u  r  y.  Schriftführer:  Herr  Walther  Schmitt. 

Herr  Paul  Hoff  mann:  Eindrücke  in  Spanien. 

Der  Vortragende  war  von  der  Universität  Santiago  (Spanien)  zur  Ab¬ 
haltung  eines  3  monatigen  praktischen  Kurses  für  Physiologie  berufen.  Er 
berichtet  über  seine  Erfahrungen  während  dieser  Zeit.  Besonders  betont  er, 
dass  die  spanischen  Universitäten  kraftvoll  versuchen,  den  Unterricht  zu  ver¬ 
bessern,  so  dass  anzunehmen  ist,  dass  ihre  Einrichtungen  in  wenigen  Jahren 
denen  der  Universitäten  Deutschlands  nicht  mehr  nachstehen  werden. 

Herr  Karl  Marbe:  Ueber  Unfallversicherung  und  Psychotechnik. 

Marbe  schlägt  eine  Brücke  von  der  Psychologie  zur  Versicherungs¬ 
wissenschalt.  Er  weist  statistisch  nach,  dass  Personen,  die  innerhalb  eines 
bestimmten  Zeitraums  mehr  Unfälle  erlitten  haben  als  andere  Personen,  inner¬ 
halb  des  gleichen  folgenden  Zeitraums  ebenfalls  mehr  Unfälle  erleiden  als 
diese.  Da  dieses  statistische  Verhalten  auch  für  Angehörige  gleicher  Berufe 
zutrifft,  so  schliesst  Marbe  daraus  auf  einen  die  Disposition  zu  Unfällen 
regelnden  persönlichen  Faktor  im  Menschen,  der  individuell  wesentlich  ver¬ 
schieden  sein  kann.  Marbe  legt  dann  die  Gesichtspunkte  zur  psycho- 
technischen  Untersuchung  dieses  persönlichen  Faktors  dar.  Durch  geeignete 
Prüfungen  desselben  bei  den  Arbeitern  könnten  unfalldisponierte  Personen 
von  vorneherein  aus  gefährlichen  Betrieben  ferngehalten  werden,  was  Arbeit¬ 
gebern,  Arbeitern  und  der  sozialen  Unfallversicherung  gleichmässig  zugute 
käme. 

(Der  Vortrag  erscheint  ausführlich  in  der  Monatsschrift  „Praktische 
Psychologie“.) 

Herr  E.  Wagner:  Ueber  die  Grenze  im  Aufbau  der  Elemente  auf  Grund 
der  Bohr  sehen  Atomtheorie. 

Die  spektroskopischen  Tatsachen  im  Lichte  der  B  o  h  r  sehen  Theorie 
lassen  leichtere  Elemente  als  Wasserstoff  nicht  möglich  erscheinen  und  er¬ 
lauben  nur  wenige  Lücken  innerhalb  der  Reihe  der  92  Elemente  zwischen 
Wasserstoff  (Atomzahl  .=  1)  und  Uran  (Atomzahl  =  92)  mit  neuen  noch  un¬ 
bekannten  Elementen  auszufüllen.  Die  Frage,  warum  Elemente  jenseits  Uran 
nicht  gefunden  werden,  wurde  bisher  wohl  meist  mit  dem  kaum  genügenden 
Hinweis  auf  die  Radioaktivität  der  schwereren  Elemente  beantwortet,  die  eine 
Instabilität  bedingt. 

Es  schien  mir  nun,  dass  die  Bohr  sehe  Theorie  auf  diese  Frage  eine 
befriedigendere  Antwort  geben  kann.  Die  Quantengesetze  des  Atombaues 
verlangen,  dass  der  Radius  des  dem  Atomkern  nächsten  (ersten)  Elektronen¬ 
rings  mit  zunehmender  Atomzahl  Z  abnimmt  und  zwar  im  Verhältnis  y' 

Andererseits  ist  der  Atomkern  kein  ausdehnungsloser  Punkt,  sondern  er  hat 
einen  Radius,  der  aus  radioaktiven  Aeusserungen  gefolgert  werden  kann 
und  der  ein  deutliches  Wachstum  mit  zunehmender  Atomzahl  zeigt.  Wir 
meinen,  dass  die  Instabilität  des  Atombaues  gegeben  ist,  wenn  mit  wachsender 
Atomzahl  die  Kernausdehnung  mit  der  Ringschrumpfung  in  Konflikt  kommt, 
sei  es  (was  wahrscheinlicher  ist),  dass  die  Elektronenbahnen  infolge  der  Kern¬ 
nähe  gestört  werden,  sei  es,  dass  der  Kernaufbau  selbst  durch  die  periodischen 
Störungen  der  in  grosser  Nähe  kreisenden  Elektronen  instabil  (radioaktiv) 
wird. 

Für  das  Verhältnis  Ringradius  :  Kernradius  findet  man  bei  Wasserstoff 
den  Wert  50  000,  bei  Uran  (Kernradius  nach  Rutherford  =  7  .  10-13  cm) 
den  Wert  8.  Im  Perihel  der  elliptischen  Elektronenbahnen  im  Uran¬ 
atom  nähert  sich  das  Elektron  dem  Kern  noch  weiter,  nämlich  auf  4  Kern¬ 
radien. 

In  diesem  Zusammenhang  wäre  vielleicht  die  Frage  erlaubt,  ob  bei  den 
schwersten  Elementen  die  stark  elliptischen  Bahnen  fehlen  (aus  Anzeigen 
der  Röntgenspektren),  während  die  innerste  Kreisbahn  noch  besteht,  oder 
ob  die  beginnende  Instabilität  das  ganze  Elektronengebäude  auf  einmal  er¬ 
greift. 

Es  leuchtet  ein,  dass  die  aus  radioaktiven  Erscheinungen  (grosse  Ener¬ 
gien)  geschlossenen  Kernradiengrössen  kein  genaues  Maass  (zu  kleine 
Werte)  für  die  Wirkungssphäre  des  Kerns  abgeben  können,  die  zur  Instabilität 
des  Atoms  führt.  Wir  möchten  umgekehrt  die  Grösse  des  Kernradius,  die 
maximal  im  schwersten  Atom  möglich  ist,  mit  der  kleinsten  Periheldistanz 
der  Elektronenbahnen  identifizieren. 


Gesellschaft  der  Aerzte  in  Wien. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  22.  Juni  1923. 

Herr  P.  Liebesny:  Ueber  den  Einfluss  des  Jods,  sowie  kombinierter 
Jod-Thymusmedikation  auf  den  Stoffwechsel  bei  Hyperthyreosen. 

Untersuchung  der  Jodwirkung  bei  Hyperthyreosen  unter  steter  Kontrolle 
des  Grundumsatzes  mittels  des  K  r  o  g  h  sehen  Spirometers.  Dabei  ergab 
sich,  dass  gleichzeitige  Gaben  von  Glandula  Thymi  einerseits  einen  vorher 
gegen  Jod  intoleranten  hyperthyreotischen  Organismus  gegen  letzteres 
weniger  empfindlich  machen,  andererseits  Jod  plus  Thymus  viele  hyper- 
thyreotische  Bilder  sehr  günstig  beeinflusst.  Die  günstigen  Resultate  der 
Thymusresektion  bei  Basedow  stehen  damit  nicht  in  Widerspruch,  da  an¬ 
genommen  werden  kann,  dass  die  Thymus  eine  der  Thyreoidea  antagonisti¬ 
sche  Funktion  ausübt,  in  welcher  sie  erlahmen  kann,  andererseits  hyper¬ 
plastisch  entarten  kann. 

Herr  W.  F  a  1 1  a  berichtet  über  die  Wirkung  des  Insulins  bei  Diabetes. 

Vortr.  wurde  vor  etwa  2  Monaten  von  Herrn  MacLeod  ln  Toronto 
(Kanada)  aufgefordert,  sich  für  die  Herstellung  des  Insulins  zur  Diabetes¬ 


behandlung  zu  interessieren.  Die  ersten  Versuche  waren  mit  einem  Präparate 
gemacht  worden,  das  man  aus  einem  Pankreas  hergestellt  hatte,  dessen  Aus-i 
führungsgang  unterbunden  worden  war.  Nur  die  Inselbestandteile  bleiben  I 
bekanntlich  bei  dieser  Versuchsanordnnng  erhalten.  Das  gewonnene  Extrakt  i 
war  bei  pankreas-diabetischen  Hunden  gut  wirksam.  Später  wurde  aus  deml 
Pankreas  von  Kalbsföten,  bei  denen  der  Inselapparat  bereits  vollständig  ent¬ 
wickelt  ist,  ein  Extrakt  hergestellt,  weiterhin  aus  den  Inselbestandteilen  von  ] 
Fischen,  der  vom  Pankreas  ganz  getrennt  ist.  Noch  später  gelang  es,  den  j 
wirksamen  Bestandteil  aus  dem  Pankreas  von  Rindern.  Schafen  und 
Schweinen  zu  gewinnen.  Man  benützt  die  Eigenschaft  des  Insulins,  den  Blut-' 
Zuckergehalt  herabzusetzen,  um  eine  Art  Dosierung  durchzuführen.  Als  Ein¬ 
heit  bezeichnet  man  die  Menge,  welche  ausreicht,  um  den  Blutzuckergehalt 
eines  mittelschweren  Kaninchens  auf  die  Hälfte  herabzudrücken.  Vortr. 
schildert  kurz  2  Fälle,  bei  denen  Insulin  angewendet  wurde.  1.  42  jähriger 
Mann,  der  in  kurzer  Zeit  20  kg  verloren  hatte.  Bei  der  Aufnahme  5 K>  Proz. 
Zucker,  2  g  Azeton;  Hunger,  Zeichen  von  Azidose.  Mehlfrüchtekur  und 
Gemüsekost  konnten  die  Zuckerausscheidung  nur  bis  70  g  pro  die  herab¬ 
drücken.  Auf  Insulin  trat  Senkung  des  Zuckergehaltes  ein.  Der  Kranke 
wurde  schliesslich  zuckerfrei  (Demonstration  einer  Tabelle).  2.  Bei  diesem 
Kranken  mit  lYi  Proz.  Zucker  musste  man  an  manchen  Tagen  2  Injektionen 
von  Insulin  machen,  um  den  Kranken  zuckerfrei  zu  machen.  Insulin  in  ge-| 
ringer  Dosis  konnte  Zuckerfreiheit  auf  der  Höhe  der  Verdauung  nicht  be-i 
wirken.  Insulin  ist  nicht  ungefährlich.  Bei  zu  grossen  Dosen  kommt  es  zu! 
Vergiftungserscheinungen  (Müdigkeit,  Hunger,  Krämpfe.  Bewusstlosigkeit),  s<J 
dass  es  nur  bei  Kranken  verwendet  werden  kann,  die  unter  ständiger  genauer! 
Kontrolle  stehen.  Zur  Beseitigung  der  Vergiftungserscheinungen  gibt  man! 
am  besten  Traubenzucker  intravenös.  Durch  das  Insulin  wird  die  diätetische! 
Therapie  des  Diabetes  nicht  überflüssig  gemacht.  Die  grösste  Wichtigkeit! 
hat  das  Insulin  für  die  schwersten  Fälle  und  die  komatösen  Zustände. 

Herr  St.  Briinaucr:  Klinische  Beobachtungen  mit  Diphasol. 

Diphasol  ist  eine  molekulardisperse  Lösung  eines  komplexen  Quecksilber-! 
salzcs.  Es  zeigte  sich,  dass  subkutan  und  intramuskulär  bis  60  mg  Oueck-I 
süber  pro  Kilogramm  Körpergewicht,  bzw.  20  mg  Quecksilber  pro  Kilogramm! 
Körpergewicht  intravenös  im  Tierversuch  glatt  vertragen  wurden.  Von  Be-I 
deutung  für  die  günstige  Wirkung  eines  Quecksilberpräparates  ist  aber  nicht! 
nur  die  Verträglichkeit,  sondern  auch  die  Ausscheidung  desselben.  Aus-I 
scheidungsversuche,  die  im  chemischen  Universitätsinstitute  (Prof.  F  r  o  m  m)jj 
angestellt  worden  waren,  ergaben,  und  zwar  gleichgültig,  ob  die  Injektion! 
subkutan,  intramuskulär  oder  intravenös  vorgenommen  wurde,  dass  erst! 
zwischen  dem  11.  und  15.  Tage  nach  einer  einmaligen  Injektion  kein  Queck-| 
Silber  mehr  im  Urin  nach  der  Ludwig-Mauthner  sehen  Methode  nach! 
gewiesen  werden  konnte.  Weiterhin  sind  für  die  Wirkung  des  vorgeführter! 
Präparates  seine  Eigenschaften,  besonders  sein  ausgezeichnetes  Dialysier-I 
und  Ultrafiltriervermögen  vop  Bedeutung.  Sehr  interessante  Befunde  er¬ 
gaben  die  Prüfungen  der  Kolloidstabilität  des  Blutes.  Die  Frage,  worin 
eigentlich  die  Quecksilberwirkung  bestünde,  ist  auch  heute  noch  nicht  eine: 
einheitlichen  Beantwortung  zugeführt.  Während  eine  Anzahl  von  Autorenj 
dem  Quecksilber  noch  eine,  wenn  auch  geringe  spirillozide  Wirkung  zu-j 
erkennen  wollen,  wollen  andere  dem  Merkur  nur  eine  indirekte,  etwa  übei] 
die  Schutzkräfte  des  Organismus  vor  sich  gehende  Wirkung  zuerkennen 
Schade  und  Schuhmacher  sehen  im  Quecksilber  einen  Katalysator 
wieder  andere,  wie  Kolle,  Kreibich  erklären  die  Quecksilberwirkung  als 
Protoplasmaaktivierung,  so  iüngst  auch  B  u  s  c  h  k  e  und  S  k  1  a  r  z,  die  in  dei 
Beeinflussung  des  kolloidchemischen  Zustandes,  in  der  Auslösung  physikalisch-! 
chemischer  Vorgänge  durch  das  Quecksilber  das  Wesen  der  Quecksilber-! 
Wirkung  erblicken.  Dieser  letzteren  Anschauung  Rechnung  tragend,  wurderj 
Kolloidstabilitätsprüfungen  von  den  Herren  Dux  und  K  o  1 1  m  a  n  n  vorge-n 
nommen  und  diese  ergaben  als  normale  Reaktion  auf  die  Einführung  vorl 
Diphasol  eine  Beschleunigung  der  Erythrozytensenkung,  zurückzuführer  I 
wahrscheinlich  auf  eine  Vermehrung  der  grob  dispersen  labilen  Plasmal 
Eiweisskörper,  besonders  der  Globuline.  Eine  Verlangsamung  der  Senkungsjj 
geschwindigkeit  war  nur  in  jenen  Fällen  zu  beobachten,  welche  von  Haus  au:| 
eine  hohe  Senkungsgeschwindigkeit  zeigten.  Dies  ist  so  zu  erklären,  das» 
die  schon  anfänglich  vorhandenen,  hochlabilen  Eiweissfraktionen  im  Blut! 
plasma  durch  die  Injektion  so  vermehrt  werden,  dass  sie  ausfallen  und  danrl 
die  stabilisatorische  Komponente  überwiegt. 

Herr  W.  O  s  t  w  a  1  d  aus  Leipzig:  Ueber  Diphasol. 

Herr  E.  Loewenstein  berichtet  über  Untersuchungen,  die  er  ge 
meinsam  mit  H.  M  o  r  1  t  s  c  h  über  die  Tuberkulose  als  Organsystemerkran 
kung  angestellt  hat.  K.  S 

Sitzung  vom  6.  Juli  1923. 

Herr  W.  Knoepfelmacher  demonstriert  das  von  ihm  am  1.  J ul M 
gezeigte  Kind,  dessen  Gehirnabszess  als  geheilt  betrachtet  werden  kann. 

Die  Herren  M.  Sgalitzer  und  H.  S  t  ö  b  r  berichten  über  die  röntgeno¬ 
graphische  Diagnose  der  Tracheomalazie. 

Herr  I.  Bauer  stellt  einen  13  jährigen  Knaben  mit  rechtsseitige! 
Gynäkomastie  vor.  _  J3 

Die  Drüse  weist  etwa  den  Zustand  der  Brustdrüse  bei  einem  18  jährigen 
Mädchen  auf.  Sonst  ist  der  Knabe  durchaus  normal  gebaut.  Derartige  FälU'l 
sind  sehr  selten;  sie  zeigen,  dass  die  Entwicklung  der  Brustdrüse  nicht  reiiji 
hormonal  bedingt  ist.  Das  Ovarium  spielt  höchstens  eine  protektive  Rolle;] 
Vortr.  verweist  darauf,  dass  nach  dem  heutigen  Stand  der  Forschung  atll 
zunehmen  ist,  dass  die  Geschlechtsbestimmung  des  werdenden  Individuum:, 
durch  die  Chromosomen  im  Moment  der  Befruchtung  bestimmt  ist.  Auch  dei 
Charakter  aller  Körperzellen  ist  von  der  befruchteten  Eizelle  aus  bestimmt. 
In  diesem  Falle  ist  die  rechte  Mamma  weiblich. 

Herr  H.  H  a  u  d  e  k  demonstriert  das  Präparat  und  die  Röntgenogramnn 
eines  Falles  von  benignem  Magentumor. 

Herr  E.  Freund  berichtet  über  Untersuchungen  mit  Insulin. 

Die  Herren  P.  Neu  da  und  F.  Redlich:  Wirkung  der  Röntgentiefen 
bestrahlung  auf  die  Nierenfunktion.  K* 


.  AtiRust  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1105 


/ 

Kleine  Mitteilungen. 

Die  Bestie  im  Menschen. 

Das  Juliheft  der  Süddeutschen  Monatshefte,  das  diesen  Titel  führt,  set/t 
6  Reihe  der  Veröffentlichungen  fort,  mit  denen  diese  Zeitschrift  den  Zweck 
rfolgt.  Aufklärung  über  die  sog.  Schuld  der  Deutschen  am  und  im  Welt- 
iege  zu  bringen  und  damit  das  Urteil  über  die  moralische  Berechtigung 
serer  Länder-,  Güter-  und  Freiheitsberaubung  durch  das  Versailler  Diktat 
ermöglichen.  Das  Heft  ist  eine  Fortsetzung  des  vor  2  Jahren  unter  dem 
tel  „Gegenrechnung“  erschienenen  und  wie  dieses  von  unserem  Kollegen 
of.  Dr.  G  a  1 1  i  n  g  e  r  bearbeitet.  Es  behandelt  die  Erlebnisse  von  Zivil- 
d  Kolonialgefangenen  bei  den  Franzosen. 

Der  Inhalt  des  Heftes  ist  eine  Anhäufung  von  Greueln  und  Schcusslich- 
iten.  wie  man  sie  sich  nicht  schlimmer  denken  kann.  Man  fühlt  sich  wieder, 
e  bei  den  Schilderungen  der  Bestialitäten  gegen  die  Kriegsgefangenen  im 
:fte  „Gegenrechnung“  an  die  Zeiten  der  Hexenprozesse  erinnert,  in  denen 
ch  Millionen  schuld-  und  wehrloser  Menschen  hingemartert  worden  sind,  als 
>fer  eines  Wahnes,  der  ganz  Europa  befallen  hatte. 

Jammervolle  Unterkunft,  Hunger,  ekelhafte  Nahrung,  Misshandlungen, 
lilägc,  Auspeitschungen,  unmenschliche  Strafen  ohne  Grund  oder  bei  ge- 
igsten  Anlässen,  das  ist  in  beständiger  Wiederholung  der  Inhalt  der  von 
a  1 1  i  n  g  e  r  gesammelten  Berichte.  Man  ging  in  Frankreich  bei  Kriegs- 
sbruch  gegen  die  dort  lebende  deutsche  Zivilbevölkerung  mit  beispielloser 
iheit  und  Unmenschlichkeit  vor.  Die  in  Deutschland  lebenden  Angehörigen 
ndlicher  Staaten  sind  wie  bekannt  lange  Zeit  überhaupt  ganz  unbehelligt 
blieben  und  wurden  erst  dann  in  Konzentrationslager  verbracht,  als  die 
ndlichen  Staaten,  die  sofort  bei  Kriegsausbruch  unsere  Landsleute  in  Ge- 
lgenenlager  eingesperrt  hatten,  sich  endgültig  weigerten  sie  freizugeben. 

Romain  Rolland,  ein  edler  Mann,  der  den  besten  Willen  zur  Gerech- 
;keit  hat,  irrt,  wenn  er  meint,  Deutschland  habe  das  Beispiel  gegeben  zu  all 
n  Tollheiten  und  Gewalttätigkeiten  des  Krieges,  es  hätte  sie  organisiert 
d  von  ihm  aus  hätte  sich  dann  dieser  schreckliche  Seelenzustand  wie  eine 
lidemie  über  die  andern  Völker  verbreitet.  Der  Ausbruch  dieser  Epidemie 
gt  vielmehr  ganz  und  gar  in  der. hysterischen  Veranlagung  des  französischen 
dkes  und  in  den  schon  lange  Jahre  vor  dem  Kriege  künstlich  aufgepeitschten 
dksinstinkten. 

Besonders  schrecklich  sind  die  Schilderungen  der  Lager  in  Afrika.  Schon 
Hefte  Gegenrechnung  fiel  als  grauenhaft  auf,  dass  die  Franzosen  mittel¬ 
erliche  Folterwerkzeuge  in  Gestalt  von  Daumenschrauben  gebrauchen.  Man 
chte  damals,  das  wird  doch  hoffentlich  nur  ein  ganz  vereinzelter  Missbrauch 
wesen  sein.  Aus  vorliegendem  Hefte  geht  aber  hervor,  dass  das  nicht  der 
11  war.  Er  war  offenbar  in  den  Lagern  ferne  der  Heimat  gang  und  gäbe, 
ne  besonders  scheussliche  Folter  war  die,  2  Gefangenen  Daumenschrauben 
zulegen,  die  Daumenschrauben  durch  eine  Kette  zu  verbinden.  An  die 
•tte  wurde  dann  ein  2  Kilo  schwerer  Block  gehängt  und  dieser  Klotz  musste 
t  ausgestreckten  Armen  in  der  Schwebe  gehalten  werden.  Liessen  die 
.■marterten  vor  Schmerz  oder  Erschöpfung  die  Arme  sinken,  so  wurden  sie 
m  Adjutanten  oder  schwarzen  Soldaten  solange  geschlagen,  bis  sie  die 
me  wieder  erhoben.  Diese  Marterung  dauerte  Stunden.  Auch  geschah 
etwas  nicht  vereinzelt,  sondern  tagtäglich.  Leider  gab  auch  der  Lagerarzt 
tabsarzt  L  o  n  g  h  a  r  6)  im  Lager  Abomey,  das  offenbar  das  allerschlimmste 
wesen  ist,  dem  Adjutanten  und  den  Sergeanten  an  Roheit  der  Gesinnung 
chts  nach.  Prof.  Dr.  Z  u  s  p  i  t  z  a,  der  zur  Unterstützung  des  französischen 
ztes  1915  ins  Lager  Abomey  gebracht  wurde,  schreibt:  „Das  Ganze  machte 
len  unheimlichen  Eindruck,  man  hatte  das  Gefühl,  von  aller  Welt  auf 
mmerwiedersehen  abgeschnitten  zu  sein.  Nun  gar  der  erbarmenswürdige 
ndruck  unserer  Landsleute!  Lebensmüde,  abgezehrte,  hagere  Gestalten, 
ichsbleiche  Gesichter  mit  tief  in  den  breit  umränderten  Höhlen  liegenden 
itten  Augen,  stumm  gebeugt  und  mit  schlotternden  Gliedern  schlichen  sie 
rschüchtert  über  den  Hof  daher.  Andere  standen,  mit  verstohlener  Neugier 
ch  dem  Ankömmling  spähend  im  Hintergrund  ihrer  Hütteneingänge,  um  sich 
im  Annähern  eines  Franzosen  scheu  wie  verschlagene  Hunde  in  das  Innere 
rückzuziehen.  Das  waren  die  „arbeitsfähigen  Gesunden“!  Welches  Elend 
Ute  sich  mir  erst  offenbaren,  als  ich  am  Morgen  nach  meiner  Ankunft  zum 
ztlichen  Dienst  das  Lazarett  betrat!“ 

All  diese  Leiden  waren  nicht  allein  bedingt  durch  das  Schreckensregiment 
izelner,  vielleicht  geisteskranker  Offiziere,  sondern  lagen  im  System.  Die 
inzösische  Regierung  hat  die  Zustände  im  Lager  Abomey,  die  durch  eine 
lzahl  übereinstimmender  und  absolut  einwandfreier  Zeugenaussagen  über 
en  Zweifel  sichergestellt  sind,  ausdrücklich  gebilligt.  Die  deutsche  Re- 
srung  hat  März  1915  dringende  Vorstellungen  erhoben.  Der  stellvertretende 
>uverneur  von  Dahomey  hat  das  Lager  besichtigt,  die  Zustände  gutgeheissen 
d  die  französische  Regierung  behauptete,  die  Behandlung  stehe  „in  vollem 
nklang  mit  den  Gefühlen  der  Menschlichkeit,  denen  unter  allen  Umständen 
wissenhaft  zu  genügen  die  Regierung  sich  zur  Ehrenpflicht  mache.“ 

Schrecklich  war  die  absolute  Rechtlosigkeit.  Kapitän  B  o  s.c  h  sagt:  Die 
.‘fangenen  stehen  ausserhalb  des  Völkerrechtes.  Das  Vorbringen  von  Be- 
hwerden  war  in  Abomey  verboten  und  strafbar!  Man  vergleiche  dagegen 
s  unbeschränkte  und  bis  zum  Aeussersten  missbrauchte  Beschwerderecht 
t  Kriegsgefangenen  in  Deutschland!  Selbst  ein  Mann,  wie  der  bekannte 
zialistische  Abgeordnete  R  e  n  a  u  d  e  1  gibt  einem  deutschen  Zivil¬ 
fangenen.  der  über  3  Jahre  qualvoller  Gefangenschaft  durchgemacht  hatte, 
if  seine  Klagen  zur  Antwort:  „Sie  sind  ein  Boche  und  haben  sich  daher 
cht  zu  beschweren.“ 

All  diese  Qualen  wurden  braven,  gänzlich  unschuldigen  Leuten  zugefügt. 
mg  und  Stellung  machte  nichts  aus.  Auch  der  stellvertretende  Gouverneur 
:>n  Togo  wurde  gleich  unwürdig  behandelt.  3  Tage  lang  bekam  er  trotz 
'tten  kein  Glas  Wasser,  kein  Essbesteck.  In  Gegenwart  von  schwarzen 
»Idaten  wurde  er  beschimpft.  Auch  den  Frauen  ging  es  nicht  besser  als  den 
ännern. 

Als  Gegenstück  folgt  ein  Aufsatz  von  Generalarzt  Dr.  Buttersack 
'er  „Deutsche  Menschlichkeit  im  Kriege“,  dem  eine  Reihe  von  authentischen 
»kumenten  von  Franzosen,  Belgiern  und  Engländern  beigegeben  sind.  Sie  sind 
n  Beweis  für  die  humane  deutsche  Sinnesart  und  deutsche  Handlungsweise, 
ie  Mantelnote  zum  Versailler  Diktat  sagt:  „Die  Deutschen  sind  es.  die  sich 
nsichtlich  der  Kriegsgefangenen,  welche  sie  gemacht  hatten,  eine  barbarische 
ehandlung  erlaubt  haben,  vor  welcher  die  Völker  unterster  Kulturstufe 
irückgeschreckt  wären.“  Dazu  sagen  die  Süddeutschen  Monatshefte,  im 
schwort:  „Die  Wahrheit  ist,  dass  niemals,  soweit  die  Geschichte  reicht, 


Kriegsgefangene  so  gut  behandelt  worden  sind,  wie  von  den  Deutschen  im 
deutsch-französischen  und  im  Weltkrieg,  Wir  können  ein  so  umfassendes 
Urteil  abgeben,  da  wir  uns  diesen  Gegenstand  seit  9  Jahren  zum  besonderen 
Studium  gemacht  haben.  Die  Gerechtigkeit  gebietet  wiederholt  festzustellen, 
dass  uns  Fälle  von  Gefangenenmisshandlung  aus  Serbien  bis  jetzt  nicht  be¬ 
kannt  geworden  sind.  Das  aber,  was  in  der  Mantelnote  von  den  Deutschen 
gesagt  ist,  gilt  wörtlich  von  den  Franzosen.“ 

„Solange  diese  Tatsachen  nicht  bekannt  sind,  kann  nichts  Eindruck 
machen,  was  die  Welt  von  unserem  gegenwärtigen  Leiden  erfährt.  Vielmehr 
sagt  sie:  es  geht  euch  immer  noch  besser  als  ihr  verdient  habt.“ 

„Dass  das  schutzlose  Frankreich  gegen  Deutschland  geschützt  werden 
müsse  —  der  Kern  aller  französischen  Forderungen  —  kann  ja  nur  vertreten 
werden,  solange  die  Welt  über  den  beiderseitigen  Volkscharakter  getäuscht 
wird  und  glaubt,  dass  Deutschland  an  allen  europäischen  Kriegen  schuld  sei. 
Dem  deutschen  Volk  wurden  seine  Waffen  genommen,  wie  einem  Raub¬ 
mörder,  von  dem  man  weiss,  dass  er  das  ihm  gelassene  Messer  zu  einem 
neuen  Raubmord  verwenden  würde.  Man  erkennt  in  Deutschland  nicht,  dass 
den  Kern  der  weltpolitischen  Lage  bildet:  der  Weltbetrug  über  die  Bestie  im 
Menschen.“ 

Ga  11  in  ge  r  schliesst:  „Damit  bringe  ich  diese  traurige  Arbeit  zum 
Abschluss.  Traurig  für  die  menschliche  Gesittung,  traurig  für  den  Kultur¬ 
zustand  eines  Volkes,  das  von  sich  behauptet,  an  der  Spitze  der  Zivilisation 
zu  marschieren  und  unsagbar  traurig  für  die  gesamte  Kulturwelt,  die  cs  fertig 
bringt,  diesen  abscheulichen  Vorgängen  gleichgültig  gegenüberzustehen,  so 
dass  ein  geistvoller  Engländer  treffend  sagen  konnte:  „Wir  haben  während 
des  Krieges  gelernt  die  Leiden  anderer  geduldig  zu  ertragen.“  Inzwischen 
werden  in  Frankreich  fleissig  deutsche  „Kriegsverbrecher“  in  ihrer  Abwesen¬ 
heit  „gerichtet“.  Will  die  deutsche  Regierung  nicht  endlich  der  französischen 
Rechtspflege  Gelegenheit  geben,  ihre  berühmte  Gerechtigkeitsliebe  zu  be¬ 
währen,  indem  sie  Frankreich  aus  ihrem  überreichen  Material  eine  Liste  der 
französischen  Kriegsverbrecher  überreicht?  Oder  will  sie  die  Pflicht,  die 
Wahrheit  zu  verbreiten,  ganz  und  gar  Privatpersonen  überlassen.“ 

Es  ist  zu  vermuten,  dass  die  Zurückhaltung  des  grossen  Materiales,  das 
über  diese  Dinge  vorhanden  ist,  wohl  aus  sog.  psychologischen  Gründen  ge¬ 
schieht.  Was  der  Deutsche  auch  tun  mag,  es  heisst  immer:  er  versteht  sich 
nicht  auf  die  Psyche  des  Ausländers  und  ihre  Behandlung.  Das  hören  wir 
nun  seit  9  Jahren,  besonders  von  gewissen  Neutralen  und  von  unseren 
eigenen  sog.  Pazifisten.  Man  ist  wohl  unsicher  geworden,  man  fürchtet, 
vielleicht  mit  Recht,  einen  Reiz  zu  setzen,  der  „Sanktionen“  auslösen  könnte. 
Jedenfalls  denkt  man  an  verleumderische  Entgegnungen,  die  rasch  und  ein¬ 
gehendst  in  der  Weltpresse  verbreitet  werden,  während  deutsche  Berichte 
von  vorneherein  zum  Totgeschwiegenwerden  verurteilt  sind.  Wir  sind  wie 
in  einem  luftleeren  Raum,  unsere  Notschreie  werden  nicht  weitergeleitet. 
Auch  denkt  man  vielleicht,  die  Amerikaner  könnten  gekränkt  sein,  und  etwa 
gar  aus  unseren  Berichten  einen  stillen  Vorwurf  herauslesen.  Es  könnte 
ihnen  vielleicht,  natürlich  nur  vorübergehend,  die  sonderbare  Empfindung 
kommen,  als  hätten  sie  sich  ohne  Not  auf  die  falsche  Seite  geschlagen  und  als 
seien  die  Rollen  von  Humanität,  Edelmut,  Fortschritt  einerseits.  Barbarei  und 
Hunnentum  andererseits  nicht  so  verteilt  gewesen  wie  der  gute  Wilson  es 
ihnen  gesagt  hat.  Das  könnte  ihnen  wehe  tun  und  das  wollen  wir  beileibe 
nicht. 

Es  ist  wohl  recht  schwer,  im  Falle  Deutschland  psychologisch  richtig 
vorzugehen.  Ich  vermute  die  armen  Weiblein  auf  der  Folterbank  haben  es 
auch  gar  nicht  recht  verstanden  ihre  Hexenrichter  psychologisch  richtig  zu 
behandeln.  Haben  sie  geschrien,  hats  nicht  geholfen  und  haben  sie  nicht 
geschrien,  so  wars  erst  recht  nichts. 

Das  beste  wird  wohl  sein,  die  ganze  Psychologie  unseren  Pazifisten  zu 
überlassen  und  ganz  einfach  die  Wahrheit  zu  sagen,  wenn  auch  zunächst  nur 
für  uns  selbst.  Mögen  sie  die  andern  hören  wollen  oder  nicht,  einmal  wird 
sie  schon  an  den  Tag  kommen.  Die  jetzige  Generation  ist  gemütlich  zu  stark 
an  den  Irrtum  gebunden  und  würde  sich  selbst  unrecht  geben,  wenn  sie  nicht 
diesen  Komplex  verdrängen  würde.  Sie  muss  sich  die  Ohren  zuhalten.  Aber 
für  die  Zukunft  muss  festgelegt  werden,  was  war  und  was  ist.  Die  Süd¬ 
deutschen  Monatshefte  haben  diese  Aufgabe  übernommen  und  führen  sie 
weiter  ohne  Unterlass.  Das  wollen  wir  ihnen  und  G  a  1 1  i  n  g  e  r  danken. 

Kerschensteine  r. 

Therapeutische  Notizen. 

Yatrenanwendung  bei  chirurgischer  Tuberkulose. 

In  Anlehnung  an  meine  Mitteilung  in  Nr.  13  der  M.m.W.  möchte  ich 
noch  kurz  den  Wert  der  lokalen  Applikation  der  5  proz.  Yatrenlösung  be¬ 
leuchten,  die,  wie  ich  aus  Referaten  ersehen  habe,  zum  Teil  völlig  über¬ 
gangen  ist,  der  jedoch  gerade  eine  besondere  Wichtigkeit  bei  gewissen 
Formen  der  sog.  chirurgischen  Tuberkulose  beizumessen  ist,  z.  B.  bei  Be¬ 
handlung  des  Fungus  und  tuberkulöser  Abszesse,  wo  gerade  durch  die 
lokale  Applikation  ein  Reiz  auf  das  Bindegewebe  aus¬ 
geübt  wird,  was  zu  Rückbildung  und  Schrumpfung  des 
tuberkulösen  Granulationsgewebes  führt  und  unter 
Eiterverminderung  die  schliessliche  Vernarbung  der 
Abszesshöhle  bewirkt,  während  hierbei  die  intramuskulären  Injek¬ 
tionen  lediglich  im  Sinne  der  allgemeinen  Leistungssteigerung  wirken  sollen. 
Ich  greife  hier  gerade  den  tuberkulösen  Fungus  und  tuberkulöse  Abszesse 
wie  Mischformen  beider  heraus,  da  hier  der  Wert  eines  Mittels  sich  sichtbar 
verfolgen  lässt  und  Vergleiche  mit  anderen  Behandlungsmethoden  leicht  mög¬ 
lich  sind. 

Bei  aller  Skepsis,  mit  der  wir  an  die  Prüfung  des  Präparates  heran¬ 
gegangen  sind,  hat  sich  das  Yatren  durch  seine  günstige  Wirkung,  insonder¬ 
heit  bei  lokaler  Applikation,  fast  möchte  ich  sagen  unentbehrlich  gemacht. 

Bei  tuberkulösem  Fungus  gehe  ich  so  vor,  dass  ich  mit  einer  längeren, 
möglichst  dünnen  Nadel  unter  Vor-  und  Zurück-  und  Seitwärtsschieben  der 
Nadel  etwa  2  ccm  5  proz.  Yatrenlösung  in  dem  betreffenden  Gebiete  verteile. 
Handelt  es  sich  um  nur  einen  kleinen  Herd  tuberkulösen  Granulationsge¬ 
webes,  so  werde  ich  mit  einer  Injektion  das  gesamte  Gebiet  durchtränken 
können:  andernfalls  wird  nach  Abklingen  der  geringen  Reaktionserscheinungen 
(lokale  Temperaturerhöhung,  geringe  Volumzunahme  bei  fehlender  Allgemein¬ 
reaktion)  nach  etwa  3 — 4  Tagen  der  anschliessende  Bezirk  infiltriert  Wie 
häufig  die  Injektionen  vorgenommen  werden  müssen,  lässt  sich  nur  von 
Fall  zu  Fall  entscheiden,  vom  Schematisieren  ist,  wie  auch  sonst  abzuraten. 
Der  Geübte  wird  durch  wenige  im  rechten  Zeitpunkt  gegebene  Injektionen 


1106 


MÜNCH  EN  KR  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  3. 5 


Besseres  erreichen  als  der  Ungeübte  durch  Polypragmasie.  Die  Infiltration 
des  Fungus  kann  in  10  tägigen  Intervallen  wiederholt  werden,  schädigende 
Nebenwirkungen  sind  ausgeschlossen. 

Bei  tuberkulösen  Abszessen  schliesse  ich  an  die  Punktion  eine  Durch¬ 
spülung  der  Abszesshöhle  mit  Yatrenlösung  an  (aus  Sparsamkeitsgründen 
kann  man  stärker  verdünnte  Lösungen  nehmen)  und  beschicke  zum  Ab¬ 
schluss  die  Abszesshöhle  mit  mehreren  Kubikzentimeter  5  proz.  Yatrenlösung 
der  Grösse  der  Höhle  angepasst.  Dieses  Verfahren  wird  je  nach  Bedarf 
wiederholt.  Befindet  sich  um  den  Abszess  herum  reichliches  tuberkulöses 
Granulationsgewebe  oder  stellt  der  Abszess  einen  eitrig  eingeschmolzenen 
Bestandteil  des  Fungus  dar,  so  wird  an  die  Abszessbchandlung  eine  Infiltration 
des  Granulationsgewebe  angeschlossen.  Meine  Fälle,  die  hier  nicht  wieder¬ 
gegeben  werden  können,  zeigen  die  gute  Wirkungsweise  der  vorstehend  ge¬ 
schilderten  Behandlungsmethode.  Orthopädische  Massnahmen  (üipsverbändc, 
Extensionen  u.a.m.)  soweit  notwendig,  sind  natürlich  „conditio  sine  qua  non“. 

Aus  dem  Sanatorium  Bad  Rappenau  für  Knochen,  Gelenk-  und  Drüsen¬ 
leiden;  Leiter;  Prof.  Dr.  V  u  1  p  i  u  s  -  Heidelberg. 

Dr.  E.  R  ü  s  c  h  e  r,  Hausarzt. 


Tagesgeschichtliche  Notizen. 

München,  den  14.  August  1923*). 


—  Die  Zeichnung  auf  die  wertbeständige  Anleihe  des 
Deutschen  Reiches  nimmt  am  15.  August  ihren  Anfang.  Im  Anzeigen¬ 
teil  dieser  Nummer  werden  die  Bedingungen  für  die  Zeichnung  bekannt- 
gegeben.  Danach  lauten  die  Stücke  sowohl  auf  Dollar  als  auch  auf  Mark, 
und  zwar  werden  Stücke  von  1  Dollar  bis  zu  1000  Dollar  ausgefertigt.  Die 
grossen  Stücke  von  1Ü00  Dollar  bis  zu  10  Dollar  einschliesslich  tragen  6  Proz. 
Zinsen,  die  jährlich  zahlbar  sind.  Die  Stücke  von  5  Dollar  abwärts  werden 
ohne  Zinsscheine  ausgefertigt.  Sie  werden  im  Jahre  1935  zu  170  Proz.,  also 
mit  einem  Aufschläge  von  70  Proz.  zurückgezahlt,  die  grossen  'Stücke  hin¬ 
gegen  nur  zum  Nennwerte,  d.  h.  zu  100  Proz.  Ein  Anleihestück  über  10  Dollar 
würde  also  im  Jahre  1935  mit  dem  Gegenwert  von  10  Dollar,  berechnet  nach 
dem  New  Yorker  Wechselkurse,  zahlbar  sein;  ein  Stück  über  1  Dollar  mit 
dem  Gegenwert  von  1.70  Dollar.  Zeichnungsstelle  ist  die  Reichsbank,  ferner 
fungieren  eine  grosse  Anzahl  von  Banken,  Bankfirmen  und  sonstigen  Geld¬ 
instituten  als  Annahmestellen  für  die  Zeichnung.  Es  kann  aber  der  Zeichner 
auch  jede  andere  nicht  als  Annahmestelle  bestellte  Bank  oder  Bankfirma  mit 
der  Zeichnung  beauftragen. 

—  Mit  Wirkung  ab  12.  VIII.  1923  werden  in  Bayern  für  die 

Leichenschau  folgende  Gebühren  festgesetzt:  1.  für  ärztliche  Leichen¬ 
schauer:  a)  Gebühr  für  die  Verrichtung  90  000  M.,  b)  Entfernungsgebühr,  wenn 
die  Entfernung  des  Orts  der  Leichenschau  vom  Wohnorte  des  Leichenschauers 
mehr  als  1  km  beträgt,  für  jeden  Kilometer  des  Hin-  und  Rückwegs  20  000  M.; 
2.  für  nichtärztliche  Leichenschauer:  a)  Gebühr  für  die  Verrichtung  45  000  M., 
b)  Entfernungsgebühr,  wenn  die  Entfernung  des  Ortes  der  Leichenschau  vom 
Wohnorte  des  Leichenschauers  mehr  als  1  km  beträgt,  für  jeden  Kilometer 

des  Hin-  und  Rückwegs  10  000  M.  Die  Gebühren  für  eine  ausserhalb  des 

Wohnorts  vorgenommene  Leichenschau  dürfen  insgesamt  den  Betrag  von 
200  000  M.  nicht  übersteigen.  Diese  Sätze  treten  an  die  Stelle  der  ent¬ 

sprechenden  Sätze  der  VO.  vom  26.  VII.  1923  Nr.  5356  a  13,  StA.  Nr.  172. 

—  Das  Staatsministerium  des  Innern  hat  dem  Landesverbände 
für  das  ärztliche  Fortbildungswesen  in  Bayern  für  das 
Jahr  1923  zur  Förderung  seiner  Bestrebungen  einen  Zuschuss  von  300  000  M. 
bewilligt.  Nachdem  unter  den  gegenwärtgien  schwierigen  Verhältnissen  der 
früher  geübte  Modus,  jeweils  das  ganze  Jahr  über  in  den  verschiedenen 
lokalen  Vereinigungen  einzelne  Fortbildungsvorträge  abzuhalten,  nicht  in 
Betracht  kommen  kann,  wird  das  Geld  den  lokalen  Vereinigungen  zu  München. 
Würzburg  und  Nürnberg-Erlangen  überwiesen,  woselbst  dann,  gemeinsam  mit 
den  dortigen  Dozentenvereinigungen,  kurzfristige  Fortbildungskurse  aus  dem 
Gesamtgebiete  der  Medizin  im  Laufe  des  Herbstes  abgehalten  werden. 

—  Der  Wunsch,  alle  im  Zusammenhang  mit  dem  amerikanischen 
Alkoholverbot  in  der  deutschen  Oeffentlichkeit  aufgetauchten  Fragen 
einmal  einer  gründlichen,  sachlichen,  alle  Einwände  berücksichtigenden 
Erörterung  zu  unterziehen,  führte  zur  Einberufung  einer  Alkohol- 
verbots  Konferenz  in  Hamburg-Altona  vom  26.  bis 
28.  August  1923.  Zur  Erörterung  kommen  folgende  Themen:  a)  Die 
geschichtliche  Entwicklung  der  Verbotsbewegung  und  -Gesetzgebung 
einschliesslich  der  Uebergangsformen  (Gemeinde-Bestimmungs-Recht  usw.). 
b)  Die  Wirkungen  des  Alkoholverbots  in  gesundheitlicher,  sittlicher,  wirt¬ 
schaftlicher  Beziehung,  c)  Die  der  Durchführung  des  Verbots  entgegen¬ 
stehenden  Schwierigkeiten  und  ihre  Ueberwindung.  d)  Die  Möglichkeiten  für 
ein  Alkoholverbot  in  Deutschland.  Als  Redner  sind  bisher  gewonnen:  Herr 
Emit  L.  G.  H  o  h  e  n  t  h  a  1,  internationaler  Sekretär  der  World  Prohibition  and 
Reform  Federation,  Washington  (U.S.A.);  Herr  Redakteur  Larsen- 
L  e  d  e  t,  Aarhus  (Dänemark),  Herr  Lektor  K.  A  r  o,  Helsingfors,  Herr  Präsi¬ 
dent  Dr.  Reinhardt  Strecker,  Darmstadt,  Fräulein  G.  Blücher- 
Dresden.  Alle  Mitteilungen  und  Anfragen  sind  an  den  Geschäftsführer 
des  Zentralverbandes,  Herrn  F.  G  o  e  s  c  h,  Hamburg  30,  Eppendorfer  Weg  211, 
zu  richten.  Wenn  besondere  Antwort  gewünscht  wird,  ist  Porto  beizufügen. 
Einberufer  sind  der  Allgemeine  Deutsche  Zentralverband  zur  Bekämpfung  des 
Alkoholismus,  der  Ausschuss  für  Alkoholverbot  in  Deutschland  und  der 
Hamburgische  Zentralverband  gegen  den  Alkoholismus. 

—  Zu  Mitgliedern  des  Landesgesundheitsrats  für 
Preussen  wurden  ernannt  der  Kreismedizinalrat  Dr.  Hubert  Lohmer 
in  Köln  und  der  Sanitätsrat  Dr.  E.  K  r  ö  n  e  r  in  Potsdam,  (hk.) 

—  An  der  Medizinischen  Fakultät  der  Universität  Leipzig  finden  vom 
1.  bis  13.  Oktober  d.  J.  Fortbildungskurse  für  praktische 
A  e  r  z  t  e  statt.  Die  Programme  können  gegen  Einsendung  von  2200  M. 
exkl.  Porto  von  der  Kanzlei  der  Medizinischen  Fakultät  Leipzig,  Augustus- 
platz  5  rechts  II  bezogen  werden. 

—  Pest.  Portugal  (Azoren).  Vom  25.  Februar  bis  28.  April  53  Er¬ 
krankungen  mit  22  Todesfällen  auf  der  Insel  St.  Michael. 

—  Fleckfieber.  Deutsches  Reich.  Nachträglich  wurde  1  Erkran¬ 
kung  in  Ragnit  (Kreis  Tilsit-Ragnit,  Reg.-Bez.  Gumbinnen)  für  die  Woche  vom 


bis  2.  Juni  gemeldet.  —  Russland.  Vom  10.  bis  23.  Juni  19  ErkraF 
in  Petersburg.  Im  gesamten  Russland  wurden  in  den  MonateS 


und  Eisenbahnen  462.  1406.  io. 
732  Erkrankungen  (und  57  Tode 
( — )  und  in  den  Departement 


27.  Mai 
klingen 

Januar,  Februar.  März  und  April  45  330,  34  911,  22  317  und  4296  Erkrankung,: 
gemeldet,  und  zwar  im  europäischen  Russland  und  den  autonomen  Republik* 
41  183,  29  679,  18  956  und  4181,  in  Sibirien.  Kaukasicn  und  Zentralasien  36s 
3526.  2322  und  88  und  auf  Wasserstrassen 
und  27.  —  Polen.  Vom  22.  April  bis  5.  Mai 
fälle),  davon  in  der  Stadt  Warschau  11 
Warschau  28  (3)  und  Bialystok  34  (3). 

—  In  der  28.  Jahreswoche,  vom  8.  bis  14.  Juli  1923,  hatten  vi 
deutschen  Städten  über  100  000  Einwohner  die  grösste  Sterblichkeit  Mail 
mit  20,5.  die  geringste  Erfurt  mit  8,5  Todesfäfllen  pro  Jahr  und  1000  Eii 
wohner.  Vöff.  R.-G.-A.  • 

Hoch  schulnachrichten. 

Frankfurt  a.  M.  Der  Privatdozent  für  Kinderheilkunde.  Dr.  Pa 
Grosser,  dirigierender  Arzt  des  Böttger-Kinderheims,  wurde  zum  nich) 
beamteten  ausserordentlichen  Professor  ernannt.  —  Das  Krankenhaus  d» ! 
Israelitischen  Gemeinde  in  Frankfurt  a.  M.  hat  sich  ein  modernes  Röntgei 
institut  ungegliedert,  zu  dessen  Leitung  der  a.  o.  Professor  der  inneren  Mediz 
und  Röntgenologe  an  der  Universität  Halle  Dr.  Oskar  David  berufe 
worden  ist.  (hk.) 

Giessen.  Dem  Assistenzarzt  an  der  Mediz.  Klinik  der  Universit.S 
Giessen  Dr.  med.  Erwin  Moos  wurde  die  venia  legendi  in  der  dortigen  medu 
zinischen  Fakultät  für  das  Fach  der  mneren  Medizin  erteilt,  (hk.) 

H  a  m  b  u  r  g.  Die  Zahl  der  immatrikulierten  Studenten  beträgt  im  S.-‘ 
4350.  Ausserdem  sind  noch  819  Gasthörer  eingeschrieben.  Medizin  studieren 
insgesamt  394.  Darunter  sind  78  Zahnärzte.  Unter  den  Medizinern  befindijJ 
sieh  55  weibliche  Studierende  und  62  Ausländer.  Als  erstes  Semester  h;M 
weder  ein  Vollmediziner  noch  ein  Studierender  der  Zahnheilkunde  belegt,  jl 

Heidelberg.  Für  das  Fach  der  Zahnheilkunde  habilitierte  sich  d<  ( 
Assistent  an  der  zahnärztlichen  Universitätspoliklinik  Dr.  med.  GerhaijJ 
W  eissenf  eis  mit  einer  Habilitationsschrift  über  „Die  Resistenz  d, 
Miindhöhlengebildc  gegen  Infektion“  und  einer  Probevorlesung  über  „D 
Zweckmässigkeit  des  Gebisses“,  (hk.) 

Königsberg  i.  Pr.  Der  a.  o.  Professor  und  Konservator  an  d, 
anatomischen  Anstalt  der  Universität  München  Dr.  med.  Robert  H  e  i  s 
wurde  zum  ordentlichen  Professor  und  Direktor  des  anatomischen  Institu 
in  Königsberg  i.  Pr.  als  Nachfolger  von  Prof.  Friedr.  M  e  v  e  s  ernannt,  (hk 
—  Im  S.-S.  1923  beträgt  die  Zahl  der  immatrikulierten  Studenten  214 
darunter  291  Damen.  Medizinstudierende  251,  darunter  39  Damen,  Studiereni 
der  Zahnheilkunde  44,  darunter  5  Damen.  Gesamtzahl  der  Ausländer  (ei,J 
schliesslich  Oesterreich,  ausschliesslich  Elsass^Lothringen)  143,  darunt<K 
21  Damen,  43  Mediziner. 

Münster.  Der  Ausbau  der  Medizinischen  Fakultät  in  Münster  ist  nu  | 
mehr  soweit  fortgeschritten,  dass  es  möglich  gewesen  ist,  an  die  Inhaber  dg 
bisher  noch  nicht  besetzten  Lehrstühle  eine  vorläufige  Anfrage  über  ih  !j 
Bereitwilligkeit  zur  Annahme  eines  Rufes  zu  richten.  Hiernach  sind,  wie  w  • 
hören,  in  Aussicht  genommen:  für  Pharmakologie  Prof.  Dr.  HermaiH 
Freund  in  Heidelberg,  für  Ohrenheilkunde  Prof.  Dr.  Hermann  Marx  J 


Heidelberg,  für  Gerichtliche  Medizin  Prof.  Dr.  Heinrich  Többen  in  Münstc  j 
für  Augenheilkunde  Prof.  Dr.  Carl  Behr  in  Kiel,  für  Pathologie  Prc I 


Dr.  Walter  Gross  in  Greifswald,  für  Hygiene  Geh. 
Dr.  Rudolf  Abel  in  Jena,  für  Dermatologie  Prof.  Dr. 


Obermedizinalrat  Pri 
Albert  J  e  s  i  o  n  e  kil 


Giessen  und  für  Kinderheilkunde  Prof.  Dr.  Hans  Kleinschmidt  in  Har 
bürg,  (hk.) 

Todesfall. 

Am  7.  August  starb  der  Ordinarius  der  Physiologie  und  Direktor  d 
physiologischen  Instituts  an  der  Universität  Leipzig  Dr.  med.  .Siegfrit 
Garten  im  Alter  von  52  Jahren.  Seine  Arbeiten  betreffen  allgcmeii 
Muskel-  und  Nervenphysiologie  sowie  Sinnesphysiologie.  Prof.  Garte, 
stammte  aus  Kieritzsch  in  Sachsen.  Seit  1894  war  er  Assistent  am  Leipzig  1 
physiologischen  Institut  bei  L  u  d  w  i  g,  später  Hering,  erhielt  ebenda  d- 
venia  legendi  und  später  die  Beförderung  zum  a.  o.  Professor.  1908  wur 
Garten  Ordinarius  in  Giessen  als  Nachfolger  Otto  Franks  ui 
Ostern  1916  Nachfolger  Herings  in  Leipzig,  (hk.) 


Korrespondenz. 


*)  Wegen  eines  katholischen  Feiertages  musste  diese  Nummer  um  einen 
Tag  früher  abgeschlossen  werden. 


Die  deutsche  Medizinschule  in  Schanghai. 

Man  schreibt  uns  aus  Schanghai:  Herr  Dr.  P  f  i  s  t  e  r  -  Peking  hat  |( 
Nr.  18  d.  Wschr.  einen  Brief  auf  China  veröffentlicht  ,in  dem  er  scharfe  A 
griffe  richtet  gegen  das  Konsulat,  die  Tungchi  Medizinische  Hochschule  u. 
seine  ärztlichen  Kollegen.  Dieser  Brief  stellt  eine  völlig  subjektive  Ai 
fassung  dar. 

Das  Dozentenkollegium  der  Tungchi  Medizinischen  Hochschule  beschrän 
sich  darauf,  -zur  Charakteristik  des  Herrn  Dr.  Pfister  festzustellen,  da,, 
seiner  Entlassung,  die  völlig  und  allein  von  den  chinesischen  massgebend 
Behörden  abhing,  ein  Verfahren  von  seiten  des  Dozentenkollegiums  vora 
ging,  dessen  Ergebnis  war: 

Protokoll  der  Sitzung  des  Dozentenkollegiums  der  Tungchi  Medizinisch- 
Hochschule  vom  20.  Mai  1922: 

Dass  Herr  Dr.  Pfister  durch  seine  Klage  vor  dem  gemischt, 
Gericht  und  sein  gesamtes  Verhalten  in  der  betreffenden  Angelegenin 
den  Ruf  eines  Kollegen  leichtfertig  zu  schädigen  versucht  hat  und  gleich 
zeitig  das  Ansehen  der  Hochschule,  des  Deutschtums  und  des  ärztlich 
Standes  schwer  geschädigt  hat. 

Dieses  Verfahren  war  auf  eigenen  Wunsch  des  Herrn  Dr.  Pfistt 
eröffnet  worden  und  er  hatte  sich  schriftlich  bereit  erklärt,  den  Spruch  a1: 
zuerkennen.  ].  ^  sämtlicher  Mitglieder  des  Dozentenkollegiums 

der  Tunchi  Medizinischen  Hochschule. 

Der  Dekan:  Dr.  B  i  r  t. 


Reichsteuerungsindex. 

Der  Reichsteuerungsindex  für  Ernährung,  Heizung,  Beleuchtung,  Wohnu 
und  Kleidung  beträgt  am  11.  Juli  21511,  am  16.  Juli  28  892  und  am  23.  J 
39  336.  Basiszahl  1913/14  =  1. 

Die  Buchhändler-Schlüsselzahl  ist  ab  14.  VIII.  1923:  700  0‘ 


Verlag  von  J.  F.  Lehmann  in  München  SW.  2,  Paul  Heyse-Str.  26.  —  Druck  von  E.  Mühlthaler’s  Buch-  und  Kunstdruckerei  O.m.b.H.  München. 


Trffs  der  einzelnen  Nummer  freibleibend  -M  105000.-.  •  BezugS- 
pieis  in  Deutschland  und  Ausland  siehe  unter  Bezugsbedingungen. 
Zusendungen  sind  zu  richten 

lür  die  Schriftle.tung :  Amulfstr.  26  (Sprechstunden  8K—  1  Uhr), 
lür  Bezug:  an  J.  F.  Lehmanns  Verlag,  IJaul  Heyse-Strasse  2 j. 


•  • 


MÜNCHENER 


Anzeigen-Annahme : 

Leo  Waibel,  München,  Theatinerstrasse  3. 
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Immer  5  Arbeitstage  vor  Erscheinen. 


Medizinische  Wochenschrift. 


ORGAN  FÜR  AMTLICHE  UND  PRAKTISCHE  ÄRZTE. 


Nr.  34/35.  31.  August  1923. 


Schriftleitung:  Dr.  B.  Spatz,  Arnulfstrasse  26. 
Verlag:  J.  F.  Lehmann,  Paul  Heyse-Strasse  26. 


70.  Jahrgang. 


Der  Verlag  behält  sich  das  ausschliessliche  Recht  der  Vervielfältigung  und  Verbreitung  der  in  dieser  Zeitschrift  zum  Abdruck  gelangenden  Originalbeiträge  vor. 


Originalien. 

Stromafunktionen. 

(Paul  v.  Baurngarten  zum  75.  Geburtstag  gewidmet.) 

Von  M.  Askanazy,  Genf. 

Wie  ein  immer  sieghafter  durchdringendes  Leitmotiv  geht  durch 
v.  Baumgartens  grundlegende  Studien  zur  Histogenese  der  In¬ 
fektionsprozesse,  namentlich  der  chronischen,  der  Satz  von  der 
grossen  Rolle  der  „fixen  Gewebszellen“  beim  Aufbau  der  knötchen¬ 
artigen  kranklieitserzeugnisse.  Die  Jahrzehnte  haben  an  dieser 
Erkenntnis  nichts  wesentliches  zu  ändern  vermocht,  aber  sie  haben 
diesem  Befunde  einen  tieferen  Inhalt  gegeben.  Diese  Vertiefung  ist 
durch  unsere  wachsende  Erfahrung  von  den  Funktionen  der  „fixen“, 
besonders  der  Stromazellen  und  der  interstitiellen  Substanzen  über¬ 
haupt  bedingt. 

Unter  Stroma  verstehen  wir  hier  die  Grundsubstanzen  und  ihre 
Zellen,  welche  die  Stützsubstanzen  der  Organ-Parenchyme  darstellen 
einschliesslich  der  Gefässe,  die  sie  tragen.  Virchow  unterschied 
Jas  Parenchym  und  das  interstitielle  Gewebe  noch  wesentlich  da¬ 
durch,  dass  das  erste  spezifischen  Charakter  trug,  das  letztere  nicht. 
Das  ist  gewiss  für  die  Parenchymfunktion  im  allgemeinen  zutreffend, 
indem  wir  kaum  annehmen,  dass  das  Interstitialgewebe  einer  Drüse 
in  den  spezifischen  Produkten  der  Drüse  aktiv  beteiligt  ist.  Allein 
Jie  Gegend  ist  nicht  ganz  klippenfrei,  wenn  man  dem  spezifisch- 
iunktionellen  Prinzip  als  ordnender  Richtschnur  folgt.  Orth  sah 
sich  bereits  genötigt,  ihm  zuliebe  das  gefässhaltige  Bindegewebe  der 
Alveolarwände  zum  Lungenparenchym  und  nur  das  interlobuläre 
(jewebe  zum  Interstitium  zu  rechnen.  Und  wie  steht  es  mit  den 
Organen,  in  denen  die  elastischen  Elemente  fast  Parenchymwert  be¬ 
sitzen,  also  ausser  der  Lunge  mit  der  Haut  und  den  Arterien?  Das 
vermag  uns  nicht  zu  beunruhigen,  denn  das  Lebendige  kennt  keine 
scharfen  Grenzen  und  die  Natur  kumuliert  Funktionen  verschiedener 
Wertigkeit  im  gleichen  Objekt.  Wenn  nun  das  Stroma  im  Verhältnis 
mm  tätigen  Parenchym  gemeinhin  als  nicht  spezifisch  gelten  kann, 
•.o  verlangt  die  Spezifität  der  Interstitialgewebe  innerhalb  der  ver¬ 
schiedenen  Organe  wohl  mehr  Beachtung,  als  ihr  bisher  zuteil  ge¬ 
worden  ist.  Die  Grundsubstanzen  der  einzelnen  Organe  sind  den 
Leistungen  ihrer  Parenchyme  in  feinster  Weise  angepasst,  selbst  für 
feriodische  Funktionen  weitblickend  vorgebildet.  Dafür  liefert  die 
Mamma  ein  ausgezeichnetes  Beispiel.  So  unförmig  wie  auf  den 
jrsten  Blick  die  Bindegewebsmasse  der  virginalen  Mamma  neben 
Jen  spärlichen  in  ihr  sich  verlierenden  Epithelröhrchen  erscheint,  so 
wertvoll  wird  sie  in  Gravidität  und  Puerperium,  wo  sie  der  Drüsen- 
»ubstanz  gerade  entspricht.  Dieses  Verhältnis  beherrscht  auch  einen 
Juten  Teil  der  Pathologie  der  Milchdrüse,  wo  wieder  das  Epithel 
Jer  bestimmende  Faktor  bleibt,  öfters  verschleiert  durch  die  relativ 
mposante  „Fibromatose“.  Eine  entsprechende  Adaptation  von  Stro- 
na  und  Parenchym  aneinander  und  an  die  Gesamtleistung  äussert 
'ich  ferner  im  weiblichen  Genital-  und  im  Magendarmkanal.  Es  war 
-‘in  kleiner  Missgriff,  dass  v.  Recklinghausen  in  seiner  vor- 
refflichen  Abhandlung  über  die  Adenomyome  des  weiblichen  Genital- 
ipparates  von  dem  Stroma  als  zytogenem  Bindegewebe  sprach,  was 
Jem  lymphatischen  Gewebe  gleichlauten  würde.  Fast  jede  physio- 
ogische  und  pathologische  Hyperplasie  der  Uterusschleimhaut  lehrt 
iber,  dass  das  Stroma,  das  ja  auch  auf  die  in  der  Regel  von  ihr  her- 
'tainmenden  Drüsenteile  der  Adenomyome  übergeht,  sich  aus  Spiti- 
Jelzellen  aufbaut,  die  die  funktionelle  Wandlungsfähigkeit  bis  zur 
dezidualzelle  besitzen.  Im  Gegensatz  dazu  steht  die  Schleimhaut 
von  Magen  und  Darm,  die  einen  lymphatischen  Grundzug  darbietet, 
ind  zwar  nicht  nur  in  den  typischen  Lymphknötchen  und  Platten, 
Jeren  Anschwellung  bei  der  physiologischen  Darmresorption  (Hof¬ 
meister,  Heidenhain,  Kuczynski)  und  bei  pathologischen 
Resorptionsvorgängen  in  die  Augen  springt,  sondern  auch  im  Zotten- 
ind  Schleimhautstroma  im  allgemeinen.  Hier  zeigt  sich  auf  alltäg- 
ichem  Boden,  dass  der  Lymphozyt,  in  verschiedenen  Etappen  zur 
dlasmazelle  werdend,  der  Resorption  dient,  was,  zusammengehalten 
mit  den  Erfahrungen  der  Pathologie,  die  lymphozytöse  Reaktion  als 
Resorptionsreaktion  hat  erkennen  lassen,  die  für  sich  oder  als  Teil- 
iizw.  Folgeerscheinung  der  Entzündung  in  Erscheinung  tritt.  Wir 
müssen  uns  daran  gewöhnen,  den  korpuskulären  Phagozytismus 
Jer  protoplasmareichen  Zellen  von  der  Lösungsresorption  der  ab¬ 
sichtlich  protoplasmaarmen  und  darum  mehr  schwellbaren  Lymph- 


zelle  zu  trennen.  Solche  spezifischen  Strukturen  der  Stromata  be¬ 
halten  auch  sonst  ihren  grossen  Wert  für  die  Diagnose  und  Pro¬ 
gnose  in  der  Pathologie.  Der  Zellreichtum  des  Stromas,  der  z.  B.  in 
einem  „Polypen“  den  ürundzug  der  Schleimhaut  wiederspiegelt,  ent¬ 
scheidet  über  Fibrom  oder  Sarkom  des  Organs.  Wir  erinnern  auch 
an  die  spezifische  osteoplastische  Fähigkeit  des  Muskelbindegewe¬ 
bes.  Die  Tatsache  des  lokalen  Zusammenstimmens  von  Stroma  und 
Parenchym  musste  die  Frage  anregen,  wie  sich  diese  Harmonie 
embryogenetisch  erklären  lässt.  Denn  sie  ist  embryogenetisch,  kon¬ 
stitutionell  in  der  ganzen  Tragweite  dieses  Wortes.  Als  L.  Bard  das 
Spezifitätsgesetz  der  Gewebe  in  seiner  Weise  in  die  Formel  „omnis 
cellula  e  cellula  ejusdem  naturae“  kleidete,  schuf  er  von  vornherein 
eine  Art  Ausnahmegesetz,  indem  er  annahm,  dass  die  Natur  aus  öko¬ 
nomischen  Gründen  gewissen  Knotenpunktzellen  (Cellules  nodales) 
die  Fähigkeit  verlieh,  alle  Gewebe  der  Oertlichkeit,  z.  B.  der  Haut, 
zugleich  zu  erzeugen.  Er  begrüsste  die  Feststellung,  dass  Nerven- 
und  Gliagewebe  derselben  ektodermalen  Herkunft  sind,  dass  in  der 
Iris  und  Schweissdrüse  myoepitheliale  Keime  vorliegen.  Da  solche 
Zeugnisse  spärlich  sind,  bleibt  die  Vorstellung  massgebend,  dass  zwi¬ 
schen  Stroma  und  Parenchym  die  Gesetze  der  „abhängigen  Differen¬ 
zierung“  (W.  Roux)  walten,  die  nach  erblichen  Anlagen  gestaltend 
wirken.  Wie  es  Organe  gibt,  in  denen  das  Stroma  einen  sehr  breiten 
Raum  einnimmt,  kennen  wir  auch  solche,  in  denen  es,  den  Aufgaben 
dieser  anatomischen  Apparate  getreu,  mehr  und  mehr  bis  zu  Rudi¬ 
menten  schwindet.  Die  rein  endokrinen  Drüsen,  die  die  epithelialen 
Sekrete  unmittelbar  in  die  Lymph-  oder  gar  Blutbahn  abgeben  sollen, 
besitzen  „planmässigerweise“  nicht  viel  mehr  als  ein  vaskuläres 
Stroma,  das  hämopoetische  System,  das  u.  a.  das  Blut  mit  den  Zellen 
selbst  speist,  ausser  dem  feinen  Gefässapparat,  dem  gut  zu  durch¬ 
rieselnden  Retikulum  nur  noch  Stromabälkchen  für  grössere  Gefäss- 
chen  und  Nerven. 

Was  die  Funktionen  —  denn  in  der  Biologie  gibt  es  kaum  ein 
Gebilde,  das  nur  eine  Funktion  besitzt  —  des  Stromas  betrifft,  so 
drückt  die  Bezeichnung  der  Stützsubstanzen  die  primitive  Vorstel¬ 
lung  seiner  mechanischen  Aufgabe  als  Träger  der  Parenchyme  aus, 
die  es  zugleich  ernährt,  indem  es  seine  Gefässe  heranführt  und  be¬ 
herbergt.  Der  Gedanke  bleibt  unanfechtbar,  mechanistisch  erklärt 
sich  auch  zum  wesentlichen  Teil  seine  Architektur.  Aber  allmählich 
musste  man  bemerken,  dass  die  Funktion  der  Stromazellen  weit  über 
diese  mechanische  Leistung  hinausgeht,  eine  Erkenntnis,  die  haupt¬ 
sächlich  aus  den  Studien  über  die  experimentelle  und  pathologische 
Physiologie  im  Bereich  der  interstitiellen  Gewebe  erwachsen  ist.  Die 
Fragen  der  Entzündungslehre,  der  Pigmentlehre,  der  Wiederherstel¬ 
lungsvorgänge,  der  Prozesse  der  Blutzellbildung  und  Blutreinigung, 
der  Immunität  haben  viel  Licht  gespendet,  wenn  es  auch  an  Gebieten 
der  Dämmerung  und  Verwirrung  keinesfalls  mangelt.  Der  gemein¬ 
same  Charakter  dieser  Funktionen  kann  als  der  der  Säuberung,  der 
mechanischen  und  chemischen  Reinigung,  der  Abfiltrierung  von 
Fremdstoffen  körperlicher  und  gelöster  Natur,  der  Schutzwirkung  bis 
zur  Immunisierung  zusammengefasst  werden.  Von  der  Aufnahme 
der  Nährstoffe  bis  zu  der  von  Giftstoffen  gibt  es  keine  Grenzscheide. 
Die  Funktion  kommt  der  Stromazelle  als  solcher  zu;  aber  sie  erfährt 
eine  Potenzierung  in  dem  Maasse,  als  die  Stromazelle  mit  Reduktion 
der  Interzellulärsubstanz  zur  „Retikulumzelle“  wird  oder  vor  dieser 
als  Endothel  differenziert  ist.  Ist  sie  in  den  Stromazellen  der  Organe 
lokal  wirksam,  so  wird  sie  in  den  3  Organen  der  Blutfilter  im  engeren 
Sinne  (s.  u.)  für  den  Gesamtkörper  bedeutungsvoll.  Aber  wie  nach 
Schulemann  zwischen  lokaler  und  allgemeiner  „Vitalfärbung“ 
keine  prinzipielle  Grenze  besteht,  so  liegt  auch  hier  bei  der  wech¬ 
selnden  Stromafunktion  der  Unterschied  zum  Teil  in  Art  und  Weg 
der  zugeführten  Körper.  Der  Erkenntnisweg  führt  von  den  Erschei¬ 
nungen  bei  Aufnahme  körperlicher  Elemente  durch  Phagozytismus  und 
Speicherung  (Karmin,  Vitalfärbungen)  zur  zellulären  Reaktion  nach 
Einverleibung  von  mikroskopisch  unkenntlichen  gelösten  Stoffe.  Da¬ 
durch,  dass  die  Stromazelle  oft  oder  ständig  zu  dieser  Funktion  an¬ 
gehalten  wird,  wird  sie  sensibilisiert.  Das  gilt  allgemein  für  die  spei¬ 
chernde  Stromazelle  —  so  definiert  auch  Gold  in  a  n  n  seine  Pyrrol- 
zelle  als  histiogene  Wanderzelle  von  hoher  chemotaktischer  Sensibi¬ 
lität  usw.  — ,  das  gilt  ebenso  für  die  regionär  spezialisierten  Stroma¬ 
zellen  der  Blutfilter.  Dabei  scheint  aber  ein  gewisser  Rhythmus  in 
der  Indienststellung  dpr  Zellen  festgehalten  zu  werden,  denn  sie  ar¬ 
beiten  nicht  alle  gleichzeitig  und  nicht  gleich  intensiv,  ein  ökonomi¬ 
sches  Verhalten,  das  wir  auch  vom  Drüsenepithel  (Harnkanälchen 
usw.)  her  kennen. 


2 


1108 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  34  35. 


Als  Beispiele  wählen  wir  in  der  hier  notwendigen  Kürze  die  Haut 
einerseits,  dann  die  typischen  Blutfilter. 

Die  Haut  ist  als  das  nach  der  Umwelt  am  ersten  und  am  stärk¬ 
sten  exponierte  Organ  von  je  der  Schauplatz  pathologischer  und  ex¬ 
perimenteller  Beobachtungen  gewesen.  Mit  dem  Niederschlag  von 
Pigmenten  begann  die  Stromazelle  fast  überall  die  Aufmerksamkeit 
auf  sich  zu  lenken.  Wie  das  Kohlepigment  sich  im  Lungenbindege¬ 
webe  z.B.  peribronchial  am  Ufer  des  Lymphstroms  in  der  Stroma¬ 
zelle  anhäuft,  so  tut  es  die  chinesische  Tusche  und  der  Zinnober  in 
den  Kutiszellen  der  tätowierten  Haut.  Dann  lehrten  die  zahllosen 
Beobachtungen  an  der  entzündeten  Haut  die  gesteigerte  Wirkung  der 
Oefäss-  und  Bindegewebszellen  kennen,  die  sich  den  fremdartigen 
Eindringlingen  und  alterierten  Gewebsteilen  gegenüber  äussert.  Man 
sah  die  unscheinbare  Zelle  zu  einem  grossen  Element  mit  wieder  ganz 
basophilem  Plasma  und  ein-  oder  mehrfachem  saftreichen,  bläschen¬ 
förmigen  Kern  anschwellen.  Analogie  der  Funktion  gibt  der  Binde¬ 
gewebs-  und  Endothelzelle  analoges  Aussehen.  Die  Schwellung  voll¬ 
zieht  sich  oft  auf  Kosten  der  Qrundsubstanz,  fibroklastisch,  auch  wenn 
Leukozyten  nicht  an  der  Arbeit  sind  *)•  Noch  reiner  als  bei  der  Ent¬ 
zündung  mit  ihrer  Summierung  von  Leistungen  zeigt  sich  das  Bild 
bei  vor-  oder  nichtentzündlicher  Ernährungssteigerung,  erhöhter 
Saftzufuhr.  Die  Stromazellen  regeln  die  Flüssigkeitszufuhr,  entschei¬ 
den  über  Turgeszenz  und  Oedem.  Eppinger  nannte  das  Stroma 
in  diesem  Sinne  ein  „peripheres  Herz*\  ein  Lymphherz.  Patholo¬ 
gische  Reaktionen  im  Zeitalter  der  Serologie  stellten  die  Stroma- 
funktion  weiter  fest.  So  bei  der  Intrakutanreaktion,  wo  sich  die  Kutis 
als  Reagens  fast  feiner  zeigte  als  die  Subkutis,_  so  bei  der  lokalen 
Immunisierung  von  Trichophytie,  Aleppobeule,  Tuberkulose,  Syphi¬ 
lis  durch  die  Haut.  Auf  die  Ausschaltung  des  Hautfilters  bezog  man 
die  Gefährlichkeit  der  kongenitalen  Lues  im  Verhältnis  zu  der  In¬ 
fektion  dt*s  Neugeborenen  (v.  Zumbusch).  Die  erbliche  Konsti¬ 
tution  der  Stromazelle  beeinflusst  die  Idiosynkrasie,  die  erworbene 
die  Allergie.  In  seiner  Analyse  der  pathologischen  Anatomie  des 
anaphylaktischen  Schocks  hat  Dörr  die  Rolle  der  Endothelzellen 
nicht  zu  würdigen  unterlassen. 

Zum  Verständnis  dieser  biologischen  Reaktionen  ist  ein  extra¬ 
zellulärer  Stoffverkehr  erforderlich.  Er  lässt  sich  für  Stromazellen  an 
mikroskopisch  nachweisbaren  Produkten  führen.  Das  extrazellulär 
nachweisbare  Glykogen  könnte  man  als  artifiziell  beanstanden,  aber 
für  das  extrazelluläre  Hämosiderin,  das  sich  um  Kohlekörnchen  als 
Mantelschicht  niederschlägt  und  so  im  Stroma  der  Herzfehlerlungen 
ein  alltägliches,  wenn  auch  noch  wenig  beachtetes  Doppelpigment 
bildet,  ist  die  Ausfuhr  der  spezifischen  Stromazellprodukte  unabweis¬ 
bar.  Dazu  kommt,  dass  die  Stromazelle  selbst  mobilisiert  werden 
kann1 2)-  ,  .  „. 

Was  die  Aktion  der  Stromazellen  im  modifizierten  örtlichen  Sinne 
innerhalb  der  drei  B  1  u  t  f  i  1 1  e  r  angeht,  so  stammt  ihre  besondere 
Würdigung  aus  der  Pathologie  des  hämopoetischen  Apparats,  ln 
dieser  Trias:  Milz,  Leber,  Knochenmark,  ist  es  interessanter- 
weise  das  fötale  Blutbildungsorgan,  die  Leber,  die  den  Ausgangs-  und 
Kernpunkt  darstellte.  Als  v.  K  u  p  f  f  e  r  in  seinen  beiden  grundlegen¬ 
den  Arbeiten  die  Kapillarwandzelle  —  erst  als  adventitiell,  dann  als 
endothelial  —  in  ihrer  Morphologie  klarstellte,  hatte  er  auch  schon 
ihre  Punktion  durch  den  Versuch  entdeckt;  sie  sonderte  aus  dem 
Blutstrom  Elemente  aus  und  hielt  sie  zurück.  E.  Neumann  ging 
auf  diesem  Wege  weiter,  als  er  die  Rolle  der  K  u  p  f  f  e  r  sehen  Zellen 
in  der  Hämosiderose  der  perniziösen  Anämie  betonte.  Dann  folgten 
die  Erkenntnisse  bei  den  anderen  hämatogenen  Pigmentierun¬ 
gen,  so  bei  der  Ablagerung  des  Hämomelanins  der  Malaria,  bei  der 
man  solange  die  Melanämie  mit  der  Melanose  der  Organe  verwech¬ 
selt  hat,  die  im  wesentlichen  an  die  3  Blutfilter  gebunden  ist.  Aus  dem 
Umstand,  dass  die  metastatische  Anthrakose  und  Silikose  wieder  die 
3  Blutfilter  mit  Beschlag  belegt,  durfte  auf  ihren  hämatogenen  Ur¬ 
sprung  geschlossen  werden.  Das  Mikroskop  lehrt,  dass  die  fremd¬ 
artigen  Elemente  aus  dem  Blut  ins  Endothel  —  1.  Phase  — ,  aus  dem 
Endothel  in  die  Retikulärzellen  ausserhalb  des  Parenchyms  — 
2.  Phase  —  abgeschieden  wurden.  Hier  können  sie  monate-  und  jahre¬ 
lang  liegen,  aber  auch  allmählich  —  3.  Phase  —  mit  dem  Lymphstrom 
in  die  portalen  Bindegewebszüge  der  Leber,  in  die  Adventitia  der 
Follikelarterien  überführt  und  bis  zu  den  regionären  Lymphknoten 
getragen  werden.  Ebenso  verhalten  sich  Endothel  und  Retikulum¬ 
zelle  zu  alterierten  Körperelementen,  wie  Erythrozyten  usw.,  zu  Fett¬ 
stoffen;  auch  pflanzliche  und  tierische  Parasiten  können  sich  hier 
intrazellulär  wiederfinden.  Zugleich  war  der  Blutbildungsapparat  als 
Blutreinigungsapparat  erkannt,  aber  mit  gewisser  räumlicher  Funk¬ 
tionstrennung,  indem  die  Filtrationsarbeit  dem  Stroma  anvertraut 
erschien.  Sicherlich  sind  die  Kupff  ersehen  Sternzellen,  die  Sichel¬ 
zellen  der  kapillären  Pulpavenen  und  die  Endothelien  der  venösen 
Markkapillaren  ebensowenig  morphologisch  und  daher  funktionell 

1)  Bilder,  die  P.  Q  r  a  w  i  t  z  zuerst  sah. 

2)  An  der  Haut  beobachtet  man  bereits  den  Vorgang  der  „sekundären 
Speicherung“  der  Stromazcllcn,  den  man  nicht  vernachlässigen  darf.  Ein 
Stoff  wird  dabei  von  der  Mutterzelle  auf  eine  Stromazelle  umgeladen.  So 
kann  das  Melanin  im  Naevus  pigmentosus  und  melanotischen  Tumor  von  der 
Bildungszelle  auf  eine  „harmlose“  Stromazelle  übergehen,  die  Deutung  der 
Histiogenese  erschwerend.  So  kann  das  Fuscin  (Lipofuscin)  aus  den 
untergehenden  Herzmuskelfasern  von  den  Stromazellen  des  Perimysiums,  das 
Ganglienzellenpigment  bei  Enzephalitis  von  der  Gliazelle,  das  Fett  im 
regenerierenden  Fettgewebe  von  Nichtlipoblasten  übernommen  werden. 

s)  lieber  den  antiseptischen  Wert  des  Arg.  colloidale.  Diss.  Königs¬ 
berg  1902. 


identisch  wie  die  Retikulumzellen,  deren  die  Leber  ermangelt  und  die 
im  Mark  die  Potenz  zur  Fettzellbildung  besitzen.  Aber  eine  Funk¬ 
tionseinheit  ist  ihnen  gewahrt,  die  nun  nicht  nur  in  „Abfiltrierung  ,  j 
sondern  unter  Umständen  weiterer  biochemischer  Verarbeitung  be¬ 
steht.  Diese  trat  zunächst  nach  der  intravenösen  Kollargoleinspritzimg 
hervor.  Als  E.  Cohn  auf  Veranlassung  R  i  c  ha  r  d_P  f  e  i  f  f  er  s  die 
Einwirkung  dieser  Kollargolinjektion  auf  die  bakterielle  Infektion  im 
Tierversuch  prüfte  und  man  mir  die  Schnitte  vorlegte ‘),  fiel  sofort  die  . 
klassische  Darstellung  der  Kupff  er  sehen  Sternzellen  auf;  ihre  so 
bewirkte  Abstempelung  konnte  ebenso  verwertet  werden,  wie 
Golm  hei  m  einst  die  Injektion  von  Karmin  zur  Wiedererkennung 
der  Leukozyten  benutzt  hatte.  Da  hat  sich  die  Methode  auch  be¬ 
währt  zur  neuerlichen  Festlegung  v.  Baumgartens  Lehre  des 
histiogenen  Ursprungs  der  Epitheloidzelle  (Oppenheimer).  All¬ 
mählich  im  Laufe  der  Wochen  wurde  dann  durch  die  aktivierten 
Zellen  das  Ag-Pigment  abgebaut.  Es  ist  bekannt,  wie  man  diese 
Methode  zur  Prüfung  mannigfacher  an  die  Endothel-  und  Retikulum¬ 
zellen  gestellter  Fragen  benutzt  hat.  Hat  man  doch  selbst  durch 
Ueberfüllung  der  Zellen  ihre  sonstigen  Funktionen  zu  unterdrücken 
gehofft,  was  aber  nur  bei  funktionellem  Antagonismus  zutreffen 
würde.  —  Steht  diese  Trias  von  Blutfiltern  den  anderen  Organen 
schroff  gegenüber?  Das  ist  festzuhalten,  dass  die  Retention  von 
Stoffen  im  Blute  natürlich  nicht  nur  in  den  3  Blutfiltern  erfolgt,  denn 
wie  die  Kalkmetastasen  zeigen,  hängt  der  Vorgang  auch  von  der 
H-Ionen-Konzentration  der  Organe  bzw.  Gewebe  ab,  und,  wie  die 
Jodspeicherung  in  der  Schilddrüse  und  ähnliches  lehrt,  auch  von  der 
chemischen  Selektion  der  Parenchyme.  Aber  auch  wenn  wir  uns  an 
die  Stromafunktion  von  Endothel  und  Retikulumzellen  halten,  darf 
man  den  Exklusivismus  nicht  übertreiben.  Hier  schliesst  sich  zu¬ 
nächst  der  lymphatische  Apparat  an,  der  aber  mehr  ein  Lymph-,  als 
Blutfilter  vorstellt.  Denn  wenn  auch  da  der  Stromateil  der  ab¬ 
fangende  und  biochemisch  wie  proliferativ  reagierende  Abschnitt 
(Typhus,  Tuberkulose,  Lymphogranulom)  ist,  wenn  v.  Baum¬ 
garten  auch  experimentell  (mit  Ca  mp  ich  e)  eine  reine  hämo¬ 
togene  Lymphdrüsentuberkulose  erzeugen  konnte,  so  können  wir 
eine  so  konstante  primäre  Beteiligung  der  Lymphdrüsen  an  der  Blut¬ 
säuberung  wie  die  der  3  anderen  Blutfilter  noch  nicht  dartun.  Be¬ 
kanntlich  ist  nun  aber  der  Begriff  des  „endothelio  -  retikulären  (ich 
kehre  absichtlich  die  Wortfolge  um)  Systems“  in  den  letzten  lü  Jah¬ 
ren  noch  erheblich  erweitert,  ja  erst  eigentlich  in  die  allgemeine  Dis¬ 
kussion  geworfen  worden.  Das  Verdienst  gebührt  Asch  off  und 
K  i  y  o  n  o,  die  nach  der  Speicherungsmethode  mit  Karmin  (R  i  b  - 
bert)  im  Sinne  Goldmanns  die  Funktion  der  interstitielle 
Zellen  weiter  erforschten.  Da  Asch  off  erst  kürzlich  in  dieser 
Wsciir.  (1922,  Nr.  37)  seinen  Standpunkt  auseinandergesetzt  hat. 
kann  auf  seine  Darstellung  verwiesen  werden.  Die  Schwierigkeit 
liegt  bei  ihnen  darin,  dass  für  ein  funktionell  zusammengefasstes  Zell¬ 
gebiet  ein  morphologischer  Name  gewählt  wurde.  Denn  was  ihr 
„retikulo  -  endotheliales  System“  kennzeichnet,  ist  die  Farbstoff-  und 
Lipoidspeicherung.,  die  aber  auch  gewissen  Zellen  zukommt,  die 
weder  Endothelien  noch  Retikulumzellen  sind,  jenen  seit  Metsch- 
nikoff  als  Makrophagen,  also  auch  funktionell  charakterisierter 
Gewebszellen.  Sie  sind,  wie  pathologische,  anatomische  und  experimen¬ 
telle  Erfahrung  lehren,  die  sofort  disponible  Truppe  der  filternden  Stro¬ 
mazellen.  Auf  der  anderen  Seite  ist  die  Eigenschaft,  endogene  Pig¬ 
mente,  wie  Hämosiderin,  zu  bilden,  das  man  vielfach  als  Kriterium  ver¬ 
wertet,  allen  Protoplasmen  der  Metazoen  eigen;  nur  für  die  Epidermis 
steht  der  Beweis  noch  aus,  der  aber  in  diesem  Punkte  nicht  in  Fragt 
kommt.  Daher  die  Unsicherheit  in  der  Abgrenzung  des  filternder 
Stromaapparates.  Uns  scheint  es  der  Uebersicht  wegen  am  ein¬ 
fachsten,  in  schematisierender  Weise  so  zu  gruppieren:  Ueber  allen 
steht  das  Stroma  —  Endothelium,  Retikulumzellen  —  der  3  Blutfilter; 
Leber,  Milz,  Knochenmark,  die  die  Blutreinigung  erledigen.  Ihnen  folg' 
der  lymphatische  Apparat,  der  in  erster  Linie  die  allgemeine  Lymph 
reinigung  besorgt,  dem  man  die  lymphepithelialen  Organe  und  die  Ma-j 
dendarmschleimhaut  angliedern  kann.  Letztere  leitet  zu  den  schnell 
funktionell  mobilisierten  Stromazellen  in  den  Stützsubstanzen  de: 
anderen  Organe  über,  die  man  nicht  (totum  pro  parte)  Histiozytci; 
nennen  sollte.  Es  gibt  nun  einen  Apparat,  das  Zentralnervensystem! 
in  dem  das  Gesetz  der  mesenchymalen  Natur  der  Stromazellei 
durchbrochen  und  in  dem  der  ektodermalcn  Gliazelle  neben  de; 
mensenchymalen  Adventitiazclle  die  Organreinigung  bis  zur  Entgif 
tung  übertragen  ist,  wobei  die  Hauptrolle  der  Gliazelle  zufällt.  Da: 
äussert  sich  unter  pathologischen  Verhältnissen  deutlich.  Aber  untej 
Umständen,  wenn  die  Organe  mit  stärkerer  Reaktion  auf  gewiss« 
entzündliche  Reize  erwidern,  genügt  der  halb  physiologisch  amtierend» 
Apparat  nicht  mehr,  dann  nehmen  fast  alle  Stromazellen  Anteil  un< 
vermehren  ihren  Bestand  durch  Proliferation.  Denn  die  entzündlich! 
Proliferation  dient  nicht  nur  der  Reparation  und  Regeneration,  si» 
schafft  mehr  Schutzkörper  in  Zellen  und  ihren  Produkten,  wie  wi, 
auch  an  der  Lymphdriise  nach  der  Typhusschutzimpfung  zeigen 
konnten,  v.  Bau  m  garten  hat  schon  vor  Jahren  die  Proliferation 
der  Tuberkelzellen  nicht  als  durch  regenerative  Prozesse  beding 
erklärt,  sondern  als  Ergebnis  der  formativen  Reizung  gedeutet,  di' 
wir  heute  leicht  physikalisch-chemisch  auslegen  können.  —  Mit  13c 
friedigung  ersehe  ich,  dass  Asch  off  wie  ich  die  epithelialen  Pa 
renchyme  von  dem  filternden  „Stoffwechselapparat“  ausschliessi 
überhaupt  vor  der  Ueberschätzung  des  „Systems“  warnt.  Hat  nur 
doch  die  Funktionen  der  Milz  mit  denen  ihres  Stromaaparats  fas 
identifizieren  wollen,  v.  Baum  garten  hat  nun  gelehrt,  dass  be 


3l.  August  192.5. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1109 


der  proliferativen  Reaktion  der  „fixen  Gewebszellen“  auch  die  Epi- 
thelien  der  Parenchyme  sich  betätigen  können,  wie  sie  an  der  Bildung 
der  „Epitheloidzellen“  teilnehmen.  Stellt  das  im  Gegensatz  zu  dem 
oben  Ausgeführten?  Keinesfalls.  Denn  bei  den  chronischen  Infek¬ 
tionen  steigern  sich  die  Anforderungen  an  die  Filter-  und  Schutzappa¬ 
rate  dermassen,  dass  nun  auch  Parenchymzellen  auf  ihre  spezifische 
Funktion  verzichten  können  und  funktionell  entdifferenziert  in  erster 
Linie  die  Ureigenschaften  des  Protoplasmas  wieder  entfalten.  Auch 
dafür  haben  wir  in  den  Alveolarepithelien  ein  halbphysiologisches 
Vorbild. 

Mögen  diese  Zeilen  dem  Forscher,  dem  wir  die  Kenntnis  von  der 
Rolle  der  fixen  Gewebszellen  bei  der  Entzündung  besonders  ver¬ 
danken,  einen  herzlichen  Geburtstagsgruss  übermitteln! 


Aus  dem  Pathol.  Institut  der  Universität  Köln. 

Ueber  die  Entstehung  des  Hydrozephalus. 

(Herrn  Professor  Dr.  P.  v.  Baumgarten  zu  seinem  75.  Geburtstag 

gewidmet.) 

Von  Prof.  Dr.  A.  Dietrich. 

Unter  Hydrozephalus  schlechthin  oder  Hydrocephalus  internus 
verstehen  wir  die  Ausdehnung  der  Hirnventrikel  durch  übermässige 
Flüssigkeitsansammlung. 

Es  ergibt  sich  ohne  weiteres,  dass  eine  solche  Ansammlung  ent¬ 
stehen  muss  aus  einem  Missverhältnis  von  Absonderung  und  Abfluss, 
und  wir  sprechen  allgemein  von  mechanischem  Hydrozephalus  bei 
erkennbar  verhindertem  Abfluss,  von  entzündlichem  bei  einer  gestei¬ 
gerten  Bildung  der  Hirnflüssigkeit.  Dazwischen  steht  aber  eine  erheb¬ 
liche  Reihe  von  Fällen,  wo  beide  Bedingungen  zusammen  wirken, 
vermehrte  Bildung  und  gestörte  Ableitung,  besonders  offensichtlich 
bei  dem  Hydrozephalus  nach  epidemischer  Meningitis. 

Den  Typus  des  mechanischen  Hydrozephalus  erkennen  wir  bei 
Tumoren  der  hinteren  Schädelgrube,  z.  B.  einem  Gliom,  das  den 
4.  Ventrikel  vollständig  ausfüllt,  oder  bei  grossknotigem  Tuberkel 
(Solitärtuberkel)  des  Kleinhirns,  der  die  Rautengrube  zusammen- 
driiekt.  auch  bei  einem  kaum  erbsengrossen  Tuberkel  der  Vierhügel¬ 
gegend,  der  zur  Unterbrechung  des  Aquaeductus  Sylvii  geführt  hatte. 
Das  Gegenstück  zeigt  eine  tuberkulöse  Meningitis,  bei  der  die  Ven¬ 
trikel  durch  Flüssigkeit  allerdings  nicht  in  gleichhohem  Maasse  aus¬ 
gedehnt  sind,  jedoch  ohne  dass  ein  Hindernis  vorliegt. 

Seit  Jahren  benütze  ich  zum  Studium  des  Hydrozephalus  die  Injektion 
gefärbter  Gelatine  (Ultramarin  oder  Berliner  Blau)  durch  die  uneröffneten 
Schädeldecken,  wobei  aus  einer  zweiten  Kanüle  die  Flüssigkeit  ablnufen 
muss.  Gleichzeitig  ist  eine  Eröffnung  des  Wirbelkanals  und  des  Duralsackes 
in  der  Lendengegend  nötig.  Bei  rein  entzündlichem  Hydrozephalus  läuft 
die  unter  vorsichtigem  Druck  injizierte  Gelatine  glatt  aus  dem  Wirbelkanal 
ab,  bei  einem  Hindernis  erfüllt  sie  die  Hirnhöhlen  bis  zu  diesem.  Das  Ge¬ 
hirn  gibt  dann  nach  Formolinjektion  von  der  Karotis  aus  sehr  anschauliche 
Präparate,  die  bei  der  unmittelbaren  Obduktion  nicht  erreicht  werden 
können.  Falls  eine  Injektion  nicht  möglich  ist,  muss  zum  mindesten  die 
Härtung  des  ganzen  Gehirns  und  eine  Zerlegung  in  Sagittal-  oder  Frontal¬ 
schnitte  je  nach  der  Lage  des  Falles  vorgenommen  werden. 

In  allen  Lehr-  und  Handbüchern  der  Histologie,  der  Physiologie 
und  Pathologie  wird  als  eine  sichere,  unzweifelhafte  Tatsache  die 
Auffassung  vertreten,  dass  der  Liquor  cerebrospinalis  von  den  Plexus 
abgeschieden  wird;  teilweise  wird  eine  Filtration  (Schlüpfer), 
überwiegend  aber  eine  Sekretion  seitens  des  eigenartigen  Epithels 
angenommen,  v.  Monakow  nennt  den  Plexus  geradezu  eine  Drüse, 
der  die  Ernährung,  der  Organstoffwechscl  und  der  Schutz  der  Hirn¬ 
substanz  gegen  im  Blut  kreisende  Stoffe  anvertraut  ist.  Auf  Störung 
dieser  Drüsenfunktion  führt  er  sogar  gewisse  Geisteskrankheiten  zu¬ 
rück.  Dieser  Auffassung  steht  die  andere  gegenüber,  dass  der  Liquor 
ausser  von  den  Plexus  noch  von  der  Arachnoidea  gebildet  wird 
(Quincke,  Schlüpfer,  auch  Bungart).  Aber  ausser  von 
Spina,  der  den  Liquor  als  ein  Transsudationsprodukt  des  Gehirns 
selbst  ansieht,  ist  die  wenigstens  erhebliche  Teilnahme  des  Plexus 
an  der  Ausscheidung  der  Flüssigkeit  nicht  bestritten  worden.  Dem¬ 
gegenüber  hat  Askanazy  die  Frage  aufgeworfen,  ob  nicht  die 
Plexus  auch  die  Eigenschaft  der  Resorption  besitzen  könnten,  und  ge¬ 
wichtige  Gründe  dafür  angeführt.  Seine  Darlegungen  haben  keinen 
Widerhall  gefunden,  aber  sie  machten,  da  ich  mich  schon  damals  viel 
mit  der  Entstehung  des  Hydrozephalus  beschäftigte,  auf  mich  den 
Eindruck,  dass  in  der  neuen  Auffassung  manche  Rätsel  der  Pathologie 
der  Hirnventrikel  ihre  Lösung  finden  könnten.  Ich  habe  die  Frage 
immer  wieder  aufgegriffen,  und  durch  eine  Arbeit  von  W  ii  1 1  e  n  - 
weber  ist  sie  zu  einem  gewissen  Abschluss  gebracht  worden.  Man 
ist  überrascht,  bei  Durchsicht  der  Literatur  die  sekretorische  Funktion 
der  Plexus  wohl  überall  als  zweifellos  bewiesen,  ja  sogar  als  direkt 
sichtbar  bezeichnet  zu  finden,  jedoch  ohne  Anführung  einer  einzigen 
einwandfreien  Beobachtung.  Histologische  Bilder  am  Plexuscpithel 
können  nicht  als  Beweis  gelten,  z.B.  das  Auftreten  von  Lipoidtröpf¬ 
chen  oder  von  anderen  tropfigen  Einschlüssen,  die  zunehmende  Bil¬ 
dung  von  Pigment,  der  gegenüber  dem  Epcndym  so  auffallende  Gly¬ 
kogengehalt;  selbst  die  Auffassung  gleichartiger  tropfiger  Bildungen 
im  Liquor  als  Sekrettropfen  kann  ein  Trugschluss  sein.  Gegen  eine 
sekretorische  und  für  die  Möglichkeit  einer  resorbierenden  Tätigkeit 
lassen  sich  aber  folgende  Gründe  anführen: 


Der  papilläre  Bau  des  Plexus  ist  nichts  weniger  als  drüsenartig, 
ebenso  nicht  die  Lage  (Kopfstellung)  des  Kernes.  Zottige  Strukturen 
(Darm,  Plazenta)  sind  aber  in  erster  Linie  Resorptionsorgan 
(Askanaz  y). 

Die  Lage  des  Plexus  an  den  Ausgängen  und  tiefsten  Teilen  der 
Ventrikel  wäre  für  ein  Abscheidungsorgan  des  Liquors  sehr  eigentüm¬ 
lich,  ja  am  4.  Ventrikel  reicht  der  Plexus  noch  in  die  äusseren  Arach- 
noidalräume  hinein.  „Man  würde  Wasserhähne  zur  Berieselung  nicht 
gerade  an  der  offenen  Tür  anbringen“  (Askanazy).  Vollends  die 
Uebermittlung  spezifischer  Sekretstoffe  an  die  Hirnsubstanz  ist  mit 
dieser  Lage  und  mit  der  Richtung  des  Flüssigkeitsstromes  nicht  ver¬ 
einbar.  Auch  führt  Askanazy  die  Beobachtung  von  abgeschlos¬ 
senen  Ventrikelerweiterungen  an,  die  ihre  Flüssigkeit  nicht  von  den 
Plexus  bezogen  haben  können.  Einfacher  wäre  die  Vorstellung,  dass 
die  herabrieselnde  Flüssigkeit  von  den  Plexus  gleichsam  durchge¬ 
siebt  und,  abgesehen  von  einer  Verminderung  der  Menge,  von  gewis¬ 
sen  Bestandteilen  befreit  würde. 

Die  als  sekretorische  Erscheinungen  gedeuteten  Lipoidtropfen 
und  Pigmentkügelchen  können  ebensogut  Produkte  der  Resorption 
sein.  Sie  finden  sich  nicht  oder  ganz  spärlich  beim  Kind  zur  Zeit  d.er 
Markreifung,  also  des  grössten  Bedarfs  an  Lipoiden;  dagegen  nehmen 
sie  im  Alter  zu,  ebenso  wie  die  eigenartigen  Sandkörner,  die  aus 
hyaliner  Degeneration  des  Stromas  und  Aufnahme  kalkhaltiger  Flüs¬ 
sigkeit  hervorgehen. 

Dass  die  Plexusepithelien  auch  aus  dem  Blut  Stoffe  zu  speichern 
vermögen,  soll  dabei  nicht  angezweifelt  werden.  Die  beim  Fötus  so 
ausgesprochene  Glykogenspeicherung  sowie  die  vitale  Färbbarkeit 
(G  o  1  d  m  a  n  n),  ebenso  auch  die  Aufnahme  von  Silber  in  die  Grenz¬ 
lamelle  bei  Argyrosis  sind  wohl  sicher  als  hämatogen  entstanden  zu 
denken.  Aber  der  Austausch  zwischen  Blut  und  Gewebszellen  ist  ja 
immer  wechselseitig,  und  somit  ist  weder  eine  Sekretion  damit  zu 
beweisen,  noch  eine  Resorption  auszuschliessen. 

Aber  wir  haben  noch  bestimmtere  Anhaltspunkte  für  eine  Re¬ 
sorption.  Schmorl  berichtete  über  Untersuchungen,  die  eine  ver¬ 
schiedene  Beschaffenheit  des  Liquor  spinalis  und  der  Ventrikel¬ 
flüssigkeit  erkennen  Hessen.  Bei  Ikterus,  auch  bei  Ikterus  neonatorum, 
fand  er  regelmässig  Gallenfarbstoff  in  der  Spinalflüssigkeit,  dagegen 
nicht  in  den  Ventrikeln.  Nur  einmal  enthielt  auch  die  Ventrikelflüssig¬ 
keit  Gallenfarbstoff;  hier  war  der  Plexus  bei  gleichzeitiger  tuberku¬ 
löser  Meningitis  krankhaft  verändert.  Die  Nonne  sehe  Reaktion  und 
die  Wassermann  sehe  Reaktion  waren  regelmässig  positiv  in  der 
Spinalflüssigkeit,  dagegen  negativ  im  Ventrikel.  Auch  wiederum  mit 
nur  einer  Ausnahme  bei  schweren  Veränderungen  der  Plexus. 
Schmorl  sieht  die  Funktion  der  Plexus  in  einem  Zurückhalten  be¬ 
stimmter  Stoffe.  Aber  das  Fehlen  bestimmter  Substanzen  im  Ven¬ 
trikelinhalt  bei  normaler  Beschaffenheit  und  ihr  Vorhandensein  bei 
krankhaften  Veränderungen  scheint  mir  verständlicher  unter  der  An¬ 
nahme,  dass  der  erkrankte  Plexus  seine  resorptive  Funktion  nicht 
ausiiben  konnte. 

Askanazy  berichtet  über  den  Befund  von  Hämosiderin  im 
Plexus  eines  wegen  Spina  bifida  operierten  Kindes  und  schliesst  dar¬ 
aus  auf  Resorption  einer  Blutung.  Allerdings  möchte  ich  nach  unseren 
heutigen  Erfahrungen  diese  weniger  als  Operationsfolge,  wie  als  Ge¬ 
burtsschädigung  ansehen  (  s.  Siegmund).  Wüllenweber 
hatte  einen  gleichen  Befund  bei  einem  Kinde,  das  etwa  VL>.  Jahr  alt  mit 
mächtigem  Hydrozephalus  starb.  Es  bestanden  Blutungsreste  in  der 
Brücke  und  in  der  Ventrikelwandung,  auch  Verwachsungen  am 
dritten  Ventrikel,  der  Plexus  erschien  bräunlich.  Sein  Epithel  war 
mikroskopisch  streckenweise  von  braunem  Pigment  erfüllt,  das  Eisen¬ 
reaktion  gab.  Wüllen  weber  fand  aber  auch  in  3  Fällen  von  Hirn¬ 
blutung  bei  Erwachsenen  eisenhaltiges  Pigment  in  den  Plexus.  Es 
lagen  ältere  Blutungen  der  Stammganglien  vor  mit  Ventrikeldurch¬ 
bruch;  in  dem  einen  Fall  war  durch  erneute  frische  Blutung  der  Tod 
erfolgt.  Der  Plexus  lateralis  der  gleichen  Seite  enthielt  einmal  körni¬ 
ges,  braunes  Pigment,  in  den  beiden  anderen  gab  Eisenreaktion  einen 
gleichmässigen,  blauen  Sau.m.  Derartige  Fälle  sind,  wie  schon  As¬ 
kanazy  bemerkt,  selten,  da  bei  Ventrikeleinbruch  gewöhnlich  sofort 
der  Tod  eintritt.  Apoplektische  Blutungen  ohne  nachweisbaren  Ven¬ 
trikeleinbruch  von  jeder  Altersstufe  bis  zur  braunen  Narbe  wurden 
in  grosser  Zahl  untersucht,  ohne  dass  sich  eisenhaltiges  Pigment  nach- 
weisen  liess,  ebensowenig  andere  Reste  des  Gewebszerfalls. 

Daraus  geht  hervor,  dass  der  Plexus  nur  unmittelbar  aus  dem 
freien  Ventrikelinhalt  Stoffe  aufnimmt,  nicht  aus  der  Hirnsubstanz 
zugeführt  erhält.  Es  muss  eine  Schranke  dazwischen  liegen,  und  diese 
ist  wohl  das  Ependym.  Plexusepithel  und  Ependym  lassen  schon  von 
frühesten  Entwicklungsstadien  an  eine  scharfe  Gegensätzlichkeit  er¬ 
kennen,  die  besonders  im  Glykogengehalt  zum  Ausdruck  kommt 
(Askanazy);  so  liegt  ihre  entgegengesetzte  Funktion  auf  der  Hand. 
Aber  die  Fliissigkeitsabschcidung  des  Ependyms  muss  mit  Auswahl 
erfolgen,  nicht  ein  einfaches  Durchtreten  der  Hirnlymphe  sein.  Die 
Lymphbewegung  im  Gehirn  und  ihr  Verhältnis  zur  Ventrikelflüssigkeit 
scheint  mir  noch  weiterer  Klärung  zu  bedürfen;  denn  ob  die  adventi- 
tiellen  Spalträume  um  die  Gefässe,  in  denen  sich  auch  Pigmentzellen 
und  Fettkörnchenzellen  ansammeln,  Lymphgefässe  im  Sinne  unserer 
heutigen  Auffassung  sind,  ist  sehr  fraglich  (s.  S  p  i  e  1  m  e  y  e  r).  Da¬ 
her  ist  auch  die  Bezeichnung  der  Ventrikelflüssigkeit  als  Gehirn¬ 
lymphe  nicht  angängig. 

Wir  wissen  aber,  dass  eine  Flüssigkeitsströmung  von  der  Hirn¬ 
rinde  ventrikelwärts  zieht.  Denn  Hirnabszesse  haben  die  gefürchtete 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  34  35. 


1110 


Neigung,  gegen  die  Hirnventrikel  fortzuschreiten.  Selbst  vom  Schädel¬ 
knochen  aus  können  geringfügige  örtliche  Infektionen  in  unheimlicher 
Weise  schnell  bis  zu  den  Hirnhöhlen  in  Form  eines  spitzen  Ein¬ 
schmelzungsstreifens  dringen  und  das  plötzliche  Einsetzen  einer  Me¬ 
ningitis  bewirken.  Derartige  Erfahrungen  haben  wir  im  Kriege  hun¬ 
dertfältig  gemacht.  Eins  beweisen  diese  Beobachtungen,  dass  eine 
Resorption  des  Ventrikelinhaltes  vom  Epcndym  und  eine  Abführung 
rindenwärts,  wie  sie  nach  v.  Mon  a  k  o  w  s  Auffassung  stattfinden 
müsste,  nicht  denkbar  ist. 

Alles  dies  zusammenfassend,  müssen  wir  erkennen,  dass  die  An¬ 
nahme  von  der  Sekretion  des  Liquors  durch  die  Plexus  d.urch  nicht 
mehr  Gründe  belegt  ist.  als  durch  eine  gläubig  hingenommene  Ucber- 
licferung,  dass  dagegen  für  eine  Resorption  durch  die  Plexus  sich  viele 
schwerwiegende  Beobachtungen  anführen  lassen.  Die  Stoffaufnahme 
scheint  in  erster  Linie  eine  auslesende  zu  sein,  aber  sicher  wohl  auch 
mit  einer  Flüssigkeitsaufnahme  verbunden,  so  dass  der  aus  dem  Fo- 
ramen  Magendi  austretende  Liquor  nach  Menge  und  Zusammen¬ 
setzung  verändert  ist.  Gewiss  ist  diese  Anschauung  noch  durch 
weitere  Untersuchungen  zu  bestätigen  und  zu  vertiefen,  aber  wir 
wollen  prüfen,  ob  sie  für  das  Verständnis  des  Hydrozephalus  wert¬ 
voll  ist. 

Bei  rein  entzündlichem  Hydrozephalus,  z.  B.  bei  tub.  Meningitis, 
haben  wir  stets  eine  Beteiligung  der  Plexus  an  den  krankhaften  Ver¬ 
änderungen,  entsprechend  den  Veränderungen  der  Meningen.  Hierbei 
wäre  eine  pathologische  Exsudation  aus  den  Plexus  allerdings  ebenso 
wahrscheinlich  wie  eine  behinderte  Resorption  der  vom  Ependym 
übermässig  abgeschiedenen  Flüssigkeit.  Bei  mech.  Hydrozephalus, 
z.  B.  durch  Hirntumoren,  müsste  durch  die  Resorptionstätigkeit  des 
Plexus  ein  gewisser  Ausgleich  geschaffen  werden.  In  de;-  Tat  tiifft 
man  trotz  Abschluss  des  vierten  Ventrikels  oft  eine  auffallend  geringe 
Ausweitung  der  Seitenventrikcl.  Wüllenwcber  konnte  zeigen, 
dass  auch  bei  erheblichem  Hydrozephalus  infolge  Hirntumoren  sich 
in  dem  Plexus  Veränderungen  finden  (zellige  Infiltrate,  Verdichtung 
des  Stromas),  durch  die  eine  Störung  der  Funktion  wohl  erklärt  wird. 
Zwei  Fälle  mit  starkem  Hydrozephalus  Hessen  schwere  entzündliche 
Veränderungen,  anschliessend  an  vorhergehende  Operationen,  er¬ 
kennen.  Also  wird  der  mechanische  Hydrozephalus  durch  Verände¬ 
rungen  der  Plexus  mindestens  erheblich  verstärkt. 

Dies  kommt  ganz  augenfällig  bei  dem  Hydrozephalus  nach  Me¬ 
ningokokkenmeningitis  zum  Ausdruck.  Das  Abflusshindernis  kann  da¬ 
bei  am  Foramen  Monroi  oder  im  Aquaeductus  Sylvii  gelegen  sein; 
die  meisten  meiner  Präparate  zeigen  Verwachsungen  am  Foramen 
Magendi,  in  die  der  Plexus  des  4.  Ventrikels  mit  eingehüllt  ist,  oder 
einen  Abschluss  hinter  dem  verlängerten  Mark  durch  Verdichtung 
und  Verwachsung  der  Arachnoidalplatte  der  Cysterna  cerebcllo- 
medullaris  am  Foramen  Magnum.  Die  Ausdehnung  des  Hydrozephalus 
aber  entspricht  weniger  dem  Orte  der  Unterbrechung,  als  der 
Schwere  der  noch  chronischen  entzündlichen  oder  narbigen  Verände¬ 
rungen  der  Plexus. 

Die  Plexus  sind  imstande,  einen  gewissen  Ausgleich  zu  schaffen, 
wenn  der  Abfluss  der  Ventrikclflüssigkeit  durch  Tumoren  oder  ent¬ 
zündliche  Verlegungen  behindert  ist,  sofern  ihn  selbst  nicht  krank¬ 
hafte  Veränderungen  trafen. 

Diese  Vorstellung  lässt  uns  verstehen,  wie  in  manchen  Fällen  ein 
Hydrozephalus  unaufhaltsam  zunimmt,  bis  der  Hirndruck  die  mit  dem 
Leben  verträgliche  Grenze  überschreitet,  während  sich  in  anderen 
Fällen  ein  Gleichgewichtszustand  über  viele  Jahre  ausbildet.  Dies 
möge  noch  eine  Beobachtung  erläutern,  die  den  höchsten  Grad  von 
Hydrozephalus  betrifft,  den  ich  je  gesehen. 

Die  weibliche  Kranke  hatte  im  ersten  Lebensjahr  eine  Meningitis  über¬ 
standen  und  seither  ihren  Hydrozephalus.  Sie  blieb  in  der  körperlichen 
und  geistigen  Entwicklung  zurück,  ohne  ganz  verblödet  zu  sein,  hatte  spa¬ 
stische  Kontraktionen  der  Arme  und  Beine,  so  dass  sie  zu  jeder  selbsttätigen 
Bewegung  unfähig  war,  auch  eine  Kyphoskoliose.  Durch  aufopfernde  Pflege 
ihrer  Schwestern  erreichte  sic  ohne  ernstliche  Gesundheitsstörungen  ein 
Alter  von  38  Jahren.  Bei  vorübergehendem  Aufenthalt  in  der  Klinik  sollte 
eine  Röntgenaufnahme  des  Kopfes  gemacht  werden;  wenige  Stunden  nach 
dieser  starb  sie  ganz  plötzlich. 

Der  Kopf  hatte  einen  Umfang  von  72  cm,  war  riesenhaft  und  unförmig 
gegenüber  dem  kindlichen  Körper,  vor  allem  auch  gegenüber  dem  kleinen 
Gesicht.  Nach  Formalininiektion  wurde  der  Kopf  sagittal  durchschnitten. 
Hierbei  zeigten  sich  die  Seitenventrikel  mächtig  ausgedehnt,  so  dass  die 
Hirnrinde  nur  einen  dünnen  Balg  bildet,  der  nur  flache,  unregelmässige  Win¬ 
dungen  darbietet.  Beide  Seitenventrikcl  stehen  durch  eine  Lücke  von 
9:  6  cm  anstelle  des  Septums  pellucidum  in  Verbindung;  ein  Balken  ist  nicht 
erkennbar.  Die  Fornixschenkcl  erscheinen  als  dünne  Stränge,  um  die  sich 
die  Plexus  laterales  schlingen,  um  sich  dann  den  flachen  Stammganglien 
aufzulegen _  und  gegen  die  breite  Bucht  des  Unterhorns  zu  verlieren.  Die 
Plexus  zeigen  nur  geringe  Papillenbildung  und  fleckige,  wei,ssl;'''''’  Ein¬ 
lagerungen.  Das  ganze  Ependym  erscheint  verdickt.  An  der  Eintrittsstelle 
des  Plexus  medialis  ist  ein  tiefer  Trichter  gebildet,  dem  die  ganz  ab¬ 
gehackte  Zirbeldrüse  aufliegt.  Aquaeductus  Sylvii  und  4.  Ventrikel  sind  eben¬ 
falls  aufs  stärkste  ausgedehnt,  der  Plexus  liegt  dem  Ependym  innig  an  und  ist 
wcisslich  verdickt.  Der  Gegend  des  Foramen  Magendi  entspricht  eine 
trichterförmige  Bucht,  die  ganz  von  festen  Verwachsungen  der  Hirnhäute 
und  der  angrenzenden  Teile  des  Kleinhirns  umschlossen  ist.  .  Diese  Ver¬ 
wachsungen  setzen  sich  noch  im  Bereich  des  1.  Halswirbels  fort  und  erst 
am  2.  Halswirbel  ist  cs  möglich,  weiche  und  harte  Rückenmarkshaut  zu  lösen. 

Ich  habe  nur  die  wichtigsten  Einzelheiten  dieses  mächtigen  Be¬ 
fundes  erwähnt.  Ueberraschend  ist  nun  bei  mikroskopischer  Unter¬ 
suchung  die  verhältnismässig  gute  Erhaltung  der  Plexus.  Es  bestehen 
gemäss  dem  makroskopischen  Befund  narbige  Umwandlungen,  daneben 
aber  wohlgcfiillte  Gefässschlingen  mit  regelmässigem,  schönen  Plexus- 
epithcl.  Es  muss  hier  also  nach  Ueberstehen  einer  Meningitis,  die  zu 


vollständigem  Abschluss  des  Liquors  gegen  den  Spinalkanal  führte, 
sich  ein  Gleichgewichtszustand  zwischen  Liquorbildung  und  Resorp¬ 
tion  entwickelt  haben,  so  dass  37  Jahre  lang  das  Leben  erhalten  blieb, 
allerdings  eine  Vita  minima,  die  keinen  überraschenden  Ansprüchen 
ausgesetzt  war.  Die  auffallend  gute  Erhaltung  des  Plexus,  vielleicht 
durch  kompensatorische  Hypertrophie  unversehrter  Teile  neben  den 
narbig  veränderten,  würde  dies  nach  den  obenentwickclten  An¬ 
schauungen  verständlich  machen.  Die  Röntgenbestrahlung  löste  eine 
Hyperämie  aus  mit  einer  plötzlichen  Steigerung  der  Liquorabsonde¬ 
rung,  der  die  Resorption  nicht  angepasst  war.  So  musste  unter  rasch 
zunehmendem  Hirndruck  der  Tod  erfolgen. 

Ich  bin  mir  bewusst,  dass  meine  Ausführungen  nicht  allgemeine 
Zustimmung  finden,  vielleicht  Widerspruch  auslösen  werden,  denn  es 
ist  schwer,  altgewohnte  Anschauungen  umzuändern.  Ich  selbst  möchte 
mir  noch  weitere  Untersuchungen  Vorbehalten.  Mir  ist  aber  schon 
jetzt,  nachdem  ich  mich  zu  der  dargelegten  Auffassung  durchgerungen 
habe,  manche  Eigentümlichkeit  des  Hydrozephalus  verständlicher  ge¬ 
worden,  und  so  schliesse  ich  mich  der  Empfehlung  Askanazys 
an,  die  Resorptionsleistung  der  Plexus  chorioidei  im  Auge  zu  be¬ 
halten  und  weiter  zu  verfolgen.  Ich  zweifle  nicht,  dass  dadurch  mehr 
Licht  in  ein  noch  recht  dunkles  Kapitel  der  Hirnpathologie  gebracht 
wird. 

Literatur. 

Askanazy:  Verh.  Path.  Ges.  1914,  17,  S.  85.  —  S  c  h  r*  o  r  1:  Verh. 
Path.  Oes.  1910.  14,  S.  288.  —  Siegmund:  Vircli.  Areh.  1923.  241.  — 
Spielmeyer:  Histopathologie  des  Nervensystems,  1922.  —  Wüllen- 
weber:  Zschr.  f.  d.  ges.  Neurol.  1923  lim  Druck). 


Aus  der  inn.  Abt.  des  Krankenhauses  Bethesda  in  Duisburg. 
(Chefarzt:  Prof.  Dr,  H.  Hohlweg.) 

Die  intrakardiale  Injektion. 

Von  H.  Hohlweg. 

Im  Gegensatz  zu  früheren  Anschauungen  wissen  wir  heute,  dass 
der  Tod  kein  momentanes  Ereignis  darstellt.  Für  die 
lebenswichtigsten  Organe  —  Herz,  Atmungsorgane,  Gehirn  —  gibt 
es  von  dem  Augenblick  an,  wo  sie  ihre  Funktion  einstellen,  bis  zum 
Eintritt  vollkommen  irreparabler  Veränderungen  eine  gewisse  Ucber- 
gangszeit,  innerhalb  deren  sie  durch  geeignete  Massnahmen  wieder- 
belebt  werden  können.  Diese  Uebergangszeit  ist  für  die  einzelnen 
Organe  verschieden  begrenzt.  Am  empfindlichsten  ist  von  den  ge¬ 
nannten  Organen  das  Gehirn,  das  eine  Zirkulationsstockung  von  län¬ 
ger  als  10 — 15  Minuten  Dauer  nicht  überstellt,  am  widerstandsfähig¬ 
sten  ist  das  Herz. 

Langendorff  gelang  es  zuerst  zu  zeigen,  dass  das  Wartn- 
bliiterherz  kürzere  oder  längere  Zeit  nach  dem  Tode  wiederbelebt 
werden  und  in  ausgeschnittenem  Zustande  regelmässig  schlagen 
kann,  wenn  mittels  einer  in  die  Aorta  eingebundenen  Kanüle  das 
Herz  vom  Kranzgefässsystem  aus  mit  defibriniertem  Blut  gespeist, 
also  m.  a.  W.  der  Koronarkreislauf  künstlich  wiederhergestellt  wird. 
Später  hat  dann  Zeller  auf  Grund  umfangreicher  experimenteller 
Untersuchungen  an  Hunden  nachgewiesen,  dass  die  primäre  Herz¬ 
lähmung  im  Gefolge  der  Chloroformnarkose  durch  die  zentripetale 
arterielle  Transfusion  von  hirudinhaltigem  gleichartigen  Blut  fast 
regelmässig  prompt  beseitigt  wird.  Das  mit  gutem  arteriellen  Blut 
gespeiste  Herz  nimmt  schnell  und  immer  kräftiger  seine  Tätigkeit 
wieder  auf  und  auch  die  Atmung  kehrt  wieder.  Ebenso  konnte 
Zeller  zeigen,  dass  nach  Verblutung,  selbst  wenn  mehr  als  "U 
der  Blutmenge  entleert,  also  der  Blutverlust  bedingungslos  tödlich 
war,  die  arterielle  Durchströmung  mit  Blut  ein  nahezu  sicheres  Mittel 
ist,  das  Herz  des  Hundes  wieder  zum  Schlagen  zu  bringen. 

Am  aussichtsreichsten  für  die  Wiederbelebung  nach  Eintritt  des 
I  ödes  im  landläufigen  Sinne  mussten  demnach  von  vorneherein  die 
Fälle  von  primärem  Herzstillstand  erscheinen,  wie  sie  am  häufigsten 
bei  der  reinen  Chloroformsynkopc  beobachtet  werden.  Da  eine 
Schädigung  des  Gehirnes  in  diesen  Fällen  meist  zunächst  nicht  vor¬ 
handen  ist,  hat  man  nach  dem  oben  über  die  Widerstandsfähigkeit 
des  Gehirns  gegenüber  Zirkulationsstockungen  Gesagten  vom  Be¬ 
ginn  des  Aussetzens  der  Herztätigkeit  an  10 — 15  Minuten  Zeit,  um  die 
Zirkulation  vom  Herzen  aus  mit  Aussicht  auf  Wiederbelebung  des 
Gesamtorganismus  in  Gang  zu  bringen. 

So  geistreich  auch  die  Untersuchungen  von  Zeller  angestellt 
mul  so  sorgfältig  auch  die  Technik  bis  ins  einzelne  durchdacht  und 
angegeben  war,  so  hatte  das  Verfahren  doch  von  Anfang  an  wegen 
seiner  nicht  zu  umgehenden  grossen  Umständlichkeit  wenig  Aussicht 
auf  praktische  Erfolge  und  konnte  selbstverständlich  überhaupt  nur 
in  einem  bestens  eingerichteten  Operationssaal  zur  Anwendung 
kommen.  Man  wäre  deshalb  wohl  auch  heute  mit  den  Wiederbele¬ 
bungsversuchen  nach  Narkosenherzstillstand  in  der  Praxis  noch  nicht 
weiter,  wenn  nicht  von  den  Velden1)  auf  den  verdienstvollen 
Gedanken  der  intrakardialen  Injektion  gekommen  wäre. 


J)  Ob  den  wenigen  Autoren  —  Latzko.  Skubinski.  Rucdiger. 
Escli.  Doerner,  Volkmann  — ,  deren  Publikation  vor  1919  erfolgte, 
der  Gedanke  von  den  Veldens  bekannt  war,  kann  ich  nicht  ent- 
entschciden ;  teilweise  —  Ruedigcr  und  wahrscheinlieh  auch  Esch  — 
war  cs  sicherlich  der  Fall.  Jedenfalls  hat  von  den  Velden  das  Ver¬ 
fahren  bereits  seit  1906  in  zahlreichen  Fällen  ausgeführt  und  im  Kolleg  wie 
Aerztekursen  unter  genauer  Angabe  der  scharf  umrissenen  Indikation  und 
Technik  seitdem  empfohlen. 


Uigust  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1111 


in  den  Herzmuskel  oder  die  Herzhöhle  direkt  eingcbrachtc  stark 
ierende  Medikament  gelangt  unmittelbar  an  die  Erfolgsorgan¬ 
ente  im  Herzen,  um  so  sicherer  als  auch  schon  durch  den  Stich  als 
ich  eine  kräftige  Kontraktion  des  Herzmuskels  ausgelöst  und  so 
ausgiebige  Verteilung  des  Medikamentes  im  Blutstrom  des  Her¬ 
selbst  gewährleistet  wird.  An  Stelle  der  umständlichen  kiinst- 
n  Durchblutung  des  Herzens  tritt  die  vom  Herzen  selbst  mit 
nblut  übernommene  Durchblutung;  der  Koronarkreislauf  wird  so 
lic  einfachste  und  natürlichste  Weise  wieder  in  Gang  gebracht. 
Bei  Betrachtung  der  praktischen  Erfolge  der  Methode  fällt  so- 
auf.  dass  die  Chirurgen  im  ganzen  wesentlich  bessere  Er- 
isse  zu  verzeichnen  haben,  als  die  Interne  n.  Der  Grund  liier- 
rgibt  sich  aus  der  Verschiedenartigkeit  des  Materiales  und  der 
.ationsstellung.  Wie  oben  bereits  auseinandergesetzt,  ist  eben 
primäre  Narkoscnherzstillstand  das  günstigste  Objekt  für  die 
kardiale  Therapie.  Der  Chirurg  im  Operationssaal  ist  auf  solche 
ile  auch  vorbereitet  und  dafür  gerüstet,  während  dem  Internisten, 
Jurch  einen  primären  Herzstillstand  vielleicht  gelegentlich  einmal 
rascht  wird,  mit  der  Herbeischaffung  des  Instrumentariums  und 
Medikamentes  die  aussichtsreichste  Zeit  bis  zur  Wieder- 
ningsmöglichkcit  des  Herzens  schon  verstreicht. 

Bei  der  Zusammenstellung  der  in  der  Literatur  niedergelegten 
;  mit  Indikation  auf  chirurgischem  Gebiet  fand 
2  Dauererfolge  und  5  zwar  vorübergehende,  aber  doch  deutliche 
ge.  Die  i.  I.  hat  auch  in  diesen  letzten  Fällen  durchaus  das  geleistet, 
man  billigerweise  von  ihr  verlangen  kann ;  sie  hat  den  vollkommen 
iedcrliegenden  Kreislauf  meist  für  eine  Reihe  von  Stunden  wieder 
mg  gebracht.  Wenn  in  diesen  Fällen  kein  Dauererfolg  eintrat,  so 
er  Grund  hierfür  nicht  der  Methode  als  solcher,  sondern  den 
ils  begleitenden  Verhältnissen  und  Nebenumständen  zuzu¬ 
üben.  Der  Fall  Esch  ist,  soweit  ich  die  Literatur  übersehe,  der 
ge,  wo  die  i.  I.  selbst  von  ungünstigen  Folgen  begleitet  war; 
■inetn  Falle  war  der  Exitus  der  Kranken  offenbar  mitverursacht 
h  einen  künstlichen  Pneumothorax,  der  durch  eine  Stichver- 
ng  der  Lunge  bei  der  i.  I.  entstanden  und  durch  energisch  aus- 
lrte  künstliche  Atmung  anscheinend  vergrössert  worden  war. 
Selbstverständlich  stehen  diesen  Erfolgen  einzelne  veröffentlichte 
wahrscheinlich  sehr  viele  nicht  veröffentlichte  Misserfolge  gegen- 

^usammenstellung  2  der  Fälle  mit  Indikation  auf  internem 
iet  zeigt  demgegenüber  ein  ganz  anderes  Bild.  Hesse  be- 
htete  unter  12  Fällen  nur  4  mal  geringfügige  Erfolge  bis  höch- 
;  20  Minuten  Dauer,  in  einigen  Fällen  war  überhaupt  keine 
inbare  Wirkung  der  i.  I.  nachweisbar,  von  den  Velden  sah 
•  45  Fällen  13  mal  vorübergehende  günstige  Beeinflussung  mit 
lereinsetzen  der  Herztätigkeit  bis  zur  Dauer  von  maximal 
unden.  Hesse  und  von  den  Velden  haben  aber  bei  zu- 
nen  57  Fällen  überhaupt  keinen  Dauererfolg  zu  ver- 
inen.  Einen  Dauererfolg  mit  der  i.  I.  bei  Indikation  auf 
;rnem  Gebiet  stellen  nur  je  1  Fall  von  Ruediger  — 
cre  dekotnpensierte,  bis  dahin  unbehandelte  Mitralinsuffizienz 
-Stenose  —  und  Baumann  —  Atem-  und  Herzstillstand  bei 
erer  Pertussis  —  dar,  dem  sich  als  dritter  der  von  m  i  r 
achtete  Fall  anreiht. 

'rau  B„  20  Jahre  alt.  Am  13.  XI.  1922  wegen  einer  schweren  offenen 
ativen  Tuberkulose  des  ganzen  linken  Oberlappcns  aufgenommen. 

J.  Anlegung  eines  künstlichen  Pneumothorax  —  Schnittverfahren  nach 
u  e  r  — .  Vorübergehende  Bildung  eines  Exsudates  im  linken  Pleura- 
.  das  aber  am  2.  I.  1923  bereits  vollkommen  resorbiert  ist.  3.  I.  erste 
iillung.  Im  Röntgenbilde  zieht  von  der  Mitte  der  linken  Lunge  nach  der 
wand  ein  breiter  Strang.  Am  13.  II.  in  ambulante  Behandlung  entlassen. 
:hfüllungen  ohne  Storung.  27.  IV.  8.  Auffüllung.  Einstich  im  5.  linken 
«ostalraum.  Dabei  hat  man  das  Gefühl,  nicht  im  freien  Pleuraraum  zu 
Der  Mandrin,  der  die  Nadelspitze  2  cm  überragt,  lässt  sich  zwar  ohne 
chen  Widerstand  einführen;  es  erfolgen  aber  keine  Ausschläge  am  Mano- 
'.  Noch  bei  Ausführung  dieser  Manipulation,  ohne  dass  also  überhaupt 
iahn  zur  Stickstoffflasche  geöffnet  war,  richtet  sich  die  Kranke  auf  mit 
Vortcn:  ..Es  wird  mir  schlecht“  und  kollabiert  sofort.  Starke  Zyanose, 
auffallende  Blässe;  schnappende  Atemzüge  mit  längeren  Pausen;  voll- 
icner  Herzstillstand.  Der  Exitus  scheint  eingetreten  zu  sein.  Etwa 
Minuten  später  Einstich  am  oberen  Rand  der  4.  linken  Rippe.  2  Ouer- 
■  ausserhalb  des  linken  Brustbeinrandes.  Beim  Ansaugen  tritt  sofort 
in  die  Spritze;  langsame  Injektion  von  2  ccm  Ol.  camphorat.  forte.  Nach 
3 — 4  Sekunden  setzt  die  Herztätigkeit  wieder  ein,  gleichzeitig  wird  der 
wieder  fühlbar,  der  bereits  nach  12 — 15  Sekunden  wieder  vollkommen 
mässig  und  kräftig  ist.  Ungefähr  2  Minuten  nach  der  i.  I.  wieder  regel¬ 
te  Atmung:  das  Bewusstsein  ist  nach  6 — 7  Minuten  wieder  zurück- 
irt.  Es  besteht  völlige  Amnesie  bezüglich  des  Zufalles:  die  Kranke  ist 
durchaus  klar.  Stündlich  0,1  Koffein  subkutan.  Nachmittags  starke 
chmerzcn,  gegen  Abend  wieder  plötzlich  auftretende  Bewusstlosigkeit 
Ionischen  Krämpfen  am  ganzen  Körper.  Reflexe  ausserordentlich  stark 
igert:  Babinski  und  Oppenheim  beiderseits  positiv.  Nach  Injektion  von 
n  Adrenalinlösung  (1  :  1000)  subkutan  schnelle  Erholung.  Nach  etwa 
nden  ist  die  Kranke  völlig  ruhig:  es  bestehen  noch  starke  Kopfschmerzen, 
keine  Krämpfe  mehr:  Babinski  und  Oppcpheim  nicht  mehr  nachweisbar. 

?9.  IV.  bei  vollem  Wohlbefinden  auf  eigenen  Wunsch  entlassen. 

:s  handelte  sich  also  offenbar  um  einen  schweren  Pleuraschock 
Herzstillstand  gelegentlich  der  Nachfüllung  eines  künstlichen 
imothorax.  Der  Exitus  schien  eingetreten  zu  sein.  Die  i.  I.  von  | 
n  Ol.  camph.  fort,  in  den  rechten  Ventrikel  brachte  den  Kreislauf 
momentan  wieder  in  Gang.  Der  Erfolg  war  geradezu  verblüffend.  \ 
mg  und  Bewusstsein  kehrten  in  kürzester  Zeit  wieder.  Nach 


vorübergehenden  Störungen  am  gleichen  Nachmittag  —  Bewusst¬ 
losigkeit  mit  klonischen  Krämpfen  —  rasche  dauernde  Er¬ 
holung. 

Der  vorstehend  beschriebene  Fall,  wobei  die  Kranke  durch  die 

i.  I.  von  Ol.  camph.  fort,  vom  sicheren  Tod  gerettet  werden  konnte, 
zeigt,  wie  wichtig  es  auch  für  den  Internisten  ist,  für  die  Ausführung 
der  i.  I.  gerüstet  zu  sein.  Man  hat  im  allgemeinen  von  üblen  Zu¬ 
fällen  bei  der  Pneumothoraxbehandlung  in  den  letzten  Jahren  wenig 
mehr  gehört.  Vielleicht  mehren  sich  in  Zukunft  die  Mitteilungen 
darüber,  wenn  es  wie  in  meinem  Falle  gelingt,  den  gefürchteten 
Pleuraschock  durch  die  i.  I.  zu  überwinden.  Mir  gab  meine  Beob¬ 
achtung  Veranlassung,  mich  mit  der  Methode  näher  zu  beschäftigen 
und  mich  so  auf  ähnliche  Fälle  in  Zukunft  besser  vorzubereiten.  In 
diesem  Sinne  soll  meine  Beobachtung  auch  eine  Anregung  für  die¬ 
jenigen  internen  Kollegen  sein,  die  sich  mit  dem  Gegenstand  bisher 
wenig  befasst  haben.  Müssen  wir  uns  doch  dessen  bewusst  sein,  dass 
hier  jeder  positive  Erfolg  ein  gerettetes  Menschenleben  darstellt,  das 
sonst  unter  allen  Umständen  verloren  gewesen  wäre. 

Im  einzelnen  sei  bezüglich  der  Indikation,  des  Medika¬ 
mentes  und  der  Technik  der  i.  I.  noch  auf  folgendes  hin¬ 
gewiesen: 

Vorbedingung  für  einen  Erfolg  ist  vor  allem  die  möglichst 
sofortige  Anwendung  des  Verfahrens  nach  eingetretenem  Herzstill¬ 
stand.  Je  früher  die  Injektion  ausgeführt  wird,  desto  günstiger  sind 
natürlich  die  Aussichten  auf  einen  Erfolg.  Die  nutzbare  Zeit, 
innerhalb  deren  das  Gehirn  die  Zirkulationsstockung  eben  noch  ver¬ 
trägt,  beläuft  sich  auf  10 — 15  Minuten.  Nach  dieser  Zeit  ist  ein 
Erfolg  mit  der  i.  I.  kaum  mehr  zu  erwarten.  Selbstverständlich  kann 
das  Verfahren  gelegentlich  auch  bei  noch  schlagendem  Herzen  zur 
Anwendung  kommen,  wenn,  wie  im  Falle  von  Ruediger,  jede 
Therapie  von  der  Peripherie  her  von  vorneherein  aussichtslos  er¬ 
scheint. 

Die  Indikation  auf  chirurgischem  Gebiet  sind  vor 
allem  der  primäre  Narkosenherztod,  der  Operationskollaps,  Schock 
im  Gefolge  schwerer  Verletzungen,  Vergiftungen  (Chloral-,  Kohlen¬ 
oxyd),  Erstickungen,  Erfrierungen  und  Starkstromverletzun<ren. 

Auf  internem  Gebiet:  Fälle  von  akutem  Herztod  bei  noch 
persistierender  Atmung,  sog.  Sekundenherztod,  wo  bei  unfühlbarem 
Puls  die  Möglichkeit,  das  Analeptikum  auf  subkutanem,  intramusku¬ 
lärem  oder  intravenösem  Weg  ans  Herz  zu  bringen,  an  der  fehlenden 
Zirkulation  scheitert  — -  Hesse  — ,  Fälle  von  Pleuraschock  im  Ge¬ 
folge  eines  Pneumothorax,  plötzlicher  Tod  bei  Herzmuskelerkran¬ 
kungen  mit  und  ohne  stärkere  Beteiligung  des  Klappenendokardes; 
besonders  aussichtsreich  erscheinen  hier  solche  Fälle,  wo  eine  chro¬ 
nische  Muskelschwäche  erst  im  Stadium  der  schwersten  Dekompen¬ 
sation  in  Behandlung  kommt  (Fall  Ruediger),  wo  also  die  Reserve¬ 
kraft  des  Herzens  nicht  bereits  durch  vorausgegangenc  anderweitige 
(intravenöse)  Behandlung  erschöoft  ist.  Weniger  Erfolg  zu  bieten 
scheinen  nach  den  bisherigen  Erfahrungen  die  Fälle  von  Herzinsuffi¬ 
zienz  bei  Nenhritis.  Kollaps  hei  Infektionskrankheiten  (Ausnahme  Fall 
B  a  u  m  a  n  n)  und  bei  Kampfgasvergiftungen. 

Die  Applikation  des  Mittels  kann  erfolgen: 

1.  in  die  Perikardialhöhle  —  intraperikardial, 

2.  in  die  Herzmuskulatur  —  intramuskulär, 

3.  in  die  Herzhöhle  —  intrakardial. 

Theoretisch  begründet  ist  die  intraperikardialc  Injektion  durch 
die  von  L.  Rehn  festgestellte  Tatsache,  wonach  in  Wasser  oder 
Del  gelöste  Substanzen  mit  grosser  Schnelligkeit  aus  dem  Herzbeutel 
resorbiert  werden.  Nach  den  Angaben  von  H  e  n  s  c  h  e  n  ist  die 
perikardiale  Injektion  aber  nicht  frei  von  Zufällen.  Der  Herzbeutel 
ist  gegen  brüske  Reizungen  sehr  empfindlich;  es  kann  im  Anschluss 
daran  Verschlechterung  der  Herztätigkeit  und  sogar  dauernder  Herz¬ 
stillstand  eintreten.  Aus  diesem  Grunde  erscheint  mir  die  intraperi¬ 
kardiale  Injektion,  obwohl  Hen  sehen  sie  bezüglich  des  Wieder- 
belcbungseffektes  mit  der  intrakardialen  Injektion  etwa  auf  eine  Stufe 
stellt,  weniger  empfehlenswert,  zumal  anscheinend  auch  die  Technik 
umständlicher  und  weniger  sicher  ist. 

Die  intramuskuläre  Injektion  wird  von  manchen  Autoren 
(Baumann,  der  in  die  Muskulatur  des  linken  Ventrikels  injiziert) 
als  besonders  wirksam  und  aussichtsreich  angesehen.  Jedenfalls 
scheint  beim  stillstehenden  Herzen  der  Stich  in  die  Muskulatur 
an  sich  schon  eine  intensive  Kontraktion  auszulösen,  wodurch  dann 
die  Verteilung  des  Arzneimittels  in  den  reichlichen  Blut-  und  Lymph- 
bahnen  des  Myokards  schnell  zustande  kommt.  Im  Gegensatz  hiezu 
hält  Hesse  die  Injektion  in  den  Herzmuskel  theoretisch  für  falsch, 
weil  er  sich  nicht  vorstellcn  kann,  dass  das  Medikament  von  der  Ein¬ 
stichstelle  im  rechten  Herzen  sich  schnell  über  das  ganze  Herz  ver¬ 
breiten  soll,  ganz  abgesehen  davon,  dass  er  selbst  die  beabsichtigte 
Injektion  in  das  Myokard  des  meist  stark  dilatierten  und  daher  dünnen 
rechten  Ventrikels  für  schwer  hält.  Beim  Einstich  in  den  4.  oder 
5.  linken  Interkostalraum  neben  dem  Sternalrand  ist  H.  jedenfalls 
immer  in  das  Lumen  des  rechten  Ventrikels  gelangt. 

Hesse  hält  vielmehr  die  intrakardiale  Injektion  für  die 
lichtigstc  Methode  und  zwar  legt  er  grössten  Wert  darauf,  dass  das 
Medikament  in  das  Lumen  des  linken  Ventrikels  injiziert  wird. 
Bei  Injektion  in  das  Lumen  des  rechten  Ventrikels,  glaubt,  er,  könne 
ein  stillstehendes  oder  nur  noch  flimmerndes  Herz  nicht  die  Kraft 
aufbringen,  das  Exzitans  über  den  Umweg  durch  den  Lungenkreislauf 
in  den  linken  Ventrikel  und  in  den  Koronarkreislauf  zu  bringen. 


1112 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  34 


WaS  die  Wahl  des  Medikamentes  anlangt,  so  kommen  vor 
allein  in  Betracht:  Adrenalin,  die  Hypophysenpräparate,  Strophanthin, 
Digalen,  Digipurat,  Koffein  und  Kampfer. 

Das  Adrenalin  ist  zweiefllos  ein  gerade  bei  der  i.  I.  ausseror¬ 
dentlich  schnell  und  intensiv  wirkendes  und  durch  seine  verschieden¬ 
artigen  Eigenschaften  fast  ideales  Mittel  für  die  Wiederbelebung  des 
Herzens.  Während  es  nämlich  einerseits  auf  die  Muskelzellen  der 
inneren  Herzwandschicht  direkt  erregend  und  im  allgemeinen,  be¬ 
sonders  auf  den  Splanchnikus  gefässkontrahierend  wirkt,  erweitert 
es  durch  seine  Sympathikuswirkung  gleichzeitig  die  Koronargefässe. 
Es  wird  also  durch  die  vasomotorische  Wirkung  auf  die  Bauchgefässe 
eine  Umschaltung  des  angchäuften  Blutes  herbeigeführt  (V  o  1  k  - 
m  a  n  ti)  und  andererseits  doch  wieder  einer  zu  befürchtenden  Ueber- 
lastung  des  Herzens  vorgebeugt  dadurch,  dass  durch  die  Erweiterung 
der  Kranzgefässe  eine  intensive  Durchblutung  des  Herzmuskels  ge¬ 
währleistet  und  so  eine  kräftige  Arbeitsleistung  ermöglicht  wird. 
Dazu  kommt,  dass  das  Adrenalin  geradezu  antagonistische  Wirkung 
dem  Chloroform  gegenüber  entfaltet.  Es  paralysiert  die  6  fache 
tödliche  Chloroformdosis  und  ist,  um  das  durch  Chloroform  gelähmte 
Herz  wieder  in  Gang  zu  bringen,  deshalb  ein  besonders  für  den 
Chirurgen  ausserordentlich  wertvolles  Medikament. 

Seinen  Vorteilen  stehen  aber  auch  Nachteile  gegenüber.  Vor 
Ueberdosierung  und  schneller  Injektion  muss  dringend  gewarnt  wer¬ 
den.  Es  tritt  sonst  leicht  Dauerkontraktion  mit  systolischem  Herz¬ 
stillstand  ein.  Auch  die  von  Baumann  im  Anschluss  an  eine  In¬ 
jektion  von  Vk  ccm  Adrenalinlösung  bei  einem  6  Monate  alten  Kind 
beobachteten  starken  epileptiformen  Krämpfe  sind  zweifellos  der 
Ueberdosierung  zur  Last  zu  legen.  Die  Maximaldosis  beträgt  bei 
Kindern  Vs  ccm,  bei  Erwachsenen  1  ccm  der  1  prom.  Adrenalinlösung 
für  die  Einzeldosis.  Ob  man  die  Flüchtigkeit  sezier  Wirkung  als  einen 
Nachteil  ansehen  soll,  erscheint  mir  zweifelhaft.  Wollen  wir  ja  doch 
durch  das  Verfahren  das  Herz  nur  über  eine  kurze  Augenblicksgefahr 
hinwegbringen;  für  die  Aufrechterhaltung  des  erst  einmal  wieder  in 
Gang  gebrachten  Kreislaufs  haben  dann  andere  Massnahmen  zu 
sorgen.  Bei  ungenügender  Wirkung  der  ersten  intrakardialen 
Adrenalininjektion  gestattet  gerade  die  Flüchtigkeit  des  Medikamentes 
die  Wiederholung  seiner  Anwendung.  Die  von  Boruttau  u.  a. 
angeführten  Bedenken,  dass  das  Adrenalin  gerade  das  Herzflimmern 
begünstigen  solle,  haben  durch  die  praktischen  Erfahrungen  keine 
Stütze  erhalten.  Für  den  Chirurgen,  speziell  beim  Chloroform¬ 
tod,  wird  das  Adrenalin  das  Mittel  der  Wahl  bleiben. 

Die  Wirkung  der  Hypophysenpräparate  ist  der  des 
Adrenalins  ganz  ähnlich,  anscheinend  nicht  ganz  so  intensiv,  dafür 
aber  länger  anhaltend  und  in  Kombination  mit  Adrenalin  besonders 
machtvoll. 

Das  Strophanthin  kommt  als  Mittel  zur  i.  I.  vor  allem  für 
die  Fälle  von  bis  dahin  unbehandelter  Herzmuskelschwäche  und  De¬ 
kompensationszustände  in  Betracht  und  entfaltet  hier  (vgl.  Fall  Rue- 
d  i  g  e  r)  ganz  ausgezeichnete  Wirkung.  Es  erfüllt  vor  allem  auch  die 
für  solche  Fälle  notwendige  Forderung  nach  einer  länger  anhaltenden 
Wirkung  des  Medikamentes.  Da  Injektionen  ins  Myokard  schwere 
Gewebsschädigungen  herbeiführen  können,  ist  allerdings  das  Stro¬ 
phanthin  nur  streng  intrakardial  zu  injizieren. 

Der  Erfolg  der  Digitalispräparate  ist  offenbar  ein  zu 
langsamer,  so  dass  sie  für  die  Zwecke  der  i.  I.,  wo  es  doch  immer  ge¬ 
rade  auf  eine  momentane  Wirkung  ankommt,  weniger  geeignet  er¬ 
scheinen.  Von  ihrer  Kombination  mit  Adrenalin  oder  Koffein  ist  mög¬ 
licherweise  ein  grösserer  Effekt  zu  erwarten.  Auch  mit  Koffein  allein 
sind  bei  der  i.  I.  anscheinend  keine  besonderen  Resultate  erzielt  wor¬ 
den;  gelegentlich  sind  nach  seiner  Verwendung  Reizleitungs¬ 
störungen,  Arhythmien  und  Flimmern,  sowie  auch  gewebsschädigende 
Wirkungen  beobachtet  worden.  Doch  müssen  hier  weitere  Er¬ 
fahrungen  noch  gesammelt  werden. 

Der  Kampfer  wird  von  Boruttau  in  Form  von  kampfer¬ 
haltiger  kalkfreier  Salzlösung  zur  i.  I.  als  geeignetstes  Mittel  beim 
Sekundenherztod  durch  Kammerflimmern,  vorwiegend  beim  primären 
Aussetzen  des  Pulses  in  Narkose  empfohlen.  Während  Borut- 
t  a  u  im  Adrenalin  und  Koffein  Mittel  sieht,  welche  die  heterotope 
Reizbildung  und  damit  das  Flimmern  geradezu  begünstigen,  soll  der 
Kampfer  die  Neigung  zu  dauerndem  Flimmern  herabsetzen  oder  ganz 
beseitigen;  eine  Anschauung,  die  allerdings  von  H.  E.  Hering  nicht 
geteilt  wird.  Jedenfalls  war  in  meinem  Falle  der  Erfolg  des  Kampfers 
ein  ganz  momentaner,  ähnlich  wie  beim  Adrenalin,  und  dabei  ver¬ 
hältnismässig  nachhaltig.  Für  Fälle  mit  ähnlicher  Indikation  erscheint 
die  i.  I.  von  Kampfer  jedenfalls  durchaus  empfehlenswert.  Die  In¬ 
jektion  in  den  Herzmuskel  ist  wegen  der  Möglichkeit  von  Gewebs¬ 
schädigungen  zu  vermeiden.  Difc  Gefahr  der  Fettembolie  möchte 
ich  nicht  zu  hoch  veranschlagen,  nachdem  ich  bei  der  Behandlung 
von  Pneumoniekranken  mit  intravenösen  Kampferinjektionen  in  sehr 
zahlreichen  Fällen  niemals  nennenswerte  Störungen  beobachtet  habe. 

Bezüglich  der  Technik  der  i.  I.  muss  man  sich  vor  allem  klar 
machen,  in  welchen  Herzabschnitt  man  überhaupt  injizieren  soll, 
von  den  Velden  hält  es  theoretisch  für  am  zweckmässigsten,  in 
den  rechten  Vorhof  resp.  unmittelbar  an  den  Sinus  zu  injizieren.  Ver¬ 
suche  mit  Injektionen  von  der  rechten  Thoraxhälfte  aus  haben  ihn 
aber  davon  überzeugt,  wie  unsicher  im  Einzelfall  die  Lokalisation 
dabei  ist.  Zudem  zeigt  die  Praxis,  dass  bei  der  i.  I.  in  den  Ventrikel 
bzw.  die  Muskulatur  des  Ventrikels  ein  durchaus  genügender  Erfolg 
erzielt  wird. 


Die  Frage,  ob  die  Injektion  intramuskulär  oder  int  j 
kardial  ausgeführt  werden  soll,  ist  praktisch  noch  nicht  sh;| 
entschieden.  Bei  der  Eile,  mit  welcher  nach  Lage  der  Dinge  j( 
Injektion  gewöhnlich  zur  Ausführung  gelaugt,  wird  es  wohl  oft  > 
Zufall  abhängen,  ob  schliesslich  die  Injektion  intramuskulär  oder  in 
kardial  erfolgt,  und  es  wird,  wie  Hesse  mit  Recht  hervorhebt,  , 
die  beabsichtigte  Injektion  in  das  Myokard  des  meist  s 
dilatierten  und  deshalb  dünnen  rechten  Ventrikels  namentlich  ■ 
Anfänger  durchaus  nicht  immer  nach  Wunsch  gelingen.  Trotz  | 
halte  ich  es  für  durchaus  wünschenswert,  dass  man  sich  Gewiss 
darüber  zu  verschaffen  sucht,  ob  bei  der  Injektionn  die  Nadelst 
sich  in  der  Muskulatur  oder  in  der  Herzhöhle  befindet.  Das 
dringen  von  Blut  in  die  Spritze  beim  Aspirationsversuch  gibt 
dafür  einen  zuverlässigen  Anhaltspunkt.  Wichtig  ist  dies  vor  a 
bei  Verwendung  solcher  Medikamente  (Strophanthin,  vielleicht  ; 
Digitalispräparate  und  Kampfer),  die  lokale  Gewebsschä 
g  u  n  g  e  n  der  Herzmuskulatur  herbeiführen  können  und  deshalb  i 
streng  intrakardial  injiziert  werden  dürfen. 

Als  Regel  wird  man  wohl  aufstellen  dürfen,  dass  man  bei  st 
stehendem  Herzen  intramuskulär,  bei  noch  sch 
gen  dem  Herzen  intrakardial  injizieren  soll.  Der  5 
bezw.  die  Injektion  in  die  Muskulatur  wirkt  nämlich  an  sich  offei 
schon  kontraktionserregend,  so  dass  durch  die  auf  den  Stich 
gelöste  Kontraktion  eine  intensive  Verteilung  des  Medikamente 
den  Blut-  und  Lymphbahnen  des  Myokards  erfolgt.  Bei  noch  sc 
•gendem  Herz  erscheint  die  Injektion  in  die  Herzhöhle  —  namenl 
in  den  linken  Ventrikel  —  aussichtsreicher,  weil  von  hier  aus 
Medikament  schneller  in  den  Koronarkreislauf  gelangt.  Werden  gk 
zeitig  grössere  Flüssigkeitsmengen  verwendet  —  Adrenalin  in  K 
Salzlösung,  Kampfer  in  kalkfreier  Salzlösung  — ,  so  wird  durch 
damit  verbundene  Dehnung  der  Ventrikelwand  gleichzeitig  ein  1 
traktionsreiz  ausgelöst.  Es  wird  dann  die  intrakardiale 
j  e  k  t  i  o  n  zur  i  n  t  r  a  k  a  r  d  i  a  1  e  n  I  n  f  u  s  i  o  n,  die  bei  ausgeblut 
Kranken  ganz  besonders  angezeigt  sein  wird. 

Auch  die  Frage,  ob  man  im  Bereich  des  rechten  oder 
linken  Ventrikels  injizieren  soll,  ist  noch  umstritten.  Während 
alle  Autoren  den  rechten  Ventrikel  wählen,  halten  Bau  mann  (ii 
muskulär)  und  Hesse  (intrakardial)  die  Injektion  in  den  linken  ’ 
trikel  für  erheblich  aussichtsreicher.  Theoretisch  erscheint  das 
denken  H  e  s  s  e  s  gerechtfertigt,  dass  nämlich  bei  Injektion  in 
Lumen  des  rechten  Ventrikels  ein  stillstehendes  oder  nur  noch 
merndes  Herz  nicht  mehr  imstande  sei,  das  Medikament  über 
Lungenkreislauf  in  den  linken  Ventrikel  und  den  Koronarkreislau 
bringen.  Praktisch  widerspricht  dem  allerdings  die  Tatsache, 
die  in  der  Literatur  niedergelegten  Erfolge  der  i.  I.  mit  Ausna 
der  beiden  B  a  u  m  a  n  n  sehen  Fälle  alle  vom  rechten  Ventrikel 
erzielt  worden  sind.  Weitere  Beobachtungen  müssen  hier  Klä 
verschaffen. 

Als  Instrumentarium  wähle  man  eine  2  ccm  fassende! 
kordspritze  mit  nicht  zu  dicker,  etwa  6 — 10  cm  langer  Nadel.  Diel 
Nadeln  sind  zu  vermeiden,  weil  sie  durch  Reizung  des  Herzbel 
auf  einem  noch  nicht  sicher  bekannten  Reflexweg  leicht  Reizleltul 
Störungen,  ja  sogar  Herzstillstand  herbeiführen  können.  Zur  iij 
kardialen  Infusion  muss  entsprechend  der  zu  injizierenden  grössl 
Flüssigkeitsmenge  eine  wesentlich  grössere  Spritze  verwel 
werden. 

Bei  der  Wahl  der  Injektions  stelle  ist  vor  allem  anl 
Möglichkeit  von  Nebenverletzungen  zu  denken.  Zu  vermeiden  i 
die  Arteria  mammaria  interna,  die  Pleura  und  die  sog.  Gefahrzl 
des  Herzens,  nach  Hen  sehen:  die  Scheidewand  der  Vorhöfel 
der  Ventrikel,  die  Zone  des  H  i  s  -  T  a  w  a  r  a  sehen  Bündels,  I 
Spangoro  sehe  Punkt  —  oberer  Drittelpunkt  der  vorderen  Läfl 
furche  — ,  die  Basis  des  Herzohres  nahe  dem  Mündungsgebiet« 
beiden  Hohlvenen  —  Gegend  des  sinoaurikulären  Systems  —  unJ 
hintere  Hälfte  der  atrioventrikulären  Grenzzone.  Die  Verletl 
dieser  Punkte  kann  einen  irreparablen  Herzstillstand  herbeiführJ 

Um  die  Mammaria  interna,  die  etwa  VA  cm  vom  Brustbein! 
entfernt  läuft,  zu  umgehen,  ist  der  geeignetste  Ort  für  diiti 
jektion  in  den  rechten  Ventrikel  der  4.  linke  Interkostalrg 
dicht  am  Sternalrand  —  oberer  Rand  der  5.  Rippe,  ln  Bet™ 
kommt  ausserdem  die  entsprechende  Stelle  im  3.  oder  5.  IKR..  I< 
ein  Punkt  2  Querfinger  breit  seitlich  vom  linken  BrustbeiniJj 
ausserhalb  der  Mammaria  interna,  doch  besteht  hier  die  Gefahrfl 
Verletzung  der  Art.  coronaria  sinistra.  Das  Auftreffen  der  Nadelsd 
auf  den  Herzmuskel  —  in  etwa  4 Vs — 5  cm  Tiefe  —  macht  sic  iS 
einem  deutlichen  Widerstand  bemerkbar,  der  bei  weiterem  I 
dringen  in  die  Herzhöhle  nachlässt.  Zur  Vermeidung  von  Sepl 
Verletzungen  gibt  man  der  Nadelspitze  spätestens  vom  Auftri 
auf  den  Herzmuskel  an  eine  leicht  medial  gerichtete  Neigung;  jl 
tiefes  pinstechen  ist  wegen  der  hinteren  Gefahrzonen  zu  vermejs 
Der  Eintritt  in  die  Ventrikelhöhle  gibt  sich  am  Eindringen  von  Ii 
in  die  Spritze  —  spontan  oder  nach  Ansaugen  —  zu  erkennen.  !t 
die  Verletzung  der  Pleura  wird  durch  die  Injektion  dicht  am  Ste 3 
rand  am  sichersten  vermieden.  Wird  gleichzeitig  zu  Wiederil' 
bungszwecken  künstliche  Atmung  ausgeführt,  so  ist  wegen  der  ft I 
lichkeit  der  Lungen-  und  Pleuraverletzung  —  vgl.  Fall  Esc- 
streng  darauf  zu  achten,  dass  die  Injektion  in  ExspiratioS 
Stellung  erfolgt.  Leichenversuche  von  S  c  u  b  i  n  s  k  i  u.  a.  ze  ■ 
dass  bei  Befolgung  dieser  Technik  die  Nadelspitze  sich  stets  im  D> 
raum  des  rechten  Ventrikels  befand,  dass  nur  die  vordere  Kam-: 


H.  August  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1113 


wand  durchstochen  und  dass  Septum.  Papillarniuskcln,  Klappen  und 
iefässe  unverletzt  waren. 

Als  Ort  für  die  Injektion  in  den  linken  Ventrikel  gibt  Han¬ 
na  n  n  bei  normalen  Verhältnissen  am  Erwachsenen  an:  oberer  Rand 
!er  5.  Rippe,  ca.  5 '/<  cm  vom  linken  Sternalrand  entfernt;  bei  Kin- 
lern,  bei  Dilatation  oder  Hypertrophie  des  Herzens  soll  man  sich  den 
,  eiänderten  Verhältnissen  anpassen.  Hesse  wählt  die  Stelle  des 
5pitzenstosses  oder  einen  Punkt  einen  Querfinger  innerhalb  davon, 
lei  unbekannter  Lage  des  Spitzenstosses  führt  er  den  Einstich  der 
Nadel  an  der  linken  Grenze  der  relativen  Herzdämpfung  oder  1  Ouer- 
inger  innerhalb  derselben  im  4.  oder  5.  1KR.  oder,  bei  stark  dilatier- 
em  Herzen,  auch  im  6.  IKR.  unter  Führung  der  Kanülenspitze  nach 
nnen  und  oben  aus  und  gelangt  bei  dieser  Technik  stets  in  den  Hohl- 
raum  des  linken  Ventrikels. 

Bei  richtiger  Technik  und  zweckmässiger  Wahl  des  Medikamen¬ 
tes  ist  die  i.  I.  als  frei  von  Schädigungen  und  üblen  Zufällen  anzu- 
<ehen.  von  den  Velden  fand  post  mortein  mehrfach  kleine  Blut- 
mstritte  in  das  perikardiale  und  Myokardgewebe,  in  anderen  Fällen 
waren  die  Spuren  der  Injektion  gar  nicht  aufzufinden.  Verletzungen 
oder  Blutungen  am  Endokard  konnte  er  überhaupt  nicht  feststellen. 
Auch  andere  Untersucher  fanden  ausser  gelegentlichen  subepikar- 
lialen,  seltener  endokardialen  kleinen  Blutungen  keinerlei  Spuren  der 
Injektion  mehr. 

Schliesslich  müssen  wir  uns  dessen  bewusst  sein,  dass  die  i.  1. 
izwar  einen  ausserordentlich  intensiven,  aber  doch  nur  ganz  kurz 
.lauernden  Reiz  für  das  Herz  darstellt.  Der  durch  die  i.  I.  erst  einmal 
wieder  in  Ciang  gebrachte  Kreislauf  muss  natürlich  mit  allen  Mit¬ 
teln  lang  anhaltender  Wirkung  aufrecht  erhalten  wer¬ 
den  —  intravenöser  Injektion  von  Kochsalz,  Herzexzitantien,  ev.  Blut¬ 
transfusionen.  Bei  starker  Ueberlastung  des  rechten  Herzens  ist 
u.  U.  der  i.  I.  eine  Entlastungspunktion  des  rechten 
Vorhofes  oder  des  rechten  Ventrikels  vorauszuschik- 
ken.  Der  Eingriff  wird  als  zentraler  Aderlass  das  rechte 
Herz  beispielsweise  bei  der  Pneumonie  ganz  besonders  wirksam  ent¬ 
lasten  können.  Ein  nicht  mehr  überdehnter  Herzmuskel  wird  auf  die 
dann  nachfolgende  intrakardiale  Injektion  sicher  auch  besser  an¬ 
sprechen. 

Um  eine  ausgiebigere  Wirkung  des  Medikamentes  zu  erzielen, 
kann  man  dasselbe  in  einer  grösseren  Flüssigkeitsmenge  gelöst  in- 
izieren  —  Strophanthin  in  15 — 25  ccm  NaCl-  oder  Ringerlösung  —  oder 
kalkfreie  kampferhaltige  Salzlösung.  Es  wird  dann  eine  gleichmäs- 
sigerc  Vermischung  des  Mittels  mit  dem  Ventrikelblut  Zustande¬ 
kommen  und  auf  diese  Weise  das  Medikament  in  grösseren  Mengen 
in  den  Koronarkreislauf  gelangen.  Zudem  ist  zu  bedenken,  dass  der 
mit  der  Dehnung  des  Ventrikels  verbundene  Reiz  selbst  kontraktions- 
auslösend  wirkt.  Selbstverständlich  darf  diese  Herzinfusion 
nicht  in  einen  an  sich  schon  überdehnten  rechten  Ventrikel  erfolgen; 
sie  erscheint  vielmehr  nach  einer  vorgenommenen  Ent¬ 
lastungspunktion  des  rechten  Ventrikels  vom  lin¬ 
ken  Ventrikel  aus  besonders  aussichtsreich. 

Niemals  darf  die  intrakardiale  Therapie  den  Tummelplatz  für  die 
Polypragmasie  abgeben.  Lediglich  der  Umstand,  dass  ein  Verfahren 
technisch  ausführbar  ist,  gibt  noch  lange  keine  Berechtigung  für  seine 
praktische  Anwendung  am  Krankenbett  ab.  Nur  bei  sorgfältigster 
Auswahl  der  Fälle  und  gewissenhaftester  Indikationsstellung  wird  die 
intrakardiale  Therapie  überhaupt  angewendet  werden  dürfen.  Dann 
aber  wird  sie  auch  ausserordentlich  segensreich  wirken,  dann  wird 
namentlich  auch  vom  weiteren  Ausbau  der  Methode  (Entlastungs¬ 
punktion  des  rechten  Herzens,  Herzinfusion)  noch  mancher  thera¬ 
peutische  Erfolg  zu  erwarten  sein. 

Nachtrag:  In  einem  während  der  Niederschrift  dieser  Arbeit 
erschienenen  Artikel  empfiehlt  Tornai  (M.K1.  1923,  23,  792)  d  i  e 
i  n  t  r  a  a  o  r  t  a  1  e  Injektion  als  ein  der  intrakardialen  Injektion 
überlegenes  Verfahren.  Ich  habe  aus  seiner  Schilderung  allerdings 
nicht  den  Eindruck  gewonnen,  dass  die  Methode,  wie  T.  schreibt, 
einfacher,  sicherer  und  schonungsvoller  sei  als  die  intrakardiale  In¬ 
jektion.  Im  Gegenteil  die  Technik  erscheint  mir  entschieden  umständ¬ 
licher  und  mehr  mit  der  Gefahr  von  Nebenverletzungen  verbunden. 
Einfacher,  sicherer  und  vor  allem  schneller  lässt  sich  wohl 
kaum  eine  Injektion  ausführen  als  die  in  den  breit  der  vorderen  Brust¬ 
wand  anliegenden  rechten  Ventrikel  nach  der  oben  angegebenen 
Technik.  Dazu  kommt,  dass  bei  einem  nicht  mehr  schlagen- 
den  Herzen  die  Injektion  in  den  Kreislaufmotor  selbst,  wie  ja 
auch  die  praktischen  Erfahrungen  zeigen,  vielfach  diesen  wieder  in 
Gang  bringen  kann.  Dass  dies  auch  von  der  Aorta  aus  möglich  sein 
soll,  erscheint  mir  doch  recht  zweifelhaft. 

Literatur. 

Ihumann:  Schweiz,  med.  Wschr.  1923.  8.  —  Blau:  D.m.W.  1921.  30. 
—  Boruttau:  D.m.W.  1918,  31.  —  Doerner:  M.K1.  1917.  2-1.  — 
Esch:  M.in.W.  1916.  22.  —  F  r  e  n  z  e  1 :  M.m.W.  1921,  24.  —  G  u  t  h  in  a  n  n: 
M.m.W.  1921.  24.  —  H  c  n  sehen:  Schweiz,  med.  Wschr.  1920,  14.  — 
Hering:  M.m.W.  1916,  15.  —  Hesse:  M.m.W.  1919.  21.  —  Opitz- 
Heydloff:  zit.  nach  Frenzei  und  Blau.  —  L.  Rchn:  zit.  nach 
Henschen.  —  Rüdiger:  M.m.W.  1916,  4.  —  Scubinski:  M.m.W. 
1915.  50.  —  v.  Tappeiner:  zit.  nach  Frenzei.  —  von  den  Velden: 
M.m.W.  1919,  10.  —  Vogeler:  D.m.W.  1920,  27.  —  Vogt:  M.in.W. 
1921,  24.  —  V  o  1  k  tn  a  n  n:  M.K1.  1917,  52  u.  D.m.W.  1919,  35.  —  W  a  1  k  c  r: 
B.kl.W.  1921,  9.  —  Z  e  1 1  e  r:  D.m.W.  1917,  20.  —  Z  u  n  t  z:  M.m.W.  1919.  21. 


Aus  der  Medizinischen  Universitätsklinik  Frankfurt  a.  M. 
(Direktor:  Prof.  G.  v.  Bergmann.) 

Duodenalsondierung  zur  Typhus-  und  Paratyphus¬ 
diagnostik. 

Von  Privatdozent  Dr.  Karl  WestphaL 

Zahlreiche  Untersuchungen  am  Leichenmaterial  von  Qri- 
galski  [1],  Jürgens  |2|,  Förster  [3]  u. A.  zeigten  uns  schon 
seit  langem  das  häufige  Vorkommen  von  hämatogen  durch  die 
Leber  ausgeschiedenen  Typlnisbazillen  in  der  Galle  und  in  den 
oberen  Darmteilen,  oft  im  Gegensatz  zu  einem  selteneren  Befand  in 
den  unteren  Darmpartien.  C  h  i  a  r  i  [4l  wies  auf  die  wesentliche 
Bedeutung  der  auf  diesem  Wege  hervorgerufenen  Infektionen  der 
Gallenblase  für  die  Entstehung  mancher  Gallensteine  und  Gallen-' 
blasenentzündungen  hin.  Als  Erster  tand  in  der  vom  lebenden  Ty¬ 
phuskranken  gewonnenen  Galle  Weber  [5]  durch  Anwendung  des 
V  o  1  h  a  r  d  sehen  Oelprobefriihstücks  die  pathogenen  Keime.  We¬ 
sentlich  vereinfacht  wurde  das  Verfahren  des  Nachweises  des 
Krankheitserregers  in  der  Galle  bei  Typhusrekonvaleszenten  und 
bei  Typhus-  und  Paratyphusbazillen-Dauerausscheidern  von  Stepp 
durch  Benutzung  der  Einhorn  sehen  Duodenalsonde  und  des 
W  i  1 1  e  -  Peptonreflexes  zur  Auslösung  von  Entleerungskontrak¬ 
tionen  der  Gallenblase.  Bei  einer  ganzen  Anzahl  von  Kranken  im 
Genesungsstadium  gelang  ihm  |6]  dieser  Nachweis,  ebenso  Retz- 
1  a  f  f  1 7],  B  o  s  s  e  r  t  und  Leichtentritt  [8]  und  in  einem  beson¬ 
ders  ausgedehntem  Maassc  Küster  und  Holtum  1 9], 

Dass  dieses  Verfahren  der  Duodenalsondierung  in  zweifelhaften, 
klinisch,  bakteriologisch  und  serologisch  nicht  genügend  geklärten 
Fällen  von  Typhus  und  Paratyphuserkrankungen  bisweilen  zur  exak¬ 
ten  und  schnelleren  Stellung  der  Diagnose  verhelfen  kann,  finde  ich 
in  der  mir  vorliegenden  Literatur  nicht  genügend  betont,  und  wegen 
seiner  praktischen  Bedeutung  sei  daher  eine  kurze  Empfehlung  an 
der  Hand  einiger  ihren  Nutzen  erweisenden  Krankengeschichten  ge¬ 
stattet. 

Frau  Christine  F„  48  Jahre  alt,  Arbeitersfrau,  ist  früher  nie  ernstlich 
krank  gewesen.  Am  16.  XII.  1922  starb  die  einzige  Tochter  in  der  Klinik 
an  einem  sehr  schwer  akut  verlaufenden  Typhus  abdominalis.  8  Tage  nach 
dem  Tode  der  Tochter,  am  22.  XII.  erkrankt  die  Mutter  mit  einer  sehr  schwe¬ 
ren,  5  Tage  anhaltenden  Gebärmutterblutung.  Seitdem  fühlt  sie  sich  sehr 
matt,  arbeitet  aber  trotzdem  weiter  bis  zum  3.  I.  23,  hat  seitdem  etwas  Fieber, 
bis  37,6  0  ist  gemessen  worden,  fühlt  sich  auch  leicht  benommen  und  wird 
schliesslich  am  11.  I.  in  die  Klinik  eingewiesen. 

Der  Untersuchungsbefund  ergibt  eine  mittelgrosse,  etwas  fette  Frau  mit 
einer  geringen  Zyanose,  einer  gewissen  Benommenheit,  grosser  Mattigkeit, 
einem  nur  massig  gefüllten  Pulse  von  110 — 130  in  der  Minute,  bei  einer  Tem¬ 
peratur  von  38".  Brustorgane  o.  B.  Am  Abdomen  Meteorismus,  keine  Ro¬ 
seolen,  angedeutetes  Ileozoekalgurren,  deutlich  fühlbare  Milzvergrösserung, 
keine  Druckempfindlichkeit  in  der  Gallenblasengegend.  Stuhlgang  1 — 2  mal 
täglich,  nur  wenige  Male  diarrhoisch.  Die  Diazoreaktion  ist  positiv,  die  Blut¬ 
untersuchung  zeigt  eine  Leukopenie  von  3500  und  Aneosinophilie. 

Die  Temperatur  schwankt  in  steilen  amphibolischen  Kurven  täglich  zwi¬ 
schen  36,5,  38,5  bis  39°,  um  nach  8  Tagen  ein  wenig  abzusinken.  Der  Puls 
war  stets  von  entsprechender  Beschleunigung,  nie  relative  Bradykardie.  Die 
Annahme  eines  Typhus  abdominalis  im  Stadium  decrementi  schien  daher  nur 
bis  zu  einem  gewissen  Grade  berechtigt,  vor  allem  da  auch  das  Ergebnis 
der  bakteriologischen  Untersuchung  die  Diagnose  nicht  zur  Genüge  sicherte: 
die  G  r  u  b  e  r  -  W  i  d  a  1  sehe  Reaktion  war  nur  bis  zu  1:50  deutlich  positiv, 
bis  1:  100  angedeutet  positiv  bei  zweimaliger  Untersuchung  im  Hygienischen 
Institut  der  Universität  und  im  Bakteriologischen  Laboratorium  der  Klinik 
(Dr.  Cahn-Bronner).  Ebenso  misslang  der  Nachweis  von  Typhus- 
bazilen  aus  dem  Blut  sowohl  in  Galle  wie  in  Bouillon  trotz  zweimaliger 
Untersuchung;  auch  im  Stuhlgang  und  Urin  wurde  bei  verschiedenen  Unter¬ 
suchungen  nichts  gefunden.  Die  am  17.  I.  vorgenommene  Duodenalsondierung 
klärte  das  Bild:  in  der  so  gewonnenen  Galle  konnten  im  Hygienischen  Institut 
Typhusbazillen  nachgewiesen  werden. 

Frau  Babette  O.,  38  Jahre  alt.  Am  20.  IX.  22  eingeliefert  in  die  Klinik 
wegen  einer  fieberhaften  Erkrankung,  die  bereits  seit  dem  4.  IX.  besteht. 
Leichte  Schmerzen  in  der  Gallenblasengegend  waren  bereits  im  Jahre  1918 
vorhanden,  auch  jetzt  bestehen  sie  wieder.  Die  sehr  fette  Frau  ist  ein  wenig 
benommen,  ihre  rechte  Oberbauchgegend  ist  etwas  druckempfindlich:  hohes 
Fieber  in  einer  Kontinua  zwischen  38,8  und  39,5°,  Leukopenie  von  5000  mit 
Aneosinophilie,  positiver  Diazo  sprechen  für  einen  Typhus  abdominalis,  die 
dauernde  Pulsbeschleunigung  von  120  bis  130  etwas  dagegen,  eine  Milz¬ 
vergrösserung  lässt  sich  bei  den  meteoristisch  aufgetriebenen,  fettreichen 
Bauchdecken  nicht  mit  Sicherheit  feststellen,  Roseolen  fehlen.  Die  druck¬ 
empfindliche  Gallenblasengegend  und  ausgesprochene  Urobilinurie  lassen 
auch  an  eine  Cholezystitis  denken.  Die  übliche  bakteriologisch-serologische 
Untersuchung  bringt  diagnostisch  nicht  weiter:  Typhus-  oder  Paratyphus¬ 
bazillen  sind  bei  der  Untersuchung  des  Blutes  am  24.  und  28.  IX.  in  Galle- 
und  Bouillonkultur  nicht  nachweisbar,  auch  im  Stuhlgang  und  Urin  nicht 
am  27.  IX.,  die  Agglutination  zeigt  nur  bis  1:50  einen  deutlich  positiven,  bis 
zu  1:100  einen  angedeutet  positiven  Ausfall  für  Typhusbazillen.  Die  Ent¬ 
scheidung  erfolgt  erst  durch  die  Duodenalsondierung,  in  der  so  gewonnenen 
Galle  wurden  am  30.  IX.  durch  das  Hygienische  Institut  Typhusbazillen  nach¬ 
gewiesen.  Am  2.  X.  fanden  sie  sich  auch  im  Stuhlgang. 

Der  weitere  Verlauf  der  Krankheit  mit  einem  perforierenden  Typhus¬ 
geschwür  in  einem  Rezidiv  nach  Abklingen  der  ersten  Erkrankung  bot  infolge 
des  durch  die  Peritomtis  herbeigeführten  Todes  Gelegenheit,  die  Gallenblase 
und  ihren  Inhalt  genauer  zu  untersuchen.  In  der  chronisch  entzündeten,  stark 
geschrumpften,  mit  ihrer  Umgebung  breit  verwachsenen  Gallenblase  war  ein 
Cholesterin-Bilirubin-Kalkstein,  aber  weder  in  dem  Stein,  noch  in  dem 
schleimig-serösen  Inhalt  der  Gallenblase  fanden  sich  Typhusbazillen.  Die 
Ausscheidung  derselben  erfogte  also  hier  wahrscheinlich,  da  auch  ein  posi¬ 
tiver  Witte-Peptonreflex  nicht  auslösbar  war,  ohne  Benutzung  der  ge- 

3 


Nr.  34/35. 


1114 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  .14  3. 


schrumpften  Gallenblase  direkt  von  der  Leber  durch  den  Ductus  choledochus 
in  das  Duodenum. 

Frieda  G„  17  jähr.  Schneiderin.  Aufgenommen  18.  IX.  22.  Seit  14  Tagen 
fieberhaft  erkrankt.  Graziles  Mädchen  mit  ganz  klarem  Sensoriuin.  Am 
Rumpf  zahlreiche  Roseolen.  Zunge  typhusverdächtig,  Milz  deutlich  ver- 
grössert,  lleozoekalgurren.  Täglich  I — 2  dickbreiige  Darmentleerungen.  Tem¬ 
peratur  zwischen  37  und  39,5“  täglich  schwankend,  allmählich  absinkend  im 
Verlaufe  der  nächsten  10  Tage.  Puls  entsprechend  der  Temperatur  zwischen 
90  und  140.  Es  besteht  Leukopenie  von  4600  und  Aneosinophilie.  Die  stets 
negative  Diazoreaktion,  die  Gruber-Widalsche  Reaktion  mit  einer  nur  sehr 
schwachen  Agglutination  auf  Typhusbazillen  und  Paratyphus-B-Bazillen  1  :  50, 
bei  der  zweiten  Untersuchung  Typhusagglutination  negativ,  Paratyphus-B- 
Bazillen  1  :  50  positiv,  1  :  100  schwach  positiv,  ein  völlig  negativer  Befund 
von  Bazillen  im  Blut  und  im  Stuhlgang  und  Urin  bei  zweimal  wiederholter 
Untersuchung  passen  nicht  zu  dem  angenommenen  Typhusverdacht.  Erst 
die  Duodenalsondkrung  am  30.  IV.  gestattete  in  der  so  gewonnenen  Galle 
den  Nachweis  von  Paratyphus-B-Bazillen  (Hygienisches  Institut).  Spätere 
Untersuchung  von  Blut,  Stuhlgang  und  auch  der  Galle  verliefen  negativ,  Ver¬ 
schiebung  des  Agglutinationstiters  fand  auch  nicht  mehr  statt.  Die  bakterio¬ 
logische  Sicherung  und  damit  die  Stellung  der  Diagnose  auf  Paratyphus  B 
war  also  nur  durch  die  Duodenalsondierung  möglich. 

Aennlich  ein  zweiter  Paratyphusfall:  Frau  Helene  L.,  37  Jahre  alt,  er¬ 
krankte  vor  ca.  4  Wochen  mit  Fieber,  Schüttelfrost,  Husten,  Leibschmerzen 
und  Durchfall.  Der  Husten  bestand  nur  zu  Anfang  der  Erkrankung,  kurz 
nach  dem  Erkrankungsbeginn  delirierte  die  Kianke  stark.  Von  Anfang  an 
bestehen  Durchfälle,  in  den  letzten  Tagen  dreimal  täglich  dünnbreiige,  gelb¬ 
liche  Darmentleerung.  Vom  behandelnden  Arzt  wird  die  Kranke  wegen 
Paratyphusverdacht  eingeliefert.  Auf  der  Brust  der  Kranken  sind  einige 
Stellen  auf  abgeblasste  Roseolen  verdächtige  Stellen  vorhanden.  An  der 
Lunge  sind  einige  trockene  Rasselgeräusche  hörbar.  Im  übrigen  war  der 
klinische  Befund  ein  minimaler,  es  bestand  kein  Fieber,  keine  Milzver- 
grösserung,  normaler  Stuhlgang,  ein  normales  Blutbild,  ein  negativer  Diazo. 
Eine  mehrmalige  Untersuchung  des  Blutes,  des  Stuhlganges  und  des  Urins  auf 
Typhus-  und  Paratyphusbazillen  verlief  negativ,  der  Widal  war  für  Typhus 
bis  1  :  50  positiv  und  1  :  100  schwach  positiv,  für  Paratyphus  B  bis  1  :  50 
stark  positiv,  1  :  100  bis  zu  200  schwach  positiv.  Da  eine  solche  Aggluti¬ 
nation  nicht  beweisend  angesehen  werden  kann  für  Paratyphus  B,  so  wurde 
eine  Duodenalsondierung  versucht;  diese  wies  Paratyphus-B-Bazillen  nach;  die 
überstandene  Krankheit  muss  also  ein  Paratyphus  B  gewesen  sein. 

Die  mitgeteilten  4  Krankengeschichten  zeigen,  wie  bei  zweifelhaften, 
durch  Gruber-Widalsche  Reaktion  und  den  Versuch  des  Bakterien¬ 
nachweises  aus  Blut,  Stuhlgang  und  Urin  nicht  zu  klärenden  Fällen 
die  durch  Duodenalsondierung  gewonnene  Galle  infolge  ihres  reich¬ 
licheren  Bazillengehaltes  vielleicht  infolge  der  günstigeren  Existenz¬ 
bedingung  in  der  Gallenblase  und  den  Gallenwegen  für  die  Bazillen 
die  Diagnose  Typhus  oder  Paratyphus  sichern  kann,  auch  in  einem 
frühen,  noch  nicht  der  Rekonvaleszenz  ungehörigen  Stadium  der 
Erkrankung.  Die  Duodenalsondierung  ist,  bei  Anwendung  der  von 
Holzknecht  und  L  i  p  p  m  a  n  n  [10]  angegebenen  Methodik,  so 
schonend,  dass  man  sie  auch  Schwerkranken,  Hochfiebernden  und 
leicht  Benommenen  ohne  Bedenken  zumuten  kann;  beim  Schlucken 
der  Sonde  genügt  ein  kurzes  Aufrichten  im  Bett,  unter  Verabrei¬ 
chung  von  einem  Schluck  Wasser  gleitet  sie  dann,  leicht  von  der 
Hand  nachgeschoben,  in  den  Magen;  der  weitere  Transport  ins 
Duodenum  wird  durch  Unterschiebung  von  Kissen  unter  das  Gesäss 
und  die  linke  Rumpfseite  gefördert.  Die  theoretisch  sehr  interessante 
Frage  über  den  Zeitpunkt  des  ersten  Auftretens  von  Typhusbazillen 
in  der  Gallenblase  konnten  wir  infolge  Mangels  geeigneten  Materials 
nicht  weiter  angeben. 

Die  Duodenalsondierung  förderte  bei  unserem  Material  durch¬ 
aus  nicht  immer  bei  klinisch  und  bakteriologisch  einwandfreien  Ty¬ 
phusfällen  die  Krankheitserreger  ans  Tageslicht.  Wir  erlebten  hier 
eine  ganze  Reihe  von  solchen  Kranken,  wo  trotz  zwei-  bis  drei¬ 
maliger  Sondierung  in  der  so  gewonnenen  Galle  keine  Typnus- 
erreger  nachweisbar  waren.  Auch  in  einem  Fall,  wo  im  Stuhlgang 
3  mal  ein  positiver  Bakterienbefund  sich  erheben  liess,  war  eine 
3  malige  Duodenalsondierung  ohne  Erfolg.  Also,  wenn  auch  unser 
Material  nicht  gross  genug  ist,  um  über  das  Verhältnis  von  positiven 
Duodenaluntersuchungsbefunden  zu  sonstigem  Erregernachweis  Stel¬ 
lung  zu  nehmen,  so  muss  doch  gerade  wegen  der  hier  gegebenen 
Empfehlung  des  Verfahrens  der  direkten  Gallenentnahme  zur  Dia¬ 
gnostik  typhöser  Erkrankungen  auch  auf  die  schon  von  früheren 
Autoren  (Retzlaff)  betonte  Möglichkeit  des  Versagens  dieses  j 
Nachweises  hingewiesen  werden.  Dass  das  Verfahren  aber  in  man¬ 
chen  zweifelhaften  Fällen  von  grossem  Nutzen  sein  kann,  vor  allem 
bei  atypischen  Typhus-  und  Paratyphuserkrankungen,  zeigen  die 
hier  mitgeteilten  Krankengeschichten  *). 

Literatur. 

1.  Drigalski:  Zbl.  f.  Bakt.  1904,  35.  —  2.  Jürgens:  Zschr.  f. 
klin.  Med.  1904,  42.  —  3.  Förster:  M.m.W.  1908  Nr.  1.  —  4.  Chiari: 
Verhandl.  d.  pathol.  Ges.  1907.  —  5.  Weber:  M.m.W.  1908  Nr.  47.  — 

6.  Stepp:  M.m.W.  1915  Nr.  49  und  1918  Nr.  22.  —  7.  Retzlaff:  Med. 
Klin.  1917  Nr.  7.  —  8.  Bossert  und  Leichtentritt:  D.m.W.  1908 
N.  47.  ■ — •  9.  Küster  und  Holtum:  Beitr.  z.  Klinik  d.  Inf.-Krankh.  u.  d. 
Immunitätsforschung  1918,  6,  S.  233.  —  10.  Holzknecht  und  L  i  p  p  - 
mann:  M.m.W.  1914  Nr.  39. 


*)  Auch  für  einen  Versuch  der  Therapie  der  Typhusbazillendaueraus¬ 
scheider  empfiehlt  sich  vielleicht  die  häufige  Duodenalsondierung  unter  An¬ 
wendung  des  Wittepepton-  oder  Magnesiumreflexes,  um  so  durch  wieder¬ 
holte  energische  Entleerungen  der  Gallenwege  und  besonders  der  Blase  das 
Reservoir  der  Bazillen  auszuspülen. 


Behandlung  der  Epilepsie  durch  Sympathektomie. 

Von  Prof.  Dr.  E.  Förster,  Berlin. 

Seit  ich  im  Februar  1922  eine  durch  die  L  e  r  i  c  h  e  sehe  Operatio 
von  ihrer  Sklerodermie  geheilte  Kranke  in  der  Berl.  med.  Ges.  voi 
stellte,  wurde  auch  in  Deutschland  die  Aufmerksamkeit  auf  dies 
Therapie  gelenkt  und  der  günstige  Einfluss  dieser  Operation  durc 
viele  Fälle  bewiesen.  Die  Erfolge  der  Sympathektomie  bei  den  vast 
motorischen  Störungen  legen  es  nahe,  die  Frage  nachzuprüfen,  o 
diese  Behandlungsmethode  nicht  zur  Beseitigung  epileptischer  Ai 
fälle  wieder  aufgegriffen  werden  muss. 

Es  ist  zweifellos,  dass  vasomotorische  Einflüsse  imstande  sin 
epileptische  Anfälle  auszulösen.  Ich  denke  hier  nicht  nur  an  die  Fäll 
von  sog.  Affektepilepsie,  sondern  auch  an  die  gar  nicht  seltenen  Fäll 
von  genuiner  Epilepsie,  bei  der  durch  Schreck  (Anspringen  eine 
grossen  Hundes  etc.)  die  ersten  epileptischen  Anfälle  ausgelöst  wui 
den.  Es  liegt  nahe,  anzunehmen,  dass  der  Reiz,  der  durch  die  plöt? 
liehe  Kontraktion  der  Blutgefässe  (infolge  des  Schrecks)  ausgeüt 
wird,  genügt,  die  epileptischen  Anfälle  auszulösen.  Auch  die  gelegen! 
lieh  beobachtete  Abhängigkeit  der  Anfälle  von  der  Menstruation  läss 
einen  Zusammenhang  mit  vasomotorisch  bedingten  Reizen  vermute: 

In  dieser  Beziehung  sind  nun  zwei  Publikationen  der  letzten  Zeit  bt 
sonders  beachtenswert.  Die  erste  ist  die  von  Brüning1).  Hier  Schilde: 
Verf.  eine  Kranke,  bei  der  seit  1911  Anfälle  von  Herzklopfen.  Schmerzen  1 
der  Herzgegend,  Angstgefühl  am  Herzen  aufgetreten  waren  und  bei  der  se 
1920  diese  Anfälle  so  zugenommen  hatten,  dass  die  Kranke  1922  wegen  Her; 
schmerzen  einen  Suizidversuch  durch  Erhängen  am  Bett  machte.  Am  16.  I.  2 
exstirpierte  Brüning  den  linken  Grenzstrang  vom  unteren  Pol  des  obere 
Halsganglion  einschliesslich  bis  zum  oberen  Brustganglion  (Ganglion  stellatui 
einschliesslich).  Seither  kein  Anfall  mehr,  Schmerzen  völlig  geschwunden. 

Die  zweite  Arbeit  ist  die  von  A.  W  e  s  t  p  h  a  1 2). 

Im  Vergleich  mit  dieser,  von  Brüning  operierten  Kranken,  gewinne 
die  drei  hier  von  A.  Wes-tphal  beschriebenen  Kranken  ganz  besondere 
Interesse. 

Es  handelt  sich  beim  ersten  Fall  um  eine  44  jährige  Frau  ohne  epilc; 
tische  Antezedentien,  bei  der  im  30.  Lebensjahr  eine  Totalexstirpation  de 
Uterus  und  der  Ovarien  vorgenommen  worden  war.  Im  Anschluss  an  di 
Operation  traten  zugleich  mit  dem  Zessieren  der  Menses  gehäufte  epileptisch 
Anfälle  auf,  25 — 35  in  der  Woche,  die  noch  bis  heute  fortdauern.  Nach  cinei 
epileptischen  Anfall  vor  einigen  Jahren  Gefühle  von  Schwäche  und  Steifigke 
im  linken  Arm  und  Bein,  welche  sich  allmählich  zu  einer  Lähmung  steigertei 
Die  objektive  Untersuchung  ergab  ausser  Intelligenzdefekt  und  Merkfähig 
keitsstörungen  sowie  gesteigerter  Reizbarkeit  spastische  linksseitige  Hem 
parese  mit  Babinski.  Kein  Herz-  oder  Nierenleiden,  kein  erhöhter  Blutdrucl 

Die  zweite,  63  Jahre  alte  Kranke  war  vor  20  Jahren  kastriert  wprdci 
Seit  dieser  Zeit,  zugleich  mit  dem  Aufhören  der  Menses  in  regelmässigen  3  iähi 
Intervallen  stark  erregt  mit  nachfolgender  Depression.  Zunehmende  Fet 
leibigkeit.  Klage  über  Kopfschmerzen,  Blutwallungen,  Schwindelgefühl,  ge 
drückte  Stimmung,  Abnahme  der  Leistungsfähigkeit.  Obj.:  F'ettpolster  übet 
massig  entwickelt.  Vasomotorische  Uebererregbarkeit.  Beiderseits  Babinsl 
und  Gordon  konstant  nachweisbar.  Blutdruck  110mm  Hg  (Riva-Rocci 
Es  werden  Schwindelanfälle  beobachtet  mit  vorübergehender  Arhythmie  un 
Beschleunigung  der  Herzaktion. 

Die  dritte,  40  jähr.  Kranke,  machte  im  20.  Lebensjahr  eine  Exstirpatio 
der  Schilddrüse  durch.  Im  Anschluss  an  die  Operation  Auftreten  gehäufte 
epileptischer  Anfälle,  die  allmählich  seltener  wurden,  um  mit  dem  Eintrete 
der  ersten  Schwangerschaft  für  die  Dauer  derselben  ganz  zu  verschwindet 
Auch  in  den  folgenden  7  Schwangerschaften  regelmässig  Aussetzen  der  ep 
leptischen  Anfälle,  die  stets  mit  dem  ersten  Wiederauftreten  der  Mense 
erneut  in  Erscheinung  traten  und  sich  in  unregelmässigen  Intervallen  wieder 
holten.  Anfälle  stets  epileptischen  Charakters,  niemals  Tetanieanfälle.  Ma 
1920  (37.  Lebensjahr  der  Kranken)  erster  Schlaganfall  mit  rechtsseitiger  Läh 
mung  und  Verlust  der  Sprache,  die  allmählich  wiederkehrte.  Januar  192 
zweiter  Schlaganfall  mit  tagelang  andauerndem  Bewusstseinsverlust.  1 
einem  Krankenhaus  trepaniert,  kein  Bluterguss  gefunden.  Probeexzidiert« 
Gehirnstückchen  normal.  Epileptische  Anfälle  und  Lähmung  blieben  unver 
ändert.  Obj.:  Häufige  schwere  epileptische  Anfälle.  Niemals  spontan  auf 
tretende  Tetaniefälle.  Trousseau  und  Fazialisphänomen  +.  Rechts  Cata 
racta  polaris  post.  Rechtsseitige  Hemiplegie  mit  Resten  motorischer  Aphasie 
Blutdruck  115  mm  Hg  (Riva-Rocci). 

W  e  s  t  p  h  a  1  weist  nun  darauf  hin,  dass  die  Entfernung  der  endo 
krinen  Drüsen  auch  das  Auftreten  der  neurologischen  Symptome  beding 
habe.  Besonders  bemerkenswert  sei  das  Auftreten  von  Pyramidenbaiin 
Symptomen  —  in  leichteren  Fällen  nur  das  Babinski  sehe  Zeichen,  ’it 
schweren  dauernde  Lähmungen.  Er  weist  darauf  hin,  dass  für  das  Auftrete» 
epileptiformer  Anfälle  die  Toxinwirkung  infolge  der  Schädigung  endokrine! 
Drüsen  in  Frage  komme.  Diese  Toxinwirkung  biete  vielleicht  auch  die  Er] 
Klärung  für  die  Schädigung  der  Pyramidenbahn,  vielleicht  auf  dem  Weg] 
eines  durch  die  Giftwirkung  geschädigten  Gefässsystems.  Schon  Möbiu  ! 
habe  auf  das  Vorkommen  hemiplegischer  Symptome  bei  Basedow  auftnerksanj 
gemacht  und  Kämmerer  und  L  o  r  b  e  r  hätten  mit  Recht  die  Bedeutuml 
des  Zwisqjicnhirns  für  das  Zustandekommen  der  betreffenden  Symptomen-I 
komplexe  hervorgehoben  Für  die  schweren,  apoplektiform  auftretenden  Läh] 
rnungen  nimmt  W  e  s  t  p  h  a  1  Blutungen  in  die  Gehirnsubstanz  aus  durclj 
Toxinwirkung  geschädigten  üefässen  (er  stützt  sich  hierbei  auf  Arbeiter! 
Z  o  n  d  e  k  s)  an,  während  er  für  die  leichten  einen  Druck  auf  die  Hirn 
Schenkel  oder  toxische  Einwirkungen  nicht  ausschliessen  will. 

Es  scheint  mir,  dass  die  W  e  s  t  p  h  a  1  sehen  Fälle  die  Bedeutuns 
der  endokrinen  Schädigung  für  das  Zustandekommen  des  nervöser 
Symptomenkoniplexes  zweifellos  ergeben.  Würdigen  wir  mm  der 


l)  Brüning:  Die  operative  Behandlung  der  Angina  pectoris  durcl 
Exstirpation  des  Halsbrustsympathikus  und  Bemerkungen  über  die  operativ« 
Behandlung  der  abnormen  Blutdrucksteigerung.  Klin.  Wschr.  2.  Jahrg.,  S.  777 

■’)  A.  Westphal:  Organische  Erkrankungen  des  Zentralnerven¬ 
systems  und  ihre  Beziehungen  zu  vorausgegangener  operativer  Entfernung 
endokriner  Drüsen.  Klin.  Wschr.  2.  Jahrg.  S.  1008. 


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F^Trias  IONOMETER  nach  Prof.  Wulf 

habe  ich  Interesse  und  bitte  ohne  jede  Verbindlichkeit  für  mich 
um  Übersendung  der  Druckschrift  XII  32  nebst  Kostenanschlag, 
Vertreterbesuch  ist  erwünscht*) 


Name 


Wohnort  Straße 


*)  Nichtzutreffendes  bitte  durch  streichen!  Deutlich  schreiben! 


31.  August  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1115 


Einfluss  der  von  endokrinen  Drüsen  abgesonderten  Produkte  auf  die 
Qefässinnervation  und  gleichzeitig  die  Wirkung,  die  eine  patho-  , 
logische  üefässinnervation  auf  das  Nervensystem  ausübt,  so  scheint  ! 
mir  ein  Verständnis  des  Mechanismus  dieser  Störungen  gegeben.  [ 

Infolge  der  Schädigung  von  endokrinen  Drüsen  kommt  es  (wahr¬ 
scheinlich  auf  dem  Wege  über  das  Zwischenhirn)  zu  einer  patho¬ 
logischen  Reizung  des  Sympathikus  und  dadurch  zu  einer  patho-  | 
ogischen  Innervation  (Spasmen)  der  Blutgefässe.  Infolge  von  Spas- 
nen  in  den  das  Nervensystem  versorgenden  Blutgefässen  kommt  es 
zu  mangelnder  Blutversorgung  bestimmter  Gebiete  und  dadurch  zu 
Ausfallserscheinungen,  die,  wenn  die  Störung  der  Blutversorgung  zu 
ange  anhält,  eine  dauernde  wird.  Es  ist  also  ein  ähnlicher  Vorgang, 
.vie  wir  ihn  bei  Migräneanfällen  (Migrene  ophthalmique)  nicht  selten 
beobachten.  Diese  Störungen  der  Innervation  üben  auch  einen  Reiz 
aus,  der  bei  einer  gewissen  „Krampfbereitschaft“  genügt,  einen 
epileptischen  Anfall  auszulösen. 

Zweifellos  besteht  die  Ansicht  Westphals,  dass  die  in  der 
Schwangerschaft  auftretenden,  nach  der  Entbindung  wieder  ver¬ 
schwindenden,  mitunter  von  hemiparetischen  Erscheinungen  begleite¬ 
ten  Anfälle  kortikaler  und  „genuiner“  Epilepsie  auf  durch  Störung 
nnersekretorischer  Sekretion  hervorgerufener  Toxinwirkung  beruht, 
zu  Recht,  und  es  ist  wohl  kaum  mehr  zu  bezweifeln,  dass  es  in  der 
Schwangerschaft  besonders  leicht  zu  innersekretorischen  Gleich¬ 
gewichtsstörungen  kommt.  Diese  bewirken  dann  wieder  eine  Störung 
i  der  Gefässinnervation  und  die  durch  diese  hervorgerufenen  Schädi- 
Uungen. 

Ich  möchte  kurz  einen  hierhergehörigen  Fall  schildern: 

Frau  B.,  geb.  1898.  Aufgenommen  in  die  Nervenklinik  der  Charitee  am 
?Ü.  IV.  21  entl.  9.  VII.  21.  War  früher  nie  wesentlich  krank.  Sie  hat  1  Kind, 

|l  Jahr  alt,  gesund.  Januar  1921  einmal  einen  Ohnmachtsanfall.  In  der 
»'origen  Schwangerschaft  auch  einmall  ein  Ohnmachtsanfall. 

Kranke  ist  jetzt  im  7.  Monat  schwanger.  Täglich  bis  2  mal  Erbrechen. 
Am  23.  IV.  kein  Appetit,  fühlte  sich  matt.  24.  IV.  gegen  morgen  sehr  starkes 
Erbrochen.  Nach  dem  Erbrechen,  als  sie  sich  das  Hemd  anziehen  wollte, 
bemerkte  sie,  dass  sie  den  1.  Arm  nicht  bewegen  konnte,  er  war  fest  gegen 
iie  Brust  gepresst.  Als  sie  sich  nachts  auf  die  andere  Seite  legen  wollte, 
bemerkte  sie,  dass  das  linke  Bein  auch  gelähmt  war  Wann  die  Lähmung 
.■intrat,  weiss  sie  nicht.  Das  Bein,  das  ganz  gelähmt  war,  könne  sie  jetzt 
:twas  besser  bewegen,  der  1.  Arm  sei  noch  ganz  gelähmt.  Seit  Bestehen  der 
-ähmung  habe  sie  starke  Kopfschmerzen.  Die  Schmerzen  hören  auf,  wrn 
de  längere  Zeit  Umschläge  macht.  Wenn  sie  Kopfschmerzen  habe,  werde  es 
hr  schwer  die  Worte  zu  finden,  sie  müsse  sich  erst  lange  überlegen,  was  sie 
intworten  solle;  aussprechen  könne  sie  die  Worte  gut.  Schwindelanfälle 
labe  sie  nie  gehabt,  doch  habe  sie  am  Tage  des  Anfalls  einmal  ihre  Schwä- 
ierin  nicht  erkannt;  sie  sei  da  wohl  nicht  ganz  klar  gewesen,  und  habe 
hre  Schwägerin  mit  der  Nachbarin  verwechselt. 

Obj. :  Typische  schwere  linksseitige  Hemiplegie  vom  Pyramidenbahn- 
ypus.  Babinski  positiv.  Keine  Temperaturstörung. 

Bei  der  Lumbalpunktion  am  30.  IV.  entleert  sich  zitronengelbe  klare 
'lüssigkeit  unter  normalem  Druck. 

Die  Qlobulinreaktion  ergab  Opaleszenz.  WaR.  0,2 — 0,8  negativ.  Die 
nikroskopische  Untersuchung  sehr  starke  Leukozytose,  daneben 
mch  einzelne  Lymphozyten. 

Die  Lumbalpunktion  wurde  am  4.  V.  wiederholt.  Es  entleert  sich  wieder 
dare  gelbe  Flüssigkeit.  Sie  wurde  zur  Untersuchung  in  das  Robert-Koch- 
nstitut  gesandt.  Mikroskopisch  und  bakteriologisch  negativ. 

Kranke  ist  bis  zum  5.  VI.  leicht  dösig  und  schwer  besinnlich,  dann  wird 
de  klar  und  munter.  Allmähliche  Besserung  vom  14.  V.  an. 

Am  15.  VI.  zur  Entbindung  in  Frauenklinik  verlegt.  Zurückverlegt  am 
14.  VI.  Ganz  erhebliche  Besserung  der  Hemiplegie,  nur  das  linke  Bein  wird 
loch  etwas  geschleift,  der  Händedruck  links  noch  schwächer. 

Lumbalpunktion  am  4.  VII.  21.  Klare  Flüssigkeit.  Keine  Globulin- 
;  Vermehrung,  mittlere  Lymphozytose. 

Nachuntersuchung  am  6.-  X.:  Fühlt  sich  ganz  gesund.  Hat  grosse 
.Wäsche  gemacht.  Händedruck  links  noch  ganz  geringe  Schwäche.  Patellar- 
i  ehnenreflex  und  Achillessehnenreflex  1.  etwas  stärker.  Babinski  nicht  sicher. 

Als  ich  die  Kranke  seinerzeit  in  Beobachtung  hatte,  war  ich  ge- 
leigt,  die  Hemiplegie  dadurch  zu  erklären,  dass  eine  Embolie  von 
^lazentarzellen  eine  Gefässverstopfung  und  gleichzeitig  anaphylak- 
ische  Erscheinungen  hervorgerufen  hatte.  Anaphylaktische  Er¬ 
scheinungen,  über  die  ich  allerdings  keine  ausreichende  eigene  Er- 
ahrutig  besitze,  vermutete  ich  der  sterilen  Leukozytose  wegen. 
Während  des  Krieges  sah  ich  einen  Fall  von  schwerem  anaphylak- 
ischen  Schock  nach  Seruminjektion.  Die  Lumbalpunktion  ergab 
riibe,  dicke  Flüssigkeit,  die  mikroskopische  und  bakteriologische 
Untersuchung  stärkste  Leukozytose,  aber  vollkommen  steril.  Nach 
5  Tagen  keine  nennenswerte  Zellvermehrung  mehr.  In  der  bakterio- 
ogischen  Untersuchungsanstalt  wurde  mir  damals  gesagt,  dass  diese 
■  sterile  Leukozytose  bei  Anaphylaxie  häufig  sei.  Obwohl,  falls  dies 
ichtig  ist,  anaphylaktische  Erscheinungen  auch  jetzt  noch  angenom¬ 
men  werden  müssen,  glaube  ich,  dass  die  Hemiplegie  doch  ebensogut, 
’.venn  nicht  besser,  durch  einen  Gefässspasmus  erklärt  werden  könnte. 
Die  vorausgegangenen  Ohnmachtsanfälle,  die  Kopfschmerzen,  der 
tiomentanc  „unklare“  Zustand  würden  durch  Störung  der  Blutzirku- 
ation  infolge  Innervationstörungen  zwanglos  erklärt  —  und  diese 
wären  wieder  auf  eine  durch  die  Schwangerschaft  gestörte  innere 
Sekretion  zurückzuführen  —  in  der  eventuell  auch  die  Ursache  der 
.anaphylaktischen“  Leukozytose  zu  suchen  wäre.  Für  diese  Auf- 
ässung  spricht  auch  die  sehr  weitgehende  Rückbildung  der  schweren 
Hemiplegie. 

Uebersieht  man  alle  erwähnten  Fälle,  so  erscheint  die  Annahme 
von  innervatorischen  Zirkulationsstörungen  infolge  Störung  in  der 
nneren  Sekretion  nicht  unbegründet.  Dass  die  Schwangerschaft  eine  j 
besondere  „Krampfbereitschaft“  bedingt,  ist  nicht  zu  bestreiten  und 


so  wird  es  verständlich,  dass  in  der  Schwangerschaft  besonders  leicht 
durch  vasomotorische  Reize  cpileptiforme  Anfälle  ausgelöst  werden. 
Die  erhöhte  Gefahr,  epileptische  Anfälle  zu  bekommen,  beruht  bei 
den  Schwangeren  also  einerseits  auf  der  erhöhten  „Krampfbereit¬ 
schaft“,  andererseits  auf  der  gesteigerten  Neigung  zu  innervatorisenen 
Zirkulationsstörungen. 

Auffallend  ist  nun,  dass  in  dem  3.  Fall  Westphals  die  Krampf¬ 
anfälle  während  der  Schwangerschaft  nicht  häufiger  wurden,  sondern 
aufhörten.  Dies  spricht  aber  keineswegs  gegen  die  oben  vertretene 
Ansicht.  Das  Wechselspiel  zwischen  Krampfbereitschaft  und  Reiz, 
zwischen  Reizung  und  Lähmung  des  Sympathikus  ist  nicht  so  leicht 
durchsichtig.  Jedenfalls  ist  die  Annahme  gerechtfertigt,  dass  hier 
eine  spezielle,  durch  die  Schwangerschaft  bedingte  Aenderung  der 
infolge  der  Schilddrüsenexstirpation  geschädigten  inneren  Sekretion 
die  Gefässinnervation  so  beeinflusst,  dass  eine  Reizung  des  „krampf¬ 
bereiten“  Hirns  nicht  mehr  erfolgt  oder  die  „Krampfbereitschaft“ 
herabgesetzt  wird. 

Man  wird  also  bei  gewissen  Fällen  von  „erhöhter  Krampfbereit¬ 
schaft“,  bei  denen  es  nicht  möglich  ist,  die  Krampfbereitschaft  selbst 
herabzusetzen,  sich  einen  Erfolg  versprechen  dürfen,  wenn  man  den 
motorischen  Reiz  ausschaltet. 

Dass  dies  möglich  ist,  beweist  die  erwähnte  Publikation  Brünings. 
Die  von  ihm  beschriebene  Kranke,  Frau  M.,  wurde  nämlich  schon  vom 
17.  VI.  09  bis  18.  VI  09  in  der  Psychiatrischen  Klinik  der  Charitee  be¬ 
obachtet.  Damals  wurde  die  Diagnose  Lues  cerebri  gummosa  und  Beschäfti¬ 
gungsneuritis  im  rechten  Arm  gestellt.  Ueber  ihre  damalige  Erkrankung  be¬ 
richtet  sie:  September  1907  sei  der  linke  Daumen  angeschwollen,  ohne  dass 
sie  sich  verletzt  hätte,  es  „stach  von  innen  und  kribbelta“,  so  dass  sie 
grosse  Schmerzen  hatte.  Kranke  meinte  es  sei  Ueberanstrengung  beim  Nähen. 
Nach  kalten  Umschlägen  Besserung.  Ein  Monat  später  bekam  Kranke  rechts 
stechende  und  bohrende  Schmerzen.  Nach  Behandlung  mit  Brom  und  Bäaern 
in  der  Nervenpolikllinik  verschwanden  sämtliche  Beschwerden.  Damals, 
23.  IV.  08,  WaR.  im  Blut  negativ.  November  1908  wieder  das  Stechen  in  der 
Schläfe  und  heftigere  Schmerzen  im  ganzen  r.  Arm.  Der  Daumen  schwoll 
nur  wenig  an.  Dabei  Schwäche  im  linken  Arm,  so  dass  sie  Gegenstände  in 
der  1.  Hand  nicht  ordentlich  halten  konnte.  Nach  Elektrisieren  Besserung, 
j  Bei  der  Aufnahme  klagte  Kranke  über  unaufhörlichen  Schmerz  in  Schläfen- 
I  gegend,  Ohrensausen  links  mehr  als  rechts  und  Orer.reissen,  Schwindelgefühl, 
j  Uebelkeit,  aufsteigende  Hitze.  Seit  April  1909  sei  auch  das  Sehen  schlechter 
|  geworden.  Kranke  hatte  Flimmern  vor  den  Augen,  es  war  auch  so,  als 
J  ob  ein  schwarzer  Schein  sekundenlang  einmal  von  dem  einen,  einmal  vor 
i  dem  anderen  Auge  wäre.  Nur  einmal,  als  sie  einen  Schreck  bekommen  hatte, 
habe  sie  doppelt  gesehen.  Der  Schlaf  sei  nur  schlecht,  wenn  die  Schmer¬ 
zen  zu  gross  seien.  Die  Stimmung  sei  flau,  da  sie  sich  Gedanken  über  ihr 
Leiden  mache  —  als  sie  ins  Krankenhaus  kam,  habe  sie  sich  auf  dem  Klosett 
aufhängen  wollen. 

Die  objektive  Untersuchung  ergab:  Beiderseits  Stauungspapille  r.  =  1. 
(Dr.  Scholl).  Hüftbeugung  und  Beugung  im  linken  Kniegelenk  etwas 
herabgesetzt.  Babinski  beiderseits  fraglich,  r.  ziemlich  deutlich. 

Die  Augenuntersuchung  am  26.  VI.  (Klagen  über  heftige  Kopfschmerzen) 
ergibt  in  der  Augenpoliklinik  der  Charitee:  Beiderseits  Hypermetropie 
+  3,0  D.,  Stauungspapille  beiderseits  stärker.  Die  in  der  Augenklinik  vor¬ 
genommene  Blutuntersuchung  ergab  positiven  WaR. 

Während  der  Behandlung  mit  Ung.  einer,  wechselnde  Klagen  über  Kopf¬ 
schmerzen  und  Uebelkeit,  am  21.  VII.  Erbrechen.  Am  1.  VII.  auf  Wunsch 
entlassen.  Kein  Babinski  mehr. 

22.  X.  09.  Befund  der  Augenklinik:  Stauungspapille  gegen  früher  nicht 
verändert. 

23.  XI.  11.  Befund  der  Augenklinik:  Keine  Aenderung  des  ophthalmo¬ 
skopischen  Befundes. 

Vom  25.  IX.  13  bis  9.  X.  13  war  die  Kranke  in  der  I.  med.  Klinik.  Es 
wurde  dort  die  Diagnose  auf  Polyzythämie  gestellt.  Die  WaR.  war  negativ. 

13.  VII.  21  bis  27.  VII.  21  wieder  Aufnahme  in  die  Med.  Klinik.  Dia¬ 
gnose:  Polyzythämie.  Fundus:  Verbreiterung  der  Venen,  Schlängelung. 
Venen  dunkelrot.  Scharfe  Grenze.  An  beiden  Füssen,  besonders  links,  Zehen 
gerötet,  teils  bläulich  verfärbt. 

20.  II.  22:  Wieder  Aufnahme  in  Med.  Klinik.  2.  III.  22:  Lähmungserschei¬ 
nungen  in  r.  Arm  und  r.  Hand;  r.  Babinski  +.  5.  III.:  Macht  Erhängungs- 
versuch.  verlegt  nach  Psych.  Klinik. 

Hier_  gab  sie  über  die  Lähmungserscheinungen  an:  Am  1.  III.  sei  ihr  mit 
einem  Male  die  r.  Seite  steif  geworden,  der  r.  Arm  wurde  steif,  sie  konnte 
ihn  nicht  bewegen,  die  r.  Gesichtshälfte  wurde  tot  und  steif,  sie  konnte  nicht 
essen,  wohl  sprechen.  Gehen  konnte  sie.  Seit  54  Jahre  alle  4  Wochen 
Schwindelanfälle,  schon  öfter  dabei  umgefallen. 

Obj.:  Die  grobe  Kraft  im  allgemeinen  gut,  nur  die  Kraft  der  Finger 
der  r.  Hand  stark  herabgesetzt,  Händedruck  mit  geringer  Kraft.  Patellar¬ 
und  Achillessehnenreflexe  nicht  auslösbar.  Babinski  r.  +. 

Fundus:  Starke  Röte  der  Papillen,  Ver.en  dunkelrot,  breit,  geschlängelt. 

7.  III.  Lumbalpunktion.  Globulinreaktion,  ganz  geringe  Vermehrung 
der  Lymphozyten.  WaR.  0,2 — 0,8  negativ. 

Ständig  Klagen  über  Kopfschmerzen  und  zeitweise  Klagen  über  Schmer¬ 
zen  in  der  Brust. 

23.  III.  Da  in  den  letzten  Tagen  Besserung  besteht.  Kranke  hoffnungs¬ 
freudiger  ist,  zurückverlegt  nach  Med.  Klinik.  Die  Diagnose  wurde  gestellt 
auf  Affektkrisen  bei  Polyzythämie  3). 

Uebersieht  man  den  ganzen  Verlauf  des  Falles,  so  kann  wohl 
kein  Zweifel  daran  bestehen,  dass  es  sich  um  vasomotorische  Stö¬ 
rungen  gehandelt  hat.  Die  Symptome  werden  am  zwangslosesten 
erklärt,  wenn  wir  als  Ursache  der  passageren  Lähmungen  und  der 
Schwindelanfälle  (die  ganz  den  von  W  e  s  t  p  h  a  1  beschriebenen 
gleichen)  angiospastische  Zirkulationsstörungen  im  Hirn  annehmen. 
Auch  die  „Stauungspapille“,  die  sich  jahrelang  nicht  änderte,  muss 
als  eine  vasomotorische  Störung,  Erweiterung  der  Venen,  aufgefasst 

3)  Der  Fall  wurde  auch  in  einer  Dissertation  aus  der  I.  med.  Klinik 
von  Erich  L  i  1 1  a  u  e  r  beschrieben.  Einen  ganz  ähnlichen  Fall  publizierte 
H.  Heuck:  R  a  y  n  a  u  d  sehe  Krankheit  und  periodische  Melancholie.  Arch. 
f.  Psych.  1921,  62,  S.  408. 


3 


Nr.  34  35. 


Münchener  medizinische  Wochenschrift. 


werden.  (Hier  sei  an  die  Arbeiten  von  Otfried  Müller  erinnert.) 
Audi  die  Kopfseiunerzen  —  man  denke  an  die  Migräne  —  finden  leicht 
eine  Erklärung  in  vasomotorischen  Störungen  (Angiospasmen?)  und 
natürlich  erst  recht  die  angiospastischen  Zustände,  die  in  der  Nerven- 
klinik  an  der  r.  Hand  (damals  als  Beschäftigungsneuritis  aufgefasst)  und 
später  in  der  Nervenklinik  und  von  Brüning  am  Fuss  beobachtet 
wurden  und  durch  die  Lericheoperation  an  der  femoralis  beseitigt 
wurden.  Da  es  nun  nach  der  Halssympathikusexstirpation  gelang, 
auch  die  Anfälle  von  Angina  pectoris  zu  beseitigen  und  auch  die 
Schwindelanfälle  bisher  fortgeblieben  sind  ist  der  Schluss  gerecht¬ 
fertigt,  dass  es  durch  die  Sympathikusexstirpation  gelingt,  auch  die 
zentralen  Zirkulationsstörungen  zu  beseitigen.  (Dass  der  einmal  in 
der  Augenpoliklinik  im  Blut  positive  gefundene  Wa.  nicht  ausreicht, 
eine  luische  Erkrankung  anzunehmen,  braucht  wohl  nicht  weiter  be¬ 
gründet  zu  werden.  Die  damalige  Diagnose  Lues  gummosa  wurde 
auch  nicht  für  sicher  gehalten  —  das  geht  schon  daraus  hervor,  dass 
sich  in  der  Krankengeschichte  ein  Vermerk  befindet:  14  Tage  Frei- 
bett  auf  Privatfonds  des  Herrn  Qeh.  Rat  Ziehen.) 

Aus  den  mitgeteilten  Fällen  ergibt  sich  also,  dass  innervatorische 
Zirkulationsstörungen  zu  passageren  und  dauernden  Lähmungserschei¬ 
nungen,  zu  heftigen  Kopfschmerzen,  zu  Schwindelanfällen  und  epi- 
leptiformen  Anfällen  führen  können.  Diese  Zirkulationsstörungen  sind 
einer  operativen  Beeinflussung  zugänglich. 

Hiermit  ist  die  Fragestellung,  ob  die  Sympathektomie  bei  Epi¬ 
lepsie  anzuraten  ist,  gegeben. 

ln  früherer  Zeit,  seit  William  Alexander1)  1899  die  Resektion 
des  Halssympathikus  bei  Epilepsie  empfohlen  hatte,  wurde  diese 
Operation  wahllos  bei  den  verschiedenartigsten  Epilepsien  ausgeführt. 

Man  glaubte,  die  Sympathektomie4 5  6)  deswegen  empfehlen  zu 
müssen,  weil  man  die  Epilepsie  auf  eine  Gehirnanämie  zurückführte, 
die  durch  diese  Operation  beseitigt  werden  sollte.  Jonnesco ') 
glaubte,  die  zerebrale  Anämie  in  eine  permanente  Kongestion  um¬ 
wandeln  zu  können  —  eine  Kongestion,  die  die  schlechte  Ernährung 
der  Nervenzellen  verändere  oder  dieselbe  von  toxischen  Produkten 
befreie,  ln  den  anderen  Fällen,  bei  der  Reflexepilepsie,  werde  der 
Weg  der  Transmission  von  den  Viszeren  zum  Hirn  geändert. 

Das  waren  rein  theoretische,  nicht  substantiierte  Erwägungen 
und  der  Erfolg  der  Operation  war  gering  —  so  dass  die  Methode  mit 
Recht  bald  verlassen  wurde. 

J  a  b  o  u  1  a  y  7),  der  die  Sympathektomie  doch  gewiss  anwandte, 
wo  sie  nur  Erfolg  versprechen  konnte,  meinte  auf  Grund  seiner  Er¬ 
fahrungen,  dass  in  dieser  Operation  nicht  die  künftige  Behandlung 
der  Epilepsie  gefunden  sei.  Th.  Jonnesco  ging  zwar  mit  Begeiste¬ 
rung  an  die  Operation  heran  (wie  er  1900  in  Paris  berichtete,  hatte 
er  bis  dahin  im  ganzen  97  Sympathikusresektionen  bei  Epilepsie  aus¬ 
geführt),  aber  auch  sein  Erfolg  war  sehr  gering,  denn  Winter 
kommt  zu  dem  Resultat,  dass  von  diesen  63  nicht  verwertet  werden 
können  und  von  den  übrigen  nur  4  als  geheilt  (d.  h.  mindestens 
3  Jahre  ohne  Anfälle)  betrachtet  werden  können.  Von  122  Fällen, 
darunter  7  eigene,  findet  Winter  nur  8,  das  sind  6,6  Proz.  ge¬ 
heilte,  darunter  4  von  Jonnesco  und  4  von  Alexander. 

Auch  Braun8),  der  eine  kritische  Zusammenstellung  der  Litera¬ 
tur  und  Berichte  über  eigene  Fälle  gibt,  kommt  zu  dem  Resultat,  dass 
die  Resektion  der  beiden  Halssympathici  nebst  der  Entfernung  des 
Ganglion  cervicale  superius  et  medium  zwar  ungefährlich,  aber  in 
ihrem  Einfluss  auf  die  Epilepsie  unwirksam  sei. 

Man  könnte  nun  die  Vermutung  aussprechen,  dass  es  sich  bei 
den  wenigen  erfolgreichen  Operationen  um  solche  gehandelt  hat,  bei 
denen  innervatorische  Zirkulationsstörungen  die  Ursache  für  die 
epileptischen  Anfälle  waren.  Beweisen  oder  glaubhaft  machen  lässt 
sich  das  aus  der  Beschreibung  dieser  Fälle  aber  nicht  —  um  so 
weniger  als  nicht  einmal  die  Abgrenzung  gegenüber  der  Hysterie 
scharf  gezogen  wurde. 

Das  erste  Erfordernis  ist  die  Berücksichtigung  der  Tatsache, 
dass  es  sich  bei  epileptischen  Anfällen  nicht  um  eine  einheitliche 
Ursache  oder  Erkrankung  handelt. 

Die  Sympathektomie  darf  nicht  wahllos  ausgeführt  werden,  son¬ 
dern  nur  bei  solchen  Fällen,  bei  denen,  wie  in  dem  mitgeteilten 
W  e  s  t  p  h  a  1  sehen  Falle,  angenommen  werden  muss,  dass  inner¬ 
vatorische  Zirkulationsstörungen  die  Anfälle  ausgelöst  haben. 

Als  geeignetste  Fälle  kommen  natürlich  solche  Fälle  in  Frage, 
bei  denen  angiospastische  Symptome  (z.  B.  an  den  Extremitäten) 
zweifellos  bestehen  und  bei  denen  Schwindelanfälle  und  passagere 
Lähmungen  auf  Zirkulationsstörungen  im  Hirn  hindeuten  und  bei 
denen  dann  auch  epileptische  Anfälle  auftreten.  Einige  derartige 
Fälle  wird  man,  auch  wenn  sie  noch  keine  Anfälle  haben,  der  un¬ 
erträglichen  Kopfschmerzen  halber  operieren.  Viele  solcher  Kranken 
sind  sicher  bisher  oft  fälschlich  für  „funktionell“  oder  „hysterisch“ 
gehalten  worden. 

Aber  auch  diejenigen  Fälle  von  „genuiner“  Epilepsie,  bei  denen 
die  Anfälle  abhängig  sind  von  Zirkulationsvorgängen,  hervorgerufen 
durch  affektive  Reize,  wie  Schreck,  Angst  etc.,  oder  solche,  bei  denen 


4)  William  Alexander:  The  treatment  of  Epilepsy.  Edinburg  1889. 

5)  Siehe  Winter:  Arch.  f.  Min.  Chir.  1902,  67,  S.  816. 

6)  Th.  Jonnesco:  Die  Resektion  des  Halssympathikus  in  der  Behand¬ 
lung  der  Epilepsie,  des  Morbus  Basedowi  und  des  Glaukoms.  Zbl.  f.  Chir. 
1899  S.  161. 

7)  Jaboulay  et  Lannois:  Sur  le  traitement  de  l’epilepsie  par  ta 
Sympathectomie.  Revue  de  medecine  1899  S.  1. 

8)  H.  Braun:  Arch.  f.  klin.  Chir.  1901  S.  1715. 


die  Anfälle  eine  deutliche  Abhängigkeit  von  der  Menstruation  (Gra¬ 
vidität)  zeigen,  versprechen  vielleicht  einen  Erfolg. 

Die  Hauptsache  ist,  dass  eine  ganz  genaue  Indikation  gestellt 
wird  —  dann  besteht  Hoffnung,  dass  die  Sympathektomie,  die  früher, 
wo  sie  wahllos  an  ungenügend  untersuchten  Kranken  ausgeführt 
wurde  auf  Grund  von  Theorien,  die  unzureichende  Kentnisse  auf¬ 
gebaut  hatten,  mehr  Schaden  als  Nutzen  gestiftet  hat,  nun  in  einigen 
geeigneten  Fällen  die  ersehnte  Heilung  bringen  wird. 

In  diesen  Fällen  wird  man  dann  die  kombinierte  Operation  — 
periarterielle  Sympathektomie  der  Karotis  und  Resektion  des  Hals- 
sympathikus  nach  Brüning  —  anraten. 

Zum  Schluss  noch  eine  kurze  Bemerkung  über  die  psychischen 
Störungen  bei  diesen  Kranken.  Ich  glaube,  die  Diagnose:  „Affektkrise 
bei  Polyzythämie“,  die  bei  der  letzten  Aufnahme  in  die  Nervenklinik 
bei  der'  B  r  ii  n  i  n  g  sehen  Kranken  gestellt  wurde,  traf  das  richtige. 
Die  psychischen  Störungen  sind  nicht  als  direkte  Folge  der  Lokali¬ 
sationsstörungen  aufzufassen,  sondern  nur  als  Reaktion  auf  die  durch 
die  Zirkulationsstörungen  bedingten  Schmerzen  und  Unannehmlich¬ 
keiten.  Das  scheint  mir  auch  für  alle  die  anderen  gleichartigen  Fälle 
zu  gelten.  Wir  dürfen  also  ein  Schwinden  der  psychischen  Sym¬ 
ptome  nach  der  vorgeschlagenen  Operation  nur  in  dem  Sinne  er¬ 
warten,  dass  die  Schmerzen  etc.  fortfallen  und  damit  die  durch  sie 
bedingte  Reizbarkeit  und  psychische  Reaktionsweise,  Eine  eventuell 
vorhandene  „echte“  psychische  Störung,  z.  B.  epileptische  Demenz 
etc.,  dürfen  wir  nicht  erwarten  beseitigen  zu  können.  Ob  und  wie 
Dämmerzustände  —  die  teilweise  auch  reaktiv  bedingt  sind  —  be¬ 
einflusst  werden,  muss  die  Erfahrung  lehren. 

Aus  der  Universitäts-Augenklinik  Kiel. 

(Direktor:  Prof.  Heine.) 

Die  parenterale  Terpentinbehandlung  bei  Augenleiden. 

Von  Prof.  Dr.  Carl  Behr. 

Die  parenterale  Milchtherapie,  die  sich  auch  in  der  ophthalmolo- 
gischen  Praxis  als  ein  unentbehrliches  Mittel  gegen  entzündliche 
Erkrankungen  der  Augen  eingebürgert  hat,  besitzt  zwei  Nachteile, 
die  den  Wert  der  Methode  nicht  unwesentlich  beeinträchtigen.  Der 
eine  liegt  in  der  Unsicherheit  der  Wirkung,  auf  die  wir  in  keinem  Fall 
von  vornherein  rechnen  können.  In  äusserlich  ganz  gleichartigen 
Fällen  erleben  wir  das  eine  Mal  einen  fasf  kritischen  Abfall  der  Er.t- 
ztindungserscheinungen,  das  andere  Mal  trotz  der  gleichen  Dosis  und 
einer  gleichen  Allgemeinreaktion  überhaupt  keine  Einwirkung  auf 
den  Krankheitsprozess.  Der  zweite  Nachteil  besteht  in  den  nicht 
unerheblichen,  wenn  auch  in  der  Regel  verhältnismässig  rasch  vor¬ 
übergehenden  Störungen  des  Allgemeinbefindens,  die  gerade  in  den 
Fällen  vorhanden  zu  sein  pflegen,  in  denen  die  Milch  eine  gute  Wir¬ 
kung  entfaltet.  Die  zahlreichen  Ersatzpräparate,  die,  wie  das  Oph- 
thalmosan,  das  Caseosan,  das  Aolan,  das  Yatren-Kasein  u.  a„  diesen 
letzteren  Fehler  vermeiden  sollen,  haben  wenigstens  in  der  ophthal- 
mologischen  Praxis  nach  unseren  Erfahrungen  mit  ihm  zugleich  einen 
guten  Teil  der  Wirksamkeit  der  Milch  verloren,  so  dass  wir  ganz 
von  ihnen  abgekommen  sind. 

Wir  haben  uns  daher  nach  andersartigen  Mitteln  umgesehen 
und  haben  in  dem  Terpentin  ein  solches  gefunden,  das  einerseits  in 
manchen  Fällen  auch  dann  -noch  von  guter  Wirkung  ist,  wenn  die 
Milch  versagt  hat,  und  das  anderseits  ohne  störende  lokale  oder  all¬ 
gemeine  Erscheinungen  unter  die  Haut  eingespritzt  werden  kann. 
Einer  allgemeinen  Anwendung  dieses  Mittels  steht  überdies  jetzt 
nichts  mehr  im  Wege,  seitdem  fabrikmässig  nach  den  Angaben 
Klingmüllers,  der  als  erster  das  Terpentin  mit  grossem  Erfolg 
in  die  Hautpraxis  eingeführt  hat,  eine  10  proz.  ölige  Lösung  rektifi¬ 
zierten  Terpentins  unter  dem  Namen  „Olobintin“  in  den  Handel  ge¬ 
bracht  wird  (in  Ampullen  zu  1  ccm  und  für  Klinikzwecke  in  Flaschen 
zu  100  ccm),  das  neben  einer  vollkommenen  Gefahrlosigkeit  der  In¬ 
jektionen  eine  genaue  Dosierung  gewährleistet.  Klingmüller 
verwendet  daneben  in  hartnäckigen  Fällen  noch  eine  40  proz.  Lösung, | 
mit  deren  Injektion  aber  selbst  bei  vorsichtiger  Dosierung  recht  be¬ 
trächtliche  Schmerzen  an  der  Injektionsstelle  verbunden  sind.  Auch 
intravenös  wird  das  Olobintin,  allerdings  nicht  ohne  beträchtliche 
Störungen  des  Allgemeinbefindens  von  ihm  verwendet.  Wir  haben j 
deswegen  auf  diese  Modifikationen  verzichtet  und  sind  bei  den  ein-; 
fachen  subkutanen  Injektionen  der  10  proz.  Lösung  geblieben,  da  wir 
ja  durch  das  neue  Präparat  vor  allem  die  üblen  Begleiterscheinungen  j 
der  Milchinjektionen  vermeiden  wollten. 

Injiziert  wird  intramuskulär  (glutäal)  oder  subkutan  unter  die! 
Haut  der  Arme  oder  des  Rückens  (Darmbeinkuppe).  Die  Schmerzen' 
sind  entweder  nur  gering  oder  fehlen  ganz.  Allgemeinerscheinungen! 
und  Fieber  treten  nicht  auf.  Gelegentlich  klagen  die  Kranken  am  Ort 
der  Entzündung  über  ein  leichtes  Ziehen  und  Druckgefühl.  So  gab 
eine  an  einer  gonorrhoischen  Konjunktivitis  erkrankte  Kranke  an,i 
dass  sie  jedesmal  nach  den  Terpentininjektionen  ein  mehrere  Stun¬ 
den  anhaltendes  und  ziemlich  lebhaftes  Druckgefühl  im  Auge  ver¬ 
spürte.  Ueble  Nebenerscheinungen  haben  wir  nur  einmal  vor  Ein¬ 
führung  des  neuen  Präparates  erlebt.  An  Stelle  der  verschriebenen 
10  proz.  Lösung  war  uns  vom  Apotheker  reines  Terpentinöl  geliefert, 
von  dem  der  an  Retinitis  albuminurica  leidenden  Kranken  3  ccm 
unter  die  Haut  des  Armes  eingespritzt  wurden.  An  der  Stelle  der 
Injektion  und  ihrer  näheren  Umgebung  entwickelte  sich  eine  senwere 


31.  August  1923. 


MÜNCHENER  MMD1Z1N1SCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1117 


nekrotisierende  Entzündung,  die  erst  nach  mehreren  chirurgischen 
Eingriffen  und  monatelanger  Behandlung  mit  ausgedehnter  Narben¬ 
bildung  ausheilte.  Abgesehen  von  der  lokalen  Schädigung  traten  je¬ 
doch  keine  Störungen  ein.  Die  Retinitis  albuminurica  besserte  sich 
vielmehr,  während  die  Nierenerkrankung  selbst  keine  Aenderung 
zeigte.  Dieser  Zwischenfall,  der  keinesfalls  der  Terpentintherapie  zur 
Last  gelegt  werden  kann,  beweist  jedenfalls  die  vollkommene  Gefahr¬ 
losigkeit  der  Terpentininjektionen  in  der  von  Klingmüller  an¬ 
gegebenen  Dosierung. 

Als  Einzeldosis  haben  wir  bei  Erwachsenen  0,5  bis  4,  seltener 
auch  bis  5  ccm  gegeben,  bei  Kindern  je  nach  dem  Alter  von  0,1  bis 
0,5  ccm.  Wir  beginnen  mit  den  schwächeren  Dosen  und  steigen  je 
nach  der  Wirkung  rascher  oder  langsamer  an.  Im  allgemeinen  ge¬ 
nügen  wöchentlich  2 — 3  Injektionen.  In  den  schweren  Fällen,  in 
denen  es  auf  eine  akute  Wirkung  ankommt,  haben  wir  die  rasch  an¬ 
steigenden  Dosen  längere  Zeit  hindurch  täglich  (8 — 14  Tage  lang) 
gegeben,  ohne  auch  hiermit  jemals  üble  Erfahrungen  gemacht  zu 
haben.  Als  Gesamtdosis  haben  wir  bis  jetzt  30  ccm  nicht  zu  über¬ 
schreiten  brauchen.  Als  Regel  gilt,  dass  es  sich  schon  nach  den 
ersten  Spritzen  zeigt,  ob  in  dem  betreffenden  Fall  eine  Wirkung  er¬ 
wartet  werden  kann  oder  nicht.  Sehen  wir  nach  der  dritten  Spritze 
keine  Besserung,  dann  sind  auch  in  der  Regel  weitere  Einspritzungen 
ohne  Wirkung.  • 

Das  Terpentin  wirkt  ebenso  wie  die  Milch  vor  allem  gegen  die 
akuten  Entzündungen,  namentlich  gegen  die  mit  stärkerer  Sekretion 
und  Exsudation  einhergehenden.  Die  chronischen  werden  seltener 
und  dann  auch  nur  weniger  deutlich  beeinflusst.  Ebenso  wie  die  Milch 
lässt  es  sich  auch  bei  dem  Terpentin  nicht  Voraussagen,  ob  die  Be¬ 
handlung  Erfolg  haben  wird.  Doch  läuft  die  Wirkung  der  beiden 
Mittel  nicht  prinzipiell  parallel,  insofern,  als  nicht  selten,  wie  schon 
hervorgehoben  ist,  das  eine  Mittel  wirkt,  wo  das  andere  versagt  hat. 
Diese  elektive  Wirkung  der  beiden  Mittel  zeigt  sich  gelegentlich  bei 
einem  und  demselben  Kranken  an  den  einzelnen  Symptomen.  So 
verschwanden  bei  einer  seit  längerer  Zeit  an  chronischem  Gelenk¬ 
rheumatismus  und  Episkleritis  leidenden  Kranken  die  Gelenkbe¬ 
schwerden  nach  einigen  Terpentinspritzen  vollständig,  während  die 
Episkleritis  sich  in  keiner  Weise  änderte  und  sich  erst  besserte,  als 
an  Stelle  des  Terpentins  einige  Milchspritzen  gegeben  wurden.  Ich 
werde  im  folgenden  noch  häufiger  Gelegenheit  haben,  auf  derartige 
Unterschiede  in  der  Wirkung  der  beiden  Mittel,  die  auch  in  theo¬ 
retischer  Hinsicht  von  Bedeutung  sind,  hinzuweisen.  Möglicherweise 
sind  sie  durch  die  verschiedene  Dosierung  der  Milch  und  des  Ter¬ 
pentins  bedingt. 

Unsere  Erfahrungen  über  die  Wirkung  des  Terpentins  sind  an 
mehr  als  200  Fällen  der  verschiedensten  Art  mit  mehr  als  2000  In¬ 
jektionen  gewonnen.  Ich  verzichte  auf  eine  statistische  Zusammen¬ 
stellung,  die  uns  doch  niemals  ein  absolut  richtiges  Bild  von  der  the¬ 
rapeutischen  Wirksamkeit  eines  Präparats  zu  geben  vermag,  und 
beschränke  mich  auf  eine  kurze  zusammenfassende  Schilderung  un¬ 
serer  Beobachtungen  an  der  Hand  der  wichtigsten  Erkrankungen 
des  Auges. 

Die  besten  Erfolge  haben  wir  bei  den  Erkrankungen  der  I  ider 
erzielt,  bei  denen  die  parenterale  Proteinkörpertherapie  in  der 
Regel  versagt.  Vor  allem  bei  den  akuten  und  auch  bei  den  chroni¬ 
schen  Formen  des  Ekzems,  den  Hordeola  und  weniger  aus¬ 
gesprochen  auch  bei  den  schwereren  Formen  der  Blepharitis 
ulcerosa.  Die  Ekzeme  heilen  gewöhnlich  schon  nach  den  ersten 
Spritzen  in  überraschend  kurzer  Zeit  aus.  Wie  intensiv  die  Wirkung 
des  Terpentins  sein  kann,  zeigte  ein  Fall  von  akutem  Ekzem  der 
Lider  und  der  Backe  bei  einer  Kranken  mit  Ulcus  corneae.  Durch 
eine  Terpentinspritze  verschwanden  die  unangenehmen  Empfindungen 
im  Gesicht,  und  das  Ekzem  blasste  ab.  Zugleich  traten  in  den  an¬ 
scheinend  ganz  normalen  Händen  und  Füssen  Paraesthesien  auf,  die 
sich  mit  den  folgenden  Spritzen,  unter  denen  das  Gesichtsekzem  voll¬ 
kommen  ausheilte,  verstärkten  und  die  Kranke  nicht  unerheblich 
belästigten.  Die  Haut  der  Hände  und  Fiisse  begann  dann  sich  in 
grossen  Fetzen  abzustossen,  die  wie  ein  Handschuh  von  den  Fingern 
herabgezogen  werden  konnten.  Zugleich  verschwanden  die  Par- 
ästhesien.  Die  Hornhauterkrankung  blieb  dagegen  unbeeinflusst.  Wir 
können  uns  diese  eigenartigen  Erscheinungen  an  den  Extremitäten 
doch  wohl  nur  dadurch  erklären,  dass  hier  eine  Generalisierung  des 
Ekzems  der  Wange  in  Vorbereitung  war,  die  jedoch  durch  die  Ter¬ 
pentinspritzen  verhindert  werden  konnte.  Derartige  Fälle  geben  uns 
eine  Vorstellung  von  der  beträchtlichen  Umstimmung  des  Organis¬ 
mus  durch  diese  parenteralen  Injektionen.  Die  Hornhautaffektion 
heilte  erst  durch  einige  Milchspritzen  ab. 

Auch  dieser  Fall  zeigt  wiederum  recht  augenscheinlich  die  eick- 
tive  Wirkung  der  Milch-  und  Terpentinspritzen.  Eine  erschöpfende 
Erklärung  solcher  Dissoziationen  ist  heute  wohl  kaum  möglich.  Man 
kann  zunächst  nur  den  Schluss  ziehen,  dass  die  Wirkungsrich¬ 
tung  der  Milch  und  des  Terpentins  zwar  sehr  ähnlich,  aber  im 
Prinzip  doch  verschieden  sein  muss.  Derartige  Fälle,  in  denen  bei 
dem  gleichen  Grundleiden  die  einen  Symptome  nur  durch  die  Milch, 
die  anderen  nur  durch  das  Terpentin  gebessert  werden,  zeigen  uns 
so  recht,  dass  wir  mit  dem  Begriff  der  Protoplasmaaktivierung  vor¬ 
läufig  wenigstens  nichts  anderes  als  eine  Verschleierung  unseres 
Nichtwissens  gewonnen  haben.  Der  Begriff  einer  allgemeinen  Akti¬ 
vierung  des  Protoplasmas,  d.h.  einer  allgemeinen  Erhöhung  der 
Zellvitalität,  schliesst  doch  wohl  von  vornherein  derartige  dissoziative 


und  elektive  Wirkungen  aus,  wie  wir  sie  hier  bei  der  Behandlung 
mit  zwei  ganz  verschiedenartigen  Mitteln  nicht  selten  erlebt  haben. 

Bei  der  Hordeola  und  den  Furunkel  n  in  der  Umgebung 
der  Lider  wird  durch  einige  Terpentinspritzen  die  eitrige  Einschmel¬ 
zung  und  die  Demarkierung  des  nekrotischen  Pfropfes  gewöhnlich 
ganz  erheblich  beschleunigt  und  der  Krankheitsverlauf  nicht  un¬ 
wesentlich  abgekürzt.  Auch  die  subjektiven  Begleiterscheinungen 
verschwinden  gewöhnlich  bald.  Beginnende  Hordeola  können  nicht 
selten  durch  einige  Spritzen  zur  Rückbildung  gebracht  werden,  ohne 
dass  es  zu  einer  Vereiterung  kommt.  Doch  gelingt  es  nicht  durch 
das  Terpentin  —  und  das  gleiche  gilt  als  allgemeine  Regel  auch  für 
die  parenterale  Proteinkörpertherapie  — ,  Rezidive  zu  verhindern. 
Gelegentlich  sehen  wir  unmittelbar  an  die  prompte  Ausheilung  der 
Hordeola  oder  auch  anderer  Entzündungen  der  Augen  sich  ein 
Rezidiv  unmittelbar  anschliessen. 

Die  Ursache  dieser  Wirkungsbeschränkung  der  parenteralen  The¬ 
rapie  liegt  in  dem  Prinzip  ihrer  Wirkung  begründet.  Diese  Therapie 
richtet  sich  primär  nicht  gegen  die  entzündungserregende  Ursache, 
z.  B.  nicht  gegen  den  Staphylokokkus  bei  der  Hordeola  oder  gegen 
die  Gonokokken  bei  der  Ophthalmoblennorrhoe,  sondern  rein  sym¬ 
ptomatisch  gegen  die  Begleit-  und  die  Reaktionserscheinungen  des 
Organismus,  gegen  den  parenteralen  Abbau  der  Entzündungspro¬ 
dukte,  die  den  lokalen  Abwehrkampf  des  Gewebes  hemmen.  Das 
eingespritzte  und  entfernt  von  dem  Ort  der  Entzündung  abgebaute 
Eiweiss  und  Terpentin  wirkt  als  Antigen.  Die  dadurch  hervorgeru¬ 
fenen  Antikörper  gelangen  durch  den  Kreislauf  auch  an  den  Ort  der 
Entzündung,  wo  sie  den  in  Gang  befindlichen  Abbau  der  Entzün¬ 
dungsprodukte  unterstützen  und  die  giftigen  Zwischenprodukte  des 
Eiweissabbaus  neutralisieren,  wodurch  sich  die  sekundären  Reiz¬ 
erscheinungen  zurückbilden.  Die  eigentliche  spezifische  Entzündung 
und  die  Krankheitskeime  selbst  bleiben  dagegen  unbeeinflusst.  Eine 
Heilung  des  Krankheitsprozesses  ist  darum  nur  dann  möglich, 
wenn  daneben  die  natürlichen  Abwehrkräfte  des  Körpers  den  A.n- 
griffskräften  des  Infektionserregers  überlegen  sind. 

Bei  den  schweren  Formen  der  Blepharitis  ulcerosa,  bei 
denen  die  gewöhnliche  Salbentherapie  ohne  Erfolg  geblieben  ist, 
vermag  die  Terpentinbehandlung  in  vielen  Fällen  einen  Umschwung 
der  Krankheitserscheinungen  herbeizuführen,  durch  welche  unsere  ge¬ 
wöhnlichen  Mittel  dann  besser  zur  Wirksamkeit  gelangen.  Heilungen 
allein  durch  das  Terpentin  haben  wir  nur  ausnahmsweise  beobachtet. 
In  den  schweren  und  hartnäckigen  Fällen,  in  denen  auch  das  Ter¬ 
pentin  versagt,  habe  ich  mehrfach  eine  auffallende  Besserung  durch 
tägliche  Xeroformeinpuderungen  eintreten  sehen.  Für  die  ganz 
schweren  Fälle  bleibt  die  Röntgenbehandlung  ein  Zuverlässiges  Mit¬ 
tel.  So  sah  ich  vor  kurzem  eine  schwere,  äusserst  hartnäckige,  seit 
mehreren  Jahren  bestehende  und  dauernd  vergeblich  behandelte 
Blepharitis  ulcerosa  bei  einem  sonst  ganz  gesunden  27  jährigen 
Mann  durch  eine  dreimalige  Röntgenbestrahlung  vollkommen  aus¬ 
heilen. 

Konjunktivale  Erkrankungen.  Bei  den  Entzündungen  der  Binde¬ 
haut  steht  die  Wirkung  der  spezifischen  parenteralen  Behandlung  — 
und  dieses  gilt  als  allgemeines  Gesetz  sowohl  für  die  Milch-,  wie  für 
die  Terpentinbehandlung  —  in  geradem  Verhältnis  zu  der  Schwere 
der  entzündlichen,  vor  allem  der  exsudativen  Erscheinungen.  In  den 
chronischen  Fällen  fehlt  sie  mehr  oder  weniger  ganz,  nur  subjektiv 
wird  manchmal  eine  Besserung  angegeben.  Dasselbe  gilt  von  den 
mit  follikulären  und  papillären  Hyperplasien  einher¬ 
gehenden  Prozessen,  von  der  Conjunctivitis  trachoina- 
t  o  s  a  und  follicularis.  Von  den  akuteri  sezernierenden 
K  o  n  j  u  n  k  t  i  v  i  t  i  d  e  n  ist  die  schwerste,  die  Ophthalmoblennor¬ 
rhoe,  zugleich  auch  die  zugänglichste  für  die  parenterale  Behandlung. 
Hier  sind  jedoch  die  Milcheinspritzungen  der  Terpentinbehandlung, 
besonders  was  das  Schlagartige  des  Erfolges  anbetrifft,  ohne  Zweifel 
wesentlich  überlegen.  Während  wir  nicht'  selten  schon  nach  einer 
Milchspritze  in  kürzester  Zeit,  innerhalb  von  6 — 12  Stunden,  die 
schwersten  Erscheinungen,  die  abundante  eitrige  Sekretion,  das 
hochgradige  Oedem  der  Lider  und  der  Konjunktiva  in  kritischem 
Abfall  zurückgehen  sehen,  wirkt  das  Terpentin  langsamer;  der 
gleiche  Erfolg  tritt  erst  nach  einigen  Tagen  ein.  Ueberdies  sind  hei 
ihm  Versager  häufiger  als  bei  der  Milchbehandlung.  Es  ergibt  sich 
daraus,  dass  man  nur  in  den  von  vornherein  leichtverlaufenden  Fällen 
zum  Terpentin  greifen  soll,  durch  das  man  dann  nicht  selten  den 
Krankheitsverlauf  günstig  beeinflussen  kann.  In  den  Fällen  mit 
starker  Sekretion,  mit  stärkerer  Schwellung  der  Konjunktiva  am 
Limbus  und  namentlich  mit  drohender  oder  bereits  vorhandener 
Hornhautbeteiligung  ist  nur  die  Milch  am  Platze,  ln  diesen  schwer¬ 
sten  Fällen  soll  man  sich  jedoch  nicht  von  vornherein  auf  eine  be¬ 
stimmte  Therapie  schablonenmässig  festlegen.  Vielmehr  ist  es  gerade 
hier,  wo  das  Schicksal  des  Auges  oft  in  kürzester  Zeit  entschieden 
wird,  am  Platze,  sich  erforderlichenfalls  in  jedem  Augenblick  thera¬ 
peutisch  neu  ein-  und  umzustellen  und  mit  den  Mitteln  zu  wechseln. 
So  habe  ich  vor  kurzem  ein  auf  das  schwerste  gefährdetes  Auge 
einer  Schwester,  die  sich  im  Beruf  gonorrhoisch  infiziert  hatte,  nur 
dadurch  retten  können,  dass  ich  im  richtigen  Augenblick  die  vergeb¬ 
liche  Terpentin-  und  Milchbehandlung  abbrach  und  statt  dessen 
Gonokokkenvakzine  (Arthigon)  injizierte.  Gute  Dienste  vermag  das 
Terpentin  auch  in  den  schweren  Fällen  der  Ophthalmoblennorrhoe 
nach  Abklingen  der  bedrohlichen  Erscheinungen  als  Ersatz  der  Milch 
zu  leisten.  Gelegentlich  habe  ich  auch  die  beginnende  Entzündung 


1118 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  34  35. 


des  zweiten  Auges  durch  eine  oder  ein  paar  Terpentinspritzen  ku-  ; 
pieren  können. 

Die  konjunktiv  alen  Phlyktänen  sind  nur  bei  be¬ 
sonderer  Schwere  des  Krankheitsbildes  Gegenstand  einer  parente¬ 
ralen  Injektionsbehandlung.  Das  Terpentin  beschleunigt  die  Ein-  | 
Schmelzung  und  kürzt  die  Krankheitsdauer  um  einige  Tage  ab.  Bei 
den  nicht  ulzerierenden  Formen  der  Bindehautentzündung,  bei  der 
Subkonjunktivitis,  der  E  p  i  s  k  1  e  r  i  t  i  s,  und  den  skleri- 
ti  sehen  Infiltraten  ist  eine  Einwirkung  des  Terpentins  auf  ! 
den  Krankheitsprozess  nicht  selten  unverkennbar.  Im  allgemeinen  | 
gelingt  es  aber  nicht,  allein  durch  die  Terpentinbehandlung  eine  j 
Heilung  herbeizuführen.  Doch  scheint  auch  hier,  wie  wir  es  noch  bei  J 
anderen  Erkrankungen  sehen  werden,  eine  vorausgegangene  Ter¬ 
pentinbehandlung  der  üblichen  Therapie  die  Wege  zu  ebnen,  so  dass  j 
schliesslich  die  Abheilung  doch  rascher  erfolgt  als  ohne  das  Terpentin.  | 

Den  die  ekzematösen  Hornhaut-  und  Bindehautentzündungen 
nicht  selten  begleitenden  Blepharospasmus  habe  ich  —  wenn  | 
auch  nicht  regelmässig  —  auch  dann  zurückgehen  sehen,  wenn  sich  j 
die  eigentliche  skrofulöse  Entzündung  nur  wenig  oder  gar  nicht 
gebessert  hatte. 

Die  ekzematösen  Hornhaut-  und  Hornhaut-Bindehautentzündun¬ 
gen  zeigen  hinsichtlich  ihres  Verhaltens  gegenüber  der  parenteralen 
Therapie  trotz  scheinbar  vollkommener  Gleichheit  düs  klinischen  Bil¬ 
des,  und  bei  der  Milchbehandlung  auch  der  Allgemeinreaktion,  in  den 
in  einer  zweiten,  kleineren  Gruppe  (2  Fälle)  umgekehrt  nur  das  Ter- 
Gruppen  von  Fällen  unterscheiden.  In  der  einen  Gruppe  (unter 
42  Fällen  15  mal)  wirkte  nur  die  Milch,  dagegen  nicht  das  Terpentin, 
in  einer  zweiten,  kleineren  Gruppe  (2  Fälle)  umgekehrt  nur  das  Ter¬ 
pentin,  in  einer  dritten  Gruppe  (10  Fälle)  waren  beide  Mittel  wirk¬ 
sam,  wobei  die  energischere  Wirkung  der  Milch  zukam,  endlich  in 
einer  vierten  Gruppe  versagte  sowohl  die  Milch,  wie  das  Ierpentin. 
Gerade  diese  letzte  Gruppe  ist  nun  aber  dadurch  ausgezeichnet,  dass 
bei  ihr  fast  immer  durch  eine  Behandlung  mit  Alttuberkulin  eine  auf¬ 
fallend  rasche  Abheilung  des  gewöhnlich  schon  längere  Zeit  be¬ 
stehenden  Krankheitsprozesses  erzielt  werden  konnte,  während  die 
anderen  Gruppen  auf  das  Alttuberkulin  weniger  gut  reagieren.  Ich 
lasse  es  dahingestellt,  ob  die  vorausgeschickte  parenterale  Milch- 
und  Terpentinbehandlung  dem  Alttuberkulin  den  Weg  geebnet  hat, 
oder  ob,  was  mir  wahrscheinlicher  ist,  ein  tieferer  Grund  in  dem 
Sinne  vorliegt,  dass  die  entzündlichen  Erscheinungen  hier  eine  lein 
spezifische  Einstellung  zeigten,  die  infolgedessen  auch  allein  einer 
spezifischen  Antigenbehandlung  zugängig  war.  Ebenso  lasse  ich  cs 
unentschieden,  ob  dieser  bemerkenswerte  Unterschied  in  der  Re¬ 
aktionsfähigkeit  der  einzelnen  Fälle  auf  eine  bisher  noch  unbekannte 
prinzipielle  Verschiedenheit  dieser  bis  jetzt  noch  als  gleichartig 
angesehenen  Krankheitsfälle  zurückzuführen  ist,  und  ob  hier  unab¬ 
hängig  von  der  lokalen  Erkrankung  Unterschiede  in  der  allgemeinen 
Reaktionsfähigkeit  des  betreffenden  Organismus  bestehen. 

Für  die  Behandlung  der  ekzematösen  Hornhauterkrankuugen 
(und  das  gleiche  gilt  auch  für  die  einfachen  ulzerösen  Entzündungen) 
ergibt  sich  aus  den  obenangeführten  Unterschieden  in  der  Wirkung 
der  parenteralen  Injektionstherapie  als  allgemeine  Behandlungsrcgel, 
dass  wir  neben  der  üblichen  lokalen  Therapie  zunächst  Terpentin¬ 
injektionen  verabreichen,  durch  die  wir  nach  unseren  Erfahrungen 
etwa  in  einem  Drittel  der  Fälle  zum  Ziel  kommen.  Bleibt  nach  der 
dritten  Terpentinspritze  der  Erfolg  aus,  so  geben  wir  einige  Milch¬ 
spritzen;  bleiben  auch  diese  ohne  Wirkung,  so  werden  wir  in  der 
Mehrzahl  der  Fälle  durch  einige  Spritzen  Alttuberkulins  die  Heilung 
rasch  herbeiführen  können.  Doch  kommen  hin  und  wieder  schwerste 
Fälle  vor,  in  denen  trotz  aller  Therapie  die  Einschmelzung  der  Horn¬ 
haut  nicht  aufzuhalten  ist.  So  sahen  wir  kürzlich  unter  unseren 
Augen  bei  einem  12  jährigen  Mädchen,  dessen  rechte  Hornhaut  durch 
eine  rasch  einschmelzende  Phyktäne  zur  Perforation  gebracht 
war,  unter  der  Milch-,  Terpentin-  und  Alttuberkulinbehandlung 
auch  das  andere  Auge  in  ähnlicher  Weise  erkranken  und  zur  Per¬ 
foration  kommen.  Allerdings  konnten  beide  in  einem  sehfähigen  Zu¬ 
stand  erhalten  werden.  In  derartigen  Fällen  besteht  offenbar  eine 
hochgradige  lokale  Allergie.  Jede  Steigerung  der  Abwehrkräfte  — 
und  sei  es  auch  nur  der  unspezifischen  —  verschlimmert  den  lokalen 
Krankheitsprozess  ganz  erheblich.  Hier  ist  nur  eine  vollkommen 
indifferente  lokale  und  daneben  vor  allem  eine  allgemein-diätetische 
Behandlung  am  Platze. 

In  einem  Fall  von  sklerosierender  Keratitis,  die  trotz 
einer  längeren  Tuberkulin-  und  Milchbehandlung  dauernd  rezidi- 
vierte,  gelang  es,  durch  drei  Terpentinspritzen  die  entzündlichen 
Erscheinungen  zum  Rückgang  zu  bringen,  so  dass  die  Kranke  dau¬ 
ernd  neue  Terpentinspritzen  forderte,  um  sich,  wie  sie  hoffte,  gegen 
erneute  Rückfälle  zu  schützen. 

Auch  in  drei  leichteren  Fällen  von  Ulcus  serpens  hatte  die 
Terpentinbehandlung  Erfolg,  während  die  vorausgegangene  Milch¬ 
therapie  wirkungslos  geblieben  war.  Doch  sind  diese  Fälle  Ausnah¬ 
men.  Bei  einigermassen  schwerem  Krankheitsbild  wirkt  weder 
Milch,  noch  Terpentin.  Auch  bei  dem  in  diesem  Jahre  anscheinend 
besonders  häufig  auftretenden  Herpes  corneae  gelingt  eine 
Heilung  der  Erkrankung  nur  ausnahmsweise  durch  die  parenterale 
Milch-  oder  Terpentintherapie,  wenn  auch  gelegentlich  eine  deut¬ 
liche  Besserung  zu  verzeichnen  ist. 

Gegen  die  Keratitis  parenchymatosa  ist  das  Terpentin 
ebenso  wirkungslos  wie  die  Milch.  Dasselbe  gilt  von  den  pan- 
nösen  Prozessen,  sowohl  dem  Pannus  scrophulosus, 


wie  dem  Pannus  trachomatosus.  Dagegen  sind  wieder  die 
Trachomgeschwüre  der  Horn  ha  u  t  sehr  günstig  durch 
das  Terpentin  zu  beeinflussen,  wie  ich  es  in  zwei  l  allen  beobachten 

konnte.  ... 

Im  Gegensatz  zu  der  guten  Wirkung  des  1  erpentins  bei  den 
Entzündungen  des  vordersten  Augenabschnittes  erleben  wir  bei  den 
primären  und  sekundären  Entzündungen  der  Regenbogenhaut  und 
des  Corpus  ciliare  häufiger  Versager.  Unter  18  Fällen  sah  ich  nur 
zweimal  eine  rasche  Heilung  eintreten.  Das  eine  Mal  bei  einer 
frischen  Iritis  mit  Hypopyon  durch  zwei  Injektionen,  das  andere  Mal 
ebenfalls  bei  einer  akuten  Iritis  durch  5  Injektionen  in  14  I  ageii.  In 
6  anderen  Fällen  war  die  Besserung  nur  geringfügig,  in  den  übrigen 
10  Fällen  trat  überhaupt  keine  Wirkung  ein.  Hier  ist  zweifellos  die 
parenterale  Proteinkörpertherapie  dem  Terpentin  ganz  erheblich 
überlegen.  Immerhin  kann  man  namentlich  in  der  ambulanten  Praxis 
einen  Versuch  mit  dem  Terpentin  machen. 

Bei  den  ülaskörpertrübungen  haben  wir  Erfolge  weder  durch 
Milch,  noch  durch  Terpentin  beobachten  können.  Hier  hat  sich  auch 
uns  die  zur  Nedden  sehe  Absaugung  in  manchen  Fällen  über¬ 
raschend  bewährt. 

Die  retinalen  und  chorioidealen  Entzündungen  (16  Fälle),  die  wir 
der  parenteralen  'Therapie  mit  Milch  und  Terpentin  unterworfen 
haben,  bieten  ein  sehr  widerspruchsvolles  Bild.  In  manchen  P allen 
wirkt  keins  von  beiden,  in  anderen  wiederum  nur  die  Milch  oder  das 
Terpentin,  in  einer  dritten  Gruppe  dagegen  beide  Mittel.  Nicht  selten 
besserte  sich  die  Sehschärfe,  ohne  dass  sich  der  objektive  Befund 
änderte.  So  sah  ich  bei  einem  Fall  von  Retinitis  centralis, 
in  dem  die  Milchbehandlung  ohne  jede  Wirkung  war,  durch  8  'Ter¬ 
pentinspritzen  die  Sehschärfe  sich  von  Fingerzählen  in  2  m  auf 
Fingerzählen  in  4  m  bessern.  In  einem  Fall  von  Chorioiditis 
disseminata,  bei  dem  ebenfalls  vorher  die  Milch  ohne  Erfolg 
angewandt  war,  stieg  die  Sehschärfe  durch  5  I  erpentinspritzen  auf 
dem  einen  Auge  von  Fingerzählen  in  1  m  auf  °.i8,  auf  dem  anderen 
Auge  von  8/ 24  auf  0/s.  Mehrmals  wurde  mir  bei  Chorioiditis 
eine  subjektive  Besserung  des  Sehvermögens  angegeben,  ohne  dass  ; 
sich  die  Sehschärfe  selbst  gehoben  hätte.  Eine  eigenartige  Beobach¬ 
tung,  für  die  ich  eine  Erklärung  nicht  zu  geben  vermag,  haben  wir 
in  einem  Fall  von  Myopia  magna  von  10  bzw.  9  Dioptr.  gemacht. 
Nach  13  ccm  Terpentin  besserte  sich  die  Sehschärfe  rechts  von  */» o 
auf  6'm,  links  von  6Ai a  auf  °/i8.  Auch  bei  der  Retinitis  albumi¬ 
nurica  kann  durch  die  Terpentinbehandlung  ebenso  wie  es 
Schmidt  und  Heine  durch  die  Milchtherapie  gesehen  haben,  eine 
Besserung  der  Funktionen  ohne  wesentliche  Aendcrung  im  ophthal¬ 
moskopischen  und  im  Nierenbefund  eintreten.  So  sah  ich  z.  B.  in 
einem  Fall  die  Sehschärfe  von  */«  auf  dem  einen  und  °/ is  auf  dem 
anderen  Auge  sich  auf  e/s  in  einem  Tage  durch  eine  Terpentinspritze 
bessern  und  sich  unter  weiterer  Behandlung  auf  dieser  Höhe  halten. 
In  diesem  Fall  hatte  die  Milch  vollkommen  versagt. 


Wie  launenhaft  gelegentlich  die  Wirkung  der  Terpentininjektionen 


so  dass  sich  der  Kranke  für  geheilt  hielt.  Nach  einigen  Tagen  trat 
jedoch  ein  Rezidiv  auf.  das  trotz  fortgesetzter  Terpentinbehandlung 
und  anderer  Mittel  schliesslich  zur  vollständigen  Amaurose  führte.  1 

Es  ergibt  sich  also,  dass  auch  bei  den  entzündlichen  Er¬ 
krankungen  der  Retina  und  Chorioidea  ein  Versuch 
mit  dem  Terpentin  gemacht  werden  kann,  der  in  manchen  Fällen  von 
Erfolg  sein  wird. 

Die  von  uns  behandelten  Optikusentzündungen  blieben 
ebenso  wie  gegen  Milcheinspritzungen  so  auch  gegen  das  Terpentin 
vollkommen  refraktär.  Allerdings  handelte  es  sich  hier  nur  um  i 
wenige  (3)  Fälle. 

Diese  kurze  Zusammenfassung  unserer  Erfahrungen  zeigt,  dass 
wir  in  dem  Terpentin  ein  wertvolles,  besonders  für  die  ambulante  I 
Praxis  geeignetes  Mittel  gewonnen  haben,  das  in  vielen  Fällen  die 
parenterale  Milchbehandlung  ersetzen  kann  und  vielfach  auch  dort 
noch  wirksam  ist,  wo  diese  versagt  hat.  Anderseits  begegnen  wir 
aber  auch  bei  der  Terpentinbehandlung  nicht  selten  vollständigen 
Fehlschlägen,  für  die  wir  eine  Erklärung  zum  Teil  nicht  zu  geben 
vermögen. 

Aus  dem  Physiologischen  Institut  der  Universität  (messen. 

Ueber  eine  einfache  Regel  zur  Voraussage  von  Blutwerten. 

Von  Prof.  Dr.  K.  13  ü  r  k  e  r -  Giessen. 

Für  den  Praktiker  wird  es  nicht  unerwünscht  sein,  aus  der  Zahl 
der  roten  Blutkörperchen  den  absoluten  Hämoglobingehalt  des  Blu¬ 
tes  oder  umgekehrt  aus  dem  Hämoglobingehalt  die  Blutkörperchen- 
zahl  Voraussagen  zu  können.  Es  lässt  sich  dies,  zunächst  normale 
Verhältnisse  und  menschliches  Blut  vorausgesetzt,  auf  folgende  ein¬ 
fache  Art  erreichen. 

Angenommen,  die  Blutkörperchenzahl  (Erythrozytenzahl,  E-zaiil) 
betrage  4,82  Millionen,  so  erhält  man  den  normalerweise  zu  erwar¬ 
tenden  absoluten  Hämoglobingehalt  in  g  für  100  ccm  Blut  (Hb-gcha.lt) 
durch  Multiplikation  von  4,82  mit  3,  also  abgekürzt  14,5  g.  Kennt  man 
dagegen  den  Hb-gehalt,  er  sei  zu  15,60  g  bestimmt  worden,  so  ergibt 
sich  die  zugehörige  E-zahl  durch  Division  von  15,60  durch  3,  also 
5,2  Millionen.  Bei  eingehenden  Untersuchungen  hat  sich  nämlich  her- 


31.  August  1023. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


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ausgestellt,  dass  unter  normalen  Verhältnissen  die  E-zalil  und  der 
Hb-gehalt  von  Person  zu  Person  zwar  stark  schwanken  kann,  dass 
beide  Werte  aber  in  gleichem  Sinne  schwanken,  so  dass  doch  der 
Ouotient  Hb  -  geh  alt  in  der  Volumeneinheit  Blut 
E-zahl  in  der  Volumeneinheit  Blut 
also  der  mittlere  absolute  Hämoglobingehalt  eines  Erythrozyten 
Hbi:-  gehalt),  konstant  bleibt  und  30 *  *  10  J2  beträgt1)- 

Die  obengenannte  Regel  gilt  auch  für  eine  Reihe  pathologischer 
'alle,  sofern  nur  der  Färbeindex  bzw. der  HbR-gehalt  normal  ist,  was 
Jurcli  eine  einfache  Bestimmung  der  Senkungsgeschwindigkeit  der 
Erythrozyten  in  Hayemscher  Lösung  zu  ermitteln  ist,  worüber  Herr 
Dr.  B.  Behrens  demnächst  an  dieser  Stelle  berichten  wird. 

Ausdrücklich  betone  ich,  dass  es  sich  bei  Anwendung  dieser 
einfachen  Regel  nur  um  Schätzungen,  die  aber  doch  von  Nutzen 
sind,  handeln  kann. 

ln  ähnlicher  Weise  kann  auch  bei  Schätzungen  von  Blutwerten 
der  Laboratoriumstiere  verfahren  werden*  nur  hat  man  statt  der  Zahl 
3  beim  Hunde  die  Zahl  2,4,  beim  Kaninchen  die  Zahl  2  und  bei  der 
weissen  Ratte  die  Zahl  1,8  in  analoger  Weise  zu  verwenden.  Ein 
Hund  mit  6,59  Millionen  Erythrozyten  hat  also  voraussichtlich  einen 
Hb-gehalt  von  6,59  •  2,4  =  15,S  g  in  100  ccm  Blut,  und  eine  weisse 
Ratte  mit  einem  Hb-gehalt  von  14,98  g  weist  schätzungsweise 
14,98 j  1,8  =  8,3  Millionen  Erythrozyten  auf. 

Es  ist  wohl  nicht  ohne  Interesse,  dass  nach  unseren  absoluten 
Bestimmungen  beim  Menschen  zurzeit  die  E-zahl  und  der  Hb-gehnlt 
geringer  ist  als  vor  dem  Kriege,  dass  aber  der  HbR-gehalt  mit 

'0  •  10  bzw.  der  Färbeindex  ziemlich  der  gleiche  geblieben  ist: 
an  diesem  wichtigen  Werte  wird  also  'offenbar  zäher  festgehalten. 


Die  Spuren  des  elektrischen  Starkstromes  in  der  Haut*  . 

Von  Prof-  Dr.  Q.  Riehl  in  Wien. 

Die  Veränderungen,  welche  an  der  Haut  durch  Einwirkung  -von 
Starkströmen  hervorgerufen  werden,  sind  schon  durch  ihre  stei¬ 
gende  Häufigkeit  für  die  Aerzte  von  Interesse;  sie  haben  aber  merk¬ 
würdigerweise  gerade  von  seiten  der  Kliniker  und  speziell  Derinato- 
ogen  noch  nicht  die  gebührende  Beachtung  gefunden.  In  der  Lite¬ 
ratur  finden  wir  fast  ausschliesslich  Arbeiten  von  pathologischen  und 
gerichtlichen  Anatomen,  die  sich  mit  dieser  Frage  beschäftigen.  Und 
m  ist  auch  die  Deutung  der  elektrischen  Schädigungen  hauptsächlich 
von  Anatomen  unternommen  worden.  Die  einen  bezeichnen  sie  als 
.‘igenartige  Verletzungen,  andere  als  identisch  mit  gewöhnlichen  Ver¬ 
brennungen.  Für  ihre  Eigenart  ist  vor  allem  Jellinek  eingetreten, 
ler  sich  seit  zwei  Jahrzehnten  mit  dem  Problem  der  elektrischen 
Schädigungen  beschäftigt  und  von  dem  auch  die  Bezeichnung  „Strom- 
narke“  herrührt,  welche  wir  im  folgenden  beibehalten  wollen.  Ihm 
;chliesst  sich  der  holländische  Forscher  Mieremet  an,  während 
lessen  Landsmann  Holst  und  auch  Schridda  die  elektrischen 
Schädigungen  der  Haut  für  gewöhnliche  Verbrennungen  erklären. 

Zur  Beurteilung  dieser  Frage  genügt  aber  der  pathologisch-ana- 
omische  Befund  allein  ebensowenig,  als  etwa  der  Nachweis  tuberku- 
joiden  Gewebes  für  die  klinische.  Diagnose  eines  tuberkulösen  Haut- 
eidetis  genügt.  Die  Kliniker  halten  mit  Recht  die  so  verschiedene  rti- 
ten  Bilder  der  Hauttuberkulose  auseinander  und  begnügen  sich  nicht 
nit  der  anatomischen  und  ätiologischen  Diagnose  „Hauttuberkulose“. 
Vlan  müsste  es  als  einen  groben  Fehler  bezeichnen,  wenn  eine  miliare 
lauttuberkulose  auf  Grund  des  histologischen  Befundes  mit  einem 
-upus  vulgaris  oder  einem  Tuberkulid  verwechselt  würde.  Ich 
nöchte  hier  einen  Ausspruch  Virchows  in  Erinnerung  bringen: 
.Das  Tote  allein  gibt  uns  keinen  Aufschluss  über  das  Lebendige.“ 

Bei  den  elektrischen  Verletzungen  handelt  es  sich  ausserdem 
un  eine  bekannte  Energie,  die  nicht  bloss  in  der  Form  von  Wärme 
■ich  äussert.  Inwieweit  die  chemische,  dynamische,  Licht-Wirkung 
ind  andere  Wirkungsarten  der  Elektrizität  bei  elektrischen  Unfällen 
:ur  Geltung  kommen,  ist  heute  nicht  mit  voller  Sicherheit  zu  be- 
•timincn,  da  die  Elektrophysik  noch  manche  Frage  nicht  geklärt  hat. 

Ueber  die  klinischen  Erscheinungen  der  reinen  elektrischen 
/erletzungen  sind,  abgesehen  von  den  Beobachtungen  J  e  1 1  i  n  e  k  s, 
lirgends  genauere  Angaben  zu  finden.  Jellinek  hat  über  700  clek- 
rische  Unfälle  beobachtet  und  mich  vor  Jahren  angeregt,  die  elektri- 
chen  Schäden  am  Lebenden  zu  studieren. 

Ich  möchte  mir  deshalb  erlauben.  Ihnen  hier  —  soweit  es  in  der 
uirzen  Zeit  möglich  ist  —  die  klinischen  Charaktere  der  „Strnn- 
narke“  zu  beschreiben  und  zu  illustrieren. 

Vorerst  sei  bemerkt,  dass  die  Schädigung  des  Allgemeinorgunis- 
nus,  ev.  der  Tod  durch  Verbrennung,  bekanntlich  von  der  Ausb-ei- 
ung  der  Verbrennung  abhängt.  Die  Verbrennung  ausgedehnter  Haut- 
lächen  tötet  durch  Resorption  von  Abbauprodukten  aus  den  \er- 
etzten  Hautanteilen  nach  Stunden  und  Tagen.  Der  elektrische  Stnrk- 
trom  kann  töi^ich  wirken  bei  minimalen  Erscheinungen  an  der  Haut; 
’ie  Elektrizität  bewirkt  nicht  auf  dem  Wege  einer  Vergiftung,  son- 
lern  durch  die  eigene  Energie  meist  plötzlich  den  Tod. 

’)  K.  Bürker:  Das  Gesetz  der  Verteilung  des  Hämoglobins  auf  die 
»berfläehe  der  Erythrozyten.  Pflügers  Arch.  1922.  195,  516. 

*)  Vortrag,  gehalten  am  Kongress  der  deutschen  Dermatologen,  München, 

lai  1923. 


Versuchen  wir  die  elektrischen  Hautschädigungen  analog  den 
Hitzeverbrennungen  nach  Graden  zu  ordnen,  so  sehen  wir  sofort 
einen  fundamentalen  Unterschied.  Die  reine  elektrische  Wirkung  ruft 
niemals  Hyperämie  und  Exsudation  hervor  —  dem  I.  und  II.  Grade 
der  Verbrennung  analoge  elektrische  Strommarken  gibt  es  nicht. 
Stärkere  Erytheme  oder  mit  Serum  gefüllte  Blasen  sind  immer  durch 
gleichzeitige  Einwirkung  von  hohen  Temperaturen  von  aussen  her 
bedingt.  Eine  klinische  Aehnlichkeit  zeigen  also  die  Strommarken 
nur  mit  Verbrennungen  III.  Grades  (Nekrose). 

Während  bei  III  gradigen  Verbrennungen  regelmässig  kurze  Zeit 
nach  der  Einwirkung  der  Hitze  um  den  verschorften  Hautanteil  starke 
Hyperämie  und  Blasenbildung  eintritt,  fehlt  Rötung  bei  Strommarken 
tagelang  bis  zu  Wochen  oder  während  des  ganzen  Verlaufs,  und 
Serumblasenbildung  tritt  niemals  ein. 

Bei  elektrischen  Unfällen  sind  sehr  häufig  an  den  Verände¬ 
rungen  der  Haut  elektrische  Strom-  und  Flammenwirkung  von  aussen 
her  kombiniert  beteiligt,  und  zwar  dadurch,  dass  entweder  Klei¬ 
dungsstücke  in  Brand  geraten  oder  Lichtbogen-  und  Funkenbildung 
auftritt,  welch  letztere  Verbrennungen  gewöhnlicher  Art  erzeugen. 
Dadurch  wird  das  Bild  der  reinen  elektrischen  Strommarke  ver¬ 
wischt  und  an  der  Leiche  kaum  mit  Sicherheit  gegeneinander  ab- 
grenzbar;  auch  der  Heilungsverlauf  wird  ein  ähnlicher  wie  bei  ge¬ 
wöhnlichen  Verbrennungen. 

Ein  auffallendes  Unterscheidungsmerkmal  liegt  im  Verhalten  der 
im  Bereich  der  Strommarke  liegenden  Haare.  Selbst  bei  bis  in  die 
Subkutis  reichender  Nekrose  bleiben  Lanugo  oder  stärkere  Haare 
!  erhalten,  werden  nicht  vermengt,  während  bei  der  Einwirkung  hoher 
Temperaturen  von  aussen  her,  wie  sie  zur  Erzeugung  von  Nekrosen 
bei  Verbrennungen  III.  Grades  einwirken  müssen,  die  Haare  immer 
zerstört  werden. 

Das  subjektive  Symptom  des  Schmerzes,  welches  Verbren- 
j  nungen  in  hohem  Grade  hervorrufen,  fehlt  bei  einen  Strommarken 
;  völlig  oder  ist  in  ganz  geringem  Grade  ausgeprägt.  Es  gibt  Fälle, 
in  welchen  von  Starkstrom  getroffene  Menschen  erst  abends  beim 
j  Entkleiden  durch  Löcher  in  ihren  Kleidern  darauf  aufmerksam  wer- 
1  den,  dass  sie  an  ihrer  Haut  Strommarken  tragen;  in  solchen  Fällen 
j  zeigen  Wäsche  und  Kleidungsstücke  an  den  Rändern  der  meist  kreis- 
|  förmigen  Löcher  keine  Spur  von  Versengung  oder  Verkohlung. 

Auch  der  Verlauf  und  die  endliche  Abstossung  der  Strom¬ 
marke  weicht  von  dem  der  Verbrennungen  ab  durch  das  Fehlen  von 
entzündlicher  Hyperämie  und  Exsudation,  durch  die  geringe  Schmerz¬ 
haftigkeit,  durch  das  beinahe  vollständige  Fehlen  von  Eiterung 
und  konsekutiven  septischen  Symptomen. 

Bei  Strommarken  intensiverer  Art  und  Ausdehnung  ver- 
grössert  sich  ferner  die  Nekrose  im  weiteren  Verlauf  häufig  ganz 
bedeutend,  so  dass  anfänglich  gut  vaskularisierte  und  in  der  Sensi¬ 
bilität  normale  Hautpartien  der  Nachbarschaft  nach  1—2  Wochen  erst 
der  Nekrose  anheimfallen  können  —  eine  Erscheinung,  wie  sie  uns 
von  den  Erfrierungen  her  bekannt  ist  und  an  die  Röntgen¬ 
wirkung  erinnert. 

Die  Narben  nach  Strommarken  sind  immer  glatt  und  geschmei¬ 
dig,  während  Verbrennungsnarben  zu  Hypertrophie  neigen. 

Das  Bild  der  reinen  Strommarken  ist  übrigens  selbst  sehr  vari¬ 
abel,  abhängig  von  Stromstärke  und  -Spannung  und  von  der  Dauer 
der  Einwirkung,  sowie  von  der  Ausdehnung,  Gestalt  und  Form  der 
Kontaktstelle  zwischen  Leiter  und  Haut. 

Am  raschesten  wird  eine  Uebersicht  über  ihre  Formen  durch  Fin- 
teilung  in  Kategorien  gegeben  werden  können.  Wir  wollen  ganz  un¬ 
verbindlich  4  auffällige  Typen  unterscheiden,  der  Intensität  der 
Stromwirkung  entsprechend: 

I.  Ganz  oberflächliche  Strommarken,  die  nur  die  Epi¬ 
dermis,  ev.  die  Papillarschicht  betreffen,  ohne  Defekt. 

Sie  zeigen  eben  sichtbare  Grösse,  bis  4  oder  5  mm  Durchmesser, 
sind  meist  kreisrund,  elliptisch  oder  strichförmig.  Sie  bilden  scharf 
begrenzte  Veränderungen  der  Oberhaut  von  grauer  oder  graugeib- 
licher  Verfärbung  und  harter  Konsistenz;  sie  liegen  gewöhnlich  etwas 
unter  das  Hautniveau  eingesunken,  seltener  leicht  prominierend.  und 
werden  häufig  von  einem  fahlweissen  Saum  umrandet.  Nach  2-3- 
wöchentlichem  Bestand  hebt  sich  ohne  Zeichen  einer  entzündlichen 
Reaktion  die  Platte  vom  Rande  her  ab,  hinterlässt  keine  Spur  oder 
nur  eine  ganz  seichte  narbige  Depression. 

II.  Die  zweite  Form  ist  erosionsähnlich,  die  Epidermis 
fehlt  teilweise  oder  ganz,  erscheint  manchmal  in  Form  von  gas¬ 
haltigen  Blasen  abgehoben.  Das  nässende  Rete  Malpighi  liegt 
zutage,  bedeckt  sich  mit  einer  dünnen,  lackartigen  Kruste.  Die  Aus¬ 
dehnung  dieser  Strommarken  ist  erheblich  grösser,  erreicht  mehrere 
Zentimeter  Durchmesser.  Ihre  Grenzen  sind  immer  scharf,  ohne  Ery¬ 
themsaum,  dagegen  öfter  von  weissem  Hof  umgeben.  Die  Konsistenz 
nicht  erheblich  erhöht.  Ihre  Form  meistens  schcibig  oder  streifen¬ 
förmig;  es  kommen  auch  unregelmässige  Figuren,  die  der  Kontakt¬ 
fläche  mit  dem  elektrischen  Leiter  entsprechen,  vor.  Zuweilen  sieht 
man  die  Oberhaut  eine  Zeitlang  in  Blasenform  abgehoben,  das  Kavum 
enthält  niemals  Flüssigkeit.  Auch  diese  Strommarken  können  nach 
2 — 3  Wochen  mit  Restitutio  ad  integrum  abheilen,  in  vielen  Fällen 
wird  aber  der  obere  Anteil  der  Kutis  nekrotisch  und  nach  Abstossung 
des  Schorfes  durch  flache  Narben  ersetzt. 

III.  Tief  nekrotische  Strommarken.  Bei  dieser 
Form,  welche  hauptsächlich  dann  entsteht,  wenn  eine  längerdauernde 
Berührung  mit  dem  stromführenden  Leiter  stattgefunden  hat,  ist  die 


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MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  .34  35. 


Ausdehnung  oft  sehr  beträchtlich,  z.B.  die  ganze  Beugeflache  der 
Hand  einnehmend.  Die  Weichteile  sind  schon  unmittelbar  nach  dem 
elektrischen  Trauma  in  nekrotische  Massen  umgewandelt.  Von  der 
Epidermis  ist  meist  keine  Spur  mehr  zu  finden,  die  Verschorfung  be¬ 
trifft  die  ganze  Kutis,  die  unterliegenden  Weichteile,  ja  selbst  den 
Knochen  Sie  präsentiert  sich  als  graue  harte,  nekrotische  Masse,  uie  , 
häufig  zerklüftet,  selten  verkohlt  erscheint.  Auch  bei  dieser  mächtigen  , 
Verletzung  fehlen  Zeichen  der  Hyperämie  und  Exsudation. 

IV  Schussähnliche  Strommarken;  diese  selten  vor¬ 
kommende  Form  weist  wie  durch  eine  Gewehrkugel  hervorgerufe.ie, 
scharf  begrenzte,  senkrecht  in  die  Tiefe  reichende  röhrenförmige 
Defekte  auf,  die  sich  zuweilen  in  den  tieferen  Gewcbsschichten  scharf 
abbiegen.  Manchmal  erscheint  sie  in  Gestalt  eines  Spaltes,  wie  eine 
durch  Axthieb  gesetzte  Verletzung.  Die  fast  glatten  Wände  dieser 
Defekte  erweisen  sich  als  nekrotisch,  aber  nur  selten  oberflächlich 
verkohlt.  Das  Gewebe  ist  im  Moment  der  Stromeinwirkung  vergast 

worden.  tt  ...  , 

Aehnliche  Bilder  geben  die  Stromaustrittsstellen.  Alle  4  ange¬ 
führten  Typen  von  Strommarken  finden  sich  bei  U eberlebenden  sowie 
bei  durch  den  elektrischen  Strom  Getöteten.  (Demonstration  von 
farbigen  Bildern.) 

Klinisch  verhalten  sich  demnach  reine  Strommarken  durenaus 
nicht  identisch  mit  Verbrennungen  und  müssen  \on 
Dermatologen  ebenso  differenziert  werden  wie  z.B.  die  verschiedenen 
Formen  der  Hauttuberkulose.  Uebrigens  ist  genauen  Beobachtern, 
wie  J  e  1 1  i  n  e  k,  K  o  1  i  s  k  o,  H  a  b  e  r  d  a,  auch  am  Leichenmatenal 
die  Eigenartigkeit  der  elektrischen  Verletzungen  immer  aufgefallen. 

Die  histologische  Untersuchung,  auf  die  ich  hier  nicht  näher 
eingehen  kann,  ergab  fast  allen  Forschern,  die  sich  damit  beschäf¬ 
tigt  haben,  wie  auch  uns  eine  auffallende  Aehnlichkeit  der  Gewebs¬ 
veränderungen  mit  jenen  Verbrennungen,  die  durch  EinwirKuig 
hoher  Temperaturen  entstehen  und  auch  künstlich  an  lebender  wie 
toter  Haut  erzeugt  werden  können.  Dieses  Bild  von  Verbrennungen 
ist  aber  den  Dermatologen  durchaus  kein  neues  und  unbekanntes;  es 
ist  in  den  60er  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts  durch  Biesia- 
decki  zuerst  beschrieben  und  in  seiner  Histopathologie  von  Unna 
vor  30  Jahren  eingehend  studiert;  ich  kann  hinzufügen,  dass  es  sich 
auch  bei  manchen  Verätzungen  ganz  ähnlich  vorfindet. 

Ich  möchte  hierzu  noch  bemerken,  dass  auch  histologisch  zwi¬ 
schen  beiden  Ursachen  der  Hautnekrose  (Hitzeverbrennung  und  elek¬ 
trischer  Strom)  bei  genauer  Untersuchung  Differenzen  sich  nach- 
weisen  lassen.  Diese  bestehen  hauptsächlich  darin,  dass  die  charak¬ 
teristische  Ausziehung  der  weichen  Epidermiszellcn  zu  fädiger  Form 
bei  den  Kauterisationen  in  einer  Richtung  liegen,  welche  vom  Punkte 
der  Einwirkung  der  Hitze  radienförmig  ausstrahlt.  Bei  den  elektri¬ 
schen  Strommarken  dagegen  finden  sich  diese  Zellbündel  häufig  in 
sehr  verschiedener  Richtung  verlaufend,  oft  wirbelförmig  angeordnet. 
Während  bei  den  Kauterisationen  die  Veränderungen  auf  den  Ort 
der  Hitzeapplikation  beschränkt  auftreten,  finden  wir  bei  Strom¬ 
marken  oft  in  grösserer  Entfernung  und  Tiefe,  an  Stellen,  an  welchen 
das  umgebende  Gewebe  vollständig  normal  erscheint,  an  der  äusseren 
Wurzelscheide  der  Haare  und  an  den  Schweissdrüsen  die  charak¬ 
teristischen  Umwandlungen  der  Stachelzellen,  Gasblasenbildung  vsw. 
Ich  muss  bezüglich  genauerer  Details  auf  die  bevorstehende  ausführ¬ 
liche  Publikation  verweisen  (Demonstration  von  histologischen 
Bildern). 

Schon  von  J  e  1 1  i  n  e  k  wurde  wiederholt  der  Gedanke  ausge¬ 
sprochen,  dass  die  histologischen  Veränderungen  der  Strommarken 
dem  Einfluss  von  Wärme  ihre  Entstehung  verdanken,  und  zwar  jener 
Wärme,  die  dem  Widerstand  des  Elektrizitätsleiters  entsprecnend 
sich  im  durchströmten  Objekt  entwickelt,  das  ist  die  Joule  sehe 
Wärme.  Zwischen  Verbrennungen  gewöhnlicher  Art  und  Veränderun¬ 
gen  durch  J  o  u  1  e  sehe  Wärme  besteht  der  prinzipielle  Unterschied, 
dass  die  erstere  von  aussen  her  einwirkend  allmählich  gegen  die 
Tiefe  zu  an  Intensität  abnimmt,  den  Wärmeleitungsgesetzen  ent¬ 
sprechend,  während  die  .1  o  u  1  e  sehe  Wärme  erst  in  den  einzelnen  Ge- 
webselementen,  welche  als  Leiter  fungieren,  durch  den  vorhandenen 
Widerstand  entstehend,  in  ganz  andersartiger  Verteilung  die  Ver¬ 
änderungen  bis  zur  Nekrose  (wahrscheinlich  durch  Wärmewirkung) 
setzt.  Daher  erklärt  es  sich,  dass  bei  reinen  Strommarken  die  sonst 
so  leicht  versengbaren  Haare  unverletzt  bleiben.  Denn  der  vom 
Verletzten  berührte  stromführende  Draht  z.  B.  wird  ja  auch  im  Mo¬ 
ment  des  Stromübertrittes  nicht  erhitzt.  Und  so  erklärt  es  sich 
ferner,  dass  die  Richtung  der  in  die  Länge  gezogenen  Retezellen,  der 
Stromverteilung  im  Gewebe  entsprechend,  unregelmässig  wird  und 
solche  Veränderungen  in  abseits  gelegenen  Haaren  und  Drüsen  ge¬ 
funden  werden  können,  dass  weiters  bei  den  schussförmigen  Strom¬ 
marken  die  Defekte  winkelig  abbiegen  usw.  Die  Anordnungen  dieser 
Zellveränderungen  im  histologischen  Präparat  sind  als  die  Wegspuren 
des  elektrischen  Starkstroms  im  Organismus  anzusehen. 

Die  Aetiologie  der  Strommarke,  die  elektrische  Energie,  ist  uns 
als  von  der  hohen  Temperatur  wesentlich  verschieden  bekannt,  und 
es  wäre  schon  aus  diesem  Grunde  unzweckmässig,  für  die,  wenn 
auch  einander  ähnlichen  Gewebsalterationen  denselben  Namen  zu 
gebrauchen.  Da  wir  aber  auch  im  histologischen  Bilde  wesentlicne 
Differenzen  finden  und  in  den  klinischen  Erscheinungen  nur  fallweise 
eine  äusserliche  Aehnlichkeit  vorhanden  ist,  die  aber  bei  Beobachtung 
am  Lebenden  weitgehende  Unterschiede  in  den  Erscheinungsformen, 
ganz  besonders  im  Verlauf,  in  der  Prognose  und  in  der  Abheilung 


zeigt,  müssen  wir  als  Dermatologen  auf  einer  strengen  Abtrennung 
der  elektrischen  Verletzungen  von  den  Verbrennungen  gewöhnlicher 
Art  bestehen  und  wollen  auch  fernerhin  den  Ausdruck  „Strommarke 
als  Bezeichnung  für  die  an  Ein-  und  Austrittsstellen  des  elektrischen 
Stromes  entstehenden  Veränderungen  der  Haut  festhalten. 


Aus  der  Universitäts-Kinderklinik  in  Graz. 

(Vorstand:  Prof.  Dr.  Franz  Hamburger.) 

Ueber  die  Infektiosität  der  Säuglingstuberkulose. 

Von  Dr.  Alois  Bratusch-Marrain.  Sekundärarzt. 

In  den  letzten  Jahren  konnten  Hamburger  und  seine  Mit¬ 
arbeiter  Peyrer,  Müllegger  und  D  i  e  1 1  in  einer  Reihe  von 
Fällen  Zeitpunkt  und  Art  der  Tuberkuloseinfektion  ziemlich  genau 
beobachten,  auch  Schloss  hat  eine  derartige  Beobachtungsreihe 
veröffentlicht.  In  all  diesen  Fällen  ist  der  Forderung,  dass  bei  den 
Infizierten  die  vorherige  Tuberkulosefreiheit  festgestellt  ist.  Genüge 
geleistet,  doch  kommen  in  diesen  Fällen  als  Infiziens  durchwegs  Er¬ 
wachsene  in  Betracht.  Beobachtungen,  in  denen  die  Infektion  von 
einem  Säugling  ihren  Ausgang  genommen  hat,  stammen  von 
Gutowsky  und  Klotz,  doch  weisen  die  Beobachtungen  der  bei¬ 
den  Autoren  in  wichtigen  Punkten  schwere  Lücken  auf,  so  dass  ihr 
Wert  dadurch  stark  in  Frage  gestellt  wird. 

Wir  hatten  nun  in  der  letzten  Zeit  Gelegenheit  zu  zwei  Be¬ 
obachtungsreihen,  die  für  die  Frage  der  Infektiosität  der  Säuglings¬ 
tuberkulose  manches  Bemerkenswerte  bieten,  und  deren  Veröffent¬ 
lichung  daher  berechtigt  erscheint. 

B  e  o  b.  1.  Der  4X>  Monate  alte  R.  L.  wurde  am  13.  VIII.  22  unter  dem 
Bilde  einer  schweren  akuten  Gastroenteritis  auf  die  Säuglingsabtcilung  auf- 
genommen.  Lungen  o.  B.,  am  22.  VIII.  gesellten  sich  dazu  Erscheinungen 
einer  Lungeninfiltration  im  rechten  Unterlappen.  Tuberkulin  am  24.  VIII.  nega¬ 
tiv,  erst  am  II.  IX.  positiv.  Körpergewicht  seit  der  Aufnahme  konstant  ab¬ 
nehmend.  Am  21.  IX.  Tuberkulin  wieder  negativ,  dagegen  fanden  sich  im 
Sputum  grosse  Mengen  von  Tuberkelbazillen.  Das  Kind  wurde  nun  auf  die 
Tuberkulosenabteilung  verlegt,  wo  es  nach  wenigen  Tagen  starb. 

Die  Obduktion  ergab:  azinös-produktive  Phthise  der  ganzen  Lunge,  Pleu¬ 
ritis  tuberculosa,  jedoch  keine  ulzerösen  Lungenprozesse.  Als  vermutliches 
Infiziens  konnte  nachträglich  der  Kindesvater  festgestellt  werden. 

Von  den  gleichzeitg  auf  der  Abteilung  befindlichen  21  Kindern  konnten 
11  durch  längere  Zeit  (mindestens  6  Wochen,  die  meisten  durch  mehrere 
Monate)  beobachtet  werden.  Sic  alle  erwiesen  sich  bei  den  regelmässigen 
ruberkulinuntersuchungen  bis  zur  Entlassung  als  nicht  infiziert.  Allerdings 
konnten  in  diesem  Falle  die  unmittelbaren  Bettnachbarn  des  R.  L.  nicht  be¬ 
obachtet  werden,  da  sie  nach  kurzer  Zeit  starben,  bevor  sich  bei  ihnen  eine 
Tuberkulinetiipöndlichkeit,  bzw.  klinische  oder  pathologisch-anatomische 
tuberkulöse  Veränderungen  entwickeln  konnten. 

B  e  o  b.  2.  St.  Wr.,  14  Tage  alte  Frühgeburt  wurde  am  8.  XL  22  aui 
dieselbe  Abteilung  aufgenommen.  Gewicht  1560  g,  Lunge  o.  B. ;  in  der  Folge 
sehr  schlechte  Gewichtszunahme,  Ende  November  trat  an  den  Fusssohlen 
ein  luetisches  Exanthem  auf,  ferner  über  den  Lungen  diffuses  Rasseln,  das  auf 
eine  Bronchopneumonie  zurückgeführt  wurde.  Eine  Tuberkulinreaktion  wurde 
nicht  angestcllt.  JJnter  fortschreitendem  Verfall  am  6.  XII.  Exitus. 

Die  Obduktion  ergab:  multiple  käsige  Pneumonien  beider  Lungen,  jedoch 
keine  ulzerösen  Prozesse,  verkäste  tracheobronchiale  und  peritracheale 
Lymphdrüsen. 

Wie  nachträglich  festgestellt  werden  konnte,  war  das  Kind  vermutlich 
von  seinem  Vater  infiziert  worden. 

Ende  Januar  traten  nun  bei  3  Kindern,  die  zeitweise  neben  dem  Kinde 
Wr.  gelegen  hatten,  positive  Tuberkulinreaktionen  auf  und  eines  dieser 
Kinder  starb  auch  kurz  darauf  an  Lungentuberkulose. 

Bei  den  übrigen  Kindern  der  Abteilung,  so  auch  bei  2  Kindern,  die  in] 
demselben  Raum  mit  dem  Kinde  Wr.,  jedoch  etwas  weiter  entfernt  als  die; 
3  erwähnten  Kinder,  gelegen  hatten,  blieb  die  Tuberkulinreaktion  dauernd! 
negativ.  Es  ist  also  mit  Sicherheit  anzunehmen,  dass  die  3  Kinder  von: 
Kinde  Wr.  infiziert  wurden,  besonders  da  das  Pflegepersonal  durch  wieder¬ 
holte  Untersuchungen  einwandfrei  ausgeschlossen  werden  konnte  und  aus-, 
wärtige  Besuche  auf  die  Abteilung  nicht  zugelassen  werden. 

Der  scheinbare  Widerspruch  der  beiden  Beobachtungen  findet 
wohl  darin  seine  Erklärung,  dass  eben  im  ersten  Falle  die  unmittel¬ 
baren  Bettnachbarn  des  R.  L.  nicht  weiter  beobachtet  werden  konn¬ 
ten,  und  die  Infektion  auf  grössere  Entfernungen,  wie  ja  auch  am 
Beob.  2  erhellt,  nicht  möglich  ist.  Es  sind  ja  gewiss  viele  Kindeil 
manchmal  für  ganz  kurze  Zeit  in  die  gefährliche  Nähe  des  R.  L.  ge 
kommen,  doch  war  die  Wahrscheinlichkeit  der  Infektion  bei  diesen 
kurzen  Beisammensein  eben  gering. 

Schwierig  ist  es,  in  unserem  Falle  sich  ein  Urteil  darüber  zu 
bilden,  auf  welchem  Wege  die  Infektion  vor  sich  gegangen  ist.  Da 
Nächstliegende  wäre,  an  eine  Tröpfcheninfektion  im  Sinne  de 
Flug  ge  sehen  Schule  zu  denken,  die  sicherlich  den  häufigsten  ln 
fektionsmodus  darstellt,  doch  erscheint  es  in  Anbetracht  der  grosser 
Schwäche  des  bazillenhustenden  Kindes  etwas  unwahrscheinlich,  das 
dieses  seine  Hustentröpfchen  auf  1  m  Entfernung  verschleudern 
konnte;  immerhin  erscheint  die  Möglichkeit  dieser  Ansteckungsar 
nicht  ausgeschlossen.  Zu  denken  wäre  auch  an  eine  Verbreitung  de- 
Bazillen,  die  vom  Kranken  auf  die  Gegenstände  seiner  unmittelbare 
Umgebung  verstreut  wurden,  mit  dem  von  dort  aufgewirbelten  Stauf 
Doch  erscheint  uns  dieser  Weg  noch  viel  unwahrscheinlicher. 

Jedenfalls  lehren  unsere  Beobachtungen,  dass  auch  ein  gan 
schwacher  Säugling  imstande  ist,  seine  Umgebung  zu  infizieren,  aller 
dings  nur  auf  ganz  kurze  Entfernung,  wie  dies  auch  Hamburgs 
und  M  ii  1 1  e  g  g  e  r  in  einem  Falle  für  ältere  Kinder  wahrscheinlfc 
gemacht  haben. 


31.  August  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1121 


Was  nun  die  Frage  des  Schutzes  gegen  die  Infektionsgefahr  an¬ 
langt,  so  ist  bei  der  Schwierigkeit  der  Diagnose  der  Säuglingstuber¬ 
kulose  die  Anstellung  der  Tuberkulinreaktion  bei  den  neuauf genom¬ 
menen  Kindern  als  wertvolles  Hilfsmittel  zur  rechtzeitigen  Erken¬ 
nung  der  Gefahr  zu  empfehlen,  weiters  die  Isolierung  der  verdächti¬ 
gen  Kinder  mittels  der  seinerzeit  von  Hcubner  empfohlenen 
Schirme,  die  nach  den  oben  auseinandergesetzten  Anschauungen  über 
den  Infektionsmodus  einen  ausreichenden  Schutz  gewähren  dürften. 

Literatur. 

F.  Hamburger:  Die  Tuberkulose  des  Kindesalters.  2.  Aull.  1912.  — 
Derselbe:  Brauers  Beitr.  17.  —  Derselbe  und  Müllegger: 

W.kl.W.  1919  Nr.  2.  —  Dietl:  Brauers  Beitr.  25.  —  Peyrer:  W.kl.W. 
1920  Nr.  23.  —  Schloss:  Jahrb.  f.  Kinderhlk.  1917.  —  Qutowsky: 
Zschr.  f.  Kinderhlk.  1919,  22.  —  Klotz:  M.m.W.  1920,  Nr.  33. 


Beitrag  zur  Jod-Kropfprophylaxe  in  den  Schulen. 

Von  Dr.  med.  Lutz,  Wollmatingen  a.  Bodensee. 

Die  Versuche,  die  in  neuerer  Zeit  durchgeführt  wurden,  um  die 
Möglichkeit  der  Beeinflussung  des  kindlichen  Kropfes  durch  kleinste 
Jodgaben  festzustellen,  sind,  soweit  mir  bekannt  geworden  ist,  fast 
durchweg  zugunsten  dieser  „Jod-Prophylaxe“  ausgefallen  und  haben 
z.  B.  dazu  geführt,  dass  in  der  Schweiz  heute  die  gute  Wirkung 
dieser  Therapie  bereits  als  feststehend  erachtet  und  die  Jodbehand¬ 
lung  infolgedessen  an  der  weitaus  grössten  Mehrzahl  der  Schulen 
durchgeführt  wird. 

Ich  bin  dazu  in  der  Lage,  aus  eigener  Erfahrung  über  Ergebnisse 
zu  berichten,  die  ich  selbst  mit  der  Jod-Kropfprophylaxe  in  unserer 
kropfreichen  Gegend  durchgeführt  habe;  ich  benutzte  dabei  als  Prä¬ 
parat  die  D  i  j  o  d  y  1  kügelchen  der  J.  D.  R  i  e  d  e  1  -  A.-G.,  Berlin, 
welche  0,0065  g  Dijodyl,  d.  h.  nur  0,003  g  Jod,  enthalten  und  sich  auch 
nach  anderen  Autoren  für  den  hier  zu  besprechenden  Zweck  als 
recht  geeignet  erwiesen  haben. 

Meine  Versuche  begannen  am  13.  November  1922,  die  letzte  für 
meinen  Bericht  heranggzogene  Untersuchung  wurde  am  23.  März  1923 
vorgenommen.  Ausgewählt  wurden  Kinder  im  Alter  von  durch¬ 
schnittlich  12  Jahren,  denen  alle  14  Tage  1  Dijodylkügelchen  ver¬ 
abreicht  wurde,  so  dass  jedes  Kind  insgesamt  10  Kügelchen  ver¬ 
brauchte. 

Trotz  oder  vielmehr  infolge  dieser  geringen  Jodmenge  war  eine 
ausgezeichnete  Wirkung  auf  die  Kropfbildung  zu  beobachten;  es 
wurden  genaue  Maasse  festgestellt,  die  nachfolgend  in  einer  Tabelle 
wiedergegeben  seien. 


Fall 

Halsumfang 

Zu-  oder 

13.  Nov.  1922 

23.  März  1923 

Abnahme 

1 

cm 

30 

cm 

29 

cm 

—1 

2 

31 

26,5 

-4,5 

3 

31 

29 

—2 

4 

31 

28 

-3 

5 

30 

28 

—2 

6 

29 

27 

—2 

7 

31 

26 

-5 

8 

29 

27 

—  2 

9 

30 

29 

—i 

10 

32 

31 

— 1 

11 

29 

26,5 

-2,5 

12 

31 

27.5 

—3,5 

13 

30 

27,5 

-2,5 

14 

30 

26,5 

—3,5 

15 

29 

28 

-1 

16 

29 

28 

—1 

Die  vorstehende  Aufstellung  ergibt  deutlich  einen  vollen  Erfolg 
der  eingeleiteten  Massnahmen:  Das  subjektiv  beobachtete  Ver¬ 
schwinden  der  äusseren  Sichtbarkeit  eines  Kropfes  wurde  belegt 
durch  die  objektiv  durch  Messung  bewiesene  Abnahme  des  Halses, 
die  durchschnittlich  2,34  cm  betrug.  Am  deutlichsten  sichtbar  war 
die  Wirkung  der  eingeleiteten  Prophylaxe  bei  den  Fällen  2  und  7, 
wo  das  Maass  des  Halsumfanges  sogar  um  4,5  bzw.  5  cm  zurückging. 

Lediglich  bei  2  aller  behandelten  16  Fälle  ist  ein  vollständiges 
Verschwinden  des  Kropfes  im  Zeitraum  der  Untersuchung  noch  nicht 
erfolgt,  obwohl  auch  in  diesen  Fällen  eine  deutliche  Abnahme  um  je 
1  cm  beobachtet  werden  konnte;  es  handelt  sich  um  die  Fälle  9  und 
10,  bei  denen  die  Behandlung  deshalb  noch  weiter  fortgesetzt  wird. 

Die  16  zu  dem  Versuch  herangezogenen  Kinder  gehörten  sämtlich 
ein  und  derselben  Klasse  an,  welche  im  ganzen  30  Schüler  und  Schü¬ 
lerinnen  umfasste;  alle  16  hatten  vor  Einleitung  der  Prophylaxe 
Kropferscheinungen,  während  nur  die  restlichen  14  völlig  frei  von 
solchen  waren  —  ein  weiteres  Zeichen  dafür,  wie  sehr  der  Kropf 
schon  unter  unserer  Schuljugend  verbreitet  ist  und  eine  eingehende 
und  sorgfältige  Behandlung  verdient. 

Für  uns  waren  die  Ergebnisse  der  hier  wiedergegebenen  Unter¬ 
suchungen.  zumal  dann  auch  in  den  anderen  Klassen  ähnliche  Erfolge 
über  die  Behandlung  des  kindlichen  Kropfes  mit  Dijodylkügelchen 
erzielt  werden  konnten,  ein  Grund  dazu,  diese  Dijodyl-Kropfprophy- 
laxe  auf  erheblich  verbreiterter  Basis  durchzuführen.  Die  Verabrei¬ 
chung  der  Kügelchen  erfolgt  in  dem  angegebenen  Zwischenraum  von 
je  14  Tagen  durch  den  Klassenlehrer,  der  bei  uns  noch  niemals  bei 
den  Kindern  oder  Eltern  auf  irgendwelche  ernsthafte  Widerstände 


gestossen  ist;  wichtig  ist,  dass  die  Behandlung  im  übrigen  i  ber.so 
billig  wie  einfach  ist  und  dass  es  sich  bei  den  von  uns  verwendeten 
Dijodylkügelchen  um  ein  Präparat  handelt,  welches  auch  von  so 
schwierigen  Kranken,  wie  den  Kindern,  als  „wohlschmeckend“  stets 
gern  genommen  wurde. 


Das  Orthometer,  ein  Maassstab  zur  Grössenbestimmung 
des  Herzens  am  Röntgenschatten*). 

Von  Dr.  Lilienstein,  Bad  Nauheim. 

Sogleich  nach  der  Entdeckung  der  Röntgenstrahlen  haben  eine 
Reihe  von  Forschern  (ürunmach,  L  i  c  h  t  h  e  i  m,  Rieder, 
Holzknecht,  Beclere,  de  la  Camp  und  viele  andere)  ihre 
Bedeutung  für  die  Herzuntersuchung  erkannt.  Dabei  sind  die  Schwie¬ 
rigkeiten,  die  sich  der  Beurteilung  der  wahren  Herzgrösse  aus  dem 
Herzschatten  entgegenstellen,  von  vornherein  keineswegs  übersehen 
worden. 

Einen  grossen  Fortschritt  stellte  es  dar,  als  M  o  r  i  t  z  und  Levy- 
Dorn  die  Herzzeichnung  mittels  paralleler,  zum  Leuchtschirm  senk¬ 
rechter  Strahlen,  das  sog.  Orthodiagramm  einführten.  Auch  die 
von  Köhler  angegebenen  Teleröntgen  -  Aufnahmen  hatten  den 
Zweck,  nahezu  parallele  Strahlen  zur  Erzeugung  des  Herzschattens 
zur  Verwendung  zu  bringen. 

Freilich  ist  es  auch  jetzt  noch  unmöglich,  mit  Hilfe  einer  Auf¬ 
nahme  des  Herzschattens  die  Herzgrösse  bis  auf  Millimeter  genau  zu 
ermitteln;  denn  erstens  ist  die  Schattengrenze  nur  selten  so  scharf, 
dass  Ablesungen  von  1  mm  möglich  sind,  zweitens  pulsiert  das 
Herz  während  der  Untersuchung  und  nimmt  auch  an  der  respiratori¬ 
schen  Bewegung  teil.  Daher  kann  es  während  der  Aufnahme  nicht 
nur  seine  Lage,  sondern  auch  seine  Grösse  erheblich  ändern.  Drittens 
ist,  wie  Moritz  gezeigt  hat,  der  verschiedene  Abstand  verschie- 
dner  schattenbildender  Herzteile  von  der  Brustwand  bzw.  vom 
Leuchtschirm,  die  Neigung  der  Herzachse  zum  Schirm,  eine  nicht  zu 
unterschätzende  Fehlerquelle. 

Will  man  aus  dem  Schatten,  den  das  Herz  auf  den  Röntgenschirm 
wirft,  auf  die  tatsächliche  Dimension  des  Herzens  schliessen.  so  muss 
man  sich  auch  darüber  klar  sein,  dass  die  Umgrenzung  des  Schattens 
davon  abhängig  ist,  welche  Teile  des  Herzens  von  den  Grenzstrahlen 
getroffen  werden;  bei  verschiedener  Strahlenrichtung,  bei  verschie¬ 
dener  Lagerung  des  Herzens  können  es  ganz  verschiedene  Teile  sein, 
die  auf  den  Leuchtschirm  projiziert  werden. 

Exakte  Normalmaasse  aufzustellen  ist  überhaupt  nicht 
möglich,  da  die  Gesamtgrösse  des  Herzens  von  Alter,  Geschlecht  und 
Körpergrösse  erheblich  abhängt.  Für  die  Zwecke  der  Praxis 
genügt  es  aber  andererseits  zumeist,  festzustellen,  ob  eine Vergrösse- 
rung  des  Herzens  existiert  und  welcher  Teil  des  Herzens  von  ihr 
betroffen  ist. 

Als  „zuverlässige  Maasse“  haben  sich  nach  Moritz  in  erster  Linie  die 
sog.  Medianabstände  erwiesen,  wobei  unter  Medianabstand  links  der 
grösste  Abstand  des  linken  Herzschattenrandes  von  der  Körpermittellinie, 
unter  Medianabstand  rechts  der  grösste  Abstand  rechts  von  der  Mittellinie  zu 
verstehen  ist.  Ihre  Summe  ergibt  die  „Transversaldimension“  des  Herzens. 
Bei  wiederholten  Untersuchungen  unter  verschiedenen  Versuchsbedingungen 
erwies  sich  diese  stets  als  konstant.  Die  Transversaldimension  ist  sowohl 
bei  Durchleuchtungen,  als  auch  bei  Aufnahmen  an  leichtesten  festzustellen, 
schon  deshalb,  weil  als  Kontrastkörper  hierbei  vorzugsweise  Lungengewebe 
in  Betracht  kommt. 

Die  Mittellinie  wird  auf  der  Röntgenpause  und  der  Photographie  am  besten 
durch  Halbierung  der  ganzen  Thoraxbreite,  sonst  auch  durch  eine  Bleimarke 
auf  der  Mitte  des  Sternums  festgelegt.  Die  bogenförmigen  Ausbuchtungen  des 
Herzschattenrandes  am  „normalen“  Herzen  werden  rechts  unten  vom  rechten 
Vorhof,  rechts  oben  von  der  Vena  cava  superior  oder  der  Aorta  ascendens, 
links  unten  vom  linken  Ventrikel,  in  der  Mitte  von  der  Arteria  pulmonalis 
und  links  vom  Arcus  aortae  gebildet.  Bei  pathologischen  Veränderungen  ist 
die  Entfernung  dieser  Bogen  von  der  Mittellinie  für  viele  Herzkrankheiten 
charakteristisch.  Durch  diese  Maasse  wird  auch  die  allgemeine  „Konfigura¬ 
tion“  des  Herzens  im  wesentlichen  bestimmt.  Die  meisten  Herzkrankheiten 
gehen  mit  einer  Vergrösserung  eines  Herzteiles  einher,  entweder  mit  einer 
Vergrösserung  der  Herzhöhlen  oder  mit  einer  Zunahme  der  Wandstärke, 
häufig  auch  mit  einer  Kombination  von  beiden  oder  mit  stärkerem  Hervor¬ 
treten  des  Herzbeutels,  bzw.  dessen  Füllung.  Diese  Veränderungen  in  der 
Grosse  eines  Herzteiles  machen  sich  in  der  überwiegend  grossen  Zahl  der 
Fälle  durch  Veränderung  der  oben  erwähnten  Randbogtn  und  ganz  besonders 
der  beiden  untersten,  rechts  und  links,  die  die  Transversaldimeusion  be¬ 
dingen,  bemerkbar. 

In  der  Orthodiagraphie  und  in  der  Teleröntgenaufnahme  bieten  sich  aus¬ 
gezeichnete  Mittel  dar,  um  eine  objektive  Bestimmung  und  Darstellung  der 
wahren  Her/.grösse  vorzunehmen.  Diese  beiden  Wege  erfordern  aber  einen 
Aufwand  an  Apparatur  und  Kosten,  durch  den  ihre  Benutzung  unter  den 
jetzigen  wirtschaftlichen  Verhältnissen  sehr  erschwert  wird.  Die  grosse  Ver¬ 
teuerung  aller  Hilfsmittel,  insbesondere  der  Röntgenplatten,  führte  mich  dazu, 
eine  einfache  Methode  zu  suchen,  die  ohne  grossen  Aufwand  an  Mitteln  hin¬ 
reicht,  die  wahre  Transversaldimension  des  Herzens  in  jedem  Fall  zu  be¬ 
stimmen. 

Bei  der  gebräuchlichen  Röntgenanordnung  gehen  die  Röntgenstrahlen  von 
einem  Punkte  aus.  Der  von  ihnen  auf  den  Schirm  geworfene  Schatten  eines 
Objekts  stellt  also  eine  sog.  „Zentralprojektion“  dar.  Auf  geometrischem 
Wege  lassen  sich  nun,  wenn  die  Zentralprojektion  eines  Objektes  gegeben  ist, 
die  Dimensionen  des  Objektes  selbst  berechnen  und  konstruieren,  wofern  nur 
die  relative  Lage  von  Objekt,  Schirm  und  Lichtquelle  bekannt  ist. 


*)  Nach  einem  Vortrag  mit  Demonstration  auf  dem  Kongress  für  innere 
Medizin  in  Wien,  9.  b:s  12.  April  1923. 


4 


1122 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  34  35. 


Die  Verhältnisse  lassen  sich  durch  Figur  (1)  klarlegen.  Von  der  Licht¬ 
quelle  i  (dem  Fokus  der  Röntgenröhre)  gehe  ein  Strahlenbündel  f  a,  f  b  aus, 
das  von  dem  Objekt  d  e  auf  dem  Leuchtschirm  einen  Schatten  a  b  entwirft. 
Die  Entfernung  des  Fokus  vom  Leuchtschirm  b  c  (60  cm)  ist  bekannt.  Ist 
nun  der  Abstand  des  Objekts  vom  Leuchtschirm  ge  =  h  konstant,  so  lässt 
sich  aus  dem  Schatten  (a  b)  auf  dem  Leuchtschirm  durch  einfache  Rechnung 

de  _  60-h  .  i6U-h)  ab 

die  Grösse  des  Objekts  (de)  bestimmen:  rr  —  ^  also:  de  — 


Hat  man  die  Entfernung  des  Fokus  vom  Leuehtschirm  cm  für  allemal 
und  diejenige  des  Herzens  in  jedem  einzelnen  Fall  festgestelit,  so  lässt  sich 
für  jeden  solchen  Fall  ein  Maassstab  konstruieren,  der  es  gestattet,  an  einer 
Messung  des  Herzschattens  unmittelbar  z.  B.  die  wahre  Transversaldimension 
des  Herzens  abzulesen.  Bei  unverändertem  Fokusabstand  des  Leuchtschirms, 
z.  B.  60  cm,  muss  man  also  für  verschiedene  Personen  verschiedene  Maass¬ 
stäbe  verwenden. 

Liegt  bei  der  Aufnahme  oder  Durchleuchtung  des  Herzens  die  Brust¬ 
wand  dem  Leuchtschirm  unmittelbar  an  (Fig.  1),  so  kann  man  in  der  Praxis, 
wie  ich  empirisch  feststellte,  als  Entfernung  des  schattenwerfenden  Herz¬ 
teiles  vom  Leuchtschirm  ein  Drittel  des  Thoraxsagittaldurch- 
m  e  s  s  e  r  s  in  die  Rechnung  einstellen. 

Bei  Kindern  z.  B.  ist  der  Abstand  des  Herzens  vom  Leuchtschirm 
■ —  anliegende  Brustwand  vorausgesetzt  —  nur  gering  (ca.  5  cm),  die  Ver¬ 
zeichnung  des  Schattens  gegenüber  der  wahren  Herzgrösse  daher  ganz,  un¬ 
bedeutend,  so  dass  Orthodiagramm  und  Herzpause  (bzw.  Photographie  in 
60  cm  Fokusabstand)  übereinstimmen. 

Die  hiernach  sich  ergebenden  relativen  Grössen  der  Medianabstände 
von  1  bis  15  cm  nach  links  und  von  1  bis  6  cm  nach  rechts  und  für  Thorax- 
sagittaldurchmesser  von  15  bis  33  cm  habe  ich  auf  Maassstäbe  abgetragen. 

Ich  habe  im  Laufe  des  letzten  Sommers  eine  grosse  Zahl  von  Fällen 
am  Röntgenschirm  untersucht  und  hierbei  die  Herzgrösse  zunächst  rechnerisch 
aus  unmittelbar  aufgenommenen  Maassen  und  dann  mittels  der  eigens  hierfür 
konstruierten  Maassstäbe  festgestellt. 

Die  so  erhaltenen  Maasse  habe  ich  an  Orthodiagrammen  nachgeprüft  und 
die  Richtigkeit  der  Ablesungen  bis  auf  wenige  Millimeter  genau  gefunden. 

Der  Maassstab,  das  sogen.  Orthometer,  dient  also  dazu,  die  Ver¬ 
zeichnung  des  Herzens  am  Röntgenschirm  dadurch  zu  korrigieren,  dass  für 
jeden  Zentimeter  der  wahren  Herzgrösse  ein  der  Verzeichnung  entsprechendes, 
vergrössertes  Maass  aufgetragen  ist.  Wenn  z.  B.  der  Medianabstand  links 
im  Orthodiagramm  10  cm  beträgt,  so  würde  ein  normaler  Massstab  beim  j 
Fokusabstand  60,  bei  Sagittadurchmesser  31  cm  durchschnittlich  11.3  cm  am 
Herzschattenbild  anzeigen.  Der  von  mir  konstruierte  Massstab  ist  aber 
so  eingestellt,  dass  er  nicht  11,3  cm  zeigt,  sondern  unmittelbar  den  wahren 
Medianabstand  von  10  cm  abzulesen  gestattet. 

Selbstverständlich  kann  mit  diesem  Massstab  jede  -Röntgenplatte  und 
Herzschattenpause  ausgemessen  werden,  und  zwar  vorausgesetzt,  dass  sie  in 
60  cm  Fokusabstand  aufgenommen  worden  ist  *). 

Schaltet  man  zwischen  Brust¬ 
wand  und  Leuehtschirm  einen  Sperr¬ 
körper  ein,  so  dass  das  Herz  d/  e 
(Fig.  2)  um  10  cm  weiter  vom 
Leuehtschirm  entfernt  ist,  so  wird 
die  Verzeichnung  des  Herzens  und 
jedes  einzelnen  Zentimeters  ver- 
grössert  und  daher  wird  die  Ab¬ 
lesung  am  Massstab  erleichtert 
(Schatten  g — h  statt  a — b  Fig.  2). 

Das  Orthometer  besteht  aus 
6  Zelluloidstreifen,  3  zur  Benutzung 
mit  Distanzkörper,  3  ohne  denselben. 

Streifen  Nr.  1  bezieht  sich  auf 
den  Brustkorb  mit  sagittalem  Tho¬ 
raxdurchmesser  von  15 — 21  cm 
(Kinder),  Nr.  2  mit  Sagittaldurch- 
messer  von  21 — 27  cm  (Männer  und 
magere  Frauen),  Nr.  3  für  Sagittal- 
durchmesser  27 — 33  cm  (korpulente 
Männer  und  Frauen). 

Hat  man  also  mit  dem  Taster¬ 
zirkel  den  Sagittaldurchmesser  etwa 
mit  21  ermittelt  (bei  einem  Mann),  so 
wird  der  Zelluloidstreifen  Nr.  2  so 
auf  die  Pause  oder  die  Photographie  gelegt,  dass  an  der  zu  messenden  Strecke 
z.  B.  c — b  (Medianabstand  links)  die  unterste  Linie  (21)  angelegt  wird,  so  dass 
sich  die  Null-Linie  (0)  mit  a  deckt;  wir  finden  dann,  dass  Punkt  b  von 

0  Die  Messung  an  der  Röntgenpause  ist  bequemer,  als  die  unmittelbare 
Messung  des  Schattens  bei  der  Durchleuchtung  und  daher  dieser  vorzuziehen. 


Teilstrich  10  gedeckt  wird.  Das  bedeutet  also  10  cm  wirkliche  Herz¬ 
dimension;  messe  ich  die  Strecke  a — b  mit  dem  normalen  Zentimetermaass 
aus,  so  würde  man  11.3  cm,  also  die  Schattendimension  finden. 

Es  werden  auch  Orthometer  für  die  Fokusdistanz  70  cm  und  80  cm  her- 
gestellt.  Das  Orthometer  kann  an  jedem  Leuehtschirm  angebracht  werden  T). 

Ich  möchte  nicht  verfehlen,  meinem  Assistenten,  Herrn  I)r.  Hans 
Strauss,  sowie  Herrn  cand.  med.  Hans  Wagner  für  die  Unter¬ 
stützung  bei  den  Berechnungen  und  Zeichnungen,  sowie  Herrn  Kol¬ 
legen  Dr.  Franz  Q  r  o  e  d  e  1  für  die  Hinweise  auf  die  Literatur  bestens 
zu  danken. 

Literatur. 

1.  Beel  öre:  Semaine  mödicale  1898  Nr.  3.  —  2.  Dietlen:  M.mAV. 
1907  Nr.  1,  1908  Nr.  10,  Nr.  34,  Nr.  40,  1913  Nr.  32.  —  3.  Grangerard: 
Journal  de  Radiologie  et  d’Eleetrologie  1920,  4,  Nr.  3  S.  133.  —  4.  Grun- 
mach:  M.m.W.  1897  Nr.  1.  Ther.  Mh.  1897  H.  1.  —  5.  G  r  o  e  d  e  1 :  Rönt- 
gendiagn.  1922.  —  6.  Holzknecht:  Fortschr.  d.  Röntgenstr.  1901.  — 
7.  K  n  o  x:  Proc.  Royal  Society  of  Medizine  1923,  16.  —  8.  Köhler:  D.mAV. 
1908.  —  9.  Levy-Dorn:  B.kl.W.  1910  Nr.  44,  Zschr.  f.  klin.  M.  72  H.  5.  — 
10.  Moritz:  Fortschr.  d.  Röntgenstr.  7;  derselbe:  D.  Arch.  f.  klin.  M. 
1905,  81,  82.  —  11.  Woodbur  n,  M  o  r  i  s  o  n  and  White:  Arch.  of  Radiol. 
and  Electrother.  1918—1919,  23,  S.  282. 


VIII.  Aus  meiner  Gerichtsmappe. 

Anklage  des  Dr.  S.  wegen  fahrlässiger  Tötung. 

Von  A.  Döderlein. 

Am  9.  November  1919,  früh  zwischen  3  und  4  Uhr,  wurde  die  Hebamme 
D.  zu  der  M.  in  H.  gerufen,  die  am  Ende  der  Schwangerschaft  Wehen  be¬ 
kommen  hatte.  Die  Hebamme  kam  um  5  Uhr  morgens  an,  untersuchte  die 
Kreissende,  die  sie  als  eine  kräftige,  grosse  Person  bezeichnete,  und  stellte 
Kopflage  bei  reifem  Kinde  fest.  Die  Wehen  waren  schwach.  Bei  einer  zwi¬ 
schen  12  und  1  Uhr  mittags  vorgenommenen  Untersuchung  fand  die  Heb¬ 
amme  den  Muttermund  handtellergross  geöffnet  und  sie  glaubte,  dass  in  eini¬ 
gen  Stunden  die  Geburt  bei  richtiger  Wehentätigkeit  glatt  verlaufen  würde. 
Die  Wehen  liessen  jedoch  nach  und  so  wurde  nachmittags  5  Uhr  telephonisch 
Dr.  S.  zu  Hilfe  gerufen.  Die  Zeit  des  telephonischen  Anrufs  ist  deshalb 
genau  festgestellt,  weil  am  Sonntag  das  Telephon  in  H.  nur  von  5 — 6  Uhr 
offen  ist.  Dr.  S.  traf  alsbald  die  Vorbereitungen  zur  Entbindung  und  fuhr 
dann  mit  Pferdefuhrwerk  5  Uhr  30  Min.  von  zuhause  weg.  Er  brauchte  zum 
Zurücklegen  des  im  November  sehr  schlechten  Weges  bis  H.  2l/> — 3  Stunden. 
Unterwegs  hatte  er  in  der  Apotheke  und  dienstlich  zu  tun,  wobei  er  sich 
etwa  14  Stunde  in  einem  Gasthause  aufhielt,  wo  er  ein  Glas  Bier  trank.  Die 
in  der  Anzeigeschrift  des  Rechtsanwaltes  G.  enthaltene  Angabe,  dass  vorher 
Dr.  S.  im  Wirtshaus  getrunken  haben  soll  und  deshab  betrunken  zu  der 
Kreissenden  gekommen  sei,  ist  durch  mehrfache  Zeugenaussagen  als  nicht 
der  Wahrheit  entsprechend  abzulehnen.  Um  9  Uhr  kam  dann  Dr.  S.  zu  der 
Kreissenden.  Nach  Untersuchung  erklärte  er,  dass  das  Kind  eine  falsche 
Lage  habe,  eine  Angabe,  die  er  selbst  als  nicht  zutreffend  bezeichnet;  er 
habe  die  Aeusserung  aus  Schonung  für  die  Hebamme  fallen  lassen,  um  den 
Angehörigen  gegenüber  die  Beiziehung  eines  Arztes  zu  rechtfertigen.  Ein 
Vorwurf  kann  aus  dieser  Angabe  nicht  abgeleitet  werden.  Es  wurde  nun 
die  Kreissende  narkotisiert.  Dr.  S.  legte  die  Zange  an,  konnte  jedoch  das 
Kind  mit  der  Zange  nicht  entwickeln,  da  sie  „abrutschte“.  Dann  nahm  er 
die  Wendung  des  Kindes  auf  die  Füsse  vor,  extrahierte  das  Kind  bis  zum 
Hals,  was  mit  einigen  Schwierigkeiten  gelang;  doch  konnte  er  den  nachfol¬ 
genden  Kopf  nicht  entwickeln.  Er  selbst  versuchte  von  aussen  zu  drücken, 
nachdem  er  sich  über  die  Kreissende  stellte  und  mit  beiden  Händen  den 
Kopf  des  Kindes  von  aussen  in  das  Becken  hineinzudrücken  suchte.  Als 
das  nicht  gelang,  zog  er  selbst  von  unten  und  liess  die  Hebamme  gleich¬ 
zeitig  von  aussen  den  Kopf  hereindrücken.  Auch  dies  führte  nicht  zum 
Ziele.  Die  Angabe  des  Rechtsanwaltes,  dass  Dr.  S.  die  Hebamme  veranlasst 
habe,  sich  auf  den  Leib  der  Wöchnerin  zu  setzen  und  zu  kneten,  muss  als 
ungerechtfertigte  Entstellung  dieser  an  sich  nicht  unsachgemässen  Hilfe¬ 
leistung  bezeichnet  werden.  Dr.  S.  schritt,  nachdem  diese  Extraktionsversuche 
des  Kopfes  vergeblich  waren,  zur  Perforation  des  nachfolgenden  Kopfes. 
Schliesslich  gelang  es  den  vereinten  Bemühungen,  durch  Zug  von  unten  und 
Druck  von  oben  den  Kopf  zu  entwickeln.  Die  Perforation  selbst  war  nicht 
gelungen,  denn  die  spätere  Leichenöffnung  des  Kindes  hat  ergeben,  dass  weder 
„das  Gehirnzelt  noch  die  Schädelgrundknochen“  verletzt  waren.  Eine  Er¬ 
öffnung  des  Schädels  hat  also  nicht  stattgefunden  und  die  Perforation 
hat  lediglich  zu  einer  oberflächlichen  Verletzung  der  weichen  Kopfbedeckung 
geführt.  Nach  der  Extraktion  des  Kindes  stellte  Dr.  S.  einen  Dammriss  fest, 
der  sofort  genäht  wurde.  Die  Beleuchtung  geschah  mit  einer  Wachskerze, 
und  war  äusserst  mangelhaft,  ein  Umstand,  der  von  Bedeutung  ist,  da  es  sich 
schliesslich  herausstellte,  dass  der  Dammriss  III.  Grades,  der  auch  eine  aus¬ 
gedehnte  Zerreissung  des  Mastdarms  veranlasst  hatte,  nicht  vollkommen  genäht 
war  und  daraus  ein  Vorwurf  abgeleitet  wurde.  Nachdem  Dr.  S.  um  10  Uhr 
die  Entbundene  verlassen  hatte,  blieb  die  Hebamme  noch  bis  zum  Morgen  des 
folgenden  Tages  bei  ihr.  Sie  gibt  an,  dass  die  Wöchnerin  in  der  Nacht  nicht 
geschlafen  habe  wegen  grosser  Schmerzen.  Sie  habe  dann  am  folgenden  Tage 
katheterisiert  und  etwa  1  Liter  Urin  entleert.  Am  nächsten  Tage  habe  sie 
wegen  abermals  grosser  Schmerzen  der  Wöchnerin  ein  Klystier  gegeben,  wo¬ 
bei  sie  bemerkte,  dass  die  zum  Klystier  verwandte  Seifenlösung  durch  die 
Scheide  abfloss,  woraus  sie  eine  Verletzung  des  Mastdarms  und  eine  Ver¬ 
bindung  zwischen  Mastdarm  und  Scheide  schloss.  Sie  benachrichtigte  tele¬ 
phonisch  Dr.  S.  von  diesem  Befunde.  Er  erklärte  zuerst,  dass  er  keine  Zeit 
habe,  zu  kommen.  Auf  weiteres  telephonisches  Drängen  des  Vaters  der 
Wöchnerin  sagte  er  dann  seinen  Besuch  zu  und  begab  sich  am  11.  November 
mit  Bezirksarzt  Dr.  M.  zu  der  Wöchnerin,  die  fiebernd  im  Bette  lag  und  an¬ 
scheinend  sehr  elend  war.  Die  Wöchnerin  wurde  narkotisiert;  die  alten  Nähte 
des  Dammrisses  wurden  entfernt  und  Dr.  S.  nahm  eine  neue  Naht  Jes 
Dammrisses  vor,  da  er  nicht  vollständig  vernäht  war.  Dr.  M.  hatte  den  Ein¬ 
druck.  dass  die  Wöchnerin  wohl  kaum  mit  dem  Leben  davonkommen  werde. 
Da  Dr.  S.  dann  selbst  nicht  mehr  zur  Wöchnerin  kym,  wmrde  am  14.  Novem¬ 
ber  Dr.  B.  gerufen,  welcher  die  Wöchnerin  für  verloren  erklärte.  Sonntag, 


-)  Fabrikation  und  Vertrieb  des  Instruments  haben  die  Veifa-Werke  A.G. 
Frankfurt  a.  M.  übernommen. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


112.? 


1.  August  192.1. 


6.  November,  abends  9  Uhr  starb  dann  die  Wöchnerin;  sie  wurde  am  19.  No- 
ember  beerdigt;  das  Kind  war  bereits  am  11.  November  beerdigt  worden. 

Da  der  Vater  der  Verstorbenen  verschiedentlich  hörte,  dass  Dr.  S.  teils 
•egen  Trunksucht  teils  aus  anderen  Gründen  kein  Vertrauen  bei  seinen 
ranken  geniesse,  so  erstattete  er  am  9.  Mürz  1920,  also  3  Monate  nach  dem 
ode  der  Wöchnerin,  auf  Grund  des  Drängens  seiner  anderen  Kinder  Anzeige, 
in  zu  verhindern,  dass  Dr.  S.  noch  andere  ungücklich  mache.  Cr  beschul- 
igte  den  Dr.  S.  der  fahrlässigen  Tötung  seiner  Tochter. 

Cs  wurden  nun  die  Leichen  der  Wöchnerin  und  ihres  Kindes  ausgegraoen 
ad  eine  gerichtliche  Sektion  beider  vorgenommen,  welche  ergab,  soweit  das 
.■i  dem  vorgeschrittenen  Verwesungszustand  der  Leichen  festgestellt  werden 
onnte.  dass  bei  der  Kindsmutter  ein  vollkommener  Scheiden-Mastdarmriss 
orhanden  war,  der  6  cm  in  die  Höhe  hinaufreichte,  und  dass  Veränderungen 
n  der  Gebärmutter  und  den  benachbarten  Organen  sich  fanden,  die  auf  eine 
uerperale  Infektion  schliessen  Messen,  so  dass  als  Todesursache  Kindbett¬ 
eber  angenommen  werden  musste.  Die  Sektion  der  Kindesleiche  ergab 
ichts  Wesentliches  ausser  dem  schon  oben  genannten  Befund,  dass  die  Per¬ 
iration  nicht  zur  Cröffnung  des  Schädels  geführt  hatte. 

Die  Frage,  ob  Dr.  S.  bei  der  Entbindung  der  M.  fahrlässig  ge- 
andelt  hat  und  dies  die  Ursache  der  folgenden  Erkrankung  und  des 
ödes  war,  muss  verneint  werden.  Sein  Vorgehen  kann  allerdings 
om  wissenschaftlich-geburtshilflichen  Standpunkt  aus  nicht  in  allen 
'ingen  gebilligt  werden.  Unrichtig  ist,  wenn  Dr.  S.  vorgeworfen 
ird.  dass  er  versäumt  habe,  zur  rechten  Zeit  zur  Kreissenden  zu 
ominen,  und  dass  die  Zeitspanne  von  4 — 5  Stunden  bis  zu  seinem 
ukommen  die  günstigste  Zeit  für  die  Entbindung  habe  versäumen 
tssen.  Abgesehen  davon,  dass  Dr.  S.  wohl  kaum  viel  früher  hätte 
ur  Kreissenden  kommen  können,  muss  nach  Lage  des  Falles  gesagt 
erden,  dass  lediglich  die  Wehenschwäche  die  Veranlassung  der  Ge- 
urtsverzögerung  war  und  dass  bei  der  in  Betracht  kommenden  Zeit 
on  einigen  Stunden  hierin  keinerlei  Gefahr  erblickt  werden  kann, 
n  Gegenteil,  wäre  Dr.  S.  noch  viel  später  zu  der  Kreissenden  gekem- 
len.  so  wäre  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  anzunehmen,  dass  in¬ 
wischen  stärkere  Wehen  eingesetzt  hätten,  wie  dies  so  häufig  nach 
ingerdauernder  Wehenschwäche  von  selbst  auftritt,  und  dass  in¬ 
wischen  die  Kreissende  vielleicht  von  selbst  entbunden  hätte  oder 
ie  operative  Beendigung  der  Geburt  mit  der  Zange  nicht  auf  solche 
chwierigkeiten  gestossen  wäre,  wie  dies  tatsächlich  der  Fall  war. 

Dass  Dr.  S.  alsbald  nach  seiner  Ankunft  die  Zange  anlegte,  ist 
ielleicht  nicht  ganz  zu  billigen.  In  seinen  Aussagen  ist  nichts  ge- 
aues  über  den  Stand  des  Kopfes  angegeben.  Die  Hebamme  gibt  zu, 
ass  der  Kopf  „noch  reichlich“  hoch  stand,  und  aus  der  Tatsache, 
ass  ihm  nachher  die  Wendung  gelang,  muss  geschlossen  werden, 
ass  der  Kopf  nicht  zangenrecht  im  Becken  gestanden  war.  Auch  die 
atsache,  dass  die  Zange  abglitt,  lässt  vermuten,  dass  der  Kopf  zum 
lindesten  nöch  sehr  ungünstig  für  das  Anlegen  der  Zange  stand, 
nd  wenn  dies  der  Fall  war,  wäre  es  vielleicht  besser  gewesen, 
enn  Dr.  S.  noch  gewartet  hätte,  zumal  aus  dem  Protokoll  nicht  er- 
chtlich  ist,  dass  von  seiten  der  Mutter  wie  des  Kindes  eine  unbe- 
ingte  Notwendigkeit  zur  Vollendung  der  Geburt  gegeben  war.  Ist 
amit  der  Versuch  der  Zangenoperation  wohl  nicht  ganz  zu  recht- 
irtigen,  so  ist  doch  anderseits  nicht  zu  schliessen,  dass  daraus  eine 
esentliche  Gefährdung  der  Kreissenden  entstand.  Die  Verletzung, 
ie  sich  nach  der  Geburt  fand,  dürfte  kaum  dem  Zangenoperations- 
ersuch  zur  Last  zu  legen  sein,  und  andere  Verletzungen  von  Gebär- 
uitter  oder  gar  Blase  waren  nicht  vorhanden. 

Dass  Dr.  S.  nach  dem  vergeblichen  Zangenversuch  die  Wendung 
usführte,  halte  ich  für  einen  Fehler,  denn  Wendung  und  Zangen- 
peration  schliessen  sich  gegenseitig  aus.  Die  Zange  sollte  nur  an 
inen  tief  und  fest  im  Becken  stehenden  Kopf  angelegt  werden,  wenn 
nders  sie  das  Ziel  erreichen  soll,  „ein  lebendes  Kind  auf  natürlichem 
Y’ege  zu  entwickeln“.  Die  Wendung  sollte  nur  bei  über  dem  Becken¬ 
ingang  beweglichem  Kinde  ausgeführt  werden,  wenn  anders  sie  das 
ind  und  die  Mutter  nicht  so  gefährden  will,  dass  beide  darüber  zu¬ 
runde  gehen.  Wenn  ich  somit  die  Vornahme  der  Wendung  nicht 
utheissen  kann,  so  darf  ich  doch  nicht  soweit  gehen,  dies  als  eine 
ahrlässigkeit  zu  bezeichnen;  denn  es  ist  etwas  anders,  ob  ich  das 
landein  eines  Arztes  vom  wissenschaftlich-geburtshilflichen  Stand¬ 
unkt  aus  beurteile,  oder  vom  strafgesetzlichen  aus.  Wie  der  Ob- 
uktionsbefund  ergibt,  war  bei  der  Verstorbenen  keine  Verletzung 
er  Gebärmutter  oder  anderer  Organe  vorhanden,  abgesehen  von 
em  Mastdam-Scheidenriss,  dessen  Entstehung  nicht  auf  die  Wen- 
ung  zu  beziehen  ist.  Wenn  die  Vornahme  der  Wendung  auch  nicht 
erteidigt  werden  kann,  so  darf  nicht  behauptet  werden,  dass  diese 
er  Wöchnerin  das  Leben  gekostet  habe. 

Die  Entstehung  des  Mastdarm-Scheidenrisses  ist  auf  die  gewalt- 
ame  Entwicklung  des  nachfolgenden  Kopfes  zu  beziehen,  die  offen- 
ar  durch  die  straffen  Weichteile  der  nicht  mehr  jungen  Erstgebä- 
enden  sehr  erschwert  war.  Es  kommt  dabei  dann,  wenn  der  Kopf 
iötzlich  und  mit  grosser  Gewalt  entwickelt  wird,  zu  einem  Nach¬ 
eben  dieser  straffen,  unelastischen  Weichteile  durch  Zerreissen,  und 
s  handelt  sich  dann  in  der  Regel  um  hoch  in  den  Mastdarm  iiinauf- 
eichende  Risse,  wie  dies  hier  der  Fall  war.  Wenn  dies  auch  bei 
twas  schonenderem  Verfahren  hätte  vermieden  werden  können,  so 
ann  doch  hier  von  einer  Fahrlässigkeit  des  Handelns  des  Arztes 
eine  Rede  sein,  denn  zwischen  gewisser  Ungeschicklichkeit  und 
ahrlässigkeit  ist  ein  grosser  Unterschied.  Dabei  muss  berücksich- 
igt  werden,  dass  die  Ausübung  der  Geburtshilfe  unter  den  ungiin- 
tigen  Verhältnissen  des  Privathauses,  bei  Kerzenbeleuchtung  und 
nter  alleiniger  Assistenz  der  Hebamme  ausserordentlich  viel  schwie¬ 


riger  und  nachteiliger  ist  als  etwa  unter  den  Verhältnissen  einer 
Anstalt. 

Wenn  Dr.  S.  weiterhin  ein  Vorwurf  daraus  abgeleitet  wird,  dass 
er  den  Riss  nicht  gleich  genügend  genäht  habe,  und  wenn  aus  dem 
Einfliessen  der  Klystierflüssigkeit  in  die  Scheide  die  Ursache  für  das 
tödliche  Kindbettfieber  abgeleitet  wird,  so  kann  ich  dem  nicht  bei¬ 
stimmen;  denn  ich  glaube,  dass  zur  Zeit  der  Vornahme  des  Klystiers 
die  Wöchnerin  bereits  schwer  erkrankt  war,  wofür  die  Tatsache  des 
von  der  Hebamme  konstatierten  Fiebers  von  39,3  Grad  spricht.  Auch 
wenn  der  Dammriss  gleich  sachgemäss  genäht  worden  wäre,  so  ist 
doch  erfahrungsgemäss  das  primäre  Verheilen  eines  derartigen  kom¬ 
pletten  Dammrisses  eine  so  seltene  Ausnahme,  dass  mit  dieser  Mög¬ 
lichkeit  gar  nicht  gerechnet  werden  darf.  Der  Dammriss  dritten  Gra¬ 
des  stellt  eine  schwere  Verletzung  der  Betreffenden  dar;  aber  die 
Ursache  der  tödlichen  Erkrankung  ist  er  nicht  gewesen.  Aus  dem 
Entstehen  des  Kindbettfiebers  kann  aber,  wie  gerichtlich  festgestellt 
ist,  dem  Arzt  ein  Verschulden  oder  eine  Fahrlässigkeit  nicht  vorge¬ 
worfen  werden;  denn  es  lässt  sich  in  keinem  Fall  feststellen,  nament¬ 
lich  bei  so  schweren  Entbindungen,  wo  von  anderer  Seite  ebenfalls 
untersucht  worden  ist,  wer  die  Infektion  veranlasst  hat,  und  selbst 
wenn  sie  bei  der  Operation  erfolgt  war,  so  kann  auch  daraus  noch 
nicht  der  Vorwurf  der  Fahrlässigkeit  abgeleitet  werden. 

Wir  kommen  somit  zu  dem  Schlüsse,  dass  das  Handeln  des  Dr. 
S.  vom  wissenschaftlich-geburtshilflichen  Standpunkt  aus  nicht  ge¬ 
billigt  werden  kann,  dass  ihm  aber  daraus  der  Vorwurf  der  Fahr¬ 
lässigkeit  nicht  gemacht  werden  darf. 


Zu  dem  isotopischen  Prinzip  in  der  spezifischen 
Behandlung  der  Tuberkulose. 

Von  Chefarzt  Dr.  Sofus  Wideröe,  Kristiania. 

In  der  M.m.W.  von  1923,  Nr.  21,  S.  659,  hat  Professor 
W.  Stoeltzner  eine  sehr  lesenswerte  Arbeit  über  die  spezifische 
Behandlung  der  Tuberkulose  veröffentlicht.  Da  ich  seit  1908  mit  der¬ 
selben  Frage  experimentell  und  auch  klinisch  beschäftigt  gewesen 
bin,  möchte  ich  hier  einige  von  meinen  Erfahrungen  auf  diesem  Ge¬ 
biete  mitteilen. 

Professor  Stoeltzner  schreibt:  „Koch  hat  den  Schritt  von 
der  heterotopischen  zur  isotopischen  Behandlung  nicht  getan.  Und 
bisher  auch  sonst  niemand.  Im  Gegenteil,  das  isotopische 
Prinzip  widerspricht  den  bis  jetzt  herrschenden  Anschauungen.“  Das 
stimmt  nicht. 

In  Norsk  Mag.  f.  lägevidensk.,  1908,  Nr.  5,  habe  ich  ganz  kmz 
einen  isotopisch  behandelten  Fall  besprochen.  1909  habe  ich  diese 
Frage  experimentell  bearbeitet.  Meine  Ergebnisse  sind  in  der  Nor¬ 
wegischen  medizinischen  Gesellschaft  berichtet  und  später  in  der 
M.m.W.,  1919,  Nr.  28.  S.  780 — 81,  veröffentlicht  worden. 

Mein  erster  Kranker  wurde  im  Jahre  1908  behandelt.  Die  Axil¬ 
largegend  wurde  benutzt.  Nachdem  die  Haut  mit  Aether  entfettet 
war,  habe  ich  eine  25  proz.  Tuberkulinglyzerinlösung  eingerieben. 
Nach  Abklingen  der  Reaktion  wurde  derselbe  Hautbezirk  nach  weni¬ 
gen  Tagen  abermals  behandelt.  Meine  damaligen  Aeusserungen  über 
die  theoretische  Grundlage  sind  a.  a.  O.  (M.m.W.  1919,  S.  780)  ver¬ 
öffentlicht,  wo  sie  nachzulesen  sind. 

Seit  1912  habe  ich  diese  Behandlung  an  einem  grösseren  Ma¬ 
terial,  und  zwar  hauptsächlich  bei  chirurgischer  Tuberkulose  versucht. 
Krankengeschichten  sollen  hier  nicht  berichtet  werden.  Was  die  Tu¬ 
berkulinanwendungsart  betrifft,  so  habe  ich  eine  Tuberkulinglyzerin¬ 
mischung  benutzt  von  25  Proz.  bis  zu  50  Proz.  Stärke.  Die  Schwe¬ 
stern  haben  diese  Mischung  mit  einem  Finger,  der  durch  einen  Finger¬ 
ling  geschützt  ist,  eingerieben  und  dann  trochnen  lassen.  Zuerst 
wurde  dieselbe  Hautgegend  mehrmals  mit  Tuberkulin  eingerieben; 
die  Reaktion  trat  dann  öfters  ziemlich  stark  in  diesem  Bezirke  auf. 
Deswegen  habe  ich  dann  einen  anderen  gewählt  und  diesen  mehr¬ 
mals  eingerieben.  Meist  habe  ich  dann  die  Beobachtung  ge¬ 
macht,  dass  in  dem  zuerst  behandelten  Hautgebiete  eine  sekun¬ 
däre  Reaktion  auftrat.  Auf  diese  Weise  habe  ich  3 — 4  reaktions¬ 
fähige  Hautbezirke  gebildet.  Die  Hautreaktionen  sind,  wie  Pro¬ 
fessor  Stoeltzner  auch  bemerkt  hat,  sehr  verschieden;  ja  mitunter 
wechseln  sie  sogar  bei  demselben  Kranken.  Bisweilen  habe  ich  auch 
bemerkt,  dass  eine  Lichtbehandlung  (natürliche  oder  künstliche  Son¬ 
nenbestrahlung)  dieses  Reaktionsvermögen  beeinflussen  kann.  Ich  habe 
derj  Eindruck  bekommen,  dass  Lichtbehandlung  meist  günstig  wirkt. 

Es  ist  natürlich  sehr  schwer,  etwas  Sicheres  über  die  Therapeu¬ 
tische  Wirkung  zu  sagen.  Meine  Meerschweinchenversuche  *)  be¬ 
weisen,  dass  die  kutane  Tuberkulinbehandlung  Erfolge  zeitigt.  Auch 
meine  ich,  bei  meinen  Kranken  den  festen  Eindruck  einer  klinisch 
guten  Wirkung  bekommen  zu  haben.  Ich  habe  hauptsächlich  chiiur- 
gische  Tuberkulose  junger  Menschen  in  Behandlung  gehabt;  Kno¬ 
chen-  und  Gelenktuberkulose  habe  ich  mit  wenigen  Ausnanmen 
immer  konservativ  nach  Bier-Rollier  behandelt  und  daneben 
spezifisch  in  der  beschriebenen  Weise. 

Früher  als  1908  hat  —  meines  Wissens  —  keiner 
die  Tuberkulose  kutan  behandelt.  Ich  habe  schon 
damals  das  isotopische  Prinzip  benutzt  und  es 

1)  M.m.W.  1919.  Nr.  28.  S.  780. 


1124 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


Nr.  14  35. 


später  mit  dem  lieterotopischen  kombiniert  —  eine 
Methode,  die  ich  hier  empfehlen  möchte. 

Aus  meinen  früheren  Veröffentlichungen  über  dieses  Thema  gellt 
hervor,  dass  ich  vom  theoretischen  Standpunkt  aus  mit 
der  isotopischen  Behandlung  angefangen  und  sie  dann  später,  infolge 
meiner  Erfahrungen,  mit  der  heterotopischen  kombiniert  habe. 


Die  Gefahren  intraspinaler  Lufteinblasung. 

(Bemerkungen  zur  Mitteilung  von  Klein,  M.m.W.  Nr.  30.) 

Von  Dr.  Es  au,  Oscliersleben-Bode. 

Die  Veröffentlichung  von  Klein  über  Neben-  und  Nachwirkun¬ 
gen  bei  Lufteinblasungen  in  den  Wirbelkanal  veranlasst  mich,  über 
Tierexperimente  zu  berichten,  welche  ich  während  meiner  Assi¬ 
stentenzeit  an  der  G  r  e  i  f  s  w  a  1  d  e  r  chirurgischen  Klinik  machte. 
Es  sollte  der  Trage  nachgegangen  werden,  ob  gasförmige  Stoffe  von 
dem  Zerebrospinalraum  vertragen  würden  und  —  das  war  die  we¬ 
sentliche  Frage  —  ob  eine  narkotische  Wirkung  durch  entsprechend 
geartete  Gase  erzeugt  werden  könne.  Ich  habe  damals  eine  Reihe  von 
Versuchen  an  Hunden  und  Kaninchen  mit  gewöhnlicher  Luft,  Sauer¬ 
stoff,  Kohlensäure  und  schliesslich  mit  Leuchtgas  durchgeführt,  nach 
folgender  Technik:  Nach  Einführung  einer  mittelstarken  Nadel  in 
den  Lumbalkanal  wurde  unter  Wasserdruck  stehendes  Gas,  dessen 
abströmende  Menge  in  einem  U-förmigen  Glasrohr  durch  ansteigen¬ 
den  Wasserspiegel  gemessen  werden  konnte,  in  den  Spinalkanal  ein- 
laufen  gelassen. 

Es  konnte  nachgewiesen  werden,  dass  vom  Tier  so  grosse  Luft¬ 
mengen  vertragen  wurden,  als  überhaupt  unter  mässigem  Druck  ein- 
laufen  wollten;  hohe  Drucke  und  Einpressen  wurde  nicht  verwandt. 

Ein  für  Narkosezwecke  geeignetes  Gas  —  von  Aether-  und 
Chloroformgasgemischen  glaubte  ich  wegen  der  Geringfügigkeit  des 
Narkotikums  absehen  zu  können  —  stand  mir  damals  nicht  zur  Ver¬ 
fügung,  und  so  schloss  ich  dann  noch  einige  Vergiftungsversucne  not 
Leuchtgas  an.  Sie  verliefen  aber  ziemlich  negativ.  Ausser  gelegent¬ 
lichen  kurzen  Krämpfen,  die  ich  auf  Luftembolien  bezog,  sah  ich 
keinerlei  Wirkungen. 

Eine  Weiterführung  der  Versuche,  welche  wenigstens  die  Un¬ 
schädlichkeit  von  Lufteinblasungen  in  den  Spinalraum  beim  Tier  er¬ 
wiesen,  scheiterte  an  dem  Mangel  eines  geeigneten  Narkotikums  und 
an  meinem  Weggang  von  der  Payr  sehen  Klinik.  An  eine  Anwen¬ 
dung  zu  diagnostischen  Zwecken,  wie  sie  Bingel  später  ausbaute, 
wurde  bei  meinen  1908  gemachten  Untersuchungen  nicht  gedacht; 
diese  Tatsache  möchte  ich  ausdrücklich  feststellen. 


Ueber  Blutungen  in  der  Nachgeburtszeit. 

(Erwiderung  an  Herrn  Dr.  Georg  Becker-  Alzey.) 

Von  Geh.  Rat  Prof.  Opitz  in  Freiburg  i.  Br. 

In  Nr.  29  der  M.m.W.  wendet  sich  Becker  gegen  meinen  Rat 
an  die  Praktiker,  kleine  Einrisse  der  Zervix  nicht  zu  nähen.  Wenn 
Herr  Kollege  Becker  meint,  dass  solche  Einrisse,  die  bis  zum 
Fornix  vaginae  gehen,  sehr  erhebliche,  ja  gefährliche  Blutungen  ver¬ 
ursachen,  so  kann  ich  ihm  nur  soweit  folgen,  als  ich  diese  Möglicnkeit 
zugebe;  häufig  ist  es  nicht.  Ich  wenigstens  kann  mich  aus  meiner 
doch  immerhin  nicht  ganz  unerheblichen  Erfahrung  von  über  30  000 
Geburten  nur  an  ganz  vereinzelte  Fälle  derart  erinnern.  Wenn  man 
freilich  nach  der  Geburt  stets  die  Portio  im  Spiegel  einstellt  und  die 
Zervix  mit  Klammern  auseinanderzieht,  dann  fangen  solche  Risse  an 
zu  bluten,  was  sie  vorher  nicht  getan  haben.  Und  gerade  das  ist  ein 
Grund,  weshalb  ich  dem  Arzt  im  allgemeinen  abrate,  solche  Risse 
nähen  zu  wollen,  da  es  fast  stets  unnötig  ist: 

Dass  es  anderseits  nicht  so  einfach  ist,  solche  Risse  zu  nähen, 
sagt  Becker,  der  ja  als  Operateur  doch  über  eine  besondere  Er¬ 
fahrung  und  Operationstechnik  verfügt,  ausdrücklich  selbst.  Daraus 
ergibt  sich  wohl  ganz  von  selbst,,  dass  mein  Aufsatz,  der  sich  aus¬ 
schliesslich  an  den  Praktiker  wendet,  mit  seinem  Rat  das  Richtige 
getroffen  hat.  Ich  bin  der  Meinung,  dass  ein  Arzt,  der  nicht  gewohnt 
ist,  solche  nicht  ganz  einfache  Operationen  vorzunehmen,  mit  dem 
Versuche  häufig  scheitern  oder  mehr  Schaden  als  Nutzen  stiften  wird. 

Das  gleiche  gilt  für  die  Gewohnheit,  bei  jeder  Blutung  nach  der 
Geburt  die  Portio  sich  einzustellen;  dann  sieht  man  freilich  Risse, 
sieht  auch,  dass  sie  bluten,  weil  man  sie  zum  Bluten  bringt  und  glaubt 
deshalb,  sie  nähen  zu  müssen.  Damit  geschieht,  wie  ich  überzeugt 
bin,  etwas  Ueberfliissiges. 

Wenn  der  Praktiker  aber  regelmässig  bei  Blutungen  die  Zervix 
mit  Spiegeln  einstellen  soll,  so  wird  mit  dieser  fast  stets  überflüssigen 
Massnahme  die  Gelegenheit  zur  Infektion  erheblich  vermehrt,  und 
das  ist  ganz  gewiss  nicht  zu  wünschen. 

- - 


Liebig 

als  Begründer  der  wissenschaftlichen  Ernährungslehre*) 

Zur  Erinnerung  an  seinen  Todestag  vor  50  Jahren. 

Von  Prof.  Dr.  Otto  Kr  ummac  her,  Münster  i.  W. 

Fünfzig  Jahre  sind  seit  dem  Tode  Liebigs  verflossen.  Seim 
Leistungen  auf  dem  Gebiete  der  reinen  Chemie  sind  allgemein  be¬ 
kannt  und  in  vielen  Schriften  eingehend  behandelt.  Was  er  tiir  die 
Agrikulturchemie  und  mittelbar  für  die  Landwirtschaft  getan,  lit-gi 
heute  deutlich  vor  aller  Augen.  Auch  seine  Verdienste  um  die  Heil¬ 
kunde  sind  in  Schrift  und  Rede  gewürdigt  worden,  unter  anderen  aul 
der  Naturforscherversammlung  in  München  von  G.  Kleinperen 
1899. 

Welchen  Einfluss  aber  Liebig  auf  die  Ernährungslehre  seiner-! 
zeit  ausgeübt  hat,  ist  gegenwärtig  viel  schwerer  zu  erkennen.  Die 
Spuren  sind  vielfach  verwischt  oder  von  neuen  Schichten  überdeckt 
die  sich  im  Zeitraum  von  50  Jahren  darüber  gelagert  haben:  die] 
Physiologie  der  Ernährung  hat  allmählich  ein  ganz  anderes  Aussehen 
bekommen. 

Und  doch  sollten  wir  weiterblickenden  Nachkommen  über  der 
neueren  Erfolgen  nicht  den  kühnen  Bahnbrecher  vergessen,  der  mit 
zäher  Ausdauer  noch  gegen  Vorurteile  ankämpfen  musste,  die  uns 
heute  kaum  mehr  verständlich  erscheinen,  und  Fragen  in  Fluss 
brachte,  an  die  man  vorher  nicht  zu  denken  wagte. 

Darum  geziemt  es  sich  wohl,  einmal  Liebigs  Leistungen  in  dei 
Ernährungslehre  im  Zusammenhang  zu  betrachten. 

Es  war  um  das  Jahr  1840,  als  Liebig  mit  seiner  ersten  Ab¬ 
handlung  über  Ernährung  in  der  Augsburger  Allgem.  Zeitung  hervor¬ 
trat.  1842  erschien  sein  bekanntes  Werk:  Die  Tierchemie  oder  dis 
organische  Chemie  in  ihrer  Anwendung  auf  Physiologie  und  Patho¬ 
logie.  Die  Medizin  ruhte  noch  wesentlich  auf  vitalistischer  Grund¬ 
lage,  wie  es  uns  H  e  1  m  h  o  1 1  z  mit  folgenden  Worten  geschildert  hat 
„Dem  Arzt  hing  der  wesentliche  Teil  der  Lebensvorgänge  nicht  vot 
Naturkräften  ab,  die,  mit  blinder  Notwendigkeit  und  nach  festen  Ge 
setzen  ihre  Wirkung  ausübend,  den  Erfolg  bestimmten  .  .  .  e 
glaubte,  es  mit  einem  seelenähnlichen  Wesen  zu  tun  zu  haben,  den 
ein  Denker,  ein  Philosoph,  ein  geistreicher  Mann,  gegeniiberstehei 
musste.  Den  Puls  zu  fühlen,  war  erlaubt,  dabei  nach  der  Uhr  zi 
sehen  galt  schon  als  handwerksmässig“. 

Die  Ueberschätzung  der  Spekulation  gegenüber  der  Beabachtun; 
war  durch  Schell  in  gs  Naturphilosophie  noch  mehr  genährt  wor 
den.  Ueber  diese  hat  der  Philosoph  Hermann  Lotze  1842  folgende: 
vernichtende  Urteil  gefällt:  „Die  unglückseligen  Ansichten,  weicht 
Abstraktionen,  Eigenschaften,  Kräfte  und  Verhältnisse  als  etwa: 
wirkliches  ansehen,  welche  überhaupt  nie  weit  genug  sich  von  de 
Erfahrung  und  dem  Sinnlichen  entfernen  zu  können  glauben,  dies« 
verdanken  wir  der  S  c  h  e  1 1  i  n  g  sehen  Naturphilosophie  .  .  .  Es  is 
eine  eigene  Erscheinung,  dass  unsere  Philosophie,  die  sich  oft  st 
heftig  gegen  das  Wahre  der  neueren  Philosophie  sträubt,  so  geduidi; 
unter  dem  Einfluss  ihrer  Irrtümer  fortarbeitet.“  Liebig  geht  wobj 
zu  weit,  wenn  er  behauptet,  nach  1815  habe  es  in  Deutschland  keinen 
Naturforscher  mehr  gegeben. 

Dass  aber  L  o  t  z  e  s  Urteil  nicht  zu  hart  ist,  mögen  einige  Probet 
zeigen:  „Das  Licht,“  sagt  Schell  in  g,  „ist  dasselbe  wie  die  Ma 
terie,  die  Materie  dasselbe  wie  das  Licht,  nur  jene  im  Realen,  dies: 
im  Idealen.  Das  Reich  der  Schwere  ist  im  Einzelnen  durch  da 
weibliche,  das  Licht  durch  das  männliche  Geschlecht  personifiziert.': 

Solche  Aussprüche  sind  weder  wahr,  noch  falsch;  sie  sind  über 
haupt  völlig  sinnlos,  und  man  hat  den  Eindruck,  dass  sie  nur  um  de 
Wortschwalles  willen  geschrieben  wurden.  Nur  eine  unglaublich 
Selbstüberhebung  konnte  sich  einreden,  mit  solch  fadem  GeschwätJ 
der  Wahrheit  zu  dienen,  und  man  sollte  doch  endlich  einmal  auf 
hören,  die  Zeit  des  sogenannten  Idealismus,  in  der  Fichte,  Sc  hei1 
1  i  n  g  und  Hegel  regierten,  als  eine  besonders  glänzende  Kultur 
Periode  zu  preisen.  Sie  bedeutet  im  Gegenteil  für  Naturforschern:] 
und  Erkenntnistheorie  einen  gewaltigen  Rückschritt  gegenüber  der 
redlichen  Kant.  Das  wird  auch  von  den  meisten  heutigen  Philo] 
sophen,  soweit  es  ihnen  mit  der  Erforschung  der  Wahrheit  völlige 
Ernst  ist,  bereitwillig  zugegeben. 

Von  medizinischer  Seite  wird  die  Sache  oft  so  dargestellt,  al 
führe  nur  die  induktive  Methode  zum  Ziel,  während  Deduktion  um 
Spekulation  keine  neuen  Erkenntnisquellen  eröffneten.  Diese  Ansich 
scheint  mir  gänzlich  verfehlt.  Nichts  wäre  verkehrter,  als  der 
Naturforscher  die  Spekulation  zu  verbieten.  Sehen  wir  nicht  eins  de; 
schönsten  Kunstwerke,  die  kinetische  Gastheorie,  auf  nahezu  rei 
deduktivem  Wege  erstanden,  eine  Theorie,  deren  herrlicher  Erfol 
uns  heute  in  der  Brownschen  Bewegung  greifbar  vor  Augen  tiitt 
Allein  der  gewissenhafte  Forscher  kennt  die  Pflicht,  seine  Schluss 
folgerungen  an  den  Erfahrungen  zu  prüfen,  die  Rechnung  muss  stim 
men:  sonst  ist  der  Ansatz  falsch.  Dieser  Pflicht  glaubten  sich  abe' 
die  Idealisten  überhoben:  sie  verliessen  sich  auf  die  intellektuelle  An 
schauung  oder  auf  den  Weltgeist,  der  ihnen  die  Resultate  zuflüstertt 

Doch  nicht  allein  in  den  Denkrichtungen,  auch  in  der  Arb  eit  s 
weise  fehlte  es  an  einem  festen  Band,  das  Biologie  und  Chemie  hätt 
verknüpfen  können,  ln  der  Physiologie,  welche  noch  auf  lange  Zei 


)  Nach  einem  in  der  Chem.  Gesellschaft  zu  Münster  gehobenen  Vortrag 


1.  August  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1125 


Is  ein  Anhängsel  der  Anatomie  betrachtet  wurde,  überwogen  mcr- 
liologische  Arbeiten  physikalische  und  chemische  bei  weitem. 

Kein  Wunder  also,  dass  Liebig  auf  dem  nocli  wenig  bebauten 
elde  der  Ernährung  säen  und  ernten  konnte,  kein  Wunder  aber 
uch,  dass  er  dem  selben  Missverständnis  und  Misstrauen  begegnete 
ie  in  der  Agrikulturchemie. 

Natürlich  musste  auch  Liebig  an  frühere  Vorstellungen  an- 
lüipfen,  und  wenn  auf  medizinischer  Seite  der  Chemie,  wie  erwähnt, 
och  wenig  Verständnis  entgegengebracht  wurde,  so  waren  doch 
.-hon  in  bezug  auf  den  Stoffwechsel  viele  wichtige  Tatsachen  ge- 
mden  und  richtig  gedeutet  worden. 

L  a  v  o  i  s  i  e  r  hatte  zuerst  die  im  Tierkörper  sich  abspielenden 
ersetzungen  als  Oxydationen  erkannt  und  dargetan,  dass  Kohlenstoff 
u  Kohlendioxyd  verbrennt,  eine  Tatsache,  die  sich  jederzeit  mit 
ilfe  eines  einfachen  Apparates  demonstrieren  lässt. 

Zwei  Glaskolben  sind  mit  Kalkwasser  beschickt  und  nach  Art  der 
pritzflaschen  mit  Röhre  und  Schlauch  versehen,  so  dass  der  eine  nur 
er  eingeatmeten,  der  andere  nur  der  ausgeatmeten  Luft  den  Durch- 
itt  gestattet.  Atmet  man  durch  die  Flaschen,  so  kann  man  schon 
ach  wenigen  Atemzügen  einen  grossen  Unterschied  in  der  Menge  des 
bgeschiedenen  Karbonats  beobachten.  Die  eingeatmete  Zimmerluft 
at  nur  eine  leichte  Trübung,  die  aus  dem  Körper  stammende  einen 
icken  Niederschlag  hervorgebracht.  Ausserdem  lässt  sich  mittels 
iasanalyse  feststellen,  dass  die  ausgeatmete  Luft  erheblich  weniger 
auerstoff  enthält  als  die  atmosphärische,  nur  etwa  16  Proz.  Wenn 
ber  Sauerstoff  im  Körper  verschwindet  und  Kohlensäure  entsteht, 
:)  folgt,  dass  Kohlenstoff  zu  Kohlensäure  oxydiert  ist.  L  a  v  o  i  s  i  e  r 
atte  aber  schon  vermutet,  dass  ausser  dem  Kohlenstoff  auch  Was- 
erstoff  im  Tierkörper  verbrenne. 

Diesen  Gedanken  greift  Liebig  auf,  indem  er  folgendes  aus- 
ihrt:  „Die  vorhandenen  Beobachtungen  stimmen  darin  überein,  dass 
ie  Luft,  in  welcher  ein  Tier  atmet,  unter  allen  Umständen  abnimmt, 
nd  die  Beziehung  dieser  Raumabnahme  zu  der  Nahrung  gibt  auf 
as  Bestimmteste  zu  erkennen,  dass  sie  im  graden  Verhältnis  zu  der 
ii  Fett  oder,  allgemeiner  gesprochen,  zu  der  an  Wasserstoff  reichen 
ahrung  steht.“ 

Ich  glaube  kaum,  dass  der  Sinn  dieser  Worte  ohne  weiteres  ein- 
aichtet:  sie  enthalten  nach  Liebigs  sprunghafter  Darstellungs- 
eise  nur  das  Anfangs-  und  Endglied  der  Beweiskette.  Ich  will  da- 
er  die  Mittelglieder  ergänzen. 

Der  Gedankengang  ist  folgender: 

Die  Volumina  der  eingeatmeten  und  ausgeatmeten  Luft  lassen 
chlüsse  zu  auf  die  oxydierten  Elemente.  Würde  ausschliesslich 
o  h  1  e  n  s  t  o  f  f  verbrannt,  so  dürfte  ein  abgeschlossener  Luftraum, 
i  dem  ein  Tier  atmet,  sein  Volumen  nicht  verändern,  da  ebensoviel 
auerstoffmoleküle  verschwinden  wie  Kohlendioxydmoleküle  ent¬ 
eilen,  und  eine  gleiche  Anzahl  Moleküle  nach  Avogadro  auch  das 
leiclie  Volumen  erfüllen. 

Die  Avogadro  sehe  Regel  war  zwar  zu  Anfang  der  40  er  Jahre 
icht  allgemein  anerkannt.  Unumstritten  aber  war  das  Volumgesetz 
on  Gay-Lussac  und  Humboldt,  das  bekanntlich  die  Grund¬ 
ige  der  Avogadro  sehen  Regel  bildet  und  das  Liebig  als 
chiiler  Gay-Lussacs  besonders  geläufig  sein  musste. 

Stellen  wir  uns  dagegen  vor,  der  eingeatmete  Sauerstoff  diene 
ur  zu  Verbrennung  von  Wasserstoff,  dann  müsste,  das  Luft- 
olumen  durch  die  Atmung  erheblich  abnehmen.  Der  Aussenr.ium 
/ürde  sich  alsbald  mit  Wasserdampf  sättigen,  so  dass  alles  neu¬ 
ebildete  Wasser  sich  im  flüssigen  Zustand  abscheiden  müsste. 

Diese  Volumverhältnisse  hat  Liebig  im  Sinn,  wenn  er  sagt: 
Es  kann  als  ausgemachte  Tatsache  gelten,  dass  im  Körper  eines 
flanzenfressenden  Tieres,  welches  von  10  Volumina  nur  9  Volumina 
i  Form  von  Kohlensäure  ausatmet,  das  zehnte  Volumen,  im  Kör- 
er  eines  fleischfressenden  Tieres  vier-  bis  fünfmal  mehr  Sauerstoff 
ur  Wasserbildung  verwendet  wird. 

Hier  ist  zwischen  den  Zeilen  zu  lesen,  dass  im  Körper  der 
’flanzenfresser  die  Kohlenhydrate,  im  Körper  der  Fleischfresser  die 
ette  als  Nährstoffe  überwiegen.  Liebigs  Auseinandersetzungen 
nthalten  im  Keim  die  Lehre  vom  respiratorischen  Quotienten  (ab- 
ckürzt:  RQ),  die  später  von  Pflüger  und  besonders  von 
I.  Zuntz  zu  einem  unschätzbaren  Werkzeug  der  Stoffwechselunter- 
uchiing  fortgebildet  worden  ist. 

Wir  definieren  den  RQ  als  das  Volumen  der  ausgeatmeten  Koh- 
msäure,  dividiert  durch  das  Volumen  des  einverleibten  Sauerstoffs, 

VolcOo 

Iso:  RQ  =  und  man  sieht,  dass  man  bei  dieser  Begriffsbe- 

timmung  vom  Gesamtvolumen  der  das  atmende  Geschöpf  umgeben- 
!en  Luft  unabhängig  wird,  wodurch  auch  die  Schlussfolgerungen  ent- 
chieden  an  Schärfe  gewinnen. 

Denken  wir  uns,  1  Grammatom  C  sollte  zu  CO*  verbrannt  wer- 
leti,  dann  wäre  hierzu  1  Mol.  ()•_>  erforderlich,  und  ebenfalls  würde 
Mol.  CO2  entstehen,  wie  es  nachstehende  Gleichung  versinnlicht: 

1  Mol  |  Oa  |  -{-  1  Grammatom  C  =  1  Mol 

ln  diesem  Fall  wird  der  RQ  =  1. 

Oder  umgekehrt:  Finden  wir  für  den  RQ  den  Wert  1,  so  folgt 
laraus,  dass  nur  C  verbrennt.  Diente  dagegen  der  aufgenommene 


CO; 


Sauerstoff  ausschliesslich  zur  Oxydation  von  Wasserstoff,  so  müsste 
der  RQ  =  0  werden.  Zwischen  den  beiden  Grenzen  0  und  1  wird 
sich  daher  der  RQ  stets  bewegen,  und  zwar  wird  er  in  der  Regel 
einen  mittleren  Wert  besitzen,  da  im  allgemeinen  beide  Elemente  C 
und  H  an  der  Verbrennung  teilnehmen.  Je  mehr  Kohlenstoff  oxydiert 
wird,  um  so  mehr  nähert  er  sich  der  1,  je  mehr  Wasserstoff  verbrennt, 
der  0. 

Die  gezogenen  Schlussfolgerungen,  auf  die  sich  auch  Liebig 
stillschweigend  beruft,  sind  nun  freilich,  auf  den  lebenden  Organismus 
angewandt,  nicht  ohne  weiteres  zwingend,  denn  von  vornherein  steht 
ja  keineswegs  fest,  dass  die  Oxydationsprodukte,  in  denen  der 
einverleibte  Sauerstoff  steckt,  in  der  ausgeatmeten  Luft  wieder  zum 
Vorschein  kommen;  sie  könnten  ja  auch  auf  anderen  Wegen,  z.  B. 
durch  den  Harn,  den  Körper  verlassen. 

Aber  wie  so  oft,  hat  auch  hier  Liebig  mit  seinem  Ahnungs¬ 
vermögen  das  richtige  getroffen:  die  im  Harn  ausgeschiedenen  Koh¬ 
lenstoffverbindungen,  wie  Harnstoff,  bedürfen  zu  ihrer  Bildung  nicht 
der  Sauerstoffzufuhr  von  aussen:  sie  sind  Trümmer  von  Eiweiss- 
molekülen,  und  der  darin  steckende  Sauerstoff  stammt  gleichfalls 
aus  dem  Tüiweiss. 

Beobachtungen  über  Atemvolumina  lagen  nun  in  der  in  Rede 
stehenden  Zeit  in  ausreichender  Anzahl  vor.  Sie  gehen  auf  John 
Mayow  zurück,  der  bereits  1668  auf  die  einfachste  Weise  zeigte, 
dass  die  Luftmenge  in  einem  abgeschlossenen  Raume  ihr  Volumen 
verringert,  wenn  ein  Mäuschen  darin  atmet.  Genauere  Versuche 
dieser  Art  sind  von  L  a  v  0  i  s  i  e  r  und  seinen  Mitarbeitern  ausgeführt 
worden. 

Selbstverständlich  werden  nicht  etwa  die  Elemente  Kohlenstoff 
und  Waserstoff  im  Tierkörper  verbrannt,  sondern  die  sie  einschlies- 
senden  organischen  Verbindungen,  als  welche  ausschliesslich  Eiweiss, 
Fett  und  Kohlenhydrate  ln  Frage  kommen.  Und  diese  Stoffe  waren 
in  jener  Zeit  soweit  erforscht,  dass  man  die  aus  dem  RQ  gezogenen 
Schlussfolgerungen  darauf  anwenden  konnte.  Hatten  doch  Liebig 
selbst  und  seine  Schüler  nicht  wenig  zur  Aufklärung  dieser  Verbin¬ 
dungen  beigetragen. 

Am  einfachsten  gestaltet  sich  die  Rechnung  bei  den  Kohlenhydra¬ 
ten.  Berücksichtigt  man  nämlich  nur  die  Anzahl  und  nicht  die  Bin¬ 
dungsweise  der  Atome,  so  lassen  sie  sich  auffassen  als  eine  Vereinigung 
von  Wasser  undKohlenstoff,  wie  es  ja  auch  der  Name  ursprünglich  aus- 
driieken  sollte.  Wir  beschränken  uns  auf  die  Hexosen  und  ihre  Mut¬ 
terstoffe:  CbHmOg,  C12H22O11,  CoHmOs.  Wie  man  sieht,  brauchen  wir 
nur  den  Kohlenstoff  in  Gedanken  abzutrennen,  um  einen  Rest  von  der 
Zusammensetzung  des  Wassers  zu  erhalten.  Sie  erfordern  also  auch 
nur  soviel  Sauerstoff,  als  zur  Oxydation  des  Kohlenstoffes  nötig  ist, 
und  müssen,  wenn  sie  allein  verbrennen,  den  RQ  1  liefern,  wie  es 
nachstehende  Zeichnung  veranschaulicht: 


6  Mol  Os 


+  CßHiaOu  = 


6  Mol  CO2 


-f  6  Mol  HsO 


Die  Fette  führen  dagegen  nicht  soviel  Sauerstoff  mit  sich,  wie  zur 
Oxydation  ihres  Wasserstoffgehaltes  nötig  ist,  sie  sind  daher  ge¬ 
zwungen,  nicht  nur  zur  Oxydation  des  C,  sondern  auch  zur  Oxydation 
des  Wasserstoffes  Sauerstoff  von  aussen  aufzunehmen.  Darum  wird 
bei  ausschliesslicher  Fettverbrennung  der  RQ  kleiner  als  1,  wie  wir 
uns  am  besten  an  einem  einfachen  Beispiel,  an  der  Palmitinsäure, 
klarmachen  können. 

Diese  Säure  CieHsaOa  enthält  nur  2  Sauerstoffatome  im  Molekül 
gebunden,  und  diese  vermögen  nur  4  Wasserstoffatome  zu  oxydieren. 
Folglich  muss  für  die  Verbrennung  des  Restes  ChTLs  Sauerstoff  von 
aussen  hinzukommen. 

Ein  Blick  auf  die  folgende  Verbrennungsgleichung  zeigt  deutlich, 
dass  der  RQ  bei  Oxydation  der  Palmitinsäure  einen  viel  geringeren 
Wert  als  1  annimmt. 


16M010.2 

+ 

1 4  Mol  O2 

= 

16  Mol  CO* 

-f  14  Mol  H2O 


Ganz  ähnliche  Ueberlegungen  lassen  sich  auf  die  Neutralfette  an¬ 
wenden.  Aus  ihrer  prozentischen  Zusammensetzung  ergibt  sich  der 
RQ  zu  0,7. 

Da  aber  auch  der  RQ.  des  Eiweisses  in  nächster  Nähe  bei  0,8 
liegt,  so  ist  es  schlechterdings  unmöglich,  aus  dem  RQ)  allein  zuver¬ 
lässige  Schlüsse  zu  ziehen,  falls  alle  drei  Nährstoffe  an  der  Zersetzung 
teilnehmen. 

Hier  hilft  uns  nun  die  Tatsache  aus  der  Verlegenheit,  dass  der 
Stickstoff  des  zersetzten  Eiweisses  den  Körper  nur  in  den  flüssigen 
und  festen  Ausscheidungen,  im  Harn,  Schweiss  und  Kot,  verlässt.  Und 
zwar  genügt  es  in  den  meisten  Fällen,  sich  auf  die  Untersuchung  des 
Harnes  zu  beschränken. 

Den  zwingenden  Beweis  freilich,  dass  kein  aus  dem  Eiweiss 
stammender  Stickstoff  durch  die  Lungen  austritt,  hat  erst  Karl  V  o  i  t 
1856  erbracht.  Aber  Liebig  scheint  eine  andere  Möglichkeit  gar 
nicht  erwogen  zu  haben:  er  Hess  sich  auch  hier  wiederum  von  seinem 
chemischen  Gefühl  leiten  und  zweifelte  nicht,  dass  der  im  Harn  ans¬ 
geschiedene  Stickstoff  ein  Maass  des  zersetzten  Eiweisses  sei. 

Wir  brauchen  also  nur  eine  Stickstoffbestimmung  im  Harn  aus¬ 
zuführen,  wenn  es  gilt,  den  Eiweissumsatz  zu  ermitteln,  Die  Eiweiss¬ 
körper  enthalten  im  Mittel  16  Proz.  Stickstoff.  Also  N  :  E  =  16  :  100 


1126 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


Nr.  34  35. 


oder  wie  1  :  6,25.  Folglich  ist  der  Stickstoff  mit  6,25  zu  multiplizieren, 
um  die  zugehörige  Eiweissmenge  zu  ermitteln. 

Die  Dumassche  Methode  der  Stickstoffbestimmung  war  wegen 
ihrer  Umständlichkeit  für  längere  Versuchsreihen  nicht  zu  gebrau¬ 
chen.  Aus  diesem  Grunde  erfand  L  i  e  b  i  g  sein  maassanalytisches 
Verfahren  zur  Bestimmung  des  Harnstoffes  mittels  Merkurinitrat,  das 
aber  richtiger  Stickstoffbestimmung  genannt  werden  sollte.  Nur  die¬ 
ser  bequemen  Methode  ist  es  zu  danken,  dass  B  i  s  c  h  o  f  f  und  V  o  i  t 
zahlreiche  Versuche  über  den  Eiweissstoffwechsel  unter  verschie¬ 
denen  Bedingungen  anstellen  konnten.  Und  wenn  das  Verfahren 
später  durch  bessere  ersetzt  wurde,  so  tut  dies  Liebigs  Verdienst 
natürlich  keinen  Abbruch. 

Wie  in  der  Folgezeit  die  einzelnen  Methoden  zu  einem  geschlos¬ 
senen  System  weiter  ausgebaut  wurden,  will  ich  nur  andeuten. 

Durch  die  Untersuchung  des  lebenden  Organismus  erhalten  wir 
drei  Bestimmungsstücke:  1.  den  Kohlenstoff  sämtlicher  Ausgaben,  in 
der  ausgeatmeten  Luft  und  im  Harn,  2.  den  Stickstoff  im  Harn,  3.  den 
vom  Körper  aufgenommenen  zur  Oxydation  verbrauchten  Sauerstoff. 
Somit  muss  es  auch  möglich  sein,  3  Gleichungen  mit  3  Unbekannten 
aufzustellen,  als  welche  die  zersetzten  Nährstoffe  Eiweiss,  Fett  und 
Kohlenhydrate  in  Betracht  kommen.  Die  Aufgabe  wird  durch  den 
Umstand  verwickelt,  dass  im  Körper  das  Eiweiss  nicht  vollständig 
zu  Kohlensäure  und  Wasser  verbrennt.  Allein  auch  diese  Schwierig¬ 
keit  lässt  sich  überwinden. 

Die  bisher  besprochenen  Gedanken  Liebigs  haben  sich  als 
höchst  fruchtbar  erwiesen:  Es  wurde  möglich,  aus  den  Ausscheidun¬ 
gen  festzustellen,  welche  Stoffe  im  Tierkörper  zersetzt  werden,  un¬ 
streitig  ein  grosser  Fortschritt  gegenüber  dem  vorangegangenen 
Zeitalter.  Aber  genau  besehen  waren  damit  doch  nur  die  Vorfragen 
beantwortet;  die  eigentliche  Aufgabe,  die  gefundenen  Tatsachen  in 
ursächlichen  Zusammenhang  zu  bringen,  war  noch  zu  lösen.  Dessen  war 
sich  auch  L  i  e  b  i  g  wohl  bewusst.  Er  hat  versucht,  Erklärungen  zu 
geben,  die  längere  Zeit  den  Untersuchungen  am  lebenden  Körper  als 
Richtschnur  dienten.  Doch  hat  sich  Liebig  mit  seiner  Stoffweciisel- 
theorie  allzu  weit  von  der  Erfahrung  entfernt.  Und  auf  diesem  noch 
völlig  unbebauten  Felde  hatte  er  viel  weniger  Glück  als  beim  Auffin¬ 
den  chemischer  Tatsachen.  Hier  musste  der  chemische  Spürsinn 
unweigerlich  versagen. 

Allein  um  gerecht  zu  sein  müssen  wir  bedenken,  dass  die  Zeit 
für  eine  wissenschaftliche  Erklärung  des  Stoffwechsels  noch  nicht 
reif  war.  Vor  allem  waren  zwei  wichtige  Entdeckungen,  die  der 
heutige  Forscher  als  selbstverständlich  voraussetzt,  damals  noch 
nicht  völlig  in  das  Zeitbewusstsein  übergegangen:  Ich  meine  die 
Lehre  vom  Aufbau  der  Lebewesen  aus  Zellen  und  das  Gesetz  von  der 
Erhaltung  der  Energie.  Liebig  hat  die  Bedeutung  der  Zellenlehre 
wohl  gewürdigt,  wie  aus  vielen  Stellen  seiner  Schriften  hervorgeht. 
Dass  aber  die  Zellen  auch  bei  den  höheren  Organismen  sich  eine  ge¬ 
wisse  Selbständigkeit  bewahrt  haben  und  ihrerseits  den  Umsatz  be¬ 
stimmen,  diese  Erkenntnis  hat  sich  erst  viel  später  durchgerungen. 

Im  Verständnis  für  das  Energiegesetz  zeigt  sich  Liebig  man¬ 
chen  seiner  Zeitgenossen  überlegen.  Er  erklärte  mit  Lavoisicr 
die  chemischen  Prozesse  des  Tierkörpers  als  die  einzige  Quelle  der 
tierischen  Wärme,  womit  er  allerdings  bei  B  e  r  z  e  1  i  u  s  auf  heftigen 
Widerstand  stiess.  Nicht  nur  waren  ihm  die  qualitativen  Energiefor¬ 
men  durchaus  geläufig,  er  wusste  das  Gesetz  auch  quantitativ  richtig 
anzuwenden,  wo  es  sich  um  einfache  Vorgänge,  wie  die  Verbrennung 
des  Kohlenstoffs,  handelte.  Hingegen  hat  er  den  Kern  der  chemischen 
Energetik,  das  Gesetz  von  Hess,  noch  im  Jahre  1870  in  seiner 
Abhandlung  über  die  Quelle  der  Muskelkraft  völlig  verkannt. 

Während  nach  diesem  Gesetz  bekanntlich  die  Energieentwick¬ 
lung  nur  vom  Anfangs-  und  Endzustand  abhängt,  bemüht  sich  L  i  e  - 
b  i  g  in  dem  betreffenden  Aufsatz,  allen  Ernstes  zu  zeigen,  dass  der 
Zucker  mehr  chemische  Spannkraft  entwickle,  wenn  man  ihn  zuerst 
zu  Alkohol  vergären  lasse,  als  wenn  man  ihn  unvergoren  verbrenne. 
„Und  wenn  wir  uns  denken,“  heisst  es  dann  weiter,  „dass  wir  den 
Alkohol  zuerst  in  niederen  Temperaturen  zu  Aldehyd,  dann  zu  Essig¬ 
säure,  Ameisensäure  und  zuletzt  zu  Kohlensäure  oxydiert  hätten,  so 
wiirdeh  wir  wieder  eine  andere  Zahl  für  die  Verbrennungswärme 
erhalten  haben.“  Darum  sei  eben  die  Verbrennungswärme  kein  ein¬ 
deutiges  Maass  der  chemischen  Energie. 

Wie  Liebig  das  umfassendste  Naturgesetz  so  gänzlich  missver¬ 
stehen  konnte,  zu  einer  Zeit,  wo  der  Energiebegriff  längst  von  der 
Wissenschaft  anerkannt  war,  ist  für  uns  kaum  fassbar.  Allein  seine 
Verblendung  mag  uns  mehr  zur  Bescheidenheit  als  zur  Ueberhebung 
nahnen.  Man  sieht  eben,  wie  eng  begrenzt  das  Wissen  und  Verstehen 
des  Einzelnen  ist,  selbst  bei  einem  Forscher,  der  die  meisten  seiner 
Fachgenossen  um  Haupteslänge  überragte. 

Liebigs  Theorie  des  Stoffwechsels  lässt  sich  in  den  Haupt- 
ziigen  kurz  auseinandersetzen:  Wie  schon  Pr  out  angedeutet  und 
Liebig  selbst  bei  dem  höheren  Stande  unserer  Kenntnisse  über¬ 
zeugender  dargelegt  hatte,  lassen  sich  die  Nährstoffe  in  zwei  Klassen 
teilen,  das  Eiweiss  und  die  stickstofffreien  Substanzen:  Kohlenhydrate 
und  Fette.  Nur  das  Eiweiss  ist  nach  Liebig  zum  Aufbau  der  Ge¬ 
webe  tauglich,  da  diese  im  wesentlichen  aus  Eiweiss  bestehen  —  und 
müssten  wir  hinzufügen:  da  Eiweisssynthesen  im  tierischen  Organis¬ 
mus  nicht  Vorkommen,  wenigstens  nicht  unter  natürlichen  Bedin¬ 
gungen. 


Gegen  diese  Ausführungen  ist  nichts  einzuwenden.  Nun  aber 
kommt  der  fehlerhafte  Schluss:  Da  das  Eiweiss  den  Hauptbestandteil 
der  organischen  Substanz  des  Muskels  ausmacht,  meint  Liebig, 
könne  auch  das  Betriebsmaterial  für  die  Muskelarbeit  nur  das  Eiweiss 
sein.  Bei  der  Tätigkeit  würde  das  Muskelgewebe  zerstört,  infolge¬ 
dessen  müsse  immer  soviel  Eiweiss  mit  der  Nahrung  zugeführt  wer¬ 
den,  als  zum  Wiederaufbau  der  zerstörten  Muskelmasse  nötig  sei. 

Demgegenüber  gelten  Fette  und  Kohlenhydrate  Liebig  nur  als 
toter  Stoff,  der  niemals  Bestandteil  der  lebenden  Gewebe  werden 
könne.  Als  Baustoffe  ungeeignet,  sollen  sie  am  Stoffwechsel  der  Or-i 
gane  keinen  Anteil  haben:  sie  werden  vielmehr  nach  Liebigs  Mei¬ 
nung  unmittelbar  durch  den  Sauerstoff  verbrannt  und  dienen  ledig¬ 
lich  als  Heizstoffe;  allerdings  soll  ihnen  die  Fähigkeit  zukommen,  das 
Eiweiss  vor  der  schädlichen  Wirkung  des  Sauerstoffs  zu  schützen, 
indem  sie  selbst  verbrennen. 

Diese  Anschauung  über  die  Rolle  der  stickstofffreien  Nährstoffe 
gründete  sich  indessen  nicht  auf  beobachtete  Tatsachen,  sondern  nur 
auf  einen  Schluss  per  exclusionem:  weil  Fette  und  Kohlenhydrate 
nicht  zur  Arbeitsleistung  taugen,  müssen  sie  einen  anderen  Zweck 
erfüllen,  als  welcher  nach  Liebig  nur  die  Heizung  des  Körpers  in 
Frage  kommt. 

Nicht  unzutreffend  findet  sich  die  Liebig  sehe  Stoffwechsel- 
theofie  in  einem  aus  jener  Zeit  stammenden  Kommerslied  wieder¬ 
gegeben.  Die  Strophen  lauten: 

„Nähr  dich  o  Mensch  verständig!  mit  einem  Wort  erkenn  dich. 

Nach  Liebig  lern  ermessen,  was  dir  gebührt  zu  essen. 

Als  Wärmebildner  merke:  Fett,  Zuckerstoff  und  Stärke, 

Blutbildner  sind  im  ganzen  die  Proteinsubstanzen. 

Die  erstem  wie  wir  sehen,  aus  C,  H,  O  bestehen. 

die  letztem  mannigfaltig,  sind  sämtlich  stickstoffhaltig. 

Und  also  iss  und  lebe,  ersetzend  dein  Gewebe, 

und  denk  in  allen  Fällen,  wie  bild  ich  neue  Zellen?!1 

Das  Gebäude  der  Liebig  sehen  Theorie  ruht  offenbar  aul 
Ueberlegungen,  die  sich  wesentlich  nur  mit  den  stofflichen  Vorgänger 
im  Tierkörper  beschäftigen.  Der  tierischen  Wärme  wird  zwar  ge¬ 
dacht,  aber  nur  beiläufig;  es  ist  überhaupt  nicht  der  Versuch  ge¬ 
macht,  quantitative  Beziehungen  zwischen  den  Energieleistungen  dei 
Lebewesen  und  den  chemischen  Spannkräften  aufzudecken. 

Die  Fehler  der  Theorie  traten  denn  auch  bald  zutage,  als  tnat 
ernstlich  daranging,  sie  an  lebenden  Geschöpfen  zu  prüfen.  Da  zeigte 
sich,  das  keineswegs  das  Eiweiss  allein  als  Betriebsmaterial  der 
körperlichen  Arbeit  dient,  dass  im  Gegenteil  Fette  und  Kohlenhydrate 
für  diesen  Zweck  bevorzugt  werden. 

Es  zeigte  sich  ferner,  dass  die  Oxydationen  im  lebenden  Organis¬ 
mus  keine  einfachen  Verbrennungen  sind,  verursacht  durch  die  An¬ 
wesenheit  des  Sauerstoffs,  dass  vielmehr  die  Reaktionsgeschwindig¬ 
keit  von  der  lebenden  Substanz  selbst  geregelt  wird,  auf  freilich  nocl 
unbekannte  Weise. 

Heutzutage  ist  es  nicht  schwer,  einzusehen,  dass  Liebig: 
Phantasie  gar  nicht  leisten  konnte,  was  er  ihr  zutraute.  Die  Vor 
gänge  im  lebenden  Körper  sind  viel  zu  verwickelt,  als  dass  man  au: 
vereinzelten  Erfahrungen  sich  eine  zutreffende  Vorstellung  davot 
hätte  bilden  können. 

Allmählich  musste  denn  auch  Liebig  die  Führerschaft  in  de 
Ernährungslehre  an  die  Physiologen  abtreten.  An  den  von  ihre: 
unternommenen  Untersuchungen  nahm  er  nur  noch  geringen  Anteil 
angeblich  weil  es  ihnen  an  leitenden  Gedanken  gebrach,  in  vVirklich 
keit  wohl,  weil  die  von  Zahlen  starrenden  Versuchsreihen  seinem  au 
rasches  Arbeiten  gewöhnten  Geist  viel  zu  langsam  die  erhofften  Er 
folge  brachten. 

ln  einem  Punkte  freilich  sollte  Liebigs  Scharfsinn  gegenübe 
der  experimentellen  Forschung  recht  behalten,  in  der  Frage  nach  de: 
Fettbildung  im  Tierkörper. 

Respirationsversuche  von  Pettenkofer  und  Voit  schiene: 
darzutun,  dass  neben  dem  Nahrungsfett  nur  das  Eiweiss  als  Mutter 
Substanz  des  Körperfettes  in  Betracht  käme.  Auf  Grund  dieser  Er 
gebnisse  wurde  eine  Zeitlang  die  Fettbildung  aus  Kohlenhydratet 
geleugnet,  während  Liebig  gerade  in  den  Kohlenhydraten  ein 
wesentliche  Ursprungsquelle  des  Körperfettes  zu  erblicken  glaubte 
Spätere  Untersuchungen,  mit  schärferen  Methoden  und  unter  giinsti 
geren  Bedingungen  angestellt,  haben  aber  Liebigs  Ansicht  au 
das  glänzendste  bestätigt. 

Seit  Liebigs  Tode  ist  die  Ernährungslehre  nach  den  verschiej 
dunsten  Seiten  weiter  ausgebaut  worden;  insbesondere  trat  ihr' 
energetische  Bedeutung  immer  mehr  in  den  Vordergrund.  Dass  abt 
auch  das  gegenwärtige  Zeitalter  dem  kühnen  Pfadfinder  zum  grösste 
Dank  verpflichtet  ist,  dürften  die  vorstehenden  Zeilen  zur  Genüg 
gezeigt  haben. 


August  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1127 


Für  die  Praxis. 

Behandlung  der  Nierenleiden  im  Kindesalter. 

Von  Prof  Dr.  M.  Klotz -Lübeck. 

I.  Akute  diffuse  hämorrhagische  Glomerulonephritis. 

Einige  klinische  Vorbemerkungen:  Aetiologisch 
ike  man  nicht  nur  an  die  akuten  Infektionskrankheiten,  sondern 
:li  an  Pyodermien,  Skabies  und  besonders  an  Impetigo.  Bei  Schar- 
li  sind  auffallende  Gewichtszunahmen  in  der  3.  Woche  nach  P  i  r  - 
e  t  verdächtig  auf  okkultes  Oedem. 

Harn:  trübe,  entsprechend  der  Stärke  des  Blutgehaltes  pflaumenbrüh¬ 
ig,  grünlich  schimmernd,  auch  braunrot,  braungrün.  Albumen:  meist  nur 
3  Prom.,  aber  auch  8,  10  Prom.  und  darüber  bei  stärkerer  Beteiligung 
Tubuli.  Oligurie  bis  zur  Anurie.  Mikroskopisch:  Ueberwiegend  rote 
tkörpcrchen,  aber  auch  viele  weisse,  ferner  Zylinder  aller  bekannten  Arten. 
Menge  der  inorphotischen  Nierenelementc  pflegt  parallel  der  Aknität  ntid 
iwere  der  Nicrenläsion  zu  gehen. 

In  ganz  schweren  Fällen  können  rote  Blutkörperchen  gelegentlich  ver- 
st'  werden. 

Temperatur:  uncharakteristisch.  Puls:  beschleunigt,  aber 
;h  verlangsamt,  gespannt. 

Blutdruck.  Die  Blutdruckmessung  sollte  zum  Rüstzeug  des 
Absehen  Arztes  gehören! 

Bestimmung  bei  Kindern  erst  vom  5.  Jahre  ab  brauchbar.  Mehr- 
ligcs  Abiesen  wegen  der  psychischen  Komponente. 

Physiologische  Blutdruckwerte  im  Kindesalter  (gemessen 
h  Riva-Rocci  mit  breiter  Armmanschette):  5  Jahre  80  mm  Hg,  5  bis 
Jahre  80 — 100  mm  Hg,  10 — 14  Jahre  100  bis  120  mm  Hg. 

Nach  einer  älteren  pädiatrischen  Literaturangabe  sollen  motorisch  er- 
te,  unstäte  Neuropathen  normalerweise  Werte  über  130  aufweisen, 
icheinend  ist  dieser  Typ  jugendlicher  Hypertoniker  aber  selten. 

Die  Blutdrucksteigerung  ist  für  akute  diffuse 
omerulonephritis  pathognostisch  (Volhard).  In 
:hten  Fällen  können  wohl  auch  normale  Werte  gefunden  werden. 
:  Blutdrucksteigerung  kann  ferner  ausbleibeti  —  oder  verdeckt 
rden  —  bei  hohem  Fieber,  bei  Vasomotorenschwäche,  septischen 
len.  bei  Komplikationen,  wie  Pneumonie,  Grippe,  Diphtherie.  So 
d  Li  c  h  t  w  i  t  z  bei  Pneumonie  +  Nephritis  einen  Druck  von 
,  nach  Abklingen  der  Pneumonie  dagegen  170. 

Es  kommt  im  übrigen  auch  nicht  so  sehr  auf  die  absolute  Höhe 
.  Erstwertes  an,  als  auf  die  fortgesetzte  Kontrolle  des  Druckes, 
arakteristisch  für  die  günstig  ablaufende  Glo- 
irulonephritis  ist  das  stetige  Sinken  des  Blut- 
u  c  k  e  s.  Die  absinkenden  Zahlen  des  Blutdruckes  sind  ein  wert- 
leres  prognostisches  Zeichen  als  die  fallenden  Werte  der  Albu- 
mrie. 

Die  Bestimmung  des  Reststickstoffs  im  Blut  hat 
klinischen  Betrieb  ihre  Berechtigung,  für  den  Praktiker  ist  sie 

t  b  e  h  r  1  i  c  h. 

Die  Gefahr  liegt  bei  der  akuten  Nephritis  weniger  in  der  viel- 
h  gar  nicht  vorhandenen  Eiweissschiackenretention,  sondern  in 
hydrämischen  Plethora  (J  a  w  e  i  n).  Die  Niere  lässt  kein  Wasser 
cli  und  steigert  so  die  Herzarbeit  um  ein  Vielfaches.  Die  gefähr- 
iste  Form  der  akuten  Nephritis  ist  die  trockene,  anhydropische, 
■r  hydrämische.  Die  Verlegung  des  Oedems  aus  dem  Blut  in  die 
)kutis  oder  die  Körperhöhlen  ist,  wie  die  Nierenforschung  lehrt, 
e  Sicherungsmassnahme  des  Körpers. 

Biim  Kind  mit  seinem  noch  unverbrauchten  Kreislauf,  seinen  Reserven 
Herzmuskel  (und  in  den  Gefässen!)  wird  die  Gefahr  des  Versagens  sich 
sehr  selten  zeigen.  Gewiss  kommt  es  auch  bei  Kindern  zu  klinisch  nach- 
sbaren  Folgen  der  akuten  Mehrbelastung  (Schwäche,  Dilatation  und 
lertrophie  des  linken  Ventrikels,  hebender  Spitzenstoss,  akzentuierte  zweite 
le,  verstärkte  Aktion,  systolisches  Geräusch  an  der  Spitze,  Stauungs- 
nchitis),  aber  ein  Zusammenbruch,  der  sich  wie  beim  Erwachsenen  z.  B. 
.ungenödem  äussert,  ist  doch  sehr  selten  und  hat  seine  besonderen  Gründe. 
Beim  Kinde  kann  es  als  Regel  gelten,  dass  das  Zentralnerven- 
•tem  den  Stoss  auffängt  und  mit  urämischen  Erscheinungen  re- 
ert. 

Hinweise  auf  drohende  urämische  Komplikation: 
ehmende  Mattigkeit,  Apathie.  Ueberempfindlichkeit  gegen  Sinneseindrücke, 
teigerte  Sehnenreflexe.  Durchfälle.  Als  Aequivalente  gelten:  Amaurose, 
>fweh,  Erbrechen,  Babinski,  Kernig,  Nackensteifigkeit,  Krämpfe.  Tatsäch¬ 
lichen  aber  urämische  und  „pseudourämische“  Erscheinungen  bei  der 
ten  Nephritis  vielfach  untrennbar  ineinander  über. 

Auf  die  neueren  Auffassungen  über  die  Pathogenese  der  Urämie  kann 
'  nicht  eingegangen  werden. 

Zurückhaltend  mit  der  Prognose  sei  man  bei  Kindern,  die  das 
iz  akute  Stadium  ambulant  durchgemacht  haben.  Prognostisch 
istig:  Absinken  des  Blutdrucks,  Kongruenz  von  Harnmengc  und 

z.  Gewicht. 

Andererseits  darf  eine  gewisse  Inkongruenz  nicht  zu  pessimistischen 
lüssen  verleiten;  es  gibt  Phasen  der  akuten  Nephritis  mit  fixiertem 
Gewicht  oder  einer  gewissen  Schwerfälligkeit  desselben,  die  nichts  Ernstes 
eutet  und  wohl  durch  Abschub  von  retinierten  harnpflichtigen  Stoffen  be¬ 
it  ist.  •  ‘ 

Im  übrigen  ist  aber  die  akute  Glomerulonephritis  eine  gutartige 
^rankung.  Urämie,  Herzschwäche,  Chronizität  sind  3  Klippen  im 
ist  breiten  günstigen  Fahrwasser.  Glücklicherweise  lassen  sie 
h  in  der  überwiegenden  Mehrzahl  der  Fälle  umschiffen;  selbst 
derholte  hochdramatische  urämische  Episoden  brauchen  keines- 
8s  letal  zu  enden.  Und  der  Uebergang  in  Chronizität  ist  so  selten, 


dass  ich  ihn  in  den  letzten  5  Jahren  unter  30  akuten  Fällen  mit 
0  Proz.  Mortalität  kein  einziges  Mal  gesehen  habe. 

Die  Behandlung  der  akuten  diffusen  Nephritis 
ist  eine  diätetische.  Wir  entlasten  durch  eine  geeignete  Diät  die  Arbeit 
von  Niere  und  Herz,  arbeiten  einer  eventuellen  Schlackenanhäufung 
entgegen  und  bringen  die  stockende  Harnabsonderung  wieder  in 
Gang.  Dieses  Ziel  wird  erreicht  durch  die  auf  v.  Noorden  zu¬ 
rückgehenden  Zuckertage.  Man  verwendet  etwa  10 — 15  g  Küchen- 
zucker  pro  Körperkilo,  lässt  in  %,  höchstens  1  Liter  Tee  oder  Malz¬ 
kaffee,  Fruchtsaftwasser  auflösen  und  in  4 — 6  Portionen  während  des 
Tages  trinken.  Sonst  keinerlei  Nahrungszufuhr.  Am  nächsten  Tage 
das  gleiche  und  —  falls  die  Harnabsonderung  noch  nicht  genügend 
in  Gang  kommt  —  auch  noch  einen  dritten  Tag  lang.  Ist  der  Erfolg 
dieses  ersten  Zuckerwasserstosses  unbefriedigend,  was  gelegentlich 
vorkommt,  dann  mache  icli  eine  3  tägige  Pause  und  setze  darauf  den 
zweiten  Zuckerversuch  an.  Einen  Misserfolg  dieser  Methode  habe 
ich  bisher  noch  nicht  erlebt. 

Eine  Ausdehn  mg  der  Zuckertherapie  auf  6 — 7  Tage,  wie  sie  gelegentlich 
empfohlen  wird,  halte  ich  beim  Kind  für  nicht  belanglos.  Uebrigens  kann 
schon  der  zweite  Zuckertag  manchmal  bei  sensiblen  Kindern  und  entsprechend 
gearteten  Eltern  rechte  Schwierigkeiten  machen.  Hier  helfen  1 — 2  Apfel¬ 
sinen  über  das  quälende  Hungergefühl, 

Die  Hämaturie  kann  zunächst  noch  unbeeinflusst  bleiben,  ja  sogar 
zunehmen.  Das  muss  der  Praktiker  wissen  und  sich  nicht  irremachen 
lassen. 

Die  Albuminurie  pflegt  dagegen  prompter  anzusprechen.  Schlagartig 
kann  eine  Albuminurie  von  über  10  Prom.  am  zweiten  Tag  auf  6.  auf  1  am 
3.  Tag  sinken.  Aber  dieser  Erfolg  ist  natürlich  oft  noch  instabil  und  der 
Eiweissgehalt  federt  zunächst  noch  beträchtlich  hin  und  her.  Furcht  vor 
Durchfällen  bei  dieser  Therapie  ist  unbegründet;  wie  Bratke  betont,  kann 
sogar  Verstopfung  eintreten. 

Im  Verlauf  einer  akuten  diffusen  Glomerulonephritis  auftretende 
präurämische  Symptome  verlangen  die  sofortige  Einleitung  von 
Zuckertagen. 

Die  Sicherung  der  durch  die  Zuckertage  ein¬ 
geleiteten  günstigen  Wendung  geschieht  nun 
durch  eine  sachgemässe  Handhabung  der  Diät.  Wohl 
auf  keinem  anderen  Gebiete  interner  Therapie  herrscht  heute  noch 
bei  der  Mehrzahl  der  Praktiker  ein  so  altehrwürdiger  Schematismus 
wie  hier.  Wird  man  zu  einer  Konsultation  bei  einem  nierenleiden¬ 
den  Kinde  gerufen,  dann  kann  man  fast  wetten,  die  3  Nierenheiligen 
am  Bette  begrüssen  zu  können:  Milch,  salzfreie  Kost  und  Helenen¬ 
quelle.  Der  Hausarzt  verordnet  salzarme  Kost,  eine  Massnahme,  die 
bei  Oedembereitschaft  durchaus  richtig  ist,  aber  illusorisch  wird, 
wenn  nebenher  2—3  Liter  Milch  (2  Liter  Milch  =  60  Eiweiss, 
3,0  Kochsalz)  getrunken  werden  müssen!  Der  alte  Gallicismus: 
le  Iait  ou  la  mort  spukt  auch  heute  noch  in  der  Nierentherapie  und 
beweist  wieder  einmal,  dass  es  kaum  etwas  lebenszäheres  gibt,  als 
einen  alten  Irrtum.  Die  Milchdiät  ist  keine  Entlastungs¬ 
kost  für  die  Niere,  denn  sie  ist  eiweiss-,  salz-  und 
wasserreich. 

Eine  Schonungskost  für  die  Nieren  ist  folgende:  Obst,  süsse 
Früchte,  Mehlspeisen,  250  g  Milch,  Semmel,  Zwieback  (salzfrei), 
Butter  (salzfrei).  Als  Eiweissträger:  Reis  (mit  Tomaten,  Aepfeln 
oder  dgl.).  Gelbei  ist  gestattet,  Suppen  bleiben  fort. 

Nachdem  die  Diurese  in  Gang  gekommen  ist,  ergänzt  man  die 
obige  Kost  durch  Kartoffeln,  Blattgemüse,  salzarm  gebackenes 
Weissbrot,  Makkaroni,  Nudeln,  etwas  Weisskäse,  gekochtes  Ei. 
Kochsalz  pro  Tag  etwa  2  g.  —  Endlich,  etwa  nach  14  Tagen  anstelle 
von  Reis  bzw.  abwechselnd  mit  ihm,  Fleisch:  zuerst  in  Frikassee¬ 
form:  ob  man  die  Brühe  gestatten  kann,  hängt  von  der  jeweiligen 
Situation  ab.  Süsswasserfische,  in  zerlassener  Butter,  gekochte  Eier 
sind  erlaubt.  Verboten:  Würste,  Konserven  und  schwerverdauliche 
bzw.  purinreiche  Speisen,  wie  Leber,  Niere,  Gehirn,  Thymus, 
Schinken,  Pöckelfleisch  und  ähnliches.  Der  Zeitpunkt  für  diese 
Kostform  ist  gekommen,  wenn  der  Blutdruck  sich  allmählich  nor¬ 
malen  Werten  zuneigt. 

Aus  dieser  Formulierung  soll  aber  nicht  der  Schluss  abgeleitet  werden, 
dass  zwischen  proteinreicher  Kost  und  Blutdrucksteigerung  gesetzmässige 
Beziehungen  bestehen.  Die  Untersuchungen  Mosenthals  haben  gelehrt, 
dass  weniger  die  proteinartne  Kost  für  die  Senkung  des  Blutdrucks  ver¬ 
antwortlich  zu  machen  ist  als  die  Reduktion  der  Gesamtkalorien. 

Als  Anhaltspunkt  für  die  erlaubte  Tagesmenge  diene  1  g  Fiweiss 
pro  Körperkilo.  Die  Extraktivstoffe  werden  ebenfalls  besser  ver¬ 
boten,  bis  der  Blutdruck  normale  Werte  aufweist.  Leguminosen 
gestatte  man  erst  im  Rekonvaleszenzstadium. 

Nun  die  Gewürze:  Hier  stehen  sich  die  Ansichten  der  Autori¬ 
täten  unvereinbar  gegenüber.  Der  eine  bat  von  Senf,  Pfeffer  etc.  nie 
den  geringsten  Schaden  gesehen,  der  andere  verbietet  sic  teils  völlig, 
teils  stuft  er  sie  sorgfältig  ab. 

Ich  glaube,  man  geht  auf  der  goldenen  Mittelstrasse,  wenn  man 
etwa  folgende  Richtlinien  beachtet:  Pfeffer,  Senf,  Paprika,  Dill, 
Esdragon  und  Gemüse,  wie  Sellerie,  Poree,  Meerrettich,  Rettich, 
Radieschen,  sind  bei  akuter  Nephritis  besser  auszuschliessen.  Da¬ 
gegen  sind  Zimt,  Kümmel,  Nelken,  Petersilie,  Zwiebeln  (gekocht  oder 
geröstet),  frische  Gurken,  Kürbis,  Spargel,  Schwarzwurzeln,  frische 
grüne  Erbsen,  Puffbohnen,  Spinat,  Rhabarber  erlaubt.  Eine  Anregung 
der  Diurese  durch  Spargel  habe  ich  nicht  gesehen.  Der  Kaligehalt 
der  Kartoffeln,  den  v.  Noorden  beargwöhnt,  hat  sich  nach  den 
Erfahrungen  der  Kinderärzte  als  ungefährlich  erwiesen.  Kakao,  Tee, 


MÜNCHFNER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. _  Nr.  34/a 


1128 


Schokolade,  Kaffee  können  erlaubt  werden.  Gegen  Sauerkraut  be-  * 
steht  kein  Bedenken. 

Essig  findet  man  gewöhnlich  auf  dem  Index  des  Verbotenen.  Die  Essig-  ; 
säure  soll  schwerer  verbrennlich  sein  als  andere  organische  Säuren  und 
gelegentlich  im  Harn  erscheinen  (?).  Begründet  erscheint  mir  das  Vorurteil 
gegen  Essig  weniger  aus  den  erwähnten  höchst  strittigen  Gesichtspunkten 
heraus  als  aus  der  Tatsache,  dass  der  gewöhnliche  Essig  des  Kleinhandels  viel¬ 
fach  minderwertig  ist  und  allerlei  Ballaststoffe  hat.  Aus  diesem  Grunde  kann 
ein  Ersatz  des  Essigs  durch  massige  Mengen  frischen  Zitronensaftes  besonders 
auch  im  Hinblick  auf  die  Vitaminlehre  gutgeheissen  werden. 

Was  den  Gebrauch  von  Mineralwässern  (Wildungen, 
Brückenau-Wernarz,  Fachingen  u.  a.  m.)  anbelangt,  so  halte  ich  ihn 
bei  akuter  Nephritis  für  überflüssig. 

Wenn  L.  Mendel  neuerdings  wieder  für  die  Mineralwässer  eintritt, 
so  kann  ich  der  Deutung  seiner  gewiss  beachtenswerten  Versuche  nicht  bei¬ 
treten  und  halte  es  mit  L  i  c  h  t  w  i  t  z,  der  den  höchst  fraglichen  Wert  von 
Mineralwasserkuren  bei  akuter  Nephritis  betont. 

Die  medikamentöse  Behandlung  tritt  gegenüber  der 
geschilderten  diätetischen  völlig  in  den  Hintergrund.  Nur  bei  anhy- 
dropischer  akuter  Nephritis  oder  wenn  sonst  im  Verlauf  der  Krank¬ 
heit  eine  Exzitierung  des  Herzmotors  angezeigt  erscheint:  Digi¬ 
talis  oder  besser  noch  wegen  der  sofortigen  Wirkung  Strophanthin 
—  0,2  (5  Jahre),  0,3  (10  Jahre),  0,5  (14  Jahre)  —  intravenös.  Gibt 
man  Digitalis,  dann  aber  nicht  grosse  Dosen,  wie  Mendel  es  will, 
sondern  kleine  und  mittlere,  weil  grosse  Gaben  die  Nierendurch- 
strömung  verringern  können,  während  kleine  die  Nierengefässe  er¬ 
weitern. 

Medikamentöse  Diuretika  sind  entbehrlich  und  kom¬ 
men  höchstens  in  den  seltenen  gegen  die  Zuckertherapie  refraktären 
Fällen  und  bei  Herzschwäche  in  Frage.  Hier  würde  man  Digitalis 
mit  Diuretin  oder  Theocin  kombiniert  anwenden.  Harnstoff, 
Thyreoidin  sind  kontraindiziert. 

Ein  sicheres  Mittel  gegen  die  Hämaturie  gibt  es  nicht ; 
alle  angepriesenen  Medikamente  und  Massnahmen:  Clauden,  Coagu- 
len,  Milzbestrahlung,  Proteinkörper,  Serum-,  Menschenbild-,  Calcine- 
(Mcrck)  Injektionen  können  gegebenenfalls  glatt  versagen.  Intra¬ 
venöse  Einspritzungen  von  Kalziumchlorid  sind  noch  relativ  am  wirk¬ 
samsten,  kommen  aber  nur  für  den  Geübten  und  bei  guter  Assistenz 
in  Frage,  denn  ein  einziger  Tropfen,  in  das  perivenöse  Gewebe  ge¬ 
langt,  kann  langwierige,  schmerzhafte  Infiltrate,  Abszesse.  Nekrosen 
zur  Folge  haben.  Afenil  (Ca.  chlor.  -f-  Harnstoff)  hat  diese  Schatten¬ 
seiten  weniger;  der  geringe  Harnstoffgehalt  dürfte  unbedenklich  sein. 
Das  einfachste  bleibt  die  alte  Therapie  mit  Kalksalzen  per  os:  Ca. 
lact.,  4 — 5  mal  täglich  1  äbgestrichener  Teelöffel  oder  Ca.  chlor. 

4 — 5  g  am  Tag. 

Der  scheussliche  Geschmack  beider  Mittel  lässt  sich  durch  Zusatz  von 
Liq.  ammon.  anis.  zur  Mixtur  einigermassen  korrigieren.  Besser  schmecken 
die  Spezialpräparate  des  Handels:  Kalzan,  Klykalz  u.  dgl.  m 

Ueber  Urämiebehandlung  s.  später  unter  Nephrose. 

Schweisstreibende  Prozeduren  halte  ich  für  entbehrlich;  dagegen 
angenehm  warme  Vollbäder,  3  mal  etwa  in  der  Woche,  Massage, 
Hautpflege  für  nützlich. 

Namentlich  der  Massage  kommt,  darin  pflichte  ich  J  e  h  1  e  vollkommen 
bei,  ein  sehr  günstiger  Einfluss  zu.  Eine  absolute  Ruhigstellung  des  Körpers 
ist  nur  im  Anfangsstadium  der  akuten  diffusen  Nephritis  zweckentsnrf>~hend. 
Dann  aber  soll  durch  passive  Muskelbewegungen  die  periphere  Blut-  und 
Lymphzirkulation  gefördert  werden. 

Nach  Abklingen  der  akuten  Erscheinungen  pflegen  die  morphotischen 
Elemente  im  Harn  noch  längere  Zeit  nachweisbar  zu  sein,  selbst  wenn  die 
Albuminurie  nur  als  hauchartige  Trübung  besteht.  Man  zögere  aber  trotz 
dieses  ,, Restbefundes“  nicht  mit  der  Erlaubnis  zum  Aufstehen  und  wird  sehen, 
dass  fast  immer  keine  Verschlechterung  eintritt,  sondern  die  Zellelemente 
nach  und  nach  verschwinden.  Das  hat  Czerny  schon  vor  20  Jahren  ge¬ 
lehrt.  Man  kann  auch  beobachten,  dass  die  Albuminurie,  die  bei  Bettruhe 
dauernd  auf  einem  gewissen  Wert  beharrt,  sofort  nach  den  ersten  Aufsteh¬ 
versuchen  geringer  wird  und  mehr  oder  minder  schnell  absinkt. 

Der  Praktiker  soll  sich  ferner  daran  erinnern,  dass  kleine  inter¬ 
kurrente  Unpässlichkeiten  den  Harnbefund  verschlechtern  und  wieder 
zur  Hämaturie  führen  können.  Nimmt  ferner,  was  gelegentlich  be¬ 
obachtet  wird,  die  Albuminurie  orthotische  Züge  an,  so  ist  ein  Ver¬ 
such  mit  dem  von  L.  J  e  h  1  e  angegebenen  Stützmieder  empfehlens¬ 
wert. 


Soziale  Medizin  und  Hygiene. 

Soziale  Versicherung  und  Tuberkulose. 

Von  Dr.  v.  Wilucki,  Marine-Oberstabsarzt  a.  D.,  Ver¬ 
trauensarzt  der  Allgemeinen  OrtskrankenkasseWürzburg-Stadt. 

Durch  die  Sozialversicherung  steht  allen  Versicherten  ein  Recht 
auf  Heilbehandlung  zu  mit  dem  Zweck,  dem  Versicherten  durch 
Wiederherstellung  der  Gesundheit  seine  volle  Arbeitskraft  wieder¬ 
zugeben,  und  indirekt  damit  die  Rentenlast  der  Versicherungsanstalt 
zu  vermindern.  Die  Einleitung  einer  Heilbehandlung  im  engeren 
Sinne  ist  Sache  der  Krankenkassen,  nämlich  ärztliche  Behandlung  in 
der  Sprechstunde  und  im  Hause,  Gewährung  von  Arznei  und  Stär¬ 
kungsmitteln,  von  Bruchbändern,  Brillen,  künstlichen  Zähnen,  Pro¬ 
thesen  usw.  Im  weiteren  Sinne  gehört  dazu  die  Unterbringung  in 
Krankenhäusern,  Genesungsheimen,  Lungenheilstätten,  Luftkur¬ 
anstalten  usw. 


Besteht  keine  Möglichkeit  mehr  die  Gesundheit  und  damit  d 
volle  Arbeitskraft  wiederherzustellen,  so  erhält  der  Versicherte  eil 
Rente.  Diese  wird  gewährt  in  der  Arbeiterversicherung  durch  d 
Landesversicherungsanstalt,  in  der  Angestelltenversicherung  dun 
die  Reichsversicherungsanstalt,  neben  welcher  selbständig  analog  di 
Arbeiterversicherung  zur  Einleitung  der  eigentlichen  Heilbehandlui 
die  zahlreichen  Ersatzkassen  stehen,  denn  die  gesetzlichen  Vorschri 
ten  der  Angestelltenvcrsicherung  sind  der  Arbeiterversicherung  vol 
kommen  nachgebildet. 

Beide  Versicherungen  haben  also  dem  Grunde  nach  diesclln 
Interessen:  die  Bekämpfung  der  Krankheiten. 

Nun  fand  man  sehr  bald,  dass  eine  Infektionskrankheit  bei  weite 
die  grössten  Opfer  von  den  Versicherungen  fordert,  die  I  uberki 
lose.  Auf  diese  Krankheit  entfallen  ungefähr  20—25  Proz.  all« 
Krankheitstage.  Es  ist  daher  kein  Wunder,  dass  die  Arbeiter-  w 
die  Angestelltenversicherung  sich  die  energische  Bekämpfung  dies* 
Krankheit  als  besonders  lockendes  Ziel  setzte. 

Um  die  Krankheit  zu  heilen,  baute  man  Krankenhäuser  und  San 
torien  und  der  Sieg  schien  auch  nicht  auszubleiben,  da  kam  der  Krie 
der  grosse  Lehrmeister,  und  zeigte,  dass  der  Erfolg  weniger  die  Fol; 
bewährter  gegen  diese  Krankheit  gerichteter  Bekämpfungsmassrege 
als  eine  grösstenteils  nicht  beabsichtigte  Begleiterscheinung  unser* 
wirtschaftlichen  Aufschwungs  gewesen  war,  der  zu  einer  Verlang 
rung  der  Lebensdauer  führte  (Rank  e).  Unsere  Bekänipfungsmas 
nahmen  müssen  daher  verbessert  und  erweitert  werden. 

Goethe,  dessen  Namen  wir  immer  mit  Ehrfurcht  nennen,  lii 
einmal  gesagt:  „Mit  einer  erwachsenen  Generation  ist  nicht  me 
viel  zu  machen.  Seid  aber  klug  und  fangt  mit  der  Jugend  an,  • 
wird  es  gehen.“ 

Diesen  Ausspruch  Goethes  bestätigen  heute  unsere  1  ube 
kuloseforscher,  wenn  sie  sagen:  der  Angelpunkt  der  Bekämpfung  d 
Tuberkulose  liegt  in  der  Verhütung  der  Kinderansteckung  in  d 
Familie.  Wenn  wir  aber  die  Kinderansteckung  in  der  Familie  vc 
hüten  wollen,  muss  unser  erstes  Ziel  die  restlose  Erfassung  all 
offenen  Tuberkulösen  sein.  Zu  diesem  Zweck  müssen  Untersuchung 
stellen  gegründet  werden,  die  mit  allen  erforderlichen  Hilfsmitte 
einer  möglichst  sicheren  Krankheitsbestimmung,  im  besonderen  n 
einem  Röntgenapparat  versehen  sein  müssen,  um  den  Kampf  n 
dem  jetzt  nötigen  Nachdruck  und  mit  besserem  Erfolge  durchzuführ 
(M.m.W.  1920  S.  338).  Zur  Einrichtung  dieser  Untersuchungsstell 
fehlen  heute  allgemein  die  Mittel.  Die  finanzielle  Lösung  dieser  Ai 
gäbe  ist  aber  bei  einem  harmonischen  Zusammenarbeiten  aller  Vc 
sicherungsträger  —  der  Landesversicherungsanstalten,  der  Angeste 
tenversicherung,  der  Orts-,  Ersatz-  und  sonstigen  Krankenkassen 
in  einer  Arbeitsgemeinschaft,  wie  sie  sich  schon  gebildet  haben,  au 
heute  noch  möglich.  Die  Krankenkassen  haben  nur,  soweit  sie  nie 
schon  freiwillig  die  Familienhilfe  eingeführt  haben,  mit  Kindern  nie! 
zu  tun.  Wohl  aber  übernahmen  sie  schon  lange,  aber  jede  für  sic 
einen  grossen  Teil  der  Fürsorge  durch  Verhütungsmassnahmen. 

Massgebend  für  sie  ist  der  §  363  der  RVO.,  in  dem  es  lieis 
„die  Mittel  der  Kasse  dürfen  nur  zu  den  satzungsmässigen  Leistung« 
zur  Erfüllung  der  Rücklage,  zu  den  Verwaltungskosten  und  für  ? 
gemeine  Zwecke  der  Krankheitsverhütung  verweile 
werden.“ 

Aehnlich  liegen  die  Verhältnisse  bei  der  Invaliden-  und  Hirne 
bliebenenversicherung.  Nach  §  1274  der  RVO.  kann  die  Versicl 
rungsanstalt  mit  Genehmigung  der  Aufsichtsbehörde  Mittel  aufwi 
den,  um  allgemeine  Massnahmen  zur  Verhütung  des  Eintritts  vc 
zeitiger  Invalidität  unter  den  Versicherten  oder  zur  Hebung  der  i 
sundheitlichen  Verhältnisse  der  versicherungspflichtigen  Bevölkern 
zu  fördern  oder  durchzuführen,  sie  kann  nach  §  1269  RVO.  ein  Hc 
verfahren  einleiten  und  kann  nach  §  1270  RVO.  den  Erkrankten  i 
ein  Krankenhaus  oder  in  eine  Anstalt  für  Genesende  unterbring' 
Lässt  eine  Versicherungsanstalt  ein  Heilverfahren  eintreten,  so  ka 
sie  nach  §  1519  die  Fürsorge  für  den  Kranken  seiner  letzt 
Krankenkasse  in  dem  Umfang  übertragen,  den  sie  für  geboten  h; 
Die  gesetzlichen  Leistungen  der  Kasse  dürfen  aber  nicht  üb« 
schritten  werden,  d.  h.  die  Kasse  zahlt  in  diesem  Falle  in  der  Re' 
das  Krankengeld. 

Für  die  Angestelltenversicherung  gelten  dieselben  gesetzlicl 
Bestimmungen  in  noch  höherem  Maasse.  I 

Der  Versicherte  hat  also  nicht  nur  ein  Recht  auf  Heilbehandh' 
sondern  auch  auf  Krankheitsverhütung. 

Gesetzlich  sind  aber,  wie  schon  gesagt,  die  Kinder  nicht  in  i 
Versicherung  mit  inbegriffen.  Daher  lag  die  Verhütung  im  engeil 
Sinne,  nämlich  die  häusliche  Prophylaxe  bisher  grösstenteils  nur 
den  Händen  von  privaten  Vereinen.  Deren  Arbeit  war  aber  j 
sofern  unproduktiv,  als  sie  meist  nur  die  Arbeit  der  praktisch 
Aerzte  wiederholten,  weshalb  naturgemäss  deren  Unterstütze: 
fehlte.  Vorbedingung  für  eine  rationelle  Arbeit  sind  die  erwähn* 
Untersuchungsstellen.  Wenn  die  soziale  Versicherung  heute  hilft 

1.  Untcrsuchungsstellen  zu  gründen  und 

2.  die  private  Hausfürsorge  energisch  zu  unterstützen, 
so  wird  produktivere  Arbeit  geleistet  werden  als  bisher. 

Die  Untersuchungsstellen  werden  am  besten  den  Ortskrank 
Rassen  (Vertrauensärzten)  übertragen,  denn  die  Kassen  haben  beri; 
ein  genaues  Verzeichnis  ihrer  Versicherten  und  einen  vollkonmei 


I 


August  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1129 


»erb! ick  über  die  Erkrankungen  ihrer  Mitglieder  in  den  Personal¬ 
ien,  die  täglich  durch  die  ärztlichen  Meldungen  ergänzt  werden. 
In  einer  Universitätsstadt  kommen  für  diese  Tätigkeit  auch  die 
lizinisehen  Polikliniken  in  Frage.  Um  die  Kassen  nicht  doppelt  zu 
tsten,  müsste  diese  Arbeit  aber  ehrenamtlich  übernommen  werden, 
ml  der  Universität  durch  die  Untersuchungsstellen  wertvolles 
nkemnaterial  zugeführt  und  gleichzeitig  die  sozialhygienische  Ur¬ 
ning  der  Studierenden  gefördert  wird. 

Auch  die  Auslese  der  Kranken  für  ein  Heilverfahren  würde 
ckmässig  erst  nach  stattgehabter  Untersuchung  durch  die  Unter- 
miigstelle  zu  geschehen  haben,  denn  durch  diese  Massnahmen 
den  zweifellos  die  Heilstätten  von  den  Pseudotuberkulosen  eilt¬ 
et  werden.  Zu  Polikliniken  dürfen  jedoch  keinesfalls  die  Unter- 
lungsstellen  ausgebaut  werden.  Prinzipiell  muss  jede  Behandlung 
dehnt  werden.  Wenn  produktivere  Arbeit  ohne  Behandlung  ge- 
et  wird,  werden  die  Kassenärzte  gern  die  Untersuchungsstellen 
atzen,  ja  im  Interesse  einer  energischen  Bekämpfung  der  Tuberku- 
könnten  die  Versicherungsanstalten  die  ausgiebige  Benutzung 
Untersuchungsstellen  unter  dieser  Voraussetzung  zur  Pflicht 
heil. 

In  der  ehemaligen  Kaiserlich  deutschen  Marine  suchte  der  Schiffs- 
Seinen  Stolz  nicht  darin,  am  Ende  des  Jahres  möglichst  viele 
nke  behandelt  zu  haben,  sondern  durch  geeignete  prophylaktische 
isnahmen  die  Infektionskrankheiten,  z.  B.  die  Geschlechtskrank¬ 
en  oder  in  den  Tropen  die  Malaria  auf  ein  Mindeslmaass  herab¬ 
rücken.  Ein  Ruhmesblatt  in  der  Geschichte  der  Medizin  ist  die 
zende  Durchführung  unserer  Verhütungsmassnahmen  während 
Weltkrieges.  Sie  zeigt  wohl  am  sinnfälligsten,  dass  die  Verhütung 
r  Krankheit  die  vollkommenere  Leistung  in  der  ärztlichen 
st  ist. 

Die  Allgemeine  Ortskrankenkasse  Würzburg-Stadt  hatte  aus  dei¬ 
nen  Erwägungen  heraus  eine  eigene  Untersuchungsstelle  ge- 
iffen,  und  um  ganze  Arbeit  zu  leisten,  machte  sie  sich  auch  von 
privaten  Fürsorge  frei  und  gründete  eine  eigene  Fürsorgestelle, 
ersten  Jahre  ihres  Bestehens  wurden  vom  1.  Juni  1922  bis  1.  Juni 
•  bei  2U000  Versicherten  69  offene  Tuberkulosen  festgestellt,  dazu 
en  im  Jahre  1922  36  ihr  unbekannte  offene  Tuberkulosen  aus  den 
iken,  Polikliniken  und  Sanatorien  gleich  105  offene  Tuberkulosen, 
lass  sie  unter  der  Voraussetzung,  dass  in  Würzburg  mit  seinen 
X)  Einwohnern  jährlich  2  Prom.  an  Tuberkulose  gleich  160  Men- 
n  sterben,  und  das  Dreifache  von  ihnen  gleich  480  offene  Tuber- 
n  zu  schätzen  sind,  sie  66  Proz.  der  offenen  Tuberkulosen  ihrer 
ucherten  feststellte,  die  ungefähr  ein  Drittel  der  Bewohner  Würz- 
:s  ausmachen.  Früher  waren  von  der  privaten  Fürsorge  ungefähr 
oz.  aller  offenen  Tuberkulosen  festgestellt  worden. 

Wir  sehen  aus  diesem  Beispiel,  dass  die  Möglichkeit  einer  viel 
er  gehenden  Erfassung  aller  Tuberkulösen  als  bisher  besteht, 
n  sich  die  Versicherten  zu  einer  Arbeitsgemeinschaft  zusammen- 
iessen.  Noch  wirksamer  wird  der  Abwehrkampf  werden,  wenn 
Volkskreise  auf  einheitlicher  Grundlage  —  vielleicht  durch 
hsgesetz  —  mobilisiert  sind. 

Am  8.  Juni  1923  wurde  durch  Vermittlung  der  medizinischen 
iltät  in  Würzburg  (Geheimrat  Schmidt)  unter  dem  Vorsitz  von 
.  Dr.  Magnus-Alsleben  in  diesem  Sinne  eine  Arbeits¬ 
einschaft  zur  Bekämpfung  der  Tuberkulose  ins  Leben  gerufen, 
besonderes  Verdienst  erwarb  sich  der  Verwaltungsdirektor  der 
emeinen  Ortskrankenkasse  Wiirzburg- Stadt  Westermeir 
h  sein  temperamentvolles  verständnisreiches  Eintreten  für  die 
;n  grossen  Ziele.  Da  der  Würzburger  Oberbürgermeister  Dr.  med. 

Löffler  ebenfalls  ein  sehr  weitherziges  Entgegenkommen 
te,  gelang  es  schnell,  in  vorbildlicher  Weise  den  Ring  zwischen 
tversicherten  und  Versicherungsträgern  zu  schliessen. 

Die  Statuten  wurden  unter  Anlehnung  an  den  Nürnberger  Zweck- 
tand  entworfen,  und  es  wurde  ein  jährlicher  Beitrag  pro  Kopf 
Versicherten  von  10  Friedenspfennig  mal  Index  festgesetzt.  Die 
t  zahlt  denselben  Beitrag  an  die  Arbeitsgemeinschaft  wie  die 
-meine  Ortskrankenkasse  Würzburg-Stadt. 

Es  wurden  drei  Untersuchungsstellen  geschaffen: 

die  1.  in  der  Medizinischen  Poliklinik  (Prof.  Magnus -Als- 
1  e  b  e  n), 

die  2.  in  der  Kinderpoliklinik  (Prof.  R  i  e  t  s  c  h  e  1), 
die  3.  in  der  Allgemeinen  Ortskrankenkasse  Würzburg-Stadt  lin¬ 
deren  Versicherte  (Dr.  v.  W  i  1  u  c  k  i). 

Die  gesamte  häusliche  Fürsorge  wurde  dem  Stadtarzt  Dr.  L  i  1 1 
tragen.  Die  Leitung  der  Arbeitsgemeinschaft  ruht  in  den  Händen 
Prof.  Magnus-Alsleben.  Im  engeren  Vorstande  befinden 
noch  ein  Vertreter  der  Stadt,  der  Direktor  der  Allgemeinen 
krankenkasse  Würzburg-Stadt  und  der  Stadtarzt.  Um  von  vorn- 
in  kein  Misstrauen  unter  den  praktischen  Aerzten  aufkommen  zu 
*n  und  ihre  Mitarbeit  zu  sichern,  ist  in  der  Arbeitsgemeinschaft 
der  ärztliche  Bezirksverein  durch  die  Stimme  seines  Geschäfts- 
ers  (Hofrat  Dr.  Frisch)  vertreten. 

Möge  dieser  Einheitsfront  in  dem  harten  Kampfe  trotz  des  wirt- 
ftlichen  Niederbruchs  unseres  schwer  geprüften  Vaterlandes 
-rfolg  beschieden  sein! 


Bücheranzeigen  und  Referate. 

H.  Oppenheims  Lehrbuch  der  Nervenkrankheiten  iiir  Aerzte 
und  Studierende.  7.,  vermehrte  und  verbesserte  Auflage.  Bearbeitet 
von  R.  C  a  s  s  i  r  er ,  K.  G  o  1  d  s  t  e  i  n,  M.  Nonne,  B.  Pfeifer. 
Erster  Band.  Mit  323  Abbildungen  im  1  ert  und  4  Tafeln.  Berlin,  1923. 
S.  Karger,  ürdpr.:  27  M. 

Das  Fehlen  des  unvergleichlichen  O  p  p  e  n  h  e  i  m  sehen  Funda¬ 
mentalwerks  während  zehn  Jahren  ist  von  den  Aerzten,  insonderheit 
den  Neurologen,  als  grosser  Mangel  empfunden  worden.  Nach  dem 
vor  vier  Jahren  erfolgten  frühen  Tode  des  Verfassers  war  zu  be¬ 
fürchten,  dass  kein  zweiter  Forscher  in  Deutschland  allein  imstande 
sein  werde,  das  gesamte  Gebiet  der  Nervenheilkunde  in  solcher  Voll¬ 
ständigkeit  zusammenzufassen  und  in  gleicher  Vollkommenheit  dar¬ 
zustellen.  Wir  müssen  es  daher  dem  Schüler  Oppenheims, 
Üassirer,  Dank  wissen,  dass  er  sich,  um  das  Werk  seines  Lehrers 
nicht  vom  Büchermarkt  verschwinden  zu  lassen,  wenn  auch  lange 
zögernd,  entschlossen  hat,  im  Verein  mit  drei  anderen  hervorragenden 
Fachgenossen  eine  neue  Ausgabe  zu  veranstalten.  Der  zunächst  er¬ 
schienene  erste  Band*,  der  den  „Allgemeinen  Teil“  und  vom  speziellen 
Teile  die  Krankheiten  des  Rückenmarkes  und  der  peripherischen 
Nerven  enthält,  zeigt,  dass  die  jetzigen  Bearbeiter  in  pietätvoller 
Wertschätzung  des  verstorbenen  Meisters  die  alte  Gliederung  des 
Stoffes  und  sogar  einen  grossen  Teil  des  Textes  im  Wortlaut  bei¬ 
behalten  und  nur  da  ergänzt  haben,  wo  die  neueren  Forschungen  und 
Erfahrungen  es  geboten.  Dadurch  dürfte  die  Einheitlichkeit  und  der 
Charakter  des  Werkes  als  „Lehrbuch“  im  Gegensatz  zu  den  Hand¬ 
büchern  gewahrt  werden. 

Die  Mehrzahl  der  Kapitel  des  ersten  Bandes  ist  von  C  a  s  s  i  r  e  r 
bearbeitet,  und  zwar:  der  ganze  allgemeine  Teil  (Art  der  Unter¬ 
suchung,  allgemeine  Symptomatologie),  der  gegen  früher  nur  wenige 
Ergänzungen  bringt,  ferner  die  diffusen  Erkrankungen  des  Rücken¬ 
markes,  das  allgemeine  Kapitel  „Peripherische  Lähmung“  und  die 
speziellen  peripherischen  Lähmungen  der  spinalen  Nerven.  Die  Be¬ 
arbeitung  der  Physiologie  und  Pathologie  des  Rückenmarkes  lag  in 
den  Händen  K.  Goldsteins,  diejenige  der  Strang-  und  System¬ 
erkrankungen  des  Rückenmarkes,  der  peripherischen  Lähmung  der 
Hirnnerven,  der  multiplen  Neuritis  und  der  Neuralgien  in  den 
Händen  B.  Pfeifers.  Eine  sehr  wertvolle  zeitgemässe  Ergänzung 
hat  der  erste  Band  erfahren  durch  Nutzbarmachung  der  grossen  Er¬ 
fahrungen,  die  der  Weltkrieg  gerade  auf  dem  Gebiete  der  Neuro¬ 
pathologie  brachte.  Dahin  gehören  vor  allem  umfangreiche  neue 
Abschnitte  aus  der  Feder  C  a  s  s  i  r  e  r  s,  der  während  des  Krieges 
über  5000  Fälle  von  peripherischen  Nervenverletzungen  selbst  unter¬ 
sucht  und  nun  seine  reichen  Erfahrungen  in  dem  Kapitel  über  „Trau¬ 
matische  Lähmung  periph.  Nerven“,  wie  in  den  Kapiteln  der  einzelnen 
periph.  Lähmungen  und  in  einem  besonderen  Abschnitt  über  die 
Schuss-  und  Stichverletzungen  des  Rückenmarkes  niedergelegt  hat. 

ln  äusserlicher  Beziehung  war  eine  nicht  unerhebliche  Vergrösse- 
rung  des  Umfanges  unvermeidlich,  auch  die  Abbildungen  erfuhren 
eine  vorteilhafte  Vermehrung;  die  technische  Ausstattung  des  Buches 
gereicht  dem  Verlag  zur  Ehre. 

Wenn  der  zweite  Band,  woran  wir  nicht  zweifeln,  erfüllt,  was 
der  erste  verspricht,  so  wird  das  wiedererstehende  Oppenheim- 
sclie  Werk  (dessen  frühere  Auflagen  in  vier  ausländischen  Sprachen 
über  alle  Weltteile  verbreitet  waren)  in  der  jetzigen  Vervollkomm¬ 
nung  die  Führung  in  der  —  zunächst  deutschen  —  Neuropathologie 
wieder  übernehmen,  zum  Nutzen  der  Wissenschaft  und  Praxis  und 
zum  erneuten  Ruhme  seines  Urhebers.  Stintzing. 

R.  Ti  sch  ne  r:  Einführung  in  den  Okkultismus  und  Spiritismus. 

2.  Auflage.  Verlag  von  J.  F.  Bergmann,  München,  1923.  124  S. 
7  Abb.  Grdpr.:  3.50  M. 

Eine  Einführung  in  den  Okkultismus  und  Spiritismus  kann  natür¬ 
lich  nur  ein  Anhänger  dieser  Richtungen  schreiben.  T.  ist  überzeugter 
Okkultist  und  macht  daraus  schon  in  Vorwort  und  Einleitung  kein 
Hehl;  er  lehnt  es  dagegen  ab,  Spiritist  zu  sein,  als  welcher  man  d  ie 
Deutung  okkulter  Phänomen  anerkennen  muss,  die  diese  auf  einen 
Verkehr  mit  den  Geistern  Verstorbener  zurückführt.  —  Es  berührt 
sympathisch,  wenn  T.  sich  bei  Darstellung  der  „Grenzgebiete  des 
Okkultismus“,  unter  welchem  Begriff  er  die  Erscheinungen  der 
Ueberempfindlichkeit  der  Sinne  in  der  Hypnose,  diese  selbst,  die  Sug¬ 
gestion,  unterbewusste  Phänomene,  wie  Traum,  Persönlichkeits¬ 
spaltungen,  Automatismen  (automatisches  Schreiben,  „Kristallsehen“, 
Tischrücken  u.  w.),  die  Traumzustände  u.  a.  m.  subsumiert,  in  durch¬ 
aus  sachlichen  Grenzen  hält,  so  dass  man  fast  alles  unterschreiben 
kann,  da  eigentlich  „Okkultes“  hier  eben  keine  Rolle  spielt.  Nicht 
so  voll  kann  man  schon  seiner  Stellung  zu  Wünschelrute  und  side- 
rischem  Pendel  zustimmen.  Dann  aber  kommt  der  eigentliche  Okkul¬ 
tismus  mit  den  „parapsychischen“  und  „paraphysischen“  Erscheinun¬ 
gen;  hier  kann  nicht  mehr  mit,  wer  nicht  von  vornherein  den  Okkul¬ 
tismus  anerkennt.  Zu  den  parapsychischen  Erscheinungen  rechnet  T. 
die  Telepathie  und  das  Hellsehen,  wie  sie  von  Experimenten  und 
„spontanen  Ereignissen“,  also  den  bekannten  „Ahnungen“  von  Ereig¬ 
nissen,  die  sich  in  der  Ferne  erfüllen,  auch  vom  Hellsehcn  in  die  Zu¬ 
kunft  und  vom  zweiten  Gesicht  her  bekannt  sind.  Die  Tatsache  des 
Vorkommens  von  uns  bisher  nicht  erklärbaren  Ahnungen 
und  eigentümlichen  experimentellen  Erfolgen  mag  mit  Re¬ 
serve  zugegeben  werden,  eine  zwingende  Notwendigkeit, 


1130 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  34  35 1 


„eine  irgendwie  geartete  direkte  seelische  Fernwirkung, 
eine  Uebertragung  der  Vorstellungen  ohne  direkte  engste 
Abhängigkit  von  einer  materiellen  Unterlage“  deshalb  anzuneh¬ 
men,  liegt  nicht  vor,  auch  nicht  wenn  man  dem  Verfasser  gern  ein¬ 
räumt,  dass  alle  Bemühungen,  diese  Dinge  auf  physikalische  oder 
psychologische  Weise  befriedigend  aufzuklären,  bisher  fehlschlu¬ 
gen.  Wir  wissen  eben  noch  nicht,  wie  sich  diese  Dinge  verhalten; 
aber  einer  rein  psychistischen  Theorie  zu  folgen,  dürfte  vielen 
schwerer  fallen  als  ein  Eingeständnis  unseres  vorläufigen  Unver¬ 
mögens.  Gänzlich  verweigern  aber  muss  man  dem  Verfasser  die 
Gefolgschaft  auf  dem  Gebiete  der  paraphysischen  Erscheinungen.  Bei 
der  guten  Einsicht,  die  Verfasser  bei  Besprechung  der  „Grenzgebiete 
des  Okkultismus“  bewiesen  hat,  muss  man  sich  wundern,  dass  er 
die  Lehie  vom  „Od“  und  der  „Exteriorisation  der  Sensibilität“  (ein 
Medium  hat  Empfindungen,  wenn  in  ein  Glas  gestochen  wird,  in  das 
es  sein  Empfindungsvermögen  übertragen  hat)  nicht  glatt  ablehnt. 
Hier  zeigt  sich,  dass  er  ganz  dem  Okkultismus  verfallen  ist,  und  dass 
nichts  fremdartig  und  wunderbar  genug  ist,  um  nicht  angenommen 
und  gedeutet  zu  werden.  Die  Materialisation  ist  für  ihn  eine  fest¬ 
stehende  Tatsache,  das  Auftreten  materieller  Gesichter,  Hände,  Ge¬ 
stalten  und  merkwürdiger,  auch  ähnlicher  und  papierartiger  Gegen¬ 
stände  im  Dunkelzimmer  unter  dem  Einfluss  der  Medien  ist  ihm 
sicher;  es  stört  ihn  nicht,  dass  die  materialisierte  Hand,  die  ihn  be- 
rührt,  sich  genau  anfühlt  wie  eine  Hand  von  Fleisch  und  Bein  und 
Körpertemperatur;  es  stört  ihn  nicht,  wenn  bei  der  Telekinese  Fäden 
oder  stab-  oder  rutenartige  Gebilde  vom  Medium  zu  dem  sich  bewe¬ 
genden  Gegenstand  führen,  das  ist  eben  dann  die  zu  materieller 
Stütze  gewordene  fluidische  Kraft.  Mit  der  Materialisation  muss  er 
aber  auch  die  Dematerialisation  zugeben  —  denn  die  materialisierten 
Gebilde  zerfliessen  ja  auch  wieder  in  einem  Moment  in  ein  Nichts  — , 
und  so  muss  T.  denn  auch  z.  B.  die  Versuche  des  Mediums  Slade 
anerkennen,  das  aus  verschlossenen  Schachteln  Münzen  und 
dergleichen  verschwinden  und  wiederkommen  Hess.  Es  soll 
gern  zugegeben  werden,  dass  T.  sehr  vorsichtig  bei  seinen 
Experimenten  vorgeht,  und  dass  wir  alle  vielleicht  ebenso 
vor  Rätseln  gestanden  hätten;  es  soll  auch  mit  Anerkennung 
darauf  hingewiesen  werden,  dass  T.  der  Täuschung  und  dem  Betrug 
eine  grosse  Bedeutung  beimisst,  ja  es  soll  besonders  betont  werden, 
dass  er  frei  zugibt,  dass  selbst  die  grössten  mediumistischen  Kronzeu¬ 
gen  seiner  Auffassung  schon  auf  Schwindeleien  ertappt  wurden;  man 
kann  sich  aber  darum  doch  nicht,  fast  möchte  man  sagen  gerade  des¬ 
wegen  nicht,  der  Auffassung  anschliessen,  dass  bei  den  massgeben¬ 
den  Experimenten  eine  Vortäuschung  oder  Selbsttäuschung  „aus¬ 
geschlossen“  war.  Die  Experimentatoren  haben  trotz  ihrer  Ge¬ 
wiegtheit  eben  doch  nicht  durchgesehen,  wir  weniger  Gewürfelten 
würden  es  gewiss  noch  viel  weniger  tun.  Aber  selbst  wenn  wirklich 
trotz  der  so  grotesk  anthropomorph  gestalteten  Materialisation  etwas 
Positives  an  den  Erperimenten  sein  sollte,  so  würde  uns  die  Hypo¬ 
these  von  der  vierten  Dimension  und  die  Heranziehung  der  Relativi¬ 
tätstheorie  u.  ä.  vielleicht  noch  mehr  befriedigen  als  die  jetzigen 
Deutungen  des  Okkultismus;  dass  es  für  uns  noch  unbekannte  Länder 
gibt,  davon  sind  wir  wohl  alle  überzeugt.  —  Der  Spiritismus  wird 
von  T.  in  sehr  entgegenkommender  Weise  besprochen,  schliesslich 
aber  doch  abgelehnt. 

Ich  habe  das  in  ernstem  Geiste  geschriebene  Buch  gern  und  mit 
Interesse  gelesen,  aber  auch  mit  Staunen,  und  zwar  mit  Staunen  über 
die  Tatsache,  wie  wenig  die  ehrliche  Absicht  kritischer  Stellung¬ 
nahme  bei  guter  Beherrschung  unserer  jetzigen  wissenschaftlichen 
Kenntnisse  davor  schützt,  dass  jemand  durch  die  Labilität  seines 
Persönlichkeitsbewusstseins  —  ein  gewisses  Maass  solcher  Labilität 
bei  jedem  vorausgesetzt;  es  spielt  in  normaler  Breite  ja  beim  Glauben 
eine  grosse  Rolle  —  in  solch  phantastische  Formen  entrückt  wird. 
Dass  wir  bei  den  okkulten  Erscheinungen  uns  an  den  Grenzen  unseres 
Wissens  befinden,  darüber  sind  wir  uns  einig.  Die  Deutung  dieser 
Erscheinungen  scheint  mir  aber  vorläufig  noch  Glaubenssache  und 
nicht  Wissenssache  zu  sein,  und  wer  sich  mit  diesen  Dingen  befasst, 
wird  immer  Gefahr  laufen,  Glauben  mit  Wissen  zu  verwechseln;  dem 
dürfte  T.  zum  Opfer  gefallen  sein.  Ich  halte  mich  weder  für  einen 
Materialisten,  noch  für  einen  Mechanisten  in  dem  von  T.  bekämpften 
Sinne,  und  ich  bin  mir  der  Relativität  all  unseres  Wissens  wohl  be¬ 
wusst;  das  kann  mich  aber  nicht  veranlassen,  den  Tischner  sehen 
Argumentationen  zu  folgen.  G.  Ewald-  Erlangen. 

E.  Bleuler:  Lehrbuch  der  Psychiatrie.  4.  Auflage.  Berlin, 
1923,  Julius  Springer.  546  S. 

Das  hier  schon  mehrfach  besprochene  Buch  Bleulers  hat  sich 
kraftvoll  durchgesetzt.  In  weniger  als  sieben  Jahren  die  vierte  Auf¬ 
lage!  Das  beweist  die  allgemeine  Beliebtheit  des  Lehrbuches,  zumal 
bei  der  Erschwerung  der  Buchanschaffung,  die  den  Studierenden 
zwingt,  ganz  auf  den  Kauf  eines  Lehrbuches  zu  verzichten  oder  sicli 
mit  einem  kurzen  Kompendium  zu  begnügen.  Die  grosse  Anerken¬ 
nung  des  Bleuler  sehen  Werkes  ist  für  den  Psychiater  um  so  er¬ 
freulicher,  als  es  wenig  geeignet  ist,  sich  in  flüchtigem  Durcheilen 
die  für  die  Prüfung  erforderlichen  Kenntnisse  einzupauken,  sondern  — 
zuweilen  sogar  recht  hohe  —  Ansprüche  an  Wissen,  Können  und 
Ernst  des  Lesenden  macht.  So  bedarf  das  Buch  keiner  besonderen 
Empfehlung  mehr. 

Zwei  Wünsche  für  die  nächste  Auflage:  Die  Wirkung  des  Luini- 
nals  bei  Epilepsie  ist  doch  nach  meinen  Erfahrungen  so  gross,  dass 


rch  eine  wärmere  Empfehlung  wünschen  möchte.  Ich  ziehe  es  den 
Brom  entschieden  vor.  Die  von  Bleuler  angegebene  Menge  (0,0?; 
bis  0,1)  ist  häufig  nicht  ausreichend;  im  allgemeinen  habe  ich,  abge 
sehen  von  den  seltenen  Fällen  einer  sich  sofort  zeigenden  Idiosyir 
krasie,  auch  bei  jahrelangem  unausgesetztem  Nehmen  keinerlei  Schä 

digungen  gesehen.  _  .  ..  . 

Die  Encephalitis  lethargica  ist  in  B  1  e  u  1  e  r  s  Darstellung  zu  kur. 
geraten.  Die  schweren  Spätfolgen  verdienen  um  so  mein  eine  ge 
nauere  Darstellung,  als  sie  sich  oft  erst  viel  später  einstellen  um 
schubweise  den  Gesamtzustand  der  Kranken  körperlich  und  psychisch 
verschlimmern.  Ich  fürchte  sehr,  wir  werden  um  die  Anerkennum 
einer  vielgestaltigen  Dementia  postcncephalitica  nicht  herumkonnneii 

Aschaffenburg. 

Marburg:  Arbeiten  aus  dem  Neurologischen  Institut  an  de 

Wiener  Universität.  Band  XXIV,  2.  und  3.  Heft.  April  1923.  Leipzig 
D  e  u  t  i  c  k  e.  453  S.  Gdpr.:  36  M. 

Das  Heft  wird  eingeleitet  durch  einen  wannen  Nachruf  fu 
Obersteiner  aus  der  Feder  Marburgs.  Ni  s  hdk  awa  unter 
sucht  die  Veränderungen  in  den  anliegenden  Hirnteilen  bei  klein 
hirnbriickenwinkeltumoren  und  die  Gründe  der  hohen  Mor 
talität  bei  der  Operation  und  deren  Vermeidung.  Spiegel  um 
Nishikawa  bewirkten  bei  Katzen,  Hunden  und  Ratten  durc 
partielle  und  totale  Exstirpation  der  Epithelkörperchen  Disposition  z, 
Tetanie  und  brachten  dann  durch  Verletzungen  im  Mittelhirn  ausge 
sprochene  einseitige  Tetaniekrämpfe  hervor.  Das  Zentrum  für  die  ent 
sprechenden  Reflexe  lokalisierten  sie  etwas  genauer  als  oisher  i 
Pons  und  Oblongata.  Das  Kleinhirn  ist  höchstens  nebensächlich  be 
teiligt.  Die  Tetanie  kann  keine  Guanidinvergiftung  sein,  da  die  z 
dieser  gehörenden  entzündlichen  Erscheinungen  fehlen.  N  a  i  t  o  zeig« 
dass  auch  im  (menschlichen)  Kleinhirn  die  Ummarkung  der  U.as'^r 
von  den  phylisch  ältesten  Partien  zu  den  jüngsten  fortschreitet.  Kub 
hat  4  Fälle  von  Entwicklungsstörungen  des  Kleinhirns  sehr  gena. 
untersucht  mit  vielen  interessanten  Einzelresultaten.  Nishikawj 
findet  mit  der  Degenerationsmethode  in  der  scheinbar  so  allseiti 
studierten  Oblongata  noch  neue  Fasersysteme.  Hoff  studiert  de 
Liquordruck  nach  Punktionen  und  Injektionen  und  nach  Einfluss  vei 
schiedener  auf  die  Gefässe  wirkenden  Substanzen.  Hryntscha 
beschreibt  Lage  und  Formen  der  Zellen  der  Harnblase. 

XXV.  Band,  1.  Heft,  April  1923: 

Saito  hat  eine  minutiöse  Untersuchung  von  7  Paralytikergchii 
nen  gemacht,  die  erlaubt,  sich  über  die  pathologische  Anatomie  de 
Paralyse  und  ihre  Zusammenhänge  mit  dem  Verlauf  der  Krankhe 
bestimmter  zu  äussern  als  bisher.  Betont  wird  namentlich  die  fleck 
weise  Lokalisation  sowohl  in  der  Pia,  wie  im  Gehirn.  Der  I  rozes 
der  als  eine  Entzündung  aufgefasst  werden  muss,  ist  in  den  en 
zelnen  Herden  akut,  läuft  daselbst  nach  mehr  oder  weniger  starke 
Zerstörung  des  Gewebes  ab,  so  dass  z.  B.  die  Infiltrate  und  Exsudat1 
um  die  Gefässe  wieder  verschwinden  können.  Chronisch  wird  di 
Krankheit  dadurch,  dass  immer  wieder  neue  Herde  auftreten.  Di 
Zusammenhänge  der  Befunde  mit  dem  Verlauf  und  der  Symptomab 
logie  sitld  auffallend  gering.  Die  vielen  Einzelheiten  sind  im  Origin; 
nachzulesen.  E.  Bleuler-  Burghölzü. ; 

Zeitschriften-  Uebersicht. 

Deutsches  Archiv  für  klinische  Medizin.  142.  Bd.,  3.  u.  4.  Hei 

H.  S  t  r  a  u  b  -  Greifswald:  Die  Poikilopikrie  der  Nierenkranken.  (At| 

der  I.  med.  Klinik  der  Universität  München  und  aus  der  Med.  Klinik  d. 
Universität  Greifswald.)  (Mit  1  Abbild.) 

Bei  einer  grösseren  Zahl  von  Nierenkranken  verschiedener  Art  uil 
Schwere, fand  sich  ein  ausserordentlich  buntes  Bild  der  Serumzusamme. 
Setzung.  '  Während  beim  Normalen  nicht  nur  die  Gesamtsumme  aller  g 
lösten  Bestandteile,  sondern  auch  jeder  einzelne  von  ihnen  nur  ganz  gerirg< 
Schwankungen  unterliegt,  ist  dies  beim  Nierenkranken  anders.  Jeder  ei 
zelne  kann  vermehrt  und  vermindert  gefunden  werden,  Chloride,  Bikarbonat, 
säurelöslicher  Phosphor,  Rest\N  und  der  Rest  unbekannter  Mole  nehmen  ti 
diesen  Schwankungen  teil,  ohne  dass  die  Gesetze  dieser  Schwankungen  au 
reichend  geklärt  wären.  Ausscheidungsinsuffizienz  der  Niere  und  Aend 
rungen  der  Zufuhr  nehmen  auf  diese  Schwankungen  ebenso  Einfluss  wie  dj 
Verhalten  der  Gewebe  und  intermediäre  Stoffwechselvorgänge.  Die  bun 
Zusammensetzung  der  Gesamtsumme  der  Säureanionen  ist  der  wesenthet] 
und  wichtige  Ausdruck  dieser  Bilanzstörung  der  Nierenkranken.  Ein* 
Organismus,  dessen  Anionengehalt  von  exogenen  und  endogenen  Vorgang! 
abhängig  und  nicht  mehr  ausreichend  konstant  gehalten  wird,  bezeichnet  m, 
als  poikilopikrisch.  Wenn  an  diesen  Schwankungen  nicht  nur  die  Aniotit' 
sondern  auch  die  Kationen  beteiligt  sind,  so  wäre  der  Begriff  der  Poiki 
pikrie  zu  erweitern  und  durch  den  schon  eingebürgerten  Begriff  der  I  oikil] 
ionie  zu  ersetzen.  Von  der  durch  Gefrierpunktsbestimmungen  ermittelt 
molaren  Konzentration  des  Serums  bleibt  noch  ein  erheblicher,  unbekannt 
..Molenrest“,  der  durch  den  Gehalt  an  Eiweiss  und  Traubenzucker  nie 
gedeckt  ist.  Bei  Nierenkranken  fand  sich  der  Molionengehalt  des  Blutserui 
häufig  erhöht,  woran  meist  der  Reststickstoff  überragenden  Anteil  hat.  M 
stärksten  Vermehrungen  des  Molenrestes  fanden  sich  bei  2  QuecksilDii 
nieren,  was  auf  das  Auftreten  von  Zerfallsprodukten  im  Blute  infolge  dl 
Giftwirkung  auf  den  Gesamtkörper  hinweist.  Vielleicht  führt  verändert 
Zellstoffwechsel  bei  chronischem  Nierensiechtum  zum  Auftreten  analog 
Stoffe  im  Blute  und  zu  Kachexie.  Verminderung  einzelner  Mole  und  Ion 
bei  Zunahme  anderer  kann  von  dem  Gesichtspunkt  der  Aufrechterhaltung  d 
Isotonie  als  „zweckmässige“  Kompensationseinrichtung  aufgefasst  werde 
Die  Beobachtungen  lassen  eine  aktive  Rolle  der  Körpergewebe  an  die1- 
regulatorischen  Vorgängen  vermuten.  Wegen  der  Unkenntnis  über  die  Na. 
des  Molenrestes  kann  die  Frage  nach  dem  Wesen  der  Hypokapnie  (  -  Hers 
Setzung  der  Kohlensäurebir.dungsfähigkeit  des  Blutes)  der  Nierenkrank 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


eilt  eindeutig  beantwortet  werden.  Bestellt  er  vorwiegend  aus  Anelektro- 
ten,  so  beruht  die  Hypokapnie  teils  auf  Clilorretention  teils  darauf,  dass 
Ikali  aus  dem  Blut  verschwunden  ist,  also  auf  einer  Niereninsuffizienz.  Ent- 
ilt  der  Molenrest  aber  zu  einem  erheblichen  Teil  organische  Säuren,  so  ist 
e  Blutveranderung,  die  zur  Hypokapnie  der  Nierenkranken  führt,  durchaus 
ialog  der  bei  diabetischer  Azidose. 

E.  Boden  und  F.  Neukirch:  Klinische  und  experimentelle  Studien 
ier  Bulbus  scillae  und  SziUären.  (Aus  der  med.  Klinik  der  Akademie  für 
aktische  Medizin  zu  Düsseldorf.)  (Mit  3  Kurven.) 

Klinische  Beobachtungen  ergaben  die  Wirksamkeit  von  Bulbus  scillae 
id  Szillaren  besonders  bei  Myodegeneratio  cordis,  hier  waren  sie  anderen 
igitalispräparaten  und  dem  Strophanthin  überlegen.  Dekompensierte  Aorten- 
tien  wurden  gleichfalls  günstig  beeinflusst,  ohne  dass  hier  die  eben  er¬ 
ahnte  Ueberlegenheit  gegenüber  Digitalis  und  Strophanthin  bestand,  bei 
itral vitien  und  Herzinsuffizienz  nach  Nierenerkrankungt;n  war  Scilla  ohne 
folg.  Aus  den  klinischen  und  experimentellen  Beobachtungen  am  über¬ 
benden  Warmblüterherzen  hat  sich  ein  besonderer  Angriffspunkt  der  Scilla- 
äparate  am  Herzen  oder  ein  prinzipieller  Unterschied  von  der  Digitalis  in 
■r  Wirkungsweise  nicht  erkennen  lassen.  Bulbus  scillae  wurde  früher  mehr 
iter  die  Diuretika,  als  unter  die  Herzmittel  eingereiht,  weil  ungenügende 
äsen  verabreicht  wurden  und  die  wirksamen  Substanzen  nicht  genügend  in 
e  früheren  „ü  a  1  e  n  i  sehen“  Präparate  übergingen.  Ein  wirksames  Scilla- 
äparat  ist  das  Szillaren. 

R.  Q  e  i  g  e  I  -  Würzburg:  Die  diskontinuierlichen  Schwingungen  in  der 
iagnostlk. 

Helmhol  tz  hat  gezeigt,  dass  bei  diskontinuierlichen  Schwingungen 
ner  Saite  die  hohen  Obertöne  gegenüber  dem  Orundton  hervortreten,  mit 
irminderung  der  Stosszeit  beim  Anschlägen  der  Saite  werden  die  hohen  Ober- 
nc  verstärkt,  der  Grundton  schwächer.  Je  kürzer  die  Stosszeit,  je  kleiner 
e  gestossene  Stelle,  je  härter  der  Hammer  und  je  stärker  die  Schwingung 
s  angestossenen  Körpers,  um  so  diskontinuierlicher  wird  die  Bewegung, 
eigel  hat  nun  diese  H  e  1  m  h  o  1 1  z  sehen  Untersuchungen  zur  Erklärung 
s  Metallklanges  in  der  Diagnostik  benützt,  indem  er  das,  was  Helm- 
sitz  für  die  Schwingungsform  von  Saiten  gefunden  hatte,  auch  für  die 
n  gespannten  Membranen  verwertete,  und  zeigte,  dass  das  gleiche  wie  in 
r  Perkussion  auch  für  die  Auskultation  gilt,  indem  auch  hier  eine  dis- 
ntinuierliche  Erschütterung  von  Lufträumen  dort  entsteht,  wo  man  in  der 
agnostik  das  Auftreten  sog.  „metallischer“  Obertöne  beobachtet.  Ebenso 

■  Unterschied  von  tympanitischem  und  atympanitischem  Perkussions- 
liaH  in  letzter  Linie  auf  den  höheren  und  geringeren  Grad  der  Diskontinuität 
r  Schwingungen  zu  beziehen.  Diese  in  die  Diagnostik  eingeführte  Lehre 
n  den  diskontinuierlichen  Schwingungen  hält  G  e  i  g  e  1  aufrecht  gegenüber 
a  r  t  i  n  i  (siehe  dieses  Archiv  Bd.  139). 

R.  D.  L  o  e  w  e  n  b  e  r  g  -  Hamburg:  Ein  Beitrag  zur  Klinik  des  Herz- 
arkts  und  der  Pericarditis  epistenocardiaca.  (Aus  der  med  Universitäts- 
liklinik  in  Hamburg.) 

Wenige  Tage  nach  seinem  ersten  stenokardischen  Anfall  zeigte  cm 
jähriger  Lotse  vorübergehend  Fieber,  perikardiales  Reiben  und  Leuko- 
tose.  Nach  scheinbar  völliger  Erholung  3  Wochen  später  plötzlicher  Exitus, 
)”e'  u!.e  *t^n’sc‘1  beobachtete  Pericarditis  epistenocardiaca  anatomisch  auf 
em  Höhepunkt  war;  das  kurz  nach  dem  Verschluss  der  Kranzarterien  auf- 
dende  Fieber  und  die  Leukozytose  beruhten  offenbar  auf  dem  Zerfall  der 
:rzmuskeln.  Diese  beiden  Symptome  können  auch  in  solchen  Fällen  die 
agnose  stützen,  in  denen  das  schnell  wieder  hergestellte  subjektive  Wolil- 
iinden  scheinbar  gegen  einen  Infarkt  spricht. 

R.  Hopmann:  Akute  infektiöse  Stammzelilenverinehrung  im  Blute  mit 
ilung.  (Beiträge  zur  „Monozytenangina“.)  (Aus  der  med.  Klinik  der  Uni- 
rsität  Marburg.) 

Bei  einem  22  jährigen  Studenten  mit  schwerer  eitriger  Angina  und  starken 
Igemeinerscheinungen  fanden  sich  im  Blute  grosse  einkernige»  Zellen,  die 
ist  positive  Oxydasereaktion  ergaben.  Wahrscheinlich  handelt  es  sich  um 
ie  besondere  Spezifität  des  zur  abnormen  Blut-  bzw.  Gewebsreaktion 
irenden  Reizes,  also  wahrscheinlich  des  hypothetischen  Infektionserregers. 

E.  J  ü  r  g  e  n  s  e  n  -  Bad  Kissingen:  Mikrokapillare  Beobachtungen  und 
somotoren.  (Aus  der  I.  med.  Klinik  München.) 

Systematisch  durchgeführte  Mikrokapillarbeobachtungen  ergeben  die 
iglichkeit,  Störungen  im  Kreislaufmechanismus,  die  vorwiegend  auf  Schädi- 
ugen  im  Bereich  des  Vasomotorensystems  beruhen,  frühzeitig  nachzuweisen 
jl  in  ihrer  weiteren  Auswirkung  für  den  Gesamtkreislauf  zu  verfolgen.  Bei 
llcn  epidemischer  Enzephalitis  bzw.  Grippe  Hessen  sich  zwei  Grundtypen 
terscheiden.  In  Typ  A  kommt  die  erhöhte  Erregbarkeit  des  Vasomotoren- 
ltrums  sehr  gut  in  der  gesteigerten  Reizbarkeit  der  peripheren  Gefässe  zum 
sdruck;  es  finden  sich  schmale,  im  ganzen  noch  gut  differenzierte  Kapillar- 
i  lmgen,  die  Strömung  meist  lebhaft,  zeitweise  der  körnigen  Strömung 
dich:  im  Sperrversuch  fanden  sich,  ganz  ungeordnet,  bald  verlängerte,  bald 
rkurzte  Strömungszeiten,  die  Blutdruckwerte  relativ  hoch,  man  könnte  es 
das  Stadium  der  Gefässunruhe  bezeichnen.  Typ  B  zeigt  das  Stadium 
Vasjmotorenschwäche  bzw.  Lähmung,  von  vornherein  maximal  erweiterte 
Pdlarschlingen  bei  träger,  kaum  wahrnehmbarer  Blutströmung.  Im  Sperr- 
■such  erhebliche  Verkürzung  oder  Stillstand  der  Blutsäule,  die  Blut- 
ickwerte  ganz  niedrig.  Typ  A  also  Vasomotorenreizung,  Typ  B  Vaso- 
t.?re"sc.tlwä9he  oder  Lähmung.  Das  Besondere  der  Grippeinfektion  (Enze- 
ditis)  liegt  in  der  Auswirkung  vasomotorischer  Schädigungen  auf  fast  das 
lamte  periphere  Gefässsystem.  Nach  Abklingen  der  akuten  Erscheinungen 
ss  sich  die  noch  lange  fortdauernde  Schädigung  des  peripheren  Gefäss- 
stems  durch  den  Sperrversuch  nachweisen,  so  dass  die  oft  auffällig  lang 
|Jernde  Rekonvaleszenz  erklärlich  wird.  Auch  die  Dysfunktion  innersekre- 
ischer  Drüsen  (z.  B.  Schilddrüse)  kann  einen  verhängnisvollen  Einfluss  auf 
hi  Verlauf  der  Erkrankung  ausüben,  so  dass  sowohl  Hyper-  als  Hypo- 
hreosen  für  die  Mikrokapillarbeobachtung  von  Wichtigkeit  sind.  In  einigen 

■  len  postoperativer  Hypothyreose  mit  hochgradiger  Störung  im  Bereich 

peripheren  Gefässregulation  Hess  sich  durch  systematische  Thyreoidin- 
d'e  Kreislaufstörung  beheben.  Bei  septischen  Erkrankungen  kommt 
Nachlass  des  Splanchnikustonus  schon  frühzeitig  in  einer  maximalen  Ver- 
Rerung  der  Hautkapillaren  (Antagonistenwirkung)  zur  Geltung.  Die  Mikro- 
mlarbeobachtung  ist  allerdings  eine  subtile,  Uebung  und  Erfahrung  er- 
'dernde  Untersuchungsmethode. 

R.  Prigge:  Die  Wirkung  der  intravenösen  Zufuhr  grosser  NaCI- 
ngen.  III.  Mitteilung.  Die  Beeinflussung  der  Antikörperproduktion.  (Aus 

n  Institut  für  experimentelle  Therapie  in  Frankfurt  a.  M.) 

Die  günstige  Wirkung  der  intravenösen  Injektion  grosser  NaCl-Mengen 
Pneumonie  führt  zur  Frage,  ob  sie  durch  Einwirkung  auf  die  Antikörper¬ 


bildung  bzw  vermehrtes  Auftreten  derselben  aus  Zellen  in  die  Blutbahn  be¬ 
dingt  ist.  Versuche  mit  Hämolysinen,  die  zum  Studium  der  Einwirkung 
massiver  Chlornatriumdosen  auf  die  Antikörperbildung  angestellt  wurden, 
zeigten,  dass  beim  immunisierten  Kaninchen  keine  Vermehrung  der  Anti¬ 
körper  eintritt,  vielmehr  zeigte  sich  stets  eine  Verminderung  der  im  Blut 
kreisenden  Hämolysine. 

O.  Ewald:  Die  leukämische  Retikuloendotheliose.  (Aus  dem  Sama- 
riterhaus  Heidelberg.)  (Mit  2  Abbild.) 

Ein  60  jähriger  Landwirt  kam  wegen  stark  ulzerierender,  sehr  bluten¬ 
der  Gingivitis  zur  Röntgenmilzbestrahlung,  die  den  8  Tage  später  erfolgenden 
Exitus  nicht  aufhalten  konnte.  Es  handelte  sich  um  eine  klinisch  als  septisch 
zu  bezeichnende  Erkrankung,  die  sich  zytologisch  in  einer  Proliferation  der 
urenchymzellen  des  ganzen  retikulo-endothelialen  Systems  mit  Ausschwem¬ 
mung  dieser  primitiven  Zellen  in  die  Blutbahn  darstellt.  Es  handelt  sich 
also  um  eine  als  akute  leukämische  Retikuloendotheliose  zu  bezeichnende, 
selbständige  Form  der  Leukämie,  die  neben  die  Myelose  und  Lymphadenose 
zu  stellen  ist. 

O.  G  r  o  s  s  -  Greifswald : :  Zur  Lehre  von  der  Verfettung  parenchymatöser 
Organe. 

...  Z1?  ^heren  Arbeiten  haben  Gross  und  V  o  r  p  a  h  I  gezeigt,  dass  in 

überlebenden  Organen  vorher  nicht  nachweisbares  Fett  auftritt,  wenn  die 
rgane  oder  Teile  davon  unter  besonderen  Versuchsbedingungen  einem  lang¬ 
samen  Zugrundegehen  —  einem  nekrobiotischen  Prozess  —  unterworfen 
wurden.  Weitere  Untersuchungen  ergaben,  dass  eine  echte,  fettige  Degenera- 
tion  vorlag,  d.  h.  eine  Fettbildung  aus  Eiweiss;  die  Zelle  ist  imstande  aus 
Eiweiss  Fettsäure  zu  bilden.  Diese  Ansicht  wird  gegenüber  den  Arbeiten 
von  Munk  und  R  o  t  he  r  aufrecht  erhalten.  (Dieses  Archiv  HO  314  S  137) 

Besprechungen.  B  a  m  b  e  r  g  e  r  -  Kronach. 

Mitteilungen  aus  den  Grenzgebieten  der  Medizin  und  Chirurgie. 

Band  36.  Heft  5.  Jena  1923.  Verlag  Gustav  Fischer. 

A  k  e  r  1  u  n  d  -  Stockholm:  Die  Röntgendiagnostik  des  Ulcus  duodeni  mit 
Hinsicht  auf  die  lokalen  „direkten“  Röntgensymptome. 

Zur  Darstellung  des  Bulbus  duodeni  gibt  Verf.  eine  dünnflüssige,  trink¬ 
bare,  niehtsedimentierende  Bariumsaftcreme  von  Sahnenkonsistenz  und  macht 
Serienaufnahmen  im  Stehen.  Das  Ulkus  kann  folgende  Formveränderungen 
am  Bulbus  hervorrufen:  Nische,  Defekt.  Retraktion  und  Divertikel,  wie  an  Ab¬ 
bildungen  erläutert  wird.  An  autoptischem  Material  ergab  sich,  dass  die 
„detaillierte  Bulbusanalyse“  in  über  60  Proz.  eine  richtige  Röntgendiagnose 
des  Ulc.  duod.  lieferte,  in  etwa  20  Proz.  eine  richtige  Wahrscheinlichkeits- 
diagnose.  In  weniger  als  20  Proz.  war  die  Diagnose  nur  alternativ  mög¬ 
lich  oder  musste  offen  gelassen  werden  oder  war  falsch  (4  Fälle  =  5.6  Proz.) 

A.  Szenes  (Chir.  u.  Med.  Univ.-Kl.  Zürich):  Ueber  den  Gehalt  des 
Blutes  an  Kalk,  des  Serums  an  Aminosäuren  bei  Strumen  und  einem  Falle 
von  Myositis  ossificans,  nebst  refraktometrischen  Bestimmungen. 

Der  durchschnittliche  Blutkalkwert  betrug  bei  kleinen  Strumen  14,5  mg- 
Proz.,  bei  mittelgrossen  19,8  und  bei  grossen  12,75  mg-Proz.  Bei  2  1  {jähri¬ 
gen  Kindern  fand  sich  nach  Strumareduktion  erhöhter  Blutkalkwert.  Den 
Höchsten  Blutkalkwert  hatten  adenomatös-parenchymatöse  Strumen,  den 
niedrigsten  zystische  Strumen,  Kolloide  hielten  die  Mitte.  Der  Brechungsindex 
des  Serums  (entsprechend  der  Konzentration)  war  bei  grossen  Strumen 
niedriger;  ebenso  war  er  nach  operativer  Reduktion  der  Struma  häufiger 
herabgesetzt,  was  Verf.  mehr  dem  operativen  Eingriff  als  der  Gewichts¬ 
abnahme  zuschreibt.  Der  Gehalt  des  Serums  an  Aminosäuren  war  bei  er¬ 
höhtem  Gasstoffwechsel  erniedrigt  und  umgekehrt.  —  in  einem  Fall  von 
Myositis  ossificans  war  der  Blutkalkgehalt  beträchtlich  erhöht;  nach  Ex¬ 
stirpation  zweier  Epithelkörperchen  und  ausgedehnter  Thymusreduktion  wurde 
er  geringer. 

L.  B  i  e  n  e  r  (I.  chir.  Kl.  Wien):  Die  Behandlung  der  Lungenverletziin®en. 

Im  Frieden  genügt  in  der  Regel  konservative  Behandlung:  absolute  Ruhe, 
Morphium,  ev.  Styptika.  Langsam  zurückgehende  Ergüsse  punktiere  man. 
Nach  4  Wochen  soll  Lungengymnastik  einsetzen.  Primärer  operativer  Ein¬ 
griff  kommt  in  Betracht  bei  progredienter  Blutung,  bei  Spannungs-  und  bei 
offenem  Pneumothorax. 

K.  N  a  t  h  e  r  und  H.  R.  S  c  h  i  n  z  (Chir.  KHn.  Zürich):  Tierexperimentelle 
Röntgenstudien  zum  Krebsproblem.  I.  Gibt  es  eine  Reizdosis  bei  malignen 
Tumoren? 

Beobachtungen  an  Mäusekarzinomen  ergaben  keine  Anhaltspunkte  für 
mögliche  Reizwirkungen.  Karzinomheilung  wurde  erzielt  durch  Bestrahlungs- 
serien  mit  kleinen  Dosen  in  kurzen  Zwischenräumen  (2 — 3  Tage):  dies  lässt 
sich  so  erklären,  dass  dabei  die  verschiedenen  Geschwulstzellen  in  ihrem 
empfindlichsten  Teilungsstadium  der  Reihe  nach  erfasst  werden.  Verff.  regen 
an,  auch  beim  Menschen,  wenn  Maximaldosen  nicht  ohne  grosse  Gefahr  an¬ 
wendbar  sind,  kleine  Teildosen  in  gedrängten  Serien  zu  versuchen. 

A;  Buzello  (Chir.  Klinik  und  Hyg.  Institut  Greifswald):  Ueber  die 
bakterientötende  Wirkung  des  Narkoseäthers. 

Wurde  weissen  Mäusen  eine  mit  Streptokokken  tödlich  infizierte  Rücken¬ 
wunde  nach  Vi  bis  höchstens  1  Stunde  mit  2 — 3  ccm  Narkoseäther  betropft, 
so  blieben  sie  am  Leben.  Die  Keime  werden  wohl  nicht  alle  getötet,  aber 
doch  in  ihrer  Virulenz  sehr  geschwächt.  Schwächeren,  d.  h.  langsam  töd¬ 
lichen  Tetanusinfektionen  gegenüber  wurde  der  gleiche  Erfolg  erzielt. 

J.  v.  Bo  ros  (II.  interne  Universitätsklinik  Pest.):  Ueber  Relaxatio 
diaphragmatica. 

Zwei  Fälle;  beim  einen  bewegte  sich  das  relaxierte  Zwerchfell  paradox, 
beim  anderen  nicht.  Da  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  eine  Verletzung  de> 
N.  phrenicus  wahrscheinlich  ist.  rät  Verf.  stets  auch  eine  kausale  Therapie 
zu  versuchen  (event.  Strahlenbehandlung  komprimierender  Hal.stumoren 
Faradisation  des  N.  phrenicus). 

Prima  (Physiol.  Institut  und  Chir.  Hospitalklinik  der  Universität  Dor¬ 
pat):  Ueber  die  Resorptionsfälligkeit  des  Bauchfells  bei  gesteigerter  Darm¬ 
peristaltik.) 

^  Geprüft  wurde  am  Kaninchen  die  Bauchfellresorption  von  physiologischer 
NaCl-Lösung,  Ringer-,  Jodkali-  und  Methylenblaulösung  unter  normalen  Be¬ 
dingungen,  dann  bei  gesteigerter  Peristaltik.  Gleichviel  ob  letztere  pharmako¬ 
logisch  (Physostigmin,  01.  Ricini)  angeregt  wurde  oder  mechanisch  (mässige 
Kompression  einer  tiefer  gelegenen  Darmschlinge  durch  Gummibinde),  zeigte 
sich  gesteigerte  Resorption.  Durch  Eröffnung  der  Bauchhöhle  wird  letztere 
herabgesetzt,  was  u.  a.  auf  die  Druckentlastung  zu  beziehen  ist. 

St.  J  a  t  r  o  u  (I.  Chir.  Klinik  Wien):  Ueber  die  Ursache  der  Passage¬ 
verzögerung  der  Ingesta  im  Oesophagus  bei  Strumen. 

Die  Schluckbewegung  im  Oesophagus  war  in  60  Proz.  der  untersuchten 
Strumafälle  verzögert,  ohne  dass  die  Kranken  immer  Beschwerden  hatten. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Die  Verzögerung  ist  meist  durch  Druck  des  intrathorakalen  Teiles  der 
Struma  auf  den  Vagus  bedingt  (Atonie)  und  betrifft  den  ganzen  Abschnitt 
zwischen  der  Struma  und  der  Kardia.  Der  verminderte  Schluckantrieb  scheint 
untergeordnete  Bedeutung  zu  haben.  _ 

k.  Ran  zi- Wien:  Ueber  arterielle  Luftembolie  nach  operativen  Ein¬ 
griffen  und  Verletzungen  der  Lunge.  Mit  einer  neurologischen  Epikrise  von 
O.  A  1  b  r  e  c  h  t. 

Verf.  ist  mit  Brauer  u.  a.  der  Ansicht,  dass  die  Fälle  von  „intra- 
pleuralem  Reflex“  arterielle  Gasembolien  sind,  wobei  Luft  in  die  Lungen¬ 
vene  eintritt  und  ins  Gehirn  gelangt.  Er  teilt  2  Fälle  mit,  von  denen  der 
eine  (Punktion  eines  Lungenherdes,  Exitus)  wahrscheinlich,  der  andere 
(Lungenabszesspunktion,  1  Tag  bewusstlos)  sicher  auf  Luftaspiration  zu  be¬ 
ziehen  war.  Ebenso  deutlich  war  eine  solche  zu  beobachten  bei  einer  printar 
geschlossenen  (nicht  genähten)  Lungenstichverletzung  im  Anschluss  an  heftigen 
Hustenstoss  und  Spannungspneumothorax.  Die  Nervensymptome  des  letzten 
Falles  wurden  neurologisch  gewürdigt. 

V.  Orator  (I.  Chir.  Klinik  Wien):  Ueber  die  funktionelle  Bedeutung 
der  Magenstrasse  und  die  kardianahen  Geschwüre. 

Verf.  fand,  dass  der  Magen  sich  normalerweise  entlang  der  kleinen 
Kurvatur  füllt;  nur  bei  Hypersekretion  (oder  nach  Füllung  des  Magens  mit 
Wasser)  sinkt  der  Bariumbrei  in  der  „Führungslinie“  des  Magens  abwärts.  - 
Am  Grunde  der  Magenblase  staut  sich  der  Brei  kurze  Zeit,  in  der  Gegend 
der  oberen  Segmentschlinge,  an  welcher  die  „kardianahen“  Geschwüre  mit 
Vorliebe  sitzen.  Grashey  -  München. 

Deutsche  Zeitschrift  für  Chirurgie.  179.  Band,  1.  bis  2.  Heft. 

Grauhan:  Ziele  und  Wege  der  Prognosenstellung  vor  der  Prostat¬ 
ektomie.  (Aus  der  Chir.  Klinik  Kiel.  Prof.  A  n  s  c  h  ü  t  z.) 

Auf  Grund  der  Literatur  und  von  506  Fällen  von  Prostatahypertroph.e 
(1901  bis  Frühjahr  1922)  der  Kieler  Klinik  stellt  Verf.  zunächst  fest,  dass  das 
Gros  der  Todesfälle  bei  der  gutartigen  Prostatektomie  bedingt  ist  durch  die 
direkten  Folgen  des  Leidens,  durch  die  Komplikationen,  die  die  Harnstauung 
infolge  des  vesikalen  Abflusshindernisses  am  Harntraktus  und  den  Nieren 
verursacht.  Weiterhin  prüft  Verf.  die  Frage,  ob  durch  verschiedene  neuere 
Untersuchungsmethoden  eine  bessere  Prognosestellung  und  eine  striktere 
Indikationsstellung  für  die  Zystostomie  event.  mit  sekundärer  Ektomie  oder 
für  die  primäre  Ektomie  möglich  ist.  Er  kommt  zu  dem  Ergebnis,  dass  die 
Aussichten  für  eine  primäre  Ektomie  günstige  sind  bei  einem  Restharn  nicht 
über  500  ccm,  einem  Blutdruck  unter  125  mm  Hg.  Vierstundenmenge  über  1000. 
höchster  Konzentration  in  24  Stunden  über  1020  beim  Wasser-  und  Kon¬ 
zentrationsversuch.  Reststickstoff  unter  0,060  g,  0  —  höher  als  —0.59.  Die 
meisten  Prostatiker  werden  diese  Bedingungen  nicht  erfüllen,  sondern  ver¬ 
langen  eine  Vorbehandlung;  Verf.  gibt  der  Zystostomie  als  entlastendem  vor¬ 
bereitendem  Eingriff  den  Vorzug.  Verursacht  dieser  kleine  Eingriff  schon 
ernstere  Störungen,  so  soll  eine  Radikaloperation  abgelehnt  werden.  Meistens 
bessert  sich  durch  die  Zystostomie  der  Blutdruck,  der  Blutgefrierpunkt,  dei 
Ausfall  des  Wasser-  und  Konzentrationsversuches  und  es  bildet  sich  eine  ge¬ 
wisse  Resistenz  gegen  die  fortschreitende  Infektion  aus,  so  dass  die  sekundäre 
Ektomie  ausgeführt  werden  kann.  Dass  bei  dieser  Art  des  Vorgehens  eine 
wesentliche  Besserung  der  Resultate  möglich  ist,  zeigt  die  Statistik  der  Klinik 
in  den  letzten  3  Jahren. 

Walther  Drügg:  Imrnunbiologische  Erfassung  der  chirurgischen  Tuber¬ 
kulose.  (Aus  der  chir.  Univ.-Klinik  Köln-Lindenburg.  Prof.  T  i  1  m  a  n  n.) 

Weitere  Ausführungen  des  Verf.  über  Prognose  und  Verschiedenheit  der 
Therapie  bei  der  chirurgischen  Tuberkulose  durch  Prüfung  mit  den  Partial- 
antigenen  und  mit  dem  Alttuberkulin.  Es  werden  unterschieden:  1.  Der 
Albumintyp“:  stark  ausgesprochene  Reaktion  auf  den  Albuminanteil  bis  zu 
enormen  Verdünnungen.  2.  Der  „Fetttyp“:  stärkere  Reaktion  auf  eins  oder 
beide  Glieder  der  Fettgruppe.  3.  „Unbestimmter  Typ“:  Mischung  beider. 
4  Starke  oder  schwache  „L-Allergie“,  d.  h.  starke  oder  schwache  Reaktion 
auf  die  wasserlösliche  Substanz;  bei  sämtlichen  genannten  Typen  in  Betracht 
zu  ziehen.  Der  „Albumintyp“  ist  ein  „unruhiger“  Typ;  kann  er  durchi  itlaiera- 
peutische  Massnahmen  nicht  beseitigt  werden,  so  ist  die  Prognose  ungünstig. 
Der  „Fetttyp"  ist  eine  günstige  Reaktion,  sein  Auftreten  bedeutet  einen 
guten  Heilungsverlauf.  Beim  „unruhigen  Typ  ist  die  Prognose  mit  äusserster 
Vorsicht  zu  stellen.  Erfahrungen  über  die  Bedeutung  der  „L-Allergie“  fehlen 
noch.  Für  die  Therapie  ergeben  sich  folgende  Grundsätze:  Jeder  lokale, 
ohne'  grosse  Verstümmelung  entfernbare  Herd  mit  Knochen-  und  Gewebs¬ 
sequestern  wird  operativ  entfernt.  Sind  solche  Sequester  nicht  vorhanden, 
kommt  zunächst  konservative  Behandlung  in  Frage.  Neue  Impfung  nach 
4 — 5  Wochen,  zeigt  sich  keine  Verschlechterung,  also  besonders  keine  Umkehr 
des  Fetttyps  in  den  Albumintyp,  so  wird  die  konservative  Behandlung  fort¬ 
gesetzt,  andernfalls  wird  womöglich  operiert  (z.  B.  Gelenksresektionen).  Ist 
keine  Operation  möglich,  so  wird  weiter  konservativ  behandelt,  zugleich  mit 
spezifischer  Therapie  (Partigene,  Alttuberkulin).  Kalte  Abszesse  werden  durch 
einfache  Punktion  entleert.  Nur  die  Erkenntnis  der  „immunbiologischen 
Vorgänge“  schützt  vor  falschen  therapeutischen  Massnahmen. 

W.  Baumann:  Ein  Fall  von  embryonalem  Mischtumor  der  Niere. 
(Aus  der  Chir.  Klinik  Kiel.  Prof.  A  n  s  c  h  ü  t  z.) 

59  jähriger  Mann,  Hämaturie  und  Schmerzen  ohne  einwandfreien  uro- 
logischen  Befund.  Probatorische  Freilegung  beider  Nieren,  links  im  Nieren¬ 
gewebe  nahe  dem  Hilus  eine  pflaumengrosse  höckrige  Geschwulst,  die  sich 
ausschälen  lässt.  Histologisch  handelt  es  sich  um  ein  embryonales  Gewebe 
mit  Entwicklungstendenz  sowohl  nach  der  epithelialen  wie  nach  dei  meso¬ 
dermalen  Seite.  Mit  Robert  Meyer  nimmt  Verf.  an,  dass  der  Tumor 
zurückgeführt  werden  muss  auf  Störungen  in  der  Entwicklung  des  W  o  1  f  f  - 
sehen  Ganges,  der  Tumor  ist  relativ  gutartig. 

Th.  Naegeli:  Die  Heilung  von  ZwerehSellwunden.  (Aus  der  Chir. 

Univ.-Klinik  Bonn.  Prof.  G  a  r  r  &.)  .  x  ... 

Experimente  am  Hund:  Zwerchfellwunden  heilen  wie  quergestreifte 
Muskeln.  Die  Heilung  wird  verhindert  bei  Defekten  von  einer  gewissen 
Grösse,  besonders  bei  querer  Richtung  der  Verletzung.  Ferner  beeinflussen 
Verletzungen  intrathorakaler  Organe,  Aenderungen  der  Druckverhältnisse  im 
Thorax  (Pneumothorax,  seröser,  blutiger  Erguss)  die  Heilung,  die  auch  durch 
Vorfall  des  Netzes  oder  intraabdominaler  Organe  verhindert  werden  kann. 
Jede  Zwerchfellverletzung  soll  vom  Abdomen  oder  vom  Thorax  aus  freigelegt 
und  genäht  werden. 

Karl  Gra  sman  n :  Ueber  „Röntgenspätschadigungen  der  Haut,  nebst 
kasuistischem  Beitrag.  (Aus  der  chir.  Abt.  und  dem  Pathol.  Institut  des 
Krankenhauses  München  r.  d.  I.  Dr.  Max  Gras  mann  und  Prof.  I  u  e  r  c  K.) 


4  Jahre  nach  Röntgentiefenbestrahlung  wegen  Myome  und  Endometrit 
trat  bei  der  49  jährigen  an  der  rechten  Gesässbacke  ein  roter  Fleck  auf,  d» 
sich  blaurot  verfärbte  und  zu  einem  üusserst  schmerzhaften  Geschwür  un 
wandelte.  Exzision  im  Gesunden,  Naht.  Heilung.  Nach  der  liistologisclu 
Untersuchung  war  die  Epithelschädigung  das  Primäre,  die  bestehem 
Endothelschädigung  sekundär.  Eingehende  Besprechung  der  Literatur,  d 
z.  T.  Fälle  aufführt,  in  denen  vor  oder  nach  der  Bestrahlung  eine  ande 
weitige  Schädigung  der  Haut  stattfand.  Für  Fälle  mit  abgeschlossen 
Demarkation  erscheint  aktives  chirurgisches  Vorgehen  als  das  beste.  (.« 
Extremitäten  kommt  die  Sympathektomie  in  Frage.  Ref.) 

H.  Boeminghaus:  Zur  Frage  der  Hydronephrosen  nicht  mechan 
sehen  Ursprungs.  (Einiluss  der  Entnervung  der  Niere  auf  die  Nierenbecke 
und  Uretertätigkeit.)  (Aus  der  Chir.  Klinik  Halle  a.  S.  Prof.  V  o  e  1  c  k  e  i 
An  6  Hunden  wurden  beide  Nieren  entnervt  durch  Vorziehen  der  Nien 
und  Zerzupfung  der  die  Gefässe  umspinnenden  Nervenfasern,  bei  3  Hundi 
gleichzeitig  Dekapsulation.  In  keinem  Falle  zeigte  die  spätere  Kontrolle  cii 
Andeutung  von  Nierenbecken-  oder  Uretererweiterung.  I 

Jen  ekel  und  S  c  h  ü  p  p  e  1  -  Altona:  Nachtrag  zur  Arbeit  über  Ulci 
jejuni  pepticuni  in  Bd.  175  d.  Zschr.  Literaturberichtigung. 

H.  Flörcken  - Frankfurt  a.  M. 


Zentralblatt  Siir  Chirurgie.  1923.  Nr.  31. 

H.  T  e  s  k  e  -  Plauen:  Supramalleoläre  Keilosteotomie  beim  paralytlschi 

Kluinpfusse.  ^  ,  -r-,  ! 

Das  Vorgehen  des  Verfassers  —  lineäre  schräge  Osteotomie  der  Dbi 
Entfernung  von  ca.  1  cm  aus  der  Fibula,  Tenotomie  der  Achilles-  und  I  ibi . 
anticus-Sehne  —  verdient  weitere  Nachprüfung;  nach  2/>  Jahren  hatte  si 
bei  seinem  Falle  die  gelähmte  Muskulatur  wesentlich  erholt  und  die  KnickuJ 
des  Unterschenkels  hatte  sich  nicht  vergrössert,  sondern  zeigte  eher  Neiguj 
zur  Abflachung. 

Ed.  B  i  r  t  -  Schanghai:  Zur  Technik  der  Albee-Operation. 

Verf.,  der  Albee  selbst  hat  operieren  sehen,  betont  einige  wichti 
Details  in  der  Technik;  Albee  entnimmt  den  Knochenspan  erst,  nachdem  | 
sich  die  Lade  für  das  einzupflanzende  Stück  genau  mit  der  Sonde  abgemess 
hat;  zur  Entfernung  der  Proc.  spin.  eignet  sich  am  besten  der  etwa  4  i 
breite  A  1  b  e  e  sehe  Meissei;  für  die  Fasziennaht  benützt  Albee  Renntu 
sehnen;  jedoch  genügt  auch  starkes  Katgut;  Albees  Kranke  dürfen  bere 
nach  3  Wochen  Rückenlage  ohne  Gipsverbände  wieder  aufstehen. 

W.  Wisbrun  -  Düsseldorf:  Ueber  Fusssohienschmerz  beim  Pes  equir 
excavatus. 

Verf.  beseitigte  bei  einem  Fall  von  Pes  cquino-excavatus  die  s 
9  Jahren  bestehenden  lästigen  Schmerzen  dadurch,  dass  er  das  sehr  schmei 
hafte  mediale  Sesambein,  das  unter  dem  1.  Metatarsusköpfchen  als  Exostc 
vorsprang,  estirpierte.  Mit  1  Abbildung. 

F.  de  Gironcoli  -  Venedig:  Hernia  supraveslcalis  transrectalis  dexti 
pararectalis  sinlstra,  vesicäe  extraperitonealis. 

Verf.  schildert  ausführlich  einen  selbstbeobachteten  Fall  von  Hcri 
supravesicalis  transrectalis  (den  Muse.  rect.  durchsetzend)  dextra  und  put 
rectalis  sinistra  (am  lateralen  Rande  des  Rektus  austretend);  bei  c 
Operation  fand  sich  auf  beiden  Seiten  eine  extraperitoneale  Blasenhorn 
Reduktion  der  Blase  und  Operation  nach  B  a  s  s  i  n  i  brachten  Heilung. 

W.  Mintz-Riga:  Ulcus  Simplex  coli. 

ln  dem  vom  Verf.  kurz  beschriebenen  Fall  fand  sich  neben  einer  chro 
sehen  Invagination  des  unteren  lleums  und  Zoekums  in  das  Col.  transvers 
ein  markstückgrosses  Geschwür  am  Zoekum  gegenüber  der  Einmündung  c 
lleums,  Ileozoekalresektion  brachte  Heilung.  Ursache  und  Krankheitsbild  t 
Ulcus  coli  sind  heute  noch  nicht  geklärt.  Mit  1  Abbildung. 

W.  P  o  r  z  e  1 1  -  Würzhurg:  Schere  mit  veränderter  Griffstellung. 

Verf.  hat  eine  Schere  mit  veränderter  Griffstellung,  die  aus  beigegebei 
Abbildung  ersichtlich  ist,  konstruiert,  die  auch  bei  intensivem  Gebrauch  kc 
Ermüdungserscheinungen  aufkommen  lässt. 

E.  Heim-  Schweinfurt-Oberndorf 


Zentralblatt  für  Gynäkologie.  1923,  Nr.  31. 

ü.  W  l  n  t  e  r  -  Königsberg  i.  Pr.:  Die  in  Heidelberg  angenommene  m 
Karzinomstatistik. 

Verf.  veröffentlicht  die  von  ihm  vorgeschlagenen  und  von  der  D.  ii 
f.  Gyn.  angenommenen  Grundsätze  für  die  Karzinomstatistik,  denen  er  in 
einige  Erläuterungen  beifügt.  Es  sind  alle  Fälle  aufzuführen,  die  überha 
den  Rat  der  Klinik  suchen.  Einteilung  ist:  Operable  Fälle,  wo  das  Karznil 
auf  den  Uterus  und  seine  unmittelbare  Nachbarschaft  beschränkt  ist.  t| 
inoperable.  Geheilt  sind  die  5  Jahre  nach  abgeschlossener  Behandln 
rezidivfreien  Fälle.  Die  absoluten  Zahlen  zeigen,  wieviele  Fälle  aus  ‘ 
Gesamtzahl  aller  Karzinome  geheilt  werden,  sie  betreffen  daher  auch 
nichtbehandelten  Fälle,  die  relativen  zeigen,  wieviele  Heilungen  bei  enl 
bestimmten  Methode,  Operation  oder  Bestrahlung  oder  Kombinatl 
beider,  erzielt  werden. 

W.  S.  F  1  a  t  a  u  -  Nürnberg:  Zum  Karzinomstreit  auf  dem  Heldelberi' 
Kongress.  Eine  unausgesprochene  Diskussionsbemerkung. 

Winter  will  durch  seine  Statistik  feststellen,  ob  das  Bestrahlen  o<| 
das  Operieren  bessere  Dauererfolge  gibt.  Verf.  stellt  sich  auf  Meng: 
Seite,  der  allereinfachste  Statistik  verlangt,  und  dem  innerlich  auch 
meisten  Teilnehmer  des  Heidelberger  Kongresses  zugestimmt  hätten.  Da 
Strahlentherapeut  auch  vorgeschrittene  Fälle  bessere  und  heile,  die 
Operateur  gar  nicht  angehe,  seien  die  beiden  Verfahren  schwer  vergleicht! 
Insbesondere  sei  es  im  Interesse  der  Fortentwicklung  der  Strahlentheran 
-dass  auf  die  Veröffentlichung  der  vorläufigen  Heilu  n  g  e  n  i.  s.  i 
Seitz  nicht  verzichtet  werde,  da  diese  viele  Frauen  der  Strahlenthera 
zuführe,  wodurch  viele  primäre  Wertheim-Todesfälle  verhindert  werden 

v.  Mikulic-Radecki  (Univ.-Frauenklinik  Leipzig):  Ueber  den  V' 
und  die  Grenzen  der  rektalen  Untersuchung  Intra  partum. 

Die  vaginale  Untersuchung  ist  und  bleibt  die  feinere,  aber  auch  geh" 
lichere.  Die  Erkennung  des  Muttermundes  gelingt  rektal,  -wenn  die  I  m 
noch  erhalten  ist,  aber  ein  dünner  Saum  ist  nicht  tastbar.  Die  Erkennung 
Blase  ist  rektal  oft  schwierig,  da  das  Fühlen  der  Haare  bei  gesprungd 
Blase  nur  vaginal  möglich  ist.  Feststellung  des  vorliegenden  Teiles,  a 
-des  Steisses  gelingt  fast  stets,  ausser  wenn  er  noch  hoch  über  dein  Bec 
steht  Die  Erkennung  der  Placenta  praevia  ist  sehr  schwierig.  Die  A 
tastung  des  Beckens  ist  bequem.  Normale  Geburten  kann  man  daher  rei 


.11.  August  1 92.1. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


113.1 


leiten,  in  schwierigeren  Fällen  kann  man  den  Versuch  dazu  machen.  Die 
Rektalschleimhaut  leidet  nicht. 

H.  Heidi  er  (II.  Univ. -Frauenklinik  Wien):  Weitere  Erfahrungen  mit 

der  Kiellandzange. 

Vcrf.  bringt  im  Gegensatz  zu  Fink  günstige  Berichte  Uber  50  weitere 
Kiellandzangenoperationen  an  der  Wiener  Klinik.  Nur  einmal  war  der 
Zangenversuch  vergeblich.  ..Wo  die  richtig  angelegte  Kiellandzangc  nicht 
zum  Ziele  führt,  wird  keine  andere  Zange  Erfolg  haben  können.“  Bei  den 
32  hohen  Zangen  wurde  der  vordere  Löffel  umgedreht,  bei  eingetretenem  Kopf 
ist  dies  nicht  notwendig,  man  kann  den  Löffel  dann  wandern  lassen.  Als 
Rotationsinstrument  bietet  die  Zange,  wie  bekannt,  grosse  Vorteile.  Ver¬ 
wechselt  man  allerdings  grosse  und  kleine  Fontanelle  und  dreht  verkehrt,  so 
kann  man  das  Kind  schwer  schädigen.  Man  muss  fühlen,  wie  der  Kopf 
sich  drehen  will,  und  der  intendierten  Bewegung  nachgeben.  Nicht  von  der 
Verwendung  der  Kiellandzange,  sondern  von  der  Ausführung  der  hohen 
Zange  als  solcher  wird  der  praktische  Arzt  besser  absehen,  wenn  er  nichts 
riskieren  will.  Sehr  ausführliche  Arbeit. 

P.  Werner  (II.  Univ. -Frauenklinik  Wien):  Ueber  die  Becinflussbarkeit 
einiger  gynäkologischer  Krankheitsbilder  durch  Röntgenbestrahlung  der  Hypo¬ 
physengegend. 

Auf  Hypofunktion  der  Ovarien  beruhende  Beschwerden,  nämlich 
Amenorrhoe,  Dysmenorrhöe  und  klimakterische  Ausfallserscheinungen  wurden 
durch  kleine  Dosen  (1  Einfallsfeld,  %  HED.)  sehr  günstig  beeinflusst.  Bei 
13  Amenorrhöefällen  wurde  in  7  Fällen  nach  kurzer  Zeit  Blutung  erzielt. 
Doch  ist  nach  neuerer  Ansicht  nicht  Wirkung  auf  die  Hypophyse,  sondern 
auf  den  Boden  des  III.  Ventrikels  und  die  dort  liegenden  Kerne  des 
vegetativen  Nervensystems  anzunehmen.  Robert  Kuhn-  Karlsruhe. 

Zeitschrift  für  Geburtshilfe  und  Gynäkologie.  86.  Bd„  2.  Heft. 

E.  W  e  i  n  z  i  e  r  1  -  Prag:  Ueber  den  hohen  Geradstand. 

Der  hohe  Geradstand  ist  selten.  Vcrf.  kann  Uber  18  Fälle  unter  SSOO  Ge¬ 
burten  der  Prager  Klinik  berichten.  9  davon  wurden  durch  Zange,  und  7  von 
diesen  9  wieder  durch  das  K  i  e  1 1  a  n  d  sehe  Modell  beendigt.  2  grosse 
Tabellen  geben  übersichtliche  Auskunft  über  Zeitpunkt  und  Art  der  Zangen¬ 
anlegung,  Muttermundsinzisionen,  W  a  1  c  h  e  r  sehe  Hängelage,  die  mit  Erfolg 
angewandt  wurde  und  die  Zangenoperation  erleichtert,  sowie  Heilungsverlauf. 
Ergebnis:  Die  K  i  e  1 1  a  n  d  sehe  Zange,  deren  Technik  genau  und  anschaulich 
beschrieben  wird,  hat  sich  beim  hohen  Geradstand  als  hohe  Zange  sowie 
Rotationsinstrument  sehr  bewährt. 

B.  Zondek  (Charite-Frauenklinik  Berlin):  Experimentelle  Unter¬ 
suchungen  über  den  Wert  der  Organotherapie. 

Die  umfangreiche  Arbeit  des  Verf.  beweist  experimentell,  dass  die 
Wirkung  der  Organextrakte,  deren  blutstillende  Wirkung  klinisch  erwiesen, 
keine  spezifische  ist.  Alle  diese  Extrakte  haben  mit  Ausnahme  der  Hypo¬ 
physenpräparate  ihre  spezifische  endokrine  Substanz  durch  die  Enteiweissung 
verloren.  Ergebnis:  Nur  durch  chemisch  nicht  veränderte  Trocken¬ 
präparate  der  Drüsen  sowie  Organimplantation,  die  nur  etwa  3  Monate  wirkt, 
ist  eine  spezifische  Organtherapie  möglich.  Die  Erfahrungen  mit  den  Hypo¬ 
physenpräparaten  sind  nicht  analog  auf  die  anderen  Drüsenpräparate  an¬ 
wendbar.  Die  ganze  seitherige  Literatur  ist  nicht  beweisend.  —  Die  Arbeit 
wird  allen,  die  der  Organotherapie  kritisch  gegenüberstehen,  von  grossem 
Interesse  sein. 

Martha  T  r  a  n  k  u  -  R  a  i  n  e  r  -  Bukarest:  Die  deziduale  Reaktion  in  den 
Tuben,  bei  ein-  oder  beiderseitiger  Tubarschwangerschaft.  während  der  ersten 

drei  Monate. 

Unter  4  histologisch  genau  durchuntersuchten  Fällen  fand  sich  3  mal 
Deziduabildung.  So  wie  z.  B.  überall  im  Bindegewebe  Osteoblasten  ent¬ 
stehen  können,  können  auch  in  einem  gewissen  Stadium  die  Bindegewebs- 
zellen  überall,  also  auch  in  der  Tube,  die  Fähigkeit  haben,  Deziduazellen  zu 

werden. 

R.  Salomon  (Univ. -Frauenklinik  Giessen):  Die  Entstehung  der  Genital¬ 
flora.  (Beiträge  zur  Lehre  über  den  Fluor  albus.)  IV.  Teil.  Die  Entstehung 
der  Scheidenkeime. 

Die  Vagina  der  Neugeborenen  ist  einige  Stunden  hindurch  keimfrei.  Dann 
wird  der  Ansiedelungsweg:  Mund-Rektum-Vulva-Vagina.  Anfangs  überwiegen 
die  grampositiven  Kokken,  e'fwa  vom  7.  Tag  ab  die  grampositiven  Stäbchen 
(D  ö  d  e  r  1  e  i  n  sehe  und  andere).  Die  Selbstreinigung  der  Scheide  (Menge 
und  Döderlein)  dürfte  bei  Zutreffen  des  d  ’  H  e  r  e  1  1  e  sehen  Phänomens 
eine  Korrektur  und  einfache  Lösung  erfahren.  Die  Konstitution  ist  von 
Wichtigkeit  (v.  Jaschke).  Ergebnis:  Aus  dem  Zustand  der  Vagina  des 
Neugeborenen  erhellt,  dass  auch  bei  der  erwachsenen  Frau  keine  Keim¬ 
vernichtung,  sondern  eine  Hochzüchtung  bestimmter  Rassen  zur  Fluor¬ 
behandlung  anzustreben  ist. 

W.  Schmitt  (Univ.-Frauenklinik  Würzburg):  Ueber  die  Strahlen¬ 
behandlung  des  Carcinoma  colli  uteri. 

Eindrucksvoller  als  die  Statistik  und  Thcrapicbeschreibung  ist  die  von 
Verf.  hervorgehobene  Tatsache,  dass  unter  den  6  dauernd  durch  Bestrahlung 
geheilten  Fällen  4  weit  vorgeschrittene,  sicher  inoperable 
waren,  die  ohne  Bestrahlung  in  kürzester  Zeit  verloren  gewesen  wären. 
Radium  gab  die  besten  Erfolge.  Der  Standpunkt  der  Würzburger  Klinik  ist 
z.  Z..  die  operablen  Karzinome  zu  operieren,  die  anderen  kombiniert  zu  be¬ 
strahlen. 

0.  Bokelmann  und  J.  Rot  her  (Frauen-  und  mediz.  Klinik  der 

Charite  Berlin):  Azidose  und  Schwangerschaft.  I.  Die  unkomplizierte 

Gravidität. 

Die  Frage  der  Azidität  des  Blutes  in  der  Gravidität  steht  schon  lange  zur 
Diskussion.  Man  muss  die  Wasserstoffionenkonzentration  messen.  Dies  ge¬ 
schieht  am  besten  durch  Bestimmung  des  Kohlensäurebindungsvermögens 
des  Blutes.  Es  ergab  sich  als  Resultat  der  komplizierten  Untersuchungen 
keine  Erhöhung  der  Azidität  während  der  frühen  Graviditätsmonate, 
geringe  Azidose  gegen  Ende  der  Gravidität,  die  vielleicht  mit  dem  die 
Wehen  einleitenden  nervösen  Impuls  in  Zusammenhang  steht  und  nach  der 
Geburt  rasch  wieder  schwindet.  Robert  Kuhn-  Karlsruhe. 

Zeitschrift  für  die  gesamte  Neurologie  und  Psychiatrie.  83.  Bd. 

M.  Isserlin:  Hugo  Li  ep  mann  zum  60.  Geburtstag. 

Fr.  J  a  m  i  n  -  Erlangen:  Zur  Entwicklung  des  psychischen  Infantilismus. 

J.  weist  besonders  auf  die  häufigen  Störungen  der  Pubertätsvorberei¬ 
tungszeit  (bei  Knaben  10 — 12,  bei  Mädchen  7 — 9  Jahre)  hin.  die  in  Ermüdbar¬ 


keit,  Ablenkbarkeit,  Schlafstörungen.  Verstimmungen,  Reizbarkeit,  verschlos¬ 
senem  Wesen,  Neigung  zu  Affektausbrüchen,  phantastisch  ausgeschmückter 
Unwahrhaftigkeit,  schreckhaften  Traumbildern,  Davonlaufen,  Triebhandlungen 
bestehen.  Sie  beruhen  vielleicht  auf  Gleichgewichtsstörungen  der  endokrinen 
Korrelationen,  die  vielfach  ausgleichbar  sind.  Die  Behandlung  kann  vor¬ 
wiegend  eine  abwartende  sein. 

*W.  P  o  p  p  c  1  r  e  u  t  C  r  -  Bonn :  Zur  Psychologie  und  Pathologie  der 
optischen  Wahrnehmung. 

P.  polemisiert  zunächst  gegen  G  o  I  d  s  t  c  i  n  und  Gelb,  die  ihren  Fall 
Schnei,  als  apperzeptive  Seelenlindheit  aufgefasst  hatten.  Er  sucht  zu  zeigen, 
dass  ganz  gleichartige  Erscheinungen  durch  perimakulärc  Amblyopie  zustande 
kommen  können,  und  bringt  dazu  ein  ausgedehntes  Material.  Zum  Abschluss 
seiner  langen  und  sehr  interessanten  Abhandlung  stellt  P.  seine  Theorie  vom 
Stufenabbau  und  Stufenaufbau  des  Sehsystems  dar.  „Wir  finden  ein  Sehen 
der  niedersten  Stufe,  wo  bei  Verlust  der  Farben-,  Grössen-  Formen-,  Be- 
wegungs-,  Richtungs-  usw.  Wahrnehmung  nur  noch  blosse  Helligkeit  re¬ 
gistriert  wird.  Dann  eine  Stufe,  in  der  wohl  eine  Grössen-  und  Richtungs¬ 
wahrnehmung,  aber  noch  keine  eigentliche  Formwahrnehmung  vorliegt,  eine 
Stufe,  in  der  wohl  Grössen-,  aber  noch  keine  Mchrheitswahrnehmung  zu¬ 
stande  kommt,  eine  Stufe,  in  der  es  noch  keine  Bewegungsempfindung  gibt, 
eine  Stufe,  in  der  es  dann  schliesslich  zur  höheren  Gestaltwahrnehmung 
kommt“.  Die  sehr  anregende  und  weite  Ausblicke  eröffnende  Arbeit  ist  im 
Original  zu  lesen. 

Walter  Jacobi-Jena:  Psychiatrisch-interferometrische  Studien 

Mit  Hilfe  des  Löwe-Zeiss  sehen  Interferometers  wurde  die  Frage 
der  Abwehrfermente  an  einem  grossen  psychiatrischen  Material  nachgeprüft. 
Nur  einige  der  Ergebnisse,  die  wesentlich  den  Grossteil  der  früheren,  mit 
anderen  Methoden  gewonnenen  Untersuchungen  bestätigen:  Die  Methode  gilit 
keine  differentialdiagnostischcn  und  prognostischen  Aufschlüsse,  doch  gibt 
sie  vielleicht  Hinweise  für  die  pathologische  Physiologie  der  Psychosen.  Auch 
bei  Normalen  findet  sich  ein  Abbau  inkretorischer  Organe,  bei  ihnen,  den 
Flysterischen  und  Manisch-Depressiven  aber  quantitativ  geringer,  als  bei 
epileptischer  Demenz,  Paralyse,  Dementia  praecox  und  Amentia.  Aus  den 
serologischen  Formeln  lassen  sich  keine  Beziehungen  zum  klinischen  Verlauf 
konstruieren,  auch  nicht  bei  der  Paralyse  im  Gehirnabbau.  Bei  der  Dem'>"tia 
praecox  findet  sich  der  Höchstwert  beim  Geschlechtsdrüsenabbau,  der  ge¬ 
ringste  beim  Gehirnabbau,  der  aber  auch  noch  eine  sehr  hohe  Zahl  zeigt. 
Die  Untergruppen  der  Dem.  praecox  lassen  keine  besonderen  Abbautypen 
erkennen.  Mit  der  Methode  ist  keine  strenge  Geschlechtsspezifität  nach- 
zuweisen.  Nähere  Beziehungen  zu  den  Reaktionen  von  Sachs  und  v.  Oef¬ 
fingen  auf  der  einen,  Neuraann  und  Hermann  auf  der  anderen  Seite 
bestehen  nicht. 

Aladar  Bä  1  int- Wien:  Bemerkungen  zu  einem  Falle  von  polyglotter 
Aphasie. 

Bei  einem  Kranken,  der  die  deutsche,  griechische,  schlechter  die  fran¬ 
zösische  und  russische  Sprache  beherrschte,  bildete  sich  die  nach  einem 
Trauma  entstandene  schwere  sensorische  Aphasie  für  die  griechische  und 
deutsche  Sprache  gleichmässig  rasch  zurück,  während  die  beiden  anderen 
Sprachen  bis  zum  Abschluss  der  Beobachtung  nicht  restituiert  wurden.  Die 
Muttersprache  des  Kranken  war  Griechisch.  Die  bei  der  Restitution  zutage 
tretende  Abweichung  vom  R  i  b  o  t  sehen  Gesetz,  nach  dem  die  Muttersprache 
rascher  wiederkehren  soll,  als  die  später  erlernten,  wird  mit  der  besonderen 
Lebensgeschichte  des  Kranken  — -  spricht  und  schreibt  seit  langen  Jahren 
ganz  vorwiegend  Deutsch  —  und  dem  Einfluss  der  Deutsch  sprechenden  Um¬ 
gebung  zusammengebracht. 

Robert  Wartenberg  -  Freiburg:  Zur  Klinik  und  Pathophysiologie  der 
extrapyramidalen  Bewegungsstörungen. 

An  der  Hand  eines  eingehend  zergliederten  Krankheitsfalles  mit  Torti- 
collis,  Lordoskoliose,  Athetose  der  Gesichts-  und  Sprachmuskulatur,  Span¬ 
nungen  in  verschiedenen  Muskelgruppen,  der  zu  den  Misch-  und  Uebergangs- 
formen  vom  Torionspasmus  zur  Athetose  gehört,  werden  eine  Reihe  eigen¬ 
artiger  Erscheinungen  beschrieben,  zunächst  das  Gegendruckphänomen.  Dieses 
besteht  darin,  cass  der  Kranke,  der  seine  Finger  nicht  willkürlich  strecken 
kann,  dies  sofort  fertig  bringt,  wenn  man  einen  leichten  Gegendruck  auf  die 
Finger  ausübt,  so  dass  die  Bewegung  gegen  Widerstand  erfolgt.  Weiterhin 
kann  er  aber  die  Finger  strecken,  wenn  benachbarte  Muskelgruppen  gegen 
Widerstand  stark  angespannt  werden,  wenn  elektrische  Ströme  in  der  Nähe 
zur  Applikation  kommen,  wenn  man  leicht  auf  die  Grundgelenke  drückt,  ja, 
wenn  man  die  Grundgelenke  mit  feinen  Gummiringen  umschnürt.  Endlich 
wirken  noch  stärkste  thermische  Reize  in  unmittelbarer  Nähe.  Allenthalben 
durchbricht  ein  Zusatzreiz  die  bestehende  zentrale  Störung. 

Maximilian  R  o  s  e  n  b  e  r  g  -  Magdeburg:  Zur  Psychologie  der  Wahn- 
bildung. 

R.  nimmt  an  der  Wurzel  der  Wahnbildung  eine  Störung  der  Funktion 
zur  kausalen  Synthese  an,  die  er  auf  die  gleiche  Stufe  stellt,  wie  die  besser 
bekannten  Störungen  der  räumlichen  und  zeitlichen  Synthese. 

Heinrich  B  i  b  e  r  f  e  1  d  -  Hamburg:  Zur  Praxis  und  Theorie  der  Goldsol- 

reaktion. 

Es  wurde  ein  sehr  grosses  Material  untersucht.  Das  Verfahren  von 
Lange  genügt  allen  praktischen  Anforderungen.  Uebergrosse  Kolloid¬ 
empfindlichkeit  der  Lösungen  kann  durch  Kombination  mit  entsprechenden 
Mengen  von  Alkali  ausgeschaltet  werden.  Die  Stärke  der  Reaktion  liegt 
bei  den  luischen  Erkrankungen  des  Zentralnervensystems.  Charakteristisch 
sind  neben  der  Paralyse-  die  Taboparalyse-  und  Lueskurvc  Bei  negativem 
Ausfall  ist  mit  Bestimmtheit  zu  schliessen,  dass  ein  luigener  aktiver  Prozess 
am  Nervensystem  nicht  vorliegt.  Der  Rückgang  der  Goldreaktion  lässt  mit 
grösserer  Sicherheit  als  das  Verschwinden  der  anderen  Reaktionen  eine  Aus¬ 
heilung  im  klinischen  Sinne  annehmen.  Bei  Berücksichtigung  des  Liquor- 
cnsembles  wird  man  stets  eine  Diagnose  stellen  können,  auch  wenn  nicht- 
luische  Erkrankungen  Ausflockungen  ergeben.  Nichtluisehe  Meningitiden  ver¬ 
halten  sich  in  vielfacher  Hinsicht  (Lage  der  Ausflockung.  Verhalten  gegen 
Erhitzung  usw.)  anders  als  luische  Erkrankungen.  Dafür  sind  vorwiegend  die 
qualitativen  Differenzen  der  Liquoreiweisskörper  verantwortlich. 

F.  K.  Walter-  Rostock-Gehlsheim:  Weitere  Untersuchungen  zur  Patho¬ 
logie  und  Physiologie  der  Zirbeldrüse. 

Es  wird  in  dieser  Arbeit  ein  seiir  grosses  Material  mitgeteilt,  das  im 
wesentlichen  die  früheren  Ergebnisse  Walters  bestätigt.  Die  Zirbel  ist 
nach  W.  ein  einheitlich  gebautes  Organ,  dessen  Parenchymzellen  hyper- 
trophieren  können,  und  zwar  nicht  auf  unspezifische  Reize  hin,  sondern  bei 
bestimmten  Zirkulationsstörungen,  vor  allem  bei  Stauung  und  passiver 
Hyperämie.  Die  Funktion  der  Zirbel  hängt  mit  der  Zirkulation  des  intra- 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


Nr.  34-35. 


1134 


kraniellen  Gefässsystems  zusammen  und  ist  eine  regulatorische.  Die  Lehre 
von  der  Innersekretion  der  Zirbel  erhält  durch  W.s  Untersuchungen  keine 
Stütze. 

A.  Bisgaard  und  J.  N  o  r  v  i  g  -  Kopenhagen:  Fortgesetzte  Unter¬ 
suchungen  über  die  Neutralitätsreaktion  bei  der  genuinen  Epilepsie. 

Bei  der  genuinen  Epilepsie  finden  sicli  konstant  Unregelmässigkeiten  iin 
Ammoniakstoffwechsel.  3  Stunden  vor  dem  Anfall,  auch  vor  psychischen 
Aeciuivalenten,  treten  steigende  Ammoniakmengen  bis  zum  Dreifachen  der 
Norm  ein.  Genuine  Epilepsie  und  Unterfunktion  der  Nebenschilddrüsen 
scheinen  zusammenzuhängen. 

F.  S  c  h  o  b  -  Dresden:  Ueber  Wurzelfibromatose  bei  multipler  Sklerose. 

Sch.  beschreibt  bei  einem  histologisch  gesicherten  Falle  von  m.  Ski. 
Fibrome  an  den  Wurzeln,  die  er  für  eine  besondere  Art  von  Neurofibromen, 
ausgehend  vom  mesodermalen  Gewebe,  und  zwar  vom  Endoneurium.  hält. 
Doch  lassen  sich  auch  die  Schwann  sehen  Scheiden  als  Ausgangsstälte 
der  Neubildungen  nicht  ausschliessen.  Die  Beziehung  der  Befunde  zu  dem 
Prozess  der  m.  Ski.  ist  noch  nicht  geklärt. 

Hans  Zweig- Wien:  Beitrag  zur  Klinik  der  benignen  Erkrankungen 
der  Cauda  equina. 

Interessante  kasuistische  Mitteilungen,  die  im  Original  nachgelesen  wer¬ 
den  müssen. 

E.  Bleuler:  Biologische  Psychologie. 

B.  gibt  eine  kurze  Darstellung  der  Lehren,  die  er  in  der  „Naturgeschichte 
der  Seele“  niedergelegt  hat,  und  setzt  sich  dann  grundsätzlich  mit  einem 
Teil  seiner  Kritiker,  vor  allem  Jaspers,  auseinander. 

Paul  S  c  h  u  s  t  e  r  -  Berlin:  Zwangsgreifen  und  Nachgreifen,  zwei  post- 
hemiplegische  Bewegungsstörungen. 

Es  werden  3  Kranke  beschrieben,  die  nach  einem  Schlaganfall  die  folgen¬ 
den  Erscheinungen  zeigten:  Parese  der  r.  Körperseite  mit  sehr  erheblicher 
Schonung  der  r.  oberen  Extremität,  1.  Apraxie  bei  r.  Eupraxie,  zwangs¬ 
artiger  Faustschluss  der  r.  eupraktischen  Hand  bei  sensibler  Reizung  der 
Hand,  bes.  der  Vola  (Zwangsgreifen),  endlich  zwangsartiges  Greifen  der 
r.  Hand  nach  nahe  befindlichen  Gegenständen  und  zwangsartiges  Wieder¬ 
ergreifen  eines  kurz  vorher  aus  der  r.  Hand  befreiten  Gegenstandes  (Nach¬ 
greifen).  Aehnliche  Beobachtungen  sind  auch  in  der  Literatur  niedergelegt. 
Sch.  glaubt,  dass  das  Zwangsgreifen  auf  einer  durch  sensible  Reize  bedingten 
dauernden  Entladung  eines  subkortikalen  Zentrums  beruht,  dass  das  Nach¬ 
greifen  aber  eine  obligatorische  kortikale  Begleiterscheinung  des  Zwangs¬ 
greifens  ist.  Es  muss  eine  Unterbrechung  der  nichtpyramidalen  Verbindungen 
zwischen  der  Rinde  und  dem  sub'kortikal  gelegenen  primitiven  Greifmecha¬ 
nismus  den  genanten  Erscheinungen  zugrunde  liegen. 

Aurel  J  a  1  c  o  w  i  t  z  -  Wien:  Zur  Pathophysiologie  des  amyostatischcn 
Symptomenkomplexes. 

J.  versucht  an  der  Analyse  eines  Falles  zu  zeigen,  dass  entgegen  der 
allgemeinen  Meinung  beim  amyostatischen  Symptomenkomplex  der  Agonist 
weder  verspätet  vom  Willensimpuls  erreicht  wird,  noch  verspätet  auf  ihn 
anspricht. 

Ausserdem  enthält  der  Band  hier  nicht  zu  referierende  Arbeiten  von 
Greving,  Bychowski,  Küppers,  Boruttau,  Choroschko. 
Rochow,  Schultz,  Hallervordcn.  Klein,  Krestnikoff. 
Schemcnsky,  Bohn,  Rosenberg,  Altman,  Brühl,  Foclier 
und  S  c  h  r  i  j  v  e  r.  Johanes  Lange-  München. 

Zieglers  Beiträge  zur  pathologischen  Anatomie  und  zur  allge¬ 
meinen  Pathologie.  Band  71,  Heft  2.  1923. 

Max  Brauch:  Ueber  Appendlcopathia  oxyurica.  Ein  Beitrag  zur  Frage 
der  Bedeutung  der  Oxyuren  für  den  apnendizitischen  Anfall.  (Aus  dem  Pathol. 
Institut  der  Universität  Freiburg  i.  B.) 

Die  Arbeit  ist  von  sehr  grosser  praktischer  Bedeutung;  denn  sie  richtet 
sich  gegen  die  bekannten  Untersuchungen  Rheindorfs  (Die  Wurmfortsatz- 
entzündung,  ref.  d.  Wsclir.  1920,  Nr.  38,  S.  1097)  über  die  Abhängigkeit  der 
Appendizitis  von  Eingeweidewürmern,  besonders  von  Oxyuren,  und  lehnt 
dieselbe  vollkommen  ab.  B.  stellt  fest,  dass  überhaupt  durchschnittlich 
25  Proz.  aller  Menschen  Oxyurenträger  sind,  in  Freiburg  enthielten  14,6  Proz. 
der  Leichen  Appendixoxyuren  und  33,3  Proz.  der  exstirpierten  Wurmfortsätze 
waren  oxyurenhaltig,  was  fast  immer  bedeutungsloser  Nebenbefund  sei  und 
mit  der  lokalen  und  familiären  Infektionshäufigkeit  mit  Oxyuren  zusammen¬ 
hängt.  Die  klinische  Pseudoappendizitis  kann  u.  a.  auch  durch  Oxyuren  be¬ 
dingt  sein  und  schliesslich  kann  in  ganz  seltenen  Fällen  auch  einmal  eine  eitrige 
Appendizitis  durch  Oxyureneinbohrung  entstehen,  aber  die  Theorie  Rhein¬ 
dorfs  von  der  ausschliesslichen  Beteiligung  der  Oxyuren  bei  der  Genese 
der  Appendizitis  wird  als  unbewiesen  abgelehnt  und  besonders  darauf  hin¬ 
gewiesen,  dass  zahlreiche  von  R.  und  anderen  beschriebene  mikroskopische 
Befunde  durch  Exstirpation.  Fixierung  und  Paraffineinbettung  entstandene 
Artefakte  darstellten.  Auch  die  neueren  Untersuchungsergebnisse  von  N  o  a  c  k 
(ref.  M.m.W.  1922,  Nr.  42,  S.  1490)  werden  abgelehnt. 

Gurt  Krause:  Histologische  Untersuchungen  über  die  Fettstoffablage- 
rungen  ln  der  Milz  des  Hundes.  (Aus  döm  Pathol.  Institut  der  Tierärztl. 
Hochschule  zu  Berlin.) 

W.  Z  i  n  s  e  r  1  i  n  g:  Ueber  die  Anfangsstadien  der  experimentellen 
Cholesterinverfettung.  Zur  Lehre  vom  Cholesterinstoffwechsel.  (Aus  der 
pathol.-anat.  Abteilung  des  Instituts  für  experimentelle  Medizin  zu  St.  Peters- 
burg.)  , 

Stomachale,  aber  auch  intraperitoneale  und  subkujane  Einverleibung 
von  Cholesterin  führt  —  zumal  bei  gleichzeitiger  Darreichung  von  Neutral¬ 
fett  —  sehr  rasch  zur  Ablagerung  im  retikulo-endothelialen  Apparat  (Leber, 
Knochenmark.  Milz.  Lymphdrüscn  etc.),  wie  auch  in  den  Epithelien  der  Gallen¬ 
gänge  und  in  der  Nebennierenrinde  (auch  hier  nur  rein  koordinierte  Infiltra¬ 
tion).  Die  Ablagerung  ist  hauptsächlich  von  der  richtigen  Funktion  der  Darm¬ 
wand  (Resorption.  Esterisation  und  vielleicht  auch  Verwandlung  in  eine  kol¬ 
loidale  Lösung?)  und  der  Leber  (Ausscheidung)  abhängig. 

L.  Lenaz-Fiume:  Ueber  die  embryonale  Blutbildung  und  ihre  Be¬ 
deutung  für  die  Pathogenese  der  perniziösen  Anämie. 

Nach  den  Untersuchungsergebnissen  des  Verfassers  stellt  die  perniziöse 
Anämie  eine  primäre  Atrophie  des  normoblastischen  Blutorganes  dar,  welche 
mit  der  Persistenz  des  megaloblastischen  Organes  verbunden  ist:  die  Leber 
tritt  als  blutbildendes  Organ  wieder  auf  und  substituiert  fast  vollkommen  das 
insuffizient  gewordene  und  atrophische  Knochenmark.  Zum  Zustandekommen 
derselben  gehört  eine  individuelle  konstitutionelle  Disposition,  nämlich  der 
Persistenz  des  primären  embryonalen  megaloblastischen  Systems.  L,  betont 
die  Verwandtschaft  der  p.  A.  mit  dem  hämolytischen  Ikterus. 


H.  Bienert:  Ueber  Rückbildungsvorgänge  Im  Thymus,  mit  besonderer 
Berücksichtigung  epithelialer  Randsäume  und  Inseln  und  über  seltene  andere 
Bciunde.  (Aus  dem  Pathol.  Institut  der  Universität  Freibürg  i.  B.) 

In  der  Arbeit  wird  dargetan,  dass  die  sogen.  Duhois  sehen  Abszesse 
im  Thymus  auf  ganz  verschiedene  Vorgänge  zurückzuführen  sind:  1.  Wirk¬ 
liche  Abszesse  im  Sinne  D  u  b  o  i  s’:  2.  Zysten  durch  Einwachsen  von  1  hymus- 
parenchym  in  die  H  a  s  s  a  1  sehen  Körperchen  mit  nachträglicher  Einschmel- 
zung  (Chiari);  3.  persistente  Thymuskanäle  mit  Exsudation  innerhalb  der¬ 
selben  (S  i  m  m  o  n  d  s  und  R  i  b  b  e  r  t)  und  endlich  4.  Sequestrierungsvor¬ 
gänge  im  Parenchym  (H  a  m  m  a  r)  mit  Einschmelzung  etc.,  bei  Lues  con¬ 
genita.  Kasuistische  Beobachtungen. 

Ernst  Kratzeisen:  Ueber  die  Magenform.  (Aus  dem  Pathol.  In¬ 
stitut  des  Stadtkrankenhauses  in  Mainz.) 

Unter  Hinweis  auf  die  gelegentlich  der  Pathologentagung  1921  in  Jena 
von'Gg.  B.  G  ruber  vorgetragenen  Untersuchungen  an  Leichcnmägen  hält 
K.  an  der  von  Forssell,  Aschoff,  Volkmann  angegebenen  Vicrteilung 
des  Magens  fest  und  trennt:  1.  F  o  r  n  i  x.  abgegrenzt  durch  den  Sulcus 
superior,  2.  Korpus,  begrenzt  durch  den  S.  medianus,  3.  V  e  s  t  i  b  u  1  u  in 
p  y  1  o  r  i  c  u  m,  begrenzt  durch  den  S.  inferior,  4.  C  a  n  a  I  i  s  p  y  1  o  r  i  c  u  s. 
begrenzt  durch  die  Pylorusfalte;  in  40  Proz.  der  ganz  frisch  untersuchten 
Leichenmägen  haben  G  r  u  b  e  r  und  Verfasser  auch  den  von  Aschoff  als 
„I  s  t  h  m  u  s“  beschriebenen  taillenartigen  Gürtel  feststellcn  können,  der  ,n 
der  Höhe  des  Sulcus  medianus,  also  im  Bereich  des  Korpus  liegt.  K.  be¬ 
tont  die  Beweiskraft  der  Leichenbefunde,  die  durch  Eingiessen  von  er¬ 
wärmter  30  proz.  Formalinlösung  möglichst  rasch  nach  dem  Tode  gewonnen 
worden  sind  und  sucht  nachzuweisen,  dass  weder  die  Totenstarre,  die  für  den 
Magen  bestritten  wird  (?  Ref.),  noch  auch  die  postmortale  Formalinein- 
giessung  irgendwelchen  erheblichen  Einfluss  auf  die  Magengestaltung  haben 
könne.  Eingiessutigen  von  heisser  Flüssigkeit  dagegen  ändern  das  postmortale 
Bild  ganz  wesentlich,  indem  sie  ganz  unregelmässige  Zusammenziehungen 
und  Schrumpfungen  des  Leichenmagens  erzeugen.  Beim  Säugling  ist  die 
Magenlage  mehr  horizontal,  je  älter  aber  das  Individuum  wird,  um  so  schräger 
wird  die  Magenstellung,  um  schliesslich  in  ihrer  Hauptachse  fast  vertikal  zu 
werden. 

Tomosaburo  Ogata  und  Akira  Ogata:  Ueber  die  H  e  n  I  e  sehe 
Chromreaktion  der  sogen,  chromaffinen  Zellen  und  den  mikroskopischen  Nach¬ 
weis  des  Adrenalins.  (Aus  dem  Pathol.  Institut  und  dem  ehern.  Laboratorium 
des  Pharmazeut.  Instituts  der  Universität  zu  Tokio.) 

Die  H  e  n  1  e  sehe  Chromreaktion  stellt  ein  einfaches  Reduktionsphänomen 
des  Adrenalins  auf  Chromsäure  resp.  Bichromat  dar;  cs  gelingt  durch  ein 
von  den  Verfassern  angegebenes  Verfahren  in  der  nichtfixierten  Nebennie.e 
die  reduzierende  Fähigkeit  des  Adrenalins  einer  ammoniakalischen  Silber¬ 
lösung  gegenüber  nachzuweisen. 

M.  Staemmler:  Zur  Pathologie  des  sympathischen  Nervensystems: 
im  besonderen:  Ueber  seine  Bedeutung  für  die  Entstehung  der  Arteriosklerose. 

(Aus  dem  Pathol.  Institut  der  Universität  Göttingen  und  dem  Pathol.-Hygicn. 


Institut  der  Stadt  Chemnitz.)  .  .  . 

Bei  akuten  Infektionskrankheiten  und  bei  septischen  Allgemcininfcktionen 
finden  sich  an  den  Ganglien  des  Sympathikus  degenerative  Prozesse  mit  ent¬ 
zündlicher  Reaktion  des  Gefässbindegewebsapparates;  ausserdem  hat  St.  auch 
chronische,  langsam  fortschreitende,  zum  Untergang  der  nervösen  Elemente 
mit  interstitieller  Bindegewebssubstitution  führende  Prozesse  gesehen,  die  bei 
chronischem  Alkoholismus,  Bleischädigung  etc.  beobachtet  wurden,  sowie 
gleichzeitig  mit  Arteriosklerose,  wobei  St.  die  Erkrankung  des  nervösen 
Apparates  als  das  Primäre  anzusehen  geneigt  ist.  Die  durch  Baktcnen- 
injektion  bei  Kaninchen  hervorgerufenen  Arterienveränderungen  waren  gleich¬ 
falls  mit  ähnlichen  Erkrankungsprozessen  am  Sympathikus  verbunden,  da¬ 
gegen  fand  sich  bei  der  experimentellen  Adrenalinsklerose  nur  eine  bedeutend 
geringfügigere  Beteiligung  der  sympathischen  Ganglien. 

Hans  Schütz:-  Ueber  Veränderungen  der  quergestreiften  Muskeln  und 
des  retrobulbären  Fettgewebes  bei  Morbus  Basedow!.  (Aus  der  mediz.  Klinik 
der  ungarischen  k.  Elisabeth-Universität.) 

Sch.  stellt  degenerative  Prozesse  in  den  quergestreiften  Muskeln  (zumal 
der  Augenmuskeln)  fest  mit  Ersatz  durch  Fett-  oder  seltener  Bindegewebe: 
ausserdem  wird  das  Auftreten  von  lymphoidzelligen  Hcrdchen  analog  den 
bei  Morb.  Bas.  öfters  in  der  Schilddrüse,  aber  auch  in  den  Muskeln  bei 
Myasthenie  gefundenen  Bildungen  —  beschrieben;  vielleicht  beruht  auf  diesen 
Prozessen  auch  der  Exophthalmus,  zumal  man  auch  bei  chronischen,  nicht 
rückbildungsfähigen  Fällen  des  letzteren  eine  mehr  oder  weniger  staTke 
WTicherung  des  Fett-,  Bindegewebs-  und  Gefässapparates  finden  kann. 

M.  F.  Sorour:  Versuche  über  Einfluss  von  Nahrung,  Licht  und  Be¬ 
wegung  auf  Knochenentwicklung  und  endokrine  Drüsen  junger  Ratten  mit 
besonderer  Berücksichtigung  der  Rachitis.  (Aus  dem  Pathol.  Institut  zu 
Freiburg  i.  B.) 

S.  kann  die  experimentellen  Forschungsergebnisse  englischer  und 
amerikanischer  Forscher  auf  Grund  eigener  verschieden  modifizierter  Ver¬ 
suche  nicht  bestätigen,  da  in  keinem  Fall  das  Bild  der  Rachitis,  sondern 
nur  Osteoporose  erzielt  wurde.  Bemerkenswert  ist,  dass  im  Dunkeln  ge¬ 
haltene  Ratten  basedowähnliche  Schilddrüsenvergrösserung  mit  Vergrösserung 
der  Epithelkörperchen  zeigten,  dagegen  bewegungsgehinderte  aber  belichtete 
Ratten  auffallend  kleine  Epithelkörperchen  aufwiesen. 

Kleinere  Mitteilungen: 

Seishichi  Ohno:  Ueber  den  Adrenalingehalt  der  Nebennieren  bei  Kakke. 

Derselbe:  Ueber  den  Adrenalingehalt  der  Nebennieren  bei  ver¬ 
schiedenen  Krankheiten  und  mikrochemische  Reaktion  von  Adrenalin  (Chrom- 
und  Silberreaktion  nach  Ogata)  zur  Schätzung  des  Adrenalingehaltes. 

Erwin  Thomas-Köln:  Zur  Pathologie  der  Nebenniere.  _  J 

Bemerkung  zur  Arbeit  von  Weissenfeld  in  Z.  B.  Bd.  70,  S.  556  ff. 


Entgegnung  von  Aschoff  darauf. 


Zeitschrift  für  Hygiene  und  Infektionskrankheiten.  100.  Band, 
1.  Heft.  1923. 

C.  Flügge:  Geleitwort  zum  100.  Bande. 

B  r  ä  u  n  i  g  -  Stettin:  Ueber  die  Abgrenzung  der  ansteckungsfähigen 
Lungentuberkulosen  gegen  die  nichtansteckungsfähigen. 

Bei  der  zeitgemässen,  aber  in  sehr  verschiedener  Weise  beantworteten 
Frage,  wann  eine  Lungentuberkulose  ansteckungsfähig  ist  und  nicht,  sind  vom 
Verf.  an  318  sicheren  Tuberkulosefällen  eingehende  Untersuchungen  angestellt 
worden.  Auf  Grund  dieser  Feststellungen  empfiehlt  B  r  ä  u  n  l  g  4  Grade  der 


August  192.?. 


1135 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


ktiosität  aufzustellcn:  1.  Die  „offenen“  Tuberkulösen,  bei  denen  in 
r  oder  fast  jeder  Untersuchung  Tuberkelbazillen  gefunden  werden.  2.  Die 
k  u  1 1  a  t  i  v  offene  n“  und  zwar  a)  die  „selten  o  f  f  e  n  e  n“,  bei 
ii  nur  gelegentlich  einmal  bei  vielen  Untersuchungen  Bazillen  gefunden 
Jen  und  b)  die  „noch  geschlossene  n“.  Das  sind  die  ge- 
issenen  I  uberkulösen  mit  feuchten  Rasselgeräuschen,  Lungenauswurf, 
•genbefund  etc.  3.  Die  „geschlossenen“  Tuberkulösen,  bei  denen 
e  Bazillen  im  Auswurf  gefunden  werden  und  bei  denen  die  obengenannten 
Meinungen  nicht  bestehen.  Wenn  jede  Gruppe  dann  einer  individuell  mi¬ 
ssten  Behandlung  unterzogen  wird,  dürfte  die  meiste  Aussicht  auf  Ver- 
erung  weiterer  Ausbreitung  bestehen. 

\V  a  n  k  e  1  -  Stettin:  Ueber  Meerschweinchenimpfungen  mit  Auswurf- 
cn  zur  Trennung  offener  und  geschlossener  Liingentuberkulöser. 

Ks  wurden  127  Sputa  von  Tuberkulosekranken  auf  Meerschweinchen  ver- 
t,  12  davon  enthielten  bei  der  Voruntersuchung  im  gefärbten  Präparat 
,'rkelbazillen.  In  den  anderen  Proben  waren  sie  nicht  nachzuweisen. 
Proz.  der  Meerschweinchen  endeten  an  Impftuberkulose,  die  übrigen 
uclie  verliefen  negativ.  An  der  Hand  des  verwendeten  Materials  werden 
Ergebnisse  so  beurteilt,  dass  nicht  alle  Lungentuberkulosen,  die  Sputum 
aussen  entleeren,  als  ansteckend  zu  betrachten  sind.  Weiterhin  können 
alle  Lungentuberkulösen,  in  deren  Auswurf  mikroskopisch  Tuberkel- 
len  nicht  gefunden  werden,  als  „geschlossen“  angesehen  werden.  Auch 
'•'älle,  die  nur  vorübergehend  auf  Grund  des  mikroskopischen  Befundes 
•ffene  ar.zusehen  waren,  können  nicht  sämtlich  als  geschlossen  angesehen 
len,  wenn  die  späteren  mikroskopischen  Untersuchungen  Tuberkelbazillen 
lissen  lassen.  Die  Ausscheidung  von  Tuberkelbazillcn  kann  zum  Still- 
J  kommen,  um  nach  Wochen  wieder  einzusetzen.  Es  gibt  zweifellos 
.  in  denen  eine  Ansteckung  unterbleibt,  wenn  Tuberkelbazillcn  sich  nur 
h  das  Tierexperiment  nachweisen  liessen. 

Bruno  L  a  n  g  e  -  Berlin :  Die  Desinfektion  tuberkelbazillenhaltigen  Aus- 
s  durch  Alkalysol  und  Parmetol. 

Die  von  Uhlenhut h,  Jötten  und  Heiler  vorgcschlägenen  Des- 
tionsverfahren  wurden  nachgeprüft.  Auf  Grund  der  Untersuchungen 
nt  Verf.  zu  dem  Schluss,  dass,  wenn  auch  unter  den  beschriebenen  Vor- 
smassregeln  eine  vollkommene  Abtötung  nicht,  in  jedem  Falle  erreicht 
len  kann,  die  Desinfektion  mit  Alkalysol  und  Parmetol  für  die  Praxis  für 
eichend  angesehen  werden  kann. 

A.  v.  J  e  n  e  y  -  Berlin:  Experimentelle  Untersuchungen  über  anta- 
;tische  Wirkungen  innerhalb  der  Typhus-coli-Gruppe.  (Ein  Beitrag  zur 
pcneintcilung  der  Paratyphusarten.) 

Verf.  verfolgte  die  von  Theobald  und  Smith  mitgeteilte  Tatsache. 
Organismen  aus  der  Paratyphusgruppe  die  Gasbildung  der  Koliarten 
iflussen.  Die  Befunde  wurden  bestätigt,  aber  die  Möglichkeit  mit  dieser 
leinung  die  Paratyphen  voneinander  trennen  zu  können,  liegt  nicht  vor. 
zwischen  solchen,  die  die  Gasbildung  hemmen,  und  solchen,  die  sie  nicht 
nen,  alle  Ucbergänge  vorhanden  sind.  Ueber  den  Mechanismus  der 
mung  herrscht  noch  nicht  volle  Klarheit,  möglicherweise  bestehen  Be¬ 
ingen  zum  d  ’  H  e  r  e  1 1  e  sehen  Phänomen. 

R.  S  c  h  n  i  t  z  e  r  -  Berlin:  Zur  Kenntnis  der  experimentellen  Strepto- 
enphlegmone  der  Maus. 

Es  wurden  250  hämolytische  Streptokokkenstämme,  die  aus  menschlichen 
inkungen  gezüchtet  waren.  Mäusen  eingespritzt  und  mit  einer  Ausnahme 
len  Fällen  Phlegmone  erzielt.  Die  Dosen  schwankten  von  0,2  (einer 
ünnung  1  :  10  000)  bis  zu  0,2  (einer  Verdünnung  von  1  :  10).  Auf  die 
enz  kommt  es  anscheinend  weniger  an,  da  vielfach  sehr  kleine  Dosen 
e  Phlegmonen  hervorbringen,  während  virulente  Stämme  teilweise  nur 
er  angehen.  Mit  der  Phlegmone  entwickelt  sich  eine  mehr  oder  weniger 
e  Allgcmeininfektion. 

R.  Doerr  und  E.  Z  d  a  n  s  k  y  -  Basel:  Studien  zum  Bakteriophagen- 

em.  \.  Mitteilung:  Quantitativer  und  oualitativer  Nachweis  der  Lvsine. 
lispersitätsgrad  und  ihre  Aufteilbarkeit  ihrer  Lösungen. 

Eduard  B  o  ec  k  e  r  -  Berlin:  Ueber  die  Resorption  des  Chinins  nach  sub- 
ter  und  intramuskulärer  Injektion. 

Die  Versuchsergebnisse  sprechen  gegen  die  Annahme  einiger  Autoren, 
die  Entstehung  von  Chinindepots  die  Regel  ist.  Vielmehr  liegt  die  Sache 
ass  bei  weitem  der  grösste  Anteil  des  Alkaloids  binnen  kurzer  Zeit,  wenn 
allmählicher  als  bei  intravenöser  Injektion,  in  die  Blutbahn  gelangt  und 
?este  an  der  Applikationssielle  Zurückbleiben. 

W.  Kolle  und  H.  S  c  h  1  o  s  s  b  e  r  g  e  r  -  Frankfurt  a.  M.:  Chemo- 
peutische  Versuche  mit  Tuberkulose. 

Aehnlich  wie  bei  den  Protozoeninfektionen  haben  die  Verfasser  bei 
'imentclier  Tuberkulose  an  Mäusen,  die  mit  Hühnertuberkulose  infiziert 

en.  Versuche  angestellt  und  zwar  mit  einer  sehr  grossen  Anzahl  (48) 
hiedenster  Stoffe,  wie  Farben.  Arsenpräparate,  Metall-  und  Metalloid- 
ndungen.  Die  Erfolge  waren  im  allgemeinen  wenig  befriedigend,  keines 
dl  diesen  Mitteln  wirkte  spezifisch.  Allerdings  konnte  bei  einigen  Farb- 
n.  Jod-  und  Schwermctallen  eine  nachweisbare  lebensverlängernde 
ung  konstatiert  werden.  Die  Art  der  Wirkung  scheint  im  Sinne  einer 
plasmaaktiviercnden  Beeinflussung  zu  verlaufen. 

R.  O.  N  e  u  m  a  n  n  -  Hamburg. 

Deutsche  medizinische  Wochenschrift. 

Nr.  29.  A.  Biedl-Prag:  Ueber  die  Abfuhrwege  des  Pankreasinkrefes 
die  Bedeutung  des  Insulins  für  die  Theorie  des  Pankreasdiabetes. 

B. s  Versuche  zeigen,  dass  die  antidiabetisch  wirkende  Substanz  intra- 
entstellt  und  in  der  Duktuslymphe  ebenso  enthalten  ist  wie  im  Insulin, 
leilwirkung  des  Insulins  ist  mit  aller  Wahrscheinlichkeit  in  der  Hemmung 
>athologisch  gesteigerten  Zuckerproduktion  zu  suchen. 

P.  Uhlenhut  h  und  E.  H  a  i  1  e  r  -  Berlin:  Ueber  die  Desinfektion  des 
kulösen  Auswurfs. 

Nach  neueren  Untersuchungen  mit  den  inzwischen  teilweise  verbesserten 
■raten  sind  das  seifenhaltige  Alkalysol  (das  billigste  Mittel),  die 
■tinat-Kresollaugen,  das  Parmetol  und  das  Chloramin  Heyden  als  die 
ssigsten.  handlichsten  und  wenig  giftigen  (alle  in  5  proz.  Lösungen),  auch 
ie  Wäschedesinfektion  zu  empfehlen. 

i.  S  u  1  t  a  n  -  Berlin:  Erfahrungen  über  Phrenikusexairese  bei  schwerer 

itiger  Lungentuberkulose. 

Jericht  über  44  Fälle  (21  reine  Exairesen.  19  Kombinationen  mit  Pneumo- 
x.  4  mit  Thorakoplastik).  Die  reine  Exairese  hatte  nur  in  einzelnen 


Fällen  einen  namhaften  Erfolg;  dagegeft  ist  sie  eine  wertvolle  Unterstützung 
des  Pneumothorax  und  der  I  horakoplastik  und  daher  hier  stets  als  Vor¬ 
operation  zu  empfehlen 

I.  B  r  ü  n  i  n  g  -  Berlin :  Ueber  Operationen  an  den  Herznerven  bei 
Angina  pectoris. 

B.  bestätigt  die  günstigen  Dauererfolge  der  Exstirpation  des  Halsgrenz¬ 
stranges  des  N.  syrnpathieus  einschliesslich  seiner  Ganglien  als  einer  kausalen 
I  herapie  der  Angina  pectoris  vasomotorica.  Den  von  E  p  p  i  n  g  c  r  und 
Hofer  berichteten  gleichgünstigen  Erfolg  der  Operation  am  N.  Vagus 
(N.  depressor)  bei  Aortalgie  erklärt  Verf.  dadurch,  dass  der  N.  depressor 
vorwiegend  sympathisch  ist.  Die  doppelseitige  Ausführung  dieser  Operation 
am  N.  vagus  bei  der  Angina  pectoris  vasomotorica  ist  nicht  unbedenklich. 
\  erf.  schlägt  vor,  die  Unterbrechung  des  N.  depressor  weiter  unten  durch 
periarterielle  Sympathektomie  an  der  Carotis  communis  auszuführen  mit  Ent¬ 
fernung  der  gemeinsamen  Gefässschcide.  Damit  wird  der  obere  Vagus  ge¬ 
schont.  Vorerst  dürfte  die  Sympathikusoperation  die  Methode  der  Wahl 
bleiben. 

H.  Martenstein  und  B.  Schapiro  -  Breslau:  Zur  Frage  der  Be¬ 
ziehungen  zwischen  Haut  und  Immunität. 

Die  Verfasser  stellen  dem  Aufsatze  Klemperers  und  P  c  s  c  h  i  c 
eine  Reihe  von  in  positivem  Sinne  sprechenden  Versuchen  entgegen. 

H.  Hirschfcld  und  Apcl- Berlin:  Ein  Normalwert  für  die  ßlut- 
fanbstoffmessung. 

Das  Grundsätzliche  bestellt  in  der  Verwendung  konstant  gefärbter,  licht- 
beständiger  gefärbter  ülasstäbc,  deren  Farbenton  genau  dem  des  salzsauren 
Hämatins  entspricht. 

W.  Forst -Jena:  Hyperbin  ein  neues  Hämostyptikuin. 

Das  Hyperbin  erscheint  als  ein  geeigneter  Ersatz  der  Hydrastispräparate 
bei  gehäuften  und  verstärkten  Menstruationsblutungen. 

J.  Ca  rt- Berlin:  Anaphylaktische  Erscheinungen  durch  PSerdefleisch- 
genuss. 

Ausgedehnte  Urtikaria  nach  einmaliger  Pferdeseruminjektion  und  fol¬ 
gendem  Pferdefleischgenuss. 

Pust- Jena:  Ein  brauchbarer  Frauenschutz. 

Beschreibung  eines  von  P.  angegebenen  und  mit  Erfolg  verwendeten 
Pessars. 

A.  Pa  sso  w:  Zur  Bekämpfung  der  Pyozyaneusinfektion.  Zum  Aufsatz 
Paetzels  in  Nr.  25. 

Die  reine  Borsäure  als  Mittel  gegen  die  Pyozyaneusinfektion  ist  in  der 
Ohrenheilkunde  lange  bekannt. 

H.  I  h  1  e  f  e  1  d  t  -  Bremen:  Pitralon  in  der  kleinen  Chirurgie. 

Vorteile  des  Mittels:  Starke  antiseptische  Wirkung,  rasche  Abstossung 
nekrotischer  Teile,  Anregung  der  Granulation. 

C.  R  h  o  d  e  -  Elberfeld :  Galoidin  ein  neues  Antirheumatikum. 

Das  Galoidin  (Antipyrin  und  Phenylurethan  in  30  proz.  Alkohol)  ist  ein 
brauchbares  perkutanes  Antirheumatikum. 

E.  Grahe-  Kasan:  Erythrozytol. 

Durch  Sättigung  des  Pferde-Blutkörperchenbreies  mit  Milchzucker  und 
nachfolgender  Trocknung  wird  ein  haltbares  wohlfeiles  Hämoglobinpräparat 
leicht  hergestellt.  G.  erinnert  auch  an  das  sehr  brauchbare  Fleischpulver, 
welches  aus  gutem  Fohlen-  oder  Kalbfleisch  durch  Trocknen  bei  niedriger 
Temperatur  und  starkem  Luftzug  gewonnen  wird. 

Nr.  30.  H.  S  t  r  a  u  s  s  -  Berlin:  Ueber  Insulinbehandlung  bei  Diabetes 
mellitus.  * 

St.  betont  nachdrücklich,  dass  das  Insulin  nicht  ein  Heilmittel  für  Diabetes 
schlechthin  ist  und  für  leichtere  und  mittelschwere  Fälle  nicht  in  Betracht  zu 
ziehen  ist.  Dagegen  bewährt  es  sich  für  schwere,  durch  Azidose  komplizierte 
Fälle  und  bei  manchen  Komafällen  als  Symptomatikum,  auch  bei  den  schweren 
Fällen  Jugendlicher.  Bei  mittelschweren  Fällen  lässt  sich  durch  Insulin¬ 
behandlung  unter  Umständen  eine  Erhöhung  der  Toleranz  für  Kohlehydrate 
und  eine  Erleichterung  des  diätetischen  Regimes  erreichen. 

A.  S  c  h  n  a  b  e  1  -  Berlin :  Experimenteller  Beitrag  zur  Dauer  der  Fleck¬ 
fieberimmunität  beim  Menschen. 

Sch.  berichtet  über  den  Nachweis  von  Antikörpern  und  Erscheinungen 
der  Allergie  (Hautimpfungen)  irrt  fieberfreien  Stadium  des  Rekurrensfiebers. 
Als  geeignete  Mittel  zur  Aktivierung  der  Rekurrens  erwiesen  sich  subkutane 
Adrenalingaben  und  vor  allem  der  Typhusimpfstoff. 

J.  Hollo  und  E.  H  o  1 1  o  -  W  e  i  1  -  Pest:  Gibt  es  eine  aspezifische 
Ueberempfindlichkeit  infolge  von  Tuberkulose? 

Im  Gegensatz  zu  Selter  wurde  kein  Unterschied  der  Reaktion  auf 
Pc-pton-Intrakutanimpfungen  bei  Tuberkulösen  und  Nichttuberkulösen  gefunden. 

E.  Pulay-Wien:  Der  Wert  der  Bestimmung  des  Energiestoffwechsels 
in  ger  Dermatologie. 

A.  H  a  u  e  r  -  Berlin :  Das  Blutbild  als  diagnostisches  Symptom. 

H.  zeigt  an  einer  Reihe  von  Fällen  die  wichtige  diagnostische  Bedeutung 
der  Blutuntersuchung. 

L.  K  r  o  p  p  -  Marburg:  Ueber  die  sog.  Fettsteine  in  der  Harnblase. 

15  Fälle.  Es  handelt  sich  meist  um  Paraffin  oder  Fettsubstanzen,  die  zu 
Behandlungs-  oder  anderen  Zwecken  durch  die  Harnröhre  eingeführt  waren. 
Für  die  Diagnose  kommen  vor  allem  die  durch  das  geringe  spezifische  Gewicht 
bedingten  physikalischen  Erscheinungen  in  Betracht. 

W.  Patzschke  -  Hamburg:  Zur  Behandlung  von  primärer  Syphilis  mit 
Wismutpräparaten. 

Ob  sich  primäre  Syphilis  zur  alleinigen  Wismutbehandlung  eignet,  ist 
zweifelhaft,  jedenfalls  soll  diese  nur  da  durchgeführt  werden,  wo  bereits  nach 
1 — 2  Injektionen  die  Spirochäten  schwinden  und  die  Erscheinungen  zurück¬ 
gehen. 

L.  D  e  t  r  c  -  Pest:  Ueber  eine  Mikromcthode  der  spezifischen  Gewichts- 
bestimmunv.  1 

Das  spezifische  Gewicht  wird  erkannt  aus  dem  Schweben.  Sinken  oder 
Steigen  eines  —  gefärbten  —  Tropfens  in  einer  Reihe  von  NaCl-Lösungen 
von  bekanntem  spezifischem  Gewicht. 

F.  .  B  u  r  g  k  h  a  r  d  t  -  Zwickau :  Ueber  Eigenblutinjcktionen  bei  vaginalen 
Blutungen  und  Operationen. 

B.  sammelt  das  durch  die  Blutung  abgehende  Blut,  seiht  es  durch  einen 
mehrfachön  Mullappen  und  injiziert  es  sofort  intramuskulär  in  die  Schenkel. 
Kompressionsverband  zur  Beschleunigung  der  Resorption. 

W.  N  e  u  h  a  u  s  -  Hagen  (Wcstf.):  Ein  Fall  von  ausgedehnten  Haut- 
blutungen  bei  einem  Kinde. 


1136 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


Nr.  34/3 


G.  Müller-  Bautzen:  Geruehsdiagnostik  und  Syphilis. 

M.  beobachtete  bei  und  zwar  auch  bei  unbehandelter  Syphilis,  namentlich 
bei  Frauen,  einen  eigenartigen,  modrigen,  benzolähnlichen  Geruch,  welcher 
ihn  vielfach  allein  schon  auf  die  Diagnose  der  Syphilis  hinleitete. 

D.  L  e  b  e  d  e  r  -  Moskau:  Zur  Methodik  der  Leber-  und  Miizpalpation  im 
Kindesalter. 

Tolle- Gross  Bodungen:  Encephalitis  lethargiea  und  Hg-Sehnuerkur 
kombiniert  mit  unspeziflscher  Reiztherapie.  . 

Guter  Erfolg  bei  frischem  Fall  eines  12  jährigen  Knaben,  Versagen  bei 
dem  Dauerzustand  eines  Erwachsenen. 

K.  Ochsenius-  Chemnitz:  Zur  Therapie  des  Keuchhustens. 
Bemerkungen  zu  dem  Aufsatz  von  Schmuck  1er  in  Nr.  15. 

W  a  r  t  e  n  s  1  e  b  c  n  -  Berlin :  Nebenerscheinungen  nach  Gebrauch  von 

Curral.  .  ,  . 

Bei  zwei  körperlich  stark  reduzierten  Knaben  traten  nach  einer  Lurrai- 
tablette  klonische  Zuckungen  an  den  Armen  und  Beinen  auf. 

B  e  r  g  e  a  t  -  München. 


Medizinische  Klinik.  Heft  31. 


S.  L  o  e  w  e  n  t  h  a  1  -  Braunschweig:  Die  Erkrankung  und  Behandlung 
der  Depressionszustände. 

Fortbildungsvortrag,  der  vor  allem  für  den  praktischen  Arzt  Wertvolles 

bringt.  ,  ..... 

O.  K  a  u  d  e  r  s  -  Wien:  Hysterische  Zustandsbilder  unter  dem  klinischen 
Bilde  des  postenzenhalitischen  Parkinsonismus. 

Betrachtungen  zu  dem  genannten  Thema  an  Hand  zweier  ausführlicher 

Krankenberichte.  ' 

P.  T  s  e  1  i  o  s  -  Wien:  Die  Lues  als  ätiologischer  Faktor  für  die  Ulcus- 
bildune  im  Magen  und  Duodenum. 

Untersuchungen  an  44  Tabesfällen  mit  Ulcusbeschwerden  ergaben  weitere 
Hinweise  auf  die  von  Holler  u.  a.  vertretene  Anschauung;  und  zwar  in 
dem  §inne,  dass  bei  einer  geringen  Verhältniszahl  von  Ulcuskrankcn  das  Ge¬ 
schwür  eine  trophische  Störung  der  Magenwand  nach  luetischer  Erkrankung 
der  zuführenden  Nervenbahnen  darstellt. 

E.  R  i  c  h  t  e  r  -  Zittau:  Ueber  Erfahrungen  mit  der  Ponndorfimpfung. 

Auf  Grund  der  Erfahrung  an  33  einschlägigen  Fällen  kann  die  Ponndorf¬ 
impfung  nicht  als  brauchbare  Methode  bezeichnet  werden.  Die  gebesserten 
Fälle  bleiben  in  der  Minderzahl:  eine  wirkliche  Dosierung  ist  nicht  möglich; 
gelegentlich  stellen  sich  bedenkliche  Komplikationen  ein. 

S.  L  u  m  m  e  -  Berlin:  Bemerkungen  zur  Wismutbehandlung  der  Syphilis. 
Ueber  die  Bedeutung  des  Wismutsaumes  des  Zahnfleisches. 

Der  entstehende  Saum  lässt  sich  nicht  beseitigen  und  bleibt  als  ein 
peinliches  Stigma  bestehen.  Solange  wir  dem  nicht  abhelfen  können,  sollte 
das  sonst  vorzügliche  Antisyphilitikum  möglichst  wenig  verwandt  werden 
und  dann  nur  nach  vorheriger  Aufklärung  des  Kranken. 

H.  Mo  ro- Wien:  Arteriotomie  bei  schwerer  Pneumonie. 

Bei  8  kleinen  Kindern  wurde  der  klinische  Verlauf  nur  unwesentlich 
beeinflusst,  dagegen  wurde  das  Herz  rasch  und  sicher  entlastet. 

G.  B  1  ü  m  e  n  e  r  -  Charlottenburg:  Dauerbeobachtuiigen  nach  Syphilis- 
behandlung  mit  Mischspritzen  (Neosalvarsan,  Neosilbersalvarsan  mit  Novasurol 
und  Cyarsal),  verglichen  mit  Dauerbeobachtungen  nach  Neosalvarsan  und 

Hvdrargyrum  salicylicum.  . 

Die  Mischspritzenbehandlung  mit  Neosalvarsan-Cyarsal  hatte  ein  auf¬ 
fallend  schlechteres  Dauerergebnis  als  die  Mischspritzenbehandlung  mit  Nova¬ 
surol  und  als  die  getrennte  Behandlung  mit  Neosalvarsan  und  Hg.  salic. 

S  e  r  d  j  u  k  o  f  f  -  Saratow:  Vollständiges  Fehlen  der  Vagina  und  des 

Uterus.  .....  ,  . 

Nur  geringe  Molimina  menstrualia,  kein  Wunsch  zur  Heirat;  daher  keine 

plastische  Operation. 

A.  M  ii  1  I  e  r  -  Rostock:  Ueber  Serratuslähmung  nach  künstlichem  Pneumo¬ 
thorax.  , 

W.  W  o  r  m  s  -  Berlin:  Hämokiasische  Verteilungsleukozytosen  nach 
Dermographie  und  ihre  Beziehungen  zum  vegetativen  Nervensystem. 

Die  Bedeutung  der  W  i  d  a  1  sehen  Versuchsanordnung  wird  auch  dadurch 
herabgemindert,  dass  dcrmographische  Hautreizung  Leukozytenschwankungen 
hervorruft  bei  Gesunden  und  Kranken,  deren  Leberapparat  intakt  ist. 

E.  S  t  i  e  r  -  Berlin:  Missbrauch  von  Reichsmitteln  mit  Hilfe  ärztlicher 

Gutachten.  . 

Erneuter  Beitrag  zur  mangelhaften  Kritik  bei  ärztlichen  uutachtcn. 

E.  C  1  a  s  e  n  -  Itzehohe:  Varizen-Ulcus  cruris  und  ihre  Behandlung. 

Technik  des  Zinkleimverbandes.  S. 


Paukenröhrchen),  mit  der  man  aus  Gehörgang  und  innerem  Ohr  auch  die 
Eiter-  und  käsige  Massen  leicht  absaugen  kann.  L.  Jacob-  Bremen 


bei 


Schweizerische  medizinische  Wochenschrift.  1923.  Nr.  25. 

Frey  und  A  r  m  b  r  u  s  t  e  r  -  Zürich:  Ueber  die  vorzeitige  Lösung  der 
richtig  inserierten  Plazenta.  .  . 

Nach  den  Erfahrungen  der  Züricher  Frauenklinik  ist  die  vorzeitige 
Lösung  der  richtig  inserierten  Plazenta  wesentlich  häufiger  als  früher;  bei 
Mehrgebärenden  ist  sic  doppelt  so  häufig  als  bei  Erstgebärenden.  Leichte 
Fälle  sind  rein  exspektativ  zu  behändem,  schwere  zu  entbinden,  und  zwar  bei 
uneröffneten  Weichteilen  durch  Sectio  cervicalis  in  Lokalanästhesie  (14  eigene 
Fälle  mit  bestem  Erfolg).  Ausführliches  Literaturverzeichnis. 

B  a  u  m  a  n  n  -  Wattwil:  Zum  Narkoseproblem.  (Mit  spezieller  Berück¬ 
sichtigung  der  chemischen  Seite.) 

Verf.  geht  auf  Grund  eigener  Versuche  besonders  auf  die  Prüfung  der 
Reinheit  der  Narkotika  ein  und  zeigt,  dass  die  üblichen  Prüfungsmethoden 
teilweise  revisionsbedürftig  sind.  Ein  Grossteil  der  Todesfälle  nach  Narkosen, 
ganz  besonders  der  Spättodesfälle  fallen  einem  verdorbenen  Narkotikum  zur 
Last.  Am  meisten  ist  der  Acther  (auch  in  Gemischen)  der  Einwirkung  von 
ficht,  Luft.  Wärme  und  Wasserdampf  ausgesetzt.  Aether  und  Chloroform¬ 
gemische  werden  zweckmässig  nur  in  gasförmiger  Form  angewandt.  Verf. 
beschreibt  ausführlich  die  verbesserten  Prüfungsreaktionen,  die  ieder 
Narkotiseur  von  Zeit  zu  Zeit  anwenden  müsste  und  verlangt  für  den  Narkose¬ 
äther  zukünftig  noch  schärfere  Bedingungen  und  kompliziertere  Reinigung  als 
sie  gebräuchlich  sind. 

Dunant  et  T  u  r  r  e  1 1  i  n  i  -  Genf :  Apropos  d’un  cas  de  Symphyse 
cardiaque  operöe  (Thoracolyse  precardiaque). 

L  ii  s  c  h  e  r  -  Bern:  Ueber  die  Verwendung  der  Säugpumpe  in  der  Oto- 


Oesterreichische  Literatur. 

Wiener  klinische  Wochenschrift. 

Nr.  29.  B.  Bu  sso  n -Wien:  Diagnostik.  Vakzinen-  und  Serumtlierai 
verschiedenen  Infektionskrankheiten.  Fortbildungsvortrag 

D.  Adlersbcrg  und  O.  Po  rg  es- Wien:  Die  Behandlung  t 

Tetanie  mit  Ammonphosphat.  _ 

Das  saure  Aininoniumpliosphat  bewährt  sich  zur  Behandlung  aer  1  eta  i 
sehr  gut.  Es  wird  gerne  genommen  und  gut  vertragen. 

B.  Lipsch  üt  z-  Wien:  Die  örtlichen  und  zeitlichen  Verhältnisse  I 
der  experimentellen  Pigmenterzeugung  durch  Teerpinselung  (nach  Versuch 

an  grauen  Mäusen).  .  ...  _.  .  ,1 

Die  Pinselungen  bewirken  das  Auftreten  melanotischen  1  lgments  (I  acljj 
dermic,  flecken-  und  knotenförmige  Melanome)  an  normalerweise  pigmcl 
freien  Stellen  und  zwar  unbeeinflusst  von  Lichteinwirkung. 

F.  Eisler -Wien:  Die  Röntgendiagnose  der  pathologischen  Gallenbla 
F  bestätigt  die  von  amerikanischen  Autoren  beschriebenen  guten  I 
fahrungen;  sie  haben  zur  Voraussetzung  Plattenaufnahnien  mit  sorgfältigsl 
Technik  und  ein  besonders  geschultes  Plattenstudium. 

C.  Wicthe-Wien:  Die  Durstbekämpfung  nach  Operationen. 

Das  Cesol  eignet  sich  sehr  gut  zur  Abminderung  des  Durstes  nach  Opel 
tionen  infolge  der  ausgiebigen  Anregung  der  Speichelsekretion. 

Nr.  30.  H.  Beitzkc:  Pathologische  Anatomie.  Resistenz  und  Allen 
bei  der  Lungentuberkulose. 

S.  Bericht  d.  M.m.W.  1923  S.  654. 

O.  Frisch- Wien:  Ueber  die  funktionelle  Verlängerung  des  Ob 
schenkeis. 

Zusammenfassung:  Um  bei  Hüftankylose  eine  stärkere  Verkürzung 
Oberschenkels  zu  beheben,  so  genügt  nicht  die  schräge  Osteotomie  und 
tension,  sondern  cs  muss  eine  Verheilung  in  Abduktion  (funktionelle 


glciehung  durch  Schiefstellung  des  Beckens)  erzielt  werden.  Der  erforc 
liehe  Abduktionswinkel  errechnet  sich  aus  der  Länge  des  Oberschenk 
der  Verkürzung  und  der  Beckenbreite  und  beträgt  erfahrungsgemäss  e 
doppelt  so  viel  Grade,  als  die  Verkürzung  in  Zentimetern  beträgt. 
Maximum  kann  die  Schiefstellung  des  Beckens  gelten,  die  einer  Abduk- 
von  35"  entspricht,  womit  eine  Verkürzung  von  15  cm  eben  noch  ; 
zugleichen  wäre.  Die  funktionelle  Verlängerung  des  Beines  durch  Sei 
Stellung  des  Beckens  kann  als  2.  Akt  mit  dem  Extensionsverfahren  n 
schräger  Osteotomie  verbunden  werden.  —  Bemerkenswert  ist  u.  a. 
Hinweis  auf  die  starke  Behinderung  des  Sitzens  durch  eine  Versteifung 
Hüftgelenks  in  voller  Streckung.  Eine  Beugung  von  20— 25  schafft 
eine  grosse  Erleichterung  ohne  irgend  welchen  Nachteil. 

L.  Kraul  und  G.  Halter-  Wien:  Ueber  den  Einfluss  des  welbln 
Genitales  auf  den  Grundumsatz.  _ 

Nach  Röntgenkastration  fand  sich  der  Grundumsatz  um  17  30  x 

herabgesetzt,  bei  Myomen  sowie  bei  Metropathia  haemorrhagica  um  e 
30  Proz  gesteigert.  Uterusexstirpation  verminderte  den  Grundumsatz. 
Unterfunktion  der  Ovarien  bestanden  ziemlich  normale  Verhältnisse,  Rönt; 
bcstrahlung  steigert  durchgehends  den  Grundumsatz. 

.1.  P  c  t  z  o  1  d  t  -  Wien:  Ein  Fall  von  Foetns  papyraceus.  intrauterin  i 
gestellt. 

L.  T  h  a  1 1  e  r  -  Agram:  Ueber  die  Seltenheit  des  Diabetes  mellitu 

Kroatien.  .  .  ,  . 

Das  seltene  Vorkommen  des  Diabetes,  vor  allem  bei  der  kroatisi 
Landbevölkerung,  beruht  vielleicht  großenteils  auf  der  sehr  fleischar 
Kost. 

Nr.  31.  E.  L  ö  w  e  n  s  t  e  i  n  -  Wien:  Die  Tuberkulose  als  Organsys 

Erkrankung.  .  w  v, 

Vorgetr.  Gesellsch.  d.  Aerzte  15.  VI.  23.  S.  Bericht  M.m.W.  1923  Nr 
P.  S  a  x  1  -  Wien :  Ueber  die  oligodynamische  Wirkung  der  Metalle 
M  etallsalze 

Ueber  die  Erschöpfung  und  Regeneration  der  oligodynamischen  Wir! 
des  Silbers.  Ueber  die  Beziehung  der  Löslichkeit  der  Metalle  und  » 
Salze  zur  oligodynamischen  Wirkung. 

A.  v.  T  o  r  d  a  y  -  Pest:  Ueber  typhösen  Meningismus. 

4  Fälle.  Bemerkungen  zur  Pathologie  und  Literatur. 

L.  K  i  r  c  hm  a  y  r  -  Wien:  Eine  seltene  Verletzung  als  Beitrag! 
Festigkeit  der  Sehnen. 

Bemerkungen  zum  Aufsatz  Blocks  in  Nr.  17  der  M.m.W. 

E.  Maliwa-Baden  b.  Wien:  Ueber  die  Resorptionsverhältnissc f 
Schwefelverbindungen  aus  den  Badener  Thermalquellen. 

D  o  s  t  a  1:  Ueber  den  Bakteriengehalt  der  Vakzine  Tebecin  (D  o  s  a  : 
Erwiderung  auf  den  Artikel  von  Mo  ritsch  in  Nr.  27. 

P.  Moritsch:  Erwiderung.  B  e  r  g  e  a  t  -  Münch) 


logie. 


Empfehlung  und  Abbildung  einer  einfachen  Säugpumpe  mit  Vorlegc- 
flasche,  Gummischlauch  und  dünnem  Ansatz  (am  besten  Hartmann  sches 


Spanische  Literatur. 

Palacz  Brilurega:  Pustula  maligna,  geheilt  durch  Proteinkni 

therapie  (Milch).  (La  Medicina  Ibera  17,  Nr.  274.) 

Schwerer  Fall  von  Pustula  maligna  im  Gesicht,  bei  dem  aus  Mi 
an  anderen  Mitteln  Caseal  calcium  (B  a  1  d  a  c  c  i)  intramuskulär  (3  ccm 
geben  wurde.  Starke  Reaktion  mit  Krämpfen,  Besserung.  Nach  2  we 
Injektionen  (je  5  ccm)  Heilung.  ...  .  ■ 

F.  de  la  Cruz:  Experimentelle  und  klinische  Studien  über  Bisnl 
(La  Medicina  Ibera  17,  Nr.  274.)  _  _  j 

Die  Jodwismutverbindung  des  Chinins,  in  Olivenöl  suspendiert,  i 
ein  völlig  unschädliches,  schnell  wirkendes  Spezifikum  gegen  Lues  dar.  j 
intramuskulärer  Injektion  überall,  auch  im  Liquor  nachweisbar.  Versuch) 
vertrugen  das  320  fache  der  menschlichen  Dosis  ohne  Schaden.  Anwc J 
hauptsächlich  bei  Arsen-  und  Quecksilber-resistenten  Fällen. 

Bast  er  ra:  Doppelseitige,  retrobulbäre  Neuritis  optica  acuta,  e1 
durch  Punktion  des  3.  Ventrikels.  (La  Medicina  Ibera  17.  Nr.  275.)  _  : 

46  jährige  Frau,  bei  welcher  wahrscheinlich  ein  Gummi  die  Neuriti 1 
sekundär  die  Erweiterung  des  3.  Ventrikels  hervorrief.  Links  ErbliR 
rechts  Heilung  durch  Ventrikelpunktion  nach  A  n  t  o  n  -  B  r  a  u  m  a  n  i  ■ 
3  Lumbalpunktionen.  Während  der  Entleerung  (ca.  70  ccm)  stark?  A| 
schmerzen  rechts. 


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MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1138 


dritte  sodann  den  Aufbau  der  eigentlichen  (apparativen  und  nichtapparativen) 
speziellen  Untersuchungsmethoden,  die  zugleich  von  hohem  Symptom-  und 
hohem  differenzierenden  Wert  sein  müssen.  Die  Eichung  der  letzteren  er¬ 
möglicht  die  Erfolgskontrolle,  d.  h.  der  Vergleich  der  Untersuchungscrgcbnisse 
mit  der  Betriebsbewährung  (Akkordziffern). 

Möglichkeit  und  Notwendigkeit  der  psychologischen  Feststellung  der 
Berufseignung  ist  dabei  durch  die  Entwicklung  der  industriellen  Arbeits¬ 
verfahren  selbst  bedingt,  die  auch  im  handarbeitenden  Berufe  die  Anforde¬ 
rungen  an  den  Menschen  immer  mehr  vom  Gebiete  des  Physischen  auf  das 
des  Psychischen  verschiebt. 

Lichtbilder  demonstrieren  sodann  die  vom  Vortragenden  durchgeführten 
psychologischen  Analysen  der  verschiedenen  Zweige  der  Gummiindustrie, 
der  Kartonmacherei,  der  Leistenindustrie,  des  Berufes  der  Stenotypistin  usw. 
und  die  von  ihm  zum  Zwecke  der  Untersuchung  konstruierten  Apparate, 
sowie  die  gebräuchlichen,  auf  M  o  e  d  e  usw.  zurückgehenden  apparativen 
Untersuchungsmethoden  für  die  Gebiete  der  metall-  und  holzbearbeitenden 
Industrie  usw. 

Die  Erfolge  in  Hannover  sind  durch  84-,  96-,  ja  100  prozentige  Ueberein- 
stimmung  zwischen  Untersuchungsergebnis  und  Betriebsurteil  gegeben.  Die 
Beziehungen  zwischen  Intelligenz  und  Beruf  verlangen  ausserdem  in  fast 
jedem  Falle  die  (mit  psychologischen  Mitteln  heute  durchaus  mögliche)  Fest¬ 
stellung  des  Intelligenzniveaus  des  Berufsanwärters. 

Bei  der  Synthese  der  durch  die  Analyse  gewonnenen  Ergebnisse  muss 
die  hohe  Bedeutung  des  moralischen  (in  Willen,  Fleiss,  Ordnungssinn,  sozialem 
Verhalten  sich  zeigenden)  Habitus  gebührend  berücksichtigt  werden.  Da  ein 
Urteil  in  dieser  Hinsicht  nur  auf  dem  Wege  längerer  Beobachtung  möglich  ist, 
ist  engstes  Zusammenarbeiten  mit  Schule  und  Haus  nötig. 

Das  vom  Vortragenden  in  Hannover  aufgebaute  psychologische  Institut 
umfasst  daher  eine  pädagogische,  eine  speziell  berufspsychologische  und  eine 
wirtschaftspsychologische  Abteilung,  denen  neben  den  Untersuchungs-  ent¬ 
sprechende  Vortragsabteilungen  zum  Zwecke  der  Schulung,  Aufklärung  der 
Fach-,  Lehrer-  und  Elternkreise  usw.  ungegliedert  sind.  Dank  der  Förderung 
und  des  Interesses  des  Oberbürgermeisters  L  e  i  n  e  r  t  und  des  Senators 
Stadtschulrats  Grote  ist  cs  nicht  nur  das  erste,  sondern  auch  das  grösste 
psychologische  Institut  Deutschlands.  Seine  Arbeit  erstreckt  sich  nicht  nur 
auf  die  Stadt  Hannover,  sondern  auf  die  ganze  Provinz  (die  auf  Beschluss  des 
Provinziallandtages  sich  mit  einer  namhaften  Beihilfe  an  seiner  Finanzierung 
beteiligt)  und  wird  überall  gern  geleistet,  wo  sie  gewünscht  wird. 


Naturhistorisch-medizinischer  Verein  zu  Heidelberg. 

13.  Sitzung  vom  17.  Juli  1923. 

Herr  Eckstein:  Ueber  Beeinflussung  der  roten  Blutkörperchen  vor 
und  nach  der  Fixation. 

Rote  Blutkörperchen,  sofort  nach  der  Venenpunktion  in  Agar  eingebettet 
und  nach  dem  Erstarren  des  Agars  in  Ringer-Formo!  eingelegt,  zeigen  bei  der 
Alzheimer  sehen  Methylblau-Eosinfärbung  eine  Differenz  ihrer  Färbbar¬ 
keit.  Von  aussen  nach  innen  folgen  sich:  eine  schmale  rote  Zone,  eine 
breitere  blaue  Zone,  dann  das  rote,  die  Hauptmasse  des  Schnittes  einnehmende 
Zentrum.  Behandlung  des  Blutagarblocks  (vor  der  Fixierung)  mit 
Sauerstoff,  Wasserstoff  oder  Leuchtgas  ergibt  keine  wesentliche  Aenderung; 
Einwirkung  von  Kohlensäure  kehrt  dagegen  die  Färbbarkeit  um:  die  Erythro¬ 
zyten  sind  nun  in  breiter  Randzone  rot,  im  Zentrum  blau.  Diese  Umstim¬ 
mung  lässt  sich  durch  Beseitigung  der  Kohlensäure  mit  Sauerstoff  wieder 
rückgängig  machen.  Fixation  des  nicht  vorbehandelten  Agarblocks 
in  einem  nur  Kohlensäure  enthaltenden  Formol  lässt  den  äusseren  roten  und 
den  inneren  blauen  Anteil  der  Randzone  viel  breiter  werden,  das  rote  Zentrum 
entsprechend  zusammenschrumpfen.  Fixation  des  mit  Kohlensäure 
vorbehandelten  Blocks  in  „isopneumatischem“  Formol  ergibt  maximale 
Wirkung:  eine  noch  breitere  rote  Randzone  und  blaues  Zentrum.  Nach 
Fixation  in  Agar  eingebettete  Erythrozyten  färben  sich  gleichmässig  rot; 
Kohlensäurebehandlung  bleibt  wirkungslos. 

Schlussfolgerung:  Der  Sauerstoffgehalt  der  Erythrozyten  ist  ohne  Ein¬ 
fluss  auf  ihre  Färbbarkeit;  dagegen  ergibt  ein  gewisser  Grad  der  Kohlen¬ 
säureanreicherung  Blaufärbung;  bei  maximalem  Kohlensäuregehalt  tritt  wieder 
Rotfärbung  ein. 

In  normalen  Organen  dürfte  die  Blaufärbung  der  Erythrozyten  der  Aus¬ 
druck  einer  Kohlensäureproduktion  der  überlebenden  Gewebselemente  sein. 

Diskussion:  Herren  Ernst,  Gans. 

Herr  Valentin:  Medizinisches  aus  Holland.  (Erscheint  ausführlich.) 

Herr  Bo  in  in  er:  Plasinareaktionen  bei  Hautkranken. 

Es  wurden  Plasmalabilitätsreaktionen  angestellt  bei  Gesunden  und  Haut¬ 
kranken.  Bei  Gesunden  fällt  die  raschere  Senkung  weiblicher  Blutkörperchen 
auf,  der  eine  Gleichheit  im  Ausfall  der  Fällungsrcaktionen  zwischen  männ¬ 
lichem  und  weiblichem  Plasma  gegenübersteht.  Neben  dem  Zustand  des 
Plasmas  sind  demnach  noch  in  den  Blutkörperchen  selbst  gelegene  Momente 
massgebend  (Zahl  der  Erythrozyten,  Blutkörperchenvolumen  u.  a.).  Es 
scheint  ausserdem  zu  gelingen,  durch  Kombination  von  Senkung  und  Fällungs¬ 
reaktionen  Grenzfälle  genauer  zu  differenzieren.  Von  Hautkranken  zeigten 
starke  Beschleunigung  resp.  Flockung:  akute  Pyodermien,  alle  untersuchten 
Fälle  von  Prurigo.  Beschleunigte  Senkung  und  entsprechende  Flockung 
zeigten  tiefe  Trichophytien,  ulzerierter  oder  die  Schleimhaut  beteiligender 
Lupus  vulgaris,  sowie  Ekzeme  und  akute  Dermatitiden  im  Stadium  der  Ex¬ 
sudation.  Normale  Werte  zeigten  Fälle  von  Sycosis  vulgaris,  von  ge¬ 
schlossenem  Lupus,  die  übrigen  Ekzem-  und  Dermatitisstadien,  die  Fälle  von 
Psoriasis.  Eher  verlangsamte  Senkung  resp.  verminderte  Flockung  fand  sich 
bei  Urtikaria,  Dermographismus  und  Pruritus.  Senkung  und  Ausfall  der 
Flockungsreaktionen  verlief  im  allgemeinen  parallel.  In  einigen  Ausnahmen 
fand  sich  bei  weiblichen  nicht  menstruierenden  Kranken  beschleunigte 
Senkung  bei  Zurückbleiben  der  Plasmareaktionen. 


Medizinische  Gesellschaft  zu  Jena. 

(Offizielles  Protokoll.) 
Sitzungvom  27.  Juni  1923. 

Tagesordnung: 

Herr  Ibrahim:  Demonstrationen: 

1.  Arachnodaktylie,  Mädchen  von  14  Monaten. 


Nr.  34/.- 

"  i 

2.  Osteopsathyrose:  a)  Knabe  von  12/4  Jahren,  seit  dem  3.  Lebensla  l 
im  ganzen  bis  jetzt  39  Frakturen.  Behandelt  früher  mit  Phosphorlebertru . 
im  letzten  Jahr  nacheinander  mit  Quarzlampe  und  Calc.  lact.  4  Woche 
Strontium  lact.  1  mal  täglich  1 — 3  g  3K*  Monate,  Silicol  3  mal  täglich  1  Tablet 
ä  0,1  SiOa  5  Monate,  davon  5  Wochen  zusammen  mit  Injektionen  von  Thym 
glandol  1  ccm  jeden  2.  Tag,  alles  ohne  Erfolg;  b)  Mädchen  von  8  Monate 
seit  dem  3.  Lebensinonat  3  Frakturen.  Behandelt  mit  täglichen  subkutan 
Injektionen  von  je  0,5  ccm  Pferdescrum,  zusammen  65  Injektionen;  seit  Begii 
der  Therapie  keine  neue  Fraktur. 

Herr  Duke  n:  Osteodysplasia  exostotica  (Kienböck). 

Demonstration  einiger  Fälle  aus  mehreren  Familien  mit  ausgesprochen  « 
Erblichkeit  durch  mehrere  Generationen.  Das  stärkste  Wachstum  zeigJ 
gewöhnlich  die  Exostosen  an  den  Knochen,  die  spät  verknöchern  bei  gleit  j 
zeitig  stärkerer  Wachstumsvermehrung.  Manche  Autoren  geben  an.  dass  d | 
erkrankten  Kinder  stets  geistig  sehr  zurück  seien,  diese  Behauptung  darf  nie I 
allgemein  genommen  werden,  da  unter  unseren  Kindern  mehrere  ganz  b 
sonders  begabt  sind.  Ausserdem  liegt  durchaus  nicht  immer  geringes  Körpe| 
Wachstum  vor.  Wachstumshemmung  und  Wachstumssteigerung  werden  bto.j 
achtet,  wie  auch  beschleunigte  und  verzögerte  Ossifikation.  Die  vi| 
mehreren  amerikanischen  Autoren  unternommenen  Stoffwechselversuche  bj 
derartigen  Kranken  haben  r,u  Ernährungsvorschlägen  (eingeschränkte  Kal 
zufuhr  im  progredienten  Stadium  usw.)  geführt,  die  sicher  unhaltbar  sin t 
Der  oft  gezogene  Vergleich  zwischen  Osteodysplasia  exostotica  und  Chondr  < 
dystrophie  ist  ein  sehr  oberflächlicher.  Wenn  auch  die  beiden  Krankheit 
bilder  in  bezug  auf  die  periostale  Verknöcherung  und  die  Einlagerung  vi] 
Knochen  in  den  Knorpel  eine  Umkehrung  der  jeweiligen  Verhältnisse  dal 
bieten,  so  ist  damit  doch  nur  eine  Teilerscheinung  berührt,  nicht  aber  d.i 
gesamte  Krankheitsbild. 

Normalerweise  ist  die  Modellierung  des  Knochens  vorwiegend  bedinj 
vom  Periost  und  den  periostalen  Osteoblasten  aus,  diese  Modellierung  könnt 
bei  der  Osteodysplasia  exostotica  nicht  zur  Durchführung  und  führt  so  zu  de 
ungezügelten  Wachstum,  das  die  Exostosen  tatsächlich  zeigen. 

Herr  Thiel:  Untersuchungen  zuin  Fliissigkeitswechsel  am  Icbcndt 
Menschenauge  bei  Erkrankungen  des  Zentralnervensystems. 

Bei  19  Patienten  mit  Erkrankungen  des  Zentralnervensystem^  (4  Tabt 
2  Taboparalyse,  9  Paralyse,  I  Neuritis  retrobulbaris,  1  Hirntumor  mit  Py 
cephalus  internus,  1  Stauungspapille)  wurde  nach  Eingabe  von  2  g  Flu 
reszeinnatrium  per  os  das  Kammerwasser  mit  Hilfe  der  Nernstspaltlampc,  d 
ultravioletten  Lichtes  und  des  Homhautmikroskopes  untersucht.  Es  fand  sic 
dass  im  Durchschnitt  nach  50  Minuten  nach  der  Eingabe  des  Fluoreszeins  ei; 
deutliche  Fluoreszenz  des  Kammerwassers  in  allen  Fällen  von  Tabes,  Tab 
Paralyse,  Paralyse  und  bei  der  Neuritis  retrobulbaris  mit  Ausnahme  ein 
Falles  von  Tabes  nachweisbar  war,  nicht  dagegen  bei  der  Dementia  praeci 
und  der  Stauungspapille.  Der  Liquor  cerebrospinalis,  im  Durchschnitt  na 
70  Minuten  nach  der  Eingabe  des  Fluoreszeins  entnommen,  ergab  bei  d 
Tabes,  Taboparalyse  und  Paralyse  eine  Fluoreszenz  im  Mittel  von  1 ;  700  Ot 
bei  der  Dementia  praecox  1  :  2  000  000,  bei  der  Neuritis  retrobulbaris  und  b 
dem  Hirntumor  mit  Pyoeephalus  internus  1  :  100  000.  Unter  Berücksichtigui 
des  vom  Vortragenden  erhobenen  Befundes  am  klinisch  gesunden  Au; 
(Sitzung  der  Med.  Gesellschaft  Jena  vom  29.  II.  1923),.  das  einen  Uebertr 
von  Fluoreszein  in  das  Kammerwasser  in  messbarer  Menge  nicht  erkennt 
Hess,  kommt  der  Vortragende  zu  der  Schlussfolgerung,  dass  bei  Erkrankung 
des  Zentralnervensystems,  die  zu  einer  Mitbeteiligung  des  Plexus  chorioidej 
und  der  Meningen  (Tabes,  Paralyse)  führen,  auch  am  Auge  mit  Wahrschei 
Uchkeit  Veränderungen  im  Corpus  ciliare  oder  der  Pars  plana  retinae  b 
stehen,  die  an  dem  Uebertritt  von  Fluoreszein  in  das  Kammerwasser  erken 
bar  sind.  Ob  diesem  Nachweis  eine  klinische  Bedeutung  zukommt,  möehl 
der  Vortragende  von  weiteren  Untersuchungen  abhängig  machen.  Es  wäi 
notwendig,  auch  bei  Glaukomkranken  nachzuforschen,  ob  auch  bei  diesen  dj 
Parallelismus  zwischen  Plexus  chorioideus  und  Corpus  ciliare  besteht,  i 
könnten  sich  daraus  vielleicht  Schlüsse  auf  die  Genese  des  Glaukoms  zieh] 
lassen. 

Herr  Willich:  Demonstration:  B  a  n  t  i  sehe  Krankheit  bei  lOjährigel 
Knaben. 


Medizinische  Gesellschaft  zu  Kiel. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzungvom  26.  Juli  1923. 

Herr  Runge:  Demonstrationen: 

a)  Multiple  kavernöse  Hämangiome  beim  Neugeborenen. 

Zweites  Kind  gesunder  Eltern.  1.  Kind  an  Spina  bifida  zugrunde  g 
gangen.  Kind  stirbt  nach  einigen  Tagen.  Angiome  im  Herzen,  in  der  Lebtl 
im  Gesicht  und  an  der  linken  Hand. 

Aussprache:  Herren  K  o  n  j  e  t  z  n  y,  Heine,  Bürger. 

b)  Tödliche  Infektion  des  Brustkindes  bei  Mastitis  der  Mutter. 
Bericht  über  mehrere  Fälle,  davon  einer  aus  der  letzten  Zeit.  Kind  . 

Peritonitis  zugrunde  gegangen.  Bakteriologisch  fand  sich  bei  Mutter  und  Ki; 
Streptococcus  mucosus. 

Aussprache:  Herren  Holzapfel,  v.  Stare  k,  Konjetzn 
Kahler.  Hansen,  Runge. 

Herr  Engels  mann:  Die  gesundheitlichen  Verhältnisse  ln  Kiel  i 
Jahre  1922. 

In  der  Stadt  Kiel  (E.  206  010)  wurden  1922  3603  Kinder  =f  18.1  Pro; 
(22  Prom.  1921)  geboren.  Es  starben  2853  Personen  -  13,3  Prom.  (12,4  Proi 

1921),  davon  525  Kinder  unter  1  Jahr.  Der  ücburtenüberschu.'is  sank  vi) 

9.7  Prom.  1921  auf  4,8  Prom.  1922.  Die  Vergleichszahlen  für  '46  deutsc 
Städte  über  100  000  E.  (Klin.  Wschr.  1923  S.  379)  sind  17^4  Gebürte 
13,4  Stcrbefälle;  Geburtenüberschuss  4,0  Prom.  Während  die  Totgeburten  3' 
die  an  Lebensschwäche  und  Bildungsfehlern  im  1.  Lebensjahr  Verstorben 

3.7  Proz.  der  Lebendgeborenen  betrugen,  belief  sich  die  Zahl  der  Fehlgeburt 
(aus  dem  Hebammenbuch  errechnet)  1921  auf  17,1,  1922  auf  19.9  Proz. 
einem  ländlichen  Bezirk  stieg  diese  Zahl  von  16,0  (1921)  auf  29,1  (1922).  D 
Säuglingssterblichkeit  betrug  1921  11,9,  1922  14,6  Proz.  der  Lebendgeboreni 
in  46  deutschen  Städten  12,2  Bez.  12,8  Proz.  Von  100  ehelichen  Säugling 
12,3  Proz.,  von  100  unehelichen  24,6.  Von  3603  standen  1084  (722  ehelicl 
362  uneheliche)  in  Fürsorge.  Von  100  in  Fürsorge  stehenden  Säugling 
starben  nur  1,8  Proz.  (!).  von  100  unehelichen  darunter  4,7  Proz.:  v* 
100  ehelichen  0  Proz.  (!).  Während  die  Sterblichkeit  an  Magendarmerkrai 


31.  August  1023. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


kunjicn  1,7  Proz.  der  Lebendgeborenen  betrug,  starben  von  100  unehelichen 
in  Fürsorge  stehenden  Säuglingen  nur  0,8  Proz.  Im  Qesamtsterberegister 
nimmt  die  Säuglingssterblichkeit  mit  25,6  Prom.  Lebenden  die  erste  Stelle 
ein.  Es  folgen  Todesfälle  an  Herz-  und  Gefässlcrankheiten  24,6;  Pneumonien 
und  Entzündungen  der  Atmungswege  18,4;  Krebs  und  sonstige  Neubildungen 
14.4:  alle  Formen  der  Tuberkulose  13,4  (ohne  Ortsfremde  10,9),  nur  Lungen¬ 
tuberkulose  10,7  (ohne  Ortsfremde  9,07  Prom.).  Die  Sterblichkeit  an  Kind- 
bettfieber  betrug  1,07  Prom.  (auf  743  Fehlgeburten  berechnet  3  Proz..  auf 
die  gemeldeten  Fieberfälle  berechnet  52,4,  auf  die  fieberhaften  Aborte  be¬ 
rechnet  62  Proz.)  (1).  Unter  den  ansteckenden  Krankheiten  nahm  die  Grippe 
mil  3,7  Prom.  die  erste  Stelle  ein,  während  Typhus,  einschliesslich  Para¬ 
typhus,  mit  0,87  Prom.,  Diphtherie  mit  0,77  Prom.  Durchschnitts-,  Scharlach 
mit  0.05  sehr  niedere  Werte  zeigen. 

Herr  Voigt:  Masernprophylaxe  nach  D  e  g  k  w  i  t  z. 

Bericht  über  die  Erfahrungen  der  Universitäts-Kinderklinik. 

Aussprache:  Herren  Spiegel,  Hansen,  Voigt.  E. 


Aerztlicher  Kreisverein  Mainz. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  11.  Juni  1923. 

Herr  N  e  1  i  u  s:  Proteinkörpertherapie. 

Vortr.  geht  zunächst  auf  verschiedene  Methoden  in  der  Krankenbehand¬ 
lung  ein.  Er  unterscheidet  3  Gruppen. 

I.  Gruppe:  Methoden,  die  geeignet  sind,  schädliche  Reize  vom 
Organismus  fernzuhalten;  als  Beispiel  die  moderne  Wund¬ 
behandlung. 

II.  Gruppe:  Methoden,  die  dazu  dienen,  in  den  Organismus  e  in¬ 
gedrungene  Schädlichkeiten  zu  entfernen  oder  zu  vernichten.  Beispiel  der 
Infektionskrankheiten,  bei  denen  entweder  chemotherapeutische  Mittel  oder 
die  passive  Immunisierung  zur  Anwendung  gelangen. 

III.  Gruppe:  Hebung  der  Abwehrkräfte  —  Steigerung  der  Widerstands¬ 
fähigkeit  durch  Massnahmen,  die  nicht  die  Schädlichkeiten  direkt  be¬ 
kämpfen,  sondern  die  Leistungsfähigkeit  des  Organismus  verstärken.  Hierher 
gehört  die  von  Weichardt  und  R.  Schmidt  begründete  Protein- 
körpertherapie,  als  deren  wirksames  Prinzip  die  Protoplasma¬ 
aktivierung  bezeichnet  wird. 

Anschliessend  geht  Vortr.  näher  auf  die  Bier  sehe  Reiztheorie 
ein.  mit  der  Bier  auf  seine  bekannten  Anschauungen  über  das  „Heilfieber“ 
und  die  ..Heilentzündung“  znrückgreift,  die  durch  Reize  verschiedener  Art 
—  chemische  wie  physikalische  —  erzeugt  werden.  Zu  den  chemischen 
Reizen  rechnet  Bier  die  Proteinkörper,  die  den  Vorteil  haben,  dass  sie 
chemisch  rein  darstellbar  und  besser  dosierbar  sind. 

Kurze  Erwähnung  der  Much  sehen  Lehre  von  den  abgestimmten  bzw. 
unabgestimmten  Immunitäten,  die  sich  eng  an  Biers  Reiztheorie  anlehnt. 

Vortr.  erwähnt,  dass  auch  die  Bäder,  die  Röntgenstrahlen,  ferner  die 
Eiweissstoffe  der  Vakzine  und  Sera,  die  den  Eiweiss-Mischpräparaten  wie 
Fulmargin,  Dispargen  als  Schutzkolloide  beigegebenen  Eiweisskörper  und  die 
chemotherapeutischen  Präparate  neben  ihrer  bakteriziden  Wirkung  auch  eine 
sensibilisierende  haben  und  als  Aequivalente  der  eigentlichen  Proteinkörper 
aufgefasst  werden  müssen. 

Die  Schwierigkeiten  der  Reiztherapie  liegen  in  der  Dosierungsfrage; 
falsche  Dosierung  schadet  mehr  als  eine  richtige  nützt.  Daher  müssen  wir 
durch  abgestimmte  Reize  die  Schwelle  der  Höchstleistung  der 
Zelle  zu  erreichen  suchen,  d.  h.  durch  den  Schwellenreiz  das  Optimum 
der  Reaktion  auszulösen  versuchen,  daher  die  Bezeichnung  Schwel¬ 
lenreiztherapie. 

Genaueste  Beachtung  verlangt  der  Zustand  des  erkrankten 
Gewebes;  akut  entzündetes  verlangt  höhere  Dosen  als  chronisch  ent¬ 
zündetes  Gewebe. 

Was  die  Wirkungsweise  der  Proteinkörpertherapie  ganz  allgemein  be¬ 
trifft,  so  sind  ihre  Wirkungen  in  folgende  Grade  zu  teilen: 

a)  Vorübergehende  allgemeine  Reaktion  oder  negative  Phase, 

b)  Oertliche  Reaktion  oder  Herdreaktion, 

c)  Günstige  Nachwirkung  oder  positive  Phase, 

d)  Ungünstige  Wirkung  wie  Kachexie  oder  Anaphylaxie. 

Man  wählt  diejenigen  Mittel,  welche  unter  Herdreaktion  die  Krankheit 
gut  beeinflussen.  Es  haben  sich  bewährt: 

Bei  Gelenkerkrankungen:  Kasein,  Yatren-Kasein,  Silicium: 

bei  Haut-  und  gynäkologischen  Erkrankungen:  Terpentinöl; 

bei  Augenerkrankungen:  Ophthalmosan  usw.' 

Vorläufig  herrscht  aber  noch  auf  dem  ganzen  Gebiete  völlige  Empirie.  Man 
zieht  die  Mittel  vor,  die  durch  eigene  Bakterizidie  Keimfreiheit  gewährleisten. 
Milch  ist  gefährlich,  da  sie  ein  unkontrollierbares  Gemisch  darstellt  und  die 
Gefahr  der  Anaphylaxie  birgt.  Vortragender  teilt  3  Vorkommnisse  von 
Anaphylaxie  mit,  die  nach  Erstinjektion  von  Aolan  bzw.  Fulmargin  bei  Nach¬ 
injektion  der  gleichen  Mittel  bzw.  von  Milch  innerhalb  weniger  Tage  ent¬ 
stand.  Zur  Behebung  der  Schädigung  wurden  Sauerstoffatmung,  Herzmittel, 
Pituglandol,  Physostigmin  vergeblich  verwendet.  Ob  durch  Aetherinhalation 
und  Atropin  der  Bronchialkrampf  gelöst  werden  kann,  ist  noch  fraglich.  Die 
parenterale  Zufuhr  von  Mitteln,  denen  anaphylaktogene  Wirkung  zukommt, 
einschliesslich  der  Eiweiss-Mischpräparate  bedarf  strengster  Indikation.  Zur 
Verhütung  des  Schocks  ist  einstweilen  die  vorsichtigste  und  individuelle 
Dosierung  der  einzige  Weg. 


Kleine  Mitteilungen. 

Therapeutische  Notizen. 

Ersatzdes  Höllensteins  durch  Kochsalzbei  der  T  ripper- 

behandlung*). 

(Vorläufige  Mitteilung.) 

Bei  der  wirksamen  Bekämpfung  der  Geschlechtskrankheiten  ist  sehr 
hinderlich  der  heutige  hohe  Preis  der  Medikamente.  Daher  muss  es  unser 


*)  Mangels  Voranmeldung  auf  dem  XIII.  Kongress  d.  D.  D.  ü.  in  München 

nicht  zum  Vortrag  gelangt' 


Bestreben  sein,  nicht  nur  in  der  Privatpraxis  darauf  Rücksicht  zu  nehmen, 
sondern  vor  allem  den  grossen  sozialen  Einrichtungen,  die  Kostenträger  für 
die  weiten  Volkskreise  sind,  die  Möglichkeit  zu  verschaffen,  ihren  Pflichten 
weiter  nachzukommen,  indem  wir  gleichwertige  billige  Behandlungsweisen 
an  die  Stelle  von  teueren  setzen.  In  diesem  Sinne  hatte  ich  schon  früher 
bei  der  Behandlung  der  Syphilis  für  die  zweifellos  wirkungsvollen  Höhen¬ 
sonnebestrahlungen  die  billigeren  Schmierseifeeinreibungen  empfohlen,  in 
diesem  Sinne  empfahl  ich  bei  Salvarsanbehandlung  einfach  abgekochtes  Lei¬ 
tungswasser  (Reagenzglas!  statt  Aqua  bidestillata  und  in  einer  weiteren 
demnächstigen  kleinen  Mitteilung  werde  ich  zur  Verhütung  des  angioneuroti- 
scihen  Symptomenkomplexes  den  Zusatz  von  einigen  Tropfen  einer  hoch¬ 
prozentigen,  stets  sterilen  Kalziumchloratlösung  als  Ersatz  für  die  teueren 
Afenillösungen  empfehlen. 

Einen  sehr  wesentlichen  Verbilligungsfaktor  glaube  ich  Ihnen  aber  heute 
für  die  Behandlung  der  Gonorrhöe,  vor  allem  der  Gon.  post,  und  Prostatitis 
mitteilen  zu  sollen,  vorläufig  lediglich  als  Anregung  zur  Nachprüfung;  eine 
ausführlichere  Veröffentlichung  soll  demnächst  in  gemeinsamer  Arbeit  von 
Dr.  Blumenthal  -  Coblenz  und  mir  erscheinen.  Kollege  B.  ging  von  dem 
Gedanken  aus,  dass  die  Hauptwirkung  des  Arg.  nitr.,  das  wohl  unbestritten 
als  das  souveräne  Mittel  bei  der  Behandlung  der  Gon.  post,  gilt,  nicht 
auf  seine  desinfektorische  Kraft  zurückzuführen  sei,  sondern  auf  seine  An¬ 
regung  der  Sekretion  und  Hebung  des  Säfteflusses,  durch  den  die  Bakterien 
aus  der  Drüse  und  ihren  engen  Ausführungsgängen  herausgeschwemmt  würden. 
So  lag  es  für  ihn  nahe,  das  teure  Silbersalz  durch  ein  wohlfeiles  Mittel 
zu  ersetzen,  das  dieselbe  Eigentümlichkeit  hätte,  und  er  regte  diesen  Ge¬ 
danken  bei  mir  an.  An  erster  Stelle  kam  da  das  Kali  chloricum  in  Betracht, 
das  aber  wegen  seiner  Giftigkeit  nur  für  Injektionen  in  die  vordere  Harnröhre 
und  als  Instillation  mit  der  Tropfspritze,  in.  3  proz.  Lösung,  benutzt  wurde. 
Zur  Blasenspülung  bedienten  wir  uns  1 — 3  proz.  Kochsalzlösungen,  denen  zur 
Desinfektion  Kali  permanganat  zugesetzt  wurde;  diese  Lösungen  erwiesen 
sich  als  absolut  reizlos.  Obwohl  ich  mich  bei  der  Kürze  der  Erfahrungszeit 
recht  vorsichtig- ausdrücken  möchte,  kann  ich  Ihnen  heute  doch  schon  soviel 
sagen,  dass  die  theoretischen  Erwägungen  des  Kollegen  B.  durch  die  prak¬ 
tische  Erfahrung  durchaus  bestätigt  zu  werden  scheinen,  denn  die  Erfolge 
bei  der  Behandlung  der  Gon.  post,  mit  derartigen  Lösungen  waren  weit 
besser,  als  wir  sie  bei  Spülungen  mit  blossem  Kali  permanganat  zu  sehen 
gewohnt  waren,  sie  übertrafen  sogar  in  einzelnen  Fällen  die  Höllenstein¬ 
spülungen.  Bei  der  Gon.  ant.  verwandten  wir  3  proz.  Kali  chloricum-Lösungen 
abwechselnd  mit  schwachen  Silberlösungen  und  glaubten  bei  hartnäckigen 
Fällen  chronischer  Gonorrhöe  guten  Erfolg  davon  zu  sehen.  Ohne  Ihnen, 
meine  Herren,  also  neue  Heilmethoden  enthusiastisch  anpreisen  zu  wollen, 
möchte  ich  Sie  auf  Grund  meiner  bisherigen  Erfahrungen  an  einem  grossen 
Krankheitsmaterial  bitten,  vorurteilsfrei  nachzuprüfen,  da  der  Ersatz  des 
teuren  Höllensteins  durch  das  billige  Kochsalz  zweifellos  ökonomisch  einen 
grossen  Fortschritt  darstellen  würde.  Dr.  Oskar  Salomon  -  Coblenz. 

Assistenten-  und  Studentenbelange. 

Eine  Studentenstiftung  in  Kiel. 

Das  grosse  Festhaus  Bellevue  bei  Kiel  ist  angekauft  und  als  Studenten¬ 
haus  gestiftet  worden.  Etwa  200  begabte  Studenten  sollen  hier  unentgeltlich 
Wohnung  und  Kleidung  finden.  Zu. dem  Hause  gehört  ein  Park  mit  altem 
Buchenbestand,  einem  Teil  des  Düsternbrooker  Holzes.  Das  Studentenhaus 
wird  ausser  den  Wohnräumen  auch  noch  Gesellschaftsräume  und  Vortragsäle 
enthalten.  Ein  Teil  der  Räume  soll  der  Oeffentlichkeit  zugänglich  bleiben. 


Tagesgeschichtliche  Notizen. 

München,  den  29.  August  1923. 

—  Die  Arbeitsgemeinschaft  wissenschaftlicher 
Verleger  in  Berlin  hat  im  Namen  der  Firmen  Walter  de  Gruyter 
6t  Co.,  Paul  Parey,  Julius  Springer,  Urban  6t  Schwarzen¬ 
berg,  Weidmann  sehe  Buchhandlung  am  16.  August  folgendes  Rund¬ 
schreiben  versandt:  i 

„Mit  dem  uns  heute  angekündigten  Inkrafttreten  der  abermaligen  Ver¬ 
doppelung  der  Buchdruckpreise  sind  diese  bei  einem  Dollarstande  von 
2  700  000  M  auf  etwa  dem  dreifachen  Stand  der  Friedensgoldpreise 
angelangt.  Das  macht  es  dem  Verlag  unmöglich,  noch  zu  Preisen  zu  produ¬ 
zieren,  die  die  Aussicht  auf  Absatz  dieser  Veröffentlichungen  im  Inlande 
offen  lassen.  Selbst  die  Preise  des  Auslandes  würden  dadurch  so  wesentlich 
überstiegen  werden,  dass  die  Konkurrenzfähigkeit  des  deutschen  Buches  voll¬ 
ständig  vernichtet  ist.  Wir  sehen  uns  deshalb  zu  unserem  eigenen  lebhaften 
Bedauern  gezwungen,  unsere  Druckaufträge  sämtlicher 
Werke  und  Zeitschriften  zu  sistieren*).  Wir  empfehlen 
dringend,  sich  unserem  Vorgehen  im  Interesse  eines  Erfolges  anzuschliessen.“ 

Dieses  Rundschreiben  wurde  noch  durch  ein  Telegramm  der  Firma 
Julius  Springer  an  den  Verlag  der  M.m.W.  unterstützt,  in  dem  jener 
von  der  beabsichtigten  Einstellung  seiner  Zeitschriften  Kenntnis  gab  und  zum 
Anschluss  aufforderte. 

Der  Verlag  der  M.m.W,  zögerte  nicht,  dieser  Aufforderung  zu  folgen. 
Sowohl  aus  Gründen  der  Disziplin,  wie  aus  der  Erwägung,  dass  nur  durch  die 
Einstellung  der  Druckaufträge  die  Möglichkeit  gegeben  war,  gegen  die  rnass- 
losen  Forderungen  der  Gewerkschaft  der  Buchdrucker,  die  Ende  August  einen 
Wochenlohn  von  52  Millionen  Mark  und  für  September  von  75  (!)  Millionen 
Mark  verlangen,  wirksam  anzukämpfen.  Diesen  Kampf  durchzuführen,  lag 
ebenso  im  Interesse  des  Verlagsbuchhandels,  wie  der  Bücher  und  Zeitschrif¬ 
ten  kaufenden  Oeffentlichkeit.  in  unserem  Falle  der  Aerzte. 

Die  Erreichung  dieses  Zieles  ist  nun  leider  durch  das  Abspringen  des 
Verlags  Springer  von  der  auf  seine  Anregung  getroffenen  Vereinbarung 
vereitelt  worden.  Nachdem  der  Verlag  der  M.m.W.  getreu  seiner  Zusage  die 
für  den  Druck  bereits  fertiggestellte  Nr.  34  zurückgehalten  hatte,  liess  die 
Firma  J.  Springer  ihre  „Klinische  Wochenschrift“  unbekümmert  um  die 
Abmachungen  weitererscheinen.  Unter  diesen  Umständen  hat  auch  unser 
Verlag  sich  genötigt  gesehen,  die  zurückgehaltene  Nummer  in  verstärkter 
Form  als  Nr.  34/35  herauszugeben.  Wir  bedauern,  dass  durch  dieses  Ge¬ 
schäftsgebaren  einer  Firma  der  aussichtsreiche  Kampf,  um  normale  Preise 
unserer  Bücher  und  Zeitschriften  ausserordentlich  erschwert  worden  ist. 


*)  Von  uns  gesperrt.  Schriftl. 


1140 


Münchener  Medizinische  Wochenschrift. 


Nr.  34 '35. 


—  Der  Geschäftsausschuss  des  Deutschen  Aerztevereinsbundes  hat  den 
diesjährigen  Deutschen  Aerztetag,  der  auf  14.  und  15.  September 
nach  Bremen  einberufen  war.  abgesagt,  da  er  der  deutschen  Aerzteschatt 
bei  ihrer  jetzigen  schlimmen  Notlage  die  Aufwendung  von  Milliarden  für 
diese  Tagung  nicht  zumuten  zu  dürfen  glaubt.  Dieser  Entschluss  entspricht 
einer  Forderung  der  Zeit  und  sollte  vorbildlich  sein  für  andere  Veranstal¬ 
tungen.  Wenn  man  das  Verzeichnis  der  im  September  und  Oktober  d.  J. 
geplanten  Kongresse  überblickt  (s.  den  Kongresskalender  in  dieser  Nummer), 
gewinnt  man  den  Eindruck,  dass  wir  uns  der  Schwere  unserer  Lage  noch 
lange  nicht  allgemein  bewusst  geworden  sind,  ln  einer  Zeit,  m  der  der  Ab¬ 
wehrkampf  im  Westen  die  ganze  Kraft  des  Volkes  beansprucht,  sollten  alle 
nicht  unbedingt  nötigen  Ausgaben,  insbesondere  kostspielige  Reisen,  ver¬ 
mieden  werden.  .  .  ... 

—  Eine  vom  Aerztlichen  Bezirksverein  München  in  das  Auditorium 
maximum  der  Münchener  Universität  einberufene  allgemeine  Aerztc- 
Versammlung  am  17.  August  gestaltete  sich  zu  einer  Würdigen  und 
eindrucksvollen  Kundgebung  zur  Notlage  des  ärztlichen  Standes.  Es  sprachen 
Kustermann,  der  Vorsitzende  des  Bezirksvereins  als  Einberufer, 
G  i  1  m  e  r  als  Vorsitzender  der  Abteilung  für  freie  Arztwahl  und  S  c  h  o  1 1, 
der  Geschäftsführer  der  Abteilung.  Das  Hauptreferat  lag  in  den  Händen 
G  i  1  m  e  r  s,  der,  ein  glänzender  Redner,  ein  bewegtes  Bild  von  den  Schwie¬ 
rigkeiten,  unter  denen  die  Aerzte  arbeiten,  entwarf.  Eine  von  der  Versamm¬ 
lung  einstimmig  angenommene  Entschliessung  betont  in  markanten  Sätzen 
die  Unzulänglichkeit  der  den  Aerzten  bisher  zugebilligten  Vergütungen  und 
verlangt  Honorare,  die  der  allgemeinen  Teuerung  entsprechen,  Wertbeständig¬ 
keit  und  sofortige  Auszahlung,  ferner  finanzielle  Hilfe  für  die  Krankenkassen, 
um  sie  in  den  Stand  zu  setzen,  den  Forderungen  der  Aerzte  nachzukommen. 
Am  Schlüsse  erklärt  die  Versammlung  ihren  Entschluss,  diesen  unhaltbaren 
und  unwürdigen  Verhältnissen  ein  Ende  machen  und,  falls  nicht  sofort 
in  eine  Hilfsaktion  und  in  Verhandlungen  über  Aenderung  der  Honorarbestim¬ 
mungen  eingetreten  werde,  den  Kampf  um  ihre  Existenz  aufnehmen  und  auch 
vor  dem  Gebrauch  der  letzten  Waffe  der  Verzweiflung,  dem  allgemeinen  Bc- 
handlungsstreik,  nicht  zurückschrecken  zu  wollen.  (Inzwischen  haben  die 
Forderungen  der  Aerzte  insoferne  Berücksichtigung  gefunden,  als  zu  den 
Sätzen  der  Preuss.  Gebührenordnung  ein  Zuschlag  von  199  900  v.  H.  ge¬ 
währt  und  seitens  des  Ministeriums  für  soziale  Fürsorge  ein  Kredit  von 
20  Milliarden  gegeben  wurde  zur  Befriedigung  der  dringendsten  Anforderungen 
der  Krankenkassenverbände.) 

—  Mit  Wirkung  vom  27.  August  an  ist  die  Verdienst  -  und  Ein¬ 
kommensgrenze  in  der  Krankenversicherung  auf 
1,5  Milliarden,  im  besetzten  Gebiet  auf  1,8  Milliarden  Mark  festgesetzt  worden. 

—  Die  Arbeitsgemeinschaft  der  württcmbergischen 
Krankenkassen  und  der  württembergischen  Aerzte  hat 
in  einer  unter  dem  Vorsitz  des  Leiters  des  württembergischen  Arbeitsmini- 
steriums  abgehaltenen  Versammlung  beschlossen,  eine  gemeinsame  Eingabe 
an  das  Arbeitsministerium  zu  richten  und  die  württenibergische  Staats¬ 
regierung  um  sofortige  Gewährung  eines  möglichst  zinslosen  Kredits  von 
40  Milliarden  Mark  zur  Sicherstellung  der  Kassenärzteversorgung  zu  bitten. 

—  Die  üebührenkommission  des  Aerztlichen  Be¬ 
zirk  s  v  e  r  e  i  n  s  München  hat  mit  sofortiger  Wirksamkeit  den  bis¬ 
herigen  Reichsteuerungsindex  durch  den  Index  der  _  Goldmark  ersetzt 
(1  Goldmark  —  1/b  Dollar,  berechnet  nach  dem  Kurse  am  Tage  der  Rechnungs¬ 
begleichung). 

—  Durch  Regierungserlass  wurde  bestimmt,  dass  zu  den  Sätzen  der 
Teile  11  A  und  B  sowie  III  der  Preussischen  Gebührenordnung  betr.  die 
Gebühren  der  Aerzte  und  Zahnärzte  in  der  Privat- 
praxis  vom  ia  XII.  22,  für  Bayern  übernommen  durch  die  VO.  vom 
29.  XII.  22.  mit  Wirkung  ab  15.  VIII.  23  ein  Teuerungszuschlag  von  199  900 
vom  Hundert  tritt. 

—  Die  Bibliothek  der  Berliner' medizinischen  Ge¬ 
sellschaft  ist  .infolge  der  hohen  Gehälter  gezwungen  gewesen  ihre 
Bibliothek  bis  auf  weiteres  zu  s  c  h  1  i  e  s  s  e  n,  ein  neuer  betrübender  Beleg 
für  die  Notlage  der  deutschen  Wissenschaft.  . 

—  Der  Direktor  der  III.  Abteilung  (Nervenkranke  und  chronisch  körper¬ 
lich  Kranke)  der  städt.  Heil-  und  Pflegeanstalt  Dresden.  Stadt-Ober- 
medizinalrat  Sanitätsrat  Dr.  Hecker,  tritt  nach  erreichter  Altersgrenze  am 
1.  Oktober  d.  J.  in  den  Ruhestand.  Zu  seinem  Nachfolger  wurde  Stadt- 
Obermedizinalrat  Dr.  Schob  ernannt. 

—  Der  Nahrungsmittelchemiker  Prof.  Dr.  B  e  y  t  h  l  e  n,  Direktor  des 
chem.  Untersuchungsamtes  der  Stadt  Dresden,  und  der  sächs.  Landes¬ 
gewerbearzt  Ministerialrat  Geheimrat  Prof.  Dr.  Thiele  sind  vom  Reichs¬ 
rate  zu  Mitgliedern  des  Reichsgesundheitsrats  gewählt  worden.  Zum 
Mitglied  des  Reichsgesundheitsrates  ist  ferner  gewählt  worden  Hofrat 
Dr.  B.  Spatz  in  München,  Schriftleiter  der  Münch,  med.  Wochenschrift. 

—  ln  München  finden  ärztliche  Fortbildungskurse 
statt  vom  24. — 29.  September  und  vom  1. — 6.  Oktober:  Säuerbruch, 
Jchn,  Lebsche,  Schmidt:  Chirurgisch-klinische  Demonstrationen. 
Müller:  Klinische  Hämatologie.  Romberg:  Störungen  des  Herz¬ 
rhythmus.  Kämmerer:  Protein-  und  Reizkörpertherapie.  Weber  und 
Sänger:  Neuere  gynäkologische  und  geburtshilfliche  Fragen.  Eisen¬ 
reich.  v.  R  e  d  w  i  t  z:  Geburtshilflicher  Operationskurs.  -  H  e  u  c  k:  Behand¬ 
lung  der  Lues.  Pöhlmann:  Behandlung  der  Psoriasis.  Malaisd: 
Nervenkrankheiten.  Julius  Mayr:  Neuere  Arzneimittel.  Wirz:  Tuber¬ 
kulose  der  Haut.  Hey  er:  Seelische  Krankenbehandlung.  Isserlin: 
Neue  Fragen  in  der  Psychiatrie.  Grashey,  B  o  e  h  m,  C  h  a  o  u  1, 
Winter,  Voltz:  Kurs  der  röntgenologischen  Diagnostik  und  Therapie. 
Wanner:  Ohrenheilkunde.  Neumayer:  Erkrankungen  der  Nasenneben¬ 
höhlen.  Thannhauser:  Diabetesfragen.  Oberndorfer:  1  atho- 
logisch-anatomischer  Demonstrationskurs.  Klee:  Funktionelle  Magen- 
Störungen.  G  e  b  e  1  e:  Gelenkverletzungen.  v.Redwitz:  Wundbehandlung. 
Derselbe:  Chirurgie  des  Magengeschwürs.  Martini:  Lungen¬ 
diagnostik.  Hohm  a  n  n:  Orthopädischer  Kurs.  H  u  s  1er:  I  faktisch 
wichtige  Fragen  aus  der  Kinderheilkunde.  S  i  1 1  m  a  n  n:  Soziale  und  Unfall- 
medizin.  Siemens:  Pyodermien.  Stordeur:  Licht-  und  Strahlen¬ 
therapie  der  Hautkrankheiten.  K  i  e  1.1  e  u  t  h  n  e  r:  Kurs  der  Kystoskopie 
und  des  Ureterenkatheterismus.  Die  einzelnen  Disziplinen,  für  welche 
seitens  der  teilnehmenden  Aerzte  besonderes  Interesse  besteht,  können  nach 
Rücksprache  mit  den  betreffenden  Dozenten  bei  genügender  Teilnehmerzahl 
entsprechend  ergänzt  bzw.  zeitlich  ausgedehnt  oder  verlegt  werdem  Die 
Teilnahme  an  den  Kursen  ist  kostenlos.  Einschreibcgebühr  für  Reichs¬ 


deutsche  20  M.  mal  Reichsteuerungsindex,  für  Ausländer  20  Goldmark. 
Meldungen  an  das  Sekretariat  der  11.  med.  Klinik.  München,  Ziemssenstr.  2. 

—  Um  den  praktischen  Aerzten  die  Kenntnisse  in  D  l  f  f  e  r  e  n  1 1  a  1  - 
d  i  a  g  n  o  s  e  und  Therapie  der  chirursischen  Tuberkulose 
zu  vermitteln,  die  nötig  sind,  um  ihn  zur  Behandlung  solcher  Kranker  z  u 
Hause  zu  befähigen,  veranstaltet  die  Heilstätte  in  Hohe  nlychen 
14  tägige  Fortbildungskurse.  Die  Kurse  umfassen:  Die  klinische 
und  röntgenologische  Diagnostik  und  Differentialdiagnostik  (Gonorrhoe.  Lues, 
Sarkom,  Osteomyelitis)  der  Knochen-  und  üeleiiktuberkulose,  praktische  Be¬ 
tätigung  „uf  den  Stationen  zur  Erlernung  der  dort  geübten  Therapie  (natür¬ 
liche  Sonnenbestrahlung,  Freiluftkuren,  künstliche  Bestrahlung,  Stauung, 
orthopädische  Lagerung,  medikamentöse  Behandlung,  kleine  chirurgische 
Eingriffe,  wie  Punktionen  u.  dgl.).  Auf  Wunsch  kann  in  diesem  Kurs  auch 
noch  die  Indikation  zur  operativen  Behandlung  der  Lungentuberkulose  er¬ 
örtert  werden.  Im  Anschluss  an  den  Aerztekurs  findet  ferner  ein  14  tägiger 
Kurs  für  Gemeinde  -  bzw.  Fürsorgeschwestern  statt,  an  dem 
sich  vor  allem  immer  die  Schwestern  beteiligen  sollen,  die  dem  Arzt  des 
vorhergehenden  Kurses  zur  Hand  gehen  sollen.  Die  I" eilnehmer  des  Aerzte- 
wie  des  Schwesternkurses  finden  in  den  Anstalten  unentgeltliche  Aufnahme 
und  werden  zum  Selbstkostenpreis  dort  verpflegt.  Meldungen  zu  diesem 
Kurs  sind  zu  richten  an  Herrn  Prof.  Dr.  Kisch,  Berlin  N.  24,  Ziegelstr.  5  9. 
Chirurgische  Universitätsklinik.  .  .  _  . 

—  In  der  Heilstätte  in  Hohcnlychc  n  findet  in  der  Zeit  vom 
1. — 7.  Oktober  d.  J.  ein  Tuberkulosefortbildungskurs  statt. 
Es  wird  das  Gesamtgebiet  der  Tuberkulose  berücksichtigt  und  den  Lcil- 
nehmern  vor  allem  Gelegenheit  zur  praktischen  Ausübung  der  einzelnen 
Handgriffe  gegeben.  Die  Aufnahme  der  I  eilnehmer  ist  unentgeltlich,  für  die 
Verpflegung  wird  der  Selbstkostenpreis  berechnet.  Umgehende  Meldungen 
sind  wegen  der  beschränkten  Zahl  der  1  eilnehmer  an  das  Zentralkomitee  für  I 
das  ärztliche  Fortbildungswesen  in  Preussen,  Berlin  NW.  6,  Luisenplatz  2—4 
(Kaiserin-Friedrich-Haus)  erforderlich.  .  . 

—  Der  ärztliche  Fortbildungskurs  in  Bad  Elster 
findet  vom  23.-26.  September  statt.  Es  werden  von  hervorragenden  Ge- 
lehrten  Vorträge  aus  dem  Gebiet  der  Balneologie,  Biologie,  der  Frauenheil- 
künde,  der  inneren  Medizin  und  der  Bewegungsstörungen  gehalten.  Die 
Zuhörer  erhalten  durch  Vermittelung  der  Badedirektion  weitgehendste  Lr- 
mässigung  für  Wohnung  und  Verpflegung. 

—  Die  ärztlichen  Fortbildungskurse  in  Bad  Kis¬ 
sing  e  n  (3. — b.  September)  sind  umständehalber  bis  auf  weiteres  ver¬ 
schoben  worden.  I 

—  Die  I.  Jahres-Hauptversammlung  der  Deutschen  Gesell¬ 
schaft  für  Gewerbehygiene  findet  im  Hygienischen  Institut  der 
Universität  Würzburg  am  19.  und  20.  September  statt.  Auf  der  Tages¬ 
ordnung  stehen  die  Staubfrage  und  andere  wichtige  Fragen  der  Gewerbe- 

hygiene.  oie  DeutSche  Gesellschaft  für  Geschichte  der 
Medizin  und  der  Naturwissenschaften  hält  ihre  diesjährige 
(17.)  Tagung  am  18.,  19.  und  20.  September  im  Kurhaus  zu  Bad  St  eben 
ab.  Die  Zahl  der  angemeldeten  Vorträge  beträgt  25.  Anmeldungen  zur  Teil- 
nähme  werden  an  den  Vorsitzenden  Geh.  Rat  Sud  ho  ff  in  Leipzig  ( 1  a 1- 
strasse  38)  oder  Direktion  der  Badeverwaltung  Steben  erbeten.  Der  Kur¬ 
verein  gewährt  kostenlose  Unterkunft  und  25  Proz.  Nachlass  in  der  \  cr- 

pflegung.p  e  s  ^  AeKypten  vom  9.  bis  15.  Juli  47  Erkrankungen,  davon  in 
Alexandrien  2  und  in  Port  Said  5. 

—  In  der  29.  Jahreswoche,  vom  15.  bis  21.  Juli  1923,  hatten  von 
deutschen  Städten  über  100  000  Einwohner  die  grösste  Sterblichkeit  Wies¬ 
baden  mit  27,6,  die  geringste  Duisburg  mit  5,3  Todesfällen  pro  Jahr  und 
1000  Einwohner.  R--IJ--A-  1 

Hochschulnachrichten 

Breslau.  Die  Dienstbezeichnung  als  ausserordentlicher  Professor 
erhielt  Dr.  med.  Alfred  Renner,  Privatdozent  für  Chirurgie,  Oberarzt  der 
urologischen  Abteilung  an  der  Chirurg.  Univ.-Klinik.  _ 

Halle  a.  S.  Der  Privatdozent  für  Orthopädie  Dr.  Friedrich 
Löffler  ist  zum  nichtbeamteten  ausserordentlichen  Professor  ernannt 

Jena.  Die  ausserordentlichen  Professoren  Dr.  Friedrich  Schulz 
(Physiologische  Chemie),  Dr.  Felix  Lommel  (Innere  Medizin),  Vorstand 
der  medizinischen  Poliklinik,  Dr.  Bodo  Spiet  hoff  (Dermatologie)  Vor- 
stand  der  Hautklinik,  und  Dr.  Ludwig  Gräper  (Anatomie)  wurden  zujj 
ordentlichen  Professoren  ernannt,  (hk.) 

Kiel  Der  durch  die  Emeritierung  des  Geh.  Med.-Rats  Grafen 
v  S  p  e  e  erledigte  Lehrstuhl  der  Anatomie  an  der  Universität  Kiel  wurde 
dem  ord.  Prof.  Dr.  Wilhelm  v.  M  ö  1 1  e  n  d  o  r  f  f  in  Hamburg  angeboten.  (hk.) 

Tübingen.  Dem  Privatdozenten  Dr.  Otto  Jüngling,  Oberarzt  der 
Chirurg.  Klinik,  und  dem  Privatdozenten  Dr.  Ernst  Kretschmer  an  der 
Klinik  für  Gemüts-  und  Nervenkrankheiten  ist  für  die  Dauer  der  Zugehörigkeit 
zur  Universität  Tübingen  die  Dienstbezeichnung  Professor  verliehen  worden. 
—  Im  Sommersemester  haben  sich  habilitiert:  Dr.  Max  G  ä  n  s  s  1  e  n  lür 
innere  Medizin,  Dr.  Steurer  für  Hals-,  Nasen-  und  Ohrenkrankheiten,  so¬ 
wie  Dr.  Schmidt  für  Haut-  und  Geschlechtskrankheiten. 

Todesfall. 

Prof.  Dr.  C.  A.  Th.  Rumpel,  Direktor  des  Barmbecker  Krankenhauses, 
ist  im  62.  Lebensjahre  einem  inneren  Leiden  erlegen.  Der  weit  über  Ham¬ 
burgs  Mauern  bekannte  Arzt  und  Gelehrte  trat  1888  als  Assistent  in  das 
Eppendorfer  Krankenhaus  ein  und  wurde  dort  Sekundärarzt.  Während  der 
Cholerazeit  in  Hamburg  hat  er  sich  um  die  Allgemeinheit  sehr  verdient  ge¬ 
macht.  Nachdem  er  zum  Oberarzt  befördert  war  wurde  er  vom  Senat  mit 
dem  Bau  des  Barmbecker  Krankenhauses  betraut,  das  zum  grossen  1  eil  nach 
seinen  Wünschen  und  Pläneri  erbaut  worden  ist.  (  Bei  der  Eröffnung  1913j 
wurde  er  dessen  erster  Direktor. 


Reichsteuerungsindex. 

Der  Reichsteuerungsdndex  für  Ernährung,  Heizung,  Beleuchtung,  Wohnung 
und  Kleidung  betrug  am  7.  August  149  531.  am  13.  August  436  935  und  am 
20.  August  753  733.  Basiszahl  1913/14  =  1. 

Die  Buchhändler-Schlüsselzahl  ist  am  29.  August  1  200  000. 


Verlag  von  J.  F.  Lehmann  in  München  SW.  2,  Paul  Heyse-Str.  26.  -  Druck  von  E.  Mühtthaler’s  Buch-  und  Kunstdruckerei  G.m.b.H.  München. 


eis  der  einzelnen  Nummer  freibleibend  ->t  500000.-.  -  BezugS- 
cis  in  Deutschland  und  Ausland  siehe  unter  Bezugsbedingungen. 
Zusendungen  sind  zu  richten 

r  die  Schriftleitung:  Arnulfstr.  26  (Sprechstunden  8K — 1  Uhr), 
r  Bezug :  an  J.  F.  L  e  h  m  a  n  n  s  V  e  r  I  a  g ,  Paul  Heyse-Strasse  26. 


Anzeigen-Annahme : 

Leo  Waibel,  München,  Theatinerstrasse  3. 
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Immer  5  Arbeitstage  vor  Erscheinen. 


MÜNCHENER 

Medizinische  Wochenschrift 

ORGAN  FÜR  AMTLICHE  UND  PRAKTISCHE  ÄRZTE. 


*.  36.  7.  September  1923. 


Schriftleitung:  Dr.  B.  Spatz,  Arnulfstrasse  26. 
Verlag:  J.  F.  Lehmann,  Paul  Heysestrasse  26. 


70.  Jahrgang. 


Der  Verlag  behält  eich  das  ausschliessliche  Recht  der  Vervielfältigung  und  Verbreitung  der  in  dieser  Zeitschrift  zum  Abdruck  gelangenden  Originalboiträge  vor 


*  Originalien. 

Der  therapeutische  Stil  im  Wandel  der  Zeiten. 

Von  Prof.  Dr.  W.  Stoeltzner  in  Halle  a.  S. 

Wer,  versuchen  wollte,  die  moderne  Therapie  der  inneren  Krank- 
iten  in  ein  einheitliches  System  zu  bringen,  würde  sich  sehr  bald 
von  überzeugen  müssen,  dass  das  unmöglich  ist.  Nun  ist  es  gewiss 
:htig,  dass  die  Therapie  Schematismus  und  Prinzipienreitern  nicht 
ne  schweren  Schaden  vertragen  kann;  sie  hat  das  Gute  zu  nehmen, 
o  sie  es  findet;  man  könnte  demgemäss  versucht  sein,  die  ver¬ 
wende  Mannigfaltigkeit  und  Verschiedenartigkeit  unserer  thera- 
utischen  Mittel  und  Methoden  einfach  als  das  natürliche  Ergebnis 
les  gesunden  Eklektizismus  anzusehen.  Aber  die  Dinge  liegen  doch 
ssentlich  anders,  und  zwar  lässt  uns  nur  die  Betrachtung  der 
dorischen  Entwicklung  ein  Verständnis  der  Zusammenhänge  ge- 
nnen.  Eine  solche  historische  Betrachtung  wird  dadurch  erleich- 
rt,  dass  im  Laufe  der  Zeiten  die  Therapie  in  ihren  Grundzügen  viel 
eiliger  geschwankt  hat  als  die  Ansichten  vom  Wesen  der  Krank- 
iten. 

Die  moderne  Medizin  hat  einerseits  an  die  griechische,  anderer¬ 
es  an  die  arabische  Medizin  angeknüpft.  Dementsprechend  hängt 
sere  moderne  Therapie  zu  einem  Teile  mit  dem  Hippokratismus 
sammen,  zu  einem  anderen  Teile  mit  dem  Arabismus;  während  ein 
itter  Teil  von  Grund  auf  modern,  also  von  Hippokratismus  und 
abismus  ganz  unabhängig  ist;  und  daher  innerhalb  unserer  heutigen 
lerapie  die  auf  den  ersten  Blick  so  befremdenden  Ungleichartig¬ 
sten. 

Die  hippokratische  Therapie  umfasst  Diätetik,  klimatische  Be- 
ndlung,  Hydro-  und  Balneotherapie,  Gymnastik,  auch  Suggestion, 
e  Zahl  der  Arzneimittel,  welche  die  hippokratische  Therapie  ver¬ 
endet,  ist  gering;  und  der  Zweck  ihrer  verhältnismässig  seltenen 
lwendung  ist  nicht  die  symptomatische  Wirkung,  sondern  gemäss 
r  hippokratischen  Krankheitslehre  die  Ableitung  schädlicher  Säfte 
in  lebenswichtigen  Organen.  Benutzt  werden  harmlose  Abführ¬ 
ittel  und  Brechmittel,  schweisstreibendc,  harntreibende,  blasen- 
i'hende  Mittel.  Die  Verwendung  des  Mohns  als  Narkotikums  ist  in 
eser  Therapie  eine  Ausnahmeerscheinung. 

Ein  ganz  anderes  Gesicht  hat  die  arabische  Therapie. 

Schon  bei  Galen  nehmen  neben  der  hygienisch-diätetischen 
lerapie  die  Arzneimittel  einen  breiteren  Raum  ein  als  in  der  hippo- 
atischen  Medizin.  Zugleich  ist  Galen  der  Vater  des  Prinzipes 
■r  symptomatischen  Arzneibehandlung  contraria  contrariis. 
dt  Galen  gibt  es  Antipyretika,  Sedativa,  Excitantia,  Solventia, 
dstringentia.  Und  an  Galen  schliesst  sich  die  arabische  Medizin 

i  eng  an,  dass  die  Historiker  vom  galenisch-arabischen  System 
irechen. 

Bei  den  Arabern  tritt  mehr  und  mehr  die  hygienisch-diätetische 
herapie  in  den  Hintergrund,  die  Pharmakologie  in  den  Vordergrund, 
ie  Zahl  der  Arzneimittel  wird  immer  grösser,  die  Art  ihrer  Zu¬ 
leitung  immer  komplizierter.  Das  Rezept  und  die  Apotheke  sind 
abische  Erfindungen.  Eine  Eigentümlichkeit  der  arabischen  Phar- 
akologie  ist  die  vielfache  Verwendung  von  Mitteln,  bei  denen  die 
erapeutischen  und  die  toxischen  Dosen  nicht  sehr  weit  auseinander 
.'gen.  Die  Pharmakologie  verwächst  mit  der  Toxikologie. 

Die  moderne  Medizin  geht  in  ihrer  Jugendzeit  zunächst  bei 
-■m  Hippokratismus  in  die  Schule;  bald  aber  wendet  sie  sich  von 
m  ab  und  dem  Arabismus  zu.  In  S  a  1  e  r  n  o  vollzieht  sich  dieser 
mschwung  im  13.  Jahrhundert;  die  bis  dahin  massgebende  hygic- 
;sch-diätetische  Therapie  verliert  an  Geltung,  die  arabische 
harmakologie  gelangt  zur  Herrschaft.  Und  sie  behauptet  diese 
errschaft,  im  grossen  und  ganzen  gerechnet,  ein  halbes  Jahr- 
msend  hindurch.  Zwar  fehlt  es  nicht  an  Auflehnungen,  aber  sie 
ermögen  den  Arabismus  nicht  zu  entthronen.  Paracelsus  hat 
war  die  Schriften  des  Avicenna  verbrannt;  aber  er  selbst  ist 
iit  seiner  Lehre  vom  Archeus  und  von  den  Arkanis  tief  im  Arabis- 
ius  stecken  geblieben.  Seine  Benennung  der  Krankheiten  nach  den 
u  ihrer  Behandlung  dienenden  Arkanen'  mutet  an  wie  eine  Vor- 
linung  der  spezifischen  Therapie  in  dem  uns  ungewohnten  Sinne, 
ass  nicht  zu  der  Krankheit  das  Heilmittel  gesucht  wird,  sondern 

ii  dem  Arkanum  die  zugehörige  Krankheit.  Paracelsus  ist  der 
orläufer  einer  neuen  Zeit,  die  er  kommen  fühlt,  von  der  ihn  aber 
'ich  Jahrhunderte  trennen. 


Auch  der  berühmte  van  H  e  1  m  o  n  t,  der  im  Gegensatz  zu 
Paracelsus  schon  auf  normale  und  pathologische  Anatomie  Wert 
legt,  und  der  durch  seine  Entdeckung  der  Kohlensäure  auch  in  der 
Geschichte  der  Chemie  eine  ehrenvolle  Stelle  einnimmt,  ist  als  An¬ 
hänger  der  Arkanenlehre  therapeutisch  ganz  überwiegend  Arabist. 

Jedesmal,  wenn  in  diesen  Zeiten  versucht  wird,  an  die  Stelle  des 
Arabismus  etwas  anderes  zu  setzen,  so  gibt  es  keinen  anderen  Aus¬ 
weg,  als  die  Rückkehr  zum  Hippokratismus.  Das  gilt  in  gewissem 
Maasse  schon  von  van  HelmonJ,  der  neben  den  Arkanis  des 
Paracelsus  auch  der  hygienisch  -  diätetischen  Therapie  einen 
Platz  einräumt.  In  weit  höherem  Grade  gilt  es,  lVa  Jahrhunderte 
nach  Paracelsus,  von  Sydenham,  der  sich  ganz  als  Hippo- 
kratiker  fühlt;  freilich  ohne  sich  in  der  Praxis  von  der  arabischen 
Pharmakologie  vollständig  frei  machen  zu  können.  Der  modernste 
Zug  an  Sydenham  ist  sein  entschiedenes  Verlangen  nach  spe¬ 
zifischen  Heilmitteln. 

Aber  die  neue  Zeit  schreitet  vorwärts.  Dem  grossartigen  Auf¬ 
schwung  der  Anatomie  und  der  Physiologie  folgt  die  ebenso  gross¬ 
artige  Enwickelung  der  pathologischen  Anatomie  und  der  physi¬ 
kalischen  Diagnostik.  Der  Stern  des  Arabismus  verblasst  langsam; 
und  es  bereitet  sich  eine  der  seltsamsten  Epochen  vor,  die  die  Medizin 
je  durchlaufen  hat;  eine  Epoche,  die  sich  ihrer  kolossalen  Einseitig¬ 
keit  wohl  niemals  recht  bewusst  geworden  ist:  das  Zeitalter  Sko¬ 
das.  Die  Diagnostik  auf  einer  vordem  nie  geahnten  Höhe,  und 
daneben  therapeutisch  der  reine  Nihilismus.  Hippokratismus  und 
Arabismus  werden  nicht  mehr  ernst  genommen,  eine  der  neuen 
Pathologie  und  Diagnostik  zugeordnete  neue  Therapie  ist  noch  nicht 
geboren. 

Dem  Kranken  ist  mit  der  scharfsinnigen  Diagnose  nicht  geholfen; 
er  will  gesund  werden.  Und  er  kann  nicht  auf  eine  Therapie  warten, 
die  erst  in  Jahrzehnten  oder  Jahrhunderten  kommen  soll.  So  ent¬ 
stehen  aus  einem  vitalen  Bedürfnis  heraus,  schon  ehe  der  thera¬ 
peutische  Nihilismus  seinen  Höhepunkt  erreicht,  abseits  von  den 
führenden  Schulen  kurz  nacheinander  zwei  Bewegungen,  die  dem 
Kranken  Ersatz  für  das  versprechen,  was  ihm  die  „Schulmedizin“ 
jener  Zeit  noch  nicht  bieten  kann. 

Die  Homöopathie  ist  ein  doktrinäres  pharmakologisches 
System;  trotzdem  entfaltet  sie  eine  bedeutende  Werbekraft.  Damit, 
dass  sie  die  toxikotherapeutische  Seite  des  Arabismus  radikal  aus¬ 
schaltet,  kommt  sie  einem  sehr  verbreiteten  Gefühl  entgegen,  das 
die  Verwendung  von  „Giften“  zu  Heilzwecken  mit  tiefem  Misstrauen 
ablehnt.  Der  Volksmund  gibt  diesem  Gefühl  Ausdruck  durch  die 
sprichwörtliche  Redensart  „Trau  der  Teufel  dem  Apotheker“  und 
durch  die  vulgäre  Bezeichnung  der  Apotheken  als  „Giftbuden“.  Der 
gänzlichen  Harmlosigkeit  ihrer  ausschliesslich  suggestiv  wirkenden 
Mittelchen  verdankt  die  Homöopathie  ihre  Lebenszähigkeit. 

Die  etwas  später  als  die  Homöopathie  heraufkommende,  durch 
den  Bauer  Priessnitz  begründete  Naturheilkunde  ist  eine 
volkstümliche  Wiederbelebung  des  Hippokratismus.  Sie  teilt  mit  der 
Homöopathie  die  Ablehnung  der  Toxikotherapie,  macht  dagegen  zeit¬ 
weilig,  so  in  der  Heilweise  des  Pfarrers  K  n'e  i  p  p,  von  Hausmitteln 
recht  reichlichen  Gebrauch.  An  therapeutischer  Wertigkeit  überragt 
die  Naturheilkunde  die  Homöopathie  bei  weitem. 

Endlich  ist  die  moderne  Medizin  in  allen  ihren  übrigen  Diszipli¬ 
nen  soweit  ausgereift,  dass  sie  darangehen  kann,  ihrem  Bau  die 
Kuppel  aufzusetzen.  Die  moderne  Therapie  erscheint.  Wir  stehen 
heute  noch  mitten  in  ihrer  Entwicklung;  doch  lassen  sich  ihre  charak¬ 
teristischen  Züge  schon  deutlich  erkennen. 

Die  hippokratische  Diätetik  wird  auf  Grund  der  modernen  Phy¬ 
siologie  und  Pathologie  der  Ernährung  und  des  Stoffwechsels  voll¬ 
ständig  umgestaltet.  Der  Gewinn  für  die  Praxis  ist  schon  jetzt  gross; 
am  grössten  vielleicht  in  der  Kinderheilkunde. 

Ganz  analog  wird  eine  neue  Arzneimittellehre  geschaffen.  Die 
von  B  u  c  h  h  e  i  m  und  seinem  Schüler  Schmiedeberg  begrün¬ 
dete  experimentelle  Pharmakologie  steht  zu  der  arabischen  Pharma¬ 
kologie  in  demselben  Verhältnis  wie  die  moderne  Chemie  zur  Al- 
chymie.  An  die  Stelle  der  Lehre  von  den  Arkanis  tritt  eine  exakte 
Wissenschaft,  die  der  modernen  Physiologie  ebenbürtig  zur  Seite 
steht.  Zweierlei  allerdings  bleibt;  der,  wenn  auch  gemilderte,  toxiko- 
therapeutische  Charakter  und  das  symptomatische  Prinzip  con¬ 
traria  contrariis. 

Aber  die  moderne  Medizin  gestaltet  nicht  nur  die  hippokratische 
Diätetik  und  die  arabische  Pharmakologie  gänzlich  um;  sie  verwirk¬ 
licht  vor  allem  die  spezifische  Therapie,  von  der  schon  Para- 

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MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr, 


celsus  träumte  und  die  Sy  den  ha  ms  ungestillte  Sehnsucht  war. 
Die  spezifische  Therapie  ist  im  engsten  Sinne  modern;  dem  Hippo- 
kratismus  und  dem  Arabismus  ist  sie  fremd. 

Schon  die  moderne  Diätetik  hat  dank  ihrer  scharfen  Indikations¬ 
stellung  eine  gewisse  spezifische  Färbung.  Die  eigentlich  spezifiscnen 
Teile  der  modernen  Therapie  sind  jedoch  die  Vitamintherapie,  die 
substituierende  Organtherapie  und  die  antitoxische  Therapie  der  In¬ 
fektionskrankheiten. 

Die  Vitamintherapie  ist  eine  streng  spezifische  Diätetik.  Die 
substituierende  Organtherapie  ist  eine  ebenso  streng  spezifische 
Pharmakologie;  hier  hat  das  symptomatische  Prinzip  contraria 
contrariis  keine  Geltung  mehr.  Doch  sind  die  Inkrete  auch  einer 
symptomatischen  Verwendung  fähig  bei  Zuständen,  die  nicht  auf 
funktioneller  Insuffizienz  der  betreffenden  Organe  beruhen.  Die  Organ¬ 
therapie  zerfällt  also  in  zwei  ihrem  Geiste  nach  grundverschiedene 
Teile;  der  eine  gehört  zur  symptomatischen  Pharmakologie,  der 
andere  fällt  zusammen  mit  der  spezifischen  Substitutionstherapie. 

Vitamintherapie  und  substituierende  Organtherapie  packen  bei 
richtiger  Indikationsstellung  die  Krankheit  an  der  Wurzel.  Der  Be¬ 
griff  spezifisch  verschmilzt  mit  dem  Begriff  ätiologisch. 

Rein  ätiologischen  Charakter  trägt  schliesslich  die  dritte  und 
wichtigste  der  drei  spezifischen  Richtungen  innerhalb  der  modernen 
Therapie,  die  antitoxische  Therapie  der  Infektionskrankheiten.  Ihre 
vier  grossen  Namen  sind  Jenner,  Pasteur,  Koch  und 
Behring. 

Jenner  erreicht  mit  der  Vakzination  einen  langfristigen  Schutz 
gegen  eine  der  schlimmsten  Seuchen;  fast  ein  Jahrhundert  vergeht, 
bis  an  diesen  gewaltigen  ersten  Erfolg  der  antitoxischen  Therapie 
sich  weitere  anschliessen. 

Pasteur  überträgt  Jenners  Prinzip  der  Immunisierung  mit 
abgeschwächtem  Virus  auf  Hühnercholera,  Milzbrand,  Schweinerot¬ 
lauf  und  Hundswut.  Bei  der  Hundswut  gelingt  ihm  dank  der  langen 
Inkubation  der  Krankheit  die  Immunisierung  auch  noch  beim  schon 
Infizierten. 

Koch  tut  mit  der  Erfindung  des  Tuberkulins  den  grossen  Schritt 
vom  Erreger  zum  gelösten  Impfstoff  und  von  der  Immunisierung  zur 
Behandlung  nach  Ausbruch  der  Krankheit.  Es  dürfte  zweifelhaft  sein, 
was  grösser  ist;  alle  bakteriologischen  Entdeckungen  Kochs  zu¬ 
sammengenommen  oder  seine  Erfindung  des  Tuberkulins. 

Koch  setzt  noch  keineswegs  die  Toxine  der  pathogenen  Mi¬ 
kroben  diesen  selbst  gleich.  Behring  erkennt  von  Anfang  an,  dass 
die  Infektionskrankheiten  nichts  anderes  sind  als  Vergiftungen  du:ch 
die  Toxine  der  Erreger.  Dem  Sinne  nach  gehört,  schon  die  Vakzi¬ 
nation  zur  antitoxischen  Therapie;  die  Begriffe  und  die  Bezeichnungen 
„antitoxisch“  und  „Antitoxin“  stammen  von  Behring.  Er  weist  die 
Antitoxine  im  Blute  nach  und  begründet  die  Serumtherapie.  Das 
Tetanusantitoxin  bewährt  sich  in  glänzender  Weise  für  die  Pro¬ 
phylaxe,  das  Diphtherieheilserum  auch  für  die  Therapie.  Wieder  hat 
die  antitoxische  Therapie  einen  grossen  Schritt  vorwärts  getan. 

Behring  hat  sich  ursprünglich  das  Ziel  gesetzt,  ganz  allgemein 
eine  ätiologische  Therapie  der  Infektionskrankheiten  zu  schaffen. 
Dass  er  trotz  seiner  grossartigen  Leistungen  dieses  hochgesteckte 
Ziel  nur  zu  einem  kleinen  Teil  erreicht  hat,  liegt  nicht  nur  an  der  un¬ 
geheuren  Grösse  und  Schwierigkeit  der  Aufgabe,  sondern  auch  dar¬ 
an,  dass  seine  Lebensarbeit  noch  mitten  in  die  aufsteigende  Entwick¬ 
lung  der  antitoxischen  Therapie  fällt.  Behring  schliesst  die  ai’ti- 
toxische  Therapie  nicht  ab;  er  ist  einer  ihrer  grossen  Bahnbrecher. 

Wie  revolutionär  das  Auftreten  Behrings  gewirkt  hat,  wer¬ 
den  diejenigen,  welche  die  ersten  Kämpfe  um  die  Serumtherapie  nicht 
mit  erlebt  haben,  vielleicht  am  besten  aus  seinem  schweren  Kampfe 
mit  V  i  r  c  h  o  w  ersehen  können.  Der  Schöpfer  der  Zellularpatho¬ 
logie  ist  in  seinen  therapeutischen  Anschauungen  sein  Leben  lang 
Anhänger  des  symptomatischen  Prinzips  contraria  contrariis 
geblieben.  Die  Idee  der  spezifischen  Therapie  hat  er  gelegentlich 
„eine  geistige  Verirrung“  genannt.  Da  Virchow  im  vollen  Besitze 
seiner  erdrückenden  Autorität  noch  lebte,  als  Behring  mit  der 
Serumtherapie  hervortrat,  so  war  der  Bruch  zwischen  beiden  unver¬ 
meidlich. 

Genau  gleichaltrig  mit  Behring  ist  Ehrlich.  Jenner, 
Pasteur,  Koch  und  Behring  bilden  eine  fortlaufende  Reihe. 
Ehrlich  bildet  eine  Gruppe  für  sich  allein;  und  er  ist  eine  faszinie¬ 
rende  Erscheinung.  Die  verschlungene  Linienführung  seiner  Seiten¬ 
kettentheorie;  seine  Vorstellung  von  den  Antitoxinen  als  „Zauber¬ 
kugeln“,  die  sich  ihr  Ziel  selbst  suchen;  endlich  seine  Altersschöpf  uns, 
die  Chemotherapie,  die  es  unternimmt,  Giftstoffe  in  Heilstoffe  zu  ver¬ 
wandeln,  das  alles  hat  einen  ganz  eigenartigen  Reiz  und  ist  himmel¬ 
weit  verschieden  von  der  Gedankenwelt  Kochs  und  Behrings. 

Von  den  vielen  grossen  Leistungen  E  h  r  1  i  c  h  s  ist  die  Begrün¬ 
dung  der  Chemotherapie  wohl  die  grösste  und  die  für  seine  Eigenart 
am  meisten  charakteristische.  Auch  hat  er  gerade  auf  diesem  Gebiete 
eine  blühende  Schule  hinterlassen,  'die  mit  grossem  Erfolg  in  seinem 
Geiste  weiterarbeitet. 

Die  Chemotherapie  ist  eine  ätiologische  Toxikotherapie;  sie  geht 
darauf  aus,  durch  spezifisch  wirkende  Mittel  die  Krankheitserreger 
im  lebenden  Körper  zu  vergiften,  ohne  gleichzeitig  den  Kranken 
toxisch  zu  schädigen;  das  ZieList  also  eine  ideale  innere  Desinfektion. 
Mit  der  symptomatischen  Pharmakologie  verträgt  sich  die  spezifische 
Chemotherapie  recht  gut;  Ehrlich  würde  niemals  darauf  verfallen 


sein,  die  Schriften  von  B  u  c  h  h  e  i  m  und  Schmiedeberg  zu  v 
brennen. 

Im  Grunde  ist  die  Chemotherapie  der  höchst  interessante,  i 
einem  enormen  Aufwand  von  Geist,  Kenntnissen  und  Arbeit  unt 
nommene  Versuch,  einem  modernisierten  Arabismus  auch  in  der  s; 
zifischen  Therapie  der  Infektionskrankheiten,  und  damit  in  der  r. 
dernen  Therapie  überhaupt,  zur  Herrschaft  zu  verhelfen.  Nur  i 
Genie  wie  Ehrlich  konnte  diesen  Versuch  wagen.  Denn  dass  i 
der  Chemotherapie  hinter  einer  sehr  modernen  Maske  das  Gesi ; 
des  Arabismus  hervorblickt,  ist  nicht  zu  verkennen. 

Doch  kehren  wir  zur  antitoxischen  Therapie  zurück.  Die 
tamintherapie,  die  substituierende  Organtherapie  und  die  antitoxisc 
Therapie  der  Infektionskrankheiten  gehören  zueinander.  Die  Ai 
toxine  sind  Inkrete;  andererseits  verhüten  und  heilen  die  Inkrete  t| 
die  Vitamine  spezifische  Intoxikationen.  Wollte  man  den  Beg| 
„Antitoxin“  einmal  ausnahmsweise  weiter  fasseR  als  es  üblich  ist,  I 
könnte  man  sagen:  Die  Vitamine  sind  exogene  Antitoxine  gegen  ein 
gene  Intoxikationen;  die  Inkrete  sind  endogene  Antitoxine  ges 
endogene  Intoxikationen;  die  Antitoxine  Behrings  sind  endogi 
Antitoxine  gegen  exogene  Intoxikationen.  In  diesem  Sinne  wäre  ( 
antitoxische  Charakter  allen  drei  Richtungen  gemeinsam. 

Die  Vitamintherapie  ist  ein  Teil  der  modernen  Diätetik,  die  sn 
stituierende  Organtherapie  ein  Teil  der  modernen  Pharmakoloi; 
So  entfernt  und  so  indirekt  die  historischen  Zusammenhänge  mit  dl 
Hippokratismus  und  dem  Arabismus  sind:  man  kann  nicht  sagen,  d;i 
sie  gänzlich  fehlen.  An  der  antitoxischen  Therapie  der  Infektio : 
krankheiten  ist  nicht  s,  was  an  Hippokratismus  oder  Arabismus  i 
innert.  Die  antitoxische  Therapie  verkörpert  den  Geist  der  modertj 
Medizin  völlig  rein;  sie  ist  die  Krone  der  modernen  Therapie. 

Vitamintherapie  und'  substituierende  Organtherapie  führen  nj 
wendige  Stoffe,  die  gefehlt  haben,  zu;  die  antitoxische  Theral 
schaltet  Toxine,  die  ungehörigerweise  in  den  Körper  hineingera 
sind,  aus.  Beides  lässt  sich  auf  einen  Ausdruck  bringen.  Bezei 
net  man  die  Wiederherstellung  der  gestörten  stofflichen  Integrität 
Integration,  so  kann  man  alle  drei  Richtungen  als  Integrationsthera 
zusammenfassen. 

Der  Ausdruck  Integrationstherapie  passt  sogar  auch  auf  die  r 
derne  Chirurgie;  nur  ist  ihre  Aufgabe  die  Integration  nicht  chei 
scher,  sondern  mechanischer  Funktionen.  Das  letzte  Ziel  der  C 
rurgie  ist  es,  sich  in  Orthopädie  aufzulösen;  natürlich  in  dem  Sin 
dass  z.  B.  auch  die  operative  Geburtshilfe  zur  Orthopädie  gcrecli 
wird.  Die  chirurgische  Behandlung  von  Infektionen  und  von  b 
artigen  Geschwülsten  ist,  soweit  es  sich  nicht  um  die  Beseitig! 
mechanischer  Störungen,  also  um  Orthopädie,  handelt,  ein,  bisl 
freilich  unentbehrliches,"  Provisorium;  die  Strahlentherapie  nicht  ai 
genommen. 

Die  hippokratische  Therapie  kennt  keine  Chemie  und  brau 
keine.  Im  schärfsten  Gegensatz  dazu  ist  die  arabische  Pharmakolo 
nichts  anderes  als  angewandte  Chemie;  speziell  pharmazeutisi 
Chemie  und  Toxikologie,  die  beide  aufs  engste  miteinander  zusa 
menhängen. 

Die  hippokratische  Therapie  ist  atoxisch.  Die  antitoxische  T 
rapie  ist  das  auch;  aber  sie  geht  aktiv  darüber  hinaus.  Für  die  hip 
kratische  Therapie  ist  der  Kranke  der  Freund,  den  sie  hegt  i 
pflegt;  für  die  antitoxische  Therapie  ist  die  Infektion  der  Feind,  < 
sie  zu  vernichten  strebt.  Die  hippokratische  Therapie  sagt  natu 
sanat;  die  antitoxische  Therapie  sagt  das  auch,  aber  sie  zwin 
die  Natur  dazu,  die  Heilung  zu  vollbringen. 

Die  nächsten  Jahrzehnte  werden  uns  ein  grosses  Schausj 
bringen;  den  Kampf  um  die  endgültige  Herrschaft  zwischen  ( 
beiden  ätiologischen  Richtungen  innerhalb  der  Therapie  der 
fektionskrankheiten. 

Die  Chemotherapie  hat  sehr  schnell  überraschende  Erfolge  I 
zielt.  Trotzdem  wird  sie  zum  Schluss  unterliegen.  Zurzeit  hat 
Chemotherapie  noch  Bewegungsfreiheit;  aber  die  antitoxische  T 
rapie  kann  hoffen,  auch  die  besten  Leistungen  der  Chemotherapie 
verdrängen;  und  jede  Stellung,  in  der  die  antitoxische  Therapie  Fi 
gefasst  hat,  ist  für  die  Chemotherapie  endgültig  verloren.  Der  Ctt 
der  modernen  Medizin  verlangt  und  verbürgt  den  Sieg  der  ai 
toxischen  Therapie. 

Wie  wird  sich  nun  die  antitoxische  Therapie  weiter  entwicke: 
Sehr  fraglich  dürfte  jedenfalls  sein,  ob  die  bisherigen  Formen  i! 
aktiven  Immunisierung  und  der  Serumtherapie  bestehen  bleiben  w 
den.  Es  wird  Möglichkeiten  geben,  die  Idee  der  antitoxischen  T 
rapie  reiner  und  umfassender  zu  verwirklichen.  Bisher  haftet.  <i 
antitoxischen  Therapie,  zwar  nicht  im  wesentlichen  und  endgültig 
dem  antitoxischen  Zweck,  wohl  aber  im  unwesentlichen  und  vork 
figen,  den  Mitteln,  ein  gewisser  toxikotherapeutischer  Schein  an.  1 
gilt  ebenso  von  der  Vakzination,  wie  von  der  Tuberkulinbehandla 
wie  von  der  Heilserumtherapie.  Die  Entwicklung  wird  dahingeh 
die  Verwendung  von,  wenn  auch  abgeschwächten,  Erregern,  v 
Toxinen  und  auch  von  Serum  auszuschliessen. 

Dann  wird  auch  endlich  ein  weitverbreitetes  Missverständ 
aufhören.  Die  Impfgegnerschaft  richtet  sich  nicht  gegen  i 
Pockenschutz,  sondern  gegen  die  Impfung;  nicht  gegen  den  Zwe 
sondern  gegen  das  Mittel;  nicht  gegen  das,  was  an  der  Vakzinat 
antitoxisch  ist,  sondern  gegen  das,  was  an  ihr  an  die  Toxikothera 
erinnert.  Ganz  ebenso  verhält  es  sich  mit  der  Gegnerschaft  ge> 
die  Heilserumtherapie.  Deshalb  ist  auch  die  Bezeichnung  „Seru 


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•rapie“  so  unglücklich,  die  das  wesentliche  verschweigt  und  das 
ursächliche  und  noch  unzulängliche  betont. 

Neben  der  immer  reineren  Herausarbeitung  des  antitoxischen 
arakters  wird  es  das  Ziel  der  antitoxischen  Therapie  sein,  mög¬ 
est  vieler,  zuletzt  aller  Infektionen  sich  zu  bemächtigen. 

Mit  der  schliesslichen  Vollendung  der  antitoxischen  Iherapie  wird 
■  moderne  Medizin  ihre  eigenste  Aufgabe  gelöst  haben. 


,s  dem  organisch-chemischen  Laboratorium  der  Technischen 
Hochschule  München. 

Ueber  Porphyrinurie  und  natürliche  Porphyrine. 

Von  Hans  Fischer. 


Fleischenthaltung  Koproporphyrin  und  können  auch  die  Ursache  des 
S  c  h  u  m  m  sehen  Misserfolges  angeben.  Die  S  a  i  1 1  e  t  sehe  Methode 
besteht  darin,  dass  der  Harn  mit  Essigsäure  angesäuert,  mit  Essig¬ 
äther  extrahiert  und  dem  Essigäther  mit  Salzsäure  das  Porphyrin 
entzogen  wird,  das  dann  spektroskopisch  identifiziert  wird.  S  c  h  u  m  m 
Verwendete  statt  Essigäther  Acther  und  trocknete  diesen  mit  Natri¬ 
umsulfat.  Dadurch  werden,  wie  wir  gefunden  haben,  geringe  Mengen 
von  Porphyrin  quantitativ  dem  Aether  entzogen,  und  so  erklären  sich 
die  negativen  Befunde  Schümm  s.  Auffallend  bleibt  jedoch,  dass 
Schümm  nach  Fleischgenuss  eine  offenbar  erhöhte  Porphyrin¬ 
menge  im  Harn  fand;  denn  sonst  hätte  er  es  ja  nicht  finden  können. 
Der  Gedanke  liegt  nahe,  dass  Fleisch  Koproporphyrin  enthält  und  so 
sich  die  Befunde  Schum  m  s  erklären  lassen.  Schümms  Mit¬ 
arbeiter  Papendiek  [7]  jedoch  stellte  ausdrücklich  fest,  dass 
Fleisch  kein  Porphyrin  enthält. 


Unter  pathologischen  Verhältnissen  tritt  bei  der  Porphyrinurie 
Harn  ein  roter  Farbstoff  auf,  der  früher  ziemlich  allgemein  als 
■ntisch  mit  Hämatoporphyrin,  einem  Abbauprodukt  des  Blutfarb- 
>ffes,  gehalten  worden  ist.  Durch  die  Untersuchungen  von  H.  Fi¬ 
lier  1 1 1  konnte  dieser  Farbstoff  rein  dargestellt  werden,  und  cs 
t  sich  herausgestellt,  dass  zwei  verschiedene  Farbstoffe  vorliegen, 
roporphyrin  und  Koproporphyrin.  Uroporphyrin  ist 
s  Hauptprodukt,  Koproporphyrin  Nebenprodukt.  Koproporphyrin 
immt  im  Kot  dieser  Kranken  vor  allen  Dingen  vor,  daher  auch  der 
,me.  Die  Krankheit  selber,  die  Porphyrinurie,  ist  besonders  von 
ü  n  t  h  e  r  [2]  des  näheren  studiert  worden,  und  man  findet  dort  auch 
eitere  Literaturangaben,  auf  die  hier  nur  kurz  verwiesen  werden 
mn.  Eines  der  wichtigsten  und  hervorstechendsten  Symptome  dieser 
krankung  ist  die  Lichtempfindlichkeit  dieser  Kranken.  Im  strahlcn- 
‘u  Sonnenlicht  bzw.  überall  an  den  Stellen,  die  dem  Lichte  zugäng- 
•h  sind,  entwickeln  sich  schwere  Entzündungserscheinungen,  und 
■  unterliegt  keinem  Zweifel,  dass  diese  Erscheinungen  in  ursäch- 
;hem  Zusammenhang  mit  dem  Farbstoffgehalt  stehen;  denn  die 
:iden  rein  isolierten  Farbstoffe,  Uro-  und  Koproporphyrin,  wirken 
tensiv  sensibilisierend  auf  weisse  Mäuse  und  Paramäzien,  eine 
eststellung,  die  zuerst  von  Hausmann  [3]  mit  dem  allerdings 
ich  unreinen  Harnporphyrin  erhoben  wurde. 

Neuerdings  ist  nun  von  Kämmerer  |"4l,  nachdem  Snapper 
>1  bei  Darmblutungen  und  nach  Genuss  bluthaltiger  Nahrung  Por- 
fiyrine  im  Stuhl  nachgewiesen  hatte,  festgestellt  worden,  dass 
urcli  Bakterieneinwirkung  auf  Blut  in  vitro  Porphyrin  entsteht, 
ieses  Kämmerersche  Porphyrin  ist  von  H.  Fischer  und 
c  h  n  e  1 1  e  r  [6]  in  kristallisiertem  Zustande  gewonnen  worden  und 
onnte  auch  aus  normalem  Kot  nach  Eingabe  von  Blut  in  einer  Reihe 
on  Fällen  isoliert  werden.  Im  Lichte  erwies  sich  dieses  Käm- 
lerer  sehe  Porphyrin  als  intensiv  sensibilisierend  gegen 

’aramäzien.  ,  ,.  ..  ... 

Wir  haben  also  nunmehr  3  natürliche  Porphyrine,  die  sensibili- 
ierend  wirken,  quantitativ  in  ihrer  Wirkung  allerdings  verschieden 
ind:  1.  Uroporphyrin,  2.  Koproporphyrin  3.  Kam 

lerers  Porphyrin. 

Ob  das  Kämmerer  sehe  Porphyrin  nun,  das  also  exogen 
lurch  Darmfäulnis  bei  vorhandenem  Blut  und  z.  B.  auch  nach  Fleisch- 
enuss  entstehen  kann,  für  die  Porphyrinurie  von  Bedeutung  ist,  ist 
tir  den  Praktiker  sehr  wichtig,  weil  man  sich  ja  vorstellen  könnte, 
lass  durch  Einnahme  von  Blut  bzw.  bluthaltigem  Fleisch  bei  sen- 
iblen  Personen  Entzündungserscheinungen  ausgelöst  werden  könn¬ 
en.  Wir  haben  deshalb  in  einer  Reihe  von  Fällen  an  Studierenden 
■ystematisch  Versuche  mit  Blutzufuhr  gemacht.  Die  Versuchsper¬ 
sonen  assen  10 — 20  ccm  Blut  täglich,  8 — 10  Tage  hindurch.  Chemisch- 
spektroskopisch  wurde  das  Vorkommen  des  K  ä  m  m  e  re  r  sehen 
’orphyrins  im  Stuhl  einwandfrei  nachgewiesen;  es  konnte  aber  trotz 
stundenlanger  Belichtung  keinerlei  Sensibilisierung  konstatiert  wer- 
ien.  Wir  kommen  also  zu  dem  Resultat,  dass  die  exogene  P ’o  r  - 
shyrinbildung  im  Gegensatz  zu  der  Ansicht  von  Papendieck  171 
s'ollkommen  b  e  d  e  u  t  un  g  s  1  o  s  ist.  Dies  wird  auch  weiter  be¬ 
stätigt  dadurch,  dass  es  uns  nie  gelungen  ist,  im  Harn  unserer  Ver¬ 
suchspersonen  Kämmerers  Porphyrin,  das  durch  einen  sehr  cha¬ 
rakteristischen  Spektralbefund  ausgezeichnet  ist,  nachzuweisen. 
Kämmerers  Porphyrin  wird  im  Kot  nach  Blutzufuhr  immer  ge¬ 
bildet,  aber  es  erscheint  nicht  im  Harn,  und  demgemäss  erhalten  wir 
auch  beim  Menschen  keine  Sensibilisierungserscheinung. 

Durch  die  Untersuchungen  von  MacMunn,  Stokvis  und 
besonders  A.  Garrod  [8l,  der  1.  c.,  S.  616,  ausführliche  spektro¬ 
skopische  Zahlen  angibt,  kann  es  keinem  Zweifel  unterliegen,  dass 
auch  im  normalen  Harn  Koproporphyrin  vorkommt.  ie 
spektroskopischen  Zahlen  nach  Zusatz  von  Salzsäure  sowie  der  be 
sonders  beweisende  alkalische  Spektralbefund  stimmen  nur  auf  Ko¬ 
proporphyrin.  Diese  Untersuchung  von  G  a  r  r  o  d  ist  neuerdings 
von  Schümm  [9l  nach  der  Methode  von  Sa  Gl  et  |10|  m  vollem 
Umfange  bestätigt  worden  und  von  Schümm  ist  auch  zuerst  <Jci 
Schluss  gezogen  worden,  dass  Koproporphyrin  im  normalen 
Harn  vorkommt.  Schümms  Resultate  weichen  nur  insofern  ab 
als  er  angibt,  dass  nur  nach  Fleischgenuss  Koproporphyrin  un  Harn 
auftrltt.  während  ohne  Fleischgenuss  er  es  scheinbar  regelmässig 
vermisst.  Dies  steht  im  Gegensatz  zu  den  alten  Befunden,  besonders 
von  Garrod,  und  wir  können  die  G  a  r  r  o  d  sehen  Befunde  durci 
aus  bestätigen.  Wir  finden  nach  der  S  a  i  1 1  e  t  sehen  Methode  m 
jedem  bis  jetzt  untersuchten  normalen  Harn  auch  bei  vollkommener 


Wir  finden  im  Fleisch  regelmässig  Koproporphyrin,  aber  erst 
nach  Aufschluss  durch  Fäulnis;  so  klären  sich  die  posi¬ 
tiven  Befunde  Schn  m  m  s  nach  Fleischnahrung  restlos  auf.  Das 
Porphyrin  des  Fleisches,  entstanden  durch  Fäulnis  im  Darm,  geht 
eben  in  den  Harn  über,  und  dadurch  ist  eine  solche  Anreicherung 
vorhanden,  dass  es  nicht  mehr  durch  das  Natriumsulfat  völlig  entfernt 
wird.  Papendieck  hat  weiter  festgestellt,  dass  im  Kot  fleischfrei 
ernährter  Menschen  kein  Porphyrin  nachweisbar  ist.  Auch  hier  ist 
er  wieder  demselben  Missgeschick  verfallen  wie  Schümm.  Durch 
Trocknen  mit  Natriumsulfat  ist  offenbar  das  Porphyrin  dem  Lösungs¬ 
mittel  durch  das  Trocknungsmittel  entzogen  worden.  Wir  finden  in 
jedem  untersuchten  Kot  von  fleischfrei  ernährten  Personen  Kopro¬ 
porphyrin.  . 

Das  Koproporphyrin  ist  also  ein  normales  btott- 
wech  sei  Produkt,  und  es  fragt  sich,  woher  das  Kopro¬ 
porphyrin  stammt.  Wenn  wir  die  alten  englischen  Arbeiten  bachsehen, 
insbesondere  die  Arbeit  von  Mac  Munn  flll,  erhalten  wir  auch 
hierüber  Auskunft.  Mac  Munn  hat  festgestellt,  dass  im  Muskel 
ein  vom  Hämoglobin  verschiedener  Farbstoff,  der  von  ihm  Myo- 
hämatin  bezeichnet  wurde,  vorkommt.  Dieses  Myohämatin  unterschei- 
det  sich  spektroskopisch  vom  Hämoglobin.  Was  für  uns  aber  am 
wichtigsten  ist,  ist  die  Tatsache,  dass  MacMunn  durch  Behandlung 
seines  Myohämatins  mit  konz.  Schwefelsäure  ein  Porphyrin  ei  hielt, 
das  er  für  identisch  mit  Hämatoporphyrin  hielt.  Betrachten  wir  aber 
seine  Originalzahlen,  S.  60,  so  kann  es  keinem  Zweifel  unterliegen, 
dass  auch  hier  Koproporphyrin  vorliegt.  Wir  können  diese  Unter¬ 
suchungen  vollinhaltlich  bestätigen,  da  es  uns  gelungen  ist,  durch 
Fäulnis  von  Fleisch  neben  Kämmerers  Porphyrin  deutlich  den 
spektroskopischen  Befund  des  Koproporphyrins  zu  erhalten.  Der 
Nachweis  dieser  biologischen  Bildung  des  Koproporphyrins  ist  eine 
wichtige  Erweiterung  der  Mac  Munn  sehen  Befunde,  weil  bei  der 
brutalen  Einwirkung  von  konz.  Schwefelsäure  allerhand  sekundäre 
Reaktionen  möglich  sind  und  die  Methodik  des  Nachweises  des  Kopro¬ 
porphyrins  nach  der  Fäulnis  eine  weitgehende  Beobachtung  der  phy¬ 
sikalischen  Eigenschaften  der  Porphyrine  in  sich  schliesst,  wodurch 
im  Verein  mit  dem  spektroskopischen  Befund  dann  die  Erkennung  des 
Porphyrins  gesichert  ist. 

Das  normale  Porphyrin  entsteht  also  zweifellos  durch  Zerfall 
des  Myohämatins  (auf  welche  Weise,  muss  noch  festgestellt 
werden),  das  man  vielleicht  zweckmässiger  als  Myohämoglobin 
bezeichnet,  und  es  ergibt  sich  die  Frage,  was  wohl  aus  der  Liweiss- 
komponente  des  Myohämoglobins  wird.  Auch  hierüber  können  wir 
Auskunft  geben.  Schon  seit  langem  ist  bekannt,  dass  neben  dem 
eigentlichen  Porphvrin  bei  der  Porphyrinurie  noch  ein  brauner  Farb¬ 
stoff  vorkommt,  und  es  scheint,  dass  in  allen  Fällen  wo  genügend 
darauf  geachtet  worden  ist,  immer  der  braune  Farbstoif  zur  Beobacn- 
tung  gelangte.  Die  Ausscheidung  des  braunen  Farbstoffes  scheint  in 
direktem  Zusammenhang  zum  Erscheinen  des  Porphyrins  zu  stehen. 
wie  besonders  aus  einer  neueren  Untersuchung  von  W  e  i  s  s  1 121 
hervorgeht.  W  e  i  s  s  hat  in  der  R  o  m  b  e  r  g  sehen  Klinik  zwei  Por¬ 
phyrinuriefälle  beobachtet,  bei  denen  intermittierend  kurze  Zeit  hin¬ 
durch  Porphvrin  im  Harn  auftrat,  und  regelmässig  wurde  dabei  der 
braune  Farbstoff  beobachtet.  Wir  haben  nun  schon  in  Wien  uns  mit 
dem  normalen  gelben  Harnfarbstoff  beschäftigt  und  festgestellt, 
dass  dieser  normale  gelbe  Harnfarbstoff  mit  grosser  Wahrscheinlic  1- 
keit  zu  den  Eiweisskörpern  zu  zählen  ist  bzw.  ein  Körper  ist,  der 
zum  Eiweiss  in  nahen  Beziehungen  steht.  —  Herr  Geheimrat  v.  Koni¬ 
berg  hatte  nun  die  Freundlichkeit,  den  Kranken  P  e  t  r  y,  aus  dessen 
Harn  ich  seiner  Zeit  Uro-  und  Koproporphyrin  dargestellt  habe,  in 
seine  Klinik  aufzunehmen,  und  dadurch  wurden  wir  wieder  in  die 
Lage  versetzt,  den  frischen  Harn  Petrys  zu  untersuchen.  Ls  ge¬ 
lang  uns.  den  braunen  Farbstoff  zur  Abscheidung  zu  bringen.  Aller¬ 
dings  haben  wir  diesen  Farbstoff  ebenso  wie  den  gelben  Harnfarb¬ 
stoff  noch  nicht  im  kristallisierten  Zustande  dargestellt,  weshalb  wir 
die  folgenden  Angaben  mit  einer  gewissen  Reserve  wiedergeben 
müssen. 

Nach  der  analytischen  Zusammensetzung  ist  er  ausserordentlich 
ähnlich  dem  Harnfarbstoff  und  stellt  diesem  Farbstoff  nahe,  wenn  er 
nicht  identisch  mit  diesem  ist.  Die  Menge  dieses  Farbstoffes  den  wir 
als  ein  Eiweissabbauprodukt  auffassen,  ist  nicht  unbeträchtlich.  Die 
Porphyrinurie  erscheint  demgemäss  in  etwas  anderem  Lichte.  Wir 
sehen,  dass  es  zwei  Hämoglobine  gibt,  das  gewöhnliche  rlamoglobin 
und  das  Muskelhämoglobin.  Das  gewöhnliche  Hämoglobin  wird  _  in 
Bilirubin  umgewandelt.  Bei  diesem  Prozess  treten  keine  Porphyrine 


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MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


auf;  jedenfalls  sind  sie  auch  hierbei  nie  beobachtet  worden.  Das 
Myohämoglobin  dagegen  wird  ständig  in  geringer  Menge  ab¬ 
gebaut  zu  Kotporphyrin,  das  dann  im  Harn  und  im  Stuhl  erscheint. 
Durch  Einfluss  von  Giften,  insbesondere  Sulfonal,  Blei  u.  a.,  wird  nun 
dieser  normale  Prozess  in  erheblichem  Masse  gesteigert,  ganz  ähn¬ 
lich  wie  bei  der  Hefegärung  das  normalerweise  entstehende  Glyzerin 
durch  Zusatz  von  Sulfit  eine  gewaltige  Vermehrung  erfährt.  So'  kann 
man  annehmen,  wie  dies  zuerst  W  e  i  s  s  getan  hat,  dass  bei  der  Por¬ 
phyrinurie  das  auslösende  Moment  eine  noch  unbekannte  Giftsubstanz 
ist,  die  die  Erkrankung  bewirkt.  Die  Erkrankung  ist  nun  an  sich  eine 
viel  schwerere,  weil  sie  auch  den  Eiweissstoffwechsel  mit  ergreift. 
Wir  sehen,  dass  im  Harn,  wenigstens  des  Kranken  Petry  (und  wir 
sind  überzeugt,  dass  es  immer  der  Fall  sein  wird),  eine  beträchtliche 
Menge  eines  eiweissartigen  Körpers  mit  zur  Ausscheidung  gelangt, 
der  vermutlich  aus  der  Globinkomponente  des  Myohämoglobins 
stammt.  Interessant  ist  in  diesem  Zusammenhang,  dass  vielleicht  unter 
pathologischen  Verhältnissen  auch  beim  Hämoglobinstoffwech¬ 
sel  Analoges  erfolgt.  Der  Eiweissgehalt  der  Rindergallensteine  ist  be¬ 
kannt,  und  H.  Fischer  [13]  hat  darauf  hingewiesen,  dass  das  Bilirubin 
meistens  schwefelhaltig  ist.  Das  spricht  dafür,  dass  geringe  Mengen 
von  Eiweiss  es  begleiten,  und  so  erklären  sich  wohl  auch  die  ab¬ 
normen  Löslichkeitsverhältnisse  des  Bilirubins  im  Harn.  Es  wird  von 
besonderem  Interesse  sein,  auch  bei  anderen  Bluterkrankungen,  ins¬ 
besondere  beim  hämolytischen  Ikterus,  auf  unseren  braunen  Farb¬ 
stoff  und  Porphyrine  zu  fahnden,  und  ebenso  wichtig  wird 
es  sein,  bei  der  Porphyrinurie  den  Stoffwechsel  quanti¬ 
tativ  zu  verfolgen,  eine  Untersuchung,  die  bis  jetzt  noch 
nicht  gemacht  wurde.  Durch  die  Einwirkung  von  Giftstoffen 
erfolgt  nun  primär  ein  vermehrter  Zerfall  des  Myohämo¬ 
globins  zum  Harnfarbstoff  und  Koproporphyrin.  Dieses  besitzt  nun 
sehr  schlechte  Ausscheidungsmöglichkeiten,  wie  wir  ebenfalls  experi¬ 
mentell  festgestellt  haben,  und  nun  setzt  ein  neuer  Prozess  ein,  näm¬ 
lich  eine  Karboxylierung.  Das  Kotporphyrin,  das  nur  drei 
Karboxylgruppen  enthält,  wird  mit  4  weiteren  Karboxylgruppen  ver¬ 
sehen  und  erhält  so  ideale  Ausscheidungsmöglichkeiten,  wird  aber 
intensiv  lichtgiftig  und  verursacht  so  zweifellos  die  schweren  Gift¬ 
erscheinungen,  die  die  Kranken  haben.  Durch  die  Kombination  mit 
dem  braunen  Farbstoff  scheint  dann  eine  Entgiftung  herbeigeführt  zu 
werden.  Die  Karboxylierung  nun  fassen  wir  als  einen  atavistischen 
Prozess  auf,  weil  es  uns  gelungen  ist,  auch  beim  Farbstoff  in  den 
Schwungfedern  des  Turakus  (einem  in  Afrika  vorkommenden  Vogel), 
fussend  auf  den  Analysen  von  Church  [14],  nachzuweisen,  dass 
dort  das  Uroporphyrin  vorkommt,  allerdings  in  Form  des  Kupfer¬ 
salzes.  Noch  fragt  es  sich,  wo  die  Karboxylierung  im  Organismus 
einsetzt.  Wir  halten  es  für  sehr  wahrscheinlich,  dass  die  Karboxylie¬ 
rung  in  der  Niere  erfolgt,  und  stützen  diese  Ansicht  auf  das  Resultat 
der  Blutuntersuchung  bei  dem  Porphyrinuriker  Petry.  Bei  diesem 
Kranken  haben  wir  im  Serum  eindeutig  Koproporphyrin  spektro- 
pisch  und  durch  physikalische  Eigenschaften  nachgewiesen,  im  Gegen¬ 
satz  zu  Schümm,  welcher  Uroporphyrin  fand.  Für  dieses  zeigte 
sich  kein  Anhaltspunkt.  Demgemäss  muss  die  Karboxylierung  in  der 
Niere  erfolgen,  und  so  erklären  sich  auch  die  verschiedenen  Schmelz¬ 
punkte  der  Uroporphyrine  bzw.  deren  Ester;  denn  offenbar  gelingt 
die  Karboxylierung  nicht  immer  vollständig.  Wir  sind  zurzeit  am 
Kaninchen  mit  der  Erforschung  dieser  Verhältnisse  beschäftigt.  Auch 
bei  diesen  pflanzenfressenden  Tieren  haben  wir  Koproporphyrin 
nachgewiesen  und  spurenweise  Uroporphyrin.  Es  macht  den  Ein¬ 
druck,  als  ob  nur  manche  Nieren  zur  Karboxylierung  befähigt  sind. 
Diese  Verhältnisse  erklären  vielleicht  auch  die  schwankenden  Re¬ 
sultate  bei  der  experimentellen  Sulfonal-Porphyrinurie  [15].  Bei  der 
Bleivergiftung  tritt  nach  Schümm  nur  Koproporphyrin  auf,  jedoch 
muss  betont  werden,  dass  nach  der  von  ihm  angewandten  Methode 
Uroporphyrin  nicht  auffindbar  ist. 

Vom  physiologisch-chemischen  Standpunkt  aus  ist  das  Vorkom¬ 
men  des  Koproporphyrins  von  besonderem  Interesse.  Wir  haben 
früher  schon  das  Koproporphyrin  dem  weitgehenden  Abbau  unter¬ 
zogen  und  festgestellt,  dass  es  in  wesentlichen  Punkten  im  chemi¬ 
schen  Bau  vom  Hämin,  dem  färbenden  Bestandteil  des  Hämoglobins, 
abweicht.  Wir  haben  auch  bis  jetzt  keinerlei  Anhaltspunkte  dafür 
gewinnen  können,  dass  das  Koproporphyrin  etwa  aus  dem  Hämo- 
hervorgehen  kann,  wie  man  vermuten  könnte.  Fäulnisversuche 
mit  Hämoglobin  haben  ein  durchaus  negatives  Resultat  gegeben,  nur 
Kämmerers  Porphyrin  entsteht  hierbei.  Wir  sehen  also  dass 
beim  höheren  Tier  ein  Dualismus  herrscht.  Zwei  Hämoglobine 
bestehen  nebeneinander,  in  der  Konstitution  in  bezug  auf  die  fär¬ 
bende  Komponente  verschieden,  wenn  auch  zweifellos  gemeinsame 
Beziehungen  sich  offenbaren.  Es  besteht  also  beim  Säugetier  in 
bezug  auf  seinen  Blutfarbstoff  eine  vollkommene  Analogie  zu  den 
Pflanzen.  Auch  beim  Chlorophyll  unterscheiden  wir  nach  den  Unter¬ 
suchungen  von  Stokes,  Tswett  und  W  i  1 1  s  t  ä  1 1  e  r  [16]  zwei 
Chlorophylle,  a  und  b,  die  sich  in  der  Zusammensetzung  vör  allen 
Dingen  dadurch  unterscheiden,  dass  das  Chlorophyll  b  ein  Sauerstoff¬ 
atom  mehr  besitzt  als  das  Chlorophyll  a.  Hier  bei  den  Farbstoffen 
des  höheren  1  ieres  finden  wir  diesen  Dualismus  wieder,  Myo¬ 
hämoglobin  und  Hämoglobin,  die  sich  scharf  in  bezug  auf 
den  Farbstoff  unterscheiden.  Der  eisenfreie  Bestandteil  des  Muskel¬ 
farbstoffes  besitzt  eine  Karboxylgruppe  und  zwei  Sauerstoffatome 
mehr  (vielleicht  auch  2  Karboxylgruppen)  als  das  Hämin,  der  Farb- 
stoffanteil  des  Hämoglobins. 


Nr. 


Von  den  englischen  Autoren,  insbesondere  von  MacMunn  [l 
ist  schon  festgestellt  worden,  dass  Hämatoporphyrin  vorhanden  si 
soll  in  Regenwürmern  und  anderen  Tieren.  Wir  haben  gesehen,  d; 
im  Hämoglobin  der  höheren  Tiere  ein  Dualismus  herrscht,  und 
wird  von  besonderem  Interesse  sein,  zu  verfolgen,  wieweit  dies 
geht,  ob  zu  allen  Zeiten  der  Entwicklungsleiter  der  Tiere  wir  dies 
Dualismus  finden.  Diese  Untersuchungen  sind  natürlich  erst  im  B 
ginn  und  es  kann  hierüber  noch  wenig  Auskunft  gegeben  werden.  Na 
den  bisherigen  Angaben  der  Literatur,  insbesondere  den  Angaben  v 
Mac  A4  u  n  n,  ist  das  Hämatoporphyrin,  wie  er  sich  ausdrücl 
ausserordentlich  verbreitet.  Man  könnte  versucht  sein,  überall  st; 
Hämatoporphyrin  Koproporphyrin  einzusetzen.  Das  ist  jedoch  durc 
aus  nicht  berechtigt,  denn  wir  haben  das  Porphyrin  aus  Eisen 
foetida  in  kristallisiertem  Zustande  darstellen  können  und  haben  fes 
gestellt,  dass  es  von  Hämatoporphyrin  vollkommen  verschieden  i: 
übrigens  auch  von  Uro-  und  Koproporphyrin,  und  ebenso  haben  w 
gefunden,  dass  in  den  gefärbten  Schalen  vieler  Vogeleier  Porphyrii 
Vorkommen.  Aus  Möweneierschalen  haben  wir  das  Porphyrin 
kristallisiertem  Zustand  dargestellt.  Dieses  Porphyrin  steht  intere 
santerweise  nach  der  bisherigen  Untersuchung  dem  Hämoglobin  bz\ 
dem  Hämin  näher  als  dem  Uro-  und  Koproporphyrin.  Alle  die: 
Porphyrine  verbindet  nun  ein  gemeinschaftlicher  Zug:  Sie  gebt 
komplexe  Eisensalze,  die  untereinander  und  mit  dem  Hämin  in  di 
spektroskopischen  Erscheinungen  sich  gleichen,  so  dass  im  chetr 
sehen  Bau  immerhin  weitgehende  Analogien  vorhanden  sein  müsse 

Auch  aus  dem  Phylloporphyrin,  einem  künstlich  aus  Chloropiiy 
gewonnenen  Porphyrin,  gelingt  es  nach  den  Untersuchungen  vc 
Marchlewski  [17],  einen  dem  Hämin  ähnlichen  Körper,  d; 
Phyllohämin,  zu  erhalten,  und  von  Willstättcr  [16]  ist  durc) 
weitgehenden  Abbau  des  Chlorophylls  bzw.  des  Hämins,  die  gemeii 
schaftliche  Grundsubstanz  der  beiden  Farbstoffe,  das  Aetiohäm 
bzw.  Aetioporphyrin,  dargestellt  worden.  Es  ist  möglich,  dass  dit 
selbe  Grundform  auch  all  diesen  mannigfaltigen  Porphyrinen  zi 
kommt;  hierüber  müssen  die  weiteren  Untersuchungen  Auskun 
geben. 

Der  experimentelle  Teil  dieser  Untersuchungen  ist  in  der  Zei 
schrift  für  physiologische  Chemie  teils  veröffentlicht,  teils  in  Druc 
und  ist  durchgeführt  worden  gemeinschaftlich  mit  den  Herre 
Hilger,  Kögl,  Schau  mann,  Schneller,  Zerweck. 


Literatur. 

I.  H.  Fischer:  M.m.W.  1916  S.  377.  Dort  auch  weitere  Litcratu 
angaben.  —  2.  Günther:  D.  Arch.  f.  klin.  M.  1911,  105,  89.  —  3.  Hau: 
mann:  Grundzüge  der  Lichtbiologie  und  Lichtpathologie.  Urban  &  Schwa 
zenberg.  1923.  Dort  auch  die  gesamte  Literatur.  —  4.  Kämmerer:  Kl: 
Wschr.  1923,  2,  1153.  —  5.  Snapper:  B.khW.  1921,  58,  800  u.  a  0  - 

6.  H  F  l  s  c  h  e  r  und  Schneller:  Zschr.  f.  physiol.  Chemie  (im  Druck).  - 

7.  Papendiek:  Zschr.  f.  physiol.  Chemie  1923,  128,  110  u  114.  - 

8.  Garrod:  Journ.  of  Physiol.  1892,  13,  598.  Dort  auch  die  gesamte  alte: 
Literatur  —  9  Schümm:  Zschr.  f.  physiol.  Chemie  1923,  126,  170.  - 

.du  -  .«ii  ReVue  de  Med-  1896’  16-  542-  —  11.  MacMunn:  Jour 
of  Physiol .1887,  8,  60.  —  12.  W  e  i  s  s:  Inaug.-Diss.,  München  1922  (Klin 
von  Romberg).  —  13.  H.  Fischer:  Zschr.  f.  physiol.  Chemie  1915,  9 

k  ö  lf  C?Urch:  Proc-  Roya!  Soc-  1892-  51 '  399-  Bort  weitere  Literatu 
15.  0.  Neubauer:  Arch.  f.  exp.  Path.  u.  Pharm.  1900,  43,  456.  Dort  am 

nVi,e,’,ifrecLl  eratUr;nT7  16r'  Wlllstättcr  und  Stoll:  Unters,  über  Chlori 
phyH  Springer  1913.  Dort  die  gesamte  Literatur.  —  17.  Marchlewsk 
und  Robl:  Ber.  d.  D.  chem.  Ges.  1912,  45,  816 


Aus  dem  klinischen  Institut  der  II.  medizinischen  Klinik  i: 

München  (Prof.  F.  v.  Müller). 

lieber  Porphyrinbildung  bei  Lungengangrän  und  putridei 

Bronchiektasie. 

Von  Prof.  Dr.  H.  Kämmerer. 

Zu  den  kennzeichnenden  Eigenschaften  des  Lungengangränspu 
lums„.?el]ört  ausser  dem  aashaften  Eäulnisgeruch  und  der  relath 
dünnflüssigen  Konsistenz  meist  auch  schmutzigbraune  bzw 
schokoladefarbige  oder  zwetschgenbrühartige  Beschaffenheit.  Das: 
der  braunrötliche  Ton  dieser  Verfärbung  von  mehr  oder  wenigei 
verändertem  Blutfarbstoff  herrührt,  bedarf  keines  Beweises;  die  Frage 
ist  nur,  in  welcher  Weise  das  Hämoglobinmolekül  in  der  Faul- 
llussigkeit  des  Gangränherdes  verändert  oder  abgebaut  wird.  Das- 
der  Abbau  unter  Umständen  sehr  weitgehend  sein  kann,  ergibt  siel 
aus  dem  gelegentlichen  Befund  von  amorphem  Hämosiderin 
Leyden  hat  ferner  sowohl  bei  Lungenabszess,  als  bei  Lungen¬ 
gangrän  dem  Nachweis  von  Hämatoidin  kristallen  grosse 
Bedeutung  beigemessen.  Das  sogenannte  Hämatoidin  ist  ein 
Körper,  um  dessen  chemische  Identifizierung  man  sich  lange  bemüht 
'’ap ,  Der  Name  stammt  von  Virchow,  der  die  charakteristischen 
Kristalle  auch  in  sterilen,  nicht  nur  in  bakteriell  infizierten  alten 
Blutextravasaten,  nachwies.  Schon  Virchow  beschäftigte  sich 
mit  der  Frage,  ob  Hämatoidin  etwa  mit  Bilirubin  identisch  sei  oder 
nicht.  Dass  dies  tatsächlich  der  Fall  und  dass  somit  eine  extrahepa- 
tische  Bilirubinbildung  im  Körper  möglich  ist,  hat  jüngst 
H.  Fischer1)  einwandfrei  bewiesen.  Hierbei  handelt  es  sich  aber, 
wie  gesagt,  um  sterile  Blutextravasate  und  Zellwirkungen  des 
menschlichen  Organismus.  Wird  in  Gangrän-  oder  Abszesshöhlen 


*)  Hoppe-Seylers  Zschr.  f.  phys.  Chemie  1923,  17. 


.eptember  1923. _ MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


latoidin  gefunden,  so  ist,  abgesehen  von  der  Wirkung  mensch- 
er  Zellen,  auch  an  Bakterienwirkung  zu  denken.  Nach  meiner 
ntnis  ist  bis  jetzt  eine  Hämatoidin-  bzw.  Bilirubinbildung  aus  Blut- 
stoft  durch  bakterielle  Zersetzung  nie  beobachtet  worden.  Es 
lieint  einer  eigenen  Beobachtung  wert,  ob  es  in  vitro  gelingt,  mit 
e  geeigneter  Bakterien  oder  Bakteriengemische  eine  Wirkung  zu 
eien,  wie  wir  sie  hier  von  den  Körperzellen  sehen.  Die  Por- 
erine,  ebenfalls  eisenfreie  Blutfarbstoffderivate,  werden  vielfach 
Vorstufen  der  Gallenfarbstoffe,  Zwischenstufen  zwischen  diesen 
dem  Blutfarbstoffmolekül  angesehen,  üb  die  Porphyrine  Abbau¬ 
en  des  Blutfarbstoffes  oder  andersartige  —  vielleicht  rniss- 
,ktc  —  Synthesen  des  Blut-  bzw.  üallenfarbstoffes  darstellen  — 
noch  ungeklärt.  Zunächst  schien  mir  auf  Grund  früherer  Unter- 
tiungen  die  Frage  leichter  angreifbar,  ob  durch  Verimpfung  des 
ilts  von  Gangränherden  in  Blutbouillon  Porphyrin  gebildet  werden 
ne.  Von  dem  Gemisch  von  Fäulnisbaktcrien  dieser  faulig 
henden  Flüssigkeiten  durfte  eine  besonders  starke  Aktivität  be- 
ders  in  der  Richtung  reduzierender  und  hydrolytisch  spaltender 
kung  erwartet  weden. 

Ich  habe  in  früheren  Arbeiten 2)  die  Fähigkeit  der  medizinisch 
htigeren  Bakterien,  den  Blutfarbstoff  zu  zersetzen,  untersucht. 
Verimpfung  einzelner  Reinkulturen  in  bluthaltige  Nährböden  ist 
mir  bis  jetzt  nie  geglückt,  etwas  anderes  als  Hämatin  nacli- 
/eisen.  Mehr  als  die  Abspaltung  von  Eiweiss  aus  dem  Häino- 
binmolekül  scheinen  die  in  Betracht  kommenden  einzelnen  Bak¬ 
enarten  nicht  fertig  zu  bringen.  Anders  wenn  verschiedene  Bak¬ 
enarten  in  bestimmten,  den  gleichen  Zweck  fördernden  Syner- 
i  m  e  n  Zusammenwirken.  So  konnte  ich  nachweisen  3),  dass  ge- 
se  Fäulnisbakteriengemische  des  menschlichen  Kotes  imstande 
j,  aus  dem  Hämoglobin  eisenfreie  Farbstoffe,  Porphyrine,  entstehen 
lassen.  Es  lässt  sich  durch  Weiterzüchtung  in  Blutbouillon  (und 
: :li  in  gewöhnlicher  Bouillon)  das  wirksame  Bakteriengemenge  fast 
iebig  lange  fortzüchten,  ja  sogar  in  seiner  Wirksamkeit  steigern 
i  Porphyrin  auf  diese  Weise  in  grösster  Menge  aus  Blutbouillon 
vinnen.  Dieses  von  mir  durch  Darmbakterienwirkung  gewonnene 
rphyrin  wurde  von  Hans  Fischer1)  näher  chemisch  untersucht, 
konnte  feststellen,  dass  es  keineswegs  mit  dem  N  e  n  c  k  i  sehen 
matoporphyrin  und  mit  den  von  Fischer  selbst  dargestellten 
n-  und  Kotporphyrin  chemisch  identisch  ist,  aber  ebenfalls  bei 
lichtung  des  Versuchstieres  sehr  stark  sensibilisierend  wirkt,  also 
en  für  den  Organismus  keineswegs  gleichgültigen,  sehr  giftigen 
rper  darstellt.  Da  nun  nach  meinen  bisherigen  Ergebnissen  nicht  nur 
bestimmter  Grad,  sondern  wohl  auch  eine  bestimmte  Qualität  der 
ulnis  zur  Porphyrinbildung  notwendig  sind,  erschien  die  Unter- 
:hung  des  Fäulnisgemisches  eines  gangränösen  Sputums  von  Inter¬ 
im.  Lange  nicht  jedes  Fäulnisgemisch  ist  nämlich  zur  Porphyrin¬ 
dung  geeignet.  Ich  untersuchte  z.  B.  eine  Faulflüssigkeit,  die  durch 
I ulenlassen  von  Fleisch  durch  einfaches  Stehenlassen  im  Brut- 
irank  gewonnen  war,  ohne  damit  Porphyrinbildung  zu  erzielen, 
;h  viele  Fäulnisstühle  lieferten  trotz  intensiven  Fäulnisgestankes 
in  Porphyrin.  Von  vornherein  ist  es  also  keineswegs  sicher,  dass 
irgendeinem  Gangränsputum  gerade  die  geeignete  Bakterien- 
schung  vorhanden  ist. 

Kürzlich  kam  an  der.  II.  med.  Klinik  ein  Fall  von  Lungen- 
ngrän  zur  Beobachtung.  Aus  der  Krankengeschichte  bei  fol- 
ndes  bemerkt: 

Der  Kranke  lag  vom  5.  I.  23  bis  Juli  wegen  Arteriosklerose.  Gicht,  Gicht- 
irumpfniere,  linksseitiger  Apoplexie  im  Krankenhaus.  Er  zeigte  schon  von 
fang  an  Symptome  von  Bronchitis.  Am  8.  VI.  Anfall  von  Rindenepilepsie, 
r  sich  am  4.  VI.  mehrfach  wiederholte.  Wahrscheinlich  in  Zusammenhang 
t  dieser  Bewusstseinstrübung  und  auf  dem  Boden  der  chronischen  Bron- 
tis  bildete  sich  im  rechten  Unterlappen  eine  Lungengangrän  aus  mit  stark 
elfiechendem  Auswurf  und  hohen  Temperatursteigerungen.  Ueber  der 
impfungszone  rechts  hinten  unten  waren  amphorisches  Atmen  und  gross- 
isiges  metallisch  klingendes  Rasseln  zu  hören.  Das  Sputum  war  schoko- 
lebraun  bis  grünbraun,  dünnrahmig  und  von  fauligem,  kotartigem  Gerucli. 
e  mikroskopische  Untersuchung  ergab  Zellen,  besonders  Leukozyten  meist 
stark  zerfallenem  Zustand,  reichlich  kohlenartiges  Pigment,  Stücke  von 
lilecht  erhaltenem  Lungengewebe,  Fettsäurenadeln  und  Neutralfett,  spär- 
he  elastische  Fasern  und  zahllose  Bakterien.  Hämotoidinkristalle  wurden 
:ht  gefunden. 

Von  dem  Sputum  wurden  entsprechend  der  bei  den  Stuhlunter- 
chungen  ausgearbeiteten  Technik  4  Oesen  auf  20  ccm  5  proz.  Blut- 
millon  verimpft  und  dann  5  Tage  bebrütet.  Es  tritt  wie  gewöhnlich 
machst  Hämolyse  ein,  am  4.  Tag  Braunfärbung,  des  Blutfarbstoffs, 
:r  als  brauner  Niederschlag  ausfällt.  Am  5.  Tag  wird  die  Flüssig¬ 
st  mit  30  proz.  Essigsäure  versetzt  und  dann  mit  Aether  aus- 
rschüttelt  bis  der  Farbstoff  völlig  in  den  Aether  übergegangen  ist. 
er  Aether  ist  nun  ziemlich  dunkelbraun  gefärbt,  enthält  grössten- 
lis  saures  Hämatin.  Der  Aether  wird  abgehoben,  zu  gleichen  1  eilen 
it  20  proz.  Salzsäure  versetzt  und  durchgeschüttelt.  Die  wässerige 
ilzsäurelösung  setzt  sich  bald  vom  Aether  ab  und  ist  hellkarminrot 
-färbt.  Spektroskopisch  zeigt  die  Salzsäurelösung  sehr  kräftig  d  i  e 
harakteris  tischen  Streifen  des  sauren  Por- 
hyrins.  Ein  zweites  schon  intrabronchial  sehr  faulig  zersetztes 
pirtum  eines  Falles  schwerer  Bronchiektasie,  das  ich  der  chirur- 

*)  D.  Arch.  f.  klin.  Med.  88  und  Kongr.  f.  inn.  Med.  1914. 

3)  Klin.  Wschr.  1923  Nr.  25  u.  Kongr.  f.  inn.  M.  1923. 

*)  Erscheint  demnächst  in  der  Zsclir.  f.  phys.  Chemie;  vergl.  a.  die  vor- 

eiiende  Arbeit. 


gischen  Klinik  verdankte,  lieferte  bei  der  gleichen  Versuchsanord¬ 
nung  eher  noch  mehr  Porphyrin  als  das  erste. 

Somit  ist  erwiesen,  dass  von  dem  Bakterien¬ 
gemisch  des  fauligen  Inhalts  von  gangränösen  und 
bronchiektatischen  Höhlen  Porphyrin  in  reich¬ 
licher  Menge  aus  Hämoglobin  gebildet  werden 
kann.  Die  bakteriologische  Untersuchung  ergab  neben  aeroben 
Arten  (vorwiegend  eine  Mesenterikusart,  Streptokokken  und  Proteus) 
zahlreiche  Anaerobier  (Tennisschlägerformen,  in  der  Kultur  wurzel¬ 
förmig  verästelte  Kolonien) 5).  Also  auch  hier  wieder  das  Zusam¬ 
menwirken  aerober  und  anaerober  Arten.  Dadurch  ist  zunächst  das 
letzte  Schlussglied  der  Beweiskette  geliefert,  dass  Bakterien  be¬ 
stimmter  Art  und  Mischung  allein  im  Körper  Porphyrin  bilden 
können  und  dass  auch  für  das  im  Kot  nach  Blutgenuss  auftretende 
Porphyrin  kein  anderer,  etwa  zellulärfermentativer  Entstehung¬ 
mechanismus  in  Frage  kommt.  Es  ist  bisher  noch  nicht  sichergestellt, 
ob  das  im  Darm  aus  Blutfarbstoff  durch  Fäulnisvorgänge  unter  Um¬ 
ständen  reichlich  gebildete  Porphyrin  seine  toxische  Wirkung  auf 
den  Organismus  entfalten  kann.  Es  ist  eben  fraglich,  ob  es  zur  Re¬ 
sorption  kommt,  weil  man  gleichzeitige  Porphyrinurie  bisher  nicht 
nachweisen  konnte.  Dass  aber  die  fehlende  Porphyrinurie  für  das 
Ausbleiben  einer  Resorption  kein  hinreichendes  Kriterium  ist,  konnte 
0.  Neubauer6)  zeigen,  der  bei  sulfonalvergifteten  Kaninchen  Por¬ 
phyrin  in  der  Galle  nachweisen  konnte,  ohne  dass  Porphyrinurie  be¬ 
stand.  Ich  habe  früher  schon  darauf  hingewiesen,  dass  wir  wohl  nicht 
berechtigt  sind,  aus  der  bisherigen  Unmöglichkeit  eines  chemischen 
Nachweises  auf  das  völlige  Fehlen  jeder  Resorption,  vielleicht  nur 
sehr  geringer  Mengen,  zu  schliessen  und  dass  unter  Umständen  schon 
kleinste  resorbierte  Mengen  biologische  Wirkungen  entfalten  können. 

Wird  aber  aus  dem  in  gangränösen  Herden  meist  reichlich  vor¬ 
handenen  Blutfarbstoff  Porphyrin  gebildet,  so  ist  die  Möglichkeit  einer 
Resorption  des  Porphyrins  ohne  weiteres  gegeben  und  damit  eine 
toxische  Allgemeinwirkung  dieses  biologisch  so  differenten  Körpers. 
Freilich  wird  es  auf  die  erzeugte  Menge  ankommen,  ob  charakteri¬ 
stische  Erscheinungen  auftreten  oder  nicht,  zudem  werden  die  son¬ 
stigen  toxischen  Produkte  der  Eiweissfäulnis  wohl  meist  ihrerseits 
so  schwere  Erscheinungen  hervorrufen,  dass  das  Bild  einer  leichten 
Porphyrinvergiftung  zurücktritt.  Man  wird  vielleicht  besonders  auf 
Juckreiz,  Urtikaria  und  sonstige  Reizerscheinungen  der  Haut  infolge 
von  Lichtsensibilisierung  achten  müssen.  In  den  beiden  Fällen,  die 
ich  allerdings  selbst  klinisch  nur  ungenau  beobachten  konnte,  waren 
meines  Wissens  weder  Hauterscheinungen  vorhanden,  noch  war  im 
Urin  Porphyrin  nachzuweisen.  Bei  dem  zweiten  Fall  war  allerdings 
von  einem  Bluterguss  in  die  jauchige  bronchiektatische  Höhle  nichts 
wahrzunehmen.  Trotz  dieser  Lücken  entschloss  ich  mich  zu  der  vor¬ 
liegenden  Mitteilung,  um  die  Aufmerksamkeit  der  Kliniker  auf  die 
Möglichkeit  von  Porphyrinwirkung  bei  jauchigen  Prozessen  zu  len¬ 
ken.  Die  mehr  theoretisch  interessante  Frage,  ob  Bakteriengemische 
imstande  sind,  Blutfarbstoff  über  Porphyrin  in  Hämatoidin-Bilirubin 
überzuführen,  deren  Lösung  Analogien  für  den  intermediären  Stoff¬ 
wechsel  höherer  Organismen  liefern  könnte,  soll  weiterer  Bearbeitung 
unterzogen  werden. 


Aus  dem  Krebsinstitut  Hamburg-Eppendorf. 

Untersuchungen  über  Krebsbildung. 

Von  Dr.  R.  Bierich. 

Es  sind  zwei  allgemeine  Eigenschaften,  die  das  Verhalten  der 
Krebszelle  im  Organismus  biologisch  charakterisieren:  ihre,  ge¬ 
steigerte  Vermehrung  und  ihre  Fähigkeit,  in  andere  Gewebe  einzu¬ 
wuchern.  Von  diesen  Eigenschaften  wurde  in  früheren  Unter¬ 
suchungen1)  das  Zustandekommen  des  Tiefenwachstums  beim  Teer¬ 
krebs  untersucht  und  festgestellt,  dass  es  erst  eintritt,  nachdem  in 
der  bedrohten  Zone  bestimmte  qualitative  Veränderungen  eingetreten 
sind.  Diese  lassen  zwei  Phasen  unterscheiden:  eine  erste,  bei  der 
im  Bereich  der  lokalen  Epithelzellenvermehrung  die  kollagenen 
Fasern  des  angrenzenden  Bindegewebes  gequollen  und  aufgelockert 
erscheinen  und  dichte  Netze  feiner  Fasern  nachweisbar  werden,  die 
I  sich  mit  Resorcinfuchsin  oder  Orcein  elektiv  anfärben  lassen,  und 
eine  zweite  Phase,  bei  der  diese  Veränderungen  quantitativ  zerstört 
werden.  Erst  mit  dieser  Zerstörung  tritt  das  Tiefenwachstum  ein. 

Um  das  Zustandekommen  dieser  Veränderungen,  die  als  Sym¬ 
ptome  einer  kolloidchemischen  Zustandsänderung  aufgefasst 
wurden2),  aufzuklären,  wurde  lebenswarm  entnommene  Haut  von 
Mäusen.  Ratten,  Kaninchen  und  Menschen  für  24 — 48  Stunden  in 
sterile  Lösungen  verschiedener  organischer  Säuren  und  Salze  ein¬ 
gebracht  und  danach  in  derselben  Weise  fixiert  und  gefärbt,  wie  das 
Tumorgewebe,  von  dessen  Veränderungen  unsere  Untersuchungen 
ausgegangen  sind.  Hierbei  traten,  abhängig  von  Konzentration  und 
Art  der  verwandten  Stoffe  —  speziell  unter  Wirkung  organischer 
Säuren  — ,  Veränderungen  im  Bindegewebe  auf,  die  in  grosser  Voll¬ 
kommenheit  den  Veränderungen  beim  Teerkrebs  entsprachen^  Hotz 

B)  Genauere  Artbestimmung  der  Bakterien  muss  einer  spateren  Arbeit 
Vorbehalten  bleiben. 

6)  Arch.  f.  exp.  Path.  u.  Pharm.  1900,  43. 

Virch.  Arch.  239  H.  1. 

2)  Vortrag  im  Aerztl.  Verein  Hamburg  am  5.  VI.  1923. 


1146 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


ihrer  verschiedenen  Konstitution  ergaben  die  organischen  Säuren  im 
wesentlichen  formalgleiche  Quellungsgrade  der  kollagenen  Fasern3) 
und  gleichstarke  Vermehrung  der  Resorcinfasern.  Untersucht  wurde 
die  Wirkung  der  Oral-,  Zitronen-,  Milch-  und  Dichloressigsäure,  ihrer 
Natrium-,  Kalium-  und  Kalziumsalze,  der  Salze  einiger  mehrwertiger 
Kationen,  einiger  Basen  u.  a. 4). 

Aus  dem  Konzentrationsoptimum  der  Säuren  für  Quellung  und 
Anfärbbarkeit  konnte  bisher  nicht  geschlossen  werden,  welche  von 
ihnen  im  Organismus  die  Veränderung  hervorbringt;  unter  Berück¬ 
sichtigung  des  geringen  Diffusions-  und  Hydrolysevermögens  der 
Milchsäure  im  Gewebe  nahmen  wir  an,  dass  eine  Wirkung  dieser 
Säure  vorlicgt,  was  sich  am  Gelatinemodell  bestätigen  Hess.  Diese 
Annahme  erscheint  dadurch  wertvoll,  dass  durch  sie  das  Wesen  der 
Krebsbildung  auf  bekannte  Eigenschaften  tierischer  Zellen  zurück- 
fiihrbar  wird.  Auf  Grund  der  Feststellung  E  m  b  d  e  n  s  sind  tierische 
Zellen  fähig,  Zucker  durch  einen  gärungsartigen  Vorgang  unter 
Milchsäurebildung  aufzuspalten;  die  bei  der  Krebsbildung  auftretende 
Milchsäure  wäre  danach  aufzufassen  als  Stoffwechselprodukt  einer 
bei  der  Krebszelle  gesteigerten  physiologischen  Glykolyse5). 

Diese  Annahme  gewinnt  eine  weitere  Stütze  durch  die  vor 
kurzem  erfolgte  Mitteilung  Warburgs*),  dass  Gewebe  von  Impf¬ 
tumoren  imstande  ist,  aus  zugesetztem  Zucker  Säure  —  mit  Wahr¬ 
scheinlichkeit  Milchsäure  —  zu  bilden.  Dabei  soll  das  Krebsgewebe 
aus  Zucker  mindestens  70  mal  mehr  Säure  bilden,  als  normales 
Gewebe. 

Wenn  wir  auf  Grund  unserer  Versuche  annehmen,  dass  das 
Wesen  der  ersten  Phase  bei  der  Krebsbildung  eine  Milchsäure¬ 
wirkung  ist,  ergibt  sich  die  Frage,  in  welcher  Weise  die  hierbei  auf¬ 
tretenden  Resorcinfasern  zustande  kommen.  Beobachtungen  am 
Krebsgewebe  und  an  der  normalen  Haut  unter  Säurewirkung  Hessen 
bisher  die  Frage  nicht  entscheiden,  ob  die  Resorcinfasern  durch  Ent¬ 
quellung  (Synaeresis)  der  kollagenen  Fasern  oder  aus  einem  anderen 
Material  entstehen.  Eine  Entscheidung  dieser  Frage  ist  zu  erwarten, 
sobald  die  Bedingungen  der  zweiten  Phase  des  Tiefenwachstums 
—  der  Auflösung  der  kollagenen  und  Resorcinfasern  —  festgestellt 
sind. 

Der  Nachweis  von  Milchsäure  in  der  Einbruchszone  des  Kar¬ 
zinoms  gibt  die  Möglichkeit,  die  zwei  anfangs  genannten  allgemeinen 
Eigenschaften  der  Krebszelle  folgendermassen  aufzuklären:  Durch 
die  Glykolyse  wird  das  Material  zu  der  gesteigerten  Vermehrung  der 
Krebszellen  in  dem  angrenzenden  Gewebe  aufgeschlossen  und  die 
als  Stoffwechselprodukt  der  Glykolyse  auftretende  Milchsäure  be¬ 
dingt  durch  kolloidchemische  Zustandsänderung  des  Nachbargewebes 
die  erste  Phase  des  Tiefenwachstums. 


Aus  dem  bakteriologischen  -  serologischen  Laboratorium  der 
Stadt  Essen,  Krankenanstalten  (Dr.  Hohn)  und  dem  Krupp¬ 
schen  Wöchnerinnenheim  (S.-R.  Dr.  Qummert). 

Eignet  sich  das  Retroplazentarblut  zur  Serodiagnostik 

der  Syphilis? 

Von. Dr.  Joseph  Hohn  und  S.-R.  Dr.  Ludwig  Qummert. 

Die  Frage  nach  der  Eignung  des  Retroplazentarblutes  (RPIB1.) 
zur  Luesdiagnose  vermittelst  der  serologischen  Untersuchungsmetho¬ 
den  wird  von  den  Geburtshelfern  sehr  verschieden  beantwortet. 
Viele,  wenn  nicht  die  meisten  von  ihnen,  verhalten  sich  hierzu  ab¬ 
lehnend.  Besonders  in  den  Arbeiten  von  Krukenberg  [l], 
Brünn  er  [2],  Stühmer  und  Dreyer  [3]  wird  das  RP1B1.  auf 
Grund  der  Untersuchungsergebnisse  als  ungeeignet  angesehen  zur 
Ermittlung  luetischer  Infektionen.  Den  gleichen  Standpunkt  vertreten 
Esch  und  Wieloch  Dl,  jedoch  geben  die  beiden  Autoren  bereits 
zu,  dass  mit  der  M  e  i  n  i  c  k  e  sehen  Methode  weit  bessere  Resultate 
zu  erzielen  sind  als  mit  der  WaR. 

Schon  über  die  Verwertbarkeit  der  Untersuchungsresultate  des 
Schwangerenblutes  überhaupt  gehen  die'  Meinungen  der  Geburts¬ 
helfer  weit  auseinander,  ja  sie  stehen  sich  im  extremsten  Fall  dia¬ 
metral  gegenüber.  Wir  sehen  das,  wenn  z.  B.  Loeser  [5l  einen 
gesetzlichen  Wassermannzwang  befürwortet  und  Opitz  l6l  auf 
Grund  der  Untersuchungen  von  Stühmer  und  Dreyer  [3]  den 
Standpunkt  einnimmt,  dass  die  regelmässigen  Untersuchungen  nicht 
die  darauf  verwendeten  Kosten  und  Mühen  lohnen. 

Bei  einem  derartigen  Auseinandergehen  der  Meinungen  in  fach¬ 
ärztlichen  Kreisen  über  den  Wert  der  Blutuntersuchungen  von 
Schwangeren  und  Wöchnerinnen  überhaupt  und  des  RP1B1.  insbeson¬ 
dere  glauben  wir,  dass  jeder  Beitrag,  der  zur  weiteren  Klärung  in  dieser 
Frage  dienen  kann,  erwünscht  ist.  Wir  wollen  daher  über  unsere  Er¬ 
fahrungen  der  Untersuchung  des  Retroplazentarblutes  von  944  Wöch¬ 
nerinnen  aus  dem  Wöchnerinnenheim  Arnoldhaus  in  Essen  berichten. 


3)  cf.  die  Befunde  Kuhns,  Kolloidchem.  Beihefte  XIV,  1921. 

)  Die  ausführliche  Wiedergabe  der  gemeinsam  mit  Dr.  F.  V.  v.  Hahn 
ausgeführten  Untersuchungen  wird  in  der  Kolloidzeitschrift  erfolgen. 

’)  Auf  die  Bedeutung  dieses  Befundes  zur  Aufklärung  der  physiologischen 
und  pathologischen  Prozesse,  bei  denen  „Resorcinfasern“  vermehrt  sind,  sei 
hier  nur  hingewiesen. 

®)  Klin.  Wschr.  1923  Nr.  17. 


Nr.  36 

Das  Arnoldhaus  für  Wöchnerinnen  ist  eine  Stiftung  der  Familie  Krupp1 
v.  Bohlen  u.  Haibach  für  die  Frauen  Kruppscher  Werksangehöriger,  der  Be- 
amten  und  Arbeiter  des  Werkes.  Die  Geburten  vollziehen  sich  unter  der 
Leitung  von  Hebammen.  Soweit  ärztliche  Hilfeleistung  in  Frage  kommt 
wird  sie  von  dem  einen  von  uns  (Gümmer  t)  geleistet,  unter  dessen  Lei¬ 
tung  die  Anstalt  steht. 

Von  1921  ab  wurden  regelmässige  Untersuchungen  des  RP1B1.  der 
Wöchnerinnen  nach  Wassermann  im  bakteriologischen  Institut 
(H  o  h  n)  vorgenommen.  Wir  beobachteten  dabei  zahlreiche  unspezi¬ 
fische  Hemmungen,  so  dass  diese  Untersuchungen  wenig  befriedigten. 
Seit  April  1922  fingen  wir  an,  das  RP1B1.  neben  der  WaR.  auch  mit 
den  Präzipitationsmethoden  zu  untersuchen,  und  nur  über  diese  I 
Untersuchungen  bis  Mitte  Februar  1923  wollen  wir  hier  berichten 
Dabei  fallen  die  Blutproben  im  Oktober  1922,  deren  Untersuchung] 
aus  äusseren  Gründen  anderswo  vorgenommen  wurden,  fort. 

Die  Entnahme  des  RP1B1.  geschieht  so,  dass  nach  Ausstossung 
der  Plazenta  das  nachfolgende  Blut  womöglich  in  einem  Strahl  durch 
Druck  auf  den  Uterus  in  einem  vorgehaltenen  sterilen  Reagenzglas ; 
aufgefangen  wird.  Wenn  in  der  ersten  Probe,  was  zuweiien  vor¬ 
kommt,  sichtbare  Verunreinigungen  sich  befinden,  so  wird  eine  zweite  j 
entnommen.  Bis  zur  Untersuchung,  die  2  mal  wöchentlich  stattfindet, 
wird  das  Blut  im  Eisschrank  aafgehoben.  Dieser  Modus  der  Blut¬ 
entnahme  stellt  sowohl  für  den  Arzt,  wie  für  die  Wöchnerin  die  bc-j 
quemste  Art  dar.  Die  Wöchnerin  erfährt  überhaupt  nichts  von  der 
Entnahme,  bis  ev.  bei  Luesverdacht  eine  Nachuntersuchung  des  Arm¬ 
venenblutes  vorgenommen  wird.  Es  wird  somit  jede  Beunruhigung 
und  Aufregung  von  der  Wöchnerin  fcrngehalten,  womit  immerhin 
die  regelmässigen  Entnahmen  aus  der  Armvene  verbunden  sind.  I 

Auf  Grund  unserer  Resultate,  die  an  944  Wöchnerinnen  gewon-1 
men  sind,  stehen  wir,  um  es  gleich  vorwegzunehmen,  auf  dem 
Standpunkt,  dass  sich  das  Retroplazentarblut  zur  Er¬ 
mittelung  der  Fälle  von  Lues  vermittelst  der  sero¬ 
logischen  Untersuchungen  vollkommen  eignet.  Wir 
verlangen  aber  dabei,  dass  neben  der  WaR.  die  Präzipitationsmetho- 1 
den  herangezogen  werden,  oder  es  genügen  sogar,  wie  wir 
zeigen  werden,  die  Flockungsmethoden  allein  bei 
der  ersten  Untersuchung  des  RP1B1.  Wir  fordern  ferner, 
dass  das  positive  Resultat  durch  die  Nachuntersuchung  des  Arm¬ 
venenblutes  mit  beiden  Methoden  kontrolliert  wird. 

Was  zunächst  die  Zahl  der  auf  diese  Weise  ermittelten  Luesfällei 
anbetrifft,  so  betrug  sie  bei  944  Wöchnerinnen  14,  d.  i.  1,48  Proz,1). 
Es  ist  dies  eine  auffallend  kleine  Zahl,  besonders  wenn  man  hiermit  i 
andere  Prozentzahlen  vergleicht  (Heynemann-Halle  10  Proz., 
P  e  t  r  l  n  i  -  Mailand  10,7  Proz.,  Sänger-  München  9  Proz.).  Alan 
wird  aber  bei  diesen  letzteren  Angaben  zu  berücksichtigen  haben, 
dass  die  Zahlen  durch  die  WaR.  allein  gewonnen  sind.  Bei  der  ge-  ] 
ringen  Anzahl  von  Luesfällen  des  Arnoldhauses  wird  man  vor  allem 
das  Milieu  zu  bedenken  haben.  Es  handelt  sich  hier  um  verheiratete 
Frauen  Kruppscher  Werksangehöriger,  von  denen  15  Proz.  der 
Beamten-  und  85  Proz.  der  Arbeiterschaft  angehören.  Auch  ander¬ 
wärts  hat  man  die  Erfahrung  gemacht,  dass  die  Zahl  der  Luesfällc 
bei  verheirateten  Wöchnerinnen  geringer  ist  als  bei  ledigen.  So  be-  ] 
richtete  neuerdings  Wagner  [7l  aus  der  Prager  deutschen  Um"1-] 
versitäts-Frauenklinik  über  5  Proz.  positiver  WaR.  bei  Verheirateten  > 
und  8  Proz.  bei  Ledigen.  Die  bedeutend  niedrigere  Lueszahl  der 
Wöchnerinnen  des  Arnoldhauses  zeigt,  dass  trotz  Krieg  und  allen  I 
Zeitumständen  die  Lues  unter  den  Familien  der  Krupp  sehen 
Werksangehörigen  bei  weitem  weniger  verbreitet  ist,  als  man  wohl 
durch  Rückschluss  anderer  Zahlen  hätte  annehmen  können.  Dies  gibt 
uns  die  Berechtigung  zu  einem  etwas  optimistischeren  Standpunkt 
bezüglich  der  Ausbreitung  der  Lues,  als  er  jetzt  allgemein  eingenom¬ 
men  wird,  zumal  auch  für  die  Familien  des  Arbeiterstandes.  Viel¬ 
leicht  lassen  sich  hierin  Früchte  der  vom  Staat  und  den  Aerzten  ge¬ 
leisteten  Arbeit  zur  Bekämpfung  der  Lustseuche  bereits  erkennen. 

Auf  Grund  der  früheren  Untersuchungen  des  RPIB1.  waren  wir 
uns  von  vornherein  darüber  klar,  dass  die  WaR.  allein  nicht  zu  einem 
eindeutigen  Resultat  führen  konnte.  Wir  kombinierten  daher  von 
April  1922  ab  die  WaR.  mit  den  Präzipitationsmethoden,  und  zwar 
wurden  462  Proben  zugleich  mit  der  älteren  MTR.  untersucht.  Bei 
482  Proben  wurde  die  WaR.  mit  DM.  und  SGR.  verbunden;  daneben 
wurde  als  dritte  Präzipitationsmethode  die  HO.-Modifikation  fsl  der 
DM.  und  SGR.  herangezogen.  Ferner  wurden  als  dritte  Methode 
neben  DM.  und  SGR.  bei  einer  grossen  Zahl  von  Untersuchungen  die 
stabilen  Wa. -Extrakte  nach  der  Methode  des  einen  von  uns  (Hohn  ■ 
[8])  verwendet. 

Bei  dieser  Kombination  von  WaR.  und  Flockungsmethoden  er¬ 
hielten  wir- in  49  Fällen  einen  positiven  Ausschlag  mit  der  WaR.  Von  * 
diesen  49  Wa.-positiven  Fällen  stimmten  aber  nur  14  überein  mit  den  i 
positiven  Präzipitationen,  und  nur  diese  14  konnten  durch  die  spätere 
Nachuntersuchung  des  Annvencnblutes  der  Wöchnerinnen  endgültig 
mit  beiden  Methoden  als  positiv  festgestellt  werden.  Wir  hatten  i 
also  35  unspezifische  Hemmungen  mit  der  WaR.,  d .i. 
3,7  Proz.,  während  die  Präzipitationen  in  keinem 
Fall  unspezifisch  ausfielen.  Die  Zahl  von  3,7  Proz.  uu- 
spezifischer  Reaktionen  bei  der  WaR.  des  RP1B1.  ist  gering  zu  be-  ' 

')  Vom  Februar  d.  J.  bis  zum  Abschluss  der  Arbeit  Ende  Mai  wurden 
weitere  346  RPIBI.-Proben  untersucht  mit  6  positiven  Fällen.  Die  Gesamtzahl 
der  in  der  Berichtszeit  Untersuchten  beträgt  somit  1290  mit  20  positiven 
Resultaten  =  1,55  Proz. 


September  192.3. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1147 


chiien  gegenüber  anderen  Angaben,  z.  B.  Winkler  1 9]  6,5  Proz., 
ühmer  und  Dreyer  10  Proz.  In  allen  Fällen  von  Hemmung 
•  WaR.  des  RP1BI.  wurde  ohne  Rücksicht  auf  das  Resultat  der  Prä- 
itationen  eine  Nachuntersuchung  des  Armvenenblutes  vorgenom- 
n,  und  zwar  meist  6—7  Tage  nach  der  Geburt,  so  dass  diese  Nach¬ 
ersuchungen  mit  der  späteren  aufgestellten  Forderung  von  Escli 

I  Wie  loch  1 4]  übereinstirnrnen.  Hierbei  zeigte  sich,  dass  nur 
Wa.-Proben  des  RP1B1.  als  positiv  anzusehen  waren,  bei  denen 
h  gleichzeitig  mit  den  Präzipitationsmethoden  ein  positives  Re- 
tat  erzielt  worden  war  .Wir  können  also  als  Richtlinie  aufstcllen, 
-s  bei  allen  Proben  von  RP1B1.,  bei  denen  ein  negativer  Präzipi- 
;onsausfall  neben  einer  positiven  WaR.  eintritt,  die  WaR.  von 
nherein  als  unspezifisch  verdächtig  erscheint.  Wir  haben  dagegen 
neu  Fall  feststellen  können,  der  in  der  primären  Untersuchung  des 
1BI.  mit  den  Flockungsreaktionen  positiv  ausgefallen  wäre  und  in 

Nachkontrolle  des  Armvenenblutes  negativ  reagiert  hätte.  Es 
ab  sich  somit  stets  eine  Uebereinstimmung  des  Resultates  der 
sflockungsmethoden  des  RP1B1.  mit  dem  der  Nachuntersuchung 
Armvenenblutes  der  Wöchnerin.  Die  Präzipitations- 
■thoden  haben  sich  demnach  bei  der  Unters  u  - 
u  ng  des  RP1B1.  der  WaR.  überlegen  erwiesen. 

Was  nun  die  14  so  ermittelten  Luesfälle  anbelangt,  so  ergaben 
klinische  Untersuchung  und  die  anamnestischen  Feststellungen,  die 
m  Versagen  der  Frau  auch  auf  den  Ehemann  ausgedehnt  wurden, 
cendcs: 

Bei  4  Frauen  konnte  die  Lues  auch  klinisch  festgestellt  werden.  3  Wöch- 
innen  gaben  an,  dass  sie  schon  früher  wegen  Lues  behandelt  worden 
en.  ln  den  7  weiteren  Fällen  war  den  Frauen  nichts  von  Lues  be- 
nt.  Bei  4  von  diesen  konnte  bei  den  Ehemännern  festgestellt  werden, 
s  sie  vor  der  Ehe  syphilitisch  infiziert  waren.  Bei  3  Fällen  gaben  auch 
Ehemänner  keine  syphilitische  Infektion  zu.  Bei  diesen  Wöchnerinnen 
den  wir  zu  einem  bestimmten  Untersuchungsergebnis  dadurch  zu  kommen, 

5  wir  längere  Zeit  nach  der  Geburt  das  Blut  der  Frauen  und  ihrer  Männer 
Bakteriologischen  Institut  nochmals  entnahmen  und  untersuchten.  Dabei 
;te  sich  bei  dem  ersten  Ehepaar,  dass  das  Blut  von  Mann  und  Frau  nach 
Monat  stark  positiv  reagierte.  Der  Mann  gab  an,  dass  die  Frau  im 
mg  der  Ehe  an  reichlichem  Ausfluss  gelitten  habe;  die  Frau,  jetzt  22  Jahre 
war  früher  Dienstmädchen  gewesen.  Im  2.  Falle  reagierte  das  Blut  der 
u  nach  l/i  Monat  stark  positiv,  das  des  Mannes  bei  zweimaliger  Unter- 
mng  negativ.  Die  jungverheiratete,  27  Jahre  alte  Frau  gab  zum  Schluss 
dass  sie  vor  der  Ehe  mit  einem  Mann  verlobt  gewesen  sei,  von  dem  sie 

II  'nfiziert  sein  könne.  Endlich  bei  der  dritten  Frau  ergab  das  Blut 
Monate  nach  der  Geburt  ebenfalls  wieder  eine  stark  positive  Reaktion. 

$e  Frau  gab  bei  der  Blutentnahme  an,  dass  ihr  Mann  gestanden  habe, 

der  Ehe  syphilitisch  infiziert  gewesen  zu  sein. 

Dass  wir  mit  unseren  Untersuchungen  alle  Luesfälle  erfasst 
en,  dürfen  wir  wohl  annehmen,  da  die  7  klinisch  schon  verdäch- 
n  Fälle  sämtlich  von  den  Reaktionen  erfasst  worden  sind.  In 
ällen  hat  aber  erst  die  serologische  Untersuchung  die  Lues  aufge- 
kt,  und  hierin  liegt  der  Hauptwert  der  RP1B1. -Untersuchung  für 
tter  und  Kind.  Noch  segensreicher  würden  zweifellos,  worin  wir  mit 
tgner  [7]  vollkommen  eins  gehen,  die  Blutuntersuchungen  sein, 
in  sie  in  der  1.  Hälfte  der  Schwangerschaft  erfolgten,  wobei  ein- 
noch  jegliche  Beeinflussung  des  Blutes  durch  die  Gravidität  fehlt, 
n  aber  auch  bei  festgestellter  Syphilis  eine  Bekämpfung  der  kind- 
en  Lues  durch  Behandlung  der  Mutter  möglich  wäre. 

Was  die  Untersuchungen  des  Nabelvenenblutes  anbe- 
?t,  so  haben  wir  sie  in  556  Fällen  durchgeführt.  Es  zeigte  sich 
r,  dass  auch  in  Verbindung  mit  den  Flockungsmethoden  wegen 
Stabilität  des  Serums  der  Neugeborenen  die  Resultate  bei  den 
itiven  mütterlichen  Fällen  zu  unregelmässig  waren,  um  irgend 
as  auszusagen  über  den  Gesundheitszustand  des  Kindes,  und 
in  stimmen  wir  mit  anderne  Untersuchern  überein.  Bald  versagte 
eine  Methode,  bald  die  andere,  mehr  noch  die  Präzipitation  als 
WaR.  Wir  haben  daher  von  weiteren  Untersuchungen  Abstand 
ommen.  Es  kommt  ja  vor  allem  darauf  an,  zu  wissen,  ob  die 
tter  als  luetisch  infiziert  zu  betrachten  ist.  Bei  unbehandelten 
ien  müssen  wir  dann  annehmen,  dass  auch  das  Kind  syphilitisch 
und  dass  sich  bei  ihm  nach  kürzerer  oder  längerer  Zeit  Symptome 
;en  werden,  deren  Deutung  allerdings  für  den  behandelnden  Arzt 
er  Umständen  ohne  Kenntnis  der  mütterlichen  Syphilis  sehr 
wierig,  wenn  nicht  überhaupt  unmöglich  sein  kann.  Sämtliche 
der  der  syphilitischen  Mütter  des  Arnoldhauses  boten  bei  der 
lassung  keinerlei  Symptome.  Bei  der  Bodenständigkeit  der 
uppschcn  Werksangehörigen  werden  wir  versuchen,  das  Schick- 
dieser  Kinder  weiter  zu  verfolgen.  Der  Wert  der  Untersuchungen 
t  also  vor  allem  für  die  Kranken  des  Wöchnerinnenheims  darin, 
s  die  Wöchnerinnen  auf  Grund  der  Blutuntersuchungen  in  Ver¬ 
lang  mit  der  klinischen  Untersuchung  und  den  anamnestischen  Er- 
ungen  auf  die  Lues  aufmerksam  gemacht  werden  und  die  ent- 
ichenden  Anweisungen  bekommen  über  das  Verhalten  für  sich 
’st,  das  Neugeborene  und  die  weitere  Nachkommenschaft. 

Wir  gehen  nun  auf  die  Frage  der  so  häufig  beobach- 
en  unspezifischen  Reaktionen  bei  der  WaR.  des 
‘Bl.  ein.  Wir  konnten,  wie  gesagt,  dieses  Vorkommnis  in  35 
en  feststellen. 

Zunächst  kann  man  ganz  allgemein  sagen,  dass  es  sich  hierbei 
it  um  Stoffe  im  Serum  handelt,  die  etwa  durch  den  veränderten 
misrnus  infolge  der  Schwangerschaft  die  Komplementbindung  in 
WaR.  irgendwie  in  spezifischem  Sinne  der  Reaktion  beeinflussen,  j 
in  wir  sehen  ja  in  den  Präzipitationen  ein  einwandfreies  negatives  1 
Nr.  36. 


Resultat  in  Uebereinstimmung  mit  der  Nachuntersuchung  des  Arm¬ 
venenblutes.  Im  Wesen  beruhen  ja  beide  Methoden,  die  WaR.  und  die 
Präzipitation,  auf  dem  gleichen  Prinzip  der  Lipoidbindung.  Nur  kom¬ 
men  sie  auf  verschiedenen  Wegen  zur  Anzeige  des  Resultats.  Aus 
dem  differenten  Verhalten  von  WaR.  und  Präzipitation  im  RP1B1. 
(Wa.-positiv  gegenüber  Präz.. -negativ)  machen  wir  daher  direkt  den 
Schluss  auf  das  unspezifische  Verhalten  des  Serums  in  der  WaR. 

Von  den  verschiedenen  Autoren  werden  zur  Erklärung  der  so 
häufigen  unspezifischen  Hemmungen  in  der  WaR.  des  RP1B1.  immer 
wieder  bakterielle  Verunreinigungen  des  Serums  herangezogen.  Wie 
verhält  es  sich  nun  hiermit  bei  unseren  Proben?  Gerade  auf  diesen 
Punkt  haben  wir  von  Anfang  unser  Augenmerk  gerichtet  und  immer 
wieder  die  Serumproben  auf  Sterilität  geprüft.  Wir  kommen  auf 
Grund  von  Hunderten  solcher  Untersuchungen  zu  dem  Schluss,  dass 
das  RP1B1.,  welches  auf  die  obenangegebene  Art 
entnommen  ist,  so  steril  ist,  wie  die  sonstigen 
einem  Untersuchungslaboratorium  zugehenden 
Blutproben.  Wir  benutzen  das  Serum  des  RP1B1.  sogar  mit  Vor¬ 
liebe  als  Zusatz  zum  Nährboden,  z.  B.  bei  der  Gonokokkenzüchtung, 
wobei  an  das  Serum  die  höchsten  Anforderungen  in  bezug  auf  Ste¬ 
rilität  gestellt  werden  müssen.  Wir  sind  zuletzt  aus  Sparsamkeits¬ 
gründen  dazu  übergegangen,  nur  die  RPlBl.-Proben,  die  eine  unspe¬ 
zifische  Hemmung  in  der  WaR.  ergaben,  auf  Sterilität  zu  prüfen: 
Sämtliche  Proben  —  es  sind  im  ganzen  15  gewesen  —  erwiesen  sich 
steril.  Wir  können  also  die  auf  die  obenbeschriebene  Weise  entnom¬ 
menen  RPlBl.-Proben  als  keimfrei  betrachten  und  stellen  fest, 
dass  die  unspezifischen  Hemmungen  bei  den  von 
uns  untersuchten  Sera  nichts  mit  bakterieller  Ver¬ 
unreinigung  zu  tun  haben.  Wir  wollen  damit  keineswegs 
sagen,  dass  nicht  bakterielle  Verunreinigungen  resp.  deren  Folge¬ 
zustände  zu  unspezifischen  Ausschlägen  bei  der  WaR.  führen  können, 
und  gehen  auf  diesen  Punkt  noch  ein. 

Die  Frage  nach  der  Natur  der  im  RPl.-Serum  bei  der  WaR.  be¬ 
obachteten  Hemmungskörper  (HgKp.)  beschäftigten  den  einen 
von  uns  (Hohn)  besonders,  und  wir  wollen  im  Nachfolgenden  die 
experimentellen  Studien  hierzu  im  Zusammenhang  mitteilen,  behalten 
uns  dabei  vor,  die  ausführlichen  Protokolle  an  anderer  Stelle  zu  ver¬ 
öffentlichen. 

Es  ist  bekannt,  dass  das  Resultat  der  WaR.  durch  gewisse  Substanzen 
im  positiven  Sinn  beeinflust  werden  kann.  So  zeigte  zuerst  M  a  h  1  o  [10], 
dass  Glykokoll  in  Verdünnung  1: 10  bis  1: 1000  000  in  vitro  Hemmung  bewirkt; 
desgleichen  sind  hierzu  Leucin,  Tyrosin,  Dimethylharnstoff  imstande.  Bach- 
mann  LllJ  konnte  diese  Resultate  nachprüfend  bestätigen.  Von  besonderem 
Interesse  für  uns  war  die  Prüfung  der  Beeinflussung  des  RP1B1.  in  den 
Präzipitationen  durch  Zusatz  solcher  Substanzen.  Wir  benutzten  hierzu  das 
Glykokoll  (Kahlbaum).  Glykokoll  (Amidoessigsäure,  Leimsüss,  Leimzuck jrj 
stellt  farblose,  luftbeständige,  monokline  Kristalle  dar,  die  sich  im  Wasser 
leicht  lösen.  Es  wurde  von  einer  Lösung  1:  10  dem  RP1B1.  0,1  ccm  zugesetzt, 
und  dann  wurden  die  WaR.  sowie  die  Präzipitationen  vorgenommen.  Es 
zeigte  sich,  dass  Hemmung  der  WaR.  eintritt,  wie  das  auch  Bachmann 
sah,  und  zwar  regelmässig,  wenn  man  mit  der  einfachen  Komplementdosis, 
weniger  regelmässig,  aber  noch  in  zahlreichen  Proben,  wenn  man  mit  der 
doppelten  Komplementdosis  arbeitet.  Regelmässig  tritt  Hemmung  ferner  ein, 
wenn  man  die  doppelte  Glykokolldosis,  also  0,2  ccm,  zusetzt  auch  bei  dop¬ 
pelter  Komplementdosisj  Auf  die  Präzipitationen  dagegen 
Glykokoll  gar  keinen  Einfluss:  die  negativen 
Proben  blieben  einwandfrei  negativ  auch  bei  Zusatz  von  0,2  Glykokoll.  Posi¬ 
tive  sonstige  Blutproben  —  wir  untersuchten  20  —  flockten  nach  Glykokoll- 
zusatz  genau  so  prompt  wie  im  Hauptversuch.  Wir  gingen  dabei  mit  der 
Glykokolldosis  sogar  bis  0,3  ccm.  Diese  Präzipitationsversuche  wurden  in 
der  DM.  und  SGR.  durchgeführt.  Nicht  unerwähnt  wollen  wir  lassen  dass 
auch  bereits  Meinicke  [12]  fand,  dass  Glykokoll  und  Leucin  keinen  Ein¬ 
fluss  ausübten  auf  den  Floc'kungsprozess  seiner  zweizeitigen  Methode  (MR.). 
Das  Glykokoll  ist  demnach  eine  Substanz,  welche  Hemmung  der  WaR.  her- 
vorrufen  kann,  also  einen  HgKp.  für  die  Komplementbindung  darstellt,  während 
dte  Flockungsreaktionen  gänzlich  unberührt  davon  bleiben. 

Man  kann  auch  HgKp.  der  WaR.  künstlich  im  Serum  erzeugen,  und  zwar 
durch  Bakterieneinwirkung.  Dönges  [13]  hat  bereits  früher  auf  die  Hem¬ 
mungen  infolge  von  Bakterienverunreinigung  hingew'iesen.  Es  konnte  nun  zu¬ 
nächst  gezeigt  werden,  dass  durch  Einimpfen  von  Bakterien  in  steriles  Serum 
HgKp.  entstehen.  Zu  diesen  Versuchen  benutzten  wir  Staphylokokken,  Bact. 
coli  und  Cholerabazillen.  Die  Röhrchen  wurden  während  der  Versuchsdauer 
bei  37  gehalten  zusammen  mit  einer  Karbolserumkontrolle.  Die  HgKp. 
traten  langsam  auf  z.  B.  bei  Einwirkung  von  Cholera  (auf  8  ccm  Serum 
1  Oese  Kultur)  nach  6  10  Tagen  bei  37°.  Man  kann  nun  ferner  zeigen, 

dass  die  Hemmung  unabhängig  ist  von  der  Anwesenheit  der  Bakterien. 

1  ötet  man  nach  Auftreten  der  HgKp.  die  Mikroorganismen  durch  Zusatz  von 
0,5—0,75  Proz.  Karbol  bei  weiterem  Aufenthalt  im  Brutschrank  und  zentri- 
AKi!.er*  Sle  a*D’  c‘ann  behält  das  Serum  die  Hemmung.  Es  müssen  also  Körper, 
Abbauprodukte  des  Eiweiss,  infolge  der  Bakterienwirkung  entstanden  sein, 
die  inaktivierend  auf  das  Komplement  wirken  und  dadurch  zur  Hemmung  der 
Hämolyse  führen. 

Es  war  nun  die  weitere  Frage,  lassen  sich  solche  Spaltprodukte  im 
Serum  mit  einfachen  Reaktionen  nachweisen.  Zu  diesem  Zweck  experimen¬ 
tierten  wir  mit  den  Indolbildnern  Koli  und  Cholera.  Man  nahm  bisher  an,  dass 
Indolbildung  durch  diese  Bakterien  nur  aus  angedauten  Eiweisskörpern  mög¬ 
lich  sei,  die  also  in  die  Albumose-  oder  Peptonstufe  umgewandelt  und  demnach 
schon  reich  an  Tryptophan  sind.  Am  besten  zur  Indolbildung  eignet  sich 
ja  bekanntlich  die  Hottingerbouillon,  die  infolge  der  Pankreatinverdauung 
des  Fleisches  überreich  an  Tryptophan  ist.  Zdansky  [14]  fand,  dass  die 
Peptone  sich  verschieden  gut  zur  Indolbildung  eignen  je  nach  ihrem  Gehalt 
r n  Trypt?pban.  Es  konnte  nun  gezeigt  werden,  dass  die 
Indolbildner  auch  aus  Serum,  also  aus  nativem, 
genuinem  Eiweiss  in  vitro  Indol  erzeugen  können.  Das 
j.eruJP>  w‘e  w*r  es  inaktiviert  zu  den  Reaktionen  benutzen,  enthält  bereits 
die  Tryptophangruppe  wahrscheinlich  in  gebundener  Form,  wie  man  mit  der 


MÜNCHENER  MEDIZINISCH!:  W<  )CU  UMSCHRIFT. 


Nr.  : 


!148 

Qlykoxylsäurereaktion  nach  Hopkins  nachweisen  kann.  Mischt  man  nun 
2  ccm  steriles  Serum  mit  8  ccm  eiweissfreier  Stammnährlösung  nach  Zipfel 
[15]  und  beimpft  die  Röhrchen  mit  Koli  resp.  Cholera,  so  zeigt  sich,  dass 
nach  4 — 5  Tagen  Indol  auftritt,  welches  sich  mit  der  Zeit,  etwa  nach 
10  Tagen  zu  einem  Maximum  steigert.  (Nachweis  mit  Böhmes  Aldehyd¬ 
reaktion.)  Man  kann  auch  so  Vorgehen,  dass  man  von  Zeit  zu  Zeit  1  ccm 
aus  dem  mit  den  Bakterien  beimpften  Seren  entnimmt,  mit  4  ccm  phys.  NaCl- 
Lösung  mischt  und  nun  die  Indolprobe  anstellt.  Bei  8  ccm  Serum  und 
1  Oese  Cholerakultur  erhält  man  etwa  am  10.  Tage  eine  positive  Indolreaktion. 
Die  Indolbildung  aus  Serumeiweiss  tritt  also  bedeutend  langsamer  auf,  als 
wenn  man  den  Bakterien  tryptophanhaltige  Nährflüssigkeit  bietet.  Und 
nun  ergab  sich,  um  auf  die  HgKp.  der  WaR.  zurückzu¬ 
kommen,  dass  das  Auftreten  derselben  parallel  ver¬ 
läuft  mit  dem  Erscheinen  des  Indols  im  Serum.  Die  unter 
denselben  Bedingungen  gehaltene  mit  0,5- — 0,75  Proz.  Karbol  versetzte,  sterile 
Serumprobe  zeigte  keinerlei  Hemmung.  Die  HgKp.  treten  dann  bald  so  reich¬ 
lich  auf,  dass  es  zur  Eigenhemmung  des  Serums  kommt.  Frühzeitiger  lassen 
sich  die  HgKp.  nachweisen,  wenn  man  mit  schwächeren  Systemen  arbeitet 
ganz  analog  den  Glykokollversuchen.  Wir  wollen  nun  nicht  behaupten,  dass 
das  Indol  allein  der  gesuchte  HgKp  bei  Koli  und  Cholera  sei,  sondern  wir 
betrachten  dasselbe  als  den  Exponenten  einer  Reihe  von  Abbauprodukten  des 
Eiweiss,  die  erst  in  ihrer  Gesamtheit  zur  Systemhemmung  führen. 

Bei  den  mit  Staphylokokken  beimpften  Sera  standen  keine  sinnfälligen 
Reaktionen  zur  Verfügung,  die  uns  die  Umsetzung  des  Eiweiss  anzcigen  konn¬ 
ten,  und  doch  traten  gerade  bei  diesem  Bakterium  die  Hemmungen  vielfach 
rascher  und  intensiver  auf  als  bei  den  Indolbilnern.  Hier  zogen  wir  den 
Tierversuch  zum  Nachweis  der  Abbauprodukte  heran.  Injiziert  man  das 
Serum  in  Mengen  von  0,5 — 0,2 — 0,1  ccm  weissen  Mäusen  subkutan,  nachdem 
Hg.-Kp.  aufgetreten  sind  und  man  durch  0,5 — 0,75  Proz.  Karbolzusatz  bei 
37  0  die  Bakterien  abgetötet  hat,  so  treten  fast  momentan  die  schwersten 
Erscheinungen  besonders  bei  den  mit  0,5  ccm  injizierten  Tieren  äuf:  Die 
Mäuse  lagen  schnell  atmend  auf  der  Seite,  das  Fell  gesträubt,  die  Hinter¬ 
extremitäten  abgespreizt,  mit  krampfartigen  Zuckungen  über  den  ganzen 
Körper.  Kontrolltiere,  mit  sterilem  Karbolserum  gespritzt,  zeigten  keine  Re¬ 
aktionen.  Die  Tiere  erholten  sich  im  Laufe  des  Tages  rascher  oder  lang¬ 
samer  je  nach  der  injizierten  Serumdosis.  Ein  Tier  kam  am  nächsten  Tage 
zum  Exitus;  das  Herzblut  war  steril.  Diese  Versuche  zeigen  also,  dass  unter 
der  Einwirkung  von  Staphylokokken  Eiweiss-Spaltprodukte  entstanden  sind, 
die  einmal  in  hohem  Maasse  toxisch  auf  den  Mauskörper  wirken,  andererseits 
Hemmungen  bei  der  WaR.  hervorrufen. 

Wir  glauben,  aus  den  unspezifischen  Hemmungen  des  RPl.-Se- 
rums  in  der  WaR.,  aus  den  Glykokollversuchen,  aus  den  künstlich 
durch  Bakterieneinwirkung  im  sterilen  Serum  erzeugten  Hemmun¬ 
gen  in  Verbindung  mit  dem  gleichzeitigen  Auftreten  von 
Indol  resp.  der  Auswirkung  im  Tierversuch  den  Schluss 
ziehen  zu  können,  dass  die  HgKp.  aus  Spaltprodukten 
des  Eiweiss  bestehen,  die  als  abnorme  Substanzen  des  inter¬ 
mediären  Stoffwechseln  sich  im  RP1B1.  befinden.  Diese  HgKp.  können 
einmal  im  Blut  der  Wöchnerinnen  und  Schwangeren  kreisen  und  so 
der  Ausdruck  eines  abnormen  Stoffwechsels  sein;  dann  können  diese 
Substanzen  ausserdem  bei  der  Entnahme  des  RP1B1.  in  dieses  hinein¬ 
gelangen  aus  dem  Fruchtwasser,  den  Geweben  des  Geburtstraktus 
und  der  Blase.  Wir  haben  uns  vorzustellen,  dass  diese  HgKp.  unter 
dem  Einfluss  der  letzten  Schwangerschaftsmonate,  dem  Geburtsakt 
und  der  beginnenden  Laktation  im  Blut  auftreten.  Zu  suchen  haben 
wir  sie  wahrscheinlich  in  der  Gruppe  der  organischen  Säuren 
(Aminosäuren),  die  durch  ihre  Wirkung  das  Komplement  in  der  WaR. 
inaktivieren  und  dadurch  zur  Hemmung  der  Hämolyse  führen,  d  i  e 
aber  — und  das  ist  das  Praktisch-Wichtige  aus  die¬ 
sen  Untersuchungen  —  den  Präzipitationsprozess 
auch  im  RP1B1.  nicht  beeinflussen.  Von  anderen  Autoren 
werden  die  unspezifischen  Hemmungen  der  WaR.  bei  Wöchnerinnen 
und  Kreissenden  auf  den  gestörten  Lipoidstoffwechsel  bezogen,  was 
in  einer  Vermehrung  des  Cholesteringehaltes  im  Serum  seinen  Aus¬ 
druck  finden  soll. 

Von  diesen  Untersuchungen  fällt  vielleicht  ein  Licht  auf  die  un¬ 
spezifischen  Hemmungen  der  WaR.,  wie  sie  auch  bei  einer  Reihe  von 
anderen  Krankheiten  beobachtet  werden,  z.  B.  bei  Scharlach,  bei 
Pneumonie  in  der  Krise,  bei  Karzinomatose,  bei  Bakteriämie  usw. 
Weitere  Untersuchungen  in  dieser  Richtung  sind  eingeleitet.  Von 
hier  aus  wäre  dann  auch  der  Versuch  zu  machen,  die  Komple¬ 
mentinaktivierung  zu  einer  Untersuchungsmethode  ganz  allgemein 
auf  abnorme  Substanzen  des  intermediären  Stoffwechsels  bei  ver¬ 
schiedenen  Krankheitsprozessen  auszugestalten,  ein  Weg,  der  nach 
unseren  ersten  Versuchen  gangbar  zu  sein  scheint. 

Bei  der  Untersuchung  des  RP1B1.  haben  sich  uns  also  die  Prä¬ 
zipitationsmethoden  der  WaR.,  die  so  häufig  dabei  zu  unspezifischer 
Hemmung  neigt,  zweifellos  überlegen  erwiesen.  Wir  sind  daher  der  An¬ 
sicht,  dass  die  WaR.  bei  der  Prüfung  des  RP1B1.  entbehrlich  wird. 
Wir  verlangen  aber  bei  der  Kontrolluntersuchung  des  Armvenen¬ 
blutes  der  betreffenden  Wöchnerinnen,  7  Tage  nach  der  Geburt,  die 
Kombination  der  Präzipitationen  mit  der  WaR.  Denn  für  den  Unter¬ 
sucher  gewinnt  das  Endresultat  um  so  grössere  Sicherheit,  wenn  auf 
verschiedenen  Wegen  das  gleiche  Ziel  erreicht  wird.  Aus  diesem 
Grunde  bevorzugen  wir  auch  bei  der  primären  Untersuchung  des 
RP1B1.  mit  der  Präzipitation  das  Arbeiten  mit  verschiedenartigen 
Extrakten. 

Zur  Frage  der  Flockungsmethoden  des  RP1B1.  noch  einige 
Bemerkungen: 

Sehr  bewährt  hat  sich  hier  in  letzter  Zeit  die  Verbindung  der  DM.  in  HO.- 
Modifikation  (also  0,4  Serum  ü.  0,25  Extrakt)  [8]  und  der  neuen  Aktivmethode 
M  e  i  n  i  c  k  e  s  [16],  Zeitweise  haben  wir  auch  mit  der  SGR.  gearbeitet, 
vielfach  auch  hier  in  der  HO-Modifikation.  Letztere  eignet  sich  nach  unseren 
weiteren  Erfahrungen  besser  in  Verbindung  mit  dem  DM.-  als  mit  dem  SG.- 
Exlrakl.  Auf  Grund  unserer  Erfahrungen  müssen  wir  das  SG. -Extrakt  als 


ein  labiles  bezeichnen;  bekannt  sind  die  gelegentlichen  Flockungen  desselb 
auch  mit  dem  Serum  von  Geschwulst-,  lnfektionskranken  und  Tuberkulöse  2 
Es  wirkt  sich  diese  an  sich  schon  vorhandene  Labilität  des  Extraktes  no 
mehr  in  der  HO-Modifikation  aus.  Im  Gegensatz  zu  dem  SG.-Extrakt  ka 
man  das  DM.-Extrakt  als  ein  schwerfälliges,  hartes  charakterisieren,  welch! 
zu  wenig  anzeigt,  aber  durchaus  spezifisch  flockt.  Es  kommt  erst  zu  seir 
vollen  Wirksamkeit  in  der  HO-Modifikation.  Eine  fast  völlige  Uebereinstii 
mung  ergab  sich  zwischen  der  neuen  Aktivmethode  M  e  i  n  i  c  k  e  s  mit  vt 
dünntem,  cholesterinfreiem  MTR.-Extrakt  und  der  DM.  in  HO-Modifikatii 
so  dass  die  interessanten  Ausführungen  Meinickes  [17]  zu  der  Arbeit  d 
einen  von  uns  (H  o  h  n  [8])  dadurch  ihre  volle  Bestätigung  finden.  .  Wir  1 
nützen  diese  beiden  Präzipitationsmethoden  mit  dem  besten  Erfolg  jetzt  at , 
schliesslich  bei  der  Untersuchung  des  RP1B1. 

Ganz  nebenher  erwähnen  wir,  dass  das  RP1B1.  für  die  Präzipitation 
besonders  gut  zentrifugiert  sein  muss,  damit  das  Serum  durchaus  klar  u  i 
frei  von  korpuskularen  Elementen  ist.  Ein  einfaches  Absitzenlassen  ütl 
Nacht,  wie  es  wohl  hier  und  da  vorgenommen  wird,  mit  Abpipettieren  d 
Serums  genügt  für  die  Flockungsreaktionen  keineswegs. 

Einen  anderen  Punkt  bei  den  Präzipitationen  wollen  wir  dann  noch  ku 
berühren:  das  ist  der  Begriff  der  „Frische“  der  Sera.  Die  Autor 
legen  auf  diese  Eigenschaft  des  Serums  für  die  Flockungsreaktionen  gross 
Gewicht.  Es  handelt  sich  aber  nach  unseren  Untersuchungen  nicht  so  sei 
um  die  „Frisch  e“  der  Sera  als  um  die  normale  „Dicht  e“  derselbe! 
Ein  Serum  kann  frisch  sein  und  doch  eine  veränderte  Konzentration  habil 
z.  B.  durch  Hämolyse,  durch  abnormen  Fettgehalt;  es  eignet  sich  dann  wenid' 
zur  Ausflockung,  während  es  für  die  WaR.  durchaus  brauchbar  sein  kann.  Durl 
Eintrocknungsversuche  kann  man  den  Einfluss  der  Dichte  auf  das  verschiede! 
Verhalten  der  Sera  in  der  WaR.  und  den  Präzipitationen  zeigen:  trocknet  mi 
abgemessene  Mengen  von  positiven  Proben,  also  0,1  resp.  0,2  ccm,  wie  : 
zur  WaR.  und  zur  SGR.  gebraucht  werden,  über  Nacht  bei  37°  ein  —  vl 
benutzten  hierzu  wie  überhaupt  zur  WaR.  kurze,  weite  Reagenzgläser  vl 
4  cm  Höhe  und  1,5  cm  Weite  —  nimmt  dann  das  getrocknete  Serum  in  0 
resp.  1,0  NaCl-Lösung  wieder  auf  und  stellt  nun  die  WaR.  bzw.  die  SGR.  .! 
so  sieht  man,  dass  die  WaR.  ganz  normal  verläuft,  während  die  Präzipitati: 
versagt.  Infolge  veränderter  Konzentrationsverhältnisse  sind  die  Widl 
stände  so  gestiegen,  dass  der  feine  Flockungsprozess  nicht  mehr  dem  Au( 
sichtbar  erfolgt,  während  die  Komplementbindung,  die  ja  auf  einem  ulti 
visiblen  Flockungsprozess  beruht,  unbeeinflusst  bleibt.  Im  Zusammenha 
hiermit  sind  die  Untersuchungen  Bachmanns  [18]  bemerkenswert,  c 
durch  interferometrische  Messungen  zeigte,  wie  verschieden  die  Dichte  eit 
Serums  sein  kann  sogar  von  derselben  Person  zu  verschiedener  Tagesze 
Auch  durch  Inaktivieren  tritt  nach  seinen  Messungen  eine  Verschiebung  i 
Dichte  ein.  Es  genügt  auch  schon  allein  der  Aufenthalt  eines  positiv 
Serums  bei  37°  unter  Karbolzusatz  für  einige  Tage,  um  den  Flockungsprozi 
durch  Verschiebung  der  Dichte  zu  unterdrücken,  während  die  WaR.  dadui 
unbeeinflusst  bleibt.  Bereits  der  0,5  proz.  Karbolzusatz  reicht  hin,  um  d 
Flockungsprozess  wesentlich  abzuschwächen,  auch  wenn  das  Serum  dabei 
Eisschrank  aufgehoben  wird,  während  die  WaR.  wiederum  normal  verläi 
Man  kann  also  im  Gegensatz  zur  WaR.  die  Sera  für  die  Flockungsreaktion 
durch  Karbol  nicht  konservieren. 

Das  gleichzeitige  Ansetzen  der  RPl.-Sera  mit  verschiedenen  Präzij 
tationsextrakten  bevorzugen  wir,  um  dadurch  das  Maximum  der  positiv) 
Fälle  zu  erfassen.  Man  sieht  immer  einmal  wieder,  dass  ein  Serum  auf  eir 
Extrakt  nicht  anspricht.  Die  gleiche  Beobachtung  macht  man  auch  hei  dl 
Präzipitationsmethoden  gegenüber  der  WaR.  Beim  Armvenenblut  wird  c 
Maximum  der  positiven  Fälle  nur  durch  die  Kombination  der  Kompleme 
bindung  und  der  Präzipitationen,  sämtliche  Reaktionen  mit  verschiedenen  I 
trakten  angesetzt,  erreicht  werden  können. 

Wir  setzen  die  Präzipitationen  bereits  am  Abend  vor  dem  Wa.-Tag  ; 
so  dass  die  Resultate  zusammen  mit  denen  der  WaR.  abgegeben  werdi 
können.  Auf  diese  Weise  sind  wir  auch  am  Wa.-Tag  schon  über  die  posi; 
flockenden  RP1B1. -Proben  unterrichtet  und  können  diese  zugleich  in  o 
WaR.  mituntersuchen.  Um  ein  doppeltes  Pipettieren  zu  vermeiden,  füli 
wir  auf  Grund  der  Eintrocknungsversuche  auch  die  Wa-Sera  schon  am  Abe 
vorher  ein  und  heben  die  Röhrchen  über  Nacht  im  Eisschrank  auf,  so  dass 
Wa.-Tag  sofort  mit  der  Zugabe  der  NaCl-Lösung  begonnen  werden  kann. 

Die  Präzipitationen  werden  prinzipiell  mit  der  Lupe  (Coddiapton-)  geg 
eine  künstliche  Lichtquelle  abgelesen,  die  Trübungsreaktionen  Vorschrift 
mässig  bei  Tageslicht. 

Auf  Grund  der  Untersuchungen  des  RP1B1.  von  944  Wöchr 
rinnen  des  Arnoldhauses  kommen  wir  zusammenfassend  zu  d< 
Endergebnis,  dass  das  Retroplazentarblut  durchaus  zur  sero 
gischen  Luesuntersuchung  bei  der  obenangegebenen  Art  der  Ei 
nähme  geeignet  ist.  Bei  der  primären  Untersuchung  des  RP1B1.  fl 
nügen  für  die  Serodiagnostik  der  Syphilis  die  Präzipitationsmethod 
unter  Verwendung  verschiedenartiger  Extrakte.  Im  Fall  der  positiv: 
Flockung  ist  bei  der  Kontrolluntersuchung  des  Armvenenblut 
7  Tage  nach  der  Geburt  die  Kombination  der  Präzipitationen  und  d 
WaR.  zu  fordern.  Die  klinische  Untersuchung  und  die  anamnestisch 
Erhebungen,  die  sich  eventuell  auch  auf  den  Ehemann  zu  erstreck 
haben,  ergänzen  und  sichern  den  serologischen  Befund. 

Wir  glauben,  auf  Grund  dieser  Untersuchungen  verlangen  . 
müssen,  dass  die  Hebammenschülerinnen  in  den  Lehranstalten  F 
der  kunstgerechten  Entnahme  des  RP1B1.  vertraut  gemacht  werd 
sollten,  damit  sie  in  der  Praxis  bei  Luesverdacht  auf  Veranlasst 
des  Arztes  oder  aus  eigenem  Antrieb  eine  solche  Probe  richtig  ' 
entnehmen  in  der  Lage  sind. 

Literatur. 

1.  Kruckenberg:  Zschr.  f.  Geburtsh.  74.  —  2.  Brünner:  Msc, 
f.  Geburtsh.  57.  —  3.  Stühmer  und  Dreyer:  Zschr.  f.  Geburtsh.  84. 
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1920  Nr.  44.  —  6.  O  p  i  t  z:  Zbl.  f.  Gyn.  1921  Nr.  22.  —  7.  W  a  g  n  e  r:  M. 
1923  Nr.  1.  —  8.  H  o  h  n:  M.m.W.  1922  Nr.  51.  —  9.  W  i  n  k  1  e  r:  M.  Kl.  1 : 
Nr.  4.  —  10.  Mahlo:  Beitr.  z.  Klin.  d‘.  Infekt. Krkh.  1913.  —  11.  Bac 
mann:  Zschr.  f.  Immunitätsf.  33.  —  12.  M  e  i  n  i  c  k  e :  D.m.W.  1919  Nr.  7. 
13.  Dönges:  Zschr.  f.  Hyg.  u.  Infekt. Krkh.  75.  —  14.  Zdansky:  Zbl 
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|  Nr.  23.  —  M  ei  nicke:  D.m.W.  1923  Nr.  2.  —  18.  Bach  mann:  Zsc- 
1  f.  Immunitätsf.  33. 


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MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


September  1923. 

s  der  äuss.  Abt.  des  Krankenhauses  Dresden-Friedrichstadt. 
(Leiter:  Prof.  Werther.) 

Pachtungen  zur  Frage  des  Leukozytensturzes  nach 
trakutanimpfungen,  besonders  bei  allgemeinen  Der¬ 
matosen. 

Von  Dr.  med.  Werner  Müller. 

Das  rege  Interesse,  das  die  Untersuchungen  von  E.  F.  Müller 
er  den  Leukozytensturz  nach  intrakutanen  Injektionen  gefunden 
ben,  ist  zum  grossen  Teil  darauf  zurückzuführen,  dass  eine  cigcn- 
:ige,  in  ihrem  Wesen  neue  Beziehung  zwischen  Haut  und  Gesamt- 
ganismus,  speziell  den  weissen  Blutkörperchen  des  peripheren 
•fässgebiets,  gefunden  wurde.  Erneut  wird  dadurch  die  Tatsache, 
ss  die  Haut  neben  ihren  Funktionen  nach  aussen  auch  bedeutungs- 
lle  nach  innen  gerichtete  besitzt,  in  den  Vordergrund  gerückt. 
F.  Müller  fand  nach  intrakutanen  Injektionen  von  Aolan,  physio- 
jischer  Kochsalzlösung,  Luft  usw.  eine  vorübergehende  Verminde- 
ng  der  Leuko'zytenzahl  im  peripheren  Gefässgebict  und 
klärt  diesen  Leukozytensturz  nach  intrakutaner  Injektion  durch 
■ukozytenverschiebung  vom  peripheren  in  das  zentrale  Gefäss- 
biet.  Auf  Grund  von  pharmakodynamischen  Prüfungen  macht  er 
r  diese  Verschiebung  der  Leukozyten  einen  durch  die  intrakutane 
jektion  ausgelösten  autonomen  Reflex  verantwortlich,  der  eine  Er¬ 
eiferung  der  vom  Splanchnikus  versorgten  Gefässe  bewirke. 

Auf  Anregung  von  Herrn  Prof.  Werther  habe  ich  an  der 
usseren  Abteilung  des  Friedrichstädter  Krankenhauses  in  Dresden 
einer  giösscren  Anzahl  von  Fällen  die  Aenderungen  der  Leuko- 
tenzahl  nach  intrakutanen  Injektionen  untersucht  und  konnte  bis 
i  wenige  Ausnahmen,  auf  die  ich  noch  besonders  eingehe,  den  von 
F.  Müller  beschriebenen  Leukozytensturz  feststellen.  Und  zwar 
hwankten  die  Leukozytenzahlensenkungen  zwischen  25  und 
Proz.  der  vor  der  Injektion  festgestellten  Leukozytenzahl .  Der 
urkozytensturz  trat  aber  nicht  nur  nach  intrakutanen  Injektionen, 
adern,  wie  bereits  von  anderer  Seite  berichtet,  auch  nach  \  er- 
hiedenen  Hautreizen,  auf.  In  den  meisten  Fällen  war  unmittelbar 
ch  der  intrakutanen  Injektion  eine  Leukozytensenkuug  nachweis- 
ir.  In  einigen  Fällen  war  die  maximale  Leukozytendifferenz  bereits 
ich  2 — 3  Minuten  erreicht,  so  dass  man  mit  Recht  von  einem  Leuko- 
tensturz  sprechen  kann.  Bei  der  Mehrzahl  der  Fälle  wurde  die 
edrigste  Leukozytenzahl  5 — 10  Minuten  nach  der  intrakutanen  Fi¬ 
ktion  erzielt.  Bemerkenswert  erscheint  mir  dabei  ferner,  dass  die 
;nkung  der  Leukozytenzahl  in  der  Regel  rascher  erfolgt  als  die 
ückkehr  zur  Norm.  Was  die  Intensität  der  Senkung  anbelangt,  so 
heint  jedem  Individuum  eine  nur  geringen  Schwankungen  unter- 
orfene  maximale  Leukozytensenkung  nach  intrakutaner  Injektion 
izukommen,  vorausgesetzt,  dass  unter  gleichen  äusseren  Bedingun- 
:n  untersucht  wird.  Um  diese  möglichst  gleichartig  zu  gestalten, 
ibe  ich  bei  jeder  Intrakutanimpfung  mit  0,5  Caseosan  3  Quaddeln 
je  %  cm  Abstand  angelegt.  So  wies  ein  Kranker  am  1.  Unter- 
ichungstage  eine  maximale  Leukozytendifferenz  von  30  Proz.,  am 
eine  von  36,  am  3.  eine  von  32  Proz.  auf,  ein  anderer  am  l.Unter- 
jchuugstage  eine  Leukozytendifferenz  von  52  Proz.,  am  2.  eine  von 
1  und  am  3.  eine  von  47  Proz.  Andere  Fälle  verhielten  sich  ähnlich, 
s  ist  nun  die  Frage,  ob  die  Intensität  der  Leukozytensenkung  von 
er  Beschaffenheit  der  Haut  abhängt,  ob  dafür  im  Anschluss  an  die 
eberlegungen  von  Glaser  und  E.  F.  Müller  der  Tonus  des 
egetativen  Nervensystems  verantwortlich  gemacht  werden  kann, 
der  ob  andere  unbekannte  Faktoren  auf  die  Leukozytensenkung  ein- 
irken.  Hoff  und  Waller  beschuldigen  bei  einem  Fall  für  das 
usbleiben  des  Leukozytensturzes  die  welke  Beschaffenheit  der 
aut.  Ich  habe  auch  den  Eindruck  gewonnen,  dass  bei  schlaffer  atro- 
hischcr  Haut,  besonders  bei  älteren  Leuten,  die  Leukozytensenkung 
ach  intrakutaner  Injektion  häufig  geringer  ist  als  bei  Jugendlichen; 
och  habe  ich  ein  gesetzmässiges  Verhalten  nach  dieser  Richtung 
in  nicht  feststellen  können.  Dagegen  ist  die  Ansicht  von  Glaser 
nd  E.  F.  Müller,  dass  die  Leukozytenzahl  nach  Auslösung  von 
trtonomen  Reflexen  Anhaltspunkte  für  die  Tonusverhältnisse  im 
egetativer  Nervensystem  gibt,  nicht  von  der  Hand  zu  weisen, 
edoch  muss  man  sich  vergegenwärtigen,  dass  die  Leukozytenzahl 
icht  nur  vom  vegetativen  Nervensystem  bestimmt  wird;  es  können 
i.E.  nur  häufig  vorgenommene  Auszählungen  und  wiederholte  Be¬ 
timmungen  der  Leukozvtendiffererrz  nach  intrakutanen  Injektionen 
inen  Schluss  auf  den  Tonus  im  vegetativen  Nervensystem  zulasren. 

Nach  subkutaner  Applikation  von  0,02  Pilokarpin  sah  ich  in  den 
on  mir  untersuchten  (4)  Fällen  ausgesprochene,  langdauernde  Lcu- 
openie  auftreten,  so  wie  sie  von  E.  F.  Müller  beschrieben  wurde, 
eukozytose.  die  Hoff  und  Waller  in  einem  Fall  nach  Pilokarpin 
gesehen  haben  und  die  nach  Meyer  und  Gott  lieb  die  Regel  sein 
oll,  konnte  ich  an  den  von  mir  untersuchten  Fällen  nicht  beobachten, 
•lach  subkutaner  Adrenalinzufuhr  beobachtete  ich  regelmässig  Leu- 
;ozytose,  die  durch  intrakutane  Injektion  aufgehoben,  zum  I  eil  in 
.eukonenie  verwandelt  wurde.  Ausgesprochene.  Leukopenie  sah  ich 
lach  Zufuhr  von  0,01  Pikrotoxin  subkutan.  Diese  Leukozyten sen- 
;ung  iibertrifft,  besonders  was  die  Dauer  anbelangt,  die  durch  mtia- 
uitanc  Injektion  ausgelöste  wesentlich.  Bei  einem  Kranken,  bei  dem 
ch  vor  der  Pikrotoxininjektion  15  400  Leukozyten  zählen  sonnte, 
-cnkte  sich  die  Leukozytenzahl  nach  der  Injektion  allmählich  auf  340  t 


und  erreichte  erst  nach  1  Stunde  35  Minuten  wieder  den  ursprüng¬ 
lichen  Wert.  In  einem  anderen  Fall  senkte  sich  die  Leukozytenzahl 
von  7100  nach  40  Minuten  auf  4800  und  erreichte  nach  1  Stunde 
25  Minuten  wieder  den  ursprünglichen  Wert.  Da  dem  Pikrotoxin 
neben  anderen  Wirkungen  eine  zentrale  Vaguserregung  zukommt, 
so  liegt  es  nahe,  diese  Leukozytensenkung  als  autonome  Reizung  auf¬ 
zufassen  und  mit  der  nach  Pilokarpin  beobachteten  Leukozytensen¬ 
kung  in  Parallele  zu  setzen.  Nur  in  einem  Fall,  auf  den  ich  wegen 
fehlender  Leukozytensenkung  nach  intrakutaner  Injektion  noch  ein- 
gehc,  sah  ich  auf  subkutane  Pikrotoxinapplikation  eine  ausgespro¬ 
chene  Leukozytose. 

Bei  der  Untersuchung  verschiedener  Hautkranker  auf  Leuko¬ 
zytensenkung  stiess  ich  auf  einen  Kranken,  dessen  seit  Jahren  am 
linken  Unterschenkel  bestehendes  Ekzem  sich  im  Anschluss  an  eine 
Skabies  fast  über  den  ganzen  Körper  ausgebreitet  hatte.  Ich  injizierte 
an  einer  unveränderten,  nicht  ekzematös  erkrankten  Hautstelle  0,5 
Caseosan  intrakutan.  Die  Quaddeln  Hessen  sich  gut  anlegen  und 
blieben  bis  zum  Ende  der  Untersuchung  bestehen.  Eine  wesentliche 
Aenderung  der  Leukozytenzahl  Hess  sich  nach  der  Injektion  nicht 
feststellen,  eine  2.,  3.  und  4.  Nachuntersuchung  im  Laufe  der  nächsten 
Woche  ergaben  das  gleiche  Resultat.  Auf  0,02  Pilokarpin  subkutan 
erfolgte  ebenfalls  keine  Leukozytensenkung,  und  auf  Pikrotoxin  0,01 
subkutan  trat  im  Gegensatz  zu  den  obenerwähnten  Befunden  eine 
Leukozytose  ein,  und  zwar  stieg  die  Leukozytenzahl  von  6800  auf 
1 1  400  nach  40  Minuten. 

Einen  zweiten  ähnlichen  Befund  konnte  ich  bei  einem  4  Wocnen 
bestehenden,  fast  den  ganzen  Körper  einnehmenden  Salvarsanerythem 
erheben.  Auch  hier  Hess  sich  sowohl  anfänglich  wie  bei  Nachunter¬ 
suchungen  kein  Leukozytensturz  nachweisen.  Bei  einem  anderen,  eben¬ 
falls  längere  Zeit  bestehenden  Salvarsanerythem  trat  auf  intrakutane 
Caseosaninjektion  nur  eine  geringgradige  Leukozytensenkung  ein;  die 
Leukozytendifferenz  betrug  15  Proz.,  während  sie  in  der  Norm  nicht 
geringer  als  25  Proz.  ist.  Nachuntersuchungen  ergaben  auch  in  die¬ 
sem  Fall  das  gleiche  Resultat.  Ich  glaube,  dass  man  deshalb  hier  von 
einem  abgeschwächten  Leukozytensturz  sprechen  kann. 

Bei  einem  fast  generalisierten  Ekzem  konnte  ich  bei  den  beiden 
ersten  Untersuchungen  keinen  Leukozytensturz  nachweisen;  später, 
als  das  Ekzem  fast  abgeheilt  war,  zeigte  sich  bei  nochmaliger  Prü¬ 
fung  ein  abgeschwächter  Leukozytensturz  mit  12  Proz.  Leukozyten¬ 
differenz. 

Ausserdem  fand  sich  noch  bei  einer  über  den  ganzen  Körper 
ausgebreiteten  Dermatitis  herpetiformis  (D  u  h  r  i  n  g)  ein  abge¬ 
schwächter  Leukozytensturz  mit  13  Proz.  Leukozytendifferenz;  dreh 
ist  dieser  Fall  deshalb  nicht  zu  verwerten,  da  das  Anlegen  der  intra¬ 
kutanen  Quaddeln  wegen  der  Hautbeschaffenheit  auf  Schwierigkeiten 
stiess. 

Diese  Befunde  könnten  zu  der  Ansicht  verleiten,  dass  man  bei 
allen  generalisierten  Dermatosen  einen  fehlenden  oder  abgeschwäch¬ 
ten  Leukozytensturz  zu  erwarten  habe.  Dem  ist  aber  nicht  so;  ich 
habe  eine  Anzahl  von  generalisierten  Dermatosen  mit  vollständig 
normalem  Leukozytensturz  untersuchen  können,  doch  hat  es  den 
Anschein,  als  ob  vorwiegend  lange  bestehende  generali¬ 
sierte  Dermatosen  einen  fehlenden  oder  abgeschwächten  Leukozyten- 
sturz  aufweisen. 

Zusammenfassend  wäre  zu  sagen,  dass  beim  Normalen  der  auf 
intrakutane  Injektion  eintretende  Leukozytensturz  eine  Leukozyten¬ 
differenz  von  mindestens  25  Proz.  bedingt  und  dass  bei  einigen  gene¬ 
ralisierten  Dermatosen  fehlender  und  abgeschwächter  Leukozyten¬ 
sturz  beobachtet  wurde.  Die  Versuche  machen  enge  Beziehungen 
zwischen  Hautorgan  und  vegetativem  Nervensystem  wahrscheinlich, 
und  es  ist  besonders  mit  Rücksicht  auf  die  N  e  v  e  r  m  a  n  n  sehen 
Untersuchungen  zu  vermuten,  dass  der  Leukozytensturz  nur  als  Teil 
einer  grossen,  den  Gesamtorganismus  beeinflussenden  Schutzfunktion 
der  Haut  gegen  äussere  Einflüsse  aufzufassen  ist. 

Literatur. 

Müller:  M.m.W.  1921  Nr.  29.  —  Müller:  M.m.W.  1922  Nr.  43.  — 
Müller:  M.m.W.  1922  Nr.  51.  —  Glaser:  Med.  Klinik  1922  Nr.  11.  — 
Nevermann:  M.m.W.  1921  Nr.  5.  —  N  e  v  e  r  m  a  n  n:  M.m.W.  1922  Nr.  4. 
—  Hoff  und  Waller:  M.m.W.  1923  Nr.  22. 


Aus  dem  Institut  für  Kolloidforschung  zu  Frankfurt  a.  M. 

Silberkohle  und  Silberbolus. 

Von  Prof.  Dr.  H.  Bechhold. 

Die  „Adsorptionstheorie“  kann  zwar  auf  eine  ehrwürdige  Ver 
gangenheit  zurückblicken  (schon  Dioscorides  empfahl  1  on  gegen 
Rotlauf  Gifte  usw.),  aber  erst  im  Weltkrieg  hat  sie  eine  ausgedehnte 
Anwendung  gefunden.  —  Ihr  Grundgedanke  ist  folgender:  Indifferente, 
unlösliche  Pulver  mit  grosser  Oberflächenentwicklung  haben  die 
Eigenschaft,  viele  gelöste  und  suspendierte  Stoffe  der  Lösung  zu 
entziehen  und  festzuhalten.  Es  ist  bekannt,  dass  man  Bleicherde, 
Fullererde  zur  Klärung  von  Flüssigkeiten,  Oelen  usw.  verwendet; 
Holz-  oder  Blutkohle  entzieht  gefärbten  Lösungen  den  Farbstoff.  Ls 
gehörte  früher  ja  zu  den  üblichen  Schulversuchen,  aus  Rotwein  Weiss¬ 
wein  zu  machen,  indem  man  ihn  mit  Kohle  schüttelte  und  filtrierte. 
Auch  Harn  kann  man  durch  Kohle  den  Farbstoff  entziehen;  ein  so  ent¬ 
färbter  Harn  lässt  sich  dem  blossen  Aussehen  nach  von  Wasser  nicht 

3* 


1150 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  a 


unterscheiden.  —  Aber  nicht  nur  gelöste  Stoffe  werden  adsorbiert, 
sondern,  wie  oben  bereits  angedeutet,  auch  suspendierte  Trübungen, 
z.  B.  Bakterien.  —  W  ie  ich  in  einer  früheren  Untersuchung1)  dar¬ 
gelegt  habe,  hängt  die  Adsorptionskraft  eines  Pulvers  für  Bakterien 
von  seiner  Oberflächenentwicklung  ab,  d.  h.  die  gleiche  Menge 
gleicher  Substanz  adsorbiert  stärker  als  feines  Pulver,  wie  als 
grobes.  Nähert  man  sich  jedoch  in  den  Dimensionen  der  Pulverteil¬ 
chen  der  Grössenordnung  der  Bakterien,  die  1—2  n  beträgt,  so  besteht 
k  e  ine  Proportionalität  mehr  zwischen  der  äusseren  Obor- 
ilächenent Wicklung  und  dem  Adsorptionsvermögen,  wie  nachstehende 
Tabelle  zeigt: 

Tabelle  1. 


Adsorbus 

Mittlerer  Durchmesser 
des  Korns  in  ß 

Grad  der  Adsorption  in  Proz. 
d.  absorb.  Bakterien 

Barium“uFat  .  . 

1.13 

95  9 

Kalziumoxalat  .  . 

1.41 

97  1 

Ton,  fein 

2.9 

75  35 

Ton,  grob  ... 

5.06 

62  32 

.Eisenoxyd  .  . 

5.44 

9  .67 

Tie»  kohle  .  . 

6.09 

99.93 

Bolus  .  . 

6.47 

94.93 

Kieselsäure  . 

6.84 

89.85 

Fullererde  .  ... 

6.9 

99  94 

Pflanzenkoble  ... 

7.3 

91197 

Trotz  ihres  relativ  groben  Kornes  überragen  Tier-  und  Pflanzen¬ 
kohle  sowie  Fullererde  alle  übrigen  Adsorbentien.  Diese  Verhältnisse 
bleiben  auch  die  gleichen,  ob  man  Gram-positive  Staphylokokken  oder 
Gram-negative  Bact.  coli  adsorbiert.  Die  Eigenschaft,  gelöste  Stoffe 
(z.  B.  I  oxine,  giftige  und  übelriechende  Stoffwechselprodukte  u  dgl ) 
sowie  Suspensionen  (Bakterien)  zu  adsorbieren,  führten  Stumpf 
und  Wiechowski  dazu,  sie  für  therapeutische  Zwecke  zu  empfeh¬ 
len.  Aeusserlich  kamen  infizierte  und  stark  sezernierende  Wunden  in 
Betracht,  ferner  katarrhalische  Prozesse  an  Schleimhäuten  (z.  B.  der 
Vagina).  Weit  ausgedehnter  aber  ist  die  Anwendungs¬ 
möglichkeit  bei  Magen-Darmaffektionen,  bei  Hyperazidität,  Diarrhöen, 
Flatulenzen  u.  dgl.  —  Teilweise  recht  gute  Ergebnisse  soll  ihre  A.r- 
Wendung  bei  I  yphus,  Paratyphus,  Dysenterie,  Cholera  gezeitigt 
haben.  Es  wird  angenommen,  dass  damit  das  Eindringen  der  Toxine 
in  den  Organismus  vermindert  wird  und  dass  die  in  ihrem  Bereich 
befindlichen  Bakterien  adsorbiert  und  mit  dem  Stuhl  nach  aussen 
befördert  werden.  Stumpf  propagierte  vor  allem  Bolus,  Wie¬ 
chowski  Kohle.  —  Der  weisse  Bolus  ist  an  sich  eine  sympathi¬ 
schere  Substanz  als  die  schwarze  Kohle,  welche  Kleidung  und 
Wäsche  bei  unvorsichtigem  Gebrauch  stark  verunreinigt.  —  Bolus 
besitzt  jedoch  das  weit  geringere  Adsorptionsvermögen  und  hat  d,e 
üble  Eigenschaft,  bei  Benutzung  per  os  im  Darm  zu  klumpen  und  die 
Peristaltik  in  zuweilen  gefährlicher  Weise  herabzusetzen,  zu  üblen 
Obstipationen  zu  führen.  Trotz  der  Farbe  wird  man  deshalb  im  all¬ 
gemeinen,  bei  internem  Gebrauch  der  Kohle  den  Vorzug  geben,  wäh¬ 
rend  äusserlich  auch  Bolus,  oder,  was  sich  auf  Grund  obiger  Ergeb¬ 
nisse  mehr  empfehlen  würde,  Fullererde  in  Frage  kommt. 

Vor  einigen  Jahren  verfolgte  ich  nun  den  Gedanken,  mit  dem 
rang  der  Bakterien  durch  adsorbierende  Pulver  auch  eine  Abtötun" 
derselben  zu  verbinden.  Die  betreffenden  Pulver  sind  zwar  „Bak¬ 
terienfallen“,  aber  die  Entwicklung  der  Bakterien  wird  durch  sie 'nicht 
gehemmt.  Es  handelte  sich  für  mich  darum,  ein  möglichst  indiffc- 
r  e  n  t  e  s  Desinfiziens  zu  finden,  das  von  den  Sekreten  oder  bei  der 
Passage  durch  Magen  und  Darm  nicht  abgelöst  wird.  —  Da  ich  in 
dem  Silber  einen  Stoff  kennen  gelernt  hatte.*  der  höchste  Desinfek¬ 
tionskraft  mit  den  obigen  Forderungen  verband,  so  stellte  ich  mir  zu¬ 
nächst  zur  Ausprobierung  der  Wirkung  Bolus  her,  dessen  Einzel¬ 
körnchen  mit  einer  zarten  Silberschicht  bedeckt  waren;  in  meinen 
Voraussetzungen  hatte  ich  mich  nicht  getäuscht. 

Für  die  Durchführung  eines  solchen  Verfahrens  in  ausgedehn¬ 
terem  Maasse  genügen  jedoch  nicht  die  Laboratoriumsverhältnissc 
Ich  wandte  mich  daher  an  die  „Chemische  Fabrik  von  Heyden“,  die 
mich  in  dankenswerter  Weise  bei  meinen  weiteren  Studien  unter¬ 
stützte. 

Zunächst  handelte  es  sich  darum,  festzustellen,  ob  Bolus  und 
Kohle  in  ihrer  Adsorptionskraft  durch  die  Versilbe¬ 
rung  nicht  geschädigt  werden.  Dazu  wurde  in  Vorversuchen  die 
Adsorptionsfähigkeit  an  Methylenblau  geprüft,  wie  sie  das  „Ergän¬ 
zungsbuch  zu  dem  D.  Arzneibuch“,  herausgegeben  vom  Apotheker¬ 
verein,  vorschreibt.  Die  Stärke  der  Adsorption  wurde  an  der  über¬ 
stellenden  (nicht  adsorbierten)  Methylenblaulösung  durch  Vergleich 
an  einer  Farbenskala  gemessen.  Es  wurden  0,7,  0,6  und  0,5  g  Bolus 
mit  je  10  ccm  einer  1  prom.  Methylenblaulösung  2  Minuten  lang  ge¬ 
schüttelt.  Als  besonders  instruktiv  greife  ich  den  Versuch  mit  06  g 
heraus  (siehe  Tabelle  2).  . 

c  •  ParauS  ,erRibt  s„icfl  die  überraschende  Tatsache,  dass  sämtliche 
"u'b,e/bo,lu,spräparate  ’n  ihrer  Adsorptionsfähigkeit  gegen¬ 
über  Methylenblau  dem  ursprünglichen  Bolus  überlegen 
sind  Das  gleiche  ergab  sich,  bei  Verwendung  von  0,5  und  0,7  g 
Die  stärkste  Adsorptionskraft  zeigte  das  0,2  proz.,  das  0,5  proz.  und 
das  1  proz.  Silberpräparat. 


*)  Bechhold:  Probleme  der  Bakterienadsorption, 
o.  35  u.  ff. 


Kolloidzeitschr.  23, 


Tabelle  2. 


0.6  g  Bolus  mit  einem  Ge¬ 
halt  von  Silber  in  Proz.  des 
Bolusgewiehts 

Befund  i  ausgedrückt  in  der 
Konzentration  des  nicht 
adsorbierten  Methylenblau! 

_ 

1  :  125  000 

0,1  Proz.  Ag 

<1  :  400  000 

0,2  „ 

fast  farblos 

fyö  „  ft 

1,0  „  „ 

1  :  200000  (missfarbig, 

Auf  entsprechende  Versuche  an  Kohle  konnte  ich  um  so  ehe 
verzichten,  als  die  nachstehend  beschriebenen  Versuche  an  Bak 
terien,  die  ja  den  Kern  der  Frage  behandeln,  auch  mit  Kohle  an 
gestellt  wurden. 

Bevor  ich  auf  diese  eingehe,  sei  jedoch  erwähnt,  dass  für  Kohl« 
zunächst  ein  Präparat  von  besonderer  Adsorptionskraf 
ausgesucht  wurde.  Vor  allem  durch  die  umfangreichen  Versuche  i.i 
Krieg  zur  Verbesserung  der  Gasmasken,  bei  denen  Kohle  zur  Ad 
Sorption  von  Gasen  diente,  ist  allgemeiner  bekannt  geworden,  wk 
verschieden  die  Adsorption  von  Kohle,  je  nach  Herkunft  und  Behand¬ 
lung  sein  kann. 

Es  wurden  5  verschiedene  Kohlesorten  mit  0,5  Proz.  ihres  Ge¬ 
wichts  an  Silber  imprägniert.  Je  1,5  g  davon  wurden  5  Minuten  lans 
mit  50  ccm  einer  1  proz.  Methylenblaulösung  geschüttelt  und  durch 
ein  kleines  Filter  filtriert;  der  Gehalt  des  Filtrats  an  Methylenbla'; 
wurde  Kolorimetrisch  bestimmt.  Es  ergab: 

Tabelle  3. 

Von  100  g  der  Kohlesorte  wurde  Methylenblau  adsorbiert 

26,6  g 


32,0 

21,7 

21,7 

33,0 


ein- 


Es  ergab  sich  somit,  dass  Silberkohlesorte  5  ein  Drittel  ihres 
Gewichts  an  Methylenblau  zu  adsorbieren  vermochte. 

Bakterie n adsorption  durch  Silberbolus  und 

Silberkohle. 

Bei  der  Anstellung  dieser  Versuche  wurde  von  folgender  Ucber- 
legung  ausgegangen:  Schüttelt  man  ein  Adsorbens  mit  einer  Bak- 
terienaufschwemmung  und  zentrifugiert  alsdann  kurz,  so  wird  sich  die 
Starke  der  Adsorption  aus  der  Keimabnahme  in  der  über  dem  Zentri- 
Rundlichen  Flüssigkeit  ergeben.  In  dem  vorliegenden  Fall  muss 
die  Zeitdauer  des  Schütteins  und  des  Zentrifugierens  möglichst  abge¬ 
kürzt  werden,  da  sonst  Keimschädigung  durch  Silberionen 
treten  kann. 

i  Y  0  s  11  c  h  s  a  n  o  r  d  n  u  n  g:  2  Oesen  einer  Bakterienkultur  wu 
den  m  20  ccm  physiol.  Kochsalzlösung  verteilt  und  vermittels  Ni 
P  lelometers  auf  ihre  Dichtigkeit  an  einem  Trübungsstandard')  g' 
messen;  a  sdann  wurde  sie  soweit  verdünnt,  dass  sie  V«  des  Tri 
bimgsstandards  entsprach.  Davon  wurden  je  2  ccm  mit  physiol.  Kocl 
Salzlösung  verdünnt  und  mit  5  ccm  einer  Bolus-  bzw.  Silber 
b  o  1  u  s  -  bzw.  Ko  hie-  bzw.  Silberkohleaufschwemmun 
1  Minute  geschüttelt.  Von  B  o  1  u  s  bzw.  S  i  1  b  e  r  b  o  1  u  s  wurde  ein 
4  proz.  Aufschwemmung  genommen,  von  Kohle  bzw.  Silber 
Koni  e  in  Anbetracht  von  deren  weit  höherem  Adsorptionsvermöge 
eine  nur  -  proz.  Nach  dem  Schütteln  wurde  eine  Minute  zentrifi 
giert  und  1  ccm  von  der  überstellenden  Flüssigkeit  auf  Platten  gc 
gossen.  —  Als  Testbakterium  diente  B.-Koli.  —  Auf  die  Anführun 
es  umfangreichen  Zahlenmaterials  will  ich  hier  verzichten  und  mic 
aut  das  Ergebnis  beschränken.  Es  zeigte  sich  nämlich,  dass  ebens 
wie  gegenüber  Methylenblau  auch  gegen  Bakterien  durc 
.  -eL+VerASJ  beru.ng  der  Bolus  und  die  Kohle  eine  er 
h  o  (i  t  e  A  d  s  o  r  p  t  i  o  n  s  k  r  a  f  t  gewinnen.  Am  besten  bewährt 
sich  wieder  die  mittlere  Silberkonzentration  (bei  Bolus  1  Proz.  um 
0,5  Proz.  Ag,  bei  Kohle  0,5  Proz.  und  0,2  Proz.  Ag). 

iJ-eitinfi.ek1t.0rische  WirkunS  von  Sil  b  erhol  us  unc 
Silberkohle  gegen  verschiedene  B a  k  t  e r i e n a r t e n 

Am  wichtigsten  für  unsere  Frage  war  der  desinfektorische  Effek 
dieser  versilberten  Pulver.  • 

c-n,AIJCl1  Ilier  yu.Tde  wieder  aus  technischen  Gründen  mit  4  proz 
er  u rJi °  R  .Rd  2proz-  Silberkohleaufschwemmungen  operiert  - 
(Tabelle  4  siehe  nächste  Seite.) 

Ql.,Pei  sämtlichen  geprüften  Bakterienarten  wurde  somit  durch  dei 
S. Iberbolus  die  Zahl  der  lebenden  Keime  ausser- 
ordentlich  herabgesetzt.  Wie  nicht  anders  zu  erwarten 
bestand  eine  gewisse  Proportionalität  zwischen  Silbcrgehalt  und  des- 
k  0^cherA  W-rhung  Es  ist  sogar  überraschend,  dass  ein  Gehall 
von  2  Proz  Ag  (des  Bolusgewichts)  genügte,  um  sämtliche  Keime  an 
der  Entwicklung  zu  hindern.  —  Die  Verschiedenheit  der  verschiedener 
Bakterienarten  ergibt  sich  aus  deren  verschiedener  Resistenz  gegen 


2)  Vgl.  Bechhold 
zeitschr.  31,  S.  132  u.  ff. 


und  Hehler:  Ein  Trübungsstandard.  Kolloid- 


September  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1151 


Tabelle  4. 


SH& - 

Bolus 

Silberbolus 

Silberbolus 

Silberbolus 

Bakterienart 

(Kontrolle) 

mit  2  Proz.  Ag 

mit  1  Proz.  Ag 

mit  0,5  Proz.  Ag 

Coli  .  ■ 

OO 

0 

1844 

1817 

ratyphus  .... 

OO 

0 

0 

2289 

phus  . 

•h  24  h  •)  .  .  .  . 

00 

00 

0-18 

954-800 

48  b  *)  .  .  .  • 

oo 

0 

6 

,  72h  *)  ... 

aphylokokken 

00 

80 

'  0 

eh  24  h . 

00 

4 

,  48h . 

00 

0 

80 

-)  Nach  24  h,  48  h,  72  h  heisst:  nachdem  die  Agarplatte  24,  48,  72  h  im  Brut- 
hrank  gestanden  hat,  so  dass  geschwächte  Keime  auswachsen  können. 


Bei  der  Kohle  wurde  von  geringerem  Silbergehalt  ausgegangen. 
ie  Ergebnisse  zeigt 

Tabelle  5. 


Bakteriennrt 

•  Kohle 
(Kontrolle) 

Silberkohle 
mit  0,5  Proz.  Ag 

Silberkohle 
mit  0,2  Proz.  Ag 

SilberkohleT 
mit  0,1  Proz.  Ag 

.  Coli . 

OO 

200 

954 

aratvphus  .... 
ach  24  h  .  .  . 

00 

0—3 

47—640 

3688-4722 

72h  .  . 

00 

3  -100 

vphus  .  .  . 

oo 

0 

381—400 

4—450 

taphylok.  (aureus) 

00 

5596 

Aus  dieser  Tabelle  ergibt  sich,  dass  auch  Silberkohle  die  Zahl 
er  entwicklungsfähigen  Keime  ausserordentlich  herabgesetzt  und  dass 
ine  0,5  proz.  Silberkohle  (0,5  Proz  Ag)  in  2  proz.  Aufschwemmung  in 
irer  Wirkung  etwa  einem  1  proz.  Silberbolus  in  4  proz.  Aufschwem- 
lung  entspricht.  Die  Silberkohle  ist  somit  unter  gleichen  Bedin- 
ungen  dem  Silberbolus  weit  überlegen.  —  Nur  gegen  Staphylo- 
okken  ist  dem  Silberbolus  eine  stärkere  desinfektorische  Wirkung 
uzuschreiben;  es  mag  dies  vielleicht  mit  den  physikalischen  Eigen- 
chaften  des  Bolus  gegen  die  Bakterienhaufen  von  Staphylokokkus 
usammenhängen.  Verwendet  man  2  proz.  Silberkohle,  so  kann  man 
ucii  bei  Staphylokokken  die  Keimzahl  auf  0  herabsetzen. 


Schliesslich  war  noch  im  Tierversuch  zu  prüfen,  ob  Silber- 
cohle  bei  Eingabe  per  os  keine  schädigende  Wirkung  hat.  —  Es 
vurden  2  Sorten  0,5  proz.  Silberkohle  mit  der  neunfachen  Menge 
Vasser  angerührt  und  davon  je  100  ccm  wiederholt  an  verschiedenen 
Tagen  Kaninchen  durch  Schlundsonde  eingeführt.  — -  Beim  Anrühren 
nit  Wasser  gab  das  eine  Präparat  eine  leichtflüssige  Suspension, 
.vährend  das  andere  stark  klumpte  und  bei  der  Sondenfütterung  ziem- 
iche  Schwierigkeiten  machte. 

Durch  die  Fütterung  mit  Silberkohle  wurde  die  Temperatur  der 
Tiere  nicht  wesentlich  verändert;  dieFresslust  war  im  allgemeinen  un¬ 
verändert;  nur  einmal  war  am  dritten  Tage  nach  Zuführung  des  einen 
Präparats  die  Fresslust  etwas  vermindert,  was  aber  auch  anderen 
Umständen  zugeschrieben  werden  kann.  Der  Kot  war  unverändert. 
Gewicht  nicht  erkennbar  verändert.  —  Die  sehr  grossen  Dosen 
Silberkohle  haben  keine  erkennbare  Einwirkung  auf  das  Befinden 
von  Kaninchen  gezeigt.  — -  Für  die  Klinik  wäre  noch  erwähnenswert, 
ob  nicht  der  erhöhte  desinfektorische  Effekt 3)  nutzbar  gemacht  wer¬ 
den  sollte,  der  sich  aus  der  Mischung  von  Pulvern  mit  verschiedenen 
Metallüberzügen  ergibt,  die  sich  auch  in  den  Kombinationen  kolloi¬ 
der  Metalle  (Kuprokollargol,  Aurokollargol)  bewährt. 

Zusammenfassung:  Silberkohle  mit  einem  Gehalt  von 
0,5  bis  0.2  Proz.  Silber  und  Silberbolus  mit  einem  Gehalt  von 
0,5  bis  1  Proz.  Silber  haben  ein  höheres  Adsorptionsver¬ 
mögen  für  Bakterien  als  gewöhnliche  (unversilberte)  Kohle  bzw. 
Bolus.  Das  gleiche  zeigt  die  übliche  Adsorptionsprobe  gegen  Me¬ 
thylenblau. 

Die  von  der  Silberkohle  bzw.  dem  Silberbolus  adsorbierten 
Bakterien  werden  in  ihrer  Entwicklung  ausserordentlich 
geschädigt,  so  dass  bei  genügendem  Silbergehalt  die  Zahl  der 
entwicklungsfähigen  Keime  auf  0  herabgesetzt  werden  kann.  Auch 
bei  geringem  Silbergehalt  (0,5  bzw.  1  Proz.)  wird  die  Keimzahl  von 
oo  (unendlich)  je  nach  der  Bakterienart  auf  eine  geringe  Zahl  bis 
0  herabgesetzt  (s.  Tabelle  4  und  5).  Im  allgemeinen  erweist  sich 
Silber  kohle  sowohl  im  Adsorptions-,  als  auch  Desinfektionsver¬ 
mögen  dem  Silberbolus  von  gleichem  Silbergehalt  weit 
überlegen.  Nur  gegenüber  Staphylokokken  trifft  dies  für  das 
Desinfektionsvermögen  nicht  zu. 

Schlundsondenfütterung  von  Kaninchen  mit  0,5  proz; 
Silberkohle  hatte  keine  nachteilige  Einwirkung  aui 
deren  Befinden. 


3)  Bechhold'  Adsorptivdesinfektion  durch  Metallkombinationen  und 
disperse  galvanische  Ketten.  Zschr.  f.  Elektrochemie  1918  Nr.  11/12. 

Nr.  36. 


Aus  der  Universitäts-Kinderklinik  zu  Köln. 

(Leiter:  Qeheimrat  Siege rt.) 

Aus  der  Neurologie  des  Kleinkindesalters. 

Von  Prof.  Dr.  Erwin  Thomas,  Oberarzt  der  Klinik. 

1.  Eigenartige  Stereotypien  bei  Kreuzschädel  und  Anämie. 

Zufällig  konnten  hier  gleichzeitig  zwei  Kleinkinder  beobachtet 
werden,  welche  bezüglich  einer  Anzahl  von  krankhaften  Zeichen  der¬ 
artig  übereinstimmten,  dass  die  Frage  nahelag,  ob  es  sich  hier  um 
Typen  handle  mit  einem  bestimmten  Syndrom,  zumal  mir  ähn¬ 
liche  frühere  Fälle  im  Gedächtnis  sind,  über  die  ich  aber  keine  Auf¬ 
zeichnungen  besitze. 

1.  Kind  Kl.  Hans,  2  Jahre  alt.  Kopfumfang  45  cm,  Brustumfang  42  cm, 
Länge  74>4  cm,  Gewicht  um  7000  g.  Massiger  Ernährungszustand.  Bleiche 
Farbe  von  Haut  und  Schleimhäuten.  Stirn  steil  aufsteigend  (nach  Art  eines 
Turmschädels),  Stirn-  und  Scheitelbeinhöcker  stark  prominent,  bedingen  einen 
Längs-  und  einen  Quersattel,  die  sich  rechtwinklig  schneiden.  Gr.  Fontanelle, 

2  cm  vom  Schnittpunkt  aus  nach  vorn  gelegen,  noch  ein  wenig  offen.  Rän¬ 
der  an  dieser  Stelle  aufgeworfen  und  hart.  Hinterkopf  hart,  etwas  abgeplattet, 
Haare  abgescheuert.  Mässiger  Exophthalmus,  kein  Nystagmus.  Nasenatmung 
frei,  lymphatische  Gebilde  im  Rachen  nicht  vergrössert.  Verbreitete  kleine, 
harte  Drüsenschwellungen.  Keine  rachitischen  Veränderungen  am  Brustkorb. 
Innere  Organe  o.  B.,  Milz  eben  tastbar,  Epiphysenenden  nicht  aufgetrieben, 
auch  röntgenologisch  o.  B.  2  Knochenkerne  (Kapitulum  und  Hamatum). 
Keine  Zeichen  von  Spasmophilie.  Pi.  — ;  Wa.  — . 

Blutbefund  bei  wiederholten  Untersuchungen:  Erythrozyten  um  4  000  000;  . 
Hämoglobin  stark  vermindert  (35°  bis  40  Proz.  Authenrieth).  Leukozyten 
wenig  vermehrt,  geringe  Vermehrung  der  einkernigen  Elemente,  besonders 
der  Lymphozyten.  Starke  Verminderung  der  Eosinophilen.  Spärliche  kern¬ 
haltige  Rote. 

Kind  sitzt  mit  leichter  Kyphose  aufrecht,  hält  den  Kopf  gut.  Beschäftigt 
sich  wenig  mit  seiner  Umgebung,  führt  hingegen  fast  ununterbrochen  kompli¬ 
zierte  Handbewegungen  aus  (s.  u.).  Dabei  häufig  Grimmassieren  und, 
im  Liegen  Wackeln  mit  dem  Kopf.  Reagiert  prompt  auf  Schmerzreize. 

Die  Ernährung  des  Kindes,  welche  neben  Milchreduktion  ausgiebig 
Fleisch-  und  Pflanzensaft  heranzog,  gestaltete  sich  schwierig  bei  der  Zufuhr 
von  Breien. 

2.  Kind  K.  Heinrich,  lX>  Jahr  alt.  Kopfumfang  47,5  cm,  Brustumfang 

44  cm,  Länge  75  cm,  Gewicht  um  8000  g.  Der  übrige  somatische  Befund  wie 

bei  1,  nur  hier  Epicanthus,  und  zu  Beginn  mittelgrosser  Milztumor,  der 

schliesslich  verschwindet.  Die  Schädeldeformität  war  gegenüber  dem  vori¬ 
gen  Fall  etwas  geringer  ausgeprägt. 

Der  Blutbefund  bei  wiederholten  Untersuchungen:  Erythrozyten  um 

3  000  000,  Hgl.  um  35  Proz.,  Leukozyten  ca.  12  000,  Lymphozyten  ca.  50  Proz., 
Mononukleäre  ca.  10  Proz.,  Neutrophile  35  Proz.,  einzelne  kernhaltige  Rote. 

Zur  Zeit  seiner  Aufnahme  war  das  Kind  viel  mehr  abweisend  und  nur 

mit  sich  beschäftigt,  während  es  später  nach  Spielzeug  griff,  um  sich  aller¬ 

dings  nur  kurz  damit  zu  befassen.  Die  Bewegungen,  welche  unten  näher 
geschildert  werden  sollen,  wurden  in  der  letzten  Zeit  nur  selten  mehr  mit 
beiden  Händen  ausgeführt.  Die  Aufnahme  von  breiartiger  Nahrung  machte 
während  der  ganzen  Dauer  der  Anwesenheit  ausserordentliche  Schwierig¬ 
keiten.  Die  Milchmenge  war  stark  reduziert  und  Fleisch-  sowie  Frucht¬ 
säfte  in  grösserer  Menge  dargereicht. 

In  beiden  Fällen  handelte  es  sich  um  den  pseudochlorotischen  Typ 
der  alimentären  Anämie,  den  Kleinschmidt  als  leichte  Erschei¬ 
nungsform  der  letzteren  bezeichnet. 

Eigenartig  war  das  psychische  Verhalten  der  beiden  Kinder.  In 
wachem  Zustand  führten  sie  fast  ununterbrochen  mit  den  Händen, 
dem  Gesicht  oder  der  Zunge,  mit  dem  Kopf  Bewegungen  aus.  Ihr 
Interesse  an  der  Umwelt  war  ein  geringes,  das  zweite  Kind  spielte 
später  mit  einfachen  Gegenständen,  die  man  ihm  in  die  Hand  gab. 
Aber  auch  dabei  erlahmte  das  Interesse  sehr  schnell.  Die  Kinder 
waren  zu  sehr  mit  sich  und  den  eigenartigen  Bewegungskombina¬ 
tionen  beschäftigt.  Während  z.  B.  die  Innenfläche  der  einen  Hand 
mit  bedeutender  Kraft  gegen  die  Wange  geschlagen  wurde,  führte 
die  andere  Hand  eine  Art  Winkbewegungen  aus.  Oder  die  Finger 
der  einen  Hand  zeigten  bizarre  Ueberstreckungen  und  Verdrehungen, 
während  der  Daumen  der  anderen  kräftig  gegen  die  Stirne  gestossen 
wurde.  Dabei  wurde  der  Kopf  auf  der  Unterlage  hin  und  her  gedreht. 
Kind  1  machte  mit  dem  Gesicht  öfters  grimassierende  Bewegungen; 
Kind  2  schnalzte  mit  seiner  dicken,  etwas  vorliegenden  Zunge.  Im 
allgemeinen  wurde  jede  Bewegungskombination  in  den  oberen  Ex¬ 
tremitäten  etwa  3 — 6  mal  hintereinander  ausgeführt,  und  zwar  mit 
absoluter  Gleichmässigkeit,  dann  kam  eine  neue  Serie  von  unter  sich 
gleichen  Kombinationen  anderer  Art.  Plötzlich  wurden  die 
Hände  ruhig  gehalten  und  die  Kinder  betrachteten  schein¬ 
bar  mit  dem  grössten  Interesse  die  Rückseite  ihrer  Finger.  Dann 
begannen  sie  von  neuem.  Da  die  unter  sich  verschieden¬ 
artigen  Aktionen  der  beiden  Hände  mit  Kopfwackeln  und  \  er- 
ziehungen  kombiniert  waren,  boten  die  Kinder  das  Bild  einer 
ausserordentlich  verbreiteten  und  vielseitigen  Unruhe  dar.  Vor 
|  allem  musste  die  Unabhängigkeit  auffallen,  mit  der  die  ein¬ 
zelnen  Bewegungen  ausgeführt  wurden.  Während  wir  wissen,  dass 
j  besonders  beim  Kind  kräftige  Bewegungen  des  einen  Arms  eine 
mehr  oder  minder  gleichartige  Mitbewegung  des  anderen  hervorruien, 
also  eine  Abhängigkeit  der  nicht  bewusst  innervierten  Seite  von 
|  den  Impulsen  der  bewusst  innervierten  beobachten,  finden  wir  hier 
I  eine  weitgehende  Dissoziation,  nicht  nur  unter  den  Muskeln  der 
gleichen,  sondern  vor  allem  auch  der  entgegengesetzten  Seite,  so 
dass  es  sogar  für  den  Erwachsenen  schwer  wäre,  beide  Hände  so 
unabhängig  von  einander  kräftig  in  'Tätigkeit  zu  setzen,  ganz  ab¬ 
gesehen  davon,  dass  die  bizarren  Stellungen  der  Finger  zu  einander 


1152 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


im  späteren  Leben  nicht  mehr  ausführbar  sind.  Die  Fähigkeit  weit¬ 
gehender  Ueberstreckung,  der  Verlust  der  allseitigen  Beweglichkeit 
in  den  Fingern  III— V  usw.  geht  im  Laufe  der  normalen  Entwickelung 
dadurch  verloren,  dass  durch  die  Anforderungen  des  praktischen 
Lebens  die  Finger  allmählich  nur  auf  bestimmte  Bewegungsrichtungen 
festgelegt  werden,  während  sie  bei  jenen  schwachsinnigen  Kindern, 
welche,  autonom,  ihre  Uebcrstreckungs-  und  Verdrehungsbewegungen 
fortsetzten,  erhalten  bleibt. 

Wie  verhalten  sich  die  hier  beschriebenen  Bewegungsfolgen  anderen 
wohlcharakterisierten  gegenüber?  Bei  choreatischen  Bewegungen 
gleicht  keine  der  vorausgehenden  Bewegungen  der  folgenden,  während  wir  in 
unseren  Fällen  Serien  von  ganz  gleichen  haben.  Die  Ticks  zeigen  eine 
deutliche  Monotonie,  selbst  wenn  sie  als  sog.  'koordinatorische  den 
Eindruck  von  Zielbewegungcn  machen.  Als  einfache  Ticks  wären  höchstens 
das  Zungenschnalzen,  das  Kopfwackeln  hierher  zu  rechnen. 

Neben,  diesen  kommen  bei  unseren  Kindern  auch  solche  vor, 
welche  Aehnlichkeit  mit  Affekt-  und  Zielbewegungen  haben,  z.  B. 
Winkbewegungen.  Es  ist  eben  dann  Zufall,  dass  unter  den  Be¬ 
wegungen  einmal  eine  solche  gewählt  wird,  welchen  einen  bestimm¬ 
ten  Sinn  unterzulegen  man  sich  gewöhnt  hat. 

Die  erhöhte  psychomotorische  Dissoziationsfähigkeit  der  beiden 
oberen  Extremitäten  kommt  übrigens  bei  Schwachsinnigen  oder 
wenigstens  zeitweise  geistig  zurückgebliebenen  Kindern  öfters  vor. 
Bei  einem  mongoloiden  Idioten  konnte  sie  ebenfalls  beobachtet 
werden,  es  waren  ähnliche  Serien  stereotyper  Bewegungen,  welche 
das  Kind  schon  mit  4  Monaten  ausführte.  (Ausserdem  betrachtete 
das  Kind  schon  in  dieser  Zeit  anscheinend  mit  grossem  Interesse  die 
Rückseite  seiner  Finger.)  Der  frühe  Eintritt  einer  weitgehenden 
Dissoziationsfähigkeit  in  den  beiderseitigen  kräftigen  Hand¬ 
bewegungen  wie  des  Fingerbetrachtens  hatte  hier  zweifellos  etwas 
Auffallendes. 

Ebenso  wie  man  übrigens  von  erhöhter  Dissoziation  spricht,  könnte  man 
freilich  auch  von  mangelnder  Konsoziation  sprechen.  Der  Hergang  ist  offen¬ 
bar  der,  dass  durch  die  manuelle  Beschäftigung  mit  Gegenständen  der  Um¬ 
gebung  immer  mehr  Konsoziationen  ausgebildet  werden,  allmählich  wird, 
wenn  schon  beide  Hände  gleichzeitig  benutzt  werden,  eine  immer  grössere 
Anzahl  von  synergischen  Innervationen  der  Hände  stabilisiert,  gleichlaufend 
mit  der  Ausbildung  des  linken  Praxiezentrums.  Was  bei  dem  mongoloiden 
Kind  auffiel,  war,  dass  die  beschriebenen  Bewegungen  schon  in  frühen  Lebens¬ 
monaten  auftraten,  ebenso  wie  das  Fingerbetrachten  auffallend  häufig  bemerkt 
werden  konnte.  Man  könnte  hierbei  an  Ueberwertigkeiten  denken,  wie  sie 
bei  Schwachsinnigen  auf  anderen  Gebieten  etc.  bekannt  sind. 

Die  Bewegungen,  die  ans  Winken,  an  Händeschütteln  usw.  er¬ 
innern,  werden  von  älteren  Säuglingen  schon  einmal  ausgeführt,  auch 
doppelseitig  und  dissoziiert.  Sie  treten  aber  nicht  in  Form  von 
Serien  auf.  Ebenso  treffen  wir  das  Fingerbeobachten  bei  Säuglingen 
öfters  an.  Es  verschwindet  dann  wieder,  oder  wird  selten,  weil  das 
normale  Kind,  in  regem  Konnex  mit  der  Aussenwelt  stehend,  alsbald 
seine  Beobachtung  und  auch  seinen  Spieltrieb  von  der  eigenen  Person 
ab-  und  der  Umwelt  zuwendet.  Bei  konstitutionell  Minderwertigen 
nehmen  die  eigenartigen  Bewegungen  grössere  Intensität  an 
und  erhalten  sich  bis  in  ein  späteres  Alter.  Begünstigend 
auf  ihre  Dauer  und  Intensität  wirkt  offenbar  der  Aufenthalt 
in  Anstalten,  wo  sie  psychisch  nicht  in  der  Weise  angeregt  werden, 
wie  durch  Eltern  und  ältere  Geschwister.  Solche  Kinder  zeigen  oft 
Spasmus  nutans  (ohne  Nystagmus)  nebenher.  Bei  gewissen 
Arten  von  Idioten  bleiben  die  stereotypen  Be¬ 
wegungen  sodann  während  des  ganzen  Lebens  er¬ 
halten. 

Das  Kind  D.,  eine  Vollidiotin  von  12  Jahren,  welche  die  merkwürdig¬ 
sten,  öfters  dissoziierten  Bewegungen  mit  beiden  Händen  machte,  schüttelte 
unter  einer  Art  Brummen  den  Kopf  und  neigte  den  Körper  vor  und  zurück, 
uleichzeitig  fanden  z.  B.  rotierende  Bewegungen  mit  der  Spitze  des  Zeige- 
fingers  auf  der  Innenfläche  der  anderen  Hand  statt.  Plötzlich  hielt  sie  still 
und  betrachtete  mit  grossem  Interesse  ihre  Finger,  eine  komisch  aussehende 
Bewegung,  die  oft  auftrat. 

Dieses  Händebesehen  ist  aber  zweifellos  ein  infantilistisches  Merk¬ 
mal,  das  Symbol  einer  egozentrischen  Einstellung,  und  die  Stereotypien, 
welche  Weygand  t  und  Kraepelin  geradezu  als  Kennzeichen  schwerer 
Idiotien  bezeichnen,  sind  m.  E.  Aeusserungen  eines  auf  die  eigene  Person  be¬ 
schränkt  gebliebenen  gefrorenen  Spieltriebes,  der  allmählich  etwas  Starres 
und  Unveränderliches  bekommt,  durch  Eintönigkeit,  Dauer  und  Maniriertheit 
ausgezeichnet  ist. 

Es  möge  übrigens  daran  erinnert  werden,  dass  ein  Teil  dieser  Be¬ 
wegungen,  namentlich  der  einfacheren,  z.  B.  die  Ticks,  zweifellos  eine  o  r  g  a  - 
n  i  s  c  h  e  Grundlage  haben  können,  oder  wenigstens  häufig  bei  solchen  Idioten 
gefunden  werden,  deren  Gehirn  anatomische  Veränderungen  als  Folge  der 
verschiedenartigsten  Prozesse  darbot.  Es  ist  hier  besonders  auf  Wey¬ 
gand  t  zu  verweisen  (Aschaffenburgs  Handbuch). 

Bei  unseren  beiden  Kindern  Hess  sich  nur  am  Schädel  Rachitis 
Nachweisen  (Kreuzschädel,  offene  Fontanelle,  Rückständigkeit  der 
Dentition).  Der  Einfluss  der  Rachitis  auf  das  psychische  Verhalten 
ist  kürzlich  durch  Czerny  ausführlich  dargelegt  worden.  Im 
Vordergrund  steht  die  Bewegungsunlust,  die  Apathie,  die  geminderte 
Reaktionsfähigkeit  auf  optische  und  akustische  Reize.  Das  psychische 
Verhalten  dieser  beiden  Kinder  entsprach  indessen  nicht  diesem  Bilde, 
da  ja  auch  eine  floride  Rachitis  nicht  bestand.  Sie  sassen  oft  lange 
Zeit  aufrecht  und  zeigten  dabei  die  beschriebene  erhöhte  Motilität, 
die  sich  durch  ihre  mangelhafte  Reaktionsfähigkeit  der  Aussenwelt 
gegenüber  auszeichnete. 

-  •  ^,r  0  u  kürzlich  eine  Schädelform  bei  alimentärer  An¬ 
ämie  beschrieben,  die  in  ähnlicher  Form  bei  unseren  Kindern  auftrat. 


Nr.  361 

Der  nach  Aron  „für  schwere  Säuglingsanämie  charakteristisch«! 
Sfirnsattel“  war  hier  nicht  nur  in  sagittaler,  sondern  auch  in  fron¬ 
taler  Richtung  vorhanden.  Beide  Sättel  schnitten  sich  rechtwinklig 
und  bildeten  den  tiefsten  Punkt  der  Schädeldecke,  während  die  nocl 
offene  grosse  Fontanelle  etwas  vor  dem  Schnittpunkt  lag.  Auel 
Y  1  p  p  ö  hatte  bei  schwerer  Anämie  starke,  symmetrische  Höcker  be¬ 
schrieben,  die  von  v.  Hansemann  als  rachitisch  bezeichnet 
wurden.  Unsere  Fälle  sind  typische  Kreuzschädel,  wie  sie  charak¬ 
teristisch  für  Rachitis  beschrieben  und  abgebildet  werden.  Klein¬ 
schmidt,  der  auf  diese  Frage  näher  eingeht,  hat  besondere  Formen 
der  Schädelrachitis  bei  gleichzeitig  bestehender  alimentärer  Anämie 
nicht  gesehen:  Manchmal  war  Kraniotabes,  manchmal  aber  symme¬ 
trische  üsteoidhyperplasie  am  Schädel  nachweisbar,  die  er  mit 
v.  Hansemann  und  B  e  n  d  a  als  zweifellos  rachitisch  auffasst. 

In  welchem  Verhältnis  steht  nun  die  bei  unseren  Kindern  nach¬ 
weisbare  Verzögerung  der  geistigen  Entwickelung  zu  der 
Anämie?  Das  konstitutionelle  Moment  bei  der  Entstehung  der 
alimentären  Anämie  ist  durch  Schwenke  und  besonders  durch i 
Kleinschmidt  gewürdigt  worden.  Es  handelt  sich  um  minder¬ 
wertige  Kinder,  die  in  einem  ausserordentlich  .hohen  Prozentsatz 
nervöse  und  psychopathische  Züge  erkennen  lassen.  Unter  45  Fällen 
tand  er  3  mal  Imbezillität,  2  mal  Hypalgesie.  Es  wäre  von  Interesse 
gewesen,  zu  erfahren,  ob  diese  Kinder  dieselben  Eigentümlichkeiten 
aufwiesen,  wie  die  anderen.  Ueber  die  frühere  Lebenszeit  fehlen  uns! 
Angaben,  es  handelt  sich  aber  um  solche,  welche  nach  langem  An-i 
staltsaufenthalt  zu  uns  kamen.  Wir  müssen  annehmen,  dass  kon¬ 
stitutionelle  Minderwertigkeit,  zusammen  mit  schädigenden  exogenem 
Faktoren  den  beschriebenen  Komplex  von  Erscheinungen  erzeugt ' 
haben.  Die  Anämie  ist  eine  koordinierte  Erscheinung,  nicht  etwa  i 
den  anderen  Erscheinungen  übergeordnet. 

Die  Kinder  hatten  bis  weit  ins  2.  Lebensjahr  hinein  nur  flüssige 
Nahrung  bekommen,  ob  die  Milchmengen  besonders  gross  waren,  I 
hess  sich  nicht  feststellen.  Auch  bei  uns  setzten  sie  der  Darreichung  i 
breiartiger  Nahrung  ausserordentlichen  Widerstand  entgegen.  Pall  2 
machte  in  psychischer  Beziehung  während  seines  Aufenthalts  gewisse 
Fortschritte.  Fall  1  hingegen  kaum.  Bei  ihm  ist  es  fraglich,  ob  nicht 
eine  Imbezillität,  wenn  nicht  Idiotie,  vorliegt. 

Wir  haben  also  hier  einen  Symptomenkomplex  bei  zwei  männ- 
lichen  Klcmkmdern.  der  sich  zusammensetzt  aus  pseudochlorotischem 
1  yp  der  alimentären  Anämie,  Kreuzschädel,  eigen- 
a  1  t 1  g  e  11  stereotypen  Bewegungen,  teilweise  mit 
e  r  ti  o i  h  t  e  r  Dissoziation  und  geistigem  Zurück-  i 
bleiben*). 


i.  rruhe  Kennzeichen  des  Striatumsyndroms. 

Es  wird  von  der  Kinderheilkunde  als  sichere  Tatsache  an¬ 
genommen,  dass  die  Entwicklung  der  statischen  Funktionen,  des  Kopf¬ 
haltens,  mtzens  usw.  der  intellektuellen  Entwicklung  parallel  läuft. 
Das  idiotische  Kind  hat  kein  Bestreben,  mit  der  Aussenwelt  sich  in 
Beziehung  zu  setzen,  es  lernt  deshalb  verspätet,  den  Kopf  zu  heben 
und  aufrecht  zu  stellen,  allein  zu  sitzen  usw.  Auch  solche  Kinder 
welche  infolge  einer  früh  eingetretenen  zerebralen  Lähmung  vorüber¬ 
gehend  oder  dauernd  in  ihrer  intellektuellen  Entwicklung  geschädigt 
sind,  gelangen  erst  spät  in  den  Besitz  der  statischen  Funktionen. 
Im  ersten  Lebensjahr  fällt  der  Kopf  hin  und  her,  beim  Hinsetzen  des 
Kindes  bildet  sich  eine  ausgiebige  Kyphose.  Bringt  man  einen  Idioten 
*7  .f°rn>  s0  kann  er  schon  viel  früher  den  Kopf  halten,  oder  die 
Wirbelsaute  strecken,  als  ihm  das  in  sonstigem  Zustand  möglich  ist. 
ur  die  zerebralen  Lähmungen  hat  0. Forst  er  darauf  hingewiesen 
(er  mlirt  das  gegenüber  Freund  als  Beweis  an),  dass  keine  Lähmung 
der  Halsmuskeln  vorliege.  Wir  müssten  allerdings  bei  der  zerebralen 
eine  spastische  Lähmung  der  Halsmuskulatur  erwarten.  Wir  kennen 
die  einseitige  Dauerlähmung  des  Kopfnickers  bei  Hemiplegien  des 
frühen  Kindesalters  recht  wohl  in  Form  eines  Torticollis  spasticus. 
Viel  seltener  scheint  der  doppelseitige  Dauerspasmus  der  Hals- 
muskulatur  zu  sein.  Ich  konnte  einen  derartigen  Fall  noch  nicht  be¬ 
obachten,  wahrend  Dauerspasmus  beider  Adduktoren  und  auch  der 
gesamten  Bauchmuskeln  sehr  häufig  ist.  Diese  Tatsache  ist  zweifel¬ 
los  von  Interesse  und  der  Aufklärung  bedürftig. 

Dass  der  Nacken  bei  den  zerebralen  Diplegien  in  den  meisten 
Fallen  schlaff  ist,  zeigt  uns  zunächst,  dass  die  Hals-  und  Nacken¬ 
muskulatur  an  dem  allgemeinen  Spasmus  sich  nicht  beteiligt.  Sie  ge- 
langt  allmahhch  zu  einer  normalen  Leistung,  indem  sie  mit  dem  Fort¬ 
schritt  der  geistigen  Funktion  immer  öfter  innerviert  wird.  Manche 
:5f™,g^Pen  das  direkt  an,  dass  in  dem  Maasse,  wie  das  Kind  geistige 
rtschritte  machte,  das  Halten  des  Kopfes  möglich  wurde.  * 

Aber  nicht  nur  durch  kortikale  Impulse  kann  die  Hals-  und 
Nackenmuskulatur  angespannt  werden,  sondern  auph  durch  solche, 
welche  von  den  grossen  Stammganglien  ihren  Ausgang  nehmen  In 
einem  eigenartigen  Gegensatz  zu  der  Schlaffheit  des  Nackens  und  des 
Rückens  stehen  Nacken-  und  Rückensteifungen,  die  bei  gewissen 
ormen  der  zerebralen  Lähmung  plötzlich  einschiessen,  die  sogar  zur 
Lordose  der  Wirbelsäule  und  zu  kreisbogenartigen  Stellungen 
fuhren  können.  Diese  Lordose  ist  bei  allgemeiner  Athetose 
und  I  orsionsspasmus  öfters  beobachtet,  sie  bildet  eine* 
jener  Symptome,  welche  die  Athetosis  duplex  mit  dem  Torsions- 

schr,vL?emiaHminK  hat  -1?11  (Verh‘  d'  D‘  Qes-  f-  Kinderhlk.)  Fälle  be- 
we giftigen  ist  nfchts  e'rSn?"6"  mancher  Beziehun*  ähneln'  V°n  ße* 


September  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1153 


asmus  verbinden.  Die  kreisbogenartige  Stellung  in  der  frühen 
ndheit,  im  Gegensatz  zur  Nackenschlaffheit  wurde  von  F  o  e  r  s  t  e  r 
d  von  mir  gleichzeitig  beschrieben  *)• 

Die  kreisbogenartige  Stellung  tritt  mit  grosser 
‘gelmässigkeit  auf  bei  allen  Kindern,  die  das  sog.  Striatumsyndrorn 
igen.  Dieses  Striatumsyndrom,  dessen  bekanntestes  Zeichen  die 
hetose  ist,  kommt  verhältnismässig  häufig  vor  und  es  konnten  hier 
2  Jahren  nicht  weniger  als  8  Fälle  schon  in  früher  Kindheit  be¬ 
achtet  werden.  Es  scheint  sicher  zu  sein,  dass  sie  zum  mindesten 
.■r  viel  häufiger  sind  als  die  Fälle  von  spastischer  Diplegie  und 
■miplegie.  Dass  diese  Fälle  in  den  ersten  Lebensjahren  noch  so 
mig  beschrieben  worden  sind,  ist  dadurch  zu  erklären,  dass 
:  nicht  sofort  und  auf  den  ersten  Augenblick  zu  erkennen  sind, 
e  athetotischen  Bewegungen  z.  B.  sind  meist  nur  ganz  gering  aus- 
sprochen  und  wenig  deutlich.  Das  ausserordentlich  prägnante  Bild, 
dches  etwas  ältere  Kinder  mit  doppelseitiger  Athetose  bieten,  ist 
;r  meist  nur  angedeutet.  Auch  den  Eltern  entgehen  die  atheto- 
chen  Bewegungen  im  ersten  Lebensjahr  fast  immer,  zumal  da  die¬ 
sen  eine  oberflächliche  Aehnlichkeit  mit  manchen  Bewegungen  des 
rmalen  Säuglings  besitzen.  Indessen  treten  doch  schon  manche 
ellungen  der  Finger  auf,  die  ungemein  charakteristisch  sind.  Das 

namentlich  eine  ausserordentliche  Ueberstreckung  der 
-undgelenke  der  Finger.  Die  hochgradigen  und  bizarren  Massen¬ 
wegungen  im  Rumpf  und  in  den  grösseren  Gelenken  kommen  erst 
mählich  zum  Vorschein,  soweit  die  beobachteten  Fälle  schliessen 
>sen  •).  In  dem  Stadium,  wo  die  Intelligenz  wenig  entwickelt  ist, 
>o  in  den  ersten  Lebensjahren,  werden  wenig  willkürliche  Be¬ 
rgungen  vorgenommen,  kommt  es  auch  deshalb  nicht  zu  ausgeb  rei- 
:en  Mitbewegungen,  denn  bei  voller  Ruhe  ist  der  Kranke  mit  dop- 
lseitiger  Athetose  ruhig,  sowie  er  sich  bewegt,  beginnen  die  gene- 
lisierten  Mitbewegungen,  welche  das  Bild  einer  grossen,  all¬ 
meinen  Unruhe  hervorrufen.  Je  mehr  nun  eine  Bewegung  Willkür- 
wegung  ist,  je  mehr  sie  intendiert  wird,  desto  verbreiteter  werden 
|;  Mitbewegungen  am  ganzen  Körper.  Beim  Säugling,  besonders  bei 
m  intellektuell  geschädigten,  stehen  die  Willkürbewegungen  durch- 
s  im  Hintergrund  und  daher  auch  die  generalisierten  Mit¬ 
wegungen. 

Viel  mehr  als  die  athetotischen  Bewegungen  fällt  den  Eltern  die 
:  e  i  f  i  g  k  e  i  t  des  ausgestreckten  Aermchens  auf,  wenn 
m  Kinde  z.  B.  das  Jäckchen  angezogen  werden  soll.  Diese  Steirig- 
it  des  Aermchens  ist  nicht  immer  vorhanden.  Beobachten  wir  ein 
lches  Kind  länger,  so  finden  wir,  dass  der  Arm  ab  und  zu  auch 
Beugehaltung  fixiert  erscheint  und  dass  eine  beträchtliche  Kraft 
zu  gehört,  ihn  zu  strecken.  Dasselbe  Spiel  im  Wechsel  von  Beuge- 
d  Streckhaltung  kann  man  dann  im  Bein  beobachten.  Wir  haben 
:ht,  wie  bei  einer  pyramidalen  Lähmung,  einen  Dauerspasmus  vor 
s,  sondern  hier  liegt  ein  wechselnder  Spasmus  (Sp.  mobilis)  vor, 
r  in  kurzen  Zwischenräumen  bald  die  eine,  bald  die  andere  Muskei- 
uppe  erfasst.  Eine  Muskelgruppe,  die  sich  jetzt  hart  anfühlt,  wird 
rze  Zeit  später  vollkommen  erschlafft  befunden. 

Es  sollen  an  dieser  Stelle  keineswegs  die  pathophysiologischen 
gentümlichkeiten  extrapyramidaler  Lähmungen,  insbesondere  des 
riatumsyndroms  geschildert  werden.  Einige  Eigentümlichkeiten  der 
trapyramidalen  Lähmungen  im  Kindesalter  wurden  an  anderer 
eile  hervorgehoben.  Es  sollte  hier  nur  auf  einige  Zeichen  aufme.k- 
m  gemacht  werden,  welche  die  Erkennung  derselben  im  frühesten 
ndesalter  erleichtern.  Die  ausserordentlich  wichtige  Erhebung 
ler  Vorgeschichte  über  Beginn  des  Leidens  usw.  wird  mit  jedem 
ig  späterer  Erkennung  immer  mehr  erschwert.  Es  wird  sich  auch 
rausstellen,  dass  mancher  Fall,  der  angeblich  erst  im  4.  oder 
Lebensjahr  begonnen  haben  soll,  bei  Kenntnis  der  Frühsymptome 
tsächlich  schon  im  Säuglingsalter  bestanden  hat. 

In  früheren  Fällen,  über  die  an  anderer  Stelle  berichtet  wurde, 
wie  in  neuerdings  beobachteten,  konnten  als  frühes  klinisches  Syn- 
om  der  Striatumerkrankung  folgende  Zeichen  regelmässig  beobachtet 
erden  :  S  p  a  s  m  u  s  mobilis,  Nacken  Schlaffheit,  Kreis- 
ogenstellung,  Verzögerung  der  geistigen  Ent- 
i  c  k  1  u  n  g. 

Literatur. 

0.  Fo  erst  er:  D.  Arch.  f.  klin.  Med.  1910,  98  (aton.-astat.  Kinder- 
imung).  —  Derselbe:  Zur  Analyse  und  Pathophysiol.  d.  striären  Be- 
egungsstörungen.  Zschr.  f.  d.  ges.  Neurol.  u.  Physiol.  73.  —  E.  Thomas: 
idem  73.  —  Derselbe:  Jahrb.  f.  Kinderhlk.  97.  —  Rosenthal:  Arch. 
Psych.  u.  Neurol.  1923,  68. 


*)  Es  dürfte  richtiger  sein,  von  kreisbogenartiger  Stellung  zu  sprechen, 
s  von  arc  de  cercle,  da  dies  eine  Bezeichnung  ist,  die  für  hysterische  Stei¬ 
ngen  eingeführt  worden  ist.  Es  muss  übrigens  bemerkt  werden,  dass  diese 
reisbogenstellung  nichts  zu  tun  hat  mit  dem  obenerwähnten  zornigen  Auf- 
lumen.  Die  Kreisbogenstellung  kommt  plötzlich  zustande,  ohne  offenbar 
it  einem  Affekt  in  Zusammenhang  zu  stehen. 

*)  Meisterhafte  Lichtbilder  bringt  die  Arbeit  von  O.  Foerster  (Zschr. 

Neurol.  u.  Psych.  73),  dazu  einen  ausgezeichneten  lehrbuchmässigen  Text. 


Aus  der  chirurgischen  Universitätsklinik  Freiburg  i.  Br. 
(Direktor:  Geh.  Med. -Rat  Prof.  Dr.  E.  Lex  er). 

Die  Hedonalnarkose  im  frühesten  Kindesalter. 

Von  Dr.  med.  Paul  Dreverniann,  Assistent  der  Klinik. 

Die  Frage  nach  dem  besten  Narkotikum  bei  chirurgischen  Ein¬ 
griffen  im  frühesten  Kindesalter  ist  noch  nicht  befriedigend  geklärt. 
Stellen  schon  die  kurzen  Chloroform-  und  Acthernarkoscn  an  den 
jugendlichen  Organismus  gesunder  Säuglinge  unter  Umständen  grosse 
Anforderungen,  so  ist  die  Narkosengefahr  von  vorneherein  eine  er¬ 
heblich  grössere,  sobald  es  sich  um  dekomponierte  Kinder  oder  solche 
mit  Neigung  zu  Lungenkomplikationen  (Hasenschartenoperationen!) 
handelt  oder  sobald  die  Operation  grösser  wird,  die  Narkose  daher 
länger  dauern  muss.  Zwar  lässt  sich  die  Extremitäten-  und  Gesichts¬ 
chirurgie  im  allgemeinen  in  nur  oberflächlicher  Inhalationsnarkose 
ausführen,  schwieriger  liegen  die  Verhältnisse  bei  Operationen  im 
Abdomen,  die  an  und  für  sich  für  den  jungen  Säugling  grosse  Ein¬ 
griffe  darstellen. 

Bei  der  Abdominalchirurgie  der  Säuglinge  war  mir  schon  längst 
die  durch  den  Wundschmerz  bedingte  oberflächliche  Atmung  nach 
dem  Erwachen  aufgefallen.  Mir  schien  es  daher  gerechtfertigt,  den 
Versuch  zu  machen,  unter  Zuhilfenahme  eines  Schlafmittels  zu  ope¬ 
rieren,  das  einerseits  erlaubte,  den  Eingriff  in  gehöriger  Ruhe  nut- 
zuführen,  das  anderseits  dem  Kinde  nach  der  Operation  noch  längere 
Zeit  Schlaf  gab,  ohne  jedoch  die  Atmung  oberflächlich  werden  zu 
lassen. 

Das  geeignete  Narkotikum  schien  mir  das  von  Eckstein  und 
Rom  in  ge  r1)  als  Schlafmittel  im  Säuglingsalter  experimenteil  aus¬ 
geprobte  Hedonal  [Methylpropylkarbinolurethan] 2).  Nach  den  Unter¬ 
suchungen  dieser  Autoren  ist  Hedonal,  selbst  in  relativ  hohen  Dosen, 
als  Klysma  verabfolgt,  frei  von  bedrohlichen  Nebenerscheinungen, 
ruft  einen  mehrstündigen,  tiefen  Schlaf  hervor  und  bewirkt,  was  mir 
besonders  wichtig  schien,  eine  wesentliche  Steigerung  des  absoluten 
Atemvolumens.  Da  die  Untersuchungen  Ecksteins  und  Ro¬ 
min  g  e  r  s  sich  nur  auf  dife  Eigenschaft  des  Hedonals  als  Schlaf¬ 
mittel  beschränkten,  schien  es  mir  zunächst  -von  Wichtigkeit,  fest¬ 
zustellen,  ob  die  erreichte  Tiefe  des  Hedonalschlafes  auch  grössere 
Schmerzreize  überwinden  könnte.  Ich  habe  daher  bei  zahlreichen 
Kindern  bis  zu  2  Jahren,  bei  schmerzhaften  Verbandwechseln 
(Osteomyelitiden,  Verbrennungen,  Frakturen)  sowie  bei  Röntgen¬ 
aufnahmen,  bei  denen  die  Glieder  in  schmerzhafter  Stellung  (Ge¬ 
lenkerkrankungen,  Frakturen)  festgespannt  wurden,  das  Mittel 
versucht.  Im  allgemeinen  lässt  sich  sagen,  dass  weder  beim  jungen, 
noch  beim  älteren  Säugling  ein  vollkommenes  Aufheben  der  Schmerz¬ 
empfindlichkeit,  etwa  wie  in  der  Inhalationsnarkose,  erzielt  wurde. 
Die  Schmerzäusserungen  waren  jedoch  durchweg  sehr  gering,  und 
zwar  um  so  geringer,  je  jünger  das  Kind.  Der  kleine  Kranke  reagierte 
im  allgemeinen  nur  in  dem  Augenblick,  in  dem  der  Schmerz  ausgelöst 
wurde,  um  dann  ruhig  weiterzuschlafen,  oder  weinte,  ohne  stärkere 
Abwehrbewegungen,  tief  schlaftrunken  vor  sich  hin.  Ich  habe  der¬ 
artige  kleine  Eingriffe  zunächst  möglichst  ohne  Narkotikum,  später 
im  Hedonalschlaf  vorgenommen,  um  jedesmal  den  deutlichen  Unter¬ 
schied  im  Verhalten  des  Kindes  feststellen  zu  können.  Die  Abschwä¬ 
chung  des  Schmerzgefühls  erleichtert  die  beabsichtigten  Verrich¬ 
tungen  an  dem  Kinde  ausserordentlich.  Nachdem  mir  so  neben  der 
Schlafwirkung  die  Aufhebung  des  Schmerzgefühls,  wenigstens  bis  zu 
einem  gewissen  Grade,  sicher  schien,  bin  ich  dazu  übergegangen,  im 
Hedonalschlaf  zu  operieren.  Im  Durchschnitt  habe  ich  bei  jungen 
Säuglingen,  bis  zu  3  Monaten,  0,75 — 1,0  g,  bei  Kindern  bis  zu  18  Mo¬ 
naten  1,0 - 1,5  g  als  Klysma  verabfolgt.  Das  Mittel  wurde  in  etwa 

30  ccm  Haferschleim  verrührt.  Wichtig  scheint  mir,  darauf  zu 
achten,  dass  das  Hedonal  gleichmässig  in  dem  Schleim  verteilt  ist, 
da  einzelne  Versager  im  Anfang  der  Versuchsreihe  darauf  zurück¬ 
zuführen  waren,  dass  sich  ein  Teil  des  Hedonals  zu  Boden  setzte, 
nicht  mit  einlief  und  somit  nicht  zur  Wirkung  kam.  Ein  anderer  Teil 
von  ursprünglichen  Versagern  fand  seine  Ursache  in  den  Kotmassen 
des  Rektums,  die  zweifellos  einen  Teil  des  Schlafmittels  absor¬ 
bierten.  Es  ist  daher  jedesmal  das  Rektum  durch  einen  Einlauf  zu 
reinigen,  ehe  das  Narkoseklysma  verabfolgt  wird.  Nach  dem  Ein¬ 
lauf  müssen  die  Gesässbacken  etwa  10  Minuten  zusammengedrückt 
werden,  um  ein  Auspressen  aus  dem  Darm  zu  verhindern.  Die  ganze 
Verabfolgung  scheint  zunächst  etwas  umständlich,  ist  jedoch  das 
Pflegepersonal  erst  einmal  darauf  eingearbeitet,  so  sind  die  kleinen 
Schwierigkeiten  leicht  überwunden.  Der  Schlaf  setzt  im  allgemeinen 
innerhalb  einer  Stunde  nach  der  Verabfolgung  ein  und  erreicht  nach 
meinen  Beobachtungen  etwa  nach  lVz  Stunde  seine  grösste  Tiefe. 
Nach  dieser  Zeit  muss  mithin  der  Operationsbeginn  festgesetzt  wer¬ 
den.  Eine  Verabfolgung  per  os  empfiehlt  sich  nach  Eckstein  und 
R  o  m  i  n  g  e  r  des  regelmässig  auftretenden  Singultus  wegen  nicht. 

Bei  der  Beurteilung  der  Hedonalnarkose  hat  mich  die  Beobach¬ 
tung  2  Gruppen  unterscheiden  lassen,  die  der  jungen  Säuglinge,  etwa 
in  den  ersten  6 — 7  Lebenswochen,  und  die  der  älteren  Kinder,  etwa 
bis  zu  18  Monaten  (auf  ältere  wurden  die  Versuche  nicht  ausgedehnt). 

1.  Beim  jungen  Säugling,  besonders  auch  beim  dekomponierten, 
lassen  sich  operative  Eingriffe  ohne  Schwierigkeiten  und  ohne  jede 

*)  Eckstein  und  Rominger:  Beiträge  zur  Physiologie  und  Patho- 
logie^der  Atmung  im  Kindesalter.  Arch.  f.  Kinderhlk.  1922,  70,  S.  1. 

2)  Bayer  &  Co.,  Leverkusen. 


1154 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  36. 


Narkosenschädigung  für  den  Kranken  im  alleinigen  Hedonalschlaf 
ausführen.  Voraussetzung  ist  natürlich,  dass  die  Dekomposition  nicht 
so  hohe  Grade  erreicht  hat,  dass  der  Eingriff  als  solcher  nicht  über¬ 
standen  wird.  Mein  Beobachtungsmaterial  erstreckt  sich  neben  Abs¬ 
zess-  und  Phlegmoncninzisionen  und  Hämangiomexstirpationen,  bei 
denen  man  ja  zur  Not  auch  ohne  jedes  Narkotikum  auskommt,  in 
erster  Linie  auf  abdominale  Eingriffe,  vor  allem  auf  inguinale  und 
umbilikale  Hernien.  Von  besonderer  Wichtigkeit  scheinen  mir  vier 
Laparotomien  wegen  Pylorusspasmus  neben  zwei  inkarzerierten  Her¬ 
nien.  Die  Kinder,  von  denen  eins  schwer  dekomponiert  war,  stan¬ 
den  im  Alter  von  3 — 7  Wochen.  Die  Laparotomie,  das  Vorziehen  des 
Magens,  verliefen  ohne  sonderliches  Reagieren  von  seiten  des  Kin¬ 
des,  so  dass  sich  in  grösster  Ruhe  der  Pylorus  durchschneiden  Hess. 
Wie  wichtig  bei  derartigen  Eingriffen  die  Notwendigkeit  ungestörten 
Operierens  ist,  wird  jeder  wissen,  der  den  Uebergang  des  starken 
hypertrophischen  Pylorus  in  die  dünne  Duodenalwand  und  damit  die 
Gefahr  der  Duodenalperforation  kennt.  Nach  dem  Eingriff  schliefen 
die  Kinder  im  allgemeinen  5 — 6  Stunden  und  tranken  sofort  gut  nach 
dem  Erwachen. 

Anders  lagen  die  Verhältnisse  bei  der  zweiten  Gruppe.  Bei  den 
Kindern  bis  etwa  zum  18.  Lebensmonat  genügte  nur  in  ganz  verein¬ 
zelten  Fällen  bei  hoher  Dosierung  (bis  zu  1,5  g)  der  Hedonalschlaf 
zur  Ausführung  der  hier  am  häufigsten  vorkommenden  Eingriffe  (In¬ 
guinal-  und  Nabelhernien,  Hydrozelen  usw.).  Im  allgemeinen  kamen 
die  Kinder  zwar  fest  schlafend  auf  den  Operationstisch,  reagierten 
auf  geringe  Schmerzreize,  wie  Kneifen,  nur  ganz  oberflächlich,  jedoch 
war  die  Schmerzempfindung,  z.  B.  beim  Hautschnitt,  noch  so  gross, 
dass  die  Kinder  lebhaft  schrien  und  durch  die  Abwehrbewegungen 
ein  ruhiges  Operieren  sehr  erschwerten  oder  unmöglich  machten. 
Auffallend  war  hier,  ähnlich  wie  bei  den  Vorversuchen,  dass  der 
Schlaf  den  einmal  ausgelösten  Schmerz  bald  zu  überwinden  schien, 
wenn  man  nach  dem  Schnitt  oder  dem  Auseinanderhalten  der  Wund¬ 
ränder  sich  eine  Zeitlang  ruhig  verhielt  und  keine  neuen  Schmerz¬ 
reize  einwirken  Hess.  Von  dieser  Beobachtung  ausgehend,  habe  ich 
nun  versucht,  die  Schmerzkomponente  durch  Injektion  der  üblichen 
Novokain-Suprareninlösung  in  Vs  proz.  Konzentration  zu  beseitigen. 
Das  Operieren  in  alleiniger  örtlicher  Betäubung  ist  beim  Kinde, 
wie  ich  mich  überzeugen  konnte,  sehr  misslich.  .Eine  absolute 
Schmerzfreiheit,  z.  B.  beim  Eröffnen  und  der  Naht  des  Bruchsackes, 
beim  Unterbinden  von  Gefässen,  ist  nur  schwer  zu  erzielen,  und  diese 
Schmerzempfindungen  genügen,  um  das  Kind  so  unruhig  zu  machen, 
dass  man  schliesslich  doch  zur  Narkose  greift.  Ich  stellte  nun  zu¬ 
nächst  vorsichtig  dosierend  fest,  dass  Vs  proz.  Novokain-Suprarenin¬ 
lösung  für  sich  allein,  sowie  nach  rektaler  Verabfolgung  von  etwa 
1,0  g  Hedonal  mit  diesem  zusammen  bis  zu  einer  durchschnittlichen 
Menge  von  5 — 6  ccm  auch  vom  Säugling  ohne  jede  Störung  vertragen 
wurde.  Bei  den  kleinen  Veihältnissen  genügen  diese  Mengen  zur 
Anästhesierung  vollkommen.  Das  Kind  reagierte  jetzt  nur  beim 
Einstich  der  Injektionsnadel,  schlief  im  allgemeinen,  wenn  man  nur 
die  wenigen  Minuten  bis  zum  Einsetzen  der  anästhesierenden  Wir¬ 
kung  wartete,  ruhig,  so  dass  ich  seit  längerer  Zeit  bei  allen  operativen 
Eingriffen  in  den  ersten  \XA  Lebensjahren  ohne  Inhalationsnarkose 
ausgekommen  bin. 

Von  15  Fällen  alleiniger  Hedonalnarkose  und  43  Fällen  Hedonal- 
Novokainbetäubung  haben  wir  einen  Fall  der  letzten  Gruppe  ver¬ 
loren,  dessen  Tod  jedoch  nicht  dem  Betäubungsverfahren  zur  Last 
zu  legen  ist. 

Es  handelte  sich  um  ein  rhachitisches,  10  Monate  altes  Kind  mit 
schwerer  Bronchitis,  das  wegen  inkarzerierter  Inguinalhernie  ein¬ 
geliefert  wurde.  Die  Hernie  wurde  aus  vitaler  Indikation  trotz  der 
Lungenkomplikation  sofort  operiert  und  ohne  Schwierigkeiten  be¬ 
seitigt.  Das  Kind  schlief  nach  der  Operation  5  Stunden  lang,  um  nach 
dem  Erwachen  ruhig  zu  trinken.  Aus  der  Bronchitis  entwickelte  sich 
am  nächsten  Tage  eine  Pneumonie,  der  das  schwächliche  Kind  erlag. 

Zusammenfassend  lässt  sich  die  alleinige  Hedonalnarkose  für 
Säuglinge  —  insonderheit  für  dekomponierte  und  schwächliche  — 
in  den  ersten  Lebenswochen,  die  Hedonalnarkose  in  Verbindung  mit 
örtlicher  Novokain-Suprareninbetäubung  bei  Kindern  in  den  ersten 
beiden  Lebensjahren  ihrer  Gefahrlosigkeit  der  Inhalationsnarkose 
gegenüber  nur  empfehlen. 


Aus  der  Hautabteilurig  des  Städt.  Krankenhauses  Karlsruhe. 

Neosalvarsan  in  Mischspritze  mit  Novasurol. 

Von  General-Oberarzt  a.  D.  Dr.  v.  Pezold. 

Während  des  Weltkrieges  erprobte  Linser  an  dem  grossen 
Luesmaterial  des  Reservelazaretts  Weingarten  sein  neues  Verfahren, 
bei  dem  er  Neosalvarsan  oder  Salvarsannatrium  als  Erster  mit  einer 
einprozentigen  Sublimatlösung  gemischt  in  die  Armvene  spritzte. 
Die  Vorzüge  dieser  einzeitig  kombinierten  Methode  gegenüber  der 
bisher  üblichen  kombinierten  Spritzkur,  die  Schmerzlosigkeit  und  das 
seltenere  Aufsuchen  des  Arztes  haben  dem  Linseryerfahren  rasch 
grosse  Verbreitung  besonders  in  der  ambulanten  Behandlung  ver¬ 
schafft,  zumal  da  die  Kranken  diese  beiden  Vorteile  sehr  begrüssten. 

Gegen  die  Methode  ist  geltend  gemacht  worden,  dass  das  Aus¬ 
schalten  der  Depotwirkung  der  unlöslichen  intramuskulären  Injek¬ 


tionen  von  Hg  die  Dauerwirkung  beeinträchtige.  Die  Entscheidung 
über  die  Berechtigung  dieses  Einwandes  kann  naturgemäss  erst  im 
Laufe  einer  längeren  Zeitspanne  erfolgen. 

Der  Einwand,  dass  es  nicht  ungefährlich  sein  könne,  wenn  man 
eine  ihrer  chemischen  Natur  nach  unbekannte  Mischung  einspritze 
und  ein  in  Zersetzung  begriffenes  Salvarsanpräparat  in  die  Blutbahn 
bringe,  ist  durch  zahlreiche  Veröffentlichungen  widerlegt  worden, 
welche  die  Seltenheit  toxischer  Nebenwirkungen  betonen. 

Die  dritte  Bemängelung  betrifft  den  Umstand,  dass  man  in  der 
entstehenden  schwärzlichen  Mischung  das  Einströmen  des  Blutes  in 
die  Spritze  nicht  sieht  und  dass  man  deshalb  leichter  schmerzhafte 
Infiltrate  setzt.  Dieser  dritte  Punkt  führt  dazu,  dass  man  das 
Sublimat,  von  dem  man  im  übrigen  Schädigungen  der  Venenwaml 
fürchtete,  durch  andere  lösliche  Quecksilbersalze  ersetzte,  die  in  der 
Mischspritze  das  einströmende  Blut  erkennen  lassen.  Dahin  gehören 
das  Embarin,  das  Cyarsal  und  das  Novasurol. 

Kolle  sieht  in  der  Mischspritze  eine  Verstärkung  der  Wirkung 
des  Salvarsans  ohne  erhebliche  Giftung,  zugleich  eine  gewisse  Ent¬ 
giftung  des  Hg.  Er  empfiehlt  aber,  ein  möglichst  wenig  oxydierendes 
Hg-Präparat  zu  nehmen  und  gibt  deshalb  dem  Novasurol  vor  dem 
Sublimat  den  Vorzug. 

Im  Jahre  1920  veröffentlichten  Bruck  und  Becher  ihre  Ab¬ 
änderung  des  Linserverfahrens.  Sie  sahen  neben  der  Erschwerung 
der  Technik  im  Linsergemisch  eine  zu  geringe  Bemessung  der  Hg- 
Dose.  Sie  fürchteten  aber  bei  Verstärkung  der  Sublimatmenge  eine; 
Schädigung  der  Venen  und  ersetzten  dieses  deshalb  durch  Novasurol, 
ein  in  organischer  komplexer  Bindung  Hg  enthaltendes  Präparat  der' 
Farbenfabriken  vorm.  Friedrich  Bayer  in  Leverkusen.  Dieses  kommt 
in  Ampullen  von  1  ccm  und  2  ccm  in  den  Handel.  Die  Arztpackung 
enthält  50  Ampullen.  Dieses  Novasurol  kann  auch  ungemischt  intra¬ 
venös  gegeben  werden,  so  dass  man  nötigenfalls  die  Mischspritzenkur 
mit  reinen  Novasurolspritzen  fortsetzen  kann,  wenn  man  mit  der 
Neosalvarsandose  nicht  höher  gehen  will. 

Es  spricht  für  die  von  Kolle  angeführte  Entgiftung  des  Hg  inj 
der  Mischspritze,  dass  diese  besser  vertragen  wird,  als  die  reine 
Novasurolspritze.  Bei  letzterer  sahen  wir  mehrfach  Uebelkeit, 
Erbrechen,  Schläfrigkeit  und  Durchfall,  einmal  Ohnmacht,  einmal 
Wadenkrämpfe.  Bei  einem  Herzfehler  trat  eine  sehr  bedeutende 
Steigerung  der  Diurese  ein,  die  angenehm  empfunden  wurde,  aber 
bei  der  Mischspritze  nicht  beobachtet  wurde.  In  der  überwiegenden 
Mehrzahl  der  Fälle  wurde  die  reine  Novasurolspritze  sehr  gut  ver¬ 
tragen. 

Die  unangenehmen  Nebenwirkungen  der  Neosalvarsan-Novasurol- 
Mischspritze  waren  bei  annähernd  2000  Mischspritzen  sehr  gering 
Die  Spritzen  wurden  meist  vorzüglich  vertragen,  eine  Störung  der 
Arbeitsfähigkeit  fast  nie  beobachtet. 

Temperatursteigerungen  waren  sehr  selten.  In  einem  Fall  kamen, 
nach  jeder  Spritze  Urtterteniperaturen  zur  Beobachtung. 

Leichte  Stomatitis  trat  in  10  Fällen  ein,  Ikterus  nur  in  2  Fällen. 
Neurorezidive  in  keinem,  Nierenreizung  in  einem  Fall.  In  je  einem 
Fall  trat  Blut  im  Stuhl  und  Blut  im  Auswurf  auf,  in  einem  weiteren; 
Fall  starker  Speichelfluss.  In  3  Fällen  wurde  über  starke  Schmerz¬ 
haftigkeit  der  Venen  geklagt,  in  keinem  Fall  aber  sah  man  Throm¬ 
bose.  Dermatitis  wurde  keinmal  beobachtet,  während  sie  in  der 
gleichen  Zeit  bei  einfacher  Neosalvarsankur  6  mal  auftrat.  Der  augio-l 
neurotische  Symptomenkomplex  wurde  nur  in  einem  Fall  festgesrcllt. 
Einmal  führte  die  Mischspritze  bei  einer  Kranken  mit  Mitralinsuffi¬ 
zienz  zu  einem  schweren  Kollaps.  Todesfälle  kamen  nicht  vor.  . 

Die  sichtbare  Wirkung  der  Novasurol-Mischspritze  auf  die  Sym¬ 
ptome  der  Lues  ist  eine  eklatante.  Nur  in  einem  Fall  wurde  das' 
Wiederauftreten  von  breiten  Kondylomen  beobachtet.  Sonst  zeigte 
sich  das  Rezidiv  nur  in  der  wieder  positiv  werdenden  Wasser¬ 
mann  sehen  Reaktion. 

Ein  Urteil  über  die  Dauerwirkung  der  Methode  ist  dadurch  sehr 
erschwert,  dass  sich  sehr  viele  Kranke  der  serologischen  Nach¬ 
prüfung  entziehen  und  bei  den  heutigen  Verhältnissen  schwer  heran¬ 
zuziehen  sind.  Dies  fällt  um  so  mehr  ins  Gewicht,  als  bei  diesen 
Mischspritzen  vielfach  der  Umschlag  der  positiven  Wasser ma nn- 
schen  Reaktion  nicht  schon  am  Ende  der  Kur,  sondern  erst  in  den 
nächsten  Wochen  erfolgt.  So  ist  die  Zahl  der  genügend  lang  sero¬ 
logisch  beobachteten  Fälle  prozentual  klein  und  die  gewonnenen 
Ziffern  würden  bei  der  Kürze  der  Beobachtungszeit  zu  falschen  Er¬ 
gebnissen  führen. 

Der  allgemeine  Eindruck  ist  der,  dass  den  Vorteilen  der  grossen 
Bequemlichkeit  der  Methode  für  Arzt  und  Kranken  der  Nachteil  der 
geringeren  Dauerwirkung  gegenübersteht.  Dieser  Nachteil  lässt  sich' 
aber  in  den  in  Betracht  kommenden  Fällen  durch  kürzere  Abstände 
der  ersten  Kuren  ausgleichen. 

Auf  jeden  Fall  bietet  das  Verfahren  besonders  in  der  ambulanten 
Praxis  so  viele  und  grosse  Vorteile,  dass  eine  weitere  klinische; 
Nachprüfung  zu  empfehlen  ist. 


September  192.?. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1155 


Ueber  eine  antionkische  Wirkung  des  Aachener 
Mineralwassers. 

Von  Q.  Keysselitz  (Aachen). 

Die  Methodik  der  Untersuchungen  über  die  therapeutische  Wir- 
ng  von  Mineralwässern  auf  die  Magenschleimhaut  ist  bisher  wenig 

sgebaut. 

Die  bekannten  Versuche  an  Eistelhuuden  und  mit  dem  Paw- 
w  sehen  kleinen  Magen  geben  nur  Aufschluss  über  bestimmte 
nktionen  des  Organs.  Der  Einfluss  auf  die  Motilität  bzw.  das 
akuatorische  Vermögen  und  die  sekretorische  Tätigkeit  wird  ge- 
irt,  ein  Anhalt  für  den  Wirkungsmechanismus  des  umspülenden 
neralwassers  auf  die  Schleimhaut  aber  nicht  gewonnen.  Genauere 
irstellungen  über  einen  in  dieser  Hinsicht  in  Frage  kommenden 
irapeutischen  Effekt  stehen  noch  aus.  Nur  die  „praktische  Etfali- 
ag“  spricht  im  Sinne  einer  günstigen  Beeinflussung  erkrankter 
hleimhaut  durch  Trinkkuren  mit  Mineralquellen  von  bestimmter 
emischer  Zusammensetzung,  namentlich  bei  Reizzuständen  und 
tarrhalischen  Erkrankungen  des  Magens. 

Bei  diesen  Leiden  liegt  eine  Störung  der  kolloidalen  Beschaffen¬ 
it  der  Zellkolloide  im  Sinne  einer  Quellung  des  Protoplasmas  und 
der  Richtung  der  Lockerung  der  einzelnen  Zellen  im  Zellver- 
nde  vor. 

Die  Zurückführung  dieser  Veränderungen  zur  Norm  ist  eines  der 
irapeutischen  Ziele  bei  der  Verordnung  von  Trinkkuren. 

Die  therapeutische  Bewertung  eines  Mineralwassers  erfordert 
her  neben  anderem  auch  eine  Prüfung,  inwieweit  durch  seine  An- 
mdung  eine  solche  Art  kolloidaler  Zellkorrektur,  die  Schade  als 
ntionkische  Wirkung“ ')  bezeichnet,  angebahnt  wird. 

Er  versteht  darunter  eine  bestimmte  Form  der  therapeutischen 
Istringierung  an  entzündlich  gequollenen  und  in  ihrem  Zellverband 
lockerten  Zellen.  Sic  besteht  in  einer  Kolloidverdichtung  des  ge- 
ollenen  Protoplasmas  und  der  gelockerten  Interzellularmasse,  die 
;  zum  Ausgleich  des  abnormen  Zustandes  fortschreitet  und  mit  Er- 
chung  der  normalen,  für  das  Leben  günstigsten  Quellungsvcrhält- 
se  ihr  Ende  findet.  Die  vielerörterte  „antikatarrhalische  Wirkung“ 
r  Mineralwässer  bei  Katarrhen  des  Intestinaltraktus  beruht  nach 
•  h  a  d  e  auf  solch  einer  antionkischen  Beeinflussung  der  entzünd- 
ii  gequollenen  und  in  ihrem  natürlichen  Verbände  gelockerten 
llen. 

Zur  Klarstellung  eines  diesbezüglichen  Einflusses  von  Mineral- 
ssern  sind  Versuche  an  Menschen  wenig  aussichtsreich.  Man 
iss  zum  Tierexperiment  greifen. 

Bei  Versuchen  zur  Klärung  der  etwa  vorhandenen  „antionkischen 
rkung“,  das  Aachener  und  Burtscheider  Wassers *  2)  habe  ich  nach 
in  Vorgang  von  Schade3)  Kaulquappen  von  Ra  na  fusca 
mtzt.  Bei  diesen  Tieren  lassen  sich  durch  Anwendung  sehr  ver- 
inter  Salzsäurelösungen  Zellquellungen  und  Lockerung  von  Zell- 
rbänden  in  abstufbarer  Weise  leicht  erreichen.  Ein  Maass  für  die 
■letzte  Kolloidschädigung  gewinnt  man  durch  Feststellung  der  Le¬ 
nsdauer  der  Tiere.  Der  therapeutische  Effekt  der  Mineralquell- 
landlung  ergibt  sich  aus  dem  gegenüber  der  Kontrolle  lebensver- 
gernden  oder  rettenden  Einfluss  auf  die  säurebehandelten  Larven. 

Bei  den  zu  den  Versuchen  benutzten  Kaulquappen  waren  die  Kiemen 
ch  die  Operkularfalte  bereits  überwachsen  und  das  Kiemenloch  beiderseits 
intlich. 

Die  unvorbehandelten  Tiere  halten  sich  in  Aachener  und  Burt- 
leidcr  Wasser  lange  Zeit  (Bcobachtungsdauer  6  Tage),  in  Aqua 
d:  und  0,1  proz.  Natr.  bicarb.  -  Lösung  waren  sie  jedesmal  nach 
Stunden  noch  unverändert  am  Leben. 

Die  Versuchstiere  werden  zuerst  in  eine  bestimmt  konzentrierte, 
rk  verdünnte  HCl-Lösung  gebracht  und  dann  nach  bestimmten 
iträumen  in  das  zu  prüfende  Thermalwasser  überführt,  das  sich 
hrend  der  Nacht  abgekühlt  hat  und  dabei  seines  Gasgehaltes  ver- 
tig  gegangen  ist.  Als  Kontrolle  dient  das  Verhalten  der  Tiere 
:h  Einsetzen  in  gewöhnliches  Leitungswasser  oder  in  eine  0,1  proz. 
tr.  bicarb.  -  Lösung  (Natr.  bicarb.  purissimum  in  Aqua  dest.).  In 
er  Anzahl  von  Kontrollversuchen  ging  der  Ueberbringung  in  Lei- 
igswasser  ein  kurzfristiges  Abspülen  in  0,1  proz.  Natr.  bic'arb. -I.ö- 
ig  voraus. 

In  den  stark  verdünnten  HCl-Lösungen  bewegen  sich  die  Kaul- 
ippcn  anfangs  lebhaft  umher.  Bald  aber  werden  die  Körperbewe- 
igen  träger  und  erfolgen  schliesslich  nur  noch  auf  mehr  oder 
niger  starke  Berührung  oder  Stoss. 

Die  anfangs  glatte  und  spiegelnde  Epidermis  verändert  sich  all- 
hlich,  sie  wird  grau  und  opak  und  sieht  wie  aufgelockert  aus.  Bei 
rkerer  Berührung  fallen  dann  kleinere  und  grössere  Epithelfetzen 
m  Körper  ab;  man  kann  schliesslich  mit  Leichtigkeit  ganze  Epithel- 
:en  vom  Ruderschwanze  abstreifen.  Schade  glaubt,  dass  dei 

‘)  Schade:  Die  physikalische  Chemie  in  der  inneren  Medizin.  1921. 

*)  Quelle  des  Kaiserbades  in  Aachen,  Quelle  auf  dem  Markt  in  Burtscheid, 
wr  die  Zusammensetzung  dieser  Thermen  orientiert  das  Deutsche  Bäder- 
h  1907.  Nach  den  neuesten  chemischen  Analysen  von  Dr.  Feder- 
■.licn  und  den  Gasanalysen  von  Prof.  Henrich-  Erlangen  sind  die  dies- 
üglichen  Angaben  des  Deutschen  Bäderbuches  nicht  mehr  in  allen  Punkten 
reffend.  Eine  Veröffentlichung  der  neuen  Ergebnisse  steht  bevor. 

3)  Schade,  Giesecke  und  K  i  e  1  h  o  1  z:  Untersuchungen  zur  Frage 
et  therapeutischen  Kolloidkorrcktur  („antionkische  Therapie“).  M.m.W.  1923, 

43,  S.  1<<7  ff. 


lod  der  Tiere  im  wesentlichen  auf  die  Kolloidveränderungen  der 
Epithelien  der  Kiemen,  des  lebenswichtigsten  Organs,  zurückzuführen 
ist.  Die  Allgemeinschädigung  der  Epitheldecke  des  ganzen  Körpers, 
durch  die  das  tiefergelegene  Gewebe  seinen  natürlichen  Schutz 
verliert,  dürfte  daneben  auch  keine  zu  unterschätzende  Rolle  spielen. 

Die  Umleitung  der  mehr  oder  weniger  geschädigten  Tiere  in  ein 
Medium  anderer  Zusammensetzung  führt  gewöhnlich  nach  dem  Ab¬ 
klingen  des  ersten,  durch  die  andersgeartete  Flüssigkeit  bedingten 
Reizes  zur  Einstellung  der  Spontanbewegungen;  meist  verringert  sich 
dann  auch  vorübergehend  die  Beweglichkeit  auf  Stoss  und  Berüh¬ 
rungsreize. 

Irn  I  hermalwasser  verlieren  die  säurebeeinflussten  Larven  sehr 
bald  als  äusseres  Zeichen  der  einsetzenden  Zellkorrektur  das  matte, 
graue  Aussehen,  das  sie  in  zunehmender  Weise  unter  der  Säure¬ 
behandlung  erlangt  haben.  Die  Haut  wird  wie  früher  glatt  und  spie¬ 
gelnd;  Epithelfetzen  oder  ganze  Zellagen  lassen  sich  nicht  mehr  ab¬ 
streifen.  In  den  Kontrollen  dagegen  behalten  die  Kaulquappen  ent¬ 
weder  die  veränderte  Beschaffenheit  der  Oberflächenschichten  bei 
oder  gewinnen  nur  allmählich  ihr  normales  Aeussere  zurück. 

Ein  lebensbegünstigender  bzw.  rettender  Effekt  des  Aachener 
und  Burtscheider  Wassers  lässt  sich  in  den  Versuchen  ohne  weiteres 
nachweisen.  Er  macht  sich  besonders  dann  geltend,  wenn  die  Tiere 
erst  nach  längerem  Verweilen  in  der  für  sie  giftigen  HCl-Lösung  umge¬ 
setzt  werden,  zu  Zeiten,  da  sie  ihre  Spontanbewegungen  mehr  oder  we¬ 
niger  ganz  eingestellt  haben  und  nur  noch  auf  Berührung  oder  Stoss 
mit  matten  Bewegungen  antworten.  Führt  man  sie  schon  früher  über, 
so  bleiben  sie  auch  in  den  Kontrollversuchen  am  Leben.  Die  noch 
wenig  weit  vorgeschrittene  Säureschädigung  der  Oberflächendecke 
vermag  sich  aus  eigener  Kraft  auszugleichen  und  bedarf  dazu  nicht 
notwendig  der  Hilfe  des  die  Zellkorrektur  durch  seine  antagonistische 
Wirkung  auf  die  Kolloidauflockerung  fördernden  Mineralwassers. 
Gleichwohl  zeigt  sich  auch  dann  ein  günstiger  Einfluss  darin,  dass 
die  Larven  rascher  ihre  spontane  lebhafte  Beweglichkeit  und  ihr 
„normales“  Aussehen  zurückerlangen. 

Ueber  die  Wirkungen  im  einzelnen  mögen  die  folgenden  Tabellen 
orientieren.  Sie  geben  nur  einen  kleinen  Teil  der  Versuche  wieder,  die 
sich  im  wesentlichen  nicht  voneinander  unterscheiden  und  s^ziell 
auch  keine  Differenzen  in  der  Wirkung  zwischen  Aachener  und  Bur;- 
scheider  Wasser  erkennen  lassen  4). 

Tabelle  1. 


500  ccm  Aqua  destillata 


-f-  5  ccm 

+  10  ccm 

4-  15  ccm 

4-  20  ccm 

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Tabelle  2. 


500  Aqua  destillata 

-(-  5  ccm 
Go  N-HCL 

-p  10  ccm 

+  15  ccm 

+  20  ccm 

Vn  N-HCL 

7io 

N-HCL 

Go 

N-HCL 

Zahl  der  Versuchstiere 

5 

5 

5 

5 

5 

5 

5 

5 

5 

5 

5 

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’)  Uebcr[iihrung  in  Leitnngswasser  nach  kurzem  Abspülen  in  0,1  proz.  Natr. 
bicarb.  pur.-Lösuug  in  Aqua  destillata. 


1156 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  36. 


Tabelle  3. 


Unvorbehandelte 

Kontrollen 

500  Aqua  aestiiiata  4-  io  ccm 

■ 

Vio  X- 

HCL-Lösung 

3| 

Aache 

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Zahl  der  Versuchstiere  ... 

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5 

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■)  Indicator  Methylorange  zeigt  gelbe  Färbung. 

**)  Indicator  Methylorange  zeigt  orange  Färbung. 


Nach  diesen  Tabellen  ist  der  schützende  bzw.  rettende  Einfluss 
des  Mineralwassers  jedesfalls  nicht  durch  den  Gehalt  an  Alkali  allein 
bedingt.  Wie  Tabelle  3  zeigt  ist  er  sogar  von  diesem 
weitgehend  unabhängig.  Selbst  nach  Neutralisierung  des  Aachener 
und  Burtscheider  Wassers  und  sogar  bei  gering  saurer  Reaktion  zeigt 
sich  gegenüber  den  Kontrollen  eine  das  Leben  bewahrende  Wirkung. 
Spätere  Untersuchungen  sollen  zeigen,  welche  von  den  gelösten  Sub¬ 
stanzen  den  Schutz  gewährleisten. 

Es  dürfte  gewiss  nicht  richtig  sein,  die  Ergebnisse  dieser  Ver¬ 
suche,  die  gewonnen  sind  durch  die  Beobachtung  der  Wirkung  von 
Säuren  und  Mineralwasser  auf  die  Hautdecke  einschliesslich  der 
Kiemen  von  Wassertieren,  unmittelbar  oder  in  vollem  Umfang  auf 
das  feinere  therapeutische  Geschehen  an  der  Magenschleimhaut  bei 
Trinkkuren  mit  bestimmten  Mineralwässern  zu  übertragen. 

Immerhin  scheinen  sie  doch  den  Weg  zu  zeigen,  wie  man  dem 
Verständnis  einer  der  Wirkungskomponenten  eines  Mineralwassers 
näherzukommen  vermag. 

Man  wird  annehmen  können,  dass  Trinkkuren  und  Spülungen  mit 
Aachener  und  Burtscheider  Wasser  oder  einer  ähnlich  zusammenge¬ 
setzten  Quelle  alle  Zustände  durch  eine  therapeutische  Adstringierung 
feinster  Art  günstig  beeinflussen,  die  mit  Veränderungen  des  Kol¬ 
loidzustandes  der  Schleimhautzcllen  im  Sinne  einer  Quellung  des 
Protoplasmas  oder  Lockerung  der  Kittsubstanz  einhergehen.  Das  ist 
bei  katarrhalischen  Erkrankungen  und  mannigfachen  akuten  und 
chronischen  Reizzuständen  des  Magens  (ebenso  der  Mundhöhle, 
Speiseröhre  und  des  Dickdarmes,  der  Harnblase  [Spülungen])  der 
Fall.  Durch  eine  Einwirkung  auf  den  gestörten  Kolloidzustand  in  der 
Richtung  der  Rückkehr  zur  Norm  wird  die  Wiederherstellung  der 
„Eukolloidität“  angestrebt.  Eine  solche  „antionkische  Wirkung“  eines 
alkalischen  Mineralwassers  kann  sich  auch  dann  noch  geltend  machen, 
wenn  das  alkalische  Mineralwasser  durch  HCl,  wie  z.  B.  im  Magen, 
neutralisiert  oder  zu  schwachsaurer  Reaktion  übergeführt  ist. 


Wielange  darf  sich  ein  Kassenarzt  bei  einer  Kreissenden 

aufhalten? 

(Fall  von  Kollision  der  Zwillinge.) 

Von  W.  Zangemeister  - Marburg  a.  L. 

Vor  kurzem  war  ich  als  Sachverständiger  vor  Gericht  geladen 
in  einer  Klage  des  Kassenarztes  Dr.  E.  gegen  eine  Krankenkasse  in 
C.  Auf  Grund  der  Beanstandung  ihres  Vertrauensarztes,  des  Kreis¬ 
arztes  Dr.  N.  N.,  hatte  die  Kasse  die  Honorarforderung  des  Dr.  E. 
nicht  anerkannt.  Die  Beanstandung  bezog  sich  auf  die  3Vz  tägige 
Aufenthaltsdauer  des  Arztes  bei  einer  Kreissenden  und  auf  die  An¬ 
rechnung  der  Gebühren  für  eine  Wendung,  obwohl  es  bei  einem  Wen¬ 
dungsversuch  geblieben  war. 

Abgesehen  davon,  dass  der  Geburtsfall  als  solcher  bemerkens¬ 
wert  ist,  verdient  die  Beurteilung  desselben  hinsichtlich  der  obigen 
Fragen  durch  den  anderen  Sachverständigen,  den  Vertrauensarzt 
der  Kasse,  allgemeines  Interesse. 


*)  Gleichsinnige  Versuche  mit  Daphnien  zeigen  ebenfalls  den  lebens¬ 
verlängernden  bzw.  rettenden  Einfluss  des  Aachener  Wassers.  Eine  ähnliche, 
wenn  auch  geringere  Wirkung  übt  0,1  proz.  Natr.  bicarb.  pur.-Lösung  aus, 
einer  0,36  proz.  Natr.  chlorat. -Lösung,  die  dem  Aachener  Mineralwasser  an¬ 
nähernd  isotonisch  ist,  fehlt  sie.  Unvorbehandelte  Daphnien  starben  in  einer 
solchen  Lösung  innerhalb  24,  spätestens  36  Stunden  ab. 


Zunächst  will  ich  den  Fall  kurz  schildern:  Wehenbeginn  bei  der  39  lähr. 
I-para  23.  XI.  früh;  die  Hebamme  wurde  am  24.  XI.  früh  gerufen,  beobachtete 
Mekoniumabgang  und  rief  den  Arzt  Dr.  E.,  der  7  km  weit  entfernt 
wohnte.  —  Blasensprung  nicht  bemerkt.  —  Der  Arzt  fand  den  Mutter¬ 
mund  fünfmarkstückgross,  I.  Steisslage.  Er  blieb  bei  der  Kreissenden,  da  er 
im  Hinblick  auf  die  Entfernung  von  seiner  Wohnung  fürchtete,  zu  einem  wahr¬ 
scheinlich  nötigen  Eingriff  nicht  rechtzeitig  zur  Stelle  zu  sein.  Wehen 
schwach.  Am  25.  XI.  Mekoniumabgang,  Steiss  nach  rechts  abgewichen,  Kopf 
links,  kleine  Teile  rechts  und  links;  Herztöne  nirgends  mit  Sicherheit  zu 
hören.  Abends  Iiess  sich  Dr.  E.  durch  einen  Vertreter  ablösen.  Am  26.  XI. 

I.  dorsoanteriore  Querlage,  Muttermund  kleinhandtellergross.  Deshalb  linke 
Seitenlagerung.  Die  Wehen  wurden  allmählich  kräftiger;  der  Muttermund 
erweiterte  sich  aber  nur  sehr  langsam.  Am  27.  XL  lag  die  linke  Schulter 
vor;  es  sollte  nunmehr  die  Wendung  vorgenommen  werden.  Es  gelang  aber 
Dr.  E.  nicht,  an  den  Fuss  zu  kommen,  so  dass  die  Wendung  aufgegeben 
werden  musste.  Deshalb  und  weil  die  Angehörigen  die  in  Aussicht  gestellte 
zerstückelnde  Operation  nicht  im  Hause  wünschten,  Transport  in  die  Mar- 
burger  Frauenklinik  (2  Stunden  im  Auto). 

In  der  Klinik  stellte  der  Assistenzarzt  eine  I.  dorsoposteriore  Quer¬ 
lage  fest;  keine  Herztöne,  Muttermund  vollständig  erweitert,  linke  Schulter 
vorliegend.  —  10  Minuten  später  Untersuchung  durch  den  Oberarzt  (Prof. 
Esch):  Retraktionsring  deutlich  ausgeprägt,  schräg  von  links  oben  nach 
rechts  unten.  Unteres  Segment  nicht  druckempfindlich.  Uterus  stark 
retrahiert.  Kindsteile  nicht  deutlich  durchzufühlen  ln  der  Vagina  bräun¬ 
liches  fötides  Sekret  Im  Beckeneingang  der  Steiss. 

Narkose;  Herunterholen  des  Fusses;  Extraktion:  Nach  der  Arm-: 
lösung  macht  der  Uterus  einen  so  grossen  Eindruck,  dass  ein  Hydrozephalus  • 
vermutet  wird,  um  so  mehr  als  der  Kopf  noch  sehr  hoch  steht.  Aber  beim 
Eingehen  wird  entdeckt,  dass  in  der  Kreuzbeinaushühlung  der  Kopf  eines 

II.  Kindes  neben  dem  Hals  eingekeilt  ist,  während  der  Kopf  des  I.  Kindes  über  ] 
dem  Becken  steht. 

Da  die  Früchte  zweifellos  tot  waren  und  an  den  Kopf  nur  schwer  heran¬ 
zukommen  war,  wurde  der  Hals  des  I.  Kindes  durchtrennt.  Dann  folgte  die 
Perforation  und  Kranioklasie  des  LI.  Kindes  und  schliesslich  die  Extraktion  J 
des  Kopfes  des  I.  Kindes  (I.  Zwilling  44  cm,  II.  49  cm).  —  Wochenbett  o.  B. 

Die  Geburt  war  demnach  recht  kompliziert,  einmal  durch  das  , 
Alter  der  Erstgebärenden  und  die  damit  zusammenhängende  Wehen- ; 
schwäche  und  Verzögerung  der  Eröffnungsperiode,  zweitens  durch  ; 
Wechsel  der  Fruchtlage  (Steisslage,  Querlage,  Steisslage),  welche  , 
ermöglicht  wurde  durch  den  vorzeitigen  Sprung  beider  Frucht-  ; 
blasen  bei  Zwillingen ;  offenbar  hat  ein  Zwilling  den  anderen  am  Ein¬ 
tritt  ins  Becken  gehindert;  die  dritte  Komplikation  entstand  durch 
Verhakung  der  Zwillinge  bei  der  Extraktion. 

Im  Hinblick  auf  diese  Verhältnisse  wird  man  die  Notwendigkeit  | 
einer  dauernden  ärztlichen  Ucberwachung  dieser  Geburt  nicht  bestrei¬ 
ten  können,  und  ich  habe  mich  gutachtlich  dahin  geäussert,  dass  der 
Arzt  nicht  nur  berechtigt,  sondern  verpflichtet  war,  bei  der  Kreissen¬ 
den  zu  bleiben.  Wollte  man  einwenden,  dass  Dr.  E.  die  Komplikatio¬ 
nen  nicht  alle  erwarten  konnte,  so  wäre  darauf  zu  erwidern,  dass  1 
schon  das  Vorhandensein  einer  Beckenendlage  (bei  einer  alten  Pri¬ 
mipara)  das  Verlassen  der  Kreissenden  bei  der  in  Betracht  kommen¬ 
den  räumlichen  Entfernung  nicht  erlaubte,  dass  ganz  allgemein  der  , 
Arzt  eine  ihm  anvertraute  Kreissende  nur  dann  verlassen  darf,  wenn 
er  die  Verantwortung  dafür  übernimmt,  dass  in  der  Zwischenzeit 
nichts  passiert,  also  nur,  wenn  er  bei  Bedarf  in  Kürze  wieder  zur  I 
Stelle  sein  kann.  Wäre  z.  B.  die  Geburt  plötzlich  in  Beckenendjage  ; 
zu  Ende  gegangen  und  das  Kind  infolge  Abwesenheit  des  Arztes  er¬ 
stickt,  so  hätte  ich  als  Sachverständiger  vor  Gericht  ein  Verschulden 
des  Arztes  anerkannt,  wenn  sich  derselbe  7  km  weit  (Wohnung  des , 
Dr.  E.)  weg  begeben  hätte. 

Die  lange  Dauer  der  Geburt  war  aber  vorher  mit  Sicher¬ 
heit  nicht  zu  übersehen;  denn  selbst  bei  alten  Primiparen,  sogar 
mit  vorzeitigem  Blasensprung  verläuft  die  Geburt  bisweilen  schnell. 
Je  mehr  aber  die  Zeit  verstrich,  um  so  näher  konnte  Dr,  E.  das  Ge¬ 
burtsende  bevorstehend  erachten  und  um  so  weniger  durfte  er  dann 
noch  Weggehen;  als  er  dies  schliesslich  doch  musste,  hat  er  rich¬ 
tigerweise  einen  Vertreter  gerufen,  der  ihn  ablöste. 

Da  die  Dauer  der  Geburt  und  ihre  weiteren  Komplikationen  für 
Dr.  E.  nicht  zu  übersehen  waren,  lag  auch  kein  zwingender  Grund 
vor,  auf  die  Leitung  der  Geburt  von  vornherein  zu  verzichten  und 
die  Kreissende  in  die  Klinik  zu  schicken.  Namentlich  in  der  Jetztzeit 
ist  das  Bestreben  des  Praktikers  verständlich,  die  Behandlung  eines  1 
Falles  nicht  unnötig  aus  der  Hand  zu  geben. 

Dr.  E.  hat  m.  E.  die  Geburt  der  Frau  gewissenhaft  und  mit  gros-  1 
sen  Zeitopfern  überwacht  (ein  Lob,  welches  man  den  geburtshilflich 
tätigen  Praktikern  keineswegs  immer  spenden  kann).  Er  hat  durch¬ 
aus  im  Interesse  der  Kreissenden  gehandelt  und  damit  auch  in  dem¬ 
jenigen  der  Krankenkasse,  welche  bestrebt  sein  muss,  ihren  Mitglie¬ 
dern  die  bestmögliche  ärztliche  Hilfe  zu  gewähren. 

Wohin  sollte  es  führen,  wenn  der  Kassenarzt  das  finanzielle  Interesse  ! 
einer  Krankenkasse  über  die  Sorge  um  das  Wohlergehen  seiner  Schutz¬ 
befohlenen  setzen  müsste?  Dass  Kassenärzte,  um  ihre  kümmerlichen 
Kassenhonorare  günstiger  zu  gestalten,  gelegentlich  mehr  unternehmen,  als  im 
Interesse  der  Behandlung  ihrer  Kranken  gerade  nötig  ist,  sei  .nicht  bestritten. 
Im  vorliegenden  Fall  kann  davon  keine  Rede  sein. 

Im  Gegensatz  zu  meinem  Gutachten  stand  nun  dasjenige 
des  Vertrauensarztes  der  Kasse,  des  Kreisarztes  Dr.  N.  N.  Auf  Grund 
seiner  „umfangreichen  geburtshilflichen  Erfahrung“  hat  derselbe 
Grundsätze  vor  Gericht  ausgesprochen,  um  seine  —  ohne  genaue 
Kenntnis  des  Geburtsfalles!  —  abgegebene  Beanstandung  des  Hono¬ 
rars  zu  rechtfertigen,  die  an  den  Pranger  gestellt  werden  müssen,  da¬ 
mit  Aehnliches  nicht  in  anderen  Fällen  versucht  wird. 


September  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1157 


Er  sagte:  Wenn  eine  Geburt  nicht  soweit  sei.  dass  der  Arzt  ein¬ 
reifen  könne,  so  solle  dieser  wieder  Weggehen!  Länger  als  liöch- 
ens  12—18  Stunden  dürfe  der  Arzt  bei  einer  Kreissenden  nicht 
leiben;  dann  müsse  er  einen  zweiten  Arzt  zuziehen  oder  die  Kreis¬ 
ende  in  eine  Klinik  schicken.  Sein  Urteil,  wie  lange  der  Arzt  bei 
iner  Kreissenden  bleiben  muss,  machte  Dr.  N.N.  von  der  I  rage 
blüingig,  wie  lange  der  Praktiker  im  allgemeinen  bei  einer 
reissenden  zu  warten  „pflegt“,  ferner  davon,  wie  lange  die  Ange- 
öfigen  und  die  Kreissende  sich  ein  solch  abwarteudes  Verhalten 
efallen  Messen!  Ferner  behauptete  er,  durch  das  lange  Abwarten 
ürden  die  geburtshilflichen  Eingriffe  schwerer  und  gefährlicher. 

Schliesslich  argumentierte  dieser  „Sachverständige“  noch  damit, 
ass  eine  Reihe  von  Kollegen,  denen  er  den  Fall  vorgetragen  habe 
^B.  ehe  er  alle  Einzelheiten  kannte!),  ihm  in  seiner  Ansicht,  dass 
>r.  E.  zu  lange  bei  der  Geburt  geblieben  wäre,  zugestimmt  hätten. 

Demgegenüber  habe  ich  betont:  1.  Die  Aufgabe  des  Geburts- 
elfeis  besteht  in  erster  Linie  in  der  Ueberwachung  der  Geburt, 
iclit  in  Eingriffen:  letztere  sind  nur  dann  berechtigt,  wenn  sie 
ö  t  i  g,  und  nicht  wenn  sie  möglich  sind.  Der  Arzt,  der  eine 
[reissende  lediglich  deshalb  verlässt  „weil  er  noch  nicht  ein¬ 
reifen  k  a  n  n“,  zeigt,  dass  er  von  Geburtshilfe  nichts  versteht. 
Eine  zeitliche  Begrenzung  der  ärztlichen  Ucberwachungsnotwen- 
igkeit  auf  12,  18,  selbst  auf  24  und  mehr  Stunden  ist  ein  Unding.  Es 
ibt  Geburten,  bei  welchen  eine  dauernde  Ueberwachung  noch  weit 
änger  nötig  ist  (enges  Becken,  Placenta  praevia,  Eklampsie  u.  a.). 

Das  Verhalten  der  Praktiker  bei  Geburten  bildet  keinen  Maass¬ 
tab  für  das,  was  notwendig  ist,  da  in  der  Praxis  gerade  in  der  Ge- 
mrtshilfe  aus  äusseren  Gründen  viel  gesündigt  wird,  und  da  dem 
Taktiker  häufig  auch  die  Beurteilungsfähigkeit  und  Erfahrung  in 
liesen  Dingen  fehlt.  4.  Die  Kreissende  selbst  und  ihre  Angehörigen 
ind  noch  weniger  kompetent;  sie  sind  Laien.  Ein  Arzt,  der  sein 
landein  von  diesen  Personen  abhängig  macht,  ist  kein  Arzt;  er  muss 
einer  Ueberzeugung  gemäss  handeln  oder  die  Verantwortung  ab- 
eluien.  5.  Die  exspektative  Leitung  der  Geburten  ist  das  einzig 
Richtige;  sie  erschwert  notwendige  Eingriffe  nicht;  im  Gegenteil, 
neist  erleichtert  sie  sie  und  macht  sie  weniger  gefährlich;  natürlich 
;ann  ein  zu  langes  Abwarten  auch  einmal  schaden  (z.  B.  wenn 
iei  Querlage  die  Wendung  nicht  rechtzeitig  gemacht  wird);  im  all¬ 
gemeinen  aber  wird  in  der  Praxis  weit  mehr  geschadet  durch  z  u 
rüh  zeitiges  —  oft  unnötiges  —  als  durch  zu  spätes  Eingreifen, 
i.  Das  Forum  von  praktischen  Aerzten,  auf  welches  sich  Dr.  N.N. 
icruft,  ist  in  derartigen  Fragen  nicht  absolut  massgebend;  ausserdem 
iber  kommt  es  ganz  darauf  an,  wie  ein  Fall  dargestellt  wird. 

Schliesslich  ist  auch  noch  Folgendes  zu  betonen:  Bei  Beurtei- 
ung  eines  Geburtsfalles  nach  Ablauf  desselben  ist  man  öfters  kluger 
ds  zuvor.  Bei  Bewertung  der  ärztlichen  Handlungsweise  muss  man 
sich  in  die  Situation  hineinversetzen,  welche  bestand,  als  der  Arzt 
einen  Entschluss  fassen  musste.  Der  weitere  Verlauf  des  Falles,  seine 
lange  Dauer  und  seine  weiteren  Komplikationen  zeigen  zwar,  dass 
der  Arzt  besser  getan  hätte,  die  Kreissende  früher  in  die  Klinik  zu 
schicken;  aber  das  war  vorher  für  ihn  nicht  zu  übersehen. 

Der  zweite  Punkt  der  Beanst  andun  g  betraf  den  Wen¬ 
dungsversuch.  In  der  Gebührenordnung  gibt  es  keine  Taxe  für  den 
„Wendungsversuch“.  Deshalb  verlangte  der  Vertrauensarzt 
Streichung  der  für  die  „Wendung“  liquidierten  Gebühr.  Er  führte  an, 
dass  für  nicht  ausgeführte  Operationen,  z.  B.  für  die  nichtgelungene 
Reposition  einer  Hernie,  eines  Knochenbruches,  auch  nichts  vergütet 
würde.  Zunächst  sind  nun  diese  Vergleiche  nicht  stichhaltig;  sie  wur¬ 
den  allenfalls  in  Parallele  zu  setzen  sein,  wenn  ein  Arzt  die  Zange 
anlegt,  sie  aber  nicht  vollenden  kann.  Schon  der  Versuch  der 
„hohe  n“  Zange  (vor  der  Perforation)  ist  jedoch  ein  u.  U.  berech¬ 
tigtes,  zweckmässiges  und  vollgültiges  Unternehmen,  auch  wenn  er 
schliesslich  nicht  zum  Ziel  führt.  Der  Wendungsversuch  erfordert  — 
im  Gegensatz  zum  Repositionsversuch  einer  Hernie  und  dergl.,  müh¬ 
same  Vorbereitungen;  ausserdem  ist  er  ein  verantwortungsvolles 
Unternehmen,  bei  welchem  oft  mehr  Mühe,  mehr  Kritik  und  mehr 
Erfahrung  nötig  ist  als  bei  einer  gelingenden  Wendung.  Er  kann  des¬ 
halb  nicht  einfach  unhonoriert  bleiben.  Der  Wendungsversuch  ist 
nicht  lediglich  eine  missglückte  Massnahme,  sondern  ein  Eingriff  sui 
generis,  bei  dem  oftmals  die  wahre,  schwierige  Situation  erst  richtig 
erkannt  wird;  er  wird  unternommen,  um  das  Leben  des  Kindes  mög¬ 
lichst  zu  erhalten  (dass  das  Kind  resp.  die  Kinder  im  vorliegenden 
Fall  bereits  tot  waren,  stand  damals  nicht  sicher  fest). 

Ganz  abgesehen  von  diesen  Erwägungen,  enthält  die  Gebüh¬ 
renordnung  aber  gar  keinen  Passus,  aus  dem  hervoi 
ginge  dass  ärztliche  Verrichtungen,  falls  sie  den 
erzielten' Erfolg  nicht  haben,  nicht  zu  honorieren 
wären'  In  der  Ausgabe  der  Preussischen  Gebührenordnung  von 
Jorn träger  (15.  III.  1922,  Berlin,  Kabitzsch)  hebt  der  Autor 
iogar  ausdrücklich  hervor  (S.  3):  „Man  zahlt  dem  Arzt  nicht  bloss, 
venn  seine  Ratschläge,  Leistungen,  Operationen  einen  Lrtolg 
lehabt  haben.“  Im  „Deutschen  Aerzterecht“  (Joachim  u.  Korn, 
Jerlin,  Vahlen,  1911,  S.  376)  wird  gesagt:  „Unerheblich  für  den 
Anspruch  ist  Weiter,  ob  seine  Bemühungen  von  Erfolg  gekrönt  waren 
>der  nicht;  denn  die  vom  Arzt  übernommene  Vertragspfhcht  geht 
lur  dahin,  die  zur  Herbeiführung  des  Erfolges  von  der  Wissenschaft 
/orgeschriebenen  Dienste  zu  leisten.“  Die  Gebührenordnung  selbst 
rnthält  folgendes  zur  Sache  (S.  5):  Eine  Gebühr  kann  nur  für  solcne 
Verrichtungen  in  Ansatz  gebracht  werden,  die  eine  selbständige 


Leistung  darstellen.  §  10:  Verrichtungen,  für  die  diese  Gebühren¬ 
ordnung  Gebühren  nichts  auswirft,  sind  nach  Massgabe  der  Sätze, 
die  für  gleichwertige  Leistungen  gewährt  werden,  zu 
vergüten. 

Der  „Wendungsversuch“  ist  —  sachgemäss  unternommen  — 
zweifellos  eine  selbständige  Leistung.  Da  keine  Taxe  für  ihn  vor¬ 
gesehen  ist,  muss  er  als  Wendung  in  Anrechnung  gebracht  werden; 
denn  nach  Beschaffenheit  und  Schwierigkeit  der  Leistung  steht  er 
hinter  zahlreichen  glatten  Wendungen  nicht  zurück. 

•  Wenn  man  den  Fall  im  ganzen  überblickt,  muss  man  zwei 
Dinge  als  höchst  bedauerlich  bezeichnen;  Einmal  dass  sich  ein  Arzt 
(beamteter  Arzt!)  dazu  hergibt,  die  Liquidation  eines  Kollegen  ohne 
genaue  Kenntnis  des  Falles  und  nach  gänzlich  unrichtigen  Gesichts¬ 
punkten  bei  einer  Krankenkasse  zu  beanstanden,  und  dass  er  diese 
lieanstandung  nicht  einmal  zurücknimmt,  nachdem  er  über  die  Kom¬ 
plikationen  unterrichtet  worden  war.  Zweitens  dass  es  ein  Arzt 
unternimmt,  Grundsätze  vor  Gericht  auszusprechen,  welche  unseren 
—  keineswegs  nur  auf  theoretischer  Grundlage  beruhenden  —  Leh¬ 
ren,  die  wir  im  Interesse  zweckmässiger  Behandlung  unseren  Schü¬ 
lern  einzuprägen  bemüht  sind,  geradezu  ins  Gesicht  schlagen.  Was 
mich  veranlasst,  hier  eine  scharfe  Sprache  zu  reden,  ist  auch  noch  die 
Tatsache,  dass  ich  vor  einigen  Jahren,  ebenfalls  von  einem  beamte¬ 
ten  Arzt,  als  Leiter  der  Hebammenlehranstalt  ein  vorwurfsvolles 
Schreiben  erhielt,  weil  ich  meine  Hebammenschülerinnen  nicht  dazu 
erzogen  hätte,  sofort  bei  einer  Kreissenden  innerlich  zu  untersuchen. 
Es  sei  ihm  mehrfach  vorgekommen,  dass  er  von  diesen  Hebammen 
gerufen  wurde,  ehe  der  Muttermund  so  weit  war,  dass  er  sofort  die 
Zange  anlegen  konnte.  Seine  Zeit  gestatte  ihm  nicht,  mit  derartig 
mangelhaft  ausgebildeten  Hebammen  zu  arbeiten!  —  Ich  verwies  den 
Kollegen  in  meiner  Antwort  auf  das  Hebammenlehrbuch,  das  sich 
über  die  Notwendigkeit  der  inneren  Untersuchung  klar  ausspricht. — 
Und  das  verlangte  ein  Kreisarzt,  zu  dessen  Obliegenheiten  es  gehört, 
die  Hebammen  eines  Bezirks  zur  Befolgung  des  Hebammenlehrbuches 
anzuhalten!  _ 

Für  die  Praxis. 

Behandlung  der  Nierenleiden  im  Kindesalter. 

Von  Prof.  Dr,  M.  Klotz-Lübeck.  * 

II,  Die  chronischen  entzündlichen  Nierenerkrankungen. 

Praktisch  die  grösste  Bedeutung  hat  die  chronische 
hämorrhagische  Herdnephritis,  die  von  Heubner  zu¬ 
erst  beschriebene  und  herausgearbeitete  sog.  Pädonephritis. 

Hervorstechendstes  Symptom:  Intermittierende, 

meist  massige  Hämaturie.  Geringgradige,  oft  jahrelange  Albuminurie. 
Oedeme  sind  sehr  selten.  Urämie  soll  Vorkommen.  Blutdrucksteige¬ 
rung  fehlt,  kann  aber,  wie  L.  Mendel  jüngst  berichtet,  doch  ge¬ 
legentlich  später  sich  einfinden.  Dadurch  würde  bedauerlicherweise 
die  günstige  Prognose,  die  man  bisher  der  Pädonephritis  zu  stellen 
pflegt,  eine  Einschränkung  erfahren. 

Es  muss  aber  daran  erinnert  werden,  dass  leichte  akute  diffuse  Glo- 
merulitiden  anfänglich  unter  dem  Bilde  der  Herdnephritis  verlaufen  können, 
d.  h.  ohne  Blutdrucksteigerung,  so  dass  eine  sichere  Abtrennung  nicht  mög¬ 
lich  ist.  Nach  unseren  derzeitigen  Kenntnissen  ist  es  schwer  vorstellbar, 
wie  bei  der  Herdnephritis  eine  Hypertension  zustande  kommen  soll.  L.  Me  n  - 
d  e  1  s  verdienstliche  Funktionsprüfungen  haben  auch  gelehrt,  dass  eine  Stö¬ 
rung  bei  Pädonephritis  nicht  vorkommt,  abgesehen  von  der  sog.  „verzöger¬ 
ten  Verdünnungsreaktion“,  die  auf  eine  Trägheit  der  Nierenfunktion  hindeuten 
soll,  aber  nichts  für  die  Pädonephritis  Charakteristisches  ist. 

Harnsediment:  Wie  bqi  akuter  mittelschwerer  oder  chro¬ 
nischer  Nephritis. 

Vielfach  wird  die  Pädonephritis  zufällig  ent¬ 
deckt  gelegentlich  einer  besonders  auffälligen  hämorrhagischen 
Harnkrise  oder  bei  einer  Harnprüfung  auf  Eiweiss.  Das  akute  Sta¬ 
dium  der  Herdnephritis  ist  meist  unerkannt  vorübergegangen,  und  un¬ 
bekannt  bleibt  oft  auch  die  Aetiologie.  Das  Hauptkontingent  der 
Pädonephritiker  stellen  die  blassen,  leicht  ermüdbaren,  appetitlosen, 
und  mit  allerlei  vagen  neuropathischen  Symptomen  behafteten  Schul¬ 
kinder.  Für  manche  dieser  Kinder  ist  es,  wie  schon  Heubner 
gesagt  hat,  geradezu  ein  Unglück,  dass  die  Nephropathie  entdeckt 
worden  ist.  Denn  nun  ist  zu  den  vielen  kleinen  Sorgen,  die  diese 
sensiblen  Kinder  den  ebenso  gearteten  Eltern  machen,  ein  ganz  be¬ 
sonders  grosses  Moment  der  Beunruhigung  hinzugetreten. 

Die  Therapie  ist  eine  dankbare,  wenngleich  die  Chronizität 
der  Erkrankung  an  Geduld  und  Vertrauen  grosse  Ansprüche  stellt. 
Den  Uebergang  in  Schrumpfniere,  deY  Vorkommen  soll,  habe  ich  nicht 
gesehen,  auch  auf  Umfragen  bei  beschäftigten  Kinderärzten  nichts 
darüber  erfahren  können. 

Bettruhe,  Nierendiät  und  das  ganze  sonstige  Rüstzeug  der  Thera¬ 
pie  kommen  nur  für  akute  Exazerbationen  in  Frage ;  das 
gleiche  gilt  von  Liegekuren,  Badekuren,  Schulbesuchsverbot!  Die 
Kinder  können  ruhig  leichten  Sport  treiben,  z.  B.  radeln,  reiten, 
Schulwanderungen  mitmachen.  Anstrengendes  Turnen  an  Geräten, 
ermüdende  Freiübungen  sind  verboten.  Kalte  Bäder,  Schwimmsport 
ebenfalls.  Aeusserst  wichtig  ist  eine  eingehende  Belehrung  und  Auf¬ 
klärung  der  Eltern. 


1158 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  36. 


Sollte  die  Albuminurie  orthotischcn  Charakter  zeigen  so  ist 
ein  therapeutischer  Versuch  mit  dem  von  Je  hie  angegebenen 
Mieder  angezeigt. 

Mit  einigen  Worten  muss  hier  auch  noch  der  a  k  u  t  e  n  Form  der 
oben  geschilderten  Pädonephritis  gedacht  werden:  der  hämor¬ 
rhagischen  herdförmigen  Glomerulonephritis, 
ka,rz  *  ,erd.n?.ph,ri.tlis  genannt.  Sie  wird  veranlasst  durch 
anlasst  durch  die  gleichen  Infekte  wie  die  diffuse  akute  Glomerulo- 
nephritis,  tritt  aber  ebne  Latenz,  gleichzeitig  mit  dem  Infekt  auf.  Die 
Unaufdringlichkeit  ihrer  Symptome  bewirkt,  dass  sie  zunächst  oft 
übersehen  die  Albuminurie  als  febril  aufgefasst  wird.  Harneinweiss 
gering,  1—2  Prom.;  Anurie  kommt  nicht  vor,  Oligurie  wird  als  Fieber- 
fo  ge  vorgetauscht.  Nierenfunktion  ungestört.  Oedeme.  Urämie 
fehlen,  desgleichen  Blutdrucksteigerung.  Die  von  Volhard  be- 
tonte  Bakteriurie  scheint  differentialdiagnostisch  nicht  verlässlich  zu 

i°  ™  * !'  °  e  j*  e  ?.  Harnsymptom:  Hämaturie,  von 

mikroskopischen  Graden  bis  zum  blutigen  Bodensatz  im  Urinal. 

M  *°"stlgeKr  morphologischer  Harnbefund  wie  bei  akuter  diffuser 
Nephrits,  aber  quantitativ  geringgradiger.  So  ist  tatsächlich  die 

fiStUnw- daMeinz,Ige  kl[nisch  bedeutungsvolle  Symptom  und  der 
?'C  Herdnephritis  auch  als  monosympto¬ 
matische  akute  Nephritis  zu  bezeichnen. 

woeenIed^er«25h«!^rH?ntn-*  ^eS  JSlin!,schen  Bildes  hat  namhafte  Kliniker  be- 
zuwenden  df«ba-  d‘gileirt  d.er,  Herdnephritis  abzulehnen.  Dagegen  ist  ein- 
zuwenden,  dass  die  pathologisch-anatomische  Grundlage  gesichert  ist.  Auch 

Herdnenhn'ti/ SC^e  M- lnlk  ZUr  ,Vorsicht'  bev°r  man  sich  zur  Diagnose 
di  fu  fe  Lnh  af '  n1\/eVVSSe  Erscheinungsformen  leichter  akuter 
Man  mfi«  in  cni  n  ohne  Blutdrucksteigerung  sich  ähnlich  verhalten  können, 
den  ,  i  -hL  ZWelfejhaften  EäHen  sehr  sorgfältig  auf  Oedeme  fahn- 
u  11  Hin  od  mit-  der  schwereren  Erkrankungsform  rechnen,  bis 

ünverändRn  t  iVne'fUng’  Prüfung  auf  Bakteriurie.  gleiche, 
Lge  klären  d  te  SvmPtomenarmut  und  andere  Momente  die  Sach- 

sCDtisScehhermSe^eHnr|Un^  SCfllWCre  Jormuen  der  akuten  Herdnephritis,  wie  die  bei 
1'  *,™  H«hH  nh,-*-ferinxr  dle  bei  malignen  Endokarditiden  auftretende 
embolische  Herdnephritis  können  hier  unerörtert  bleiben. 

Wichtig  für  den  Praktiker:  Die  in  der  ersten  Woche  bei  Schar¬ 
lach  auftretende  sog.  Fruhnephritis  dürfte  eine  Herdnephritis  sein. 

rv-+  *1' d  '  U  ?  g  d  e.r  a  k  u  4  e  n  Herdnephritis  mittels 
besonderer  Diät  kommt  —  wie  schon  bei  der  chronischen  Form,  der 
Pädonephritis,  erwähnt  wurde,  nicht  in  Frage.  Eine  Einwirkung  auf 
die  zerstreuten  entzündlichen  Herde  in  der  Niere  ist  nach  dem  der¬ 
zeitigen  Stande  unseres  Wissens  und  Könnens  nicht  möglich. 

Gegen  die  Hamaturie  wird  man  nach  den  bei  der  akuten  diffusen 
Glomerulonephritis  geschilderten  Richtlinien  Vorgehen 

Die  Diagnose  der  chronischen  diffusen  Glomerulo- 
nephritis  ist  unter  Berücksichtigung  der  anamnestischen  Daten, 
der  Blutdrucksteigerung,  des  Harnbefundes,  der  Dilatation  und  Hyper¬ 
trophie  des  linken  Ventrikels  nicht  schwierig.  Zu  bemerken  ist  nur, 
dass  man  dieser  Form  der  Nephropathie  im  Kindesalter  ganz  extrem 
selten  begegnet,  was  die  Reinheit  der  Symptome  anbelangt.  Meist 
nimmt  parallel  mit  der  Chronizität  auch  der  parenchymatöse,  nephro¬ 
tische  Einschlag  zu,  gelegentlich  bis  zu  einem  Grade,  dass  auch  die 
ypertension  nicht  mehr  zustande  kommt  und  Lipoidurie  auftritt. 

Reine  Schrumpfnieren  begegnen  dem  Arzt  etwas  weniger  selten  erst  nach 
.  Eebensjahrzehnt.  Aetiologisch  spielt  Scharlach  gewiss  die  von 

jeher  betonte  Rolle,  aber  oft  bleibt  der  Ursprung  der  chronischen  diffusen 
NePhnt.S  in  Dunkel  gehüllt.  Spärlich  und  lückenhaft  ist  die  über  die  kindliche 
ä1*?™  vorliegende  pädiatrische  Literatur.  Ueber  das  u  U  Jahre! 
!fPrgen u Mtln' de f  LaJenz-  u,ber  die  Blutdruckverhältnisse  beim  Uebergang 
teilungen611  dl  USCn  GIomerulonephntis  in  die  chronische  Form  fehlen  Mit- 

Besonders  erschwert  wird  die  Sachlage  nun  weiter  noch  dadurch 
dass  entzündliche  und  degenerative  Prozesse  sich  bei  der  chronischen 
Nephropathie  mit  Vorliebe  vermengen.  Im  Gegensatz  zur 
reinen  Schrumpfniere  trifft  der  Praktiker  die 
Mischform,  d.  h.  die  glomerulo-tubuläre  chronische 
Nephropathie  weit  häufiger  an. 

,  .  Scbon.  bei  der  Schilderung  der  akuten  diffusen  Glomerulonephritis 
£L®sJfjh , darauf  hm,  dass  der  nephrotische  Einschlag  hier  oftmals  be¬ 
trächtlich  ist.  Besonders  bei  Kindern  mit  exsudativer  Diathese  ist 
diese  Mischform  nach  Noegge  rat  h  die  bevorzugte  Erschei- 
nungsform  der  akuten  Nephritis,  während  Scharlach  und  Diphtherie 
weniger  in  Frage  kommen. 

.  Ber  Verlauf  der  akuten  M  i  s  c  li  f  o  r  m  richtet  sich  in  Einzel- 
huten  nach  der  Starke  der  Komponenten.  Die  Oedeme  können  gleich  von 
6”  f n.g.  an  hochgradig  sein.  Die  Hypertension  kann  durch  den  nephrotischen 
Einschlag  verdeckt  werden.  Harnbefund  sonst  wie  bei  akuter  diffuser  Glo¬ 
merulonephritis.  Hamaturie  zuerst  anfailsweise,  dann  monatelang  anhaltend 

PädoneDhHHWN2  !St  uberw'egend  *“t.  Uebergang  in  Schrumpfniere  oder 
1  udonephritis  (Noeggerath)  habe  ich  nicht  gesehen. 

So  dankbar  die  Behandlung  der  akuten  diffusen  Nephritis  so 

r®nzt  n11!*  d,ie  Aussichten  bei  der  chronischen  diffusen  oder 
Mischform.  .  Bettruhe  bei  akuten  Schüben  (stärkere  Hämaturie, 
edeme,  urämische  F  rodrorne),  nach  dem  Abklingen,  worüber  oft 
mehrere  Wochen,  ja  Monate  verfliessen  können,  lässt  man  trotz  Rest- 
albummurie  usw  trotz  leichter  Oedeme  aufstehen  und  beobachtet 
das  Ergebnis  Meist  erfolgt  keinerlei  Verschlechterung  des  Niercn- 
befundes,  im  Gegenteil:  Zirkulation,  Stimmung,  Appetit,  Farbe  bessern 

nnu',  SSb*Stvie^tandl,«hr  asst  man  einige  Stunden  am  Tage  ruhen 
nd  wendet  Kleidung,  Wohnung,  Lebensgewohnheiten  usw.  Aufmerk- 


samkeit  zu.  Quellen  neuerlicher  Infektion:  Adenoide,  vergrösserte 
zerklüftete  Mandeln,  Alveolarpyorrhöe,  kariöse  Zähne  sind  zu  bc.‘ 
seitigen.  Bei  drohender  oder  manifester  Urämie  gilt  das  über  pro 
teinarme  Diät  Gesagte.  Sonst  aber  kann  man  die  Kost  liberaler  ge. 
stalten;  es  hat  nur  bei  Oedemen  Sinn,  auf  salzarme  und  fleischarme 
Uiat  zu  dringen.  Das  für  die  akute  Nephritis  geltende  Verbot  zahl¬ 
reicher  Gemüse,  Früchte,  Gewürze  hat  für  das  chronische  Stadium 
wenig  Zweck  mehr.  Man  kann  also  Sellerie,  Pilze,  Leguminosen  Ge 
wurzkrauter  in  mässigen  Mengen  ruhig  gestatten.  Alkohol  ist  natür¬ 
lich  verboten. 

......  Von  der  Klimatotherapie  bei  Morbus  Brightii  wurde  einst  viel 

Rühmens  gemacht.  Kritik,  Forschung  und  Erfahrung  haben  zu  einer 
Klärung  geführt.  Das  Ergebnis  ist  bescheiden. 

Von  Möglichkeiten,  mittels  klimatischer  Faktoren  (trockenheisses 
Klnna:  nordafrikanische  Küste,  Aegypten,  spanische  Südküste)  auf 
Nephropathien  einzuwirken,  kommen  folgende  in  Frage-  Ver¬ 
ringerung  der  Harnproduktion,  Entlastung  der 
Nieren.  Wahrend  aber  die  extrarenale  Wasserabgabe  in 
Aegypten  usw.  eine  sehr  beträchtliche  ist,  kommt  die  extrarenale 
N-  u  n  d  S  a  1  z  a  u  s  s  c  h  e  i  d  u  n  g  kaum  ernstlich  in  Betracht.  Findet 
also  keine  einschneidende  Umstellung  der  Kost  statt,  dann  sind  die 
sog  Nierenfericn  höchst  problematisch.  Weiterhin  muss  bei  dieser 
Sachlage  immer  vorausgesetzt  werden,  dass  die  Nierenfunktion  un- 
fvonlarV'6  Konzentrationsfahigkeit  n°rmal  oder  fast  normal  ist 

öden, Sn  TrhJUgeg^en  werden  so'1-  dass  'm  trockenheissen  Klima  bei 
odemutosen  Kranken  neben  grossen  Wassermengen  durch  Haut  und  Lunge 
.ni?ht  unbeträchtliche  Mengen  harnpflichtiger  Stoffe  durch  die  Haut  aus- 
gcschieden  werden  und  die  Zirkulation  sich  bessert,  so  lässt  sich  das  gleiche 
doch  auch  in  unserem  Klima  durch  geeignete  Massnahmen  erreichen.  Man 
ba..  betoat\  dass  deLr  durc'h  das  eigenartige  Wüstenklima  auf  die  Haut  aus- 
geubte  Reiz,  welcher  zu  besserer  Durchblutung  der  Peripherie,  gleich- 
undniRDtdEnmkctenwng  ^  Nierengefässe,  vermehrter  Durchblutung  der  Nieren 
nur  ^mlrniv kS  k  ”g  fjhrtJ  ln  dleser  natürlichen,  dauernd  vorhandenen  Form 
O  l  -,  uny>oI1.k°'[nmen  und  durch  komplizierte  Massnahmen  ersetzbar  sei 

W  er  m,  AbbazIa  “P  Qcgensatz  zu  den  feuchtwarmen 

7„Jla»h  t  aJ  Sommer  ohne  jedes  Diuretikum  auskommt.  Das  soll  alles 

Spezffikum  WRpdrp1if  tr°t.z.dem  lst  dle  Klimatotherapie  bei  Nephropathie  kein 
bpezifikurn.  Bere  ts  stabil  gewordene  Folgen  der  Nierenerkrankung  an  Herz 
und  Gefassen  sind  auch  durch  Aegypten  nicht  mehr  reparabel 

Akute  Nephritiden  oder  langsam  in  Heilung  übergehende  nach 
Aegypten  zu  schicken  ist  überflüssig;  chronische  Nephropathien  mit 

NeobGtidSe,t0r-ing:i  a,SCli-  ,■  Höchstens  kämen  chronische  diffuse 
Nephritiden  im  Latenzstadium,  Mischformen,  schwere  Fälle  von 

nnd0pni?Phn!LLn  Frage:  V05,auIfgesetgt’  dass  es  sich  um  Raffkekinder 
sich  nLr  i  ™  ^esint,llch.e7  ablehnende  Stellungnahme  richtet 
sich  aber  selbstverständlich  nicht  gegen  durchaus  rationelle  Mass¬ 
nahmen,  wie  z.  B.  die,  Kranke  aus  klimatisch  ungünstiger  Lage  in 
erlauben611  zutraglichere  zu  verbringen,  wenn  die  Mittel  -  es  irgend 

Ein  Heilbad  für  chronische  Nephritis  gibt  es  nicht  (L  i  c  h  t  w  i  t  z). 
Und  so  kann  man  mit  Resignation  von  Brunnen-  und  Trinkkuren 
sagen,  dass  sie  in  der  Regel  wenigstens  keinen  Schaden  stiften.  J 

Ob  wirklich  für  manche  Form  chronischer  hämorrhagischer  Neohritis  p'n» 
«wÄ  »"fÄ  W.  wie  M  ÄWSÄÄ« 

Ueber  Urämiebehandlung  siehe  unter  Nephrose. 

(lj  Be,1+<rUSgan.g  der  chronischen  Glomerulonephritis  ist  entweder 
die  akute  urämische  Intoxikation,  die  interkurrente  Infektion  oder 
ter  zunehmenden  Oedemen  das  Erlöschen  an  Herzschwäche. 


Bücheranzeigen  und  Referate. 


nm^Z.^npy^e,Ie/U  D?s  lindes  Ernährung,  Ernährungsstö- 
rnugen  und  Ernahrungstherapie.  Ein  Handbuch  für  Aerzte.  I.  Band, 

preis  36  MAUflaSe'  Verlag  D  e  u  * 1  c  k  e-  Leipzig  und  Wien.  Grund¬ 
war  DVnn  ZS1P  Z1?386  des  Czerny  - Keller  sehen  Handbuches 
war  von  allen  Fachgenossen  lang  ersehnt.  Denn  die  erste  Auflage 

Z"  fSr  "cif  e'UdhlTn  Vergnffen-  Das  Buch  von  CzernT-Keller 

nat  tur  die  I  adiatrie  eine  grundlegende  Bedeutung,  denn  hier 

Sichtung6 unterzo^p  in"  ,un,d  ausIandische  Literatur  einer  kritischen 
der  Ernähn  1  die  ,gesamten  Fragcn  des  Stoffwechsels  und 

dfe  er  fÄ  fl  l!  besprochen.  Die  zweite  Auflage  lehnt  sich  an 

gearbeitet  ^düf/k  an’  lst,  ,ab9r  d°ch  so  vollkommen  neu  durch- 
Einzelne  Tode  derkaPUnl  W0AhIfleme  Seite  unverändert  geblieben  ist. 
nicht  noch  n, Pb!  ten  Auflage  sind  fortgelassen,  um  den  Umfang 

rst  in  den  letzten  ^  N,C[gr0SSCrn’  denn  der  Zuwachs  neuer  Arbeiten 
•  ,  n  ,en  *etzfen  15  Jahren  ein  ausserordentlich  grosser.  Der  Stoff 
■  in  der  zweiten  Auflage  vielfach  anders  geordnet.  Der  erste  Teil 

sunderKfndeseSri5rfÄSiChbhaVPtSä^lich  mit  der  Ernährung  des  ge- 
zeit  bisK  zmn  F,meSt?f  Wec  lfe  V0,rgange  während  der  ersten  Lebcns- 
sammensetzun^dl  ^°S  erSte,n  LebensJ?hres,  der  chemischen  Zu- 
Anatomie  mui^b  ForPers>  der  verschiedenen  Milcharten  und  der 
atomie  und  Physiologie  des  Magendarmtraktus.  Das  Buch  ist  für 

BuchTsnv™fH'Se"wP^iate'  7T,elie"os  mentbehrifdL  a  Ist  S 

Pädiatrisches  rS  I  au?  alle  Eragen  bespricht.  Ein  solches 

Es  darf  ri ie  i  ,  hat  k£iUIS  e,in  ausserdeutshes  Land  aufzuweisen. 

Zeit  dies  Buch  m°nen  ft0'Z  erfüllen’  dass  gcrade  in  jetziger 
t  dies  Buch  in  neuer  Auflage  erscheinen  kann,  ein  Zeichen,  dass 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1159 


September  1923. 

itsclie  Forschung  und  Wissenschaft  gewillt  ist,  weiter  zu  arbeiten 
II  nicht  die  Waffen  zu  strecken.  Ist  doch  deutsche  Wissenschaft 
man  möchte  fast  sagen  —  das  einzige,  um  das  das  Ausland 
;  noch  beneidet.  Deshalb  gebührt  den  Autoren  für  ihre  Arbeit 
er  aufrichtigster  Dank.  Das  Buch  wird  für  jeden,  der  wissen- 
aftlich  Kinderheilkunde  bearbeitet,  ein  literarischer  Führer  sein, 
unentbehrlich  ist. 

Was  den  Inhalt  der  Kapitel  angeht,  so  kann  bei  der  Fülle  nicht 
einzelnes  cingegangen  werden.  Doch  erscheint  uns  auffallend, 
s  die  Autoren  beim  Kapitel  der  künstlichen  Ernährung  als  Normal- 
irung  angeben,  dass  „man  beim  gesunden  Kinde  in  den  ersten 
lensmonatcn  zur  Zubereitung  der  Nahrung  mit  Kuhmilch,  Schleim- 
i  Mchlabkoclumgen  und  Zucker  vollkommen  auskomme“.  Das 
natürlich  richtig,  aber  die  Fettnahrung,  für  die  ja  Czerny  durch 
le  Buttermehlnahrung  selber  eine  Lanze  gebrochen  hat,  wollen 
für  das  normal  gedeihende  Kind  nicht  als  Nahrung  gelten  lassen, 
d  doch  sind  wir  überzeugt,  dass  Fettnahrungen  im  allgemeinen 
jüngeren  Kindesalter  für  das  gesunde  Kind  eine  weit  bessere 
lirnng  darstellen  wie  die  Kohlchydratmisclning,  wenn  wir  von 
i  heissen  Sommermonaten  absehen,  freilich  auch  kostspieliger  sind, 
ch  solche  Angaben,  dass  „auch  das  stärkste  Kind  im  ersten  Lebens- 
r  nie  mehr  als  800  g  Flüssigkeit  aufnehmen  soll“,  scheint  uns  doch 
as  zu  apodiktisch.  Die  Erfahrung  lehrt,  dass  eine  zu  streng  systc- 
tisiertc  künstliche  Ernährung  immer  mit  gewissen  Misserfolgen  zu 
hnen  hat.  Auch  in  der  strengen  Einhaltung  der  5  Mahlzeiten  sehen 
\  besonders  bei  jüngeren  Kindern,  nicht  immer  einen  Vorteil, 
r  vermissen  ferner,  z.  B.  bei  der  Besprechung  des  Harnsäure- 
irkts.  die  Untersuchungen  Birks.  Doch  sollen  alle  diese  Dinge 
ne  wirkliche  Kritik  bedeuten,  zumal  sie  ja  der  Ausdruck  persön- 
icr  Ansichten  sind.  Wir  möchten  hoffen,  dass  die  Fortsetzung  des 
ches  recht  bald  folgen  möge. 

Einen  wirklichen  Schönheitsfehler  besitzt  das  Buch  aber  doch, 
den  allerdings  nicht  die  Autoren,  wohl  aber  der  Verlag  verant- 
rtl ich  ist.  Das  ist  der  ausserordentlich  hohe  Preis.  Matt  bedenke, 
;s  der  ganze  1.  Band  der  1.  Auflage,  der  im  wesentlichen  die 
ichen  Abbildungen  bringt,  vor  dem  Kriege  20 — 24  M.  kostete  und 
1.  Teil  des  1.  Bandes  der  2.  Auflage  kostet  als  Grundpreis  36  M. 

I  solcher  Unterschied  widerspricht  eigentlich  den  Normen  des  Ver- 
sbuchhandels,  der  immer  wieder  betont,  dass  die  Grundzahl  än¬ 
dernd  der  Friedenswährung  gleichkäme.  Gewiss  wird  das  Buch 
:h  im  Ausland  einen  sicheren  Leserkreis  finden.  Wir  wünschen 
l  dies  von  Herzen,  aber  bedauerlich  würde  es  bleiben,  wenn 
itschc  Forscher  durch  den  hohen  Preis  gezwungen  wären,  auf 
ses  Buch  verzichten  zu  müssen  und  wir  wissen  aus  Erfahrung, 
;s  dies  bei  gar  nicht  wenigen  der  Fall  ist.  Vielleicht  macht  der 
rlag  den  ersten  Fehler  dadurch  gut,  dass  er  bei  weiteren  Erschei¬ 
nen  auf  diese  wichtige  Frage  mehr  Rücksicht  nimmt. 

Rietschel  -  Würzburg. 

Kahn:  Studien  über  Vererbung  und  Entstehung  geistiger  Stö- 
igen.  Berlin,  1923,  Springer.  144  S.  Gdpr.:  7  M. 

Nach  einer  eingehenden  theoretischen  Darlegung  des  Themas 
:  neuem  Material  und  neuen  Gesichtspunkten  berichtet  Verfasser 
.‘r  acht  genisch  möglichst  genau  erforschte  konjugale  Schizophre- 
n  mit  zusammen  25  ins  erwachsene  Alter  gekommenen  Kindern,  ln 
ren  derselben  sind  alle  Nachkommen  schizophren,  in  den  andern 
•ind  4  schizoide  und  8  als  normal  gerechnete  Nachkommen,  wobei 

•  Begriff  der  Norm  nicht  eng  gefasst  ist.  Die  zahlenmässigen  Ver- 
tnisse  und  die  aus  den  Untersuchungen  der  Vorfahren  und  anderer 
itsverwandten  sich  ergebenden  wahrscheinlichen  Erbmassen 
tzen  mit  einiger  Wahrscheinlichkeit  die  aus  anderen  Erfahrungen 
geleitete  Vermutung  Kahns,  dass  die  Schizophrenie  aus  dem  Zu- 
nmenwirken  einer  die  schizoide  Psychopathie  bedingenden,  und 
er  „destruktiven“,  den  Verblödungsprozess  verursachenden  (ein- 
hen  oder  komplexen)  Anlage  entstehe.  Das  schizoide  Gen  wäre 
rninant,  das  destruktive  rezessiv.  Als  durchgehende  Eigenschatten 
ihänotypisches  Radikal“)  in  dem  vielgestaltigen  Bild  des  Schizoids 
'  teil  der  Autismus  und  die  schizoide  psychästhetische  Proportion 

etschmers  (Körperbau  und  Charakter.  Springer,  1921, 
116,  Mischungsverhältnis  der  hyperästhetischen  und  anästhetischen 
imente).  Die  Zahlen  an  sich  sind  natürlich  noch  viel  zu  klein,  um 

•  t Vermutung  Kahns  mehr  als  eine  gewisse  Wahrscheinlichkeit  zu 
äen.  Aber  auch  gegen  derartige  Arbeiten  mit  grossen  Zahlen  hatte 
ferent  einmal  eingewendet,  dass  zwar  die  Rechenoperationen  ganz 
htig  seien,  aber  was  die  Rechenpfennige  für  eine  Bedeutung  haben, 
bekannt  sei,  namentlich  weil  in  der  ununterbrochenen  Linie  ge- 
id  —  schizoide  Psychopathie  —  verblödete  Schizophrenie  nirgends 
e  Grenze  oder  eine  Abbiegung  zu  finden  sei.  Der  einmal  schwer 
isteskrank  gewesene  Schizophrene  z.  B.  kann  nachher  weniger 
rk  abnorm  sein  als  sein  als  bloss  psychopathisch  geltender  Bruder. 

It  wird  die  Anlage  durch  eine  blosse  psychogene  Reaktion  von  he¬ 
iliger  Schwere  manifest  —  ist  ein  solcher  Kranker  schizoid  oder 
lizophren?  Ausserdem  ist  fraglich,  ob  und  inwiefern  die  vielgestal- 
I  en  äusseren  Bilder  der  Schizophrenie  und  des  Schizoids  genisch 
iheitlich  sind.  Diese  Schwierigkeiten  sind  auf  klinischem  Gebiete 
lr  schwer,  vielleicht  gär  nicht  zu  überwinden.  Durch  die  Methodik 
js  Verfassers  werden  sie  in  glücklicher  Weise  umgangen,  und  wenn 
l  iehe  Untersuchungen  an  grösserem  Material  ähnliche  Resultate  er¬ 
ben  würden,  so  wäre  damit  bewiesen,  nicht  nur  dass  die  Schizo- 
Irenie  aus  der  dominanten  schizoiden  und  der  rezessiven  destruk¬ 


tiven  Anlage  resultiert,  sondern  auch,  dass  der  jetzige  Rahmen  der 
Schizophrenie  und  die  Begriffe  des  Schizoids  und  der  zur  Schizo¬ 
phrenie  führenden  destruktiven  Anlage  je  eine  natürliche  Einheit 
wären.  Man  hätte  sich  dann  nur  noch  abzufinden  mit  den  Einwänden, 
dass  die  Schizophrenie  als  Krankheit  bis  jetzt  nach  zufälligen  sozi¬ 
alen  statt  nach  biologischen  Gesichtspunkten  umgrenzt  sei,  und  dass 
die  schizophrenen  Syndrome  durch  allerlei  organische  und  z.  B.  auch 
durch  manisch-depressive  Störungen,  wie  analog  manisch-depressive 
Auftritte  durch  schizophrene  Prozesse  ausgelöst  werden  können  und 
ähnliches,  und  man  müsste  dann  eine  Erklärung  suchen  für  die  Tat¬ 
sache  der  gleitenden  Uebergängc  von  gesund  zu  schizophren. 

Diese  Andeutungen  mögen  die  Wichtigkeit  der  Arbeit  dartun  und 
die  Bitte  des  Verfassers  unterstützen,  ihm  Krankengeschichten  von 
eingehender  Untersuchung  zugänglichen  Familien  mit  konjugaier 
Schizophrenie  und  konjugalem  manisch  -  depressiven  Irresein  zuzu¬ 
weisen.  E.  B  1  e  u  1  e  r  -  Burghölzli. 

Aerztliche  Behelfstechnik.  2.  Auflage,  bearbeitet  von  Professor 
C.  Franz.  Berlin,  Verlag  Julius  Springer,  1923. 

Im  Jahre  1919  erschien  die  erste  Auflage  dieses  eigenartigen, 
wertvollen  Werkes,  welches  der  Initiative  des  inzwischen  verstorbe¬ 
nen  Innsbrucker  Chirurgen  Professor  v.  Saar  entsprungen  war. 
Mit  einer  Gruppe  von  Fachärzten  für  die  besonderen  Abschnitte  des 
Werkes,  selbst  die  chirurgische  Behelfstechnik  übernehmend,  hatte 
er  das  Werk  herausgegeben,  aus  „dem  Felde“,  und  ganz  besonders 
für  die  Zwecke  des  Krieges  verfasst.  Das  Buch  muss  im  Weltkrieg 
von  ausserordentlichem  Nutzen  gewesen  sein,  indem  es  anleitend 
und  anregend  die  technische  Lösung  gestellter  Aufgaben  unter  Durch¬ 
führung  wissenschaftlicher  Grundsätze  ermöglichte.  Jetzt  ist  die 
Kriegszeit  mit  ihren  eigenartigen  Aufgaben  vorüber,  aber  die  Frie¬ 
denszeit,  welche  wir  jetzt  unter  dem  Druck  der  Feinde  geniessen, 
zwingt  uns  vielfach  zur  einfachsten,  billigsten  Technik,  um  Anschaf¬ 
fungen  in  märchenhaft  erscheinender  Preislage  zu  vermeiden.  Da  ist 
die  Neubearbeitung  des  Buches  durch  Professor  Franz  ein  ver¬ 
dienstliches,  zeitgemässes  Werk.  Der  von  ihm  selbst  bearbeitete 
Abschnitt  (Chirurgie)  und  der  von  Spitzy  (Orthopädie)  füllen  295 
von  den  584  Seiten  des  ganzen  Buches;  der  andere  Teil  umfasst  die 
innere  Medizin  (v.  Velde  n),  Kinderheilkunde  (H  o  1 1  e  i),  Augenheil¬ 
kunde  (Hess  e),  Ohr,  Nase,  Kehlkopf  (M  a  y  e  r),  Kiefer  und  Zähne 
(Mayrhofer),  Gynäkologie  und  Geburtshilfe  (Jaeschke),  Haut 
(H  ü  b  n  e  r),  Bakteriologie  und  Hygiene  (F  ii  r  s  t).  Der  reiche  Inhalt 
und  die  grosse  Brauchbarkeit  des  mit  372  Textabbildungen  bereicher¬ 
ten  Buches,  ein  gutes  Register,  werden  den  Leser  befriedigen. 

H  e  1  f  e  r  i  c  h. 

L.  R.  Grote:  Die  Medizin  der  Gegenwart  in  Selbstdarstel¬ 
lungen.  Leipzig,  1923,  bei  Felix  Meiner.  227  S.  Gr  8°.  Grdpr.: 
10  M.  geb. 

Der  Gedanke  des  Verlags  und  des  Herausgebers,  der  sich  seiner 
Aufgabe  durchaus  gewachsen  zeigt,  ist  nicht  bloss  neu,  sondern 
auch,  was  nicht  so  sehr  oft  zusammentrifft,  ganz  vorzüglich.  Die 
Absicht  ist,  eine  fortlaufende  Serie  von  Biographien  grosser  Aerzte 
zu  geben  und  als  Autoren  die  heranzuziehen,  die  am  besten  über  die 
Entwicklung  des  Darzustellcnden  Bescheid  wissen  und  dabei  meist 
auch  schriftstellerisch  sehr  gewandt  sind,  nämlich  die  grossen  Män¬ 
ner  selbst.  Was  dieser  Gedanke  wert  ist,  empfindet  man  so  recht, 
wenn  man  sich  vorstellt,  das  Unternehmen  wäre  bereits  ein  Men¬ 
schenalter  früher  ins  Leben  getreten  und  wir  besässen  die  Entwick¬ 
lung  eines  Koch,  Virchow,  Pettenkofer  usw.  in  Selbstdar¬ 
stellung.  Der  Schwerpunkt  wird  vom  Herausgeber  und  von  den 
Autoren  gelegt  auf  die  wissenschaftliche  Entwicklung,  die  Schilderung 
des  Lebenswerkes,  daher  nennt  Grote  die  Stücke  auch  „Autoergo- 
graphien“.  Biographische  Dokumente  mit  stark  persönlicher  Fär¬ 
bung  sind  diese  Selbstdarstellungen  glücklicherweise  trotzdem  ge¬ 
worden.  Es  ergibt  sich  aber  aus  dem  Programm  von  selbst,  dass  wir 
auf  diese  Weise  zu  einer  Geschichte  der  Wissenschaften  kommen,  die 
von  denen  geschrieben  ist,  die  es  am  besten  können,  da  sie  ja  die 
Wissenschaft  selbst  mit  schaffen  geholfen  haben.  Die  subjektive 
Färbung  bildet  dabei  nur  einen  Reiz  mehr  und  wird  für  den  zukünf¬ 
tigen  Historiker,  der  in  diesem  Werke  eine  seiner  wichtigsten  Quel¬ 
len  finden  wird,  dadurch  korrigiert,  dass  aus  jedem  Wissenschafts¬ 
gebiet  die  verschiedensten  Richtungen  zum  Worte  kommen  werden. 
Die  noch  nicht  geschriebene  Geschichte  der  Medizin  im  19.  Jahrhun¬ 
dert  hat  damit- Anfang  und  Fundament  gefunden.  Der  Verlag  hat  mit 
Selbstdarstellungen  aus  der  Philosophie  begonnen  und  aus  dieser 
Wissenschaft  schon  drei  Bände  herausgebracht.  Es  befinden  sich 
darunter  von  Philosophen,  die  für  die  Medizin  besonders  wichtig 
sind:  Erich  Becher,  Hans  Driesch,  Fritz  Mauthner;  Theodor 
Ziehen  folgt  im  kommenden  vierten  Band.  Der  erste  Band  der 
Medizinerserie  enthält:  Ho  che.  Klimm  eil,  March  and,  Mar- 
tius,  Roux,  Wiedersheim.  Man  sieht,  der  Herausgeber  be¬ 
müht  sich,  die  Vertreter  der  verschiedenen  Zweige  zu  Worte  kom¬ 
men  zu  lassen.  Es  ist  ungemein  reizvoll,  zu  sehen,  wie  die  ein¬ 
zelnen  Forscher  sich  ihrer  Aufgabe  verschieden  entledigt  haben 
und  wie  deutlich  Temperament  und  Charakter  herauskommen,  nicht 
minder  in  der  Darstellung,  wie  in  den  sechs  photographischen  Cha¬ 
rakterköpfen,  die  in  sehr  guter  Wiedergabe  beigegeben  sind.  Es  ist 
ebenso  schwierig  wie  unnütz,  die  sechs  Darstellungen,  die  alle  in 
ihrer  Art  köstlich  sind,  zu  vergleichen,  aber  unwillkürlich  tut  man  cs 
doch  und  gibt  dann  der  herrlichen  Selbstdarstcllung  Hoch  es  mit 


1160 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


ihrer  Feinheit,  ihrem  Geist  und  vollendeten  Stil  den  Preis.  Nebenbei 
gesagt,  auch  der  Fachmann,  der  Bescheid  über  Ziel  und  Stand  seiner 
Fachwissenschaft  haben  will,  darf  an  diesen  Darstellungen  nicht  vor¬ 
übergehen.  Kurz,  es  ist  ein  Buch,  das  jedem  etwas  bringt  und  jedem 
Freude  machen  wird.  Voll  Spannung  erwarten  wir  die  nächsten 
Bände.  Wir  wünschen  dem  Herausgeber,  dass  es  ihm  gelingen 
möge,  bei  allen  unseren  bedeutenden  Männern,  deren  wir  ja  viun- 
haben,  die  gleiche  Bereitwilligkeit  zur  Selbstdarstellung  zu  finden, 
vor  allem  bei  denen,  die  emeritiert  sind  oder  der  Emeritierung  nahe¬ 
stehen.  Es  wäre  uns  schmerzlich,  ihre  Selbstdarstellung  in  diesem 
Werke,  das  sich  ohne  Zweifel  zu  einer  grossen  biographischen  Serie 
gestalten  wird,  vermissen  zu  müssen.  Kerschensteine  r. 

Pharmazeutische  Rundschau. 

Von  Dr.  R  a  p  p  -  München. 

Im  nachfolgenden  soll  eine  Behandlungsweise  wieder  in  Erinnerung  ge¬ 
bracht  werden,  die  seit  Beginn  des  Krieges  mehr  oder  weniger  in  Ver¬ 
gessenheit  geraten  ist,  die  Radiumtherapie.  Wenn  man  die  schönen 
Werke  von  Prof.  Q  u  d  z  e  n  t  und  von  Prof.  F  a  1 1  a  gelesen  und  studiert  hat, 
so  kann  man  nur  bedauern,  dass  die  in  Deutschland  noch  manchenorts  vor¬ 
handenen  Radiummengen  nicht  viel  mehr  therapeutisch  nutzbar  gemacht  wer¬ 
den,  da  gerade  diverse  Gelenkerkrankungen  auf  Radiumbehandlung  erfahrungs- 
gemäss  spezifisch  reagieren. 

Man  unterscheidet  heute  bei  den  radioaktiven  Elementen  die  Uran-, 
die  Thorium-  und  die  Aktiniumreihe.  Von  diesen  besitzt  bekanntlich  das 
Radium  die  wunderbare  Eigenschaft  zu  leuchten,  Strahlen  auszusenden,  welche 
ausser  Lichtwirkung,  einer  Fluoreszenz,  elektrischen,  chemischen  und  Wärme¬ 
wirkung  noch  spezifische  Eigenschaften  entfalten.  Die  Strahlen,  im  Jahre  1896 
entdeckt,  nennt  man  nach  dem  französischen  Physiker  Becquerelstrahlen  und 
die  Substanzen,  welche  diese  Eigenschaft  besitzen,  radioaktive.  Die  Rndium- 
strahlen  werden  nach  Rutherford  in  a-,  ß-  und  «y-Strahlen  eingeteilt. 
Die  ß-  und  y-Strahlen  gleichen  am  meisten  den  Röntgenstrahlen  mit  sehr 
hohen  Härtegraden  und  sehr  starkem  Durchdringungsvermögen. 

Alle  drei  radioaktiven  Familien  zeigen  die  gemeinsame  Eigenschaft,  dass 
sich  in  ihrer  Zerfallsreihe  je  ein  gasförmiges  Zerfallsprodukt  —  die  Emana¬ 
tion  —  einschiebt.  Die  Emanationen  sind  Edelgase  mit  einatomigen  Mole¬ 
külen.  Das  prinzipiell  neuartige  der  radioaktiven  Umwandlungen  liegt 
darin,  dass  hier  aus  Elementen  neue  Elemente  entstehen.  Die  Löslichkeit 
der  Emanation  in  Wasser  ist  sehr  verschieden,  solche  in  Lipoiden  sehr  be¬ 
deutend,  was  für  die  Praxis  wichtig  ist. 

In  chemischer  Hinsicht  erfahren  anorganische  Substanzen  unter  dem 
Einflüsse  starker  aktiver  Präparate  tiefgehende  chemische  Umsetzungen; 
organische  Substanzen  erfahren  mehr  oder  weniger  tiefgehende  chemische 
Veränderungen.  Bedingung  ist  nur  eine  entsprechend  hohe  Aktivität  des  ver¬ 
wendeten  Präparates  und  dass  sie  absorbiert  werden.  Die  chemische  Wir¬ 
kung  ist  eine  ähnliche  wie  die  der  ultravioletten  und  der  Röntgenstrahlen. 

Als  Anwendungsformen  sind  zu  nennen:  die  äussere  direkte  Bestrahlung 
und  die  Einverleibung  per  os  in  Form  diverser  Mineralwässer  oder  durch 
Inhalation  (innere  Bestrahlung).  Das  Ziel  der  Behandlung  ist,  gewisse  Organe 
und  Gewebsarten  in.  ihrem  Wachstum  anzuregen  oder  zurückzuhalten  resp. 
sie  zu  zerstören.  Für  die  äussere  Bestrahlung  benutzt  man  die  sog.  Dominici- 
röhrchen  und  Fiächenträger.  Schwache  radioaktive  Präparate  sind  die 
Joachimsthaler  Säckchen,  Auflegepräparate  und  Radiogenkompressen.  Die 
Einverleibung»  radioaktiver  Substanzen  geschieht  durch  Bade-,  Trink-  und 
Inhalationskuren.  Von  den  genannten  Kuren  verdient  die  Inhalationsbehand¬ 
lung  die  weitgehendste  Beachtung.  Prof.  Falta  schreibt  darüber: 

„Als  die  Radiumbehadlung  modern  wurde,  sind  eine  Unzahl  von 
Emanatorien  in  Kliniken,  Sanatorien  und  Instituten  errichtet  worde.n. 
Sie  stehen  heute  grösstenteils  leer,  weil  man  sich  mit  homöopathischen 
Imsen  begnügte  und  weil  mit  den  geringen  Erfolgen  der  Enthusiasmus 
rasch  verflogen  ist.  Und  doch  bin  ich  der  Ueberzeugung,  dass  die  Emana- 
tionsbehandlung  bei  manchen  Krankheitsformen  zu  dem  wirksamsten  ge¬ 
hört,  was  wir  in  dieser  Beziehung  besitzen  und  in  einzelnen  Fällen  alle 
anderen  Behandlungsmethoden  übertrifft.“ 

Ausser  den  schon  genannten  Geienkaffcktionen  sind  es  Stoffwechselkrank¬ 
heiten,  Nervenkrankheiten  und  Hautkrankheiten,  welche  in  dieses  Behand¬ 
lungsgebiet  gehören.  Die  echte  Gicht  gehörte  von  jeher  in  das  Indikations¬ 
gebiet  der  Gasteiner  Kur.  Es  scheint,  dass  besonders  der  Purinstoffwechsel 
dadurch  beeinflusst  wird.  Bei  Chlorose  soll  die  Thorium-X-Behandlung  ;n 
manchen  Fällen  unverkennbar  günstigen  Einfluss  haben.  Verschiedene  Formen 
von  Pruritus  können  ausserordentlich  günstig  beeinflusst  werden.  Der  Er¬ 
folg  ist  oft  verblüffend.  Auch  bei  Ischias  soll  die  Wirkung  besonders  starker 
Emanationsdosen  eklatant  sein.  In  Fällen  von  Ischias,  bei  welchen  andere 
Behandlungsmethoden  nicht  mehr  reagierten,  zeigte  sich  die  Emanations- 
behandltfng  ausserordentlich  wirksam.  Selbst  bei  Tabes  und  Arteriosklerose 
sind  Teilerfolge,  allerdings  nur  mit  schwachen  Dosen  verzeichnet  worden. 

Die  von  Falta  u.  a.'veröffentlichten  Erfolge  der  Radium-  und  Thorium¬ 
behandlung  dürfen  uns  nie  zur  Ruhe  kommen  lassen,  diese  Behandlungs¬ 
methoden  weiter  zu  verfolgen;  keineswegs  sind  sie  zu  vernachlässigen.  Sie 
müssen  uns  vielmehr  veranlassen,  die  wirklich  gute  Seite  dieser  Behandlungs¬ 
weise  mit  Liebe  weiters  zu  klären.  Letzteres  ist  um  so  mehr  möglich,  als 
wir  in  deutschen  Kliniken  vielfach  noch  mehr  oder  weniger  kleine  Mengen 
von  Radiumsalzen  nutzlos  liegen  haben  und  sich  damit  die  genannten  Be¬ 
handlungsmethoden  durchführen  Hessen.  Ich  würde  mich  freuen,  wenn  durch 
diese  Zeilen  eine  Neubelebung  dieser  Behandlungmethoden  erreicht  werden 
könnte,  zumal  in  der  jetzigen  schnellebigen  Zeit  manche  Therapie,  die  anfangs 
erfolgversprechend  erschien,  vorzeitig  und  unbegründet  gar  zu  rasch  wieder 
verlassen  wurde. 

In  den  vergangenen  Monaten  hat  sich  die  Arzneiversorgung  entsprechend 
der  verschlimmerten  politischen  Lage  konstant  verschlechtert,  indem  die 
Preise  rapid  auf  der  ganzen  Linie  gestiegen  sind  und  mit  Ausnahme  der 
Kassenpatienten  Kranke  des  Mittelstandes  sich  tatsächlich  oft  nicht  mehr  die 
nötigen  Arzneimittel  leisten  können.  Eine  Reihe  von  Firmen  ist  dazu  über¬ 
gegangen.  die  Arzneimittel  nur  mehr  in  Goldmark  zu  verkaufen,  welcher  Um¬ 
stand  eine  noch  grössere  Verwirrung  gebracht  hat.  Gleich  den  Arzneimittel¬ 
preisen  sind  auch  die  Verbandstoffpreise  und  die  Medizinglaspreise  ins  ufer¬ 
lose  gestiegen,  so  dass  es  den  armen  Kranken  doppelt  mit  Besorgnis  erfüllen 
muss,  wenn  Hilfe  beansprucht  werden  soll.  Mancher  Kranke  sieht  sich  infolge 


Nr.  36. 

prekärer  finanzieller  Lage  gezwungen,  auf  ärztliche  Hilfe  zu  verzichten  und 

sich  dem  Pinscher  anzuvertrauen,  dessen  Geschäfte  heute  mehr  denn  je  blühen. 

Neuere  Arzneimittel,  Spezialitäten.  Geheimmittel  und  Vorschriften, 

zusammengestellt  vom  Oktober  1922  bis  April  1923  nach  den  Veröffentlichungen 
der  pharmazeutischen  Presse  *). 

I.  Als  Antipyretlka,  Antineuralglka  sind  zu  nennen: 

Cinchona  febrifuge  =  besteht  aus  den  kristallisierbaren  Gesamt- 
Alkaloiden  (54,6  Proz.)  der  Chinarinde.  Herstellerin:  Engl.  Ban- 
doengsche  Ühininfabrik-Mungpoo. 

Caje-Balsam  =  enthält  Methylsalizylat,  Ameisensäure  und  iipoid-  i 
lösende  Stoffe  und  ist  ein  perkutanes  Antineuralgikum.  Hersteller:  I 
W.  Käthe  A.G. -Halle  a.  S. 

Gardan  =  Novalgin  und  Pyramidon.  Herstellerin:  Farbwerke  vorm.  • 
Meister,  Lucius  &  Brünings-Höchst  a.  M. 

Kalkospirin  =  salizylsaurcs  Kalzium  als  Ersatz  für  Azetylsalizylsäure.  | 
Hersteller:  Th.  Teichgraeber  A.G.-Berlin. 

II.  Als  Antirheumatika.  Gichtmittel  sind  bekannt  geworden: 

Atophanyl  =  ein  Atophan-Salizylpräparat  zur  intravenösen  und  intra- j 
muskulären  Einspritzung  bei  Gelenkerkrankungen  und  -entzündungen.  I 
Herstellerin:  Chern.  Fabrik  auf  Aktien  vorm.  E.  Schering-Berlpi  3 

N  39. 

Leukotropin  =  10  proz.  Lösung  der  Pher.yl-Cinchonin-Karbonsäure  zur 
intravenösen  Injektion.  Hersteller:  E.  Silten-Berlin  SW.  6. 

Schwefel-Diasporal  =  ein  5  mg  kolloiden  Schwefel  (pro  1  ccmj, 
Flüssigkeit)  enthaltendes  Injektionspräparat.  Hersteller:  Dr.  Volkmar: 
Klopfer,  chem.  Werke-Dresden. 

Tctrophan  =  Chinolinkarbonsäure  mit  der  hydrierten  Seitenkette  C6H4C2H1 
von  gleicher  Wirkung  wie  Hydroatophan.  Hersteller:  J.  D.  Riedel j 
A.G. -Berlin-Britz. 

III.  Als  Hypnotika  sind  zu  erwähnen: 

C  u  r  r  a  1  =  Diallylbarbitursäure-Tabletten  zu  je  0,1  g.  Herstellerin:  Chem. | 
Werke  Grenzach  A.G.-ürenzach/Baden. 

V  0  1  u  n  t  a  1  =  Trichlorurethan.  Herstellerin:  Farbenfabriken  vorm.  F.  Bayer  ( 
&  Cie. -Leverkusen. 

IV.  Als  Sedativa  sind  zu  nennen: 

Dicodid  —  Hydrocodeinonbitartrat  oder  Hydrochlorid,  bestimmt  zur  t 
Schmerzstillung.  Die  physiologische  Wirkung  steht  in  der  Mittel 
zwischen  typischer  Morphium-  und  typischer  Kodein-Wirkung  ohne  I 
Stopfwirkung  auf  den  Darm.  Hersteller:  Knoll  &  Cie.,  chem.  Fabrik-! 
Ludwigshafen. 

Pantolaudan  =  nicht  die  Gesamtalkaloide  des  Opiums,  sondern  nur  1 
die  wirksamen  Alkaloide  des  Opiums  unter  Ausschaltung  aller  | 
Ballaststoffe.  Hersteller:  E.  Tosse  &  Cie.-Hamburg  22. 

Paracodin-Sirup  —  Paracodinbitartrat  0,2,  Extr.  Grindel.  1,5,  Extr. I 
Senegae  1,0,  Extr.  Altheae  1,0,  Acid.  benzoic.  0,2,  Sir.  simpl.  84,0,  j 
Aq.  ad  100,0.  Hersteller:  Knoll  &  Cie.  A.G.-Ludwigshafen. 

V.  Kardiaka,  Diuretika,  Gefässmittel.  Hierher  gehören: 

Ad  astra -  Tab  letten  =  enthalten  Koffein,  Phosphate,  Kakao,  Zucker.  I 
Herstellerin:  Hageda-Berlin. 

Calo  rose  =  ist  durch  Invertieren  von  Rohrzucker  hergestellt  und  dient« 
als  Traubenzuckerersatz  bei  Herzkrankheiten.  Herstellerin:  Chem. I 
Fabrik  Güstrow-Giistrow. 

Digitalis-Di  spert  ==  Digitalis-Kaltextrakt  in  Trockenform.  Her-  1 
stellerin:  Krause  Medico  Gesellschaft-München. 

D  i  g  0  t  i  n  =  enthält  die  kristallisierenden  Bestandteile  der  Fingcrhutblätter. , 
Hersteiler:  Gehe  &  Cie.  A.-G.-Dresden  N. 

Eurhyton  =  ein  flüssiges  Extrakt  aus  den  Früchten  von  Crathaegusl 
oxyacantha,  ein  Herzmittel  bei  Infektionskrankheiten.  Hersteller:!! 
Hausmann  A.-G.-St.  Gallen. 

Scilli  cardin  —  ein  nach  besonderem  Verfahren  bereitetes  Scillapräparat.l 
Hersteller:  Dr.  Degen  &.  Kuth-Düren  (Rhld.). 

VI.  Mittel  bei  Erkrankung  des  Digestionstraktes. 

Es  sind  zu  erwähnen: 

Als  Magen  -  und  Darmmittel. 

A  n  t  u  1  c  a  n  =  ein  Atropinpräparat  nach  W.  Fischer  mit  praktischer  und 
genauer  Dosierung.  Hersteller:  Wilh.  Natterer,  Fabrik  pharmaz.a 

Präparate-München. 

Aristocarhon  =  80  Proz.  einer  auf  bestimmten  Adsorptionstiter  einge¬ 
stellten  Tierkohle  und  20  Proz.  Magnesiumkarbonat.  Herstellerin:: 
Chem.  Fabrik  Norgine  Dr.  Viktor  Stein-Aussig  und  Prag. 

Als  Gallensteinmittcl: 

Bilival  =  sind  Pillen,  die  0,15  Lecithincholsäure  enthalten.  Hersteller:! 
Böhringer  Sohn-Niederingelheim. 

Als  Wurmmittel: 

Paraffitoria  anthelmintica  Stuhlzäpfchen,  die  Naphthalin. 

Chenopodiumöl  und  Lebertran  enthalten.  Hersteller:  Dr.  R.  und 
Dr.  O.  Weil-Frankfurt  a.  M. 

Oxyuratum  pro  Klysma  =  Quassiin,  durch  Extraktion  guajakol- 
und  phenolhaltiger  Essigsäure  erhalten. 

Oxyuratumtabletten  —  hydroxyliertes,  mit  Essigsäure  gekuppeltes« 
Naphthalin.  Hersteller  für  diese  beiden  Präparate:  E.  Tosse  &  Co.- 
Hamburg  22. 

Oxural  Chenopodiumöl-Emulsion.  Hersteller:  Dr.  R.  und  Dr.  O.  Weil- 
Frankfurt  a.  M. 

VII.  Nähr-  und  Blutpräparate  (Tonika,  Roborantia). 

Hierher  gehören: 

Arsoferobin  =  kolloide  Arsen-Eisenlösung  für  subkutane  und  intra¬ 
venöse  Einspritzung  mit  0,05  Proz.  Arsen  und  1,5  Proz.  Fe-Gehalt. 
Herstellerin:  Chem.  Fabrik  Dr.  Robisch-Münchcn  25. 


* 


')  Vgl.  M.m.W.  1923  Nr.  4. 


!.  September  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1161 


Eisen-Diasporal  =  eine  4  mg  kolloides,  hochdisperses  Eisen  (pro 
Ampulle)  enthaltende  Flüssigkeit  zur  intravenösen  Behandlung.  Her¬ 
steller:  Dr.  Volkmar  Klopfer-Dresden. 

i  c  y  d  c  n  456  -  eine  Lösung  von  0,05  Proz.  Fe  in  elektrokollider  Form 
und  0,025  Proz.  Arsen  und  0,04  Proz.  Kresol.  Herstellerin:  Chem. 
Fabrik  von  Heyden-Radebeul  b.  Dresden. 

lod-Elarson  =  Tabletten,  die  0,005  As  in  Form  des  Elarson  und 
0,065  Jodkali  =  0,050  Jod  enthalten.  Indikation:  Arteriosklerose, 
Skrophulose  etc.  Herstellerin:  Farbenfabriken  vorm.  Friedr.  Bayer 
&  Cie.  A.-Q. -Leverkusen. 

Uetogen  —  vitaminhaltiger  Körper  in  Kapseln  zu  je  0,32g.  Hersteller: 
Parke,  Davis  &  Cie.-Detroit. 

slutrainon  —  wird  von  der  chem.  Fabrik  Helfenberg  A.Q. -Helfenberg 
i.  S.  hergestellt  und  nicht  von  der  chem.  Fabrik  Promonta,  wie 
kürzlich  infolge  eines  Versehens  mitgeteilt  wurde. 

Pfomonta  —  Nervennahrung;  Phosphatide,  Kalziumglyzerophosphat,  Ca- 
und  Fe-Salze,  Hämoglobin,  Eiweissstoffe,  Kohlehydrate  und  Vitamine 
enthaltend.  Herstellerin:  Chem.  Fabrik  Promonta-Hamburg. 

»rmosyl  =  neuer,  wortgeschützter  Name  für  Ovaradentriferrin.  Her¬ 
steller:  Knoll  &  Co.  A.-G.-Ludwigshafen  a.  Rh. 

ivoplasma  =  hochwertiges  Eier-Lecithin-Albumin.  Hersteller:  E.  Tosse 
&  Cie. -Hamburg  22. 

VIII.  Als  Styptika  und  Antidysmenorrhoica  sind  zu  nennen: 

Canadrast  =  neuer  Name  für  Hydrastinin.  hydrochloric.  in  Ampullen 
und  Tabletten  der  Firma  Farbenfabriken  vorm.  Frdr.  Bayer  &  Cie.- 
Leverkusen. 

C I  a  v  i  p  u  r  i  n  =  0,1  proz.  weinsaure  wässerige  Lösung  der  nach  be¬ 
sonderem  Verfahren  gewonnenen  Basen  des  Mutterkorns.  Hersteller: 
Gehe  &  Cie.  A.-G. -Dresden  N. 

IX.  Dermatika,  Hautmittel. 

Hierher  gehören: 

Caramba  =  eine  Seife,  die  in  einem  neutralen  Seifenkörper  Schwefel  in 
hochdispersem  kolloidem  Zustande  enthält.  Hersteller:  Max  Elb, 
G.m.b.H. -Dresden. 

Cup  re  x  =  ein  Kupferpräparat  von  Mar  blaugrüner  Farbe  zur  Bekämpfung 
aller  Parasiten  und  deren  Eier  der  menschlichen  und  tierischen  Haut. 
Hersteller:  E.  Merck,  chem.  Fabrik-Darmstadt. 

Htlls  gereinigtes  Teerpräparat  =  Pinogen  und  Pinosol  ge¬ 
nannt  ist  eine  hellbraune  Flüssigkeit  mit  vollständig  erhaltener  Wirk¬ 
samkeit.  Hersteller:  Hell  &.  Cie.  A.-G.-Troppau. 

Ncisscrs  Zink-Wismutsalbe  =  Zinc.  oxydat.  Bismuth.  subnitric. 
aä  5,0,  Ungt.  simpl.  Ungt.  leniens  aä  20,0. 

Pulv.  Enzym  i  inspersorius  —  2  Proz.  Pankreasextrakt,  Zinkoxyd 
und  Talkum. 

Ungt.  Enzymi  comp.  =  2  Proz.  Pankreasextrakt  enthaltende  Zink¬ 
oxydvaseline.  Hersteller  für  diese  beiden  Präparate:  Rohm  &  Haas 
A.-G.-Darmstadt. 

X.  Als  Antigonorrhoica  sind  bekannt  geworden: 

Choleval-Einulsion  =.  ist  eine  neue  Form  des  Cholevals  und  besteht 
aus  Spritzkapseln  zu  5  g  Inhalt,  die  eine  2,5  proz.  Emulsion  des 
Cholevals  enthalten.  Hersteller:  E.  Merck  chem.  Fabrik-Darmstadt. 

(i  o  n  o  b  a  1  1  i  =  Gelatinekapseln  mit  2  proz.  Protargol.  Hersteller :  P.  Beiers¬ 
dorf  &  Cie.  A.-G. -Hamburg. 

Qono-Yatren  =  eine  Aufschwemmung  von  Gonokokken  in  Yatrenlösung. 
Packung  A.  Behandlung  nicht  komplizierter  Gonorrhöe;  Packung  B 
Behandlung  komplizierter  Gonorrhöe.  Herstellerin:  Behringwerke 

A.-G. -Marburg. 

Pilugon  =  Kobalt-Eisenverbindung,  ein  Trippermittel.  Herstellerin: 
Deutsche  Schutz-  und  Heilserum-Gesellschaft  m.  b.  H. -Berlin  NW.  6. 

P  r  o  t  o  s  i  1  =  Silbereiweissverbindung  mit  20  Proz.  Ag.  Hersteller:  Parke, 
Davis  &  Cie.-London  W.  1. 

XI.  Als  Antisyphilitika  sind  zu  erwähnen: 

Calomel-Diasporal  =  enthält  pro  Ampulle  15  mg  kolloides  hochdis¬ 
perses  Kalomel.  Hersteller:  Dr.  Volkmar  Klopfer-Dresden. 

C  u  t  r  e  n  =  orthooxychinolinsulfosaures  Wismut  zur  intramuskulären  Ein¬ 
spritzung.  Herstellerin:  Chem.  Fabrik  Passek  &  Wolf  G.m.b.H.- 
Hamburg  26. 

Embial  =  ölige  Lösung  mit  8  Proz.  Wismutgehalt  bisher  M/B  310.  Her¬ 
steller:  E.  Merck  chem.  Fabrik-Darmstadt. 

S  t  y  1  o  n  e  M.B.K.  =  sind  Stäbchen  aus  Cacaobutter,  welche  als  medikamen¬ 
töse  Zusätze  HgCl,  metallisches  Hg,  Hydr.  salicylic.,  Hydrarg. 
thymolo-acetic.  enthalten.  Nach  Einführen  der  Stäbchen  in  die  Re¬ 
kordspritze  werden  sie  über  einer  kleinen  Flamme  geschmolzen  und 
dann  injiziert.  Hersteller:  Merck,  Knoll,  Böhringer. 

Sulfarsenol  =  ist  keine  Nachahmung  von  Neosalvarsan.  sondern  ein 
Dinatrium  3,3  diamino,  4,4  dihydroxy-arsenobenzol-N-dimethylen- 
sulfonat  (18 — 20  Proz.  As). 

Weitere: 

Wismutverbindungen  =  das  „graue  Ocl“,  ein  Wismut-Quecksilber- 
Amalgan;  Trepol  und  Trabisol,  ein  Natrium-Kalium-Tartrobismutat; 
Muthanob.  und  Curalues  ein  Wismuthydroxyd,  BischJorol  ein 
Wismutoxychlorid,  Quinbi  oder  Quiniobismuth  =  Chininjodbismutat; 
Natriumtrioxybismutobenzoat ;  Neo-Trepol  —  Bismuthum  praec'pi- 
tatum;  Wismut-Diasporal  =  kolloides  hochdisperses  Wismuthydroxyd 
(10  mg  in  1  ccm)  n.  Pharmaz.  Zentralhalle. 

XII.  Als  Antiseptika,  Desinfizientia  sind  bekannt  geworden: 

Desinfex  =  Desinfektionsmittel  für  Instrumente.  Herstellerin:  Merz- 
Werke-Frankfurt  a.  M. 

Jodonascin  =  Lösung  von  Natriumjodit  und  -jodat,  Chlor-  und  Sulfat- 
Ionen,  der  P  r  e  g  1  sehen  Lösung  ähnlich  mit  0,03—0,04  proz.  freiem 
Jod.  Hersteller:  B.  Braun-Melsungen. 

Ja  Ion  =  Kollargolpräparat  mit  0,1  Proz.  löslichem  Silber.  Herstellerin: 
Chem.  Fabrik  Helfenberg  vorm.  Eug.  Dieterich  A.G.-  Helfenberg. 

Dresojod  =  P  r  e  g  1  sehe  Jodlösung.  Herstellerin:  Cedenta-Werke  A.G.- 
Berlin  NO.  55. 


St  er  sin  III  =  Pepsin  sterilisatum  mit  der  Verdauungskraft  1:3000;  besitzt 
hervorragende  Wirkung  auf  infizierte  Gelenke  und  infiziertes  Peri¬ 
toneum.  Hersteller:  W.  Käthe  A.O.-Halie  a.  S. 

XIII.  Mittel  bei  Erkrankungen  der  Atmungsorgane  und  Tuberkulose-Heilmittel. 

Kresival  =  6  proz.  sirupöse  kresolsulfosaure  Kalziumlösung  bei  Erkran¬ 
kungen  der  Atmungsorgane.  Herstellerin:  Farbenfabriken  vorm. 
Frd.  Bayer  &  Cie. -Leverkusen. 

Salvysatum  =  Dialysate  aus  frischer  Salvia  officinalis.  Anwendung  als 
Antihydrotikum  beim  Schweissc  der  Phthisiker.  Hersteller:  Bürger- 
Wernigerode. 

S  i  1  i  q  u  i  d  =  0,3  proz.  hochdisperse  wässerige  Kieselsäurelösung  ohne 
Schutzkolloid.  Hersteller:  C.  F.  Böhringer  &  Sohn-Mannheim. 

Tebecein  —  Salbe  mit  Salizylsäure,  Tuberkulin  Koch,  zermahlenen  Tu¬ 
berkelbazillen  und  ätherischen  Oelen,  ein  diagnostisches  Hilfsmittel. 
Herstellerin :  Behringwerke-Marburg. 

Tualum  =  ein  Tuberkulin,  aus  dem  die  hochtoxischen  Substanzen  entfernt 
sind,  bei  rein  fieberfreier  Tuberkulose.  Hersteller:  Thamm-Berlin. 

VaccinapplyvalentaAndreatti  —  polyvalente  reaktionsschwache 
Va'kzine  bei  tuberkulösen  Mischinfektionen.  Hersteller:  Thamm- 
Berlin. 

XIV.  Organotherapeutische  Präparate  sind: 

Anteglandol  =  eiweiss-  und  lipoidfreies  Hypophysenvorderlappen¬ 
extrakt.  Herstellerin:  Chem.  Werke  Grenzach  A.G.-Grenzach. 

Hypophen  =  ein  Extrakt  von  Pars  nervosa  und  Pars  intermedia  frischer 
Schweinhypophysen.  1  ccm  =  0,25  frischer  Drüsen.  Hersteller: 
Gehe  &  Co.  A.G. -Dresden  N. 

Moloco  =  Plazentahormone,  ein  milchtreibendes  Mittel  für  stillende  Frauen. 
Hersteller:  Hausmann  A.G. -St.  Gallen. 

P  i  t  u  i  g  a  n  =  phys.  eingestelltes  Extrakt  aus  dem  Infundibularteile  der 
Hypophyse.  Hersteller:  Dr.  Georg  Henning-Berlin  W.  35. 

Rejuven  =  nach  C.  Pariser  aus  der  entsprechenden  Drüse  hergestelltes 
Steinachpräparat,  3,5  g  frischer  Drüse  entsprechend.  Hersteller: 
Chem.  Fabrik  Dr.  Laboschin  A.G. -Berlin. 

Sexualoptone  =  Corpus  luteum-Opton  und  Plazentaopton  zur  intra¬ 
muskulären  Injektion  bei  Migräne.  Hersteller:  E.  Merck,  chem. 
Fabrik-Darmstadt. 

Thymophorin  =  Ampullen  mit  Extrakt  aus  Thymusdrüse;  l  ccm  — 
5  g  Drüse.  Hersteller:  Dr.  Freund  &  Dr.  Redlich-Berlin. 

Tumorimpfstoff  „Dr.  Keysser“  — '  eine  Suspension  aus  Tumoren  in 
dreifacher  Konzentration  zur  Verhütung  von  Metastasen  nach  er¬ 
folgter  Radikaloperation.  Hersteller:  Chem.  Fabrik  und  Seruni- 
institut  „Bram“,  G.m.b.H. -Oelzschau  b.  Leipzig. 

XV.  Bakteriotherapeutische  Präparate. 

E.  G.  Lymphe  —  Eukupinotoxin-Glyzerin-Schutzpockenlymphe.  Herstel¬ 
lerin:  Impfanstalt-Hannover. 

Ozaena-Vakzine  =  aus  Coccobacillus  foetidus  Ozaenae  bereitete 
Vakzine.  Hersteller:  Staatl.  Serotherap.  Institut  in  Wien  IX/20. 

XVI.  Zur  parenteralen  Therapie. 

Novoprotin  —  keimfreie  Lösung  eines  kristallisierten  Pflanzeneiweisses. 
Herstellerin:  Chem.  Werke  Grenzach  A.G.-Grenzach. 

Protenterol  =  natürliche  Milch  gesunder  Tiere.  Herstellerin:  Pharmaz. 
Institut  W.  Gans-Oberursel  (Taunus). 

Protopressin  =  Proteinkörpertherapeutikum.  Hersteller:  Dr.  Labo- 
schin-Hageda  A.G.-Berlin.  * 

XVII.  Bei  Stoffwechselerkrankungen. 

Antisclerosevakzine  nach  Dr.  med.  C  i  1  i  m  b  a  r  i  s  —  ein  Chole¬ 
sterin  lösendes  Mittel. 

Arteriovakzine  =  sterilisierte  Aufschwemmung  von  solchen  Bakterien 
der  Darmflora,  die  C  i  1  i  m  b  a  r  i  s  für  Entstehung  der  Arterio¬ 
sklerose  beschuldigt.  Herstellerin:  Simons  Apotheke-Berlin  C  2. 

D  i  a  g  1  y  k  o  1  —  Tabletten  mit  Hefeextrakt  und  Fermenten  der  Bauchspeichel¬ 
drüse  bei  Zuckerkrankheit.  Herstellerin:  Pharm.  Schöbelwerke- 
Dresden  A  16. 

Insulin  =  eine  durch  Alkoholextraktion  aus  fötalem  Rinderpankreas  ge¬ 
wonnene  Substanz  von  Hormoncharakter.  Es  wird  an  der  Uni¬ 
versität  Toronto  hergestellt  und  ist  im  Handel  noch  nicht  zu  haben. 

J  u  v  e  n  i  n  —  Tabletten  und  Ampullen  mit  0,01  methylarsinsaurem  Yohimbin 
und  0,0005  methylarsinsaurem  Strychnin  bei  Erschöpfungszuständen, 
sexuellen  Neurasthenien.  Hersteller:  Farbenfabriken  vorm.  Frd. 
Bayer  A.G.,  Leverkusen. 

Lipohysin  femininum  et  masculinum  —  ein  auf  Hormon¬ 
wirkung  beruhendes  Entfettungsmittel  für  subkutane  i  ld  orale  An¬ 
wendung.  Hersteller:  Dr.  Georg  Henning-Berlin  W.  35. 

XVIII.  Röntgenkontrastmittel. 

Idraba  ryum  =  eine  pulverförmige  Baryummischung.  die  mit  Wasser 
anzurühren  ist.  Hersteller:  J.  D.  Riedel  A.G. -Berlin-Britz. 

Röntyum  =  gleichfalls  eine  Baryummischung. 

Umbrenal  =.  eine  25  Proz.  starke  Jodlithiumlösung  in  Ampullen.  Kon¬ 
trastmittel  für  die  Pyelographie.  Hersteller  für  die  letzten  beiden 
Präparate:  C.  A.  F.  Kahlbaum,  chem.  Fabrik-Berlin-Adlershof. 

XIX.  Verschiedene  Präparate. 

P  a  n  i  t  r  i  n  ==  Papaverinnitrit,  verwendet  bei  verschiedenen  Ohrenleiden. 

Es  wird  hinter  und  über  dem  Ohre  eingespritzt.  Hersteller: 
C.  H.  Böhringer  &  Sohn-Nieder-Ingelheim  a.  Rh. 

Phlogetan  —  zur  phlogetischen  Behandlung  von  Tabes  und  Paralyse 
sowie  zu  deren  Vorbeugung.  Hersteller:  C.  F.  Norgine  Dr.  Victor 
Stein-Aussig. 

Perlingual-Tabletten  =  die  wirksamen  Stoffe  sind  mit  Hilfe  eines 
lipoiden  Lösungsmittels  in  einer  Kohlensäure  entwickelnden  Grund¬ 
masse  äusserst  fein  verteilt  und  lösen  sich  zwischen  Zunge  und 
Gaumen  unter  Kohlensäureentwicklung.  (Die  wirksamen  Stoffe  sind 
Atropin,  Codein,  Morphium,  Nitroglyzerin  und  Natrium  diaethyl- 
barbituricum.)  Hersteller:  Dr.  Ernst  S  i  1 1  e  n  -  Berlin  NW.  6. 


1162 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  3f 


Zeitschriften  -  Uebersicht. 

Zentralblatt  fiir  Herz-  und  Gefässkrankheiten.  1923.  Nr.  12  u.  13. 

Hugo  S  c  h  m  i  d  t  -  Bad  Nauheim:  Beitrag  zur  Kenntnis  hypertonischer 
und  anderer  Zustandsänderungen  im  Gefasssystem. 

Aus  eigenen  Beobachtungen  schliesst  Verf..  dass  cs  eine  eigentliche 
essentielle  Hypertonie,  d.  h.  ohne  Organsklerose  in  der  Tat  gibt.  Eine  be¬ 
sondere  Form  einer  essentiellen,  nicht  selten  auch  familiären.  Hypertonie 
findet  sich  bei  leicht  erregbaren,  temperamentvollen  Menschen,  zuweilen 
kombiniert  mit  ncurasthenischen  und  arthritischen  Zuständen.  Die  Voraus¬ 
setzung  ihrer  Entstehung  dürfte  in  „Erregbarkeitsänderungen  übergeordneter 
nervöser  Zentren“  liegen,  eine  verminderte  Widerstandsfähigkeit  gegen 
psychogene  Einflüsse  ist  dabei  oft  mit  wirksam.  Eine  andere  Form  der  Hyper¬ 
tonie  zeigt  sich  bei  geistigen  Arbeitern,  welche  gleichzeitig  durch  Genuss- 
mittel  ihr  Gefasssystem  schädigen.  Im  übrigen  weisen  Schwankungen  des 
auf  150 — 180  erhöhten  Blutdrucks  auf  beginnende  Sklerose  der  Aorta  und 
Arteriosklerose  hin.  Verf.  schildert  dann  noch  einen  andern,  mit  niedrigem 
Druck  einhergehenden  Symptomenkomplex,  mit  Kapillarpuls,  Vasodilatation, 
welcher  in  der  Pubertät  sich  entwickeln  kann.  Die  seelische  und  körperliche 
Leistungsfähigkeit  bei  solchen  Jugendlichen  ist  meist  vermindert.  Mangel¬ 
hafte  vasomotorische  Anpassung  pflegt  diese  Fälle  zu  begleiten. 

E.  Stolz- Wien:  lieber  die  Aetlologie  und  die  Folgen  der  Isolierten 
diffusen  interstitiellen  Myokarditis. 

Ein  bis  zum  20.  Jahre  gesunder  Mann  erkrankte  nach  ganz  leichtem 
Gelenkrheumatismus  an  Herzbeschwerden,  welche  immer  mehr  Zunahmen. 
Es  entwickelte  sich  eine  Dilatation  und  Hypertrophie  des  Herzens  mit  hoch¬ 
gradiger  Insuffizienz,  schliesslich  Exitus.  Bei  der  Obduktion  fand  sich  ein 
mächtig  vergrössertes  und  erweitertes  Herz  mit  rezenter  interstitieller  Myo¬ 
karditis.  auch  Zeichen  einer  schon  vor  längerer  Zeit  bestandenen  toxischen 
Schädigung  des  Herzmuskels.  Epikritische  Erörterungen. 

R  u  m  p  f  -  Bonn-Volkmarsen:  Zur  Behandlung  der  Kreislaufstörungen  mit 
Kohlensäurebädern. 

Die  Wirkung  des  kohlensauren  Salzbades  ist  in  der  Regel  viel  stärker 
als  die  des  reinen  C02-Bades.  Verf.  konnte  auch  feststcllen,  dass  unter  der 
Einwirkung  des  kohlensaurcn  Salzbades  eine  Verkleinerung  des  Thorax¬ 
umfanges  sich  einstellt,  was  günstig  auf  die  Zwerchfellatmung  und  auf  die 
Verhältnisse  des  negativen  Drucks  auf  das  Herz  sich  bemerkbar  macht. 

Grassmann  -  München. 

Deutsche  Zeitschrift  fiir  Chirurgie.  179.  Bd„  3. — 4.  Heft. 

Aladar  K  r  e  i  k  e  r  und  Jenö  O  r  s  o  s:  Die  Verwertbarkeit  der  v.  I  m  r  e  - 
v.  Blascovics  sehen  Plastik  in  der  Chirurgie.  (Aus  der  Universitäts- 
Augenklinik  in  Debrezin.  Prof.  L.  v.  Blascovics.) 

Die  Plastik  besteht  in  einer  Defektdeckung  durch  bogenförmige  Lappen¬ 
verschiebung  unter  Zuhilfenahme  eines  Burow  sehen  Dreiecks,  das  eine 
spannungslose  Naht  ermöglicht.  Das  Verfahren  kann  an  den  verschiedensten 
Körperstellen  (z.  B.  bei  Defekten  nach  Mammaamputation,  am  Schädel  etc.) 
erfolgreich  angewandt  werden.  Näheres  im  illustrierten  Original.) 

Rudolf  Nissen:  Die  Bronchusunterbindung.  ein  Beitrag  zur  experimen- 
nicntcllcn  Lungeripathologie  und  -Chirurgie.  (Aus  der  Chirurg.  Universitäts¬ 
klinik  München.  Geheimrat  Prof.  Dr.  Sauerbruch.) 

Experimente  an  Hunden,  Kaninchen  und  Katzen.  Die  Bronchusunter¬ 
bindung  führt  zu  einer  Kollapsinduration  des  betroffenen  Lungenlappens  mit 
gleichzeitiger  massiger  Schleimansammlung  in  den  peripherisch  von  der  Unter¬ 
bindungsstelle  gelegenen  Bronchen.  Pleuraverwachsungen  bleiben  aus.  die 
Knorpel  der  beteiligten  Bronchen  verfallen  einer  fortschreitenden  Atrophie, 
die  Unterbindungsstelle  bleibt  völlig  verschlussfest.  Die  beiden  letzten  Be¬ 
funde  legen  den  Gedanken  nahe,  die  präliminare  Bronchusunterbindung  der 
Exstirpation  der  Lunge  in  geeigneten  Fällen  vorauszusctiicken. 

L.  Drüner:  Die  Stereoskopie  der  Harnkonkremente  im  Nierenbecken 
und  in  den  Ureteren  und  der  Fremdkörper  in  ihrer  Nachbarschaft.  (Aus  dem 
Fischbachkrankenhause  Quierschied.) 

Vortrag  auf  der  Versammlung  Mittclrheinischer  Chirurgen  am  6.  I.  1923 
in  Frankfurt  a.  M.  Das  Verfahren  der  Rekonstruktion  nach  Hasselwan¬ 
der  kommt  nur  für  die  Wiedergabe  eines  Oberflächenreliefs  in  Frage,  in  der 
Stereoröntgenographie  ist  die  richtige  Einstellung  auf  das  durchsichtige 
Raumbild  das  viel  bessere  Verfahren,  wie  Dr.  an  einigen  schwierigen  Fällen 
aus  der  Chirurgie  der  Harnkonkremente  erläutert. 

W.  Suermondt:  ;Ueber  einen  Fall  von  Oesophagospasmus.  (Aus  der 
Chirurg.  Klinik  zu  Leiden.  Prof.  J.  H.  Zaaijer.) 

Es  ist  zu  unterscheiden  zwischen  der  primären  Form  des  Spasmus,  bei 
der  dieser  die  einzige  Ursache  der  Verengerung  der  Speiseröhre  und  der 
Schluckbeschwerden  ist,  und  der  sekundären  Form,  die  durch  verschiedene 
Krankheiten  der  Speiseröhre  (Ulcus,  Verwundung  etc.)  ausgelöst  wird. 

Beschreibung  eines  Falles  von  Karzinom  des  Oesophagus,  in  dem  ein 
so  starker  Spasmus  bestand,  dass  das  ursächliche  Leiden  erst  durch  wieder¬ 
holte  mühevolle  Oesophagoskopien  mit  Atropindarreichung  aufgedeckt  werden 
konnte. 

M.  Friedemann:  Ueber  Misserfolge  nach  Operation  wegen  Magen- 
und  Zwölffingerdarmgeschwür.  (Aus  dejn  Knappschaftskrankenhause  IV, 
Langendreer.) 

Zunächst  Beschreibung  von  6  operierten  Fällen  von  Ulcus  pept.  jejuni; 
5  mal  bestand  vorher  ein  Zwölffingerdarmgeschwür,  das  mit  Gastroentero¬ 
stomie  mit  oder  ohne  Pylorusausschaltung  behandelt  war.  Erst  die  ergiebige 
Resektion  mit  Entfernung  des  Pylorus  nach  Billroth  I  oder  II  (modifiziert) 
brachte  die  Kranken  zur  Heilung.  Ebenso  wurde  vorgegangen  in  4  Fällen  von 
Rezidivulccra  nach  früherer  kragenförmiger  Resektion,  ln  2  weiteren  Fällen 
war  das  Geschwür  nach  der  früheren  Gastroenterostomie  nicht  zur  Ausheilung 
gekommen,  auch  hier  brachte  die  grosse  Resektion  Heilung.  Von  besonderem 
Interesse  erscheinen  mir  die  letzten  3  Fälle,  in  denen  es  nach  der  Gastro¬ 
enterostomie  zu  ausgedehnten  Verwachsungen  mit  Darmverschluss  gekommen 
war,  die  zahlreiche  mühevolle  Nachoperationen  erforderten,  bis  auch  hier  die 
grosse  Resektion  wenigstens  vorläufig  Heilung  brachte.  Auf  Grund  dieser 
Erfahrungen  betrachtet  Verfasser  die  grosse  Resektion  womöglich  nach  Bill¬ 
roth  I  als  das  Verfahren  der  Wahl  für  die  Operation  des  Ulcus  vcntriculi 
und  duodeni. 

A.  Kessler:  Spastischer  Ileus  mit  doppelseitiger  inkarzerierter  Krural- 
hernie.  (Aus  der  Chirurg.  Abteilung  des  Landeskrankenhauses  Homburg-Saar. 
Dr.  O.  O  r  t  h.) 

Bei  dein  47  jährigen  Mann  war  es  nach  einer  akut  einsetzenden  Enteritis 


zur  Einklemmung  einer  doppelseitigen  Schenkelhernie  gekommen.  Bei  de 
Operation  zeigte  sich,  dass  die  Verfärbung  der  inkarzerierten  Dünndarm 
schlinge  nach  oben  weiter  ging,  fast  der  ganze  Dünndarm  war  stark  gebläh 
und  hämorrhagisch  infarziert,  während  das  untere  Ende  des  Ileum  in  scharfe 
Grenze  ganz  dünn  spastisch  kontrahiert  und  anämisch  war  in  einer  Aus 
dehnung  von  etwa  20  cm.  Reposition,  Heilung  unter  Atropin,  die  linksseitig. 
Inkarzeration  löste  sich  spontan.  Wahrscheinlich  ist  in  den  voraufgegangcnei 
Entzündungsvorgängen  der  Darmwand  die  Entstehungsursache  für  den  reflek 
torischen  Enterospasmus  zu  erblicken.  Gewöhnlich  wird  man  mit  anti 
spastischen  Mitteln  therapeutisch  zum  Ziele  kommen. 

V.  E.  Mertens:  Ueber  die  diagnostische  Anwendung  des  Serums  voi 
bestrahlten  Krebskranken  und  über  die  Wirkungsweise  der  Röntgenstrahlen 
(Aus  der  chirurgischen  Universitätsklinik  München.  Geheimrat  Prof.  Dr 
Siauerbruc  h.) 

Im  Blute  von  Krebsträgern,  deren  Geschwulst  unter  dem  Einflüsse  voll 
Röntgenstrahlen  zurückgeht,  treten  anscheinend  Stoffe  auf,  deren  intrakutan,  j 
Einspritzung  bei  Trägern  gleichen  Krebses  eigentümliche  violette  Flecke' S 
hervorruft.  Weiterhin  wirft  Verf.  die  Frage  auf,  warum  nicht  selten  bej 
Verschwinden  des  Primärtumors  unter  Röntgenlicht  neue  Tochtergeschwulst.  1 
auftreten.  Er  ist  der  Ansicht,  dass  in  solchen  Fällen  die  von  der  Primär  ^ 
geschwulst  ausgehenden  „Schadstoffe“  die  „Schutzstoffc“  überwiegen. 

Hugo  Maass:  Zur  Frage  der  Rachitis  tarda. 

Das  pathologisch-anatomische  Bild  der  rachitischen  Wachsturnsstörun;  . 
ist  als  mechanischer  und  dynamischer  Effekt  der  aus  dem  Kalkmangel  resul  * 
tierenden  pathologischen  Druck-  und  Zugspannungen  auf  das  Knochen  wachstur  ä 
aufzufassen.  Die  rachitischen  Veränderungen  an  der  Knorpel-Knochengrenz  J 
erklären  sich  aus  der  Einwirkung  des  physiologischen  Wachstumsdrucke  ] 
auf  die  weichblcibenden  spongiösen  Wachstumszonen.  Gleiche  Verändej 
rungen  können  am  gesunden  Knochen  experimentell  durch  mechanische  Hem1: 
mutig  des  Längenwachstums  erzeugt  werden.  Wachstumsdeformitäten  (Gen 
valgum  etc.)  können  für  Spätrachitis  nur  verwertet  werden  bei  sonstige  j 
Zeichen  pathologischer  Knochenweichheit.  Die  Spätrachitis  ist  besonder  i 
eine  Erkrankung  der  Adoleszenz  und  der  Pubertätsjahre  und  kann  hier  z  ; 
Wachstumsdeformitäten  Anlass  geben.  Die  meisten  Wachstumsdeformitäte 
haben  mit  Spätrachitis  nichts  zu  tun,  sondern  sind  örtliche  Wachstums. 
Störungen  infolge  örtlicher  mechanischer  Einwirkungen.  Sie  entwickeln  sic; 
in  Perioden  intensiven  Knorpelwachstums  am  völlig  gesunden  Skelett  un 
finden  in  der  Empfindlichkeit  der  spongiösen  Wachstumszonen  gegen  patho 
logische  Druck-  und  Zugspannungen  ihre  Erklärung. 

Paul  Seulberger:  Ueber  primäre  Sarkombildung  in  beiden  Nieren 
(Aus  dem  pathol.  Institut  des  Landeskrankenhauses  zu  Braunschweig.  Pro 
W.  H.  Schul  tze.) 

Sektionsbefund  bei  einer  42  jährigen  Frau,  es  handelte  sich  um  ein  „pri 
märes  beiderseitiges  grosszeiliges  Rundzellcnsarkom  der  .Nieren“  mit  Meta 
stasen  in  den  Ovarien,  den  Lungengefässen  und  im  Gehirn.  „Die  Entwicklun 
der  Tumoren  in  beiden  Nierenrinden  ist  so  gleichmässig,  dass  eine  Ueber 
tragung  von  einem  Organ  auf  das  andere  überhaupt  nicht  in  Frage  kommt. 

W.  Tonndorf:  Wahre  Zwerclifellhernien  als  Folge  einer  Wachstums 
hemmurig  der  Speiseröhre.  (Aus  dem  anatomischen  Institut  der  Universitä 
Göttingen.  Prof.  Dr.  Fuchs.) 

Ausser  dem  eigenen  Fall  fand  Verf.  in  der  Literatur  3  Fälle  von  wahre 
Zwerchfellhernie,  in  denen  das  Foramen  oesophageum  Bruchpfortc  war  uni 
bei  welchen  übereinstimmend  der  verkürzte  Oesophagus  in  den  Bruchsaci 
mündete.  Für  diese  wohlcharakterisierte  Gruppe  schlügt  Verf.  den  Name] 
„Hcrniae  diaphragmaticae  oesophageae  verae“  vor.  E 
handelt  sich  um  Missbildungen,  die  in  sehr  früher  Embryonalzeit  durch  ein 
Wachstunishemmung  der  Speiseröhre  Zustandekommen. 

H.  Flörckcn  -  Frankfurt  a.  M.  ' 

Zentralblatt  für  Chirurgie.  1923.  Nr.  32. 

B  r  e  i  t  n  e  r  -  Wien :  Ulcus  pepticum  Jejuni  nach  Billroth  II  wegei 
Karzinom. 

Bezugnehmend  auf  die  Arbeit  von  Wiedhopf  (Nr.  1,  1923)  übeji 
„Rezidiv  eines  Magenulcus  nach  Schlcimhautnaht  mit  Seide“  schildert  Verl 
heute  kurz  einen  Fall  von  Magenresektion  nach  Billroth  II,  bei  den] 
2  Monate  später  bei  der  Sektion  ein  beginnendes  peptisches  Geschwür  ad 
einer  Ecke  der  Anastomosennaht  sich  fand,  als  dessen  Ursache  mit  Sicherhejl 
zwei  am  Rande  dieses  Substanzdefektes  liegende  Seidenknopfnähte  anzijj 
sprechen  waren. 

H.  Z  o  e  p  f  f  e  1  -  Hamburg-Barmbeck:  Chronische  arteriomesenterial 
Duodenalstenose  bei  Ulcus  callosuin  ventriculi.  Prinzipielles  zur  Frage; 
Billroth  II  oder  Billroth  I. 

Verf.  schildert  kurz  einen  Fall  von  chronischer  arteriomesenteriale 
Duodenalstenose  kombiniert  mit  einem  peptischen  Magengeschwür:  al 
Operationsmcthode  kann  hier  nur  Resektion  nach  Billroth  II  in  Frag 
kommen,  da  Billroth  I  die  Duodenalstenose  nicht  beseitigen  und  ehe 
noch  eine  Riickstauung  im  Magen  verursachen  würde.  Dagegen  haben  ui 
angenehme  Störungen  im  postoperativen  Verlaufe  die  Gefahr  eines  Ulcus 
rezidivs  im  Duodenalstumpf,  die  Möglichkeit  von  Verwachsungsstenose  t 
oder  das  Auftreten  von  Duodenalstcnosen  im  Sinne  eines  arteriomesenteriale  i 
Verschlusses  nach  Billroth  I  den  Verf.  veranlasst,  ganz  zur  Resektio 
nach  Billroth  II  zurückzukehren. 

Fr.  L  i  n  d  e  -  Gelsenkirchen:  Die  Konzentration  der  peristaltische. 
Kräfte  auf  Stellen  passiven  Widerstandes  die  Ursache  des  Ulcus  pepticui 
chronicum. 

An  einem  Beispiel  sucht  Verf.  seine  Ansicht,  dass  ein  Ulcus  pept.  chror 
an  der  Stelle  passiver  Resistenz  durch  Konzentration  aller  pcristaltischet-- 
Kräfte  entstehen  könne,  zu  begründen.  Fast  stets  sitzt  das  Magenulcus  aF 
der  Magenstrasse;  Zunahme  der  Stauung  am  Magenausgang,-  nicht  genügend 
Durchlässigkeit  des  Pylorus,  erhöhte  Peristaltik  der  Magenwände  und  di 
grossen  Kurvatur  isnd  die  Kräfte,  die  sich  auf  den  Isthmus  konzentrieren,  di 
so  zum  Prädilektionssitz  des  Ulcus  wird.  Dementsprechend  muss  auch  d 
Therapie  Sorge  für  Herstellung  möglichst  physiologischer  Verhältnisse  trage 
was  am  besten  durch  Billroth  I  geschieht;  Gastroenterostomie  un 
Billroth  II  kommen  nur  als  Notbehelf  in  Frage.  Dringt  die  Ansicht  di 
Vcrf.s  über  die  Entstehung  des  Geschwüres  in  weitere  Kreise,  dann  müsst 
man  die  Bezeichnung  Ulcus  peristalticum  vorschlagen. 

Fr.  L  o  t  s  c  h  -  Berlin :  Ueber  Hängebrustplastlk. 

Die  vom  Verf.  mit  Erfolg  geübte  Methode  besteht  in  einer  plastische 
Verlagerung  des  Warzenhofes  nach  aufwärts  mit  Hautplastik  in  der  untere 


7.  September  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1163 


Mammahälfte;  sic  wird  kurz  beschrieben;  eine  beigegebene  Skizze  zeigt  den 

kosmetischen  Erfolg.  ,  ,  < 

Herrn.  F  e  c  h  t  -  Weizen:  F.in  neues  Händedeslnfektionsverfahrcn. 

Nach  einem  interessanten  Ueberblick  und  Aufzählung  aller  bisher 
empfohlenen  Desinfektionsmethoden  erwähnt  Verf.  seine  eigene,  die  in 
folgendem  Verfahren  besteht:  2  Minuten  waschen  mit  Heisswasser-Seifc- 
Diirste,  5  Minuten  bürsten  mit  2  proz.  Saprotanlösung,  3  Minuten  bürsten 
mit  1  prom.  Sublaminlösung.  Saprotan  ist  bakterizider  als  Lysol  und  reizt 
auch  empfindliche  Hände  nicht;  das  gleiche  gilt  von  Sublamin,  das  weniger 
giftig  ist.  wesentlich  tiefer  wirkt  und  länger  sich  hält  als  Sublimat. 

R.  R  o  d  z  i  n  s  k  i  -  Lemberg:  Ueber  eine  neue  Betäubungsmethode  der 
unteren  Körpergebiete:  Sakrolumbalanästhesie. 

Die  Sakrolumbalanästhesie  wird  erzielt  durch  eine  gleichzeitige  intra- 
und  extradurale  Injektion  von  1  proz.  Novokainlösung.  Im  Liegen  wird  dem 
Kranken  zuerst  in  den  Extraduralraum  40 — 50  ccm  1  proz.  Novokainlösuug 
und  dann  etwas  später  4 — 5  ccm  einer  1  proz.  Novokainlösung  intradural 
eingespritzt  (zusammen  also  0,44 — 0,55  g  Novokain).  Abgesehen  von  leich¬ 
teren  Kopfschmerzen  hat  Verf.  keine  üblen  Nachwirkungen  beobachtet;  die 
Methode  verdient  weitere  Nachprüfung.  E.  H  e  i  m  -  Schwcinfurt-Oberndorf. 


Zentralblatt  für  Gynäkologie.  1923.  Nr.  32. 

H.  Eymer  (Univ.-Frauenklinik  Heidelberg):  Zur  Symptomatologie  und 

Therapie  des  sog.  Uterus  duplex. 

Verdoppelungsmissbildungen  des  Uterus  führen  ausser  zu  partieller 
Atresie  mit  Blutungsretentionsgeschwülsten  besonders  zu  pathologischen 
(ieburtsverhältnissen,  aber  auch,  was  weniger  oft  beachtet  wird,  zu  Dys¬ 
menorrhöe  und  protrahierten  Blutungen  infolge  Muskelschwäche  der  zu 

dünnen  Uteruswände. 

Verf.  beschreibt  2  Fälle  von  Verdoppelung,  die  er  nach  Strassmann 
operierte  und  wobei  er  Beseitigung  der  Schmerzen  bzw.  der  Blutungen  er¬ 
zielte.  Er  berichtet  weiter  über  einen  sehr  eigenartigen  Fall  von  Ver¬ 
doppelung  von  Uterus  und  Scheide,  wobei  dem  weiteren  Vaginalteil  die 
atretische,  dysmenorrhoische  Uterushälfte,  dem  engeren  Vaginalteile  der 
gesunde  grosse  Uterusteil  entsprach.  Er  empfahl  daher  nach  Dilatation  der 
engeren  Vaginahälfte  dem  Ehemann,  der  selbst  Arzt  war,  Kohabitation  durch 
die  engere  Vaginahälfte,  worauf  sofort  Befruchtung  eintrat.  Steissgeburt 
unter  Zerreissung  des  Septums. 

R.  Hornung  (Univ.-Frauenklinik  Leipzig):  Das  Verhalten  der 
Thrombozyten  bei  klimakterischen  Blutungen  und  ihre  Beeinflussung  durch 
Kalkmedikation. 

Verf.  untersuchte  40  Fälle  reiner  klimakterischer  Blutungen,  um  fest- 
zustellen,  ob  bei  denselben  die  Zahl  der  Thrombozyten  vermindert  sei.  Es 
ergaben  sich  aber  überall  normale  Zahlen.  Wurde  nun  eine  10  proz. 
Chior-Kalziumlösung  (10  ccm  intravenös)  injiziert,  so  stand  die  Blutung  in 
80  Proz.  der  Fälle  nach  der  ersten,  spätestens  der  zweiten  Injektion.  Dabei 
trat  aber  kein  Anstieg,  sondern  ein  Sturz  der  Thrombozyten  ein.  Verf. 
erklärt  diese  paradox  erscheinende  Tatsache  so,  dass  das  Kalzium  einen 
erhöhten  Zerfall  der  Thrombozyten  bewirke,  wodurch  Thrombogen  und 
Thrombokinase  frei  werden.  Dadurch  findet  eine  Steigerung  der  Gerinnungs¬ 
faktoren  des  Blutes  im  Sinne  Stephans  statt. 

E.  Klaften  (I.  Univ.-Frauenklinik  Wien):  Beitrag  zur  Kenntnis  der 
Schwangerschaftshemeralopie.  .  .... 

Bei  dieser  Erkrankung  ist  nicht  etwa  e  i  n  Organ  allem  als  auslosender 
Faktor  anzusehen,  sondern  die  Untersuchungen  ergaben,  dass  die  Betroffenen 
immer  auch  Nieren-,  Leber-  und  Kreislaufschädigungen  aufwiesen.  Während 
hinsichtlich  der  Nieren  immerhin  Wasser-  und  Konzentrationsversuche 
normale  Zahlen  gaben  und  nur  mässige  Albuminurie  und  Neigung  zu  Oedem 
vorhanden  waren,  ergaben  die  Leberfunktionsprüfungen  nach  W  i  d  a  1,  H  a  y, 
auf  Urobilin  und  Urobilinogen  sowie  alimentäre  Lävulosurie  positive  Reaktion. 
Die  Schwangerschaftshemeralopie  wird  daher  durch  die  mangelhaft  ent¬ 
giftende  Funktion  der  Leber,  die  verminderte  Eliminierungsfähigkeit  der 
Nieren  und  schliesslich  die  Mehrbelastung  des  Kreislaufs  und  dadurch 


Stauung  im  Säfteaustausch  hervorgerufen  werden. 

F.  ü  e  p  p  e  r  t -Hamburg:  Wert  und  Methode  der  Blutsenkungsreaktion 
in  der  gynäkologischen  Praxis.  (Bemerkung  zu  der  Arbeit  von  v.  Molnär 

in  Nr.  21  d.  Zschr.)  ........  .  , 

Der  praktische  Wert  der  Prüfung  der  Senkungsgeschwindigkeit  beruht 
nur  in  der  Erkennung  der  latent  infektiösen  Vorgänge  bei  entzündlichen 
Adnexerkrankungen,  wodurch  die  Indikationsstellung  zur  Operation  er¬ 
leichtert  wird.  Verf.  verweist  auf  seine  Priorität  in  dieser  Hinsicht  gegen¬ 
über  Linzenmeier.  Man  braucht  nicht  die  vollständige  Sedimentierung 
abzuwarten,  sondern  es  genügt  Feststellung  der  Sedimentierungshöhe  nach 

1  Stunde^  ^  q  g  s  und  gt  K  e  s  z  1  y  (Elisabethspital  Oedenburg  [Ungarn]) : 

Echinokokkus  des  Ovariums  und  der  Tube. 

Von  Echinokokkus  der  inneren  Genitalien  sind  nur  2  Falle  Ivon 
B  Schul  tze  und  D  o  1  e  r  i  s)  bekannt.  Verf.  veröffentlicht  nun  einen  in 
der  Literatur  alleinstehenden  Fall  von  Ovar-  und  Tubenechinokokkus,  der 
sich  bei  Eröffnung  der  Bauchhöhle  infolge  Vorhandenseins  vieler  Zysten  als 
inoperabel  erwies.  Die  Diagnose  war  vor  der  Laparotomie  nicht  gestellt 
worden  Robert  Kuhn-  Karlsruhe. 


Medizinische  Klinik.  Heft  32. 

W.  L  i  e  p  m  a  n  n  -  Berlin:  Die  eingebildete  Schwangerschaft. 

Die  Erkrankung  ist  im  Wesen  der  weiblichen  Psyche  begründet, 
welches  einer  charakteristischen  Gesetzesdreiheit  folgt,  nämlich  dem  Gesetz 
der  Hemmung,  dem  der  Vulnerabilität  und  dem  des  Pansexualismus. 

A.  G  ü  1 1  i  c  h  -  Berlin:  Der  vestibuläre  Schwindel. 

Fortbildungsvortrag.  ... 

W  Ba  u  m  a  n  n  -  Kiel:  Untersuchungen  über  den  klinisch-diagnostisc.ien 
Wert  des  Nachweises  okkulten  Blutes  im  Stuhl  bei  chirurgischen  Magen¬ 
erkrankungen  mit  besonderer  Berücksichtigung  des  Magenkarzinoms. 

Die  Kieler  Erfahrungen  sprechen  durchaus  zugunsten  der  Methode,  und 
zwar  kommt  beim  Karzionm  dem  positiven  Ausfall,  noch  mehr  dem 
negativen,  eine  fast  sichere  diagnostische  Bedeutung  zu.  Am  meistern  zu 
empfehlen  ist  das  Verfahren  mit  Benzidintabletten,  da  cs  auch  für  den  1  Tak¬ 
tiker  leicht  und  einwandfrei  zu  verwenden  ist. 

U  m  b  e  r  -  Berlin:  Ueber  Pankreasinsulin  und  seine  Anwendung  bei 

Diabetikern. 


Nach  eigenen  Erfahrungen  wirkt  das  Insulin  in  erstaunlich  sicherer 
Weise  herabsetzend  auf  die  Hyperglykämie,  die  Glykosuric  und  die  Azidose 
der  Diabetiker;  allerdings  dauert  die  günstige  Wirkung  nur  während  der 
Insulindarreichung. 

H.  K  i  o  m  k  a  -  Jena:  Ueber  Scheidendesinfektion. 

Untersuchungen  über  Agressit,  dessen  Wirkung  auf  Abspaltung  von 
Chlor  und  Sauerstoff  und  auf  der  Beimischung  von  Chininum  bihydro- 
chloricum  beruht. 

G.  D  e  t  h  1  c  f  s  e  n  -  Berlin :  Erfahrungen  mit  dem  Blutstillungsmittel 
Clauden  in  seiner  neuen,  flüssig  gebrauchsfertigen  Form. 

Lokal  wirkt  die  Pulverform  am  besten.  Subkutane  Injektionen  von 
10  ccm  bewährten  sich  bei  akuten  Blutungen  und  auch  prophylaktisch. 

C.  Fürth- Wien:  Multiple  Rippenknorpeleiterungen.  durch  Bact.  coli 

verursacht.  . 

Mitteilung  eines  Falles,  der  durch  operative  Eingriffe,  unterstützt  durch 
Vakzinebehandlung,  zur  Heilung  kam. 

J.  S  c  h  u  s  t  e  r  -  Pest:  Kurze  Bemerkung  zur  Therapie  des  Herziagens 
(paroxysmale  Tachykardie). 

Der  Anfall  konnte  bei  dem  beobachteten  Kranken  durch  intravenöse 
Injektion  von  1  ccm  Tonogen  oder  Suprarenin  sofort  zum  Schwinden  ge¬ 
bracht  werden. 

B.  Günther-  Bad  Nauheim:  Ein  praktischer  feuchter  Verband. 

Der  wasserdichte  Stoff  wird  ringsum  mit  Heftpflaster  befestigt. 

H.  H.  Spronck  -  Utrecht:  Experimentelle  Studien  über  die  beiden  Art¬ 
agonisten  der  Tuberkulinreaktion. 

Die  Untersuchungsergebnisse  sprechen  deutlich  für  die  bekannte  Theorie 
von  Wassermann  und  Bruck  sowie  für  die  Auffassung  von  N  e  u  f  e  1  d. 

E.  R  u  n  g  e  -  Berlin:  Die  Gynäkologie  des  praktischen  Arztes.  S. 


Schweizerische  medizinische  Wochenschrift.  1923.  Nr.  26. 

H.  S  t  a  r  c  k  -  Karlsruhe:  Diagnose  und  Behandlung  der  spasmogenen 
Speiseröhrenerweiterung.  . 

Zusammenfassende  Uebcrsicht  mit  besonderer  Berücksichtigung  der 
Therapie,  auf  Grund  der  grossen  Spezialerfahrung  des  Verfassers. 

E.  H  a  n  h  a  r  t  -  Zürich:  Ueber  Fehldiagnosen  bei  Knochenmarkskrebs. 

Bericht  über  30  Fälle,  davon  26  mit  Sektionsbefund.  In  19  von  24  mani¬ 
festen  Fällen  waren  von  den  behandelnden  Aerzten  Fehldiagnosen  gestellt. 
Das  typische  Blutbild  (sekundäre  Anämie  mit  zahlreichen  Norinoblasten, 
daneben  reichlich  Myelozyten  und  Leukozytose)  ist  sehr  selten  und  darf 
deshalb  in  seinem  diagnostischen  Wert  nicht  überschätzt  werden.  Auch  die 
Röntgendiagnostik  versagte  in  einer  Anzahl  der  schwersten  Fälle, 
so  dass  vollständig  von  Metastasen  durchsetzte  Knochen  (Wirbelsäule) 
normale  Bilder  ergaben;  es  ist  also  nur  ein  positiver  Röntgenbefund  für  die 
Diagnose  verwertbar.  Ein  Kardinalsymptom  sind  die  meist  un¬ 
erträglichen,  doppelseitigen  Schmerzen  (Ischias,  Interkostal-Brachial- 
neuralgien),  bei  denen  man  stets  an  Knochenmetastasen  denken  muss.  Diese 
sind  am  häufigsten  bei  Mamma-,  Prostata-  und  Schilddrüsentumoren,  können 
aber  auch  bei  allen  anderswo  lokalisierten  Vorkommen. 

G  o  n  in  -  Lausanne:  Kasuistischer  Beitrag  zur  Kenntnis  der  echten 
Diphtherie  des  Oesophagus  (und  des  Magens). 

S  t  r  eb  el  -Luzern:  Zur  Behandlung  des  perforierten  zentralen  Horn- 
hautgeschwürs. 

Ausführliche  Mitteilung  von  3  Fällen,  in  denen  Verf.  mit  Kollargol- 
atropinsalbe  sehr  gute  Erfolge  erzielte.  Die  so  vielfach  kritiklos  angewandte 
Iontophorese  zur  Aufhellung  von  Hornhautnarben  ist  ganz  nutzlos  (19  Falle 
bis  30  mal  behandelt).  L.  Jacob-  Bremen. 


Auswärtige  Briefe. 

Danziger  Brief. 

(Eigener  Bericht.) 

Generalstreik  der  Arbeiter  und  Angestellten.  Vertragloser  Zustand 
zwischen  Aerzten  und  Krankenkassen.  ,  .,  . 

Die  Berufsvereinigung  der  Aerzte  unseres  Freistaates  hat  gestern  Abend 
nach  langen  Verhandlungen  einstimmig  beschlossen,  den  Krankenkassen  die 
„Kreditgewährung“  zu  verweigern,  d.  h.  Mitglieder  der  Kassen  nur  noch 
gegen  Barzahlung,  zu  den  Mindestsätzen  der  Gebührenordnung,  zu  behandeln. 
Zahnärzte  und  Apotheker  haben  sich  diesem  Vorgehen  angeschlossen,  eine 
Arbeitsgemeinschaft  der  drei  Berufsstände  ist  geschaffen. 

Seit  Monaten  war  es  jedem  klar,  dass  die  Dinge  dem  „vertragslosen 
Zustande“  notwendig  zutrieben.  Völlig  unzureichende  und  zu  spate  Be¬ 
zahlung  der  Honorare  bedrohte  von  Tag  zu  Tag  immer  druckender  den 
Haushalt  des  Arztes.  Bei  der  Aussprache  sagte  z.  B.  ein  Kollege,  der 
hauptsächlich  Kassenpraxis  ausübt,  er  habe  kürzlich  von  den  Kassen  für  seine 
ärztlichen  Leistungen  während  eines  ganzen  Monats  (Juni)  2  Mdhonen  Mark 
erhalten  und  am  gleichen  Tage  für  das  Besohlen  seiner  Schuhe  3  Millionen 
Mark  zahlen  müssen.  Versprechungen  betreffs  Vorschuss-  und  Konto¬ 
zahlungen  haben  die  Kassen  nicht  eingehalten.  „Wir  haben  kein  Geld  , 
wurde  den  Unterhändlern  achselzuckend  geantwortet.  Sollten  die  Aerzte 
nicht  buchstäblich  verhungern,  so  konnte  der  Versuch,  aus  _ “51? 

herauszukommen,  nicht  länger  verschoben  werden.  Die  Forderungen  de 
Aerzte,  die  dem  Senat  unterbreitet  sind,  laufen  im  wesentlichen _  auf  drei 
Punkte  hinaus:.  1.  Sofortige  Bezahlung  der  von  den  Kassen  geschuldeten 
Honorare.  2.  Umgehende  Aufstellung  einer  neuen  Gebührenordnung  auf  de 
Grundlage  wertbeständiger  Honorare.  3.  Tätige  Mitwirkung  der  Aerzte  in 

der  sozialen  Gesetzgebung.  . _ .• 

Gerade  auch  die  Forderung  der  wertbeständigen  Honorare  hofft  d 
Aerzteschaft  durchsetzen  zu  können.  Haben  doch  eben  erst  Arbeiter  un 
Angestellte  nach  zweitägigem  Generalstreik  (1Ü.  und  11.  VIII.)  die  i 
löhnung  und  zwar  den  halben  Friedenslohn,  zugobilligt  erhalten.  Wird 
der  Arzt  wieder  anständig  bezahlt,  sagen  wir  mit  halbem  Friedenswert,  nun 
so  ist  Frau  Sorge  einstweilen  aus  unseren  Hausern  verscheucht. 

Ich  kann  diese  fröhliche  Zuversicht  nicht  ganz  teilen  Wie  m  No¬ 
vember  1918  ein  politischer  Irrsinn  weite  Kreise  unseres  Volkes  übern J. 
wie  damals,  seien  wir  aufrichtig,  auch  viele  von  uns  im  Ernst  Raubten, .  die 
Vernichtung  unseres  Heeres  sei  eine  gute  Tat  für  uns  und  die  Welt,  unse 
Sclbstentmannung  bedeute  den  Anbruch  einer  neuen  Zeit  allgemeiner  Brude  - 


1164 


MÜNCHENER.  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  3( 


liebe,  so  umnebeln  jetzt  auf  wirtschaftlichem  Gebiet  Vorstellungen  selt¬ 
samster  Art  die  Köpfe.  Auf  politischem  Gebiet  ist  die  Ernüchterung  längst 
erfolgt.  Auch  der  Einfältigste  glaubt  nicht  mehr  an  „Freiheit,  Frieden, 
Brot“.  die  uns  doch  der  „Sieg  des  Volkes  auf  der  ganzen  Linie“  bringen 
sollte.  Kein  Vernünftiger  glaubt  mehr  an  den  Völkerbund  und  an  den  ewigen 
Frieden.  Aui  wirtschaftlichem  Gebiet  steht  das  Aufwachen  unmittelbar  bevor. 
Der  Zusammenbruch  der  Papiermark,  in  Deutschland  die  kommende  Fmanz- 
aufsicht  mit  dem  Sklavenvogt  an  der  Spitze,  werden  für  die  Aufklärung 
sorgen,  mehr  als  uns  lieb  ist. 

Es  genügt  leider  nicht,  wie  unsere  Volksbeglücker  es  seit  fast  5  Jahren 
tun,  alle  Nöte  auf  dem  Papier  wunderschön  zu  beseitigen.  Um  bei  einem 
Gleichnis  zu  bleiben:  Vor  dem.  Kriege  hatte  Mutter  Deutschland  Brot  genug 
für  ihre  Kinder.  Gewiss,  es  erwischte  der  Stärkere  oder  Klügere  auch 
einmal  ein  besonders  grosses  Stück,  der  Schwächere  und  Unbegabtere  ein 
kleineres,  aber  satt  wurden  sic  doch  alle.  Das  ist  jetzt  ganz  anders:  Das 
Brot  ist  zu  klein  geworden  im  Vergleich  zur  Zahl  der  Esser.  Von  mancher 
Seite  wird  uns  freilich  gesagt,  Brot  sei  genug  vorhanden,  es  käme  nur  auf 
eine  gerechte  Verteilung  an.  Zuzugeben  ist  nur,  dass  es  in  der  neuen 
deutschen  Republik  —  von  unserem  Freistaat  ganz  zu  schweigen  — 
Schiebern  und  Wucherern  so  gut  geht  wie  niemals  unter  dem  verruchten 
alten  System.  Aber  ausschlaggebend  ist  das  letzten  Endes  auch  nicht.  Es 
gibt  nur  zwei  Wege,  das  Missverhältnis  zu  beseitigen:  Vermehrung  des 
Brotes  oder  Verringerung  der  Esser.  Von  der  ersten  Möglichkeit  sind  wir 
leider  weit  entfernt.  Ein  besiegtes,  verstümmeltes  und  ausgepresstes  Volk 
führt  den  Achtstundenarbeitstag  ein,  das  ginge  schliesslich  noch,  es  arbeitet  in 
den  acht  Stunden  aber  nicht  annähernd  so  wie  früher.  Dafür  wird  geredet 
und  wieder  geredet.  Als  ich  im  Frühling  einige  Tage  in  München  weilte, 
las  ich  in  einer  Zeitung  eine  ausgezeichnete  Uebersctzung  für  das  Fremd¬ 
wort  „Parlamente“;  „Redebedürfnisanstalten“  wurden  sie  genannt.  Wenn 
Reden,  Aussprachen,  Vereine,  Ausschüsse,  Versammlungen,  neue  Aemter, 
flammende  Proteste,  Streiks  usw.  auch  nur  das  Geringste  helfen  könnten, 
wären  wir  längst  über  den  Berg;  denn  davon  haben  wir  mehr  als  genug. 
Nebenbei,  eine  der  schlimmsten  Lügen  der  Revolution  war  die  Versicherung, 
man  werde  uns  zu  freien  Bürgern  machen,  von  Burcaukratie  und  Beamtentum 
befreien.  Und  jetzt  ersticken  wir  in  Papier  und  Tinte,  das  Beamtenheer 
verschlingt  restlos  die  Einnahmen  des  Staates,  die  Bureaukratie  ist  nie 
so  obenauf  gewesen  wie  jetzt.  Der  Bogen  z.  B.  für  unsere  letzte  Steuer¬ 
erklärung  war  geradezu  ein  Wunderwerk  der  Feder;  unter  den  zahllosen 
Fragen  und  Unterfragen  fehlte  auch  nicht  die,  wieviel  Briefmarken  ich  am 
31.  XII.  22,  drei  Monate  vor  der  Steuererklärung,  besessen.  Nach  den 
furchtbaren  Katastrophen,  wie  sie  in  Gestalt  des  dreissigjährigen  oder  des 
siebenjährigen  Krieges  oder  der  napoleonischen  Kriege  unser  Land  heim¬ 
suchten,  wurde  schwer  gearbeitet,  Heide  urbar  gemacht,  Kanäle  gezogen, 
Sümpfe  getrocknet,  kurz  Brot  geschaffen.  Wenn  ich  heute  durch  das  Land 
wandere,  den  Bauer  am  Pfluge,  den  Schmied  am  Amboss,  den  Müller  am 
Mühlstein  sehe,  das  leuchtet  mir  ein;  hier  werden  Brot  und  Werte  erzeugt. 
Wie  aber  das  zu  knappe  Brot  durch  Reden  und  straff  organisiertes  Nichtstun 
grösser  werden  soll,  will  mir  nicht  in  den  Kopf. 

Was  ich  soeben  von  unserem  Volke  sagte,  gilt  leider  auch  von  den 
Acrzten.  Es  genügt  nicht,  einfach  zu  bestimmen,  wieviel  Brot  jeder  erhalten 
soll.  Erste  Bedingung  bleibt,  dass  das  Brot  vorhanden  ist.  Arbeiter 
und  Angestellte  haben  die  Goldlöhne  durchgesetzt.  Gut,  aber  was  folgt? 
Unmöglichkeit,  die  Betriebe  aufrecht  zu  halten,  zum  mindesten  ausge¬ 
dehnte  Entlassungen  (in  manchen  Betrieben  bis  zu  zwei  Dritteln  der  Arbeiter), 
Aufwärtsschnellen  der  Preise  für  die  ganze  Lebenshaltung.  Genau  das 
Gleiche  werden  auch  wir  Aerzte  erfahren.  Wir  müssen  uns  darüber  klar 
sein,  dass  die  Nachfrage  nach  ärztlicher  Tätigkeit  in  einem  verarmten  Volk 
notwendig  viel  geringer  ist  als  in  einem  reichen.  Kommt  noch,  wie  bei 
uns  ein  täglich  steigendes  Angebot  hinzu,  so  ist  das  Elend  unabwendbar. 
Umstellung  in  andere  Berufe  oder  Auswanderung  werden  notwendig. 

Das  Gefühl,  viel  schlechter  kann  es  nicht  werden,  macht  die  Aerzte- 
schaft  für  die  bevorstehenden  Kämpfe  zuversichtlich.  Kommt  hinzu,  dass 
die  Arbeit  bei  den  Kassen,  abgesehen  von  der  schlechten  Bezahlung,  vielen 
Aerzten  auch  keine  innere  Befriedigung  gibt.  Soeben,  am  Abend  des  ersten 
Tages  der  Kreditverweigerung,  traf  ich  einen  befreundeten,  vielbeschäftigten 
Kassenarzt.  Der  Kollege  strahlt  und  ist  glücklich.  Er  hat  etwas  weniger 
zu  tun,  aber  ein  grosser  Teil  seiner  früheren  Kassenkranken  ist  ihm  treu 
geblieben.  Die  ausreichende  und  sofortige  Bezahlung  erleichtert  die  Sorge 
um  die  Familie.  Aber,  was  die  Hauptsache  ist,  er  fühlt  sich  wieder  in 
seiner  Eigenschaft  als  helfender  Arzt;  zwischen  Mensch  und  Mensch  ist 
die  Wand  —  die  bureaukratische  Kassenverwaltung  mit  all  ihrem  Schreib¬ 
kram  —  gefallen.  Nie  wieder  Friede!  sagt  der  Kollege.  E.  L. 


Vereins-  und  Kongressberichte. 

Gesellschaft  für  Natur-  u.  Heikunde  in  Dresden. 

(Vereinsamtliche  Niederschrift.) 

Sitzung  vom  26.  März  1923. 

Vorsitzender:  Herr  Mann. 

Schriftführer:  Herr  Grunert  und  Herr  Wemmers. 

Tagesordnung. 

Herr  Galewsky:  Die  Behandlung  der  Geschlechtskrankheiten  durch 
Laienbehandler. 

Der  Vortragende  gibt  einen  kurzen  Ueberblick  über  die  Frage  der 
Behandlung  der  Geschlechtskrankheiten  durch  Laienbehandler  und  berichtet 
dann  über  die  durch  den  jetzt  vorliegenden  Gesetzentwurf  neu  geschaffene 
Lage. 

Aussprache:  Herren  Rostoski,  Fr.  Meier,  Galewsky, 
Wachtel,  Panse. 

Herr  Galewsky:  Ueber  die  Wismutbehandlung  der  Syphilis. 

Nach  einer  kurzen  historischen  Einleitung  über  die  bisherigen  Wismut¬ 
präparate  und  deren  Anwendung,  gibt  der  Vortr.  einen  Ueberblick  über  die 
Entwicklung  der  Wismuttherapic  in  Frankreich  und  in  Deutschland.  Er  hat 
bisher  40  Fälle  von  Syphilis  mit  Wismut  (Bismogenol,  Milanol  und  Nadisan) 
behandelt  und  glaubt,  soweit  man  aus  der  geringen  Anzahl  der  Fälle  und 
der  kurzen  Behandlungsdauer  schliessen  kann,  das  Wismut  empfehlen  zu 
können  als  ein  zwischen  Hg  und  Salvarsan  stehendes  Mittel,  das  insbe¬ 


sondere  angezeigt  ist  zur  Nebenbehandlung  mit  Salvarsan,  dessen  schnell  I 
Wirkung  es  nicht  erreicht,  zur  Behandlung  der  Spät-  und  Liquorlues  m 
Jod,  und  zu  der  der  Arsen-  und  Hg-resistenten  Fälle,  in  denen  Hg  ode  ' 
Salvarsan  nicht  mehr  wirken,  ganz  besonders  aber  bei  denjenigen  Krankei  I 
die  diese  Medikamente  nicht  vertragen.  —  Ausser  den  gewöhnlichen  leid  i 
teren  Nebenwirkungen  hat  G.  bisher  einmal  Ikterus  bei  der  kombinierte  i 
Anwendung  von  Salvarsan  +  Wismut  gesehen. 

Aussprache:  Herr  Schulze  berichtet  über  die  Rekurrtnsbcham:  : 

lung  der  Paralyse  in  der  Heilanstalt  Arnsdorf.  Zu  einer  endgültige  j 

Beurteilung  genügt  das  Material  noch  nicht. 

>  Herr  Wachtel. 

Herr  Faust:  Nach  den  Ausführungen  des  Herrn  Galewsky  ist  di I 
therapeutische  Wirkung  der  Wismutsalze  auf  die  Syphilis  mit  der  del 
Quecksilbers  zu  parallelisieren.  Theoretisch  lag  es  näher  mehr  eine  arsenll 
ähnliche  Wirkung  zu  erwarten.  Gehört  doch  auch  im  Lothar  Meyer  1 

A  s  s  a  n  a  s  j  e  w  sehen  periodischen  System  das  Bi  zur  As-  bzw.  N-Gruppt  I 
genau  so  wie  das  auch  bei  Syphilis  neuerlich  verwendete  Antimon.  All  [1 
drei  bilden  besonders  unbeständige  säureähnliche  Oxyde. 

Herr  Hans  Haenel:  Die  von  H.  Schultz  erwähnten  Fälle  voi  I 

Paralyse,  die  durch  eine  Fieberbehandlung  mit  Rekurrens  günstig  beeinilussjl 
waren,  sind  noch  dadurch  besonders  beachtlich,  als  bei  einigen  von  ihneiH 
nicht  nur  die  geistigen  Leistungen  sich  weitgehend  besserten,  sondern  auclH 
die  erloschene  Pupillenreaktion  sich  wieder  einstellte.  Da  der  Argylljl 
Robertson  im  allgemeinen  doch  als  irreparbles  Lucssymptom  gilt,  ist  eiill 
solcher  Erfolg  umso  bemerkenswerter,  als  ausser  der  einmaligen  RekurrensB 
impfung  keinerlei  antiysphiliticshe  Behandlung  in  dieser  Zeit  vorgenommei  I 
wurde. 

Herr  Galewsky:  Schlusswort. 


Medizinische  Gesellschaft  zu  Jena. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  11.  Juli  1923. 

Vor  der  Tagesordnung:  Herr  Ulrich:  Demonstration:  Kalkgicht. 

Tagesordnung: 

Herr  Ulrich:  Besprechung  eines  Falles  von  Bronchitis  fibrlnosa  slx 
plastica,  mit  Demonstration  der  Gerinnsel  zweier  Röntgenplatten. 

Bemerkenswert  war  entgegen  der  Einteilung  von  Fr.  Müller,  dasfij 
sich,  nachdem  anfangs  Mangel  bzw.  Schwund  der  Eosinophilen  im  Blute  be¬ 
standen  hatte,  allmählich  eine.  Eosinophilie  von  8  Proz.  herausbildete,  so  dasi) 
der  Fall,  sonst  unter  dem  Bilde  der  akuten  Form  verlaufend,  eine  Mittel-: 
Stellung  zwischen  der  akuten  und  der  chronischen  Form  einnimmt,  bzw.  an 
einen  Uebergang  von  der  akuten  Form  zu  der  nach  Müller  wesens-l ! 
verschiedenen  chronischen  Form  denken  lässt.  Im  Sputum  fanden  sied] 
während  der  Beobachtungszeit  keine  deutliche  Eosinophilie,  keine  Cursch- 
m  a  n  n  sehen  Spiralen  oder  Charcot-Leydensche  Kristalle.  Während 
von  Fr.  Müller  und  anderen  das  Leiden  nicht  als  Infektionskrankheit  an¬ 
gesehen  wird,  kommt  in  diesem  Falle  Streptococcus  pleomorphus 
Wiesener  ernsthaft  als  Erreger  in  Betracht. 

Herr  Grober:  Zur  pharmakologischen  Prüfung  des  vegetativen  Nerven¬ 
systems. 

Vortr.  berichtet  über  Untersuchungen,  die  er  gemeinsam  mit  seinen  Mit-* 
arbeite™  Rausche  und  Hornig,  sowie  über  solche,  die  der  letztere  unten] 
seiner  Leitung  angestellt  hat.  Zur  Ausschaltung  des  individuellen  Resorptions¬ 
fehlers  Vergleich  der  Reaktionen  nach  subkutaner  und  intravenöser  Injektion! 
der  Pharmaka  (Prüfung  der  Dosis)  und  Feststellung  der  Gleichmässigkeitj 
letzterer.  Auf  Grund  dessen  Durchprüfung  einer  grossen  Zahl  erwachsener» 
Männer  verschiedensten  Gesundheitszustandes  mit  intravenösen  Injektionen 
von  Adrenalin  (0,05  mg),  Atropin  (0,5  mg)  und  Pilokarpin  (5,0  mg)  bei  gleich-) , 
zeitiger  Kontrolle  des  gesamten  und  des  vegetativen  Nervensystems  mittelst» 
mechanischer  Reize.  Ergebnis:  Gegenüberstellung  von  Vagotonle  und 
Sympathikotonie  lässt  sich  nicht  aufrechterhalten.  Feststellbar  lediglich  eine  j 
allgemeine  Labilität  des  vegetativen  Nervensystems,  in  einzelnen  Fällen  mit  ] 
besonderer  Betonung  der  Vagus-,  in  anderen  der  Sympathikuserregbarkeit, 1 
meist  aber  beider.  (Ausführliche  Veröffentlichung  folgt.) 

Herr  Gutzeit:  Ueber  die  Verteilung  der  Albumine  und  Globuline  im 
tierischen  Organismus. 

Die  bisherigen  mannigfachen  Methoden  zur  Bestimmung  der  Albumine  i 
und  Globuline  geben  Werte,  die  nicht  miteinander  vergleichbar  sind.  So  - 
erklären  sich  auch  die  differierenden  Resultate  des  Albumin-Globulin- 
Mischungsverhältnisses  der  Körperflüssigkeiten  unter  physiologischen  und' 
pathologischen  Verhältnissen.  Die  Bestimmung  der  Eiweisskörper  durch 
Salztrennung  and  die  Analyse  des  Stickstoffs  mittels  des  Mikrokieldahl-; 
Verfahrens  erweist  sich  als  zuverlässig.  In  6  Tierversuchen  (Kaninchen): 
konnte  bei  Durchspülungen  bis  zur  Blutleere  festgestellt  werden,  dass  die 
Gewebsflüssigkeit  bedeutend  globulinreicher  ist  als  das  Serum  der  betreffenden 
Tiere.  Alter  und  Geschlecht  sowie  Fütterungszustand  der  Tiere  ist  hierbei 
ohne  Belang.  Eine  Albuminvermehrung  im  Serum  bei  Flüssigkeits¬ 
verschiebungen  zwischen  Gewebe  und  Blut  ist  somit  ausgeschlossen.  (Er¬ 
scheint  ausführlich  an  anderer  Stelle.) 

Herr  Brinkmann:  Experimentelle  Untersuchungen  zur  bakteriziden 
Wirksamkeit  iormaldehydabspaltender  Präparate. 

Unter  Vorlegung  zahlreicher  Tabellen  und  Kurven  wird  über  Unter¬ 
suchungen  berichtet,  die  vorzugsweise  mit  den  sulfosalizylsauren  Abkömm-: 
hngen  des  Urotropins,  dem  Hexal  und  Neohexal,  ausgeführt  wurden.  Die1 
Untersuchungsmethode  bestand  im  Abtötungsversuch  unter  gleichzeitiger  An¬ 
wendung  der  Suspensions-  und  Endmethode.  0,1  proz.  Hexal  und  Neohexal 
wirken  schon  nicht  mehr  sicher  bakterizid  gegenüber  Bakterienaufschwem¬ 
mungen  in  physiologischem  NaCl.  Noch  geringer  ist  die  bakterizide  Wirkung 
gegenüber  Bakterienaufschwemmungen  in  eiweisshaltigen  Nährmedien, 
namentlich  in  Blut,  weil  Hexal  und  Neohexal  in  diesen  unter  Bindung  der 
beiden  wirksamen  Agenzien,  der  Sulfosalizylsäure  und  des  Formaldehyds,  im 
Eiweisskörper  einen  fein-  bis  grobflockigen,  z.  T.  nach  24  Stunden  fest 
zusammenbackenden  Niederschlag  geben.  Und  zwar  bilden  sich  erst  Sulfo- 
salizylsäure-Liweissverbindungen,  die  dann  für  die  allmählich  ausreichende 
rormaldehydwirkung  die  „Gerbungskeime“  im  Reiner  sehen  Sinne  ab- 
|.n‘  ^‘ne  sPe.z>fische  Wirkung  gegen  eine  der  geprüften  Bakterienarten 
(Kon.  Typhus,  Shiga-Kruse,  Staphyloc.  aur„  Streptoc.  haemol.,  Pneumokokken. 


7.  September  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1 165 


Diploc.  NViesner,  Diphtherie)  Hess  sich  nicht  feststellen.  Träger  der  bakteri¬ 
ziden  Wirkung  ist  der  Formaldehyd.  Seine  Abspaltung  aus  dein  Hexa¬ 
methylentetramin  erfolgt  unter  besonderem  Einfluss  der  Sulfosalizylsäure. 
Diesen  Vorgang  der  Formaldehydabspaltung  unter  Säureeinfluss  haben  Hexal 
und  Neohexal  mit  verschiedenen  anderen  Urotropinabkömmlingen  gemeinsam. 
Diese  lassen  sich  nach  dem  Orad  ihres  Einflusses  auf  die  Wasserstoffionen¬ 
konzentration  der  Lösungsmittel  rangieren.  Am  stärksten  in  diesem  Sinne 
wirken  Hexal  und  Neohexal.  Zwischen  ihnen  steht  das  Helmitol.  Dem  Orad 
der  Forlaldehydentwickelung  entspricht  auch  die  bakterizide  Kraft  der  ein¬ 
zelnen  Mittel.  Auch  hierin  sind  Hexal  und  Neohexal  den  anderen  Präparaten 
im  allgemeinen  überlegen.  Die  bakterizide  Wirkung  kommt  freilich  erst  nach 
Stunden  zur  vollen  Entfaltung.  Der  Uebertritt  des  Formaldehyds  in  den  Harn 
nach  stomachaler  Darreichung  äussert  sich  in  einer  weitgehenden  Hemmung 
des  Baktcrienwachstums.  Und  zwar  hält  diese  entwickelungshemmende 
Wirkung  bei  einer  Gabe  von  je  1  g  Hexal  und  Neohexal  für  6 — 10  Stunden 
vor.  Formaldehyd  lässt  sich  nach  einer  solchen  Gabe  erstmalig  nach 
30  Minuten  nachweisen,  zu  einer  Zeit,  wo  sich  an  der  Hand  der  PH-Werte 
ein«  deutliche  Aziditätszunahme  feststellen  lässt.  Es  findet  schon  im  Magen 
eine  weitgehende  Formaldehydabspaltung  statt,  wie  sich  an  der  Hand  von 
Probefrühstücken  nachweisen  lässt,  die  je  1  g  Urotropin  oder  Neohexal  ent¬ 
halten.  Nach  stomachaler,  namentlich  aber  auch  nach  intravenöser  Dar¬ 
reichung  erhält  das  Blut  deutliche  entwicklungshemmende  Eigenschaft.  Die 
Sulfosaiizylsäurekomponente  des  Hexals  und  Neohexals  hemmt  die  Diphtheric- 
toxinbildung.  Daher  auch  experimentelle  Diphtheriewundinfektion  des  Meer¬ 
schweinchens  durch  genügend  hohe  Hexal-  oder  Neohexaldoscn  geheilt, 
während  die  Pneumokokkenwundinfektion  der  weissen  Maus  unbeeinflusst 
bleibt. 


Münchener  Gesellschaft  für  Kinderheilkunde. 

•  (Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  22.  Februar  1923. 

Herr  Lange  spricht  über  die  Haltungsfehler  der  Kinder. 

Die  auf  intrauteriner  Schädigung  beruhenden  Skoliosen  und  Kyphosen, 
erstere  auf  Bildungsfehlern,  letztere  auf  Fruchtwassermangel  beruhend,  sind 
selten;  sie  neigen  zur  Versteifung  und  sind  schwer  zu  beeinflussen. 

Günstig  ist  die  Prognose  des  auf  Fruchtwassermangel  beruhenden  Schief¬ 
halses;  Behandlung;  Liegeschale  in  Ueberkorrektur. 

Die  Haltungsfehler  im  Säuglingsalter  sind  auf  Rachitis  zu  beziehen. 
Kyphosen  entstehen  durch  frühzeitiges  Sitzen  bei  abnormer  Knochenweichheit ; 
Versteifung  ist  häufig.  Bei  lockeren  Kyphosen  genügt  zur  Behandlung  Bauch¬ 
lage,  bei  versteifenden  ist  Liegeschale  erforderlich. 

Skoliosen  sind  die  Folge  statischer  Deformierung  (Tragen  auf  einem  Arm) 
bei  rachitischen  Kindern.  In  Japan,  in  dessen  nördlichem  Teil  die  Rachitis 
häufig  sein  soll,  fehlt  diese  Skoliose,  weil  die  Kinder  auf  dem  Rücken  ge¬ 
tragen  werden.  Die  Skoliosen  sind  sehr  ernst  zu  nehmen,  weil  fortschreitende 
Verschlimmerung  eintritt.  Behandlung:  Liegeschale  in  Ueberkorrektur.  Fast 
alle  schweren  Skoliosen  sind  auf  solche  Säuglingsskoliosen  zurückzuführen. 

In  der  Vorschulzeit  entstehen  selten  schwerere  Haltungsanomalien.  Der 
häufigste  Fehler  ist  die  unsichere  Haltung.  Während  bei  echten  Skoliosen 
meist  schon  im  Beginn  leichte  Unterschiede  in  der  Dornfortsatzlinie  bei 
Rechts-  und  Linksbeugen  vorhanden  sind,  fehlen  diese  hier. 

Von  den  Haltungsanomalien  des  Schulalters  ist  die  häufigste  der  runde 
Rücken  (hohlrunder  Rücken,  Totalkyphose,  letztere  im  Zusammenhang  mit 
Rachitis).  Er  entsteht  auf  dem  Boden  von  Muskelschwäche  und  Muskel¬ 
faulheit.  Die  Wirbelsäule  wird  lediglich  durch  Bänderspannung  fixiert, 
während  die  Schultern  nach  vorn  sinken.  Später  Versteifung  und  Verkürzung 
des  M.  pectoralis.  Ziel  der  Behandlung  (die  dankbar  ist,  wenn  Sie  vor 
völliger  Versteifung  einsetzt)  ist  die  Dehnung  der  verkürzten  Weichteile  und 
die  Lockerung  der  Versteifung  durch  S  a  y  r  e  sehe  Schwebe  und  Gewichts¬ 
züge  sowie  Verstärkung  des  M.  erector  trunci  und  der  Schulterrückwärts- 
strecker  durch  aktive  Uebungen;  Haltung  beim  Schreiben  ist  zu  kontrollieren 
und  durch  geeignete  Vorrichtungen  zu  bessern;  Geradehalter  sollten  nur 
6 — 8  Stunden  täglich  getragen  werden;  orthopädisches  Schulturnen! 

Die  meisten  schweren  Skoliosen  entstehen  im  Säuglingsalter,  leichtere 
auch  später;  ein  Teil  von  diesen  ist  auf  Rachitis  zu  beziehen,  die  sich  im 
Vorhandensein  eines  Rosenkranzes  manifestiert.  Die  Orthopäden  sprechen 
dann  von  Rachitis  tarda.  Fehlt  der  Rosenkranz,  so  scheint  die  Skoliose  mit 
Blutarmut,  Chlorose,  lymphatischem  Habitus  in  Beziehung  zu  stehen,  —  Zu¬ 
stände,  die  die  Knochen  ebenfalls  erweichen  können.  Auch  Gewohnheits¬ 
haltungen  (Bettlage,  Violinspiel,  Schultasche,  Schreibhaltung)  führen  zu 
Skoliosen.  Da  völlig  versteifte  Skoliosen  nur  schwer  zu  beeinflussen  sind, 
muss  die  Behandlung  rechtzeitig  einsetzen.  Die  Diagnose  der  Form  der  Ver¬ 
biegung  und  der  Gegenbiegung  ist  nicht  einfach  (zu  beachten:  seitliche  Kon¬ 
traktur,  Dornfortsatzlinie,  Schulterstand,  Torsion,  Beckenstellung,  Ver¬ 
steifung).  Bei  Skoliosen  mit  beginnender  Versteifung  besteht  die  Therapie  in 
passiver  und  aktiver  Ueberkorrektur.  Wenn  Gegenbiegungen  da  sind,  dürfen 
sie  an  der  Ueberkorrektur  nicht  teilnehmen.  Gipsbehandlung  führt  zu 
schnelleren,  überraschenden,  aber  vorübergehenden  Besserungen.  Unterstützt 
wird  die  Behandlung  durch  passive  und  aktive  Gymnastik,  Liegeschalen  und 
Korsetts,  doch  dürfen  die  beiden  letzten  Methoden  nicht  allein  angewandt 
werden.  Niemals  durch  den  Bandagisten  allein  einen  Apparat  anpassen 
lassen,  sondern  stets  durch  den  Facharzt!  Nie  Skoliosen  bei  Laienturnlehrern 
turnen  lassen! 

Aussprache:  Herren  Schneider  und  G  ö  1 1. 

Sitzung  vom  22.  März  1923. 

Demonstrationen  aus  der  Kinderabteilung  des  Krankenhauses  Miinchen- 

Schwabing. 

Herr  Cailloud  (a.  G.):  Vorstellung  zweier  Fälle  von  chronischer 
primärer  Polyarthritis  im  Kindesalter,  deren  einer  (Knabe  von  4  Jahren)  neben 
beidseitiger  multipler  Gelenkschwellung  mit  Beteiligung  der  Halswirbelsäule, 
hochgradige  Muskelatrophie,  Knochenatrophie,  stellenweise  Periostverknöche¬ 
rung  und  Zurückbleiben  des  Längenwachstums  aufweist.  Im  zweiten  Fall 
(Mädchen  von  12  Jahren),  schon  seit  dem  2.  Lebensjahr  erkrankt,  sind  an 
verschiedenen  Gelenken  sämtliche  Grade  der  Erkrankung  (Ausheilung,  noch 
aktive  Entzündung,  knöcherne  Verwachsung)  beobachtet  worden.  Beiden 
Fällen  gemeinsam  sind  Schwellung  der  regionären  Lymphdrüsen  und  Fieber¬ 
attacken,  deren  völlige  Unabhängigkeit  von  dem  Grad  der  entzündlichen  Er¬ 
scheinungen  betont  wird.  Weitere  Begleiterscheinungen  des  ersten  Falles 


sind  hochgradige  sekundäre  Anämie,  des  zweiten  Exantheme  flüchtiger  Art; 
Endo-  und  Perikarderkrankungen  fehlen  ebenso  wie  eine  Vergrösserung  der 
Milz.  Differentialdiagnostisch  wird  ausgeschlossen  akuter  und  chronischer 
sekundärer  Gelenkrheumatismus,  Hydrops  tubcrculosus  bzw.  Rheumatismus 
tuberculosus  (Poncet)  und  Still  sehe  Krankheit.  Aetiologisch  kommt 
vielleicht  in  Betracht  das  endokrine  System  (auffallend  starke  Gesichts¬ 
behaarung  und  Pigmentierung  im  ersten,  Exophthalmus  und  starke  Mikro¬ 
genie  und  Struma  im  zweiten  Fall),  ferner  familiäre  Veranlagung  und  kon¬ 
stitutionelle  Krankheitsbereitschaft.  Die  Prognose  ist  nicht  absolut  ungünstig. 
Therapeutisch  waren  Salizylate  unwirksam,  Wärme  und  passive  Bewegungen 
zeigten  nicht  ungünstige  Wirkung. 

Aussprache:  Herren  v.  Pfaundler,  Benjamin,  Keins. 

Herr  Stuben  rauch  berichtet  über  einen  ernährungsgestörten  Säug¬ 
ling,  der  in  der  Reparation  einen  perinephritlschen  Abszess  mit  Durchbruch 
ins  Nierenbecken  durchmachte;  Heilung. 

Herr  Gött  demonstriert: 

a)  einen  bald  2  jährigen  Knaben  mit  einer  indolenten  Hautaffektion:  über 
die  ganze  Körperoberflächc  verstreute,  namentlich  im  Gesicht  sitzende, 
gelblich-bräunliche,  oberflächliche,  flach  erhabene  bis  knötchenförmige,  an 
ihrer  Oberfläche  manchmal  feinst  gerunzelte  Einzeleffloreszenzen  von  Hanf¬ 
korn-  bis  Linsengrösse.  Dermatologische  Diagnose:  Haeniangioendothelioma 
cutis  tuberosum  multiplex. 

b)  das  Bild  einer  von  einem  kongenitalluetischen  Säugling  stammenden, 
offenbar  durch  diffuse  Infiltration  der  Schleimhaut  hervorgerufenen,  an  eine 
gepflasterte  Strasse  erinnernden  Lingua  dissecata. 

c)  Uebersichtskurven  vom  Krankheitsverlauf  zweier  Säuglinge  mit 
Rumination,  die  durch  Breikost  und  Ablenkung  nach  der  Mahlzeit  in  wenigen 
Wochen  geheilt  wurden.  Versuche  ergaben,  dass  Geschmacksstörungen  bei 
diesen  beiden  Kindern  nicht  Vorlagen;  der  Lustgewinn  beim  Ruminieren  schien 
also  nicht  auf  gustatorischem  Gebiet  zu  liegen. 

Beifütterung  von  Chininum  tannicum  zur  Breimahlzeit  hatte  beim  einen 
Säugling  keinen,  beim  anderen  einen  zweifellos  hemmenden  Einfluss  auf  die 
Rumination,  was  gelegentlich  vielleicht  der  Therapie  nutzbar  gemacht  werden 
kann. 

d)  einen  Fall  von  chronischer  Nephritis  bei  einem  12  jährigen  Knaben,  bei 
dem  Herzhypertrophie,  erhebliche  Hypertonie  und  Einschränkung  des 
Konzentrationsvermögens  der  Niere  den  Liebergang  in  Schrumpfniere  wahr¬ 
scheinlich  machen. 

e)  die  Fieberkurve  eines  luetischen  Säuglings,  bei  dem  infolge  schwerer, 

zu  wochenlangem  Sopor  führender  Enzephalomeningitis  und  hämorrhagischer 
Pachymenlngitls  völlige  Anarchie  der  Temperatur  mit  Schwankungen  zwischen 
31  und  41  0  bestand.  > 


Kleine  Mitteilungen. 

Sport  und  Arzt. 

In  der  Preussischen  Hochschule  für  Leibesübungen 
(Landesturnanstalt)  in  Spandau  wurde  in  der  letzten  Juni-  und  ersten  Juli¬ 
woche  vom  Ministerium  für  Volkswohlfahrt  ein  ärztlicher  Fortbildungskurs 
auf  dem  Gebiete  der  Leibesübungen  veranstaltet.  Zu  dem  Kurse,  dessen 
Leitung  in  der  Hand  des  Herrn  Medizinalrat  Prof.  Dr.  Müller  lag,  hatte 
sich  eine  beträchtliche  Zahl  von  Aerzten,  insbesondere  Kreis-,  Kommunal-, 
Schul-  und  Polizeiärzte, _  eingefunden. 

Der  Stundenplan  umfasste  neben  einer  Anzahl  von  Vorlesungen  prak¬ 
tische  Uebungen  in  der  Turnhalle  und,  soweit  es  das  Wetter  irgend  erlaubte, 
auf  dem  Sportplatz,  sowie  verschiedene  Besichtigungen.  Zu  erwähnen  sind 
besonders  die  Vorlesungen  des  Herrn  Prof.  Dr.  Müller  über  Physiologie 
der  Leibesübungen,  Prof.  Dr.  B  r  u  g  s  c  h  über  Konstitution  und  Sport, 
Dr.  Schulte  über  Psychologie  des  Sports,  Geh.  Rat  H  i  s,  Ministerialrat 
Ottendorff,  Regierungsrat  M  a  1 1  w  i  t  z,  sowie  der  Vortrag  des  Herrn 
Prof.  Klapp  über  orthopädisches  Turnen  mit  Vorführung  der  Kriechmethode. 
Herr  Studienrat  Dr.  Maeder,  als  Leiter  der  praktischen  Uebungen,  war 
bemüht,  die  Teilnehmer  in  den  Uebungen  der  Leichtathletik  (Laufen,  Springen, 
Werfen  usw.)  zu  unterweisen.  Mit  grossem  Eifer  führten  die  Hörer  im  Sport¬ 
oder  Badeanzug  die  Uebungen  in  der  Halle  und  im  Freien  aus.  nachdem  es 
anfangs  wohl  so  manchem  komisch  vorkam,  dass  er  selbst  hier  auch  turnen 
sollte. 

Der  diesjährige  Kursus,  der  der  erste  seiner  Art  war.  war  in  jeder  Hin¬ 
sicht  gelungen.  Gerade  für  den  Arzt,  insbesondere  den  Sozialhygieniker,  ist 
eine  gründliche  Kenntnis  des  Wertes  des  Sports  notwendig,  einerseits  damit 
mit  seiner  Unterstützung  optimale  Leistungen  erzielt,  andrerseits  damit 
Uebertreibungen  vermieden  werden. 

Eine  halbjährige  Wiederholung  derartiger  Kurse  in  der  Preussischen 
Hochschule  für  Leibesübungen  in  Spandau  erscheint  dringend  erforderlich. 

(gez.)  Kreisarzt  Dr.  Weinberg,  Grevenbroich,  Niederrhein. 

Therapeutische  Notizen. 

Terpestiolseifenschm*erkui  bei  Tuberkulose. 

In  Nr.  32  d.  Wschr.  (S.  1073)  gibt  Dr.  Mosberg  -  Bielefeld  bei  der 
Besprechung  der  von  mir  eingeführten  Terpestrolseifenschmierkur  an,  ich 
hätte  gegen  Tuberkulose  eine  Kombination  von  10  Proz.  Terpentinöl  und 
Schmierseife  empfohlen  und  wundert  sich  gleichzeitig  über  meine 
„Verkennung  der  Wirkung  der  Schmierseife“.  Schmierseife  ist  (absichtlich) 
ungereinigte,  alkalische  (Pottasche-haltige)  Kaliseife.  Sie  wirkt  einmal  stark 
keratolytisch,  anderseits  hautreizend,  hyperämisierend.  Die  Hyperämie  geht 
bis  in  beträchtliche  Tiefe  und  vermag  krankhafte  Prozesse  an  Pleura  und 
Lungen  günstig  zu  beeinflussen.  Anders  wirkt  sicher  auch  das  von  Mos¬ 
berg  angezogene  Sudian  nicht:  mit  (dem  verharzenden,  daher  hautreizenden) 
Leinöl  hergestellte  weiche  Seife.  Bei  meiner  Terpestrolseifenschmierkur 
dient  als  Konstituens  (für  10  proz.  Terpentinöl)  gereinigte,  neutrale  Na-K- 
Seife.  Diese  vermag  —  vermöge  des  Terpentinöls  —  bei  der  Einreibung 
ebenfalls  Hyperämie  hervorzurufen  und  dadurch  mit  günstig  zu  wirken.  Das 
Wesentliche  ist  aber  das  von  der  Haut  aus  resorbierte  T  erpentin- 
ö  1.  Terpentinöl  ist  ein  altes,  bei  den  verschiedensten  Affektionen  der  Atem¬ 
wege  angewandtes,  die  Sekretion  der  erkrankten  Bronchialschleimhaut  ver¬ 
minderndes  Heilmittel.  Ausserdem  ist  das  Terpentinöl  ein  ausgesprochen  die 
Zellen  und  Gewebe  (im  günstigen  Sinne)  „reizendes“  Mittel,  dessen  An¬ 
wendung  als  „Heilmittel  mit  indirekter  Wirkung“  sich  immer  steigender 


1166 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIET. 


Beliebtheit  erfreut  (vgl.  meinen  Aufsatz  „Terpentinöl  als  Heilmittel“  in  Nr.  20 
d.  Wschr.).  Auf  der  gewebsreizenden,  granulationsfördernden  Wirkung  des 
Terpentinaöls  beruhen  ja  auch  die  überraschenden  Heilerfolge  der  äusseren 
Anwendung  von  Terpcstrolsalbe  bei  Unterschenkelgeschwür,  diabetischem 
und  Dekubitalgeschwür,  Röntgengeschwür  und  Lupus  exulcerans  (s.  Platz 
in  Nr.  16  d.  Wschr.L  Dr.  W  a  g  n  e  r  -  Essen  berichtet  neuerdings  (Seite  103 
d.  Wschr.)  über  5  Fälle  von  schwerem,  zum  Teil  jahrelang  vergeblich  be¬ 
handeltem  Lupus,  die  auf  Terpestrolsalbe  innerhalb  4  Wochen  zu  glatter 
Heilung  kamen.  Ein  solcher  Erfolg  wäre  mit  Schmierseife  oder  Sudian  wohl 
niemals  zu  erreichen!  Dass  tatsächlich  bei  meiner  Terpestrolseifenschmierkur 
das  Terpentinöl  das  Wesentliche  ist,  ergibt  sich  schlagend  daraus, 
dass  Dr.  H  i  r  s  c  h  -  Vach  seine  überraschenden  Erfolge,  bei  Tuberkulose  in 
den  ersten  60  Fällen  durch  Schmierkur  mit  Terpestrolsalbe  erzielte;  erst 
später  wurde  die  Terpestrolsalbe  zur  „Schmierkur"  durch  die  reinlichere  und 
zweckmässigere  Terpestrol  seife  ersetzt.  Prof.  Heinz-  Erlangen. 


Tagesgeschichtliche  Notizen. 

München,  den  5.  September  1923. 

—  Im  preussischen  Wohlfahrtsministerium  haben  am  25.  August  unter 
dem  Vorsitz  des  Ministers  Hirtsiefe.r  Verhandlungen  zwischen 
Kassenvertretern  und  Aerzten  über  die  künftige  Vergütung  der 
ärztlichen  Leistungen  stattgefunden.  Der  Minister  machte  folgenden  Vor¬ 
schlag;  Eriedensgrundgebühr  von  1  M.,  wodurch  zugleich  die  Berüfsunkosten 
abgegolten  sein  sollen,  und  Vervielfältigung  mit  dem  vollen  Reichs¬ 
teuerungsindex.  Dieser  Vorschlag  wurde  von  den  Aerzten  angenommen,  von 
den  Kassen  abgelehnt,  die  folgenden  Gegenvorschlag  machten:  Grundgebühr 
60  Pfg.,  dazu  ein  kleiner  Zuschlag  für  Berufsunkosten,  zusammen  Grund¬ 
gebühr  von  75  Pfg.  mal  vollen  Reichsteuerungsindex  oder  Grundgebühr  1  M. 
mal  %  Reichsteuerungsindex.  Dieses  Angebot  wurde  von  den  Aerzten  ab¬ 
gelehnt.  Die  Entscheidung  des  Ministers  steht  noch  aus. 

—  Der  Ausschuss  des  Württembergischen  Aerzte- 
verbandes  hat  durch  Beschluss  vom  26.  August  die  Berechnung 
der  ärztlichen  Privathonorare  wie  folgt  geregelt:  Das  ärzt¬ 
liche  Honorar  wird  künftig  im  allgemeinen  nach  Abschluss  der  Behandlung, 
jedenfalls  aber  spätestens  halbmonatlich  in  Rechnung  gestellt,  und  zwar  in 
Festmark.  Die  Zahlung  hat  in  Papiermark  sofort  nach  Erhalt  der  Rech¬ 
nung,  spätestens  innerhalb  7  Tagen  zu  erfolgen.  Die  Umrechnung  der  Fest¬ 
mark  in  Papiermark  geschieht  über  den  amtlichen  Berliner  Dollarbriefkurs 
des  Vortages  der  Zahlung  nach  der  Formel:  Dollarkurs  mal  Festmarkbetrag, 
geteilt  durch  4,2  und  abgerundet  auf  einen  durch  1000  teilbaren  Betrag.  Bei 
verspäteter  Zahlung  müssen  für  jeden  Tag  1  Proz.  Verzugszinsen  berechnet 
werden.  —  In  derselben  Sitzung  des  Ausschusses  wurde  ein  Antrag  H  a  i  1  e  r 
einstimmig  angenommen,  beim  Todesfall  eines  württembergischen  Arztes  von 
jedem  Kollegen  ein  Sterbegeld  in  Höhe  einer  jeweiligen  Be¬ 
ratungsgebühr  zu  erheben.  Bei  1500  württembergischen  Aerztm 
errechnet  sich  damit  zurzeit  ein  Sterbegeld  von  900  Millionen  Mark,  eine 
Summe,  die  die  Hinterbliebenen  eines  Kollegen  einigermassen  über  die  erste 
schwere  Zeit  hinwegzuhelfen  imstande  ist  und  deren  Aufbringung  den  ein¬ 
zelnen  beisteuernden  Kollegen  nicht  zu  schwer  fallen  dürfte.  (W. Korr. Bl.) 

—  Durch  Regierungserlass  wurde  bestimmt,  dass  zu  den  Sätzen  der 
Teile  II  A  und  B  sowie  III  der  Preussischen  Gebührenordnung  vom 
10.  XII.  22  über  die  Gebühren  der  Aerzte  und  Zahnärzte  in 
der  P  r  i  v  a  t  p  r  a  x  i  s,  für  Bayern  übernommen  durch  die  VO.  vom 
29.  XII.  22,  mit  Wirkung  ab  23.  VIII.  23  ein  Teuerungszuschlag  von 
599  900  v.  H.  tritt. 

—  Wie  der  Vertreter  des  Finanzministeriums  im  Hauptausschuss  des 
Reichstags  mitteilte,  soll  die  vom  Reich  für  die  Notgemeinschaft 
der  deutschen  Wissenschaft  bereitgestellte  Summe  von  4,4  auf 
900  Milliarden  erhöht  werden. 

—  Das  National  Research  Council  of  Japan  gibt  unter  dem  Titel: 
„Japanese  Journal  of  medical  Sciences“  eine  Zeitschrift 
heraus,  deren  Zweck  es  ist,  über  die  in  den  japanischen  medizinischen  Zeit¬ 
schriften  niedergelegten  Arbeiten  ausführlich  zu  referieren.  Es  sind  bisher 
3  Hefte  erschienen,  die  ein  überraschendes  Bild  von  dem  Umfang  und  der 
Reichhaltigkeit  der  japanischen  Fachliteratur  geben.  Ein  vorausgeschicktes 
Verzeichnis  führt  die  Titel  von  102  in  Japan  erscheinenden  Fachzeitschriften 
an.  Ein  grosser  Teil  von  ihnen  ist  ganz  oder  teilweise  deutsch,  wie  auch  die 
meisten  in  der  neuen  Zeitschrift  enthaltenen  Referate  in  deutscher  Sprache 
geschrieben  sind.  —  Den  grossartigen  wissenschaftlichen  Aufstieg,  den 
Japan  in  den  letzten  Jahrzehnten  genommen,  wird  die  furchtbare  Erdbeben¬ 
katastrophe,  die  das  Land  in  diesen  Tagen  heimsuchte  und  seine  reichsten 
Städte  zerstörte,  notwendigerweise  beeinträchtigen.  Wir  vergessen  in 
diesem  Augenblicke  alles,  was  Japan  uns  während  des  Krieges  angetan  und 
nehmen  erschüttert  teil  an  seinem  unermesslichen  Unglück. 

—  Zu  unserer  Notiz  über  französische  Werbetätigkeit  an  der  Uni¬ 
versität  Dorpat  wird  uns  von  einem  Kenner  der  Ostfragen  und  ehe¬ 
maligem  Dorpater  Studenten  geschrieben:  „Die  Namen  Tartu  und  Talinn 
sind  die  alten  esthnischen  Bezeichnungen  für  diese  Orte  und  wurden  von  den 
Esthen  stets  benutzt,  wenn  sie  esthnisch  sprachen.  Sie  sind  wohl  auch  älter, 
als  die  von  den  kolonisierenden  Germanen  geschaffenen  Namen  Dorpat  und 
Reval.  Im  jetzigen  esthnischen  Staate,  dessen  Landessprache  die  esthnische 
ist,  ist  die  offizielle  Bezeichnung  natürlich  die  esthnische.  Es  ist  selbst¬ 
verständlich,  dass  man,  wenn  man  deutsch  redet,  die  germanischen  Namen 
gebraucht;  die  Franzosen  gebrauchen  die  offiziellen  Namen.  Der  Vergessen¬ 
heit  werden  die  esthnischen  Namen  nicht  verfallen,  solange  das  esthnische 
Volk  besteht,  jedenfalls  aber  nicht,  solange  der  esthnische  Staat  besteht;  und 
diesem  wollen  wir  einen  langen  Bestand  wünschen  und  ihm  dazu  mit  den 
Kräften  des  deutschen  Volkes  helfen,  damit  er  nicht  weggespült  wird  vom 
Osten  her,  überflutet  vom  russischen  Volksimperialismus,  ln  diesem  letzten 
Fall  würde  allerdings  der  Name  Tartu  verschwinden,  aber  „Jurjew“  an  seine 
Stelle  treten.  Dann  wäre  aber  auch  das  Werk  des  deutschen  Ordens  und 
der  sieben  Jahrhunderte  unwiederbringlich  verloren.  Bei  einer  Symbiose  des 
deutschen  Volkes  und  des  esthnischen  wird  der  Name  Tartu  zwar  neben 
dem  Namen  Dorpat  leben,  aber  nicht  zum  Nachteil  von  unseres  Volkes  Er¬ 
gehen.“  Es  ist  bei  uns  leider  nicht  selbstverständlich,  dass  man,  wenn  man 
deutsch  redet,  die  germanischen  Namen  gebraucht.  „Jurjew“  war  auf  dem 
besten  Wege  sich  in  der  deutschen  Schriftsprache  einzubürgern,  ähnlich  wie 


Nr.  3( 

„Petrograd“,  „Kolosvar"  u.  a.  Für  das  Festhalten  an  den  alten  deutsche 
Städtenamen  einzutreten,  war  der  Zweck  jener  Notiz.  3 

—  Der  Reichsgesundheitsrat  ist  am  21.  Juni  d.  J.  voi 
Reichsrat  für  die  Jahre  1923  bis  einschliesslich  1927  neu  gewählt  wordei 
Gewählt  sind  143  Mitglieder.  Zum  Vorsitzenden  wurde  der  Präsident  di 
Reichsgesundheitsamts  Dr.  Bum  m,  zum  stellvertretenden  Vorsitzende 
Geheimrat  R  u  b  n  e  r  ernannt. 

—  Die  Münchener  Fürsorgestelle  für  Alkoholkrank 
hält  Samstags  von  5 — 6  Uhr  Sprechstunde  in  der  Geschäftsstelle.  Blutei 
burgerstr.  10b,  ab.  Im  Jahre  1922  waren  88  Fälle  bei  der  Stelle  angemelde 
Der  Einfluss  des  Uebergangs  vom  Dünnbier  zum  Vollbier  und  Starkbier  wi 
deutlich  erkennbar. 

—  Nach  dem  neuen  Verzeichnis  der  zur  Annahme  von  Medi 
zinalpraktikanten  berechtigten  Krankenhäuser  und  mediziniscil  i 
wissenschaftlichen  Anstalten,  veröffentlicht  in  der  Beilage  zu  Nr.  33  de  j 
Reichsministerialblattes,  ist  die  Zahl  dieser  Anstalten  von  876  auf  966,  un  . 
die  Zahl  der  anzunehmenden  Praktikanten  von  1857  auf  2075  gestiegen. 

—  Prof.  Dr.  R.  Kraus,  Leiter  des  Seruminstituts  in  Sao  Paulo,  ha 
veranlasst  durch  die  für  Deutsche  dort  schwierigen  Verhältnisse,  die  Direktion 
des  Instituts  niedergelegt  und  kehrt  nach  Wien  zurück. 

—  Die  Berliner  Dozentenvereinigung  für  ärztlich  ! 
Ferienkurse  veranstaltet  im  Oktober  d.  J.  wiederum  ihre  bekannte! 
Ferienkurse.  Es  finden  Kurse  aus  allen  Gebieten  der  Medizin  statt.  Bd 
sonders  hervorgehoben  wird  ein  Spezialkurs  „Die  Bedeutung  der  Röntgei  ■ 
diagnostik  für  die  innere  Medizin“.  Vorlesungsverzeichnisse  und  alles  Näher  j 
durch  die  Geschäftsstelle  der  Dozentenvereinigung,  Berlin  NW.  6.  Luisei 
platz  2 — 4  (Kaiserin-Friedrich-Haus). 

—  Auf  der  Tagesordnung  des  6.  Kongresses  der  Deutsche  ; 
Gesellschaft  für  Urologie  (Berlin,  26. — 29.  September)  stehejä 
folgende  Hauptthemata:  Urcteren-Katheterismus;  chirurgische  Behandlung  dt« 
Nephritis;  Hauptprobleme  der  Kolloidchemie;  Chirurgie  der  Samenwegi 
Vorsitzender  ist  Geh.  Rat  P  o  s  n  e  r. 

—  Die  für  den  19.  und  20.  September  geplante  Jahreshauptversaminlun  : 
der  Deutschen  Gesellschaft  für  Gewerbehygiene  wurdt 
infolge  der  überaus  kritischen  Lage  auf  unbestimmte  Zeit  vertagt.  —  Ebensl 
ist  die  diesjährige  Jahresversammlung  des  Deutschen  Vereins  fü 
öffentliche  Gesundheitspflege  zu  Münster  wegen  der  wir 
schaftlichen  Not  abgesagt  worden. 

—  Der  18.  Kongress  der  Deutschen  orthopädischen  Ge] 
Seilschaft  findet  vom  Montag,  den  24.  bis  Mittwoch,  den  26.  Sei 
tember  1923  in  Magdeburg  statt.  Es  ist  vorgesehen,  möglichst  in  di 
Bürger-  und  Aerzteschaft  freie  Unterkunft  für  die  Kongressteilnehmer  zu  bil 
schaffen;  Herren,  welche  ein  solches  Quartier  wünschen,  wollen  sich  baldig:' 
beim  Vorsitzenden,  Prof.  Dr.  Bleneke,  Walter  Rathcnaustr.  67/69,  melde  i 
Als  Hauptthemata  gelangen  zur  Verhandlung  am  24.  September  die  Fusl 
deformitäten  Klumpfuss,  Plattfuss  und  Hohlfuss  und  die  Frage  des  orthJ . 
pädischen  Schuhwerks,  am  25.  September  Mittel  und  Wege  zur  Verbilliguij  i 
der  orthopädischen  Behandlungsmethoden  und  die  Frage  der  Sonderturi| 
kurse,  während  nachmittags  über '„Absetzung  und  Kunstglied“  und  sonstig! 
Prothesenfragen  verhandelt  wird.  Für  den  Mittwoch  vormittag  stehen  ein 
Reihe  weiterer  Themata  auf  der  vorläufigen  Tagesordnung. 

—  ln  der  30.  Jahreswoche,  vom  22.  bis  28.  Juli  1923,  hatten  vd 
deutschen  Städten  über  100  000  Einwohner  die  grösste  Sterblichkeit  Hambuii 
mit  14,7,  die  geringste  Barmen  mit  5,5  Todesfällen;  in  der  31.  Jahreswoch  j 
vom  29.  Juli  bis  4.  August,  die  grösste  Sterblichkeit  Wiesbaden  mit  18,7,  d,' 
geringste  Ludwigshafen  mit  6,0  Todesfällen;  in  der  32.  Jahreswoche,  vo 
5.  bis  11.  August  1923,  hatten  die  grösste  Sterblichkeit  Oberhausen  mit  17,: 
die  geringste  Braunschweig  mit  6,3  Todesfällen  pro  Jahr  und  1000  Ei; 
wohner.  Vöff.  R.-G.-A.  . 

Hochschulnachrichten. 

Berlin.  Dem  a.  o.  Professor  für  Anatomie  an  der  Berliner  Uni 
versität  Dr.  med.  Richard  Weissenberg  wurde  ein  Lehrauftrag  zur  Ve! 
tretung  der  Biologie  der  Zelle  erteilt.  —  Der  Privatdozent  für  Volksgesum|  ■ 
heitslehre  an  der  Berliner  Technischen  Hochschule  Stabsarzt  a.  D.  Dr.  mej 
Max  Christian  wurde  zum  nichtbeamteten  ausserordentlichen  Profess« 
ebenda  ernannt.  —  Der  Abteiiungsvorsteher  der  parasitologischen  und  ve  I 
gleichenden  pathologischen  Abteilung  am  Pathologischen  Institut,  Priva 1 
dozent  für  allgemeine  Pathologie  und  pathologische  Anatomie  Dr.  me 
et  phil.  Max  H.  Kuczynski,  wurde  zum  ausserordentlichen  Professor  | 
der  medizinischen  Fakultät  ebenda  ernannt.  —  Das  bis  1919  von  Geh.  Med 
Rat  Prof.  Gruitmach  bekleidete  Extraordinariat  für  Untersuchungen  n 
Röntgenstrahlen  in  der  Mediz.  Fakultät  der  Universität  Berlin  ist  in  e 
Ordinariat  für  Strahlenforschung  umgewandelt  und  dem  a.  p.  Professor  aj 
der  Universität  Freiburg  i.  B.  Dr.  Walter  Friedrich  unter  Ernennui; 
zum  ordentlichen  Professor  übertragen  worden.  Friedrich,  der  zugleh 
die  Leitung  des  neu  zu  errichtenden  Instituts  für  Strahlentherapie  übeL 
nehmen  wird,  leitete  bisher  das  radiologische  Institut  der  Freiburger  Fraucj 
klinik.  (hk.) 

Düsseldorf.  Der  bisherige  a.  o.  Professor  an  der  Universit, 
Leipzig  Dr.  Paul  Huebschmann,  zuletzt  Leiter  des  Pathologisch-! ; 
Instituts  am  staatlichen  Krankenstift  in  Zwickau,  ist  zum  ordentlichen  Pr 
fessor  der  allgemeinen  Pathologie  und  der  pathologischen  Anatomie  an  d 
Medizinischen  Akademie  in  Düsseldorf  ernannt  worden,  (hk.) 

Hamburg.  Dr.  med.  Heinrich  Ein  b  den  wurde  zum  Oberarzt  d: 
111.  mediz.  Abteilung  des  Allgemeinen  Krankenhauses  Barmbeck  gewählt,  j 

Heidelberg.  Der  a.  o.  Professor  der  inneren  Medizin  an  d 
Heidelberger  Universität  Dr.  med.  Viktor  Frhr.  v.  Weizsäcker  ist  zu: 
planmässigen  a.  o.  Professor  ebenda  ernannt  worden,  (hk.) 

Königsberg  i.  Pr.  Dem  ausserordentlichen  Professor  für  Ncurolog 
und  Psychiatrie  Dr.  med.  Otto  Klieneberger  wurde  ein  Lehrauftrag  f 
Kriminalpsychopathologie  erteilt,  (hk.)  —  In  der  med.  Fakultät  waren  i 
S.-S.  1923  eingeschrieben  212  männliche  und  39  weibliche  Studierend 

ausserdem  49  männliche  und  4  weibliche  Ausländer. 


Reichsteuerungsindex. 

Der  Reichsteuerungsindex  für  Ernährung,  Heizung,  Beleuchtung,  Wohnu 
und  Kleidung  betrug  am  7.  August  149  531,  am  13.  August  436  935  und  a 
20.  August  753  733.  Basiszahl  1913/14  =  1. 

Die  Buchhändler-Schlüsselzahl  ist  am  4.  Sept.  2  000  06 


Verlag  von  J.  F.  Lehmann  in  München  SW.  2,  Paul  Heyse.Str.  26.  —  Druck  von  E.  Mühlthaler’s  Buch-  und  Kunstdruckerei  O.m.b.H.  München. 


Ycls  der  einzelnen  Nummer  freibleibend  500000.-.  •  Bezugs- 
ireis  in  Deutschland  und  Ausland  siche  unter  Bezugsbedingungen. 
Zusendungen  sind  zu  richten 

ür  die  Schriftleitung:  Arnmfstr.  26  (Sprechstunden  8K—  1  Uhr), 
ür  Bezug :  anj.  F.  Lehmanns  Verlag,  Paul  Hey  se-Strasse  26. 


•  • 


MÜNCHENER 


Anzeigen-A  nnahme : 

Leo  Waibel,  München,  Theatinerstrasse  3. 

Anzeigenschluss: 

Immer  5  Arbeitstage  vor  Erscheinen. 


Medizinische  Wochenschrift. 


ORGAN  FÜR  AMTLICHE  UND  PRAKTISCHE  ÄRZTE. 


r.  37.  14.  September  1923. 


Schriftleitung:  Dr.  B.  Spatz,  Arnulfstrasse  26. 
Verlag:  J.  F.  Lehmann,  Paul  Heyse-Strasse  26. 


70.  Jahrgang. 


Der  Verlag  behält  sich  das  ausschliessliche  Recht  der  Vervielfältigung  und  Verbreitung  der  in  dieser  Zeitschrift  zum  Abdruck  gelangenden  Originalbeiträge  vor. 


Originalien. 

Aus  der  Universitäts-Hautklinik  in  Bonn. 

Vortäuschung  primärer  Syphilis  durch  gonorrhoische 
Lymphangitis  (gonorrhoischer  Pseudoprimäraffekt). 

Von  Erich  Hoffmann. 

Die  Differentialdiagnose  des  weichen  Schankers  und  gewisser  Ba- 
nitiden,  selbst  die  des  Herpes  progenitalis  und  entzündlich  geschwol- 
ner  Skabiesgänge  gegenüber  dem  syphilitischen  Primäraffekt  findet 
ch  in  den  meisten  Lehrbüchern  fast  regelmässig  mit  genügender  Ge- 
luigkeit  erörtert;  nur  selten  dagegen  oder  meist  gar  nicht  wird  die 
ortäuschung  eines  syphilitischen  Primäraffektes  durch  eine  mit  Lym- 
langitis  dorsalis  penis  komplizierte  Gonorrhöe  erwähnt.  Und  doch 
t  diese  Verwechselung  in  der  Praxis  nicht  ganz  selten  möglich,  und 
übst  hervorragende  Fachärzte  können  nach  meinen  Erfahrungen  in 
ieser  Hinsicht  einen  sehr  bedauerlichen  Fehler  begehen.  Obwohl  mir 
iese  Lücke  in  unseren  Lehrbüchern  schon  seit  langer  Zeit  aufgefallen 
t  und  ich  in  meinen  Vorlesungen  seit  meiner  Tätigkeit  an  der  Ber¬ 
ber  Charitee  hierauf  stets  hinzuweisen  pflege,  habe  ich  es  bisher 
ersäumt,  in  einer  dem  praktischen  Arzt  zugänglichen  Wochenschrift 
if  die  Möglichkeit  dieses  schwerwiegenden  diagnostischen  Irrtums 
ichdrücklich  aufmerksam  zu  machen.  Nach  neueren  Erfahrungen 
;heint  es  mir  trotz  der  spärlichen  Hinweise,  die  z.  B.  B  u  s  c  h  k  e  und 
h  in  Lehrbüchern  oder  Leitfäden  gegeben  haben,  nun  doch  not¬ 
endig,  diese  Eehldiagnose,  der  gerade  der  praktische  Arzt  ausge- 
ctzt  ist,  einmal  näher  zu  beleuchten. 

Aus  der  nicht  ganz  kleinen  Zahl  meiner  Beobachtungen  möchte 
h  nur  zwei  charakteristische  Fälle  kurz  erwähnen,  in  denen  die 
diglich  an  Gonorrhöe  leidenden  Kranken  von  hervorragenden 
erzten  als  Syphilitiker  erklärt  worden  waren  und  bei  denen  es  mir 
ach  in  letzter  Minute  möglich  war,  den  verhängnisvollen  Irrtum  auf- 
jklären. 

Der  eine  Fall  betraf  einen  jungen  Offizier,  den  der  treffliche  Dermato- 
ge  und  Strahlenforscher  Frank  Schultz,  ein  Schüler  E.  Lessers  und 
adassohns,  an  Gonorrhöe  behandelte.  Ich  traf  Frank  Schultz  mit 
:inem  Kranken  auf  der  Treppe  der  Berliner  Universitätspoliklinik,  und  das 
:stürzte  Gesicht  seines  Kranken  veranlasste  mich  zu  der  Frage,  ob  es  sich 
n  einen  besonders  schlimmen  Fall  handelte.  Darauf  erklärte  mir  Schultz, 
.iss  der  Kranke  von  ihm  in  der  Privatpraxis  an  Gonorrhöe  behandelt  würde 
:id  nun  plötzlich,  ohne  dass  er  sich  die  neue  Ansteckung  erklären  könne, 
nen  syphilitischen  Primäraffekt  bekommen  habe.  Darauf  fragte  ich 
c  h  u  1 1  z,  ob  Spirochäten  nachgewiesen  seien,  und  als  er  dies  verneinte, 
Jt  ich  ihn,  den  Kranken  doch  einmal  ansehen  zu  dürfen,  da  ein  Primäraffekt 
jch  durch  gonorrhoische  Lymphangitis  vorgetäuscht  werden  könne.  Wir'k- 
oh  fand  sich  nun  eine  auffallend  starke  Lymphangitis  dorsalis  penis,  die 
ch  oben  am  Sulcus  coronarius  in  zwei  kurze  harte  Stränge  gabelte,  die 
iit  der  Vorhaut  verlötet  waren,  so  dass  beim  Zurückziehen  derselben 
ne  grubig  vertiefte  Härte  mit  darüber  gelegener  balanitischer  Erosion  zum 
orschein  kam. 

Durch  diese  ovaläre,  ein  wenig  tief  gelegene  Härte,  die  Verlötung 
iit  der  Vorhaut  und  die  Lokalisation  einer  balanitischen  Erosion  ge- 
lde  in  ihrem  Bereich  war  ein  so  erfahrener  und  sorgfältiger  Diagno- 
:iker  wie  Frank  Schultz  vollständig  getäuscht  worden,  so  dass 
r,  ohne  den  Nachweis  der  Spir.  pall.  zu  versuchen,  die  spezifische 
ur  beginnen  wollte.  Es  war  das  zu  jener  Zeit,  als  auch  G.  Arndt 
ocli  auf  die  morphologische  Diagnose  z.  B.  eines  Herpes  progenitalis 
lehr  Wert  legte  als  auf  den  Spirochätenbefund  und  es  mir  erst  all- 
lählich  gelang,  ihn  sowohl  wie  Frank  Schultz  von  dem  über- 
tgenden  Wert  einer  genauen  Spirochätenuntersuchung  für  die  Dia- 
nose  der  primären  Syphilis  zu  überzeugen. 

Als  nun  sorgfältig  auf  Spir.  pall.  untersucht  war,  die  starke 
nd  mehr  entzündliche  Schwellung  des  dorsalen  Lymphstranges  und 
ie  geringe,  nicht  besonders  harte  Schwellung  der  Lymphdrüsen  von 
iir  festgestellt  worden  waren,  liess  sich  Frank  Schultz  davon 
berzeugen,  dass  wohl  eine  Täuschung  vorliege,  und  verzichtete  auf 
ie  antisyphilitische  Behandlung.  Der  weitere  Verlauf  bestätigte  dann 
uch,  dass  eine  syphilitische  Infektion  nicht  hinzugekommen  war. 

Aehnliche  Fälle  habe  ich  an  dem  grossen  Berliner  Material 
nd  später  auch  in  Halle  und  Bonn  mehrfach  beobachten  können 
nd  fast  immer  wieder  erlebt,  das  selbst  gute  Diagnostiker  sich  zu- 
ächst  täuschen  Messen.  Nur  ein  Fall  aus  der  letzten  Zeit  möge  noch 
rwähnt  werden,  in  dem  wiederum  ein  vortrefflicher  Arzt  mit  vollster 
Kstimmtheit  auf  Grund  einer  solchen  gonorrhoischen  Lymphangitis 

Nr.  37. 


eine  primäre  Syphilis  annahm  und  sehr  erstaunt  war,  als  ich  ihn  über 
die  Täuschung  aufklärte. 

Der  Kranke,  ein  junger  Gutsbesitzer,  der  von  einem  praktischen  Arzt 
seit  einigen  Monaten  an  Gonorrhöe  behandelt  worden  war.  hatte  in  letzter 
Zeit  von  diesem  ungemein  starke  Lösungen  (Albargin  1,5/200  und  Kali.  perm. 
2,0/200  ccm)  zum  Spritzen  erhalten.  Hierdurch  war  nicht  nur  eine  Schwel¬ 
lung  und  Schmerzhaftigkeit  am  Penis,  sondern  auch  ein  derber  Knoten  in 
der  Kranzfurche  entstanden,  der  den  Kranken  ängstlich  machte  und  ihn  ver¬ 
anlasste,  einen  sehr  erfahrenen  Bonner  Kollegen  aufzusuchen.  Dieser  hielt 
trotz  Fehlens  erneuter  Ansteckungsmöglichkeit  eine  primäre  Syphilis  für 
vorliegend  und  überwies  mir  den  Kranken.  Auch  hier  bestand  eine  starke 
Lymphangitis  dorsalis  penis  von  der  Dicke  eines  dünnen  Blei¬ 
stiftes  und  endete,  nach  dem  Sulcus  sich  gabelnd,  in  einen  länglichen  derben 
Knoten  von  grosser  Härte,  der  mit  der  darüberliegendcn,  etwas  geröteten 
und  erodierten  Vorhaut  fest  verwachsen  war  und  beim  Zurückziehen  eine 
grubenförmige  Vertiefung  bildete.  Die  Lymphdrüsen  waren  beiderseits  ge¬ 
schwollen,  schmerzlos,  aber  weniger  -hart  als  bei  Syphilis.  Am  Lymphstrang 
fehlte  auch  die  plastische  Induration  und  die  kleinen  an  den  Klappen  lokali¬ 
sierten  knotigen  Anschwellungen.  Die  Gonorrhöe  war  noch  ausserordentlich 
stark  sezernierend  und  erstreckte  sich  auf  die  Urethra  ant.  und  post..  Gono¬ 
kokken  waren  noch  sehr  zahlreich  vorhanden. 

Auch  in  diesem  Fall  konnte  ich  die  Diagnose  schon  nach 
dem  klinischen  Befund  richtig  stellen.  Die  sorgfältige 
Untersuchung  auf  Spir.  pall.,  auch  mittels  Drüsenpunktion,  er¬ 
gab  ein  vollständig  negatives  Resultat,  ebenso  waren  die  serologi¬ 
schen  Reaktionen  negativ.  Nach  Spülungen  und  Einspritzungen  mit 
schwächeren  Lösungen  liess  die  Schwellung  bald  nach,  und  der  derbe 
Knoten  im  Sulkus  bildete  sich  schnell  zurück. 

Derartige  Beobachtungen  sind  natürlich  nicht  unbekannt.  So 
findet  sich  in  dem  R  i  e  c  k  e  sehen  Lehrbuch  zwar  nicht  bei  der  Go¬ 
norrhöe  diese  Täuschungsmöglichkeit  erwähnt,  wohl  aber  in  Busch- 
kes  Abhandlung  über  Syphilis,  wo  es  heisst:  „Durch  entzündliche 
Schwellung  von  kleinen  Lymphdrüsen  und  zirkulären  Lymphgefässen 
im  Sulcus  retroglandularis  bei  Gonorrhöe  und  Balanitis  usw.  ent¬ 
stehen  häufig  Verwechselungen  mit  Primäraffekt.  Hierzu  ist  zu  be¬ 
merken,  dass  der  Primäraffekt  kutan  sitzt,  während  die  erwähnten 
Affektionen  subkutan  liegen,  so  dass  über  ihnen  die  Haut  faltbar  ist 
im  Gegensatz  zum  Primäraffekt.“  Aber  in  dem  sonst  so  voll¬ 
ständigen  Lesser  sehen  Lehrbuch,  sowie  in  dem  neuen  von  Stein 
findet  sich  diese  Fehldiagnose  nicht  erwähnt.  Etwas  eingehender 
schildert  Havas  in  der  ziemlich  unbeachtet  gebMebenen  Less  er¬ 
sehen  Enzyklopädie  der  Haut-  und  Geschlechtskrankheiten  diese 
Affektion,  doch  auch  hier  vermisse  ich  Wesentliches.  Ich  selbst  habe 
in  meinem  Leitfaden  über  Behandlung  der  Haut-  und  Geschlechts¬ 
krankheiten  (4.  Aufl.  S.  133)  bei  der  gonorrhoischen  Lymphangitis 
dem  Charakter  des  Leitfadens  entsprechend  ganz  kurz  gesagt: 
„Derbe  entzündliche  Schwellung  des  dorsalen  Lymphstranges,  mit¬ 
unter  mit  einer  eine  syphilitische  Sklerose  vortäu¬ 
schenden  Härte  im  Sulkus.“  Auch  in  Schwalbes  Werk  über 
diagnostische  und  therapeutische  Irrtümer  und  deren  Verhütung  ist  in 
dem  von  Riecke  bearbeiteten  Heft  über  venerische  Krankheiten 
(S.  27)  dieser  gonorrhoische  Pseudoprimäraffekt,  wie 
ich  ihn  nennen  möchte,  nicht  mit  genügender  Schärfe  geschildert, 
wenn  auch  auf  die  Täuschungsmöglichkeit  eben  liingewiesen  wird. 

Deshalb  halte  ich  es  für  wünschenswert,  eine  so  wichtige 
Fehldiagnose  dem  Arzte  unter  Prägung  einer 
eigenen  Bezeichnung  eindringlicher  zur  Kenntnis  zu 
bringen.  Denn  es  ist  ein  schwerer  und  ungemein  bedauer¬ 
licher  Fehler,  wenn  auf  Grund  dieser  an  sich  harmlosen  Kom¬ 
plikation  ein  Gonorrhoiker  zum  Syphilitiker  gestern- 
p  e  1 1  und  sofort  antisyphilitisch  behandelt  wird.  Geschieht  das 
nämlich,  so  ist  es  selbst  für  den  erfahrensten  Diagnostiker  nach¬ 
träglich  fast  unmöglich,  ihn  von  diesem  Fluch  wieder  zu  befreien. 
Wer  sich  aber  diese  Irrtumsmöglichkeit  auch  nur  einmal  klarge¬ 
macht  hat  und  grundsätzlich  ohne  positiven  Spir.  pall. -Befund 
eine  Kur  nicht  einleitet,  kann  einen  solchen  Fehler  nicht  begehen. 

Diese  gonorrhoische  Lymphangitis  penis  wird  nicht  ganz  selten, 
wie  es  auch  in  Fall  2  beschrieben  wurde,  durch  zu  starke  und 
unzweckmässige  Spülungen  oder  Injektionen  pro¬ 
voziert,  zuweilen  durch  ein  zu  enges,  den  Penis  abklemmendes 
Suspensorium  befördert  und  manchmal  auch  durch  ein  vom 
Kranken  nicht  gut  vertragenes  Antigonorrhoikum  hervorgerufen;  mit¬ 
unter  tritt  sie  auch  spontan  auf,  ohne  dass  sich  eine  besondere  Ur¬ 
sache  nachweisen  lässt.  Das  Täuschung'sbild  eines  gonor¬ 
rhoischen  Pseudoprimäraffektes  entsteht  eigentlich 
aber  nur  dann,  wenn  an  den  zirkulär  in  der  Kranzfurche  verlaufenden 

2 


Ilü8 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  37 


Wurzeln  des  dorsalen  Lympli  Stranges,  zumal  an  seiner 
gabelförmigen  Teilungsstelle  ein  harter  Knoten 
sich  ausbildet  und  nun  eine  Verlötung  mit  der  darüber  ge¬ 
legenen  Vorhaut  neben  Röte  und  Erosion  an  dieser  beim 
Zurückziehen  der  Vorhaut  sich  grubenförmig  einziehen¬ 
den  Stelle  hinzutritt.  Ist,  wie  Buschke,  H  a  v  a  s  u.  a. 
es  schildern,  nur  ein  verschieblicher  harter  Strang  zu  fühlen,  so  ist 
die  Differentialdiagnose  für  den  aufmerksamen  Untersucher  eigent¬ 
lich  kaum  zu  verfehlen ;  tritt  aber  Verlötung  und  Erodierung 
nebst  mehr  oder  weniger  derbem  entzündlichen  0  e  d  e  m  hinzu,  so 
ist  die  Täuschung  durch  dieses  eigenartige  klinische  Bild  auch  für 
den  Geübteren  wohl  möglich.  Aber  auch  in  diesem  Ealle  ei  gibt 
schon  die  sorgfältige  klinische  Untersuchung  einige 
wichtige  Unterscheidungsmermale,  die  zur  vorsich¬ 
tigen  Beurteilung  veranlassen  müssen.  So  ist  das  Oedem  mehr 
akut  entzündlich  und  eher  etwas  schmerzhaft,  als  es  bei  Lues  I 
zu  sein  pflegt;  der  dorsale  Lymphstrang  ist  dicker,  weniger  plastisch 
induriert  und  entbehrt  der  kleinen  derben  knotigen  Schwellungen,  die 
die  syphilitische  Erkrankung  oft  aufweist;  auch  die  Lcistendrüsen- 
schwellung  ist  weniger  hart  und  nicht  so  charakteristisch.  Endlich 
ergibt  die  genaue  Palpation  den  tieferen  Sitz  und  mehr 
strangförmigen  Charakter  des  harten  Knotens  und 
die  Erosion  ist  nicht  so  scharf  begrenzt  und  kreisförmig,  falls  sie 
überhaupt  in  einer  sich  mit  dem  Knoten  deckenden  Form  vor¬ 
handen  ist. 

Unerlässlich  ist  aber  heutzutage  in  jedem  solchen 
Falle- die  genaueste  Untersuchung  auf  Spir  pall., 
nicht  nur  an  der  Erosion  (Reiz-  oder  Schabeserum!),  sondern  auch 
mittels  Punktion  des  Knotens  und  der  Drüsen.  Hierbei 
ist  natürlich  meine  Regel,  dass  zur  Diagnose  nur  reine, 
lediglich  den  Typ  Pallida  enthaltende  Präparate 
benutzt  werden  dürfen,  streng  zu  beachten,  da  in  auch  gröbere 
Formen  enthaltenden  Mischpräparaten  feine  Balanitisspirochäten 
selbst  geübte  Untersucher  täuschen  können.  Die  W  a  R.  kommt 
erst  in  zweiter  Linie  in  Betracht  und  hat  für  den  örtlichen 
Befund  keine  ausschlaggebende  Bedeutung;  denn  ein  latenter  Syphi¬ 
litiker  mit  positiver  WaR.  kann  bei  bestehender  Gonorrhöe  auch  ein¬ 
mal  einen  gonorrhoischen  Pseudoprimäraffekt  bekommen,  und  ander¬ 
seits  wird  im  frühen  primären  Stadium  der  Lues  die  Reaktion  nega¬ 
tiv  ausfallen  (Lues  I  seronegativa). 

Schliesslich  sei  noch  ein  Wort  über  das  Hinzutreten  einer 
primären  Syphilis  zu  einer  bestehenden  frischen 
Gonorrhöe  gesagt.  Oft  habe  ich  es  erlebt,  dass  zwar  bei  Ulcus 
molle,  langdauerndem  Herpes  und  Balanitis  auf  die  etwaige  Kompli¬ 
kation  mit  Lues  sorgfältig  geachtet  wird,  was  ja  auch  der  in  den 
Lehrbüchern  vielfach  ausgesprochenen  Mahnung  entspricht,  dass  da¬ 
gegen  bei  der  so  viel  häufigeren  Gonorrhöe  diese  Wach¬ 
samkeit  weniger  geübt  und  auch  in  den  Lehrbüchern  nicht  immer 
genügend  betont  wird.  Und  doch  ist  die  gleichzeitige  (oder 
konsekutive)  Infektion  mit  der  nach  etwa  3  Tagen  auftretenden 
Gonorrhöe  und  der  erst  nach  etwa  3  Wochen  beginnenden  Lues 
durchaus  nicht  selten,  und  die  schleichende  be¬ 
schwerdelose  und  unauffällige  Ausbildung  eines 
'Primäraffektes  nicht  nur  im  S  u  1  k  u  s  oder  sonst  an  Prä¬ 
putium  und  Penishaut,  sondern  auch  im  M  e  a  t  u  s  oder  vor¬ 
dersten  Abschnitt  der  Urethra  ist  Tei  Gonorrhöe  um  die  3.  Woche 
oder  später  stets  möglich  und  darf  nicht  übersehen  werden,  damit  die 
Frühheilung  nicht  in  Frage  gestellt  wird.  Wichtig  ist  daher  die 
Vorschrift,  bei  der  Behandlung  einer  akuten  Gonor¬ 
rhöe  stets  auf  jede  Erosion  oder  Härte  und  vor  allem 
auch  auf  die  geringste  derbe  Drüsenschwellung  recht¬ 
zeitig  zu  achten.  Nicht  ganz  selten  leitet  sich  die  Komplikation  mit 
Lues  durch  einen  anscheinend  harmlosen  Herpes  progenitalis 
ein,  der  aber  bei  Sekretabnahme  mit  Oese  oder  Spatel  schon  eine 
leichte  Pergamenthärte  eben  erkennen  lässt  und  bei  sorgsamer  Ent¬ 
nahme  typische  Pallidae  zeigt  (mein  „Herpes  promonito- 
r  i  u  s“,  dessen  histologisches  Bild  schon  recht  charakteristisch  sein 
kann). 

So  komme  ich  am  Schluss  zu  der  durch  meine  langjährigen 
Erfahrungen  berechtigten  Mahnung,  bei  jeder  Gonor¬ 
rhöe  auf  die  Möglichkeit  des  Hinzutretens  einer 
primären  Lues  bei  Mann  und  Frau  zu  achten  und  diese 
durch  sorgsame  klinische  Ueberwachung  (Erosion,  Herpes, 
geringe  Härte,  derbe  Drüsen)  und  eingehendste  Spirochäten¬ 
prüfung  (Reiz-,  Quetsch-  oder  Schabeserum,  auch  aus  Urethra 
und  Zervix,  Drüsenpunktion)  rechtzeitig  festzustellen,  ehe  noch  die 
WaR.  positiv  wird,  damit  die  günstigste  Frühheilungs¬ 
chance  nicht  versäumt  wird.  Anderseits  aber  darf  das  Auftreten 
einer  harmlosen  knotigen  Lymphangitis  gonorrhoica, 
besonders  eines  harten  Knotens  an  der  Gabelungsstelle  im  Sulcus 
coronarius,  nicht  dazu  verführen,  eine  Komplikation 
mit  syphilitischem  Schanker  anzunehmen.  Die  Fehl¬ 
diagnose  eines  solchen  gonorrhoischen  Pseudopri¬ 
märaffektes  liegt  dann  besonders  nahe,  wenn  der  derbe 
Knoten  mit  der  Vorhaut  verlötet  und  von  einer  bala- 
nitischen  Erosion  überdeckt  wird.  Auch  hier  schützt  g  e  - 
naue  klinische  Untersuchung  (mehr  längliche,  tief  gelegene 
Härte,  entzündliches  Oedem,  dickerer,  nicht  plastisch  indurierter  und 
perlschnurartig  beschaffener,  zuweilen  von  geröteter  Haut  überzoge¬ 


ner  Lymphstrang)  im  Verein  mit  dem  Ergebnis  sorgfältige 
Spirochätenprüfung  vor  einer  Verwechselung,  die  frühi| 
verständlich  war,  seit  Ausbau  der  Spirochätendiagnose  aber  unen 
schuldbar  ist  und  im  Interesse  des  Kranken  durchaus  vermiede 
werden  muss.  Dass  die  Methode  der  Konfrontation  (klinisch 
parasitologische  und  serologische  Untersuchung  der  Infektionsquelh  ■ 
für  die  Beurteilung  von  besonderem  Wert  werden  kann,  sei  nebei 
bei  erwähnt;  wo  sie  möglich  ist,  sollte  sie  nicht  versäumt  werden. 


Aus  der  medizinischen  Poliklinik  der  Universität  HamburJ 

Die  Bedeutung  des  autonomen  Nervensystems  für  di 
Klinik  der  septischen  Erkankungen.*) 

Von  Piivatdozent  Dr.  Ernst  Friedrich  Müller, 
Hamburg-Eppendorf. 

Das  Problem  der  Sepsis  und  die  Frage  nach  dem  Wesen  di 
septischen  Erkrankungen  dürfen  letzten  Endes  noch  nicht  als  gelö 
betrachtet  werden,  weil  es  gelungen  ist,  das  Bild  der  Sepsis  als  klart, 
und  eindeutigen  Krankheitsbegriff  von  anderen  Krankheitsbildei 
abzugrenzen.  —  Die  Arbeiten  von  Lenhartz  und  seinen  Schülei 
haben  auf  Grund  eingehender  bakteriologischer  Untersuchungen  a 
Krankenbett  und  exaktester  klinischer  Beobachtung  und  Durcharbe 
tung  eines  enormen  Materials  zu  dem  modernen  Begriff  der  Seps 
geführt,  den  Schottmüller  in  seinem  Referat  auf  dem  Deutsche 
Kongress  für  innere  Medizin  im  Jahre  1914  folgendermassen  definie 
hat :  „Eine  Sepsis  liegt  dann  vor,  wenn  sich  inner 
halb  des  Körpers  ein  Herd  gebildet  hat,  von  demau 
konstant  oder  periodisch  pathogene  Bakterie 
in  den  Blutkreislauf  gelangen,  derart,  dass  durc 
diese  Invasion  subjektiv  und  objektiv  Krankheit 
erscheinungen  ausgelöst  werde  n.“ 

Mit  dieser  Definition  war  ein  eindeutiger  Begriff  geschaffen,  dt 
den  Zusammenhang  zwischen  Sepsisherd,  Bakteriämie  und  Met;; 
stasenbildung  aufdeckte  und  gegenüber  allen  andersartigen  Erkl 
rungen  ein  klares  Bild  von  der  Art  der  Erregerwirkung  auf  den  G' 
Samtorganismus  und  die  einzelnen  Organe  entwarf  und  damit  de 
vielgestaltigen  Bilde  der  Sepsis  einen  einheitlichen  Charakter  gab. 

Der  gesamte  Krankheitsvorgang  der  Sepsis  ist  jedoch  damit  noe 
nicht  endgültig  erklärt.  Schüttelfrost,  Fieber,  Leukozytose  und  Leukiii 
penie,  die  wachsende  oder  abnehmende  Bakterizidie  des  strömende 
Blutes  und  die  Eiteransammlung  um  die  metastatisch  verschleppte 
Bakterienemboli  stellen  klinische  Manifestationen  von  Vorgängtj 
dar,  die  sich  in  ihrem  Wesen,  ihren  Ursachen  und  in  ihrer  Bedeutui 
sowie  in  ihren  Zusammenhängen  untereinander  noch  völlig  unser' 
Beurteilung  entziehen. 

Hier  die  noch  ungeklärten  Begriffe  einem  Verständnis  nähe 
zubringen,  musste  das  Ziel  der  weiteren  Forschung  darstellen.  Di 
Weg,  der  dabei  zu  gehen  war,  wird  bereits  mit  der  alten  V  i  r  c  h  o  \ 
sehen  Definition  der  Krankheit  „als  Leben  unter  veränderten  Bedii 
gungen“  gegeben,  die  auch  heute  noch  für  unsere  Anschauung  vc 
den  septischen  Erkrankungen  die  Grundlage  bildet.  Wir  dürfen  uit 
daher  nicht  damit  begnügen,  nur  Wesen"  und  Art  der  veränderten  L 
bensbedingungen  zu  ergründen,  sondern  wir  werden,  um  dem  Gesam 
Problem  Rechnung  zu  tragen,  versuchen  müssen,  zu  erkennen,  welclt 
und  inwieweit  veränderte  Lebensvorgänge  im  Organismus  z 
stände  kommen  und  wie  dieser  sich  in  seinen  einzelnen  Organen  uit 
in  seiner  Gesamtheit  funktionell  diesen  charakteristisch  veränderte! 
Lebensbedingungen  anpasst. 

Wir  wissen,  dass  der  Organismus  imstande  ist,  den  eindringendi 
Krankheitserregern  eine  Anzahl  von  Kampfmitteln  gegenüberzustellci 
deren  tatsächlich  erfolgreiche  Wirksamkeit  an  den  geheilten  Fällt 
von  septischen  Erkrankungen  ausser  Frage  steht.  —  Wieweit  Fieb 
und  Schüttelfrost  in  diesem  Sinne  zu  verwerten  sind,  wird  solang 
dahingestellt  bleiben  müssen, als  wir  die  anatomischen' und  funktionella 
Grundlagen  dieser  klinisch  sicherlich  hochbedeutsamen  Sympton 
noch  nicht  zu  erkennen  vermögen.  Einfacher  scheinen  die  Verhüt 
nisse  bei  der  Leukozytose  zu  liegen,  deren  ebenfalls  bedeutungsvot 
Rolle  für  die  Klinik  der  septischen  Erkrankungen  ausser  Frage  steh 
Hier  handelt  es  sich,  wie  wir  seit  den  grundlegenden  Untersuchung!! 
Naegelis,  Arneths  und  anderer  wissen,  um  den  Ausdruck  ein- 
hochgradigen  biologischen  Aenderung  der  Knochenmarksfunktio 
die  durch  die  doppelte  Möglichkeit  anatomischer  und  klinischer  U 
tersuchungen  eher  einen  Einblick  in  ihren  Mechanismus  gestattffi 

Es  ist  zweifellos,  dass  die  Neubildung  myeloischer  Zellmar 
abschnitte  im  Fettmark  der  Röhrenknochen,  das  vermehrte  Auftretu 
voll  ausgebildeter  Leukozyten  im  strömenden  Blute  und  deren  A 
Sammlung  in  den  infizierten  Gewebsabschnitten,  sowohl  a 
Sepsisherd,  wie  an  den  Metastasen,  einen  Abwehrvorgang  da 
stellen,  der  auch  dann  nicht  anders  beurteilt  werden  darf,  wenn  d 
Unschädlichmachung  der  Krankheitserreger,  und  damit  die  endgülti 
Heilung  der  Sepsis,  nicht  gelingt. 

Diese  Tatsache  für  die  Therapie  auszunutzen,  war  seit  lang 
Zeit  das  Streben  der  verschiedenartigsten,  allerdings  fast  stets  re 


*)  Vortrag,  gehalten  auf  dem  35.  D.  Kongr.  f.  inn.  M.,  Wien,  April  llje 


14.  September  1923. 


MÜNCHEN!3 R  MEDIZINISCHE  WÖCHENSCHRIF  1 . 


1169 


empirisch  vergehenden  Versuche.  Und  wenn  es  auch  bisher  nur  selten 
gelungen  ist,  mit  derartigen  Versuchen,  die  bis  auf  den  Haarseil¬ 
abszess  zurückgehen,  einen  therapeutischen  Erfolg  zu  erzielen,  so 
war  es  doch  durch  das  genaue  Studium  der  klinischen  Symptome  bei 
diesen,  fast  wie  ein  Experiment  am  Menschen  anzusehenden,  thera¬ 
peutischen  Eingriffen  möglich,  ganz  neue  Einblicke  in  das  Problem 
der  Knochenmarksleistung  bei  den  septischen  Erkrankungen  zu  ge¬ 
winnen  und  damit  die  hohe  Bedeutung  eines  weiteren  Organsystems 
für  die  Klinik  der  septischen  Erkrankungen  aufzudecken. 

Mitteilungen  über  den  Beginn  und  die  Art  der  dazu  notwendigen 
Untersuchungen  würden  im  Rahmen  dieser  Ausführungen  zu  weit 
führen.  Es  soll  deshalb  hier-  nur  auf  eine  wesentlich  erscheinende 
Erage  eingegangen  werden,  und  zwar  auf  die  frage  nach  der  Aus¬ 
lösung  der  Leukozytose  einerseits  und  dann  auf  die  Frage  nach  der 
Leitung  der  neugebildeten  Leukozyten  zum  Krankheitsherd,  für  die 
Ergebnisse  von  Wichtigkeit  sind,  die  sich  aus  dem  Studium  über  die 
Wirkung  parenteral  zugeführter  Stoffe  beim  Gesunden  und  Kranken 
ergeben. 

Nach  der  subkutanen  und  intramuskulären  Injektion  der  ver¬ 
schiedenartigsten  Stoffe  pflanzlicher  oder  tierischer  Herkunft,  ebenso 
wie  lebender  Krankheitserreger,  kommt  es  in  dem  Gewebe  ihrer 
unmittelbaren  Umgebung  zur  Entstehung  von  Impulsen  auf  den  para¬ 
sympathischen  Anteil  des  autonomen  Nervensystems,  die  sich  zuerst 
in  einer  aktiven  Erweiterung  der  in  unmittelbarer  Umgebung  liegen¬ 
den  Gefässe  erkennen  lassen.  Klinische,  anatomische  und  kapillar¬ 
mikroskopische  Untersuchungen  zeigen  übereinstimmend,  dass  diese 
aktive  Gefässerweiterung  solange  bestehen  bleibt,  als  Teile  des  In¬ 
jektionsstoffes  noch  unresorbiert  an  der  Einspritzungsstelle  vorhan¬ 
den  sind,  d.  h.  bei  reizlosen  Eiweissstoffen  (z.  B.  A  o  1  a  n,  physiolo¬ 
gische  Kochsalzlösung  usw.)  wenige  Minuten  bis  zu  einer  halben 
Stunde,  bei  lebenden  Erregern  bis  zu  mehreren  Tagen,  Wochen  und 
Monaten. 

Diese  Impulse  auf  den  parasympathischen  Anteil  des  autonomen 
Nervensystems  sind  nicht  örtlich  begrenzt.  Es  ist  vielmehr  nach 
unseren  bisher  vorliegenden  Untersuchungsergebnissen  über  diesen 
Gegenstand  anzunehmen,  dass  sie  fast  im  gleichen  Augenblick  einen 
grossen  Teil  des  parasympathischen  Systems  durcheilen.  Denn  es 
lässt  sich,  wie  ich  bereits  früher  zeigen  konnte,  eine  unmittelbar 
darauf  einsetzende  Erweiterung  der  im  Splanchnikusgebiet  hegenden 
Gefässe  nachweisen,  deren  Dilatation  an  einem  sofort  einsetzenden 
Leukozytensturz  der  peripherischen  Gefässe  erkennbar  ist.  Diese 
Erweiterung  wird  sehr  bald  durch  die  Wirkung  der  Antagonisten  aus¬ 
geglichen,  im  Gegensatz  zu  dem  unveränderten  Bestehenbleiben  des 
parasympathischen  Uebergewichts  in  der  Umgebung  des  Fremd¬ 
stoffherdes,  obwohl  dieser  an  sich  nicht  etwa  —  ähnlich  dem  Pilo¬ 
karpin  —  imstande  ist,  pharmakologisch  auf  die  parasympathischen 
Fasern  zu  wirken. 

Auf  die  Wichtigkeit  und  die  Bedeutung  dieses  Bestehenbleibens 
eines  aktiven  parasympathischen  Uebergewichtes  in  der  Umgebung 
des  Fremdstoffherdes  wird  später  noch  zurückzukommen  sein. 

Eine  weitere  wichtige  Einwirkung  der  auf  parasympathischen 
Bahnen  weitergehenden  Impulse  zeigt  sich  an  den  Gefässen  des 
Knochenmarks.  Am  Zellmark  der  Wirbelknochen  sind  eindeutige 
Befunde  nicht  zu  erheben,  die  eine  Erklärung  für  die  Art  der  Reiz¬ 
übertragung  bilden  können.  Günstiger  liegen  dagegen  die  Verhält¬ 
nisse  am  Fettmark  der  Röhrenknochen.  Hier  kommt  es  zuerst  zu 
tüner  Erweiterung  der  Gefässe  mit  starker  Blutfüllung,  an  die  sich 
dann  eine  Vaskularisation  und  das  erste  Auftreten  myeloischer  Ele¬ 
mente  in  vorher  reinem  Fettmark  anschliesst.  Dass  diese  Einwirkung 
als  selbständig  vom  Organismus  geleistete  Vorgänge  auf  Tonus¬ 
änderungen  der  gefässregulierenden  Nerven  zurückgeht,  steht 
zweifellos  fest.  Auch  hier  steht  die  Vasodilatation,  also  die  Wirkung 
von  Impulsen  über  das  parasympathische  System,  im  Vordergrund, 
und  die  Annahme  ist  daher  durchaus  berechtigt,  dass  diese,  ähnlich 
wie  die  Fernwirkung  auf  die  Gefässe  im  Splanchnikusgebiet,  unmittel¬ 
bar  von  der  Umgebung  des  Infektionsherdes  ausgesandt  werden. 

Die  nun  einsetzende,  stark  gesteigerte  Zellneubildung  im  myeloi¬ 
schen  System  kann  auf  sämtliche  umbildungsfähigen  Markabschnitte 
übergreifen.  Sie  führt  bei  ungestörtem  Ablauf  zu  einer  absoluten 
Vermehrung  normal  ausgebildeter  und  voll  entwickelter  myeloischer 
Zellen,  die  sich  klinisch  als  echte  Leukozytose  darstellt.  Ihre  wich¬ 
tigen,  durch  Störungen  innerhalb  des  Knochenmarkes  zustande  kom¬ 
menden  Abweichungen  qualitativer  und  quantitativer  Art  über¬ 
schreiten  den  Rahmen  dieser  Ausführungen,  so  dass  auf  ein  näheres 
Eingehen  verzichtet  werden  muss.  Festgestellt  sei  hier 
nur  die  grundsätzliche  Bedeutung  der  parasym¬ 
pathisch  bedingten  Erweiterung  der  Knochen- 
niarksgefässe,  die  als  Beginn  und  Anlass  der  K no¬ 
ch  enmarksmetaplasie  feststeht  und  aktiv  auf  den 
Fremdstoffreiz  hin  zustande  kommt. 

Von  grundlegender  Wichtigkeit  ist  weiterhin  die  Frage 
nach  der  Leitung  dieser  neugebildeten  Zellen  zum  Infektions¬ 
herd,  die  besonders  auffällig  wird,  sobald  diese  in  grösserer 
Anzahl  im  strömenden  Blute  auftreten.  Auch  hier  spielt 
das  vegetative  Nervensystem  —  und  zwar  wiederum  dessen  para¬ 
sympathischer  Anteil  —  eine  entscheidende  Rolle.  —  Untersuchungen, 
die  ebenfalls  in  ihren  Einzelheiten  hier  zu  weit  führen  würden,  haben 
ergeben,  dass  bei  aktiver  Erweiterung  oder  sonstiger  Aende- 
rung  in  dem  normalen  Zustand  der  Gefässwand  sofort  eine  grosse 


Anzahl  von  weissen  Blutkörperchen  aus  dem  Blutstrom  ausscheiden. 
Unter  diesen  überwiegen  im  Experiment  die  vollausgebildetcn 
myeloischen  Leukozyten,  während  nicht  nur  die  lymphatischen  Zellen, 
sondern  auch  die  Eosinophilen,  Monozyten,  selbst  die  Stabkernigen, 
für  gewöhnlich  auf  diesen,  von  der  veränderten  Gefässwand  aus¬ 
gehenden  Reiz  nicht  reagieren,  sondern  weiter  im  Blutstrom  ver¬ 
bleiben. 

Die  Kenntnis  dieser,  an  sehr  zahlreichen  Fällen  in  auffallender 
Uebereinstimmung  nachweisbaren  Reflexwirkung  des  parasympathi¬ 
schen  Systems  auf  die  myeloischen  Zellen  des  strömenden  Blutes  gibt 
die  eindeutige  Erklärung  für  die  wunderbare,  an  sich  so  selbstver¬ 
ständlich  erscheinende  Wanderung  der  Leukozyten  vom  Knochen¬ 
mark  mit  dem  strömenden  Blut  zum  Infektionsherd.  Damit  tritt  die 
Bedeutung  des  parasympathischen  Systems  auch  hier  in  den  Vorder¬ 
grund.  Die  Erkenntnis,  dass  auch  die  in  der  Blutbahn  befindlichen 
Leukozyten  einem  ausserhalb  der  Gefässe  liegenden  Organsystem 
unterstellt  sind,  lässt  nicht  nur  den  Vorgang  der  Leukozytenwande¬ 
rung  in  einem  ganz  anderen  Lichte  erscheinen,  sondern  wirft  eine 
ganze  Reihe  weiterer  Probleme  und  Fragen  auf,  die  ebenfalls  über 
den  Rahmen  dieser  zusammenfassenden  Darstellungen  hinausgehen 
würden. 

Wir  erkennen  damit  die  Ursache  für  die  Anreicherung  der  Leuko¬ 
zyten  in  den  aktiv  erweiterten  Gefässen  des  Infektionsherdes  in 
einer  parasympathisch  bedingten  Reflexwirkung,  während  ihre  Durch¬ 
wanderurig  der  Gefässwand  und  das  Eindringen  in  das  bedrohte  Ge¬ 
webe,  die  höchstwahrscheinlich  auf  eigentliche  Zellenergien  zurück¬ 
zuführen  sind,  noch  einer  weiteren  Erklärung  bedürfen.  Damit  ist 
eine  Kreisbahn  geschlossen,  die  es  dem  Organismus  mit  Hilfe  des 
Knochenmarks  und  des  autonomen  Systems  ermöglicht,  den  be¬ 
drohten  Herd  zu  schützen.  Was  wir  sahen,  ist  ein  komplizierter  und 
trotzdem  in  der  Einfachheit  seiner  Anlage  um  so  bewunderungs¬ 
würdiger  Vorgang,  dessen  innere  Zusammenhänge  ausser  Frage 
stehen.  Er  stellt  in  seiner  Gesamtheit  eine  in  sich  untrennbare  Ein¬ 
heit  dar,  die  in  der  ihr  eigenen  Gesetzmässigkeit  weder  dem  Be¬ 
wusstein  des  Trägers,  noch  seinem  Willen  unterworfen  ist.  Ich 
glaube  deshalb  berechtigt  zu  sein,  eine  autonome  Reizleitungsbahn 
anzunehmen,  die  ohne  Beteiligung  des  Zentralnervensystems  auto¬ 
matisch  in  der  Umgebung  des  Fremdstoffherdes  entstandene  Impulse 
auf  parasympathischen  Bahnen  dem  Erfolgsorgan  zuführt. 

Wenn  auch  die  Möglichkeit  besteht,  durch  Blockade  oder  Unter¬ 
brechung  an  verschiedenen  Stellen  hemmend  in  den  beschriebenen 
Vorgang  einzugreifen 1),  so  geht  aus  weiteren  experimentellen  Er¬ 
fahrungen  hervor,  dass  es  möglich  ist,  diesen  als  Selbsthilfe  auf¬ 
zufassenden  Vorgang  quantitativ  willkürlich  zu  beeinflussen. 

Diese  neuen  Einblicke  in  die  Bedeutung  des  autonomen  Nerven¬ 
systems  für  die  Entstehung  der  echten  Leukozytose  auf  Grund  aktiver 
Knochenmarksmehrleistung  sind  für  die  klinische  Beurteilung  der  sep¬ 
tischen  Erkrankungen  und  ihrer  Symptome  in  mehrfacher  Hinsicht 
von  Bedeutung.  Sie  erklären  uns  verschiedene,  in  ihren  Zusammen¬ 
hängen  bisher  noch  unbekannte  Erscheinungen,  in  erster  Linie  den 
wichtigen  Unterschied  der  örtlichen  Leukozytenanhäufung  und  Eite¬ 
rung  ohne  Blutleukozytose  auf  Grund  geringer,  nur  örtlich  wirk¬ 
samer  Reize,  z.  B.  bei  chronischen  Schleimhautentzündungen 
(Zystitis,  Urethritis),  im  Gegensatz  zu  den  starken  Reizen  bei  akut 
ins  Gewebe  eindringenden  Krankheitserregern,  wie  wir  es  bei 
Phlegmonen  und  Abszessen  zu  sehen  bekommen.  Auch 
hier  müssen  wir  auf  eine  Wiedergabe  der  einzelnen  Versuchsanord¬ 
nungen  verzichten2),  da  es  nur  darauf  ankommt,  die  Bedeutung  des 
autonomen  Nervensystems  auch  innerhalb  dieser  Vorgänge  zu 
betonen.  Es  genügt  daher  der  Hinweis,  dass  auf  Grund  der  ver¬ 
schiedenartigen  Beziehungen  der  einzelnen  Organe  zum  autonomen 
Nervensystem  ganz  enorme  Unterschiede  zutage  treten,  je  nachdem 
in  welchen  Organen  die  künstliche  Einspritzung  oder  die  echte  In¬ 
fektion  stattfindet.  So  übt  die  Haut  auffallend  starke  Reize  auf  das 
autonome  System  bereits  bei  kleinen  Dosen  aus,  die  in  der  Mus¬ 
kulatur  und  in  der  Subkutis  erst  bei  grösseren  Erregermengen  zu¬ 
stande  kommen.  Besonders  wichtig  ist  der  Befund,  dass  auch  intra¬ 
venöse  Injektionen  mässig  grosser  Fremdstoffmengen  ohne  besondere 
Einwirkungen  auf  das  autonome  System  bleiben  können.  Und  es 
erscheint  daher  die  Annahme  berechtigt,  dass  die  Impulse  auf  das 
autonome  Nervensystem  gering  sind,  wenn  Erreger  und  Fremdstoffe 
innerhalb  der  Gefässe  vorhanden  sind,  dagegen  wesentlich  stärker 
werden,  wenn  eine  Einwanderung  der  Erreger  oder  eine  parenterale 
Fremdstoffzufuhr  unmittelbar  ins  Gewebe  stattfindet.  Diesen  Erfah¬ 
rungen  entsprechen  eine  Anzahl  der  bekannten  Beobachtungen  an  den 
septischen  Erkrankungen. 

Wir  kennen  die  häufig  niedrigen  Leukozytenzahlen  bei  septischen 
Endokarditiden  sowie  bei  der  isolierten  Endophlebitis  oder 
Thrombophlebitis,  wie  wir  sie  z.  B.  bei  den  puerperalen  Erkrankungen 
zu  sehen  bekommen.  Obwohl  dauernd  oder  periodisch  infolge  der 
anatomischen  Lage  des  Sepsisherdes  verhältnismässig  grosse  Men¬ 
gen  von  Krankheitserregern  in  die  Blutbahn  eingeschwemrnt  werden, 
kommt  es  sehr  häufig  nicht  zu  den  hohen  Leukozytenzahlen  der 
Pneumonien  oder  der  metastasierenden  Sepsisformen,  obwohl  die 
Sektion  keine  Veränderungen  des  Knochenmarks  gegenüber  den  mit 
hohen  Leukozytenwerten  einhergehenden  Formen  ergibt. 


T  M.m.W.  1922  S.  1753.  Med.  Kl.  1923  S.  569. 

2)  Erscheint  ausführlich  in  den  Erg.  d.  inn.  Med.  u.  Kinderheilk. 


1170 

Wir  wissen  weiterhin,  dass  bei  dem  Auftreten  von  Metastasen, 
d.h.  dem  Eindringen  der  embolisch  verschleppten  Erreger,  meist  un¬ 
mittelbar  anschliessend  die  Leukozytenzahlen  in  die  Höhe  zu  schnel¬ 
len  pflegen,  Vorgänge,  die  z.  B.  denen  bei  interkurrenten  Pneumonien 
im  Verlauf  eines  Typhus  abdominalis  entsprechen  würden.  Diese  ur¬ 
sächlich  bisher  nicht  geklärten  Tatsachen  lassen  sich  mit  den  neuen 
Ergebnissen  über  die  Bedeutung  des  autonomen  Nervensystems  jetzt 
ohne  Schwierigkeiten  erklären.  Der  fehlende  Reiz  auf  das  autonome 
System  von  der  Blutbahn  aus,  der  starke  Reiz  infolge  der  Erreger¬ 
verschleppung  in  die  Gewebe,  bringt  nun  die  Erklärung  für  die  in 
diesen  Fällen  nicht  etwa  durch  Lähmung  oder  Steigerung  der  Kno¬ 
chenmarksfunktion  erklärbaren  Unterschiede  in  den  klinischen  Befun¬ 
den  der  Leukozytenzahlen.  An  dieser  Annahme  möchten  wir  auch 
dann  festhalten,  wenn  einzelne  Fälle  nicht  ganz  den  oben  vertretenen 
Anschauungen  zu  entsprechen  scheinen.  Bei  den  zahlreichen  und 
verschiedenartigen  Komplikationen  des  septischen  Krankheitsbildes 
lassen  sich  eben  nur  die  Fälle  verwerten,  die  wirklich  unter  den  be¬ 
schriebenen  Voraussetzungen  zur  Untersuchung  kommen. 

Wenn  man  sich  auch  bewusst  sein  muss,  das  die  neuen  Befunde 
über  die  Mitwirkung  und  Bedeutung  des  autonomen  Nervensystems 
für  das  Zustandekommen  bestimmter  Symptome  innerhalb  der  sep¬ 
tischen  Krankheitsbilder  nicht  imstande  sind,  nun  alle  offenen  Fragen 
des  Sepsisproblems  zu  lösen,  so  können  sie  doch  durch  die  damit 
zweifellos  erreichte  Erweiterung  unserer  Kenntnisse  über  den  Vor¬ 
gang  der  Sepsis  neuen  Untersuchungen  zur  Pathologie  und  Therapie 
der  septischen  Erkrankungen  von  Nutzen  sein. 

Sie  zeigen  zusammengefasst,  dass  für  das  Zustandekommen  der 
echten  Leukozytose  über  das  vegetative  Nervensystem  verlaufende 
Reize  auf  die  Blutbildungsstätten  notwendig  sind,  die  automatisch  im 
Organismus  in  der  Umgebung  des  Fremdstoffherdes  entstehen.  Sie 
zeigen  weiter,  dass  ebenfalls  über  das  autonome  Nervensystem 
und  zwar  dessen  parasympathischen  Anteil  —  verlaufende  Impulse, 
die  zur  Erweiterung  der  üefässe  im  Entzündungsgebiet  führen,  auch 
die  Anreicherung  der  Leukozyten  in  diesem  Gebiet  veranlassen. 

Damit  ist  für  die  von  vielen  Autoren  als  Ursache  der  örtlichen 
Leukozytenanhäufung  am  Entzündungsherd  mit  Recht  abgelehnte 
Chemotaxis  eine  aktive  und  unter  besonderer  Mitwirkung  des  vege¬ 
tativen  Nervensystems  zustande  kommende  örtliche  Leukozyten¬ 
anhäufung  als  echte  Körpcrleistung  einzusetzen,  deren  Zustande¬ 
kommen  nicht  der  Erreger,  sondern  der  Organismus  auf  dem  Wege 
des  autonomen  Nervensystems  veranlasst. 


Ueber  die  Behandlung  des  Klumpfusses,  insbesondere 
über  die  transversale  Keilosteostomie  des  Kalkaneus  bei 
schweren  und  rezidivierenden  Klumpfüssen  und  defor¬ 
mierten  Plattfüssen. 

Von  Dr.  Georg  Hohmann,  Privatdozent  für  orthopädische 
Chirurgie  in  München. 

Wir  sehen  eine  ganze  Anzahl  von  Rezidiven  schwerer  Klumpfiisse 
in  unseren  Sprechstunden  auftauchen,  die  alle  das  eine  gemeinsam 
haben,  dass  die  Ferse  in  einer  mehr  weniger  starken  Supination  steht. 
Zum  Teil  sind  das  solche  Füsse,  die  in  der  Kindheit  nur  ungenügend 
redressiert  worden  sind  oder  bei  denen  die  Ienotomie  der  Achilles¬ 
sehne  vor  dem  ausgiebigen  Redressement  gemacht  wurde,  so  dass 
dann  die  übrigen  Komponenten  des  Fusses  nicht  entsprechend  mehr 
korrigiert  werden  konnten,  nachdem  die  Fixierung  des  hinteren  Fuss- 
abschnittes  durch  die  Achillessehne  fortgefallen  war.  Ausserdem 
gibt  es  schwere  Klumpfüsse  der  Erwachsenen,  bei  denen  das  unblutige 
Redressement  auf  schwere  Widerstände  stösst,  die  nicht  ohne  wei¬ 
teres  vollständig  überwunden  werden  können.  Auch  das  Pelotten- 
druckverfahren  Schul  tzes  kann  uns  in  solchen  Fällen  in  Stich 
lassen.  Es  sind  das  Fälle,  bei  denen  das  Fersenbein  wie  eingemauert 
in  der  falschen  Stellung,  in  der  Supination  steht  und  nicht  wanken  und 
weichen  will.  Bewegungen  zwischen  Talus  und  Kalkaneus  sind  in 
solchen  veralteten  Fällen  oft  weder  aktiv,  noch  passiv  möglich,  offen¬ 
bar  infolge  Verödung  bzw.  schwerer  Deformierung  dieses  Gelenkes. 
Talus  und  Kalkaneus  erscheinen  oft  wie  ein  einziger  Knochen.  So 
kommt  es,  dass  eine  Reponierung  der  verschobenen  Knochen  nicht 
zum  Ziele  führt,  was  auch  Schult  ze  gesehen  hat  und  darum  die 
Umformung  dieser  Knochen  durch  Umpressung,  wie  er  sich  aus¬ 
drückt,  mit  Hilfe  der  Pelottenwirkung  zu  erzielen  sucht.  Nicht  immer 
ist  dies  von  Erfolg.  Begnügt  man  sich  nun  mit  einer  Teilkorrektur, 
d.h.  besteht  man  nicht  auf  einer  vollen  Umbiegung  des  supinierten 
Kalkaneus  bis  zur  Pronationslage,  so  folgt  mit  ziemlicher  Sicherheit 
ein  Rezidiv  der  Klumpfussstellung.  Denn  genau  wie  beim  kontrakten 
Knickplattfuss  der  Ausgangspunkt  der  Deformierung  die  Valgusstel- 
lung  des  Fersenbeins  ist  und  sich  von  da  aus  zwangsläufig  die  Ver¬ 
schiebung  der  übrigen  Fusswurzelknochen  und  die  eigentümliche 
Stellung  des  Vorderfusses  entwickeln,  so  trifft  dies  in  gewissen 
Grenzen  auch  für  den  Klumpfuss  zu.  Auch  bei  ihm  ist  der  springende 
Punkt  die  pathologische  Stellung  des  Fersenbeins, 
das  aus  seiner  Mittellage  herausgetreten  ist.  Wir  können  es  an 
Klumpfüssen,  die  wir  im  Entstehen  beobachten,  wie  den  paralyti¬ 
schen,  sehen,  wie  nach  der  Lähmung  der  Peronei  der  Fuss  zuerst 
hinten  umkippt  und  sich  dann  sekundär  die  Stellungsänderungen  des 


Nr.  37. 


Vorderfusses  entwickeln,  der  zum  Hinterfuss  in  eine  1  ronations-  und  j 
Plantarflexionslage  gerät.  Und  so  wie  wir  bei  der  Korrektur  des  l 
Knickplattfusses  darauf  achten  müssen,  dass  das  Fersenbein  aus 
seiner  Vnl$£usluKe  dauernd  licruusKornint  und  die  ivuttelltiüe  dl  heilt,  * 
weil  sich  sonst  von  hinten  her  die  falsche  Fussstellung  unerbittlich  , 
wieder  einstellen  muss,  so  müssen  wir  auch  beim  Klumpfuss 
verfahren. 

Die  Untersuchungen  von  Klumpfussskeletten  stellen  als  wesent-  ; 
lichste  Veränderungen,  soweit  sie  die  Fussknochen  betreffen,  die  j 
eigentümlichen  Deformierungen  des  1  alus  und  Kalka-  ( 
neus  fest.  Der  Talus  zeigt  eine  Verkürzung  seines  Halses  und  eine 
aussenkonvexe  Form,  so  dass  die  Aussenseite  länger  als  die  innere  ist.  »I 
Der  Kalkaneus  zeigt  eine  ausgesprochene  Höhenentwicklung  d 
des  Processus  anterior,  eine  schräg  nach  m  e  d  i  a  1  -  I 
wärts  abfallende  obere  Gelenkfläche,  ein  Fehlen  oder  i 
geringeres  Ausgebildetsein  des  an  der  Innenseite  gelegenen  Sustenta-  j 
culuin  tali,  während  der  an  der  Aussenseite  befindliche  I  rocessus  I 
trochlearis  stärker  ausgeprägt  ist.  Die  Längsachse  des  Kalkaneus  ist  I 
so  verbogen,  dass  an  der  Innenseite  eine  Konkav  itätl 
entsteht:  sowohl  der  Processus  anterior  als  das  durch  die  Achilles-  > 
sehne  in  die  Höhe  gezogene  Tuber  sind  medianwärts  gebogen.  Diese  rl 
Aenderungen  der  Gestalt  des  Kalkaneus  haben  folgende  Wirkung:  ;| 
Die  starke  Hühenentwicklung  des  Processus  anterior  hemmt  die 
Pronation  der  Ferse,  und  der  Fortfall  des  Sustentaculum  tali  des ! 
Kalkaneus  bedeutet,  dass  für  die  Supination  des  Fersenbeins  keine  | 
Hemmung  mehr  besteht.  Ferner  zeigte  sich  der  Processus  l 
lateralis  des  Tuber  calcanei  wiederholt  starker' 
als  der  Processus  medialis  entwickelt.  Infolgedessen  , 
sitzt  der  in  seinem  Hals  konvex  verbogene  Talus  auf  einer  schräg  i 
nach  innen  abfallenden  Gelenkfläche  des  Kalkaneus,  dessen  vorderer 
Abschnitt  und  dessen  Processus  lateralis  des  hinteren  Fortsatzes  er-; 
heblich  stärker  ausgebildet  und  zugleich  nach  innen  gebogen  sind,! 
so  dass  wie  am  Talus  eine  aussenkonvexe  Gestalt  resultiert. 

Die  Rezidive  des  Klumpfusses  gehen  auf  dem  äusseren  Fussrand.  • 
kippen  leicht  um,  und  der  Vorderfuss  steht  etwas  adduziert.  Unter-  i 
suchen  wir  solche  Fälle,  so  fällt  in  erster  Linie  die  charakteristische  j 
Stellung  des  Fersenbeins  auf.  Es  steht  in  einer  gewissen  S  u  p  i  -  | 
nation  und  kann  gar  nicht  oder  nur  in  geringem  Grade  in  Mittel¬ 
stellung  überführt  werden.  Die  Beweglichkeit  im  1  alo-calcaneal-;j 
Gelenk  erscheint  infolge  der  obengeschilderten  Veränderungen  sehr  , 
eingeschränkt  oder  ganz  aufgehoben,  so  dass  beide  Knochen  fast  ein!] 
einheitliches  Ganze  bilden.  Die  Stellung  des  Vorderfusses,  durch  dieij 
der  Ferse  bedingt,  ist  eine  adduzierte  und  mehr  oder  weniger  pro-  ] 
liierte.  Sie  scheint  eine  supinierte  zu  sein,  so  wie  die  Stellung  des  i 
Vorderfusses  beim  kontrakten  Knickplattfuss  eine  pronierte  zu  sein  j 
scheint,  was  auf  einem  Beobachtungsirrtum  beruht.  Es  fragt  sich  : 
immer  nur,  von  wo  aus  man  die  Deformität  ansieht.  Der  Klumpfussll 
ist  gegenüber  dem  Unterschenkel  und  dessen  Achse  gewiss  eineji 
Supinationskontraktur,  aber  sein  Vorderfuss  steht  zum  Hin¬ 
terfuss  in  relativer  Pronation.  Auf  diese  Verhältnisse  hat , 
Böhler  auf  dem  Orthopädenkongress  1922  nachdrücklich  aufmerk¬ 
sam  gemacht.  Und  wie  die  Erkenntnis  dieser  Stellungsverhältnisseli 
für  die  Korrektur  des  Knickplattfusses  und  die  Art  des  Gipsverbandeslj 
von  entscheidender  Bedeutung  ist,  so  auch  beim  Klumpfuss  vice  versa. ; 
Das  durch  die  Pronation-Plantarflexionsstellung  des  Vorderfusses;! 
übermässig  hohe  mediale  Längsgewölbe  wird  durch  die 
noch  vielfach  übliche  und  in  Lehrbüchern  zu  sehende  Pronation s-j; 
Stellung  des  Vorderfusses  im  Gips  verband  in  sei¬ 
ner  pathologischen  Form  erhalten.  Der  Vorderfuss:! 
muss  zum  korrigierten,  d.h.  in  Valgusstellung  gebrachten  Hinterfuss 
in  leichte  Supination  gebracht  werden,  erst  dann  ist  die  gegenseitige;! 
Verdrehung  von  Vorder-  und  Hinterfuss  ausgiebig,  d.  h.  bis  zur 
Ueberkorrektur  redressiert.  Gelingt  es  nicht,  die  Ferse  m  genügende 
Valgusstellung  zu  bringen,  lässt  sie  sich  nur  bis  zur  Mittelstellung 
redressieren  und  macht  das  untere  hintere  Sprunggelenk  einem 
starren  Eindruck,  so  bedeutet  das  keine  ausreichende  Korrektur 
Meist  wird  dadurch  nicht  ein  plantigrades  Auftreten  des  Fusses  er¬ 
zielt.  Insbesondere  sind  das  die  Fälle,  in  denen  das  Fersenbein  s<a 
deformiert  ist,  dass  eine  Korrektur  dieses  Knochens  in  sich  selbsfi 
nicht  genügend  gelingt.  In  solchen  Fällen  weicht  nach  kurzer  Zeil 
trotz  aller  Versuche,  durch  Schienen  oder  Uebungen  die  Stellung  zv 
erhalten,  das  Fersenbein  wieder  in  Varusstellung  ab,  der  Klumpfuss' 
wird  als  „rebellisch“  gescholten. 

Das  sind  die  Fälle,  denen  ich  nicht  mit  einer  Wiederholung  de:- 
Redressements  mehr  beizukommen  suche,  sondern  die  ich  mit  einer 
blutigen  Operation  korrigiere.  Die  meisten  der  bisher  geübten  Ope-1 
rationsverfahren  gehen  davon  aus,  die  Aussenseite  des  Klumpfusses 
durch  eine  Keilosteotomie  aus  der  Fusswurzel  zu  verkürzen,  um  da¬ 
durch  die  abnorme  Konvexität  zu  beseitigen.  Die  Basis: 
des  Keils  liegt  dabei  auf  der  Aussenseite,  der  Keil  wird  aus  Kuboii 
und  vorderen  Teil  des  Kalkaneus,  bisweilen  bis  in  die  Cuneiformi; 
oder  das  Naviculare  hinein,  genommen.  Der  Keil  selbst  steh 
senkrecht.  Andere  Verfahren  greifen  den  Talus  an  und  ent 
nehmen  ihm  einen  Keil  oder  durchmcisseln  den  Hals  dieses  Knochens 
um  die  konvexe  Verbiegung  dieses  Knochens  zu  beseitigen.  Von  de 
totalen  Exstirpation  einzelner  Knochen,  wie  des  Talus,  will  ich  ab 
sehen. 

Mein  Verfahren,  über  das  ich  hier  berichten  möchte,  greift  nu 
den  Kalkaneus  an.  Es  will  die  anderen  operativen  Verfahren  durch 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


14.  September  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1171 


aus  nicht  als  wertlos  und  unnütz  hinstellen,  sondern  will  eher  eine 
Ergänzung  zur  Erzielung  eines  möglichst  vollkommenen  Resul¬ 
tats  sein.  Ehe  ich  es  beschreibe,  will  ich,  um  Missverständnisse  zu 
vermeiden,  meinen  Standpunkt  zu  der  Frage,  ob  grundsätzlich  un¬ 
blutig  oder  blutig  beim  Klumpfuss  verfahren  werden  soll,  kurz  dahin 
zusammenfassen: 

Bei  allen  Klumpfiissen,  bei  Erwachsenen  wie  bei  Kindern,  soll 
stets  zuerst  das  Redressement  vorgenommen  werden, 
um  die  möglichst  ausgiebige  Korrektur  zu  erzielen.  Bei  Kindern,  bei 
denen  die  Knochen  noch  weicher  und  plastischer  sind,  werden  wir  im 
allgemeinen  auch  damit  vollkommen  auskommen.  Ist  in  einem  Fall 
unser  Ziel,  den  Kalkaneus  in  genügende  Valgusstellung  zu  bringen, 
nicht  ganz  erreicht  worden  oder  haben  wir  ein  wiederholtes  Rezidiv 
vor  uns,  so  haben  wir  ein  Recht,  die  falsche  Stellung  des  Fersenbeins 
in  gründlicherer  Weise  auf  einem  operativen  Wege  zu  beseitigen. 
Beim  schweren  Klumpfuss  des  Erwachsenen  ist  ausserdem  oft  noch 
dazu  eine  Beseitigung  der  starken  Konvexität  des  äusseren  Fuss- 
randes  nötig.  Alles  dies  aber  erst,  nachdem  wir  mit  aller  Energie 
und  mit  allen  verfügbaren  Mitteln  und  genügender  Technik  das 
Redressement  des  Fusses  haben  vorausgehen  las¬ 
sen.  Dasselbe  gilt  auch  für  den  deformierten  Plattfuss,  wie  ich 
dies  in  meinem  Buch  „Fuss  und  Bein,  ihre  Erkrankungen  und  deren 
Behandlung“  (Bergmann,  1923)  ausführlich  behandelt  habe.  Macht 
man  die  Osteotomie  ohne  genügendes  vorhergehendes  Redressement, 
so  ist  man  meist  genötigt,  einen  viel  grösseren  Knochenkeil  zu  ent¬ 
fernen  und  wird  oft  nicht  die  gute  Fussform  erreichen,  die  entsteht, 
wenn  vorher  alle  Weichteilhindernisse  beseitigt  und  die  verschobenen 
Knochen  möglichst  reponiert  sind. 

Wenn  also  das  Haupthindernis  der  dauernden  Geraderichtung 
des  Fusses  die  Varusstellung  der  Ferse  ist,  so  suche  ich  diese  auf 
folgende  Weise  zu  beseitigen:  Durch  die  Deformität  ist  das  Fersen¬ 
bein  in  falscher  Richtung  gewachsen,  wie  ich  das  oben  beschrieben 
habe.  Einmal  haben  wir  die  aussen  konvexe  Gestalt  dieses 
Knochens  und  zweitens  die  einseitige  Höhenentwicklung 
der  lateralen  Seite.  Durch  diese  letztere  vor  allen  Dingen 
ist  die  dauernde  Geraderichtung  dieses  Knochens  sehr  erschwert. 
Der  Kalkaneus  stützt  sich  auf  den  vergrösserten  Processus  lateralis 
des  Tuber  auf  den  Boden  auf.  Der  normale  Fuss  stützt  sich  be¬ 
kanntlich  auf  den  medialen  Prozessus  auf,  der  grösser  als  der  laterale 
ist  (Abb.  1).  Ferner  ruht  beim  Klumpfuss  der  Talus  auf  der  schräg 
abfallenden  Gelenkfläche  des  deformierten  Kalkaneus  auf  und  wird  in¬ 
folgedessen  immer  einer  Abweichung  des  Kalkaneus  folgen  müssen. 
Man  versteht  nunmehr,  warum  eine  senkrechte  Keilosteotomie  aus  der 


Abb.  1.  Der  normale  Fuss,  von  hinten  gesehen.  Das  Fersenbein  ruht 
auf  dem  Processus  medialis.  Der  Talus  liegt  horizontal  auf  dem  Kalkaneus. 

Abb.  2.  Klumpfuss,  von  hinten  gesehen.  Der  Kalkaneus  ruht  auf  dem 
vergrösserten  Processus  lateralis.  Der  Talus  ruht  auf  einer  schrägen  Gelenk¬ 
fläche  des  Kalkaneus.  Die  Strichelung  zeigt  den  zu  entfernenden  trans¬ 
versalen  Keil  aus  dem  Fersenbein. 

Abb.  3.  Kalkaneus,  von  der  Aussenseite  gesehen.  Die  Strichelung  zeigt 
den  zu  entfernenden  transversalen  Keil,  der  von  hinten  nach  vorn  durch  den 
Processus  trochlearis  hindurchgeht. 

Fusswurzel  mit  der  Basis  an  der  Aussenseite  diese  wichtige,  ja  vielfach 
entscheidende  Komponente  des  Klumpfusses  nicht  anzugreifen  ver¬ 
mag.  Sie  trifft  sie  nicht.  Der  Kalkaneus  bleibt  supiniert,  und  wenn 
er  auch  durch  das  Redressement  bis  zu  einem  gewissen  Grade  in 
seiner  Stellung  zum  Unterschenkel  korrigiert  worden  ist,  wird  die 
Tatsache  der  einseitigen  lateralen  Höhenentwicklung  das  Eintreten 
des  Rezidivs  ausserordentlich,  ja  entscheidend  begünstigen.  Legt 
die  Ferse  sich  wieder  um,  d.  h.  weicht  sie  wieder  in  Varusstellung  ab, 
so  folgt  ihr  der  Vorderfuss  in  der  für  ihn  charakteristischen,  oben¬ 
besprochenen  Weise. 

Ich  suche  nun  die  laterale  Höhenentwicklung  des  Kalkaneus  zu 
beseitigen  bzw.  auszugleichen.  Ich  führe  eine  transversale, 
wagerechte  Keilosteotomie  aus  dem  Kalkaneus 
mit  der  Basis  des  Keils  an  der  Aussenseite  des  Kno¬ 
chens  aus.  Nach  der  Entfernung  des  Keils  wird  das  sohlenwärtige 
Stück  der  Ferse  gegen  das  kopfwärtige  hochgeklappt  und  die  Kno¬ 
chenschnittflächen  wieder  zur  Vereinigung  gebracht.  Die  laterale 
Höhenentwicklung  ist  damit  ausgeglichen,  und  die  Ferse  kann  nun 


entweder  auf  dem  medialen  Prozessus  oder  auf  beiden  zugleich  auf¬ 
ruhen.  Der  Talus  ruht  dann  auch  nicht  mehr  auf  einer  schräg  ab¬ 
fallenden  Gelenkflächc  des  Kalkaneus  auf,  sondern  durch  unsere 
Korrektur  haben  wir  ihm  eine  annähernd  horrizontalc  Unterlage  ge¬ 
geben.  Dieser  Eingriff  sieht  wie  ein  Teileingriff  aus,  er  greift  aber  an 
dem  Schliisselpunktc  des  Klumpfusses  an,  dem  Punkte,  von  dem  aus 
die  übrige  Fussform  orientiert  wird.  Es  ist  weiterhin  verständlich, 
weshalb  ich  oben  gefordert  habe,  dass  vor  dem  blutigen  Eingriff 
eine  energische  und  möglichst  gründliche  Korrektur  der  ganzen  De¬ 
formität  durch  das  Redressement  mit  oder  ohne  Tenotomie 
der  Achillessehne  geschehe.  Erst  nach  diesem  Redressement  lässt 
sich  übersehen,  welche  Verbesserungen  noch  notwendig  sind.  Ist 
das  noch  am  meisten  störende  die  Konvexität  des  Kalkaneus  an  der 
Aussenseite,  so  tritt  die  bekannte  senkrechte  Keilosteotomie  aus  der 
Fusswurzel,  die  sich  bis  in  den  Processus  anterior  des  Kalkaneus 
erstreckt,  in  ihr  Recht.  Sie  wird  nicht  allzu  häufig  in  Betracht  kom¬ 
men,  weil  diese  aussenkonvexe  Komponente  des  Klumpfusses  dem 
Redressement  am  ehesten  weicht.  Anderseits  sieht  man,  wie  es  mit 
der  Supinationsstellung  des  Kalkaneus  steht,  ob  er  durch  das  Re¬ 
dressement  genügend  locker  geworden  ist  und  in  Pronationsstellung 
gebracht  werden  kann,  oder  ob  er  wie  eingemauert  feststehen  ge¬ 
blieben  ist.  Das  sind  die  Fälle,  in  denen  das  Gelenk  zwischen  Talus 
und  Kalkaneus  erheblich  deformiert,  verödet  ist.  Hier  tritt  der  Ein¬ 
griff  in  sein  Recht,  den  ich  beschrieben  habe.  1883  hat  Rydygier 
einen  ähnlichen  Gedanken  ausgesprochen  und  einen  horizontalen  Keil 
aus  dem  Processus  anterior  calcanei  und  dem  Talus  entfernt.  Der 
Gedanke  ist  nicht  weiter  verfolgt  worden,  auch  fehlt  bei  ihm  das 
meiner  Meinung  nach  unbedingt  der  Osteotomie  vorauszuschickende 
Redressement  der  Deformität.  Die  Osteotomie  aus  dem  Talus  halte 
ich  nicht  für  nötig,  weil  der  Talus  durch  die  Korrektur  der  Stellung 
des  Kalkaneus,  auf  dem  er  ruht,  ganz  automatisch  richtig  orientiert 
wird. 

Die  Operation  führe  ich  folgendermassen  aus:  Von  einem  leicht 
bogenförmigen,  etwa  7  cm  langen  Hautlängsschnitt  an  der  Aussen¬ 
seite  des  Kalkaneus  etwa  in  Höhe  seiner  Mitte  wird  zunächst  die 
Sehne  des  M.  peroneus  longus,  die  hinter  dem  meist  stark  entwickel¬ 
ten  Processus  trochlearis  verläuft,  um  bald  in  der  Fusssohle  zu  ver¬ 
schwinden,  nach  Spaltung  ihres  Retinakulums  nach  oben  beiseite 
gezogen.  Nun  wird  mit  einem  scharfen,  dünnen  und  breiten  Meissei 
(L  e  x  e  r  scher  Meissei)  oder  mit  der  Kreissäge  aus  der  ganzen  Länge 
des  Kalkaneuskörners  samt  Processus  anterior  ein  wagerecht  liegen¬ 
der  Keil  mit  der  Basis  aussen  gemeisselt  (Abb.  2  und  3).  Die  Spitze 
des  Keils  liegt  innen.  Man  muss  mit  dem  Meissei  durch  die  ganze 
Spongiosa  hindurch  bis  an  die  Compacta  der  medialen  Seite  gehen. 
Die  Länge  des  Keils  beträgt  etwa  7 — 8  cm,  der  Schnitt  durch  den 
Knochen  beginnt  hinten  am  Tuber  und  reicht  nach  vorn  durch 
den  vorderen  Fortsatz  hindurch;  er  liegt  ferner  unmittelbar  unter¬ 
halb  des  Processus  trochlearis,  bei  sehr  starker  Vergrösserung  des¬ 
selben  geht  er  mitten  durch  diesen  hindurch,  um  ihn  so  zu  ver¬ 
kleinern.  Seine  Basis  beträgt  je  nach  der  Schwere  der  Deformität 
1/4* — 2 — 3  cm.  Man  muss  den  Keil  sauber  herausmeisseln,  um  gut  auf¬ 
einander  passende  Knochenschnittf'ächen  zu  erhalten.  Nun  klappt 
man  das  sohlenwärtige  Stück  nach  oben,  wobei  die  mediale  Kortikalis 
einknickt,  und  befestigt  es  am  kopfwärtigen  Stück  mit  ein  paar  Kat- 
eutfäden  durchs  Periost  und  die  benachbarten  Weichteile,  legt  die 
Peroneussehne  wieder  in  ihr  Bett  und  schliesst  das  durchtrennte 
Retinakulum  und  die  Haut.  Der  Giosverband  wird  in  der  erreichten 
Korrekturstellung  der  Ferse,  in  Abduktion  und  gerader  Mittelstellung 
des  Vorderfusses  angelegt.  Nach  10  Tagen  Verbandwechsel  mit  Ent¬ 
fernung  der  Nähte  und  Anlegung  eines  neuen,  polsterlosen  Gipsver¬ 
bandes  für  etwa  5  Wochen,  in  dem  der  Kranke  die  letzten  2  Wochen 
gehen  kann.  Damit  ist  die  Behandlung  beendet. 

Dieses  Prinzip  der  Beeinflussung  der  Stellung  des  Kalkaneus 
durch  Berücksichtigung  der  deformen  Gestalt  dieses  Knochens  ist 
aber  nicht  nur  für  die  obenbezeichneten  Formen  des  Klumpfusses  die 
folgerichtige  Lösung,  sondern  auch  für  die  schwereren  Formen  des 
versteiften  deformierten  Plattfusses.  Nur  dass  hier 
die  Richtung  der  Verschiebung  und  die  Deformierung  des  Fersen¬ 
beins  und  dementsprechend  auch  die  Korrektur  die  umgekehrte  ist. 
Der  Ausgangs-  und  Schlüsselounkt  ist  der  gleiche:  das  Fersenbein. 
Wie  es  beim  Klumpfuss  in  Varusstellung  steht,  so  gerät  es  beim 
Knickplattfuss  in  Valgusstellung  und  zieht  die  anderen  Fussknochen 
entsprechend  mit  sich  und  orientiert  von  sich  aus  den  Vorderfuss, 
wie  wir  oben  gesehen  haben.  Die  transversale,  wn  gerechte  Keil¬ 
osteotomie  des  Kalkaneus  mit  Lage  der  Basis  des  Keils  an  der 
Innenseite  beseitigt  in  besonders  hartnäckigen  Fällen  von  schwer 
deformiertem  Knickplattfuss.  wobei  das  Fersenbein  wie  fest  ge¬ 
mauert  in  der  Valgusstellung  beharrt  und  infolge  Verödung 
des  Talokalkanealgelenkes  die  Beweglichkeit  im  hinteren 
unteren  Sorunggelenk  verloren  gegangen  ist.  die  Deformität  auf  das 
gründlichste  und  sichert  gegen  das  Rezidiv.  Selbstverständlich  muss 
auch  hier  der  Osteotomie  das  allergründlichste  Redressement  vor¬ 
ausgehen,  und  die  Osteotomie  darf  nur  zur  Vervollkommnung  des 
Resultats  angeschlossen  werden,  weil  sonst  eine  wirkliche  Korrek¬ 
tur  der  Deformität  nicht  erzielt  wird. 


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MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  37 


Aus  der  Röntgenabteilung  der  2.  Universitätsklinik  für  Frauen¬ 
krankheiten  in  München.  (Vorstand:  Prof.  Dr.  Franz  Weber.) 

Epilepsie  und  Menstruation* *). 

Von  Oberarzt  Dr.  F.  Winter. 


Bei  der  genuinen  Epilepsie  treten  Krampfanfälle  regellos,  ge¬ 
wöhnlich  ohne  äussere  Ursache  auf.  Die  Psychiatrie  kennt  aber  doch 
Fälle  echter  Epilepsie,  bei  denen  Krämpfe  im  Anschluss  an  äussere 
Ursachen  auftreten;  es  kommt  auch  vor,  dass  Anfälle  durch  psy¬ 
chische  Einflüsse  ausgelöst  werden.  Verhältnismässig  selten,  aber 
sicher  beobachtet,  sind  nun  Epilepsien,  bei  denen  das  Auftreten  der 
Anfälle  zweifellos  mit  den  Vorgängen  bei  der  Menstruation  in  Be¬ 
ziehung  steht  insofern,  als  sie  nicht  völlig  regellos,  sondern  grössten¬ 
teils  oder  immer  kurz  vor,  während  oder  direkt  nach  der  Periode 
eintreten.  Dieses,  wie  die  Tatsache,  dass  das  erste  Auftreten  der 
epileptischen  Krämpfe  in  den  meisten  Fällen  echter  Epilepsie  in  die 
Pubertätszeit  fällt,  und  die  Beobachtung,  dass  die  Anfälle  häufig 
während  der  Schwangerschaft  aussetzen,  spricht  für  einen  Zusammen¬ 
hang  der  Krämpfe  mit  der  Funktion  des  Eierstocks.  Bei  diesen  durch 
die  menstruellen  Vorgänge  ausgelösten  Krämpfen  ist  die  Differential¬ 
diagnose  gegenüber  der  Hysterie  besonders  schwierig  und  muss  mit 
besonderer  Vorsicht  gestellt  werden. 

In  solchen  Fällen,  in  denen  die  Anfälle  besonders  oder  aus¬ 
schliesslich  um  die  Periodenzeit  auftreten,  liegt  der  Gedanke  nahe, 
durch  Ausschaltung  der  periodisch  auftreteriden  auslösenden  Ursache, 
der  Menstruation,  eine  Einwirkung  auf  die  Krämpfe  zu  verursacnen. 
Nun  gibt  uns  die  in  der  letzten  Zeit  ausgebildete  Methode  der  tem¬ 
porären  Kastration  durch  Röntgenstrahlen  die  Möglichkeit,  ein  vor¬ 
übergehendes  Pausieren  der  Menses  zu  bewirken.  Erst  seit  dieser 
Zeit  glaubte  ich  zu  dem  Versuche  berechtigt  zu  sein,  durch  Unter¬ 
drückung  der  Menstruation  die  Anfälle  zu  beeinflussen,  denn  bei  der 
noch  vollkommen  ungeklärten  Aetiologie  der  genuinen  Epilepsie  er¬ 
schien  mir  eine  dauernde  Ausschaltung  der  Ovarialtätigkeit  doch  zu 
grosse  Gefahrmöglichkeiten  in  sich  zu  schliessen. 

Als  erster  hat  Ewald  eine  Kranke  mit  periodisch  bei  der  Men¬ 
struation  auftretenden  stuporösen  Zuständen  bestrahlt  und  trotz 
Röntgenkastration,  ja  trotz  folgender  operativer  Kastration  zu  den 
Zeiten,  zu  denen  ohne  Kastration  die  Menstruation  zu  erwarten  ge¬ 
wesen  wäre,  die  periodische  Wiederkehr  dieses  psychischen  Zu¬ 
standes  beobachtet 1). 

Das  verhältnismässig  seltene  Vorkommen  hierher  gehöriger 
Fälle  echter  Epilepsie  bringt  es  mit  sich,  dass  ich  bisher  nur  über 
vier  einschlägige  Kranke  berichten  kann.  Die  Ergebnisse  waren  aber 
so  eindeutig  und  so  zufriedenstellend,  dass  ich  doch  in  Kürze  darüber 
berichten  möchte. 

Die  Diagnose  „genuine  Epilepsie“  stammt  in  allen  Fällen  von 
fachmännischer  Seite  und  wurde  durchwegs  durch  längere  Be¬ 
obachtung  erhärtet. 

Es  handelt  sich  in  allen  4  Fällen  um  junge  Mädchen  zwisenen  17 
und  21  Jahren:  die  Anfälle  traten  in  3  Fällen  erstmals  mit  der  Puber¬ 
tät  auf;  in  einem  Fall  traten  sie  schon  4  Jahre  vor  der  ersten  Pe¬ 
riode  —  im  10.  Lebensjahre  —  ein.  Abgesehen  davon,  dass  alle 
Kranken  sehr  früh,  zwischen  13  und  14  Jahren,  menstruiert  wurden, 
waren  bisher  keine  gemeinsamen  Züge  zu  finden,  die  irgendeine 
bestimmte  Gruppierung  ermöglicht  hätten. 

Im  ersten  Falle,  der  mir  von  dem  damaligen  stellvertretenden  Direktor 
der  Klinik.  A  1  b  r  e  c  h  t,  mit  der  Indikation  zur  Röntgenkastration  übergeben 
wurde,  handelte  es  sich  um  eine  damals  19  jährige  Kranke  (W.  R.  1919)  von 
infantilem  Habitus.  Die  erste  Periode  war  mit  14  Jahren  eingetreten,  anfangs 
längere  Zeit  aussetzend,  später  regelmässig,  in  den  letzten  Jahren  mittelstark, 
von  4 — 5  tägiger  Dauer.  Seit  dem  10.  Lebensjahre,  also  4  Jahre  vor  Beginn 
der  Periode,  traten  Krämpfe  auf,  die  sich  etwa  alle  4  Wochen  wiederholten. 
Sie  bestanden  in  monatlich  7 — 8  Anfällen,  von  denen  stets  2 — 3  Krampfanfälle, 
die  übrigen  nur  kurzdauernde  Bewusstseinstrübungen  waren.  Ueber  heredi¬ 
täre  Belastung  ist  nichts  festzustellen.  Die  Kranke  ist  ein  schwächliches,  in¬ 
fantiles  Wesen  mit  vielen  degenerativen  Merkmalen,  klagt  über  Angst¬ 
zustände,  zeigt  Schreckhaftigkeit  und  ist  umständlich  in  ihrem  Wesen.  Der 
Anfall  selbst  beginnt  mit  einer  Aura,  die  als  „ein  Aufsteigen  im  Inneren“  be¬ 
zeichnet  wird.  Er  besteht  in  Aufschrei,  Bewusstlosigkeit,  Umfallen,  tonisch¬ 
klonischen  Krämpfen,  Zungenbiss  und  gelegentlichen  Verletzungen.  Nach  dem 
Anfall  Zittern,  Weinen,  Beklommenheit  Der  Zeitpunkt  des  Eintrittes  ist  ge¬ 
wöhnlich  wenige  Tage  vor  der  Periode,  öfter  auch  während  derselben.  Am 
15.  Nov.  und  29.  Dez.  19  wurde  prämenstruell  eine  Bestrahlung  mit  etwa 
%  Ovarialdosis  ausgeführt.  Sie  ergab  keine  deutliche  Besserung.  Eine 
Wiederholung  der  Behandlung  am  23.  März  1920  bewirkte  vollkommenes  Aus¬ 
bleiben  der  leichten  Anfälle  und  eine  gewisse  Verminderung  der  Zahl  der 
schweren  Anfälle.  Als  sich  vom  Oktober  ab  die  schweren  Anfälle  wieder 
zu  häufen  begannen,  wurde  am  29.  und  30.  Dez.  20  eine  temporäre  Kastra¬ 
tion  mit  Röntgenstrahlen  ausgeführt.  Daraufhin  kam,  wie  erwartet,  im  Januar 
und  Februar  noch  die  Periode.  Auch  die  Krampfanfälle  blieben  nicht  aus. 
Vom  März  21  bis  September  22  (so  lange  war  die  Kranke  in  Beobachtung  der 
Klinik)  bestand  die  Menopause  fort.  Während  dieser  Zeit  trat  monatlich 
höchstens  ein  schwerer  Anfall  auf.  Die  kleinen  Anfälle  sind  vollkommen 
weggeblieben.  Die  Kranke  hat  sich  körperlich  und  psychisch  gut  erholt,  hat 
nur  leichte  Ausfallserscheinungen,  die  in  der  letzten  Zeit  kaum  mehr  störend 
empfunden  wurden. 


In  diesem  Fall  wurde  also  durch  'A  Ovarialdosis  eine  dauernde 
Unterdrückung  der  Bewusstseinstrübungen  und  vielleicht  eine  Her¬ 
absetzung  der  Häufigkeit  der  schweren  Krampfanfälle  erreicht.  Einen 
weiteren  Erfolg  brachte  auch  die  temporäre  Kastration  nicht. 

Der  zweite  Fall  betrifft  eine  18  jährige.  kräftige  Kranke,  bei  der  sich 
mit  12  Jahren  die  erste  Periode  eingestellt  hatte.  Die  Periode  blieb  dann 
ein  Jahr  ganz  aus,  um  seither  regelmässig,  dreiwöchentlich,  stark,  mit  drei-:, 
tägiger  Dauer  ohne  Dysmenorrhöe  aufzutreten.  Seit  dem  12.  Lebensjahr, 
mit  Beginn  der  Periode,  wurden  nun  ausschliesslich  um  die  Menstruation*-  : 
zeit  Zuckungen  in  den  Augenlidern  oder  der  Stirnhaut,  sowie  Schielen  be-  ' 
obachtet.  Mit  14  Jahren  trat  ebenfalls  zur  Zeit  der  Menstruation  der  erste  ! 
epileptische  Anfall  auf.  Die  Krämpfe  kamen  dann  eine  Zeitlang  gehäuft  und  jj 
völlig  regellos.  Später  hielten  sie  sich  streng  an  die  Periodenzeit,  traten  kurz! 
vor,  während  oder  gleich  nach  ihr  auf;  nur  ausnahmsweise  in  der  Mittel 
zwischen  zwei  Perioden.  Bei  der  Geburt  der  Kranken  war  keine  Kunsthilfe  I 
notwendig,  die  üeburtsdauer  war  kurz.  Hereditär  ist  nur  festzustellen,  dass] 
ein  Bruder  des  Vaters  an  „Anfällen“  leidet.  Kranke  ist  kräftig  entwickelt,! 
sieht  älter  aus  als  sie  ist,  zeigt  mehrfach  Degenerationszeichen.  Sekundärei 
Geschlechtsmerkmale  normal,  Sehnenreflexe  gesteigert.  Wassermann  netra-'i 
tiv.  Sie  ist  lügenhaft,  unzuverlässig,  sexuell  sehr  erregbar.  Der  Anfall  selbst  u 
tritt  zu  verschiedener  Tageszeit  auf.  Manchmal  wird  sein  Herannahen  durchl 
Auftreten  eines  eigenartigen  Schwindelgefühls  bemerkt.  Dann  treten  Bewusst-J 
losigkeit,  tonisch-klonische  Krämpfe  dazu;  es  zeigt  sich  Schaum  vor  dem  b 
Munde.  Der  Krampfanfall  ist  von  kurzer  Dauer;  nachher  klagt  Kranke  überl 
heftige  Kopfschmerzen  und  verbringt  den  Rest  des  Tages  schlafend.  Fastl 
immer  kommt  es  zu  Zungenbiss;  viele  Narben  vom  Aufschlagen  sind  fest-1 
zustellen.  Einmal  hat  sich  die  Kranke  im  Anfall  eine  Haarnadel  in  dem] 
Kopf  gestossen,  mehrfach  Zähne  ausgebrochen.  Einmal  war  sie  längere! 
Zeit  krank,  nachdem  sie  im  Sturz  auf  eine  Stuhllehne  aufgefallen  war. 


*)  Nach  einem  auf  dem  18.  Gynäkologenkongress  (1923)  gehaltenen 
Vortrag. 

*)  Die  Richtigkeit  dieser  Darstellung  des  Falles  gegenüber  einer  Dis¬ 
kussionsbemerkung  D  y  r  o  f  f  s  -  Erlangen  hat  mir  Ewald  brieflich  be¬ 
stätigt. 


Aus  der  Tafel  sehen  wir,  dass  die  Krampfanfälle  fast  immer  um  die 
Periodenzeit  auftreten.  Nur  im  Mai  sehen  wir  einen  Anfall  am  12.  Tage,  also! 
intermenstruell,  und  vielleicht  im  März  22  die  Bewusstseinstrübungen.  Am, 
26.  und  27.  Juli  wird  die  Kastrationsbestrahlung  durchgeführt.  Die  Kranke* 
glaubte,  dass  nun  Periode  und  Anfälle  ausbleiben  werden.  'Am  11.,  12.  und 
13.  August  traten  aber  doch  Anfälle  und  erst  am  14.  VIII.  die  Periode  auf! 
Dann  kein  Anfall  mehr.  Die  Periode  tritt  noch  im  September  auf.  Dann 
Menopause  und  Sistieren  der  Anfälle.  Im  Dezember  werden  wieder  ganz  i 
unvermutet  mehrere  Bewusstseinstrübungen  und  Zuckungen  beobachtet.  ■ 
Gleich  darauf  tritt  die  Periode  ein.  Weiterhin  ergibt  sich  das  gleiche  Bild' 
wie  vor  der  Bestrahlung.  Eine  neuerliche  Strahlenbehandlung  wird  in  die 
Wege  geleitet  werden. 

Die  zwei  weiteren  Fälle  zeigen  in  den  wesentlichen  Punkten  s- 
weitgehende  Uebereinstimmung  mit  dem  2.  Fall,  dass  ihre  besondere1 
Besprechung  an  dieser  Stelle  unterbleiben  kann.  In  den  beiden  Fället 
handelt  es  sich  ebenfalls  um  jugendliche  Kranke  im  Alter  von  18  rn 
21  Jahren. 

Aus  den  vier  Fällen  geht  wohl  mit  Sicherheit  hervor,  dass  durch» 
die  Bestiahlung,  besonders  durch  die  temporäre  Kastration,  eine  Ver-h 
ringerung,  in  3  Fällen  vorläufig  sogar  eine  Beseitigung  der  Anfälle 
erreicht  werden  konnte.  Die  Fälle  beweisen  nach  Art  des  Eintrittes 
der  Menstruation,  dass  das  Aufhören  der  Krampfanfälle  nicht  aut 
suggestive  Einflüsse  zurückzuführen  ist.  Denn  die  Kranken  glaubten, 
dass  nach  der  Bestrahlung  überhaupt  keine  Menstruationsbl.itungj 
mehr  auftreten  wird.  Trotzdem  kam  es  im  Prämenstruum  wieder  zu 
Krampfanfällen.  Ebenso  beweisend  ist  der  Umstand,  dass  nach 
mehrmonatiger  Menopause  typische  „abortive  Anfälle“  beobachtet!, 
wurden  und  erst  etwas  später  die  Menstruation  wieder  einsetzte.  | 

Diese  Beobachtungen  dürften  beweisen,  ebenso  ein  kürzlich  von 
M.  Fränkel  mitgeteilter  Fall,  dass  in  derartigen  Fällen  ein  kau¬ 
saler  Zusammenhang  zwischen  Menstruation  und  epileptischem 
Krampfanfall  besteht. 

Wie  ist  dieser  Zusammenhang  zu  denken?  Die  Frage  führt  uns 
zu  den  neueren  Theorien  über  die  Epilepsie.  Es  wird  z.  B.  die  An¬ 
sicht  vertreten,  die  Epilepsie  sei  gar  keine  Gehirnerkrankung,  sondern 
eine  endokrine  Störung.  Bolten  glaubt,  sie  auf  eine  Hypo¬ 
funktion  der  Schilddrüse,  Fischer  auf  eine  Hyperfunktion  der 
Nebenniere  zurückführen  zu  können.  Die  therapeutischen  Auswir- 


September  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


117,1 


ngen  dieser  Ideen  waren  dann  sogenannte  Röntgenreizbestrahlung 
s  Thymus  und  der  Schilddrüse,  anderseits  operative  Reduktion  der 
benniere  nacli  Fischer-Brüning.  Eine  gewisse,  voriiber- 
rtende  Einschränkung  der  Anfallshäufigkeit  scheint  durch  diese 
■thoden  erreichbar  zu  sein.  Eine  Kombinationstherapie  glaubt  auf 
und  theoretischer  Erwägungen  0.  Strauss  empfehlen  zu  dürfen, 
hat  mit  der  Bestrahlung  der  Milz,  des  Thymus  und  der  Leber  mit 
inen,  der  linken  Nebenniere  mit  grossen  Dosen  günstige  Erfah¬ 
rnen  gemacht. 

Obwohl  diese  Beobachtungen  das  grösste  theoretische  Interesse 
rdienen,  sollte  man  sich  doch  hüten,  auf  ein  so  knappes  Material 
nun  schon  Theorien  über  das  Wesen  der  Epilepsie  aufzubauen, 
r  wissen  durch  die  Erfahrungen  der  Psychiater,  dass  bei  der  ge- 
nen  Epilepsie  häufig  die  verschiedensten,  gelegentlich  die  gering¬ 
sten  Massnahmen,  wie  Uebernahmc  in  eine  Anstalt,  Bettruhe, 
endeinc  Laparotomie  u.  a.  mehr,  ein  vorübergehendes  Sistieren 
-  Anfälle  mit  sich  bringen  können. 

Deshalb  gewinnt  die  Ansicht  an  Wahrscheinlichkeit,  dass  alle 
gebannten  Massnahmen  nicht  gegen  die  Epilepsie  als  solche  ge¬ 
lltet  sind,  sondern  nur  Eingriffe  in  das  Gefüge  des  vor¬ 
bildeten  Krampfmechanismus  darstellen.  Durch  Stö- 
ig  dieses  Krampfmechanismus  an  irgendeiner  Stelle  mag  die 
impfbereitschaft  herabgesetzt  und  damit  die  Zahl  der  Anfälle  ein- 
ichränkt  oder  ganz  aufgehoben  werden.  Ob  ausser  der  erwähnten 
irung  der  Krampfauslösung  irgend  etwas  gegen  die  epileptische  Er- 
inkutig  selbst  erreicht  wurde,  erscheint  durchaus  fraglich. 

In  ähnlicher  Weise  möchte  ich  die  Vorgänge  bei  der  Einscnrän- 
ig  oder  vollständigen  Aufhebung  der  epileptischen  Anfälle  nach 
iporärer  Kastration  erklären.  Der  nach  H.  Fischer  im  Organis- 
s  vorgebildete  Krampfmechanismus  geht  in  solchen  Fällen  offenbar 
;r  das  Ovarium.  Gelingt  es,  durch  die  Bestrahlung  an  dieser  Stelle 
unterbrechen,  so  scheint  eine  Herabsetzung  der  Krampfbereit- 
mft  zu  erfolgen  und  ein  günstiger  Einfluss  auf  die  Anfallshäufigkeit 
;geiibt  zu  werden. 

Eine  andere  Möglichkeit  wäre  die,  dass  der  zur  Zeit  der  Menstru- 
>n  vorhandene  labile  Zustand  der  Frau  einen  günstigen  Boden  für 
Mobilisierung  des  Krampfmechanismus  abgeben  könnte.  Dieser 
fte  durch  die  Unterdrückung  der  Ovulation  und  Menstruation  hint- 
tchaltcn  werden,  wodurch  eine  Ursache  für  die  Auslösung  des 
impfmechanismus  in  Wegfall  käme. 

Zur  Klärung  der  Frage,  ob  ausser  dem  Eingriff  in  den  Ablauf 
Krampfmechanismus  irgendeine  Einwirkung  auf  die  epileptische 
crankung  selbst  möglich  ist,  soll  eine  grössere  Anzahl  von  Epi- 
sien  ohne  Rücksicht  auf  den  Zusammenhang  der  Krämpfe  mit  der 
nstruation  durch  temporäre  Kastration  behandelt  und  ausserdem 
Wirkung  der  Hodenbestrahlung  auf  die  Anfälle  beim  Manne  unter¬ 
st  werden. 

Literatur. 

Ewald:  Bestrahlungsergebnis  bei  einer  menstruell  rezidivierenden 
cliose.  Mschr.  f.  Psvch.  u.  Neurol.  52.  —  Bolten:  D.  Zsclir.  f.  Nerven- 
1915,  53  und  1917.  57.  —  Fischer:  Zsclir.  f.  d.  ges.  Neurol.  u.  Psych. 
0,  56.  ' —  M.  F  r  a  e  n  k  e  1:  Zbl.  f.  Qyn.  1923  Nr.  7. 


m  Thema  der  Stauungsgallenblase  und  des  Gallen¬ 
kolikrezidivs*). 

Von  Prof.  Dr.  Paul  Zander,  Darmstadt. 

M.  H.l  Sie  alle  kennen  jene  Fälle,  von  denen  ich  heute  sprechen 
1.  Es  sind  die  Fälle,  die  uns  vom  Internisten  mit  der  Diagnose 
ilezystitis-Cholelithiasis  überwiesen  werden.  Fälle,  die  wir  vicl- 
ht  selbst  beobachteten  und  bei  denen  wir  auf  Grund  dieser  Diagnose 
Indikation  zur  Operation  stellen.  Wir  machen  auf  und  finden  — 
hts.  Nichts  oder  bei  wohlwollender  Beurteilung  das,  was  man  als 
olecystitis  sine  concremento,  als  Pericholecystitis  oder  als  Stau- 
tsgallenblase  bezeichnet.  Jene  Fälle,  bei  denen  sich  Chirurg  wie 
ernist  gleichmässig  über  die  falsche  Diagnose  oder  Indikation 
:ern. 

Für  diese  Fälle  erbitte  ich  Ihr  Interesse.  Und  ich  erbitte  es 
ichzeitig  für  jene  ebenfalls  sehr  unangenehmen  und  für  Arzt  wie 
uiken  gleich  peinlichen  Fälle,  bei  denen  nach  glücklich  ausge- 
rter  Exstirpation  der  steingefüllten  entzündeten  Gallenblase  auf 
mal  wieder  die  alten  Beschwerden  sich  neu  einstellen. 

Um  zunächst  mit  den  zuerstgenannten  Fällen  zu  beginnen,  so 
>e  ich  November  1920  an  dieser  Stelle  über  das  Thema  der  Stau- 
tsgallenblase  gesprochen.  Das  Missverhältnis  zwischen  der  Er- 
'üchkcit  des  klinischen  Bildes  und  der  Geringfügigkeit  des  autop- 
hen  Befundes,  sowie  der  häufig  unbefriedigende  Erfolg  der  opera- 
Jn  Behandlung  weckten  in  mir  immer  wieder  Zweifel  an  der  Ricli- 
<eit  der  Diagnose  oder  der  Richtigkeit  der  Deutung  der  Krankheit 
Das  häufige  Vorhandensein  gleichzeitiger  unbestimmter  Sensa¬ 
len  im  Bereich  der  Blinddarmgegend,  der  Adnexe,  des  Magens, 
1  das  ebenso  häufige  Vorliegen  einer  Enteroptose  brachte  mich 
nals  immer  mehr  zu  der  Ueberzeugung,  dass  es  sich  bei  einem 
1  dieser  Fälle  gar  nicht  um  eine  echte,  isolierte  Stauungsgallen¬ 
se  handele,  sondern  dass  bei  ihr  die  Gallenstauung  nur  ein  ein- 

*)  Vortrag,  auszugsweise  gehalten,  auf  der  Mittelrlicinischcn  Chirurgcn- 
u|>g  am  6.  Januar  1923. 


zelncs  Symptom  einer  allgemein  bedingten  funktionellen  Störung  sei. 
Weitere  Erfahrungen  Hessen  mir  eine  Beobachtung  immer  wieütiger 
erscheinen,  die  ich  damals  ganz  nebenbei  erwähnte,  ohne  sie  er¬ 
klären  zu  können. 

Mir  fiel  bei  den  Operationen  auf,  dass  recht  oft  nicht  nur  eine 
Vergrösserung  der  prall  gespannten  Gallenblase,  sondern  auch  eine 
mehr  oder  weniger  ausgesprochene  Erweiterung  des  Ductus  hepa- 
tico  -  choledochus  vorlag1). 

Der  daraus  sich  ergebende  Schluss  ist  eigentlich  sehr  einfach: 
Die  Ursache  der  Gallenstauung  kann  hier  nicht  auf  einem  Ventil¬ 
verschluss  im  Bereich  des  Ductus  cysticus  beruhen,  sondern  sie  weist 
auf  ein  tiefersitzendes  Hindernis  hin. 

Dies  brachte  mich  auf  die  Vermutung  eines  Spasmus  im  Bereich 
des  Sphinkters  der  Papilla  duodeni. 

Ein  Spasmus  dieses  Schliessmuskels  würde  sowohl  das  klinische 
Bild  der  heftigen  Gallenkolik  erklären,  als  auch  die  im  auffallenden 
Gegensatz  dazu  stehende  Geringgradigkeit  des  autoptischen  Befundes 
einer  Erweiterung  des  Ductus  hepatico  -  choledochus  und  Vergrösse¬ 
rung  der  Gallenblase. 

Aber  —  bevor  ich  weiter  darauf  eingehe  —  diese  Annahme  wirft 
auch  ein  neues  Licht  auf  das,  trotz  aller  Arbeiten,  noch  so  ungeklärte 
Gebiet  der  Rezidivkoliken  nach  Exstirpation  der  Gallenblase  wegen 
echtem  entzündlichen  Steinleiden. 

Wie  kommt  es,  dass  wir  mehr  oder  weniger  oft  —  die  Statistiken 
der  einzelnen  Autoren  geben  sehr  verschiedene  Häufigkeit  an  —  nach 
Galleinsteinoperationen  wieder  die  alten  Beschwerden  neu  auftreten 
sehen?  Ich  übergehe  die  seltenen  Fälle  von  echtem  und  die  sehr 
häufigen  Fälle  von  falschem  Steinrezidiv;  ich  nehme  an,  die  Gallen¬ 
gänge  sind  so  sorgfältig  revidiert,  dass  wirklich  kein  Stein  zurück¬ 
geblieben  sein  kann,  und  die  Technik  der  Versorgung  der  üallenwege 
und  des  Leberbettes  war  so  sorgfältig,  dass  eine  Stenose  oder  Knik- 
kung  der  Gänge  ausgeschlossen  ist,  und  schliesslich  setze  ich  voraus, 
dass  nicht  etwa  ein  Ulcus  duodeni,  besonders  an  der  Hinterwand, 
übersehen  oder  dass  eine  nebenbei  bestehende  Kolitis  richtig  erkannt 
und  behandelt  worden  ist  —  was  kann  hier  die  Ursache  der  Be¬ 
schwerden  sein? 

Verwachsungen?  Diese  erste  gewöhnlich  genannte  Erklärung 
trifft  in  dem  fast  allgemein  angenommenen  Umfange  nicht  zu1*).  Wie 
ich  schon  vor  zwei  Jahren  hier  sagte:  der  Vergleich  mit  der  soge¬ 
nannten  chronischen  Appendicitis  liegt  nahe.  Auch  da  sollen  post¬ 
operative  Verwachsungen  die  Ursachen  der  Beschwerden  sein;  und 
dabei  sehen  wir  nach  schweren  Appendizitis-Peritonitis-Operationen 
nach  wochenlanger  Drainage  so  gut  wie  nie  Verwachsungsbeschwer¬ 
den.  Nein,  Verwachsungen  allein  sind  an  und  für  sich  bestimmt  nicht 
die  Ursachen  der  neuen  Beschwerden.  Sonst  müssten  wir  gerade  bei 
den  schweren,  mit  frischer  oder  abgeklungener  örtlicher  Peritonitis  ein¬ 
hergehenden  Gallensteinfällen  viel  häufiger  als  bei  den  Fällen  mit 
geringen  Veränderungen  Rezidivbeschwerden  sehen.  Es  ist  aber 
nach  meiner  Erfahrung  gerade  umgekehrt:  je  schwerer  die  anatomi¬ 
schen  Veränderungen  waren,  je  länger  das  Gallensteinleiden  bestand, 
desto  seltener  sind  postoperative  Beschwerden. 

Infektion?  Besonders  nach  den  Arbeiten  Po  pp  er  ts  und  seiner 
Klinik  hat  die  Annahme,  dass  Infektionen  die  Ursache  der  neuen  Be¬ 
schwerden  sind,  wieder  sehr  an  Boden  gewonnen.  Ich  will  durchaus 
nicht  die  Bedeutung  der  chronisch-latenten  Infektion  der  Gallenwege 
bestreiten;  im  Gegenteil,  ihre  rechtzeitige,  ja  ich  möchte  sagen:  pro¬ 
phylaktische  Therapie  durch  regelmässige,  internistische  Nachbe¬ 
handlung  nach  der  Operation  scheint  mir  von  nicht  zu  unterschätzen¬ 
der  Bedeutung.  Aber  es  stimmt  eben  oft  nicht!  Und  völlig  erklärt 
werden  die  Rezidivbesch-^verden  durch  die  Annahme  einer  Infektion 
an  und  für  sich  doch  nicht,  abgesehen  davon,  dass  diese  Infektion 
sich  auch  gar  nicht  so  selten  als  nicht  vorhanden  beweisen  lässt. 
Auch  hier  ist  wieder  derselbe  Einwand  wie  vorher  zu  beachten:  wenn 
die  Infektion  allein  eben  als  Infektion  das  Zustandekommen  des 
Pseudorezidivs  erklärte,  ja  warum  treten  dann  diese  Rezidive  so 
selten  in  den  schweren  verschleppten  Fällen  auf,  in  denen  die  oft 
mächtigen  Veränderungen  der  Leber,  der  Gallengänge,  des  Pankreas, 
des  Duodenums,  das  Weiterbestehen  der  Infektion  gerade  zu  er¬ 
zwingen  scheinen? 

Und  wenn  man  nun  gar  die  Fälle  nimmt,  in  denen  Perforationen 
der  Gallenblase  in  den  Darm  zu  einer  dauernden  groben  Infektion  mit 
manchmal  virulenten  Erregern  führen,  die  müssten  doch  ganz  be- 


*)  Der  erste  sich  ohne  weiteres  aufdrängende  Gedanke  war  natürlich  die 
mechanische  Erklärung.  Eine  durch  den  Zug  des  gesenkten  Magens  bedingte 
Abknickung  zwischen  oberem  und  absteigenden  Zwölffingerdarm  (vergl. 
Perthes)  schien  zunächst  zwanglos  eine  Stauung  in  den  Gallenwegen  mit 
folgender  Erweiterung  zu  erklären.  So  dachte  ich  mir  auch  anfangs  das 
Zustandekommen  der  Stauungsgallenblase  bei  Entroptosc.  Aber  ihre  rein 
mechanische  Auffassung  genügt  nicht:  der  richtige  Kern  wird  zwar  durch  die 
Erfolge  der  Ptoseoperationen  bewiesen,  aber  ihre  Misserfolge  beweisen  auch 
das  Mitspielen  anderer  Momente.  Abgesehen  davon  aber  würde  die  mechani¬ 
sche  Erklärung  allein  wohl  eine  chronische  Gallenstauung  verständlich 
machen,  unklar  bliebe  jedoch  das  anfallsweise  Auftreten  richtiger  Koliken. 
Hier  müsste  also  eine  von  den  regelmässigen  Funktionen  und  Belastungen 
unabhängige  Ursache  von  launischem  Charakter  vorliegcn. 

Und  gerade  dieser  launische  Charakter  der  Erscheinungen  brachte  mich 
auf  den  Gedanken,  dass  hier  —  wie  auch  sonst  bei  der  Enteroptose  — 
nervliche  Dinge,  vor  allem  Spasmen  mitspielen  müssten. 

l*)  Anm.  während  d.  Korrektur:  Vgl.  zu  dem  Thema  der  Verwachsungs- 
iioschwerrien  die  interessanten  Untersuchungen  mittels  Pneumoperitoneum  von 
N  c  g  e  1  i  aus  der  Garrc  sehen  Klinik. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRl ET. 


sonders  leiden.  Und  docli  ist  es  gerade  für  die  genaue  klinische  Dia¬ 
gnose  so  charakteristisch,  dass  diese  Fälle  zwar  die  vitale  Bedeutung 
der  Infektion  in  Form  von  Schüttelfrösten,  interessanten  Fieberkur¬ 
ven  und  unvollständigem  Ikterus  zeigen,  dass  sie  aber  fast  nie  oder 
selten  schwere  Koliken  haben. 

Die  Erklärung  liegt  auf  der  Hand,  und  ich  würde  damit  nur  längst 
Bekanntes  wiederholen.  In  unserem  Zusammenhänge  gewinnen  aber 
gerade  diese  Fälle  Bedeutung,  wenn  man  sie  gegenüberstellt  den 
Fällen  von  Hydrops  der  Gallenwege. 

In  der  Tat  springt  —  so  paradox  es  zunächst  klingt  —  das  Ge¬ 
meinsame  sofort  in  die  Augen: 

Die  Fälle  von  Gallenstein— Darmfisteln  bekommen  keine  schweren 
Koliken,  weil  es  bei  ihnen  nie  zu  einer  maximalen  akuten  Stauung  vnd 
Ueberdehnung  der  Gallenblase  und  der  Gallenwege  kommen  kann, 
da  ja,  auch  wenn  die  Papille  durch  Choledochussteine  völlig  ver¬ 
schlossen  ist,  immer  ein  Ventil  im  Vorhandensein  der  Fistel  besteht. 

Und  die  Fälle  von  Hydrops  haben  meistens  weder  vor,  noch  nach 
der  Operation  echte  Koliken,  weil  bei  ihnen  infolge  des  chronisch 
gewordenen  völligen  Verschlusses  des  Ductus  cysticus  ein  kontinu¬ 
ierliches  Abfliessen  der  Lebergalle  in  den  Darm  eingetreten  ist.  Der 
Sphincter  papillae  ist  chronisch  insuffizient  oder  inkontinent  ge¬ 
worden. 

Liegt  somit  nicht  der  Schluss  nahe:  Die  Pseudorezidive  nach 
Operationen  von  anatomisch  noch  nicht  schwer  veränderten  Gallen¬ 
blasen  sind  deshalb  besonders  häufig,  weil  der  Schliessmuskel  am 
Choledochusausgang  noch  völlig  ungeschädigt  ist  und  weil  die  Gallen¬ 
wege  in  ihrer  Zartheit  noch  nicht  an  jede  stärkere  Dehnung  an¬ 
gepasst  sind? 

Die  Annahme  eines  Spasmus  des  Schliessmuskels  der  Papilla 
duodeni  bringt  uns  zu  einer  alles  erklärenden,  einheitlichen  Auffas¬ 
sung  von  dem  Wesen  des  Pseudorezidivs  nach  Gallensteinoperation. 

Und  wenn  wir  zu  der  Stauungsgallenblase  zurückkehren,  so  er¬ 
scheint  jetzt  der  Gedanke,  ihr  klinisches  und  autoptisches  Bild  mit 
einem  Spasmus  des  Choledochusschliessmuskels  zu  erklären,  ein¬ 
leuchtender  als  es  zum  Anfang  war. 

Ich  habe  dabei  zunächst  nur  die  Fälle  im  Auge,  bei  denen  eine 
Erweiterung  des  Ductus  hepatico  -  choledochus  autoptisch  festzu¬ 
stellen  ist,  bei  denen  also  das  Hindernis  tiefer  als  am  Ductus  cysticus 
liegt.  Ein  Eingehen  auf  die  rein  mechanisch  bedingte,  isolierte  Stau¬ 
ungsgallenblase  im  Sinne  eines  Ventilverschlusses  am  Gallenblasen¬ 
hals  und  Ductus  cysticus  (Schmieden)  liegt  nicht  in  der  Richtung 
dieser  Mitteilung.  Mein  Bestreben  war  vielmehr,  für  die  Fälle  eine 
Erklärung  zu  finden,  die  sich  mechanisch  bisher  nicht  erklären 
Hessen. 

Es  bleibt  noch  übrig,  zu  untersuchen,  wodurch  es  zu  diesem 
Spasmus  bei  der  Stauungsgallenblase  und  beim  postoperativen  Gal- 
lcnkolikrezidiv  kommt. 

Die  Ursachen  können  sehr  verschiedenartig  sein.  Alle  Reize  or¬ 
ganischer  oder  funktioneller  Natur  können  ihn  auslösen.  Eigentlich 
ist  ja  auch  der  regelrechte  Gallensteinanfall  nichts  anderes  als  das 
Ergebnis  eines  durch  den  Reiz  des  Steines  und  der  Infektion  ausge¬ 
lösten  Krampfes  des  Oddischen  Schliessmuskels  und  der  Gallenblase. 
Es  leuchtet  ohne  weiteres  ein,  dass  wenn  nach  Exstirpation  der 
Gallenblase  noch  eine  Infektion  in  den  Gallenwegen  zu¬ 
rückgeblieben  ist,  diese  durch  den  Reiz  des  Sphinkters  der 
Papilla  duodeni  einen  Spasmus  auslösen  kann.  Wogegen  ich 
mich  nun  wende,  ist,  dass  P  o  p  p  e  r  t  bzw.  Gundermann 
alle  Rezidivkoliken  auf  eine  Infektion  zurückführt.  Regel¬ 
mässige  bakteriologische  Untersuchungen  haben  mir  gezeigt,  dass  in 
sehr  vielen  Fällen  die  bakteriologischen  Kulturen  (Untersuchungs¬ 
amt  Giessen,  bakteriologische  Abteilung  Merck  [Dr.  E  i  c  h  h  o  1  z] 
und  bakteriologische  Abteilung  des  Versorgungslazarettes  Darmstadt 
[Dr.  Sttihlinge  r])  steril  waren.  Es  können  eben  auch  andere 
Reize  anfallerregend  wirken,  Reize  toxischer  oder  nervlicher  Art. 

Die  enge  Verflechtung  des  viszeralen  Nervensystems  bedingt  ein 
ausserordentlich  leichtes  Ueberspringen  eines  irgendwo  in  der  Bauch¬ 
höhle  lokilisierten  Reizes  auf  ein  anderes  Organgebiet.  Wir  kennen 
ja  das  initiale  Erbrechen  bei  Appendizitis,  die  Pylorospasmen  bei 
Nierenkolik. 

So  können  auch  Fernreize  Krämpfe  im  Bereich  der  Gallenwege 
erregen.  Diese  Reize  werden  naturgemäss  besonders  dann  auf  das 
Gallensystem  wirken,  wenn  sie  benachbarte  Organe  betreffen,  vor 
allem  Magen  und  Duodenum.  Eine  erhebliche  Rolle  in  dieser  Richtung 
scheint  auch  das  Ulcus  duodeni  zu  spielen.  Der  Reiz  des  Geschwürs 
bedingt  nicht  nur  einen  Krampf  des  Pylorus,  sondern  er  kann  auch 
einen  Spasmus  im  Bereich  der  Gallenwege  und  des  Sphincter  pa¬ 
pillae  duodeni  erregen.  Ich  meine,  also  hier  nicht  die  Wirkungen 
eines  unmittelbaren  Uebergreifens  der  Geschwürsentzündung  auf  die 
Gallenwege.  Diese  sehen  wir  ja  bei  der  Operation  fast  regelmässig 
in  der  überwiegenden  Zahl  der  Fälle  von  Ulcus  duodeni,  anfangend  mit 
den  leichten  Verwachsungen  am  Gallenblasenhals  bis  zu  den  Ent¬ 
zündungen  und  Steinbildungen  der  Gallenblase.  Auf  das  häufige  Zu¬ 
sammentreffen  von  Zwölffingerdarmgeschwür  und  Gallenblasener¬ 
krankungen  hat  W  a  1  z  e  1  schon  1920  an  dem  Material  der  E  i  s  el  s  - 
bergschen  Klinik  hingewiesen.  Wenn  man  oft  Gelegenheit  gehabt 
hat,  Ulcera  duodeni  im  floriden  Stadium,  besonders  im  Frühstadium 
der  Perforation  zu  operieren,  so  bekommt  man  eine  Vorstellung  von 
dem  Umfang  der  Entzündung  und  versteht  die  weite  Ausbreitung  der 
daraus  entstehenden  Verwachsungen,  die  bei  der  Operation  des 


Nr.  31 


ruhenden  Geschwürs  oft  in  so  auffallendem  Gegensatz  zu  der  Kleir 
heit  des  Ulcus  steht.  Sitzt  gar  das  Geschwür  mit  seinem  Grunde  ai 
dem  herangezogenen  Ductus  choledochus,  so  versteht  man  ohn 
weiteres,  dass  diese  Fälle  klinisch  nicht  so  selten  den  Eindruck  eint 
schweren  akuten  Cholezystitis,  bisweilen  mit  Ikterus,  machen.  Abt 
ich  glaube,  dass  nicht  nur  das  unmittelbare  Uebergreifen  der  En 
Zündung  auf  die  Gallenblase  diese  Gallenkoliken  bedingt.  Den 
erstens  liegt  die  Gallenblase  häufig  doch  zu  weit  entfernt,  und  zwe 
tens  würde  dadurch  nicht  erklärt  —  ich  weiss  nicht,  ob  dieser  Bcfun 
auch  anderen  Operateuren  aufgefallen  ist  — ,  warum  beim  Ulcus  du< 
deni  so  häufig  eine  deutliche  Erweiterung  des  Ductus  choledoclu 
vorliegt.  Ich  möchte  glauben,  dass  diese  ebenso  wie  in  dem  ober! 
geschilderten  Zusammenhänge  nur  durch  den  häufigen  Spasmus  dt  - 
Sphinkters  der  Duodenalpapille  zu  erklären  ist. 

Auch  über  den  Umweg  eines  Pylorospasmus  kann  solch  eine  E: 
regung  entstehen.  Wir  sehen  ja  auch  physiologisch  ein  enges  Zusan  i 
menarbeiten  der  Antruin-Pylorusfunktion  mit  der  Tätigkeit  der  Gal 
lenwege.  Wie  eng  diese  Beziehungen  sind,  wissen  wir  durch  d 
Arbeiten  von  Rost.  Es  wäre  gut  zu  verstehen,  wenn  e'H 
Krampf  des  Pylorus  auch  einen  Krampf  des  Schliessmuskc 
der  Gallenwege  bedingt.  Eine  Entfernung  des  Pförtners  müsste  den: 
gemäss  eine  Wirkung  auf  den  Gallenabfluss  haben.  Entsprechenci 
Untersuchungen  bei  Magenresezierten  mittels  der  Duodenalsoncg 
sind  im  Gange.  Ob  sich  daraus  irgendwelche  therapeutische  Folg':' 
rungen  ergeben,  wird  sich  erst  entscheiden,  wenn  diese  Verhältnis<| 
tierexperimentell  gründlich  nachgeprüft  sind.  Jedenfalls  habe  ich  de. 
Eindruck  gewonnen,  dass  Reize,  die  den  Pylorus  treffen,  auch  an 
den  Schliessapparat  des  Choledochus  wirken. 

Damit  sind  wir  bei  den  funktionellen  Störungen  angelangt,  d, : 
auf  neurogenem  Wege  entstehen.  Ich  möchte  sie  vergleichen  m 
den  bekannten  Spasmen  bei  der  Bleikolik,  bei  Tabes  dorsalis,  b 
Angina  abdominis.  Ebenso  können  auch  peripher-nervliche  und  ztij'j 
tralnervliche  und  psychische  Reize  zu  Krämpfen  im  Gebiet  de! 
Schliessmuskulatur  der  Gallenwege  führen. 

Je  niedriger  die  Reizschwelle  des  Nervensystems  liegt,  um  : 
geringere  Reizgrade  sind  nötig,  um  erhebliche  funktionelle  Wirkung« 
und  Störungen  auszulösen.  Während  wir  bei  indolenten  Mensch« 
selbst  hochgradige  Veränderungen  der  entzündeten  Steingallenblal 
finden,  ohne  dass  die  Anamnese  nennenswerte  Koliken  aufweist,  g,j 
nügen  dort  leichte  Stauungen  in  den  Gallenwegen,  um  den  EindruJ 
eines  schweren  Gallensteinanfalles  zu  machen.  Alles,  was  die  Eire il 
barkeit  des  Nervensystems  steigert,  gewinnt  hier  Bedeutung.  DaL 
finden  wir  bei  diesen  Kranken  die  Anfälle  besonders  häufig  tu 
schwer  zu  Zeiten  der  Menstruation  oder  allgemein  seelischer  Ei 
regungen.  Auch  örtliche  Reize  können  so  wirken;  darin  sehe  ich  dl: 
einzige  Bedeutung  der  Verwachsungen:  sie  können  eine  schon  vcfl 
handene  nervliche  Uebererregbarkeit  steigern,  aber  nicht  erzeuge!! 
Wenn  wir  mit  diesen  Gedanken  die  uns  persönlich  bekannten  Fäl 
von  Pseudorezidiv  nach  Gallensteinoperation  oder  die  Fälle  von  Sta 
ungsblase  uns  vergegenwärtigen,  so  ergibt  sich  in  der  Tat  —  weni 
stens  für  mein  Material  ganz  zweifellos  — ,  dass  es  sich  bei  dies« 
Kranken  sehr  oft  um  vasomotorische  Menschen  mit  leicht  erregt), ir< 
und  rasch  erschlaffendem  Nervensystem  handelt.  Schon  in  meinen 
Vortrag  1920  wies  ich  darauf  hin,  dass  die  Fälle  von  Stauungsgalle 
blase  zum  grossen  Teil  Astheniker  mit  Enteroptose  sind;  diese  schei 
mir  viel  weniger  durch  die  anatomische  Lageanomalie  von  klinisch! 
Bedeutung,  als  vielmehr  durch  die  funktionellen  Störungen  in  dr 
Art  von  Spasmen,  Atonien,  Supersekretion.  Nicht  selten  sehen  v, 
bei  diesen  Kranken  schon  Narben  von  früheren  Operationen, 
wegen  „Blinddarmentzündung“,  „Eierstockentzündung“  usw.  vord 
nommen  wurden.  Kurz  und  gut:  es  sind  konstitutionelle  (nervlicfl 
oder  endokrine)  Schwächlinge  und  Vasoneurotiker. 

Die  Durchsicht  der  Literatur  zeigte  mir,  dass  auch  Treplin 
kürzlich  Spasmen  als  die  Ursache  der  Pseudorezidivbeschwerd. 
nach  Gallensteinoperationen  angenommen  hat.  Er  weist  darauf  hu 
dass  deshalb  auch  manche  Rezidivkoliken  rasch  durch  Massage  b 
seitigt  werden  können.  Die  Erklärung  der  Stauungsgallenblase  at 
neurogen  bedingte  funktionelle  Krankheit  habe  ich  in  der  chirurf 
sehen  Literatur  nicht  gefunden.  Durch  ein  Gespräch  mit  Her 
v.  Bergmann  wurde  ich  vor  kurzem  (Dezember  1922)  darauf  ai 
merksam  gemacht,  dass  er  und  Westphal2 3)  auf  dem  letzten  Ko; 
gress  für  Stoffwechselkrankheiten  1922  dieselbe  Auffassung  ausg- 
sprochen  haben.  Ich  freue  mich,  dass  ich  durch  meine  chirurgisch 
Beobachtungen  seine  Auffassung  bestätigen  kann.  Sie  gründen  si 
auf  eine  Zahl  von  22  operierten  Fällen. 

Ich  habe  aus  dieser  Auffassung  die  Folgerung  zu  ziehen  versuc 
Zunächst  bei  den  Fällen  von  postoperativen  Rezidivkoliken.  Die  ei 
zig  logische  Folge  aber  war,  auf  irgendeine  Weise  den  Sphincter  P 
pillae  duodeni  auszuschalten.  Folgende  Wege  standen  dafür  zur  Vt 
fügung:  Sprengung  der  Papille  durch  Dilatation  von  einer  ChO' 
dochusöffnung  oder  vom  Zystikusstumpf  aus;  um  einer  nachträ 
liehen  narbigen  Schrumpfung  vorzubeugen,  kann  man  für  einige  Z 
noch  eine  transduodenale  Drainage  des  Choledochus  nach  Voe- 


2)  Bruns  Beitr.  z.  klin.  Chir.  1922,  76. 

3)  Anm.  während  d.  Korrektur:  Ich  verweise  auf  die  inzwischen  ' 
schienene  grundlegende  und  wichtige  Arbeit  Westphal  s:  „Muskclfunkti'- 
Nervensystem  und  Pathologie  der  Gallenwege“,  Zschr.  f.  klin.  M.  96,  sov 
die  diesjährigen  Verhandlungen  der  D.  Ges.  f.  Chir.  (A  s  c  h  o  f  f,  Berg) 


4.  September  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1175 


kcr  hinzufügen.  Spaltung  der  Papille  (Clioledochotomia  trans- 
uodenalis  interna  Kocher),  für  die  Qöpel  neuerdings  wieder  ein- 
etreten  ist.  Cliolcdoclio-duodenostomie,  die  zeiner  Zeit  von  Sasse, 
■n  letzten  Jahre  von  Elörcken  und  von  Uöpel  aus  inderen, 
ehr  beachtlich  erscheinenden  Gesichtspunkten  empfohlen  wurde  und 
ogar  als  Normalmethode  bei  der  Choledocholithiasis  angeselien 
vird. 

.  Die  bisherigen  Erfolge  sind  —  ich  will  noch  zurückhaltend  sein, 
a  die  Zahl  der  Fälle1)  noch  zu  gering  ist  —  ermutigend.  Besonders 
renn  man  beachtet,  dass  die  Fälle  vor  der  Sekundäroperation  ver- 
eb lieh  mit  gegen  eine  vermeintliche  latente  Infektion  gerichteten 
\itteln  behandelt  worden  waren.  Wenn  sich  diese  Beobachtungen 
estätigen,  dann  scheint  mir  der  Beweis  für  die  Richtigkeit  meiner 
uiffassung  geliefert,  dass  es  Rezidivbeschwerden  nach  üallenstein- 
perationen  gibt,  die  durch  Spasmen  des  Sphincter  papillae  be- 
ingt  sind. 

Für  die  Auffassung  der  Stauungsgallenblase  als  einer  Cholepathia 
pastica  oder  nach  v.  Bergmann  einer  Gallenneurose  würde  jedoch 
rst  dann  die  gleichsam  experimentelle  Bestätigung  erbracht  sein,  und 
ie  völlige  Beweiskraft,  wenn  man  eine  Reihe  von  diesen  Fällen  ohne 
Exstirpation  der  Gallenblase  nur  mit  Ausschaltung  des  Choledochus- 
chliessmuskels  operierte. 

Dazu  wird  man  sich  aber  nicht  so  leicht  entschlossen.  Denn  die 
uriicklassung  der  Gallenblase  wäre  nur  dann  zu  verantworten,  wenn 
och  keine  sekundären  Veränderungen  an  ihr  vorliegen  und  vor  allem 
och  keine  Infektion  besteht.  Denn  wie  ich  auf  der  Mittelrheinischen 
hirurgentagung  1920  im  November  an  einem  Fall  zeigen  konnte, 
ann,  entsprechend  der  Asch  off  sehen  Anschauung,  aus  einer  ein- 
ichen  Stauungsgallenblase  im  Laufe  eines  Jahres  durch  Dazutreten 
iner  Infektion  ein  echtes  entzündliches  Gallensteinleiden  entstehen, 
utoptisch  lassen  sich  diese  Möglichkeiten  nicht  ohne  weiteres  ent¬ 
kleiden. 

Dazu  kommt,  dass  ja,  wie  durch  Rost  bekannt,  allein  die  Cliolc- 
ystektomic  eine  wenn  auch  vielleicht  nur  vorübergehende  Insuffi- 
ienz  des  Sphinkters  der  Papille  bedingt  (Nachprüfungen  mit  der 
'uodenalsonde  an  einer  grösseren  Zahl  von  Cholezvstektomierten 
ird  mein  Assistent  Dr.  G  e  o  r  g  i  mitteilen.)  Und  in  der  Tat  bleibt 
i  ein  grosser  Teil  der  Kranken  danach  beschwerdefrei.  Vielleicht 
nd  das  die  Fälle  von  echter,  isolierter  Stauungsgallenblase  im 
inne  Schmiedens,  wo  also  ein  mechanisches  Ventilhindernis 
in  Ductus  cysticus  vorliegt. 

An  sich  wäre  es  wünschenswert,  bei  den  rein  spastisch  bedingten 
allen  von  funktioneller  Stauungsgallenblase  zu  einem  Verfahren  zu 
elangen,  das  besser  der  Ursache  und  dem  Wesen  des  Leidens  ge- 
-cht  wird,  als  die  Entfernung  der  Gallenblase. 

Aber  da  wir  ausser  an  der  etwa  deutlich  vorhandenen  Erweite- 
ing  des  Ductus  hepatico  -  choledochus  auch  autoptisch  nicht  fest- 
ellcn  können,  welchen  Kranken  Rezidivbeschwerden  drohen,  so 
ürdc  man  den  leichten  Eingriff  der  Cholezystektomie  unnötig  kom- 
izieren,  wenn  man  in  jedem  Fall  noch  eine  den  Sphinkter  am>schal- 
inde  Operation  hinzufügte.  Um  so  richtiger  ist  es,  jeden  derartigen 
all  einer  entsprechenden  internistischen  Nachbehandlung  zu  unter- 
eben.  Diese  erscheint  bei  konsequenter  Anwendung  durchaus  nus- 
chtsvoll.  wenn  man  neben  den  unmittelbar  gegen  Gallenstauung 
id  Infektion  gerichteten  Massnahmen  alles,  was  die  körperlich-ner v- 
kie  Asthenie  umzustellen  geeignet  ist  (also  allgemeine  Hygiene, 
iätetik,  Gymnastik,  Psychotherapie!  usw.)  berücksichtigt.  Denn  es 
andelt  sich  letzten  Endes  bei  dem  Leiden  der  Stauungsgallenblase 
n  die  Aeusserung  einer  fehlerhaften  Konstitution. 

Deshalb  wäre  es  eine  Verkennung  meiner  Absicht  und  eine  Miss- 
-utung  meiner  Auffassung,  wenn  man  sie  so  auffassen  würde,  als 
>llte  hier  ein  neues  Operationsverfahren  empfohlen  werden.  Gerade 
e  Erkenntnis,  dass  bei  der  Stauungsgallcnblase  nervliche  und  k,,n- 
itutionelle  Dinge  bestimmend  sind,  müsste  uns  in  der  Indikauons- 
ellung  sehr  zurückhaltend  machen.  Unser  Bestreben  sollte  es  sein, 
enn  möglich  bei  diesen  Fällen  nicht  zu  operieren  und  statt  der 
peration  eine  gründliche,  auf  Aenderung  der  Konstitution  cingc- 
ellte  internistische  Allgemeinbehandlung  treten  zu  lassen. 

Für  mich  gibt  es  eigentlich  nur  eine  Indikation.  Und  die  hat  ihre 
rsache  in  dem  Ungenügen  unserer  Diagnostik.  Es  wird  schon  jedem 
>  gegangen  sein  wie  mir  —  davon  geht  ja  diese  ganze  Untersuchung 
is  — :  man  glaubt,  ein  entzündliches  Gallensteinleiden  annehm  n  zu 
üssen  und  findet  nur  eine  Stauungsgallcnblase.  Oder  auch  das  Um- 
.‘kelirte:  man  stellt  die  Diagnose  auf  eine  funktionelle  Erkrankung, 
ltschliesst  sich  nur  widerwillig  und  gedrängt  zur  Operation  und 
idet  eine  mit  Steinen  gefüllte  Gallenblase  (warum  soll  nicht  auch 
u  Neurastheniker  Gallensteine  bekommen?).  Und  das  ist  der  ('rund, 
■r  immer  wieder  vorläufig  den  Internisten  und  den  Chirurgen 
■vingen  wird,  im  Zweifelsfall  und  wenn  jede  internistische  Beliaud- 
ng  erfolglos  blieb,  doch  die  Laparotomie  zu  machen. 

Aber  wichtiger  als  alle  Vorschläge  neuer,  operationstechniscner 
ethoden  ist  eben  der  weitere  Ausbau  der  Diagnostik.  Die  kritische 
ergleichung  des  klinischen  und  autoptischen  Befundes  ist  die  <  inzig 
^lässliche  Grundlage  dafür.  Sic  ergibt  schliesslich  dem  Erfahrenen 
ichtlinien,  die  ihn  immer  sicherer  in  der  Differentialdiagnose  zwi- 
hen  organischen  und  funktionellen  Gallenerkrankungen  das  Richtige 
effen  lassen. 

*)  9  operierte,  4  konservativ  antispastisch  behandelte  Fälle. 

Nr.  37. 


Die  Regeln,  die  sich  mir  dafür  bewährt  haben,  sind  die,  die  ich 
an  dieser  Stelle  schon  1920  ausführte. 

Für  ein  funktionelles  und  gegen  ein  organisches  Gallenleiden 
spricht: 

Anamnese:  Beginn  des  Leidens  in  der  Pubertät  oder  im 
Klimakterium,  den  Zeiten  innersekretorischer  Störungen.  Hinweise 
auf  Colica  mucosa.  Nikotin-Abusus.  Auftreten  der  Anfälle  zu  Zeiten 
der  Menstruation  oder  körperlich-seelischer  Erregungen 

Status:  Allgemeine  oder  örtliche  Disharmonie  des  vegetativen 
Nervensystems  oder  gar  allgemeine  Neurasthenie.  Gefässkrisen  bei 
Arteriosklerose,  üefässdruckschmerz  bei  der  Palpation  der  Aorta 
und  Iliacae.  Druckschmerz  nicht  nur  in  der  Gallenblasengegend,  son¬ 
dern  während  und  vor  allem  nac  h  dem  Anfall  auch  am  Zoekum, 
Colon  ascendens.  Subfebrile  Ficbererscheinungcn  sind  weder  positiv, 
noch  negativ  mit  Sicherheit  zu  verwerten;  bisweilen  sind  sie  mit 
den  Spasmen  ein  Frühsymptom  einer  scheinbar  latenten  Tuberkulose. 

Probebehandlung:  Nachlassen  der  Schmerzen  bei  Bett¬ 
ruhe  und  bei  Anwendung  von  Antincrvina  (Brom,  Luminal-Natrium 
usw.)  spricht  für  funktionelle  und  gegen  organische  Gallenleiden. 

Zusammenfassung: 

1.  Die  Rezidivkoliken  nach  Gallensteinoperationen  können  neben 
den  bekannten  Ursachen,  vor  allem  der  noch  zu  wenig  berücksich¬ 
tigten  latenten  Infektion  (P  o  p  p  e  r  t),  auf  einem  Spasmus  des  Sphinc¬ 
ter  papillae  duodeni  beruhen.  Die  sinngemässe  Operation  ist  dem¬ 
nach  seine  Ausschaltung  durch  Dilatation  oder  Spaltung  der  Papille 
oder  durch  Choledocho-duodenostomie. 

2.  Auf  Grund  der  epikritischen  Vergleiche  der  diagnostischen  und 
autoptischen  Befunde  an  22  Fällen  der  letzten  Jahre  bin  ich  zu  der¬ 
selben  Ansicht  gekommen  wie  v.  Bergmann  und  Westphal. 
Es  gibt  neben  der  mechanisch  bedingten  Stauungsgallenblase 
(Aschoff,  Sch  mieden)  ein  nervlich  durch  Spasmus  des 
Schliessmuskels  der  Duodenalpapille  bedingtes  Gallenleiden,  Chole- 
pathia  spastica  oder  nach  v.  Bergmann  und  Westphal  „Gallen¬ 
neurose“. 

Die  .  spastisch  bedingte  Stauungsgallenblase  verlangt  Zurück¬ 
haltung  in  der  Indikation  zur  Operation;  denn  sie  ist  meistens  keine 
isolierte  Erkrankung  der  Gallenwege,  sondern  Teilerscheinung  eines 
allgemeinen,  oft  konstitutionell  bedingten  Leidens. 

Das  Ziel  muss  die  Differentialdiagnose  zwischen  organischen  und 
funktionellen  Gallenerkrankungen  sein. 


Aus  dem  Säuglings-  und  Mütterheim  (Prof,  Dr.  Schoedel) 
der  staatlichen  Frauenklinik  Chemnitz  (Direktor:  Ob. -Med. - 
Rat  Prof.  Dr.  Kr u  11.) 

Schwachgeburt  und  ärztliche  Praxis. 

Von  Johannes  Schoedel. 

Schwachgeburten  sind  immer  Stiefkinder  der  Natur.  In  sehr 
vielen  Beziehungen  stehen  sie  hinter  den  vollgewichtigen  reifen  Neu¬ 
geborenen  zurück.  Ihr  besonders  kleines  Gewicht  erhöht  die  Ungunst 
des  Verhältnisses  von  Oberfläche  zu  Masse,  unter  der  der  Säugling 
an  sich  schon  zu  leiden  hat,  und  erhöht  dadurch  nochmals  die  Schwie¬ 
rigkeiten  der  Wärmeregulierung,  so  dass  Wärmestauung  und  Aus¬ 
kühlung  leicht  als  ernste  Schädigungen  auftreten.  Das  mangelnde 
Fettpolster  steigert  diese  Gefahr  um  einen  weiteren  Grad,  ganz 
abgesehen  davon,  dass  hier  Sparbestände  für  den  Stoffwechsel 
fehlen,  über  die  das  gut  genährte  Neugeborene  verfügt.  Das  musku¬ 
läre  Kräftemaass  des  Schwachgeborenen  ist  gering,  so  dass  er  sich 
selbsttätig  noch  viel  weniger  Schädigungen  fernhalten  kann  als  ein 
kräftiges  Neugeborenes  und  dass  ihm  Widerstandsbewegungen  gegen 
Uebererwärmung,  Unterkühlung  und  Nässe  noch  viel  weniger  ge¬ 
lingen.  Seine  Oberhaut  ist  besonders  zart  und  deshalb  auch  beson¬ 
ders  verletzlich:  Mechanische  und  bakterielle  Schädigungen  ent¬ 
wickeln  hier  mit  Leichtigkeit  ihre  verderblichen  Einflüsse.  Minder¬ 
wertig  ist  das  Kraftmaass,  das  der  Schwachgeburt  für  die  regel¬ 
mässige  Atmungsfolge  zur  Verfügung  steht.  Minderwertig  ist  auch 
der  Halt  ihrer  Gefässwandungen,  so  dass  Zerreissungen  und  Blut¬ 
ergüsse  sie  oft  in  lebenswichtigen  Organen  bedrohen.  Stiefmütter¬ 
lich  behandelt  die  Natur  diese  Kinder,  indem  sie  sie  mit  nur  mässiger 
Saugkraft  begabt  und  so  befriedigende  und  dauernde  Leistungsfähig¬ 
keit  der  mütterlichen  Brust  in  Frage  stellt.  Stiefmütterlich  ist  oft 
die  Innenausstattung  bedacht,  und  an  der  Unfertigkeit  der  Innen¬ 
organe  scheitert  bei  Schwachgeborenen  nicht  selten  alle  ärztliche 
Kunst. 

Leider  zieht  aber  auch  diese  ärztliche  Kunst  nicht  immer  alle 
vorhandenen  Register.  Die  Schwachgeburt  ist  nicht  nur  ein  Stiefkind 
der  Natur,  sondern  nicht  zu  selten  auch  ein  Stiefkind  der  ärztlichen 
Kunst.  Ganz  bezeichnend  ist  dafür  das  Beispiel  Oberwarths, 
der  über  eine  Frühgeburt  von  750  g  Anfangsgewicht  berichtet,  die 
zunächst  einmal  nach  der  Geburt  7  Stunden  lang  in  Zeitungspapier 
verpackt  in  der  Sofaecke  lag,  bis  endlich  ihr  klägliches  Schreien  ihr 
Recht  auf  Lebenserhaltung  betonte. 

Warum  ist  die  Schwachgeburt  öfter  ein  Stiefkind  der  ärztlichen 
Praxis?  Einmal  deshalb,  weil  der  Praktiker  nicht  streng  die  verschie¬ 
denen  Zustandsformen  scheidet,  in  die  man  die  einzelnen  Schwach¬ 
geburten  einzuordnen  hat,  will  man  ihre  Lebensaussichten  einiger- 


1176 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  37. 1 


massen  gerecht  beurteilen.  Ihm  sind  die  Begriffe  Untergewichtigkeit 
und  Unreife  nicht  selten  gleichbedeutend.  Je  kleiner  das  Gewicht, 
um  so  unreifer  das  Kind,  um  so  geringer  seine  Lebensaussichten. 
Leicht  kann  man  den  Gedankengang  fortsetzen:  Um  so  nutzloser  die 
Anstrengung.  Die  Schwachgeburt,  die,  in  Handtuch,  Waschschüssel 
oder  Zeitungspapier  achtlos  beiseitegesetzt,  plötzlich  mit  lauter 
Stimme  ihr  Lebensrecht  fordert,  ist  jedem  Geburtshelfer  nicht  nur 
aus  der  ärztlichen  Satire,  sondern  aus  der  Erfahrung  bekannt.  Unter¬ 
gewicht  und  Unreife  sind  durchaus  nicht  gleichbedeutend.  Es  gibt 
zahlreiche,  am  Ende  der  Entwicklungszeit  oder  nahe  diesem  Ende 
geborene  Untergewichtige,  und  zwar  hochgradig  Untergewichtige,  die 
nicht  nur  das  jeder  Schwachgeburt  zustehende  Recht  auf  Lebens¬ 
erhaltung,  sondern  auch  einen  hohen  Grad  von  Lebensfähigkeit  mit 
zur  Welt  bringen,  und  die  die  Mühe,  die  Elternpaar,  Arzt  und  Heb¬ 
amme  darauf  verwenden,  reichlich  lohnen. 

Als  Arzt  sollte  man  immer  versuchen,  sich  ein  Urteil  über  die 
Wesensart  der  Schwachgeburt  zu  bilden,  und  oft  kann  man  das  nach 
folgenden  Gesichtspunkten:  Wir  können  unterscheiden 

1.  die  Frühgeburt  —  das  unausgetragene,  also  unreife  Kind, 

2.  die  Schwachgeburt  =  das  ausgetragene,  also  reife,  aber 
untermaassige  Kind, 

In  der  Abteilung  1  lassen  sich  folgende  Untergruppen  bilden: 

a)  Die  Frühgeburt,  die  durch  Unfall, 

b)  die  Frühgeburt,  die  in  operativer  Absicht  entbunden  ist. 

Beide  Male  handelt  es  sich  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  um  an  sich 

gesunde  Kinder.  Neben  ihnen  stehen  in  der  Abteilung  der  Früh¬ 
geburten 

c)  die  Frühgeburten,  die  durch  Krankheit  der  Mutter  oder  der 
Frucht  vorzeitig  entbunden  wurden,  z.  B.  im  Gefolge  von  Lues, 
Tuberkulose,  akuten  Infektionskrankheiten,  akuten  und  chro¬ 
nischen  Intoxikationen; 

d)  die  Frühgeburten,  die  durch  konstitutionelle  Schwäche  der 
Eltern  verschuldet  sind. 

Diese  beiden  letzten  Untergruppen  sind  in  prognostischer  Be¬ 
ziehung  natürlich  um  ein  ganzes  Teil  ungünstiger  zu  beurteilen. 

Die  Abteilung  2  lässt  sich  in  folgende  Gruppen  teilen: 

a)  Schwachgeburten  von  hypoplastischer  Keimanlage,  also  aus¬ 
getragene  Kinder,  die  sich  vom  normalen  Neugeborenen  durch 
nichts  ausser  der  Kleinheit  aller  Maasse  unterscheiden; 

b)  Schwachgeburten  infolge  von  Raum-,  vielleicht  auch  Nah¬ 
rungseinengung  im  Mutterleib,  z.  B.  bei  Mehrlingsschwan¬ 
gerschaft; 

c)  Schwachgeburten  als  reife,  aber  untergewichtige  Abkömm¬ 
linge  kranker  Mütter; 

d)  Schwachgeburten  als  ebensolche  Abkömmlinge  unterernähr¬ 
ter,  übersorgter  Mütter. 

Ueber  diese  letzte  Gruppe  lässt  sich  streiten.  Die  Kriegsjahre 
haben  den  Beweis  nicht  erbracht.  Die  Nachkriegszeit,  die  mit  neuen 
Sorgen,  neuen  Bedrückungen,  neuen  Entbehrungen  über  ein  ge¬ 
schwächtes  Geschlecht  von  Müttern  hinzieht,  scheint  auch  diese 
Gruppe  zu  zeitigen. 

Diese  Abteilung  der  Schwachgeburten  bietet  naturgemäss  in  der 
Gruppe  der  hypoplastischen  Untergewichtigen  und  der  Mehrlings¬ 
geburten  recht  günstige  Aussichten.  Die  ausgetragenen  untergewich¬ 
tigen  Abkömmlinge  kranker  Mütter  können  dagegen  in  ihrer  Wider¬ 
standskraft  oft  Frühgeburten,  denen  einwandfreie,  gesunde  Organe 
eigen  sind,  unterlegen  sein. 

Immer  lässt  sich  gewiss  eine  solche  reinliche  Scheidung  der 
untergewichtigen  Kinder,  die  unserer  Beurteilung  unterliegen,  nicht 
treffen.  Wie  oft  ist  z.  B.  die  untergewichtige  Zwillingsgeburt  gleich¬ 
zeitig  auch  unreif.  Wie  oft  ist  das  regelrechte  Ende  der  Schwanger¬ 
schaft  aus  den  anamnestischen  Angaben  nur  unsicher  zu  errechnen. 
Das  darf  den  Arzt  jedoch  nicht  hindern,  sich  im  jeweils  vorliegen¬ 
den  Fall  möglichste  Klarheit  zu  verschaffen. 

Man  könnte  noch  eine  dritte  Abteilung  von  Schwachgeburten 
angliedern:  Es  gibt  nämlich  noch  eine  Reihe  von  Kindern,  die  zwar 
vollgewichtig  und  am  Ende  der  Zeit  geboren  werden,  die  sich  aber 
in  der  weiteren  Entwicklungszeit  doch  durch  ihren  Mangel  an  Wider¬ 
standskraft  auf  der  einen  Seite  und  durch  die  Minderwertigkeit  ihres 
Entwicklungsvermögens  auf  der  anderen  Seite  als  Schwachgeburten 
ausweisen.  Auch  die  Begriffe  „ausgetragen“  und  „reif“  decken  sich, 
wie  Pfaundler  mit  Recht  sagt,  nicht  immer.  Doch  diese  letzte 
Abteilung  bleibt  ausserhalb  unserer  Betrachtung.  In  der  Neugebore- 
nenzeit  ziehen  diese  Fälle  nicht  in  gleicher  Weise  wie  die  unterge¬ 
wichtigen  Schwachgeborenen  die  Aufmerksamkeit  des  Arztes 
auf  sich. 

Noch  in  anderer  Richtung  ist  man  berechtigt,  die  Schwachge¬ 
burten  zuweilen  als  Stiefkinder  ärztlicher  Kunst  zu  betrachten.  Neben 
dieser  Unsicherheit  in  der  Beurteilung  der  Wertigkeit  des  einzelnen 
Falles  beeinflussen  den  Arzt  nicht  selten  noch  Hemmungen  beson¬ 
derer  Art:  Der  Luesverdacht  liegt  oft  nahe  und  macht  manchem  die 
Aufzucht  fragwürdig.  Funktionelle  und  organische  Hirnschäden 
(Idiotie,  Little)  drohen  im  Hintergrund.  Körperlich  stehen  auch 
zahlreiche  Mängel  zu  befürchten  (Anämie,  Rhachitis,  Tetanie).  So 
ist  für  viele  Aerzte  das  schwachgeborene  Kind  von  Anfang  an  zum 
Astheniker,  zum  rassehygienischen  und  volkswirtschaftlichen  Hin¬ 
dernis  gestempelt.  Dazu  kommt  oft  das  Gefühl  der  Ohnmacht  in  der 
Behandlung,  weil  die  Ernährung  an  der  Brust  meist  in  Frage  gestellt 
ist.  Das  alles  hemmt  natürlich,  besonders  da  solche  Vorurteile  und 


Kenntnisse  auch  im  Volke  leben,  unbewusst  und  halbbcwusst  die 
Energie  des  ärztlichen  Helfers.  Dazu  kommt  endlich  noch,  dass  die  . 
Behandlung  in  ihren  Möglichkeiten  und  Zielen  in  ärztlichen  Kreisen  f 
nicht  immer  völlig  bekannt  ist. 

In  Wirklichkeit  sind  die  Aussichten  der  Schwachgeburt,  wenn  sie 
auch  geschmälert  sind,  nicht  so  ungünstig,  wie  vielfach  angenommen  I 
wird.  Die  Schwierigkeiten  der  Aufzucht  sind  zu  überwinden,  so  dass  | 
Hingabe  an  dies  Unterfangen  lohnt,  besonders  wenn  man  die  Häufig- 1 
keit  eines  solchen  Vorkommnisses  bedenkt.  Unter  4341  Lebend¬ 
geburten  der  hiesigen  Klinik  (1919,22)  waren 

18  Geburten  unter  1000  g  =  0,4  Proz. 

46  Geburten  von  1001 — 1500  g  =  1,1  Proz. 

81  Geburten  von  1501 — 2000  g  =  1,9  Proz. 

260  Geburten  von  2001 — 2500  g  —  5,9  Proz. 

405  Geburten  =  9,3  Proz. 

Das  sind  Zahlen,  die  in  den  Rahmen  der  5—15  Proz.  fallen,  die,, 
von  den  einzelnen  Kliniken  je  nach  der  Umgrenzung  des  Begriffs I 
Schwachgeburt  angegeben  werden  (Rommel).  Sie  müssen  natür-jj 
lieh  ärztlichem  Tun  Nachdruck  verleihen.  Wir  können  ihn  erhöhen, I 
wenn  wir  zufügen,  dass  Lues  seltener  als  Grundübel  in  Frage  kommt. | 
als  gemeinhin  geglaubt  wird:  Unter  38  länger  beobachteten  und  sero-l 
logisch  geprüften  Fällen  waren  nur  3  sicher,  1  fraglich  syphilitisch. I 
Das  stimmt  gut  mit  Kehrers  letzter  Aufstellung  überein,  wonach! 
7  Proz.  aller  Frühgeburten  luetisch  waren.  Zu  betonen  ist  auch,  dass! 
wir  geistige  Schwächezustände  nicht  öfter  als  bei  Normalgeborenen! 
auftreten  sahen,  obwohl  cne  monatelange  Beobachtungszeit  zur  Ur-i 
teilsbildung  Gelegenheit  gab.  Wir  beobachteten  das  in  Uebereinstiin-B 
mung  mit  vielen  Geburtshelfern  und  Kinderärzten  und  im  Gegensatz! 
zu  Y  1  p  p  ö,  der  bei  3,1  Proz.  Little  sehe  Krankheit  und  bei  7,4  Proz.! 
Schwachsinn  als  Folgezustand  fand. 

Trotzdem  kann  der  Erfolg  enttäuschen.  Die  Sterblichkeit  ist  hoch 
(B  u  d  i  n  23  Proz.,  Reiche  31,5  Proz.,).  Unter  den  56  Fällen  des| 
hiesigen  Säuglingsheims  hatten  wir  22  mit  tödlichem  Ausgang! 

39  Proz.  Dabei  ist  aber  zu  beachten,  dass  alle  Fälle  mitgezählt! 
sind,  auch  die,  welche  von  der  Frauenklinik  oder  von  auswärts  so» 
gut  wie  hoffnungslos  eingeliefert  wurden. 

Ganz  sicher  ist  ein  hoher  Prozentsatz  der  Schwachgeburten  aml 
Leben  zu  erhalten,  wenn  man  nur  vom  Augenblick  der  Geburt  an, 3 
besser  schon  vor  der  Geburt,  entsprechende  Massnahmen  getroffen 
hat.  Von  diesen  darf  allerdings  auch  nicht  eine  einzige  versagen,  denn 
jedes  Versehen  kann  dem  zarten  Organismus  verderblich  werden.;. 
Deshalb  ist  als  erste  Frage  stets  die,  zu  erörtern,  ob  die  gegebenen:, 
Verhältnisse  überhaupt  Gewähr  für  Zuverlässigkeit  der  Pflege  und: 
Ernährung  geben.  Ist  das  nicht  sicher  der  Fall,  so  tut  man  am  besten, ij 
man  überweist  die  Schwachgeburt  unmittelbar  nach  der  Geburt, (■ 
besser  noch  unter  der  Geburt,  einer  Frauenklinik  bzw.  einem  Säug¬ 
lingsheim.  Nicht  nur  weil  hier  Sondereinrichtungen  (Wärmeziintner, 
•Wäremebetten,  Ammenernährung)  vorhanden  sind,  die  solche  Pflegcjj 
ungemein  günstiger  gestalten,  sondern  auch  ganz  besonders  weil  hier! 
geübte  Kräfte  walten,  die  aus  vielfältiger  Erfahrung  die  Schwach-! 
gehurt  und  ihre  Bedürfnisse  zu  beurteilen  wissen  und  in  allen  Pflege- 
massnahmen  die  hier  ganz  besonders  erwünschte  Ucbung  und  Fertig-] 
keit  haben.  Nur  wo  das  Alter  des  Kindes  (etwa  ab  34. —  36.  Woche)t! 
gute  Lebensaussichten  gibt,  wo  sein  Gewicht  annähernd  2000  g  er¬ 
reicht,  wo  seine  Lebenskraft  nicht  zu  bezweifeln  ist,  wo  neben  guteil 
Nahrungsaufnahme  ausgiebige  und  regelmässige  Atmung  beobachtet:! 
wird,  nur  da  darf  man  zuversichtlich  auch  im  wohlgestellten  Eltern¬ 
hause  das  Wagnis  unternehmen.  Wie  unterschiedlich  Elternhaus  und 
Klinik  hier  wirken,  ergibt  annähernd  folgende  Gegenüberstellung  von. 
Schwachgeburten,  die  mit  einem  Gewicht  von  mehr  als  1500  g,  alsoii 
in  der  Regel  erhaltungsfähig,  zur  Aufnahme  kamen: 

Unter  16  solcher  Aufnahmen  von  auswärts  hatten  wir  5  Tödesfälle 
=  31  Proz. 

Unter  27  solcher  Aufnahmen  aus  der  Frauenklinik  hatten  wir  6  Todes-l 
fülle  =  22  Proz. 

Dabei  ist  zu  bedenken,  dass  dort  schon  eine  Auswahl  stattge-jl 
fanden  hatte,  während  hier  eine  Ucberweisung  sämtlicher  Fälle  er-;, 
folgte.  Lehrreich  ist  in  dieser  Beziehung  auch  eine  Aufstellung! 
B  u  d  i  n  s: 

Aufnahmegewicht  Sterblichkeit 
Von  auswärts  mit  unter  1500  g  97  Proz:  * 

32 — 35  0  Rektaltemperatur  1500 — 2000  g  85,9  Proz. 

aufgenommen:  über  2000  g  69,2  Proz. 

Dagegen  nur  23  Proz.  Sterblichkeit  bei  den  Schwachgeburten 
seiner  Klinik,  die  vor  Abkühlung  bewahrt  wurden. 

Nach  welchen  Gesichtspunkten  ist  nun  zu  urteilen,  wenn  die 
Pflege  im  Elternhaus  beabsichtigt  wird?  Zunächst  ist  immer  er¬ 
wünscht,  den  wahrscheinlichen  Grad  der  Lebenserhaltung  festzu- 

stellcn.  Anamnestische  Erkundungen  müssen  zu  klären  suchen,  in 
welche  der  erwähnten  Gruppen  der  vorliegende  Fall  gehört.  Steht; 
der  Empfängnistag  fest  oder  wird  gleichzeitig  mit  dem  untergewich¬ 
tigen  Kind  ein  vollgewichtiger,  ausgetragener  Zwilling  geboren,  so 
ist  die  Entscheidung  leicht.  In  vielen  Fällen  bleibt  jedoch  der  Arzt 
mit  seinem  Urteil  in  der  Schwebe.  Jedenfalls  eins  muss  er  im  Auge 
behalten:  Je  näher  er  das  Kindesalter  der  28.  Schwangerschaftswoche 
schätzt,  um  so  geringer  sind  die  Lebensaussichten,  um  so  dring¬ 
licher  die  Austaltspflcgc  an  Stelle  der  Hauspflege.  Sein  Urteil  über 
die  Lebenswahrscheinlichkeit  kann  er  sich  ja  auch  nach  der  Froe- 
b  e  1  i  u  s  sehen  Formel  V  =  (b — c)  —  (a — b)  bilden  (V  =  Vitalität. 


4.  September  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIF  T. 


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>  r  Brustumfang,  c  =  halbe  Körperlänge,  a  —  Kopfumfang),  wobei 
»ositiver  Ausfall  der  Rechnung  Lebensfähigkeit  bedeutet.  Doch  wird 
uan  sich  mit  gleichgrosser  Sicherheit  oder  Unsicherheit  auch  an  fol- 
tende  einfachere  Maassbetrachtungen  halten  können:  Fine  Schwach- 
ioburt  liat  um  so  grössere  Lebensaussicht,  je  weiter  sie  sich  von 
olgciiden  Mindermaassen  entfernt  (Reiche): 

Brustumfang  22,5 — 23  eni 

Kopfumfang  26,5 — 27  cm 

Körperlänge  34  cm 

Körpergewicht  1Ü00  g 

Ein  gewisses  Urteil  erlauben  aucli  die  P  f  a  u  n  d  1  e  r  sehen 
daasse:  Kinder  unter  45  cm  und  unter  2000  g  sind  immer  unreif, 
(inder  über  50  cm  und  über  3000  g  sind  immer  reif.  In  der  Praxis 
vird  man  sich  mit  Messungen  nicht  allzu  oft  aufhalten.  Hier  geben 
lie  Gewichte  den  einfachsten  Maassstab  ab,  etwa  in  der  Wer- 
ung,  dass 

Schwachgeburten  bis  1000  g  selten  erhaltungsfähig, 
Schwachgeburten  von  1000 — 1500  g  oft  erhaltungsfähig, 
Schwachgeburten  von  1500 — 2000  g  meist  erhaltungsfähig  sind. 

Je  kleiner  das  Qewicht,  um  so  grösser  ist  in  der  Regel  der  cr- 
orderliche  Pflegeaufwand.  In  der  Regel!  Pfaundler,  Finkel¬ 
ite  i  n  und  andere  machen  mit  Recht  darauf  aufmerksam,  dass  das 
jewicht  nicht  immer  entscheidet.  Manchesmal  gedeiht  ein  minder- 
rewichtiges  Kind  viel  besser  als  ein  höhergewichtiges.  Die  Begriffe 
Mindergewicht  und  Lebensschwäche  decken  sich  eben  durchaus  nicht 
mmer.  Das  ist  auch  hiesige  Erfahrung. 

In  der  Behandlung  gilt  die  ärztliche  Aufmerksamkeit  immer 
.vieder  folgenden  5  Punkten: 

I.  Der  Wärmeregulierung. 

Sie  ist  bei  dem  Schwachgeborenen  immer  erschwert.  Hier  wirkt 
Jie  Ungunst  des  Verhältnisses  von  Körpermasse  und  Körperober- 
läclie,  wie  sie  schon  dem  normalen  Säugling  eignet,  noch  viel  mehr 
iber  der  untergewichtigen  Schwachgeburt.  Sie  hält  sich  noch  dazu 
>ft  wegen  muskulärer  Schwäche  gestreckt  und  verliert  damit  noch 
lusserdem  die  Wärmeersparnis,  die  das  normale  Neugeborene  durch 
Anziehen  von  Armen  und  Beinen  an  den  Körper  erwirkt.  Hinzu 
’commt  der  Mangel  an  Unterhautfettgewebe  und  die  mangelhafte 
Wärmeerzeugung,  die  in  geringer  Muskelbetätigung  und  geringem 
-Toffumsatz  ihre  Ursache  hat.  Die  physikalische  und  die  chemische 
Wärmeregulierung  sind  also  behindert!  Dazu  kommt  endlich  noch  die 
nangelhafte  Betätigung  des  Wärmezentrums,  die  sich  oft  trotz  Wär- 
uezufuhr  in  langanhaltender  Hypothermie  zeigt.  Welche  Bedeutung 
Jein  Wärmehaushalt  der  Schwachgeburt  zukommt,  das  spiegelt  sich 
im  besten  in  der  Jahressterblichkeitskurve  wieder,  die  eine  Umkehr 
icr  Sterblichkeitskurve  des  Säuglingsalters  darstellt,  d.  h.  einen  win¬ 
terlichen  Gipfel  und  eine  sommerliche  Abflachung  zeigt  (G  r  o  t  h  bei 
Rommel). 

Deshalb  lauten  in  dieser  Richtung  die  Behandlungsmassnahmen: 
Wo  nach  Anamnese  und  Befund  eine  Schwachgeburt  zu  erwarten 
steht,  da  ist  schon  intra  partum  für  möglichst  warme  Umgebungs¬ 
temperatur  zu  sorgen,  damit  das  Kind  in  sehr  warmer  Stube  mit  vor¬ 
gewärmtem  Bett,  angewärmter  W'äsche  und  wohltemperiertem  Bad 
empfangen  wird.  Die  Bedeutung  des  Wärmeverlustes  darf  nicht 
unterschätzt  werden.  Wenn  wir  in  der  Klinik  mehr  Schwachgeburten 
am  Leben  erhalten  als  im  Privathaus,  so  liegt  das  zum  guten  Teil 
daran,  dass  dort  hinreichend  Kräfte  vorhanden  sind,  die  nach  der 
Geburt  nicht  nur  an  die  Mutter  denken,  sondern  auch  für  das  Kind 
umfassend  wirken.  Untertemperaturen,  die  nicht  zu  überwinden  sind, 
sehen  wir  nur  selten  bei  einer  untergewichtigen  Kliniksgeburt,  häufig 
aber  bei  Schwachgeburten,  die  von  auswärts  eingeliefert  wurden. 
Dann  nützen  uns  alle  Künste  der  Ernährung  und  Pflege  nicht.  Ein 
untergewichtiges  Kind  haben  wir  freilich  auch  in  der  Klinik  an  Unter¬ 
kühlung  eingebüsst.  Das  sei  als  lehrreiches  Beispiel  hier  angeführt. 
Es  geschah,  als  anlässlich  des  Gemeindearbeiterstreiks  der  Anstalt 
das  Gas  unterbunden  wurde  und  damit  die  Wärmflaschenversorgung 
des  Frühgeburtenzimmers  in  der  Nacht  aufhörte.  In  Berücksichtigung 
der  Wärmeversorgung  wird  das  1.  Bad  besser  auf  38  "C  erwärmt. 
Weitere  Bäder  unterbleiben  bis  zur  Nabelheilung  und  werden  auch 
dann  vorteilhaft  nur  in  mehrtägigen  Pausen  vorgenommen. 

Aus  eigner  Kraft  kann  das  Schwachgeborene  die  Normaltempe¬ 
ratur  längere  Zeit  nicht  halten.  Deshalb  ist  dauernde  Wärmezufuhr 
und  Temperaturbeaufsichtigung  nötig,  bis  durchschnittlich  ein  Ge¬ 
wicht  von  2üüü  g  erreicht  ist  bzw.  bis  bei  Unterbrechung  der  Wärme¬ 
zufuhr  das  Kind  seine  Wärmebeständigkeit  erweist.  Das  Frühgebur¬ 
tenzimmer,  die  Couveuse  und  die  elektrisch  betriebene  Wärmewanne 
der  Klinik  sind  nicht  unerlässliche  Forderungen.  Ein  gut  warm  ge¬ 
haltenes  Wohnzimmer  (26 — 24 — 22 0  C)  und  eine  warme  Bettstatt 
genügen  in  vielen  Fällen.  Wir  halten  unsere  Schwachgeburten  in 
gleichmässig  gut  gewärmtem,  mittelbar  ausgiebig  gelüftetem  Zimmer 
im  gewöhnlichen  eisernen  Säuglingsbett.  Dieses  wird  durch  Auslegen 
mit  Wolldecken  seitlich  abgefüttert.  Als  Wärmequelle  werden  3 
steinerne  Kruken  um  das  Kind  gelegt,  und  nach  oben  wird  durch  einen 
Gazeschleier  abgedichtet.  Vor  plötzlicher  Zugwirkung  und  schnellem 
Wärmeverlust  sind  die  Kinder  so  genügend  geschützt.  Ein  mitein¬ 
gebundenes  Thermometer  überzeugt  uns  dabei  immer  von  dem  Vor¬ 
handensein  der  gewünschten  Umgebungstemperatur  (30 — 26 — 24  0  C) 
und  verhütet  Ueberhitzung,  die  bei  ungenügender  Ueberwaclmux 
Vorkommen  kann.  Spitzen  der  Temperaturkurve,  die  durch  Vermin¬ 
derung  der  Wärmezufuhr  sofort  zu  beseitigen  sind,  deuten  diesen 


Zustand  an.  Wir  haben  ein  Kind,  das  versehentlich  zu  warm  abge¬ 
deckt  und  nur  zwei  Stunden  lang  unter  diesem  Wärmeschutz  bis  auf 
40"  überhitzt  wurde,  verloren,  obwohl  es  bis  zu  diesem  Unfall  schon 
hervorragend  gute  Gewichtserfolge  aufzuweisen  hatte,  also  recht 
lebenskräftig  war.  Gelegentlich  ist  der  in  der  Erwärmung  gleich- 
mässigst  und  richtigst  gehaltene  Aufenthaltsort  das  mütterliche  Bett. 
Eins  der  kleinsten  Kinder  (etwa  750  g),  von  dessen  Erhaltung  die 
Literatur  berichtet,  ist  bekanntlich  in  den  ersten  Wochen  im  mütter¬ 
lichen  Bett  warmgehalten  worden.  Hier  kann  also  ausnahmsweise 
erlaubt  werden,  was  in  der  Regel  verboten  ist.  Jedenfalls  darf  die 
Umgebungstemperatur  nicht  höher  als  die  Körpertemperatur  steigen. 
Auch  verbietet  sich  nach  den  Erfahrungen  in  der  Couveuse  andau¬ 
ernde  und  gleichmässige  Hochhaltung  der  Umgebungstemperatur 
(30 — 36  °C).  Es  kommt  dann  der  gelegentliche  Hautreiz  kühleren 
Luftstroms  in  Wegfall,  der  unentbehrlich  für  Vertiefung  der  Atmung 
und  für  Förderung  des  Stoffumsatzes  ist  (P  f  a  u  n  d  1  e  r).  Dass  auch 
für  Zuführung  genügenden  Wassergehaltes  in  der  Luft  Sorge  ge¬ 
tragen  werden  muss,  ist  ja  eine  bekannte  Erfahrung  der  ersten  Ver¬ 
suche  mit  unzweckmässigen  Brutapparaten. 

Anderseits  haben  uns  die  Mitteilungen  von  Eröss,  Schmidt 
u.  a.,  aber  auch  eigene  Erfahrungen  gelehrt,  dass  vorübergehende, 
wenn  auch  nur  kurz  einwirkende  Abkühlungen  (1.  Ausgang,  nächt¬ 
liche  Abkühlung  des  Zimmers)  deutlich  wahrnehmbare  ungünstige 
Ausschläge  in  Temperatur-  und  Gewichtsverlauf  erzeugen  können. 
Die  Bekleidung  der  Schwachgeburt  war  früher  mit  Rücksicht  auf 
die  Wannhaltung  ausserordentlich  anliegend,  und  mit  Vorliebe  wählte 
man  Watteeinpackungen.  Davon  ist  man  mit  zunehmender  Wärme¬ 
technik  mehr  und  mehr  abgekommen,  einmal  wegen  der  Gefahr  zu 
grosser  Wärmestauung,  dann  aber  auch  mit  der  Begründung,  dass 
so  eng  anliegende  Kleidung  die  an  sich  oft  ungenügende  Atmungs¬ 
breite  hoch  mehr  einengt. 

II.  Der  Ernährung. 

Sie  bietet  die  grössten  Schwierigkeiten.  Die  intrauterine  Ent¬ 
wicklung  wird  bei  der  Schwachgeburt  gerade  in  der  Zeit  unterbro¬ 
chen,  die  dem  Fötus  das  schnellste  Wachstum  bringt.  Für  ihr  Nah¬ 
rungsbedürfnis  hat  deshalb  die  Schwachgeburt  einen  höheren  Energie¬ 
quotienten  nötig  als  das  ausgetragene  Kind.  Sie  muss  eben  in  ihren 
ersten  Lebensmonaten  den  Wachstumsausfall  ihrer  fehlenden  Fötal¬ 
zeit  nachholen,  und  das  tut  sie  auch  in  Massen-  und  Längenwachstum 
(Reiche,  Y 1  p  p  ö)  bei  geschickter  Abwartung.  Rechnet  man  bei 
dem  ausgetragenen  Kind  mit  100 — 110  Kal.,  so  genügen  bei  der 
Schwachgeburt  erst  120 — 150  Kal.  Diese  Mengen  geben  auch  B  u  d  i  n, 
Salge,  Langstein  - Meyer,  Czerny-Keller,  Ober¬ 
warth  und  Birk  an.  Reiche  berechnet  wie  folgt:  Das  Wachs¬ 
tum  der  Frühgeburt  beginnt,  sobald  die  Nahrungsmenge  =  Strecken¬ 
gewicht  X  7  erreicht  ist  (Streckengewicht  =  Körpergewicht  :  Kör¬ 
perlänge).  Auch  folgende  Angaben  macht  er: 

Frühgeburten  unter  1500  g  haben  einen  Bedarf  von  130  Kalorien, 

Frühgeburten  bis  1800  g  haben  einen  Bedarf  von  120  Kalorien, 

Frühgeburten  über  2000  g  haben  einen  Bedarf  von  100  Kalorien. 

Nach  Berechnungen  an  gut  gedeihenden  Schwachgeburten  hiesi¬ 
ger  Klinik  wurden  folgende  Mengen  pro  kg  getrunken: 


Ende  der  1.  Woche 
Ende  der  2.  Woche 
Ende  der  3.  Woche 
Ende  der  4.  Woche 
In  der  6.-8.  Woche 


bei  Brusternährung 


130—175  g 
140—190  g 
145—210  g 
150—250  g 


bei  Ernährung  mit  abgedriiekter 
Ammenmilch 
95—150  g 
140—240  g 
160—240  g 
165—235  g 
165—225  g 


Man  muss  also  nach  allem  für  einen  Verzehr  von  150 — 180 — 200  g 
Frauenmilch  Sorge  tragen. 

Neben  der  Beobachtung  des  höheren  kalorischen  Nahrungswertes 
muss  noch  eine  zweite  Rücksicht  laufen:  Der  Uebergang  zur  kalorisch 
genügenden  extrauterinen  Ernährungsform  muss  im  allgemeinen  bei 
der  Schwachgeburt  schneller  vollzogen  werden  als  bei  dem  Normal¬ 
geborenen.  Die  Schwachgeburt  hat  grössere  Wärmeverluste,  sie  ist 
unfertig  in  ihrem  Organaufbau  und  erschöpft  sich  infolgedessen 
schneller  in  ihren  Körperfunktionen  insbesondere  in  Saug-,  Verdau- 
ungs-  und  Atmungskraft.  Bei  knapper  Nahrungszufuhr  in  der  ersten 
Lebenszeit  macht  sich  diese  leichte  Erschöpfbarkeit  oft  überraschend 
schnell  geltend.  Uns  wurde  das  wiederholt  durch  Auftreten  asphyk- 
tischer  Anfälle  gegen  Mitte  und  Ende  der  1.  Woche  bewiesen,  wo  wir 
nur  langsam  und  vorsichtig,  zu  langsam  und  zu  vorsichtig,  die  Nah¬ 
rungsmenge  gesteigert  hatten.  Mit  entsprechend  erhöhter  Zufuhr  ge¬ 
lang  es  alsbald,  die  bedrohlichen  Zufälle  zu  beseitigen.  Zum  Beweis 
folgende  2  Krankengeschichten: 


1.  Diter  M.,  Priv.-Abt.  15/22.  Geburtsgewicht  1950  g.  An  mütterlicher 
Brust  mit  ungenügenden  Mengen  genährt.  Am  3.  Tag  schwerer  asphyktischer 
Anfall.  Nach  nunmehr  reichlicher  Zufütterung  abgedrückter  Ammenmilch  kein 
neuer  Anfall  und  einwandfreies  ferneres  Gedeihen. 

Hans  Sch.,  Priv.-Abt.  1/22.  Geburtsgewicht  1600  g.  5  Stunden  nach  der 
Geburt  eingeliefert.  In  den  ersten  5  Tagen  mit  abgedrückter  Ammenmilch 
in  Mengen  genährt,  die  allmählich  von  40  auf  100  g  stiegen.  Am  6.,  7.  und 
8.  Tag  schwerste  asphyktische  Anfälle.  Jetzt  energische  Erhöhung  der  Nah¬ 
rungsmenge  unter  Zuhilfenahme  der  Sonde  auf  280  g.  Alsbaldiges  Ende  der 
Anfälle  und  stetige  Zunahme. 


Das  bewiesen  uns  aber  auch  mehrfache  Erfahrungen  mit 
Schwachgeburten,  die  in  der  Klinik  entbunden  wurden  und  brust¬ 
genährt  ohne  Anfälle  am  10. — 12.  Tag  zur  Entlassung  kamen.  Solche 
Kinder  wurden  wiederholt  8 — 14  Tage  später  wegen  schwerer  as- 


3‘ 


1178 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


phyktischer  Anfälle  wieder  eingeliefert.  Bei  reichlicher  Zufütterung 
von  Ammenmilch  sahen  wir  diese  Anfälle  mehrfach  alsbald  ver¬ 
schwinden.  Die  Gewichtsabnahme  in  dem  Zeitraum  vom  Abgang 
bis  zur  Wiederaufnahme  in  die  Klinik  bestärkte  uns  in  der  Annahme 
der  Unterernährung  ebenso  wie  die  mütterlichen  Angaben,  dass  diese 
Kinder  in  den  Tagen  vor  der  Neuaufnahme  nur  noch  ungern  und  un¬ 
genügend  oder  gar  nicht  an  der  Brust  getrunken  hatten. 

Hieraus  ergibt  sich  die  Forderung:  Man  beschleunige  bei  der 
Schwachgeburt  die  Zufuhr  von  Nahrung,  so  dass  man  nicht  wie  bei 
dem  Neugeborenen  in  10 — 14  Tagen  die  für  Unterhaltungs-  und 
Wachstumsbedürfnis  nötigen  Mengen  erreicht,  sondern  schon  in 
6—8 — 10  Tagen.  Das  ist  in  vielen  Fällen  bei  reiner  Brusternährung 
unmöglich.  Denn  einmal  gibt  die  Brust  der  frisch  entbundenen  Mutter 
oft  nicht  so  schnell  ausgiebige  Mengen,  zum  andern  ist  die  Saug¬ 
kraft  des  Schwachgeborenen  oft  zu  gering,  um  den  nötigen  Reiz  für 
schnelle  Ergiebigkeit  der  Brust  auszuüben.  Hier  hilft  manchmal  Ver¬ 
mehrung  der  Mahlzeiten  von  6  auf  8  und  10.  Dann  darf  man  nicht 
davor  zurückschrecken,  das  Kind  vor  der  einzelnen  Mahlzeit  zu 
wecken.  Klug  handelt  man  immer,  wenn  man  in  diesen  Fällen  die 
Nachtpause  nicht  allzu  lang  ausdehnt,  sondern  durch  eine  Mahlzeit 
unterbricht,  worauf  auch  Schmidt  schon  hinweist. 

Sind  aber  Schläfrigkeit  und  Saugschwäche  des  Kindes  zunächst 
nicht  zu  überwinden,  so  muss  mit  allen  Mitteln  der  Kunst  (Abdrücken, 
Absaugen)  die  Leistungsfähigkeit  der  mütterlichen  Brust  schnell  ge¬ 
steigert  werden  und  das  so  gewonnene  Mehr  dem  Kinde  neben  der 
Brust  zur  Erfüllung  seines  höheren  Wachstumspotentials  zugeführt 
werden.  Wir  gehen,  wie  gesagt,  meist  schnell  auf  150 — 200  g  Mutter¬ 
milch  pro  kg  in  die  Höhe  und  sehen  sogar  häufig  Schwachgeburten, 
die  an  der  Ammenbrust  trinken,  wochenlang  dieses  Maass  über¬ 
schreiten.  Gewiss  gibt  es  auch  Ausnahmen,  d.  h.  Schwachgeburten, 
die  bei  wenigen  Mahlzeiten  und  kleineren  Mengen  gut  gedeihen.  In 
der  Regel  erzielt  man  aber  bessere  Ergebnisse  bei  grösseren  Trink¬ 
mengen.  Bei  ausschliesslicher  Ernährung  mit  abgedrückter  Milch 
aus  der  Flasche  ist  man  jedenfalls  meist  im  Vorteil,  wenn  man  sich 
an  die  Regel,  nicht  an  die  Ausnahme  hält.  Wir  steigen  hier  also 
grundsätzlich  in  6 — 8—10  Tagen  auf  150 — 200  g  pro  kg. 

Mit  der  Flasche  solche  Mengen  dem  Kinde  beizubringen,  scheitert 
nicht  ganz  selten  an  seiner  Schwäche,  die  sich  öfter  in  Saug-,  ja 
Schluckunfähigkeit  äussert.  Die  erstcre  kann  man  mit  Löffel,  Pipette 
oder  Undine  überwinden.  Gegen  letztere  muss  man  zur  Sonde 
greifen.  Hierbei  ergeben  sich  im  Privathaus  natürlich  neue  Schwie¬ 
rigkeiten:  Selten  kann  der  Arzt  zu  jeder  Sondenfütterung  kommen, 
und  nicht  immer  ist  jemand  an  seiner  Statt  vorhanden,  dem  man  diese 
Form  der  Ernährung  sorglos  überlassen  kann.  Wird  sie  mangelhaft 
ausgeführt,  so  droht  die  Gefahr  der  Schluckpneumonie.  Wo  man 
längere  Zeit  zu  ihr  seine  Zuflucht  nehmen  muss,  ist  übrigens  mit  der 
Möglichkeit  zu  rechnen,  dass  der  spätere  Uebergang  zur  Flaschen¬ 
oder  Brusternährung  erhebliche  Schwierigkeiten  bereitet,  denn  son¬ 
dengenährte  Kinder  sind  manchmal  wochenlang  nicht  zu  Saugbewe¬ 
gungen  zu  veranlassen. 

Am  einfachsten  löst  sich  natürlich  die  Frage  der  Ernährung  an 
der  leichtgehenden  Ammenbrust,  die  durch  ein  gesundes,  kräftig 
saugendes  Ammenkind  dauernd  in  guten  Fluss  gehalten  wird.  Gleich¬ 
zeitig  kann  dieses  im  Austausch  die  mütterliche  Brust  der  Schwach¬ 
geburt  in  Gang  bringen.  Die  Gefahr  der  Ueberfütterung  an  der 
Ammenbrust  ist  durch  Ueberwachung  der  Tagestrinkmengen  zu  um¬ 
gehen.  Grösser  ist  dagegen  die  Gefahr  der  luetischen  Ansteckung  der 
Amme,  worauf  Rücksicht  zu  nehmen  bei  jeder  Schwachgeburt  ern¬ 
steste  Pflicht  des  Arztes  ist. 

Neben  der  Beachtung  des  höheren  und  schnelleren  Nahrungs¬ 
bedürfnisses  ist  eins  noch  bei  der  Ernährung  mit  Muttermilch  nicht 
zu  vergessen:  Die  intrauterine  Entwicklung  des  schwachgeborenen 
Kindes  wurde  zu  einem  Zeitpunkt  unterbrochen,  wo  es  starke  Salz- 
und  Eiweisszufuhr  für  seinen  schnell  wachsenden  Körper  brauchte. 
Das  normalgeborene  Kind  hat  diese  Zeitspanne  bereits  hinter  sich, 
und  ihm  ist  deshalb  der  diesbezügliche  Gehalt  der  Muttermilch  ge¬ 
nügend.  Nicht  selten  sehen  wir  aber  aus  diesem  Grunde  bei 
Schwachgeburten  trotz  reichlicher  Zufuhr  von  Muttermilch  flache 
Gewichtskurven.  Eine  kleine  Aufbesserung  der  Nahrungsmenge  mit 
Buttermilch  oder  mit  5—10  g  Plasmon,  in  15—30  g  Emser  Kränchen 
oder  abgedrückter  Ammenmilch  aufgeschwemmt,  führt  da  oft  zu 
gutem  Gewichtsansatz. 

Dass  die  Erfolgsaussichten  bei  widernatürlicher  Ernährung  we¬ 
sentlich  verschlechtert  sind,  braucht  bei  der  Fülle  der  Fährnisse  keine 
Erörterung.  Die  gegensätzlichsten  Verfahren  sind  vorgeschlagen. 
1  »er  Erfolg,  der  damit  hier  und  da  beschieden  ist,  dürfte  mehr  vom 
Zufall  als  von  der  Berechnung  abhängen. 

Seitenlagerung  nach  vollzogener  Nahrungsaufnahme  ist  hier  noch 
erwünschter  als  bei  dem  normalen  Neugeborenen.  Dieser  und  jener 
plötzliche  Todesfall  eines  Schwachgeborenen  dürfte  bei  Ausseracht- 
lassung  dieser  Regel  auf  Erstickung  nach  Regurgitation  von  Magen¬ 
inhalt  und  nicht  auf  einen  asphyktischen  Anfall  zurückzuführen  sein. 

III.  Den  asphyktischen  Anfällen. 

Sie  sind  bekannt  und  mit  Recht  gefürchtet.  Man  ist  gern  geneigt, 
den  Eintritt  dieses  Ereignisses  als  unumgängliche  Tatsache  hinzu¬ 
nehmen,  die  zum  Teil  Folge  muskulärer  Schwäche  (Brustmuskulatur), 
zum  Teil  Folge  zerebraler  Unfertigkeit  (Atmungszentrum),  zum  Teil 
aber  auch  Folge  zerebraler  Blutungen  ist.  Aber  gelegentlich  sind  sie 
nach  obigen  Ausführungen  auch  unsererseits  verschuldet  und  des¬ 


Nr.  37.i 


halb  vermeidbar.  Soweit  sie  erst  mehrere  Tage  nach  der  Geburt 
eintreten,  sind  sie  unserer  Erfahrung  nach  öfter  durch  Unterernäh¬ 
rung  hervorgerufen.  Diese  Ansicht  äussert  übrigens  auch  Budin. 

Die  Behandlung  des  Kindes  im  Anfall  selbst  erstreckt  sich  — | 
abgesehen  von  allenfallsiger  erhöhter  Nahrungszufuhr  —  immer  wie¬ 
der  auf  Hautreize,  Sauerstoffzufuhr  und  Stiinulantien.  Zu  warnen  isi 
vor  kräftiger  Ausübung  der  Herzmassage,  künstlicher  Atmung  odei 
gar  vor  S  c  h  u  1 1  z  e  sehen  Schwingungen.  Die  Arbeiten  Y  1  p  p  ö  s ; 
haben  auf  die  grosse  Neigung  zu  üefässzerreissung  und  Blutung  be 
der  Schwachgeburt  nachdrücklichst  aufmerksam  gemacht,  und  untei 
dieser  Erkenntnis  verbietet  sich  jeder  gewalttätige  Eingfif. 
solcher  Art. 


IV.  Der  Infektionsverhütung. 

Das  ausgetragene  Neugeborene  ist  bekanntlich  bakteriellen  Ein¬ 
wirkungen  in  vielen  Richtungen  ausserordentlich  zugängig  und  muss 
deshalb  möglichst  keimfrei  versorgt  werden.  Das  schwachgeborent 
und  besonders  das  frühgeborene  Kind  besitzt  diese  Eigenschaft  ir 
noch  gesteigertem  Maasse.  Deshalb  muss  in  seiner  Behandlung  mög¬ 
lichste  Asepsis  angestrebt  werden.  Der  behandelnde  Arzt  kann  ir 
dieser  Beziehung  nicht  vorsichtig  genug  sein  und  muss  jeglichei 
Uebcrtragung  von  Infektionserregern  vorbauen.  Dieselbe  Vorsicht 
ist  dem  Pflegepersonal  und  der  ganzen  Familie  zu  predigen.  Urr 
mehrfache  Infektionsquellen  zu  meiden,  ist  die  Pflege  möglichst  aui 
eine  Person  zu  beschränken.  Sie  muss  für  diesen  besonderen  Fall 
besonders  angelernt  werden  und  sich  in  den  Pflegevornahmen  (Bad 
Trockenlegung)  und  Pflegegegenständen  (Wäsche,  Flasche,  Sauger 
u.  s.  f.)  weitgehendster  Sauberkeit  befleissigen.  Sie  muss  aber  auch 
allen  verdächtigen  Krankheitsfällen  fernbleiben,  damit  sie  nicht  Ur¬ 
sache  eines  Schnupfens,  einer  Grippe,  einer  Bronchopneumonie,  eines 
Erysipels,  einer  Pyodermie  wird.  Die  Pflegerin  scheidet,  wo  irgend 
möglich,  sofort  aus,  sobald  sie  selbst  katarrhalisch  erkrankt  oder 
infektionsverdächtig  wird.  Welche  Rolle  Infektionen  unter  den 
Todesfällen  der  Schwachgeborenen  spielen,  das  mögen  die  Ursachen 
unserer  Verlustfälle  zeigen: 


Infektiöse  Todesursachen: 
Bronchopneumonie  6  t 

Grippe  3  =  10. 

Erysipel  1  > 

Nichtinfektiöse  Todesursachen: 


Lebensschwäche  • 

Unterernährung 

Asphyxie 

Unterkühlung 

Tentoriumnss 


V.  Der  Neigung  zu  Gefässverletzungen  und  Blutungen. 

Auf  die  Leichtverletzlichkeit  der  Gefässwandungen,  die  schor 
bekannt  war  (R  o  in  m  e  1),  hat  neuerdings  mit  besonderem  Nachdruck 
Y  1  p  p  ö  die  Aufmerksamkeit  gerichtet.  Ihrer  Bedeutung  für  die 
Lebenserhaltung  der  Schwachgeburt  wurde  schon  gedacht  bei  deir 
Verbot  lebhafter  Wiederbelebungsversuche ,  besonders  der 
Schnitze  sehen  Schwingungen.  Zuzufügen  wäre  an  dieser  Stelle 
dass  Y  1  p  p  ö  manchen  Todesfall  einer  Schwachgeburt  auf  eine  ente- 
rale  Sepsis  zurückführt,  die  er  sich  auf  Schleimhautblutungen  irr 
Magendarmkanal  aufbauen  lässt.  Es  wäre  zu  überlegen,  ob  sich  nicht 
auch  die  Bronchopneumonien,  die  häufig  das  Leben  der  Schwach¬ 
geburt  beenden,  öfter  auf  solcher  Grundlage  vorbereften.  Wieder¬ 
belebungsversuche,  die  zu  Blutungen  ins  Lungengewebe  führen 
könnten,  machen  sich  jedenfalls  bei  der  Häufigkeit  asphyktischer  An¬ 
fälle  oft  nötig.  Sie  werden  auch  öfter  gleich  im  Anschluss  an  die 
Geburt  erforderlich,  denn  diese  erfolgt  gern  in  Steisslage  bzw.  durch 
Wendung.  Wir  hatten  unter  54  Fällen  11  Steisslagen  und  2  Quer¬ 
lagen.  Wenn  solche  Lageabweichungen  nun  öfter  das  Eingreifen  des 
Geburtshelfers  verlangen,  so  ist  auch  hier  möglichst  schonungsvolles 
yorgehen  dringend  geboten.  Die  Gefahr  des  Tentoriumrisses,  der 
Sinusverletzungen  und  der  intrakraniellen  Blutungen  liegt  infolge  der 
Gefässverletzlichkeit  ausserordentlich  nahe.  — 

Wenn  man  so  rückblickend  die  Gefährdung  der  Schwachgeburt 
überschaut,  so  drängt  sich  jedem  Gewissenhaften  die  Ansicht  auf, 
dass  solche  Kinder  nur  in  seltenen  Fällen  in  Privatpflege,  in  der  Regel 
in  klinische  Verwahrung  gehören.  Denn  hier  treten  fast  selbsttätig 
sofort  und  geschlossen  alle  Vorsichtsmassregeln  in  Kraft.  Nicht  nur 
der  Arzt  verfügt  hier  über  die  grössere  Erfahrung,  sondern  neben 
ihm  steht  die  „Frühgeburtenschwester“,  die  mit  einem  durch  Uebung 
und  Anschauung  unendlich  verfeinerten  Empfinden  über  diesen  Pfleg- 
j  ling  wacht.  Diese  fortdauernde  bewusste  Ueberwachung  ist  aber! 
;  das  wichtigste  für  die  ersten  Wochen,  und  damit  schaltet  im  Privat-j 
;  haus  selbst  die  beste  und  gewissenhafteste  aller  Mütter  nicht J 
Unter  diesem  Gesichtswinkel  wird  der  gelegentlich  gehörte  Einwurf.1 
Anstaltsbehandlung  wäre  dem  Schwachgeborenen  wegen  gehäufter! 
Infektionsgefahr  gefährlicher,  hinfällig.  Deshalb  sollte  sich  der  prak¬ 
tische  Arzt  dort,  wo  die  Möglichkeit  klinischer  Behandlung  gegeben 
i  ist,  öfter  zur  Ueberweisung  entschliessen,  um  so  eher,  je  näher  das 
i  Alter  der  28.  Woche,  das  Gewicht  der  1000  g- Grenze,  die  Länge  der 
34  cm  -  Grenze  ist.  Wo  aber  dieser  Entschluss  einmal  gefasst  ist,  da 
tut  Eile  not.  Dann  sind  Ernährungsversuche  an  der  mütterlichen 
:  Brust  besser  zu  unterlassen.  Sie  werden  erfolgreicher  in  der  Klinik 
unternommen,  wohin  man  zu  diesem  Zweck  die  Mutter  mit  ver¬ 
bringen  kann,  wenn  man  den  berechtigten  Wunsch  hat,  dem  Kinde 


•14.  September  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCH!;  WOCHENSCHRIFT. 


1179 


die  Mutterbrust  zu  erhalten.  Keinesfalls  darf  uns  diese  Absicht  zu 
lause  zu  Hause  aufhalten.  Immer  müssen  wir  uns  dabei  bewusst 
sein,  dass  die  Stillung  solcher  Kinder  an  der  Mutterbrust  oft  an  der 
Schwache  des  Kindes  und  der  anfänglichen  Schwergängigkeit  der 
Milchdrüsen  scheitert,  an  Schwierigkeiten,  die  an  der  Brust  einer  ge¬ 
übten  Anstaltsamme  viel  leichter  zu  überwinden  sind.  Sobald  wie 
möglich  soll  die  Ueberführung  stattfinden,  also  möglichst  sofort  nach 
der  Geburt,  selbstverständlich  stets  unter  Vermeidung  jeglichen 
Würmcverlustes  für  das  Kind.  Das  ist  leicht  mit  Hilfe  von  Wärm¬ 
flaschen,  Decken  und  geschlossenem  Wagen  zu  jeder  Jahreszeit  zu 
bewerkstelligen. 

Literatur. 

Ober  wart  li:  Jahrb.  f.  Kinderhlk.  60.  —  Pfaundler:  Döderleins 
Hb.  d.  Geburtshilfe  1915.  —  Rommel:  Hb.  d.  Kindcrhlkd.  von  Pfaundler- 
Schlossmann.  —  Kehrer:  Zbl.  f.  Gyn.  1923  Nr.  6.  —  Ylppö:  Zschr.  i. 
Kinderhlkd.  1919,  20.  u.  24.  —  Budin:  Zitiert  nach  Pfaundler.  — 
Reich:  Zschr.  f.  Kinderhlkd.  1915,  12.  u.  13  und  Erg.  d.  inn.  Med.  1917,  15. 
—  Finkeistein:  Lehrb.  d.  Säuglingskrkli.  1921.  —  Eröss:  Zschr.  f. 
Heilkunde  24.  —  Schmidt:  Jb.  f.  Kinderhlkd.  42.  —  C  z  e  r  n  y  -  K  e  1  1  e  r: 
Handbuch.  —  Langstein-Meyer:  Grundriss  der  Säuglingsernährung. 


Aus  dem  Allgemeinen  Krankenhause  Hamburg-Barmbeck. 
(Direktor:  Prof.  Dr.  Th.  Rumpel.) 

Zur  Kasuistik  der  Meningokokkenmeningitis  mit  einer 
Bemerkung  zur  Serumtherapie. 

Von  Dr.  med.  Walther  Jantzen. 

Unter  den  im  hiesigen  Krankenhaus  beobachteten  Fällen  von 
epidemischer  Genickstarre,  die  besonders  in  diesem  Frühjahr  ver¬ 
hältnismässig  häufig  auttraten,  können  2  Fälle  ein  besonderes  Inter¬ 
esse  beanspruchen.  Die  Auszüge  aus  den  Krankengeschichten  seien 
liier  daher  kurz  wiedergegeben. 

Fall  1.  Die  Patientin  erkrankte  zum  ersten  Male  an  epidemischer 
Genickstarre  im  15.  Lebensjahre  am  25.  111.  1915  unter  den  üblichen  Er¬ 
scheinungen  mit  heftigen  Kopfschmerzen,  Benommenheit,  Unruhe  und  hohem 
Fjeber.  Der  Lumbaldruck  war  stark  erhöht;  im  wiederholt  abgelassenen 
Liquor  stets  reichliche  Mengen  von  polynukleären  Leukozyten  und  zahlreiche 
Gram-negative,  meist  intrazellulär  gelegene  Diplokokken,  die  kulturell  typi¬ 
sches  Meningokokkenwachstum  zeigten.  Im  Blut  konnten  keine  Meningo¬ 
kokken  nachgewiesen  werden,  dagegen  wurden  dieselben  sowohl  im  Nasen- 
wie  auch  im  Rachenabstrich  mikroskopisch  und  kulturell  festgestellt.  Verlauf 
unter  ganz  unregelmässigen,  teils  remittierenden,  teils  intermittierenden 
Fieberbewegungen.  Nach  43  Tagen  fieberfrei.  Nachdem  nach  mehrwöchiger 
lokaler  Behandlung  der  Nasen-  und  Rachenschleimhäute  Meningokokken  auf 
denselben  nicht  mehr  naehgewiesen  werden  konnten,  wurde  die  Kranke  als 
geheilt  entlassen.  Sie  hat  dann  bei  vollem  Wohlbefinden,  ohne  irgendwelche 
Störungen  und  Beschwerden  ihren  Beruf  als  Kontoristin  ausüben  können.  Am 
9.  VIII.  1922.  also  nach  fast  7/4  Jahren,  erkrankte  sie  plötzlich  erneut  mit 
heftigen  Kopfschmerzen  und  mit  hohen  Temperaturen.  Bei  der  Aufnahme  im 
Krankenhaus  am  12.  VIII.  1922  waren  Nackensteifigkeit  und  Kernig  deutlich 
vorhanden.  Der  unter  starkem  Druck  stehende  Liquor  enthielt  reichlich 
Eiterkörperchen  und  Meningokokken,  die  auch  kulturell  nachgewiesen 
werden  konnten.  Ebenso  waren  im  Rachenabstrich  kulturell  und  mikro¬ 
skopisch  Meningokokken  nachweisbar.  Am  19.  Krankheitstage  plötzlich  aus 
bestem  Wohlbefinden  Bewusstlosigkeit.  Exitus  innerhalb  2  Tagen.  Die  Ob¬ 
duktion  ergab  eine  typische  eitrige  Meningitis  mit  starkem  Hirnödem. 

Es  handelt  sich  also  in  diesem  Falle  um  zwei  miteinander  nicht 
in  direktem  Zusammenhang  stehende  Erkrankungen  von  epidemischer 
Genickstarre.  Wiederholte  Erkrankungen  sind  bisher,  soweit  ich 
unterrichtet  bin,  nicht  bekannt.  Die  Literaturangaben  erstrecken  sich 
nur  auf  Beobachtungen  über  Rezidive,  die  innerhalb  eines  Jahres 
nach  dem  Beginn  der  Erkrankung  auftreten  können.  Diese  Rezidive 
entstellen  jedoch  nicht  im  Anschluss  an  ein  völlig  erscheinungsloses 
Intervall.  Es  sind  vielmehr  stets  mehr  oder  weniger  intensive  Be¬ 
schwerden  vorhanden,  die  zeigen,  dass  der  Entzündungsprozess  nicht 
völlig  abgelaufen  ist.  In  unserem  Falle  haben  wir  einen  völlig  be¬ 
schwerdefreien  Zeitraum  von  über  7  Jahren,  der  wohl,  ohne  den 
Tatsachen  besonderen  Zwang  anzutun,  dafür  spricht,  dass  es  sich 
um  zwei  völlig  gesonderte  Erkrankungen  handelt.  Ob  allerdings 
die  Erkrankung  von  demselben  Herd  und  durch  denselben  Errcgcr- 
stamm  —  es  wurden  beide  Male  Meningokokken  auf  der  Rachen¬ 
schleimhaut  festgestellt  —  liervorgerufen  wurde,  oder  ob  eine  zu¬ 
fällige  Neuerkrankung  vorliegt,  das  lässt  sich  natürlich  schwer  ent¬ 
scheiden.  So  ganz  möchte  ich  den  Gedanken  nicht  von  der  Hand 
weisen,  dass  ein  in  den  Hirnhäuten  bei  der  ersten  Erkrankung  zurück¬ 
gebliebener  Herd  erneut  aufgeflackert  ist.  Dann  würde  es  sich  also 
auch  in  diesem  Falle  letzten  Endes  um  ein  Rezidiv  handeln. 

Der  2.  Fall  betrifft  ein  16  jähriges,  kräftig  entwickeltes  Mädchen,  das  ■ 
plötzlich  am  6.  II.  1922  mit  heftigen  Kopfschmerzen  und  Erbrechen  erkrankte.  1 
sie  wurde  im  benommenen  Zustande  ins  Krankenhaus  eingeliefert.  Nacken-  1 
Steifigkeit  und  Kernig  waren  vorhanden,  die  Reflexe  in  Ordnung.  Die  Lumbal¬ 
punktion  ergab  sehr  hohen  Liquordruck;  im  Liquor  waren  reichlich  Eiter¬ 
körperchen  und  vereinzelte  intrazellulär  gelegene  Gram-negative  Diplokokken  ! 
vorhanden;  kulturell  gelang  der  Nachweis  des  Erregers  nicht.  Nach  4  Tagen  1 
gingen  die  Erscheinungen  zurück  und  die  Kranke  war  fieberfrei.  Am  j 
-h  II.  1923  erneuter  Temperaturanstieg  bis  39,5°.  Heftige  Kopfschmerzen 
und  Erbrechen.  Die  Pupillen  waren  mittelweit,  die  linke  grösser  als  die 
rechte;  träge  Reaktion  auf  Licht  und  Konvergenz.  Geringe  Nackensteifigkeit. 
I-jquordruck  stark  erhöht;  im  Liquor  keine  Zellvermehrung,  Nonne  +.  Am  , 
nächsten  Tage  Zunahme  der  Erscheinungen.  Die  erneut  vorgenommene 
Lumbalpunktion  ergab  stark  eitrigen  Liquor.  Am  23.  II..  also  am  3.  Tage 


des  Rezidivs,  Temperaturabfall.  Leichte  Parese  beider  Beine.  Am  24.  11. 
nur  noch  geringe  Temperaturen.  Beide  Beine  sind  schlaff  gelähmt.  Patellar- 
reflexe  fehlen,  Babinski  ist  Die  Empfindung  für  Berührung  ist  an  den 

unteren  Extremitäten  aufgehoben,  die  Schmerzempfindung  ist  verzögert,  ln 
den  nächsten  I  agen  bei  völliger  Fieberfreiheit  langsame  Zunahme  der  Läh¬ 
mungen.  Völlige  Blasen-  und  MastdarmUilunung;  völlige  sensible  Lähmung 
vom  Nabel  an  abwärts.  Herabgesetzte  Lieht-  und  Gohörsempfindurig.  Deichte 
bulbäre  Symptome.  Am  8.  111.  sind  nach  zeitweiligen  heftigen  Schmerzen 
auch  beide  Arme  fast  völlig  gelähmt.  Am  12.  III.  nur  noch  reine  Zwerchfell¬ 
atmung.  Die  bulbären  Symptome  haben  sehr  zugenommen.  Die  Licht-  und 
Gehörsempfindung  ist  stark  herabgesetzt.  Am  13.  III.  Exitus  infolge  Atem¬ 
lähmung.  Die  Obduktion  ergab  geringe  Trübung  und  Verdickung  der  Häute 
des  Kleinhirns.  Die  Häute  des  Rückenmarkes  sind  trübe  und  rötlich-grau.  Das 
gesamte  Mark  bis  hinauf  zur  Medulla  oblongata  ist  besonders  in  der  Gegend 
der  Hinterstränge  gelblich  erweicht  und  stellenweise  von  kleinen  Blutungen 
durchsetzt.  Im  Ausstrich  des  Dorsalmarks  Gram-negative  Diplokokken  vom 
J  ypus  der  Meningokokken.  Die  mikroskopische  Untersuchung  ergab  eine 
leukozytäre  Infiltration  des  Rückenmarkes  mit  zahlreichen  kleinsten  Blu¬ 
tungen. 

Wir  haben  also  das  Bild  einer  aufsteigenden,  sowohl  die  moto¬ 
rischen  wie  die  sensiblen  Nerven  umfassenden  Lähmung  vor  uns 
neben  Paresen,  die  das  Hirnnervengebiet  betreffen.  Abgesehen  von 
Lähmungen  in  diesem  letzteren  Gebiet,  die  häufiger  beschrieben  sind, 
kommen  Paresen  im  Verlauf  der  Meningitis  epidemica  im  allgemeinen 
selten  vor.  Bei  den  in  der  Literatur  erwähnten  seltenen  Lällen 
handelt  es  sich  zumeist  um  spastische  Paresen  (Diplegien)  ohne 
Sensibilitätsstörungen  oder  um  Hemiplegien  von  flüchtigem  Cha¬ 
rakter. 

Die  Therapie,  die  wir  bei  der  Meningokokkenmeningitis  an¬ 
wandten,  beschränkt  sich  in  der  Hauptsache  auf  die  Lumbalpunktion 
zur  Druckentlastung,  zumeist  mit  anschliessender  Spülung  des 
Rückenmarkskanals  mit  physiologischer  Kochsalzlösung,  Trypaflavin 
oder  Vuzin.  In  der  letzten  Zeit  verwandten  wir  auch  wieder,  ver¬ 
anlasst  durch  die  günstigen  Berichte  von  Knöpfeimacher  (s.  Hb. 
Kraus-Brugsch)  und  von  anderen  Autoren,  Meningokokkenserum,  das 
intralumbal  und  intravenös  appliziert  wurde.  Eine  eindeutige  günstige 
Wirkung  von  Meningokokkenserum  haben  wir  jedoch  nicht  feststellen 
können.  Entscheidend  für  die  Beurteilung  der  Wirksamkeit  kann 
meines  Erachtens  nur  der  Einfluss  auf  das  Krankheitsbild  jedes  ein¬ 
zelnen  Falles  sein,  nicht  statistische  Erhebungen,  wie  sie  vielfach  als 
Beweismittel  für  die  günstige  Wirkung  des  Serums  verwandt  wurden. 
Ganz  besonders  die  epidemische  Genickstarre  hat  einen  so  wechsel¬ 
vollen  Charakter,  dass  man  aus  einer  mehr  oder  weniger  grossen 
Mortalität  noch  nicht  auf  die  Wirksamkeit  oder  Unwirksamkeit  einer 
Therapie  schliessen  kann.  Die  Beschaffenheit  des  Liquors  scheint  mir 
ein  gutes  Bild  von  der  Schwere  der  Erkrankung  zu  geben.  Sind  im 
Liquor  reichlich  Leukozyten  und  wenige  oder  gar  keine  Meningo¬ 
kokken  nachweisbar,  ist  dabei  der  Lumbaldruck  hoch,  so  dass  man 
annehmen  kann,  dass  die  Rückenmarksflüssigkeit  in  Kommunikation 
mit  der  Ventrikelflussigkeit  steht,  so  sind  wir  berechtigt  anzunehmen, 
dass  der  kranke  Organismus  bisher  zu  einem  gewissen  Grade  Herr 
der  Erkrankung  geblieben  ist.  Sind  dagegen  reichlich  Meningokokken 
im  Liquor  vorhanden  und  zeigen  dieselben  durch  leichte  Züchtbarkeit, 
dass  sie  wenig  geschädigt  sind,  so  spricht  das  für  eine  schwere  In¬ 
fektion.  Abgesehen  von  mechanischen  Verhältnissen  wird  die  Be¬ 
urteilung  der  Serumwirkung  von  diesem  Gesichtspunkte  aus  zu  ein¬ 
wandfreieren  Resultaten  kommen,  als  statistische  Erhebungen  oder 
rein  klinische  Betrachtungen.  Ich  habe  solche  nach  dem  Liquorbefund 
als  schwer  zu  bezeichnende  Erkrankungen  auch  durch  konsequente 
Serumtherapie  nicht  heilen  sehen. 


Aus  der  Chirurg,  Abt.  des  städt.  Katharinenhospitals  Stuttgart. 

(Leitender  Arzt:  Prof  Dr.  Stein  thal.) 

Darmzerreissung  durch  eigenhändige  Reposition  einer 

Schenkelhernie. 

Von  Dr.  med  Gustav  Krauss. 

In  einer  grossangelegten  Arbeit  aus  der  Tübinger  chirurgischen 
Klinik  unter  der  ehemaligen  Direktion  des  Prof.  v.  Bruns  hat 
Sänger  5  Fälle  von  Darmrupturen  durch  Taxisversuche  mitgeteilt 
und  aus  der  Literatur  noch  weitere  35  Fälle  gesammelt,  so  dass  er 
an  der  Hand  von  40  Fällen  die  wichtigsten  Punkte  über  diese  eigen¬ 
artige  Verletzung  zusammenstellen  konnte.  Sänger  beschäftigt  sich 
hauptsächlich  mit  dem  Mechanismus  dieser  Rupturen  und  gelangt  zu 
dem  Ergebnis,  dass  es  sich  in  den  meisten  Fällen  um  sog.  Berstungs- 
rupturen  gehandelt  hat,  wobei  die  Darmwand  an  der  kontramesen¬ 
terialen  Seite  des  Darmes  am  häufigsten  einen  spaltförmigen 
Riss  aufwies.  Da  die  Arbeit  an  leicht  zugänglicher  Stelle,  in  den 
B  r  u  n  s  sehen  Beiträgen  zur  kl  in.  Chir.  veröffentlicht  ist,  kann  wohl 
von  einem  ausführlichen  Referat  abgesehen  werden.  Es  mag  nur 
betont  werden,  dass  von  den  40  mitgeteilten  Fällen  5  Fälle  durch 
Selbsttaxis  zustande  kamen,  darunter  Fall  4  aus  der  Bruns  sehen 
Klinik,  die  übrigen  4  Fälle  aus  der  Literatur. 

Seit  dieser  Arbeit,  welche  aus  dem  Jahre  1910  stammt,  sind 
nur  2  weitere  kurze  Mitteilungen  erschienen,  die  eine  von  Gutzeit, 
die  andere  von  Hilgenreiner,  woraus  hervorgeht,  dass  eine 
Darmruptur  bei  Selbsttaxis  immerhin  zu  den  selteneren  Ereignissen 
gehört.  So  ist  die  Veröffentlichung  eines  weiteren  Falles  wohl  ge¬ 
boten. 


1180 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  37.1 


Es  handelt  sich  um  eine  66  jähr.  Kranke  F.  W„  die  seit  25  Jahren  an 
einer  rechtseitigen  Schenkelhernie  litt,  die  sich  6  Wochen  vor  der  Aul- 
nähme  einklemmte.  Sic  wurde  damals  von  dem  zugczoKcnen  Arzt  anstandslos 
reponiert.  Am  27.  XI.  v.  J.  mittags  um  Yi3  Uhr  Wiederaustreten  der 
Hernie,  die  von  der  Kranken  mit  einer  gewissen  Gewalt  reponiert  wurde, 
worauf  sich  gleich  das  Geiühl  einstellte,  als  ob  im  Leibe  etwas  zerrissen  sei. 
Der  herbeigeholte  Arzt  fand  die  Bruchpforte  frei,  konnte  zunächst  nichts  Ab¬ 
normes  feststellen,  gab  gegen  die  Schmerzen  Morphium.  Als  sich  dann 
am  folgenden  Tage  der  Zustand  verschlechterte  (Erbrechen,  Sistieren  von 
Wind  und  Stuhlgang)  wurde  Prof.  Steinthal  gebeten,  der  die  Diagnose 
mit  grösster  Wahrscheinlichkeit  auf  Darmruptur  stellte  und  die  sofortige 
Ueberführung  ins  Krankenhaus  zur  Operation  veranlasste.  Beim  Eintreiien 
im  Krankenhause  um  6  Uhr  abends  wurde  folgender  Befund  erhoben:  Mittel- 
grosse  Kranke  in  mittlerem  Ernährungszustand.  Leidender  Gesichtsausdruck. 
Zunge  feucht,  kaum  belegt.  Lungen  o.  Bes.  Herz:  11.  Pulmonalton  etwas 
akzentuiert,  Töne  nicht  ganz  rein.  Puls  etwas  beschleunigt,  mittelkräftig,  ab 
und  zu  ein  Schlagausfall.  Temperatur  38,7°.  Abdomen:  leicht  aufgetrieben, 
in  der  rechten  inguinalfalte  ebenfalls  eine  leichte  Vorwölbung,  die  sich  aber 
auf  Husten  nicht  weiter  vorwölbt,  nicht  druckempfindlich  ist.  keine  abnorme 
Dämpfung  zeigt.  Leberdämpfung  etwas  hochstehend,  erstreckt  sich  von  der 
5.  Rippe  bis  zum  oberen  Rand  der  6.  Rippe.  Leib  diffus  schmerzhaft. 
Keine  Darmgeräusche  zu  hören,  Peritonealreiben  nicht  mit  Sicherheit.  Per 
vaginam:  leichter  Prolaps  der  vorderen  Vaginalwand,  Douglas  sehr  druck- 
empfindlich.  Urin:  Indikan  nicht  nachweisbar,  Eiweiss  und  Zudker  negativ. 
Diagnose:  Peritonitis,  wahrscheinlich  Darmruptur  nach  Selbstreposition  einer 
Kruralhernie.  t 

Operation:  Am  28.  XL  22  abends  6  Uhr  30  Min.  in  Mo.-Chlorof.- 
Aether-Tropfnarkose  (Prof.  S  t  e  i  n  t  h  a  1).  Eröffnung  des  Unterleibes  mittels 
eines  etwa  12  cm  langen  Schnittes,  der  etwa  4  Querfinger  unterhalb  des 
Nabels  beginnt  und  sich  in  der  Mittellinie  nach  abwärts  zieht.  Nach  Durch¬ 
trennen  des  Peritoneums  stellen  sich  zunächst  einige  leicht  geblähte,  etwas 
injizierte  Dünndarmschlingen  ein.  Beim  Auseinandernehmen  derselben  Hiesst 
etwas  trübe  Flüssigkeit  ab.  Beim  Eingehen  mit  einem  Tupfer  in  die  1  iete 
gegen  das  kleine  Becken  zu  kommt  noch  stärker  getrübte  Flüssigkeit  nach. 
Nun  werden  die  Dünndarmschlingen  abgesucht  und  dabei  zeigt  es  sich,  dass 
die  aus  dein  kleinen  Becken  her^usgeholten  Schlingen  fibrinös-eitrig  belegt 
sind,  aber  eine  Perforationsöffnung  findet  sich  zunächst  nicht.  Dieselbe  wird 
in  der  Zoekalgegend  vermutet  wegen  der  rechtseitigen  Kruralhernie,  und  da 
sich  das  Zoekum  mit  den  untersten  lleumschlingen  nicht  gut  freilegen  lässt, 
wird  ein  4  cm  langer  Querschnitt  durch  den  rechten  geraden  Bauchmuskel 
hindurchgeführt.  Nun  erhält  man  genügend  Raum,  um  das  ganze  Da,m- 
konvolut  herauszuführen  samt  dem  Zoekum,  zunächst  findet  sich  auch  hier 
keine  Perforationsöffnung.  Erst  nachdem  die  höhergelegenen  Darmschlingen 
abgesucht  werden,  findet  sich  vielleicht  50  cm  von  der  lleozoekalklappe  ent¬ 
fernt  eine  etwas  stärker  fibrinös-eitrig  belegte  Stelle,  die  in  der  Längs¬ 
richtung  einen  feinen  Spalt  zeigt,  aus  dem  Luft  herauszischt.  Dies  ist  die 
Perforationsstelle.  Sie  wird  in  querer  Richtung  in  zweireihiger  Etagennaht 
geschlossen  und  dann  aus  dem  kleinen  Becken  eine  Menge  trüber  Flüssigkeit 
herausgetupft  und  ausgespült.  Das  Peritoneum  parietale  des  kleinen  Beckens 
ist  stark  injiziert,  ebenso  die  dorsale  Mesenterialplatte  des  Mesenteriums 
sehr  stark  injiziert.  Zum  besseren  Durchspülen  des  kleinen  Beckens  wird 
der  Douglas  mit  einer  Kornzange  durchgestossen  und  ein  langes  Drainrohr 
von  dem  tiefsten  Punkt  des  kleinen  Beckens  durch  die  Vagina  herausgeführt; 
dann  kommt  noch  eine  Hegarröhre  in  das  kleine  Becken,  worauf  der  Bauch 
in  zweireihiger  Etagennaht  geschlossen  wird  unter  Herausleiten  der  Hegar¬ 
röhre  zum  untersten  Wundwinkel.  Austamponieren  der  Vagina  mit  Jodoform¬ 


gaze. 


Aus  dem  Verlauf  ist  noch  hervorzuheben,  dass  die  Kranke  sofort  nach 
der  Operation  viel  besser  aussah.  In  den  nächsten  Tagen  haben  sich  die 
peritonitischen  Reizerscheinungen  vollständig  zurückgebildet.  Die  Sekretion 
war  anfänglich  sehr  stark.  Am  6.  Tag  wird  das  vom  Douglas  zur  Scheide 
herausgeführte  Drain  entfernt.  Die  in  die  Hegarröhre  eingelegten  Tampons 
werden  noch  mehrmals  täglich  gewechselt,  wobei  sie  regelmässig  mit  reich¬ 
lich  eitrigem  übelriechendem  Sekret  durchtränkt  sind.  10  Tage  nach  der 
Operation  kam  es  noch  einmal  zu  einer  Temperatursteigerung  (bis  39  u)  infolge 
Sekretverhaltung.  Es  wird  deshalb  durch  die  Hegarröhre  hindurchgespült. 
3  Wochen  nach  der  Operation  ist  die  Eiterabsonderung  so  gering,  dass  auf 
Drainage  verzichtet  werden  kann.  Nunmehr  granuliert  die  Bauchwunde  all¬ 
mählich  zu,  das  Allgemeinbefinden  der  Kranken  hebt  sich  zusehends,  so  dass 
die  Kranke  am  13.  1.  23  —  also  etwa  7  Wochen  nach  der  Operation  — 
geheilt  entlassen  werden  kann. 

Bei1  unserem  Fall  fand  sich  wie  bei  Hilgen  reiner  die  Per¬ 
forationsstelle  an  einem  nicht  irgendwie  durch  Narben  oder  sonst 
veränderten  Darmabschnitt  vor.  Die  vorhandenen  fibrinös-eitrigen 
Beläge  waren  ja  ohne  Zweifel  sekundär  durch  die  nach  der  Darm¬ 
ruptur  einsetzende  Peritonitis  bedingt.  Nun  ist  ja  eine  Berstungs- 
ruptur  auch  des  nicht  pathologisch  veränderten  Darmes  bei  enger 
Bruchpforte,  wie  sie  bei  Schenkelhernien  die  Regel  ist,  möglich.  In 
der  engen  Bruchpforte  findet  eine  Abknickung  oder  Abklemmung  des 
zuführenden  und  abführenden  Darmschenkels  statt.  Bei  einem  gewal- 
samen  Repositionsversuch  wird  auf  den  zum  Teil  flüssigen,  zum  Teil 
gasförmigen  Darminhalt  ein  Stoss  ausgeübt,  der,  wenn  ein  Ausweichen 
des  Darminhaltes  nicht  möglich  ist,  zum  Bersten  des  Darmes  führen 
kann.  Dass  die  Frequenz  der  Taxisruptur  im  höheren  Lebensalter 
eine  grössere  ist,  worauf  auch  Sänger  hinweist,  dürfte  wohl  in 
einer  vermehrten  Zerreisslichkeit  des  Darmes  infolge  allgemeiner 
Altersatrophie  und  starker  Abnahme  der  elastischen  Elemente  zu 
suchen  sein.  Insofern  sind  bei  unserem  heutigen  Falle  die  physi¬ 
kalischen  Verhältnisse  geklärt,  während  es  andere  Fälle  von  Darm¬ 
rupturen  gibt,  bei  denen  die  Verhältnisse  komplizierter  liegen  und  ein 
Erklärungsversuch  auf  Schwierigkeiten  stösst.  So  haben  wir  kürz¬ 
lich  folgenden  Fall  erlebt: 

47  jähr.  Landwirt  fiel  beim  Sturz  mit  seinem  Fahrrad  auf  die  Lenkstange 
etwa  zwischen  Symphyse  und  Nabel.  Bei  der  etwa  9  Stunden  nach  dem 
Unfall  ausgeführten  Operation  fand  sich  an  der  kontramesenterialen  Seite 
einer  nicht  übermässig  stark  belegten  Dünndarmschlinge,  die  keine  Spur  einer 
direkten  Quetschung  aufwies,  eine  5  mm  lange,  längsgestellte,  schlitzförmige 
Oeffnung  mit  evertieiter  Schleimhaut.  Dieser  Fall,  der  in  glatte  Genesung 
ausgegangen  ist,  bot  bei  der  Operation  keine  sicheren  Anhaltspunkte  zu  seiner 


physikalischen  Erklärung.  Schön  leb  er  hat  dieses  vielumstrittene  1  heina 
in  einer  Arbeit  aus  unserer  Abteilung  an  der  Hand  früherer  Fälle  ausführlich 
besprochen,  allerdings  ohne  die  Frage  restlos  zu  klären. 

Aber  wichtiger  als  diese  theoretische  Erörterung  ist  die  früh¬ 
zeitige  Stellung  der  Diagnose,  da  die  Prognose  der  sich  selbst  über-ij 
lassenen  Darmruptur  durch  T  axis  sehr  schlecht  ist.  Für  die  Diagnose¬ 
stellung  ist  man  hauptsächlich  auf  anamnestische  Angaben  ange¬ 
wiesen,  da  man  bei  gelungener  (!)  Selbstreposition  von  einer  Hernie 
überhaupt  nichts  sieht.  Darauf  weist  besonders  Hilgen  reiner 
hin  der  bei  seinem  Full  die  Ursache  der  Durmruptur  erst  nacht  räglic#i 
festgestellt  hat.  In  allen  bis  jetzt  mitgeteilten  Fällen  ist  ausdrücklich 
ein  plötzlicher,  sehr  heftiger  Schmerzanfall  beschrieben,  der  sofort 
bei  dem  Zurückbringen  des  Bruches  oder  ganz  kurz  nachher  auftrat 
Dies  wurde  auch  in  unserem  Fall  angegeben.  Dazu  kommen  die 
objektiven  Zeichen  der  mehr  oder  weniger  ausgedehnten  Peritonitis. 
Druckempfindlichkeit,  Aufhören  der  Peristaltik,  1  emperatursteige- 
rung,  die  Alteration  des  Pulses  und  ein  gewisser  leidender  Ciesichts- 

ausdruck.  ,  ,  A  ,  . 

Was  die  Operation  betrifft,  so  kann  schon  das  Auffmden  der 
Perforationsstelle  besonders  dann,  wenn  die  Därme  in  grösserer  Aas- 
dehn ung  fibrinös-eitrige  Beläge  aufweisen,  Schwierigkeiten  machen 
worauf  Sänger  hinweist.  Neben  dem  Verschluss  der  Perforations- 
stelle  ist  die  Reinigung  der  Bauchhöhle  von  grösster  Bedeutung.  Auel 
eine  Ableitung  der  Sekrete  ist  wichtig.  Bei  Frauen  ist  das  Probleir 
insofern  verhältnismässig  einfach,  als  man  den  Douglas  als  tiefster 
Punkt  für  die  Ansammlung  der  zu  erwartenden  Nachsekretion  zui 
Scheide  hinausdrainieren  kann.  Bei  Männern  ist  die  Lösung  diesei 
Aufgabe  schwieriger.  Hier  muss  man  eine  Hcgar-  oder  Dreessmann- 
röhre  vom  unteren  Winkel  des  Bauchschnittes  aus  ins  kleine  Beckei 
hinabführen.  Wir  haben  öfters  mit  solchen  Röhren  erfolgreic! 
drainiert,  ohne  ein  Missgeschick  zu  erleben,  wie  es  kürzlich  im  Zbl.  f 
Chir.  1922  Nr.  48  beschrieben  worden  ist,  weil  wir  genau  so  wie 
Dreessmann  nur  Röhren  verwenden,  deren  Oeffnungen  relativ 
klein  sind.  Diese  Drainage  —  dies  mag  nochmals  betont  werden  — 
ist  nur  nötig,  wenn  bei  der  Operation  eine  ausgedehnte  Peritonitis 
mit  reichlich  flüssigem  Exsudat  vorhanden  und  ein  weiteres  Auftrete; 
von  Exsudat  zu  erwarten  ist.  Ist  dies  nicht  der  Fall,  so  kann  man 
wie  in  unserer  zweiten  oben  mitgeteiltcn  Beobachtung  den  Leit 
drainlos  schliessen. 

Bei  dem  wider  Erwarten  günstigen  Verlauf  unseres  ersten  Falle: 
bat  zweifellos  die  von  Prof.  S  t  e  i  n  t  h  a  1  angewandte  Methode  dci 
Sekretableitung  eine  grosse  Rolle  gespielt.  Bei  dem  Alter  dei 
Kranken,  der  langen  Zeitdauer  zwischen  dem  Eintritt  der  Ruptur  uni 
der  Operation  (28  Stunden)  und  der  Lage  der  Rupturstelle  (im  unter 
sten  Ileum,  wo  der  Darminhalt  sehr  bakterienreich  ist),  war  die  Pro 
gnose  sehr  zweifelhaft.  Die  Spülungen  abwechslungsweise  durch  dii 
durch  die  Bauchwunde  eingelegte  Hegarröhre  und  durch  das  durc! 
die  Scheide  eingelegte  Drain  haben  ebenso  wie  das  häufige  Wechsel) 
der  Tampons  in  der  Hegarröhre  grosse  Mengen  infektiösen  Material: 
aus  der  Bauchhöhle  entfernt,  sonst  wäre  der  Körper  der  Infektioi 
sicher  nicht  Herr  geworden.  Da  die  heutige  Zeit,  in  der  man  siel 
scheut,  den  Arzt  rechtzeitig  zu  holen,  dieses  Ereignis  öfters  in  diij. 
Erscheinung  treten  lassen  dürfte,  so  wird  die  Veröffentlichung  noca 
besonders  gerechtfertigt  sein. 


Literatur. 

G  u  t  z  e  i  t:  Dartnzerreissung  durch  eigeilhändige  Zurückbringunfl 
eines  Schenkelbruches.  M.m.W.  1921  Nr.  36.  —  H  i  1  g  e  n  r  e  i  n  e  r:  Darin! 
zerreissung  durch  eigenhändige  Reposition  eines  freien  Leistenbruche^ 
M  m.W  1922  Nr.  22.  —  0.  Kapp  eie  r:  Die  Ruptur  des  inkarzerierte| 
Darms  bei  der  Taxis.  D.  Zschr.  f.  Chir.  1909,  100.  —  F.  Sänger:  WJ 
Taxisrupturen  des  eingeklemmten  Bruchdarmes.  Brutis  Beitr.  1910.  68. 

W.  Schönleber:  Zur  Frage,  wie  Berstungsrupturen  des  Darmes  entt 
stehen.  Bruns  Beitr.  121,  H.  3. 


Familiäres  Auftreten  von  Ulcus  im  Gastroduodenaltraktus 


Von  Dr.  Adolf  Ohly-Kassel. 


•  Familiäres  Auftreten  von  Ulcus  ventriculi  et  duodeni  war  bereit 
den  alten  Aerzten  bekannt  und  hat  auch  in  der  neueren  Literatu 
wiederholt  Erwähnung  gefunden.  Während  Wegele  [l|  in  seiner 
Lehrbuch  mit  einem  kurzen  Hinweis  auf  diese  Tatsache  aufmerksam 
gemacht  hat,  haben  Huber  [2],  v.  Czernecki  [3l  und  Plitel 
1 4]  Fälle  von  familiärem  Auftreten  von  Ulcus  ventriculi  veröffentj 
licht.  Auch  Bergmann  [5]  und  sein  Schüler  W  e  s  t  p  h  a  1  [6]  habe’ 
in  ihren  Arbeiten  immer  wieder  auf  die  Heredität  und  das  konstitutioj’ 
nelle  Moment  als  ätiologisch  wichtigen  Faktor  in  der  Ulcusgenesj 
hingewiesen. 

In  allerletzter  Zeit  ist  eine  Arbeit  von  Frenkel-Tissot  171 
erschienen  über  „Familiäre  Schleimneurose  des  Magens  auf  detj 
Boden  der  Vagotonie“.  Beide  Autoren  sehen  die  gemeinsame  UH 


sache  dieser  seltenen  familiären  sekretorischen  Störung  des  Magen; 


in  einer  hereditären  Vagusneurose. 

Sehr  eingehend  haben  sich  Bauer  und  Aschner  |8l  in  eine 
ausführlichen  Arbeit  mit  dem  Problem  „Konstitution  und  Vererbun 
bei  Ulcus  pepticum  ventriculi  et  duodeni“  befasst.  Diese  Autorc 
kommen  zu  dem  Resultat,  dass  es  keinen  speziell  für  das  Ulcus  cha 
rakteristischen  oder  bei  Ulcusträgern  besonders  häufig  Vorkommen 
den  Habitustypus  gibt.  Auch  das  häufige  Vorkommen  von  Ulcus  bi 
Tuberkulosefamilien  wird  von  ihnen  abgelehnt.  Anerkannt  wird  vo 


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14.  September  1923, _ MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Jicsen  Autoren,  dass  die  minderwertige  Erbanlage  unter  den  Men¬ 
schen  ausserordentlich  verbreitet  ist  und  dass  es  eine  konstitutionelle 
Minderwertigkeit  des  Magens  gibt. 

Bei  dem  Interesse,  das  man  heute  noch  allerseits  der  Ulcusgenese 
jntgegenbringt,  dürfte  die  kasuistische  Mitteilung  von  selbstbeobach¬ 
teten  Ulcusfamilien  und  von  60  Fällen  von  Ulcus  und  Karzinom  im 
iastroduodenaltraktus,  bei  denen  obige  Erkrankungen  sowohl  in  der 
Aszendenz,  als  auch  bei  den  Kollateralen  festgestellt  werden  könn¬ 
en,  gerechtfertigt  sein.  Ich  glaube,  dass  die  verhältnismässig  grosse 
Anzahl  dieser  Fälle,  auch  ohne  dass  bei  ihnen  di'c  Methodik  der  Unter¬ 
suchung  von  Bauer  und  Aschner  zur  Anwendung  gelangt  ist, 
„•ine  gewisse  Beweiskraft  für  das  konstitutionell-hereditäre  Moment 
nt  der  Ulcusgenese  abgeben  kann. 

Die  9  Ulcusfamilien  sollen  kurz  angeführt  und  die  60  anderen 
Fälle  aus  redaktionellen  Gründen  in  einer  kurzen  Zusammenstellung 
erläutert  werden. 

1.  Familie  St.  aus  B.  in  Hessen.  Grossmutter  lange  Jahre  magenleidend, 
starb  an  einer  Magenblutung,  deren  Sohn  gestorben  an  Ulcus  carcinomatosum 
(operiert),  jahrelang  von  mir  behandelt.  Von  diesem  verstorbenen  Vater 
Sind  5  Kinder  vorhanden.  Der  Aelteste  wegen  Ulcusstenose  operiert  (hintere 
Gastroenterostomie),  vor  einem  Jahr  an  Appendizitisperforation  gestorben. 
Der  Zweitälteste  Sohn  leidet  seit  1914  an  einem  chronisch  rezidivierenden 
Ulcus  parapyloricum  oder  duodeni,  bisher  3  Magenblutungen  gehabt.  Der 
dritte  Bruder  wegen  Ulcusstenose  operiert,  hintere  Gastroenterostomie.  Eine 
Schwester  leidet  seit  1916  an  einer  chronischen  Hyperazidität  und  Katarrh 
|  aiit  periodisch  auftretenden  Schmerzen  im  Magen.  Röntgendurchleuchtung  gibt 
Verdacht  auf  chronisch  rezidivierendes  Ulcus  der  kleinen  Kurvatur.  Der 
iüngste  und  letzte  Bruder  leidet  an  einem  leichten  Spitzenkatarrh  mit 
Hyperazidität  und  -Sekretion,  ohne  sichere  Anzeichen  eines  manifesten  Ulcus. 
Ausser  der  ürossmutter  und  dem  verstorbenen  ältesten  Bruder  sind  alle 
Familienmitglieder  von  mir  behandelt  worden. 

Wir  haben  also  in  dieser  Familie  in  der  Aszendens  zweier  Generationen 
und  in  den  Kollateralen  der  3.  Generation  bei  4  von  5  Geschwistern  Ulcus. 
Dabei  handelt  es  sich  in  dieser  Familie  um  kräftige  Bauern  ohne  Habitus 
.isthenieus,  keine  Lues,  Trauma  oder  Missbrauch  von  Alkohol  oder 
Nikotin.  Ein  besonders  hervorstechendes  Merkmal  der  ganzen  Familie 
—  auch  des  Vaters  —  war  Leichterregbarkeit,  Neigung  zu  Jähzorn.  Von  den 
5  Geschwistern  leiden  4  an  spastischer  Obstipation,  haben  gesteigerte  Sehnen- 
und  Bauchdeckenreflexe  und  ausgesprochenen  Dermographismus. 

2.  Familie  V.  aus  M.  in  Hessen.  Eltern  nicht  magenleidend,  8  Ge¬ 
schwister.  Von  diesen  ist  die  Zweitälteste,  jetzt  58  Jahre  alte  Schwester  seit 
30  Jahren  magenleidend,  2  mal  Hämatemesis,  operiert  wegen  relativer  Darm- 
>tenosc.  Der  Operationsbefund  ergab  hochsitzendes,  haselnussgrosses,  kallöses 
Ulcus  an  der  kleinen  Kurvatur  mit  starker  Perigastritis  und  Netzadhäsionen 
lein  solcher  Netzstrang  hatte  das  Colon  transversum  in  seinem  lienalen  Teile 
rbgeklemmt).  Ein  Bruder,  54  Jahre  alt,  seit  seinem  22.  Lebensjahr  magen¬ 
eidend,  1  mal  Hämatemesis.  Röntgenologisch:  chronisches  Ulcus  pylori  mit 
relativer  Pylorusstenose.  Ein  zweiter  Bruder,  52  Jahre  alt,  seit  5  Jahren 
magenleidend,  chemische  Magensaftuntersuchung  ergab  Hyperazidität  und 
-Sekretion.  Blutprobe  (Benzidin)  im  Magensaft  und  im  Stuhl  positiv.  Also 
iiich  hier  wahrscheinlich  ein  chronisch  rezidivierendes  —  vielleicht  noch  ober¬ 
flächliches  —  Schleimhautulcus,  als  dessen  Sitz  nach  dem  Röntgenbefund  die 
deine  Kurvatur  angesprochen  werden  muss.  Die  älteste  Schwester,  jetzt 
b5  Jahre,  seit  30  Jahren  magenleidend,  3  mal  Magenbluten  gehabt.  Die  Kranke 
ist  von  mir  nicht  untersucht  und  behandelt,  der  Bericht  stammt  von  3  sich 
n  meiner  Behandlung  befindenden  Geschwistern.  Die  anderen  4  Geschwister 

isind  gesund.  Also  auch  hier  4  Fälle  von  Magenulcus  in  einer  kräftigen 
Bauernfamilie,  bei  der  ebenfalls  die  obenerwähnten  ätiologischen  Faktoren 
ausgeschlossen  werden  konnten. 

Bei  den  3  von  mir  behandelten  Geschwistern  —  kräftige  grosse 
Bauern,  alle  leicht  erregbar,  mit  lebhaften  Sehnen-  und  Bauchdecken¬ 
reflexen  —  spastische  Obstipation.  _ 

3.  Familie  0.  M.  (Balten).  Beide  Grossväter  jahrelang  magenleidend 
gewesen,  häufig  Schmerzen,  Magenblutung,  also  wahrscheinlich  Ulcus. 
Fine  Schwester  des  Grossvaters  von  mir  seit  Jahren  behandelt,  leidet  an 
chronisch  rezidivierendem  Ulcus  pylori  mit  Pylorusstenose.  2  Enkel,  eine 
Tochter  von  22  und  ein  Sohn  von  18  Jahren,  leiden  an  einem  Ulcus  duodeni 
und  Ulcus  der  kleinen  Kurvatur.  Keine  Blutung  gehabt,  aber  klinisch  und 
röntgenologisch  sichere  Symptome  für  die  obenerwähnten  Ulcera.  Hier 
handelt  es  sich  um  eine  Familie  mit  ausgesprochen  asthenischem  Typ  und 
Neigung  zu  Lungentuberkulose.  Es  sind  alles  ausserordentlich  grosse, 
schlanke,  blasse  Menschen. 

4.  Familie  G.  J.  Mutter  an  Magenkarzinom  operiert  und  gestorben. 
Fine  Schwester  wegen  Ulcusstenose  operiert.  Zweiter  Bruder  wegen 
klinisch  und  röntgenologisch  sichergestellten  Ulcus  duodeni  in  meiner  Be¬ 
handlung.  Eine  Schwester  nach  Bericht  des  Bruders  magenleidend  mit 
heftigen  Schmerzen.  Ganze  Familie  kräftig,  aber  neurasthenisch. 

5.  Familie  H.  Vater  Magengeschwür.  Zweiter  Stiefbruder  von  dem¬ 
selben  Vater  Magengeschwür,  Blutung  gehabt.  Eine  Schwester  ebenfalls 
Magengeschwür  —  Blutung.  Der  Kranke  selbst  seit  Jahren  Magenlciden. 
Hyp  crazidität  und  Hypersekretion,  die  auf  ein  chronisch  rezidivierendes  Ulcus 
ventriculi  hinweisen.  Die  ganze  Familie  ist  nach  Angabe  des  Kranken  nervös 
und  menschenscheu,  alle  Mitglieder  sind  lang,  blass,  leicht  erregbar  (astheni¬ 
scher  Typ). 

8  6.  Familie  M.  Mutter  seit  dem  20.  Lebensjahr  magenleidend,  einmal 
itung.  Eine  Schwester  ebenfalls  seit  4  Jahren  magenleidend.  Die  Kranke 
bst  leidet  an  einem  Ulcus  in  der  Nähe  des  Pylorus.  Ganze  Familie 

neurasthenisch  veranlagt. 

7.  Familie  W:  aus  R.  Mutter  Magengeschwür,  Blutung  gehabt,  ein 
Bruder  Magengeschwür.  Schwester  Ulcus  parapyloricum.  Die  ganze  Familie 
steht  in  meiner  Behandlung  und  zeigt  deutlich  asthenischen  Typ. 

8.  Familie  Kl.  Grossmutter  und  Mutter  chronisches  Magengeschwür. 
Die  Kranke  Magenkatarrh  mit  Uebersäuerung,  Magengeschwür  klinisch  und 
röntgenologisch  sichergestellt. 

9.  Familie  L.  aus  M.  Vater  an  Magenkarzinom  gestorben,  Mutter 
Magengeschwür,  2  mal  Blutung  gehabt,  beide  Kinder  —  Bruder  und 
Schwester  —  leiden  an  chronisch  rezidivierendem  Magengeschwür.  Mutter 
u:d  Kinder  längere  Zeit  von  mir  behandeft. 


Ausser  diesen  9  Ulcusfamilien  finde  ich  bei  der  Durchsicht  meiner 
Krankengeschichten  der  letzten  5  Jahre  noch  60  Fälle  von  Ulcus  des 
Gastrointestinaltraktus,  bei  denen  in  der  Aszendenz  und  bei  den 
Kollateralen  Ulcus  oder  Karzinom  festgestellt  werden  konnte.  Von 
allen  diesen  Fällen  wurde  ein,  meistens  mehrere  Mitglieder  der  Fa¬ 
milie  von  mir  behandelt.  Anamnestisch  wurde  Ulcus  nur  dann  ange¬ 
nommen,  wenn  Magenblutung  nachgewiesen  werden  konnte  oder 
von  einem  behandelnden  Arzt  die  Diagnose  Ulcus  gestellt  worden 
war.  Alle  anderen  Fälle  sind  unter  Magenleiden  registriert.  Aus  re¬ 
daktionellen  Gründen  sehe  ich  von  einer  ausführlichen  Mitteilung  ab 
und  begnüge  mich  mit  einer  kurzen  Zusammenfassung. 

Von  diesen  60  Fällen  hatten  22  einen  ulcuskranken  Vater,  19  eine  ulcus- 
kranke  Mutter,  6  einen  ulcuskranken  Bruder  oder  Schwester.  Ausser  diesen 
47  Fällen  hatte  eine  Mutter  (eigene  Beobachtung  chronisch  rezidivierendes 
Ulcus)  3  magenleidende  Schwestern.  Eine  weitere  Mutter  mit  Ulcus  (eben¬ 
falls  eigene  Beobachtung)  7  Geschwister,  welche  alle  magenleidend  sind,  ln 
2  weiteren  Fällen  Mutter,  Onkel  und  Tante  magenleidend.  Bei  2  weiteren 
Kranken  litt  die  Mutter  an  Karzinom  und  je  2  Geschwister  sind  magenleidend. 
2  Fälle  —  Sohn  und  Tochter  —  chronisches  Ulcus  (eigene  Beobachtung), 
Vater  und  Mutter  Magengeschwüre,  beide  mit  Blutungen,  ln  3  anderen 
von  mir  wegen  chronischem  Ulcus  behandelten  Fällen  Vater,  Mutter  und  eine 
Schwester  magenleidend.  Ein  weiterer  Ulcusfall:  Mutter  und  Tante  an  Magen¬ 
krebs  gestorben.  Endlich  1  Fall  von  Ulcus:  Schwester,  Mutter  und  Tante 
Magengeschwür  mit  Blutungen.  (Alle  4  Kranke  von  mir  behandelt.) 

Ausgesprochen  asthenischen  Typ  fand  ich  bei  den  jüngeren  Kranken  in 
16  Fällen,  6  mal  war  die  Asthenie  mit  Lungentuberkulose  kombiniert. 
28  Fälle  waren  unter  25  Jahren,  14  unter  30  und  der  Rest  zwischen  30  und 
54  Jahren.  In  24  Fällen  konnte  durch  genaue  anamnestische  Erhebungen  das 
erste  Auftreten  der  Magenbeschwerden  in  der  Pubertätszeit  festgcstellt 
werden.  Ausgesprochen  neurasthenische  Symptome  im  Sinne  eines  stark 
erregbaren  und  gereizten  vegetativen  Nervensystems  konnten  in  34  Fällen 
festgestcllt  werden. 

Zusammenfassend  haben  wir  hier  eine  solche  Anzahl  von  Ulcus¬ 
familien,  dass  ein  zufälliges  Zusammentreffen  ausgeschlossen  werden 
kann  und  als  ihre  Ursache  Heredität  angenommen  werden  muss.  Ein 
Hinweis  auf  die  Wichtigkeit  dieses  hereditärkonstitutionellen  Faktors 
in  der  Pathogenese  des  Ulcus  erscheint  schon  deshalb  berechtigt,  weil 
bei  den  vielen  Faktoren,  die  für  das  Entstehen  eines  Gastroduodenal- 
ulcus  verantwortlich  gemacht  werden,  die  Disposition  zur  Krankheit 
—  die  sich  eben  in  diesem  familiären  Auftreten  klinisch  dokumen¬ 
tiert  —  doch  von  grösserer  Bedeutung  ist,  als  mancherseits  angenom¬ 
men  wird.  Ueber  die  Entstehung  der  ersten  Schleimhautläsion  kann 
man  verschiedener  Meinung  sein. 

Hier  dürften  zweifellos  Embolien,  Thrombosen,  Venenstauungen 
bei  Herzfehler  und  Lungenerkrankungen  chemische,  toxische  und 
rein  mechanische  Schädigungen  der  Schleimhaut  häufig  die  erste 
Läsion  dieser  verursachen. 

Wie  häufig  heilen  jedoch  solche  oberflächlichen  Ekchymosen  und 
Erosionen  der  Schleimhaut  bei  vielen  Kranken  in  verhältnismässig 
kurzer  Zeit  aus,  ohne  jemals  wieder  Beschwerden  zu  verursachen. 

Es  ergibt  sich  unwillkürlich  die  Frage:  Weshalb  vollzieht  sich 
diese  Ausheilung  bei  dem  einen  Individuum  und  weshalb  entwickelt 
sich  bei  dem  anderen  aus  dieser  Schleimhautläsion  das  chronisch 
rezidivierende  Ulcus  mit  seinen  deletären  Folgen?  Hier  gibt  uns 
weder  die  Anatomie  und  Pathologie,  noch  die  experimentelle  Patho¬ 
logie  die  restlose  Klärung.  Wir  müssen  auch  hier,  wie  bei  so  vielen 
anderen  Erkrankungen,  bei  der  Erklärung  ihrer  Aetiologie  und  Genese 
auf  die  Konstitutionspathologie  zurückgreifen. 

Nicht  umsonst  tritt  gerade  neuerdings  das  Konstitutionsproblem 
in  der  Pathogenese  innerer  Krankheiten  immer  mehr  in  den  Vorder¬ 
grund  der  medizinischen  Forschung,  nachdem  die  pathologische  Ana¬ 
tomie,  die  Bakteriologie,  die  Serologie  und  Immunbiologie  uns  die 
restlose  Erklärung  für  ihre  Entstehung  nicht  gebracht  haben. 

Kehren  wir  zur  Ulcushcredität  zurück,  so  wird  ja  nicht  das  Ulcus 
als  solches  vererbt,  sondern  die  Minderwertigkeit  eines  Organs,  vor 
allem  die  des  Nervensystems  als  Ausdruck  einer  neuropathischen 
Konstitution  und  damit  natürlich  auch  die  Minderwertigkeit  des  ve¬ 
getativen  Nervensystems  einer  bestimmten  Organgruppe. 

Ist  diese  Minderwertigkeit  des  Magens  erst  einmal  vorhanden 
und  hat  sich  bei  dem  betreffenden  Individuum  durch  die  obenange¬ 
führten  Faktoren  die  erste  Läsion  der  Schleimhaut  entwickelt,  so 
kommt  es  hier  durch  den  hereditär-neurogenen  Reizzustand  des  die 
betreffenden  Organe  innervierenden  vegetativen  Nervensystems  leich¬ 
ter  zur  Entwicklung  eines  chronisch  rezidivierenden  Ulcus.  Der  stän¬ 
dige  Reizzustand  der  sekretorischen  und  motorischen  Funktion,  in 
dem  sich  der  Magen  bei  solchen  hereditär  belasteten  Individuen  be¬ 
findet,  lässt  die  einmal  entstandene  Schleimhautläsion  nicht  ausheilen. 

Ich  glaube,  dass  diese  Betrachtungsweise  imstande  ist,  viele  der 
bisher  vorhandenen  Gegensätze  zu  überbrücken.  Nicht  das  kranke 
Organ  allein,  sondern  die  Organgruppe  und  vor  allem  die  diese 
Organgruppe  versorgenden  Nerven  müssen  zum  Gegenstand  unserer 
Untersuchung  und  klinischen  Betrachtungsweise  gemacht  werden. 
Es  ist  das  grosse  Verdienst  v.  Bergmanns  und  seiner  Schüler 
Katsch  und  Westphal,  auf  diese  Zusammenhänge  von  Gastro- 
duodenalulcus  und  vegetativem  Nervensystem  immer  wieder  auf¬ 
merksam  gemacht  und  das  Verständnis  hierfür  durch  zahlreiche  kli¬ 
nische  und  experimentelle  Arbeiten  unter  besonderer  Betonung  des 
hereditär-konstitutionellen  Momentes  immer  weiteren  Kreisen  der 
Aerzteschaft  zu  gängig,  gemacht  zu  haben. 

Zusammenfassend  können  wir  aus  der  vorliegenden  Literatur, 
auf  Grund  der  obenerwähnten  9  Ulcusfamilien  und  der  anderen  zu- 


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MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


Nr.  37. 


sammengestellten  60  Fälle  feststellen,  dass  das  hereditär-konsti¬ 
tutionelle  Moment  in  der  Pathogenese  des  chronisch  rezidivierenden 
Ulcus  im  üastroduodenaltraktus  eine  doch  nicht  zu  unterschätzende 
Rolle  spielt.  Lediglich  als  kasuistischer  Beitrag  hierfür  und  nicht  als 
erschöpfende  Betrachtung  der  gesamten  Ulcusgenese  soll  diese  Arbeit 
aufgefasst  werden. 

Literatur. 

1.  Weg  eie:  Die  Therapie  der  Magendarmerkrankungen.  1911.  4.  Aufl. 

S.  235.  —  2.  H  u  b  e  r  -  Zürich:  lieber  die  Heredität  beim  Ulcus  ventriculi. 
M.tn.W.  1907  Nr.  7.  —  3.  v.  C  z  e  r  n  e  c  k  i  -  Warschau:  Ueber  den  Einfluss 
der  Heredität  auf  die  Bildung  des  Magengeschwüres.  W.kl.W.  1910  Nr.  18.  — 

4.  P 1  i  t  e  k  -  Triest:  Ueber  das  familiäre  Auftreten  des  Ulcus  ventriculi. 
Arch.  f.  Verdauungskrkh.  1914,  20,  S.  461.  —  5.  Bergmann:  Verhandlungen 
der  zweiten  Tagung  über  Verdauungs-  und  Stoffwechselkrankheiten.  1921. 

5.  112.  Derselbe:  Das  spasmogene  Ulcus  pepticum.  M.m.W.  1913  Nr.  4.  — 

6.  Wcstphal:  Untersuchungen  zur  Frage  der  nervösen  Entstehung  pep- 
tischcr  Ulcera.  Arch.  f.  klin.  Med.  114,  S.  346.  —  W  e  s  t  p  h  al  und  Katsch: 
Das  neurotische  Ulcus  duodeni.  Mitteil.  a.  d.  Grenzgeb.  d.  Med.  u.  Cliir.  26.  — 

7.  Frenkel-Tissot:  B.kl.W.  1921,  58.  Jahrg.,  Nr.  17,  S.  409.  — 

8.  Bauer-Aschner:  Klin.  Wschr.  1922,  1.  Jahrg.,  Nr.  25  u.  26,  S.  1250 
u.  1298. 


Für  die  Praxis. 

Hirntumor. 

Von  Prof.  Hans  Curschmann. 

Chronische  Herderkrankungen  des  Gehirns,  also  in 
erster  Linie  T  umoren  und  Abszesse,  sind  im  ganzen  selten 
Behandlungsobjekte  des  praktischen  Arztes.  Er  muss  sie  aber  zu 
diagnostizieren  versuchen,  und  zwar  so  früh  wie  möglich,  weil  nur 
bei  frühzeitiger  Erkennung  ein  (leider  immer  noch  recht  kleiner) 
Bruchteil  dieser  Fälle  Aussicht  auf  Heilung  durch  Operation  oder 
Röntgentherapie  gibt. 

Eine  ausführliche  Lokalisationsdiagnostik  im  Rahmen  dieser  Auf¬ 
sätze  zu  geben,  ist  nicht  möglich.  Es  hiesse  das,  eine  Topik  des 
Gehirns  zu  schreiben,  die  diesen  Rahmen  sprengen  würde.  Für  den 
Praktiker  ist  es  m.  E.  auch  wichtiger,  zur  Klarheit  darüber  zu 
kommen:  hier  liegt  ein  Neoplasma  oder  ein  Abszess  vor!  Die 
topische  Diagnose  wird  fast  stets  Sache  des  Fachneurologen  und 
Chirurgen  bleiben. 

Bei  der  Diagnose  eines  Hirntumors  müssen  wir  sowohl 
anamnestisch,  als  auch  klinisch  die  Allgemeinsymptome,  die 
jede  raumbeengende  Erkrankung  in  dem  empfindlichst  reagierenden 
Organ  unseres  Körpers  hervorruft,  und  die  speziellen  Herd¬ 
symptome  unterscheiden. 

Zumeist  leiten  die  ersteren  die  Szene  ein  und  pflegen  in  zahl¬ 
reichen  Fällen  völlig  zu  dominieren;  ja  sie  können  ganz  allein  bleiben, 
wenn  die  Hirnherde  „stumme  Regionen“  befallen. 

Von  diesen  Allgemeinsymptomen  nenne  ich  in  erster  Linie  den 
Kopfschmerz.  Wenn  bei  einem  Jugendlichen  oder  „Mittelalter¬ 
lichen“,  der  nie  an  Migräne,  myogenem  Kopfschmerz,  Lues,  Alkoholis¬ 
mus  oder  Bleiintoxikation  litt  und  nicht  Arteriosklerotiker  oder 
Nephritiker  ist,  auch  kein  Schädeltrauma  erlitten  hat,  eines  Tages 
hartnäckige  „unerträgliche“  Kopfschmerzen  auftreten,  so  denke  man 
stets  an  den  Tumor  cerebri!  Diese  Kopfschmerzen  können  langsam 
zunehmen  und  permanent  sein;  sie  können  auch  exazerbieren  und 
wieder  verschwinden,  in  letzterem  Fall  bisweilen  ganz  an  gewöhn¬ 
liche  Migräne  erinnernd.  Je  schwerer  solche  Anfälle  von  Tumor¬ 
kopfschmerz  sind,  desto  mehr  sind  ihnen  die  Zeichen  beigemengt,  die 
im  Grunde  fast  alle  Allgemeinsymptome  verursachen,  die  des  ge¬ 
steigerten  Hirndrucks:  Neben  dem  ausserordentlichen,  ver¬ 
nichtenden  Kopfschmerz  vor  allem  psychische  Störungen  (besonders 
Somnolenz  verschiedener  Grade),  Pulsverlangsamung  (infolge 
Reizung  des  Vaguszentrums),  Nausea,  Erbrechen  und  in  seltenen 
Fällen  auch  Atemstörungen  (Cheync-Stokes). 

Das  wichtigste  permanente  Hirndrucksymptom  aber  ist  die 
Stauungspapille.  Sie  ist  überhaupt  das  wichtigste  und  oft 
frühest  erkennbare  Krankheitszeichen.  Wer  sich  dazu  erzieht,  jeden 
Menschen  mit  chronischem  Kopfweh  zu  augenspiegeln  (und 
sie  alle,  nicht  nur  die  Tumorkranken  bedürfen  dieser  Untersuchung; 
ich  erinnere  nur  an  die  Fundussymptome  der  Nephritis!),  dem  werden 
auch  die  Frühstadien  des  Tumors  cerebri  nicht  so  leicht  entgehen. 
Die  Stauungspapille  tritt  nicht  bei  allen  Tumoren  auf,  aber  bei  den 
häufigsten  Lokalisationen  doch  so  oft,  dass  sie  für  die  Praxis  mit 
Recht  als  Kardinalsymptom  des  Tumors  gilt.  Sie  bedarf, 
einmal  entdeckt,  sorgfältiger  Kontrolle  unter  gleichzeitiger  Prüfung 
des  Visus,  um  dem  Chirurgen  Gelegenheit  zu  geben  (selbst  bei 
okkultem  Sitz  des  Tumors),  durch  entlastende  Trepanation  den 
Kranken  vor  Erblindung  zu  schützen. 

Erbrechen,  oft  unstillbar,  heftigster  Art  zugleich  mit  Nausea, 
als  Zeichen  gesteigerten  Hirndrucks  wurde  bereits  erwähnt.  Es 
findet  sich  bei  Hirntumoren  seltener  als  Dauersymptom,  denn  als  Be¬ 
gleiterin  der  zephalischen  Anfälle.  Gleiches  gilt,  wie  bereits  bemerkt, 
auch  von  der  Pulsverlangsamung,  wenn  auch  Fälle  mit  permanenter 
Bradykardie  Vorkommen.  Sie  sind  bei  Meningitiden  sicher  häufiger, 
als  bei  Tumoren. 

Auf  den  gesteigerten  Hirndruck  müssen  wir  im  wesentlichen 
wahrscheinlich  auch  die  psychischen  Veränderungen  der 


Kranken  beziehen,  die  —  sicher  zum  Teil  aus  konstitutionell-psychi¬ 
schen  Gründen  —  sehr  verschiedenartig  auftreten  können.  Am 
häufigsten  sind  aber  einfache  Apathie,  die  sich  im  Laufe  des  Leidens 
zu  immer  höheren  Graden  von  Somnolenz,  ja  bis  zum  tiefen  Koma  1 
steigern  kann.  Ad  finem  überwiegt  ohne  Zweifel  die  Somnolenz,  j 
Im  Beginn  täuschen  die  Fälle  nicht  selten  allerlei  neurasthenische  j 
oder  hysterische  Reaktionsformen  oder  auch  Psychosen  mannig- 
fachster  Art  vor,  von  leichten  zyklothymen  Phasen  bis  zur  Schizo¬ 
phrenie  und  Paralyse  oder  Presbyophrenie.  Jeder  erfahrene  Psy¬ 
chiater  weiss,  wie  wichtig  bei  unklaren  Psychopathien  das  Fahnden 
nach  einem  Hirntumor  ist.  Besonders  bei  Kopfarbeitern  habe  ich 
grobe  psychische  Veränderungen  als  erstes  Allgemcinsymptom  einer 
Hirngeschwulst  gesehen. 

Dass  auch  der  Schlaf  leidet,  ist  selbstverständlich,  häufiger 
im  Sinne  einer  Schlafsucht,  die  auch  tagsüber  (z.  B.  beim  Essen,  wäh¬ 
rend  der  Unterhaltung  usw.)  zum  Einschlafen  führt;  seltener  scheint 
hochgradige  Schlaflosigkeit  zu  sein  (viel  seltener  z.B.  als  bei  post¬ 
enzephalitischen  Zuständen);  sie  kommt  besonders  bei  nächtlicher 
Exazerbation  der  Kopfschmerzen  vor. 

Nicht  nur  als  Herdsymptom,  sondern  als  Allgemeinzeichen  ist 
auch  der  bei  wenigen  Hirntumoren  fehlende  Schwindel  zu  be¬ 
trachten,  der  zum  mindesten  alk  subjektive  Gleichgewichtsstörung 
auft ritt,  sich  oft  aber  auch  in  objektiverem  Taumeln  äussert.  Auch 
der  Schwindel  kann,  wie  der  Kopfschmerz,  gemeinsam  mit  den  an¬ 
deren  Symptomen  des  periodisch  gesteigerten  Hirndrucks  exazer¬ 
bieren. 

Diese  Hirndrucksteigerung  bei  Tumorverdacht  nun  durch  die 
Druckprüfung  bei  der  Lumbalpunktion  zu  prüfen,  wie  das  vor¬ 
geschlagen  wurde,  ist  dem  Praktiker  nicht  ohne  weiteres  zu  raten. 
Bei  Tumoren  der  hinteren  Schädelgrube  ist  die  Gefahr  der  Mors 
subita  (durch  plötzlichen  Verschluss  des  Foramen  magnum  infolge 
Ansaugung  des  betreffenden  Hirnteils)  nicht  gering.  Bei  Hirn¬ 
tumorenverdacht  ist  die  Lumbalpunktion  m.  E.  aus¬ 
schliesslich  Sache  der  Klinik!  (Dass  sie  aber  aus  diffe¬ 
rentialdiagnostischen  Gründen  —  Lues,  Meningitis  usw.  —  und  zu 
diagnostischen  Zwecken  —  Pneumoenzephalographie  —  oft  dringend 
indiziert  ist,  sei  vorgreifend  bemerkt.) 

Zu  den  Allgemeinsymptomen  dürfen  auch  die  ziemlich  seltenen 
Anfälle  von  scheinbarer  Epilepsia  vera  gerechnet  werden.  Die 
Kranken  erleben  —  im  Gegensatz  zur  echten  Epilepsie  —  nicht  selten 
nur  wenige  „typische“  Anfälle,  dann  beendet  ein  solcher  oder  auch 
ein  scheinbarer  Status  epilepticus  die  Krankheit  und  das  Leben. 
Diesen  Verlauf  habe  ich  beispielsweise  (ohne  jedes  sonstige  Herd¬ 
symptom)  bei  Zystizerkose  besonders  der  Gegend  des  IV.  Ventrikels 
gesehen.  Rindenepileptische  Anfälle  dagegen  möchte  ich  in 
erster  Linie  als  (wichtige!)  Herdsymptome  auffassen. 

Wie  bereits  bemerkt,  sind  alle  diese  allgemeinen,  d.  i.  Hirn¬ 
drucksymptome  nur  zum  kleineren  Teil  Dauersymptome,  sondern  nei¬ 
gen  —  wenigstens  im  Beginn  und  in  der  Mitte  des  Leidens  —  mehr 
zum  anfallsweisen  An-  und  Abschwellen,  zum  Kommen  und  Gehen. 
Nicht  selten  werden  Allgemein-  und  Herdsyndrotne  auf  das  schwerste 
verschlimmert  durch  apoplektiforme  Anfälle,  die  wir  tastächlich  als 
Folgen  von  Blutungen  in  den  Tumor  kennen  gelernt  haben;  auch  sie 
beenden  das  Leben  oft  plötzlich. 

Endlich  sei  bezüglich  der  Allgemeinsymptome  noch  bemerkt, 
dass  sie  durchaus  nicht  immer  der  Grösse  der  Geschwulst  zu  ent¬ 
sprechen  brauchen,  eher  und  öfter  ihrem  Sitz.  Es  wird  das  klar  aus 
zwei  Beispielen:  Ein  grosser  Tumor  (z.B.  Zyste)  des  rechten  Stirn¬ 
oder  Schläfenlappens  kann  lange  ohne  alarmierende  Allgemeinerschei¬ 
nungen  verlaufen,  während,  wie  bereits  bemerkt,  ein  winziger  Zysti- 
zerkus  im  III.  oder  IV.  Ventrikel  oder  ein  kleines  Tuberkulom  im 
Wurm  -des  Kleinhirnes  äusserst  schwere  derartige  Symptome  auszu¬ 
lösen  vermag. 

So  beginnen  und  begleiten  die  geschilderten  Allgemein-  bzw. 
Hirndrucksymptome  das  Leiden,  bald  mehr,  bald  minder  in  den  Vor¬ 
dergrund  tretend  und  den  Kranken  bis  zum  Ende  nicht  verlassend. 
Ja,  man  darf  sagen,  dass  das  typische  Ende  der  Kranken,  das  tiefe 
Koma  mit  endlicher  Athemlähmung,  eine  Folge  des  allgemeinen  Hirn¬ 
druckes  ist. 

Wenn  wir  nun  auf  die  Herdsymptome  eingehen,  so  muss  betont 
werden,  dass  sie  als  wirklicher  Ausdruck  einer  durch  den  Tumor 
selbst  gesetzten  Schädigung  (Lähmung  oder  Reizung)  einer  bestimm¬ 
ten  Hirnpartie  mit  einiger  Sicherheit  nur  dann  angesehen  werden 
dürfen,  wenn  sie  frühzeitig  und  einiger  massen  dauernd 
in  bestimmter  Form  auftreten.  Beispiel:  Ein  frühzeitiger,  lange  iso¬ 
liert  bleibender  kortikaler  Krampf  mit  motorischer  und  sensiblen 
Störung  eines  Extremitätenabschnittes  oder  auch  eine  frühzeitige 
konsequente  und  dauernde  Lähmung  eines  Akustikus  plus  Trigeminus 
sind  ungemein  wichtige,  topische  Symptome  (s.  u.).  Gänzlich 
belanglos  in  topischer  Beziehung  aber  ist  es,  wenn  auf  der  Höhe 
des  Leidens  auch  einmal  vorübergehend  eine  partielle  Okulomotorius- . 
oder  Fazialislähmung  oder  ein  einseitiger  Babinski  auftreten. 

Von  Herdsymptomen  erwähne  ich  als  praktisch  wichtige:  1.  Einen  i| 
etwaigen  örtlichen  Schädelschmerz,  spontan  oder  auf 
Druck  und  Klopfen.  Er  ist  nicht  selten  und  bei  Konstanz  (häufige, 
unsuggestive  Prüfung!)  ein  wichtiges  topisches  Zeichen.  Auch  Head- 
sche  Uebcrempfindlichkeit  der  Haare  und  Haut  über  der  Tumorregion 
kommt  vor.  Bei  Sitz  des  Tumors  in  der  hinteren  Schädelgrube 
kommt  es  oft  zu  heftigem  Nackeflschmerz  und  einer  gewissen  Steifig- 


14.  September  192.1. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


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keit,  die  an  die  der  Meningitis  und  Spondylitis  erinnern  kann.  Ob 
die  Perkussion  des  Schädels  etwas  leistet,  weiss  ich  nicht.  Manche 
meinen  es.  Die  Auskultation  vermag  Aneurysmen  festzustellen.  Oert- 
lichc  Verwölbungen  des  Schädels  sieht  man  bei  Erwachsenen  selten, 
bei  Kindern  habe  ich  sie  (z.  B.  bei  grosser  Stirnhirnzyste)  gesehen. 

2.  Für  die  Seite  des  Tumors  ist  oft  genug  die  (meist  nur  anfäng¬ 
liche)  Einseitigkeit  der  Stauungspapille  ein  wichtiges 
Entscheidungsmittel,  inbesondere  bei  bezüglich  ihres  Sitzes  unklaren 
Kleinhirntumoren. 

3.  Sehr  wichtige  topische  Zeichen  sind  endlich  Jackson  sehe 
Rin  d  e  n  k  r  ä  m  p  f  e,  die  —  sehr  frühzeitig  auftretend  —  oft  genug 
mit  grosser  Bestimmtheit  auf  bestimmte  Rindengebiete,  vor  allem  der 
motorischen  Region,  hindeuten. 

4.  Endlich  erweist  sich  in  nicht  wenigen  Fällen  das  Röntgen- 
verfahren  als  nützlich  für  die  topische  Diagnose.  Schon  lange 
vermochte  man  grobe  Veränderungen  der  Schädelkontur,  insbeson¬ 
dere  der  Basis  (vor  allem  des  Türkensattels  bei  Hypophysentumo¬ 
ren!),  festzustellen,  weniger  sicher  sehr  dichte  Tumoren  (z.  B.  Psam¬ 
mome).  Neuerdings  gelingt  es,  durch  die  von  A.  B  i  n  g  e  1  ausgebil¬ 
dete  Pneumoenzephalographie  (Lufteinblasung  in  den  Du¬ 
ralraum  nach  Lumbalpunktion)  sehr  schöne  Röntgenbilder  von  Tu¬ 
moren  zu  gewinnen,  vor  allem,  wenn  diese  die  Ventrikel  kompri¬ 
mieren  oder  verdrängen.  Das  differente  Verfahren  kann  natürlich 
nur  in  einer  Klinik  geübt  werden,  ist  dann  aber  bezüglich  der  mo¬ 
mentanen  Gefahr  und  der  Nachwirkungen  nicht  gefährlicher,  diagno¬ 
stisch  aber  bei  Tumoren  ungleich  wirksamer  a's  die  einfache  Lumbal- 

'  punktion.  Die  von  Dandy  ausgebildete  Lufteinblasung  direkt  in 
den  Seitenventrikel  ist  gefährlicher  und  diagnostisch  weniger  er¬ 
giebig  als  das  B  i  n  g  e  1  sehe  Verfahren. 

Einige  wichtige  Lokalisationen:  Grosshirn- 
i  hemisphären.  Tumoren  der  motorischen  Region,  beson¬ 
ders  der  Zentralwindungen,  verraten  sich  durch  frühzeitig  auf¬ 
tretende,  erst  monoplegische  (bisweilen  nur  Teile  eines  Gliedes  be¬ 
treffende),  später  meist  mehr  oder  minder  vollständige  hemiplegische 
Lähmungen  mit  dem  obligaten  Py.-B.-Zeichen,  oft  auch  durch  anfangs 
oft  ganz  umschriebene  rindenepileptische  Krämpfe;  bei  Lokalisierung 
linkerseits  oft  motorische  Aphasie,  bei  Sitz  im  linken  Schläfenlappen 
sensorische  Aphasie,  während  Tumoren  der  Okzipitalregion  Seelen¬ 
blindheit  und  Hemianopsie  verursachen.  Ueber  die  Symptome  des 
|  Stirnhirntumors  ist  viel  geschrieben  worden.  Rechtzeitig 
i  lokalisierte  können  —  abgesehen  von  den  Allgemeinsymptomen  (s.  o.) 

—  symptomlos  verlaufen,  linksseitige  bewirken  sicher  bisweilen  apra- 
!  xieähnliche  Störungen.  Auch  Ataxie  des  Ganges  kommt  vor.  Psy- 
j  chische  Störungen  sind  ausserordentlich  häufig,  aber  nicht  gleich- 
i  artig;  die  vielzitierte  Witzelsucht  ist  sicher  nicht  allzu  häufig;  einfache 
i  Störungen  des  Intellektes,  der  Aufmerksamkeit,  Somnolenz  usw.  kom¬ 
men  ebenfalls  vor. 

Gegend  des  III.  und  IV.  Ventrikels:  Motorische  (spa¬ 
stische)  Diplegien,  auch  Tetraparesen,  oft  unsymetrisch  angeordnet. 
!  Bei  Sitz  in  der  Vierhügelgegend  doppelseitige  Augenmuskellähmun- 
|  gen,  besonders  solche  gleichnamiger  Muskeln,  Pupillenveränderun¬ 
gen,  grobe  Seh-  und  Hörstörungen,  Ataxie  des  Rumpfes  (S  t  r  ü  in  - 
pell)  usw.  Daneben  natürlich  die  typischen  Allgemeinsymptome 
des  Tumors.  Tumoren  des  IV.  Ventrikels,  besonders  oft  Zystizerken, 
können  lange  aller  Allgemeinzeichen  (auch  der  Stauungspapille)  ent¬ 
behren,  falls  sie  klein  sind.  Bisweilen  zeigen  sie  infolge  Fernwirkung 
zerebellare  Störungen  (Ataxie),  Abduzenslähmungen.  Ich  habe 
schwere  allgemeine  Epilepsie  dabei  gesehen.  Kleinhirn: 
Bei  diesem  relativ  häufigen  Sitz  (besonders  oft  Tuberkel) 
sind  die  Allgemeinzeichen  (Stauungspapille,  Schmerz,  Erbrechen 
usw.)  meist  besonders  stark  und  früh  ausgeprägt.  Ausser¬ 
ordentlich  markant  sind  der  zerebellare  Schwindel  und  die 
Ataxie.  Beim  Gehen  und  Stehen  schwanken  die  Kranken 
gewöhnlich  nach  der  Seite  des  Tumors;  auch  zerebellare  Asynergie 
oder  Ataxie  tritt  homolateral  auf,  desgleichen  die  vielzitierte  Adia- 
dochokinesie  (Unmöglichkeit  rasch  wechselnder  antagonistischer 
Gliedbewegungen),  übrigens  keineswegs  ein  ausschliessliches  Zere¬ 
bellarsymptom.  Wichtig  sind  ferner:  Nystagmus,  besonders  nach  der 
kranken  Seite,  das  dementsprechende  Vorbeizeigen  beim  Zeigever¬ 
such,  halbseitige  (homolaterale)  Sehnenhyporeflexie  und  Hypotonie 
(inkonstant,  aber  sehr  charakteristisch),  Lähmungen  einzelner  nahe¬ 
gelegener  Hirnnerven  (Trigeminus,  Akustikus,  Fazialis,  Abduzens 
u.  a.);  sehr  wichtig  ist  m.  E.  die  homolaterale  Kornealanästhesie  und 
-ärcflcxie  (H.  Oppenheim).  Tumoren  des  Wurms  machen  beson¬ 
ders  starke  Allgemeinsymptome,  die  der  Hemisphären  ausgeprägter 
homolaterale,  wenn  sie  klein  sind,  allerdings  bisweilen  auch  gar 
keine.  Auf  Nackenschmerz  und  -Steifigkeit  sei  nochmals  hingewiesen. 

Die  relativ  häufigen  Tumoren  des  Klei’nhirnbrückenwin- 
kels,  meist  von  der  Scheide  des  Nervus  acusticus  ausgehende 
Fibrome,  pflegen  neben  den  typischen  Zerebellarsymptomen  (bis¬ 
weilen  mit  Fehlen  der  Papillitis)  meist  das  charakteristische  Syn¬ 
drom:  nervöse  Hyp-  oder  Anakusis,  gleichseitige  Vestibularsym- 
ptome,  desgleichen  Trigeminussymptome  (Anästhesie,  Schmerzen), 
seltener  solche  des  Fazialis  und  Abduzens,  gekreuzte  Pyramiden- 
bahnsymptome,  konjugierte  Blicklähmung  u.a.m.  zu  zeigen.  Beson¬ 
ders  die  Gleichzeitigkeit  und  -seitigkeit  von  zerebellaren,  Akustikus- 
und  Trigeminussymptomen  ist  ungemein  typisch.  Diese  Tumoren 
sind  oft  mit  Glück  operiert  worden. 


Hirnbasis:  Auch  hier  sind  Geschwülste  relativ  häufig,  oft 
von  der  Schädelbasis,  oft  auch  von  Hirnteilen  oder  der  Hirnhaut  aus¬ 
gehend.  Neben  den  allgemeinen  Tumorerscheinungen,  von  denen  die 
Stauungspapille  aber  auch  hier  fehlen  kann,  treten  naturgemäss  die 
Hirnnervenlähmungen,  besonders  mehrfache  einer  Seite, 
hier  hervor.  Häufig  sind  Okulomotorius,  Abduzens,  Fazialis,  Optikus, 
seltener  Olfaktorius,  bei  Sitz  mehr  hinten  auch  Akzessorius  und 
Hypoglossus  befallen;  diese  Lähmungen  zeigen  das  Verhalten  der 
peripheren  Lähmung  (Atrophie,  elektr.  E.A.,  Vollständigkeit  der  Fa¬ 
zialislähmung).  Bei  Kompression  des  Optikus  charakteristische  Seh- 
und  üesichtsfeldstörungcn,  z.  B.  bei  Hypo  physisge  schwül¬ 
sten  die  bekannte  bitemporale  Hemianopsie.  Die  letztgenannten 
können  entweder  zur  Akromegalie  oder  (bei  Jugendlichen)  zum 
eunuchoiden  Riesenwuchs  oder  aber  zur  Dystrophia  adiposogenitalis 
führen;  häufig  auch  zum  Diabetes  insipidus,  seltener  mellitus,  man¬ 
nigfachen  Stoffwechsel-  und  psychischen  Störungen,  die  sämtlich 
neuerdings  weniger  auf  die  Hypophyse  selbst,  als  auf  den  Druck  der 
Geschwuslt  auf  die  subthalamischen  trophischen  und  Stoffwechsel¬ 
zentren  des  Zwischenhirns  zurückgeführt  werden.  (Ueber  Hypo¬ 
physentumoren  vergl.  das  Kapitel  der  endokrinen  Erkrankungen.) 
Auch  Tumoren  der  Epiphyse  seien  hier  erwähnt,  die,  fast  immer 
in  früher  Kindheit  auftretend,  zu  dem  eigentümlichen  Bilde  der  geni¬ 
talen  und  körperlichen,  bisweilen  auch  psychischen  Frühreife 
führen. 

Brücke,  Hirnschenkel,  verlängertes  Mark:  Hier 
sind  echte  Geschwülste  sehr  selten,  relativ  am  häufigsten  Tuberku- 
Iome.  Die  allgemeinen  Tumorzeichen  sind  bei  dieser  Lokalisierung 
oft  gering,  Stauungspapille  fehlt  zumeist.  Geschwülste  der  Pons 
erzeugen,  falls  sie  noch  klein  und  halbseitig  sind,  das  bekannte  Syn¬ 
drom  der  Hemiplegia  cruciata  inferior  (Lähmung  des  gleichseitigen 
Fazialis,  Trigeminus,  Abduzens,  seltener  Hypoglossus  und  der  kontra¬ 
lateralen  Glieder  mit  entsprechender  Hypästhesie).  Auch  konjugierte 
Blicklähmung  kommt  dabei  vor.  Geschwülste  des  Pedunkulus  führen 
zur  Hemiplegia  cruciata  superior  (homolaterale  Lähmung  des  Okulo- 
molorius,  gegenseitige  motorische  und  sensible  Exremitätenlähmung). 
Bei  derartigen  Syndromen  sei  man  übrigens  mit  der  Diagnose  Tumor 
möglichst  zurückhaltend  und  berücksichtige,  dass  sie  weitaus  häufiger 
durch  Lues,  multiple  Sklerose  oder  kleine  Blutungs-  oder  Erwei¬ 
chungsherde  veranlasst  werden!  Die  ungemein  seltenen  Tumoren  des 
verlängerten  Marks  erzeugen  das  Bild  einer  anfangs  unsymmetrischen 
Hirnnerven-  bzw.  Bulbärparalyse  mit  obligaten  Pyramidenbahnsym¬ 
ptomen.  Sie  von  der  progr.  Bulbärparalyse  abzugrenzen,  ist  anfangs 
äusserst  schwierig;  süäter  treten  öfter  sensible  Störungen,  solche  der 
Augenmuskeln  u.  a.  dazu,  die  dieser  fremd  sind  und  die  Tumordia¬ 
gnose  stützen.  Auch  die  Differentialdiagnose  gegenüber  thrombo¬ 
tischen  Erweiterungen  oder  diffus  sklerotischen  Prozessen  in  der 
Medull.  obl.  ist  sicher  sehr  schwierig.  Im  ganzen  denke  man  in  praxi 
bei  chronischen  Bulbärsyndromen  lieber  zuletzt  als  zuerst  an  Neu¬ 
bildungen! 

Anatomisches:  Am  häufigsten  sind  vielleicht  Gliome, 
an  sich  gutartige,  oft  überaus  langsam  wachsende,  sehr  gefässreiche 
Geschwülste,  die  selten  scharf  umschrieben,  „ausschälbar“.  sondern 
meist  ohne  deutliche  Grenze  in  das  gesunde  Gewebe  übergehen. 
Meist  treten  sie  unilokulär  auf.  Sie  entwickeln  sich  relativ  oft  in  der 
Marksubstanz  der  Hemisphären,  seltener  im  Kleinhirn  und  den  Stamm¬ 
ganglien.  Etwas  seltener  sind  Sarkome,  die  meist  von  der  harten 
Hirnhaut.  Periost  und  Knochen  ausgehen,  relativ  am  häufigsten  an 
der  Schädelbasis.  Gar  nicht  selten  sind  Solitärtuberkel,  besonders 
in  Kleinhirn  und  Brücke,  seltener  im  Grosshirn;  es  kommen  auch 
multiple  Tuberkulome  vor.  Ueber  Gummata  vergl.  ein  späteres  Ka¬ 
pitel!  Karzinome  sind  überaus  selten  primäre  Hirngeschwülste,  relativ 
häufig  aber  metastatische,  besonders  nach  Karzinomen  der  Mamma, 
der  Prostata  und  der  Lungen.  Sie  sind  überwiegend  multilokulär. 
Seltene  Geschwülste  sind  auch  die  vom  Endothel  der  Gefässe  oder 
der  Meningen  ausgehenden  Endotbeliome.  bisweilen  multipel  auf¬ 
tretend.  Aus  ihnen  entwickeln  sich  bisweilen  kalkreiche  Psammome. 
Relativ  häufig,  besonders  an  der  Hirnoberfläche  (Stirn-  und  Parietal¬ 
lappen,  Kleinhirn),  sind  Zysten,  die  ihrem  Ursprung  nach  bisweilen 
gliomatös  sind.  Als  sehr  seltene  Tumoren  seien  Teratome,  Chon¬ 
drome.  Cholesteatome  und  Angiome  genannt.  Recht  häufig  sind  ein¬ 
fache  oder  multiple  Zystizerken  des  Gehirns. 

Der  Verlauf  der  Tumorerkrankung  ist  fast  stets  chronisch 
und  —  mit  Ausnahme  von  Gummen  und  einigen  stationär  verlaufen¬ 
den  Zysten,  Zystizerken,  gutartigen  Tumoren  und  Tuberkulomen  an 
„stummen“  Stellen  —  stets  letal.  Das  Ende  tritt  bei  Primärtumoren 
innerhalb  einiger  Monate  bis  2 — 3  Jahren  ein,  bei  metastatischen  Ge¬ 
schwülsten  oft  viel  rascher.  Bisweilen  verursachen  Blutungen  in 
Gliome  oder  Zysten  ganz  plötzlichen  Tod,  der,  wie  bemerkt,  auch  bei 
kleinen  Geschwülsten  (Zvstizerken.  Solitärtuberkel  usw.)  an  beson¬ 
ders  differenten  Stellen  (IV.  Ventrikel),  z.  B.  im  „Status  epilepticus“ 
oder  in  Form  eines  „Hirnschlages“  auftreten  kann. 

Die  Therapie  hat  in  erster  Linie  eine  syphilitische 
Neubildung  zu  erkennen  oder  auszuschliessen,  die  stets  — 
wenn  auch  oft  vergeblich  —  Objekt  spezifischer  Behand¬ 
lung  sein  muss.  Im  übrigen  wird  sie  —  in  Ermangelung 
besserer  Mittel  —  meist  chirurgisch  sein.  Der  Praktiker  sei  aber 
nicht  zu  eindringlich  in  der  Empfehlung  eines  operativen  Eingriffs 
und  bleibe  sich  bewusst,  dass  die  Sterblichkeit  der  operierten  Fälle 
auch  bei  speziellen  Hirnchirurgen  sehr  gross  (bis  zu  60  Proz.),  bei 


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MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  37. 


anderen  Operateuren  noch  wesentlich  höher  ist!  Wenn  man  auch  die 
Art  des  Tumors  nie  mit  Sicherheit  erkennen  kann,  so  möchte  ich  doch 
raten,  manche  Tumoren,  deren  Natur  wir  vermuten  dürfen,  a  limine 
auszuschliessen,  z.  B.  vor  allem  Tuberkulome  bei  Kindern  und  Jugend¬ 
lichen,  die  auch  sonst  nicht  frei  von  Tuberkulose  sind.  Gleiches  gilt 
selbstverständlich  auch  von  metatstatischen  Karzinomen.  Entschei¬ 
dend  für  den  Entschluss  zur  Operation  ist  aber  auch  der  Sitz  der  Ge¬ 
schwulst.  Wir  werden  leichter  an  gut  lokalisierbare  Tumoren  der 
Hemisphären,  vor  allem  der  motorischen  Rindenregion,  des  Klein¬ 
hirns  und  des  Stirnhirns  herangehen,  als  an  Tumoren  der  Stamm¬ 
ganglien,  der  Brücke,  des  verlängerten  Markes  oder  Tumoren  un¬ 
klaren  Sitzes.  Relativ  oft  ist  es  gelungen,  Kleinhirnbrückenwinkel¬ 
und  Hypophysengeschwülste  operativ  zu  beseitigen.  Haben  wir  be¬ 
gründeten  Verdacht  auf  ein  Sarkom  (z.  B.  Osteosarkom)  oder  Endo- 
theliom,  so  ist  nach  neueren  Erfahrungen  die  Röntgentherapie  ein 
sehr  erfolgversprechendes  Verfahren.  Noch  kürzlich  sah  ich  ein 
Osteosarkom  der  Basis  unter  intensiver  Röntgenbehandlung  „wie 
Butter  vor  der  Sonne“  vergehen.  Die  Röntgentherapie  sollte  auch 
bei  anderen,  schwer  angreifbaren  Tumoren  häufiger  versucht  werden! 
(Jeher  die  Art  des  chirurgischen  Vorgehens  und  die  Röntgendosierung 
zu  sprechen,  ist  nicht  meine  Sache. 

Zum  Schluss  seien  noch  als  Palliativoperationen  gegen  drohende 
Erblindung  die  Trepanation  und  gegen  den  übermächtigen  Hirndruck 
der  Balkenstich  nach  Bramann-Anton  genannt.  Vor  Lumbal¬ 
punktionen  zu  diesem  Zweck  sei  nochmals,  insbesondere  bei  der 
Möglichkeit  einer  Geschwulst  der  hinteren  Schädelgrube,  nachdrück¬ 
lich  gewarnt. 

In  Fällen,  die  der  Operation  aus  ärztlichen  oder  anderen  Gründen 
nicht  zugeführt  werden  konnten,  hat  man  bisweilen  nach  Schmierkur 
Remissionen,  ja  Heilung  gesehen.  In  solchen  Fällen  lag  wohl  ein 
..Pseudotumor  cercbri“,  Meningitis  serosa  oder  Hirnschwellung 
(Re  ic  har  dt)  vor. 

Alles  in  allem:  Man  sei  nicht  zu  operationsfreudig!  Der  Stand¬ 
punkt  H  o  r  s  1  e  y  s,  dass  es  ein  ebensolcher  Kunstfehler  sei,  einen  dia¬ 
gnostizierten  Hirntumor  nicht  anzugreifen,  wie  eine  festgestellte  Ap¬ 
pendizitis,  dürfte  von  den  meisten  Neurologen  und  Chirurgen  auch 
heute  noch  mit  Recht  abgelehnt  werden. 


Bücheranzeigen  und  Referate. 

R.  R  o  s  e  m  a  n  n  -  Münster:  L  a  n  d  o  i  s’  Lehrbuch  der  Physio¬ 
logie  des  Menschen,  mit  besonderer  Berücksichtigung  der  praktischen 
Medizin.  18.  Aufl.  2.  Hälfte.  485  S.  mit  158  Abb.  im  Text  und  1  färb. 
Tafel.  Verlag  von  Urban  &  Schwarzenberg,  Berlin-Wien, 
1923.  Grdpr.:  10  M. 

Von  dem  in  18.  Auflage  erscheinenden  Landois-Rose- 
m  a  n  n  sehen  Lehrbuch  ist  nun  auch  die  zweite  Hälfte,  die  Physio¬ 
logie  der  animalen  Funktionen  und  der  Zeugung  und  Entwicklung 
enthaltend,  zur  Ausgabe  gelangt. 

Während  bei  der  16.  und  17.  Auflage  wesentliche  Aenderungen 
nicht  vorgenommen  werden  konnten,  sollte  diese  neue  Auflage  gründ¬ 
lich  durchgearbeitet  und  auf  den  heutigen  Stand  des  Wissens  ge¬ 
bracht  werden.  Auf  sorgfältige  Zusammenstellung  der  Literatur 
wurde  besonderer  Wert  gelegt. 

Beim  Vergleich  dieser  Auflage  mit  der  vorhergehenden  ergibt 
sich  in  der  Tat  eine  gründliche  Neubearbeitung,  die  schon  für  die 
erste  Hälfte  des  Buches  konstatiert  werden  konnte,  auch  für  die 
zweite  Hälfte,  ohne  dass  aber  der  Umfang  des  Buches  wesentlich 
zugenommen  hätte.  Um  nur  einiges  zu  nennen,  so  wurde  bei  der 
quergestreiften  Muskulatur  die  Quellung  derselben  und  die  Ionisation 
der  Muskcleiweisskörper  eingehender  behandelt  und  auf  die  beson¬ 
ders  von  E  m  b  d  e  n  und  Meyerhoff  untersuchten  Stoffwechsel¬ 
vorgänge  bei  der  Tätigkeit  genauer  eingegangen.  Auch  die  Hoff- 
m  a  n  n  sehen  Arbeiten  über  die  propriozeptiven  und  exterozeptiven 
Erregungen,  welche  schliesslich  auf  die  Muskulatur  wirken,  sind  be¬ 
rücksichtigt.  Erwünscht  wäre  wohl,  wenn  die  Physiologie  der  glatten 
Muskulatur  etwas  eingehender  behandelt  würde.  Aber  nicht  nur  in 
dem  Kapitel  über  die  Physiologie  der  Bewegungsapparate,  auch  in 
allen  andern  macht  sich  die  Neubearbeitung  mehr  oder  weniger 
durch  Eingehen  auf  die  neueste  Literatur,  Beseitigung  von  überholten 
Anschauungen,  Aenderungen  im  Druck  und  Ersatz  veralteter  oder 
entbehrlicher  Figuren  durch  neuere,  wichtigere  bemerkbar. 

Die  Aerztewclt,  an  die  sich  dieses  sehr  geschätzte  Buch  ja  ganz 
besonders  wendet,  wird  dem  Verfasser  Dank  wissen,  dass  er  die 
grosse  und  verantwortungsreiche  Aufgabe  übernommen  hat,  sie  über 
den  gegenwärtigen  Stand  der  Physiologie  auf  dem  Laufenden  zu 
halten  und  es  ihr  durch  die  Literaturangaben  auch  noch  ermöglicht, 
bis  zu  den  Quellen  vorzudringen.  K.  B  ü  r  k  e  r  -  Giessen. 

Adolf  Ba  cm  eiste  r:  Lehrbuch  der  Lungenkrankheiten.  3., 

neubearbeitete  Auflage.  Leipzig,  1923.  Grdpr.:  7.50  M.,  geb.  10  M. 

Im  allgemeinen  hält  sich  diese  neue  Auflage  im  Rahmen  der  vo¬ 
rigen.  Einzelne  Kapitel  sind  klarer  bearbeitet,  z.  B.  die  Qualitäts¬ 
diagnose,  die  Röntgentiefentherapie.  Die  Einteilung  der  Lungen¬ 
tuberkulose  dürfte  für  den  Praktiker  noch  etwas  einfacher  zu  ge¬ 
stalten  sein.  Auch  über  Reizbehandlung,  Kieselsäure,  Krysolgan  er¬ 
fahren  wir  mehr,  während  mit  Recht  Friedmann  in  kleinen 
Druck  zurückgedrängt  wurde.  Bei  manchen  Sätzen  müsste  sich  der 


Verfasser  noch  klarer  ausdrücken  und  sich  bewusst  sein,  dass  man 
wirklich  bei  den  Lesern,  für  die  das  Buch  bestimmt  ist,  recht  be¬ 
scheiden  in  seinen  Ansprüchen  sein  muss.  Was  heisst  es  beispiels¬ 
weise  bei  der  heutigen,  im  Volke  verbreiteten  Erkältungsfurcht: 
„jede  Erkältungsgefahr  ist  zu  vermeiden“?  (S.  275.)  Soll  der  Prak¬ 
tiker  nach  diesem  Satze  handeln:  „Fiebernde  Kranke  gehören  aus¬ 
schliesslich  ins  Bett“  (S.  284),  oder:  „Bei  Blutungen  ist  absolute  Bett¬ 
ruhe  die  erste  Forderung“?  (S.  287.)  Hierdurch  kann  oft  schwerer 
Schaden  erzeugt  werden.  Einzelne  Aussetzungen  möchte  ich  doch 
machen.  Der  Speisezettel  (S.  275)  dürfte  heute  auch  in  den  Heil¬ 
anstalten  ein  wenig  Achselzucken  erregen.  Die  Bedeutung  des  Zu¬ 
sammenhanges  von  Tuberkulose  und  Alkohol  wird  nicht  gewürdigt. 
Mit  dem  Urteil  über  P  o  n  n  d  o  r  f  und  Pctruschky  sind  wohl 
nicht  alle  Fachärzte  einverstanden.  —  Die  Frage  der  Unterbrechung 
der  Schwangerschaft  kommt  gera.de  für  den  Praktiker  zu  kurz  weg. 

—  Vor  Morphium  bei  Blutungen  ist  entschieden  mehr  zu  warnen; 
es  ist  in  der  Praxis  so  bequem,  während  ich  die  hypertonische  Koch¬ 
salzlösung  vermisse.  —  Viel  zu  kurz,  und  namentlich  die  notwen¬ 
digen  Diätvorschriften  vergessend,  ist  das,  was  (S.  291)  über  Durch¬ 
fall  gesagt  wird.  Da  gibt  es  auch  allerlei  physikalische  Mittelchen.  — 
Was  sind  „schwache  Nieren“?  Das  Heilstättenverzeichnis  muss 
gründlich  durchgesehen  werden  und  wird  besser  aus  einem  Lehrbuch 
weggelassen,  da  es  sich  immer  ändert. 

Wie  schon  bei  früheren  Besprechungen  gesagt,  sind  die  Röntgen¬ 
bilder  bei  der  Druckvervielfältigung  vielfach  schlecht  (vgl.  Abb.  19, 

46,  47,  59,  71).  Wenn  auch  einzelne  gegen  die  2.  Auflage  wesentlich 
besser  sind,  so  sollte  man  doch,  wenn  schon  Röntgenbilder  mit¬ 
gegeben  werden,  Chromopapier  verwenden. 

Eine  Kleinigkeit:  In  der  3.  Auflage  eines  sonst  so  tüchtigen  und 
empfehlenswerten  Lehrbuches,  das  wirklich  den  gesamten  Stoff  in 
geschickter  Weise  zusammenstellt,  sollte  nicht  mehr  stehen  Zwcrg- 
fell  (Abb.  21).  L  i  e  b  e  -  Waldhof-Elgershausen. 

Storch:  Das  archaisch-primitive  Erleben  und  Denken  der 
Schizophrenen.  Springer,  Berlin,  1922.  89  S.  Grdpr.:  3.60  M. 

Storch  führt  die  Parallele  zwischen  archaischem  und  schizo-  I 
phrenem  Denken  im  einzelnen  durch,  und  zwar  unter  folgenden  Ge¬ 
sichtspunkten  geordnet:  Handlungen  („Motorik“),  Zustandsbewusst-  | 
sein,  anschaulich-komplexes  Denken,  Ichbewusstsein  (Zerfall  des  Ichs 
und  Verlust  der  Ichgrenze,  Verschmelzung  von  Ich  und  Gegenständ¬ 
lichkeit:  die  magisch-tabuistischen  Einstellungen  mit  den  „numinösen  I 
Urgefühlen“  und  primären  Wahnerlebnissen,  die  Persönlichkeitsum-  l 
Wandlungen  (Geschlechtsumwandlung,  mystische  Einigung,  kosmische  i 
Identifizierung,  Wiedergeburt,  ekstatische  Versenkungen).  Ein  letztes  i 
Kapitel  umschreibt  die  Grenzen  dieser  Betrachtungsweise  und  ver-  I 
folgt  die  Erscheinungen  theoretisch  bis  ins  Biologische. 

Die  verdienstliche  Arbeit  fasst  klar  und  knapp  unser  Wissen  über 
diese  Dinge  zusammen,  nicht  nur  in  der  Stoffbehandlung,  sondern  auch 
in  Beispielen  und  Auffassungen  manches  hinzufügend.  Eine  noch  zu  i 
ergänzende  Lücke  darf  vielleicht  erwähnt  werden:  Schizophrene  I 
haben  nicht  nur  die  Neigung,  sinnlich  anschauliche  Vorstellungsbilder  i 
zu  erzeugen,  sondern  daneben  auch  die  gegensätzliche,  zu  weitgehend 
zu  abstrahieren.  Auch  das  hat  der  Schizophrene  mit  dem  primitiven 
Denken  gemein.  Hüten  sollte  man  sich,  Begriffsabgrenzungen  aus  I 
ganz  anderen  Vorstellungskreisen  hereinzuziehen,  und  wenn  auch  nur 
in  einer  nebensächlichen  Bemerkung,  wie  die  Auffassung  V  o  I  k  e  1 1  s,  i 
dass  die  Vorstellungen  mancher  'Tiergruppen  nicht  dinghaft,  sondern 
gefühlsartig  seien.  Ein  solcher  Begriff  der  Dinghaftigkeit  ist  in  der  i 
naturwissenschaftlichen  Psychologie  nicht  brauchbar,  und  wenn  man 
solche  intellektuelle  Psychismen,  wie  die  Vorstellung  einer  Tier¬ 
gruppe,  wieder  als  Gefühle  bezeichnen  wollte,  so  würden  wir  um 
Jahrzehnte  zurückgeworfen,  nachdem  es  uns  endlich  gelungen  ist,  ' 
diesen  vielleicht  wichtigsten  Begriff  der  Psychopathologie  brauchbar 
zu  umgrenzen. 

Dann  noch  eins,  was  man  nicht  durchgehen  lassen  darf.  Storch 
selbst  weiss  ja,  dass  archaisches  und  schizophrenes  Denken  trotz  . 
aller  Analogien  nicht  das  gleiche  sind;  aber  er  hat  sich  doch  in  der  i 
Hauptsache  an  die  einmal  geläufige,  viel  zu  weitgehende  Identifikation  ; 
der  beiden  Denkformen  gehalten,  was  namentlich  in  den  theoretischen 
Ausführungen  sich  ausdrückt.  Die  Auffassung  des  Zurück¬ 
sin  kensdesschizop  hrenen  Denkensaufei  nefr  über 
normale,  aber  weniger  entwickelte  Stufe  ist  sicher 
falsch  l),  so  sicher,  als  die  senile  Psychose,  die  eine  Menge  kind¬ 
licher  Eigenschaften  besitzt,  nicht  wieder  auf  die  kindliche  Stufe  zu¬ 
rückgefallen  ist.  Es  wird  ja  nicht  zu  leugnen  sein,  dass  die  Primitiven  , 
in  gewissen  Beziehungen  psychische  Eigenschaften  besitzen,  die  wir 
bei  weitentlegenen  Vorfahren  der  Kulturrassen  voraussetzen  dürfen; 
aber  dieser  Unterschied  kommt  hier  gar  nicht  in  Betracht  und  ist  im  , 
wesentlichen  denn  doch  ein  qualitativer;  die  „Primitiven“  sind  so  j 
wenig  Ahnen  späterer  uns  gleicher  Kulturrassen,  als  Nachkommen 
von  Kaninchen  Affen  werden  können.  Und  wenn  Primitive  und  Schi¬ 
zophrene  mehr  Anschauungsbilder  benutzen  können  oder  benutzen 
müssen  als  der  Kulturmensch,  und  beide  viele  Begriffe  unscharf  be¬ 
grenzen.  so  tun  sie  das  aus  ganz  anderen  Ursachen. 

Am  einfachsten  lässt  sich  der  Fehler  an  französischen  Vorstel¬ 
lungen  zeigen,  die  bei  der  Schizophrenie  von  einem  Defekt  des  „sens 

1)  Dass  bei  allerlei  Störungen  die  komplizierteren  und  die  jüngeren  Funk¬ 
tionen  ceteris  paribus  am  meisten  leiden,  so  dass  einfachere  und  ältere  zum 
Vorschein  kommen  können,  hat  mit  dem  Prinzip  der  schizophrenen  Denk¬ 
störung  nichts  zu  tun,  so  selbstverständlich  es  ist. 


September  192.1 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1185 


la  r£alitd“  sprechen,  den  sie  als  eine  phylisch  spät  erworbene 
chstfunktion  ansehen.  Nun  kann  aber  eine  Psyche,  je  unentwickel- 
sie  ist.  um  so  weniger  von  der  Realität  abweichcn;  dazu  braucht 
eine  Uebcrzahl  von  Assoziationen.  Das  autistische  Denken  ist, 
veit  es  normal  ist,  in  seinem  Mechanismus  nicht  prälogisch,  son- 
;  n  metalogisch;  bloss  inhaltlich  könnte  man  es  prälogisch  nennen, 
i  ofern,  als  ihm  das  genügende  Material  zu  realistischer  Logik  fehlt. 
|  r  sens  de  la  rdalitd  kann  bei  keiner  existierenden  Art  defekt  sein, 
i  il  er  eine  notwendige  Bedingung  der  Erhaltung  ist.  Erst  die 
hsten  Geschöpfe  können  sich  den  Luxus  einer  weitgehenden  Ab- 
,  ichung  vom  Realen  leisten  und  dadurch  einerseits  autistisch  oder, 
i :  es  hier  bezeichnet  wird,  archaisch  denken,  und  anderseits  neues 
;  inden,  kulturschöpferisch  tätig  sein.  Das  über  die  Erfahrung  hin- 
i  .gehende  Denken  bezeichnet  sowohl  die  tastenden  Fehlgänge  wie 
;  Erfindung,  das  erreichte  Ziel,  dem  die  ganze  Einrichtung  dient. 

In  die  autistische  Irre  geht  das  Denken  aus  zwei  hier  in  Betracht 
nmenden  Gründen:  beim  Primitiven  da,  wo  seine  Kenntnisse  zu 
listischen  Begriffsabgrenzungen  und  zum  Verständnis  der  wirk- 
len  Zusammenhänge  nicht  ausreichen  —  im  übrigen  ist  er  ein  aus- 
eichneter  Realpolitiker,  der  denWeissen  oft  überlistet;  der  Kranke 
da,  wo  eine  allgemeine  Assoziationsstörung  die  Realitätsassozia- 
icn  gelockert  hat.  Es  sind  also  äusserlich  gleiche  Erscheinungen, 
genetisch  so  verschieden  sind  wie  Dunkelwerden  durch  Augcn- 
t  Hessen  und  durch  Untergang  der  Sonne.  Oder  ein  anderes  Bild: 
r  Schizophrene  entspricht  in  der  Beziehung,  worauf  es  hier  an- 
nmt,  dem  Agraphiker,  der  durch  eine  Hirnstöfrung  eine  früher  vor- 
idene  Fähigkeit  verloren  hat,  der  Primitive  dem  Analphabeten, 
die  Fähigkeit,  schreiben  zu  lernen  (wenn  auch  vielleicht  in  ein 
nig  geringerem  Maasse)  besitzt,  aber  sie  aus  äusseren  Gründen 
benutzt  hat.  Die  Aehnlichkeit  besteht  nur  darin,  dass  beide  nicht 
reiben  können.  So  besitzt  der  Primitive  die  Fähigkeit  der  Auf- 
irksamkeit,  die  Assoziationsspannung  und  alle  die  Eigenschaften, 
zum  geordneten  Denken  gehören,  ebenfalls,  er  wendet  sie  nur  an 
leren  Orten,  in  anderer  Richtung  an.  Er  bemerkt  viele  Dinge,  die 
nicht  auffinden  können,  übersieht  aber  manches,  was  uns  auffällt, 
n  vergisst  immer,  dass  schon  ein  durch  Jahrtausende  angesam- 
Ites  Wissen  dazugehört,  um  die  Zusammenhänge  der  Geschehnisse 
erkennen. 

Bloss  deshalb,  weil  der  Primitive  so  viel  weniger  weiss,  ist  für 
alles  gleich  natürlich  oder  gleich  zauberhaft  oder  gleich  möglich, 
er  mit  seinem  Pfeil  das  Ziel  trifft,  oder  einen  Stein  wirft,  oder  einen 
nd  totschlägt,  oder  ob  er  auf  komplizierte  Weise  die  Pfeilspitze 
giftet,  oder  bestimmte  Nahrungsmittel  entgiftet,  oder  ob  die  Sonne 
-  und  untergeht,  oder  sich  verfinstert,  oder  ihm  der  Blitz  das  Haus 
ündet,  oder  ob  der  Europäer  mit  seiner  Schrift  einem  entfernten 
und  eine  Nachricht  gibt,  oder  mit  Schiesspulver  oder  Elektrizität 
:r  der  photographischen  Kamera  seinen  Zauber  ausübt. 

Das  schizophrene  Denken  wird  nun  gewiss  mit  Recht  als  eine 
lamische  Störung  aufgefasst,  was  auch  Storch  annimmt  in  An- 
nung  an  Berze  und  K  r  o  n  f  e  1  d.  Bei  den  letzteren  beiden 
oren  hat  aber  die  Auffassung  noch  die  Nuance  einer  a  1 1  g  e  - 
inen  dynamischen  Störung  mit  „Herabsetzung“  der  Denkfunk- 
i  auf  primitive  Leistungen  und  der  Genese  aus  Störungen  im 
mm,  von  dem  alle  psychische  Energie  ausgeht.  Diese  spezielle 
mee,  nicht  die  Hauptsache,  die  dynamische  Auffassung,  ist  noch 
nicht  bewiesen  und  unterliegt  gewichtigen  Bedenken;  so  macht 
Schlafkrankheit  mit  ihrer  enormen  basalen  Herabsetzung  der 
chischen  Energie  kein  schizophrenes  Denken. 

E.  Bleuler-  Burghölzli. 

Bychowski:  Metaphysik  und  Schizophrenie.  Abhandlungen 
der  Neurologie,  Psychiatrie,  Psychologie  und  ihren  Grenzgebieten, 
t  21.  160  S. 

Eine  Anzahl  Krankengeschichten,  knapp  geschrieben,  aber  gerade 
l  der  nötigen  Länge,  zeigen  die  schizophrenen  Störungen  der  Be- 
rnngen  zur  Welt,  den  schizophrenen  Gott,  den  Welterlöser,  den 
ipheten,  den  Verfolgten,  den  wahrsagenden  und  den  schizophrenen 
losophen.  Ein  Kapitel  über  „Theoretisch  -  psychopathologisches“ 
nt  sich  zunächst  ganz  an  B  e  r  g  s  o  n  an,  enthält  aber  auch  noch 
i  Anzahl  sehr  guter  Beobachtungen.  Völkerpsychologische  und 
gionspsychologische  Ausführungen  über  die  r„präIogische  und 
ische  Mentalität“  der  normalen  Kulturmenschen  suchen,  gestützt 
viel  Material  der  Literatur,  die  Parallele  im  schizophrenen  und 
imitiven“  Denken  durchzuführen,  wobei  allerdings  vom  primitiven 
iken  viel  mehr  berichtet  wird  als  vom  schizophrenen.  Interessant 
in  aller  ihrer  Kürze  die  vergleichende  Herbeiziehung  der  indischen 
i  Schopenhauer  sehen  Philosophie.  Noch  mehr  als  bei 
orch  (vgl.  das  vorhergehende  Referat)  kommt  dem  Leser  hier 
i  Bewusstsein,  dass  die  Aehnlichkeit  des  schizophrenen  und  „prä- 
ischen“  Denkresultats  fälschlich  zu  einer  Gleichheit  des  Dcnkvor- 
ges  gemacht  wird.  Das  schizophrene  Denken  ist  denn  auch  dem 
fasser  ein  Abbau  der  Funktion  und  eine  Regression  auf  ältere 
fen,  und  er  redet  dabei  von  einer  biologischen  Betrachtungsweise, 
bstverständlich  haben  ja  Schwächungen  einer  Funktion  und  Unent- 
keltheit  gewisse  Aehnlichkeit,  aber  die  beiden  Arbeiten  von 
orch  und  Bychowski  machen  bei  ihrer  Ueberschätzung  des 
neinsamen  eine  Untersuchung  über  die  Unterschiede 
Denkformen  dringend  wünschbar.  Diese  Bemerkungen  wollen 
r  der  interessanten  und  anregenden  Arbeit  keinen  Abbruch  tun. 

E.  Bleuler-  Burghölzli. 


Zeitschriften- Uebersicht. 

Zeitschrift  für  Immunitätsforschung.  Orig.-Bd.  37.  Heft  1  -3. 
Fischer,  Jena  1923.  (Auswahl.) 

Borchardt:  Biologische  Beiträge  zum  d  ’  H  e  r  e  II  e  sehen  Phä¬ 
nomen. 

Im  Anschluss  an  die  Beobachtung,  dass  im  Kot  von  Kaninchen,  die  in 
bestimmter  Weise  mit  Ruhrbazillen  gefüttert  waren,  Lysinc  nach  d’H.  auf¬ 
traten,  wurden  die  verschiedenen  Sekrete  geprüft  und  es  wurde  festgestellt, 
dass  der  Duodenalsaft  von  Hunden,  zugesetzt  zu  den  Bakterien  der  Koli- 
Typlius-Ruhr-Paratyphus-Reihe,  Lysine  erzeugte.  B.  machte  die  weitere 
wichtige  Feststellung,  dass  das  Pankreasferment  Trypsin  der  Katze  allein 
unwirksam  ist,  aber  durch  die  Enterokinase  der  Dünndarmschleimhaut  wirk¬ 
sam  gemacht  wird.  Dem  Trypsin  kommt  die  Rolle  eines  natürlichen  Immuni¬ 
tätsprinzips  zu,  dem  die  Entkeimung  des  Darmes  bei  den  Darminfektionen 
zuzuschreiben  ist.  Das  proteolytische,  aktivierte  Trypsin  löst  die  genannten 
Bakterienarten  auf,  wobei  das  bakteriolytischc  Prinzip  regeneriert  wird  bei 
denjenigen  Keimen,  die  tryptischcs  Ferment  oder  seine  Vorstufen  in  ihrem 
Leibesinnern  enthalten. 

(Wenn  sich  diese  Feststellungen  von  B.  bestätigen,  ist  die  Aufklärung 
des  d  ’  H  e  r  e  1 1  e  sehen  Phänomens  im  ganzen  erfolgt  und  zwar  im  Zu¬ 
sammenhang  mit  bekannten  biologischen  Vorgängen  und  nicht  durch  Auf¬ 
deckung  neuer,  wie  sie  die  d  ’  H  e  r  e  1 1  c  sehen  Bakteriophagen  darstellen, 
(d.  Ref.) 

F.  Rosenthal  und  R.  Freund:  Weitere  Untersuchungen  über  die 
trypanoziden  Substanzen  des  menschlichen  Serums.  IV. 

Das  Trypanozidin  des  menschlichen  Serums  ist  an  die  Euglobulin-  bzw. 
Pseudoglobulinfraktion  gebunden.  Antigene  Eigenschaften  sind  nicht  nach¬ 
weisbar.  Behandelt  man  eine  Maus  mit  grossen  Mengen  Menschenserum, 
so  macht  dieses  ein  später  eingespritztes  trypanozides  Serum  in  der  Maus 
unwirksam,  und  zwar  nicht  auf  Grund  eines  Immunitätsvorganges,  sondern 
infolge  Erschöpfung  eines  wahrscheinlich  in  der  Leber  gebildeten  Körpers,  der 
aus  dem  injizierten  Menschenscrum  die  trypanozide  Substanz  zu  bilden 
vermag. 

v.  Leeuwen,  Bien,  Varekamp:  Neuere  Erfahrungen  und  Dia¬ 
gnose  und  Therapie  von  Ueberempfindlichkeitskrankheiten  (allergische  Krank¬ 
heiten). 

Allergische  Krankheiten  beruhen  auf  Ueberempfindlichkeit  gegen  ver¬ 
schiedene  Gifte  und  sind  von  den  Anaphylaxien  zu  trennen.  Charakteristisch 
ist:  Ueberempfindlichkeit  der  Haut  gegen  verschiedene  Substanzen  (z.  B. 
Bestandteile  der  menschlichen  Haut,  Schweinefleisch  und  eine  in  vielen 
Häusern  vorkommende  Substanz  [Staubextrakte!]),  Veränderungen  des  Blutes 
(Blutdrucksenkung,  veränderte  Gerinnungszeit,  Senkung  der  Leukozyten¬ 
zahl  usw.),  Auftreten  von  Substanzen  im  Blut,  die  die  glatte  Muskulatur 
reizen,  Ueberempfindlichkeit  gegen  Tuberkulin  usw.  Die 
Diagnose  lässt  sich  durch  die  positive  Hautreaktion  bei  Injektion  von 
Menschenhautschuppenextrakt  stellen.  Theiapie:  Injektion  von  kleinen 
Mengen  bei  den  Kranken  wirksamer  Substanz,  beste  Ergebnisse  mit  Tuber¬ 
kulin. 

Gözony  und  Kr  a  mär:  Ueber  Immunität  und  Resistenz. 

Das  Serum  empfänglicher  Tiere  befördert  die  Reduktionsenergie  der  be¬ 
treffenden  Bakterienart  stärker  als  das  Serum  resistenter  Tiere. 

Katzumi  Kojima:  Beiträge  zur  Erforschung  der  Rauschbranderreger. 

I.  und  II. 

Vergleichende  Untersuchungen  an  den  Kitt-  und  Foth-Stämmen.  Kitt¬ 
antitoxin  neutralisiert  nur  Kitttoxin,  Fothantitoxin  beeinflusst,  wenn  auch 
nicht  stark,  Fothtoxin. 

Katzumi  Kojima:  Aktivierung  der  Bildung  giftiger  Substanzen  von 
Bac.  emphysematos  Frankel  durch  einige  Katalysatoren. 

Positive  Befunde  mit  Phenanthrenchinon  u.  a. 

Brossa:  Antagonismus  zwischen  Albumin  und  Globulin  und  seine 
etwaige  Verwendung  zur  Serumdiagnostik. 

Kolloidale  Farbstoffe  werden  durch  Serumglobulin  sensibilisiert,  durch 
Serumalbumin  geschützt.  Die  Reaktion  fiel  mit  Kongorot  bei  allen  aggluti¬ 
nierenden  Typhusseren  positiv  aus. 

Masanki  Yoshioka:  Ueber  das  Bakteriengift,  insbesondere  das 
Typhustrockengift. 

Beschreibung  der  Herstellung  eines  Typhustrockengiftes,  das  in  dem 
Tierversuch  spezifisch  immunisierte  und  beim  Menschen  therapeutisch  wirk¬ 
sam  war. 

Kafka:  Beiträge  zur  Serologie  des  Liquor  cerebralis. 

Die  Lumbalflüssigkeit  enthält  das  Mittelstück,  so  dass  nach  Zusatz  des 
Endstückes  sensibilisierte  Hammelblutkörperchen  aufgelöst  werden,  es 
hämagglutiniert  hochsensibilisierte  Hammelblutkörperchen.  Die  WaR.  kann 
auch  beim  Fehlen  von  Globulinen  im  Liquor  auftreten.  Die  Lipoide  sind  zu 
berücksichtigen. 

Fleischer  und  Amster:  Einfluss  der  Reaktion  des  Medianus  auf 
die  Desinfektionswirkung  organischer  Farbstoffe. 

Basische  Farbstoffe  weiden  in  ihrer  Desinfektionswirkung  gesteigert 
durch  ganz  geringfügige  Verminderung,  saure  durch  ganz  geringfügige  Ver¬ 
mehrung  der  Wasserstoff.onenkonzentration.  R  i  m  p  a  u  -  Solln. 

Zentralblatt  für  Gynäkologie.  1923.  Nr.  33. 

L.  Nürnberger  (Univ. -Frauenklinik  Hamburg):  Zur  Therapie  des 
Scheidenvorfalls  bei  fehlendem  Uterus. 

Ein  Vorfall  der  Scheide  kann,  wenn  der  Uterus  fehlt,  entweder  durch 
operatives  Veröden  des  Scheidensackes  geheilt  werden,  was  aber  dann  nicht 
vor  Rezidiv  schützt,  wenn  der  Defekt  im  Beckenboden  zu  gross  ist,  so  dass 
die  verschlossene  und  verödete  Scheide  nur  eine  freischwebende  Narben¬ 
platte  im  Hiatus  darstellt,  oder  durch  Anheftung  an  die  vordere  Bauchwand 
oder  das  Promontorium.  Ist  die  Vagina  aber  nicht  lange  genug,  so  sind  diese 
Methoden  nicht  anwendbar.  In  dem  von  Verf.  beschriebenen  Falle  wurde 
ein  3  cm  breiter  und  10  cm  langer  Streifen  aus  der  Rektusaponeurose  ent¬ 
nommen  und,  während  seine  Basis  in  Zusammenhang  mit  dem  Beckenrand 
gelassen  wurde,  mit  dem  oberen  Ende  auf  die  hintere  Fläche  des  prolabierten 
Blindsackes  mit  Silknähten  festgenäht.  Die  Kranke  ist  bis  jetzt,  7  Monate 
nach  der  Operation,  ausserordentlich  zufrieden.  Die  Methode  ist  für  Fälle 
zu  empfehlen,  wo  die  Kohabitationsfähigkeit  erhalten  bleiben  soll. 


1186 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  3 1 


H.  Brütt  (Chir.  Univ. -Klinik  Hamburg):  Zur  operativen  Heilung  des 
puerperalen  Uterusgasbrandes. 

Die  Erkrankung  ist  wohl  häufiger,  als  man  annimmt,  wird  nur  nicht 
immer  richtig  gedeutet.  Verf.  reiht  den  6  von  ihm  früher  beschriebenen 
Fällen  einen  weiteren  an.  Derselbe  war  klinisch  durch  die  doppeltfaust¬ 
grosse,  bei  Palpieren  knisternde  Geschwulst  oberhalb  der  Symphyse 
zu  diagnostizieren.  Die  Therapie  bestand  in  Exstirpation  des  Uterus  und  der 
rechten  Adnexe.  Es  war  krimineller  Abort  vorausgegangen.  Der  lokale 
Herd  stand  iiier  im  Vordergrund.  Deshalb  war  die  Operation  indiziert  und 
führte  auch  zur  Heilung.  Handelt  es  sich  aber  nur  um  Allgemeininfekti  m 
mit  dem  F  r  ä  n  k  e  I  sehen  Bazillus,  so  ist  Operation  überflüssig  und  schäd¬ 
lich.  Ausführung  über  das  Zustandekommen  der  Blutschädigung. 

H.  Kiehnc  (Univ. -Frauenklinik  Halle):  Zur  Therapie  des  Tetanus 
puerperalis. 

Verf.  berichtet  über  4  Fälle.  Es  wurde  jeweils  1 — 5  Tage  nach  Aus¬ 
bruch  der  Krankheit  vaginal  totalexstirpiert  und  dann  in  der  Volhard- 
schen  Klinik  mit  täglichen  Dosen  von  50  ccm  Tetanusserum  nachbehandelt. 
2  Fälle  kamen  ad  exitum,  einer  wurde  geheilt,  der  vierte  erlag  auf  dem  Weg 
zur  Heilung  einer  Embolie.  Verf.  empfiehlt  neben  der  Serumbehandlung  'die 
Exstirpation,  um  den  Toxinnachschub  an  das  Nervensystem  zu  bremsen. 

K.  Herold  (Utiiv.-Frauenklinik  Jena):  Zur  Frage  der  Primäraffekte  an 
den  weiblichen  Genitalien. 

Verf.  betont  in  dankenswerter  Weise  die  Wichtigkeit,  auf  die  Natur  der 
Portioulzerationen  zu  achten.  Die  Gynäkologen  denken  zu  selten  an  die 
Möglichkeit  eines  luetischen  Primäraffektes.  Gerade  an  den  Epitheldefekten 
der  Portio  siedeln  sich  die  Spirochäten  gerne  an.  Er  berichtet  über  2  Fälle 
der  Jenenser  Klinik.  Die  Beschwerden  waren  Schmerzen  in  Hüfte,  Leisten, 
im  Abdomen,  Beschwerden  bei  Miktion  und  Defäkation.  Bei  histologischer 
Untersuchung  ist  an  die  Gefahr  der  Verwechslung  mit  Karzinom  und  Sarkom 
zu  denken.  (Henkel.) 

E.  Dubrowitsch  (Univ.-Frauenklinik  Giessen):  Statistisches  zur 
Frage  der  Behandlung  des  fieberhaften  Abortes. 

Der  Standpunkt  v.  Jaschkes  ist,  möglichst  abzuwarten  und  erst 
3 — 4  Tage  nach  Entfieberung  auszuräumen,  sofern  es  wegen  Blutung  not¬ 
wendig  ist.  Auf  2  grossen  Tabellen  bringt  Verf.  nach  Dietrichs  Grund¬ 
sätzen  das  Material  der  Gicssener  Klinik  der  letzten  10  Jahre,  soweit  es 
statistisch  verwertbar  ist.  Von  445  Fällen  fieberhaftet}  Abortes  wurden 
265  aktiv  mit  2,26  Proz.  Mortalität,  89  rein  konservativ  mit  1,12  Proz. 
Mortalität  und  91  exspektativ  (Ausräumung  nach  Entfieberung  innerhalb 
1 — 6  Tagen)  mit  1,1  Proz.  Mortalität  behandelt.  Es  gab  sonach  die  ex- 
spektative  Methode  die  günstigsten  Resultate.  (Bedenkt  man,  dass  es  sich 
immerhin  nur  um  einen  Unterschied  von  etwa  1  gegenüber  2  Proz.  Mortalität 
zugunsten  der  exspektativen  Methode  handelt,  dass  jeder  Statistik  ein  ge¬ 
wisser  Grad  von  Willkür  anhaftet  und  dass  bei  nicht  sehr  grossen  Zahlen 
der  Zufall  eine  Rolle  spielen  kann,  so  wird  diese  Statistik,  so  wertvoll  sie  ist, 
die  Ueberzeugung  von  der  unbedingten  Ueberlegenheft  der  exspektativ  m 
Methode  nicht  bringen  können.  Die  grossen  Kliniken,  Berlin,  München,  Wien, 
stehen  ja  auch  noch  auf  dem  aktiven  Standpunkt.  Ref.) 

Robert  Kuhn-  Karlsruhe. 

Klinische  Wochenschrift.  1923. 

Nr.  32.  Fr.  v.  G  r  ö  e  r  -  Lemberg:  Die  Dernioreaktloncn  mit  besonderer 
Berücksichtigung  pharmakodynamischer  Funktionsprüfungen  der  Haut. 

(Schluss.)  Uebersichtsaufsatz. 

F.  Rosenthal  und  M.  v.  Falken  hausen  -  Breslau:  Weitere  Bei¬ 
träge  zur  Physiologie  und  Pathologie  der  Gallensäuresekretion  beim  Menschen. 

Hinsichtlich  des  Verhältnisses  der  beiden  Gallcnsäuren  ergibt  sich  eine 
Gesetzmässigkeit  insofern,  als  in  der  weitaus  überwiegenden  Mehrzahl  der 
Fälle  der  Gehalt  an  Glykocholsäure  mehr  oder  minder  beträchtlich  die 
Konzentration  der  Galle  an  Taurocholsäure  überragt.  3  Faktoren  sind  für 
die  Beziehungen  der  beiden  Gallensäuren  von  massgebendem  Einfluss:  1.  die 
Menge  des  zur  Kuppelung  verfügbaren  Glykokolls  und  Taurins,  die  ihrerseits 
in  Abhängigkeit  von  dem  Eiweissstoffwechsel  und  dem  Schicksal  des  Zystins 
im  Organismus  steht,  2.  die  Menge  der  zur  Kuppelung  verfügbaren  freien 
Gallcnsäuren  und  3.  die  Affinitäten  der  Cholsäuren  zum  Glykokoll  und  Taurin, 
durch  die  allem  Anschein  nach  zunächst  die  Bildung  der  Taurocholsäure  be¬ 
günstigt  wird. 

W.  Hemke-  München :  Ueber  die  2-Phenylchinolin-4-Karbonsäure- 
o-Anilidokarbonsäure  (Artosin). 

Aus  den  systematischen  Untersuchungen  ergibt  sich,  dass  das  Artosin 
eine  vermehrte  Atophanwirkung  besitzt,  indem  die  Harnsäureausscheidung 
sowohl  hinsichtlich  der  prozentischen  Konzentration  als  auch  hinsichtlich 
der  Tagesmenge  gesteigert  wird.  Entsprechend  sinkt  der  Harnsäurespiegel 
im  Blut,  die  Artosinwirkung  tritt  etwas  später  ein,  als  beim  Atophan,  hält 
etwas  länger  an.  Wirksame  Dosis  3 — 5  mal  täglich  0,3  g.  Unangenehme 
Magenwirkungen  wurden  bisher  nicht  gesehen. 

K.  Beringer  und  P.  G  y  ö  r  g  y  -  Heidelberg:  Polydipsie  nach 
Encephalitis  epidemica. 

Im  vorliegenden,  genau  analysierten  Falle  zeigte  sich  der  nervöse 
Charakter  der  Polydipsie.  Auch  die  Polydipsie  führt  zu  spezifischen  Ver¬ 
schiebungen  im  Salz-  und  Wasserhaushalt.  Mit  Diabetes  insipidus  hat  der 
Zustand  nichts  zu  tun. 

H.  S  e  1 1  h  e  i  m  -  Halle  a.  S.:  Zerstückelung  grosser  Myome  auf  vagi¬ 
nalem  Wege. 

Unter  gewissen  Umständen,  wie  sie  an  Hand  eines  Falles  näher  dar- 
gelcgt  werden,  muss  für  die  Zerstückelung  auch  heute  noch  der  vaginale 
Weg  gewählt  werden.  Die  Operation  auf  abdominalem  Wege  stellt  an  den 
Organismus  im  allgemeinen  höhere  Anforderungen,  beim  vaginalen  Vorgehen 
ist  die  Schonung  des  Herzens  eine  grössere. 

B  u  c  k  y  und  Kretschmer  -  Berlin:  Röntgenbestrahlungen  zur 
Hebung  des  Allgemeinzustandes  schwächlicher  Kinder. 

Bei  bestimmier  Technik  der  Bestrahlungen  und  Wiederholung  derselben 
frühestens  nach  8  Wochen  konnten  Verfasser  bei  der  Mehrzahl  von  ca.  50  be¬ 
handelten  Kindern  eine  Hebung  des  Allgemeinzustandes  fcststellen.  mit  Ver¬ 
änderung  des  Blutbildes,  Steigerung  des  Appetits  etc.  Für  Höhensoime- 
bestrahlungen,  welche  ähnliche  Erfolge  bewirken,  sind  viel  längere  Kuren 
nötig. 

K.  N  a  t  h  e  r  -  Zürich:  Versuche  mit  Krebstransplantation. 

Es  gelang,  durch  wiederholte  Injektion  von  Mäusekrebsbrei  auf  Kanin¬ 
chen  einen  Mäusekrebs  fortzuzüchten,  dabei  wurde  das  biologische  Ver¬ 


halten  der  transplantierten  Geschwulst  im  Sinne  einer  Virulcnzminderun  \ 
verändert. 

G.  R  i  c  d  c  1  -  Frankfurt  a.  M.:  Die  P  i  r  q  u  e  t  sehe  Hautreaktion  m 
Alt-  und  Morotuberkulln. 

Nach  den  dortigen  Beobachtungen  ist  das  diagnostische  Tuberkulin  na. 
Moro  als  das  wertvollere  Tuberkulin  zu  schätzen,  da  ein  Versager  nid 
vorkam. 

P  Rondoni  und  P.  G.  Dal  C.  o  1 1  o  -  Neapel:  Zur  Frage  der  Virulen. 
Steigerung  der  saprophytischen  säurefesten  Bazillen. 

Die  Ergebnisse  der  Versuche  waren  im  Grunde  negativ. 

W.  B  ö  n  n  i  g  e  r  -  Berlin-Pankow:  Zur  Frage  der  Gastroptose. 

Mitteilung  von  Zahlenmaterial  aus  früheren  Untersuchungen  des  Verl 
zu  dieser  Frage. 

J.  S  c  h  u  s  t  e  r  -  Pest:  Zur  Kenntnis  der  Pathohistologie  der  Schizi  . 
phrenien  als  psychische  Systemerkrankungen. 

Verf.  teilt  vorläufig  mir,  dass  er  bei  halluzinierenden  Kranken  dieser  A  ‘ 
eine  sehr  schwere  vesikuläre  Degeneration  der  Ganglienzellen  beobachte j 
konnte,  welche  durch  fast  alle  Schichten  der  Hörrindc  und  der  Tempora« 
lappen  sich  erstreckte. 

Iv.  Berger-Pest:  Zur  Blutplättchenzählung. 

L.  Gozony  und  E.  Kramar-Pest:  Ueber  den  Nachweis  vitainii 
artiger  Substanzen  in  Seris. 

P.  S  c  h  e  n  k  -  Marburg:  Ein  Beitrag  zur  Pathologie  und  Therapie  de 
Chloroformnarkose.  Kurze  wissenschaftliche  Mitteilungen. 

L.  E  h  r  e  n  b  e  r  g  -  Falun :  Zur  Kasuistik  der  mit  L  a  n  d  r  y  scher  LU 

mutig  einhergehenden  Porphyrinurie.  Grass  m.a  n  n  -  München. 

Deutsche  medizinische  Wochenschrift. 

Nr.  32.  F.  K.  Kleine  und  W.  Fischer:  Zwei  Berichte  über  dl 
Prüfung  von  „Bayer  205“  in  Afrika. 

M.  W  e  s  t  e  n  h  ö  f  e  r  -  Berlin:  Ueber  Artsteigerung. 

Siehe  Bericht  M.m.W.  1923  S.  857. 

H.  C  u  r  s  c  h  m  a  n  n  -  Rostock:  Ueber  unspezifische  Steigerung  de 
Agglutinationstiters  (Gruber-Widal)  durch  andersartige  Infekte,  im 
besondere  Grippe,  bei  ehemals  Typhusschutzgeimpften. 

F.  Blumenthal  und  L.  Halberstädter  -  Berlin :  Gibt  es  ein 
Serumtherapie  des  Karzinoms? 

Bisher  gibt  es  keine  spezifischen  Heilmittel  für  Karzinome,  auch  de: 
Tumorzidin  kommen  nur  unspezifische  Wirkungen  zu. 

E.  G  o  h  r  b  a  n  d  t  -  Berlin:  Die  Behandlung  bösartiger  Geschwülste  m 
Tumorzidin. 

Das  Tumorzidin  entfaltet  gewisse  unspezifische  Wirkungen,  wie  zah 
reiche  andere  Mittel.  Der  chirurgischen  Behandlung  gebührt  nach  wie  vc 
der  Vorrang. 

R.  Sey  der  heim  und  W.  L  a  m  p  e  -Göttingen:  Ueber  neue  intrs 
vitale  Verwendungsmöglichkeiten  kolloidaler  Farbstoffe. 

Uebersichi  der  Probleme  namentlich  bezüglich  der  Nierenfunktion; 
Prüfung  an  der  Hand  der  Literatur  und  eigener  Untersuchungen. 

F.  W  o  1  f  f  -iBreslau:  Vergleichserfahrungen  mit  parenteraler  Reb 
therapie  bei  entzündlichen  Erkrankungen  in  der  Gynäkologie. 

Die  Erfahrungen  mit  Terpentin,  Caseosan  und  Yatren-Kasein  ergaben  fü 
die  einzelnen  dieser  Mittel  gewisse  gesonderte  Indikationen;  insgesamt  h 
die  parenterale  Reiztheorie,  unterstützt  von  Diathermie  und  resorbierende^ 
Heilfaktoren,  bei  einer  recht  erheblichen  /Suhl  von  entzündlichen  Adnex 
erkrankungen  geeignet,  zu  sehr  befriedigenden  Heilungen  und  Besscrunge 
zu  führen.  Namentlich  bei  nichtgonorrhoischen  Adnextumoren  und  Pars' 
metritiden  ist  die  Yatren-Kaseinbehandlung  oft  sehr  wirksam.  Bei  gonot 
rhoischen  Erkrankungen  steht  die  lokale  Behandlung  des  Prozesses  iij 
Vordergrund.  Neigung  zu  fortgesetzten  Rezidiven  bedingt  Operation. 

Ch.  G  o  1 1 1  i  e  b  -  New  York:  Zur  Frage  der  Isodosenkurven  in  de 
Röntgentherapie.  *5, 

I)  o  w  i  g  -  Danzig:  Erfahrungen  mit  dem  Schwangerschafts-Frühdiagnost 
kum  Maturin. 

Bei  positivem  Ausfall  ist  Schwangerschaft  (nur)  wahrscheinlich.  bi 
negativem  nicht  völlig  auszuschliessen. 

A.  S  t  e  i  g  c  r  -  Essen:  Ueber  die  Behandlung  der  Gcbärmutterschlelrc 

haut. 

Um  die  Nachteile  starrer  Intrauterinspritzen  zu  vermeiden,  verwende 
St.  einen  (gekürzten)  weichen  Katheter,  der  mit  einer  Rekordspritze  vei 
bunden  wird. 

A.  C  a  1  m  a  n  n  -  Hamburg:  Kopfschmerz  nach  Lumbalanästhesie. 

H.  N  a  u  c  k  e  -  Ruppertshain:  Ueber  Tonophosphan  bei  der  Behandlun 
der  Lungentuberkulose. 

Eine  wesentliche  aussergewöhnliche  Wirkung  kommt  dem  Mittel  nicht  zi 

J.  F  1  e  '  s  c  h  e  r  -  Wien:  Erfolg  der  C  a  n  t  a  n  i  sehen  Diät  bei  der  Be 
handlung  eines  Falles  von  oxalsaurem  Kalknierenstein. 

B  e  r  g  e  a  t  -  München. 

Medizinische  Klinik.  Heft  33  u.  34. 

H.  S  e  1  I  h  e  i  m  -  Halle  a.  S.:  Eklampsie  und  Schwangerschaftstoxikose 
als  spezifisch  menschliche  Fortpflanzungs-  und  Kulturkrankheit. 

F.  Glasc.r  und  P.  B  u  s  c  h  m  a  n  n  -  Schöneberg:  Die  Bedeutung  de 
Spontanschwankungen  der  Leukozyten  (besonders  für  die  hämoklasische  Kris 
und  die  Verdauungsleukozytose). 

Sogar  bei  Bettruhe  und  im  Nüchternzustand  betragen  in  53  Proz.  vo 
333  Fällen  die  täglichen  Zahlendiffercnzen  mehr  als  2000;  dieser  Satz  steig 
bei  Untersuchungen  an  2  verschiedenen  Tagen  auf  90  Proz.  Die  Leuko 
zytenschwankungen  machen  sich  viel  mehr  in  den  Kapillaren  als  im  Venen 
blut  bemerkbar.  Auch  diese  Befunde  bestätigen  die  Annahme,  dass  di 
Leukozytenschwankungen  als  Ausdruck  von  Tonusveränderungen  im  Gefäss 
System  anzusehen  sind. 

H.  P  e  1 1  e  -  Hamburg:  Betrachtungen  zum  Kapitel  der  frühsyphilitlschci 
Erkrankungen  des  Zentralnervensystems. 

Im  wesentlichen  machen  die  ungenügend  mit  Salvarsan  behandeltei 
Fälle  jenes  Material  aus,  über  welches  Verf.  seine  seit  1920  erweiterter 
Erfahrungen  bekanntgibt. 

F.  S  i  e  g  e  r  t  -  Freiburg  i.  B.:  Erfolge  der  supravaginalen  Amputatioi 
und  Kastration  bei  tuberkulösen  Schwangeren. 

Von  26  Schwangerschaftstuberkulosen  wurden  20  gebessert  (daru’ite 
12  geheilt),  4  nicht  gebessert,  2  blieben  unbekannt.  Ausfallserscheinungen 


.  September  192,3.  MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


ul  nicht  zu  fürchten  und  haben,  soweit  sie  auftreten,  keinen  schädigenden 

ttluss. 

0.  Holste-  Stettin :  Zwei  ungewöhnliche  Orbitalvcrletzungen. 

Mitteilung  von  2  Fällen  mit  Stichverletzung  der  Orbita  ohne  Bulbus- 

rstörung. 

H.  7.  o  e  p  f  f  e  I  -  Hamburg:  Betrachtungen  zur  Frage  des  Megakolon  an 
oid  eines  den  proximalen  Dickdarmabschnitt  betreffenden  Falles. 

I  Der  Begriff  der  Hirschsprung  sehen  Krankheit  sollte  fallen  und  die 
rinen  des  Megakolon  eingeteilt  werden  je  nach  der  Entstehung  auf  organi- 
ier  oder  auf  funktioneller  Basis;  daneben  müssen  gemischte  Fälle  zage¬ 
nden  werden. 

W.  Raab  und  C.  T  e  r  p  1  a  n  -  Frag:  Morbus  Basedow!!  mit  subakuter 
beratrophie.  Krankengeschichte  und  Sektionsbefund. 

E.  K  I  o  p  s  t  o  c  k  -  Berlin:  Zur  differentialdiagnostischen  Abgrenzung  des 
erus  Simplex  (catarrhalis)  vom  Icterus  syphiliticus. 

Unter  gewissen  Einschränkungen  kann  die  Blutkörperchensenkungs- 
scnwindigkeit  die  Entscheidung  bringen.  Weitere  Erfahrungen  über  deren 
Hässlichkeit  müssen  noch  gesammelt  werden. 

E.  v  I'  o  v  ö  I  g  y  i  -  Pest:  Tracheotomie  und  Kehlkopftuberkulose. 

Tracheotomie  wird  abgelehnt,  weil  sie  den  Lungenzustand  schlecht,  den 
"•köpf  nur  vorübergehend  günstig  beeinflusst. 

A.  M  o  s  e  n  t  h  a  1  -  Berlin:  Die  Behandlung  der  Polyglobulie  mit 
ntgenstrahlen. 

Im  mitgeteilten  Fall  bewirkte  die  Bestrahlung  der  erythropoetischen 
gane  mit  kleinen  Dosen  entschiedene  Besserung. 

M.  I  u  r  o  1 1  -  Wieden:  Ueber  Gynergen. 

,  Empfehlung.  Nebenwirkungen  bei  neuropathischen  Individuen  führten 
keinerlei  ernsten  Störungen. 

R'-  V  ».°  Erfahrungen  mit  „Meinickes  Trübungsreaktion“. 

Die  3.  Modifikation  ist  ebenso  spezifisch  wie  die  WaR..  kann  aber  noch 
ht  als  Ersatz  derselben  bezeichnet  werden. 

E.  C  I  a  s  e  n  -  Itzehoe:  Varizen  Ulcus  cruris  und  ihre  Behandlung.  S. 


Schweizer  Archiv  für  Neurologie  und  Psychiatrie.  Band  XII 
ft  2.  Zürich  1923.  Verlag  Orell  Füssli. 

Fick:  Sp  rachpsychologische  und  andere  Studien  zur  Aphasielehre 
irtsetzung  und  Schluss  aus  XII/ 1.) 

Der  Verfasser  äussert  sich  über  Aenderungen  des  Sprachcharakters 

Begleiterscheinung  aphasischer  Störungen,  bespricht  die  verschiedenen 
rmen  des  Agrammatismus  in  sprachpsychologischer  Kritik  und  den  Auto- 
i  ls™usf  und  Willkürakt  in  der  Aphasie.  Eine  bedeutsame  Bestätigung  der 
n  vert.  vertretenen  Anschauungen  bringen  die  Selbstbeobachtungen  eines 

•  s  a  [  o  z  über  seine  eigene  Aphasie. 

•  EM  a  sb  e  rg:  Die  Schwierigkeit  intellektueller  Vorgänge:  ihre  Psvcho- 
ie,  Psychopathologie  und  ihre  Bedeutung  für  die  Intelligenz-  und  Demenz- 

schung.  (Fortsetzung  und  Schluss  aus  XII/l.) 

Bespricht  die  Abstufungen  der  Sprachfunktionen  nach  der  Schwierig- 
lt  in  der  Aphasieforschung,  Begriff  und  Kritik  der  objektiven  Schwierigkeit 
1  Schwierigkeit  intellektueller  Prozesse  nach  den  Selbstbeobachtungen  des 
ten  Bewusstseins,  die  zu  verwendenden  Kriterien,  Definition  des  teleo- 
isc hen  und  des  phänomenologischen  Intelligenz-  und  Demenzbegriffes 

Oswald:  Die  Beziehungen  der  Schilddrüse  zum  Nervensystem.  (Re- 
BernamU  der  Schweizer  Neurologischen  Gesellschaft 

Die  Schilddrüse  liefert  ein  Sekret,  welches  die  Eigenschaft  hat  die 
sprechbarkeit  des  gesamten  Nervensystems,  sowohl  des  zerebrospinalen 
le  des  autonomen,  gegen  äussere  und  innere  Reize  zu  erhöhen.  Auch  auf 
Wechsel  Vorgänge  übt  sie  eine  fördernde  Wirkung  aus  und  auch  diese 
rtte  ihren  Weg  über  das  Nervensystem  cinschlagen.  Im  Gegensatz  zu 
l  anderen  endokrinen  Drüsen  hat  sie  keine  direkte  Reizwirkung.  Der  ge¬ 
rne,  mit  einem  normal  ansprechenden  Nervensystem  ausgestattete  Mensch 
igicrt  nicht  oder  nur  wenig  auf  das  Schilddrüsensekret,  der  mit  einem 
.n,  überreizten  Nervensystem  ausgestattete  reagiert  dagegen  in  der 
L'ise  darauf,  dass  dadurch  die  Ansprechbarkcit  seines  Nervenapparates 
r  i  me ’r  gesteigert  wird,  was  zur  Folge  hat,  dass  schon  physiologische 
ize  pathologische  Effekte  auslösen. 

Stern  Allgemeines  und  Kritisches  zur  Methode  der  Intelligenzprüfung. 

Schildert  das  Verfahren  bei  der  Intelligenzprüfung  unter  Charakteri- 
rung  und  kritischer  Beleuchtung  der  Methode.  B  1  u  m  m  -  Hof/Saalc. 


Oesterreichische  Literatur. 

Wiener  klinische  Wochenschrift. 

Nr.  32.  V.  P  a  t  z  e  1 1  -  Wien:  Zwischenzeiten  und  Samenepithel, 
a  V‘  JiokaV'Pest:  Das  „Exanthema  subitum“  (Zahorsky- 
:  e  d  e  r  -  H  e  m  p  e  1  m  a  ii  it).  Beschreibung  zweier  typischer  Fälle. 

R.  Po  sch  ach  er- Wien:  Die  Ergebnisse  der  Abortusbehandluiig  mit 
inm  bei  oraler  Verabreichung. 

|  Bei  Abortus  incipiens  in  82  Proz.,  bei  Abortus  incompletus  in  30  Proz. 
lolg.  ln  jedem  Fall,  besonders  beim  fieberhaften  Abortus.  soll  keine  Aus- 
mung  gemacht  werden  ohne  vorherigen  Versuch  mit  Chinin. 

H.  Haase:  Zur  Frage  der  Kropfbehandlung  mit  minimalen  Joddosen. 
n.  empfiehlt  für  die  Schulprophylaxe  wie  für  die  Behandlung  Er- 
ensener  die  Jodostrumittablettcn  als  durchaus  geeignet. 

W:  Sch  war  zach  er-Graz:  Ein  interessanter  Fall  von  Mord  an 
em  5  Wochen  alten  Säugling.  Gerichtsärztliches  Gutachten. 

Nr.  33.  W.  Falta  und  F.  D  e  p  i  s  c  h  -  Wien:  Ueber  interne  Kom- 
vationen  nach  Tonsillektomie  und  Wurzelspitzenresektion. 

Beobachtungen  über  akute  Verschlimmerungen  bestehender  Nephritis, 
aokarditis,  Arthritis  u.  a.  im  Anschluss  an  Operationen  an  den  Tonsillen 
r  kariösen  Zähnen. 

F.  Schlemmer-Wien:  Ueber  interne  Komplikationen  nach  Tonsill- 

omie. 

Ergänzung  des  Vorstehenden,  die  nicht  allzu  häufigen  Komplikationen 
|  ch  Vermeidung  aller  quetschenden  Manipulationen  bei  Ausführung  der 

leration. 

K.  S  c  h  r  e  i  n  e  r  -  Graz:  Ueberempfindiichkeit  nach  Miichinfektion 
Krankengeschichte. 

J.  R  e  i  t  e  r  -  Innsbruck:  Zum  röntgenologischen  Nachweis  von  Askariden 

Magendarmtrakt. 


Mittels  des  Holzknccht  sehen  Distinktors  gelang  in  2  Fällen  der 
Nachweis  10  20  Minuten  nach  der  Kontrastmahlzeit. 

K.  r  o  I  d  t  jun. -Wien:  Ueber  die  Trombidiasc  (durcli  Leptus  autum- 
nalis  bedingte  Hautkrankheit)  in  den  Alpen. 

Weitere  Mitteilungen.  B  e  r  g  e  a  t  -  München. 


Auswärtige  Briefe. 

>  Brief  aus  Russland. 


Die  ausländischen  Hilfsorganisationen. 

Liner  Aufforderung  der  Schriftleitung,  Briefe  aus  Russland  zu  veröffent- 
lchen,  welche  die  medizinischen  und  sozialhygienischen  Verhältnisse  zum 
Gegenstand  haben  komme  ich  um  so  lieber  nach,  als  sich  mir  eine  beson- 
ders  günstige  Gelegenheit  zu  bieten  scheint,  endlich  einmal  Beobachtungen 
u,  Erfahrungen,  die  sich  gesammelt  haben,  niederzulegen.  Ich  werde  wahr¬ 
scheinlich  Dinge  erzählen,  die  der  Mehrzahl  der  westeuropäischen  Kollegen 
nicht  angenehm  klingen  werden.  Denn  kaum  ist  über  ein  Land,  mit  Ausnahme 
über  Deutschland,  wahrend  des  Krieges  und  der  ihm  folgenden  Zeit  derart 
niederträchtig  viel  bewusst  gefälscht  und  gelogen  und  mit  unglaublich  niedri- 
gen  Mitteln  gearbeitet  worden,  wie  über  Russland  und  die  Sowjetregierung 
Es  gibt  wohl  kaum  einen  Staat,  über  den  zurzeit  soviel  Unklarheit  herrscht, 
wie  über  Kussland.  China  oder  der  Südpol  liegen  offener  vor  uns.  Ich  bin 
™r  ,,®'fusst>  dass  ich  bei  der  im  Westen  herrschenden  geistigen  Verfassung 
der  Volker,  dem  Für  und  Wider  der  Meinungen  über  Nationalismus.  Sozialis¬ 
mus  und  bei  noch  manchem,  was  ich  bringe,  im  vornherein  auf  Ablehnung 
stossen  und  bei  dem  so  wenig  geschichtlichen  Sinn  der  Aerzte  im  all¬ 
gemeinen  nicht  werde  verstanden  werden.  Unbeirrt  durch  irgendwelche 
politische  Momente  werde  ich  historisch-biologisch  Vorgehen.  Für  den  Natur¬ 
wissenschaftler  der  einzig  gangbare  Weg,  unbekümmert,  ob  es  den  einen 
schmerzt  oder  den  anderen  freut.  Ich  werde  festumrissene  Kapitel  und  Einzel- 
schilderungen  mehr  oder  weniger  locker  aneinandergereiht  mitteilen. 

Ich  beginne  heute  mit  den  ausländischen  Hilfsorgani- 
f.at  ‘°,ne  n>  deren  Tätigkeit  soeben  zu  Ende  geht,  über  welche  die  ötient- 
liehe  Meinung  m  den  europäischen  und  amerikanischen  Staaten  noch  am  ehe¬ 
sten  unterrichtet  war. 


Anlass  zur  Einwanderung  der  fremden  Missionen  gab  die  gewaltige 
Hunger-  und  Seuchenkatastrophe,  welche  im  Jahre  1920/21  das  Land  heim¬ 
gesucht  hatte,  in  einer  Ausdehnung  an  Raum  und  in  der  Bevölkerung,  dass 
der  Aussenstehende  sich  nur  einen  schwachen  Begriff  von  all  dem  Elend 
machen  kann.  Viele  Nachrichten  hierüber  sind  masslos  übertrieben  worden, 
wohl  bona  fide,  um  die  Geldgeber  der  humanitären  Organisationen  weicher 
zu  stimmen,  vieles  war  aber  auch  furchtbar  genug.  Zahienmässige  Angaben 
enthaiten  die  vorzüglich  gehaltenen  Hefte  der  Hygienischen  Sektion  des 
Völkerbundes,  m  welchen  wirklich  einmal  nach  so  langer  Zeit  des  Völker¬ 
hasses  ein  schwacher  Versuch  internationaler  Zusammenarbeit  von  Aerzten 
gemacht  wird.  Paritätisch,  wie  es  echter  Internationalität 
der  märchenhaften  Zeit  vor  dem  Krieg  entsprochen  hätte,  ist  die  Zusammen¬ 
setzung  noch  lange  nicht,  denn  Russland  und  Deutschland  sind  kaum  ver- 
treten.  Ferner  geben  die  vom  Internationalen  Roten  Kreuz  und  Russischen 
Koten  Kreuz  herausgegebenen  Bulletins  ein  einigermassen  zuverlässiges 
Material,  zuverlässig  cum  grano  salis  insoferne,  als  manche  Zahlen  zu  hoch 
oder  zu  niedrig  gegriffen  sind.  Ergreifend  in  ihrer  sachlichen  und  zu  Herzen 
gehenden  Berichterstattung  sind  die  Dokumente,  die  M  ü  h  1  e  n  s,  Abel  und 
Utto  Fischer  geben. 

Den  Ursachen  der  Hungers-  und  Seuchennot  hier  nachzugehen,  ist  an 
dieser  Stelle  unmöglich.  Ganz  so  einfach  sind  die  Gründe,  die  von  den 
genannten  Quellen  öfters  angegeben  werden,  nun  doch  nicht.  (So  z  B. 
M  ü  h  l  e  n  s.)  Der  russischen  Katastrophe  liegen  zu  viele  sich  bedingende 
und  voneinander  abhängige  völkerbiologische  Vorgänge  zugrunde,  deren  Ent¬ 
wirrungen  noch  viel  Mühe  und  Zeit  kosten  wird.  Eines  muss  aber  endlich 
einmal  mit  aller  Deutlichkeit  ausgesprochen  werden:  Die  Sowjet¬ 
regierung  ist  nicht  für  das  Unglück  verantwortlich 
zu  machen,  wie  es  ständig  zu  betonen  in  der  Welt  beliebt  worden  ist. 
Und  sollte  sich  trotz  allem  eine  Schuld  feststellen  lassen  —  denn  keine  Re¬ 
gierung  ist  ohne  Fehl  — ,  so  bleibt  die  schwerste  Schuld  auf  der  Entente,  die 
Russland  in  den  Weltkrieg  hineingezogen  hat,  an  der  ungeheuren  Misswirt¬ 
schaft  des  Zarenregims  und  den  fremden  Interventionen  gegen  die  Sowjets 
hängen.  Was  noch  von  meteorologischen,  epidemiologischen,  volkswirtschaft¬ 
lichen  Schäden  hinzukam,  vergrösserte  und  vergröberte  nur  das  Unglück. 
Hiergegen  wäre  jede  Regierung  machtlos  gewesen,  machtlos  in  einem  Lande, 
in  welches  von  allen  Himmelsrichtungen  her  Söldnerscharen  hcreinbrachen 
und  aus  dem  geschundenen  Leibe  Russlands  herauszunehmen  sich  erdreisteten 
was  ihnen  nur  im  Namen  des  Rechts  gut  dünkte.  Machtlos  in  einem  Lande, 
in  dem  das  Gold  der  Entente  einen  jahrelangen  Bürgerkrieg  unterhielt.  Wer 
je  die  fruchtbaren  Gefilde  der  Krim,  der  Wolga,  der  Ukraine  und  Sibiriens 
gesehen  und  sich  vorgestellt  hat,  dass  dort,  wo  das  wogende  Meer  des  Wei¬ 
zens  und  des  Korns  sich  dehnte,  Stellungskämpfe,  Feldschlachten,  Verwand¬ 
lungen  in  Wüsteneien  aus  militärischen  Gründen  stattfanden,  wird  gerechter 
Uber  die  „Schuld“  einer  Regierung  denken,  die  eine  Konkursmasse,  noch  dazu 
auf  sinkendem  Schiff  übernommen  hatte.  Wenn  dann  diese  Regierung  gegen 
ihre  Bürger  verfahren  hat,  wie  es  beliebte  und  sie  es  verantworten  zu  können 
glaubte,  so  ist  es  ihre  eigene  Angelegenheit  und  kein  Staat,  der  irgendwie 
selbst  auf  Souveränität  Wert  legt,  hat  das  Recht  sich  liineinzumischen. 

Ueber  diese  Grundbegriffe  muss  Klarheit  herrschen,  ehe  wir  die  Tätigkeit 
der  fremden  Organisationen  betrachten.  Denn  es  mutet  wie  eine  Posse  an, 
wenn  die  gleichen  Herren,  welche  vorher  mit  der  rechten  Hand  Armeekorps 
von  Freibeutern  und  Tankgeschwader  gegen  Russland  finanzierten,  nun  mit 
der  linken  den  mitleidigen  Samariter  ausrüsten  und  dem  Sowjet  zur  Ver¬ 
fügung  stellen.  Für  denselben  Sowjet,  in  denselben  Gegenden,  wo  Monate 
vorher  die  Entente  Feldgeschütze  gegen  sie  gedonnert  hatte.  Difficile  est 
satiram  non  scribere! 

Und  die  Fremden  kamen!  Nicht  alle  waren  „belastet“  und  auch  die 
„Belasteten“  erschienen  ohne  Erröten. 

Sie  fingen  an  zu  arbeiten,  zu  „organisieren“.  Die  Amerikaner  breiteten 
über  Russland  und  einen  Teil  Westsibiriens  ihr  grosses  Verpflcgungsnetz  und 
ihre  Polikliniken  aus.  Als  erste  der  Rotekreuzorganisationen  kam  eine  rein 
ärztliche  Mission  des  Deutschen  Roten  Kreuzes,  26  Personen  stark,  darunter 
11  Aerzte.  Ihre  Arbeit  lag  in  Kasan,  Petersburg  und  Moskau,  sowie  haupt¬ 
sächlich  in  den  deutschen  Wolgakolonien.  Eine  zweite  Expedition  des 


1)88 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr 


Deutschen  Roten  Kreuzes  ging  nach  der  Ukraine  im  Sommer  1922.  Auch 
eine  nur  medizinische  Hilfe  brachte  das  Schweizer  Rote  Kreuz,  das  am  Unter¬ 
laufe  der  Wolga,  in  Zaryzin  und  Umgebung  vorbildliche  Krankenhäuser  und 
Polikliniken  mit  Schweizerärzten  übernahm.  Bei  den  übrigen  Organisationen 
trat  die  Hungerhilfe,  die  Versorgung  mit  Lebensmitteln  und  Kleidern  völlig 
in  den  Vordergrund.  So  vollbrachte  das  Schwedische  Rote  Kreuz  eine  aus¬ 
gezeichnete,  wenn  auch  auf  kleinem  Gebiet,  dafür  aber  um  so  wirksamer  konzen¬ 
trierte  Hilfe  in  Samara  und  Umgegend.  Das  Holländische  Rote  Kreuz  in  der 
Krim,  das  Italienische  im  Kaukasus,  das  Französische  in  Jekaterinenburg 
(es  trat  gar  nicht  in  Erscheinung).  Neben  den  verschiedenen  kleineren  und 
grösseren  Organisationen  arbeiteten  die  religiösen  oder  humanitären  Organi¬ 
sationen,  wie  die  Menoniten  und  die  ausgezeichnete  Gesellschaft  der  Freunde 
der  Quäcker.  Um  sie  alle  fügte  sich  der  Rahmen  der  Nansenmission,  welcher 
der  ewig  junge  Polarpionier  seinen  Namen  geliehen  hatte,  zum  grössten  Teil 
aus  Engländern  zusammengesetzt.  Derselbe  Nansen,  der  Schnee  und 
Polarkälte  überwunden,  der  seinem  losgerissenen  Boot  im  eisigen  Wasser 
nachgeschwommen  war,  sah  sich  auf  den  Völkerbundstagungen  in  Genf  einer 
europäischen  Eiswand  des  Völkermisstrauens,  des  Hasses  und  des  politischen 
Schachers  gegenüber.  Alle  Versuche,  das  lebensrettende  Boot  des  Verständ¬ 
nisses  zwischen  den  Ufern  der  europäischen  Staaten  zu  erreichen,  sind  letzten 
Endes  fehlgeschlagen  (vergl.  seine  12  Leitartikel  in  der  Voss.  Ztg.  vom 
23.  III.  bis  1.  V.  23).  Um  so  herzlicher  war  der  Empfang  in  Russland.  Von 
natürlicher  Freude  getragen.  Dieser  Norweger  mit  dem  köstlichen  Blick 
seiner  blauen  Augen,  seine  Milde  und  Weichheit  als  Stürmer  gegen  die  geistige 
Polarnacht  westeuropäischer  Siegerrentner,  die  Hilfe  in  der  grössten  Not  von 
der  Zahlung  alter  Kriegsschulden  abhängig  machten.  So  hat  Nansen  rein 
menschlich  ausgleichend  hier  gewirkt. 

Haben  nun  die  Hilfsorganisationen  irgendeinen  Erfolg  gehabt?  Diese 
Frage  ist  wohl  zu  bejahen.  Die  tatsächlich  geleistete  Hilfe  war  stellenweise 
sehr  wertvoll  und  kam  zur  rechten  Zeit,  um  viele  Tausende  von  Menschen 
zu  retten.  Aber  auch  der  Regierung  erwuchsen  ungeheure  Aufgaben,  diese 
fremde  Hilfe  unter  ihrer  Obhut  zu  halten  und  sie  sich  nicht  über  den  Kopf 
wachsen  zu  lassen.  Denn  sehr  gross  waren  die  vom  Sowjet  übernommenen 
Lasten:  Zoll  und  Transport,  freie  Personenbeförderung,  Wohnung,  Heizung, 
Benzin.  Und  dies  alles  im  Augenblick  der  schwersten  Not.  Die  Leistung  der 
bei  der  Regierungsspitze  gebildeten  Hungerhilfskommission  und  des  Eisen¬ 
bahnkommissariats,  allen  Fremden  gerecht  zu  werden  und  zugleich  die  Inter¬ 
essen  des  eigenen  Landes  zu  wahren,  ist  ausserordentlich  gewesen. 

Nun  ist  der  Hunger  offiziell  „liquidiert“.  Nachdem  erst  aus  einer  Hunger- 
hilfskommission  am  1.  X.  22  eine  Kommission  zur  Bekämpfung  der  Hunger¬ 
folgen  gebildet  worden  war,  merkte  der  Kundige  die  kühle  Morgenwitterurig 
kommender  Auflösung.  Sie  musste  notwendig  eintreten.  Ganz  abgesehen 
davon,  dass  die  Unkosten  auf  die  Dauer  im  Vergleich  zur  geleisteten  Hilfe 
zu  hoch  waren  —  konnte  man  doch  den  Inhalt  eines  Ara  oder  Nansenpakets 
billiger  freihändig  in  Russland  selbst  kaufen,  als  die  Einzahlung  betrug  — , 
empfand  man  es  wohl  mit  Recht  unbequem,  im  ganzen  Land  wirtschaftliche 
Elemente  hochvalutastarker  Nationen  zu  beherbergen,  die  auf  „Entgegen¬ 
kommen“,  genannt  „Konzessionen“,  rechneten. 

So  erging  denn  ein  Rundschreiben  über  das  Ende  der  Hungerhilfe. 
Alle  Funktionen  der  Hungerhilfsorganisationen  gingen  an  das  Russische  Rote 
Kreuz  über  unter  der  Bedingung,  dass  die  alten  Verträge  mit  den  ausgedehn¬ 
ten  Privilegien  als  erloschen  gelten,  entweder  neue  geschlossen  oder  die 
Ausgaben  fremder  Organisationen  dem  Staate  nicht  mehr  zur  Last  fallen 
sollen.  So  blieben  nur  das  Internationale  Rote  Kreuz  und  die  Nansenmission 
übrig  —  letztere  mit  einer  Konzession  für  3  landwirtschaftliche  Muster¬ 
güter  — ,  das  Deutsche  und  das  Schweizer  Rete  Kreuz  mit  ihren  praktisch¬ 
wissenschaftlichen  Betätigungen  in  rein  medizinischem  Sinne. 

So  rein  medizinisch,  wie  sich  die  Nansenmission  die  sogen, 
medizinisch-sanitäre  Hilfe  für  Russland  dachte,  Hess  sich  die  Fortführung  ihrer 
Arbeit  nicht  bewerkstelligen.  Im  Gegenteil,  als  die  mit  den  grössten  Er¬ 
wartungen  eingearbeitete  und  seit  Anfang  des  Jahres  1923  betriebene  An¬ 
gelegenheit  Tatsache  werden  sollte,  hatte  der  Völkerbund  bzw.  die  Hygie¬ 
nische  Sektion,  welche  ihren  ständigen  Vertreter  in  Moskau  hat,  kein  Geld 
mehr.  Und  dies  in  einem  Augenblick,  da  eine  Malariapandemie  zum  zwei¬ 
tenmal  das  Land  überzieht  und  die  Bauernschaft  lähmt.  In  einem  Augenblick, 
da  den  wirklich  am  Wiederaufbau  interessierten  Völkern  es  ein  leichtes  ge¬ 
wesen  wäre,  zu  helfen.  Statt  dessen  werden  in  Westeuropa  und  Amerika 
Fluggeschwader  gebaut  und  Unterseeboote  auf  Stapel  gelegt,  Milliarden  an 
Goldeswert  in  Küstenbefestigungen  gesteckt,  während  Hunderte  und  Aber¬ 
hunderte,  wie  ich  es  selber  gesehen  habe,  die  Ambulatorien,  Krankenhäuser 
und  Feldscherpunkte  umlagern,  um  Chinin  zu  erbetteln.  Denn  der  Malariatod 
ist  unerbittlich  und  hat  manchen  mitten  in  der  Ernte  gefällt. 

So  sieht  sich  das  Volkskommissariat  für  Gesundheitswesen  nach  einem 
unsäglich  harten  Kampf  der  vergangenen  5  Jahre  vor  ungeheure  Aufgaben 
gestellt.  Es  wird  sich  zeigen,  ob  der  Leiter  des  Kommissariats,  Prof. 
SemaschJro,  sie  wird  bewältigen  können.  L. 


Vereins-  und  Kongressberichte. 

Medizinische  Gesellschaft  Göttingen 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  12.  Juli  1923. 

Vorsitzender:  Herr  Schultze.  Schriftführer:  Herr  v.  Gaza. 

Herr  H.  R  e  1  c  h  e  n  b  a  c  h:  Die  Bedeutung  der  Härte  des  Trinkwassers 
fiir  die  Häufigkeit  der  Zahnkaries. 

Die  Frage,  ob  die  Härte  des  Trinkwassers  auf  die  Häufigkeit  der  Zahn¬ 
karies  von  Einfluss  sei,  ist  immer  noch  nicht  entschieden.  Die  Möglichkeit 
eines  solchen  Einflusses  wird  teils  aus  theoretischen  Gründen  geleugnet:  die 
positiven  Ergebnisse  von  statistischen  Untersuchungen  verlieren  zum  Teil 
dadurch  an  Beweiskraft,  dass  Bevölkerungen  verschiedener  Rasse  und  ver¬ 
schiedener  Lebensweise  miteinander  verglichen  worden  sind.  Der  Vortragende 
hat  deshalb  Herrn  Nebelung  veranlasst,  die  Frage  in  den  Dörfern  der 
Umgebung  von  Göttingen  zu  prüfen,  ähnlich  wie  das  Opitz  im  Kreise  Peine 
getan  hat. 

Es  wurden  untersucht  in  11  Ortschaften  mit  hartem  Wasser  (24,2  bis 
40.3“)  842  Schulkinder  und  in  10  Ortschaften  mit  weichem  Wasser  (0,3  bis 
5,6°)  1116  Schulkinder.  Die  Resultate  sind  folgende: 


Durchschnittszahl  der  erkrankten  Zähne,  pro 
Kind  . . 

Harte  Orte: 

2,3 

Weiche  Ort 

5,5 

Durchschnittlicher  Prozentsatz  der  erkrank- 
ten  Zähne  . 

9,1 

21.3 

Durchschnittlicher  Prozentsatz  der  Gebisse 
mit  Schmelzhypoplasien . 

10,6 

58.2 

Anzahl  und  Prozentsatz  der  völlig  gesunden 
Gebisse  .  .  . . 

171 

29 

(20,3  Proz.) 

(2,6  Proz.) 

In  allen  Ortschaften  handelt  es  sich  um  rein  ländliche  Bevölkerung  di  i 
selben  Abstammung.  Der  einzige  greifbare  Unterschied  besteht  in  der  Här 
des  Trinkwassers,  resp.  in  der  geologischen  Formation  (Muschelkalk  bei  d 
harten.  Buntsandstein  bei  den  weichen  Orten),  durch  die  die  Härte  bedin 
ist.  Ob  etwa  die  geologische  Formation  in  anderer  Weise  als  durch  <i 
Härte  des  Wassers  einwirkt,  ist  nicht  zu  entscheiden. 

Herr  Fleischer:  Ueber  die  quantitative  Ausgestaltung  der  Flockung 
reaktionen  zum  Nachweis  der  Syphilis. 

Es  wird  zuerst  über  Versuche  berichtet,  die  mit  einem  der  von  Me 
nicke  für  seine  Triibungsreaktion  angegebenen  Tolubalsam  enthaltend 
Pferdeherzextrakte  und  zwar  mit  Nr.  29 16  angestellt  sind,  um  zu  einer  quan 
tativen  Ausgestaltung  der  Flockungsreaktionen  zu  gelangen.  Diese  Versucl 
haben  ergeben,  dass  für  einen  Serumbereich  von  0,03 — 0,4  ccm  und  für  1  cc 
der  brauchbaren  Extraktkochsalzverdünnung  (1  Teil  Extrakt  +  10  Teile  2pro 
Kochsalzlösung)  diejenige  geringste  Menge  eines  Serums,  die  gerade  noi 
die  stark  opaleszierende  Extraktkochsalzlösung  nach  24  Stunden  Aufentln 
bei  37°  vollständig,  unter  Bildung  eines  aus  Flocken  bestehenden  Bode 
satzes  zu  klären  vermag,  eine  quantitativ  messbare  Menge  ausflockend 
Substanzen  enthält.  Klärt  z.  B.  von  dem  positiven  Serum  a  bereits  0,05  cc 
die  opaleszierende  Flüssigkeit,  von  einem  anderen  positiven  Serum  b  dageg' 
erst  0,1  ccm,  so  enthält  das  Serum  a  die  doppelte  Menge  ausflockender  Su 
stanzen  wie  b.  Genügt  nun  bereits  die  Serummenge  0,03  ccm  zur  Klärun 
so  handelt  es  sich  um  ein  ausserordentlich  stark  positives  Serum;  ist  dageg’ 
von  einem  anderen  Serum  die  Menge  0,4  ccm  zur  Erzielung  des  gleicht 
Effektes  notwendig,  so  ist  die  Positivität  dieses  Serums  nach  der  Wassei 
mann  sehen  Reaktion  etwa  mit  i  zu  bezeichnen.  Als  Indikator  für  dt 
positiven  Ausfall  der  Flockungsreaktion  wird  infolgedessen  die  makroskopis. 
sehr  gut  sichtbare  vollständige  Klärung  des  Serumextraktkochsalzgemisclu 
nach  24  Stunden  Aufenthalt  bei  37  0  gewählt.  Für  die  quantitative  Au 
Wertung  eines  Serums  wurde  die  quantitative  Flockungsreaktion  mit  dt 
Serumabstufungen  0,05,  0,1,  0,15,  0,2,  0,3  und  0,4  ccm  ausgeführt.  Die  Unte 
suchung  von  790  Sera  nach  Wassermann  und  nach  der  eben  kurz  g 
schilderten  Methode  zeigte  in  einer  Reihe  von  behandelten  sicheren  Luesfällt 
eine  Ueberlegenheit  der  quantitativen  Flockungsreaktion.  Mit  Hilfe  eint 
quantitativen  Flockungsreaktion  nach  den  hier  entwickelten  Grundprinzipit 
lässt  sich  quantitativ  viel  genauer  als  mit  einer  quantitativ  angestellti 
Wassermann  sehen  Reaktion  eine  Veränderung  des  Grades  der  Positivit 
eines  Serums  zu  verschiedenen  Zeiten  verfolgen.  Auf  weitere  Einzelheit! 
kann  im  Rahmen  des  Referates  nicht  eingegangen  werden;  der  Vortrag  wii 
ausführlich  in  der  Zschr.  f.  Hyg.  u.  Infektkrkh.  erscheinen. 

Herr  Stadt  müller:  Zur  Anthropologie  des  Brustbeins. 

St.  referiert  über  die  Arbeit  Lubosch  (Morph.  Jahrb.  Bd.  51)  und  b 
spricht  an  der  Hand  einer  kleinen  Sammlung  von  Europäerbrustbeinen  d 
extremen  Formen  des  menschlichen  Brustbeins  („primatoider“  ur 
„hominider“  Typus)  und  die  Uebergangsformen.  Die  Verhältnisse  bei  Anthn 
poiden  werden  nach  Lubosch’  und  eigenen  Erhebungen  geschildert,  f 
folgt  eine  Besprechung  der  Zustände  bei  einigen  Rasseskeletten:  die  Brus 
beine  eines  Chinesen,  einer  Aegypter-,  einer  Guanchen-  und  einer  Chilene: 
mumie  zeigen  „primatoide“  Merkmale,  die  Sterna  dreier  erwachsener  Negt 
und  eines  neugeborenen  Kaffernkindes  eine  auffallende  Häufung  „primatoide: 
Merkmale  (Uebereinstimmung  mit  G  e  r  s  c  h,  1912);  zwei  Australierbrustbeii 
erscheinen  „primatoid“,  jedoch  zwei  andere  als  Uebergangsformen.  Eben« 
erweist  sich  ein  Malaiensternum  als  Uebergangsform,  während  ein  weitert 
solches  „hominide“  Merkmale  darbietet.  Die  auffallende  Aehnlichkeit  diese 
letzteren  mit  dem  Sternum  des  Orang  wird  als  Konvergenzerscheinung  au 
gefasst.  Bei  dem  geringen  Material  verbietet  sich  eine  Verallgemeinerun 
weitere  rassenanatomische  Untersuchungen  erscheinen  wertvoll  besonders  li 
die  Einschätzung  erblich-konstitutioneller  Faktoren,  die  für  die  Gestaltung  dt 
Brustbeinkörpers  vor  allem  in  Frage  kommen. 

Aussprache:  Die  Herren  Rosenthal  u.;d  Voit. 


Medizinische  Gesellschaft  zu  Jena. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  18.  Juli  1923. 

Vor  der  Tagesordnung: 

Herr  Cobet:  Demonstration:  Arthritis  deforinans,  weitgehend  gebesse 
durch  Behandlung  mit  Yatren-Kasein. 

Tagesordnung: 

Herr  Kayser-Petersen:  Einige  Grundfragen  der  Tuberkulosi 
fürsorge. 

Aus  einer  gemeinsamen  „allgemeinärztlichen“  Einstellung  heraus  habe: 
Sozialarzt  und  Individualarzt  verschiedene  Arbeitsmethode 
und  Arbeitsgebiete.  Der  Sozialpolitiker  muss  gegenüber  dem  Sozialar;;. 
zurücktreten  (Seuchenbekämpfung,  nicht  Wohlfahrtspflege).  Es  werden  bt 
sprochen  die  Fragen  der  Infektion  (Kinderinfektion,  exogene  un 
endogene  Reinfektion)  und  der  offenen  und  geschlossenen  Tuberkulose,  wobt 
die  Notwendigkeit  des  Begriffs  der  ansteckungsfähigen  Tuber 
kulose  dargelegt  wird.  Die  Anzeigepflicht  für  diese  ansteckung: 
fähige  Tuberkulose,  möglichst  an  die  Fürsorgestelle,  ist  zu  fordern.  Es  mus 
dann  in  erster  Linie  die  Ausschaltung  der  Ansteckung* 
quellen  (Tuberkulosekrankenhaus)  und  die  Untersuchung  un 
Beobachtung  der  gefährdeten  Umgebung  erstrebt  werde: 
Die  Aufklärung  durch  die  Schule  wurde  versucht.  Das  Z  u 
sammen  arbeiten  mit  den  praktischen  Aerzten  ist  noc 
nicht  so,  wie  es  sein  soll,  vor  allem  fehlt  die  sozialärztliche  Einstellung  ai 
die  Kranken  als  Infektionsquelle.  Eine  Erziehung  der  Studente 


14.  September  192.3. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1189 


in  diesem  Sinne  geschieht  durch  unsere  an  die  Med.  Poliklinik  angegliederte 
Fürsorgestelle. 

Herr  1.  o  m  m  e  I:  Zur  Tuberkiilosebehandlung. 

Hei  Beurteilung  von  Heilerfolgen  darf  nie  vergessen  werden,  dass  sehr 
v'cie  Lungentuberkulosen  von  selbst,  ohne  ärztliches  Zutun,  heilen.  Fs  gibt 
keine  Mittel,  um  eine  exsudative  Form  in  eine  produktive  zu  verwandeln. 
Kavernöser  Zerfall  von  verkästem  Lungengewebe  bei  hoher  Allergie  wäre  eiii 
neilungsvorgang,  wenn  die.  anatomischen  Verhältnisse  der  Lunge  nicht  zu 
ungünstig  wären.  An  anderen  Körperstellen  verlaufende  eitrige  Einschmel- 
,.tl,berkulöser  Uerde  sehen  oft  mit  auffallender  Besserung  anderer 
tuberkulöser  Prozesse  einher.  So  sah  Redner  oft  gleichzeitig  oder  bald  nach 
Lympbdrusen-,  Periost-  und  Senkungsabszessen  erhebliche  Besserungen  von 
Lungentuberkulose.  Fr  ist  geneigt,  solche  Abszesse  als  heilungsfördernde 
„spezmsche  Fontanellen“  anzusehen.  Oefter  wurden  bei  günstig  verlaufender 
Lungentuberkulose  Eiterungen  gesehen  an  Stellen,  an  denen  vorher  Bazillen- 
cmulsion  oder  „Partialantigene“  in  grösseren  Dosen  cingespritzt  war.  Die 
Po  n  ii  d  o  r  f  sehe  Impfmethode  entbehrt  jeder  theoretischen  Begründung 
F.me  besondere  immunisierende  Fähigkeit  der  Haut  ist  so  wenig  erwiesen, 
wie  überhaupt  eine  Wirkung  des  Tuberkulins  durch  Immunisierung.  Die 
Methode  verzichtet  auf  jede  wirksame  Dosierung.  Genaueste  Dosierung  des 
:sehr  differenten  Tuberkulins  ist  aber  unbedingt  nötig.  Bei  torpiden  Tuber¬ 
kulosen  mag  das  Verfahren  wie  die  anderweitige  Tuberkulintherapie  Gutes 
'leisten.  Redner  beobachtete  viele  Fälle  von  Verschlimmerung  und  schwerer 
Gefährdung  durch  das  P  o  n  n  d  o  r  f  sehe  Verfahren,  dessen  hemmungs-  und 
kritiklose  Ausbreitung  eine  Verirrung  darstellt. 


Aerztlicher  Kreisverein  Mainz. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  18.  Juni  1923. 

r.  b]crr  B  a  D  h  o  r  n:  Die  moderne  Behandlung  des  septischen  Abortes  mit 
Berücksichtigung  der  violenten  Uterusverletzungen. 

f-  Ca'..u4  P™zi,  aIler  Ab.orte  zeigen  während  längerer  oder  kürzerer  Zeit 
neber  über  38,0  .  Das  Fieber  ist  entweder  saprämischer  oder  pyämischer 
r-oA  ,,ur  ZU,,  baufig  Folge  eines  vorangegangenen  kriminellen  Eingriffes. 
•  j  i  •  r?z-  nüer  Aborte  (für  Deutschland  jährlich  fast  300  000  Gesamtaborte) 
sind  kriminell;  an  ihren  Folgen  stirbt  eine  erschreckend  grosse  Zahl  sonst 
gesunder,  blühender  Frauen.  10  Proz.  aller  auch  von  ärztlicher  Seite  ein- 
geleiteten  Aborte  enden  letal,  20  Proz.  führen  zu  Sterilität  und  dauerndem 
Siechtum. 

Es  gibt  3  Behandlungsmöglichkeiten;  1.  das  aktive,  2.  das  konservative 
md  3.  das  exspektative  Verhalten. 

Ein  aktives  Vorgehen  kommt  stets  nur  in  Frage,  wenn  keine  Ent- 
mndungserscheinungen  in  der  Umgebung  des  Uterus  vorhanden  sind.  Ebenso 
Client  man  sich,  den  Abort  zu  erledigen,  wenn  im  Vaginal-  und  Urethral- 
,e  Gonokokken  nachgewiesen  wurden,  wegen  der  Gefahr  der  Aszension 
md  Mischinfektion.  Besprechung  der  einzelnen  Behandlungsarten,  von  denen 
ne  exspektative  den  Vorzug  verdient.  Unter  konservativen  Massnahmen 
amponade,  Wehenmittel,  Allgemeintherapie)  wartet  man  die  Entfieberung 
ib  und  räumt  nach  durchschnittlich  5  fieberfreien  Tagen  aus  ohne  Rücksicht 
„rauf,  ob  im  Uterussekret  Streptokokken,  insbesondere  die  gefürchteten 
lainolytischen  Streptokokken  vorhanden  sind  oder  nicht.  Zur  Vermeidung 
/on  Perforationen  bei  grossem,  weichen,  atonischen  Uterus  wird  empfohlen 
or  Beginn  der  Abrasio  eine  Spritze  Hypophysin  intravenös  zu  geben.  Nach 
er  Ausschabung  keine  Spülung  der  Gebärmutter  mit  differenten  Mitteln  wie 
odtinktur  etc.,  Spülungen  mit  Aether,  Alkohol  etc.  als  im  Erfolg  zweifelhaft 
la  eine  vollkommene  Desinfektion  des  Kavums  praktisch  nicht  möglich. 

Zur  Klärung  der  Differentialdiagnose  zwischen  saprämischem  Fieber,  bei 
lern  die  Abortausräumung  zur  Entfieberung  führt,  und  pyämischem  Fieber, 
yo  ein  intrauteriner  Eingriff  eine  Sepsis  propagieren  würde,  hat  man  mit 
•-rtolg  die  Blutuntersuchung  herangezogen.  Man  bestimmt  den  Hämoglobin-, 
-rythrozyten-  und  Leukozytengehalt  des  Blutes,  die  Senkungsgeschwindig- 
.e_it  und  den  Blutdruck.  Hohe  Leukozytenwerte  sprechen  für  eine  starke 
nfektion  oder  Intoxikation,  gleichzeitig  aber  auch  dafür,  dass  der  Körper  mit 
len  Noxen  fertig  zu  werden  scheint;  eine  gleichzeitig  langsame  Senkungs- 
:eschwindigkeit  ist  günstig,  ebensowie  normale  Blutdruckwerte.  Wir  sind 
:  ' '  "!chf  'n  deF  Lage  zu  beurteilen,  ob  die  im  Körper  befindlichen  Bakterien 
me  Vn-ulen^tmgerung  oder  -abschwächung  erfahren.  Diese  Frage  ist  ent- 
cheidend  für  die  Therapie  septischer  Aborte.  Runges  neues  Verfahren, 
ut  dem  geheizten  Objektträger  unter  dem  Mikroskop  das  Wachstum  der 
üreptokokken  zu  beobachten  und  daraus  Schlüsse  auf  die  Virulenzsteigerung 
er  Bakterien  zu  ziehen,  bedarf  der  Nachprüfung.  So  ist  die  exspektative 
ibortbehandlung  z.  Z.  noch  das  gegebene  Verfahren.  Die  Behandlungsdauer 
st  bei  geringerer  Mortalität  und  Morbidität  nur  im  Durchschnitt  um  1  Tag 
inger  als  beim  aktiven  Verfahren.  Proteinkörpertherapie,  Anwendung  von 
tgridinfarbstoffen  und  kolloidalen  Metallen  ist  zu  empfehlen  als  unter- 
tützender  Faktor  der  Behandlung.  Jeder  septische  Abort  gehört  in  die  Klinik. 

Bei  jeder  Abortausräumung  besteht  die  Möglichkeit  der  Perforation,  sei 
ie  digital  oder  instrumenteil.  Besonders  gefährlich  ist  die  Abortzange.  Mit- 
-■ilung  von  3  Fällen  von  Perforation,  von  denen  2  durch  sofortige  Laparotomie 
erettet  werden  konnten.  Viele  Perforationen  der  Gebärmutter  werden  nicht 
rkannt.  die  meisten  werden  nicht  bekannt.  Es  ist  absolute  ärztliche  Pflicht, 
ach  Erkennung  einer  violenten  Uterusverletzung  umgehend  die  Kranke  der 
»peration  zuzuführen. 

Sitzung  vom  25.  Juni  1923. 

Herr  Schrohe;  Vorführung  von  Lungenaufnahmen. 

Auf  dem  Lichtbildschirme  zeigte  der  Vortragende  zahlreiche  Röntgeno¬ 
ramme  und  besprach  ihre  Deutung.  Besonders  fesselten  seine  Ausführungen 
■‘rüber,  ob  bei  Jugendlichen  der  Thymus  das  Röntgenbild  irgendwie  beein- 
ächtigt.  Vortragender  glaubt,  dass  der  Thymus  darstellbar  sei,  bzw.  dass 
estimmte  Bildeigentümlichkeiten  auf  den  Thymus  bezogen  werden  müssten. 


Münchener  Gesellschaft  für  Kinderheilkunde. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  24.  Mai  1923. 

p  f  3  u "  d  *®.  r  zcigf  einen  weiblichen  Säugling,  der  als  drittes 
H  Kindern  seiner  Litern  eine  Epidermolysis  hereditarla  hat. 

Kindesalter  e  "  1  a  m  1  "  berichtet  Uber  Beobachtungen  über  Asthenie  im 

Material,  in  dem  die  Knaben  66  Proz.  ausmachen,  die  Mädchen 

des  h  i  /n  Wei-“?erKSchw1er  betroffen  sind,  umfasst  116  Fälle.  Hinsichtlich 
des  Habitus  wird  besonders  auf  die  in  80  Proz.  der  Fälle  vorhandene 

auf  gdieWg^inlUe^pPn-«i?ltat10"-  bei  zurückbleibendcm  Massenwachstum  und 
fnmdht-SM  HSir  Disharmonie  zwischen  staturalem  und  ponderalem  Wachs¬ 
te  h7rb  PI bmge.™es?n-  ,f?rncr  auf  «Ke  Bänderschwäche  (Haltungs- 
Haiid  P  Uf  ’  Gclenkuberstreckbarkeit);  Analogon  zum  Plattfuss:  schlaffe 

Asthenie-30*1  beglciten  andere  Konstitutionsanomalien  die 

S ä u glin ge nSU(ffa ut )C  nu r" ‘fo  Sp r o z .*  ä‘tere"  Ki"dern  (Katarrhe)  50  Pr0Z“  bei 
Bronchialdrüsen tlSmUS:  ?°  Proz-;  meist  auch  TonsiHen  und  Adenoide,  oft 
lln  i  r  DyP°P'astische  Konstitution,  nicht  selten  auf  angeborene  Hypoplasie 
behaarung8  °re  ‘  zUrückzuführen :  Genital-,  Gefässhypoplasien ;  Lanugo- 

4.  Neuropathie:  90  Proz. 

5.  Thyreotoxische  Züge  (?). 

6.  Bildungsfehler. 

Entwickelung:  88  Proz.  Brustkinder,  davon  ein  grosser  Teil  als 
„aughnge  ernahrungsgestört  (Homodystrophiker).  Spasmophilie  nur  bei 

schein  deiSich ter,Habltus  (besonders  Wachstumspräzipitation)  oft 
schon  deutlich,  ebenso  Erscheinungen  nervöser  Dyspepsie,  ferner  Katarrh- 
Fnuresis,  Schlafstörungen.  Beim  Schulkind  manifestiert  Sch  die 
Asthenie  vor  allem  während  der  Streckung.  Von  nervösen  Erscheinungen 
vor  allem:  motorische  Unruhe  (50  Proz.),  nervöse  Dyspepsie  mit  Erbrechen 

fäHeC  As^hmnT?  UP d  7  meist  —  Verstopfung  (25  Proz.),  viel  seltener  Durch- 
a'le,  Asthma  (7  Proz.),  Migräne  (7  Proz.).  Schlafstörungen  (25  Proz ),  Angst- 

“  ^  ZÄZ7tande  (1  /«Pu°Z-)\  EnUres,is  <9  Proz-)-  hässliche  Angewohnheften 
6  TUSW-'ii  R4Pr0Z7  Tlcs  Proz-)>  Fazialisphänomen  (33  Proz.), 
Katarrhneigung,  Tonsilhtiden i  Otitiden,  Adenoitiden.  Rektale  Hyperthermien 

KnahPn  nna  iii-a7h  HyPerthenmen  bei  Ruhe.  Charakterveranlagung  bei 
ErnfiSncc  nd  MFadC7n.febr  verschl6den;  erstere  im  allgemeinen  viel  konzen¬ 
trationsschwacher  (schlechtere  Schüler),  ermüdbarer,  gutmütiger,  weicher. 

Kommen  7rh^iept:  ?G1  78  Proz-  arthritische  Belastung  (nichtasthenische 
Kontrollen  nur  31  Proz.),  meist  seitens  der  Mutter,  die  oft  frei  bleibt 

.1.  mV  erFbiie:  Umgebungswechsel  versagt  oft,  da  Konstitution  wichtiger 
hf  Ä"'  Lebre.uvom  einzigen  Kind  ist  einer  Revision  zu  unter- 
Frfil;-  Ä 5tkhUre,L  Beschreibung  der  Technik)  erzielen  oft  überraschende 
erfolge,  sind  aber  bei  kleinen  Kindern  von  3— 5  Jahren  fast  nie  durchzuführen. 

VPrcu-hpS  aP/r  C  h  6:  H-Crr  Pfaundler  meint,  dass  der  Vortr.  bei  dem 
Versuche  die  Grenzen  einer  konstitutionellen  Abartung  abzustecken,  zu  einer 
Art  Pandiathese  gelangt  sei,  während  vorerst  doch  eine  Teilung  und 
Scheidung  wichtiger  sei  als  eine  Synthese.  Dass  das  Gros  der  B  e  n  j  a  m  i  n  - 
fh^en  7lle7?  Asthenien  im  Stil  ler  sehen  Sinne  anzusprechen  ist,  scheint 
ihm  auch  nicht  ausgemacht  (bei  Stiller  überwiegen  die  Mädchen  deutlich, 
sowie  die  Unterlängen  und  Hypotoniker  —  im  Gegensatz  zu  Benjamin). 
Pfaundler  mochte  auch  die  Proteroplasie  nicht  der  Asthenie  anschliessen. 
da  manchen  gemeinsamen  Zeichen  doch  konträre  gegenüberstehen,  und  die 
Proteroplasie  als  eine  paratypisch  bestimmte  Erscheinung  charakterisiert  ist 
im  Gegensätze  zur  wahren,  anlagenmässigen  Asthenie.  Manches  von  dem 
was  Benjamin  schilderte,  ist  nach  Pfaundlers  Auffassung  Pseudo¬ 
asthenie,  d.  h.  erworbene  Krüppelhaftigkeit  infolge  Mangels  an  Körperübung 
™  fprube7  Lebensalter.  Auch  Erblichkeits-  und  diätetisch-therapeutische 
Fragen  fordern  sicher  strenge  Analyse  und  Scheidung  in  e  n  g  e  r  umschriebene 
Ze.chenkre.se  Die  widerstreitenden  Urteile  über  das  Vorkommen  ein"* 
angeborenen  Asthenie  rühren  von  der  Konfusion  des  Status  asthenicus  mit 
dem  Morbus  asthenicus  her;  Folgeerscheinungen  der  Muskel-  und  Bänder¬ 
schwache,  wie  z.  B.  die  Splanchnoptose,  zählt  Pf.  zum  letzteren. 

Bei  der  Beurteilung  therapeutischer  Erfolge  wird  man  sich  die  Frage 
vorlegen  müssen,  ob  ldiotypische  Schäden  auf  solchem  Wege  überhaupt 
beeinflussbar  sind,  inwieweit  man  sie  verneinendenfalls  zu  verdecken  vermag 
und  was  für  einen  Dauernutzen  das  Individuum  von  solcher  Verdeckung  hat. 
Dass  die  bisherigen  Ansichten  über  die  Gefahren  der  Mästung  bei  neuro- 
lymphatischen  und  exsudativen  Kindern  irrtümlich  seien,  hält  Pf  nicht  für 
erwiesen,  wenngleich  man  sicher  in  dieser  Richtung  sehr  übertrieben  hat 
Die  Ermittlung  des  Nahrungsbedarfes  bei  asthenischen  Kindern  dürfte 
angesichts  der  artwidrigen  Körpermaasse  und  der  Bedarfsunterschiede 
zwischen  verschieden  muskelkräftigen  Kindern  nicht  einfach  sein. 

a  Berr„  ^  e,*  z.,e  *  ^a'  ba*  unter  den  letzten  160  Krankengeschichten 
der  Sauglingsabteilung  27,5  Proz.  Astheniker  und  72,5  Proz.  Nichtastheniker 
gefunden.  Unter  den  Asthenikern  überwog  unverhältnismässig  das  männliche 
Geschlecht.  Der  Partus  praematurus  spielt  keine  Rolle  in  der  Aetiologie  der 
Asthenie,  Einkindehen  kommen  in  seinem  Material  auch  etwas  häufiger  bei 
Asthenikern  als  bei  Nichtasthenikern  vor.  Die  Letalität  der  Astheniker  ist 
etwas  höher  als  die  der  Nichtastheniker,  ebenso  die  Neigung  zu  dys- 
peptischer  Erkrankung;  im  Verlauf  der  Ernährungsstörungen  zeigen  sich 
die  Astheniker  eher  besser  angepasst,  dagegen  sind  sie  durch  Infekte  mehr 
gefährdet.  Pylorospasmus  nur  bei  Asthenikern,  die  Hälfte  aller  Astheniker 
waren  schwere  Speier. 

Lues  betraf  unverhältnismässig  mehr  Nichtastheniker;  gering  ist  die 
Syntropie  von  Rachitis  und  Asthenie,  dystropisch  verhalten  sioh  zur 
Asthenie  Spasmophilie  und  exsudative  Diathese. 

Kalorienbedarf  der  Astheniker  durchschnittlich  170  pro  Kilo,  der  Nicht¬ 
astheniker  150. 

An  der  Aussprache  beteiligt  sich  ausserdem  Herr  R  e  i  n  a  c  h. 
Sitzung  vom  21.  Juni  1923. 

Demonstrationen:  Die  Herren  R  e  1  n  a  c  h,  H  o  f  s  t  a  d  t.  H  ii  s  I  e  r. 


1190 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  37. 


Kleine  Mitteilungen. 


Neuer,  transportabler  Beinhalter. 

Der  Praktiker  hat.  besonders  in  der  Gynäkologie  und  Geburtshilfe, 
täglich  die  Aufgabe  zu  lösen,  den  Kranken  behufs  Untersuchung,  Behandlung 
oder  Operation  im  Privathause  in  die  typische  Steinschnittlage  zu  bringen. 
Das  Lösen  dieser  Aufgabe  kann,  sobald  dringende  Indikation  zu  einem 
technisch  schwierigeren  Eingriffe  vorliegt,  von  grösster  Bedeutung  sein. 
Daher  glaube  ich  mein  neues  Instrument  (D.R.P.),  welches  sehr  handlich  und 
absolut  brauchbar  ist,  dieser  kurzen  Bekanntmachung  wert. 


Dessen  Prinzip  ist  aus  den  Skizzen  ohne  weiteres  ersichtlich  und  ver¬ 
ständlich.  Es  wurden  bei  der  Konstruktion  einfach  erzielt:  kleines  Gewicht 
und  kleiner  Raum  bzw.  Zusammenlegbarkeit  für  das  Mitnehmen,  leichte  und 
feste  Montierbarkeit  auf  einer  horizontalen  sowie  senkrechten  Platte,  damit 
das  mit  den  Beinhaltern  versehene  Möbelstück  (Tisch  oder  Querbett)  uns 
genau  dasselbe  bietet,  wie  der  gynäkologische  Operationstisch.  Da  die 
Grundidee  anspruchslos,  ihre  Bestrebungen  selbstverständlich  sind,  kann  der 
daran  schon  Gewöhnte  den  Apparat  nicht  mehr  entbehren,  welchem  noch  die 
heute  nicht  zu  unterschätzende  Bedeutung  zukommt,  dass  er  die  teueren 
Untersuchungstische  für  das  Ordinationszimmer  ersetzt. 

Dr.  Ladislaus  S  c  h  ä  f  f  e  r  -  Sarkad  (Ungarn). 


Tagesgeschichtliche  Notizen. 

München,  den  12.  September  1923. 

—  Das  württembergische  Arbeitsministerium  hat  dem  württembergischen 
Krankenkassenverband  eine  Erhöhung  des  früher  zugesagten  Kredits 
von  40  Milliarden  zur  Sicherstellung  der  ärztlichen  Forderungen 
(d.  Wschr.  S.  1140)  auf  200  Milliarden  in  Aussicht  gestellt.  Der  Kredit  soll 
von  der  Reichskreditgesellschaft  gewährt  werden;  die  württembergische 
Regierung  hat  für  den  Betrag  zu  bürgen.  Auch  den  bayerischen  Kranken¬ 
kassen  ist  vom  Reichsarbeitsministerium  ein  Kredit  von  400  Milliarden  ge¬ 
geben  worden. 

—  Der  Reichsminister  der  Finanzen  hat  die  Landesfinanzämter  er¬ 
mächtigt,  Aerzte  und  Tierärzte  auf  Grund  des  §108  der  Reichsabgabenordnung 
auf  Antrag  ganz  oder  teilweise  von  der  Rhein-Ruhr-Abgabe 
von  Kraftfahrzeugen  zu  befreien,  wenn  sie  diese'  zur  Ausübung  ihres 
Berufes  benötigen  und  ihre  Vermögens-  und  Einkommensverhältnisse  die 
Niederschlagung  rechtfertigen. 

—  Die  Gebühren  für  die  ärztliche  Vorprüfung  wurden 
neuerdings  auf  162  000  M.,  für  die  gesamte  ärztliche  Prüfung  auf 
420  000  M.  festgesetzt.  Die  Kosten  der  zahnärztlichen  Vorprüfung  bzw. 
Prüfung  betragen  150  000,  bzw.  288  000  M. 

—  Die  Kosten  für  eine  ärztliche  Leichenschau  betragen  in 
Bayernab  7.  September  2  Millionen,  dazu  0,3  Millionen  Entfernungsgebühr 
für  jeden  Kilometer,  zusammen  aber  nicht  mehr  als  4  Millionen. 

. —  Das  preuss.  Wohlfahrtsministerium  hat  neue  Vorschriften  erlassen 
über  die  staatliche  Prüfung  von  Masseuren,  nebst  Ausführungs¬ 
anweisung  und  Ausbildungsplan  für  die  Lehrgänge  der  Massageschulen.  Sie 
sind  im  Amtsblatt  „Volkswohlfahrt“  Nr.  17,  1923  veröffentlicht. 

—  Unter  dem  Eindruck  einer  dreitägigen  gründlichen  Aussprache  über 
das  Problem  des  Alkoholverbotes,  die  vom  26. — 28.  August  in  Hamburg 
stattfand  und  an  welcher  sämtliche  alkoholgegnerische  Organisationen 
Deutschlands  beteiligt  waren,  fasste  der  Ausschuss  für  das 
Alkohol  verbot  in  Deutschland  in  seiner  Sitzung  vom  29.  August 
einstimmig  die  folgende  Entschliessung:  1.  In  dem  vorliegenden  Entwürfe 
eines  Reichsschankstättengesetzes  begrüssen  wir  die  Einführung  des  Ge¬ 
meindebestimmungsrechtes,  bedauern  aber  zugleich  dessen  übermässige  Er¬ 
schwerungen.  Gerade  für  die  wichtige  Aufgabe  einer  Befreiung  Deutsch¬ 
lands  von  der  verhängnisvollen  Geissei  des  Alkoholismus  sollte  man  dem 
Selbstbestimmungsrecht  des  Volkes  freiesten  Spielraum  gewähren.  2.  Im 
schreiendsten  Widerspruch  zu  der  gegenwärtigen  Ernährungsnot  steht  die 
Vergärung  und  die  Ausfuhr  von  gewaltigen  Mengen  auf  deutschem  Boden 
erzeugter  Nahrungsmittel  für  Zwecke  der  Alkoholerzeugung  und  des  Alkohol¬ 
genusses.  Wir  halten  ein  Notgesetz  für  erforderlich,  das  im  Interesse  der 
Erhaltung  von  Hunderttausenden  deutscher  Menschenleben  einem  solchen  Wider¬ 
sinn  schleunigst  ein  Ende  macht.  3.  Da  die  Interessen  des  Gemeinwohles 
unbedingt  über  diejenigen  eines  besonderen  Berufes  zu  stellen  sind,  müsste 
alles  getan  werden,  um  die  zurzeit  in  der  Alkoholproduktion  beschäftigten 
Kräfte  auf  anderweitige  und  weniger  schädliche  Betätigung  hinzulenken. 
Durch  Wanderlehrer  und  andere  Wege  der  Aufklärung  müsste  auf  Umstellung 
der  Betriebe  bzw.  auf  alkoholfreie  Verwertung  unserer  Obst-  und  Frucht¬ 
ernten  hingewirkt  werden.  4.  Durch  planmässigen  Unterricht  in  den  Schulen 
sollte  dafür  gesorgt  werden,  dass  die  jetzt  aufwachsende,  durch  die  Kricgs- 
folgen  so  sehr  gefährdete  Generation  wenigstens  vor  den  Gefahren  des 
Alkoholismus  besser  als  frühere  Geschlechter  sich  schützen  lernte.  5.  Nach¬ 
dem  jetzt  die  ersten  wissenschaftlichen  zuverlässigen  Arbeiten  über  das 
amerikanische  Alkoholverbot  und  seine  günstigen  Folgen  vorliegen,  sollte  die 
Frage  eines  allgemeinen  Alkoholverbotes  auch  für  Deutschland  ernsthaft  ins 
Auge  gefasst  werden. 

—  Die  Volkszählung  der  Republik  Oesterreich  vom 
7.  März  d.  J.  ergab  bei  einer  Gesamtbevölkerung  von  6  526  661  Bewohnern 


3  382  568  weibliche  und  nur  3  144  093  männliche  Personen.  Die  weibliche 
Bevölkerung  ist  damit  wieder  über  den  Stand  von  1910  gestiegen,  während 
die  männliche  noch  um  141  255  zurücksteht.  Der  Ueberschuss  der  weiblichen 
Bevölkerung  beträgt  im  Durchschnitt  76  auf  1000  der  männlichen  Bevölkerung; 
das  ist  zwar  noch  immer  um  53  mehr  als  Ende  1910,  aber  doch  schon  weniger 
als  1920.  In  den  geburtenreichen  Ländern  Oberösterreich,  Salzburg  und  Tirol 
hat  nicht  nur  die  Zahl  der  weiblichen,  sondern  auch  die  der  männlichen  Be¬ 
völkerung  bereits  die  Höhe  von  1910  überschritten,  während  in  Wien,  im 
Burgenland  und  in  Vorarlbetg  sowohl  die  männliche  als  auch  die  weibliche 
Bevölkerung  noch  hinter  der  damaligen  Zahl  zurückgeblieben  ist.  In  Nieder¬ 
österreich,  Steiermark  und  Kärnten  ist  nur  die  weibliche  Bevölkerung  zahl¬ 
reicher  als  vor  12  Jahren.  In  den  Städten  ausser  Wien  hat  das  allgemeine 
Wachstum  bis  1914  in  Verbindung  mit  der  neuerlich  wieder  einsetzenden  Zu¬ 
wanderung  dahin  gewirkt,  dass  fast  überall  die  weibliche  Bevölkerung 
gegenüber  dem  Stande  von  1910  schon  namhaft,  die  männliche  in  geringerem 
Maasse  zugtnommen  hat.  (W.kl.W.) 

—  In  den  Vereinigten  Staaten  ist  die  Beobachtung  gemacht  worden, 
dass  die  Körperlänge  der  studierenden  Frauen  in  den 
letzten  3  Jahrzehnten  nicht  unbeträchtlich  zugenommen  hat.  Die  Berechnungen 
stützen  sich  auf  insgesamt  21383  Frauen  und  sind  an  3  Colleges,  Stanford, 
V  a  s  s  a  r  und  Smith,  gemacht.  Die  Zunahme  beträgt  durchschnittlich 
1,2  Zoll  und  wird  von  C.  D.  Mo  sh  er  (Journ.  A.  M.  A.,  16.  August  1923)  | 
nicht  auf  eine  vermehrte  Einwanderung  nordischer  Rasse,  sondern  aufj 
Umwelteinflüsse,  besonders  auf  Aenderungen  der  Mode  und  bessere  körper-| 
liehe  Ausbildung  (Sport)  der  Frauen  zurückgeführt.  Die  zweckmässigere 
Kleidung  hat  auch  einen  grösseren  Hüftenumfang  und  ein  Seltenerwerden  I 
dysmenorrhoischer  Beschwerden  bewirkt. 

—  Der  bisherige  langjährige  Vorsitzende  des  Vereins  der  Apotheker! 
Münchens,  Herr  Dr.  Karl  B  e  d  a  1 1,  hat  den  Vorsitz  dieses  Vereins  nieder¬ 
gelegt.  Herr  Dr.  Be  da  11  erfreut  sich  auch  in  ärztlichen  Kreisen  hohen 
Ansehens.  Sein  Nachfolger  wurde  Herr  Dr.  Max  Brenner,  Verwalter  der 
Bonifaziusapotheke. 

—  Die  2.  Tagung  der  Deutschen  Gesellschaft  für 
Unfallheilkunde,  Versicherungs-  und  Versorgungs¬ 
medizin  findet  am  6.  Oktober  d.  J.  im  Hörsaal  der  Chirurg.  Klinik  in, 
Frankfurt  a.  M.  statt.  1.  Vorsitzender  ist  Prof.  Dr.  L  i  n  i  g  e  r  daselbst. 

—  Vom  18. — 21.  Oktober  d.  J.  findet  in  Palermo  der  5.  italieni¬ 
sche  Kongress  für  medizinische  Strahlenforsch  ung 
unter  dem  Vorsitz  des  Prof.  O.  M.  C  orbin  o  statt. 

—  In  Rücksicht  auf  die  allgemeine  wirtschaftliche  Lage  und  insbesondere 
auf  die  enorme  Steigerung  der  Eisenbahnfahrpreise  wurde  die  für  18.  bis 
20.  September  in  Aussicht  genommene  XIII.  Tagung  der  Deutschen 
Gesellschaft  für  Gerichtliche  und  Soziale  Medizin  in 
Bad  St  eben  gleichfalls  abgesagt.  Hievon  werden  auf  diesem  Wege  die 
Herren  Kollegen  in  Kenntnis  gesetzt. 

—  Das  japanische  staatliche  Institut  für  Infektionskrankheiten  in  Tokyo, i 
Direkter:  Prof.  Mataro  N  a  g  a  y  o,  hat  beschlossen,  die  aus  ihm  her  ver¬ 
gehenden  wissenschaftlichen  Arbeiten,  die  bisher  zumeist  in  der  Monatsschrift! 
„Japanese  Journal  of  Experimental  Medicine“  veröffentlicht  wurden,  in  einem | 
besonderen  Bericht  (Scientific  Reports  from  the  Gover  ne¬ 
in  ent  Institute  for  Infections  Disseases,  the  Tokyo  imperial 
lUniversity)  erscheinen  zu  lassen.  Von  diesen  Berichten  liegt  der  erste! 
jetzt  vor.  Der  454  Seiten  starke  Band  enthält  Arbeiten  aus  den  Gebieten! 
der  Bakteriologie  und  Serologie  und  der  Pathologie.  Er  wird  für  das] 
Studium  der  neuesten  japanischen  Literatur  unentbehrlich  sein. 

—  In  Veits  Sammlung  wissenschaftlicher  Wörterbücher  (Verlag  der 
Vereinigung  wissenschaftlicher  Verleger,  Walter  de  Gruyter  &  Co., 
Berlin  und  Leipzig)  erschien  ein  Bändchen:  C.  W.  Schmidt,  Etymo¬ 
logisches  Wörterbuch  der  Naturwissenschaften  undi 
Medizin.  Es  gibt  eine  sprachliche  Erklärung  von  rund  5200  Namen  und 
Ausdrücken  aus  den  verschiedensten  Gebieten  der  Naturwissenschaften,  ein-! 
schliesslich  der  Medizin.  Es  wendet  sich  in  erster  Linie  an  Leute  ohne! 
Kenntnis  der  alten  Sprachen,  ward  aber  auch  akademisch  gebildeten  Be-] 
nützern  oft  gute  Dienste  leisten.  Grundzahl  3.6. 

Hochschulnachrichten. 

Göttingen.  Der  Privatdozent  Dr.  med.  Wilhelm  v.  Gaza  (Chi-, 
rurgie),  planmässiger  Überarzt  an  der  chirurgischen  Poliklinik,  wurde  zum 
nichtbeamteten  ausserordentlichen  Professor  ernannt,  (hk.) 

Heidelberg.  Die  medizinische  Fakultät  hat  den  Holzindustriellen 
N.  Wolffsohn  in  Mannheim  in  Anerkennung  seiner  namhaften  Verdienste 
um  die  tatkräftige  Förderung  wissenschaftlicher  Forschung  und  seines  be¬ 
sonderen  Interesses  für  alle  Bestrebungen  der  praktischen  Medizin  zum 
Wohle  der  leidenden  Menschheit  zum  Ehrendoktor  ernannt. 

Rostock.  Der  o.  Professor  der  Tierbakteriologie  und  Tierhygiene 
Dr.  Richard  Reinhardt  erhielt  einen  Ruf  in  gleicher  Eigenschaft  nach 
Leipzig.  —  Der  o.  Professor  für  Zoologie  Dr.  Karl  v.  Frisch  hat  den  Ruf 
nach  Breslay  angenommen;  zu  seinem  Nachiolger  ist  der  a.  o.  Professor 
Dr.  Paul  Schulze  in  Berlin  berufen. 

Wien.  Die  mit  dem  Titel  eines  a.  o.  Professors  bekleideten  Privat¬ 
dozenten  Dr.  med.  Leopold  Arzt  (Dermatologie  und  Syphilidologie)  und 
Dr.  Bela  Schick  (Kinderheilkunde)  wurden  zu  unbesoldeten  ausserordent¬ 
lichen  Professoren  ernannt  und  den  Privatdozenten  Dr.  Karl  Glaessner' 
(Innere  Medizin),  Dr.  Wolfgang  Denk  (Chirurgie),  Dr.  Rudolf  Müller 
(Dermatologie  und  Syphilidologie)  und  Dr.  Wilhelm  N  e  u  m  a  n  n  (Innere 
Medizin),  Primararzt  und  Abteilungsvorstand  im  Wilhelminenspital,  der  Titel' 
eines  a.  o.  Professors  verliehen,  (hk.) 

-  -  —  -=.^.  .  .  -arj 

Amtsärztlicher  Dienst.  (Bayern.) 

Die  Bezirksarztstelle  in  Landau  a.  I.  ist  erledigt.  Bewerbungen  sind  bei 
der  Regierung.  Kammer  des  Innern,  des  Wohnorts  bis  17.  September  1923 
einzureichen. 


Reichsteuerungsindex. 

Der  Reichsteuerungsindex  für  Ernährung,  Heizung,  Beleuchtung,  Wohnung 
und  Kleidung  betrug  in  der  Woche  vom  20. — 26.  August  753  733,  in  der 
Woche  vom  27.  August  bis  2.  September  1  183  434,  in  der  Woche  vom 
3.-9.  September  1  845  261.  Basiszahl  1913/14  =  1. 

Die  Buchhändler-Schlüsselzahl  ist  am  12.  Sept.  6  000  000. 


Verlag  von  J.  I~.  Lehmann  in  München  SW.  2,  Paul  Heyj>e-Str.  2o.  —  Druck  von  E.  Mühlthaler's  liuch-  und  Kunstdruckerei  Q.m.b.H.  München. 


Preis  der  einzelnen  Nummer  freibleibend  M  500000.-.  *  Bezugs¬ 
preis  in  Deutschland  und  Ausland  siebe  unter  Bezugsbedingungen. 
Zusendungen  sind  zu  richten 

für  die  Schriftleitung:  Arnmfstr.  26  (Sprechstunden  8! -£ — 1  Uhr), 
für  Bezug:  anj.  F.  Lehmanns  Verlag,  Paul  Heyse-Strasse  25. 


MÜNCHENER 


Anzeigen-Annalmiü : 

Leo  Waibel,  München,  Theatinerstrasse  5 
Anzeigenschluss: 

Immer  5  Arbeitstage  vor  Erscheinen. 


ORGAN 

FÜR  AMTLICHE  UND  PRAKTISCHE  ÄRZTE. 

L_  X  V  JL.  X.  X  n 

Nr.  38.  21.  September  1923. 

Schriftleitung:  Dr.  B.  Spatz,  Arnulfstrasse  26. 

Verlag:  J.  F.  Lehmann,  Paul  Heysestrasse  26. 

70.  Jahrgang. 

Der  Verlag  behält  sieh  das  ausschliessliche  Recht  der  Vervielfältigung  und  Verbreitung  der  in  dieser  Zeitschrift  zum  Abdruck  gelangenden  Originalbeiträge  vor. 


Originalien. 

4us  der  Röntgenabteilung  der  Universitäts-Frauenklinik  Berlin. 
(Direktor:  Geheimrat  Bumm.) 

Ueber  die  Ursachen  der  Misserfolge  der  Röntgentherapie 
bei  malignen  Neubildungen. 

Von  Dr.  P.  Sippel  und  Dr.  G.  Jaeckel. 

Wir  sehen  heute  auf  einen  Zeitraum  von  elf  Jahren  zurück,  in 
welchem  an  der  Berliner  Universitäts-Frauenklinik  bösartige  Ge- 
schwulstformen  mit  Röntgenstrahlen  behandelt  wurden.  In  der  ersten 
Zeit  beschäftigen  uns  nur  weibliche  Genitalkarzinome.  Günstige 
Anfangserfolge  zogen  bald  weitere  Kreise,  auch  chirurgische  Kli- 

Iniken  überwiesen  uns  in  der  Folgezeit  häufiger  Karzinome  zur  Strah¬ 
lenbehandlung,  meist  allerdings  technisch  schwer  operabele  oder  in- 
operabele  Fälle  und  Rezidive.  So  ist  unser  Material  im  Laufe  der 
Zeit  recht  vielseitig  geworden  und  nicht  auf  die  Genitalsphäre  be¬ 
schränkt  geblieben. 

Leider  sind  die  schönen  Hoffnungen,  welche  wir  auf  die  Röntgen¬ 
strahlen  im  Kampfe  gegen  maligne  Tumoren  gesetzt  hatten,  nicht  in 
Erfüllung  gegangen,  und  dem  anfänglichen  Optimismus  haben  schwere 
Enttäuschungen  Platz  machen  müssen.  Auch  die  heutigen  Best.ah- 
ungsmethoden  haben  trotz  Höchstleistung  von  Apparaten  und  Röh- 
-en  keine  Aenderung  und  Verbesserung  der  Resultate  herbeizuführen 
/ermocht.  Wir  haben  bis  heute  153  maligne  Neubildungen  und  224 
Rezidive  bestrahlt,  davon  kommen  zu  der  Beurteilung  der  wirk¬ 
lichen  Dauerheilerfolge  nur  die  Fälle  in  Frage,  welche  5  Jahre  zu- 
:  ückliegen. 

Bis  zum  Mai  des  Jahres  1918  einschliesslich  waren  es  71  maligne 
i  Tumoren  und  83  Rezidive,  welche  ausschliesslich  mit  Röntgenstrahlen 
)ehandelt  wurden.  Dazu  berücksichtigen  wir  noch  die  bis  zu  diesem 
Zeitpunkt  ausgeführten  144  prophylaktischen  Bestrahlungen  nach 
Operationen,  die  eine  eigene  Beurteilung  erfordern. 

ln  aller  Kürze  seien  die  wichtigsten  Daten  über  die  Dauererfolge 
>ei  Genital-  und  Brustkarzinomen  zahlenmässig  hier  angeführt,  weil 
ie  für  den  Gesamtüberblick  von  Bedeutung  sind. 

1.  Kollumkarzinome:  nur  mit  Röntgenstrahlen  behandelt: 
a)  operabele:  10,  geheilt  1  (im  Jahre  1918  gestorben  durch  Selbstmord, 
welcher  aus  Familiengründen  verübt  wurde); 
b)  inoperabele  und  Grenzfälle:  12,  geheilt  2  (davon  war  ein  Fall 
operabel  geworden  und  wurde  durch  die  Operation  geheilt). 

2.  Korpuskarzinome  (inoperabele):  2,  geheilt  0. 

3.  Vulvakarzinome  (inoperabele):  4,  geheilt  0. 

4.  Urethralkarzinome:  2,  geheilt  1. 

(  5.  Ovarialkarzinome  (inoperabele):  4,  geheilt  0. 

6.  Brustkarzinome,  primär  bestrahlt:  9,  geheilt  1  =  11  Proz. 

7.  Blasenkarzinome  (inoperabele):  3,  geheilt  0. 

1  l  Ä ^  V' 

Postoperative  Rezidivbestrahlungen: 

1.  Zervixkarzinomrezidive:  14,  geheilt  0. 

2.  Ovarialkarzinomrezidive:  8,  geheilt  1  =  12,5  Proz. 

3.  Brustkarzinomrezidive:  38,  geheilt  6  =  15,78  Proz. 

4.  Bl^senkarzinomrezidive:  1,  geheilt  1. 

Prophylaktische  Bestrahlungen  nach  Operationen: 

1.  Nach  Radikaloperation  bei  Zervixkarzinomen  (meist  kombiniert  mit 
Radium):  108,  geheilt  58  =  53,7  Proz. 

2.  Nach  Radikaloperation  bei  Ovarialkarzinomen:  20,  geheilt  7  =  35  Proz. 

3.  Nach  Mammaamputation:  16,  geheilt  5  =  31  Proz. 

Bei  den  übrigen  Fällen  handelt  es  sich  um  extragenitale  Karzinome  und 
arkome,  auf  deren  Verhalten  wir  noch  zu  sprechen  kommen. 

Befriedigend  sind  nur  die  Erfolge  bei  der  prophylaktischen  Be- 
trahlung  nach  Operationen  von  K  o  1 1  u  m  -  und  Ovarialkarzi- 
omen  (53,7  Proz.  und  35  Proz.),  auch  inoperabele  Rezidive  nach 
irustkarzinom  Hessen  sich  zum  Teil  günstig  beeinflussen  und  noch 
l  15,7  Proz.  der  Fälle  zur  Heilung  bringen,  im  übrigen  sind  die  Re- 
ultate  aber  bis  auf  wenige  Ausnahmen  vernichtend. 

Die  Ursachen  für  die  häufigen  Misserfolge 
lussten  entweder  in  der  physikalischen  Ueber- 
chätzung  der  Tiefenwirkung  und  Dosierungsfeh- 
ern  oder  aber  in  der  Ueberschätzung  der  Empfind- 
ichkeit  bösartiger  Geschwülste  gegen  Röntgen- 
trahlen  gesucht  werden. 

Nr.  38. 


Wir  sahen  uns  deshalb  veranlasst,  der  Dosierung  auf  den  Grund 
zu  gehen  und  insbesondere  die  auf  photographischem  Wege  gewon¬ 
nenen  physikalischen  Diagramme  Dessauers,  welche  die  Intensi- 
tätsverteilung  im  Körper  darstellten,  einer  Nachprüfung  zu 
unterziehen. 

Bei  allen  weit  zurückliegenden  Fällen  lässt  sich  die  verabfolgte 
physikalische  Dosis  nicht  mit  der  wünschenswerten  Exaktheit  an¬ 
geben.  Dieser  Mangel  wird  aber  nicht  nur  unserer  Statistik,  sondern 
auch  vielen  anderen  Zusammenstellungen  anhaften.  Die  früher  ge¬ 
bräuchlichen  Dosierungsmittel  —  Kienböck-Streifen  und  Sabouraud- 
Noirö-Tabletten  —  Hessen  eben  nur  eine  verhältnismässig  geringe 
Maassgenauigkeit  zu  (50  Proz.  nach  Krönig  und  Friedrich); 
und  auch  bei  gleichlangen  Bestrahlungen  unter  denselben  Betriebs¬ 
bedingungen  ist  nach  unseren  Erfahrungen  und  Messungen  die  Kon¬ 
stanz  der  physikalischen  Dosis  nicht  gesichert,  so  dass  eine  nach¬ 
trägliche  Ermittelung  der  Dosis  aus  den  Aufzeichnungen  über  Span¬ 
nung,  Stromstärke,  Bestrahlungszeit,  Fokushautabstand  und  Filter 
nicht  möglich  ist.  Da  es  sich  hier  um  eine  Tatsache  von  allgemeinem 
Interesse  handelt  —  denn  die  Dosierung  nach  Kilo-Volt,  Milliampere 
und  Zeit  ist  gebräuchlich  auf  vielen  Therapiestationen  —  so  seien  die 
Resultate  unserer  Jontoquantimetermessungen  kurz  angegeben. 

1.  Die  Strahlenausbeute  von  Coolidge-Röhren 
gleichen  Systems,  gemessen  am  gleichen  Tage  unter  den 
gleichen  Betriebsbedingungen,  kann  sehr  verschieden 
sein.  Wir  berechneten  für  4  verschiedene  A.E.G.  -  Coolidge  -  Röhren 
unter  unseren  Betriebsbedingungen  aus  den  Intensitätsmessungen 
Erythemzeiten  von  83,  85,  89,  122  Minuten.  Es  kommen  also  neben 
annähernd  gleichen  Röhren  auch  solche  von  abnorm  niedriger  Strah¬ 
lenausbeute  vor  (vgl.  Jaeckel,  Technische  Erfahrungen  mit  den 
modernen  Röntgentherapieapparaten  der  Universitäts-Frauenklinik 
zu  Berlin,  Röntgenhilfe,  1922,  Heft  4/5). 

2.  Das  Milliamperemeter  kann  infolge  von  elektrischen 
Aufladungen,  die  sich  auf  der  vorderen  Glaswand  durch  elektrische 
Anziehung  anhäufen  und  die  nun  ihrerseits  auf  den  Zeiger  anziehend 
wirken,  ganz  verschiedene  Angaben  machen,  je  nach  dem  Feuchtig¬ 
keitsgehalt  der  Luft  und  dem  Isolationsvermögen  der  Glaswand:  von 
2  hintereinandergeschalteten  Milliamperemetern  zeigte  z.  B.  das  eine 
2,  das  andere  2,7  Milliampere,  obwohl  die  Instrumente  bei  Kontroll- 
versuchen  mit  niedriger  Spannung  ausgezeichnet  übereinstimmten. 
Der  Fehler  bei  den  Angaben  des  Milliamperemeters  kann  aber  noch 
erheblich  höher  sein;  wir  fanden  an  anderen  Tagen  60  Proz. 
AbweichungvomwahrenWert:  bei  niedrigen  Stromstärken 
nach  oben,  bei  hohen  Stromstärken  nach  unten. 

3.  Wir  fanden  bei  einem  als  durchaus  verlässlich  gerühmten  In¬ 
strumentarium,  dass  das  Kilovoltmeter  nach  mehrstündigem 
Betrieb  infolge  Erwärmung  durch  die  benachbarten  Regulierungs- 
widerstände  der  Schaltafel  viel  zu  niedrige  Spannungen 
anzeigte.  Wenn  wir  ohne  Sicherheitsfunkenstrecke  gearbeitet  hätten, 
so  wäre  sicher  auf  gleiche  angezeigte  Spannung  nachreguliert  worden 
und  damit  eine  Ueberdosierung  von  50  Proz.  —  also  eine  Röntgen¬ 
verbrennung  —  verursacht  worden.  Ausserdem  aber  durch  die  be¬ 
trächtliche  Ueberschreitung  der  Betriebsspannung  auch  das  Röntgen¬ 
rohr  stark  gefährdet  worden. 

Alle  drei  Beobachtungen  zeigen,  welchen  Fehlern  man  ausgesetzt 
ist,  wenn  man  nach  Kilovolt,  Milliampere  und  Zeit  bestrahlt.  Wir 
können  daher  nicht  eindringlich  genug  die  häufige  Intensitätsmessung 
der  Röntgenröhren  anraten  und  empfehlen  ferner,  wo  eine  dauernde 
Kontrolle  der  Intensität  unmöglich  ist,  den  elektrostatischen  Schutz 
des  Milliamperemeters  (den  wir  auf  dem  Röntgenkongress  1922,  Vor¬ 
trag  78,  angegeben  haben)  und  die  Sicherung  des  Röntgenrohrs  duich 
eine  Parallelfunkenstrecke.  Die  Ermittelung  der  Spannung  mit  dem 
Röntgenspektrometer  halten  wir  für  die  Tiefenthera- 
pie  für  praktisch  ungeeignet.  Bei  dem  Röntgenspektro¬ 
meter  nach  March,  Staun  ig  und  Fritz  wird  durch  Drehen  eines 
Sfteinsalzkristalls,  das  von  einem  schmalen  Röntgenstrahlenbüschel 
getroffen  wird,  rechts  und  links  vom  Durchstossungspunkt  der  direk¬ 
ten  Strahlen  ein  Röntgenspektrum  entworfen.  Der  Abstand  des  kutz- 
welligen  Endes  dieser  Spektren  ist  ungefähr  proportional  der 
Wellenlänge  a  und  diese  umgekehrt  proportional  der  Spannung  V 
(V.Z.  =12,3  =  Kilovolt  X  Aengström).  —  Da  die  Stromstärke  der 
Therapieröhren  sehr  gering  und  ihr  Brennfleck  unscharf,  ist  das 
Röntgenspektrum  aber  so  lichtschwach,  dass  nach  unseren  Erfah¬ 
rungen  selbst  bei  vollkommener  Dunkeladaption  und  unter  Benutzung 
einer  Ableselupe  die  Grenzwellenlänge  nur  auf  0,005  A°  genau  be- 

2 


1192 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT, 


Nr.  38. 


stimmt  werden  kann  (zwischen  den  einzelnen  Beobachtungen  von 
Gotthardt  und  Wertheimer,  M.in.W.  1923,  p.  459,  bestehen 
sogar  zum  Teil  nocii  grössere  Abweichungen).  Dieser  Fehler  macht 
aber  bei  einer  Strahlung  von  0,06 — 0,07  A°  Grenzwellenlänge  8  Proz. 
aus  und  ebensoviel  Prozente  bei  der  Spannungsangabe  —  nach  un¬ 
seren  Messungen  über  die  Abhängigkeit  der  Intensität  von  der  Span¬ 
nung  (Röntgenkongress  1922,  Vortrag  62))  entspricht  dem  aber  ein 
Fehler  von  etwa  30  Proz.  in  der  Dosis.  —  Deswegen 
müssen  wir  das  Spektrometer  als  Dosierungsmit¬ 
tel  für  die  Tiefentherapie  als  ungenau  ablehnen,  so 
gut  dieses  handliche  Instrument  für  die  Messung  niedriger  Span¬ 
nungen  bei  höheren  Stromstärken  auch  sein  mag.  Ob  das  neue  In¬ 
strument  den  Anforderungen  in  bezug  auf  Messgenauigkeit  besser 
gerecht  wird,  müssen  weitere  Versuche  ergeben.  Um  einerseits  die 
Schwierigkeiten  der  physikalischen  Dosierung  zu  vermeiden,  ander¬ 
seits  aber  dem  Körper  die  grösstmögliche  Dosis  zuzuführen, 
wurde  in  unserer  Klinik  vor  1920  die  Haut  stets  solange  bestrahlt, 
bis  ein  Erythem  auftrat.  —  Das  hatte  den  Vorteil,  dass  auf  die  Kör¬ 
peroberfläche  stets  dieselbe  biologische  Dosis  verabfolgt  wurde, 
den  Nachteil,  dass  die  physikalische  Dosis  je  nach  der  individuellen 
Empfindlichkeit  der  Haut  verschieden  gross  war. 

Trotz  Verabfolgung  der  grösst  möglichen  Dosis 
hatte  man  aber  —  wie  die  Statistik  zeigt  —  ungünstigeErgeb- 
n  i  s  s  e  bei  der  perkutanen  Bestrahlung  tiefgelegener  Geschwülste. 
Die  Ursache  konnte  also  nur  eine  Ueberschätzung  der  Tiefenwirkung 
oder  eine  geringere  Sensibilität  der  Tumoren  sein,  als  man  nach  den 
Anfangserfolgen  angenommen  hatte. 

Zur  Feststellung  der  Tiefenwirkung  in  10  cm  Tiefe  machten  wir 
mit  dem  Jontoquantimeter  von  Reiniger,  Gebbert  &  Schall 
zahlreiche  Messungen  und  prüften  die  erhaltenen  Werte  für  die  pio- 
zentuale  Tiefenintensität  biologisch  nach,  wie  in  einer  früheren  Ar¬ 
beit  angegeben  (M.m.W.  1923,  p.  455  ff.).  Wir  fanden  Uebereinstim- 
mung  mit  den  bekannten  Messungen  von  Er  i  e  d  r  i  c  h  und  Körner 
(Strahlentherapie  Bd.  XL,  Heft  3,  1920),  die  mit  einer  ähnlichen  An¬ 
ordnung  ausgeführt  waren.  Dagegen  stellten  sich  erheb¬ 
liche  Unterschiede  heraus  zwischen  den  erwähn¬ 
ten  Ionisationsmessungen  und  den  früher  in  un¬ 
serer  Klinik  benutzten  Angaben  von  Dessauer  über 
die  Tiefenintensität  der  Röntgenstrahlen. 

Die  Tabelle  I  zeigt  den  Widerspruch  zwischen  Messungen  von 
Dessauer  und  V  i  e  r  h  e  1 1  e  r  (Strahlentherapie  XII,  1922,  Tab.  6) 
und  Friedrich  und  Körner  unter  fast  gleichen  Betriebsbedin¬ 
gungen,  in  die  wir  für  19  cm  Tiefe  einen  von  uns  erhaltenen  Wert 
eingefügt  haben,  Tabelle  2  den  Widerspruch  zwischen  einer  photo¬ 
graphischen  Intensitätsmessung  von  Dessauer  und  V  i  e  r  h  e  1 1  e  r 
und  einer  Vergleichsmessung  derselben  Autoren  nach  der  Ioni¬ 
sationsmethode. 

Tabelle  1. 


Messungen  von: 

Friedricli-Körner 

Dessauer-Vierheller 

Spannung  . 

180 

181,5  Kilovolt 

Filter  ....  •  .  .  . 

1  mm  cu. 

0,8  mm  cu.  1  mm  Al. 

Feld . 

20  X  20 

18  X  24 

Fokus-Haut . 

30  cm 

80  cm 

Tiefe: 

Intensitäten : 

0 

100 

100 

1 

94,8 

90,5 

2 

88,8 

81,5 

3 

81,8 

74,8 

4 

74,5 

66,5 

5 

67,2 

60,0 

6 

6",0 

65,0 

7 

52,4 

51,0 

8 

45,5 

47.5 

9 

39,0 

45,0 

10 

33,6 

43,0 

19 

6 

12,8 

Tabelle  2.  Vergleichsmessungen  von  Dessauer  und 
V  i  e  r  h  e  1 1  e  r.  (Zschr.  f.  Physik  4  (1921)  141.) 


Tiefe : 

0 

5 

10 

13 

19 

Intensitäten  n.  d.  Ionisationsmethode 

100 

46,5 

30 

14,0 

5,0 

Nach  der  Filmmethode . 

100 

52,0 

39 

20 

10,1 

Unterschied: . 

0 

5,6 

9 

6 

6,1 

Prozentualer  Unterschied: . 

0 

12 

30 

43 

102  Proz. 

Man  sieht  aus  Tabelle  2  deutlich,  dass  der  prozentuale  Unter¬ 
schied  der  beiden  Messungen  mit  der  Tiefe  ständig  zunimmt,  dass 
also  wahrscheinlich  ein  systematischer  Fehler  der  einen  Methode 
vorliegt,  und  dass  —  wenn  die  Ionisationsmethode  biologisch  richtige 
Werte  ergibt  —  die  Angaben  Dessauers  eine  Ueberschätzung  der 
Tiefenwirkung  bedeuten. 

Unser  Bestreben,  Klarheit  zu  schaffen,  veranlasst  uns,  einige 
physikalisch  merkwürdige  Angaben  der  Dessauer- 
Vierhellerschen  Arbeiten  einer  Nachprüfung  zu 
unterziehen.  Es  setzte  uns  z.  B.  in  Erstaunen,  dass  ein  schräg 
von  den  Röntgenstrahlen  getroffener  Film  stärker  geschwärzt  werden 
sollte  als  ein  senkrecht  getroffener  (Zschr.  f.  Physik  4  [1921],  p.  137). 
Das  ist  physikalisch  nicht  einzusehen  und  würde  —  wenn  cs  den 
Tatsachen  entspräche  —  die  ganze  photographische  Intensitätsmes¬ 


sung  im  Wasserphantom  stürzen,  da  die  Streustrahlen  die  Schicht  in 
allen  möglichen  Richtungen  durchsetzen  und  daher  systematisch 
überschätzt  werden  müssen.  —  Unsere  Versuche  über  diese  Frage  — 
die  an  anderer  Stelle  ausführlich  berichtet  werden  sollen  —  ergaben, 
dass  eine  Abhängigkeit  der  Schwärzung  von  der  Einfallsrichtung  in 
dem  von  Dessauer  angegebenen  Sinne  nicht  besteht;  nur  bei  fast 
streifender  Inzidenz  zeigte  sich  eine  Beeinflussung  durch  die  Einfalls¬ 
richtung,  aber  die  Schwärzung  war  nicht  abnorm  gross  —  wie  man 
nach  Dessauer  annehmen  sollte  — ,  sondern  gering,  da  die  ziem¬ 
lich  stark  durchstrahlte  Bromsilberschicht  als  Filter  wirkt.  Weiter 
fanden  wir,  dass  die  zu  starke  Schwärzung  am  Rande  des  Bestrah¬ 
lungsfeldes,  die  Dessauer  und  Vier  hell  er  Anlass  zur  Ver¬ 
mutung  des  Richtungseinflusses  gab,  auf  den  Entwicklungsvorgang 
zurückzuführen  ist;  der  „Nachbareffekt“  der  unbelichteten  Film¬ 
stellen  täuscht  zu  grosse  Intensitäten  am  Rande  des  Bestrahlungs¬ 
feldes  vor  (diese  Erscheinung  ist  erforscht  von  Professor  Eber¬ 
hard,  „Photogr.  Korrespondenz“  1922,  Nr.  736/9).  —  Ausserdem  er¬ 
gab  sich  bei  unseren  Versuchen,  dass  von  zwei  Schicht  auf  Schicht 
gelegten,  gleich  lange  bestrahlten  Films  der  von  der  Röntgenröhre 
abgewandte  bis  zu  38  Proz.  stärker  geschwärzt  war,  was  darauf  zu¬ 
rückzuführen  ist,  dass  die  in  der  Bromsilberschicht  entstandene  Se¬ 
kundär-  und  Streustrahlung  vorzugsweise  spitze  Winkel  mit  der  Pri-  1 
märstrahlung  einschliesst.  —  Wenn  man  also,  wie  es  Dessauer  jj 
und  V  i  e  r  h  e  1 1  e  r  getan  haben,  mehrere  Films  übereinander  in  j 
einem  mit  Entwickler  gefüllten  Phantom  ausspannt  und  bestrahlt,  so  & 
werden  die  tiefgelegenen  Films  auch  durch  die  Sckundärstrahlen  der  , 
darüberliegenden  Films  geschwärzt,  und  man  gelangt  wegen  dieses  I 
Zusatzes  zu  einer  mit  der  Tiefe  zunehmenden  Ueberschätzung! 
der  Intensität,  die  mit  den  Ionisationsmessungen  und  biologi-  , 
sehen  Erfahrungen  in  Widerspruch  steht. 

Wie  sehr  die  Intensitätsverteilung  bei  Bestrahlung  eines  Phan¬ 
toms  von  20  X  38  cm  Querschnitt  mit  4  Grossfeldern  aus  30  cm : 

Fokus-Haut-Abstand  bei  den  in 
Tabelle  1  angegebenen  Betriebsbe¬ 
dingungen  variiert,  je  nachdem  man  | 
die  Dessauer-Vierheller-, 
sehen  oder  die  von  Friedrich! 
und  Körner  angegebenen  und  mit  I 
unseren  Messungen  übereinstimmen-  Ü 
den  Dosenquotienten  benutzt,  zeigt  : 
Tabelle  3  (am  Rande  des  Bestrah-  : 
lungsfeldes  wurden  die  halben  In- 1 
tensitäten  eingesetzt). 


A 

x 


D  x 


r 

X 

L 


i 

-X- 


5  X 


x  2  x  B 


-X- 

3 


J 


X 

C 


Tabelle  3. 


Dosis  in  Punkt: 

1 

2 

3 

1 

1.  Bestrahl,  von  A 

100 

100 

12,8 

6 

, 

_ 

43 

33,6 

2.  .,  .,  B 

6,4 

3 

100 

100 

6,4 

3 

— 

— 

12,8 

6 

12,8 

6 

— 

— 

100 

100 

— 

— 

43 

33,6 

i-  „  „  D 

6,4 

3 

— 

— 

6,4 

3 

100 

100 

12,8 

6 

Gesamtdosis: 

125,6 

112 

100 

100 

125,6 

112 

100 

100 

111,6 

79 

Dosenquotient  Feld  5.  Feld  1:  Nach  De ssauer - Vierhel  1  er  111,6/125,6  =  89  Proz.; 
nach  Friedrich-Körner  79,2/112  =  71  Proz. 


Man  sieht,  dass  das  Verhältnis  der  Gesamtdosis  in  der  Körper- ^ 
mitte  zur  Überflächendosis  nach  Dessauer  89  Proz.,  nach  Fried¬ 
rich-Körner  71  Proz.  ist.  Da  die  biologischen  Vergleichsmes¬ 
sungen  von  uns  und  von  Glocke r,  Rothacker  und  Schön¬ 
leber  sowie  andere  Messungen  der  Intensitätsverteilung  mit  den'; 
Ionisationsmessungen  besser  übereinstimmen  als  mit  den  Werten1 
Dessauers,  so  muss  man  wohl  annehmen,  dass  in  allen  auf 
Dessauerschen  Messungen  aufgebauten  Abhand¬ 
lungen  die  Tiefenwirkung  der  Röntgenstrahlen 
physikalisch  überschätzt  worden  ist.  In  Wahrheit 
haben  wir  bei  einer  Vierfeldermethode,  wenn  wir  die  Tiefenwirkung 
durch  Fernfeldbestrahlung  und  Strahlensammler  erhöhen  —  in  der 
Körpermitte  insgesamt  wohl  höchstens  85  Proz.  der  der  Haut  verab¬ 
folgten  Gesamtdosis  (denn  beide  Kunstgriffe  vermehren  auch  die  In¬ 
tensität  auf  der  dem  Bestrahlungsfeld  entgegengesetzten  Körperseite). 
Wir  haben  in  der  Mitte  des  Körpers  —  also  gerade  da, 
wo  wir  zur  Bekämpfung  des  Tumors  eine  möglichst  grosse  Strahlen¬ 
intensität  gebrauchen  —  ein  Minimum  der  Dosis,  das  wir  nur 
beseitigen  können  durch  Hinzunahme  der  direkten  Be¬ 
strahlung  des  Tumors  mit  Radium  oder  Röntgen¬ 
strahlen  von  der  Scheide  aus.  Dadurch  wird  ohne  Be¬ 
lastung  der  Haut  eine  hinreichende  Dosis  am  Tumor  erzeugt,  um  das 
Minimum  der  Intensität  zu  beseitigen.  Das  ist  die  Erklärung  da¬ 
für,  dass  wir  mit  der  kombinierten  Radium-Röntgenbehandlung  und 
durch  Zusatz  von  Röntgenbestrahlungen  von  der  Scheide  aus  bessere 
Heilerfolge  erzielten  als  mit  der  Grossfeldermethode  allein. 

Die  Hauptmasse  der  Misserfolge  beruht  aber 
in  dem  biologischen  Verhalten  der  Geschwülste 
selbst  und  kann  in  physikalischen  Berechnungen 
allein  keine  Erklärungfinden.  Die  Karzinom-  und  Sarkom- 
zellc  beim  Menschen  ist  in  ihrer  Lebensenergie  und  der  Fähigkeit,  sich 
sekundär  im  Körper  auszubreiten,  meist  unberechenbar  und  mit 
keiner  Zelle  aus  dem  Tier-  und  Pflanzenreich  zu  vergleichen.  Ihre 
Wachstumsenergie  und  Widerstandskraft  gegen  die  Strahlenwirkung 


21.  September  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


assen  sieb  nicht  in  ein  Schema  bringen.  Nicht  nur  die  Tumoren  ver- 
.cluedener  Zellstruktur,  sondern  auch  Geschwülste  von  mikroskopisch 
dachartigen  Zellformen  und  gleicher  Anordnung  der  Zellverbände 
litterieren  oft  sehr  in  ihrer  Reaktionsfähigkeit.  Wir  sind  wohl  im- 
■tande,  einige  Grade  von  Röntgenempfindlichkeit  festzustcllen,  aber 
i  i  n  e  e  i  n  h  e  i  1 1  i  c  h  e  Dosis,  welche  zur  Abtötung  von  Ge- 
•chwulstzellen  nötig  ist,  müssen  wir  abweisen. 

Nach  unseren  Erfahrungen  sind  zu  unterscheiden: 

i  \'/  {,uI^lorcn  höchster  Sensibilität,  welche  schon  auf 
— 7a  t.D.  reagieren, 

2  solche  mittlerer  Sensibilität,  welche  auf  eine 
Strahlenmenge  ansprechen,  die  der  Erythemdosis  entspricht, 

3.  Geschwülste  von  geringerer  Sensibilität,  wel¬ 
che  sich  noch  durch  hohe  Dosen  von  V/s  und  mehr  E.D  beein¬ 
flussen  lassen, 

4.  Tumoren  mit  völlig  refraktärem  Verhalten. 
Bei  Verabfolgung  und  Berechnung  der  zum  Rückgang  eines  Tu- 

nors  notwendigen  Strahlenmenge  sind  Differenzen  von  20—30  Proz. 
»ei  Geschwülsten,  welche  im  Innern  des  Körpers  liegen,  praktisch 
licht  zu  vermeiden.  Das  Fettpolster,  der  Umfang  der  Kranken,  die 
jrosse  der  1  umoren  und  schliesslich  die  verschieden  grosse  Emp¬ 
findlichkeit  der  Haut,  welche  bei  der  zu  verabfolgenden  Erythem- 
losis  eine  massgebende  Rolle  spielt,  sind,  wie  bereits  angegeben,  die 
lauptsächlichen  Ursachen  für  eine  differierende  Tiefenwirkung.  Bei 
iner  empfindlichen  Haut  junger  Personen  ist  die  entsprechende  Tie- 
enwirkung  eine  geringere  wie  z.B.  bei  der  zähen  Bauchhaut  älterer 
..ranken,  welche  meist  mit  höheren  Dosen  beschickt  werden  kann. 
)icse  Momente  fordern  eine  besondere  Berücksichtigung  bei  der 
seurteilung  der  Sensibilität  eines  1  umors  und  der  Tiefenwirkung  der 
itranlen. 

Es  gibt  nur  wenige,  wirklichse  ns  ible  Geschwülste 
:  e  g  e  n  Röntgenstrahlen,  welche  schon  auf  Dosen  von  50—70 
roz.  der  E.D.  und  weniger  zurückgehen.  Hierzu  gehören  insbeson- 
ere  die  bösartigen  Neubildungen  der  Lymphdriisen 
nd  einige  Fälle  von  maligner  Struma,  welche  die  grösste 
Empfindlichkeit  zeigten.  Solitäre  Sarkome  der  Lymphdrüsen 
Fialse,  in  der  Schenkelbeuge  sowie  im  Nasenrachenraum  Hessen 
ich  günstig  beeinflussen  und  heilen.  Auch  bei  einem  Sarkom  der 
rostata  eines  jungen  Mannes  und  einem  kindskopfgrossen  Sar- 
om  rezidiv,  welches  vom  Mesenterium  ausgegangen  war 
atten  wir  einen  vollen  Erfolg  zu  verzeichnen.  Die  Fälle  von  mul- 
ipel  aufgetretenen  malignen  Lymphomen  erfuhren 
ber  nur  eine  vorübergehende  Besserung,  die  Kranken  erlagen  bei 
rtlichem  Rückgang  der  Geschwülste  stets  der  weiteren  Aussaat,  der 
chweren  Blutveränderung  und  Entkräftigung.  Auch  häufiger  ver- 
enommene  Bluttransfusionen  konnten  in  diesen  Fällen  das  Fort- 
chreiten  der  Erkrankung  nicht  aufhalten.  Oberflächlich  gelegene 
noten  von  Brustkarzinomrezidiv  en  zeigten  ebenfalls 
aunger  ein  günstiges  Verhalten.  Ferner  konnten  wir  ein  Rezidiv 
ines  fibroplastischen  Sarkoms,  welches  vom  Becken- 
mdegewebe  ausgegangen  war,  und  eine  diffuse  Sarkomatose 
es  Peritoneums  nach  vorangegangener  Probelaparotomie 
urcli  mittlere  Dosen  von  70 — 80  Proz.  zur  Heilung  bringen,  auch  ein 
all  von  Basalzellenkarzinom  Hess  sich  günstig  beein- 
ussen. 

Die  weitaus  grössere  Mehrzahl  der  malignen  Neubildungen  ge- 
oren  der  dritten  und  vierten  Gruppe  an  (zirka  60—70  Proz.),  und 
ur  cm  geringer  Prozentsatz  (zirka  10-^20  Proz.)  bleibt  noch  für  die 
weite  Gruppe  übrig.  Gerade  die  Zervixkarzinome  erwiesen 
ich  ausserordentlich  hartnäckig;  sie  zeigten  auf  die  allseitige  per- 
utane  I  iefenbestrahlung  bis  zum  Erythem  in  den  meisten  Fällen 
ine  nur  geringe  oder  gar  keine  Reaktion,  ganz  gleichgültig,  ob  die 
lein-  oder  Grossfeldermethode  in  Anwendung  kam.  Sie 
eanspruchen  weit  höhere  Dosen  als  man  angenommen  hatte.  Diese 
atsache  wird  bewiesen  durch  die  besseren  Resultate  der  kombi- 
lerten  Radium-Röntgenbestrahlung,  wobei,  wie  bereits  hervorge- 
oben  wurde,  zentral  am  Karzinom  die  direkte  Radiumwirkung  noch 
immierend  hinzukommt.  Auch  die  Tumoren  des  Kehlkopfes, 
er  Zunge,  des  Magen-Darmtraktus,  des  Mediasti- 
ums  und  der  Lunge  —  es  handelte  sich  allerdings  stets  um  in- 
perabele  Fälle,  welche  zur  Behandlung  kamen  —  ergaben  keine 
auerresultate.  Nach  anfänglichem  örtlichem  Rückgang  auf  maxi- 
lale  Tiefendosen  zeigten  die  Geschwülste  schon  nach  kurzer  Zeit 
neutes  Wachstum  und  rasch  fortschreitende  Metastasierung,  der 
ie  Kranken  erlagen.  I  n  zwei  Fällen  von  Magen-  und  Rek¬ 
um  k  a  r  z  i  n  o  m  r  e  z  i  d  i  v  ist  es  uns  gelungen,  eine  Dauer  hei- 
ang  zu  erzielen.  In  dem  einen  Fall  handelte  es  sich  um  eine 
’  Jahre  alte  Frau,  bei  welcher  im  Jahre  1913  wegen  Magenkarzinom 
ne  Resektion  des  Magens  vorgenommen  worden  war.  Sie  bekam 
:hon  nach  wenigeri  Wochen  ein  Rezidiv  in  der  Narbe.  Der  pflaumen- 
;osse  Geschwulstknoten  ging  auf  energische  Bestrahlung  völlig  zu- 
ick.  Die  Kranke  ist  heute,  nach  9  Jahren,  völlig  beschwerdefrei 
id  gesund.  Der  andere  Fall  liegt  noch  nicht  so  lange  zurück:  Es 
ar  bei  einem  59  Jahre  alten  Manne  eine  Rektumresektion  wegen 
arzinom  im  Jahre  1919  ausgeführt  worden,  welches  sehr  bald  rezi- 
iyierte.  Nach  Umspritzung  mit  Rinderblut  wurde  der  in  der  linken 
älfte  des  kleinen  Beckens  liegende  faustgrosse  Tumor  intensiv  be- 
rahlt  und  ging  allmählich  zurück.  Heute,  nach  3  Jahren,  fühlt  sich 
-r  Kranke  sehr  wohl;  es  handelt  sich  um  einen  Kollegen,  welcher 


seine  Praxis  ungestört  ausüben  und  täglich  5U  km  mit  dem  Rade  zu- 
rucklegen  kann. 

Am  schlechtesten  reagieren  nach  unseren  Erfahrungen  zen- 
i  r  a  6  j.n  oc‘iensarkome  des  Beckens,  Riesenzellsar- 
k  o  m  e,  Mclanosarkome,  Sarkome  am  Kollum  und  der 
Mucosa  Uteri,  Zungenkarzinome  sowie  die  harten  ver¬ 
hornenden  Platten-Epithclkarzinomc  der  äusseren 
Genitalien  und  deren  Rezidive.  Insbesondere  diese  letzteren 
s*n a  meistens  sehr  hartnäckig  und  haben  auch  auf  die  Fernfeldbe¬ 
strahlung  schlecht  angesprochen.  Wir  haben  in  letzter  Zeit  erst 
wieder  ein  gut  abgegrenztes  zweimarkstückgrosses,  karzinomatöses 
Geschwür  der  Vulva  bei  einer  46  jähri}  £n  Frau  in  30  cm 
F.H.  Abstand  direkt  mit  einem  der  Grösse  des  Tut  <ors  entsprechen¬ 
den  Einfallsfeld  sehr  energisch  bestrahlt.  Da  das  Karzinom  auf  eine 
Uosis  von  80,  100  und  150  Proz.  nicht  ansprach,  wurden  innerhalb 
8  Wochen  nach  genauer  physikalischer  Berechnung  unter  1  mm  Alu- 
mmiumfilter  5  Erythemdosen  unmittelbar  auf  den  Tumor 

appliziert.  Die  Folge  davon  war  ein  oberflächlicher  Zerfall, 
eine  Verkleinerung  des  Geschwürs  mit  Nekrosenbildung  Nach 
einiger  Zeit  wurde,  da  die  Nekrose  in  die  Tiefe  weiterzufressen 
drohte  und  die  Wirkung  der  Strahlen  abgeschlossen  sein  musste,  der 
lumor  im  Gesunden  exstirpiert.  Im  zentralen  Strahlenkegel  waren 
in  >-4  cm  liefe,  also  in  einer  Zone,  in  welcher  mindestens  200  Prcz. 
der  H.E.D.  erreicht  war,  noch  Karzinomzellzüge  im  Bindegewebe 
vorhanden.  Jetzt  hat  die  Kranke  trotz  Gewichtszunahme  und  sehr 
gutem  Allgemeinbefinden  ein  örtliches  Rezidiv  und  eine  kirschgrosse 
metastatische  Diüse  in  der  rechten  Leistengrubc.  Bei  dem  refrak¬ 
tären  Verhalten  des  Karzinoms  muss  bei  der  Kranken  nunmehr  die 
weitgehendste,  radikale  Entfernung  der  befallenen  Teile  vorgenom¬ 
men  werden. 

Wir  legen  bei  der  Beurteilung  der  Fälle  grossen  Wert  auf  die 
einwandfreie  histologische  Diagnose.  Bei  der  Bestrahlung 
von  Kollumkarzinomen  wird  die  Strahlenwirkung  während  der  Be¬ 
handlung  durch  Probeexzisionen  fortgesetzt  mikroskopisch  kontrol¬ 
liert.  Ebenso  kann  beim  Sarkom  des  Uterus  nur  die  mikro¬ 
skopische  Diagnose  ausschlaggebend  sein.  Wir  verlassen  uns  nicht 
auf  die  von  S  e  i  t  z  und  W  i  n  t  z  gemachte  Beobachtung,  dass  Uterus¬ 
sarkome  unter  dem  Einfluss  der  Röntgenstrahlen  schneller  zurück¬ 
gehen  als  einfache  Myome.  Nach  unseren  Erfahrungen  schrumpfen 
Myome,  welche  nur  dje  Kastrationsdosis  erhalten  haben,  in  der  Mehr¬ 
zahl  der  Fälle  auffallend  schnell.  Die  Verkleinerung  der  Tumoren  ist 
nach  4 — 6  Wochen  oft  schon  deutlich  erkennbar  und  schreitet  in  den 
weiteren  Monaten  fort,  so  dass  wir  kindskopfgrosse  Tumoren  schon 
nach  2—3  Monaten  haben  restlos  verschwinden  sehen.  Anderseits 
gibt  es  bekanntlich  auch  gutartige  Fibromyome,  welche  selbst  auf 
höhere  Dosen  gar  keinen  Rückgang  zeigen.  Wie  schwer  sich  gerade 
Muskelsarkome  unter  Umständen  durch  Röntgenbestrahlungen 
beeinflussen  lassen,  mögen  zwei  Fälle  von  fibrozellulärem 
Sarkom  der  Nackenmuskulatur  und  der  Zervix  be¬ 
weisen.  Eine  70  jährige  Kranke  wurde  uns  vor  3  Jahren  von  einer 
chirurgischen  Klinik  nach  Exstirpation  eines  Muskelsarkoms  der 
Nackenmuskulatur  zur  prophylaktischen  Bestrahlung  überwiesen.  Die 
Kranke  wurde  sehr  intensiv  im  Bereich  der  Operationsnarbe  am 
Halse  unter  genauer  Zentrierung  serienweise  bestrahlt.  Unter  den 
Bestrahlungen  entwickelte  sich  in  der  Narbe  ein  schnellwachsendes 
Rezidiv,  welches  zur  nochmaligen  Exstirpation  zwang.  Sofort  nach 
der  operativen  Entfernung  wurde  Radium  auf  die  frei  zutage 
liegenden  Granulationen  gelegt,  ebenfalls  ohne  jeden  Erfolg. 
Es  trat  eine  örtliche  Nekrose  auf,  aber  in  der  Umgebung  und 
schliesslich  auch  aus  der  Tiefe  heraus  erneutes  Wachstum.  Wir 
haben  hierauf,  da  die  harte  Röntgen-  und  Radiumstrahlung  völlig 
versagt  hatte,  als  Ultima  ratio  ein  weicheres  Röntgenstrahlengemisch 
in  Anwendung  gebracht  und  hatten  anfangs  den  Eindruck,  dass  der 
I  umer  auf  die  weiche  Strahlung  eine  Reaktion  zeigte  und  örtlich  zu¬ 
rückging.  Aber  dieser  anfängliche  Erfolg  dauerte  nicht  lange,  bald 
setzte  trotz  hoher  Dosen  weicher  direkter  Strahlung  (200  Proz.  d. 
H.E.D.)  ein  weiteres  Wachstum  ein,  die  Kranke  ist  ihrem  Leiden  er¬ 
legen.  Im  anderen  Fall  handelte  es  sich  um  ein  bindegewebiges 
Sarkom  des  Kollums  bei  einer  29  Jahre  alten  Frau.  Zunächst 
wurde  örtlich  Radium  angewandt  (78  mg  R.E.  für  60  Std.),  der  Tumor 
zerfiel,  es  stellte  sich  eine  ausgedehnte,  rasch  zunehmende  Nekrose 
mit  starker  stinkender  Jauchung  ein,  sehr  schnelle  Metastasierung. 
Eine  angeschlossene  Serie  mit  Röntgentiefenbestrahlung  blieb  völlig 
erfolglos.  Diese  Sarkome  des  Kollum  und  der  Mucosa  uteri  ver¬ 
halten  sich  nach  unseren  Erfahrungen  oft  refraktär. 

Ist  ein  Tumor  empfindlich  gegen  Röntgenstrahlen  und  zeigt  eine 
prompte  Reaktion,  so  ist  noch  immer  keine  sichere  Heilung  erzielt. 
Die  unberechenbare  Eigenschaft  der  Karzinome,  zu 
rezidivieren  und  zu  metastasieren,  verdirbt  uns  in  vie¬ 
len  Fällen  den  Erfolg.  Der  Geschwulstknoten  geht  zwar  örtlich  zu¬ 
rück,  tritt  aber  sehr  bald  an  anderer  Stelle  mit  Metastasen  wieder 
zutage.  Wir  haben  häufiger,  wie  auch  schon  von  anderer  Seite  be¬ 
tont  wurde,  den  Eindruck  gewonnen,  als  ob  unter  der  B  e  s  t  r  a  h- 
lungbei  örtlichem  Schwund  der  Tumoren  die  meta¬ 
statische  Ausbreitung  begünstigt  würde.  Bei  Brust¬ 
karzinomen  konnte  man  diese  Tatsache  am  deutlichsten  wahrnehmen. 
Wir  bestrahlten  beispielsweise  vor  zwei  Jahren  eine  71  Jahre  alte 
Frau  mit  ulzerierendem,  blutendem  Karzinom  der  linken  Brust.  Unter 
der  Bestrahlung  gingen  die  Infiltration  und  Ulzeration  prompt  zurück. 

2* 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


die  handtellergrosse  Wundfläche  epithelisierte,  örtlich  war  der  I  umor 
völlig  geschwunden.  Aber  schon  nach  kurzer  Zeit  traten  in  der  Peri¬ 
pherie  zahlreiche  koniluierende  Hautmetastasen  auf,  welche  auf  die 
andere  Brust  übergingen.  Dieser  Metastasierung  ist  die  Frau  schliess¬ 
lich  erlegen.  Einen  derartigen  Ausgang  haben  wir  häufig  beobachtet. 

Es  sei  an  dieser  Stelle  nur  noch  ein  klassischer  Fall  erwähnt,  der 
wegen  der  seltenen  metastatischen  Ausbreitung  des  Karzinoms  von 
Interesse  ist.  Eine  68  jährige.  Frau  mit  vorgeschrittenem  Platten- 
epithükarzinom  der  Portio,  welches  bereits  auf  die  vordere  Schei¬ 
denwand,  das  Septum  vesicovaginale  und  das  rechte  Parametrium 
übergegriffen  hatte,  wurde  einer  intensiven,  direkten  vaginalen  und 
perkutanen  Röntgenbestrahlung  unterzogen.  Das  Karzinom  zeigte 
mikroskopisch  eine  undifferenzierte  Zellstruktur.  Unter  der  Bestiah- 
lung  ging  der  Tumor  örtlich  ganz  erstaunlich  schnell  zurück,  die 
Portio  nahm  wieder  normale  Form  an,  die  Infiltrationen  waren 
völlig  geschwunden.  Aber  schon  nach  wenigen  Wochen  traten 
Schmerzen  in  der  rechten  Leistenbeuge  auf,  pflaumengrosse  harte 
Drüsenmetastase  in  der  rechten  Fossa  ovalis  und,  dem  üefässschlitz 
unter  dem  P  o  u  p  a  r  t  sehen  Band  folgend,  nach  abwärts  druck¬ 
empfindliche  Infiltration.  Auf  Bestrahlung  gingen  auch  diese  Meta¬ 
stasen  auffallend  schnell  zurück,  so  dass  es  der  Kranken,  welche  sich 
genau  beobachtete,  wie  ein  Wunder  vorkam,  was  die  Röntgenstrahlen 
vollbracht  hatten.  Nach  weiteren  8  Tagen  Anschwellung  und  heftige 
Druckempfindlichkeit  des  rechten  Schienbeines  und  F ussgelenkes, 
knotige  Auftreibung  und  Verdickung  des  Periostes  und  der  Kortikalis 
des  Knochens.  Das  Röntgenbild  ergab  ausgedehnte  destruktive  Pio- 
zesse  im  Knochen,  Metastasen  im  Knochenmark.  Man  hatte  den  Ein¬ 
druck,  das  Karzinom  im  Lymph-  und  Blutwege  förmlich  mit  den 
Strahlen  vor  sich  hergetrieben  zu  haben.  Die  Schmerzen  wurden 
derartig  heftig,  dass  die  Kranke  selbst  auf  schnellste  Erleichterung 
und  Amputation  des  Beines  drang.  In  der  chirurgischen  Klinik  wurde 
das  rechte  Bein  einige  Zentimeter  oberhalb  des  Kniegelenkes  abge¬ 
setzt.  Das  Präparat  zeigte  eine  so  ausserordentlich  hochgradige  Kar¬ 
zinose  des  Knochens  bis  zum  Fussgelenk,  wie  man  sie  selten  zu  sehen 
bekommt:  Endost,  Spongiosa  und  Periost  in  ausgedehntem  Maasse 
karzinomatös  verändert,  auch  die  umgebenden  Weichteile  waren 
durch  die  Ausbreitung  des  Karzinoms  zerstört.  Die  histologische 
Struktur  entsprach  dem  Primärtumor  an  der  Portio.  Die  Kranke  ver¬ 
fällt  jetzt  zusehends,  hat  bereits  eine  taubeneigrosse  Metastase  in 
der  linken  Oberschlüsselbeingrube  und  wird  bald  ihrer  Karzinose 
zum  Opfer  fallen.  Die  rapid  fortschreitende  und  unmittelbar  im  An¬ 
schluss  an  die  Bestrahlung  auftretende  Ausbreitung  eines  schon 
längere  Zeit  bestehenden  Karzinoms  spricht  doch  sehr  für  die  Be¬ 
günstigung  der  Metastasierung  durch  die  Strahlenwirkung.  Kommen 
doch  Knochenmetastasen  bei  Uteruskarzinomen  schon  ohnedies  selten 
vor;  man  schätzt  nach  den  Literaturberichten  zirka  5  Proz.!  Diese 
Fälle  beweisen  jedenfalls,  dass  man  auch  bei  den  wenigen  auf  die 
Röntgenbestrahlung  prompt  ansprechenden  Karzinomen  eine  Meta¬ 
stasierung  mit  der  Strahlenbehandlung  nicht  zu  verhüten  vermag 
und  dass  gerade  undifferenzierte  Karzinome,  selbst  wenn  sie  örtlich 
reagieren,  durch  ihre  schnelle  Wachstums-  und  sekundäre  Ausbrei¬ 
tungstendenz  den  endgültigen  Erfolg  vereiteln. 

Die  BeschränkungdesTumorsauf  den  Ausgangs¬ 
punkt  ist  neben  seiner  Grösse  eine  unerlässliche  Vorbedingung  für 
einen  günstigen  Verlauf.  Ist  die  erste  Etappe  überschritten,  sind 
bereits  Fernmetastasen  vorhanden  —  und  das  ist  bei  umfangreichen 
Tumoren  oft  der  Fall  — ,  dann  ist  die  Bestrahlung  völlig  zwecklos. 
Ein  krasses  Beispiel  erlebten  wir  vor  3  Jahren  nach  der  prophylak¬ 
tischen  Bestrahlung  einer  30  jährigen  Frau,  die  wegen  Kollumkarzi- 
nom  radikal  operiert  worden  war.  Die  Kranke  blieb  örtlich  rezidiv¬ 
frei,  klagte  aber  nach  einigen  Monaten  über  Schwäche  und  unbe¬ 
stimmte  quälende  Schmerzen  im  Rücken.  Sie  wurde  deshalb  wieder 
in  die  Klinik  aufgenommen  und  starb  nach  kurzer  Zeit.  Die  Autopsie 
ergab  eine  ausgedehnte  Karzinose  der  rechten  Lunge. 

Wie  sehr  die  Resultate  von  der  Grösse  und  dem  Umfang 
der  Tumoren  abhängen,  sehen  wir  deutlich  in  den  Fällen  von  in- 
operabelcm  Ovarialkarzinom,  welche  nach  vorangegangener  Probe¬ 
laparotomie  und  intensiver  mehrserier  Bestrahlung  zur  Sektion 
kamen.  Die  kleinen  metastatischen  Knoten  am  Bauchfell  sind  im  Be¬ 
reiche  der  Strahlenkegel  restlos  geschwunden,  während  im  Kern  urd 
in  der  nächsten  Umgebung  des  geschrumpften,  schwielig  veränderten 
grossknolligen  Primärtumors  noch  lebensfähiges,  unbeeinflusstes  Kar¬ 
zinomgewebe  vorhanden  ist.  Diese  Befunde  beweisen,  dass  sich 
kleinere  karzinomatöse  Zellkomplexe  leichter  beeinflussen  lassen  als 
grosse  solide  Tumoren.  Hierin  finden  wir  auch  die  Erklärung  für  die 
günstigeren  Erfolge  bei  den  prophylaktischen  Bestrah¬ 
lungen  nach  Operationen.  Die  Ansichten  über  den  Wert  der 
Bestrahlung  zur  Prophylaxe  nach  Operationen  gehen  bekanntlich 
noch  sehr  auseinander.  Während  insbesondere  die  Perthessche 
Klinik  die  prophylaktische  Bestrahlung  ablehnt,  sind  Adler,  Blu¬ 
menthal,  Gauss,  Heimann,  Lehmann,  Schneider, 
Strauss  u.  a.  für  die  postoperative  Bestrahlung  eingetreten  und 
haben  die  Heilungsresultate  beim  Karzinom  noch  zu  bessern  ver¬ 
mocht.  Nach  unseren  seitherigen  Erfahrungen  ergab  die  prophylak¬ 
tische  Bestrahlung  nach  Radikaloperation  bei  Zervix-  und  Ovarial- 
karzinom  befriedigende  Resultate.  Die  Bestrahlungen  wurden  in  den 
meisten  Fällen  6 — 8  Wochen  nach  der  Operation  vorgenommen  und 
mit  der  gleichen  Intensität  ausgeführt  wie  bei  vorhandenem  Kar¬ 
zinom. 


Die  Gesamtzahl  der  Radikaloperationen,  welche 
wegen  Ko  11  umkarzinom  vorgenommen  wurden,  vom  1.  Ok¬ 
tober  1910  bis  Mai  1918  einschliesslich  betrug  289  Operations¬ 
mort  a  1  i  t  ä  t  38  Fälle  =  13  Proz.  Von  den  überlebenden  251  Fä Iler 
wurden  bestrahlt  (meist  mit  Radium  kombime  rt):  108 
davon  sind  rezidivfrei  und  leben  heute  nach  5  Jahren  58  —  53,7  1  roz. 
nicht  bestrahlt:  143,  davon  leben  heute  nach  13—5  Jahren  nocl 
51  =  35,6  Proz.  Wir  konnten  also  eine  Erhöhung  der  absoluter 
Heilungsziffer  von  35,6  auf  53,7  Proz.  feststellen. 

Aehnlich  sind  die  Erfolge  nach  der  Totalexstirpation  be 
Ovarialkarzinomen.  Im  ganzen  wurden  bis  zum  Jahre  191! 
einschliesslich  mit  Röntgenstrahlen  prophylaktisch  nachbestrahl 
20  Fälle  von  Ovarialkarzinom,  davon  leben  heute  nach  8 — 4  Jahren 
7  =  35  Proz. 

Es  handelt  sich  um:  7  einseitige,  11  doppelseitige  und  2  metastatisclu 


Von  den  7  einseitigen  sind  geheilt  4  —  57,1  Proz.,  von  den  11  doppel 
seitigen  sind  geheilt  2  =  18,18  Proz.,  von  den  beiden  metastatischen  ist  eil 

Fall  bis  heute  geheilt.  ... 

Die  Dauerheilung  bei  den  einseitigen  ohne  Bestrahlung  betrug  seltne 

44  Proz.,  bei  den  doppelseitigen  nur  2,2  Proz. 

Die  absolute  Heilungsziffer  stieg  durch  die  Bestrahlung  von  44  au 
57,1  Proz.  bzw.  von  2,2  auf  18,18  Proz. 

Bei  der  Bestrahlung  nach  operiertem  Ovarialkarzinom  kann  mai 
im  Falle  einer  bereits  vorhandenen  Metastasierung  nur  dann  auf  eine 
Dauererfolg  rechnen,  wenn  die  Aussaat  auf  das  Deckenbau^hfe 
lokalisiert  ist.  Haben  die  Metastasen  bereits  höhere  Abschnitte jie 


lUAdliaiCll  13t.  nauw*  - _ -  -  , 

Abdomens  ergriffen,  dann  ist  die  Prognose  immer  schlecht.  Lin 
i n  Ußrfroiiinnrr  Hp«  crpcsmtpn  Raiichraumes  können  die  ge 


schwächten  Kranken  nicht  mehr  ertragen. 

Die  Strahlenempfindlichkeit  der  Karzinomzelle  ist  bei  den  post 
operativen  Bestrahlungen  ebenfalls  massgebend  für  den  Erfolg.  Bi 
refraktärem  Verhalten  haben  wir  häufiger  trotz  intensiver  be 
Strahlung  nach  Operationen  mit  hohen  und  höchsten  Dosen  Rezidiv 
auftreten  sehen.  Aber,  wie  bereits  hervorgehoben  wurde,  ist  di 
Strahlenwirkung  nach  weitgehendster  Exstirpation  der  befa.  ene 
Teile  unter  wesentlich  günstigere  Bedingungen  gestellt,  indem  kleun 
möglicherweise  in  den  Lymphspalten  zurückgebliebene  Zellkomplex 
besser  reagieren,  als  grosse  Geschwulstknoten. 

Schliesslich  spielen  bei  den  zu  erzielenden  Erfolgen  ebenso  wi 
bei  Operationen  oder  postoperativen  Bestrahlungen  das  A .11  g  e 
in  einbefinden  der  Kranken,  das  Alter  und  der  Ernälirungs 
zustand  eine  grosse  Rolle,  ist  das  Gefässsystem  erkrankt  oder  bt 
stehen  gleichzeitig  andere  Erkrankungen  der  inneren  Organe,  dan 
ist  der  Organismus  bereits  zu  sehr  geschwächt,  dass  er  des  Kai 
zinoms  und  der  durch  die  Röntgenbestrahlungen  bedingten  Al  lg  einen 
Schädigungen  nicht  mehr  Herr  wird.  Vor  allem  ist  es  der  b.u 
schädigende  Einfluss  der  Strahlen,  der  rapide  Sturz  der  Leukozytei 
der  sehr  wohl  imstande  ist,  die  Widerstandskraft  des  Körpers  b< 
trächtlich  herabzusetzen. 

Ein  Teil  der  Versager  der  Bestrahlung  maligner  Neubildunge 
mag  hierauf  zurückzuführen  sein.  Die  Hauptmasse  der  Misserfolg 
hat  aber  damit  gewiss  nichts  zu  tun,  sondern  beruht,  wie  berer 
ausgeführt  wurde,  auf  der  meist  fehlenden  Sensibilität  und  rasch« 
Metastasierung  der  Tumoren.  Mit  der  Bluttransfusion  ist  zur  Hebur 
der  Blutschädigung  insbesondere  bei  anämischen  Personen  Gutes  2 
leisten.  Die  Anämie  allein  verhindert  aber  nicht  immer  den  Lrfol 
wenn  der  Organismus  sonst  gesund,  das  Karzinom  empfindlich  gegt 
Strahlen  und  auf  den  primären  Herd  beschränkt  ist.  Wir  haben  z. 
bei  einer  anämischen  47  jährigen  Kranken  mit  einem  auf  die  Scheie 
bereits  übergegangenen  Zervixkarzinom  vor  2  Jahren  einen  sei 
guten  Erfolg  erzielen  können,  obwohl  sie  folgenden  Blutbefund  bo 
Hglb.  30  Proz.,  2  400  000  rote  Blutkörperchen,  1  Proz.  basophil 
14  Proz.  Lymphozyten,  8  Proz.  Uebergangsformen,  56  Proz.  lieutr» 
phile  L„  15  Proz.  eosinophile,  4  Proz.  Gr.  mononukleäre.  Es  wart 
bei  der  Kranken  neben  der  perkutanen  Bestrahlung  noch  die  vag 
nale  in  Anwendung  gebracht  worden. 

Ganz  ungeeignet  sind  die  Fälle  von  Zervixkarzinom,  welche  ; 
septischer  Jauchung  und  Fieber  neigen.  Oft  nimmt  der  jauchen« 
Zerfall  des  Tumors  unter  der  Bestrahlung  rapid  zu,  die  Krankt 
siechen  unter  chronisch  septischen  Erscheinungen  dahin  und  erliegt 
schliesslich  der  Kachexie  und  metastatischen  Ausbreitungen  des  Ka 
zinoms. 

Das  refraktäre  Verhalten  vieler  Tumoren  gab  uns  Veranlassun 
Strahlengemische  von  verschiedener  Härte  anzuwenden.  Da  d 
Mehrzahl  der  Karzinome  auf  die  harte,  stark  gefilterte  Strahlat 
schlecht  oder  gar  nicht  ansprach,  glaubten  wir  den  Grund  für  c 
Misserfolge  wenigstens  z.  T.  in  der  Qualität  der  verabfolgt» 
Strahlung  suchen  zu  müssen.  Wir  hofften,  dass  die  leicht  reso 
bierbare,  weiche  Strahlung  in  manchen  Fällen  doch  einen  grösser» 
biologischen  Effekt  haben  könnte,  wie  extrem  harte  Strahlen,  obwo 
bekanntlich  Friedrich  eine  solche  differierende  Wirkung  a 
Grund  seiner  Versuche  abgelehnt  hatte.  Auch  die  interessant 
physkalischen  Untersuchungen  von  Grebe  und  M  a  r  t  i  u  s  über  d 
Verhalten  von  Strahlen  verschiedener,  bestimmter  Wellenlängt 
welche  auf  dem  vorjährigen  Röntgenologenkongress  bekanntgegeb 
wurden,  berechtigen  zu  diesen  Hoffnungen.  Natürlich  kamen  weic 
Strahlengemische  nur  in  Frage  bei  der  direkten  Bestrahlung  h< 
liegender  oberflächlich  gelegener  Tumoren,  da  sonst  eine  geeigne 
Tiefenwirkung  nicht  erreicht  werden  konnte. 


Das 

Gallensteinmittel 


benützt  neue  Erkenntnisse  über  die  Ur- 
Sachen  der  Gallensteinbildung.  Es  be- 
steht  aus  Lecithin-Cholsäure  und  dient 
vor  allem  zur  Verhütung  der  Gallen- 
steinbildung,  indem  es  die  Nieder- 
Schlagsbildung  in  der  Galle  verhin¬ 
dert.  Zu  einer  wirksamen  Bekämpfung 
der  Cholelithiasis  muh  also  Bilival- 
Ingelheim  längere  Zeit  hindurch 
prophylaktisch  gegeben 
werden. 


OH  BOEHB1NGER  SOHN  XEUE  NIEDERLASSmrO  HAMBURG5  scHMiuMsrarsmw 


Senden  Sie  mir  kostenfrei  eine  Probepackung 

Biliv al  -  Pillen  „Ingelheim“ 

nebst  Literatur 


Bitte 

Stempel 


Die  Berechtigung 
einer  causalen  Behandlung  von  Gallen- 
leiden  wird  durch  folgende  Überlegungen  verursacht: 

Mangel  an  Schutzkolloiden  verursacht  nach  Bolt 
und  Heeres  (Pflüger's  Archiv  für  die  gesamte  Physio¬ 
logie,  Band  193,  Seite  449)  in  der  Galle  Konkrement¬ 
bildung.  Anreicherung  der  Galle  und  Leber  mit  Schutz¬ 
kolloiden  verhindert  die  Bildung  von  Konkrementen. 

Ein  geeignetes  Schutzkolloid  ist  Lecithin  durch  seine 
Fähigkeit,  schon  in  geringeren  Konzentrationen  Cho¬ 
lesterin,  den  Grundstoff  der  Gallensteine,  in  Lösung 
zu  halten. 

Gallensäuren  sind  nicht  nur  ein  ausgezeichnetes 
Lösungsmittel  für  Lecithin,  sondern  addieren  es  zu  sehr 
beständigen  Verbindungen.  Diese  Additionsverbin¬ 
dungen  des  Lecithins  mit  Gallensäuren  werden  vom 
Darm  aus  leicht  resorbiert  und  ermöglichen  eine  fort¬ 
währende  Anreicherung  der  Leber  mit  Lecithin. 

Die  Galle  erhält  somit  nach  und  nach  ihre  nor¬ 
male  chemische  Zusammensetzung  und  ihr  natürliches 
Lösungsvermögen  wieder. 

Der  Gehalt  des  Präparates  an  Gallensäure  wirkt  zu¬ 
gleich  gallentreibend. 

Volkspackungen  mit  25  Bilival-Pillen  „Ingelheim"  zu  0,15  g 
Original-Gläser  mit  50  und  100  Pillen. 

Dosis:  Je  nach  Bedarf 
1—3  Pillen  täglich 


Erasmusdruck,  Berlin  S  42 


Drucksache 


An 


C.  H.  Boehringer  Sohn 


Hamburg  5 


Schmilinskystr.  49 


21.  September  1923. _ MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Wir  haben  Zervixkarzinome  und  Vulvakarzinome  der 
direkten  Bestrahlung  mittels  Bleiglasspiegeln  ausgesetzt  und  brachten 
Strahlengemische  von  verschiedener  Qualität  in 
gleicher  Menge  in  Anwendung.  In  einer  Anzahl  von  Fällen  fil¬ 
trierten  wir  mit  1  mm  Al.  bei  einer  Spannung  von  140  000  Volt,  in 
einer  zweiten  Versuchsreihe  wurde  0,3  mm  Kupferfiltrierung  an¬ 
gewandt  bei  einer  Spannung  von  160  000  Volt  und  schliesslich  eine 
Filterung  von  0,5  mm  Cu.  bei  180  000  Volt  und  0,8  mm  Cu.  bei 
200  000  Volt. 

Leider  blieben  unsere  Versuche  ergebnislos,  einen  wirklich 
durchgreifenden  Erfolg  mit  weicherer  Strahlung  haben  wir  bei  der 
Verabfolgung  gleich  hoher  Dosen  der  einzelnen  Strahlengemische 
nicht  feststellen  können.  Wir  hatten  wohl  häufiger  den  Eindruck, 
dass  bei  weicherer  Strahlung  ein  schnellerer  oberflächlicher  Zer  fall 
der  Geschwulst  mit  Nekrosenbildung  eintrat,  aber  in  der  Dauer¬ 
wirkung  zeigte  sich  kein  Unterschied.  Es  wurden  gleiche  Dosen  \  cn 
60  Proz.  der  HED.,  steigend  bis  zur  3 — 5  fachen  Erythemdosis  der 
einzelnen  Strahlenqualitäten,  vergleichsweise  verabfolgt. 

In  neuerer  Zeit  hat  man  versucht,  durch  die  häufigen  Misserfolge 
angeregt,  das  Heilproblem  des  Krebses  auf  andere  Bahnen  zu  lenken. 
So  versucht  Bier  durch  Umspritzung  der  Geschwülste  und  ihrer 
Rezidive  mit  Tierblut  oder  durch  parenterale  Eiweisszufuhr  regenera¬ 
tive  Prozesse  anzuregen  und  einen  Wall  gegen  das  weitere  Wacns- 
tum  zu  schaffen.  M.  Fraenkel  (Röntgenologenkongress  1921) 
empfiehlt  Reizbestrahlungen  der  Drüsen  mit  innerer  Sekretion  und 
hofft  immunisatorische  Kräfte  gegen  das  Karzinom  dadurch  anregen 
und  eine  Phagozytose  hervorrufen  zu  können.  Durch  Tierversuche 
angeregt,  glaubt  Ca  s  pari  (Strahlentherapeutische  Monographien, 
Bd.  III)  in  einer  kurzfristigen  Gesamtbestrahlung  des  Körpers  den 
Organismus  gegen  das  Karzinom  gleichsam  immunisieren  und  die 
Fibroblasten  im  Kampfe  gegen  das  Karzinom  anregen  zu  können. 
Durch  Hineinwachsen  des  jungen  Bindegewebes  in  den  Tumor  wurde 
auf  diese  Weise  bei  Mäusen  gegen  Impfkarzinome  Erfolge  erzielt  und 
bei  den  Tieren  eine  gewisse  Resistenz  gegen  das  Karzinom  ge¬ 
schaffen.  Auf  derselben  Grundlage  baut  Opitz  seine  Versuche  auf, 
welche  auf  dem  diesjährigen  Gynäkologenkongress  in  Heidelberg  zur 
Diskussion  standen.  Es  handelt  sich  bei  allen  diesen  Bestrebungen 
darum,  durch  Reizwirkungen  den  Organismus  widerstandsfähiger 
gegen  bösartige  Geschwülste  zu  machen  und  diesen  den  fruchtbaren 
Boden  zu  entziehen. 

Auch  wir  haben,  wie  von  Herrn  Geheimrat  B  u  m  m  auf  dem  vor¬ 
jährigen  Gynäkologenkongress  berichtet  wurde,  im  Laufe  der  Jahre 
auf  alle  mögliche  Weise  versucht,  die  Abwehrkräfte  des 
Körpers  zu  mobilisieren  und  die  Karzinome  zu  sensi¬ 
bilisieren.  Es  wurde  Karzinombrei  und  Thymusbrei  auf  paren¬ 
teralem  Wege  verabfolgt.  Auch  frisches  Plazentar-  und  Ovnrial- 
gewebe  wurde  in  einer  Reihe  von  Fällen  transplantiert,  Höhensonnen¬ 
bestrahlungen  des  ganzen  Körpers  und  zahlreiche  Bluttransfusionen 
wurden  ausgeführt,  auch  das  Knochenmark  wurde  mit  kleinen  Dosen 
bestrahlt.  Wir  hofften,  dadurch  einen  Reiz  auf  den  Organismus  aus¬ 
üben  zu  können,  der  sich  gegen  das  Karzinom  richten  und  die  Wir¬ 
kung  der  Strahlen  erleichtern  sollte.  Anderseits  haben  wir  auf  die 
Resistenzfähigkeit  der  Karzinomzelle  sdlbst  einzuwirken  versucht 
durch  Diathermie  durch  Injektionen  von  Schwermetallsalzen  in  den 
Tumor,  auch  wurden  Schwermetallsalze  von  aussen  an  die  Karzi¬ 
nome  herangebracht,  weil  wir  glaubten,  durch  die  Eigenstrahlung 
dieser  Metallmoleküle  am  und  im  Karzinom  selbst  noch  die  Strahlen¬ 
wirkung  erhöhen  und  konzentrieren  zu  können.  Durchgreifende  ob- 
ektive  Erfolge  haben  wir  mit  all  diesen  Methoden  nicht  erzielt. 

Ob  die  von  Wintz  angegebene  Verkupferung  oder  die  Galva¬ 
nisation  der  Karzinome,  wie  es  V  o  1 1  z  auf  dem  vorjährigen  Gynäko- 
ogenkongress  vorgeschlagen  hat,  oder  die  extrakorporalen  Bestrah¬ 
lungen  des  strömenden  Blutes  der  Arteria  radialis,  wie  es  von  anderer 
seite  empfohlen  wurde,  oder  Hypophysenbestrahlung,  wie  es  Hof- 
nauer  auf  dem  diesjährigen  Gynäkologenkongress  angegeben  hat, 
mm  Erfolg  führen  können,  müssen  weitere  Versuche  entscheiden. 

Durch  örtliche  Reizbestrahlungen  (M.  fraenkel, 
Röntgenologenkongress  1920)  ein  Karzinom  heilen  zu  wollen,  halten 
wir  bei  der  Eigenartigkeit  des  biologischen  Verhaltens  der  Karzinom¬ 
celle  für  ein  gefährliches  Unternehmen.  Es  wird  sich  praktisch  nicht 
iurchführen  lassen,  eine  Strahlenmenge  auf  das  Karzinom  zu  ver- 
ibfolgen,  welche  nur  das  Wachstum  und  die  Proliferation  des  Binde¬ 
gewebes  anregen  soll.  Auch  das  Bindegewebe  wird  eine  verschie- 
iene  Reaktion  gegen  Röntgenstrahlen  in  den  einzelnen  Fällen  zeigen, 
md  die  zu  einem  solchen  Reiz  erforderliche  Dosis  wird  sich  nicht 
schematisieren  lassen.  Operabele  Karzinome  können  deshalb  unter 
liesen  Bestrahlungen  leicht  inoperabel  werden,  und  inoperabele  Kar- 
’.inomc  werden  auch  unter  Reizbestrahlungen  ihre  Fähigkeit,  Meta¬ 
stasen  zu  bilden,  nicht  einbüssen. 

Das  rätselhafte  ungleichmässige  Verhalten  bösartiger  Ge- 
»cli wiilste  gegen  Röntgenstrahlen  hat  uns  veranlasst,  ein  genaueres 
\ugenmerk  auf  die  histologische  Struktur  zu  richten.  Wir  haben 
•ersucht,  in  Strukturunterschieden  eventuell  Anhaltspunkte 
ür  das  refraktäre  Verhalten  der  Karzinome  zu  finden.  Herr  Professor 
*  Meyer  stellte  eingehende  Untersuchungen  an.  Die  Plattenenithel- 
<arzinome  wurden  auf  verschiedene  Reifestadien  (Differenzierung 
nrer  Zellverbände)  geprüft,  auch  in  dem  Fettgehalt  des  Tumors 
daubten  wir  möglicherweise  ein  ursächliches  Moment  finden  zu 
'"önnen.  Alle  seitherigen  systematischen  anatomischen  Untersucnun- 


1195 

gen  an  einem  grossen  Material  haben  uns  noch  keine  sicheren  Er¬ 
klärungen  für  das  refraktäre  Verhalten  vieler  Karzinome  gegen  Rönt¬ 
genstrahlen  gebracht.  Wir  sind  bis  jetzt  weder  anato¬ 
misch,  noch  physikalisch  imstande,  sagen  zu  kön¬ 
nen,  warum  bei  demselben  histologischen  Bau 
sich  d  er  eine  Knoten  (z.  B.  Szirrhus)  empfindlich 
gegen  Röntgenstra  hie  n  erweist,  der  andere  nicht, 
belbst  Karzinome  mit  undifferenzierten,  vielgestaltigen  Zellformen, 
welche  die  grösste  Sensibilität  zeigen  sollen,  haben  oft  versagt. 

Was  die  Art  der  Strahlenapplikation  anlangt,  so  haben-  uns  die 
Erfahrungen  der  Jahre  immer  wieder  bewiesen,  dass  die  direkte  Be¬ 
strahlung,  wenn  die  Karzinome  dafür  zugänglich  sind,  viel  bessere 
Beeinflussung  ergibt  als  die  Tiefcnbestrahlung,  sei  sie  ausgeführt 
nach  welcher  Methode  man  wolle.  Gerade  die  intensive  Nahbe¬ 
strahlung  der  Karzinome  mit  Radium  bringt  uns  beim  Kollumkarzi- 
nom  die  guten  Erfolge,  und  es  wäre  zu  wünschen,  dass  durch  die 
Konstruktion  kleiner  Röhren  auch  die  Anwendung  der  Röntgen¬ 
strahlen  in  eine  direkte  Nahbestrahlung  bei  Zervixkarzinomen  über¬ 
geführt  werden  könnte.  Leider  ist  es  bisher  noch  nicht  möglich  ge¬ 
wesen,  _  eine  geeignete  Röhre  herzustellen,  welche  auch  ein  Ein¬ 
fuhren  in  die  Vagina  gestattet.  Jedenfalls  sind  wir  jetzt  wieder  zu¬ 
rückgekommen  auf  die  ähnlich  wie  Radium  wirkende  lokale  Be¬ 
strahlung  und  fügen  bei  Zervixkarzinomen  der  allseitigen  perkutanen 
Tiefenbestrahlung  prinzipiell  noch  die  direkte  vaginale  Be¬ 
strahlung  hinzu,  welche  den  Vorteil  hat,  nötigenfalls  die  Verabfol¬ 
gung  mehrerer  Erythemdosen  zu  gestatten. 

Die  ersten  Erfolge,  über  welche  Herr  Geheimrat  Bumm  im 
Jahre  1912  berichtete  (Zbl.  f.  Gyn.  1912),  waren  mit  der  direkten 
Bestrahlung  bei  Zervixkarzinomen  von  der  Scheide  aus  mit 
hohen  Dosen  erzielt  worden.  Die  dann  eingeführte  perkutane  Tiefen¬ 
bestrahlung,  über  welche  Warnekros  mehrfach  berichtet  hat,  hat 
bei  alleiniger  Anwendung  von  Röntgenstrahlen  bei  Kollumkarzinomen 
versagt.  Nach  unseren  Erfahrungen  ist  der  Erfolg  bei  tief  im 
Körper  gelegenen  Tumoren  immer  zweifelhaft  und 
gering.  Die  besten  Dauerresultate  bei  Zervixkarzinomen  hatten 
wir  mit  der  kombinierten  Methode  (Radium-Röntgen),  aber  auch 
diese  müssen  noch  hinter  den  oben  angegebenen  Operationserfolgen  zu¬ 
rückstehen.  Von  108  operabelen  kombiniert  bestrahlten  Fällen,  deren 
Behandlung  8—5  Jahre  zurückliegt,  sind  26  geheilt  =  24  Proz.  Mit 
der  Operation  bei  beginnendem  Kollumkarzinom  haben  wir  unter  Mit¬ 
hilfe  der  Nachbestrahlung  bei  108  Fällen,  welche  die  Operation  über¬ 
standen,  58  Heilungen  über  5  Jahre  erzielt  =  53,7  Proz. 

Wir  sind  daher  wieder  auf  den  Standpunkt  zu¬ 
rückgekommen,  operable  Karzinome  zu  operieren, 
wenn  nicht  besondere  Gründe  einen  günstigen  Heilverlauf  in  Frage 
stellen  oder  die  Kranken  die  Operation  verweigern. 

Bei  malignen  Tumoren  der  Lymphdrüsen,  Brustkarzinomrezi¬ 
diven,  sowie  zur  Prophylaxe  nach  Operationen  (insbesondere  nach 
Zervix-  und  Ovarialkarzinomen)  ist  die  Bestrahlung  anzuraten.  Im 
übrigen  soll  man  einen  Versuch  mit  der  Röntgenbestrahlung  bei 
Fällen,  welche  an  der  Grenze  der  Operabilität  stehen,  oder  bei  Tu¬ 
moren,  welche  mit  dem  Messer  schwer  zugänglich  sind,  nicht  unter¬ 
lassen.  Dieselbe  vermag  in  einzelnen  Fällen  noch  unerwartet  Gutes 
zu  leisten,  zum  mindesten  lebensverlängernd  zu  wirken. 


Aus  dem  Knappschaftskrankenhaus  in  Langendreer. 

Heilversuche  bei  septischen  Allgemeininfektionen. 

Von  Dr.  M.  Friedetnann,  Chefarzt  des  Krankenhauses. 

Die  Arbeit  Rollys:  „Ueber  den  therapeutischen  Effekt  von 
lokalen  Entzündungen  und  Abszessbildungen“ J)  sowie  A.  Biers 
Bemerkungen  zu  dieser  Arbeit ")  geben  mir  die  Anregung,  aus  der 
grossen  Zahl  der  seit  Jahren  von  mir  mit  besonderem  Interesse  ge¬ 
sammelten  Sepsiskrankengeschichten  3)  einige  zu  veröffentlichen. 

Rolly  empfiehlt  bei  Sepsis,  und  zwar  vorläufig  nur  bei  Fällen 
mit  infauster  Prognose,  künstliche  Entzündungen  im  Unterhautfett¬ 
gewebe  anzulegen,  nachdem  er  beobachtet  hatte,  dass  ein  Fall  von 
Sepsis  unerwartet  günstig  verlief,  bei  dem  Abszesse  durch  die  ver¬ 
sehentlich  subkutan  (statt  intravenös)  verabreichten  Agrochrom- 
injektionen  entstanden  waren. 

Dass  derartige  Versuche  schon  früher  gemacht  worden  sind, 
erwähnt  Bier  in  seiner  Bemerkung  zu  der  Arbeit  Rollys,  und 
dieser  selbst  führt  in  seiner  Erwiderung  auf  Biers  Bemerkung 
Czerny  als  einen  Chirurgen  an,  der  das  Verfahren  bereits  in  seinen 
Vorlesungen  empfohlen  habe. 

Bei  Bondy')  finde  ich  ausser  den  Franzosen  F  o  c  h  i  e  r, 
F  a  b  r  e,  F  e  r  r  e,  V  i  n  a  g  r  e,  B  o  i  s  s  a  r  d,  von  Deutschen  B  r  ö  s  e, 
Kocher  und  Tavel  als  Autoren  genannt,  die  künstliche  Abszess¬ 
bildung  empfohlen  haben.  Ueber  ähnliche  Versuche  (subkutane  Ein¬ 
spritzung  von  Bouillonkulturen  von  Kokken  bei  Sensis)  berichtete 
übrigens  N  o  r  d  m  a  n  n  -  Berlin  auf  dem  Chirurgenkongress  1922  (Ar¬ 
chiv  f.  klin.  Chirurg.,  Bd.  129,  S.  39). 

*)  M.m.W.  1923  Nr.  5.  2)  M.m.W.  1923  S.  305. 

)  Der  Ausdruck  Sepsis  soll  hier  im  weiteren  Sinne  verstanden  werden, 
also  etwa  Allgemeininfektion  durch  eitererregende  Keime. 

’)  Die  septische  Allgemeininfektion  und  ihre  Behandlung.  Ergehn,  d. 
Chir.  u.  Orthopäd.  7,  S.  254. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1196 


Ich  selbst  kam.  ohne  etwas  von  derartigen  Versuchen  anderer  zu 
kennen,  auf  den  gleichen  Gedanken  durch  die  Beobachtung,  dass  die¬ 
jenigen  Fälle  septischer  Allgemeininfektion,  bei  denen  es  nicht  zu 
Eiterbildung  kommt,  am  allerungünstigsten  zu  verlaufen  pflegen,  dass 
dagegen  die  Aussicht  auf  Genesung  nicht  selten  eine  bessere  wird, 
wenn  sich  erst  mal  irgendwo  Abszesse  lokalisieren. 

Im  Jahre  1914  spritzte  icii  zum  ersten  Male  bei  einem  aussichts¬ 
los  erscheinenden  Fall  puerperaler  Sepsis  Eiter  unter  die  Haut  des 
Oberschenkels  der  Kranken.  Der  Erfolg  blieb  leider  aus.  In  der 
Folgezeit  ging  ich  dann  —  nachdem  die  Abszesserzeugung  durch 
Terpentineinspritzung  nicht  gelungen  war  —  öfter  so  vor,  dass  ich 
einige  Kubikzentimeter  des  kokkenhaltigen  Bluts  des  betreffenden 
Kranken  aus  der  Kubitalvene  entnahm  und  ihm  unter  die  Haut  des 
Oberschenkels  spritzte.  Da  es  meist  nicht  zur  Abszessbildung  kam 
(Gewebsimmunität  den  eigenen  Blutkeimen  gegenüber?),  spritzte  ich 
mehrfach  zugleich  mit  dem  Blut  flüssigen  Agar  unter  die  Haut,  oder 
ich  nahm,  wie  schon  angedeutet,  keimhaltigen  Eiter  aus  Abszessen 
von  anderen  Kranken.  In  dem  letzten  derartigen  Fall  benutzte  ich 
z.  B.  streptokokkenhaltigen  Eiter  von  einem  Halsdrüsenabszess  eines 
anderen  Kranken.  Der  Abszess  am  Oberschenkel  der  Kranken  ging 
ganz  langsam  an  und  entwickelte  sich  zu  Pflaumengrösse. 

Niemals  sah  ich  irgend  etwas  von  Erfolg,  nicht  einmal  wurde  eine 
wesentliche  Vermehrung  der  Leukozyten,  deren  Zahl  ich  bei  Sepsis 
ohne  grössere  Eiterherde  meist  herabgesetzt  fand,  erzielt. 

Aber  die  Zahl  meiner  Versuche  ist  nicht  gross,  und  ich  werde 
sie,  angeregt  durch  diq  interessante  Arbeit  von  Rolly  und  die  Auf¬ 
munterung  Biers  („immerhin  lohnt  es  sich  .  .  .  neue  ausgedehnte 
Versuche  anzustellen“),  trotz  meiner  bisherigen  Misserfolge  fort¬ 
setzen. 

Es  sei  mir  bei  dieser  Gelegenheit  gestattet,  kurz  über  einige 
andere  Heilmassnahmen,  die  ich  bei  Sepsis  versuchte, 
zu  berichten. 

Zuvor  sind  aber  einige  Worte  zur  Einigung  über  Dia¬ 
gnose  und  Prognose  nötig,  da  ich  glaube,  dass  die  ungemein 
verschiedene  Beurteilung,  die  eine  Reihe  der  bekannten  Sepsismittel 
von  den  einzelnen  Therapeuten  erfahren  hat,  zum  grössten  Teil  dar¬ 
auf  zurückzuführen  ist,  dass  die  Diagnose  nicht  von  allen  mit  der  glei¬ 
chen  Kritik  gestellt  wird  und  auch  in  der  Beurteilung  der  Schwere 
der  Fälle  die  Ansichten  weit  auseinandergehen. 

Zwar  ist  es  sicher  und  allgemein  anerkannt,  dass  es  Sepsisfälle 
gibt,  wo  bei  vielfachen’  bakteriologischen  Untersuchungen  Keime  im 
strömenden  Blut  niemals  gefunden  werden  (reine  Toxinämie?).  Aber 
wir  werden  doch  gut  tun,  stets  mit  der  Diagnose  Sepsis  zurückhaltend 
zu  sein,  wenn  der  Keimnachweis  im  Blute  nicht  gelingt,  obwohl  die 
bakteriologische  Untersuchung  oft  wiederholt  und  einwandfrei  aus¬ 
geführt  wurde  (Anaerobenkulturen,  relativ  viel  Nährboden,  um  die 
bakterizide  Blutwirkung  abzuschwächen,  dabei  nicht  zu  absolut  kleine 
Blutmengen  usw.).  (Vergl.  hierzu  die  Arbeiten  Schottmüllers, 
in  Sonderheit  auch  die  seines  Schülers  Bingold:  „Der  intravitale 
Nachweis  von  Krankheitserregern  im  Blute  und  seine  Bedeutung  für 
die  klinische  Medizin“  TMed.  Klin.  1921,  Nr.  28.1) 

Es  müssen  in  solchen  Fällen,  wo  der  Keimnachweis  im  Blute 
nicht  gelingt,  wenigstens  die  klinischen  Erscheinungen  voll  ausge¬ 
sprochen  sein,  wenn  man  die  schwerwiegende  Diagnose  Sepsis  stellen 
will,  also  vor  allem:  hohes  Fieber,  sehr  beschleunigter  Puls,  trockene 
Zunge,  Beeinträchtigung  des  Sensoriums.  häufig  Exanthem,  Durchfall, 
Schüttelfrost  usw.  Dabei  meist  mehr  oder  weniger  schwere  Ver¬ 
änderung  des  Blutbildes. 

Dass  anderseits  vorübergehender  Kokkengehalt  des  Bluts 
ohne  wesentliche  klinische  Symptome  nicht  zur  Diagnose  Sepsis  be¬ 
rechtigt,  sollte  bekannt  sein. 

Dagegen  halte  ich  es  nicht  für  berechtigt,  die  Diagnose  Sepsis, 
wie  manche  wollen,' von  der  Vermehrung  der  Keime  im  Blute 
abhängig  zu  machen.  Ob  eine  solche  überhaupt  jemals  ilu  lebenden 
Organismus  stattfindet  und  nicht  vielmehr  die  im  strömenden  Blute 
nachweisbaren  Keime  stets  nur  aus  irgendeinem  lokalen  Herd  ein- 
gcschwemmt  sind,  darüber  wird  noch  gestritten  (vergl.  hierzu 
Schottmüllers  Auseinandersetzungen  auf  dem  Chirurgenkon¬ 
gress  1922). 

Soviel  scheint  mir  sicher,  dass  in  der  Regel  d  i  e  Fälle  die 
schlechteste  Prognose  geben,  wo  bei  ausgesproche¬ 
nen  klinischen  Sepsiszeichen  fortdauernd  Keime 
in  grosser  Zahl  im  Blute  nachgewiesen  werden 
können,  während  die  Prognose  oft  günstiger  zu  stellen  ist,  wenn 
entweder  das  Allgemeinbefinden  zwar  schlecht,  das  Resultat  der  bak¬ 
teriologischen  Blutuntersuchung  aber  stets  oder  fast  stets  negativ  ist 
(cf.  Krankengeschichte  Nr.  14),  oder  aber  die  Blutuntersuchung  zwar 
regelmässig  Keimbefund  ergibt,  das  Allgemeinbefinden  aber  leidlich 
ist  (Fall  13). 

Eine  Ausnahme  hiervon  macht  allerdings  die  Endocarditis  sept. 
lenta.  die  uns  hier  nicht  beschäftigen  soll,  da  ist  oft  das  Allgemein¬ 
befinden  wochen-  und  monatelang  ganz  leidlich  und  die  Prognose 
doch  infaust. 

Auf  die  Keimart  kommt  es  nach  meinen  Erfahrungen  im  allge¬ 
meinen  nicht  an  (mit  der  eben  erwähnten  Ausnahme  von  Streptoc. 
virid.).  Alle  Eitererreger  können  leichtere  und  schwere  Blutvergif¬ 
tungen  erzeugen,  vielmehr  aber  auf  die  Aetiologie,  die  Eintrittspforte 
oder  die  hauptsächlichste  Lokalisation. 

Am  ungünstigsten  sind  die  puerperalen  septi¬ 
schen  Erkrankunge  n,  auch  die  peritoneale  Sepsis  nach  Bauch- 


Nr.  38. 


Operationen,  prognostisch  günstiger  die  Urosepsis,  vielfach  noch 
etwas  günstiger  Pyämien,  die  sich  z.  B.  an  Karbunkel  oder  Furunkel 
anschliessen  oder  deren  erste  und  Hauptlokalisation  etwa  das  Ktio-j 
chenmark  ist  (Osteomyelitis). 

Die  Prognose  wird  also  hauptsächlich  durch 
3  Momente  beeinflusst:  1 .  A  e  t  i  o  lo  g  i  e,  2.  klinische 
Erscheinungen,  3.  Keimnachweis  im  Blute.  Dass  man¬ 
ches  andere,  z.  B.  allgemeine  Körperkonstitution  usw.,  eine  Rollt 
spielt,  ist  selbstverständlich.  Aber  diese  Rolle  ist  oft  nicht  so  wich¬ 
tig;  auch  bisher  strotzend  gesunde,  hühnenhafte  Menschen  werden 
von  schwerer  Sepsis  in  kurzer  Zeit  dahingerafft.  Dass  Fälle,  bei 
denen  es  zu  chirurgisch  angreifbaren  Eiterherden  kommt,  im  allge¬ 
meinen  etwas  günstiger  zu  beurteilen  sind  als  solche  ohne  jede  er¬ 
kennbare  Eiterung,  wurde  schon  angedeutet.  Ferner  ist  noch  die 
Zahl  der  auf  den  Blutplatten  gefundenen  Kolonien  prognostisch 
von  Bedeutung.  Virulenzprüfung  am  Tierversuch  wird  der  Praktiker 
meist  nicht  anstcllen  können,  um  hierdurch  einen  Einblick  in  die 
Prognose  zu  gewinnen. 

Ich  würde  also  die  schlechteste  Prognose  stellen,  wenn  bei  einer 
puerperalen  Sepsis  dauernd  eine  grosse  Menge  von  Keimen 
(gleichgültig,  ob  Staphylok.  oder  Streptok.,  hämolytische  oder  nicht) 
im  Blute  nachzuweisen  und  die  Allgemeinerscheinungen  schwere  sind 
also  etwa  Puls  über  120,  Fieber  um  40  und  darüber,  Benommenheit 
Durchfälle  usw. 

Eine  einigermassep  günstige  Prognose  ist  gestattet,  wenn  z.  B 
bei  einer  Osteomyelitis  tibiae  zwar  täglich  Keime  im  Blut  gefunder 
werden,  aber  das  Allgemeinbefinden  nur  mässig  beeinträchtigt  ist. 

Das  am  meisten  angewandte  Sepsismittel  ist  zweifellos  das 
Collargol.  Nach  Bondy  (Ergebnisse  für  Chirurgie  und  Ortho¬ 
pädie,  Bd.  7)  gab  schon  1911  die  Firma  Heyden  ein  Literaturver¬ 
zeichnis  über  Collargol  von  600  Arbeiten  heraus 5). 

Für  mich  ist  die  Collargolfrage  erledigt.  Ich  habe  das  Mittel  seil 
vielen  Jahren  in  weit  über  100  Fällen  versucht,  zuerst,  als  es  aufkam 
per  Klysma,  dann  intravenös  in  der  üblichen  Dosis  von  10  ccm  dei 
2  proz.  Lösung  (Präparat  Heyden).  Später  ging  ich  mit  der  Dosis 
häufig  weiter  herauf  und  habe  schliesslich  in  vereinzelten  Fällen  bis 
zu  200  ccm  durch  intravenöse  Tropfinfusion  ganz  langsam  zugeführt 
Bei  dieser  schonenden  Art  der  Zufuhr  wurde  das  Mittel  zwar  gui 
vertragen,  aber  ich  habe  auch  nicht  ein  einziges  Ma 
die  sichere  Ueberzeugung  gewonnen,  dem  Kranker 
mit  dem  Mittel  entscheidend  geholfen  zu  haben 

Aber  auch  das,  was  man  wenigstens  von  einem  Sepsismittel  er¬ 
warten  sollte,  dass  es  entweder  die  Keime  im  Blut  vermindert,  odei 
die  Abwehrstoffe  mobilisiert,  trat  nicht  erkennbar  ein. 

Zahlreiche  von  meinem  damaligen  Assistenten  Dr.  Bover- 
m  a  n  n  ausgeführte  bakteriologische  Blutuntersuchungen  konnten  ein« 
Herabsetzung  des  Keimgehalts  des  Blutes  nach  Collargol  nicht  er¬ 
weisen.  Die  Leukozytenzahl  wurde  nicht  mit  Sicherheit  erhöht.  Ekla¬ 
tanten  Fieberabfall,  von  dem  die  Collargolfreunde  soviel  Schönes  be¬ 
richten,  erlebten  wir  nach  den  Injektionen  nicht  (cf.  Kausch,  Arch 
f.  klin.  Chir..  Bd.  102.  S.  159). 

Plötzlicher  Fieberabfall  kommt  aber  bei  Sepsis  auch  ohne  The 
rapie  vor. 

Aus  meiner  Sammlung  derartiger  Fälle  sei  folgender  mitgeteilt 

Fall  1.  Emm  G.,  42  Jahre.  10.  II.  19  normale  Entbindung.  Nach¬ 
dem  am  3.  Tage  schon  etwas  Temperatursteigerung,  setzt  am  5.  Tage  pos 
partum  Fieber  von  39,5  und  Puls  von  120  ein.  Am  nächsten  Tage  Tem 
peratur  39,8,  Puls  130.  Bakteriologische  Blutuntersuchung  negativ.  Fiebe 
bleibt  bestehen.  Nachdem  es  am  8.  Tage  auf  40,2,  der  Puls  auf  130  ge¬ 
stiegen  ist  und  zweimal  Frieren  aufgetreten  war,  soll  am  nächsten  Tagi 
die  intravenöse  Infusion  eines  Sensismittels  vorgenommen  werden,  doch  fie 
die  Temperatur  an  diesem  Tage  kurz  vor  der  beabsichtigten  Infusion  au 
36,8,  erreichte  noch  einmal  38  und  blieb  dann  normal.  Heilung. 

Mit  dem  gleichen  negativen  Resultat  wie  das  Collargol  habe  icl 
in  zahlreichen  Fällen  viele  andere,  stets  sehr  gut  empfohlene  Mitte 
(häufig  mehrere  kombiniert)  angewandt,  z.  B.  Elektrargol,  Dispargen 
Argochrom,  Fulmargin,  Trypaflarin,  Eucupin,  Vuzin,  Rivanol,  Uro 
tropin. 

Auch  Sera  und  Vakzine  (Opsonogen  und  Leukogen)  sowie  Pro 
teinkörper  (Aolan;  Caseosan)  und  Terpentin  waren  ohne  erkennbarei 
Einfluss. 

Der  Gedanke,  bei  septischen  Allgemeininfektionen  gewisser 
massen  eine  Durchspülung  des  Organismus  vorzunehmen 
ist  schon  lange  und  oft  wiederholt  ausgesprochen  und  verwirklich 
worden.  Ich  bin  früher  so  vorgegangen,  dass  ich  die  Kranken  durcl 
Fliedertee  und  Lichtbogen  schwitzen  Hess,  die  Diurese  anregte  um 
viel  Flüssigkeit  durch  Mund,  Mastdarm  oder  Vene  zuführte.  Späte 
machte  ich  grossen  Aderlass  und  ersetzte  das  Blut  durch  intravenös« 
Kochsalzinfusion. 

Der  erste  Fall,  bei  dem  ich  die  seit  zirka  10  Jahren  von  mir  pro 
pagierte  intravenöse  Dauertropfinfusion  1911  auspro 
bierte,  betraf  eine  puemerale  Sepsis.  Soviel  Gutes  ich  auch  sonst  voi 
dieser  Art  der  Kochsalzinfusion  gesehen  habe,  bei  dieser  Indikatioi 
hat  sie  mich  fast  stets  in  Stich  gelassen. 

Ich  weise  in  dieser  Beziehung  auf  meine  Arbeit:  „Erfahrungei 
mit  der  intravenösen  Dauertropfinfusion“  (Deutsche  Zschr.  f.  Chir. 
Bd.  151,  H.  5 — 6)  hin.  Vor  grossen  Flüssigkeitsmengen  habe  icl 

5)  Einem  viel  beschäftigten  Praktiker  ist  es  schlechterdings  nicht  möglich' 
die  Sepsisliteratur  auch  nur  einigermassen  durchzustudieren,  ich  muss  dahe 
auf  Literaturangaben  im  grossen  und  ganzen  verzichten. 


21  September  1923. _  MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


in  dieser  Arbeit  (S.  386)  bei  Sepsis  geradezu  gewarnt.  Ich  habe 
manchmal  den  Eindruck  gehabt,  als  würde  die  Ausstreuung  der  Keime 
durch  die  intravenöse  Infusion  befördert. 

Nur  wenn  alkalische  L  ö  s  u  ng  eingetropft  wurde,  war  uns 
hin  und  wieder  ein  bescheidener  Erfolg  beschieden,  oft  nur  vorüber¬ 
gehend. 

Nachdem  V  o  r  s  c  h  ü  t  z  -  Elberfeld  auf  der  Naturforscher-  und 
Aerztcversanimlung  in  Münster  1912  über  die  günstige  Wirkung  der 
Alkalien  auf  septische  Prozesse  berichtet  hatte,  lag  es  für  mich  nahe, 
das  Alkali  nicht,  wie  Vor  schütz  tat,  durch  den  Mund,  sondern 
intravenös  in  Form  der  Dauertropfinfusion  zuzuführen.  Ich  ver¬ 
wandte  5  proz.  Sodalösung,  wie  solche  schon  früher  von  anderer 
Seite  bei  Coma  diabeticum  benutzt  worden  ist,  und  Hess  gewöhnlich 
1-  -2  Liter  davon  langsam  eintropfen.  Man  muss  darauf  achten,  dass 
die  Kanüle  fest  in  die  Vene  eingebunden  wird,  damit  nichts  daneben¬ 
geht.  sonst  gibt  es  Hautgangrän. 

In  diese  Gruppe  von  Mitteln  fällt  auch  das  schon  obenerwähnte 
von  B  u  z  e  1 1  o  -  Greifswald  auf  dem  Chirurgenkongress  1922  (cf. 
Arch.  f.  klin.  Cliir.,  Bd.  121.  S.  18 — 20)  empfohlene  Urotropin  (40  proz.). 
Ich  habe  es  im  letzten  Jahre  mehrmals  angewandt,  auch  hiervon  sah 
ich  nichts  eklatantes  . 

Fall  5.  Elisabeth  R..  21  Jahre.  Am  14.  I.  19  Aufnahme  ins  Krankcn- 
lans.  Beide  Beine  zeigen  Verbrennung  III.  Grades.  Zunächst  normaler  Vor¬ 
auf.  Die  Haut  stiess  sich  in  gangränösen  Fetzen  ab.  Etwa  4  Wochen  nach 
Jer  Aufnahme  wurde  die  Kranke  unklar,  Temperatur  um  40,  Puls  zwischen 
120  und  140.  Bakteriologische  Blutuntersuchung  zeigt 
staoh  vlokokken. 

10.  II.  Injektion  von  Leukogen,  10  Millionen  Keime.  Befinden  dann 
vechselnd.  Tags  meist  klar,  nachts  öfters  unklar;  elendes  Aussehen,  dauernd 
’uls  und  Temperatur  hoch.  Bakteriologische  Blutuntersuchung  aus  äusseren 
Jriinden  nicht  wiederholt. 

25.  II.  Intravenöse  D  a  u  e  r  t  r  o  p  f  i  n  f  u  s  i  o  n  von  1  Liter 
i  h  v  s  i  ol  o  gischer  Kochsalzlösung  mit  50  ccm  N  a  t  r.  c  a  r  b„ 
ropfenweise  von  nachmittags  1  Uhr  ab  bis  5  Uhr.  Die  Infusion  war  der 
(ranken  sehr  gut  bekommen,  fühlte  sich  subjektiv  erheblich  wohler.  Tem- 
icratur  fiel  am  nächsten  Tage  auf  37.4,  erreichte  später  nur  noch  38.  wahrend 
ie  wochenlang  vorher  um  39  und  40  gewesen  war.  Puls  blieb  aber  unver- 
ndert  hoch.  Wochenlang  hielt  die  Besserung  des  Allgemeinbefindens  an, 
ann  wieder  Verschlechterung. 

31.  III.  19  Exitus. 

Fall  6.  Richard  B..  20  Jahre.  Aufgenommen  24.  X.  19.  Mittelkräftig, 
nnere  Organe  o.  B.  Puls  100,  ziemlich  weich.  Tenmeratur  39,6.  Unter- 
pdc  kollosal  geschwollen,  starr  infiltriert  (Karbunkel).  Schwellung  und 
’ötung  setzt  sich  auch  aufs  Kinn  fort,  in  geringem  Grade  auch  auf  die  Wangen, 
(akteriologische  Blutuntersuchung:  Staphylokokken, 
heranie:  Halsstauung.  Zinkpasteverband. 

25.  X.  Schwellung  hat  sich  auch  auf  das  Gesicht  fortgesetzt.  Äugen¬ 
der  ödematös.  Apathie.  Aderlass  (200  ccm).  Intravenöse  Dauer- 
ropfinfusion  von  1  Liter  5proz.  Natr.  carbon. -Lösung, 
bakteriologische  Blutuntersuchung  ergibt  wiederum  zahlreiche  Sta- 
Itylokokken. 

26.  X.  Im  Harn  Eiweiss,  Staphylokokken  positiv.  Bakterio- 
ogische  Blutuntersuchung:  zahlreiche  Staphylo- 
°kke  n.  Gegen  Abend  unruhig,  etwas  benommen.  Schwellung  so  stark, 
ass  die  Augen  nicht  mehr  geöffnet  werden  können. 

27.  X.  Zustand  unverändert.  Bakteriologische  Blutunter- 
u  c  h  u  n  g  ergibt  wiederum  etwa  dieselbe  Menge  Staphylokokken- 
o  1  o  n  i  e  n.  Durch  Aderlass  werden  50  ccm  Blut  entleert.  Intravenöse 
auertropfinfusion  von  5  p  r  o  z.  Natr.  carb. -Lösung, 
Liter.  Gegen  Abend  ist  die  Temperatur  etwas  gesunken,  jedoch  Benommen¬ 
st  und  Unruhe  stärker  geworden. 

28.  X.  Bakteriologische  Blutuntersuchung:  Sta- 
hylokokken  positiv.  Temperatur  abends  wieder  39,5.  3mal  täglich 
Messerspitze  Natr.  bicarb.  per  os 

29.  X.  Katheterurin  enthält  viel  Staphylokokken. 

31.  X.  Allgemeinbefinden  besser.  Sensorium  olar.  Bakteriologi- 
che  Blutuntersuchung  ergibt  wiederum  Staphylo- 
o  k  k  e  n.  Auf  den  Wangen,  in  der  Umgebung  der  Augen,  an  der  Obcr- 
jpe.  Abszesse,  die  durch  Stichinzision  geöffnet  werden. 

3.  XI.  Besserung  schreitet  fort.  Bakteriologische  Blutuntcr- 
u  c  h  u  n  g  ergibt  vereinzelte  Kolonien  von  Staphylo- 
okken.  Es  müssen  noch  mehrere  Abszesse  inzidiert  werden.  Dann  all- 
ählich  Besserung.  Bei  den  weiteren  Blutuntersuchungen  keine  Staphylo- 
ikken  mehr  nachweisbar.  Heilung. 

Auch  in  einer  Anzahl  anderer  Fälle  gewann  man  den  Eindruck, 
iss  die  intravenöse  Tropfinfusion  von  Sodalösung 
e  Wendung  zum  Besseren  einleitete.  Doch  will  ich  aus  den  ange¬ 
hrten  Krankengeschichten  und  den  anderen  Beobachtungen  nicht 
eitgehende  Schlüsse  ziehen,  wenn  auch  immerhin  in  dem  ersten  Fall 
Ir.  5)  die  Besserung  des  Allgemeinbefindens  und  der  definitive 
bfall  der  Temperatur,  die  42  Tage  hintereinander  zwischen  39  und 
i  Grad  abends  geschwankt  hatte,  gleich  nach  der  Infusion  auffallend 
ar:  aber,  wie  schon  oben  erwähnt,  das  kommt  auch  sonst  mal  ohne 
lerapie  vor. 

Auch  der  2.  Fall  (Nr.  6)  ist  nicht  beweisend.  Zwei  Punkte  spra- 
len  allerdings  für  ungünstige  Prognose:  1.  Dauernder  Keimnach- 
eis  im  Blut,  2.  schlechtes  Allgemeinbefinden:  ein  Moment  liess 
ier  die  Prognose  doch  etwas  hoffnungsvoller  erscheinen:  die  Aetio- 
gie,  die  Hauptlokalisation  in  Form  des  Karbunkels  (im  Gegensatz 
ir  puerperalen  Aetiologie). 

Dass  derartige  Fälle  auch  ohne  eingreifende  Therapie  heilen 
»inen,  zeigt  folgende  interessante  Krankengeschichte: 

Fall  7.  Heinrich  M.,  26  Jahre.  Aufgenommen  13.  XII.  21.  Guter 
äftc-  und  Ernährungszustand.  Puls  regelmässig,  mittelkräftig,  104.  Tcm- 
ratur  39,5.  Sensorium  frei.  Die  Oberlippe  ist  besonders  in  ihrer  linken 
Ufte  stark  geschwollen,  rüsselartig  aufgeworfen,  entzündlich  gerötet,  derb 


infiltriert  (Karbunkel).  Es  besteht  eine  teigige  Schwellung  der  ganzen  linken 
Wange.  Zunge  stark  belegt.  Bakteriologische  Blutunter- 
s  u  c  h  u  n  g  e  r  g  i  b  t  Staphylokokken,  durchschnittlich  12  Kolonien 
auf  jeder  Platte.  Therapie:  Bettruhe.  Salbenlappen.  Halsstauung.  Verlauf: 
Temperatur  blieb  wochenlang  zwischen  39  und  40,  Puls  um  110,  zeitweise  120. 
Bakteriologische  Blutuntersuchung  wurde  noch  3  m  a I 
wiederholt  mit  dem  gleichen  Resultat:  massig  viel 
Staphylokokken.  Der  Kranke  war  zeitweise  sehr  elend,  häufig  un- 
rulng.  Sensorium  verschleiert.  Es  entwickelte  sich  eine  Thrombose 
f.  ® ,?  ®  1  n  u  *  cavernosus.  Der  konsultierte  Augenarzt  Prof.  Stöwer- 
Witten  erhebt  folgenden  Befund:  Beiderseits  Lidödem.  Links  Ptosis.  Beider¬ 
seits  mittelstarker  Exophthalmus  mit  Chemosis.  Linkseitig  starke  Störung 
der  Beweglichkeit,  rechts  mässige  Bewegungsstörung.  Augenhintergrund:  ge- 
ringe  Verbreiterung  der  Venen.  Ganz  allmählich  schwanden  die  Zeichen  der 
I  hrombose.  Der  Lippcnkarbunkel  kam  zur  Erweichung,  die  Keime  schwanden 
aus  dem  Blut,  die  Temperatur  fiel.  Eine  Therapie  der  Sepsis  wurde  nicht 
angewandt,  rein  konservative  Behandlung.  Am  30.  I.  22  geheilt  entlassen. 

Der  sehr  erfahrene  Augenarzt,  den  ich  bei  diesem  Kranken  kon- 
sultierte,  sagte  mir,  er  habe  noch  keinen  Fall  von  Gesichtskarbunkel 
mit  Sepsis  und  Thrombose  des  Sin.  cavernosus  durchkommen  sehen. 
Hier  w ar  Heilung  ohne  eigentliche  Therapie  der 
Sepsis  erfolgt.  Was  würde  wohl  ein  Anhänger  des  Collargols, 
wenn  er  das  Mittel  auch  hier  angewandt  hätte,  aus  solchem  Fall  ge¬ 
macht  haben? 

Ich  komme  dann  zu  den  Versuchen  mit  Bluttransfusion 
Ich  habe  kleinere  Mengen  (etwa  20  ccm)  zitrierten  Bluts  von  Ge¬ 
sunden  als  Reizmittel  intravenös  injiziert.  Ferner  Serum  oder  ganzes 
Blut  von  Rekonvaleszenten,  schliesslich  wurden  auch  mehrfach  (nach 
ausgiebigem  Aderlass)  grössere  Mengen  Blut  von  Gesunden  trans¬ 
fundiert,  um  eben  einen  Teil  des  keimhaltigen  und  schlechten  Bluts 
des  Kranken  durch  keimfreies  und  besseres  zu  ersetzen. 

Die  Resultate  waren  wechselnd,  manchmal  durchaus  ermutigend, 
nie  beweisend,  häufig  schlecht. 

Fall  11.  Giovanni  B.,  43  Jahr.  —  Am  7. 1.  19  wegen  infizierter  Wunde 
an  der  Hand  eingeliefert.  —  Zunächst  normaler  Verlauf. 

21.  I.  Plötzlich  Klagen  über  die  linke  Lendengegend,  leichte  Temperatur¬ 
steigerung,  sonst  objektiv  zunächst  nichts. 

27.  I.  werden  im  Katheterurin  mässig  viel  Leukozyten,  einzelne  Kokken, 
Spuren  von  Albumen  gefunden. 

I.  II.  Plötzlich  hohes  Fieber.  Im  Katheterurin  Staphylokokken.  I  m 
Blut  ebenfalls  Staphylokokken.  —  Keine  Resistenz  oder  be¬ 
sondere  Klopfempfindlichkeit  in  der  Lendengegend. 

6.  II.  Elendes  Aussehen.  Temperatur  zwischen  37  und  38.  Puls  nur 
wenig  beschleunigt.  Mässige  Schmerzhaftigkeit  der  1.  Lendengegend.  Bak¬ 
teriologische  Blutuntersuchung:  Staphylokokken  Es 
werden  32  ccm  zitrierten  Bluts  in  die  Armvene  des  Kranken  ein- 
gespritzt.  16  ccm  stammen  von  einer  Kranken,  die  sich  in  Rekonvales¬ 
zenz .  nach,  paranephritischem  Abszess  mit  Staphylokokken  befindet,  16  ccm 
von  in  Heilung  begriffenem  Kranken  mit  Furunkulose. 

II.  II.  Bluttransfusion  wurde  gut  vertragen.  Allgemeinbefinden  leidlich, 
doch  elendes  Aussehen.  Inzwischen  ist  wiederum  bakteriologische  Blutunter¬ 
suchung  gemacht  worden ;  wiederum  Staphylokokken  und  zwar 
nach  der  Bluttransfusion  erheblich  mehr  Kolonien  als  vorher.  Es  werden 
wiederum  20  ccm  zitrierten  normalen  Menschenblutes  in¬ 
jiziert. 

12.  II.  Bakteriologische  Blutuntersuchung:  Sta¬ 
phylokokken  weniger  als  sonst.  Bluttransfusion  wurde  wieder  gut 
vertragen. 

14.  II.  Allgemeinbefinden  wenig  verändert.  Sensorium  frei.  Temperatur 
um  39,  Puls  um  100.  Intravenöse  Infusion  von  5proz.  Natr. 
carb. -Lösung,  1  Liter.  Danach  behauptet  der  Kranke,  dass  er  sich  viel 
besser  fühle.  Auch  weiterhin  in  den  nächsten  Tagen  gutes  Befinden.  Tem¬ 
peratur  zwischen  37  und  38.5,  Puls  zwischen  80  und  90. 

16.  II.  Leukogen  25  Millionen  Keime. 

17.  II.  Intravenöse  Infusion  von  2  Liter  5proz.  Natr. 
carb.-Lösunr. 

18.  II.  Bakteriologische  Blutuntersuchung:  keine 
Keime. 

19.  II.  Inzision  eines  Abszesses,  der  sich  an  der  Brust  gebildet  hatte. 
Die  Schmerzhaftigkeit  in  der  Lendengegend  ist  inzwischen  ganz  geschwunden, 
eine  Resistenz  war  niemals  naohzuweisen. 

20.  II.  Wieder  Leukogen,  35  Millionen  Keime. 

23.  II.  Plötzlich  Verschlimmerung,  Schwächeanfall.  Temperatur  39, 
Puls  110. 

24.  II.  Schlechtes  Aussehen,  blasse,  graue  Gesichtsfarbe.  Husten  und 
Auswurf.  Bakteriologische  Blutuntersuchung:  keine  Keime.  Einspritzung  von 
Leukogen,  75  Millionen  Keime. 

Intravenöse  D a u e r - T r o p f i n  f  u  s  i  o n  von  1  Liter 
5proz.  Natr.  carb.  -  Lösung. 

25.  II.  Infusion  wurde  gut  vertragen.  Objektiv  keine  Aenderung. 
Wiederum  bakteriologische  Blutuntersuchung:  keine  Keime.  In  den  nächsten 
Tagen  geht  die  Temperatur  auf  37  bis  37,8  herunter.  Puls  um  110. 

1.  III.  Leukogen,  100  Millionen  Keime. 

3.  III.  Der  Kranke  wird  zusehends  elender.  Leibschmerzen.  Erguss  im 
Abdomen.  Probepunktion  in  der  I.  Unterbauchgegend  ergibt  seröse  Flüssig¬ 
keit,  in  der  Keime  nicht  nachgewiesen  werden. 

7.  III.  Abdomen  aufgetrieben,  gespannt.  Schmerzen  in  der  1.  Brust¬ 
seite.  Durch  Pleurapunktion  wurde  dünnflüssiger  Eiter  entleert,  'in  dem 
Staphylokokken  nachgewiesen  werden. 

Operation:  1.  Eröffnung  des  Abdomens.  Entleerung  von  reichlich  viel 
leichtgetrübter  seröser  Flüssigkeit,  in  der  Staphylokokken  nachgewiesen 
werden.  Gründliche  Ausspülung  der  Bauchhöhle.  2.  Resektion  der  10.  Rippe. 
Entleerung  von  trübseröser  Flüssigkeit,  in  der  ebenfalls  Staphylokokken  nach¬ 
gewiesen  werden. 

10.  III.  Operation  wurde  gut  überstanden.  Zunächst  fühlte  sich  der 
Kranke  sehr  erleichtert.  Puls  ging  aber  auf  140,  klein.  Der  Kranke  heute 
sehr  elend.  Einspritzung  von  O  p  s  o  n  o  g  c  n,  250  Millionen  Keime. 

Es  trat  dann  viel  Husten  auf.  Der  Kranke  wurde  immer  elender. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1198 


Nr.  3i 


14.  III.  Exitus. 

Die  Obduktion  ergab  u.  a.  in  der  1.  Niere  in  Heilung  begriffenen  kleinen 
Abszess,  ferner  einen  grossen  Abszes  in  der  Milz. 

Die  folgende  Krankengeschichte  zeigt  u.  a.  Versuche  durch 
grössere  Mengen  intravenös  infundierter  Vuzinlösung  keimabschwä- 
chend  zu  wirken.  Dass  Vuzin  auch  von  schwachen  Kranken  in 
Mengen  von  % — 1  Liter  1  prom.  Lösung  bei  tropfenweiser  intra¬ 
venöser  Zufuhr  vertragen  wird,  hatten  mir  Versuche  an  hoffnungs¬ 
losen  Krebskranken  bewiesen. 

Die  Desinfektion  des  Blutes  wurde  auch  teilweise 
ausserhalb  des  Körpers  (cf.  Krankengeschichte)  versucht. 

Ferner  wandte  ich  in  diesem  und  einigen  anderen  Fällen  den 
A  e  t  h  e  r,  der  mir  inj  Reagenzglasversuchen  eine  mindestens  ebenso  gute 
Keimtötung  zeigte  wie  Eucupin  und  Vuzin  intravenös  an  und  zwar 
benutzte  ich  den  Narkosenäther  Schering  in  derselben  Weise  wie 
zur  intravenösen  Narkose,  nur  langsamere  Zufuhr.  Er  wirkt  zugleich 
exzitierend  und  vielleicht  leukozytoseanregend. 

Fall  12.  Hildegard  K.,  22  Jahr.  7.  VIII.  20  wird,  ohne  dass  eine  inner¬ 
liche  Untersuchung  vorgenommen  ist,  im  Krankenhaus  in  Steisslage  eine 
35  cm  lange  tote  Frucht  geboren.  Auch  später  wurde  digitale  Untersuchung 
nicht  vorgenommen.  2  Tage  nach  der  Entbindung  am  9.  VIII.  steigt  die 
Temperatur  auf  38,8,  Puls  auf  92. 

10.  VIII.  Temperatur  39,5.  Puls  120.  Uebelriechender  Ausfluss,  schlechtes 
Allgemeinbefinden.  Bakteriologische  Blutuntersuchung,  die 
sich  auch  auf  anaerobe  Keime  erstreckt:  negativ. 

11.  VIII.  Befinden  unverändert.  Schüttelfrost.  Danach  bakteriologische 
Blutuntersuchung:  keine  Keime. 

12.  VIII.  Viel  Kopfschmerzen.  Uebelriechender  Ausfluss.  Abdomen  ein 
wenig  aufgetrieben.  Mittags  10  Minuten  lang  dauernder  Schüttelfrost,  danach 
bakteriologische  Blutuntersuchung:  negativ. 

13.  VIII.  Befinden  unverändert.  Puls  steigt  bis  140.  Schüttelfros't. 
Bakteriologische  Blutuntersuchung:  Staphylokokken. 
Es  werden  20  ccm  Blut  aus  der  Armvene  der  Schwester  der  Kranken 
(mit  Zusatz  von  Natr.  citr.)  infundiert. 

14.  VIII.  Keine  Veränderung.  Bakteriologische  Blutunter¬ 
suchung  ergibt  wiederum  Staphylokokken.  Es  werden  20  ccm 
lprom.  Vuzinlösung  intravenös  infundiert. 

15.  VIII.  Keine  wesentliche  Aenderung.  Abdomen  nicht  empfindlich. 
Kein  Herzgeräusch. 

16.  VIII.  Bakteriologische  Blutuntersuchung:  Sta¬ 
phylokokken.  Befinden  eher  schlechter.  Sensorium  benommen.  Zyanose. 
Es  werden  500  ccm  Blut  durch  Aderlass  von  der  Kranken 
entnommen,  in  sterilem  Qefäss  aufgefangen  und  defibriniert,  500  ccm 
lprom.  Vuzinlösung  werden  dem  defibriniert  en  Blute 
zugesetzt,  dann  Blut  und  Vuzinlösung  durch  intra¬ 
venöse  Tropfinfusion  unter  Sauerstoffzuleitung  (cf. 
meine  Arbeit  Zbl.  f.  Chir.  1921  Nr.  4)  wieder  zu  geführt;  wird  gut 
vertragen.  Abends  fühlt  sich  die  Kranke  subjektiv  besser,  ist  auch  klarer. 

17.  VIII.  Am  Tage  war  das  Befinden  entschieden  besser,  abends  wieder 
Unruhe,  aber  nicht  benommen.  Bakteriologische  Blutunter¬ 
suchung  ergibt  viel  weniger  Staphylokokken  als 
sonst.  Es  werden  10  ccm  Blut  aus  der  Vene  der  Kranken 
unter  die  Haut  des  Oberschenkels  gespritzt. 

18.  VIII.  Sensorium  klarer.  Es  wird  1  Liter  physiologischer 
NaCI-Lösung  +  50  ccm  Narkosenäther  durch  die  intra¬ 
venöse  Tropfinfusion  zugeführt;  wurde  gut  vertragen. 

19.  VIII.  Wiederum  bakteriologische  Blutuntersuchung: 
Staphylokokken.  Schüttelfrost.  Am  Oberschenkel,  wo  das  Blut  ein¬ 
gespritzt  ist,  bisher  keine  Schmerzhaftigkeit.  An  derselben  Stelle  wird  eine 
Injektion  von  1  ccm  Terpentinöl  gemacht. 

20.  VIII.  Keine  wesentliche  Aenderung.  An  der  Terpentin-Einspritzungs¬ 
stelle  etwas  Schmerz,  keine  Entzündungserscheinungen.  Keine  Leukozyten¬ 
vermehrung. 

24.  VIII.  Befinden  wenig  verändert.  Seit  gestern  rechtsseitige  Lungen¬ 
entzündung,  ungenügende  Expektoration.  Bakteriologische  Blut¬ 
untersuch’ ung:  zahlreiche  Kolonien  von  Staphylo- 
coccus  albus.  Nicht  nennenswerte  Vermehrung  der  Leukozyten. 

29.  VIII.  In  den  letzten  Tagen  immer  schlechtes  Befinden.  Puls  bis  zu 
160,  Temperatur  zwischen  39  und  40.  Pneumonie  auf  den  r.  Unterlappen  be¬ 
schränkt.  Bakteriologische  Blutuntersuchung:  zahl¬ 
reiche  Staphylokokken.  Es  werden  20  ccm  Blut  aus  der 
Armvene  einer  Kranken,  die  sich  in  der  Rekonvales¬ 
zenz  einer  puerperalen  Staphylokokkenpyämie  be¬ 
findet  (cf.  Krankengeschichte  Nr.  14)  transfundiert. 

30.  VIII.  unter  zunehmender  Schwäche  Exitus. 

Schliesslich  möchte  ich  noch  erwähnen,  dass  Ich  schon  vor 
längerer  Zeit  —  da  alle  üblichen  Mittel  zur  Vermehrung  der  Leuko¬ 
zyten  unsicher  waren  —  versuchte,  auf  die  Quelle  der  Leukozyten 
zu  wirken. 

Das  Knochenmark,  als  Entstehungsort  der  Granulozyten,  sollte 
gereizt  werden.  Ich  versuchte  das  mit  Beklopfen  der  Schienbeine 
und  namentlich  des  Brustbeins.  Vibrationsmassage  und  Röntgenreiz¬ 
dosen.  Nennenswerter  Erfolg  trat  nicht  ein.  Ich  hatte  dann  in  Aus¬ 
sicht  genommen,  eine  stärkere  Reizung  durch  Einspritzung  von 
Jodtinktur  in  di,'e  Markhöhle  der  Tibia  vorzunehmen,  ein  Ver¬ 
fahren,  das  ich  schon  vor  10  Jahren  einigemale  bei  perniziöser 
Anämie  angewandt  hatte.  Es  wäre  auch  an  die  Bier-Schramm- 
sche  Ausräumung  des  Marks  zu  denken.  Ich  konnte  mich  aber  zu 
diesem  eingreifenden  Verfahren  noch  nicht  entschliessen  *).  Jeden¬ 
falls  wird  es  durch  neuere  theoretische  Anschauungen  gut  gestützt. 
Cf.  die  Untersuchungen  von  E.  F.  M  ü  1 1  e  r.  B  u  z  e  1 1  o  sagte  von 
ihnen  auf  dem  Chirurgenkongress  1922:  „Sie  machen  es  sehr  wahr¬ 
scheinlich,  dass  die  pyogenen  Keime  vom  Blut  aus  zunächst  das  Mark 

*)  Anmerkung  bei  der  Korrektur:  Inzwischen  ist  das  Verfahren  einmal 
ohne  eklatanten  Erfolg  ausgeführt  worden. 


der  Wirbelkörper  befallen.  Damit  wird  ein  wichtiger  Teil  des  leukc 
poetischen  Systems  geschädigt  und  zugleich  der  andere  Teil,  nämlic 
das  Mark  der  Röhrenknochen  zu  erhöhter  Anstrengung  veranlasst. 
Es  wäre  also  wohl  denkbar,  dass  wir  durch  Reizmittel  diese  für  d 
Ausheilung  zweckmässige  „erhöhte  Anstrengung“  des  Knochenmarl" 
förderten. 

Ich  könnte  den  angeführten  Krankengeschichten  mit  Leichtigkel 
eine  ganze  Reihe  anderer  aus  meiner  Sammlung  hinzufügen,  at . 
denen  hervorgeht,  wie  nach  Anwendung  aller  möglicher  Mittel  auc| 
Heilung  eingetreten  ist.  Es  handelte  sich  aber  stets  um  nicl| 
schwerste  Erkrankungen,  zu  denen  es  genug  Parallelfälle  gab,  dil 
ohne  Therapie  heilten,  dadurch  verliert  die  Beweiskraft  fij 
die  Heilung  durch  die  Mittel  natürlich  ausserordentlich. 

Zwei  hierhergehörige  Krankengeschichten  (ausser  dem  Fall  I 
möchte  ich  zum  Schlüsse  noch  kurz  anführen. 

Fall  13.  Maria  H„  31  Jahr.  Die  Kranke  befand  sich  etwa  in  de 
7.  Woche  der  Gravidität,  als  sie  am  15.  X.  20  plötzlich  Schüttelfrost  un 
Fieber  bekam  zugleich  mit  blutigem,  übelriechendem  Ausfluss  aus  der  Scheidt 
Als  Ursache  dafür  gab  die  Kranke  nur  Tragen  einer  schweren  Last  an.  Di 
Schüttelfröste  wiederholten  sich,  das  Befinden  verschlechterte  sich. 

25.  X.  20.  Aufnahme  ins  Krankenhaus.  Status:  Blass,  Zunge  feuch 
Temperatur  39,7.  Puls  90.  Abdomen  etwas  aufgetrieben,  nicht  stark  g< 
spannt.  Oberhalb  der  Leistenbänder  etwas  druckempfindlich;  übelrichendc 
Ausfluss  aus  der  Scheide.  Bakteriologische  Blutunter 
suchung:  keine  Keime. 

26.  X.  Gynäkologische  Untersuchung.  Kurz  zuvor  geht  ein  zweimarl 
stückgrosses  Plazentastück  ab.  Zervix  für  den  Finger  durchgängig.  Uteru 
leer.  Parametrien  frei.  —  Behandlung  konservativ.  Zunächs 
trat  Besserung  des  Befindens  und  Fieberabfall  ein. 

30.  X.  Schvüttelfrost  mit  Temperatursteigerung  bis  38,5.  —  Bak 
teriologische  Blutuntersuchung  ergibt  hämolytisch 
Streptokokken.  In  den  nächsten  Tagen  leidliches  subjektives  Befindet 
Puls  bleibt  unter  100,  Temperatur  bis  39,5. 

2.  XI.  Wiederum  bakteriologische  Blutuntersuchung 
mässig  viel  hämolytische  Streptokokken.  Weiter  leidliche 
Allgemeinbefinden.  Ausfluss  nicht  mehr  so  stark  übelriechend.  Temperatu 
nicht  über  38,6. 

5.  XI.  Wiederum  bakteriologische  Blutunter 
suchung:  reichlich  hämolytische  Streptokokken. 

8.  XI.  Weiter  leidliches  Allgemeinbefinden.  Klares  Sensorium.  Ten 
peratur  40  Bakteriologische  Blutuntersuchung;  keine  Keime. 

10.  XI.  Allgemeinbefinden  unverändert.  Kein  Fieber.  Puls  80.  Bak 
teriologische  Blutuntersuchung:  78  Kolonien  hämo 
lytische  Streptokokken  auf  der  Platte.  Die  weiteren  Blutuntei 
suchungen  waren  sämtlich  negativ.  Es  entwickelte  sich  noch  ein  Blaser 
katarrh  mit  eitrigem  Harn,  in  dem  viel  Bact.  coli  nachgewiesen  wurdt 
Allmählich  Besserung. 

11.  XII.  20.  Geheilt  entlassen. 

Also  hier  zwei  prognostisch  ungünstige  Momente:  puer 
p  e  r  a  1  e  Erkrankung,  mehrfacher  Keimnachweis,  ein  gür 
stiges :  leidliches  Allgemeinbefinden.  In  derartige 
Fällen  verzichte  ich  jetzt  nach  vielfältigen  Erfahrungen  mit  bester 
Gewissen  auf  jede  Therapie,  sorge  nur  für  Ruhe  und  allgemein 
Kräftigung.  Morphium  erscheint  mir  übrigens  oft  besser  als  Digitali: 
namentlich  bei  Thrombose  mit  Pyämie. 

Interessanter  erscheint  mir  schliesslich  noch  der  letzte  Fall. 

Fall  14.  Selma  M.,  36  Jahr.  Am  14.  VII.  20  Zwillingsgeburt.  Nac 
Geburt  des  2.  Kindes  starke  Blutung.  Der  hinzugezogene  Arzt  nimmt  ein 
manuelle  Ausräumung  der  Plazenta  vor.  5  Tage  darauf  Fieber,  das  auch  i 
den  nächsten  Tagen  anhielt. 

19.  VII.  20.  Aufnahme  ins  Krankenhaus.  Status:  Elender  Kräfte-  um 
Ernährungszustand,  blass,  Zunge  stark  belegt,  aber  feucht.  Temperatur  38, f 
Puls  138,  mittelkräftig.  Abdomen  etwas  gespannt,  geringe  Druckempfindlich 
keit.  Aus  der  Scheide  stark  übelriechender  Ausfluss.  Behandlung:  Eisblase 
völlige  Ruhe,  keine  gynäkologische  Untersuchung^ 

21.  VII.  Temperatur  40,7.  Puls  leidlich  kräftig,  um  140.  Bakterio 
logische  Blutuntersuchung:  keine  Kei  me. 

23.  VII.  Schüttelfrost.  Temperatur  40,9.  Puls  um  120.  In  den  nächstei 
Tagen  Befinden  leidlich.  Temperatur  erreicht  nur  noch  40,1.  Puls  130.  Zeit 
weise  stärkere  Remissionen. 

27.  VII.  Gynäkologische  Untersuchung  ergibt:  Fundus  Uteri  etwa  hand 
breit  oberhaiD  der  Symphyse.  Parametrien  frei.  Muttermund  für  Spül 
katheter  gut  durchgängig.  Uterus  wird  mit  50  proz.  Alkohol  ausgespült,  dabe 
entleert  sich  etwa  1  Esslöffel  dicken,  fetzigen  Eiters.  Danach  bakterio 
logische  Blut  Untersuchung:  keine  Keime. 

31.  VII.  In  den  letzten  Tagen  leidliches  Befinden.  Heute  Schüttei  1 
frost.  Temperatur  danach  41,7.  Puls  130. 

1.  VIII.  Heute  2  mal  Schüttelfrost,  danach  Temperatur  41,8» 
Puls  160.  Bakteriologische  Blutuntersuchung:  keine  Keime. 

Auch  am  2.  und  5.  VIII.  traten  Schüttelfröste  auf  mit  hohem  Fieber  und 
Puls  bis  zu  160.  ■ —  Die  Kranke  wird  elender.  Es  treten  Durchfälle  cid 
biszu  18  Stühlen  in  24  Stunden.  Die  Kranke  ist  zuweilen  unklar) 
ln  der  Nacht  vom  9.  zum  10.  VIII.  wiederum  Schüttelfrost,  darauf  T  e  m 
peratur  von  41,5.  Puls  180.  Bakteriologische  Blutuntersuchung  an: 
nächsten  Tage  ergibt  wenig  Staphylokokken,  auf  der  Kontrollplattü 
keine  Keime. 

13.  VIII.  Elendes  Aussehen.  Leib,  namentlich  über  dem  linken  Leisten.! 
bande.  druckempfindlich.  Wiederum  heftiger  Schüttelfrost  mi1 
39,6  Temperatur  und  180  Puls. 

15.  VIII.  Befinden  wenig  verändert,  elend,  nachts  öfters  unklar 
Bakteriologische  Blutuntersuchung:  negativ. 

Am  16.  VIII.  wird  ein  kleiner  parametritischer  Abszess  links  er 
öffnet.  1  Esslöffel  Eiter  mit  Staphylokokken. 

18.  VIII.  geht  die  Temperatur  noch  einmal  auf  40,6,  am  21.  auf  39,7,  nocl 
einmal  trat  Schüttelfrost  auf,  dann  vom  22.  VIII.  an  Temperatur  normal.  Puh 
aber  noch  140.  —  Durchfälle  lassen  nach.  Allmähliche  Besserung.  —  Heilung 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


2D  September  1923. 

Fs  kam  also  eine  puerperale  Sepsis  mit  den  schwersten 
klinischen  Erscheinungen  (wochenlang  schlechtes  Befin¬ 
den,  zeitweise  Benommenheit,  Puls  bis  180,  Fieber 
3  i  S  41,8  ( !),  vielfach  Schüttelfröste,  Durchfälle)  ohne 
,  p  e  z  i  e  1 1  e  S  e  p  s  i  s  b  e  h  a  n  d  1  u  n  g  (es  wurde  nur  bei  allzu  hohem 
-icber  hin  und  wieder  etwas  Chinin  gegeben  und  Narkotika  bei  Un- 
uhe)  zur  Heilung.  Aber  auch  in  diesem  schweren  Falle  war 
loch  das  eine  günstige  Moment,  dass  nur  ein  einziges  Mal  Keime  im 
trömenden  Blut  gefunden  wurden  (und  dass  es  zu  Abszessbildung 
tarn).  Hätte  die  Frau  Collargol,  Dispargen,  Trypaflavin  oder  sonst 
•in  „Sepsismittel“  bekommen,  wie  hätte  man  dieses  gepriesen,  das 
inen  so  schweren  Fall  zur  Heilung  brachte. 

Ich  würde  an  die  Wirkung  eines  Sepsismittels  glauben,  bei  dessen 
\nwendung  mehrmals  Fälle  puerperaler  Sepsis  mit  schweren 
ilinischen  Erscheinungen  (vor  allem  Benommenheit, 
lohes  Fieber,  sehr  schneller  Puls)  und  mit  oft  wiederholtem 
(eimnachweis  im  Blut  ausheilten.  Solche  Fälle  sind  unter 
neinen  spontan  geheilten  nicht,  alle  anderen  Kombinationen  sind 
ertreten.  Das  heisst,  ich  sah  Sepsiskranke  ohne  Therapie  ausheilen: 

.  wenn  schwere  klinische  Erscheinungen  und  langandauernder  Keim¬ 
rehalt  des  Blutes  vorhanden  war,  aber  die  Sepsis  keine  puerperale 
var  (z.  B.  Fall  7).  2.  Wenn  es  eine  puerperale  war  mit  stetem 

ieimbefund  aber  ohne  schwere  Allgemeinerscheinungen  (z.  B. 
'all  13).  3.  Wenn  bei  puerperaler  Sepsis  schwere  Allgemeinerkran- 
.ung  bestand,  aber  der  Keimnachweis  nicht  oder  nur  ganz  vereinzelt 
;elang  (z.  B.  Fall  14). 

Es  wird  einem  schwer,  eine  Veröffentlichung  abzuschliessen,  in 
'er  eigentlich  nur  über  Negatives  berichtet  wurde.  Aber  der  an- 
pruchslose  Zweck  dieser  Arbeit  soll  nur  der  sein,  vor  kritikloser 
vnpreisung  von  Heilmitteln  zu  warnen.  Die  Beurteilung,  ob  ein 
Mittel  hilft  oder  nicht,  ist  gerade  “bei  den  septischen  Krankheiten 
usserordentlich  schwierig.  Ein  einigermassen  zuverlässiges  Mittel 
ibt  es  nach  meiner  Meinung  noch  nicht. 

Wichtiger  als  die  meisten  beliebten  Heilmittel  sind  für  den 
■epsiskranken  häufig  kräftige  Ernährung,  gute  Pflege  und  vor  allem 
luhe,  die  oft  durch  Vielgeschäftigkeit  in  der  Untersuchung  und  Be- 
andlung  gestört  wird. 

Je  unbefriedigender  und  unzulänglicher  aber  unsere  bisherige 
herapie  bei  Sepsis  ist,  desto  grösser  wird  Bedürfnis  und  Anreiz 
ein,  fortstrebend  nach  besseren  Behandlungsarten  zu  suchen,  um 
ine  der  fürchterlichsten  Krankheiten,  die  wir  kennen,  wirksamer 
ekämpfen  zu  können. 

Das  Blutbild  der  Influenza  in  den  Tropen. 

on  Prof.  Dr.  W.  M.  Hoffmann,  Marine-Generaloberarzt  a.  D 

Ich  habe  in  den  letzten  Jahren  in  Habana  bei  einer  grösseren 
uizahl  von  Influenzafällen  regelmässige  Blutuntersuchungen  aus- 
eführt,  die  wohl  eine  kurze  Mitteilung  rechtfertigen,  weil  unter  den 
iesigen  Witterungsverhältnissen  die  Grippe  vielfach  ein  etwas 
nderes  Aussehen  bietet  als  in  den  kühleren  Gegenden,  wo  sehr  häu- 
g  die  schweren  katarrhalischen  Komplikationen  das  Krankheitsbild 
nd  die  Erscheinungen  beeinflussen  und  beherrschen.  Natürlich  ist 
uch  hier  bei  den  grossen  Epidemien  von  1918  und  1919  die  Ver- 
esellschaftung  mit  den  Erkältungskrankheiten  vorgekommen.  Aber 
:h  glaube,  dass  man  hier  häufiger  als  anderswo  Gelegenheit  hat  die 
eine  Infektion  mit  dem  Virus  der  Influenza  allein  zu  beobachten,  un- 
eeinflusst  durch  die  Mitwirkung  anderer  Krankheitserreger.  Man 
at  in  solchen  Fällen  den  Eindruck,  dass  es  sich  um  eine  sehr 
chwere,  durch  Giftstoffe  den  Körper  schädigende  Allgemeininfektion 
mdelt,  die  am  Anfang  begleitet  ist  von  hohem,  plötzlich  einsetzen- 
;m  Fieber,  schwerem  Krankheitsgefühl  mit  äusserster  Abgeschlagen- 
-■it.  starker  Rötung  des  Gesichts,  unerträglichen  Kopfschmerzen, 
liederschmcrzen,  grosser  Schwäche,  Störung  der  Herztätigkeit,  init¬ 
iier  auch  Nierenreizung;  katarrhalische  Erscheinungen  aber  fei. len 
inz.  Schon  nach  2 — 3  Tagen  fällt  gewöhnlich  das  Fieber  ab,  und 
e  schweren  Erscheinungen  gehen  zurück;  aber  die  völlige  Genesung 
mert  doch  gewöhnlich  1 — 2  Wochen. 

Es  handelt  sich  bei  meinen  Fällen  hauptsächlich  um  Kranke,  die 
.•m  hiesigen  Infektionskrankenhaus  Hospital  Las  Animas  durch  die 
iesundheitsbehörden  der  Stadt  oder  des  Hafens  zur  Absonderung 
lerwiesen  wurden.  Wenn  auch  keine  ätiologische  Diagnose  auf  In- 
lenza  möglich  ist,  so  sind  doch  alle  Fälle  aufs  sorgfältigste  und  mit 
len  Hilfsmitteln  der  Klinik  und  des  Laboratoriums  bis  zu  ihrer  völli- 
■n  Wiederherstellung  beobachtet  und  untersucht  und  jedenfalls  jede 
idere  Infektion,  also  besonders  Typhus  und  Malaria  sicher  aus- 
.■schlossen,  so  dass  in  den  hier  verarbeiteten  Fällen  die  Diagnose 
fluenza  einen  sehr  hohen  Grad  von  Wahrscheinlichkeit  für  sich  hat; 
t  war  auch  ein  Zusammenhang  mit  kleinen  Epidemieherden  nach- 
cisbar. 

Ich  habe  bei  meinen  Fällen  regelmässig  tägliche  Blutuntcr- 
ichungen  vorgenommen.  Im  ganzen  verfüge  ich  über  55  Beobach¬ 
tern  Wenn  diese  Zahl  auch  nicht  sehr  hoch  ist,  so  besteht  doch 
ne  so  grosse  Uebereinstimmung  zwischen  allen  einzelnen  Beobach- 
ngen,  dass  ich  glaube,  dass  sie  ausreichend  sind,  um  Schlüsse  auf 
ne  gewisse  Gesetzmässigkeit  zu  machen,  die  hier  zutage  tritt  und 
e  sich  in  Zukunft  für  die  Diagnose  zweckmässig  verwerten  lässt. 

Die  von  mir  gemachten  Beobachtungen  sind  die  folgenden: 

Am  1.  und  2.  Krankheitstage  besteht  eine  ausgesprochene  Leuko-  1 
!  Nr.  33  . 


penie  mit  4 — 6000  weissen  Zellen.  Regelmässig  —  in  allen  meinen 
Fällen  —  werden  zu  dieser  Zeit  eosinophile  Zellen  vermisst.  Das 
Verhältnis  zwischen  vielkernigen  Zellen  und  Lymphozyten  ist  an¬ 
nähernd  normal.  Die  Polynukleären  zeigen  eine  Kernverschiebung 
nach  links,  das  heisst  der  Arnethindex  ist  hoch  infolge  Vermehrung 
der  jugendlichen  Zellformen.  Die  Leukopenie  bleibt  für  den  ganzen 
weiteren  Krankheitsverlauf  eigentümlich. 

Am  3.  bis  4.  läge,  mit  dem  Abfall  des  Fiebers  und  dem  Einsetzen 
der  Genesung,  stellt  sich  ein  ausgesprochener  Wechsel  in  der  Blut¬ 
zusammensetzung  ein.  Die  Leukopenie  tritt  noch  scharf  hervor  mit 
Gesamtwerten  von  3 — 4000  Zellen.  Es  treten  jetzt  vereinzelte  Eosino¬ 
phile  auf.  Die  Lymphozyten  und  grossen  Mononukleären  sind  ein 
wenig  vermehrt  auf  Kosten  der  Vielkcrnigen. 

Zwischen  dem  5.  bis  7.  I  age  besteht  noch  weiter  die  Leukopenie. 
Die  Eosinophilen  zeigen  jetzt  eine  starke  Zunahme,  durchschnittlich 
auf  4  Proz.,  oft  auf  8 — 9  Proz.;  wohl  ein  Ausdruck  der  kräftigen  und 
erfolgreichen,  mit  der  Genesung  einsetzenden  Abwehrtätigkeit  des 
Körpers.  Die  Zahl  der  jugendlichen  Zellen  nimmt  ab,  und  damit  sinkt 
der  Arnethindex  unter  die  Norm.  Lymphozyten  und  grosse  Mono¬ 
nukleäre  sind  jetzt  stark  vermehrt  und  machen  50  Proz.  der  weissen 
Zellen  aus. 

Vom  8.  bis  10.  läge  ab  nähert  sich  die  Blutzusammensetzung 
mehr  der  Norm,  aber  man  erkennt  immer  noch  —  und  bei  langsamer 
Genesung  sogar  noch  in  der  Zeit  zwischen  dem  10.  bis  15.  Tage  — 
sehr  deutlich  die  Leukopenie,  Eosinophilie,  relative  Lymphozytose 
und  Herabsetzung  des  Arnethindex. 

Die  Zahl  der  roten  Blutkörperchen  und  der  Hämoglobingehalt 
werden  durch  die  Krankheit  nicht  wesentlich  beeinflusst;  vielleicht 
um  10—20  Proz.  vermindert.  Degenerationserscheinungen  an  den 
Zellen  treten  nicht  auf. 

Die  Veränderungen  des  Blutbildes  bei  unkomplizierter  Grippe 
sind  also  so  eigentümlich,  dass  sie  in  zweifelhaften  Fällen  für  die 
Diagnose  der  Influenza  Bedeutung  haben  können;  um  so  mehr, 
da  ja  sichere  bakteriologische  und  serologische  Verfahren  noch  fehlen. 

Es  ist  das  besonders  wichtig,  um  in  den  ersten  Krankheitstagen 
schnell  und  zuverlässig  eine  Differentialdiagnose  gegenüber  ähnlichen 
Krankheitsbildern  zu  machen,  wobei  zunächst  insbesondere  Typhus 
und  Malaria  am  meisten  in  Betracht  kommen.  Aber  bei  der  Schwere 
der  Krankheitserscheinungen  gerade  im  Beginn  ist  in  den  tropischen 
Gegenden,  vor  allem  im  Quarantänedienst,  auch  an  Pest  und  Pocken, 
Gelbfieber,  Fleckfieber  und  Rückfallfieber,  Weil  sehe  Krankheit, 
Dengue  und  andere  Seuchen  zu  denken,  die  alle  bei  ihren  durchaus 
abweichenden  Blutbildern  leicht  ausgeschlossen  werden  können,  so 
dass  wir  in  die  Lage  versetzt  werden,  schnell  ein  abschliessendes 
Urteil  zu  geben  und  damit  die  Beobachtungs-  und  Absperrungszeit 
abzukürzen. 

Vielleicht  kann  das  Blutbild  der  Grippe,  wie  wir  es  für  unkompli¬ 
zierte  Fälle  hier  beschrieben  haben,  auch  benutzt  werden,  um  zur 
weiteren  Klärung  der  Aetiologie  der  Grippe  beizutragen,  ebenso  wie 
auch  der  Epidemiologie.  Solange  wir  kein  anderes  Verfahren  zur 
Diagnose  haben,  ist  es  auf  diese  Weise  vielleicht  möglich,  jene  Fälle 
mit  grösserer  Sicherheit  zu  erkennen,  die  sporadisch  zwischen  den 
grossen  Epidemien  auftreten  und  möglicherweise  das  Virus  von  Epi¬ 
demie  zu  Epidemie  aufrechterhalten. 

Zusammenfassung. 

Das  Blutbild  bei  unkomplizierter  Influenza  zeigt  vom  ersten  Tage 
ab  eigentümliche  Veränderungen,  die  sich  mindestens  2  Wochen  lang 
verfolgen  lassen. 

Während  der  ganzen  Krankheit  besteht  ausgesprochene  Leuko¬ 
penie. 

Am  Anfang  fehlen  eosinophile  Zellen  ganz.  Mit  der  Genesung 
stellen  sie  ‘sich  ein  und  sind  bald  lebhaft  vermehrt.  Während  der 
Genesung  besteht  auch  eine  relative  Lymphozytose  erheblichen  Gra¬ 
des.  Der  Arnethindex,  anfangs  erhöht,  sinkt  später  unter  die  Norm. 

Rote  Blutzellen  und  Hämoglobin  werden  nicht  nennenswert  ver¬ 
ändert. 

Die  Biutveränderungen  haben  praktische  Bedeutung  für  Diagnose 
und  Differentialdiagnose. 


Aus  der  Zahnärztlichen  Klinik  der  Allgemeinen  Ortskranken¬ 
kasse  in  Frankfurt  a.  M.  (Chefarzt:  Dr.  W.  Schminck.) 

Zahnersatz  bei  Epileptikern. 

Von  Dr.  Hans  JoachimTholuck,  Direktor  der  Städtischen 
Schulzahnklinik  in  Frankfurt  a  M. 

Die  Tatsache,  dass  Epilepsie  bei  bestehender  Anlage  durch 
Krankheiten  und  Störungen  im  Bereiche  der  Zähne  ausgelöst  werden 
kann,  ist  aus  einer  Reihe  von  Veröffentlichungen  in  zahnärztlichen 
Zeitschriften  bekannt  geworden.  Namentlich  der  Reiz,  den  der  Durch¬ 
bruch  der  Milchzähne  und  der  Zahnwechsel  auf  die  peripheren 
Nerven  ausübt,  vermag  häufig  reflektorisch  die  ersten  Krampfanfälle 
hervorzurufen  (Fr  icke,  Hering).  Ebenso  kommt  es  gelegentlich 
durch  die  Schmerzen,  die  die  Zahnkaries  im  Gefolge  hat,  und  durch 
die  nicht  immer  ausschaltbaren  Unannehmlichkeiten  der  Behandlung 
zur  Auslösung  epileptischer  Anfälle  (Ritter).  Besonders  oft  ist 
das  Auftreten  von  Epilepsie  nach  dem  Zahnziehen  beobachtet 
worden.  Witzei  sah  zweimal  Anfälle,  die  durch  die  etwas 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


120Ö 


schmerzhafte  Vorbereitung  einer  Zahnhöhle  für  die  Füllung  erzeugt  I 
wurden,  ln  zwei  von  L  e  h  f  e  1  d  und  Schwartzkopff  mit¬ 
geteilten  Fällen  löste  die  Füllung  selbst  Krampfanfälle  aus.  Ich  sah 
bei  einem  jungen  Menschen  in  den  Entwicklungsjahren  Epilepsie  in 
dem  Augenblick  auftreten,  als  ich  ihm  die  Hohlnadel  zur  Einleitung 
der  örtlichen  Betäubung  in  die  Schleimhäute  des  harten  Gaumens 
eingestochen  hatte.  Ein  zweites  Mal  beobachtete  ich  während  meiner 
Tätigkeit  am  Zahnärztlichen  Institut  der  Landesversicherungsanstalt 
Berlin  einen  Krampfanfall  unmittelbar  nach  dem  Nehmen  eines  Gips¬ 
abdruckes.  Mein  damaliger  Chef,  Prof.  Dr.  Ritter,  der  gerade 
dazu  kam,  sagte  uns  bei  Besprechung  des  Ereignisses  aus  seiner 
reichen  Erfahrung  heraus,  dass  unter  Umständen  auch  Zahnersatz 
zur  Auslösung  von  Epilepsie  führen  kann.  In  der  Tat  findet  sich  in 
der  Fachpresse  ein  derartiger,  von  G  e  r  r  a  t  h  mitgeteilter  Fall  ver¬ 
zeichnet. 

Mein  Berliner  Erlebnis  kam  mir  in  Erinnerung,  als  ich  vor 
2  Jahren  durch  den  Reiz,  den  ein  neues  und  daher  noch  ungewohntes 
Zahnersatzstück  auf  seine  Trägerin  ausübte,  wieder  die  Auslösung 
eines  epileptischen  Anfalls  feststellen  konnte. 

Es  handelte  sich  um  ein  20  jähriges,  nicht  besonders  kräftiges  Mädchen, 
das  die  Zahnärztliche  Klinik  der  Allgemeinen  Ortskrankenkasse  in 
Frankfurt  a.  M.,  deren  zweiter  Direktor  ich  damals  war,  wegen  des 
Verlustes  von  6  Zähnen  im  Oberkiefer  aufgesucht  und  eine  Kautschuk¬ 
platte  mit  6  künstlichen  Zähnen  erhalten  hatte.  Die  Vorarbeiten  zur 
Anfertigung  der  Platte,  das  Abdrucknehmen,  Bestimmen  des  Bisses  und 
Einpassen,  waren  ohne  jeden  Zwischenfall  erledigt  worden.  Am  Tage 
nach  der  Ablieferung  kam  das  Mädchen  mit  dem  völlig  zerbissenen  Ersatz¬ 
stück,  das  an  2  Stellen  im  Kautschuk  deutliche  Zahneindrücke  aufwies,  in 
die  Sprechstunde  und  gab  an,  dass  sie  in  der  Nacht  zum  erstenmal  in  ihrem 
Leben  einen  Krampfanfall  erlitten  und  dabei  die  Platte,  die  sie  trotz  ausdrück¬ 
licher  Weisung  während  des  Schlafs  im  Munde  behalten  hatte,  derart  zer¬ 
bissen  habe.  Eine  frische  Verletzung  der  Zunge  und  mehrere  leichte  Blut¬ 
ergüsse  in  die  Augenbindehäute  liesstn  keinen  Zweifel  an  der  epileptischen 
Natur  des  Anfalls  aufkommen.  Die  starke  Zerstörung  der  Platte  zeigte  aber 
gleichzeitig  die  üefahr,  in  die  sich  das  Mädchen  durch  seine  Unfolgsamkeit 
gebracht  hatte,  die  Möglichkeit  nämlich,  dass  Teile  des  Ersatzstücks  während 
der  Bewusstlosigkeit  in  die  Luft-  und  Speisewege  gelangten. 

Auf  die  Folgen,  die  dadurch  hätten  eintreten  können,  brauche  ich 
nur  kurz  hinzuweisen.  Das  Eindringen  grösserer  Fremdkörper  in 
den  Kehlkopf  verhindert  die  enge  Stimmritze.  Die  zahlreichen 
kleinen  zackigen  Bruckstückchen  konnten  dagegen  leicht  durch  den 
Kehlkopf  in  die  Luftröhre  kommen  und  sich  an  der  Teilungsstelle, 
in  einem  Bronchus  oder  in  der  Lunge  festsetzen.  Der  Fremdkörper¬ 
reiz  und  der  Gehalt  an  Keimen,  die  sich  im  Belag  jeder  getragenen 
Platte  zahlreich  finden,  musste  dann  zur  Entzündung  der  betroffenen 
Teile  führen,  also  zur  Bronchitis,  Pneumonie  oder  zum  Pleuraempyem 
oder  Lungenabszess.  Weniger  gefahrvoll  wäre  das  Verschlucken 
von  Bruchstücken  gewesen,  da  sie  erfahrungsgemäss  die  Verdauungs¬ 
gänge  meist  glatt  durchwandern  und  ihren  Träger  wieder  auf  natür¬ 
lichem  Wege  verlassen.  Doch  konnten  sich  auch  hier  Teile  gerade 
wegen  ihrer  Zacken  und  Spitzen  in  der  Speiseröhre  oder  am  Magen- 
inunde  verfangen  und  Schleimhautverletzungen  und  Infektion  hervor- 
rufen,  bei  der  der  tödliche  Ausgang  nicht  allzu  selten  ist.  Ferner 
muss  an  die  Möglichkeit  von  Darmdurchbohrungen  oder  von  Blind¬ 
darmentzündung  gedacht  werden,  wenn  ein  Bruchstück  im  Wurm¬ 
fortsatz  liegen  geblieben  wäre.  Kurz,  die  Folgen,  die  in  meinem 
Falle  glücklicherweise  nicht  eingetreten  sind,  hätten  recht  unange¬ 
nehme  sein  können.  Sie  nach  Kräften  zu  verhüten,  ist  unsere  Pflicht. 

Die  Möglichkeit  der  ersten  Auslösung  der  bis  dahin  noch  nicht 
erkannten  Epilepsie  durch  Zahnersatz  ist  natürlich  nicht  zu  ver¬ 
meiden.  Ist  das  Leiden  aber  erst  einmal  erkannt,  so  ist,  soweit 
irgend  angängig,  von  der  Anfertigung  herausnehmbarer  Zahnersatz¬ 
stücke  abzusehen  und  statt  dessen  die  festsitzende  und  der  Gefahr 
des  Bruches  ungleich  weniger  ausgesetzte  Brücke  zu  verwenden. 
Ist  dies  aus  technischen  Gründen  oder  wegen  schwerwiegender  wirt¬ 
schaftlicher  Bedenken  nicht  durchführbar,  so  sind  möglichst  umfang¬ 
reiche,  beim  Vorhandensein  tragfähiger  Zähne  an  diesen  durch  starke 
Klammern  befestigte  Metallplatten  zu  wählen,  die  infolge  ihrer 
Grösse  nicht  verschluckt  und  infolge  ihrer  Festigkeit  nicllt  zerbissen 
werden  können.  Hier  ist  namentlich  der  Krupp  sehe  rostfreie  Stahl 
gut  am  Platze,  den  ich  in  meinem  Falle,  bis  heute  mit  Erfolg,  ver¬ 
wendet  habe.  Da  die  Anfälle  meistens  des  Nachts  eintreten,  sind 
die  Kranken  ausdrücklich  anzuweisen,  ihre  Zahnersatzstücke  während 
des  Schlafens  aus  dem  Munde  zu  nehmen,  eine  Forderung,  die  schon 
aus  hygienischen  Gründen  erhoben  werden  muss. 

In  diesem  Zusammenhänge  sei  noch  erwähnt,  dass  in  der  Zahn¬ 
ärztlichen  Klinik  der  hiesigen  Universität,  wie  mir  Herr  Prof.  Loos 
mitgeteilt  hat,  auch  bei  zahnersatzbedürftigen  Hirnverletzten  Metall¬ 
platten,  meist  aus  rostfreiem  Stahle,  zur  Anwendung  kommen,  da  ja 
hier  die  gleichen  Bedenken  wie  bei  Epileptikern  vorliegen. 

Quellennachweis. 

F  ricke:  Aus  der  Praxis.  D.  Vierteljahrsschr.  f.  Zahnhlk.  1862  H.  2.  — 
Gerrath:  Ein  Fall  von  Epilepsie.  The  Dental  Cosmos  1860  H.  12.  — 
Hering:  Das  Zahnen  in  seinen  Beziehungen  zu  Krampfanfällen.  D.  Viertel¬ 
jahrsschr.  f.  Zahnhlk.  1867  H.  1.  —  Lehfeld:  Zahnerkrankungen  und  ner¬ 
vöse  Störungen:  einige  Fälle  aus  der  Praxis.  D.  Zahnärztl.  Wschr.  1908 
H.  11.  —  Ritter:  Dauerndes  Aufhören  epileptischer  Krampfanfälle  nach  der 
Behandlung  eines  kranken  Mundes.  D.  Mschr.  f.  Zahnhlk.  1886  H.  7.  — 
Schwartzkopff:  Kann  Epilepsie  die  Folge  einer  Zahnerkrankung  sein? 
D.  Mschr.  f.  Zahnhlk.  1885  H.  3.  —  Witzei:  Nervenzufälle  bei  Zahnopera¬ 
tionen.  D.  Zahnärztl.  Wschr.  1906  H.  15. 


Nr.  38 1 

Zur  Endemie  der  Anchylostomiasis  in  den  Siedlungs 
gebieten  deutscher  Einwanderer  in  Südamerika. 

Von  Dr.  med.  et  phil.  Carl  Jaeger,  Bompland,  Misiones 

Die  Anchylostomiasis  (Uncinariosis),  in  Rio  Grande  auch  „L  a  n 
deskrankheit“  genannt,  nimmt  in  Misiones,  Corrientes,  Chaco , 
Formosa  sowie  in  Rio  Grande  do  Sul  und  Paraguay  ständig  an  Um 
fang  zu.  besonders  unter  den  Kolonisten  der  Urwaldgebiete. 

Auffallende  Blutarmut,  allgemeine  Mattigkeit,  Schweissausbruclj 
bei  der  geringsten  Anstrengung,  Arbeitsunlust,  stete  Schläfrigkeit 
auch  Darmkoliken  und  Blutdiarrhöen  sind  die  Zeichen  der  Krankheit 
Infolge  fehlenden  Blutfarbstoffes  sehen  die  Kranken  leichenblass  aus 
Oft  sind  ganze  Familien  befallen. 

Die  Behandlung  besteht  in  Verabreichung  von  Oleum  Cheno 
podii  mit  Rizinusöl  oder  von  Isotin  Bayer,  einem  aromatische 
Phenol,  das  als  Pulver  gerne  genommen  wird  und  Wurm  und  Eie. 
rasch  zur  Ausscheidung  bringt,  ohne  Nieren  oder  Magendarmkana 
zu  reizen.  Bei  Erwachsenen  werden  3  mal  täglich  2  g  Isotin  5  Tagt 
lang  gegeben  unmittelbar  nach  reichlicher  Mahlzeit.  Thymol  wirt 
hier  wegen  seiner  giftigen  Nebenwirkung  auf  Magen  und  Darm  nich 
mehr  angewandt. 

In  dem  für  Deutsche  als  Einwanderungsgebiet  besonders  in  Fragt 
kommenden,  sonst  sehr  gesunden  Territorium  Misiones  fand  eint 
Aerztekommission  unter  den  beobachteten  Personen  von  11  Sied 
lungen  53  Proz.  von  dieser  Krankheit  Befallene,  in  der  Gegend  de 
Lagunen  von  Corrientes  sogar  80  Proz.  Als  Beweis  der  Intensitä 
der  Wurmkrankheit  wurde  die  Ausscheidung  von  gegen  1000  Wür 
mern  bei  einer  mit  Oleum  Chenopodii  behandelten  Kranken  kon 
statiert. 

ln  Corrientes  mussten  über  50  Proz.  der  zum  Militär  aus 
gehobenen  Mannschaften  als  untauglich  zurückgewiesen  werden 
So  stark  schwächt  diese  Endemie  die  nationale  Wehrkraft. 

Im  brasilianischen  Staate  Rio  Grande  do  Sul  stehen  den  Wurm 
kranken  die  von  Rockefeller-Newyork  eingerichteten  Aerztestationei 
zur  Verfügung,  in  Argentinien  liegt  die  Bekämpfung  der  Landeskrank 
heit  in  Händen  der  Aerzte  des  bakteriologischen  Staatsinstitute 
(Vorstand:  Dr.  Alois  Bach  mann). 

Die  Würmer  kommen  in  Blutkreislauf  und  Darm  durch  die  Fuss 
sohlen  bei  Barfussgehenden,  bei  auf  allen  Vieren  kriechenden  kleine) 
Kindern  auch  durch  die  Handteller. 

Als  Prophylaxe  kommt  in  Betracht  stetes  Tragen  von  guter 
Schuhzeug,  Verbot  des  Barfussgehens,  sichere  Abort-  und  Brunnen 
anlagen,  kurz  allgemeine  Gesundheitsfürsorge  der  äusserst  primiti' 
lebenden  Siedler.- 


Aus  der  Medizinischen  Universitäisklinik  Lindenburg-Köln. 

(Direktor:  Geh.  Rat  Moritz.) 

Ein  Fall  von  diffuser  Meningealkarzinose  mit  Tumor¬ 
zellen  im  Liquor. 

Von  Dr.  Gerhard  Wüllenweber,  Assistent  der  Klinik.; 

Ueber  das  Krankheitsbild  der  diffusen  Karzinose  der  weiche; 
Hirn-  und  Rückenmarkshäute  hat  Pette  auf  der  11.  Jahresversainm) 
Iung  der  Gesellsch.  deutsch.  Nervenärzte  berichtet.  Nach  Pette  wäre 
bis  1921  im  ganzen  28  Fälle  von  pathologisch-anatomisch  festgestellte; 
Meningealkarzinose  beschrieben.  In  4  von  diesen  Fällen,  denen  el 
aus  dem  Material  der  Nonne  sehen  Abteilung  weitere  zwei  zufügei 
konnte,  hatten  sich  intra  vitam  Tumorzellen  in  der  Lumbalflüssigkeij 
gefunden.  Zwei  neue  analoge  Fälle,  bei  denen  ebenfalls  Tumorzellel 
im  Lumbalpunktat  festgestellt  wurden,  sind  kürzlich  von  A  1  s  b  e  r 
und  von  Peter  mitgeteilt  worden. 

Wenn  ich  im  folgenden  diesen  8  bisher  bekannten  Fällen  vo 
Meningealkarzinose  mit  Tumorzellenbefund  im  Liquor  einen  wcitere: 
zufügen  kann,  so  ist  das  wohl  auch  ein  Zeichen,  dass  das  Krankheits. 
bild  der  Meningealkarzinose  —  und  der  charakteristische  Zellbefun' 
im  Liquor  bei  dieser  Erkrankung  —  keine  allzugrosse  Seltenheit  un 
dass  nur  die  Einstellung  der  ärztlichen  Aufmerksmakeit  diese! 
Meningealaffektion  gegenüber  in  den  letzten  Jahren  eine  ander 
geworden  ist. 

Der  39  jährige  Arbeiter  H.  St.  wird  am  6.  IV.  23  in  die  Med.  Klini 
Lindenburg-Köln  eingeliefert.  Nach  Angaben  der  Ehefrau  und  des  Vaters  waj 
der  Kranke  von  jeher  starker  Raucher  und  Alkoholiker.  Von  Infectio  veneret 
ist  den  Angehörigen  nichts  bekannt.  Frau  und  2  Kinder  sind  gesun: 
Seit  1913  Magenbeschwerden;  1920  wurde  St.  (angeblich  wegen  eines  Gr 
schwüres  am  Magenausgang)  operiert.  Februar  bis  April  1922  wurde  e: 
wegen  Tbc.  pulm.  clausa  in  der  hiesigen  Klinik  behandelt  (Krankenblatt  !iev 
vor);  seitdem  Hessen  die  früheren  Beschwerden,  die  ihn  ins  Krankenhau 
geführt  hatten  —  Husten,  Nachtschweisse,  Appetitlosigkeit  — ,  etwas  nach 
Im  Laufe  der  letzten  3  Monate  fühlte  St.  sich  immer  müde  und  abgespann1 
klagte  dabei  zeitweise  über  Magenschmerzen.  Wegen  allgemeiner  Mattigke 
konnte  er  nicht  mehr  recht  arbeiten.  Seit  etwa  10  Tagen  klagte  er  über  sei 
heftige  Kopfschmerzen.  Seit  dem  4.  IV.  23  (vorgestern)  redet  er  undeutlic 
und  wirr  durcheinander,  umspannt  den  Kopf  mit  beiden  Händen,  stöhnt  dabe 
Zeitweise  ist  seine  Aufmerksamkeit  zu  fixieren.  Aufnahmebefund  am  6.  IV.  2 
nachmittags: 

Der  kräftige  Kranke  wirft  sich  unruhig  im  Bett  hin  und  her.  bohrt  de 
Kopf  in  die  Kissen,  brüllt  unartikuliert  vor  sich  hin.  Jeder  Versuch,  intern  i 


21.  September  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1201 


untersuchen,  scheitert  an  der  Abwehr  des  Kranken.  Vom  Schwertfortsatz  bis 
zum  Nabel  zieht  eine  gerade,  gut  verheilte  alte  Operationsnarbe. 

Befund  am  Nervensystem:  Hochgradige  Nackensteifigkeit,  kein  Kernig, 
Andeutung  von  Kahnbauch.  Patellarreflexe  beiderseits  schwach  auslösbar, 
Achillesreflex  fehlt  beiderseits,  Babinski  und  Oppenheim  &.  Pupillen  gleich- 
weit,  rund,  beiderseits  stark  mydriatisch  (der  Kranke  hat  draussen  „Spritzen" 
bekommen),  reagieren  nicht  auf  Lichteinfall,  Konvergenz  nicht  zu  prüfen. 
Augenhintergrund  bei  der  Unruhe  des  Kranken  nicht  zu  prüfen.  Der  Kranke 
stösst  bei  seinen  Bewegungen  häufig  mit  dem  Kopf  gegen  die  Wand,  so  dass 
man  den  Eindruck  hat,  dass  er  nicht  recht  sieht.  Linksseitige  Abduzens- 
tarese.  Rechter  Fazialis  in  allen  drei  Aesten  gelähmt.  Die  Sprache  ist  lallend, 
verwaschen,  dabei  geben  seine  Worte  zuweilen  erkennbaren  Sinn.  Die 
Lumbalpunktion  war  bei  der  heftigen  Abwehr  des  Kranken  erschwert, 
lern  Liquor  Blut  beigemengt.  Druck  stark  erhöht  (über  300  Wasser).  Farbe 
zunehmend  sanguinolent,  erste  Tropfen  klar.  Phase  I:  Opaleszenz  (Blut- 
leiniengung ! !).  WaR.  im  Liquor:  negativ  bei  1,0  (ausgewertet  nach  Haupt- 
n  a  n  n).  Zellen:  Ausser  einigen  Lymphozyten  sieht  man  auffallend  grosse, 
unde  Zellen  mit  wabigem,  z.  T.  auch  vakuolären  Protoplasma  und  unregel¬ 
mässigem,  meist  etwas  länglichen  Kern.  Der  Kern  liegt  in  manchen  dieser 
Zellen  am  Rande.  Das  Protoplasma  ist  im  allgemeinen  hell.  Es  wurden 
■j60  derartige  Zellen  im  Kubikmillimeter  gezählt.  Jede  Zelle  ist  ca.  5  mal 
>o  gross  wie  ein  Lymphozyt.  Mastixreaktion:  Schwache  Flockung  im  1.  Glas. 

B  c  f  u  n  d  am  folgenden  Tage  (7.  IV.  23):  Die  Patellarreflexe  sind  beider¬ 
seits  nicht  mehr  auszulösen.  Sonst  derselbe  Befund  wie  gestern.  Unter  zu- 
lehmendem  Kräfteverfall  ändert  sich  der  objektive  Befund  nicht,  der  Kranke 
ässt  unter  sich  gehen,  ist  sehr  unruhig.  Dekubitus! 

10.  IV.  23.  Exitus  letalis. 

[  ■  Die  am  11.  IV.  23  im  hiesigen  Pathologischen  Institut  vorgenommene 
I  Sektion  ergab:  Szirrhöses  Magenkarzinom  mit  Ulzeration;  Peritoneal- 
jinetastascn  im  Douglas,  frische  Peritonitis,  Lungenödem.  Die  Hirnhäute 
zeigen  an  der  Konvexität  und  besonders  an  der  Basis  eine  diffuse,  leicht 
nilchigc  Trübung.  Man  erkennt  einzelne  kleinste,  weisse  Knötchen  in  der 
Pia.  Die  mikroskopische  Untersuchung  der  Hirnhäute  (Privatdozent 
llr.  S  i  e  g  tn  u  n  d)  ergab  an  zwei  zur  Untersuchung  entnommenen  Stellen 
iriuzipiell  die  gleichen  Bilder  für  die  Konvexität  und  Basis: 

1  Das  Maschenwerk  der  Arachnoidea  ist  mit  dichten  Zellmassen  ausgefüllt, 
die  in  grossen,  rundlichen  Gebilden  ziemlich  dicht  gedrängt  nebeneinander 
|  iegen.  Sie  bilden  breite  Mäntel  um  die  Gefässe  (Arterien  und  Venen),  füllen 
über  auch  sonst  überall  die  Spalten  der  Arachnoidea  aus.  Vielfach  sind  die 
Zellmassen  weitgehend  nekrotisch  und  fassen  keine  Kernfärbung  mehr  er¬ 
nennen.  In  Nähe  der  Gefässe  ist  jedoch  ihre  Struktur  sehr  gut  erhalten.  Sie 
•rweisen  sich  auch  hier  als  grosse,  rundliche  oder  unregelmässig  polygonale 
Kellen  mit  auffallend  wabigem,  stellenweise  grobvakuolären  Protoplasma. 
[Der  Kern  ist  sehr  unregelmässig,  nur  selten  ganz  rund,  meist  etwas  in  die 
.änge  gezogen  oder  leicht  eingekerbt.  Das  Verhältnis  zwischen  Kerngrösse 
und  Protoplasmamasse  ist  ausserordentlich  schwankend.  Man  findet  auch 
|  Zellen  mit  zwei  Kernen  und  grosse,  chromatinreiche,  riesenzellähnliche  Ge¬ 
bilde.  Die  Zellen  liegen  mosaikartig  nebeneinander,  ohne  eine  besonders 
Differenzierte  Zwischensubstanz  erkennen  zu  lassen.  Sie  folgen  entlang  den 
iefässen  den  Hirnhäuten  ein  Stück  weit  zwischen  die  Hirnwindungen  hinein, 
ohne  aber  in  die  eigentliche  Hirnsubstanz  vorzudringen1). 

Zusammenfassend  ist  zu  bemerken:  Ein  39 jähriger  Mann,  der 
jror  einem  Jahre  an  Lungentuberkulose  behandelt  wurde  und  vor 
j  Jahren  am  Magen  operiert  worden  ist  (angeblich  Ulcus,  tatsächlich 
rgibt  die  Autopsie  ein  Karzinom),  erkrankt  mit  allmählich  zunehmen- 
leu  Kopfschmerzen,  Mattigkeit,  wird  langsam  benommen,  sehr  un¬ 
ruhig.  Im  Krankenhaus  zeigt  er  das  Bild  einer  zerebrospinalen 
\ffektion:  Benommenheit,  hochgradige  Unruhe,  schwache  bzw. 
ehlende  Sehnenreflexe,  dabei  Nackensteifigkeit,  Ausfall  basaler  Hirn¬ 
ierven.  nicht  sicher  zu  bewertende  Mydriasis.  Im  Liquor  finden  sich 
Grosse  Zellen,  die  ebenso  wie  die  später  in  den  Meningen  gefundenen 
:harakterisiert  sind  durch  helles,  wabiges  Protoplasma  und  einen 
neist  länglichen  Kern. 

Der  vorliegende  Fall  zeigt  die  klinischen  Symptome,  die  P  e  1 1  e 
ils  charakteristisch  für  diffuse  Meningealkarzinose  bezeichnet  hat: 
Schweres  zerebrales  Krankheitsbild,  meningeale  Reizsymptome  sowie 
Ausfallserscheinungen  seitens  basaler  Hirnnerven  und  spinaler  Wur¬ 
zeln.  Nach  demselben  Autor  ist  das  konstanteste  Symptom  Areflexie. 
Bemerkenswert  ist  demnach  an  unserem  Fall,  dass  die  Patellarsehnen- 
S'eflexe  am  Tage  der  Krankenhausaufnahme  noch  auslösbar  waren, 
im  dann  allerdings  zu  erlöschen.  Die  Anamnese  sprach  für  tuberka- 
öse  Meningitis.  Diese  Diagnose  wurde  uns  im  vorliegenden  Falle 
tber,  noch  bevor  die  Liquorzellen  untersucht  waren,  zweifelhaft 
lurch  den  Ausfall  der  Mastixreaktion2),  die  nicht  den  bei  tuberkulöser 
>zw.  epidemischer  Meningitis  ziemlich  konstanten  Typ  aufwies, 
ondern  schwache  Flockung  nur  im  ersten  Glas  zeigte. 

Ueber  die  Bedeutung  der  Kolloidreaktion  in  solchen  Fällen  kann 
(ein  Zweifel  sein;  die  sichere  diagnostische  Entscheidung  kann  aber 
tur  der  Befund  von  Tumorzellen  im  Liquor  bringen.  Auffallend  ist 
in  vorliegenden  Fall  St.  die  hohe  Zahl  von  Tumorzellen  im  Liquor. 
Meist  werden  von  den  Autoren  keine  bestimmten  Zahlen  genannt, 
’ette  fand  einmal  280/3,  während  wir  660  Zellen  zählten.  Die  hohe 
-ellzahl  im  Liquor  mag  der  Intensität  und  Extensität  des  ganzen  Pr> 
'esses  in  unserem  Falle  entsprechen,  der  ja  auch  das  Peritoneum 
befallen  hatte. 

Die  Inkubationszeit  —  in  den  bisher  berichteten  Fällen  beträgt  sie 
5  Tage  bis  iVz  Monate  —  hält  sich  (mit  3  Monaten),  in  einer  durch¬ 
schnittlichen  Breite. 

In  anatomischer  Beziehung  ist  hervorzuheben,  dass  auch  im  ver¬ 
legenden  Falle  der  Prozess  die  Membrana  limitans  gliae  nicht  durch¬ 


*)  Demonstriert  in  der  Sitzung  der  Wiss.-Med.  Ges.  Köln  am  27.  VII.  1923. 

2)  Ich  werde  auf  diesen  Fall  mit  Bezug  auf  die  Mastixreaktion  an  anderer 
'teile  ausführlicher  zurückkommen. 


bricht  —  es  sind  ja  auch  Fälle  berichtet  worden,  in  denen  der  maligne 
Prozess  auf  das  Parenchym  selbst  übergegriffen  hatte. 

Was  die  Hypothese  von  der  Toxinwirkung  anlangt,  die  das 
Symptombild  zustandebringen  sollte,  so  glauben  wir  (mit  Gas¬ 
si  e  r  e  r,  F.  H.  Lewy,  Pctte)  eine  solche  Erklärung  entbehren  zu 
können.  Die  weitgehende  Vermauerung  der  subarachnoidalen  und 
der  adventiellen  Räume  der  Gefässe,  die  aus  ihr  folgende  Hemmung 
des  Liquorzu-  und  -abflusses,  daraus  wieder  resultierende  Er¬ 
nährungsstörungen  scheinen  uns  die  Schwere  des  Krankheitsbildes 
vollauf  zu  erklären. 

Literaturverzeichnis: 

Alsberg:  D.m.W.  1923  Nr.  16.  —  Peter:  Klin.  Wschr.  1923 
Nr.  19.  —  Pette:  D.  Zschr.  f.  Nervenhlk.  1923,  Kongressbericht. 


Reflektierende  Röntgenplatten. 

Von  Dr.  Pleikart  Stumpf,  München. 

Der  bedeutendste  Fortschritt,  den  in  letzter  Zeit  die  Röntgen¬ 
photographische  Technik  gebracht  hat,  ist  zweifellos  der  doppelt, 
d.  h.  auf  beiden  Seiten  mit  Schicht  überzogene  Film.  Man  erreicht 
dadurch  dasselbe,  wie  wenn  man  zwei  identische  Photogramme  auf- 
einanderlegen  würde,  wie  dies  früher  von  Buky  schon  angegeben 
wurde,  hat  aber  nur  ein  Stück  photographisch  zu  verarbeiten.  Der¬ 
artige  Filme,  die  in  der  Tat  eine  doppelt  so  starke  Deckung  erreichen, 
sind  in  der  ganzen  Welt  im  Gebrauch;  nur  in  unserem  armen 
Deutschland  können  sie  sich  nicht  einführen,  da  sie  zu  teuer  sind. 

Eine  neue  einfache  Lösung,  mit  der  mindestens  dasselbe,  teils 
sogar  mehr  erreicht  wird,  ist  durch  die  Reflexplatte  verwirk¬ 
licht.  Auch  bei  dieser  muss  das  Licht  die  Schicht  zweimal  passieren, 
zwar  nicht  bei  der  Aufnahme,  aber  bei  der  Betrachtung.  Die  wesent¬ 
liche  Eigenschaft  der  Reflexplatte  ist,  dass  die  Schicht  auf  eine  zu¬ 
gleich  weiss  reflektierende  und  durchscheinende  Unterlage  gegossen 
ist.  In  idealster  Weise  wird  diese  Unterlage  durch  ein  bestimmtes 
Opalglas  erreicht,  das  auch  die  Eigenschaft  hat,  im  Röntgenlicht  zu 
Iuminiszieren.  Die  Leuchtkraft  des  Glases  ist  zwar  nicht  so  gross, 
wie  die  eines  Verstärkungsschirmes;  doch  wirkt  das  entstehende 
Licht  zweifellos  unterstützend.  Von  besonderer  Bedeutung  ist,  dass 
das  Leuchtbild  kornfrei  entsteht.  Abgesehen  von  dieser  Lichtver¬ 
mehrung  entsteht  jedoch  die  Hauptverstärkung  bei  der  Betrachtung 
des  fertigen  Bildes.  Man  kann  die  Opalglasplatte  sowohl  im  auf¬ 
fallenden,  wie  im  durchfallenden  Licht,  oder  in  einer  Mischung  von 
beiden  Lichtarten  betrachten.  Die  auffallenden  Lichtstrahlen  müssen 
die  Schicht  zuerst  einmal  passieren,  bis  sie  zu  der  reflektierenden 
Oberfläche  des  Glases  gelangen.  Dadurch  wird  die  Oberfläche  der 
Opalglasplatte  differenziert  nach  der  Schwärzung  der  Schicht  be¬ 
leuchtet.  Dieses  Bild  auf  der  Oberfläche  der  Glasplatte  dient  nun 
als  Lichtquelle  beim  zweiten  Durchgang  durch  die  Schicht.  Die 
dichten  Stellen  der  Schicht  empfangen  nur  geschwächtes  Reflexlicht, 
die  lichten  Stellen  dagegen  fast  ungeschwächtes  Licht.  Auf  diese 
Weise  entsteht  eine  ganz  gewaltige  Verstärkung  der  Kontraste.  Man 
kann  sich  von  diesem  Effekt  leicht  an  jeder  beliebigen  Röntgenplatte 
überzeugen,  wenn  man  sie  auf  eine  weisse  Unterlage  legt.  Je  fester 
man  die  Schicht  aufpresst,  desto  deutlicher  kommt  der  Effekt  heraus. 
Bei  der  Reflexplatte  ist  die  Schicht  aufgegossen;  es  ist  also  gar  kein 
Zwischenraum  zwischen  Schicht  und  Reflexfläche,  und  der  Effekt 
dementsprechend  ein  besonders  guter.  Nun  ist  aber  die  Opalglas¬ 
platte  auch  durchscheinend.  Das  auffallende  Licht  beleuchtet  die 
Schichtunterlage,  wie  oben  besprochen,  differenziert,  das  durch¬ 
fallende  Licht  beleuchtet  sie  gleichmässig.  Stellen,  die  bei  der  Be¬ 
trachtung  im  auffallenden  Licht  zu  dunkel  sind,  um  noch  Struktur¬ 
einzelheiten  erkennen  zu  können,  vermag  man  durch  Rückwärts¬ 
beleuchtung  aufzuhellen  in  der  Weise,  wie  man  es  freilich  viel  um¬ 
ständlicher  durch  Abschwächen  auf  chemischem  Wege  erreichen 
könnte.  Bei  den  lichten  Stellen  macht  diese  Abschwächung  der  Kon¬ 
traste  durch  die  gleichzeitige  Rückwärtsbeleuchtung  weit  weniger 
aus.  Es  hat  dies  seinen  Grund  in  dem  bekannten  Weber-Fech- 
n  e  r  sehen  Gesetz,  das  besagt,  dass  eine  gleiche  additive  Zunahme 
der  Helligkeiten  (wie  es  bei  der  Beleuchtung  von  rückwärts  der  Fall 
ist)  sich  in  der  Helligkeitsauffassung  bei  verschiedenen  Lichtintensi¬ 
täten  ganz  anders  auswirkt.  Bei  dunklen  Stellen  ist  die  Auf¬ 
hellung  sehr  erheblich,  bei  an  und  für  sich  hellen  da¬ 
gegen  kaum  merklich.  Nimmt  man  ein  Reflexplattenbild,  lässt 
Tageslicht  darauf  scheinen  und  entfernt  und  nähert  es  rückseits 
gleichzeitig  einer  elektrischen  Lampe,  so  lässt  sich  eine  Modulation 
der  Helligkeitsabstufungen  erzielen,  die  ganz  erstaunlich  ist  und  die 
immer  gestattet,  gerade  solche  Kontraste  zu  wählen,  die  für  die 
Betrachtung  einer  bestimmten  Einzelheit  am  vorteilhaftesten  ist.  Bei 
photographischen  Papieren,  die  ja  ebenfalls  das  Reflexprinzip  be¬ 
nützen,  wirkt  oft  störend,  dass  die  Strukturfeinheiten  verschluckt 
werden.  Die  Ursache  dieser  Erscheinung  und  die  Tatsache  der  ge¬ 
ringeren  Empfindlichkeit  der  Papieremulsionen  liegt  wohl  in  dem 
unvermeidlichen  Korn  des  Papiers,  teils  aber  liegt  es  wohl  daran, 
dass  der  Reflexeffekt  mitunter  zu  stark  wirkt.  Beim  Papier  haben 
wir  aber  nicht  wie  bei  der  Reflexplatte  die  Möglichkeit  des  Betrach- 
tens  im  durchfallenden  Lichte;  aus  diesem  Grunde  sind  die  Papiere 
der  Platte  und  dem  Film  bedeutend  unterlegen. 


3* 


1202 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Ziehen  wir  einen  Vergleich  der  Reflexplatte  mit  den  üblichen 
Fabrikaten»  so  zeigt  sich,  dass  zur  Erzielung  eines  gleich  guten  Bildes 
nur  etwa  ein  Fünftel  der  für  gewöhnliche  Platten  notwendigen  Be¬ 
lichtungszeit  erforderlich  ist.  Beim  Vergleich  ist  vorausgesetzt,  dass 
die  gewöhnliche  Platte  im  durchfallenden,  die  Reflexplatte  vor¬ 
wiegend  im  auffallenden  Licht  betrachtet  wird.  Verglichen  mit 
derselben  Emulsion  doppelt  begossenen  Films  leistet  die  Reflexplattc 
bei  Aufnahmen  ohne  Verstärkungsschirm  mindestens  dasselbe;  bei 
Aufnahmen  mit  Verstärkungsschirm  ist  sie  dem  Film  überlegen.  Dies 
ist  ohne  weiteres  verständlich,  wenn  wir  bedenken,  dass  beim  Film 
unter  Anwendung  zweier  Verstärkungsschirme  der  zuerst  von  den 
Strahlen  getroffene  Schirm  sehr  hell  und  der  zweite  infolge  der 
starken  Röntgenlichtabsorption  des  ersten  Schirmes  —  die  Schirme 
bestehen  aus  schwermetallhaltigen  Salzen  —  sehr  dunkel  leuchtet. 
Die  zwei  Bilder  sind  in  ihrer  Intensität  ungleich,  wie  man  am  besten 
bei  der  Entwicklung  merkt  und  die  Gesamtwirkung  in  der  Durch¬ 
sicht  ist  nicht  gleich  dem  doppelten  Schwärzungseffekt,  wie  bei  der 
Verwendung  ohne  Verstärkungsschirm.  Bei  der  Reflexplatte 
brauchen  wir  nur  einen  Verstärkungsschirm.  Der  Schwärzungs¬ 
effekt  ist  in  demselben  Maasse  bei  der  Betrachtung  im  auffallenden 
Licht  vervielfacht,  ob  wir  jetzt  ohne  oder  mit  Verstärkungsschirm 
aufgenommen  haben;  die  Ueberlegenheit  der  Reflexplatte  bei  der 
Verwendung  des  Verstärkungsschirmes  ist  daher  ohne  weiteres  ver¬ 
ständlich.  Ausser  der  reinen  Reflexwirkung  und  der  Verstärkung 
durch  die  Unterlage  kommt  noch  dazu,  dass  die  Emulsion  besonders 
feinkörnig,  weich  arbeitend  und  für  Röntgenstrahlen  an  und  für  sich 
empfindlicher  ist  als  die  anderen  Fabrikate.  Theoretisch  Hesse  sich 
darüber  viel  sagen. 

Den  Praktiker  jedoch  interessiert  am  meisten,  dass  diese  neuen  Plat¬ 
ten  die  Belichtungszeit  erheblich  abkürzen,  dass  also  Apparat  und 
Röhren  geschont  werden  und  die  meisten  Aufnahmen,  auch  Lungenauf¬ 
nahmen,  ohne  Ueberlastung  der  Apparatur,  ohne  Verstärkungsschirm 
aufgenommen  werden  können.  Wenn  ein  Verstärkungsschirm  ver¬ 
wendet  wird,  so  braucht  er  bloss  einen  und  kann  damit  die  kürze¬ 
sten  Momentaufnahmen  fertigen.  Bei  der  Betrachtung  ist  er  nicht 
an  einen  Betrachtungskasten  gebunden;  und  —  das  darf  man  aber 
nur  ganz  leise  sagen  —  wenn  er  noch  so  sehr  gepatzt  hat,  er  kommt 
nie  in  Verlegenheit;  hat  er  zu  kurz  belichtet,  zeigt  er  die  Platte  im 
auffallenden  Licht,  ist  die  Belichtungszeit  zu  lang  geraten,  ver¬ 
wendet  er  das  durchscheinende  Licht. 

Die  Platten  sind  etwas  teurer,  wie  die  gewöhnlichen,  erreichen 
aber  lange  nicht  den  Preis  der  doppelt  begossenen  Filme;  sie  sind 
von  der  Firma  Elektromedizinische  Werkstätte  G.m.b.H.,  München, 
Rottmannstrasse  14  zu  beziehen. 


Gibt  es  eine  Reizwirkung  der  Röntgenstrahlen? 

Zum  Artikel  des  Herrn  Dr.  G.  Holzknecht  in  Nr.  24,  1923  d.  Wschr. 

Von  Prof.  Dr.  Leopold  Freund  (Wien). 

Die  Worte  des  Herrn  Holzknecht:  „Sie  wissen,  dass  als 
Erster  L.  F.  in  Wien  eine  Wirkung  nach  Röntgenbelichtungen  be¬ 
schrieben  und  erklärt  hat.  . . .  F.  nahm  an,  dass  die  Wirkung,  die  er 
an  Haut  und  Haaren  sah,  eine  Folge  der  elektrischen  Luftentladungen 
ausserhalb  der  Röhre  sei.  Er  glaubte,  dass  die  Röntgenstrahlen  mit 
der  Sache  gar  nichts  zu  tun  hätten“,  sind  geeignet,  den  Inhalt  und 
den  Wert  meiner  erwähnten  Publikation  in  einem  falschen,  der 
historischen  Wahrheit  nicht  entsprechenden  Lichte  erscheinen  zu 
lassen.  Denn  sowohl  diese  (W.in.W.  1897, 10  u.  19)  als  auch  meine  nach¬ 
folgenden  Publikatonen  (Compt.  rend.  12.  intern.  Kongr.  Moskau  IV/2 
S.  408  und  W.m.W.  1898,  22 — 24)  geben  auf  Grund  zahlreicher  Ex¬ 
perimente  und  Beobachtungen  unzweideutig  die  Röntgen¬ 
strahlen  als  das  wirksame  Agens  dieser  Therapie  an.  Von  der 
Festigkeit  dieser  meiner  Ueberzeugung  geben  meine  in  diesen  Ab¬ 
handlungen  enthaltenen  Mitteilungen  über  die  Schutzwirkung  von 
Bleiblech,  über  die  Verwendung  eines  Aluminiumfilters  zu  thera¬ 
peutischen  Zwecken,  über  die  erste  therapeutische  Dosierung  der 
Röntgenstrahlen  nach  Fluoreszenzphänomenen,  über  verschiedene 
Wirkungen  harter  und  weicher  Röntgenröhren,  meine  Erklärung  der 
Röntgenstrahlenwirkung  aus  der  Störung  eines  elektrischen  Gleich¬ 
gewichtes  der  Zellen  durch  Ionisation  u.  a.  m.  Zeugnis.  Ich  habe 
diese  meine  Ueberzeugung  in  einer  Debatte  in  der  W.  ehern,  pliys. 
Gesellschaft,  in  der  ich  die  Unterstützung  eines  Ernst  Mach  fand, 
gegen  K.  Boltzmann,  vertreten  (vgl.  J.  M.  Eder  im  Feuill.  d. 
N.  fr.  Presse,  Wien  6.  I.  1922).  —  Holzknechts  mir  so  oft  schon 
früher  und  jetzt  neuerdings  gemachter  Vorwurf  kann  sich  nur  gegen 
meine,  erst  3  Jahre  später,  nachdem  viele  der  wichtigsten  Indika¬ 
tionen  dieser  Therapie  bereits  festgelegt  waren,  erschienene  Experi¬ 
mentalarbeit  „Die  physiologischen  Wirkungen  der  Polentladungen 
hochgespannter  Induktionsströme  etc.“  (Sitzber.  d.  Ak.  d.  W.  Wien, 
Math.mat.  Kl.  109  Abt.  3,  Okt.  1900)  wenden,  in  welcher  ich,  logisch 
nicht  ganz  zutreffend  aus  an  sich  richtigen  Beobachtungen  irrtümliche, 
auf  die  Röntgenwirkung  Bezug  habende  Schlüsse  gezogen  habe,  von 
welchen  ich  übrigens  bald  nach  R.  Kienböcks  und  Scholz’ 
Beweisführung  zu  meiner  ursprünglichen  richtigen  Ansicht  zurück¬ 
gekehrt  bin. 


Nr.  38. 

Für  die  Praxis. 

Die  Stellung  der  Qualitätsdiagnose  bei  der  Lungen¬ 
tuberkulose  und  ihre  Bedeutung  für  die  Therapie. 

Von  Prot.  A.  Bacmeister-St.  Blasien. 

Einer  anatomischen  und  klinischen  Einteilung  der  Formen  de 
chronischen  Lungentuberkulose  stehen  grosse  Schwierigkeiten  ent 
gegen.  Der  oft  jahrelange  Verlauf  der  Krankheit  bringt  es  mit  siel 
dass  es  sich  bei  ausgedehnten  Prozessen  gewöhnlich  nicht  um  ein 
einzige  Form  der  Erkrankung  handelt,  sondern  dass  in  bunten 
Wechsel  produktive  und  exsudative  Formen,  Verkäsungen,  Ein 
Schmelzungen  und  Narben  nebeneinander  bestehen  oder  eine  Art  de 
Erkrankung  in  die  andere  übergeht.  Die  bisher  gebräuchliche  um 
allgemein  anerkannte  T  u  r  b  a  n  -  G  e  r  h  a  r  d  t  sehe  Dreistadien 
einteilung  verzichtet  infolgedessen  auch  völlig  auf  eine  Qualitäts 
diagnose  und  beschränkt  sich  auf  eine  quantitative  Einschätzung  de 
physikalischen  Augenblicksbefundes.  Sie  hat  den  grossen  und  un 
bestreitbaren  Vorzug,  dass  sie  von  einer  übersichtlichen  Einfachhei 
ist  und  von  jedem  Arzt  ohne  besondere  Fachkenntnisse  und  dia 
gnostische  Hilfsmethoden  gestellt  werden  kann,  dass  sie  sich  fii 
statistische  Zusammenstellungen  ausserordentlich  bequem  eignet 
Ihr  grosser  und  entscheidender  Nachteil  liegt  aber  darin,  dass  sh 
eben  über  die  anatomische  Entwicklung  und  den  klinischen  Verlau 
der  Krankheit  nichts  aussagt,  dass  die  mit  ihrer  Hilfe  gewonnenei 
Statistiken  wertlos  sind.  Nicht  die  Ausdehnung  der  Krankheit 
sondern  ihr  anatomischer  Charakter  und  ihr  klinischer  Verlauf  ent 
scheiden  über  das  Schicksal  des  Kranken,  sie  bestimmen  di« 
Prognose,  sie  müssen  unser  therapeutisches  Handeln  leiten. 

Die  Behandlung  der  chronischen  Lungentuberkulose  hat  in  der 
letzten  Jahren  neue  Bahnen  eingeschlagen.  Wenn  auch  di« 
klimatisch-diätetische  Kur  die  absolut  notwendige  Grundlage  ge 
blieben  ist,  die  allein  den  durch  keine  anderen  Massnahmen  und  keh 
anderes  Regime  ersetzbaren  Rahmen  für  eine  erfolgreiche  Kur 
liefert,  so  haben  wir  doch  eine  grössere  Reihe  von  Behandlungs 
methoden  neu  gewonnen,  die  uns  im  Kampfe  gegen  die  Tuberkulös« 
von  grossem  Werte  geworden  sind.  Zu  der  Tuberkulintherapie  in  al 
ihren  Formen  und  Modifikationen  sind  die  Strahlcntherapie,  di« 
Pneumothoraxbehandlung,  die  chirurgische  Therapie,  die  Protein 
körperbehandlung,  die  Chemotherapie  usw.  getreten. 

Ueber  eines  müssen  wir  uns  aber  bei  der  Be¬ 
handlung  der  Lungentuberkulose  völlig  klar  sein 
wir  haben  zurzeit  kein  einziges  Mittel,  das  direk 
den  Tuberkelbazillus  an  greift;  die  Möglich  k  e  i ; 
eines  therapeutischen  Erfolges  mit  den  uns  zui 
Verfügung  stehenden  Mitteln  liegt  nur  in  einer 
Beförderung  und  Beschleunigung  der  Natur¬ 
heilung. 

In  einem  Körper,  in  dem  die  Virulenz  des  eingedrungener 
Tuberkelbazillus  jedes  Heilungsbestreben  des  Organismus  über¬ 
windet,  ist  jede  ärztliche  Behandlung  von  vorneherein  aussichtslos 
nur  dann,  wenn  der  natürliche  „Durchseuchungswiderstand“  des 
Körpers  den  Kampf  mit  dem  eingedrungenen  Feind  aufzunehmen  die 
Kraft  hat,  können  wir  diesen  Kampf  unterstützen  und  zum  Siegt 
führen.  In  dieser  Erkenntnis  liegt  eine  durch  den  Zwang  der  Dinge 
gegebene  Bescheidung  unserer  Hoffnungen  und  therapeutischen  Mög¬ 
lichkeiten,  cs  geht  aus  ihr  klar  hervor,  dass  keine  der  oben  er¬ 
wähnten  Behandlungsmethoden  eine  souveräne  Stellung  einnehmen 
kann,  dass  es  unfruchtbar  und  schädlich  ist,  wenn  man  sich  in  ein 
therapeutisches  Schema  einzwängt,  wenn  eine  Behandlungsmethode 
alles  leisten  soll.  Die  grundsätzliche  Frage  liegt  nicht  darin,  ob  man 
1  uberkulinfreund  oder  Gegner  ist,  nicht  ob  man  Bestrahlungen  an¬ 
wenden  darf  oder  sic  grundsätzlich  verwirft  usw.,  sondern  es  ist 
unsere  Aufgabe,  alle  wirksamen  Mittel  heranzuziehen,  welche  die 
allgemeine  Widerstandskraft  des  Organismus  stärken  und  lokal  die 
Vernarbung  beschleunigen  können. 

Grundbedingung  für  unser  therapeutisches  Handeln  ist  daher  eine 
richtige  Einschätzung  der  anatomischen  Vorgänge  in  der  Lunge.  Es 
würde  viel  zu  weit  führen,  an  dieser  Stelle  auf  die  verschiedenen 
Entwicklungsformen  der  Tuberkulose  vom  Primäraffekt  bis  zur 
chronischen  Lungenphthise  einzugehen.  Wir  wissen  jetzt,  dass  sie 
zusammenhängende  oder  sich  beeinflussende  Krankheitsbilder  sind, 
wir  haben  gelernt,  dass  Charakter  und  Entwicklung  der  anatomischen 
Prozesse  nicht  nur  von  der  Virulenz  der  Bazillen,  sondern  in  erster 
Linie  von  der  Art  und  Stärke  der  allergischen  Kräfte  des  Organis¬ 
mus,  wie  sie  im  Verlaufe  der  Krankheit  entstehen,  abhängig  sind. 
\\  ir  beschränken  uns  hier  auf  die  Qualitätsdiagnose  der  für  die 
Praxis  wichtigsten  Form  der  Volksseuche,  der  bronc bogen 
entstandenen  chronischen  L  u  n  g  e  n  p  h  t  h i s  e  der  Er¬ 
wachsene  n. 

Auf  den  Angriff  des  Tuberkelbazillus  antwortet  der  Körper  stets 
in  zweierlei  Weise,  entweder  mit  einer  produktiven  Ent¬ 
zünd  u  n  g,  d.  h.  mit  der  Bildung  eines  tuberkulösen  Granulations¬ 
gewebes,  das  sich  bei  Ueberwindung  der  Bazillen  in  Narbengewebc 
umwandelt  oder  mit  einer  exsudativen  Entzündung,  wobei  ein 
zellarmes  Exsudat  ausgeschwitzt  wird,  welches  die  Tuberkelbazillen 
in  kleinerer  oder  grösserer  Ausdehnung  umgibt.  Diese  Exsudationen 
können,  ohne  dass  es  zu  grösseren  Zerstörungen  kommt,  wieder 


,  21.  September  192,4. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1203 


resorbiert  werden  —  nach  unseren  heutigen  Erfahrungen  findet  es 
gar  nicht  so  selten  statt  — ,  meist  aber  wird  das  ganze  „pneumoni- 
sclie  Lungengebiet  nekrotisch  und  verkäst.  Klinisch  sind  daher  die 
produktiven  Formen  die  gutartigeren,  die  exsudativen  die  bös¬ 
artigeren.  Die  produktive  Tuberkulose  kann  vernarbend  zur 
zirrhotischen  Tuberkulose,  fortschreitend  zu  käsigen,  event.  irn 
Zentrum  zerfallenden  Knoten,  die  von  typischem  Granulationsgewebe 
umgeben  sind,  sich  entwickeln,  die  exsudativ-käsige  durch  Fort¬ 
schreiten  und  Zerfall  zur  Verkäsung  grösserer  Gewebsteile  und 
Kavernenbildung  führen,  sie  kann  aber  auch  bei  Stillstand  der 
Exsudation  und  Entwicklung  eines  Granulationsgewebes  um  die 
primär  verkästen  Herde  in  die  produktive  und  damit  in  die  gutartige 
rorm  übergehen.  Es  ist  das  Verdienst  von  Albrecht-Fränkel 
und  besonders  von  A  s  c  h  o  f  f,  diese  Verhältnisse  für  die  Lungen¬ 
tuberkulose  klar  herausgearbeitet  zu  haben.  Wir  haben  auf  dieser 
Grundlage  ein  neues  Einteilungsprinzip  gewonnen,  das  die  für 
Pmgnose  und  1  herapie  nichtssagende  G  e  r  h  a  r  d  t  -  T  u  r  b  a  n  sehe 
I Einteilung  ersetzt  und  sich  für  den  klinischen  Gebrauch  äusserst 
nitzbar  erwiesen  hat.  In  dieser  neuen  Einteilung  kommen  die  vor- 
j  i e  r  r  s  c  h  e  n  d  e  n  anatomischen  Veränderungen  nach  der  Aschoff- 
jiclicn  Nomenklatur  und  der  klinische  Reaktionszustand,  wie  wir  ihn 
|  annuliert  haben  und  wie  er  für  die  Einschätzung  des  einzelnen 
i  i  die. einzuschlagende  Therapie  notwendig  ist,  zum  Aus- 

:  Iruck.  \\  ir  teilen  die  chronische  bronchogen  entstandene  Lungen- 
uberkulose  demnach  ein  in: 

progrediente  zirrhotische  1  .  . 

stationäre  nodöse  /  Produkt‘ve 

zur  Latenz  neigende  lobär  pneumonische  1  , 

latente  bronchopneumonische  J  cxsudatlve 

L  Wenn  dann  noch  hinzugefügt  wird,  ob  offene  oder  geschlossene 
uberkulose  vorlicgt,  der  Sitz  der  Krankheit  und  etwaige  Kavernen- 
]  nldung  angegeben  wird  (z.  B.  stationäre,  offene  nodöse  Tuber¬ 
kulose  im  rechten  Oberteil  mit  Kaverne  und  linker  Spitze  oder  zur 
j.atenz  neigende  geschlossene  zirrhotische  Tuberkulose  im  rechten 
Ober-  und  Mittelteil  etc.),  so  haben  wir  eine  ausführliche  Beschrei- 
l'unK  des  Falles,  die  uns  als  Grundlage  für  die  prognostische  Ein- 
chatzung  und  unser  therapeutisches  Handeln  dienen  kann. 

den  Praktiker  ist  die  wichtigste  Frage,  wie 
jst  klinisch  die  Qualitätsdiagnose  zu  stellen, 
Deiche  praktischen  Konsequenzen  gehen  aus  der 
Diagnose  für  die  Therapie  hervor,  welchen  Wert 
iat  sie  bei  den  so  häufigen  Misch  formen. 

Am  leichtesten  ist  die  reine  zirrhotische  Tuberkulose  zu  dia- 
j  nostizieren. 

|  Alle  Lungentuberkulosen,  die  jahrelang  bestehen,  zeigen  mehr 
jder  weniger  zirrhotischen  Charakter.  Bei  der  Inspektion  fallen  die 
chrumpfungserscheinungen  am  Thorax,  das  Nachschleppen  der 
:ärker  befallenen  Seite  auf.  Verkürzungen  des  Klopfschalles  und 
ampfungen  sind  allen  Formen  der  Lungentuberkulose  eigentümlich 
jas  Atemgeräusch  ist  dagegen  bei  der  zirrhotischen  Tuberkulose 
|\var  \  erschärft,  aber  ohne  bronchialen  Beiklang.  Der  Stimmfremitus 
Gegensatz  zu  den  nodösen  und  exsudativen  Formen  abge- 
L'hwacht,  die  Temperatur  ist  meist  normal  (stationärer  Charakter) 
Der  zeigt  ab  und  zu  geringfügige  Erhöhungen  (langsam  oft  schub- 
I  eis  pi  ogredienter  Charakter).  Bezeichnend  für  narbige  und 
l.hrumpiende,  zirrhotische  1  uberkulose  sind  die  ziehenden,  unbe- 
limmten  Schmerzen,  die  vor  und  bei  Witterungswechsel,  besonders 
hr  Schneefall,  Gewitter  und  bei  Föhn  auftreten,  die  aber  auch 
e i  rektaler  Messung  keine  Temperaturerhöhung 
ervor  rufen.  Der  Auswurf  ist  nicht  sehr  reichlich,  hat  keinen 
hr  eitrigen  Charakter  (ausgenommen  bei  gleichzeitigen  Bronchi- 
Ictasien),  enthält  relativ  wenig  Tuberkelbazillen  und  nur  selten 
astische  Fasern,  dagegen  sind  kleinere  Blutungen  bei  dieser  Form 
)  cht  seltftn.  Im  Röntgenbild  sehen  wir  die  bekannten  allgemeinen 
ier  lokalen  Schrumpfungserscheinungen,  daneben  meist  scharf  ab- 
j 'setzte  Schattenstreifen  in  den  Lungenfeldern,  die  bandförmig  oder 
Lrastelt  die  erkrankten  Lungenpartien  durchziehen  und  oft  von 
"fm  dichteren  Herde  ausgehen.  Dazwischen  liegen  wieder  die 
einen,  scharf  abgesetzten  knotigen  Herde  der  nodösen  Tuber- 
Jilose,  aus  welcher  sich  die  zirrhotische  meist  zu  entwickeln  pflegt 
t  sie  aus  einer  ausgedehnteren  und  zusammenhängenden  exsuda- 
en  hervorgegangen,  was  seltener  vorkommt,  so  zeigt  die  Platte 
r‘1r  flächenhafte  Herdschatten  (bei  normalen  oder  subfebrilen 
mperaturen)  und  schrumpfende  Partien.  Kavernen  sind  bei  der 
;  otigen  I  uberkulose  stets  von  einem  stark  schattengebenden  Rand 
igeben,  welcher  der  produktiven  Granulations-  und  Bindegewebs- 
ne*  die  diese  Kavernen  umgibt,  entspricht. 

|  Neigt  die  zirrhotische  Tuberkulose  zur  Progredienz,  d.  h. 
jnreitet  sic  in  das  gesunde  Lungengewebe  in  knotiger  oder  exsuda- 
er  Eorm  fort,  so  kommt  es  darauf  an,  welcher  Charakter  das 
Imsche  Bild  beherrscht.  Eine  nur  langsam  oder  periodisch  fort- 
,  'reitende  Tuberkulose,  bei  der  im  ganzen  der  gutartig  vernarbende 
larakter  überwiegt,  wird  man  als  progrediente  zirrhotische  Tuber¬ 
lose  bezeichnen  und  therapeutisch  angehen.  Steht  der  knotig 
1  er  exsudativ  fortschreitende  Charakter  im  Vordergründe,  so  ist 
1:1  uberkulose  prognostisch  und  therapeutisch  als  progrediente 
lot'ge  oder  exsudative  zu  werten  ohne  Rücksicht  darauf,  dass  sich 
jen  altere  und  grössere  zirrhotische  Partien  in  der  Lunge  finden. 


Die  klinische  Unterscheidung  der  nodösen  und  exsuda- 
tiven,  besonders  der  bronchopncumonischen  Form  stösst  auf 
grossere  Schwierigkeiten.  Bei  der  reinen  nodösen  Tuber- 
kulose  sind  gewöhnlich  die  oberen  apikalen  Teile  der  Lunge  am 
stärksten  und  ältesten  erkrankt,  diese  zeigen  daher  die  ausge¬ 
sprochensten  physikalischen  Veränderungen.  Die  Dämpfung  nimmt 
von  oben  nach  unten  ab,  die  älteren  Prozesse  in  der  Spitze  zeigen 
die  schaifste,  oft  bronchiale  Atmung,  die  nach  unten  in  gemischtes 
und  weicheres  Atmen  übergeht,  die  Rasselgeräusche  nehmen  nach 
unten  zu  an  Qualität  ab,  d.  h.  sie  verlieren  gewöhnlich  immer  mehr 
den  klingenden  Charakter.  Bei  ausgedehnteren  exsudativen 
pneumomsch-kasigen  Prozessen  pflegt  dagegen  meist  ein  grösserer 
zusammenhängender  Abschnitt  sehr  oft  in  den  mittleren  -  ein  I  ieb- 
hngssitz  der  käsigen  Pneumonie  ist  die  untere  Hälfte  des  rechten 
Oberlappens  und  unteren  Partien  der  Lunge  ziemlich  gleichmässig 
betroffen  zu  sein.  Die  reinen  und  typischen  Fälle  der  nodösen  und 
exsudativen  Lungentuberkulose  sind  nicht  schwer  zu  trennen 
atypisch  verlaufende  und  kombinierte  dagegen  physikalisch  oft  nicht 
zu  unterscheiden.  Die  Bewertung  des  ganzen  klinischen 
Krankheitsb  lldes  bringt  dann  oft  weiter.  Schnelle  Aus¬ 
bildung  der  Symptome,  höheres  stark  schwankendes  und  hektisches 
Fieber,  kleiner  schneller  Puls,  schneller  Kräfteverfall,  hochgradige 
sekundäre  Anämie  mit  wachsartig  verfärbter  Haut,  blasses  ge¬ 
dunsenes  Aussehen  oft  ohne  besondere  Abzehrung,  grünlicher  Aus¬ 
wurf  mit  zahlreichen  Tuberkelbazillen  und  elastischen  Fasern  noch 
’m..  7 l.yeo|arverband,  positive  Diazoreaktion  gehören  zum  Krank- 
heitsbild  der  exsudativen  Tuberkulose,  mittlere  Temperaturen  lang¬ 
same  Entwicklung  der  Symptome,  spärliche  und  mehr  vereinzelt 
liegende  elastische  Fasern  sprechen  für  die  nodöse  Form.  Wenn  die 
I  emperaturen  regelmässig  und  anhaltend  über  38,5  irn  Darm  ge¬ 
messen  maximal  gehen,  so  ist  mit  grosser  Sicherheit  die  Anwesen- 
heit  exsudativ-käsiger  Herde  anzunehmen.  Bei  ausgesprochenen 
Fallen  kann  auch  das  Röntgenbild  zur  Differentialdiagnose  heran¬ 
gezogen  werden.  Der  nodöse  Herd  gibt  auf  der  Platte  eine  runde 
odei  unregelmassig  gestaltete,  vielfach  kleeblattförmige,  stets  gut  be¬ 
grenzte  Verschattung  von  mittlerer  Dichtigkeit,  während  der  lobulär- 
exsudative  und  käsige  Herd  sich  als  eine  verwaschene,  an  Dichtig¬ 
keit  nach  dem  Rande  zu  abnehmende,  keine  scharfe  Begrenzung 
zeigende  Schattenbildung  darstellt.  Alle  Formen,  die  produktiven 
und  exsudativen,  können  progredient,  stationär  oder  zur  Latenz 
neigend  sein,  und  auch  diese  Feststellung  des  klinischen  Reaktions¬ 
zustandes  ist  von  grosser  praktischer  Bedeutung.  Zeichen  der  pro¬ 
gredienten  Tuberkulose  sind  vor  allem  Fieber  und  subfebrile  Tem¬ 
peraturen,  Abnahme,  Nachtschweisse,  fliegende  Hitze,  elastische 
Fasern  im  Auswurf,  Blutungen,  Pleuritis  etc.  Stationär  sind  die 
Formen,  die  bei  manifestem  Befunde  sich  im  grossen  und  ganzen 
nach  der  Anamnese  und  Beobachtung  symptomatisch  und  im  All- 
gememzustand  irn  Gleichgewicht  halten.  Als  zur  Latenz  neigend 
bezeichnen  wir  die  Fälle,  bei  denen  die  klinischen  Erscheinungen 
unter  Hebung  des  Allgemeinbefindens  zurückgehen. 


Welche  praktischen  Folgerungen  ergeben  sich 
nun  aus  dieser  Qualitätsdiagnose  der  Lungen¬ 
tuberkulose  für  unsere  Therapie? 

Jede  Tuberkulose  heilt  dadurch,  dass  aus  dem  spezifischen 
üranulationsgewebe,  das  der  Körper  zur  Bekämpfung  des  Bazillus 
bildet,  eine  Narbe  wird.  In  dem  Werte  dieses  Granulationsgewebes 
liegt  also  die  Chance  für  die  Heilung.  Die  Formen,  bei  denen  es 
nicht  zu  einer  Bildung  eines  solchen  Granulationsgewebes  kommt, 
bei  den  fortschreitend  exsudativ-käsigen  muss  die 
Ai?gn0Si?  v?n  Anfang  an  schlecht,  unsere  Therapie  erfolglos  sein. 
(Wir  sehen  hier  ab  von  den  relativ  seltenen  exsudativen  Fällen,  bei 
denen  es  zu  einer  Resorption  des  Exsudates  vor  eintretender  Ge- 
websnekrose  und  Verkäsung  kommt.)  Die  Erfahrung  hat  gelehrt 
dass  bei  diesen  fortschreitend  exsudativ-käsigen  Herden  jede  Reiz¬ 
therapie,  sowohl  die  spezifische  —  Tuberkulin  in  jeder  Form  —  wie 
die  unspezifische  —  Bestrahlungen,  Chemotherapie  etc.  —  nur  un¬ 
günstig,  zerfallsbefördernd  und  zu  neuer  und  schnellerer  Exsudation 
anregend  wirkt.  Unsere  Aufgabe  ist  es  hier,  zu  versuchen,  durch 
dlC,  S^1TI?t-omatische  BehandllinK  und  die  Allgemeinkur  mit  Schonung 
und  Kräftigung  und  durch  absolute  Ruhe  unter  den  besten  All¬ 
gemeinbedingungen  die  Progredienz  des  Leidens  aufzuhalten  und  die 
Exsudation  zum  Stillstand  zu  bringen.  Es  gelingt  nicht  so  selten,  auf 
diese  Weise  die  weitere  Bildung  pneumonischer  Herde  zu  ver¬ 
hindern,  die  alten  zu  beruhigen.  Durch  Entstehung  eines  produktiven 
Gewebes  um  die  pneumonischen  Herde  kann  in  durchaus  nicht 
seltenen  Fällen  die  exsudative  Tuberkulose  sich  in  die  gutartige, 
prognostisch  günstigere  und  der  aktiven  Therapie  zugängliche  pro¬ 
duktive  umwandeln.  Bei  einseitiger  exsudativer  Tuberkulose  kann 
ferner  die  chirurgische  Therapie,  Pneumothorax,  Phrenikotomie, 
cxtrapleurale  Plastik  je  nach  Lage  des  Falles  und  Sitz  der  Erkran¬ 
kung  den  Umschwung  in  die  vernarbende  produktive  Form  einleiten. 
Hat  somit  der  Ansatz  der  Naturheilung  begonnen,  so  ist  auch  die 
Grundlage  für  unsere  Reiztherapie  gegeben,  die  —  man  muss  es 
immer  wiederholen  —  nur  die  Naturheilung  beschleunigen  oder  diese, 
wenn  sie  unvollkommen  bleibt,  fördern  und  anregen  kann.  Klinisch 
erkennt  man  den  Uebergang  der  exsudativen  in  die  produktive  Form 
m  erster  Linie  am  Verhalten  der  Temperatur,  die  allmählich  sinkt, 
von  febrilen  auf  subfebrile  Werte  zurückgeht  und  endlich  normal 
wird.  Kranke  mit  exsudativer  Tuberkulose,  die  allmählich  in  pro- 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


duktive  übergeht,  lässt  man  am  besten  bis  zur  völligen  Entfieberung 
fest  im  Bett  liegen,  wenn  sich  auch  die  Periode  der  subfebrilen  Tem¬ 
peraturen  lange  hinzieht.  Tuberkulinkuren  vermeiden  wir  bei 
solchen  Kranken  vollständig,  da  wir  die  Grosse  des  Reizes  nicht 
genügend  in  der  Hand  haben  und  neue  Exsudationen  bei  zu  starker 
Reaktion  zu  befürchten  sind.  Sonnenbestrahlungen  haben  in  dem¬ 
selben  Sinne  auch  bei  vorsichtiger  Dosierung  Gefahren,  Röntgen¬ 
bestrahlungen  nahmen  wir  nur  vor,  wenn  wenigstens  drei  volle 
Wochen  Eieberfreiheit  bestand,  also  die  Entwicklung  eines  genügend 
kräftigen,  erfolgreichen  üranulationsgewebes  anzunehmen  ist  und 
auch  dann  noch  mit  grösster  Vorsicht,  mit  kleinsten  Dosen  und 
langen  Reaktionspausen  (höchstens  ein  Eeld  in  der  Woche)  uns 
langsam  vorwärtstastend. 

Bei  der  produktiven  Tuberkulose  hängt  für  unser 
therapeutisches  Handeln  wieder  alles  von  dem  Werte  des  spezifischen 
üranulationsgewebes  ab,  das  allein  die  Narbe  liefern  kann.  Ist  die 
Virulenz  des  Bazillus  so  stark,  der  Reaktionswiderstand  des  Organis¬ 
mus  so  schwach,  dass  der  Bazillus  siegt  und  das  Gewebe  verkäst, 
so  ist  jede  Reiztherapie  wieder  nur  schädlich  und  gefährlich.  Ist  aus 
dem  Granulationsgewebe  nichts  herauszuholen,  ist  es  bereits  im  Ab¬ 
sterben,  so  wird  jeder  Reiz  diesen  Prozess  nur  beschleunigen,  daher 
der  Misserfolg  der  Tuberkulin-  und  Strahlentherapie  bei  falscher 
Indikationsstellung.  Hier  ist  es  zunächst  wieder  die  Aufgabe  der 
allgemeinen  klimatisch-dätetischen  Kur,  die  Progredienz  des  Leidens 
aufzuhalten  —  auch  die  chirurgische  Therapie  kann  durch  Ruhig¬ 
stellung  einer  kranken  Lunge  in  diesem  Sinne  wirken  —  und  den 
Körper  zu  befähigen,  ein  funktionstüchtiges  Granulationsgewebe  zu 
bilden.  Je  grösser  die  Ansätze  dazu  werden,  um  so  besser  wird  die 
Prognose.  Die  nur  noch  langsam  progredienten,  die  stationären  und 
zur  Latenz  neigenden  Formen  der  produktiven  Tuberkulose  —  der 
nodösen  und  zirrhotischen  —  sind  das  Hauptgebiet  unserer  aktiven 
Therapie,  sie  in  dieses  Stadium  zu  bringen,  müssen  wir  mit  allen  Mitteln 
der  Allgemeinkur  versuchen.  Die  beginnende  oder  unvollständige 
Vernarbung  können  wir  dann  unterstützen  und  weitertreiben  durch 
direkte  und  indirekte  Reiztherapie,  in  geeigneten  einseitigen  Fällen 
durch  chirurgische  Massnahmen,  die  für  die  Behandlung  der  Lungen¬ 
tuberkulose  immer  grössere  Bedeutung  gewinnen.  Jede  Behand¬ 
lungsmethode  hat  ihre  besonderen  Indikationen,  alle  müssen  sich 
aber  dem  anatomischen  und  klinischen  Charakter  der  Tuberkulose 
anpassen;  ohne  diese  Grundlage  zu  berücksichtigen,  ist  jedes  thera¬ 
peutisches  Handeln  eine  Arbeit  im  Dunkeln  und  die  Gefahr  einer 
Schädigung  in  drohender  Nähe.  Für  die  Indikationsstellung  und 
Durchführung  der  Tuberkulintherapic  habe  ich  unter  Berücksichtigung 
dieser  Verhältnisse  in  dieser  Wochenschrift ')  bereits  Richtlinien  ge¬ 
geben.  Eine  Besprechung  der  Strahlentherapie  und  der  chirur¬ 
gischen  Behandlung  der  Lungentuberkulose  wird  folgen. 

Zum  Schlüsse  noch  ein  kurzes  Wort  über  die  therapeuti¬ 
sche  Einschätzung  der  Mischformen.  Die  allgemein 
bekannte  und  von  niemand  bestrittene  Tatsache,  dass  fast  bei  allen 
ausgedehnten  Prozessen  alle  Formen  der  Tuberkulose  in  einer  Lunge 
vereinigt  sein  können,  hat  vielfach  zu  einer  Ablehnung  der  Qualitäts¬ 
diagnose  geführt.  Diese  Bedenken  halten  der  Praxis  nicht  stand. 
Der  Arzt  und  Praktiker  kommt  glücklicherweise  nicht  wie  der 
pathologische  Anatom  nur  mit  den  ausgedehnten  Fällen  in  Berührung, 
die  den  Tod  des  Kranken  herbeiführen.  Unsere  Aufgabe  ist  es  vor 
allem,  die  noch  beginnenden  und  räumlich  beschränkten  Fälle  früh¬ 
zeitig  zu  erkennen  und  zu  heilen.  Diese  der  Therapie  noch  am  besten 
zugänglichen  Kranken  weisen  glücklicherweise  in  der  Mehrzahl  reine 
Formen  —  meist  der  produktiven  Tuberkulose  —  auf;  diese  gilt  es 
von  der  exsudativen  zu  trennen,  dann  den  klinischen  Charakter  der 
Krankheit  festzustellen,  ob  progredient,  stationär  oder  zur  Latenz 
neigend  und  auf  dieser  Grundlage  die  Art  der  Allgemeinkur  und  in 
ihrem  Rahmen  die  aktiven  Behandlungsmethoden  aufzubauen.  Aber 
auch  bei  den  schwereren  und  kombinierten  Fällen  besteht  die 
Qualitätsdiagnose  durchaus  zu  recht.  Sie  soll  dann  nur  den 
augenblicklich  vorherrschenden  Charakter  der 
Erkrankung,  der  sich  aber  nach  der  guten  oder  schlechten  Seite 
jeden  Augenblick  ändern  kann,  feststellen  und  zwar  stets  den  pro¬ 
gnostisch  ungünstigeren,  denn  dieser  entscheidet  die  Pro¬ 
gnose  des  Kranken  und  gibt  unserer  Therapie  die  Richtlinien;  sind 
z.  B.  bei  einer  zirrhotischen  oder  nodösen  Tuberkulose  fortschreitende 
pneumonische  Herde  in  den  unteren  Partien  vorhanden,  so  sind  es 
diese,  nach  denen  sich  unsere  Therapie  zu  richten  hat.  Es  ist  ferner 
gewiss  oft  sehr  schwer,  wenn  nicht  unmöglich,  eine  schnell  pro¬ 
grediente  ausgedehnte  nodöse  Tuberkulose  von  einer  exsudativen 
zu  trennen.  Das  spielt  praktisch  aber  keine  Rolle,  denn  beide 
kommen  für  eine  Reiztherapie  in  irgendeiner  Form  nicht  in  Betracht, 
bei  beiden  besteht  unsere  Aufgabe  darin,  durch  eine  Allgemeinkur, 
event.  durch  eine  chirurgische  Therapie  die  Progredienz  aufzuhalten 
und  die  Bildung  eines  lebens-  und  vernarbungsfähigen  Granulations¬ 
gewebes  zu  erreichen,  erst  dann  ist  Hoffnung,  die  Heilung  weiter¬ 
zutreiben.  Aufgabe  der  Therapie  ist  es  also,  die  produktive  heilbare 
Tuberkulose  stationär  zu  machen  und  zu  heilen,  die  exsudative 
Tuberkulose  in  die  produktive  überzuführen. 


‘)  M.m  W.  1922  Nr.  14. 


rortDildunosuorträpe  und  uehersichtsrelerate. 

Der  gegenwärtige  Stand  der  Diphtheriefrage'). 

Von  Dr.  Georg  Riebold-Dresden. 

Die  klinische  Medizin  hat  bisher  eine  Reihe  äusserst  wertvoller 
Ergebnisse  der  bakteriologischen  und  serologischen  Diphtheriefor¬ 
schung  in.  E.  bei  weitem  nicht  gebührend  berücksichtigt;  ich  meine: 

1  Den  Nachweis,  dass  die  Löf  fler  sehen  Diphtherie-, 
ba  zillen  identisch  sind  mit  den  Pseudodiphtherie  - 
ba  zillen  und  anderen  ähnlicncn  Keimen; 

2.  den  Nachweis,  dass  die  pathogenen  oder  giftiger; 
Diphtheriebazillen  unter  gewissen  Voraussetzungen  ihre 
Giftigkeit  verlieren  und  dass  auf  der  anderen  Seite  w  e  n  i  -| 
ger  giftige  Keime  wieder  starke  Giftigkeit  erlangerl 

können;  .  „  ,  I 

3.  den  Nachweis,  dass  alle  diese  Keime  auf  allen  der  Luft| 
ausgesetzten  Flächen  bei  den  sogenannten  Bazillenträgern  liberal  j 
ungemein  häufig  anzutreffen  sind; 

4.  den  Nachweis,  dass  bei  Bazillenträgern  nicht  nur  un-tj 
giftige  avirulente  Formen,  sondern  sehr  häufig  aucll 
hochvirulente  Formen  Vorkommen,  ohne  dass  die  Bazillen-| 
träger  erkranken; 

5.  den  Nachweis,  dass  das  Diphtherieantitoxin  wahr-l 
scheinlich  einen  Normalantikörper  des  menschlichen  und  man! 
eher  tierischer  Sera  darstellt,  und  sehr  häufig  autochthon,  also  unabl 
hängig  von  einer  diphtheritischen  Erkrankung  entsteht. 

1.  Den  Nachweis  der  Identität  der  echten,  giftigen  Löffler 

sehen  Bazillen  mit  den  ungiftigen  Xeroscbazillen,  und  der  Identitä 
dieser  mit  den  Pseudodiphtheriebazillen  und  anderen  verwandte 
Formen,  den  Paradiphtherie-,  diphtheroiden,  dermophilen  Bazillen  u.  a 
hat  als  einer  der  ersten  unser  Dresdener  Ophthalmologe  Schau; 
(1  5)  bereits  im  Jahre  1894  erbracht.  Obwohl  schon  1898  Löffle; 

und  Roux  die  Sonderstellung  der  Pseudodiphtheriebazillen  auf 
gaben  und  heute  wohl  die  meisten  Bakteriologen,  auch  des  Aus 
landes,  unbedingt  auf  dem  unitarischen  Standpunkt  stehen,  d.  h.  dafüi 
eintreten,  dass  die  verschiedenen  Formen  der  giftigen  Diphtherie 
und  ungiftigen  Pseudodiphtheriebazillen  identisch  sind,  wird  noct 
immer  nach  kulturellen  und  morphologischen  Eigentümlichkeiten  bei 
der  Arten  gesucht,  die  vor  allem  darin  bestehen  sollen,  dass  bei  de 
Kultur  der  echten  Diphtheriebazillen  schneller  als  bei  der  der  un 
echten  die  sogenannten  Ernst  sehen  metachromatischen  Körnchei 
entstehen,  und  dass  im  ersteren  Fall  erhöhte  Säureproduktioil 
stattfindet. 

In  dieser  Frage  herrscht  aber  durchaus  keine  Einheitlichkeit  Voi 
verschiedenen  Seiten  wird  verlangt,  dass  nur  dann  echte  Diphthcrii 
diagnostiziert  werden  darf,  wenn  die  Ernst  sehen  Körnchen  schoi 
nach  9  Stunden  auftreten,  andere  verlangen  hierfür  14—16  Stunde), 
andere  diagnostizieren  echte  Diphtherie  auch  noch  nach  20 — 24  Stun 
den.  Sehr  einleuchtend  ist  die  Schanz  sehe  Erklärung,  dass  be 
Bazillen,  die  von  einer  Diphtheriemembran  stammen,  infolge  de 
günstigen  Ernährungsbedingungen,  unter  denen  sie  gelebt  haben,  di 
Lebensvorgänge  erhöht,  und  damit  das  Auftreten  der  metachromati 
sehen  Körnchen  beschleunigt,  und  die  Säurebildung  vermehrt  ist,  in 
Gegensatz  zu  Bazillen,  die  von  einer  gesunden  Schleimhaut,  z.  B.  de 
Konjunktiva,  stammen.  Man  wird  also  annehmen  dürfen,  dass  beir 
frühzeitigen  Auftreten  der  Körnchenfärbung  und  bei  vermehrte 
Säureproduktion  meist  recht  lebenskräftige,  virulente  und  giftig 
Keime  vorliegen,  dass  diese  Kriterien  für  Giftigkeit  aber  durchau 
nicht  beweisend  sind. 

Die  sichere  Unterscheidung,  ob  „giftig“  oder  „ungiftig“,  ist  nu 
durch  Prüfung  der  Tierpathogenität  und  der  Toxinbildung  möglicl 
Aber  auch  hierbei  handelt  es  sich  nur  um  einen  Gradunterschiec 
und  es  finden  sich  alle  Ucbergänge,  von  den  völlig  ungiftigen  bis  z 
den  schwer  toxischen  Formen. 

Eine  strenge  Scheidung  des  echten  „spezifischen“  Löffler 
sehen  Diphtheriebazillus  von  ungiftigen  Formen  ist  demnach  nicli 
durchführbar. 

2.  Geradezu  beweisend  hierfür  ist  der  Nachweis  des  Uebergange 
von  giftigen  in  ungiftige  Formen  oder  umgekehrt.  Schon  R  o  u  x  un 
Y  er  sin  (zitiert  nach  Schanz  [1])  zeigten,  dass  durch  Züchtun 
giftige  Diphtheriebazillen  rasch  ungiftig  und  dass  umgekehrt  schwacl 
giftige  starkgiftig  werden  können.  In  den  Serumwerken  ist  es  längs 
bekannt,  dass  hochgiftige  Kulturen  zuweilen  plötzlich  ihre  Giftigkc 
verlieren. 

Sehr  wichtig  sind  einige  Beobachtungen  beim  Menschen,  au 
denen  der  Uebergang  von  giftigen  in  ungiftige  Formen  direkt  hervor 
geht.  —  Uhthoff  (zitiert  nach  Schanz  141)  fand  bei  Conjuncti 
vitis  crouposa  höchst  giftige  Löf  fl  ersehe  Bazillen,  die  14  Tag 
nach  Beendigung  der  Krankheit  immer  noch  aus  der  Konjunktiva  gi 
züchtet  werden  konnten,  aber  nunmehr  ungiftig  waren. 

Meyer  |7l  fand  bei  Bazillenträgern  nach  überstandener,  oft  nu 
leichter  Diphtherie  hochvirulente  Bazillen  innerhalb  der  ersten  2 
natc  nach  Krankheitsbeginn;  vom  3.  Monat  ab  schwächte  sich  di 
Virulenz  sichtlich  ab. 

*)  Nach  einem  Vortrag  in  der  Gesellschaft  für  Natur-  und  Heilkunde  ’> 
Dresden. 


'1.  September  1923. 


Münchener  medizinische  Wochenschrift. 


Die  Giftigkeit  bzw.  Virulenz  ist  demnach  eine  variable  Eigen- 
chaft  der  Diphtheriebazillen,  die  wanrscliciul ich  durch  den  Nähr- 
»eden  bedingt  ist,  auf  dem  die  Keime  wachsen.  Auf  der  gesunden 
i  menschlichen  Schleimhaut  werden  pathogene  Formen  rasch  ungiftig, 
nd  umgekehrt  können  wenigpathogene  Keime  auf  geeigneten  Nähr¬ 
üden  giftig  werden;  der  Uebergang  von  völlig  ungiftigen  in  giftige 
ormen  ist  meines  Wissens  bisher  noch  nicht  erwiesen  worden. 

3.  Nach  zahlreichen  Beobachtungen  kann  der  3.  Punkt,  dass  die 
liphtheriebazillen  überall  häufig  zu  finden  sind,  nicht  mehr  bezweifelt 
«erden.  Die  Diphtheriebazillen  sind  nicht  nur  auf  den  Tonsillen  der 
•iphtheriekranken  nachweisbar,  sondern  bei  allen  Formen  von 
«ngina.  Ich  selbst  habe,  namentlich  in  den  ersten  Jahren  meiner 
'raxis,  systematisch  jeden  Fall  von  Angina  bakteriologisch  unter- 
uchen  lassen.  Zusammengefasst  ist  das  Resultat  dieser  Untersuchun- 
en  folgendes: 

„Echte“  Diphtheriebazillen,  d.  h.  solche,  die  von  den  Unter- 
uchungsanstalten  als  zweifellose,  typische,  giftige,  spezifische 
öf  fl  ersehe  Diphtheriebazillen  gemeldet  wurden,  fanden  sicii  fast 
tets  (zu  94  Proz.)  bei  klinisch  sicherer  Diphtherie,  ferner  sehr  oft 
ai  62  Proz.)  bei  Diphtherieverdacht,  aber  ebenso  recht  häufig  (zu 
twa  20  Proz.)  bei  einfachen  Anginen,  bei  denen  kli- 
isch  jeder  Verdacht  einer  Diphtherie  ausge- 
ch'ossen  war. 

Diphtheriebazillen  finden-  sich  ferner  auf  der  Konjunktiva  bei 
Uen  Formen  von  Konjunktivitis,  auf  der  Nasenschleimhaut  bei  Er- 
rankungen  des  Nasenrachenraumes,  besonders  häufig  bei  Ozaena, 
uf  den  Wundflächen  nach  Tonsillektomie  (2  eigene  Beobachtungen), 
:rner  sehr  häufig  (in  zirka  15 — 55  Proz.  der  untersuchten  Fälle)  auf 
iperations-  oder  sonstigen  Wunden,  und  zwar  ebenso,  wie  wir  es 
insichtlich  der  Anginen  feststellen  konnten,  nicht  nur  auf  Wunden, 
ie  klinisch  sich  als  Wunddiphtherie  darstellen,  sondern  auch  auf 
v'unden,  die  nicht  die  geringsten  Symptome  einer  Wunddiphtherie 
eigen.  Diese  Erkenntnis  stammt  erst  aus  den  letzten  Jahren,  nach¬ 
ein  gegen  Ende  des  Krieges  aus  mehreren  Lazaretten  über  gehäuftes 
uftreten  von  Wunddiphtherie  berichtet  worden  war. 

Ich  verweise  nur  auf  die  Arbeiten  von  W  e  i  n  e  r  t  [8],  A  n  - 
c  h  ü  t  z  und  K  i  s  s  k  a  1 1  [9],  Dönges  und  Elfeid  [10],  Läwen 
nd  Reinhardt  [11],  H  et  sch  und  Schlossberger  [6], 
offmann  [12]  usw. 

Diphtheriebazillen  sind  weiterhin  neuerdings  gefunden  worden 
n  Empyemeiter,  im  eitrigen  Sekret  bei  Otitis  media,  im  Auswurf 
uberkulöser  (Lippmann  [13],  Port  [14]);  sie  finden  sich  aber 
ach  recht  häufig  unter  völlig  normalen  Verhältnissen  in  der  gesunden 
onjunktiva  (Beobachtungen  von  Schanz),  auf  der  gesunden 
äsen-  und  Rachenschleimhaut,  und  zwar  auch  dann,  wenn  keine 
iphtherie  oder  Angina  vorausgegangen  ist.  In  der  Universitäts¬ 
rauenklinik  zu  Marburg  wurden  von  Kirstein  [16]  bei  85  Proz. 
;er  Neugeborenen  virulente  Diphtheriebazillen  festgestellt.  Ich  selbst 
abe  sehr  oft  im  Mandelabstrich  von  gesunden  Kindern  und  Er- 
achsenen,  auch  in  Abstrichen  meiner  eigenen  Tonsillen,  echte 
iphtheriebazillen  nachweisen  können. 

Es  wird  vielfach  angenommen,  dass  Bazillenträger  nur  in  der 
mgebung  von  Diphtheriekranken  vorkämen.  Tatsächlich  ist  auch 
jzugeben,  dass  Diphtheriekranke  und  -rekonvaleszenten,  die  ja  fast 
-■gelmässig  virulente  Diphtheriebazillen  in  grosser  Anzahl  beher- 
ergen,  bei  dei%oft  wochenlang  bestehenden  Reizbarkeit  der  Schleim¬ 
te  beim  Husten  und  Räuspern  ganz  besonders  zur  Verbreitung  der 
iphtheriebazillen  beitragen  und  dass  deshalb  stets  beim  Auftreten 
nes  Diphtheriefalles,  z.B.  in  der  Schule,  Bazillenträger  in  der  Um- 
abung  des  Erkrankten  gehäuft  auftreten.  Es  ist  wohl  möglich,  dass 
der  Bazillenträger  zu  allerletzt  schliesslich  auf  einen  Diphtheriefall 
arückgeht,  dass  die  Diphtheriebazillen  auf  der  diphtheritisch  er- 
rankten  Schleimhaut,  auf  der  sie  besonders  günstige  Ernährungs- 
üdingungen  finden,  gleichsam'  immer  wieder  regeneriert  werden 
ad  dass  so  die  Diphtheriekranken  die  hauptsächlichste  Quelle  für 
e  Verbreitung  der  Diphtheriebazillen  abgeben,  ebenso  wie  dies 
nsichtlich  der  Tuberkelbazillen  von  der  offenen  Lungentuberkulose 
lt.  Sehr  interessant  ist  endlich  der  neuerdings,  z.  B.  von  L  i  e  t  z 
,)  8],  Wauschkuhn  [19],  G  r  u  b  e  r  [20]  u.  a.,  wiederholt  erhobene 
iefund  von  Diphtheriebazillen  im  Scheidensekret,  namentlich  von 
chwangeren.  Hier  können  sie  den  Erdenbürger  sofort  beim  Eintritt 
s  Leben  überfallen,  und  immer  mehr  bestätigt  sich  die  Anschauung, 
e  schon  Behring  vertreten  hat,  dass  gegenwärtig  tatsächlich 
dermann  zu  jeder  Zeit  von  Diphtheriebazillen  bedroht  wird  (zitiert 
ach  Schanz  [17]). 

4.  Neuere  Untersuchungen  über  die  Giftigkeit  der  Diphtherie- 
azillen,  die  mit  Hilfe  des  Tierexperimentes  gemacht  wurden,  haben 
ichtige  und  interessante  Ergebnisse  geliefert,  über  die  ich  kurz 

■ferieren  möchte: 

Selma  Meyer  [7]  fand  in  einer  grossen  Untersuchungsreihe, 
iss  hochgiftige  Formen  ganz  regelmässig  bei  echter  schwerer  Diph- 
ierie,  ebenso  aber  auch  bei  klinisch  ganz  leichten  Diphtheriefällen, 
jid  endlich  auch  auf  völlig  gesunden  Schleimhäuten  Vorkommen, 
me  dass  der  Infizierte  erkrankt.  Wir  müssen  demnach  unsere  An- 
diauungen  in  dieser  Richtung  vollständig  ändern.  Während  man  im 
eginn  der  bakteriologischen  Diagnostik  bei  jedem  positiven  Bazillen- 
ifund  ohne  weiteres  eine  Diphtherie  diagnostizierte,  forderte  man 
>äter  zur  Sicherstellung  der  bakteriologischen  Diagnose  den  Ticr- 
ersuch,  indem  man  annahm,  dass  bei  einem  Befund  von  tierpatho¬ 


genen  Diphtheriebazillen  die  klinische  Diagnose  einer  Diphtherie 
zweifellos  wäre.  Heute  wissen  wir,  dass  auch  der  Nachweis  von 
tierpathogenen  Keimen  uns  nur  sagt,  dass  eine  Infektion  mit  diesen 
Keimen  stattgefunden  hat.  Die  Frage,  ob  diese  Infektion  zu  einer 
Erkrankung  geführt  hat  oder  nicht,  vermag  nur  die  Klinik  zu  ent¬ 
scheiden. 

Ganz  ähnlich  ging  es  mit  der  Wunddiphtherie.  Anfänglich  wur¬ 
den  einzelne  Fälle  von  Wunddiphtherie  beschrieben,  bei  denen  die 
Diagnose  nur  auf  Grund  des  bakteriologischen  Befundes  gestellt 
wurde.  Sodann  wurde  gefordert,  dass  man  Wunddiphtherie  nur 
beim  Nachweis  von  tierpathogenen  Keimen  diagnostizieren  dürfe. 
Heute  wissen  wir,  dass  bei  der  typischen  Wunddiphtherie,  die  genau 
wie  die  Rachendiphtherie  zu  schweren,  allgemeinen  toxischen  Er¬ 
scheinungen,  wie  Polyneuritis  usw.,  führen  kann,  wahrscheinlich 
regelmässig  hochgiftige  Formen  Vorkommen,  dass  aber  ebenso  auf 
völlig  harmlosen  Wunden,  bei  denen  kein  Arzt  an  eine  Wunddiph¬ 
therie  denken  würde,  sehr  oft  äusserst  giftige  Stämme  gefunden  wer¬ 
den,  ohne  dass  der  damit  Infizierte  an  einer  Diphtherie  erkrankt. 
Uebrigens  hat  schon  Karl  F  r  ä  n  k  e  1  vor  Jahren  aus  der  völlig  ge¬ 
sunden  Konjunktiva  mehrfach  leichtgiftige,  einmal  aber  auch  stark- 
giftige  Diphtheriebazillen  gezüchtet  (zitiert  nach  Schanz  [1]). 

Die  mitgeteilten  Beobachtungen  genügen  zur  Feststellung  der 
latsache,  dass  Bazillenträger  häufig  starkgiftige  Diphtheriekeime  be¬ 
herbergen,  ohne  selbst  zu  erkranken. 

5.  Ueberraschende  Ergebnisse  lieferten  neuere  Untersuchungen 
über  den  Antitoxingehalt  des  Blutes  bei  Diphtheriekranken  und 
-rekonvaleszenten. 

Auf  Grund  der  Behring  sehen  Lehre  galt  es  als  feststehend, 
dass  das  Diphtherieantitoxin  im  Blutserum  durch  das  Ueberstehen 
einer  Diphtherie  aktiv  gebildet  und  dass  dadurch  eine  Immunität 
gegen  die  Erkrankung  herbeigeführt  würde.  Es  ist  auch  tatsächlich 
nachgewiesen,  dass  Antitoxin  nach  einer  diphtheritischen  Erkran- 
Kimg,  und  zwar  etwa  vom  8. — 11.  Krankheitstage  ab,  regelmässig 
auftritt.  Es  geht  aber  häufig  12 — 24  Monate  nach  Einsetzen  der 
Erkrankung,  in  manchen  Fällen  auch  schon  früher,  wieder  verloren. 

Es  steht  weiter  fest,  dass  Antitoxin  künstlich  durch  Injektionen 
von  Diphtherietoxin  aktiv  neugebildet,  oder  das  etwa  schon  vor¬ 
handene  quantitativ  gesteigert  werden  kann. 

Ich  kann  heute  kurz  berichten,  dass  in  der  wissenschaftlichen 
Abteilung  des  Sächsischen  Serumwerks  zu  Dresden  seit  Beginn  des 
Jahres  1922  Versuche  angestellt  werden,  die  Jenner  sehe  Methode 
der  Hautimpfung  mit  lebenden  Keimen  systematisch  zur  Bekämpfung 
der  Infektionskrankheiten,  und  zwar  zu  Schutz-  und  Heilzwecken, 
heranzuziehen  und  dass  es  Herrn  Dr.  Böhme  dabei  geglückt  ist, 
durch  Hautimpfungen  mit  lebenden  Diphtheriebazillen  bei  Meer¬ 
schweinchen  verhältnismässig  grosse  Antitoxinmengen  zu  erzeugen. 

Nun  hat  sich  aber  gezeigt,  dass  Diphtherieantitoxin  in  nennens¬ 
werter  Menge  sehr  häufig  auch  bei  Gesunden  ohne  jede  Beziehung 
zu  einer  etwa  überstandenen  Diphtherie  auftreten  kann. 

v.  Gröer  und  Kassowitz  [21]  berichten  über  diesbezüg¬ 
liche  Untersuchungen  an  1062  Kindern  und  geben  eine  lückenlose 
Kurve  des  normalen  Antitoxingehalts  aller  Altersklassen.  Neu¬ 
geborene  wiesen  schon  in  der  überraschend  hohen  Zahl  von  84  Proz. 
Antitoxin  auf,  Säuglinge  bis  zu  9  Monaten  besassen  in  etwa  56  Proz. 
der  Fälle  Antitoxin,  Kinder  von  9  Monaten  bis  zum  3.  Lebensjahr  in 
etwa  30  Proz.,  Kinder  vom  3.  bis  zum  10.  Lebensjahr  in  etwa 
50  Proz.,  grössere  Kinder  vom  10.  bis  zum  16.  Lebensjahr  in 
etwa  60  Proz.,  Erwachsene  vom  17.  Lebensjahr  ab  in  etwa  82  Proz. 

Auch  durch  andere  Untersucher,  wie  F  i  s  c  h  1  und  v.  Wunsch¬ 
heim  [22],  Karasawa  und  Schick  [23],  S  e  1  i  g  m  a  n  n  [25], 
Abel,  Hahn,  Wassermann  u.  a.  ist  das  ungemein  häufige  Vor¬ 
kommen  von  Diphtherieantitoxin  festgestellt  worden. 

Wassermann  [24l  nimmt  als  Erklärung  hierfür  an,  dass 
leichteste,  unerkannt  gebliebene  Formen  von  Diphtherie  sehr  häufig 
wären  und  dass  es  sich  tatsächlich  in  allen  Fällen  von  positiven  Anti¬ 
toxinbefunden  um  eine  durch  das  Ueberstehen  der  Krankheit  er¬ 
worbene  Funktion  handelt. 

Da  aber  der  Antitoxingehalt  ausserordentlich  schwankt  und  auch 
nach  einer  schweren  Diphtherie  in  verhältnismässig  kurzer  Zeit  ver¬ 
loren  geht,  müsste  man  dann  folgern,  dass  bei  allen  Menschen  nicht 
nur  einmalige,  sondern  immer  wiederholte  Erkrankungen  an 
Diphtherie  vorlägen.  Wer  nicke  glaubt,  dass  nach  einer 
Diphtherieerkrankung  dauernd  spezifisches  Antitoxin  produziert  wird. 
Schick  [26]  endlich  nimmt  an,  dass  der  Organismus  durch  das 
Ueberstehen  einer  Diphtherie  die  Fähigkeit  erlangt,  bei  Neuerkran¬ 
kungen  rascher  und  reichlicher  Antitoxin  zu  bilden,  als  bei  der  ersten 
Erkrankung.  Das  sind  alles  Theorien,  für  die  zwingende  Beweise 
nicht  erbracht  werden  können. 

Viel  wahrscheinlicher  ist  die  neuerdings  besonders  von 
v.  Gröer  und  Kassowitz  [21]  und  Seligmann  [25]  vertretene 
Anschauung,  dass  das  Diphtherieantitoxin  einen  normalen  Bestandteil 
des  Blutes,  einen  Normalantikörper  darstellt.  Sehr  beweisend  für 
diese  Anschauung  ist  die  Tatsache,  dass  man  auch  bei  gesunden, 
nicht  geimpften  Pferden  sehr  häufig  einen  verhältnismässig  hohen 
Diphtherieantitoxingehalt  des  Blutes  gefunden  hat. 

Nach  alledem  kann  es  keinem  Zweifel  mehr  unterliegen,  dass  die 
alte  Lehre  von  der  Spezifität  des  Löffler  sehen  Diphtheriebazillus 
als  einer  besonderen,  abgrenzbaren  Form  und  des  Diphtherieanti¬ 
toxins  als  eines  besonderen  spezifischen  Antikörpers  erschüttert  ist, 


1206 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  38 


tmü  dass  unsere  Anschauungen  über  Aetiologie,  Diagnostik.  Therapie 
und  Prophylaxe  der  Diphtherie  einer  durchgreifenden  Revision  be¬ 
dürfen. 

1.  Aetiologie.  Da  wir  heute  wissen,  dass  Diphtheriebazillen  aller 
Virulenzgiade  überall  häufig  anzutreffen  sind,  können  sie,  wie  schon 
Behring  anerkannt  hat,  nicht  allein  die  Erreger  der  Krankheit  sein, 
denn  sonst  müssten  doch  eben  alle  Menschen  überall  und  beständig 
von  Diphtherieerkrankungen  heimgesucht  sein  und  das  Menschen¬ 
geschlecht  wäre  wohl  schon  längst  durch  die  Keime  vernichtet 
worden.  Es  muss  also  entweder  zu  den  Bazillen  noch  etwas  Be¬ 
sonderes  hinzukommen,  das  sie  erst  gefährlich  für  den  Menschen 
macht,  oder  es  müssen  bei  gleicher  ursprünglicher  Empfänglichkeit 
aller  menschlichen  Individuen  im  Kaufe  des  Lebens  die  meisten  ihre 
ursprüngliche  Empfänglichkeit  verlieren. 

Schanz  1 1 7 ]  knüpft  an  den  ersten  Punkt  an;  er  hält  es  für 
denkbar,  dass  die  Uebertragung  der  Diphtherie  ganz  unabhängig  vom 
Diphtheriebazillus  erfolgt  und  dass  dieser  erst  in  den  Erkrankungs¬ 
produkten  Giftigkeit  erlangt.  Das  dabei  entstehende  Gift  veranlasst 
die  schweren  Schädigungen  des  Organismus. 

Wir  müssten  dann  die  Diphtherie  zu  den  Infektionskrankheiten 
rechnen,  deren  Erreger  uns  noch  nicht  bekannt  sind,  und  müssten 
dem  Löffler  sehen  Bazillus  dabei  eine  sekundäre  Rolle  einräumen. 
Diese  Schanzsche  Theorie  kann  nicht  befriedigen.  Alle  Er¬ 
fahrungen  sprechen  dafür,  dass  die  Diphtherie  durch  den  Diphtherie¬ 
bazillus  übertragen  wird.  Beim  Auftreten  einer  Diphtherieepidemie, 
z.  B.  in  der  Schule,  kann  man  verfolgen,  dass  nach  dem  ersten 
Diptheriefall  gewöhnlich  in  kurzer  Aufeinanderfolge  eine  weitere 
Zahl  von  Erkrankungsfällen,  teils  leichten,  teils  schweren,  auftritt, 
und  wenn  man  jetzt  die  ganze  Klasse  bakteriologisch  untersuchen 
lässt,  so  findet  man  nicht  nur  bei  den  Erkrankten,  sondern  gewöhn¬ 
lich  auch  bei  einer  grossen  Zahl  der  Gesundgebliebenen  Diphtherie¬ 
bazillen.  Ich  habe  diese  Verhältnisse  bei  einer  Diphtherieepidemie 
in  einer  Ferienkolonie  des  Gemeinnützigen  Vereins  zu  Dresden  gut 
verfolgen  können  und  im  Jahre  1914  ausführlich  beschrieben  [27]. 
Ich  konnte  damals  zeigen,  dass  die  Epidemie  durch  einen  Bazillen¬ 
träger,  der  selbst  nicht  an  Diphtherie  erkrankt  ge¬ 
wesen  war,  eingeschleppt  wurde,  und  ebenso  konnte  ich  ver¬ 
folgen,  dass  ein  gesund  gebliebener  Bazillenträger  bei  seiner  Heim¬ 
kehr  aus  der  Kolonie  die  Diphtherie  auf  mehrere  Hausgenossen 
übertrug. 

Wenn  somit  nachgewiesen  ist,  dass  die  Krankheit  durch 
Bazillenträger  übertragen  wird,  auch  dann,  wenn 
diese  selbst  gar  nicht  erkrankt  gewesen  sind,  so 
kann  man  wohl  kaum  daran  zweifeln,  dass  in  diesen  Fällen  d  i  e 
Bazillen  auch  die  Erreger  der  Krankheit  sind,  und 
dass  hierbei  nicht  noch  andere  unbekannte  Keime  mitwirken. 

Behring  vertritt  nun  den  heute  noch  allgemein  geltenden 
Standpunkt,  dass  die  ursprüngliche  Empfänglichkeit  gegen  Diphtherie 
während  des  Lebens  verloren  geht  dadurch,  dass  Antitoxin  im  Blute 
gebildet  wird.  Da  man  aber  nun  so  oft  Antitoxin  ohne  Beziehung 
zu  einer  überstandenen  Diphtherie  findet,  so  glaubt  er,  dass  man 
den  Diphtheriebazillen,  den  virulenten  sowohl  wie  den  avirulenten, 
die  Fähigkeit  zusprechen  muss,  auch  dann  eine  Antitoxinproduktion 
beim  Menschen  zu  veranlassen,  wenn  eine  typische  Diphtherie  nicht 
durchgemacht  wurde. 

Nach  dieser  Theorie  bildet  sich  also  Antitoxin  bei  jedem  Ba¬ 
zillenträger,  und  es  erkranken  nur  diejenigen  an  Diphtherie,  deren 
Blut  nicht  die  nötigen  Antitoxinmengen  besitzt. 

Auch  diese  Theorie  ist  unbefriedigend.  Zunächst  wäre  es  merk¬ 
würdig,  dass  spezifische  Abwehrstoffe  durch  die  Diphtheriebazillen 
auch  dann  gebildet  werden  sollten,  wenn  diese  gar  nicht  zu  einer 
Erkrankung  geführt  hätten.  Und  dann  wird  die  ganze  Fragestellung 
dadurch  doch  nur  verschoben.  Behring  sagt:  „Die  Menschen,  die 
reichlich  Antitoxin  haben,  erkranken  nicht,  wenn  sie  mit  Diphtherie¬ 
bazillen  infiziert  werden.  Er  sagt  weiter:  „Bazillenträger  können 
Antitoxin  bilden,  ohne  selbst  an  typischer  Diphtherie  zu  erkranken.“ 
Er  erklärt  aber  nicht,  warum  die  Bazillenträger,  die  erstmalig  in¬ 
fiziert  werden  und  auch  zunächst  noch  kein  Antitoxin  haben,  nicht 
erkranken,  sondern  Antitoxin  bilden.  Die  neueren  Feststellungen 
über  die  autochthone,  unspezifische  Bildung  von  Antitoxin,  und  die 
neueren  Erfahrungen,  dass  häufig  auch  Menschen  mit  Antitoxin  an 
Diphtherie  erkranken,  sprechen  weiterhin  gegen  die  Behring  sehe 
Theorie,  vor  allem  aber  auch  noch  eine  ungemein  wichtige  Fest¬ 
stellung,  dass  nämlich  Diphtheriebazillenträger  durchaus  nicht  immer 
über  Antitoxin  verfügen. 

Nach  Untersuchungen  von  Kleinschmidt  [28],  Bauer  [29] 
und  Seligmann  [24]  fand  sich  unter  zusammen  40  untersuchten 
Bazillenträgern  —  es  handelte  sich  um  Säuglinge  —  nur  in  21  Fällen 
Antitoxin. 

Es  ist  damit  bewiesen,  dass  die.  einfache  Infektion  mit  Diphtherie¬ 
bazillen  ohne  folgende  Erkrankung  nicht  zur  Bildung  von  Antitoxin 
führen  muss,  und  allein  schon  durch  diese  Feststellung  ist  die 
B  e  h  r  in  gsche  Theorie  widerlegt. 

Es  bleibt  aber  immer  wieder  die  Frage  unbeantwortet,  warum 
die  erwähnten  Bazillenträger,  die,  wie  ausdrücklich  festgestellt  sei, 
mit  teilweise  virulenten  Formen  infiziert  waren,  nicht  an  Diphtherie 
erkranken,  obwohl  sie  durchaus  kein  Antitoxin  besassen. 

Nach  meinem  Dafürhalten  gibt  es  hierfür  nur  eine  Erklärung,  die 
zugleich  den  Schlüssel  für  das  in  Frage  stehende  Problem  liefert, 


nämlich  die,  dass  die  Betreffenden  gegen  Diphtherie  immun  waren 
dass  diese  Immunität  aber  nichts  mit  dem  Diphtherieantitoxin  zu 
tun  hat. 

Eine  derartige  Immunität  könnte  angeboren  sein.  Wir  kennei 
eine  gleiche  angeborene  natürliche  Immunität  beim  Scharlach,  wi 
auch  bei  gegebener  Infektionsmöglichkeit  nur  etwa  50  Proz.  dei 
Gefährdeten  erkranken. 

Oder  aber  die  Immunität  wäre  durch  das  frühere  Uebersteher 
einer  Diphtherie  erworben.  (Schluss  folgt.) 


Bücheranzeigen  und  Referate. 

M.  Löhlein  +:  Ueber  die  sogenannte  follikuläre  Ruhr.  Ver¬ 
öffentlichungen  aus  dem  Gebiete  der  Kriegs-  und  Konstitutions-i 
Pathologie.  13.  Heft.  Gustav  Fischer,  Jena  1923. 

Der  Begriff  der  follikulären  Ruhr  hat  in  den  letzten  Jahren  leb-, 
hafte  Diskussion  hervorgerufen;  während  vor  allem  Orth  an  ihm 
festhielt  und  die  primäre  Vereiterung  der  Follikel  als  spezifischen 
Ruhrprozess  verteidigte,  lehnt  Löhlein  ihn  ab  und  behauptet,  dass 
die  Dysenterie  keineswegs  primär  die  Follikel  schädige,  sondern 
alle  Gewebsbestandteile  der  Schleimhaut  in  Mitleidenschaft  zöge; 
dass  eine  frühzeitige  Vereiterung  der  Follikel  nicht  in  Frage  käme; 
vielmehr  würden  Vereiterungen  von  Follikeln  vorgetäuscht  durch 
Vereiterung  der  Schleimhautzysten,  die  sich  unter  der  Einwirkung 
des  Dysenterieprozesses  aus  schlauchförmigen  Epithelproliferationen 
der  Drüsen  bei  oberflächlicher  Nekrose  der  Follikel  und  auch  ohne 
diese  bilden;  so  komme  es  zur  Entstehung  der  hemdknopfförmiget: 
Geschwüre;  der  Prozess  sei  also  umgekehrt  als  er  bei  primärer 
Vereiterung  der  Follikel  gedacht  war:  primäre  Schleimhautzysten 
vereitern,  nicht  primäre  Eiterhöhlen  epithelialisieren  sich,  wenn  auch 
ausnahmsweise  bei  der  Dysenterie  letztere  Prozesse  Vorkommen 
können;  damit  ist  eine  Konzession  an  die  Orthsche  Auffassung 
gemacht.  Die  tiefen  Geschwüre  bei  Amöbiasis  und  Balantidiosis 
des  Darmes  unterscheiden  sich  von  den  dysenterischen  in  ihrer 
Genese  wesentlich:  „sie  entstehen  durch  Giftwirkung  zerfallender 
Amöben  als  Folgen  umschriebener  Nekrosen,  nicht  durch  Vereiterung. 
Mit  dieser  Arbeit  des  zu  früh  gestorbenen  Marburger  Pathologen 
hat  die  Klärung  des  anatomischen  Bildes  bei  der  Dysenterie  einen 
wesentlichen  Fortschritt  gemacht.  Oberndorfer  -  München. 

Binswanger  und  S  i  e  m  e  r  1  i  n  g:  Lehrbuch  der  Psychiatrie., 

6.  Aufl.  Fischer,  Jena,  1923.  440  S. 

Neu  eingefügt  ist  ein  Abschnitt  über  die  Abweichungen  des  gc-l 
schlechtlichen  Fühlens  und  Handelns  von  Hoc  he,  stark  subjektiv 
gefärbt,  aber  elegant,  kurz  und  scharf  pointiert  geschrieben.  Diel 
konstitutionellen  Psychopathien  des  nämlichen  Autors  sind  erweitert' 
worden  und  haben  dadurch  gewonnen.  Bemerkenswert  ist  die  Ein¬ 
teilung  derselben  in  Schwierigkeiten  i'm  Verkehr  mit  sich  selben 
(„Nervosität“)  und  Unzulänglichkeit  in  den  Beziehungen  zur  Umwelt! 
(Haltlosigkeit,  Pseudologie,  Querulenz,  moralischer  Schwachsinn] 
usw.).  Im  übrigen  gilt  für  das  vortreffliche  Buch  das  in  der  M.m.W.i 
1907  Gesagte.  E.  B  1  e  u  1  e  r  -  Burghölzli. 

Kurt  Schneider:  Die  psychopathischen  Persönlichkeiten. 

Handbuch  der  Psychiatrie,  herausgeg.  von  Aschaffen  bürg. 
Spezieller  Teil:  7.  Abt.,  1.  Teil.  VII  +  96  Seiten. 

Eine  zusammenfassende  Darstellung  der  Psychopathen  von  er¬ 
staunlicher  Kürze  bei  grösstem  Inhaltsreichtum.  Nach  begrifflicher 
Grundlegung  und  Erörterung  der  Einteilungsmöglichkeiten  gibt 
Schneider  in  zehn  Typen  Bilder  psychopathischer  Persönlich¬ 
keiten:  Hyperthymische,  Depressive,  Selbstunsichere  (Empfindsame 
und  Zwangsmenschen),  Fanatische,  Stimmungslabile,  Geltungsbedürf¬ 
tige  (in  diesen  gehen  im  wesentlichen  die  „hysterischen  Persönlich¬ 
keiten“  der  alten  Bezeichnung  auf),  Gemütlose,  Willenlose,  Asthe-! 
nische  und  Explosible.  Ueberall  ist  der  Zusammenhänge  gedacht; 
und  auf  die  soziale  Bedeutung  der  Typen  eingegangen.  Die  Einzel- 
schilderungen  sind  trefflich  gelungen;  so  eingehend  jeweils  die  ein-; 
schlägige  Literatur  verarbeitet  ist,  so  deutlich  tritt  doch  überall  die: 
originelle  Einstellung  des  Verfassers  hervor.  Als  Teil  des  grossen' 
Aschaffenburg  sehen  Handbuchs  wird  die  Arbeit  den  Nicht¬ 
psychiatern  nicht  so  sehr  in  die  Augen  fallen;  deshalb  muss  auf  sie; 
gerade  hier  mit  besonderem  Nachdruck  hingewiesen  werden. 

Eugen  Kahn-  München.  • 

J.  Misch:  Lehrbuch  der  Grenzgebiete  der  Medizin  und  Zahn- 
lieiikunde.  2  Bände.  F.  C.  W.  Vogel,  Leipzig  1923.  3.  Auflage. 
Grdz.  40. 

Das  in  seiner  Art  ausgezeichnete  Buch  erscheint  in  3.  Auflage! 
nach  kurzer,  einjähriger  Zwischenzeit.  Seine  Anlage  hatte  sich  be¬ 
währt  und  ist  erhalten  geblieben.  Allenthalben  sind  aber  Verbesse¬ 
rungen  bemerkbar,  unter  denen  manche  neuere  Gesichtspunkte' 
bezüglich  der  Pathogenese  und  Therapie  hervortreten. 

Die  „Inneren  Krankheiten“  sind  von  C.  Fuld  und  L.  Herz¬ 
feld  bearbeitet,  die  „Kinderkrankheiten“  von  G.  Tilgendreich, 
die  „Nervenkrankheiten“  anstelle  des  verstorbenen  H.  Krön  von 
A.  Kronfeld,  die  „Syphilitischen  Erkrankungen“  von  H.  Müh¬ 
sam,  die  ..Hautkrankheiten“  von  R.  Le  der  mann,  die  „Frauen¬ 
krankheiten“  von  O.  Büttner,  die  „Hals-,  Nasen-,  Kehlkopfkrank- 


|.  September  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1207 


eiten“  von  Q.  Finder,  die  „Ohrenkrankheiten“  von  F.  Qerst- 
lann,  die  „Augenkrankheiten“  von  A.  Gut  mann,  die  „Gewerbe¬ 
rankheiten“  von  F.  K  o  e  1  s  c  h. 

Für  einen  Zahnarzt  scheint  das  Stoffgebiet  recht  gross  und  die 
efalir  des  Lexikonwissens  liegt  nahe.  Der  Herausgeber  hat  aber 
üt  Absicht  auf  eine  gewisse  Vollständigkeit  Wert  gelegt;  soweit 
:r  buchhändlerische  Erfolg  entscheiden  darf,  muss  ihm  recht  ge¬ 
lben  werden.  Freilich  sind  die  einzelnen  Abschnitte  in  ihrer  prak- 
schen  Bedeutung  für  den  Zahnarzt  nicht  gleichwertig.  Aber  gerade 
>  schwierige  und  umfangreiche  Kapitel  wie  das  der  „Inneren  Krank- 
jiten“,  oder  der  „Nervenkrankheiten“  sind  glänzend  gelungen.  Hier 
idet  der  wissensdurstige  Praktiker  in  knappster  Darstellung  Ant¬ 
ort  auf  alle  auftauchenden  Fragen,  auch  auf  solche,  die  mit  seinem 
lgeren  Arbeitsgebiet  ohne  mittelbaren  Zusammenhang  sind.  Frei- 
:h  lässt  es  sich  bei  der  ganzen  Anlage  nicht  vermeiden,  dass  in 
ner  Reihe  von  Kapiteln  die  Darstellung  eine  oberflächliche  bleiben 
uss  und  dass  sich  zwischen  einzelnen  Bearbeitern  hie  und  da 
-idersprüche  ergeben.  Nahezu  600,  fast  ausnahmslos  wohlgelungene 
ld  z.  T.  in  guter  farbiger  Wiedergabe  erscheinende  Abbildungen 
iterstützen  den  Text  in  beinahe  verschwenderischer  Fülle.  Text 
ld  Anschauungsmaterial  erzeigen  sich  durchaus  zweckentsprechend 
ld  verleihen  dem  Buch  den  Charakter  eines  praktisch  lückenlosen 
achschlagewerkes.  Zahlreiche  Literaturhinweise  ermitteln  den  An- 
:hluss  an  Spezialarbeiten. 

Ganz  besondere  Anerkennung  verdient  die  Leistung  des  Heraus- 
;bers  Misch,  der  bei  sämtlichen  Abschnitten  die  jeweils  für  den 
aktischen  Zahnarzt  wichtigen  Beziehungen  in  kurzen  Zwischen- 
•.haltungen  hervorhebt. 

Alles  in  allem  stellt  das  Werk  eine  hervorragende  Leistung  dar, 
e  dem  Herausgeber  und  seinen  Mitarbeitern  nicht  weniger  Ehre 
acht  als  dem  Verlag.  Für  die  Kaufkraft  und  vor  allem  für  das 
ildungsbestreben  des  zahnärztlichen  Standes  wäre  es  erfreulich, 
enn  recht  viele  Praktiker  auch  in  Deutschland  das  „Lehrbuch  der 
renzgebiete  der  Medizin  und  Zahnheilkunde“  besitzen  könnten. 

^  S  e  i  f  e  r  t  -  Wiirzburg. 

Richard  K  a  y  s  e  r  -  Dresden:  Anleitung  zur  Diagnose  und  Thera- 
e  der  Kehlkopf-,  Nasen-  und  Ohrenkrankheiten.  13.  u.  14.  Auflage. 

it  141  Abbildungen.  Berlin,  S  Karger,  1923.  Grpr.  5.50  M. 

Das  Kompendium  ist  aus  Vorlesungen  in  ärztlichen  Fortbildungs- 
lrsen  hervorgegangen  und  bringt  in  gedrängter  Form  das  für  den 
lgemeinpraktiker  Wichtigste  aus  unserem  Spezialgebiet.  Es  ent- 
>richt  dem  jetzigen  Standpunkt  unserer  Wissenschaft  und  ist  klar 
id  mit  didaktischem  Geschick  geschrieben.  Zahlreiche  gut  aus- 
iwählte  Abbildungen  erläutern  den  Text.  Es  kann  dem  prakt.  Arzt, 
:r  eine  kurze  Anleitung  sucht,  bestens  empfohlen  werden. 

Scheibe-  Erlangen. 

Münchener  sozialhygienische  Arbeiten  aus  dem  Hygienischen 
stitut.  Herausgegeben  von  M.  v.  G  r  u  b  e  r  und  J.  Kaup.  Heft  II. 
Institution  und  Umwelt  im  Lehrlingsalter.  Maschinenbauer, 
.'hlosser,  Schmiede  von  Dr.  med.  Epstein.  Jugendliche  Kaufleute 
>n  Dr.  med.  Alexander.  J.  F.  Lehmanns  Verlag,  Müll¬ 
en  1922. 

Die  Untersuchungen  von  Epstein  und  Alexander  sind  im 
ihmen  der  vön  J.  Kaup  angeregten  Massenuntersuchungen  vor- 
■nommen  worden,  um  die  Einflüsse  darzulegen,  welche  von  der 
nwelt,  im  besonderen  der  beruflichen  Tätigkeit  auf  die  körper- 
he  Entwicklung  der  Jugendlichen  ausgehen.  Der  wesentliche  Wert 
r  mit  mustergültiger  Sorgfalt  durchgeführten  Arbeiten  liegt  in  der 
ireinigung  statistischer  Erhebungen  und  klinischer  Untersuchungs¬ 
gebnisse  und  der  erschöpfenden  einwandfreien  Methodik. 

A.  G  r  o  t  h. 

E.  Müller:  Rezepttaschenbuch.  II.  Auflage,  bearbeitet  von 
Frey-  Marburg.  Berlin,  J.  Springer,  1923. 

Das  für  den  Praktiker  sehr  brauchbare  Buch  hat  gegenüber  der 
Auflage  (1914)  einschneidende  Veränderungen  nicht  erfahren.  Die 
ennung  in  gebräuchliche  und  neuere  Arzneimittel  ist  zweckmässig 
eggefallen,  für  einige  Abschnitte  sind  andere  eingeschaltet,  so  die 

I.'chnik  der  diagnostischen  und  therapeutischen  Tuberkulinanwen- 
ng  von  Harms,  die  künstliche  Ernährung  von  Strassner,  die 
nstliche  Ernährung  des  Säuglings  von  Vogt.  Das  Buch  kann  dem 
aktiker  wohl  empfohlen  werden.  V  o  i  t  -  Giessen. 

Margarete  Jo  dl:  Bartholomäus  v.  Carneris  Briefwechsel 
t  Ernst  Haeckel  und  Friedrich  Jodl  1870—1908.  Leipzig  1922, 
i  K.  F.  K  o  e  h  1  e  r.  164  S.  Gr.8  °. 

I  Haeckel  lebte  1834 — 1919,  der  Verfasser  der  Geschichte  der 
hik,  Friedrich  Jodl,  1849 — 1914,  der  österreichische  Parlamcn- 
rier,  Philosoph  und  Schriftsteller  B.  v.  Carneri  1821 — 1909.  Der 
iefwechsel  dieser  drei  bedeutenden  und  menschlich  anziehenden 
:rsonen  versetzt  uns  in  die  Zeit  der  letzten  Dezennien  des  vorigen 
hrhunderts,  als  der  Darwinismus  seinen  Siegeszug  antrat,  die 
Veiträtsel“  gelöst  schienen  und  der  „krasse  Materialismus“ 
rrschte.  Wir  erleben  mit,  wie  Badeni  und  Ta  affe  in  Oester- 
ich  das  Deutschtum  und  damit  den  Rückhalt  des  Staates  zermürben, 
m  Schmerze  eines  klugen  und  vornehm  gesinnten  Politikers,  der 
s  Kommende  voraussieht;  wir  erleben  mit  die  Gründung  und  den 
•rfall  der  Gesellschaft  für  ethische  Kultur,  den  Pazifismus  Bertha 
Suttners.  Wir  haben  in  diesem  Briefwechsel  das  Gemälde  einer 


Zeit,  die  schon  anfängt,  uns  fern  und  historisch  zu  werden,  die  sich 
schon  mit  dem  Schimmer  des  auf  immer  Vergangenen  umkleidet  und 
schon  reif  wird  zum  Verstandenwerden,  ohne  Hass,  Verwirrung  und 
Erregung,  einer  Zeit,  die  für  uns  freilich  immer  mehr  und  mehr  den 
Charakter  der,  ach  so  unverstanden  herrlichen,  „guten  alten  Zeit“ 
bekommt.  Biographisch  interessiert  uns  Aerzte  natürlich  in  erster 
Linie  Ernst  Haeckel.  Wenn  er  auch  hinter  den  beiden  anderen 
Prachtmenschen  an  Zahl  und  Qualität  der  Briefe  etwas  zurücktritt, 
gewinnt  doch  auch  seine  ebenso  imponierende  wie  liebenswerte 
Persönlichkeit  neue  Züge.  Ueber  Ha  eck  eis  Philosophie,  wie  über¬ 
haupt  über  die  philosophischen  Strebungen  der  Zeit  findet  sich  viel 
beachtenswertes  Material,  ebenso  feine  Bemerkungen  besonders 
Carneris  über  Politik,  Sozialismus,  Bodenreform  und  vieles 
andere.  Kerschensteine  r. 

Zeitschriften  -  Uebersicht. 

Deutsches  Archiv  für  klinische  Medizin.  142.  Bd„  5.  und  6.  Heft. 

H.  Straus  s,  C.  Popescu-Inotesti  und  C.  Radoslav: 
Ueber  die  aktuelle  Reaktion  des  Blutes  bei  verschiedenen  Krankheiten.  (Aus 
der  Med,  Klinik  zu  Halle  a.  S.) 

Die  aktuelle  Reaktion  des  Blutes  ist  normalerweise  innerhalb  enger 
Grenzen  eine  konstante,  auf  deren  Gleichbleiben  der  Organismus  mit  ebenso 
feinen  Regulationsmechanismen  eingestellt  ist,  wie  etwa  auf  die  Körper¬ 
temperatur,  die  Isotonie  der  Körpersäfte  und  andere  für  den  normalen  Ablauf 
der  Lebensvorgänge  notwendige  Faktoren.  Demgemäss  erfordert  diese  Kon¬ 
stanz  das  Ineinandergreifen  zahlreicher  Vorgänge,  so  dass  wir  von  vornherein 
mit  einem  komplizierten  Mechanismus  zu  rechnen  haben.  An  der  Aufrecht¬ 
erhaltung  dieses  Gleichgewichts  sind  alle  Zellen  beteiligt,  besondere  Auf¬ 
gaben  fallen  dabei  den  Nieren,  der  Leber  und  den  Lungen  zu,  ausserdem 
reguliert  das  Blut  selbst  seine  Reaktion  durch  seine  Puffereigenschaften. 
Diabetiker  ohne  Azetonkörperausscheidung  zeigen  eine  innerhalb  des  Nor¬ 
malen  liegende  Kohlensäureverbindungskurve  und  die  Eukapnie  (Säure-Basen¬ 
gleichgewicht)  des  Gesunden;  Fälle  mit  Azetonurie  weisen  Hypokapnie 
(—  Azidose  des  Blutes,  =  Herabsetzung  der  Alkalireserve  des  Blutes)  auf 
und  zwar  in  der  Intensität  etwa  der  Stärke  der  Azetonkörperausscheidung 
und  dem  klinischen  Bilde  entsprechend.  1  Fall  von  Diabetes  insipidus  ver¬ 
hielt  sich  hinsichtlich  der  Kohlensäurebindungskurve  völlig  normal.  Bei  Herz¬ 
kranken  geht  die  Azidität  des  Blutes  mit  der  Kompensation  bis  zu  einem 
gewissen  Grade  parallel.  Vermutlich  bedingt  die  allgemeine  Stauung  schlechte 
Blutversorgung  derselben  und  diese  wieder  Oxydationsstörungen  mit  An¬ 
häufung  saurer  Stoffwechselzwischenprodukte.  Diese  Säuerung  kann  infolge 
mangelhafter  Lüftung  des  Blutes  durch  die  unzureichend  durchblutete  Lunge 
nicht  ausgeglichen  werden.  Die  akute  Glomerulonephritis  zeigt  im  schweren 
Zustand  meist  Hypokapnie,  die  aber  mit  der  Besserung  zurückgeht,  die  chro¬ 
nische  Nephritis  zeigt  sehr  verschiedene  Bilder,  vorwiegend  Hypokapnie  ver¬ 
schiedenen  Grades,  gelegentlich  Eukapnie,  primäre  Hypertonien  verhielten 
sich  normal.  Bei  schweren  Nierenerkrankungen  ist  in  der  Regel  also  die 
aktuelle  Reaktion  des  Blutes  nach  der  sauren  Seite  verschoben,  da  das  Basen- 
Säuregleichgewicht  durch  die  Funktionsstörung  der  Niere  gestört  ist,  vielleicht 
kommt  dabei  auch  eine  Mehrproduktion  saurer  Produkte  infolge  einer  Schädi¬ 
gung  des  Zellstoffwechsels  in  Frage. 

H.  Simmel;  Die  osmotische  Resistenz  der  Erythrozyten.  (Aus  der 
med.  Poliklinik  Jena.)  (Mit  3  Abbild.) 

Mittels  der  angegebenen  Methode  lässt  sich  die  Resistenz  möglichst  un¬ 
denaturierter  Erythrozyten  in  einem  hypotonischen,  aber  äquilibrierten  Milieu 
zahlenmäsig  verfolgen  und  aus  der  Einteilung  der  Erythrozyten  in  verschieden 
resistente  Gruppen  ein  Resistenzbild  gewinnen.  Die  Resistenzsteigerung 
beim  Stauungsikterus  beruht  nicht  auf  einem  Ausfall  der  wenig  resistenten 
Gruppen,  sondern  auf  einer  Zustandsänderung  aller  Erythrozyten.  Beim 
familiären  hämolytischen  Ikterus  können  für  einzelne  Familien  charakte¬ 
ristische  Resistenzbilder  gefunden  werden.  Röntgenbestrahlung  der  Milz  be¬ 
wirkt  beim  hämolytischen  Ikterus  noch  weiteren  Abfall  der  Resistenz.  Bei 
perniziöser  Anämie  kann  sowohl  ein  normales,  wenn  auch  stark  verkleinertes 
Resistenzbild  gefunden  werden  als  auch  massige  Veränderung  der  Resistenz 
in  beiden  Richtungen.  Chlorose  zeigt  Zunahme  sowohl  der  sehr  hoch  wie 
der  sehr  niedrig  resistenten  Erythrozyten  auf  Kosten  der  mittleren  Gruppe. 
Genuine  Polyzythämie  kann  ein  einfach  vergrössertes,  sonst  normales  Re¬ 
sistenzbild  zeigen;  bei  Polyglobulie  durch  Stauung  treten  die  resistenten 
Erythrozyten  stärker  hervor.  Frische  Blutungsanämie  ergibt  verkleinertes, 
sonst  normales  Resistenzbild.  Bei  subakuter  Blutung  nimmt  die  Resistenz 
zu,  am  stärksten  bei  ganz  chronischen  Blutungen,  auch  wenn  diese  gar  nicht 
zu  einer  Anämie  führen.  Junge  Erythrozyten  sind  nicht  immer  resistenter 
als  alte.  Die  Resistenzsteigerung  ergibt  kein  zuverlässig  differentialdiagnosti¬ 
sches  Merkmal  zwischen  benignen  Magendarmerkrankungen  und  malignen 
Tumoren  des  Verdauungskanals. 

R.  Plaut;  Gaswechseluntersuchungen  bei  Fettsucht.  (Aus  dem  physio¬ 
logischen  Institut  der  Universität  Hamburg.)  (Mit  3  Abbild.) 

Bei  der  thyreogenen  Fettsucht  ist  der  Grundumsatz  herabgesetzt,  die 
spezifisch  dynamische  Wirkung  der  Nahrung  normal.  Bei  der  hypophysären 
Fettsucht  ist  der  Grundumsatz  normal,  die  spezifisch  dynamische  Wirkung 
herabgesetzt,  wie  an  26  neuen  Fällen  von  Erkrankungen  der  Hypophyse  und 
konstitutioneller  Fettsuoht  gezeigt  wird,  bei  denen  im  Gaswechsel  die  spe¬ 
zifisch-dynamische  Wirkung  des  Eiweiss  herabgesetzt  war.  Bei  den  Fällen, 
wo  die  Keimdrüsenfunktion  erloschen  war,  war  auch  der  Grundumsatz  herab¬ 
gesetzt,  aber  nicht  entfernt  so  stark  wie  beim  Myxödem.  Bei  Myxödem  und 
thyreogener  Fettsucht  war  die  spezifisch-dynamische  Wirkung  stets  normal. 
In  3  Fällen  von  primärem  Keimdrüsenausfall  war  der  Grundumsatz  normal. 

Hauck:  Beitrag  zur  Histopathologie  der  Chorea  infectiosa.  (Aus  der 
Med.  Klinik  zu  Bonn.) 

Bei  einem  15  jährigen  Fabrikarbeiter,  der  an  Chorea  infectiosa  starb, 
fand  sich  im  kaudalen  Gebiet  des  Thalamus  ein  über  die  Norm  hinausgehender 
Fettabbau  in  fixen  Gliazellen,  besonders  zwischen  Aquaeductus  und  Corpora 
quadrigemina,  sowie  in  der  Gegend  des  Nuclcus  ruber,  sowie  synzytiale 
Gliahäufchen  in  Form  von  Knötchen  und  lockeren  Herdchen.  Ob  der  Chorea 
eine  embolische  oder  toxische  Genesezugrunde  liegt,  lässt  sich  aus  dem  Be¬ 
funde  nicht  entscheiden. 

M.  Mandelstamm:  Ein  Fall  von  schwerer  chronischer  Anämie  mit 
atypischem  Blutbefund  und  Darmpolypen,  Zugleich  ein  Beitrag  zur  Differen- 


1208 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  3? 


tialdiagnose  und  Pathogenese  schwerer  Anämien.  (Aus  der  Med.  Klinik  des 
Reichsinstituts  für  ärztliche  Fortbildung  in  Petersburg.) 

Im  Laufe  vieler  Jahre  litt  die  Kranke  an  regelmässigen  kleinen  Blu¬ 
tungen  aus  zahlreichen  Darmgeschwüren.  Dieser  gesteigerte  Verbrauch  von 
Blutzellen  hatte  eine  kompensatorische  Hypertrophie  des  Knochenmarks¬ 
parenchyms  zur  Folge,  die  bis  zu  einer  gewissen  Zeit  den  Verlust  aus- 
gleichen  konnte.  Schliesslich  musste  es  aber  zu  einer  Erschöpfung  des 
erythroblastischen  Gewebes  und  schwerer  Blutarmut  komrjien. 

F.  Simper  t:  lieber  Kapillarlähmungen  im  Darm  bei  Grippe  (Pseudo¬ 
enteritis  anaphylactica).  (Aus  der  Universitäts-Kinderklinik  Göttingen.) 

Bei  einer  Reihe  von  Grippekranken  (meist  Kinder,  einige  Erwachsene) 
trat  nach  etwa  6 — 14  Tagen,  auch  schon  nach  beginnender  Besserung  eine 
Verschlimmerung  unter  folgenden  Symptomen  ein:  Temperatursturz,  Blässe 
mit  lokaler  Zyanose  um  den  Mund,  kleiner  oder  gar  nicht  fühlbarer  und 
mit  den  gewöhnlichen  Herzmitteln  nicht  beeinflussbarer  Puls,  Krämpfe  und, 
soweit  darcuf  geachtet  wurde,  Dickerwerden  .des  Leibes.  'A  bis  einige 
Stunden  später  trat  der  Tod  ein.  Es  fand  sich  autoptisch  eine  Darmverände¬ 
rung.  die  klinisch  unter  den  Anzeichen  des  anaphylaktischen  Schocks  ent¬ 
standen,  makroskopisch  ganz  den  Eindruck  einer  Entzündung  machte,  deren 
nichtentzündlichen  Charakter  erst  die  mikroskopische  Untersuchung  aufklärte 
(Pseudoenteritis  anaphylactica).  Durch  starken  Bakterienzerfall  wird  der 
Körper  plötzlich  mit  einer  grossen  Menge  Gift  überschwemmt.  Besitzt  der 
Kranke  von  vorneherein  genügende  immunisatorische  Fähigkeiten,  so  erfolgt 
gleich  zu  Beginn  der  Erkrankung  die  Ueberschwemmung  des  Körpers  mit  Gift» 
und  der  Veriauf  ist  foudroyant.  In  anderen  Fällen  erwirbt  sich  der  Körper 
erst  im  Verlauf  der  Krankheit  eine  genügende  immunisatorische  Fähigkeit, 
und  erst  dann  tritt  der  anaphylaktische  Schock  auf,  der  das  Ende  einleitet. 
Ob  das  Gift  die  Kapillarwand  direkt  schädigt,  oder  ob  die  Dilatation  eintritt 
nach  Lähmung  des  Splanchnikus,  ist  noch  eine  offene  Frage.  Die  geschilder¬ 
ten  Darmveränderungen  sind  das  anatomische  Substrat  des  parenteralen 
Darmkatarrhs,  d.  h.  des  Auftretens  vermehrter'  schleimhaltiger  Stühle,  die 
ohne  grosse  diätetische  Massnahmen  mit  dem  Abklingen  des  Grundlcidens 
(Grippe  etc.)  von  selbst  ausheilen. 

L.  Bogendörfer  und  G.  Kühl:  Untersuchungen  über  den  Ferment¬ 
gehalt  des  menschlichen  Dünndarmsaftes.  (Aus  der  Med.  Klinik  der  Universi¬ 
tät  Würzburg.) 

Die  bei  Darmgesunden  gefundenen  Fermentwerte  im  Dünndarm  schwan¬ 
ken  in  nicht  erheblicher  Breite.  Der  Mittelwert  für  die  obere  Hälfte  des  Dünn¬ 
darms  beträgt  für  Diastase  512,  für  Trypsin  zwischen  256  und  512  Ein¬ 
heiten,  für  Lipase  1,3.  Die  Fermentwirkung  des  Dünndarmsafts  hält  sich 
in  allen  untersuchten  Dünndarmabschnitten  etwa  auf  gleicher  Stärke  und  er¬ 
scheint  weitgehend  unabhängig  von  Erkrankungen  in  anderen  Darmabschnitten. 
Eine  erhöhte  Trypsinwirkung  fand  sich  bei  mehreren  Fällen  von  Hysterie, 
Rentenneurose,  einer  Athyreose  vielleicht  infolge  einer  vegetativ  nervösen 
Reizung  des  gesamten  Darmtraktus  zu  vermehrter  Sekretion  von  Verdauungs¬ 
säften.  Die  erhöhte  Trypsinwirkung  bei  Achylia  gastrica,  besonders  bei 
perniziöser  Anämie  ist  vielleicht  darauf  zurückzuführen,  dass  eine  an  sich 
normale  Trypsinwirkung  im  Darmsaft  verstärkt  wird  durch  tryptische  Wir¬ 
kung  pathologisch  im  Dünndarm  vorhandener  Bakterien.  Im  Dünndarm  ist 
sowohl  vom  Pankreas  stammende  als  auch  von  der  Dünndarmschleimhaut 
sezernierte  Diastase  enthalten.  Die  Anwesenheit  einer  pathologischen  Bak¬ 
terienflora  kann  unter  Umständen  die  Fermentwirkung  stören,  wie  ein  Fall 
von  chronischem  Ekzem  zeigt. 

L.  Bogen  dörfer  und  Buchholz:  Untersuchungen  über  die  Bak¬ 
terienmenge  im  menschlichen  Dünndarm.  (Aus  der  med.  Klinik  der  Uni¬ 
versität  Würzburg.) 

Bei  Darmgesunden  enthält  der  Dünndarm  meist  relativ  wenig  Keime, 
doch  kommen  grosse  Schwankungen  vor.  Als  obere  Grenze  des  Normalen 
scheinen  5000  pro  1  ccm  angenommen  werden  zu  können.  Bei  Achylia 
gastrica  sind  die  Kerne  deutlich  vermehrt.  Die  höchsten  Werte  fanden  sich 
bei  2  Fällen  von  perniziöser  Anämie,  hohe  Werte  bei  3  Fällen  von  Gärungs¬ 
dyspepsie. 

K.  Ho  e  sch:  Ueber  das  chemische  Verhalten,  den  Nachweis  und  die 
quantitative  Bestimmung  des  Bilirubins  im  Harn.  (Aus  der  I.  med.  Abteilung 
des  städt.  Krankenhauses  in  Nürnberg.) 

Zunächst  wurde  das  Verhalten  bilirubinhaltiger  Harne  nach  Zusatz  von 
Diazoniumlösungen  studiert  und  Nebenreaktionen  ausgcschaltct,  die  sich  dabei 
mit  anderen  Harnbestandteilen  störend  geltend  machten,  dann  wird  über  den 
Nachweis  kleinster  Bilirubinmengen  im  Harn  berichtet  und  die  quantitative 
Bestimmung  des  Bilirubins  und  des  Azobilirubins  im  Harn  geschildert.  Einzel¬ 
heiten  müssen  iml  Original  nachgelesen  werden. 

E.  J  a  c  o  b  i  -  Berlin:  Resistenzprüfungen  am  menschlichen  Muskel  unter 
normalen  und  krankhaften  Verhältnissen.  (Aus  der  inneren  Abteilung  des 
Krankenhauses  Berlin-Lichtenberg.) 

Während  der  Kontraktion  des  Muskels  ändert  sich  ausser  Länge  und 
Querschnitt  seine  Konsistenz  oder  Härte  =  Resistenz.  Die  Resistenz  ist 
um  so  grösser,  je  kräftiger  ein  Muskel  ist.  Dies  gilt  besonders  für  die 
maximale  Entspannung,  weniger  für  die  maximale  Spannung,  gar  nicht  für 
die  Belastung.  Im  Gegensatz  dazu  ist  die  Resistenzzunahme  bei  Belastung 
um  so  geringer,  je  kräftiger  ein  Muskel  ist.  Der  Muskel  nimmt  an 
Resistenz  bei  Belastung  zu.  Die  Differenz  zwischen  maximaler  Ent¬ 
spannung  und  maximaler  Spannung  ist  im  allgemeinen  um  so  grösser, 

je  kräftiger  ein  Muskel  ist.  Die  einzelnen  Muskelgruppen  sind  verschieden 
in  bezug  auf  maximale  Spannung,  maximale  Entspannung.  Spannungs¬ 
differenz  und  Differenz  zwischen  rechts  und  links.  Die  mit  dem 

ballistischen  Elastometer  von  Gilde  meister  vorgenommenen  Unter¬ 
suchungen  ergeben  keine  exakte  Ermüdungskurve.  Ziemlich  konstant  ist 
die  Zunahme  der  Resistenz  bei  zunehmender  Ermüdung,  diese  Resistenz¬ 
zunahme  ist  ein  Zeichen  für  die  Schwäche  des  Muskels.  Bei  Apoplexien  mit 
spastischen,  schlaffen  und  atrophischen  Paresen  war  die  Spannungsdifferenz 
auf  der  gelähmten  Seite  vermindert,  in  allen  Fällen  trat  die  Ermüdung  schnel¬ 
ler  ein,  die  Ermüdungskurvc  zeigte  eine  schnellere  Resistenzzunahme  beim 
gelähmten  Muskel.  Bei  schlaffen  Lähmungen  ist  die  Resistenz  bei  maximaler  • 
Spannung  wie  Entspannung  herabgesetzt,  verhältnismässig  am  stärksten  bei 
maximaler  Spannung  (Tonusverminderung).  Bei  spastischen  Lähmungen  ist 
die  Resistenz  bei  maximaler  Entspannung  verstärkt,  bei  maximaler  Span¬ 
nung  gleich  der  gesunden  Seite  oder  etwas  herabgesetzt.  Der  Einfluss  der 
Belastung  ist  bei  gelähmten  Muskeln  wie  bei  solchen  mit  verminderter  Kraft: 
die  Ermüdung  tritt  bei  ihnen  schneller  als  auf  der  gesunden  Seite  ein  und  die 
Resistenz  nimmt  bereits  bei  geringeren  Gewichten  verhältnismässig  mehr  zu. 
Bei  atrophischen  Lähmungen  findet  sich  das  gleiche  Ergebnis  wie  bei  spasti¬ 


schen.  Schlaffe  Lähmungen  nach  Neuritis  und  Polyneuritis  ergaben  ver 
minderte  Resistenz  bei  maximaler  Spannung,  mitunter  verminderte,  inituntc 
auch  unveränderte  Resistenz  bei  maximaler  Entspannung,  schnellere  Eid 
müdung,  grössere  und  raschere  Resistenzzunahme  sowohl  bei  verhältnismassi  J 
geringerer  Belastung  wie  bei  Ermüdungsprüfung.  Bei  Tetanus  fand  sich  vei3 
mehrte  Resistenz,  besonders  bei  maximaler  Entspannung,  meist  vermehrt  I 
Resistenz  bei  maximaler  Spannung,  stark  verminderte  bis  aufgehobene  Spai  l 
nungsdifferenz.  Ganz  allgemein  findet  sich  überall  dort  grössere  Muskell 
resistenz,  wo  grössere  Kraft  vorhanden  ist,  je  kräftiger  ein  Muskel  ist,  ui| 
so  grösser  ist  seine  Fähigkeit,  seine  Resistenz  willkürlich  zu  steigern.  Di 
Prüfung  mit  dem  ballistischen  Elastometer  entspricht  den  Befunden  der  Pa! 
pation,  die  ihm  an  Feinheit  aber  überlegen  ist.  B  a  m  b  e  r  g  e  r  -  Kronaci' 

Archiv  fiir  experimentelle  Pathologie  und  Pharmakologie.  98.  Bl 

5.  u.  6.  Heft. 

G  e  s  s  1  e  r  -  Heidelberg:  Ueber  den  Einfluss  des  Pyramidons  auf  dei 

Stoffwechsel. 

Untersuchungen  vorwiegend  an  Tuberkulösen  zeigten,  dass  da  | 
Pyramidon  durch  Herabsetzung  der  Wärmebildung  und  Steigerung  de  I 
Wärmeabgabe  entfiebert.  Wenn  die  Temperatur  einmal  normal  geworden  ist! 
kann  Pyramidon  den  Wiederaristieg  verhindern  durch  Unterbindung  eine'l 
erneuten  Vermehrung  der  Wärmebildung.  Zugleich  werden  mehrere  Funkl 
tionen  des  Stoffwechsels  in  charakteristischer  Weise  beeinflusst,  sehr  wahr! 
schcinlich  durch  Wirkung  auf  das  Zwischenhirn;  Pyramidon  bewirkt  nämliclB 
eine  Herabsetzung  des  Eiweissumsatzes  und  Retention  von  Wasser  und  voi  I 
Kochsalz.  Bei  der  Typhusbehandlung  hat  Verf.  die  gleichen  Er  I 
fahrungen  gemacht,  wie  sie  aus  der  Moritz  sehen  Klinik  in  Strassburg  bei 
schrieben  sind  (s.  Jacob,  d.  Wschr.  1910).  Demgemäss  wird  an  der  Heidcll 
berger  Klinik  Bäderbehandlung  fast  nur  noch  in  den  Fällen  angewandt,  iJ 
denen  Pyramidon  versagt,  also  nur  ausnahmsweise  —  gerade  bei  dieserl 
Kranken  bleibt  aber  nicht  selten  dann  auch  die  Bädertherapie  ohne  Erfolg! 
Bei  schweren  Tuberkulösen  sieht  man  oft  lästige  Nebenwirkungen,  manchmal 
seltener  nach  Novalgin  (1,5 — 2  g  täglich),  bei  mittelschweren  oft  guten  Erfolg] 
schon  mit  geringen  Mengen  (0,5 — 1,0  g),  gelegentlich  auch  dauernde  Ent-P 
fieberung. 

H.  Straus  s,  Popescu-Inotesti  und  R  a  d  o  s  1  a  v  -  Halle:  Zui 
Frage  der  Parenchymverfettung. 

Stüber  und  N  a  t  h  a  n  s  o  h  n  -  Freiburg  i.  B.:  Kolloidchemische  Bei¬ 
träge  zur  Wirkungsweise  einiger  Diuretika.  I. 

Der  erste  Akt  der  Purinwirkung  besteht  in  deren  Eintritt  in  die  Zellei 
erkennbar  an  der  Quellung,  dann  folgt  der  chemische  Prozess  der  Ab-i 
dissoziation  von  Ionen  des  hydratisierten  Eiweisses,  der  kolloidchcmisclu| 
Prozess  der  Entquellung  der  Zellkolloide  infolge  Aenderung  der  Ladung.  Bei 
Quellungsversuchen  trat  diese  Quellung  an  der  Nierenrinde  stets  auf.  Dass 
Mark  wurde  nicht  gleichmässig  verändert.  Wenn  in  klinisch  :n  Fällen  die 
Purindcrivate  versagen  und  Harnstoff  noch  wirksam  ist,  so  kann  er  das  nur' 
tun,  indem  er  primär  intermolekular  angreift  und  einen  Diffusionsweg  bahnt! 
durch  die  enorm  gequollenen  Eiweissmolekel  der  Zelle  hindurch.  Die  Wirk-p 
samkeit  bei  Nephrosen  wird  bezogen  auf  die  Beeinflussung  der  Plasmahaut.h 
von  der  angenommen  wird,  dass  sie  sich  im  Flockungszustand  befindet.  Esl 
ist  somit  die  Harnstoffwirkung  grundverschieden  von  der  der  Purinderivatc.i 

Rosenthal  und  v.  F  a  1  k  e  n  h  a  u  s  e  n  -  Breslau:  Beiträge  zur 
Physiologie  und  Pathologie  der  Gallensekretion.  I.  Mitteilung:  Ueber  eine1 
quantitative  Bestimmung  der  Gallcnsäuren  in  der  menschlichen  Duodenalgalle.j' 

Die  Verfasser  beschreiben  eine  Methode,  die  mittelst  der  gasometrischeir 
Methode  nach  van  Slyke  in  Verbindung  mit  der  Bestimmung  des  Gesamt-1, 
Schwefels  in  der  mit  Alkohol  enteiweissten  Galle  eine  annähernd  quantitative! 
Bestimmung  der  Gallensäuren  in  toto  und  der  Glykocholsäure  und  Taurochol-fe 
säure  im  einzelnen  in  der  Duodenalgalle  befriedigend  genau  ermöglicht,  j 

Külz-  Leipzig:  Quantitative  Untersuchungen  über  die  Wirkung  homo¬ 
loger  quartärer  aliphatischer  Ammoniumbasen. 

N  o  e  t  h  e  r  -  Freiburg  i.  B.:  Quantitative  Untersuchungen  über  das 
Schicksal  des  Nikotins  im  Organismus  nach  Tabakrauchen. 

Die  von  Fühner  gefundene  Methode  der  Nikotinbestimmung  auf 
pharmakologischem  Wege  mit  Blutegeln,  die  noch  Konzentrationen  von 

1  :  2  000  000  nachweist,  gab  die  Möglichkeit  vergleichend  quantitativer  Unter¬ 
suchungen  auf  Nikotin  in  den  verschiedenen  Organen  und  des  Nachweises  der 
Ausscheidungsdauer  im  Harn.  Beim  Meerschweinchen  war  6  Stunden  nach,: 
der  subkutanen  Injektion  der  eben  erträglichen  Nikotindosis  die  Hauptmenge1 
bereits  in  den  Harn  ausgeschieden,  der  Dünndarm  enthielt  beträchtliche 
Mengen  (dessen  Inhalt  aber  nur  sehr  wenig),  geringere  Leber  und  Lunge, 
die  Trachealschleimhaut  war  nikotinfrei.  Beim  Menschen  betrug  die  Aus-1 
scheidungsdaucr  nach  Rauchen  einer  Zigarre  ca.  8  Stunden,  schon  nach 

2  Zigaretten  erschien  Nikotin  im  Harn.  Die  Ausscheidungszeiten  waren  beim 
Nichtraucher,  Gewohnheitsraucher  und  starken  Raucher  gleich,  auch  letzterer 
(Kettenraucher)  wurde  durch  12  stündige  Karenz  im  Harn  nikotinfrei. 
Darnach  ist  Kumulation  des  Giftes  im  Körper  unwahrscheinlich. 

L.  Jacob-  Bremen.  ' 

Deutsche  Zeitschrift  für  Chirurgie.  179.  Band,  5. — 6.  Heft. 

Walther  Sud  hoff:  Zur  Kasuistik  und  Statistik  der  Schädelschüsse  im 

Heimatlazarett.  (Aus  der  Chir.  Univ. -Klinik  Leipzig.  Prof.  Payr.) 

Beobachtungen  an  88  Schädelverletzten  des  Payr  sehen  Sonderlazaretts. 
Die  auffallend  geringe  Mortalität  von  4,5  Proz.  erklärt  sich  aus  der  Eigenart 
des  Materials,  es  handelte  sich  fast  ausnahmslos  um  Nachoperationen  unter 
günstigen  Vorbedingungen.  Für  die  Deckung  von  Schädeldefekten  wird  die 
Autoplastik  gewöhnlich  nach  v.  Hacker  bevorzugt.  Einmal  wurden 
2  grosse  Zysten  mit  Fett-Faszienlappen  gedeckt,  trotz  guten  Anfangserfolges 
Tod  an  Basalmeningitis,  2  mal  Geschossentfernung  mit  Erfolg,  Prolapse  und 
Abszesse  hatten  wie  gewöhnlich  die  hohe  Mortalität  von  50  Proz.  Von  Folgen 
schwerer  Hirnverletzungen  verhielten  sich  die  operierten  Epilepsien  am 
günstigsten:  Seltenerwerden  oder  gar  Verschwinden  der  Anfälle  nach  der 
Operation.  Die  Meningitis  serosa  traumatica  aseptica  wurde  mit  druck¬ 
entlastenden  Eingriffen  (Lumbalpunktion,  Balkenstich,  Subokzipitalstich)  erfolg¬ 
reich  behandelt. 

Lothar  Heidenhain  und  Georg  B.  Gr  über:  Ueber  kongenitale 
Pylorusstenosen  bei  Erwachsenen.  (Aus  der  chir.-  Abt.  des  Städt.  Kranken¬ 
hauses  Worms  und  dem  Pathol.  Institut  des  Städt.  Krankenhauses  Mainz.) 

Nach  klinischen  (FI  e  i  d  e  n  h  a  i  n)  und  pathologisch-anatomischen 
(G  r  u  b  e  r)  Beobachtungen  a:i  einem  reichen  kasuistischen  Material  scheinen 


September  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIF  T. 


1209 


j  cborene  Pylorusstenosen  bei  Erwachsenen  nicht  selten  vorzukornmen,  die 
|  Jen  ersten  Lebensjahren  durch  kompensatorische  Hypertrophie  der  Magen- 
skulntur  ausgeglichen  werden,  erst  wenn  die  Kompensation  versagt  oder 
i  Pylorospasmus  hinzutritt,  tritt  die  Stenose  in  die  Erscheinung.  Eine 
i  erscheidung  vom  Ulcus  ventriculi  oder  duodeni  ist  zurzeit  nicht  möglich. 
|  hypertrophisch-spastische  Pylorusstenose  der  Säuglinge,  die  angeborene 
:  nose  der  Erwachsenen  und  das  Ulcus  beruhen  wahrscheinlich  auf  derselben 
istitutioncll-neurotischen  Grundlage.  Die  beste  Therapie  für  jeden  Fall 
I'  deutlicher  Pylorusstenose  ist  die  Resektion  des  Pylorusringes. 

Otto  W  i  e  m  a  n  n:  Experimentelle  Untersuchungen  über  die  Wirkung  des 
,-okain-Suprarenins  auf  den  Blutdruck.  (Aus  dem  Pharmakol.  Institut 
af.  Flur  y]  und  der  Cliir.  Klinik  der  Universität  Wiirzburg  [Prof.  Koni  gl.) 

Nach  voraufgegangener  intravenöser  Suprarenininjektion  wirkt  die  fol- 
i  de  intravenöse  Novokaininjektion  blutdrucksteigernd,  wenn  sie  zu  einem 
•punkte  erfolgt,  in  dem  die  Suprareninwirkung  noch  vorhanden  ist.  Nach 
!  eklungener  Suprareninwirkung  wirkt  die  folgende  Novokaininjektion  nicht 
tr  blutdrucksteigernd,  sondern  sogar  in  geringem  Grade  blutdrucksenkend. 

I  Ergebnisse  der  Tierversuche  erklären  die  beim  Menschen  nach  Novokuin- 
i  rarenininjektion  unter  Umständen  auftretende  intensive  Blutdruckstcigc- 

|g • 

G.  L  o  t  h  e  i  s  e  n  -  Wien :  Eine  seltene  Form  von  Darmzyste  (Entero- 

i  tom  im  Blinddarm). 

1  Die  21  jährige  Pat.  erkrankte  mit  Beschwerden  in  der  rechten  Untcr- 
Ichgcgend,  wo  ein  beweglicher  Tumor  nachweisbar  war.  Die  Operation 
ab  eine  faustgrosse  Zyste,  die  ganz  im  Zoekum  eingeschlossen  war,  vor- 
igend  mit  Dickdarmschleimhaut  ausgekleidet.  Rcsectio  ileocoecalis  mit 
transversostomie,  Heilung.  Gegen  den  II.  Fötalmonat  kommt  es  im  Dünn- 
|m  und  in  seltenen  Fällen  auch  im  Dickdarm  zu  Epithelwucherungen,  die 
i  als  Knospen  bezeichnet  und  die  zu  Divertikelbildung  Veranlassung  geben. 

I  d  die  Einschnürung  am  Halse  eines  solchen  Divertikels  immer  enger,  so 
hs  es  zur  Entstehung  von  Zysten  kommen,  wie  sie  Verf.  operierte.  Der 
I  ehr iebene  Fall  ist  einzig  in  seiner  Art. 

Ferdinand  C.  L  e  e  -  Baltimore:  Eine  neue  Methode  zur  aseptischen  End- 
.nd-Anastomose  des  Dickdarms.  (Aus  der  Cliir.  Universitätsklinik  Heidel- 
J.  Prof.  E  n  d  e  r  1  e  n.) 

Es  handelt  sich  um  zwei  Röhrchen  mit  versenktem  Meissei;  die  Röhrchen 
i  den  mittels  Darmumschnürungsfaden  an  den  Darmenden,  die  zur  Ver- 
jgung  kommen  sollen,  befestigt.  Nach  Anlegung  der  Serosanähte  wird 
;h  Druck  auf  den  Mcissel  der  Umschnürungsfadcn  durchtrennt  und  so  die 
ptung  hergestellt.  Die  Verengerung  an  der  Anastomosenstelle  ist  bei 
'fähiger  Mechanik  gleich  Null. 

,  Ernst  Wild:  Vom  schnellenden  Knie.  (Aus  der  I.  chir.  Abt.  des  Allg. 
(nkenhauses  Hamburg-Barmbeck.  Prof.  S  u  d  e  c  k.) 

Das  Schnellphänomen  des  Kniegelenks  beruht  auf  einem  in  Form  oder 
e  veränderten  Meniskus.  Die  Ursache  der  Veränderung  ist  entweder 
I  Trauma  oder  seltener  ein  krankhafter  Gelenkbefund,  der  zu  einer  Stö- 
t  des  Bewegungsablaufes  führt.  Exstirpation  des  Meniskus  bringt  Heilung. 

I  Hans  St  ein  dl:  Volvulus  nach  spastischem  Ileus,  Beitrag  zur  Aetioiogie 
i  spastischen  Ileus.  (Aus  der  II.  chir.  Universitätsklinik  Wien.  Prof, 
c  h  e  n  e  g  g.) 

!  6  läge  nach  hinterer  anisoperistaltischcr  Gastroenterostomie  wegen 
osierenden  Ulcus  am  Pyiorus  erneute  Operation  wegen  Ileus.  Es  fand 
ein  Volvulus  des  Ileum,  Drehung  um  180°.  Nach  der  Detorison  zeigt 
das  untere  Drittel  des  Ileum  starr  kontrahiert.  Erst  nach  10  Minuten 
mg  der  Starre,  Ileostomie,  Exitus  nach  12  Stunden.  Der  tetanische 
I  »Pf  des  Darms  mit  dem  Passagehindernis  soll  den  Grund  gegeben  haben 
I  Bildung  des  Volvulus.  Die  histologische  Untersuchung  der  Medulla  ob- 
I  ata  erab  „schwere  Veränderungen  entzündlichen  und  destruktiven  Cha- 
lers  in  der  Substantia  reticularis“.  Der  Befund  wird  mit  dem  Spasmus 
(Zusammenhang  gebracht. 

Hans  May:  Ein  Fall  von  isolierter  Stichverletzung  der  Gallenblase. 

;  dem  Stadt.  Krankenhaus  Landau-Pfalz.  Dr.  Oskar  Orth.) 

Operation  9  Stunden  nach  einer  Stichverletzung,  es  fand  sich  ein  Ein- 
Ausstich  an  der  Gallenblase.  Zystektomie,  glatte  Heilung. 

H.  F  1  ö  r  c  k  e  n  -  Frankfurt  a.  M. 

Zentralblatt  für  Gynäkologie.  1923.  Nr.  34. 

L.  Handorn  -  Heidelberg:  Zur  Frage  der  Bewertung  der  Sero- 
i  nostik  der  Syphilis  in  der  Schwangerschaft. 

■  Aus  der  Heidelberger  Univ.-Frauenldinik,  die  sich  wiederholt  um  die 
ung  des  Problems  der  Wertung  der  serologischen  Luesdiagnostik  in 
•idität  und  intra  partum  bemüht  und  insbesondere  vor  kurzem  eine 
sere  Arbeit  in  Verbindung  mit  der  serologischen  Abteilung  des  Krebs- 
Fhungsinstitutes  veröffentlicht  hat,  berichtet  Verf.  nun  über  72  Blutproben 
151  sicher  gesunden  Frauen,  wobei  die  Untersuchungen  durch  ver- 
;dene  Institute  erfolgten.  Nur  einmal  gab  es  einen  schwach  positiven 
I  all,  der  vom  Kliniker  aber  nicht  als  genügend  zur  Einleitung  einer  anti¬ 
schen  Therapie  angesehen  worden  wäre.  Verf.  weist  nebenher  auf  das 
mma  hin,  dass  man  entweder  sehr  charakteristische,  aber  nicht  so 
I  iudliche,  oder  sehr  empfindliche,  aber  dafür  u.  U.  einmal  unspezifischc 
Ltion  in  Kauf  nehmen  muss.  Ergebnis:  Die  Reaktion  ist  auch  unter  der 
I  irt  als  zuverlässig  und  brauchbar  anzusehen,  was  dadurch,  dass 
stark  positiver  Ausfall  bei  72  Proben  von  gesunden  Frauen  nie 
I  .'treten,  erwiesen  wird. 

L.  Schoenholz  (Frauenklinik  Düsseldorf):  Eine  seltene  Dermoid- 
luig  des  Ovariums  mit  aussergewöhnlicher  Entwicklung  des  Entoderms. 

I  Verf.  berichtet  über  ein  Dermoidkystom  des  Ovars,  bei  dem  nach  müh- 
i  r  Lösung  des  Tumors  aus  vielen  Verwachsungen  eine  vom  Tumor  aus- 
I  nde  und  in  ihm  wieder  verlaufende  Darmschlinge  als  nur  dem  Tumor 
hörig  sich  herausstellte.  Die  ausführliche,  mit  Abbildungen  versehene 
it  gipfelt  in  der  pathologisch-anatomischen  Erwägung,  dass,  während 
t  gerade  das  Zurückstehen  der  entodermalen  Einschlüsse  für  das 
'daidermoid  charakteristisch  ist,  hier  das  Entoderm  die  zwei  anderen 
liblätter  an  Entwicklung  überflügelt  hat. 

Conrad  (Rudolf-Virchow-Krankenhaus  Berlin):  Zur  Behandlung  der 
iperalen  Sepsis  mit  Yatren-Kasein  und  Strepto-  bzw.  Staphylo-Yatren. 

Unter  40  hochfieberhaften  Fällen  von  puerperaler  Sepsis  nach  Geburt 
'Abort  hatten  32  positiven  Blutbefund  und  cs  wurde  nun -je  nach  diesem 
|nd  Staphylo-  oder  Strepto-Yatren  injiziert.  Methode:  Zuerst  2  ccm  einer 
' 11 K  von  2'/i  proz.  Yatren  und  5  proz.  Kasein  jeden  2.  Tag,  bei  zu  starker 


Reaktion  nur  1  cctn.  Dann  nach  Feststellung  des  Blutbefundes  entweder 
Staphylo-  oder  Strepto-Yatren,  2'A  ccm  jeden  2.  Tag  intravenös.  Ausführ¬ 
liche  Tabellen  bringen  vorangegangene  Eingriffe,  Blutbefund,  Verlauf,  Kom¬ 
plikationen.  Verf.  kommt  zum  Schluss,  dass  trotz  der  schwierigen  Unter¬ 
scheidung  zwischen  post  und  propter  hoc  doch  in  einigen  Fällen  prompt  ein 
kritischer  Abfali  eingetreten  sei,  den  er  dem  Mittel  zuschreiben  müsse,  so 
dass  er  dessen  Anwendung  empfiehlt,  zumal  es  ungefährlich  sei,  ohne 
Nebenwirkungen  und  exakt  dosierbar.  —  Für  den  Praktiker  von  besonderem 
Interesse  ist  die  Erwähnung  eines  hochfieberhaften  Falles  von  inkomplettun 
Abort,  wo  unmittelbar  nach  digitaler  Entfernung  der  Plazenta  Abfall  auf  36,5 
cintrat,  um  dauernd  anzuhalten.  Verf.  sieht  hierin  die  Bestätigung  des  von 
B  u  m  m  und  Warnekros  wiederholt  vertretenen  Standpunktes,  dass  die 
Beseitigung  der  lokalen  Infektionsquelle  wohltätig  ist, 
weil  sie  die  weitere  Ucberschwemmung  des  Körpers  mit  Keimen  hindert. 

A.  Hillejan  (Auguste-Viktoria-Krankenhaus  Schöneberg):  Ueber  einen 
Fall  voii  Eventratio  sive  Relaxatio  diapliragmatica  bei  einem  Neugeborenen. 

Die  Fälle  der  Eventratio  diaphragmatica  kann  man  seit  Anwendung  der 
Röntgenuntersuchung  von  Situs  inversus  oder  Dextrokardie  leicht,  von 
Hernia  diaphragmatica  auch  mit  ziemlicher  Sicherheit  unterscheiden.  Die 
klinischen  Symptome  sind  Atemnot,  Herzklopfen,  Aufstosscn,  Erbrechen, 
selbst  Bewusstlosigkeit.  Bei  dem  von  Verf.  beschriebenen  Fall  war  die 
rechte  Herzgrenze  rechts  von  der  Mamille,  die  linke  vom  Sternum  überdeckt, 
das  linke  Zwerchfell  in  Höhe  der  II.— III.  Rippe,  neben  der  Magenblase  im 
Thoraxraum  mit  Kontrastbrei  gefüllte  Darmschlingen  erkennbar.  Der  Fall 
wurde  durch  Beobachtung  während  %  Jahren  und  wiederholte  Durch¬ 
leuchtung  sichergestellt.  Prognostisch  ist  die  Eventratio  nicht  so  ungünstig 
wie  die  das  sichere  „Todesurteil“  bedeutende  kongenitale  Hernia  dia¬ 
phragmatica.  Robert  Kuhn-  Karlsruhe. 

Zeitschrift  für  Kinderheilkunde.  35.  Band.  5.  u.  6.  Heft. 

H.  Davidsohn  und  S.  Rosenstein  -  Berlin:  Stuhluntersuehiingcn 
bei  initialer  Diarrhöe. 

Die  initiale  Diarrhöe  ist  das  Symptomenbild  einer  durch  exogene  Schäden 
hervorgerufenen  Funktionsstörung  im  Dickdarm.  Bei  15  Säuglingen  vor¬ 
genommene  Untersuchungen  der  Stuhlreaktion  ergaben  im  Stadium  der  Er¬ 
krankung  eine  durchschnittlich  erheblich  saurere  Reaktion  als  im  Stadium  guter 
Stuhlbildung.  Aus  diesen  Befunden  lässt  sich  die  Bedeutung  der  gärungs¬ 
dämpfenden  Heilnahrung  für  die  Behandlung  der  initialen  Diarrhöe  erkennen. 

W.  G  r  e  u  t  e  r  -  Zürich:  Die  Blutgerinnungszeit  bei  Icterus  neonatorum. 

Prüfung  der  Gerinnungszeit  des  Blutes  in  der  1.  Lebensdekade  an  Hand 
von  Serienuntersuchungen.  Beim  älteren  Säugling  und  beim  nicht  ikterischen 
Neugeborenen  konnte  Verf.  die  gleiche  Gerinnungszeit  wie  beim  Erwachsenen 
(4/4  5/4  Min.)  feststellen.  Beim  ikterischen  Säugling  dagegen  trat  in  zirka 

75  Proz.  der  untersuchten  Fälle  eine  nicht  immer  mit  der  Intensität  des  Haut- 
ikterus  parallel  gehende  deutliche  Gerinnungsverzögerung  von  5 %  bis  zu 
7/2  Min.  ein,  die  durchschnittlich  ihr  Maximum  am  3.  Lebenstag  erreichte  und 
am  8.  bis  9.  Tag  wieder  zur  Norm  zurückkehrte.  Als  Ursache  der  Gerinnungs¬ 
verzögerung  kommt  eine  funktionelle  Minderwertigkeit  des  Leberparenchyms, 
hervorgerufen  durch  vom  Darm  ausgehende  Toxine,  in  Betracht. 

W.  S  c  h  e  f  f  e  r  -  Charlottenburg:  Scharlach  im  Säuglings-  und  Klein¬ 
kindesalter. 

Bericht  über  eine  Mischinfektion  von  Varizellen  und  Scharlach  bei  acht 
6—27  Monate  alten  Kindern.  Auftreten  des  Scharlachs  3—19  Tage  nach  Be¬ 
ginn  der  Varizellenerkrankung  auf  der  Keuchhustenstation,  die  vor  5  Jahren 
der  Unterbringung  Scharlachkranker  gedient  hatte.  Mit  Hilfe  des  Auslösch¬ 
phänomens  konnte  die  Diagnose  in  eindeutiger  Weise  gesichert  und  ein  Vari¬ 
zellenrash  ausgeschlossen  werden. 

W.  Scheffer-  Charlottenburg:  Beitrag  zur  Differentialdiagnose  der 
Röteln  mit  besonderer  Berücksichtigung  des  Auslöschphänomens. 

In  einer  Reihe  von  Rötelnfällen,  deren  Diagnose  durch  das  charakte¬ 
ristische  Blutbild  sichergestellt  wurde,  konnte  das  Rötelnexanthem  in  keinem 
Fall  direkt  d.  h.  durch  Injektion  von  Normal-  resp.  Scharlachrekonvales¬ 
zentenserum  -  ausgelöscht  werden.  Mit  Rötelnfrühserum  dagegen  erzielte 
Verf.  auf  indirektem  Wege  bei  Scharlachtestexanthemen  in  88,9  Proz.  der 
Fälle  ein  positives  Auslöschphänomen. 

H.  Pogorschelsky  -  Breslau:  Zur  Frage  des  Auftretens  von  „Skor¬ 
but  beim  Brustkind“. 

Mitteilung  eines  jener  seltenen  Fälle  von  Skorbut  bei  einem  Brustkind, 
dessen  Mutter  während  des  Stillens  von  einer  Nahrung  lebte,  die  in  erster 
Linie  einen  Mangel  an  Butter,  Fett  und  Milch  aufwies.  Verf.  weist  auf 
gewisse  Unterschiede  hin,  die  sich  in  dem  Auftreten  der  Krankheitserschei¬ 
nungen  zwischen  dem  Skorbut  des  Brustkindes  - —  sowohl  in  seinem  Fall 
wie  auch  bei  den  in  der  Literatur  beschriebenen  Fällen  - — -  und  dem  Skorbut 
künstlich  genährter  Säuglinge  geltend  machen,  und  die  vor  allem  in  der  Art 
der  Knochenveränderung,  der  Zeit  des  Auftretens  und  der  weniger  prompten 
Reaktion  auf  antiskorbutische  Therapie  zum  Ausdruck  kommen.  Vielleicht 
liegen  in  derartigen  Fällen  neben  dem  Mangel  an  Vitamin  C.  noch  andere  De¬ 
fekte  in  der  .  Brustnahrung  vor.  z.  B.  ein  Mangel  an  dem  fettlöslichen  Vita¬ 
min  A,  die  in  Verbindung  mit  einer  gewissen  individuellen  Disposition  des 
Patienten  dieses  Krankheitsbild  zur  Auslösung  bringen. 

B.  Schick  und  R.  Wagner- Wien:  Ueber  eine  Verdauungsstörung 
jenseits  des  Säuglingsalters  (Atrophia  pluriglandularls  digestiva). 

Bericht  über  den  Verlauf  eines  bereits  publizierten  Falles  sowie  Mit¬ 
teilung  von  drei  weiteren  ähnlichen  Krankheitsbildern.  Diese  Zustände  stellen 
einen  bereits  von  H  e  r  t  e  r,  Heubncr  u.  a.  erkannten  Symptomenkomplex 
dar  und  pflegen  im  Anschluss  an  eine  allzu  lange  fortgesetzte  Schonungsdiät 
nach  einer  Magen-  oder  Darmaffektion  aufzutreten.  Die  Schonungsdiät  führt 
nach  Ansicht  der  Verfasser  infolge  ungenügender  Inanspruchnahme  der  Ver- 
dauungsergane  zu  cinei  Toleranzschädigung  und  einer  schweren  Beeinträchti¬ 
gung  ihrer  Funktionen,  als  deren  Folge  wir  die  Symptome  der  „Verhunge- 
rung“  auftreten  sehen.  Diese  Verhungerungserscheinungcn  treten  durch  hoch¬ 
gradige  trophische  Störungen  der  Haut,  Nägel  und  Schleimhäute,  durch 
Oedeme,  Hautblutungen,  Xerophthalmie  etc.  klinisch  in  Erscheinung,  und  zwar, 
da  die  Nahrung  nicht  nur  in  quantitativer  sondern  auch  in  qualitativer  Hinsicht  ■ 
unzureichend  ist,  zum  Teil  in  der  Form  der  klassischen  Avitaminose.  In  2 
letal  endigenden  Fällen  fand  sich  bei  der  Obduktion  eine  hochgradige  Atrophie 
des  Thymus  und  der  Schilddrüse,  der  Nebennieren  und  des  Pankreas,  eine 
Atrophie  der  Darmschleimhaut  sowie  Verfettung  der  Leber.  Verff.  schlagen 
vor,  dem  Krankheitsbild  den  Namen  „Atrophia  pluriglandularis  digestiva“  zu 
geben.  Eine  Uebungstherapie  und  keine  Schonungstherapie  des  innersekre¬ 
torischen  Drüsenapparates  zur  Wiederherstellung  der  Gesundheit  ist  geboten. 


1210 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


J.  W  i  1 1  m  a  n  n  -  Wien:  Beitrag  zur  Klinik  der  Erythrodermia  des- 
quamatlva  (Leincr). 

Verf.  stimmt  auf  Grund  der  klinischen  Abgrenzbarkeit  der  Erscheinungen 
mit  der  Ansicht  Leiners  überein,  dass  die  Erythrodermie  als  eine  Krank¬ 
heit  sui  generis  aufzufassen  ist,  und  nicht  in  das  Gebiet  der  exsudativen  Dia- 
these  fällt.  Gewisse  klinische  Erscheinungen  sprechen  dafür,  dass  es  sich  bei 
diesem  Krankheitsbild  um  eine  Avitaminose  handeln  könne,  andererseits  ist 
die  Möglichkeit,  dass  eine  Infektionskrankheit  vorliegt,  nicht  von  der  Hand 
zu  weisen.  Brustmilchnahrung  als  solche  kann  nicht  als  Ursache  der  Erythro¬ 
dermie  aufgefasst  werden.  Der  Prozentsatz  der  Brustmilchkinder  (75  Proz. 
in  der  vorliegenden  Arbeit)  scheint  nur  darum  zu  hoch,  weil  die  Krankheit 
vorwiegend  in  die  ersten  Lebenswochen  fällt,  wo  die  Kinder  gewöhnlich  noch 
gestillt  werden. 

F.  M  ü  1 1  e  r  -  Frankfurt  a.  M.:  Ueber  das  Pufferungsvermögen  der  Kuh¬ 
milch. 

Kurze  Erörterung  der  theoretischen  Grundlagen  der  Puffer.  Anschliessend 
daran  Untersuchungsergebnisse  der  Pufferung  der  Kuhmilch  auf  Grund  genauer 
elektrometrischer  Titrationskurven.  (Weiteres  s.  i.  Origin.) 

H.  B  e  u  m  e  r  -  Königsberg:  Zur  Kenntnis  der  Schutzwirkungen  des 
Cholesterins. 

Bei  lipoidgemästeten  Meerschweinchen  trat  nach  Einwirkung  von  Chloro¬ 
formdämpfen  die  Narkosewirkung  6 — 8  Minuten  später  auf  als  bei  den  Kon¬ 
trollen.  Nach  Injektion  von  letalen  Diphtherietoxindosen  trat  bei  2  seit 
einigen  Wochen  mit  Cholesterin  gefütterten  Meerschweinchen  der  Exitus  um 
4  Tage,  resp.  27  Stunden  später  ein  als  bei  den  Kontrollen;  bei  einem  dritten 
Versuchstier  war  die  Verzögerung  weniger  deutlich.  Bei  den  an  Diphtherie¬ 
toxinvergiftung  gestorbenen  Kontrollen  war  der  Cholesteringehalt  in  Neben¬ 
nieren,  Leber,  Serum  und  Milz  stark  vermindert,  zum  Teil  bis  auf  Spuren 
verschwunden.  Bei  allen  Cholesterintieren  jedoch  war  nach  der  Diphtherie¬ 
toxinvergiftung  noch  ein  gegenüber  der  Norm  vielfach  vermehrter  Cholesterih- 
überschuss  nachzuweisen.  Die  Cholesterinspeicherung  findet  in  erster  Linie 
im  retikulo-endothelialen  Apparat  statt  und  ruft  dort  eine  physikalische 
Fremdkörper-  und  Reizwirkung  unspezifischer  Art  hervor,  die  zu  einer  Stei¬ 
gerung  der  Abwehrkräfte  des  Organismus  führt. 

H.  B  e  u  m  e  r  -  Königsberg:  Der  Adrenalindiabetes  unter  der  Einwirkung 
verschiedener  Salze. 

Verf.  konnte  bei  Säuglingen  unter  bestimmten  Versuchsbedingungen  durch 
Adrenalininjektionen  eine  temporäre  diabetische  Azidose  mit  Hyperglykämie, 
Glykosurie  und  Ketonurie  hervorrufen.  Es  gelang  nicht,  durch  Darreichung 
von  Nutriumbikarbonat,  die  den  Urin  bis  zum  Ende  des  Versuchs  stark  alka¬ 
lisch  machte,  diese  Adrenalinwirkung  abzuschwächen.  Verfütterung  von  Sal¬ 
miak  dagegen  bewirkte  eine  Hemmung  aller  Adrenalinwirkungen  unter  Herab¬ 
setzung  der  Hyperglykämie,  Glykosurie  und  Azetonurie.  Durch  Zufuhr  von 
Na*  H  .  P  .  O4  wurde  die  Adrenalinhyperglykämie  oft,  die  Glykosurie  immer 
stark  herabgesetzt. 

G.  I  s  e  k  e  -  Düsseldorf :  Zur  Aetlologie  der  S  t  i  1 1  sehen  Krankheit. 

Mitteilung  eines  Falles,  der  in  typischer  Weise  den  Symptomenkomplex 
der  Still  sehen  Krankheit  darbot.  Aus  Endokard,  Milz,  Lunge  und  Mittel¬ 
ohr  wurde  Streptococcus  viridans  fast  in  Reinkultur  gezüchtet.  Dieser  Be¬ 
fund  könnte  an  eine  Endocarditis  lenta  denken  lassen,  doch  standen  im  vor¬ 
liegenden  Fall  die  Erscheinungen  von  seiten  des  Herzens  nicht  genügend 
stark  im  Vordergrund.  Vielleicht  besteht  aber  doch  ein  Zusammenhang  zwi¬ 
schen  Still  scher  Krankheit  und  Endocarditis  lenta. 

Kasuistische  Mitteilungen. 

H.  Putzig-  Berlin: 

I.  Zur  Symptomatologie  des  Pylorospasmus. 

Verf.  beobachtete  in  vielen  Fällen  von  Pylorospasmus  eine  gleichzeitig 
bestehende  starke  Doüchozephalie  mit  Opisthotonushaltung. 

2.  Zur  Differentialdiagnose  von  Thymushyperplasie  und  kongenitalem 
Stridor. 

Mitteilung  eines  Falles  von  Kehlkopfmissbildung  mit  Stenose  bei  einem 
Säugling,  die  auf  Grund  der  Röntgenaufnahme  irrtümlich  als  Thymushyper¬ 
plasie  gedeutet  wurde,  und  bei  der  ein  akuter  Infekt  zum  vollständigen  Ver¬ 
schluss  und  Erstickungstod  führte.  Vorsicht  mit  der  Deutung  des  Röntgen¬ 
bildes  betreffs  der  Diagnose  Thymushypertrophie  ist  geboten;  das  breite 
Gefässband  des  Säuglings  kann  leicht  als  Thymus  gedeutet  werden. 

3.  Zur  Frage  der  Hautempfindlichkeit  nach  Pockenimpfung. 

Verf.  sah  bei  3  Kindern  am  7.  bis  9.  Tag  nach  der  Impfung  unter  dem 
gewöhnlichen  Leukoplastschutzverband  eine  Dermatitis  auftreten.  In  einem 
der  Fälle  entwickelte  sich  gleichzeitig  unter  einem  bereits  10  Tage  sitzenden 
Nabelverband  eine  äusserst  starke  Dermatitis.  In  diesem  Vorgang  können  wir 
einen  neuen  Beweis  für  die  starken  „Umstimmungsvorgänge“  erkennen,  die 
sich  während  der  Pockenimpfung  in  der  ganzen  Haut  abspielen,  und  die  auch 
das  Auftreten  anderer  Hauterscheinungen,  wie  z.  B.  Strofulus  etc.,  nach 
der  Impfung  erklären. 

J.  B  e  d  ö  -  Szegedin:  Zur  der  Frage  der  Keuchhustenbehandlung. 

Verf.  behandelte  mit  gutem  Erfolg  verschiedene  Fälle  von  Pertussis  mit 
subkutanen  oder  intramuskulären  Injektionen  von  Aether  depuratus  oder 
Aethercamphor.  Bei  der  grossen  Schmerzhaftigkeit  des  Verfahrens  ist  seine 
Anwendung  nur  in  sehr  schweren  Fällen  oder  bei  Tuberkulosegefahr  ge¬ 
boten.  v.  Seht-  München. 

Monatsschrift  für  Kinderheilkunde.  Bd.  XXV.  H.  1  bis  6.  Fest¬ 
schrift  für  Adalbert  Czerny. 

Ein  stattlicher  Band  der  Monatsschrift,  Adalbert  Czerny  zu  seinem 
60.  Geburtstage  gewidmet  von  Freunden  und  Schülern,  bringt  59  Arbeiten, 
zum  grösseren  Teile  der  deutschen,  in  nicht  geringer  Zahl  aber  auch  der 
internationalen  Kinderheilkunde.  Auf  Wunsch  der  Redaktion  werden  nur 
einige  Arbeiten  aus  der  Menge  referierend  herausgehoben,  ohne  dass  damit 
ein  Werturteil  über  die  nicht  referierten  Themen  ausgesprochen  sein  soll. 

A.  B  ä  1  i  n  t  -  Berlin:  Ueber  die  Alkaleszenz  des  Liquor  cerebrospinalis 
im  Säuglingsalter. 

Bei  zerebralen  Prozessen  geht  die  Azidose  des  Liquors  mit  der  des 
Blutes  nicht  parallel;  aus  der  Azidose  des  Liquors  kann  man  im  übrigen  in 
der  Regel  auf  eine  allgemeine  Azidose  schliessen. 

J.  B  e  r  n  h  e  i  m  -  K  a  r  r  e  r  -  Zürich:  Experimentelle  Beiträge  zur  Koli- 
infektion  des  Dünndarms. 

Bis  jetzt  fehlt  eigentlich  ein  zwingender  tierexperimenteller  Beweis  für 
die  grosse  Rolle,  welche  gegenwärtig  von  vielen  Autoren  der  Kolibesiedelung 
des  Dünndarms  bei  der  Auslösung  der  akuten  Ernährungsstörungen  des  Säug¬ 
lings  zugeteilt  wird. 


Nr.  3 


G.  Bessau,  S.  R  0  s  e  n  b  a  u  m  -  Leipzig  und  B.  L  e  i  c  h  t  e  n  t  r  i  1 1 
Breslau:  Beiträge  zur  Säuglingsintoxikation.  IV.  Mitteilung:  Das  Intox 
kationssyndroin  bei  Infektiösen  Zuständen. 

Infektiöse  Zustände,  die  mit  dem  Intoxikationssyndrom  (I.-S.)  einhe 
gehen,  beschränken  sich  weder  auf  bestimmte  Lebensmonate  noch  auf  b 
stimmte  Jahreszeit.  Die  dabei  beobachteten  Temperaturstörungen  werden 
der  Regel  durch  die  infektiöse  Noxe  bestimmt.  Die  grosse  Atmung  wird  m 
ausnahmsweise  durch  bakterielle  Infektion  bedingt.  Auch  bei  infcktiösi 
Zuständen  hängt  das  I.-S.  von  der  Nahrungszufuhr  ab;  die  Exsikkation  spie 
dabei  eine  grosse  Rolle.  Mit  der  gleichen  Konstanz  wie  bei  den  aliment. 
bedingten  Intoxikationen  findet  es  sich  bei  der  infektiösen  Laktosurie.  AI 
Ursache  des  Wasserverlustes  kommen  Durchfälle  und  erhöhte  Wasserabgat 
durch  die  Lunge  und  Erbrechen  in  Frage.  Der  Komponente  des  I.-S.s  i 
Vergiftungsbilde  der  infektiösen  Intoxikationen  ist  durch  Bekämpfung  di 
Wasservcrlustes  entgegenzutreten. 

W.  B  i  r  k  -  Tübingen:  Zur  Frage  der  Veränderungen  der  Frauenmilt 
während  des  Stillens. 

C.  E.  B  1  0  c  h  -  Kopenhagen:  Der  fettlösliche  A-Stoff  und  die  Rachitl 

Die  klinische  Rachitis  scheint  nicht  auf  einem  Mangel  des  Organisrat 
an  A-Stoff  oder  auf  Mangel  an  A-Stoff  in  der  Nahrung  zu  beruhen. 

Johann  v.  Bokay-Pest:  Neue  Beiträge  zum  Wert  der  Transparen 
Untersuchung  nach  Strasburger  bei  chronischem  Hydrocephalus  internu 

(Mit  6  Abbildungen.) 

Alex.  B  r  i  n  c  k  m  a  n  n  -  Kristiania:  Ueber  die  Chlornatrlumausscheidur 
bei  Kindern  mit  exsudativer  Diathese. 

Joachim  C  a  s  p  a  r  i  -  Berlin:  Diagnostische  Probleme  bei  der  Lungei 
tuberkulöse  des  Kindes. 

Berthold  Epstein-  Prag:  Die  unspezifische  Serumbehandlung  im  Säu, 
llngsalter. 

£.  Fe  er -Zürich:  Kropf  herz  und  Thymushenz  der  Neugeborenen  ur 
Säuglinge. 

Der  endemische  Kropf  der  Neugeborenen  und  Säuglinge  führt  oft  : 
einer  erheblichen  Vergrösserung  des  Herzens.  Das  Kropfherz  wird  durc 
die  Kropfnoxe  erzeugt  und  geht  auf  Jodbehandlung  zurück.  Thymushype 
plasie  bzw.  Status  thymico-lymphaticus  führen  an  sich  häufig  zu  leichte 
Hcrzvergrösserungen.  Das  häufige  Zusammentreffen  von  Kropf  und  grosse 
Thymus  beim  Säugling  erklärt  die  besondere  Grösse  des  Kropfherzens 
diesem  Alter.  Grosser  Thymus  bei  jüngeren  Säuglingen  kann  im  Röntgenbi 
ein  grosses  Herz  vortäuschen. 

H.  Finkeistein  und  P.  Sommerfeld  -  Berlin:  Zur  Pathogene: 
des  Säugüngssklerems. 

Ausser  den  Fetterscheinungen  sind  wohl  noch  Zustandsveränderung; 
der  Gewebskolloide  zu  berücksichtigen. 

Rudolf  Fi  sc  hl -Prag:  Zur  Frage  der  P  r  0  f  e  t  a  sehen  Immunität. 

Wir  haben  nicht  das  Recht,  die  zuerst  von  P  r  0  f  e  t  a  behaupte 
Immunisierungsmöglichkeit  der  Kinder  florid-luetischer  Mütter  zu  leugm 
und  sein  Gesetz  analog  dem  C  0  1 1  e  s  sehen  als  unrichtig  zu  erklären  ui 
müssen  unser  praktisches  Handeln  darnach  einstellen. 

Max  Frank-Prag:  Untersuchungen  des  Liquor  cerebrospinalis  b 
kongenitaler  Lues. 

A.  F  r  a  n  k  -  Leipzig:  Ueber  die  Folgen  einseitiger  Vitamiiniberfütteruii 
(Faktor  A)  und  ihre  Korrektur  durch  Herstellung  einer  bestimmten  Korrelatir 
der  Vitamine  (A  :  B  +  C). 

Walter  F  r  e  u  n  d  -  Breslau:  Zur  Frage  der  Infektionsverhütung  in 
stalten. 

Empfiehlt  ein  Boxensystem  mit  „Ventilationsdämpfung“. 

Theodor  F  r  ö  1  i  c  h  -  Kristiania :  Ueber  die  praktische  Anwendbarke 
der  Vitamintherapie. 

E.  Glanzmann-Bern:  Die  Rolle  der  akzessorischen  Wachstum 
faktoren  (Vitamine  A  und  B)  bei  der  Biochemie  des  Wachstums. 

Versuch,  die  Betrachtung  der  Wachstumsvorgänge  besonders  in  kolloh 
chemischer  Hinsicht  zu  vertiefen  und  die  Rolle  der  akzessorischen  Wach 
tumsfaktoren  zu  umschreiben.  Als  zentrales  Problem  wird  das  der  Wasser 
bindung  durch  die  Kolloide  geschildert. 

Friedrich  0  ö  p  p  e  r  t  -  Göttingen:  Beiträge  zur  Kenntnis  der  Nase 
diphtherie. 

Die  Rhinoskcpie  ist  die  massgebende  Untersuchungsmethode  zur  Dil 
gnose  der  Nasendiphtherie;  sie  wird  durch  die  bakteriologische  Untersnchml 
ergänzt  und  kontrolliert.  —  Rhinitis  atrophicans  wird  als  Folgeerscheinui? 
von  Diphtherie  geschildert. 

E.  G  0  r  t  e  r  -  Leiden:  Zur  Pathogenese  und  Therapie  des  Mehlnält 
Schadens. 

Grävinghoff  -  Magdeburg:  Zur  Pyuriefrage. 

Julius  Grösz-Pest:  Ueber  Tuberkulose  im  Kindesalter,  der« 
spezifische  Diagnostik  und  Therapie.  Empfehlung  der  Tuberkulinbehandlunf 

Richard  H  a  m  b  u  r  g  e  r  -  Berlin:  Weitere  Erfahrungen  mit  Buttermel 
nahrung. 

Paul  Heim-  Pest:  Die  Veränderung  des  weissen  Blutbildes  auf  Gelati 
injektionen  bei  tuberkulösen  Kindern. 

Povl  H  e  r  t  z  -  Kopenhagen:  Tuberkulinuntersuchungen  bei  Kindern. 

John  Howland  und  Benjamin  K  r  a  m  e  r  -  Baltimore:  A  Study  of  tl 
Calcium  and  Inorganic  Phosphorus  of  the  Serum  in  Relation  to  Rickets  ai 
Tetany. 

Christen  J  0  h  a  n  n  e  s  s.e  n  -  Christiania:  Kasuistische  Mitteilungen  zi 

Beleuchtung  der  O  1 1  i  e  r  sehen  Wachtstumsstörung. 

P.  K  a  r  g  e  r  -  Berlin:  Suggestivbehandlung  und  heilpädagogischer  B 
dingungsrefiex. 

R.  P.  van  de  Kasteele  -  Haag:  Erfahrungen  aus  der  Milchküche  ir 
Buttermehlnalirung  unter  den  Säuglingen  des  Fischerdorfes  Schevcningen. 

H.  K  1  e  i  n  s  c  h  m  i  d  t  -  Hamburg:  Zur  Lehre  vom  Habitus  asthenlci 
im  Kindesalter. 

Beschäftigt  sich  vor  allem  mit  der  Thoraxform,  dem  Stiller  sclm 
Kostalzeichen,  dem  Plätschergeräusch  des  Magens,  dem  Röntgenbild  und  d> 
Beziehungen  des  genannten  Habitus  zu  Lymphatismus  und  Tuberkulose. 

Kj.  Otto  af  K  1  e  r  c  k  e  r  -  Lund:  Zur  Kenntnis  des  Stoffwechsels,  b 
sonders  des  Mineralstoffwechsels  bei  Osteogenesis  imperfecta. 

Wilhelm  K  n  ö  p  f  e  1  m  a  c  h  e  r  -  Wien :  Schutzimpfung  gegen  Varizellc 

Es  gelingt  bei  Varizellen  durch  Ueberimpfen  des  Blaseninhaltes  loka 
Bläschenbildung  zu  erzeugen  (Varizcllisation).  Der  Inhalt  der  Impfbläsch 
ist  weiter verimpfbar;  wahrscheinlich  kann  auch  ein  Allgemeinexanthem  e 


.  September  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1211 


ugt  werden.  Die  Varizellen  können  hiedurch  weiterverbreitet  werden, 
•r  Impfschutz  tuch  lokaler  Impferkrankung  muss  nicht  vor  dem  19.  Tag  in 
scheinung  treten.  Wiederimpfung  bleibt  bei  erfolgreich  Varizellisiertcn 
e  bei  Kindern,  die  Varizellen  überstanden  haben,  negativ. 

N.  K  r  a  s  n  o  g  o  r  s  k  i  -  Woronesch:  Der  Schlaf  und  die  Hemmung. 

Cornelia  de  L  a  n  g  e  -  Amsterdam:  Lieber  einige  bemerkenswerte  Tem- 
raturkurven. 

Richard  L  c  d  e  r  c  r  -  Wien :  Zur  Pathogenese  der  Spasmophllie. 

Arbeitshypothese:  Die  "kindliche  Spasmophilie  ist  eine  Konstitutions- 
nmalie,  bedingt  durch  eine  primäre  Störung  des  Gleichgewichts  der  freien 
kali-  und  Erdalkaliionen  mit  starkem  U eberwiegen  der  crstcren. 
nderung  der  PH -Konzentration  von  Blut,  Säften  und  Gewebe.  Erscheinen 
n  giftigen  Stoffwechselprodukten  sind  erst  dadurch  sekundär  bedingt.  Ob 
:  Störung  des  lonengleichgewichtes  endokriner  Natur  ist,  wäre  auch  noch 
dzustellcn. 

K.  L  e  w  k  o  w  i  c  z  -  Krakau :  Die  epidemische  Genickstarre. 

Die  epidemische  Genickstarre  ist  ihrem  Wesen  nach  keine  Meningitis, 
.  ndern  eine  Chorioependymitis. 

Carl  L  o  o  f  t  -  Bergen:  Die  geistige  Entwicklung  rachitischer  Friih- 

burten. 

W.  Mc.  Kim  M  a  r  r  i  o  t  -  St.  Louis,  Mo.:  Zur  Kenntnis  der  Ernährungs- 
irungen  des  Säuglingsalters. 

Enrico  Mensi-Turin:  Endokrines  System  und  vegetatives  Nerven- 
stem  in  der  Klinik  der  Kinderkrankheiten.  2.  Mitteilung:  Das  Gesetz 
ess-Eppinger. 

L.  F.  M  e  y  e  r  -  Berlin:  Die  skorbutische  Diathcse. 

Zum  Ausbruch  des  Skorbuts  müssen  sich  drei  Bedingungen  vereinigen: 
wesentliche  (Alter  und  Konstitution),  wesentliche  (Infekte)  und  spezifische 
vitaminosen). 

M  o  n  r  a  d  -  Kopenhagen:  Zur  Behandlung  der  akuten  toxiinfektiösen 
istroenteritis  mit  besonderer  Bezugnahme  auf  die  heilsame  Wirkung  einer 
otrahierten  Wasserdiät. 

E.  M  o  r  o  -  Heidelberg:  Ueber  den  neotenischen  Charakter  des  Myx- 
ems.  Eine  klinisch-biologische  Betrachtung. 

Neotenie  =  Erhaltenbleiben  von  Jugendzuständen  über  die  Geschlechts- 
fe  hinaus.  „Den  vorliegenden  Erörterungen  kommt  im  wesentlichen 
frierender  Charakter  zu“  (experimentelle  Zoologie). 

Karl  M  o  s  s  e  -  Berlin:  Die  Hypnose  im  Kindesalter.  I.  Mitteilung. 

Ueberall  dort,  wo  wir  uns  beim  Kinde  bei  der  Anwendung  der  Hypnose 
f  posthypnotische  Wirkungen  verlassen  müssen,  leistet  sie  Unsicheres;  wo 
5  Wirkungen  in  der  Hypnose  selbst  erreicht  werden,  ist  ein  therapeutischer 
folg  wahrscheinlich  (Hypnose  als  Ruhezustand  oder  als  Rahmen  einer 
■bungstherapie). 

A.  0  r  g  1  e  r  -  Neukölln:  Beobachtungen  an  Zwillingen.  3.  Mitteilung. 

Albrecht  P  e  i  p  e  r  -  Berlin:  Ueber  den  Turraschädel. 

Julius  P  e  i  s  e  r  -  Berlin:  Körperbau  und  Tuberkulose  beim  Kind. 

Valdemar  P  o  u  I  s  e  n  -  Kopenhagen:  Erfahrungen  mit  der  Czerny- 
leinschmidt  sehen  Buttermehlnahrung. 

Kornöl  P  r  e  i  s  i  c  h  -  Pest:  Zu  dem  Problem  der  Tuberkuloseheilung. 

Nicht  spezifische  Behandlung  mit  H2O2  bei  chirurgischen  Tuberkulosen 
naler  Art,  aber  auch  beim  Empyem. 

H.  S  c  h  e  1  b  I  e  -  Bremen:  Ist  bedeutende  Verringerung  der  Todesfälle 
Diphtherie  im  Kindesalter  möglich? 

Antwort:  Im  wesentlichen  durch  wirksamere  Gestaltung  der  Prophylaxe 
ehring-S  c  h  u  t  z  impfung  und  Volksaufklärung). 

Er.  Schiff  und  H.  E  1  i  a  s  b  e  r  g  -  Berlin:  Icterus  simplex. 

Eingehende  Studie,  zum  Referat  nicht  geeignet. 

Arnold  S  c  h  i  1 1  e  r  -  Karlsruhe:  Ein  Fall  von  autochthoner  Malaria  im 
ndesalter.  (Ein  Beitrag  zur  Frage  der  Ueberwinterung  malariainfizierter 
1  icken.) 

Ernst  Slawik-Prag:  Die  Nebenwirkungen  des  Salvarsans. 

Meist  harmloser  Natur;  bei  fieberhaften  Prozessen  eine  Gefahr  für  die 
uglinge,  auch  bei  der  Dekomposition  zu  fürchten. 

K.  Spiro-  Basel:  Ionengleichgewicht  und  Transmineralisation. 

Es  ist  nicht  ausreichend,  beim  Studium  irgendeines  Mineralstoffwechsels 
r  solche  Ionen  zu  berücksichtigen,  mit  denen  das  Ion  in  chemische 
jechselwirkung  tritt.  Da  es  das  gesamte  Ionenmilieu  ist,  das  für  die 
tigkeit  der  Zelle  massgebend  ist,  müssen  nicht  nur  die  jeweils  reaktions- 
ligen,  sondern  alle  für  die  Zelle  wichtigen  Ionen  berücksichtigt  werden. 
:rade  die  durch  physikalisch-chemische  Studien  ergründete 
hre  vom  physiologischen  Ionengleichgewicht  führt  so  dazu,  in  der  Trans- 
neralisation,  zu  der  im  weiteren  Sinne  auch  die  von  der  Czerny  sehen 
hule  studierte  Ammoniumbildung  gehört,  einen  feinsten  Regulations- 
'xhanismus  des  Organismus  zu  sehen. 

Franz  S  t  e  i  n  i  t  z  -  Breslau:  Ueber  Urotropinzystitis  bei  Scharlach. 

Anführung  von  7  Fällen.  „Das  Urotropin  muss  jedenfalls  als  ein 
ferenteres  Mittel  betrachtet  werden,  als  bisher  geschehen  ist.“ 

F.  S  t  0  1 1  e  -  Breslau:  Zur  Toxikosefrage. 

Die  Toxikose  ist  vermutlich  hervorgerufen  durch  physikalisch- 
te  mische  Veränderungen  (in  Haut,  Hirn,  Leber,  Niere,  Darm  und  Mus- 
latur),  die  zu  einer  allgemeinen  schweren  Protoplasmaschädigung  führen. 

Felix  v.  S  z  0  n  t  a  g  h  -  Debreczin:  Ueber  Genius  epidemlcus  et  loci. 

Eine  Fülle  von  Einzelheiten,  zum  Referat  ungeeignet. 

Fritz  B.  T  a  1  b  0  t  -  Boston,  Mass.:  Metabolism  Study  of  a  Case 
nulating  premature  Senility.  (With  2  Photos.) 

Studien  an  einem  Fall  (12  jähr.  Kind),  der  vollkommen  abweicht  von  den 
kannten  Beobachtungen  von  Progeria. 

H.  Vogt,  G.  Piltz  und  Ad.  Gatersleben  -  Magdeburg:  Ueber 
J  Häufigkeit  der  Lungentuberkulose  im  Schulalter. 

Richard  W  e  i  g  e  r  t  -  Breslau:  Praktische  Erfahrungen  zur  Aetiologie 
d  diätetischen  Therapie  der  Prurigo  infantum. 

Die  Prurigo,  Teilerscheinung  der  exsudativen  Diathese,  schliesst  sich 
ufig  an  an  fieberhafte  Erkrankungen  der  jungen  Säuglinge,  an  die  Pocken- 
mtzimpfung,  an  die  Ueberfütterung,  vor  allem  mit  Zucker  und  Ei,  an  Sol- 
d  Seebäder.  Diätetische  Massregeln  können  demgemäss  das  Neuauftret^n 
r  Prurigo  meist  verhindern,  gegen  das  bereits  aufgetretene  Leiden  gibt  es 
ine  medikamentöse  Massnahme. 

Wilh.  W  e  r  n  s  t  e  d  t  -  Stockholm:  Ungelöste  Probleme  in  der  Pylorus- 
■nosefrage.  (Zugleich  ein  Beitrag  zur  Kasuistik  der  kongenitalen  supra- 
pillären  Duodenalstenose.) 


Es  ist  zu  unterscheiden  zwischen  dein  (intermittierenden)  Pyloro- 
spasmus  und  der  spastischen  Pyloruskontraktur  (=  spastische  Pylorus¬ 
stenose),  zwischen  denen  es  fliessende  Uebergänge  gibt.  Die  Hypertrophie 
ist  in  der  Regel  eine  sekundäre  Arbeitshypertrophie. 

Albert  Uffenhcimer  -  München. 

Jahrbuch  für  Kinderheilkunde.  Band  101.  Heft  3  u.  4. 

Reinhold  Rühle:  Zur  Pathogenese  der  akuten  alimentären  Ernährungs¬ 
störungen.  X.  Mitteilung.  Eiweiss  und  Gährung.  (Aus  den  Kinderkliniken 
der  Universitäten  Marburg  und  Leipzig.  Dir.:  Prof.  G.  B  e  s  s  a  u.) 

Experimentelle  Untersuchungen,  welche  ergaben,  dass  die  Bakterien 
(Coli)  im  eiweissreichen  Nährsubstrat  mehr  Säure  bilden,  deren  Bindung 
an  Eiweiss  sie  für  die  Darmschlcimlraut  unschädlich  macht,  wobei  allerdings 
noch  aufzuklären  bleibt,  wodurch  es  seine  ausgesprochen  antidyspeptische 
Wirkung  entfaltet.  Zur  Klärung  dieser  Frage  sollen  weitere  Untersuchungen 
in  Angriff  genommen  werden. 

Kurt  Sehe  er  und  Fritz  Müller:  Zur  Physiologie  und  Pathologie 
der  Verdauung  beim  Säugling.  I.  Mitteilung:  Azidität  und  Pufferungsver¬ 
mögen  der  Fäzes.  (Aus  der  Universitätskinderklinik  in  Frankfurt  a.  M. 
Dir. :  Prof.  v.  M  e  1 1  e  n  h  e  i  m.) 

Die  Verf.  fanden,  dass  die  Azidität  der  Fäzes,  ausgedrückt  in  Prozent, 
abhängig  sei  von  der  Art  der  Nahrung  —  Frauenmilch  und  Nahrungen 
mit  viel  schwerer  resorbierbarem  Zucker  bewirken  saure,  Kuhmilch¬ 
mischungen  oder  Frauenmilch  mit  viel  Zusätzen  von  puffernden  Substanzen, 
mehr  alkalische  Stühle.  Zahlreiche  Stühle  an  einem  Tage  pflegen  sauer,  sel¬ 
tene  alkalischer  zu  sein.  Das  Pufferungsvermögen  der  Fäzes  ist  u  a  ab¬ 
hängig  1.  vom  Puffergehalt  der  Nahrung,  2.  von  der  Länge  des  Darmaufcnt- 
haltes. 

Stefan  E  d  e  r  e  r  und  Eugen  Kramär:  Untersuchungen  über  Azidose 
und  Hyperglykämie  in  dem  toxischen  Symptomkomplexe  des  Säuglingsalters. 
(Aus  der  Kinderklinik  der  Kgl.  ungarischen  Elisabeth-Universität,  derzeit 
im  Weissen  Kreuz-Kinderspital  zu  Pest.  Dir.  Prof.  Paul  Heim  und  dem 
physiologischen  Institut  daselbst.  Dir.:  Prof.  Geza  Farkas.) 

Nach  den  bei  20  Fällen  von  Intoxikationen  beim  Säugling  vorgenommenen 
Untersuchungen  erweist  sich  die  Azidose  als  ein  obligates  Symptom  der 
Intoxikation  jedoch  kann  ein  folgerichtiger  Zusammenhang  zwischen  der 
Schwere  des  klinischen  Bildes  und  dem  Grade  der  Azidose  in  der  Mehrzahl 
der  Fälle  nicht  festgestellt  werden.  Die  Schwankungen  des  Blutzucker¬ 
spiegels  können  mit  der  Azidose  als  ursächliches  Moment  allein  nicht  erklärt 
werden.  Dagegen  wird  die  hohe  Atmung  (Säureatmung)  gesetzmässig  von 
der  Azidose  bedingt.  Beim  Vorhandensein  einer  Glykosurie  findet  man  ge¬ 
wöhnlich  —  aber  nicht  immer  —  hohe  Blutzuckerwerte. 

F.  Rund:  Zur  Klinik  der  Encephalitis  epidemica  im  frühen  Kindesalter. 
(Aus  der  inneren  Abteilung  der  Kinderheilanstalt  zu  Dresden.  Leit.  Arzt: 
Sanitätsrat  Dr.  Brückne  r.) 

Klinischer  Beitrag  zur  Symptomatologie  der  Enzephalitis  im  frühen 
Kindesalter. 

Hyman  L.  R  a  t  u  0  f  f  -  Brooklyn  N.Y.:  Zur  Frage  vom  Wesen  des 
Icterus  neonatorum.  (Aus  der  chemischen  Abteilung  des  Rud.  Virchow- 
Krankenhauses  in  Berlin.  Dir.:  Prof.  Dr.  J.  W  0  h  1  g  e  m  u  t  h.) 

Verf.  fand  bei  75  Proz.  der  ikterischen  Neugeborenen  Blut  im  Stuhl 
und  glaubt  _  neben  anderen  Ursachen  (Infekt,  Funktionsuntüchtigkeit  der 
Leber)  für  einen  Teil  der  Fälle  eine  Schwäche  des  Gefässendothels  bzw.  der 
Gefässwand  als  Ursache  des  im  Stuhl  solcher  Kinder  nachzuweisenden 
okkulten  Blutgehaltes  annehmen  zu  müssen.  (Vielleicht  auf  der  Basis  eines  ' 
Infektes.  Ref.) 

Johann  v.  Petheö:  Ueber  Scharlach  und  Laugevergiftung.  (Aus  der 
Kinderklinik  in  Debreczen.  Vorstand:  Prof.  v.  S  z  0  n  t  a  g  h.) 

Mitteilung  von  sechs  einschlägigen  Fällen,  welche  den  e  Combustione 
an  die  Seite  zu  stellen  sind  und  nach  der  Szontagh  sehen  Schule  als 
Intoxikationen  auf  parenteralem  Wege  zu  deuten  sind. 

Elisabeth  Stephani:  Pathologisch-anatomische  Befunde  bei  Ernäh¬ 
rungsstörungen  der  Säuglinge.  (Aus  dem  pathologischen  Institut  der  Uni¬ 
versität  Leipzig.  Dir.:  Prof.  Dr.  Hueck.) 

Die  Verfasserin  teilt  zusammenfassend  mit,  dass  bei  den  akuten  Stö¬ 
rungen,  namentlich  solchen  mit  Zeichen  von  Intoxikation,  nahezu  konstant 
eine  schwere  Leberverfettung,  bei  gleichzeitiger  Fettarmut  oder  völligem 
Fettschwund  in  der  Nebennierenrinde  zu  finden  ist.  Die  akuten  Störungen 
zeigen  ferner  Hämosiderinablagerungen  nur  geringen  Grades  in  Milz  und 
Leber.  Bei  den  chronischen  Formen  (mit  Ausnahme  des  Mehlnährschadens) 
fehlen  Leberverfettungen  nahezu  oder  vollständig.  Dagegen  finden  sich  ganz 
auffallende  Hämosiderinablagerungen  vor  allem  in  der  Milz,  in  etwas  ge¬ 
ringerem  Maasse  auch  in  der  Leber.  Die  übrigen  Befunde  waren  ungleich- 
mässig  und  stimmen  nicht  völlig  mit  den  verschiedenen  klinischen  Bildern 
überein. 

Dimitry  Lebe  dev:  Zur  Frage  über  die  morphologischen  Variationen 
der  Askarideneier.  (Aus  der  Kinderklinik  der  medizinischen  Hochschule. 
III.  Medizinische  Fakultät  zu  Moskau.  Dir.:  Prof.  W.  J.  Moltschanow.) 

Verf.  konnte  konstatieren,  dass  die  Askarideneier  rein  morphologisch 
verschiedene  Varietäten  haben  können,  und  speziell,  dass  die  Eiweisshülle 
nicht  immer  typisch  gleichmässig,  wie  eine  gefaltete  Hülle,  von  allen  Seiten 
das  Ei  umgibt,  sondern,  dass  sie  nur  angedeutet  sein  oder  auch  ganz 
fehlen  kann. 

A.  Adam:  Bemerkung  zur  Arbeit  Zeissler  und  Räckell:  Zur 
Bakteriologie  des  Säuglingsstuhles.  (Aus  der  Heidelberger  Kinderklinik.) 
Jahrb.  f.  Kinderheilkde.  1922,  99. 

K.  Csdpai:  Ueber  Adrenalinresorption  und  Adrenalinwirkung.  (Aus 
der  I.  med.  Klinik  der  Universität  Pest.  Dir.:  Prof.  Dr.  B  ä  1  i  n  e  t.) 

Bemerkungen  zu  obigem  Artikel  von  C  a  h  n  und  Steiner,  siehe  d. 
Zschr.  1922. 

Robert  Cahn  und  Böla  Steiner:  Unsere  Arbeit  über  Adrenalin¬ 
resorption  und  Adrenalinwirkung  betreffend.  Zur  Erwiderung  auf  obigen 
Artikel  von  Herrn  C  s  6  p  a  i. 

Polemik. 

J.  Ambrus:  Ueber  gummöse  Syphilis  im  Säuglingsalter.  (Aus  der 
Universitäts-Kinderklinik  Debreczen.  Vorst.:  Prof.  Dr.  F.  v.  Szontagh.) 

Kasuistische  Mitteilung. 

Literaturbericht,  zusammengefasst  von  Dr.  R.  Hamburger  -  Berlin. 

O.  Rommel-  München. 


1212 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  ■ 


Deutsche  Zeitschrift  für  Nervenheilkunde.  78.  Bd.  3. — 5.  u.  6.  H. 

A  s  t  w  a  z  a  t  u  r  o  w  -  St.  Petersburg:  Ueber  biogenetische  Grundlagen 
der  Symptomatologie  der  Pyramidenerkrankung. 

Die  spastischen  Symptome  bei  Pyramidenerkrankungen  lassen  sich  am 
besten  verstehen,  wenn  man  sie  unter  biogenetischem  Gesichtspunkte  be¬ 
trachtet.  Durch  den  Ausfall  der  kortikalen  Einflüsse  auf  dem  Wege,  der 
Pyramidenbahnen  wird  die  Bedingung  für  das  Wiederauftreten  der  latent 
gewesenen  propriospinalen  Mechanismen  geschaffen.  Es  treten  daher  neben 
den  Ausfallserscheinungen  solche  Symptome  auf,  die  als  Rudimente  der 
phylogenetisch  alten  Funktionen  gedeutet  werden  müssen.  Hierher  gehört 
ohne  weiteres  der  Oppenheim  sehe  Fressreflex,  das  B  a  b  i  n  s  k  i  sehe 
Zeichen  als  Teil  einer  rudimentären  Greiffunktion.  Beim  Hemiplegiker  ist 
ebenfalls  die  bei  der  spastischen  Kontraktur  charakteristische  Stellung  des 
Fusses  als  ein  Ausdruck  der  den  Vorfahren  des  Menschen  eigentümlichen 
Greiffunktion  des  Fusses  zu  betrachten,  wie  auch  die  Kontrakturstellung  der 
oberen  Extremität  als  rudimentäre  Greiffunktion  gelten  muss. 

T.  W  a  t  a  n  a  b  e  -  Zürich:  Zur  Pathologie  der  Spinalganglien  mit  be¬ 
sonderer  Berücksichtigung  der  Zystenbildung. 

Verf.  hat  an  einem  grossen  Material  die  Spinalganglien  mit  Rücksicht  auf 
das  Lebensalter,  bei  Zirkulationsstörungen,  bei  Infektionskrankheiten,  Ver¬ 
giftungen  und  malignen  Tumoren  untersucht.  Bezüglich  der  Zystenbildung  in 
den  Ganglienzellen  liess  sich  nachweisen,  dass  diese  in  keinerlei  Zusammen¬ 
hang  mit  irgendwelchen  krankhaften  Prozessen  steht.  Sie  kommen  fast  nur 
bei  älteren  Leuten  unter  Bevorzugung  des  weiblichen  Geschlechtes,  vor  und 
können  als  Aequivalente  der  Zisternen  des  Gehirnes  angesehen  werden. 

A.  B  a  r  k  in  a  n  n  -  Karlstadt:  Ein  Fall  von  Dystrophia  myotonlca  mit  der 
paradoxen  Fusskontraktion  Westphals  und  einer  ähnlichen  Erscheinung 
der  Finger. 

K.  F  r  a  n  z  -  Heidelberg:  2.  Untersuchungen  des  Drucksinnes  mit  Reiz¬ 
haaren  nach  statistischer  Alethode. 

Zur  Untersuchung  des  Drucksinnes  wurden  Reizhaare  angewendet,  die 
beliebig  aufgesetzt  wurden.  Bestimmt  man  die  Prozentzahl  der  wirksamen 
Reize  für  eine  Serie  von  Reizhaaren  steigender  Kraft,  so  erhält  man  an  allen 
Körperregionen  für  die  Abhängigkeit  zwischen  Kraft  des  Reizhaares  und 
Häufigkeit  korrespondierender  Empfindung  eine  Kurve  von  charakteristischer 
Form.  Am  pathologischen  Objekte  angewendet  ist  diese  Methode  imstande, 
Sensibilitätsstörungen  aufzudecken,  welche  den  üblichen  klinischen  Methoden 
völlig  entgehen.  Zerebral  und  teilweise  spinal  bedingte  Hypästhesien  zeigen 
eine  absolute' Erhöhung  aller  Schwellen  für  Reizhaare  und  eine  sehr  starke 
Erhöhung  der  in  100  Proz.  wirksamen  Reizstärke.  Andere  spinale  und  alle 
peripheren  Erkrankungen  zeigen  spärliche  Punkte  mit  normaler  oder  fast 
normaler  Reizschwelle  und  ebenfalls  eine  Erhöhung  der  in  100  Proz.  wirk¬ 
samen  Reizstärke. 

H.  R  e  h  d  e  r  -  Altona:  Der  akute  hysterische  Affektreflex.  1.  Teil:  Ueber 
den  affektiven  Reflexbogen. 

Jeder  Affekt  ist  nicht  nur  von  körperlichen,  sondern  auch  von  Affekt¬ 
reflexen  im  Intellekt  (Autosuggestion)  primär  begleitet;  Affektreflexe  wie 
Autosuggestion  können  durch  sekundäre  Leistung  des  Intellektes  korrigiert 
werden.  Dabei  stellt  sich  die  Suggestibilität  dar  als  eine  auf  Grund  affektiver 
Ladung  herbeigeführte  Einengung  der  objektiven  Kritik  und  Ersatz  der  Kritik 
durch  den  Glauben  an  subjektive  Wahrnehmungen.  Im  Affekt  besteht  eine 
auffallende  Gebundenheit  der  3  Faktoren:  Affekt,  Kritik,  Körper  aneinander, 
die  sich  gegenseitig  beeinflussen.  Das  Resultat  dieser  Beeinflussung  ergibt 
das  subjektive  Befinden,  Störungen  dieses  den  endogenen  Komplex.  Dieser 
entsteht  durch  Aufmerkung  +  Autosuggestion  +  Affektreflexen.  Die  Art  und 
Weise,  ob  der  endogene  Komplex  unterdrückt  oder  abreagiert  wird,  bestimmt 
darüber,  ob  eine  neurotrope  Tendenz  gebildet  wird  oder  nicht.  Der  endogene 
Komplex  ist  Angstkomplex. 

H.  R  e  h  d  e  r  -  Altona:  Ueber  Massenhysterie.  2.  Teil:  Der  akute 
hysterische  Affektreflex. 

2  Beobachtungen  von  Massenhysterie  werden  im  Sinne  obenstehender 
Ausführungen  analysiert. 

L.  Benedek  und  E.  v.  Thurzö  - Debreczin:  Zur  Technik  der  intra- 
karotidealen  Injektionen  von  undurchsichtigen  Kolloidlösungen. 

Benützung  einer  gekrümmten  Nadel  mit  Glasansatzstück. 

C.  Bolten-Haag:  Die  paroxysmal-exsudativen  Syndrome. 

Asthma,  Migräne,  genuine  Epilepsie,  die  flüchtigen  Haut-  und  Schleim¬ 
hautödeme,  Urtikaria,  Hydrops  articulorum  intermittens,  auch  Dysmennorrhöe 
sind  als  gleichwertige  Erscheinungen  derselben  Genese  aufzufassen.  Ihnen 
liegt  eine  chronische  Autointoxikation  zugrunde  bei  einem  minderwertigen 
Nervensystem.  Die  Anfälle  für  sich  müssen  als  ein  Entladungsmechanismus 
zur  Entfernung  intermediär  toxischer  Substanzen  betrachtet  werden. 

E.  K  a  y  s  e  r  -  P  e  t  e  r  s  e  n  -  Frankfurt:  Zur  Geschichte  der  Gehirn¬ 
grippe. 

Bei  8  Influenzaepidemien  der  Geschichte  von  1580  an  kamen  jedesmal 
Fälle  vor,  die  durchaus  dem  Bilde  der  heutigen  Grippe-Enzephalitis  ent¬ 
sprechen. 

A.  B  a  r  k  m  a  n  n  -  Karlstadt:  Ein  Fall  von  Myxödem  mit  Symptomen 
vom  zentralen  Nervensystem. 

Fall  von  Myxödem  mit  Symptomen  von  seiten  des  Kleinhirns  und  wahr¬ 
scheinlich  auch  der  Stammganglien.  Die  gestörte  Schilddrüsenfunktion  übt 
anscheinend  einen  toxischen  Einfluss  auf  diese  Gehirnteile  aus. 

A.  H  a  n  s  e  r  -  Mannheim:  Sind  „zentral  entstehende  Schmerzen“  auch 
auf  medullärer  Pathogenese  möglich? 

Anlass  zur  Aufwerfung  obiger  Frage  gab  ein  Fall,  bei  dem  jahrelang 
heftige  Schmerzanfölle  in  der  rechten  Bauchseite  beobachtet  wurden,  während 
die  Operation  bzw .  Sektion  Gallensteine  neben  rechtsseitigen,  anscheinend 
von  einem  Unfall  htrrührenden  Rückenmarksveränderungen  aufdeckte.  Es 
kann  nach  Berücksichtigung  aller  Umstände  ang'enommen  werden,  dass  die 
Schmerzkrisen  ohne  die  Rückenmarksschädigung  nicht  aufgetreten  wären. 
Es  kann  also  im  allgemeinen  die  gestellte  Frage  bejaht  werden.  Doch  muss 
auch  andererseits  zugegeben  werden,  dass  die  ruhenden  Gallensteine  viel¬ 
leicht  die  auslösende  Ursache"  in  der  Peripherie  für  die  zentral  auftretenden 
Schmerzen  abgegeben  haben. 

P.  M  a  t  z  d  o  r  f  f  -  Hamburg:  Zur  Frage  über  den  Entstehungsmodus  des 
Kniephänomens. 

Die  von  K  r  a  h  m  e  r  beobachtete  Abhängigkeit  der  Sehnenreflexe  von 
Beinstellung  und  Schlagrichtung  des  Reflexhammers  ist  dadurch  erklärt,  dass 
die  reizperzipierenden  Organe  für  die  Auslösung  der  Sehnenreflexe,  wie  be¬ 


kannt,  in  den  Muskeln  liegen;  sie  beweist  nichts  gegen  die  Auffassung  dl 
Schnenreflexe  als  echte  Rückenmarksreflexe,  für  die  andere  Tatsachj 
zwingend  sprechen. 

O.  M  ü  1  1  e  r  -  Heidelberg:  Ueber  den  Einfluss  der  Kopf-  und  Augi 
Stellung  auf  die  Lokalisationsbewegung  des  Armes. 

Bei  der  Lokalisation  eines  median  vor  der  Versuchsperson  befindlich  1 
Punktes  ergeben  sich  durch  gleichzeitiges  Kopf-  oder  Augenwenden  seitwii:  i 
gesetzmässige  Abweichungen  der  Lokalisationsbewegung  gegenüber  ein  1 
Lokalisationsbewegung,  die  bei  median  gestelltem  Kopf  und  primärer  Blkl 
läge  der  Augen  ausgeführt  wird.  Die  Abweichung  macht  sich  geltend  1 
Seitwärtsverschiebung  der  Streuungsfigur.  Diese  Verschiebung  erfolgt  I 
entgegengesetztem  Sinne  der  Kopfwendung  oder  Augenstellung.  Sie  tritt  j 
gleicher  Weise  auf,  wenn  der  Zielpunkt  ausserhalb  der  Medianen  liegt  ul 
der  Kopf  in  ihr  steht.  Die  Lokalisationsbewegung  an  sich  hat  für  das  Zl 
standekommen  der  Verschiebung  keine  Bedeutung.  Vielmehr  beruht  jene  a 
einer  Beeinflussung  der  Lokalisationsbewegung  durch  eine  im  Augenblick  d 
Bewegung  vorhandene,  gegen  die  Norm  veränderte  optisch  räumliche  Vc 
Stellung.  Diese  Veränderung  besteht  darin,  dass  nicht  eine  einheitlicll 
sondern  zwei  disparate  Raumvorstcllungen  wirksam  sind.  Von  diesen  beid  l 
erhält  eine  das  Uebergewicht  dadurch,  dass  sie  an  das  Lokalisationsziel  g 
bunden  ist.  Dieses  zieht  die  Aufmerksamkeit  auf  sioh,  wobei  ein  Impuls  z 
Augenwendung  entsteht.  Die  Richtung  der  Aufmerksamkeit  oder  dieses  B 
wegungsimpulses  ist  massgebend  für  die  Richtung  der  Abweichung. 

H.  L  u  c  e  -  Hamburg:  Zur  Klinik  des  extraduralen  spinalen  Raum 
(Peripachymenlngitis,  Leukämie,  Hodgkin). 

I.  Fall  von  akuter  septischer  spinaler  Peripachymeningitis  lumbalis  ul 
Ausgang  in  Heilung.  2.  Leukämische  Neubildung  im  extraduralen  Rau.ne  dl 
unteren  Halsmarkes  mit  Kompressionserscheinungen.  3.  Extradurale  Hodgkil 
Neubildung  mit  Rückenmarkskompression  und  Heilung. 

Renner-  Augsburg.^ 

Klinische  Wochenschrift.  1923. 

Nr.  33.  J.  Z  e  i  s  s  1  e  r  -  Altona :  Die  anaeroben  Bazillen. 

Uebcrsichtsvortrag. 

Th.  B  r  u  g  s  c  h  und  H.  Hörsters  -  Berlin:  Cholerese  und  Choleretik 

Verfasser  setzen  auseinander,  dass  es  richtiger  ist,  auch  die  Gallel 
absonderung  vom  Standpunkt  der  Exkretion  (nicht  der  Sekretion!)  aus  I 
betrachten  und  in  der  von  ihnen  so  genannten  „Cholerese“  einen  analog! 
Vorgang  zur  Diurese  zu  erblicken.  Die  24  ständige  Cholerese  stellt  für  d,l| 
Organismus  eine  unter  gleichen  äusseren  Bedingungen  annähernd  konstanl 
Ausscheidung  fester,  hauptsächlich  kolloidal  gelöster  Körper  dar,  wobei  dj 
Konzentration  auch  eine  Funktion  der  Diurese  ist.  Das  Atophan  hat  g 
diesem  Sinne  eine  choleretische  Wirkung  in  hohem  Maasse. 

E.  Freudenberg  -  Marburg  und  P.  György  -  Heidelberg:  Tetan; 
und  Alkalosis. 

Verfasser  bringen  neue  Momente  zu  ihrer  These  bei,  dass  die  idi 
pathische  Tetanie  durch  gleichzeitiges  Zusammentreffen  von  alkalotische|r 
Stoffwechsel  und  Phosphatstauung  ausgelöst  wird. 

M.  L  a  u  r  i  t  z  e  n  -  Kopenhagen:  Coma  diabetlcum.  Behandlung  m 
Insulin-Adrenalin. 

Mitteilung  einer  Krankengeschichte,  einen  4  jährigen  Knaben  betreffen^ 
bei  dem  das  Insulin  zur  Ueberwindung  des  diabetischen  Koma  eine  beträchr 
liehe  Hilfe  geleistet  hatte,  wenn  der  Kranke  auch  schliesslich  plötzlich  a 
Herztod  starb.  Mittelst  einer  passenden  lnsulindosis  kann  ein  scftwerl 
Diabetes  auf  ein  leichteres  Stadium  zurückgeführt  werden. 

B.  O.  P  r  i  b  r  a  m  -  Berlin:  Die  Gastroenterostomie  als  Krankheit. 

Aus  seinen  Beobachtungen  kommt  der  Verf.  zum  Schlüsse,  dass  d|. 

nach  G.  auftretenden  Störungen  nicht  rein  aus  mechanischen  Momenten  e/i 
klärt  werden  können,  sondern,  dass  cs  sich  um  funktionelle  und  reflektorisch 
Störungen  handelt,  besonders  nach  der  hinteren  G„  welche  wahrscheinlid 
vom  Pylorus  und  Duodenum  ihren  Ausgang  nehmen. 

C.  B.  S  c  h  r  ö  d  e  r  -  Hamburg-Barmbeck:  Die  Behandlung  des  Reuet 
hustens  durch  Einspritzung  von  Alkohol  in  den  N.  lar.  superior. 

Verf.  fand  diese  von  S  p  i  e  s  s  angegebene  Methode  nicht  für  genügen, 
begründet.  Die  Anwendung  ist  bei  Kindern  unsicher,  kann  auch  una, 
genehme  Neben-  und  Folgewirkungen  haben. 

A.  A  d  a  m  -  Heidelberg:  Diastasebestimmung  für  klinische  Zwecke. 

Die  jodometrisch  den  Grad  der  Stärkeverdauung  bestimmende  Methocj 
beseitigt  eine  Reihe  von  Fehlerquellen  der  bisherigen  Methoden. 

H.  Herxheimer  -  Berlin:  Zum  Einfluss  des  Radfahrens  auf  die  Her: 
grosse. 

Die  Herzgrössc  gut  trainierter  Radfahrer  übertraf  die  der  Marathoi 
läufer  und  der  Ski-Langläufer  erheblich,  die  berufsmässigen  Radrennfahrd 
hatten  grössere  Herzen  als  die  Amateure.  Die  Herzzunahme  erstreckte  sic 
gleichmässig  auf  den  rechten  und  linken  Ventrikel,  dabei  ist  fraglich,  ob  s| 
als  eine  für  den  Organismus  nützliche  oder  schädliche  Veränderung  anzr 
sehen  ist. 

J.  E  r  d  e  1  y  i -Pest:  Die  Differenzierung  der  im  Felde  der  Lungei 
spitzen  sichtbaren  zirkumskripten  Schatten  auf  Grund  des  „Schluck 
Verfahrens“. 

Verkalkte  Drüsenherde,  Exostosen  an  Rippen  etc.,  welche  schatten 
bildend  wirken  können,  werden  besser  als  durch  Hustenlassen  durch  de 
Schluckakt  hinsichtlich  ihres  Sitzes  erkannt.  Zur  Untersuchung  der  Lungerl 
spitze  genügt  die  Aufnahme  nicht,  die  Schirmbeobachtung  ist  für  die  Bt. 
urteilung  der  Bewegungserscheinungen  mit  nötig. 

E.  S  c  h  i  1  1  i  n  g  -  Chemnitz:  Quantitative  Bestimmung  des  Bilirubins  h 
Harn.  Angabe  der  Methodik. 

Fr.  O.  Hess- Köln:  Zur  Adrenalinreaktion  beim  Menschen. 

Bemerkungen  zur  Arbeit  von  A  s  c  h  n  e  r,  S.  1060  d.  Wschr.  1923. 

K.  S  c  h  1  ä  p  f  e  r  -  Baltimore:  Zur  Frage  der  motorischen  Innervatl» 
des  Zwerchfelles. 

Die  Versuche  beweisen  eindeutig  die  motorische  Innervation  de 
Zwerchfells  bei  Hund  und  Macacus  durch  den  Nerv,  pbrenicus. 

G.  S  e  i  f  f  e  r  t  -  München:  Komplementbindung  bei  Tuberkulose.  Be 
deutung  des  Antigens.  Kurze  wissenschaftliche  Mitteilung. 

A.  N  i  e  d  e  r  m  e  y  e  r  -  Schönberg  O/L.:  Fusospirilläre  Mundboder 
Phlegmone.  Kasuistische  Mitteilung. 

S  a  k  o  r  r  a  f  e  s  -  Athen :  Sarkom  des  Mittelhirnes  unter  dem  Bilde  de 
Encephalitis  lethargica. 

Kasuistische  Mitteilung.  Grassmann  -  München. 


September  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1213 


Deutsche  medizinische  Wochenschrift.  1923.  Nr.  33. 

Nr.  33.  E  r  c  k  1  e  n  t  z  -  Breslau:  Ueber  die  Behandlung  des  Diabetes 

Insulin. 

Das  Insulin  ist  kein  Heilmittel  des  Diabetes,  es  unterstützt  nur  die 
;  otische  Behandlung  desselben. 

j  P.  K  a  r  r  e  r  -  Zürich:  Neuere  Anschauungen  über  den  Aufbau  der  poly- 
en  Kohlehydrate. 

L.  Dünner  und  H.  B  e  r  k  o  w  i  t  z  -  Berlin:  Blutuntersuchungen  bei 

arlzln. 

Betrifft  die  nach  Phlorizin  auftretende  vorübergehende  Abnahme  der 
izellen  (Leukopenie)  und  ihre  Beziehungen  zum  Zuckergehalt  des  Blutes. 

0.  Müller,  Schickler,  Mayer-List  -  Tübingen :  Ueber  Eigen- 
:  egu ngen  des  peripherischsten  Gefässabschnittes. 

Die  Verfasser  haben  bei  Hyperämie  (Nitroglyzerin,  Wärme  und 
m  a  r  c  h  sehe  Blutleere)  in  8 — 13  Proz.  der  Fälle  an  den  peripherischsten 
i  i Haren  rhythmische  (alle  lü  Sekunden)  Kontraktionen  feststcllen  können, 
sie  an  Arterien  und  Venen  bereits  bekannt  sind. 

L.  K  u  1 1  n  er  und  Löwenberg  -  Berlin:  Malaria  und  Schwarz- 
i  iserfieber. 

J  Zunehmende  Häufigkeit  von  Malariainfektionen.  Beschreibung  dreier 
e  von  Schwarzwasserfieber  in  Berlin.  Es  scheint  die  latente  Malaria  bei 
i  einen  durch  Salvarsan,  bei  dem  anderen  durch  Kalomelinjektionen 

voziert  worden  zu  sein. 

J.  H.  Schultz  und  J.  R  e  i  c  h  m  a  n  n  -  Dresden  (Weisser  Hirsch): 

Psychopathologie  des  Asthma  bronchiale. 

Bemerkungen  zu  den  Aufsätzen  von  Marx  und  Costa  (Nr.  15,  1923 
Nr.  41,  1922). 

C.  Bruhns  und  H.  D  i  1 1  r  i  c  h  -  Charlottenburg:  Zur  Frage  der  intra- 
balen  Syphilisbehandlung:  Inwiefern  tritt  bei  intravenöser  Salvarsan- 
pritzung  Arsen  in  den  Liquor  und  das  Gehirn  über? 

Nach  intravenöser  Neosalvarsanbehandlung  fanden  sich  in  einzelnen 
en  im  Liquor  oder  im  Gehirn  geringe  Mengen  von  Arsen.  Die  intra- 
ale  Behandlung  ist  bei  gewissen  Fällen  von  schweren  lanzinierenden 
merzen,  gastrischen  Krisen  u.  ä.  der  intravenösen  Behandlung  überlegen. 

H.  Franck  -  Kiel:  Ueber  Struma  bei  Schulkindern  in  Kiel  und  Tübingen. 
Statistische  Vergleiche, 

F.  G.  M  c  y  e  r  -  Schöneberg:  Behandlung  torpider  oder  klinisch 
itherieälinlicher  Wunden. 

M.  empfiehlt  energische  Behandlung:  Exzision  oder  Auskratzen  der 
idränder  und  des  Wundbettes,  Naht  mit  Drainage;  später  nach  Bedarf 
nsplantation. 

E.  Langer  und  E.  R  o  s  e  n  b  a  u  m  -  Berlin:  Ueber  Trichophytien  im 

glings-  und  frühen  Kindesalter. 

L.  Focher-Pest:  Ein  neuer  Weg  zur  intraparoxysmalen  Erkennung 
genuinen  Epilepsie. 

F.  benutzt  zur  Diagnose  gewisse  Störungen  des  W  e  b  e  r  sehen  Raum¬ 
es,  die  durch  subtile  Prüfung  mit ‘dem  S  p  e  a  r  m  a  n  sehen  Aesthesiometer 
ittelt  und  bei  organischen  Nervenleiden  sehr  häufig,  bei  genuiner  Epilepsie 
0  Proz.  gefunden  werden. 

B  o  e  n  n  i  n  g  h  a  u  s  -  Breslau:  Ueber  das  habituelle,  nicht  aus  der 
enscheidewand  stammende  Nasenbluten. 

Die  Quelle  dieser  selteneren  Blutungen  ist  eine  Vene  an  typischer  Stelle 
I  Nasenbodens  (Vena  liminis  nasi). 

A.  E  e  c  k  -  Szittkehmen:  Ueber  die  interne  Chloroformbehandlung  des 

hus. 

E-  empfiehlt  tägliche  Gaben  von  3  mal  12 — 15  Tropfen  Chloroform,  ver- 
t  in  Haferschleim  (auch  bei  Bazillenträgern),  welche  ohne  Störung  ver- 

en  werden. 

G.  Weil-  Horodyszcze:  Spasmophilie  beim  Brustkinde. 

Beobachtungen  über  gehäuftes  Auftreten. 

P  h  i  1  i  p  p  s  t  h  a  1  -  Berlin:  Wundinfektion  mit  Schweinerotlaufbazillus 
l  Menschen. 

5  Fälle.  Prompte  Wirkung  des  Serums  (0,1  ccm  auf  Kilo  Körper¬ 
et.  B  e  r  g  e  a  t  -  München. 

Medizinische  Klinik.  Heft  35. 

P  e  1  s  -  L  e  u  s  d  e  n  -  Greifswald:  Ueber  Röntgengeschwüre,  besonders 

I  chirurgische  Behandlung. 

Abgesehen  von  der  Prophylaxe  steht  an  erster  Stelle  die  operative  Be- 
llung  mit  Exzision  und  nachfolgender  Plastik. 

M.  Käppis  und  F.  Gerlach  -  Hannover:  Die  differentialdiagnostische 
sutung  der  paravertebralen  Novokaineinspritzung. 

Die  Nachprüfung  des  L  ä  w  e  n  sehen  Vorschlages  an  100  Fällen  hat  er- 
;en,  dass  bei  unklaren  Abdominalerkrankungen  die  paravertebrale  Injek- 
Vi  1  proz.  Novokainlösung  grosse  Bedeutung  erlangen  kann  zur  Ab- 
zung  der  schwer  lökalisierbaren  Schmerzen.  Besonders  wertvoll  ist  das 
ahren  für  diagnostische  Schwierigkeiten  bei  Gallenwcge-,  Nieren-,  Magcn- 
Wurmfortsatzerkrankungen. 

J.  Sorgo  und  E.  W  e  i  d  i  n  g  e  r  -  Wien:  Therapeutische  Versuche  mit 

getan  bei  Tuberkulose. 

Durch  die  Umstimmung  des  Gesamtorganismus  werden  nicht  nur  sub- 
!  ve  Besserungen  erzielt,  sondern  bei  Lungen-,  Larynx-  und  Drüsentuber- 
I  sen  haben  sich  auch  wesentliche  objektive  Veränderungen  ergeben, 
Lhe  ohne  bedenkliche  Reaktionen  auftraten  und  dadurch  die  spezifische 
Lrkulinbehandlung  in  den  Hintergrund  drängten. 

K.  Die  tl- Wien:  Ueber  Lungenbefunde  bei  Kindern  mit  extra- 
.  lonaler  Tuberkulose. 

Von  45  Kindern  zeigten  nur  16  (37  Proz.)  Lungenveränderungen,  die  auch 
: .  als  ausgeheilt  angesehen  werden  konnten. 

H.  Koopmann  - Hamburg:  Diagnostische  Oberhautimpfungen,  mit  Alt- 
i  rkulin  Koch  und  Perlsuchttuberkulin  in  einer  Privatschule. 

Ueber  die  Hälfte  der  geimpften  Schülerinnen  war  als  tuberkulös  infiziert 
iietrachtcn.  Durch  das  Perlsuchttuberkulin  scheint  cs  gelungen  zu  sein, 
(blich  mehr  tuberkulöse  Infekte  zu  erfassen. 

5  Windrath  -  Beringshausen:  Zur  Frage  der  P  o  n  n  d  o  r  f  scheu 

i  ung  bei  Lungentuberkulose. 

Mitteilung  von  4  Krankenberichten  mit  unerwünschten,  z.  T.  sehr 
!gen  Reaktionen  lokaler  und  allgemeiner  Natur.  Warnung  vor  wahllosem 
•  auch  der  P  o  n  n  d  o  r  f  sehen  Impfung  und  besonders  des  Impfstoffes  A. 


M.  S  e  r  o  g  -  Breslau:  Kasuistischer  Beitrag  zur  Frage  der  Gesundheits¬ 
störungen  durch  Hypnose. 

W.  L  ö  w  c  n  f  e  1  d  -  Wien:  Ueber  salvarsanrcsistcnte  Lues. 

F  G  e  r  1  a  c  h  -  Hannover:  Zur  Therapie  des  angioneurotischen  Oedems. 

Guter  und  dauernder  Erfolg  mit  Kalzium  (Ca.  lact.)  bei  einem  Fall  von 
Gelenkschwellungen. 

R.  Fuchs:  Zur  Therapie  des  Magen-  und  Duodenalgeschwürs. 

Empfehlung  der  Aolan-  bzw.  Milchtherapie.’  Daneben  sind  die  übrigen 
bewährten  Hilfsmittel  nicht  zu  vernachlässigen. 

H.  S  a  c  h  s  -  Heidelberg:  Zur  Theorie  des  serologischen  Luesnachweises. 

S. 

Schweizerische  medizinische  Wochenschrift.  1923.  Nr.  27,  28,  29. 

S  i  1  b  e  r  s  c  h  m  i  d  t-Zürich:  Erfahrungen  über  Kropfbekämpfung  mittelst 
jodhaltiger  Tabletten  bei  älteren,  schulentlassenen  Mädchen. 

Verschiedene  Autoren  haben  darauf  hingewiesen,  dass  beim  weiblichen 
Geschlecht  im  Pubertätsalter  besondere  Vorsicht  bei  Jodgebrauch  nötig  sei, 
so  dass  noch  fraglich  ist,  bis  zu  welchem  Alter  die  Kropfprophylaxe  in  der 
Schule  zu  empfehlen  sei.  Verf.  beobachtete  90  Schülerinnen  von  15  bis 
22  Jahten  und  fand  bei  Gebrauch  von  Jodostarintabletten  in  gewöhnlicher 
Dosis  keine  Schädigungen,  gute  Wirkung  auf  weiche  Kröpfe,  keine  auf  derbe 
Kröpfe.  Die  jüngeren  Schülerinnen  (15 — 16  Jahre)  reagierten  besser  als  die 
älteren. 

H.  W  i  e  1  a  n  d  -  Freiburg  i.  Br.:  Ueber  den  Verlauf  der  Oxydations¬ 
vorgänge.  Zu  kurzem  Referat  nicht  geeignet. 

K  o  1 1  a  r  i  t  s  -  Pest  (Davos):  Beziehungen  zwischen  Grippeparkinsonis¬ 
mus,  katatonischem  Stupor  und  Torticollis  „mentalis“.  Ueber  polyvalente 
‘Einstellung  des  Zitter-,  Spasmen-  und  Reflexmechanismus. 

Verf.  nimmt  an,  dass  beim  Zittern  und  bei  den  Spasmen  der  Reiz  von 
vornherein  polyvalent  auf  eine  grössere  Muskelgruppe  eingestellt  ist  und 
dass  es  deshalb  zur  Umschaltung  auf  andere  Muskeln  kommen  kann  (z.  B.  bei 
Parkinsonismus  aus  Beugestreck-Richtung  in  Supination-Pronationsrichtung, 
sobald  das  Beugen-Strecken  unmöglich  gemacht  wird).  Die  Starre  bei 
Parkinsonismus  kann  solche  Achnlichkeit  mit  katatonischem  Stupor  haben, 
dass  man  sich  fragen  muss,  ob  nicht  eine  mehr  verwandte  Lokalisation  der 
beiden  Prozesse  bestehen  könnte.  Der  Torticollis  „mentalis“  ist  kein 
psychisches  Leiden,  sondern  beruht  wahrscheinlich  auch  auf  Veränderungen 
im  Linsenkern. 

F  a  v  a  r  g  e  r  -  Leukerbad:  Balneotherapie  unter  dem  Gesichtspunkt  der 
unspezifischen  Reiztherapie. 

Auf  Grund  seiner  Erfahrungen  bei  ca.  200  Kranken  in  Leukerbad  zeigt 
Verf.,  dass  die  Zimmer  sehen  Regeln  der  Reiztherapie  auch  auf  die  Bäder¬ 
therapie  zutreffen  und  demgemäss  diese  zu  dosieren  sind.  Der  Reiz  ist  nicht 
proportional  der  Badezeit;  er  wächst  entsprechend  der  begrenzten  Resorp¬ 
tionsfähigkeit  der  Haut  mit  der  Badedauer  nur  in  gewissen  Grenzen.  Eine 
bestimmte  Badezeit  bewirkt  die  höchste  Reizdosis.  Für  jedes  Heilbad  sind 
demgemäss  die  Badezeiten  verschieden.  Nach  der  Sensibilisierung  durch  die 
ersten  Bäder  kommt  es  bei  richtiger  Dosierung  zu  optimalem  Reiz  bei  be¬ 
stimmter  Badedauer  und  dieses  Stadium  ist  durch  Einschalten  von  Bade¬ 
pausen  möglichst  lange  beizubehalten.  Gegen  Ende  der  Kur  gesteigerte 
Reizbarkeit,  deshalb  Herabsetzung  der  Badedauer. 

M  i  c  h  e  1  -  Davos:  Gaswechseluntersuchungen  an  einem  Falle  von 
Morbus  Basedowil  im  Hochgebirge. 

Bei  einem  mittelschweren  Fall  ging  der  abnorm  hohe  Sauerstoffverbrauch 
zur  Norm  zurück,  dabei. Zunahme  von  10  Pfund  und  Besserung  der  Allgemein¬ 
erscheinungen. 

Nr.  28.  Loewy-Davos:  Ueber  den  Energieverbrauch  beim  Skilauf. 

Untersuchungen  an  Skiläufern,  die  den  gleichen  Weg  bei  verschiedener 
Schneebeschaffenheit  mehrmals  mit  und  ohne  Skier  zurücklegten.  Dabei 
ergab  sich  erheblich  höherer  Energieverbrauch  bei  Benützung  der  Skier. 
Erhebliche  Energieersparnis  fand  sich  nur,  wenn  die  Versuchsperson  den 
grössten  Teil  des  Weges  abfahren  konnte.  Da  auch  auf  horizontalem  Boden 
der  Skilauf  mit  der  Empfindung  geringeren  Arbeitsaufwandes  einhergeht, 
ergibt' sich  das  Eigentümliche,  dass  der  scheinbar  leichteren  Fortbewegung 
in  Wirklichkeit  grösserer  Verbrauch  gegenübersteht. 

J  e  s  s  e  n  -  Basel:  Die  Tuberkulosesterblichkeit  in  der  Stadt  Basel 
1870—1919. 

Ausführliche1  statistische  Arbeit  mit  zahlreichen  Tabellen.  Sehr  deutlich 
tritt  die  Tatsache  zutage,  dass  während  des  Krieges  der  Hungerblockade  in 
Deutschland  vor  allem  auch  die  Tuberkulösen  zum  Opfer  fielen.  Die  Ver¬ 
gleiche,  die  Verf.  hier  zwischen  deutschen  Städten  und  Basel  zieht,  zeigen 
dies  ganz  einwandfrei.  In  Basel  wurde  durch  den  Krieg  die  Abnahme  der 
Tuberkulosesterbefälle  kaum  beeinflusst.  Interessant  ist  auch  die  Tatsache, 
dass  Paris,  an  der  Spitze  der  Kultur  marschierend,  von  1861 — 1900  eine 
Abnahme  der  Tuberkuloscsterblichkeit  von  nur  13,8  Proz.  hat,  gegenüber 
35  Proz.  in  London,  38,8  Proz.  in  Berlin,  40  Proz.  in  München,  41,8  Proz.  in 
Wien,  44  Proz.  in  Hamburg. 

Levy-Du  Pan -Genf:  La  Grossesse  inter-ligamentaire. 

L  i  e  b  m  a  n  n  -  Zürich:  Ueber  die  Verwendbarkeit  der  Kampfersäure  als 
Harndesinfiziens. 

Kampfersäure  3 — 4  g  täglich  ist  bei  akuter  und  chronischer  Zystitis  und 
Pyelitis  ein  wertvolles  Mittel,  oft  noch  wirksam,  wenn  die  anderen  Mittel 
versagen.  Gesamtdosis  nicht  über  60  g,  da,  dann  gelegentlich  Hämaturie 
und  Zylindrurie  auftreten. 

Flach- St.  Moritz:  Subkutane  traumatische  Darmruptur  ohne  be¬ 
wusstes  Trauma. 

Sturz  beim  Rodeln,  Kopfverletzung,  erst  längere  Zeit  danach  die  ersten 
Baucherscheinungen.  Bei  der  Operation  (innerhalb  der  ersten  6  Stunden) 
zehnpfennigstückgrosses  Loch  im  Jejunum,  beginnende  Peritonitis.  Glatte 
Heilung. 

Nr.  29.  Bernheim-Karrer  -  Zürich:  Die  moderne  Behandlung  der 
Syphilis  congenita  und  ihre  Resultate. 

Erst  seit  energischerer  Behandlung,  öfter  wiederholten  Kuren  sind  die 
Resultate  besser,  Rezidive  seltener.  Verf.  gibt  0,015  g  Neosalvarsan  per  Kilo 
Gewicht,  steigt  auf  das  Doppelte  oder  darüber,  dazu  Kalomelinjektionen  nicht 
über  0,001  g  per  Kilo,  einmal  wöchentlich.  Bei  ‘Neugeborenen  und  jungen 
Säuglingen  vorher  2  Wochen  lang  Hydrarg.  jod.  flavum. 

F  e  i  s  s  1  y  -  Lausanne:  Contribution  ä  la  questlon,  du  traitement  des 
plaies  atones.  (UIc6ration  ä  bords  cyanotiques  traltöe  par  le  sdrurn.  de 
cheval  en  applications  locales.) 


1214 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


v.  B  e  u  s  t  -  Zürich:  Ueber  Dialvergiftung. 

Ein  Kranker,  der  monatelang  Dial  in  kleinen  Dosen  genommen  hatte 
(0,1 — 0,2  g),  dann  die  Dosis  auf  0,3  und  0,4  g  steigerte  wegen  schliesslichen 
Ausbleibens  der  Wirkung,  bekam  grosse  Schwäche  in  den  Beinen,  so  dass  er 
nicht  mehr  stehen  konnte,  Zittern,  Gedächtnisschwäche,  Sprachstörung. 
Nach  Aussetzen  des  Mittels  Rückgang  aller  Erscheinungen.  Jedenfalls  ist 
langdauernder  Gebrauch  auch  kleiner  Dosen  nicht  harmlos. 

K  i  s  1 1  e  r  -  Brestenberg:  lieber  Herz  und  Zwerchfellhochstand. 

Verf.  hat  bei  dem  bekannten  Krankheitsbild  der  Herzbeschwerden  bei 
Zwerchfellhochstand,  auf  das  er  ausführlich  eingeht,  besonders  gute  thera¬ 
peutische  Erfolge  durch  Rudern  gesehen,  neben  entsprechender  Diät  und 
sonstiger  Behandlung. 

B  i  s  c  h  o  f  f  -  Lugano:  Ischaemia  cordis  intermittens. 

Als  Ischaemia  cordis  intermittens  bezeichnet  Verf.  ein  Krankheitsbild, 
hervorgerufen  durch  ungenügende  Versorgung  des  Herzmuskels  mit  Blut, 
durch  reinen  Spasmus  (Nikotin  etc.),  Gefässsklerose  etc.,  und  zwar  inter¬ 
mittierend  nach  Arbeitsleistung,  meist  nach  Gehen.  Es  treten  dabei  heftige 
Schmerzen  unter  dem  Sternum  auf,  Erhöhung  der  Pulsfrequenz  und  des  Blut¬ 
drucks,  keine  Dyspnoe.  Von  der  Angina  pectoralis  sind  diese  Fälle,  von 
denen  Verf.  4  beschreibt,  zu  trennen,  die  Prognose  ist  günstiger. 

L.  Jacob  -  Bremen. 


Vereins-  und  Kongressberichte. 

Medizinische  Gesellschaft  zu  Chemnitz. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  9.  April  1923. 

Vorsitzender:  Herr  Ha  uff  e  I.  Schriftführer:  Herr  König. 

Herr  Walther:  Demonstrationen. 

Herr  Schuster:  Ueber  spezifische  und  nichtspezifische  Lungenspitzen¬ 
veränderungen.  . 

Zur  Feststellung  einer  tuberkulösen  Lungenspitzenerkrankung  sind  mög¬ 
lichst  alle  Untersuchungsmethoden  anzuwenden.  Als  wertvoll  hat  sich  unter 
anderem  die  Tastperkussion  und  -palpation,  die  Schwellenwertperkussion 
nach  Goldscheider  und  die  extrathorakale  Perkussion  zur  Ermittelung 
beiderseitiger  Lungenerkrankungen  von  E  f  f  1  e  r  erwiesen.  Auskultations¬ 
befunde  sind  sorgfältig  zu  erheben.  Bei  bettlägerigen  Kranken  und  bei 
störenden  Geräuschen  in  der  Umgebung  haben  binaurale  Stethoskope  ihren 
Vorzug.  Phonendoskope  komplizierter  Natur  können  entbehrt  werden.  Auf 
die  Röntgendurchleuchtung  und  die  Spitzenaufnahme  sollte  nicht  verzichtet 
werden.  Mitunter  macht  sich  auch  eine  klinische  Beobachtung  mit  Kontrolle 
der  Temperatur,  des  Gewichtes  und  der  Tuberkulinreaktionen  nötig.  Aus¬ 
zuschalten  sind  Fehlerquellen  bei  der  Perkussion,  wie  sie  durch  ungleiche 
anatomische  Verhältnisse,  z.  B.  durch  Kyphose  oder  Struma,  bedingt  sein 
können.  Geringe  Veränderungen  des  Atmungsgeräusches  über  der  rechten 
Lungenspitze,  besonders  bei  Greisen  dürfen  nicht  überschätzt  werden.  Bei 
der  Deutung  des  Röntgenbefundes  ist  auf  die  gleichen  Momente,  welche  die 
perkutorischen  Ergebnisse  zu  fälschen  vermögen,  Rücksicht  zu  nehmen. 

Als  nichtspezifische  Lungenspitzenveränderungen  kommen  in  Betracht 
Spitzenbronchitiden,  Pneumokoniosen,  Stauungskatarrhe  der  Lungen,  Spitzen¬ 
pleuritiden  nach  Pleuropneumonien  oder  Verletzungen  und  infiltrative  nicht- 
tuberkulöse  Lungenprozesse,  wie  chronische  Pneumonien,  Lungengangrän  und 
Neoplasmen. 

Herr  Schilling:  Das  welsse  Blutbild,  seine  diagnostische  und  pro¬ 
gnostische  Bedeutung. 

Nach  Besprechung  der  Nomenklatur  der  weissen  Blutzellen  und  Demon¬ 
stration  normaler  und  krankhafter  Leukozyten  und  Lymphozyten  geht  VoHr. 
auf  die  BedeuFung  der  Zählung  der  Leukozytenzahl  an  sich  ein.  Jedoch  ist 
die  Differenzierung  der  weissen  Blutzellen  für  Prognose  und  Diagnose  weit 
wichtiger  als  die  einfache  Auszählung.  Das  Schema  nach  A  r  n  e  t  h  ist  zu 
kompliziert.  Die  S  c  h  i  1 1  d  n  g  sehe  Einteilung  ist  völlig  genügend.  Dia¬ 
gnostisch  kann  die  Differenzierung  des  Blutbildes  für  einzelne  Krankheiten, 
die  ein  typisches  Blutbild  haben,  wie  Vermehrung  der  Lymphozyten, 
Eosinophilen  usw.  von  grosser  Bedeutung  sein.  Findet  man  eine  Links¬ 
verschiebung,  so  weist  sie  mit  Bestimmtheit  auf  eine  organische  Erkrankung 
hin.  Zunehmende  Linksverschiebung  ist  prognostisch  ungünstig.  Abgesehen 
von  der  Linksverschiebung  ist  die  Zahl  der  Lymphozyten  von  Bedeutung. 
Lymphozytose  ist  prognostisch  günstig.  Geringe  Linksverschiebung  und  bei 
starker  Lymphozytose  muss  prognostisch  günstig  angesehen  werden.  Das 
Blutbild  soll  nur  zusammen  mit  dem  klinischen  Bilde  bewertet  werden,  ist 
aber  bei  gemeinsamer  Betrachtung  mit  diesem  von  grösster  Wichtigkeit. 

Diskussion:  Herr  Neubert. 


Medizinische  Gesellschaft  Giessen. 

Sitzung  vom  15.  Mai  1923. 

Herr  Feulgen  und  Herr  Rossenbeck:  Neue  Methoden  zum 
biologisch-histologischen  Studium  des  Zellkernes.  Vortragender  Feulgen. 

Versuche  mit  einer  neuen  Kernfärbemethode.  Sie  unterscheidet  sich  von 
den  bisher  bekannten  dadurch,  dass  sie  einen  mikrochemischen  Nachweis 
einer  Nukleinsäure  vom  Typus  der  Thymonukleinsäure  gestattet.  Schon 
früher  hatte  R.  Feulgen  gezeigt,  dass  bei  sehr  milder  Hydrolyse  der 
Thymonukleinsäure  die  Purinkörper  aus  dem  Molekül  abgespalten  werden, 
wobei  reduzierende  Gruppen  frei  werden,  die  eine  intensive  Violettfärbung 
mit  fuchsinschwefliger  Säure  geben  (Aldehydreaktion).  Zucker  geben  diese 
Reaktion  nicht,  dementsprechend  auch  nicht  die  pentosehaltigen  Nuklein¬ 
säuren  (Hefenukleinsäure,  Guanylsäure,  Inosinsäure).  Taucht  man  ein 
fixiertes  Eiterausstrichpräparat  in  die  an  sich  farblose  oder  schwach  gelb 
gefärbte  fuchsinschweflige  Säure,  so  ist  keinerlei  Vorbedingung  für  die  Ent¬ 
stehung  eines  Farbstoffes  gegeben,  da  Aldehydgruppen  in  der  Thymonuklein¬ 
säure  zwar  vorhanden,  aber  wegen  Bindung  an  den  Purinkörper  noch  nicht 
frei  sind.  Wird  das  Präparat  aber  vorher  einer  milden  sauren  Hydrolyse 
unterworfen,  so  werden  die  Purinkörper  rasch  abgespalten  lange  vor  der 
morphologischen  Auflösung  des  Kerns.  Taucht  man  nunmehr  das  Präparat  in 
die  fuchsinschweflige  Säure,  so  verbindet  sich  diese  mit  den  freigewordenen. 


|  aber  noch  in  situ  befindlichen  Aldehydgruppcn  zu  einem  intensiven  Farbstr 
Auf  diese  Weise  erhält  man  eine  „Kernfärbung“,  die  sehr  elektiv  ist.  da 
Protoplasma  Aldehvdgruppen  nicht  Vorkommen.  Allgemein  werden  Nukle 
säuren,  welche  diese  Reaktion  geben,  Nuklealkörper  genannt,  da  die  Reakti 
über  das  Vorhandensein  des  Thymins,  nachdem  die  Thymonukleinsäure  ihr 
Namen  trägt,  nichts  aussagt.  Die  Färbung  als  solche  heisst  Nuklealfärbui 
Nuklealkörper  wurden  in  a  1 1  e  n  tierischen  Kernen  bis  herab  zu  den  Protozn 
gefunden.  Hefe,  welche,  wie  bekannt,  die  pentosehaltige  Hefenukleinsät 
enthält,  gibt  diese  Reaktion  nicht.  Auch  Bakterien  verhalten  sich  negat 
Aus  höheren  Pflanzen  hat  man  (aus  Weizenembryonen)  die  TritikonukU 
säure  isoliert,  die  auch  Pentose  enthält  und  mit  der  Hefcnuklcinsäure  idente,; 
ist.  Sie  gibt  also  keine  Nuklealreaktion.  Da  nun  die  Hefenukleinsäure  .% 
die  „pflanzliche“  Nukleinsäure  gilt,  so  war  zu  erwarten,  dass  die  pflanzlich! 
Kerne  die  Nuklealfärbung  nicht  geben  würden.  Das  ist  aber  nicht  der  Pa.: 
pflanzliche  Kerne  geben  ebenso  schön  wie  tierische  Kerne  die  Nuklealfärbma 
womit  die  überwiegende  biologische  Bedeutung  einer  Nukleinsäure  vc 
Typus  der  Thymonukleinsäure  (Nuklealsäure)  erwiesen  ist.  Es  ist  au 
gelungen,  aus  pflanzlichen  Objekten  den  Nuklealkörper,  wenn  auch  noch  nk 
rein,  daizustellen ;  er  gibt  genau  wie  die  Thymonukleinsäure,  auch  in  vit 
die  Nuklealreaktion. 

Aussprache:  Herren  Bürker,  Griesbach,  Küster,  Stepji 
Becher. 

Sitzung  vom  5.  Juni  1923. 

Herr  v.  d.  Hütten:  Ueber  Diphtherie  der  Nasennebenhöhlen  ui 
Diphtheriebazillennachweis. 

Entgegen  der  bisherigen  Ansicht,  dass  eine  derartige  Lokalisation  d 
Diphtherie  selten  sei,  muss  nach  den  Untersuchungen  W  o  1  f  f  s  angenomm 
werden,  dass  Diphtherie  der  Nasennebenhöhlen  bei  Diphtherie  der  ober 
Luftwege  häufig  vorkommt,  nur  sind  die  klinischen  Symptome  meist  so  il 
charakteristisch,  dass  die  Nebenhöhlenaffektion  übersehen  wird.  Da  eini 
seits  bei  Diphtherie  die  klinischen  Erscheinungen  im  Stich  lassen  könnt! 
andererseits  Diphtheriebazillen  gefunden  werden  bei  Krankheiten,  die  nal 
unserem  heutigen  Standpunkt  mit  Diphtherie  nichts  zu  tun  haben,  so  müssl 
sich  klinischer  Symptomenkomplex  und  bakteriologische  Untersuchung  gegi/ 
seitig  ergänzen. 

Aussprache:  Herren  Brüggemann,  Gotschlich',  v.  Ja  sch  k 

Herr  Telchert:  Neue  direkte  Untersuchungsmethoden  des  Kehlkop 

Demonstration  der  Untersuchung  mit  dem  S  e  i  f  f  e  r  t  sehen  Autosk! 
am  sitzenden  Kranken,  vergleichende  Indikationsstellung  mit  anderen  direkt) 
Untersuchungsmethoden  des  Kehlkopfs  unter  besonderer  Berücksichtigung  cp 
K  i  1 1  i  a  n  sehen  Schwebelaryngoskopie  und  der  S  e  i  f  f  e  r  t  sehen  Autoskop!« 

Aussprache:  Herr  Brüggemann. 


Medizinische  Gesellschaft  Göttingen. 

(Eigener  Bericht.) 

Sitzung  vom  26.  Juli  1923. 

Vorsitzender:  Herr  S  c  h  u  1 1  z  e.  Schriftführer:  Herr  v.  Gaza./  I 

Herr  Leber:  Aerztliches  aus  Java.  (Mit  Lichtbildern.) 

Nach  einem  Hinweis  auf  die  spezielle  Eigenart  der  tropenärztlichj 
Tätigkeit,  die  vor  allem  eine  gründliche  Ausbildung  und  das  Verfügen  üt> 
ein  ausgedehntes  Instrumentarium  und  I  aboratorium  voraussetzt,  wird  J 
Näheren  eingegangen  auf  die  Akklimatisierungserscheinungen,  die  sehr  br. 
nach  dem  Verlassen  der  gemässigten  Zone  eintreten.  Die  bisher  bekannt' 
im  Chemismus  des  Blutes  und  des  Stoffwechsels  in  Erscheinung  tretend* 
Phänomene  (A  r  n  e  t  h  sehe  Verschiebung  nach  links,  Blutdrucksteigeruii: 
Blutzuckervermehrung)  halten  in  den  Tropen  an  und  nehmen  zu  und  erklär, 
bis  zu  einem  gewissen  Grade,  dass  bei  uns  heimische  Krankheiten  in  d 
Tropen  entweder  ganz  fehlen  oder  ein  anderes  Bild  aufweisen  (Diabetel 
Auf  die  Beziehungen  von  Syphilis  und  Frambösie,  Frambösie  und  Epitheliml 
ihre  Abweichungen  trotz  naher  Verwandtschaft  wird  hingewiesen. 

Eingehend  wird  die  Tropentuberkulose  besprochen,  deren  Verlauf  als  <i 
stark  proliferativer,  exsudativer  Prozess  mit  Reparationserscheinungen  um! 
Fieber  dargestellt  wird. 

Verlauf  und  Zunahme  sämtlicher  Infektionskrankheiten  in  den  Trop' 
wird  bei  den  primitiven  Völkern  sehr  stark  beeinflusst  durch  die  mit  d' 
Kulturwandel  einhergehenden  Schädigungen  (Veränderung  der  Beköstigung 
form  und  der  Wohnungen,  der  Arbeitsbelastung  usw.).  Diese  Schädigung) 
lassen  sich  im  grossen  weitgehend  paralysieren  durch  die  Massnahmen,  v| 
sie  bei  einer  geregelten  Plantagenhygiene  möglich  sind  (Dysenterieprophyla 
Ankylostomiasisbekämpfung  usw.).  Eine  richtige  Plantagenhygiene  ist  <f 
beste  Kapitalsanlage  und  hat  sich  bei  den  meisten  Kulturunternehmungen  dui 
eine  Gewährleistung  gleichmässiger  Arbeit  seitens  der  inländischen  Arber 
bewährt. 

Eine  Auswanderung  für  deutsche  Aerzte  nach  den  Tropen  empfiehlt  sj 
nur  nach  gründlicher  Aus-  und  Vorbildung  auch  in  Tropenkrankheiten  für  dt 
jenigen,  die  bereit  sind,  die  Opfer,  welche  die  Tropen  fordern,  zu  bringen; 


Medizinische  Gesellschaft  zu  Jena. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  26.  Juli  1923. 

Tagesordnung: 

Herr  Simmel:  Fraktionierte  Hämolyse. 

Bei  der  Fortführung  früherer  Untersuchungen  (siehe  d.  Wschr.  1 9| 
S.  1742)  ergaben  sich  neue  Möglichkeiten  der  Zerlegung  des  im  Blut  vtl 
liegenden  Gemenges  ungleichartiger  und  biologisch  verschieden  reagieren, 
Erythrozyten.  Verdünnt  man  Blut  mit  physiologischen  Salzlösungen  stuf' 
weise  verschiedenen  Hypotoniegrades,  so  lassen  sich  zunächst  verschied: 
resistente  Erythrozytenfraktionen  rein  zahlenmässig  festlegen  (sog.  Resistei' 
bild).  Innerhalb  dieser  Fraktionen  ermöglicht  die  Anwendung  der  vital 
Färbung  (Brillantkresylblaufärbung  in  der  Zählkammer)  nun  weih* 
Differenzierung.  Hierdurch  liess  sich  (zunächst  am  Kaninchen,  Untersuchung 
1  am  Menschen  sind  noch  nicht  abgeschlossen)  eine  Klärung  der  umstritten 
Frage  gewinnen,  in  welcher  Beziehung  Alter  und  osmotische  Resistenz  t 
Erythrozyten  zueinander  stehen,  denn  die  vital  granulären  Elemente  stell 
nach  übereinstimmender  Ansicht  aller  Hämatologen  die  jungen  Erythrozyl 


fl.  September  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


dar.  Es  ergibt  sieh,  dass  junge  Erythrozyten  i  ni  Durchschnitt 
l  osmotisch  resistenter  sind  als  alte.  Die  resistenten  Fraktionen  enthalten 
•  prozentual  mehr,  die  weniger  resistenten  Fraktionen  weniger  vitalfärbbarc 
Erythrozyten,  als  dem  Resistenzbild.  d.  h.  dem  Verteilungstypus  aller 
,  Erythrozyten  auf  die  verschiedenen  Fraktionen,  entspricht.  Im  ci  n  ■/.  e  I  n  e  n 
es  aber  vital  granuläre  Erythrozyten,  die  weniger  resistent  sind  als 
einzelne  mchtgranuliertc,  also  ältere  Elemente. 

ferner  findet  sich  beim  mit  Phenylhydrazin  (in  einmaliger  grösserer 
v.erKlftet,cn  Kaninchen,  dass  die  auf  einem  vollkommen  andersartigen 
Mechanismus  als  die  in-vitro-Hämolyse  in  hypnotischem  Milieu  beruhende 
int  r  a  v  i  t  a  Ie  Gifthämolyse  erst  ganz  spät,  am  4./5.  Tag.  an  den  jungen 
Elementen  mit  Granula  filamentosa  sichtbar  wird,  obwohl  bereits  einige 
Munden  nach  der  Vergiftung  zahlreiche  andere  Erythrozyten  (jift  gebunden 
haben.  Letzteres  wird  dadurch  erkennbar,  dass  bei  der  fraktionierten  Hämo¬ 
lyse  m  grosser,  auch  zahlenmässig  bestimmbarer  Menge  die  Morawitz- 
sclien  „pachyderinen“  Erythrozyten  erkennbar  werden.  Man  sieht  in  den 
Zählkammern,  weiche  partiell  gelöstes  Blut  enthalten,  zahlreiche  „Schatten“ 
abnormer  Art:  im  Raum  eines  Kreises,  dessen  Umfang  im  allgemeinen  etwas 
kleiner  ist  als  ein  normaler  Erythrozyt,  liegen  eine  Anzahl  grösserer  und 
kleinerer,  meist  unregelmässig  rundlich  gestalteter  Körnchen.  Sie  sind  färb- 
los,  stark  lichtbrechend,  nicht  doppeltbrechend  und  werden  durch  ehe  auch 
iin  Dunkelfeld  nicht  mehr  erkennbare  „Grundsubstanz“  zusammeng  halten 
Bei  längerer  Beobachtung  erliegen  einzelne  dieser  „Schatten  aus  vermehrtem 
,,ücl'  def  Hämolyse,  offenbar  wird  die  „Grundsubstanz“  gelöst,  denn 
;  die  Körnchen  können  nur  durch  Flüssigkeitsströmungen  im  Präparat  aus- 
I  emandergetrieben  werden.  Erst  nach  Tagen  sind,  wie  erwähnt,  diese  Phäno¬ 
mene  an  vital  granulären  Erythrozyten  ebenfalls  nachweisbar. 

Herr  \\  assmann:  Pubertätswachstum  und  Kümmerformen. 

Vortr.  hat  das  in  der  Med.  Poliklinik  Jena  über  die  Entwicklung  jugend¬ 
licher  Arbeiter  gesammelte  Material  zusammengestellt. 

Nach  kurzer  historischer  Einleitung  gibt  er  eine  Ucbersicht  Uber  die  ge¬ 
bräuchlichsten  Formeln  zur  Feststellung  des  Normal-  bzw.  Optimalgewichts. 
Er  \  ersucht  dann  auf  Grund  des  Materials  sich  eine  Normalkurvc  des  Ge¬ 
wichts  der  Körperlänge  herzustellerj.  Unter  normal  versteht  er  nur  die  best- 
entwickelten  Individuen.  Die  Kurven  beginnen  mit  dem  14.  Lebensjahr  und 
•endigen  mit  dem  18.  Beide  zeigen  anfangs  einen  ziemlich  steilen  Anstieg, 
jJcr  etwa  bis  zum  16.  Jahre  reicht,  entsprechend  der  Pubertätsentwicklung 
Vom  16.-18.  Jahre  geringer  Anstieg  der  Kurven.  Als  Normalzahlen  fand  er 
l'ür  die  14jährigen  ein  Gewicht  von  51  kg  nackt  und  eine  Länge  von  159  cm. 
IRir  die  18jährigen  64,6  kg  und  174  cm.  Normalentwickelte  wurden  in  etwa 
JO  Proz.  gefunden. 

I  Dann  geht  Vortr.  auf  den  Begriff  der  Kümmerformen  ein.  Er  fand  für 
]Jiese  bei  den  14jährigen  ein  durchschnittliches  Gewicht  von  31.1  kg  und 
dne  durchschnittliche  Länge  von  142,3  ctn.  Die  Genitalentwicklung  setzt 
l’ei  diesen  Individuen  etwa  erst  Ende  des  16.  Jahres  ein.  Dies  zeigt  auch 
J deutlich  die  Kurve  des  Gewichts  und  der  Körperlänge,  die  bis  zu  diesem 
i Zeitpunkt  einen  fast  vollkommenen  Stillstand  aufweist,  dann  aber  vorn 
117.  Jahre  an  einen  ziemlich  steilen  Anstieg  zeigt.  Kümmerformen  wurden 
n  etwa  15  Proz.  der  Fälle  gefunden. 

Herr  Stiidcmann:  Quantitative  Messung  der  Wirkung  verschiedener 
Vnästhetika  auf  die  Hornhaut. 

.  ..  ,^llr  Prüfung  wurden  von  F  r  e  y  sehe  Reizhaare  in  neun  verschiedenen 
'türken  verwendet,  die  eine  exaKte  Abstufung  der  Reize  gestatten.  Die 
versuche  wurden  an  Kaninchen  in  der  Weise  vorgenommen,  dass  zunächst 
■or  dem  eigentlichen  Versuch  die  Scnsibilifät  der  zu  untersuchenden  Horn- 
läute  geprüft  wurde.  Als  Kriterium  dafür,  ob  ein  Reiz  empfunden  sei,  wurde 
iui  reflektorischen  Lidschlag  oder  ein  Lidzucken  geachtet.  Es  wurden  immer 
ünf  Reize,  je  einer  oben,  unten,  nasal,  temporal  und  zentral  gesetzt.  Wenn 
lasjenige  Reizhaar  ermittelt  war,  bei  dem  alle  fünf  Reize  gerade  mit  Reflex 
>eantwortet  wurden,  erfolgte  das  Einträufeln  des  zu  u  Versuchenden  An- 
isthetikums.  Infolge  der  anfänglichen  Unruhe  der  Tiere  war  es  nicht  möglich, 
len  Anstieg  der  Anästhesie  festzulegen,  dagegen  gelang  cs,  ihren  Abfall  mittels 
,  allender  Reizhaarstärken  fcstzustellen  und  in  Kurven  wiederzugeben.  Es 
| verden  Kurven  gezeigt  für  verschiedene  Konzentrationen  von  Kokain  und 
ür  miteinander  verglichene  4  proz.  Kokain-,  Novokain-,  Alypin-  und  2  proz. 
lolokaihlösungen.  sowie  für  Kokainlösungen  ohne  und  mit  Suprareninzusatz, 
iic  dessen  verlängernde  Wirkung  zeigten. 

— 

t 

Aerztlicher  Kreisverein  Mainz. 

(Offizielles  Protokoll.) 

Sitzung  vom  13.  Juli  1923. 

Herr  Gg.  B.  Gruber:  Vorweisung  pathologisch-anatomischer  Befund- 

tücke  und  Besprechung  der  mit  ihnen  zusammenhängenden  klinischen  Er¬ 
lernungen.  Aus  dem  Rahmen  des  Gewöhnlichen  fielen  dabei  heraus: 

1.  Rechtsseitige  Nierentuberkulosc  eines  alten  Mannes.  Obliteration  eines 
'reters  durch  tuberkulöses  Gramilationsgewebe.  Kavernenbildung  in  der 
’rostata,  Nebenhoden-,  Samenleiter-  und  Samenblasentuberkulose.  ulzeröse 
uherkulose  der  Harnröhre,  des  Orificium  externum  urethrac  und  des  inneren 
orhautblattes.  Es  bestand  eine  tuberkulöse  Balanitis:  das  Präputium  war 
ur  massiv  geschwellt. 

2.  Mächtiges  Lebersarkom  mit  Einbruch  in  die  Pfortader,  entstanden  aus 
hi  cm  primären,  gemischtzelligen  Sarkom  der  Gallenblase  bei  einer  an  Chole- 
thiasis  leidenden  Frau.  Ductus  hepaticus  war  frei.  Kein  Ikterus.  Kleine 
lerde  von  Patikreaslcttgewcbsnekro.sc.  Keine  Sarkommetastasen. 

3.  2  Beobachtungen  von  Pankreaskopfkarzinom  mit  Abklcmmung  des 
•uctus  choledochus  und  hochgradigstem  Iktcrus.v  Keine  Metastasierung  des 
’ankreaskrebses. 

4.  Schwerste  gummöse  und  vernarbende  Lues  der  Leber  und  der  Milz 
ei  einer  etwa  50  jährigen  Frau.  Zugleich  bestand  massig  ausgeprägte  Aortcn- 
andsyphilis  und  -atheromatose.  sowie  eine  luetische  Meningoenzephalitis. 

5.  Hochsitzendes,  rückwärtiges  Oesophagus-Diverticulum  pulsionis  nach 
e  n  k  e  r.  Es  stammte  von  einem  alten  Arzt,  der  das  Divertikel  an  sich 

elbst  schon  10  Jahre  vor  seinem  Tod  festgestcllt  hatte.  Der  Sack  war 
irschgVoss  und  konnte  nach  dem  Essen  von  seinem  Träger  dadurch  will- 
iirlich  entleert  werden,  dass  er  seinen  Kopf  und  Hals  stark  vorneüber  beugte 
nd  würgte.  Der  Eingang  des  Divertikels  war  weit,  er  klaffte,  etwa  1,5  cm. 
'er  Divertikelsack  entbehrte  der  Muskulatur.  Unter  dem  Ort  des  Divertikel¬ 
ingangs  war  eine  Schleimhautcnge  der  Speiseröhre;  während  diese  sonst 


aufgeschnitten  in  der  Quere  4—5  cm  tnass,  betrug  hier  Ihre  Breite  nur 
,  .  cm.  Narben  fehlten.  Die  klinischen  Beschwerden  des  Divertikels  waren 
ko  dem  damals  über  60  Jahre  alten  Mann  allmählich  entstanden.  Es  ist 
anzu nehmen,  dass  mechanische  Umstände  (grobe  Bissen!)  die  Schleimhaut 
und  Submukosa  zwischen  den  an  jener  Stelle  wenig  starken  Muskelfasern 
hernios  ausgestülpt  haben,  entsprechend  den  Anschauungen  von  Zenker 

!“|V°M  U  brr’  de,r  a,s  Vorbedingung  auf  schlechte  Kauwerkzeuge 
solcher  Menschen  hingewiesen  hat 


Kleine  Mitteilungen. 


Deutsche  Röntgengesellschaft. 


....  ",  überstürzende  Geldentwertung  macht  eine  rechtzeitige  Ver¬ 

öffentlichung  entsprechender  Tarife  unmöglich.  Die  Tatsache,  dass  die 
Rontgenologen  alle  Unkosten,  Platten,  Röhren  und  Apparate  zum  Friedens¬ 
preis  in  Gold  bezahlen  müssen,  zwingt  uns  dazu,  ebenfalls  auf  GolJbasis  zu 
gehen.  Die  Herbeiführung  eines  Beschlusses  der  Mitglieder  ist  zurzeit  un- 
moglich  Ich  mache  daher  als  Vorsitzender  der  D.R.G.  und  als  Vorsitzender 
des  Wirtschaftlichen  Verbandes  den  Vorschlag,  von  heute  ab  die  Honorare 
auf  Goldbasis  zu  (berechnen.  Als  Uebergang  wird  zunächst  der  halbe 
Eriedenspreis  vorgeschlagen,  sowohl  für  die  Privat-,  wie  auch  für  die  Kassen¬ 
praxis.  Eür  die  Kassenpraxis  schlage  ich  folgenden  Organtarif  vor:\ 


Film  .  .  .  . . 

Finger  und  Zehen  (2  Aufnahmen) 

Mittelhand,  Mittelfuss.  Handgelenk,  Fuss,  Ellenbogen  (2  Aufnahmen) 
Oberarm,  Unterschenkel,  Knie,  Obeischenkcl  (2  Aufnahmen) 

Schulter . ‘ 

Zweite  Aufnahme . ] 

Teil  vom  Becken,  z.  B.  Hüfte 

Zweite  Aufnahme . ' 

Ganzes  Becken  (24/30)  .......  i  ! 

Ganzes  Becken  (30/40) . \  *  \  *  *  j  * 

Schädel  und  Nasennebenhöhlen  (2  Aufnahmen)  . 

Kiefer  .  .  .  .  . . 

Halswirbel  (2  Aufnahmen) .  *  * 

Wirbel . !..!.[ 

jede  folgende .  * 

Rippen  einschliesslich  Durchleuchtung . ’  ’ 

Niere  einseitig/  (3  Aufnahmen) . .  .  .  . 

andere  Seite  (2  Aufnahmen) . 

Lungenspitze,  Struma,  Halsrippe,  Sternum  (1  Aufn.)  einschl.  Durchh 
Lunge,  Oesophagus,  Herz,  Durchleuchtung  (1  Aufnahme)  .  .  .  . 

Ganze  Lunge,  Durchleuchtung  (2  Aufnahmen) . 

Magen  3  Durchleuchtungen  (2 — 3  Aufnahmen) . 

Darm  mit  Einlauf,  Durchleuchtung  (1  Aufnahme) 

Einfache  Durchleuchtung . 


4.— 
6.— 
9.— 
12.— 
8.— 
4.— 
8  — 

4. — 
10.— 
12.— 
15.— 

7.— 
12  — 
9.— 
5  — 
15.— 
20.— 
12  — 
13.— 
22.— 
26.— 
30  — 
22.— 

5. — 


Therapie. 


Oberflächentherapie  mit  oder  ohne  1 — 2  mm  AI . 0,09 

Vollwertige  Tiefenfherapie  mit  Schwerfilter  pro  M.A.M.:  1 — 250  MA  •  0  15, 
bis  500  M.A.:  0,12,  bis  1000  M.A.:  0,10. 

Nicht  vollwertige  Apparate  Filter  3—6  mm  Al.  1 — 250  M.A.:  0,12,  bis 
500:  0,10,  bis  1000:  0,08. 

Von  diesen  Preisen  also  die  Hälfte  auf  Goldbasis,  Zahlung  wöchentlich. 
In  der  Privatpraxis  ebenfalls  halber  Friedenspreis,  bei  der  Therapie,  z.  B. 
Oberflächenbestrahlung  15,  vollwertige  25,  nicht  vollwertige  20  Goldpfennige. 
Den  örtlichen  Vereinigungen  muss  es  Vorbehalten  bleiben,  diesen  Tarif  durch¬ 
zusetzen.  Prof.  H  a  e  n  i  s  c  h  -  Hamburg. 

Nach  Bekanntgabe  dieser  allgemeinen  Richtlinien  unterbleibt  in  Zukunft 
die  Bekanntgabe  des  Frankfurter  Tarifs.  Die  Schriftleitung. 


Tagesgeschichtliche  Notizen 

München,  den  19.  September  1923. 

—  Auf  dem  wegen  der  widrigen  Zeitverhältnisse  abgesagten  Deutschen 
Acrztetag  in  Bremen  hätte  das  50  jäh  ni  ge  Bestehen  des  Deut¬ 
schen  Aerztevereinsbundes  gefeiert  werden  sollen.  Mit  dem 
Acrztetag  selbst  unterblieb  auch  diese  Feier,  bzw.  sic  fand  als  Jubiläums- 
sitzung  des  Geschäftsausschusses  in  kleinerem  Kreise  statt.  Für  die  Aerztc- 
sebaft  ist  der  17.  September,  an  dem  vor  50  Jahren  der  1.  Deutsche  Acrztetag 
in  Wiesbaden  stattfand,  der  Anlass  zurückzuschauen  und  sich  klar  zu 
machen,  was  wir  an  dein  Acrztcvcreinsbund  gehabt  haben  und  haben.  Dem 
AeVB.  verdanken  die  deutschen  Aerzte  das  Bewusstsein  ein  Stand  zu  sein, 
dem  eine  bedeutsame  Aufgabe  im  Staatswesen  zukommt  und  der  den  An¬ 
spruch  erheben  darf,  in  allen  gesundheitlichen  Fragen  des  Staates  als  solcher, 
nicht  nur  durch  die  Medizinalbeamtcn,  gehört  zu  werden.  In  der  Tat  hat  der 
ärztliche  Stand  durch  den  AcVB.  beträchtlichen  Einfluss  auf  die  Gesundheits¬ 
gesetzgebung  gewonnen,  wenn  auch  nicht  vergessen  werden  soll,  dass  di: 
Zahl  der  Fälle  nicht  gering  war,  in  denen  er  seine  Stimme  vergeblich  er¬ 
hoben  hat.  Dem  AcVB.  verdanken  wir  auch  das  Bewusstsein,  dass  wir 
deutsche  Aerzte  sind.  Auf  den  deutschen  Aerztetagen  gab  cs  keine 
Landesgrenzpfähle,  keine  Scheidung  zwischen  Nord  und  Süd;  hier  arbeiteten 
Vertreter  aller  deutschen  Stämme  in  freundschaftlichem  Geiste  daran,  im 
neu  errungenen  Reiche  die  Einigkeit  auch  auf  dem  Gebiete  des  Gesundheits¬ 
wesens  und  der  Modizinalgesetzgebung  herzusteilen.  Es  könnte  den  Anschein 
haben,  als  ob  in  den  letzten  Jahrzehnten  der  AeVB.  in  den  Herzen  der 
deutschen  Aerzte  zugunsten  seiner  wirtschaftlichen  Abteilung,  des  Leipziger 
Verbands,  etwas  cingcbüsst  hätte.  Wir  glauben  das  nicht  und  es  wäre  un¬ 
dankbar.  Freilich  berühren  die  Fragen  des  täglichen  Brotes,  die  den  L.V. 
beherrschen,  deu  Arzt  nahe  und  er  kann  ihnen  nicht  aus  dem  Wege  gehen. 
Von  den  ach  so  notwendigen  Lohnstreitigkeiten  des  L.V.  wird  er  aber  immer 
wieder  gerne  in  die  reinere  L.uft  der  Aerztetage  flüchten,  wo  er  Mensch  sein 
und  an  den  erhabeneren  Aufgaben  seines  Berufes  sieh  aufrichten  darf.  Der 
Aerztevereinsbund  und  seine  Aerztetage  sind  den  deutschen  Aerztcn  un¬ 
entbehrlich;  beiden  wünschen  wir  segensreiche  Arbeit  in  der  zweiten  Hälft.: 
ihres  ersten  Jahrhunderts. 


1216  MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. _ Nr.  3BM 


—  Die  Gebühren  für  Aerzte  und  Zahnärzte  werden  in 
Zukunft  nach  einer  Grundtaxe,  vervielfacht  mit  dem  Reichsteuerungsindex, 
berechnet.  Die  betr.  Verordnung  (sie  gilt  ebenso  für  Preussen  wie  für 
Bayern)  ist  unter  „Amtliches“  in  d.  Nr.  abgedruckt. 

—  Die  Preise  für  die  an  Apotheken  und  praktische  Aerzte  für  Privat¬ 
impfungen  von  den  staatlichen  Impfanstalten  zu  liefernde  Lymphe  wurden 
in  Preussen  mit  sofortiger  Wirkung  zunächst  für  September  d.  J.  wie  folgt 
festgesetzt:  Für  Apotheken:  Einkaufspreis  Einzelportion  25  Pfg., 
Abgabepreis  an  das  Publikum  45  PL,  Einkaufspreis  Fünferportion  6ü  PL. 
Abgabepreis  an  das  Publikum  IM.  Für  Aerzte:  Bei  unmittelbarem  Be¬ 
züge  von  den  Impfanstalten:  Einzelportion  20  Pfg.,  Fünferportion  60  Pfg. 
(vervielfacht  mit  der  auf  1000  nach  oben  abgerundeten  jeweils  zuletzt 
bekanntgegebenen  wöchentlichen  Reichstcuerungsindexzahl).  Die  für  die 
Uebersendung  der  Lymphe  entstehenden  Portokosten  sind  von  den  Bestellern 
ausserdem  zu  tragen. 

—  Geheimer  Rat  Prof.  Dr.  Albrecht  K  o  s  s  c  1,  der  ausgezeichnete 
Heidelberger  Physiologe,  Träger  des  Nobelpreises  und  Ehrendoktor  der 
Universitäten  Cambridge,  Greifswald,  Dublin,  Genf  und  Edinburg  feierte  am 
16.  ds.  seinen  70.  Geburtstag. 

—  Die  Lebensrettungsmedaille  erhielt  der  Assistent  am  Würzburger 
Physiologisch-Chemischen  Institut  Herr  Dr.  Friedrich  Holtz  wegen  Er¬ 
rettung  der  Frau  Hildegard  Viehwegcr  aus  einer  Gletscherspalte  des  Höllen- 
thalfcrner. 

—  Man  schreibt  uns:  Den  Doktor  ing.  ehrenhalber  der  Technischen 
Hochschule  in  München  erhielt  der  Hamburger  Feinmechaniker  W.  H.  F. 
K  uhlmann  für  den  Bau  einer  Mikrowage,  die  für  die  analytische  Technik 
einen  wesentlichen  Fortschritt,  namentlich  auch  in  der  Biochemie,  bedeutet. 

—  Der  Fortbildungskurs  der  Münchener  Dozenten¬ 
vereinigung  für  Aerzte  findet  in  der  Zeit  vom  24.  IX.  bis  6.  X.  1923 
statt.  Beginn  Montag  den  24.  Sept.  vorm.  8 54  Uhr  s.  t.  im  Hörsaal  der 
II.  Mediz.  Klinik,  Zicmssenstr.  la  mit  einer  Vorbesprechung.  Eröffnungs¬ 
vortrag  durch  Herrn  Geheimrat  v.  Müller,  anschliessend  um  9  Uhr  über 
klinische  Hämatologie.  Einschreibgebühr  10  Millionen  Mark,  für  Ausländer 
20  Goldmark. 

—  Man  schreibt  uns  aus  Hermannstadt:  Im  Rahmen  des  4.  deut¬ 
schen  Ferienhochschulkurses  fand  in  Hermannstadt  in  Siebenbürgen  (Ru¬ 
mänien)  vom  12. — 18.  August  ein  ärztlicher  Fortbildungskurs 
statt.  Von  deutschen  Hochschullehrern  beteiligten  sich  daran  als  Vor¬ 
tragende:  Prof.  Dr.  G  a  s  t  p  a  r  -  Stuttgart  (Gesundheitsfürsorge),  Prof. 
Dr.  Schröder  -  Greifswald  (Pkychiatrie),  Prof.  Dr.  S  p  i  t  z  y  -  Wien 
(Orthopädie).  Von  Hermannstädter  Aerzten  lasen:  Dr.  Süssmann 
(Geburtshilfe),  Dr.  J  i  c  k  e  1  i  (Augenheilkunde,  Röntgenologie),  Dr.  W  e  i  n  d  e  1 
(Malaria).  Der  Kurs  war  gut  besucht  (70  Teilnehmer)  und  erweckte  allgemein 
den  Wunsch  nach  Wiederholung.  , 

—  Die  Tagung  Mitteldeutscher  Psychiater  und 
Neurologen  findet  in  Leipzig  am  27.  Oktober  (Begrüssungsabend 
549  Uhr  im  Deutschen  Haus,  Königsplatz)  und  am  28.  Oktober  1923.  9  Uhr 
vorm.,  in  der  Psychiatrischen  und  Nervenklinik,  Windmühlenweg  29,  statt. 
Für  billige  Unterkunft  in  der  Heilanstalt  Dösen  ist  Sorge  getragen;  An¬ 
meldung  bei  O.M.R.  Nit  sehe.  Reihenfolge  der  Vorträge:  Anton:  „Be¬ 
handlung  einiger  Epilepsien  vom  Subtentorium  aus.“  Quenscl:  „Seelen¬ 
blindheit.“  N  i  t  s  c  h  e  -  Dösen:  „Psychiatrie  und  Rassenbygiene.“  Nicssl 
v.  Mayendorf:  „Forum  und  Tendenzpsychose.“  Pönitz:  „Psycho¬ 
logie  der  Paralyse.“  R.  Sommer:  „Hirntumoren.“  Thurrim:  „Psy¬ 
chiatrische  Jugendfürsorge.“  Kufs:  „Gefässsyphilis  des  Gehirns.“ 
Bostroem:  „Enzephalitis  und  Dementia  praecox.“  Grünewald:  „Die 
extrapyramidalen  Bewegungsstörungen.“  R.  A.  Pfeifer:  „Anatomische 
Darstellung  des  kortikalen  Abschnittes  der  Sehleitung.“  Bumke:  „Die 
Unterbrechung  der  Schwangerschaft  bei  Psychosen.“  Anfragen  an  den  Vor¬ 
sitzenden  Geh.  Med. -Rat  Bumke-  Leipzig. 

—  Die  Deutsche  Gesellschaft  für  Vererbungslehre 
hält  ihre  3.  Tagung  vom  24. — 27.  September  in  München  ab. 

—  ln  der  „Sammlung  K  ö  s  e  1“  (Verlag  von  Josef  Kösel  und  Friedr. 
Pustet,  Kempten)  erschien  als  neues  Bändchen  der  Abteilung  Mathematik  und 
Naturwissenschaft:  „Die  Bakt'erien.  Gemeinverständliche  Einführung 
in  die  Bakteriologie“  von  Dr.  H.  v.  Bronsart,  Assistentin  an  der  Land¬ 
wirtschaftlichen  Hochschule  Hohenheim-Stuttgart.  Aus  Vorlesungen  ent¬ 
standen,  welche  die  Verfasserin  vor  Studierenden  der  Landwirtschaft  gehalten 
hat,  gibt  das  Büchlein  eine  abgerundete,  freilich  bei  der  gebotenen  Kürze  nur 
skizzenhafte  Darstellung  des  Baus  und  der  Lebenst-itigkeit  der  Bakterien, 
wobei  ihre  Bedeutung,  besonders  für  die  Landwirtschaft  entsprechend  hervor¬ 
gehoben  wird.  Die  krankheitserregenden  Bakterien  werden  kurz  besprochen. 
Die  Schrift  ist  auch  für  Mediziner  brauchbar. 

—  Auf  Anregung  des  Rektors  der  Medizinischen  Akademie  in  Osaka*, 
Prof.  Dr.  S  a  t  a,  ist  eine  Zeitschrift  unter  dem  Namen  „Japanisch- 
Deutsche  Zeitschrift  für  Wissenschaft  und  Technik“ 
begründet  worden.  Sie  wendet  sich  in  erster  Linie  an  die  deutscher  Bildung 
und  Wissenschäft  nahestehenden  Kreise  Japans,  in  erster  Linie  die  Aerzte. 
denen  sie  in  Originalbeiträgen  der  namhaftesten  deutschen  Gelehrten  eine 
unmittelbare  Teilnahme  am  deutschen  Geistesleben  ermöglichen  soll.  Die 
Schriftleitung  liegt  in  den  Händen  von  Prof.  Dr.  S  a  t  a,  Prof.  Dr.  Härtel 
und  Dr.  Ueberschaar  an  der  Medizinischen  Akademie  in  Osaka,  Prof. 
Dr.  Fnjisljiro  an  der  Universität  Kyoto,  Prof.  Dr.  Dören.  Prof. 
Dr.  Haas,  Prof.  Dr.  R  a  s  s  o  w,  Prof.  Dr.  S  p  a  1 1  e  h  o  1  z,  Prof.  Dr.  Sud¬ 
hoff  und  Dr.  Wedemeyer  an  der  Universität  Leipzig.  (Verlag  der 
Firma  F.  Hoffmann  &  Co„  Lübeck.)  Das  erste  uns  vorliegende  Heft  enthält 
u.  a.  einen  Aufsatz  von  Geh.  Rat  Aschoff:  Der  gegenwärtige  Stand  der 
Pathogenese  der  menschlichen  Lungenschwindsucht. 

—  In  Edinburg  erscheint  im  Verlag  von  Olivar  und  Boyd  eine  neue, 
vom  Animal  breading  „rcsearch  Department  der  Universität  Edinburg  heraus¬ 
gegebene  Zeitschrift:  „The  British  Journal  o  f  Experimental 
B  i  o  1  o  g  y.“  Sie  dient  als  Organ  für  britische  Arbeiten  aus  allen  Gebieten 
der  experimentellen  Forschung.  Botanik.  Zoologie.  Physiologie.  Das  erste, 
vornehm  ausgestattete  Heft  enthält  Arbeiten  über  innere  Sekretion,  ver¬ 
gleichende  Physiologie  der  Verdauung,  Parthenogencsis  bei  Mollusken,  ein 
Referat  über  Gcwebekultur  u.  a. 

—  Pest.  Niederländisch  Indien.  Im  Mai  471  und  im  Juni  441  tödlich 
verlaufene  Pestfälle  auf  Java. 

—  In  der  33.  Jahreswoche,  vom  12.  bis  18.  August  1923,  hatten  von 
deutschen  Städten  über  100  000  Einwohner  die  grösste  Sterblichkeit  Lübeck 


mit  18,2,  die  geringste  Barmen  mit  7,8  Todesfällen  pro  Jahr  und  1000  Ein¬ 
wohner.  Vöff.  R.-G.-A. 

Hochschulnachrichten. 

Berlin.  Preisaufgaben  der  Mediz.  Fakultät:  Wieder¬ 
holung  der  für  1923  gestellten  Aufgaben.  Für  den  Staatlichen  Preis:  „Es  soll 
untersucht  werden,  ob  sieh  neuerdings  ein  Rückgang  der  Erkrankungen  an 
progressiver  Paralyse  nachweisen  lässt  und  ob,  falls  dies  zutrifft.  Anlass 
vorliegt,  diese  Erscheinung  mit  einem  häufigeren  Vorkommen  von  Radikal- 
Leilungen  der  irischen  Lucs  seit  Einführung  der  Salvarsanbehandlung  in 
ursächlich''  Verbindung  zu  bringen.“  Für  den  Städtischen  Preis:  „Es  ist  zu 
untersuchen,  ob  die  Wirkung  des  Chinins  auf  Paramaceien  durch  photo-  ; 
dynamisch  wirksame  Substanzen  beeinflusst  wird.“  Termin  vor  dem 
4.  Juni  1924.  (hk.)  —  Der  Abteilungsvorsteher  der  anatomischen  Abteilung 

am  Pathologischen  Institut  der  Universität  Berlin,  etatsm.  a.  o.  Professor  der  J 
allgemeinen  Pathologie  und  pathologischen  Anatomie  Dr.  med.  Wilhelm  I 
C  c  e  1  e  n  ist  zur  Uebernahine  der  Prosektorstelle  am  Krankenhaus  Berlin-  I 
Westend  aus  dem  Staatsdienst  entlassen  worden,  (hk.) 

Halle  a.  S.  Dem  Honorarprofessor  Dr.  v.  D  r  i  g  a  1  s  k  i  ist  ein  Lehr-  I 
auftrag  für  Soziale  Hygiene  erteilt  worden. 

Jena.  Der  auf  Beschluss  des  Thüringer  Landtages  neu  errichtete  j 
Lehrstuhl  für  Naturheilverfahren  ist  mit  Prof.  Dr.  Emil  Klein-  Berlin  be-  I 
setzt  worden,  der  zum  ord.  Professor  an  der  mediz.  Fakultät  der  Universität  I 
Jena  mit  einem  Lehrauftrag  für  klinische  Pathologie  und  Therapie  ernannt  I 
worden  ist. 

Münster.  Der  a.  o.  Professor  und  Oberarzt  an  der  Frauenklinik  der  I 
Universität  Marburg  Dr.  med.  Peter  Esch  wurde  zum  ordentlichen  Professor  I 
für  Geburtshilfe  und  Gynäkologie  an  der  Universität  Münster  ernannt,  (hk.)  I 

Pest.  Prof.  L.  T  ö  r  ö  k,  der  bekannte  Pester  Dermatologe,  feierte  I 
anfangs  September  seinen  60.  Geburtstag;  von  seinen  Schülern  wurde  dem  I 
verdienstvollen  Forscher  eine  Festschrift  in  ungarischer  Sprache  überreicht.  I 
Todesfälle. 

In  München  starb.  57  Jahre  alt,  an  den  Folgen  einer  Blutvergiftung  I 
Dr.  Gottfried  Trautman  n,  ein  geschätzter  Facharzt  für  Nasen-  und  Hals-  I 
kranke  und  bekannter  Schriftsteller  auf  diesem  Gebiete. 

ln  Berlin  starb  Sanitätsrat  Dr.  Josef  Alexander,  Vorsitzender  der  I 
Wirtschaftlichen  Abteilung  des  Gross-Berliner  Aerztebundes. 

Prof.  Dr.  Moritz  H  e  i  1 1  e  r  ist  im  76.  Lebensjahre  in  Wiien  gestorben.  I 
Er  war  Schüler  von  Skoda  und  Oppolzer  und  ein  wichtiger  Vertreter! 
der  älteren,  auf  Perkussion  und  Auskultation  basierenden  Wiener  Schule.  I 
Auch  als  Poet  und  feinsinniger  Schriftsteller  hat  er  sich  hervorgetan. 

(Berichtigung.)  In  der  Mitteilung  von  G.  K  e  y  s  s  e  l  i  t  z  in  1 
Nr.  36  muss  cs  auf  S.  1155  in  Tabelle  2  lauten: 


Es 

leben  nach  30  Min . 

5 

5 

5 

5 

5 

5 

5 

5 

5 

5 

-  | 

„  40  „  ... 

5 

5 

5 

5 

5 

5 

5 

— 

— 

3 

—  — 

11 

.,  50  „ 

5 

5 

5 

5 

— 

4 

— 

— 

2 

—  1 

1) 

11 

„  6  u.  s  Min.  .  . 

- 

3 

5 

— 

0 

4 

- 

0 

3 

— 

0  |  3 

Abdruck.  Amtliches.  (Bayern). 

Verordnung  des  Staatsministeriums  des  Innern  vom  15.  IX.  1923  Nr.  5188  a  67  j 
über  die  Gebühren  der  Aerzte  und  Zahnärzte  in  der  Privatpraxis. 

Auf  Grund  des  §  29  Abs.  1,  80  Abs.  2  der  GewO,  für  das  Deutsche  Reich  j 
i:i  der  Fassung  vom  26.  VII.  1900  (RGBl.  S.  904)  und  unter  Aenderung  der  I 
VO.  vom  29.  XII.  1922  Nr.  5188  a  45  (GVB1.  S.  698,  StAnz.  1923,  Nr  5)  sowie  ( 
unter  Aufhebung  der  VO.  vom  30.  VIII.  1923  Nr.  5188  a  63  (StAnz.  Nr.  201)  > 
wird  mit  Wirkung  ab  1.  IX.  1923  bestimmt: 

Die  §§  2  und  3  der  Abt.  1,  „Allgemeine  Bestimmungen“  der  durch  die  , 
VO.  vom  29.  XII.  1922  für  Bayern  übernommenen  Preuss.  Gebührenordnung  i 
für  Aerzte  und  Zahnärzte  vom  10.  XII.  1922  (Deutsch.  Reichsanz.  Nr.  281) 
erhalten  nachstehenden  Wortlaut: 

„S  2.  Die  in  den  Abteilungen  II  A  und  B,  sowie  III  der  Gebühren  dieser  4 
Bekanntmachung  enthaltenen  Gebührensätze  werden  zur  Anpassung  an  den 
jeweiligen  Teuerungsstand  auf  cuisn  Betrag  gebracht,  der  sich  ergibt  aus  | 
der  Teilung  der  Gebührensätze  durch  Hundert  und  aus  der  Verminderung  t 
dieser  erhaltenen  Beträge  um  ein  Fünftel;  die  auf  diese  Weise  gewonnenen  ; 
Beträge  gelten  als  Grundgebühren,  die  mit  der  auf  1000  nach  oben  abge-  j 
rundeten,  wöchentlichen  Reichsteuerungsindexzahl  allwöchentlich  vervielfacht  .. 
werden.  Der  sich  hierdurch  ergebende  Gebührensatz  gilt  jeweils  vom  Tage 
nach  der  Veröffentlichung  des  Reichsteuerungsindex  an. 

Für  die  Behandlung  der  gegen  Krankheit  nach  der  RVO.  Versicherten  ' 
durch  Zahnärzte  ist  die  Abt.  IV  dieser  Bekanntmachung  massgebend,  zu  deren  ] 
Gebührensätzen  die  zwischen  dem  Wirtschaftlichen  Verband  Deutscher  Zahn-  t 
ärzte  und  den  Krankenkassenhauptverbänden  vereinbarten  Teuerungs-  , 
Zuschläge  jeweils  hinzutreten. 

§  3.  Die  nach  §  2  ermittelten  Mindestsätze  der  Gebühren  gelangen  zur 
Anwendung,  wenn  nachweislich  Unbemittelte  oder  Armenverbände  die  Ver-  , 
pflichteten  sind. 

Diese  Mindestsätze  finden  ferner  Anwendung,  wenn  die  Zahlung  aus 
Reichs-  oder  Staatsfonds,  aus  den  Mitteln  einer  milden  Stiftung,  einer  ( 
Krankenkasse  ($  225  RVO.).  Knappscbaftlichen  Krankenkasse  (§  495  RVO.),  ( 
Ersatzkasse  (§  503  RVO.)  oder  Gemeinde  (8  942  RVO.),  aus  den  Mitteln  der 
Träger  der  Unfallversicherung  (III.  Buch  RVO.),  der  Invaliden-  und  Hinter- 
bliebenenversicherung  (IV.  Buch  RVO.)  oder  der  Angestelltenvcrsicherung 
(Gesetz  vom  20.  XII.  1911,  RGBl.  S.  989)  zu  leisten  ist.  soweit  nicht  he-  * 
sondere  Schwierigkeiten  der  ärztlichen  Leistung  oder  das  Mehr  des  Zeit-  ; 
aufwands  einen  höheren  Satz  rechtfertigen.  Die  Bestimmung  über  die  An-  j 
Wendung  der  Mindestsätze  bei  Krankenkassen  gilt  nur,  wenn  sich  die  bei  1 
einer  Krankenkasse  Versicherten  bei  der  Inanspruchnahme  eines  Arztes  f 
(Zahnarztes)  durch  eine  Bescheinigung  als  Kassenmitglieder  ausweisen. 

In  dringenden  Fällen  sind  von  den  gegen  Krankheit  nach  der  RVO.  > 
Versicherten  nur  die  Mindestsätze  zu  entrichten,  und  zwar  auch  dann,  wenn 
die  Bescheinigung  nach  Abs.  2  nicht  beigebracht  wird.“ 


Reichsteuerungsindex. 

Der  Reichsteuerungsindex  für  Ernährung,  Heizung,  Beleuchtung.  Wohnung 
und  Kleidung  beträgt  in  der  Woche  vom  10. — 16.  September  5  051  046. 
Basiszahl  1913/14  =  1. 

Die  B  u  c  h  h  ä  n  d  1  e  r  -  S  c  b  1  ü  s  s  e  1  z  a  h  1  ist  ab  17.  Sept.  21  000  000. 


Verlag  von  ].  F.  L  eh  mann  in  München  SW.  2,  Paul  Heyse-Str.  26.  —  Druck  von  F.  Miihlthaler’s  Buch- und  Kunstdruckerei  G.m.ü.M.  München. 


reis  der  einzelnen  Nummer  freibleibend  .«  500000.-.  •  Bezugs- 
reis  :n  Deutschland  und  Ausland  siehe  unter  Bezugsbedingungen. 
Zusendungen  sind  zu  richten 

r  die  Schriftleitung:  Arnulfstr.  26  (Sprechstunden  8%— 1  Uhr), 
r  Bezug:  an  J.  F.  Lehmanns  Verlag,  Paul  Heyse-Strasse  26. 


Anzeigen-A  nnahtne : 

Leo  Waibel,  München,  Theatinerstrasse  3. 
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Immer  5  Arbeitstage  vor  Erscheinen. 


MÜNCHENER 

Medizinische  Wochenschrift 

ORGAN  FÜR  AMTLICHE  UND  PRAKTISCHE  ÄRZTE. 


p.  39.  28.  September  1923.  Schriftleitung:  Dr.  B.  Spatz,  Arnulfstrasse  26. 

Wt  ■  _  Verlag:  J.  F.  Lehmann,  Paul  Heyse-Strasse  26. 


70.  Jahrgang. 


,  Der  Verlag  behält  sieh  das  ausschließliche  Recht  der  Vervielfältigung  und  Verbreitung  der  in  dieser  Zeitschrift  zum  Abdruck  gelangenden  Originalbeiträge  vor. 


Originalien. 

Aus  der  Medizinischen  Universitätsklinik  Frankfurt  a.  M. 
(Direktor:  Prof.  Dr.  Q.  v.  Bergmann.) 

Ueber  systolisches  und  diastolisches  Herzklopfen. 

Von  Prof.  Dr.  ü.  Katsch. 

Ausführliche  Werke  über  den  Kreislauf  sagen  vom  Herzklopfen 
ei  Sätze.  Der  heutige  Arzt  achtet  dies  Alltagssymptom  gering;  cs 
>  ihm  kein  Zeichen  für  organisches  Kranksein.  —  Vor  100  Jahren  sah 
jjrvisart  die  Palpationen  als  Vorboten  ernster  Herzkrankheiten 

•  Später  finden  sich  —  wie  bei  Bainberger  —  noch  ausführ- 
he  klinische  Schilderungen  (die  sich  besonders  auf  das  Basedow- 
jrz  beziehen).  Dann  sank  die  Wertung  des  Symptomes,  je  mehr 
|r  Arzt  an  objektiver  Kreislaufdiagnostik  gewann.  Heute  wissen 

r.  dass  Herzklopfen  nicht  nur  mit  ernsten  Herzleiden,  sondern 
|  ifiger  mit  nervöser  Ueberempfindlichkeit  oder  Erregtheit  sich  ver- 
Eellschaftet,  dass  es  bei  Herzinsuffienz  wenig  hervortritt,  dagegen 
\  bei  Basedowischen,  bei  initialer  Tuberkulose  und  einem  Heer  von 
ervösen“.  Es  gilt  als  Sensibilitätsneurose  des  Herzens,  als  Hyper- 
hesie,  die  eine  normale  oder  etwas  erregte  Herztätigkeit  subjektiv 
s  bar  werden  lässt.  Und  wo  überhaupt  auf  das  Wesen  dieser  Emp- 
1  c"?  ^in2egangen  wird,  da  wird  angegeben:  Es  handle  sich  um 
rühlbarwerden  des  Anschlages  an  die  Brustwand  (Mackenzie 
1  viele  andere),  ln  der  neueren  Literatur  findet  sich  ausser  kurzen 
imerkungen  über  das  Herzklopfen  (soweit  ich  sehe)  nur  ein  klassi- 
es  Kapitel  von  K  r  e  h  1  in  seinen  „Erkrankungen  des  Herzmuskels“, 
(lies  in  allem  sind  unsere  Kenntnisse  über  das  Herzklopfen  sehr 
inge",  so  fasst  K  r  e  h  1  zusammen.  Er  zeigt  aber  auch  die  Pro- 
me  auf,  die  das  Symptom  umgeben  und  Wege,  seinem  Wesen 
lerzukommen.  Krehl  geht  über  die  landläufige,  wohl  etwas 
i  vi  liehe  Ansicht  hinweg,  die  n  u  r  abnorme  Empfindlichkeit  sen- 
ler  Nerven  als  Ursache  der  subjektiven  Wahrnehmung  des  Herz- 
pfens  anschuldigt.  „In  der  Regel  ist  die  Herzaktion  verändert.“ 
i  Massgebende  ist  vielfach  ein  „sich  stark  kontrahierendes  Herz 
Ider  Grenze  seiner  Leistungsfähigkeit“.  Er  zieht  eine  Reizung  der 
|  siblen  Herznerven  durch  „besondere  Kontraktionsformen“  —  wie 
den  Extrasystolen  —  auch  für  manche  anderen  Fälle  in  Betracht, 
i  stellt  die  Aufgabe,  bei  verschiedenen  Formen  von  Palpitationen 
Verhalten  der  Herzrevolution  eingehend  zu  untersuchen. 
j\.  Müller,  der  (1895)  eine  Anzahl  Spitzenstosskurven  bei  ner- 

1  em  Herzklopfen  aufgenommen  hat,  betont,  dass  weniger  eine  „ver- 
J  kte  Herzaktion  dem  Herzklopfen  zugrunde  liegt,  wie  meist  an- 

ommen  wird,  sondern  ein  „veränderter  Modus  der  Ventrikel- 
.  traktion“. 

]..Per  Zeitpunkt,  wo  solche  Untersuchungen  fruchtbringend  weiter- 
lahrt  werden  können,  ist  heute  vielleicht  näher  gerückt  durch  die 
ilyse  der  Herzrevolution,  die  der  F  r  a  n  k  sehe  Kardiograph  ge- 

2  lr  • s.  fr“her  ermöglicht.  Denn,  dass  sehr  häufig  geänderte 
manische  Herzaktion  mit  dem  Auftreten  von  Palpitationen  zu- 
iimentrifft,  dürfte  kaum  zu  bestreiten  sein.  In  vielen  Fällen  schlägt 

Herz  stärker,  oft  frequenter  oder  irregulär  mit  ungleichen  Würf¬ 
ligen.  Der  Spitzenstoss  kann  erschütternd  sein  und  die  Systole  er¬ 
lernt  verkürzt  (Fr.  v.  M  ü  1 1  e  r).  Ein  Problem  liegt  vielmehr  darin, 
is  nur  manche  objektiven  Aenderungen  der  Herz- 
peit  das  subjektiv  e  Gefühl  des  Herzklopfens  aus- 
'■  e  n. 

I  Ein  bemerkenswerter  Hinweis  liegt  in  der  von  manchen  Klinikern 
«lachten  Beobachtung,  dass  unter  den  Kranken  mit  Herzklappen- 
ser  es  vorwiegend  die  mit  Aortenklappeninsuffizienz  sind,  die 
hger  Herzklopfen  angeben  (vergl.  K  u  e  1  b  s).  Bei  dem  Aorten- 
imzienzkranken,  der  körperlich  arbeitet,  ist  Herzklopfen  sehr  oft 
Symptom,  das  ihn  zuerst  zum  Arzt  führt,  wie  die  Atemnot  den 
Talkranken.  Mir  sind  einige  Fälle  aus  der  Kriegszeit  plastisch  in 
Erinnerung,  wo  Soldaten  erhebliche  Körperanstrengungen 
;:eten,  aber  dabei  durch  heftiges  Herzklopfen  belästigt  wurden.  Es 
'  en  Menschen  mit  gut  kompensierter  Aorteninsuffizienz,  mit  kom- 
'sa  torisch  wieder  erworbener  Reservekraft,  bei  denen  aber  für 
pse  Körperleistung,  wie  langen  Marsch  mit  schwerem  Gepäck,  die 
zarbeit  ganz  ausserordentlich  gesteigert  werden  musste.  Das 
z  leistete  diese  mächtige  Pumparheit,  hei  der  zum  Nutzlosen  ein 
pses  Nutzquantum  gefördert  wurde.  Der  Kranke  aber  empfindet 

•  es  heftige  Pumpen.  Ich  zweifle  nicht,  dass  man  diese  Empfindung 
Nr.  39. 


mit  Annahme  einer  Sensibilitätssteigerung,  oder  von  Ueberlagerung 
nervöser  oder  psychogener  Störungen  unrichtig  erklärt.  Sie  tritt  ja 
gerade  bei  Menschen  auf,  die  noch  nichts  von  ihrem  Herzfehler 
wissen.  Bleibt  das  exzessiv  gesteigerte  Schlagen  über  die  Zeit  des 
Bedarfes  hinaus  bestehen  und  raubt  den  Schlaf,  so  mag  man  an  Mit¬ 
schuld  nervöser  Regulationen  denken;  doch  fällt  dies  in  das  äusserst 
schwierige  Kapitel  der  überschiessenden  Reaktion,  die  in  ihrem  Aus¬ 
masse  krankhaft,  auch  neurotisch  sein  kann,  qualitativ  aber  ein  phy¬ 
siologisches  Grundphänomen  ist  (Weigert).  Aber  eine  Scnsi- 
bilitätsneurose  ist  dieses  Herzklopfen  nicht. 

Bei  gewaltiger  Grösse  der  Anforderungen  kann  ein  gesundes, 
kräftiges  Herz  ähnliche  Erscheinungen  bieten,  wie  das  von  abnorm 
grosser  Ruhearbeit  ausgehende  Aortenherz.  Ich  werde  weiter  unten 
von  einem  kräftigen,  gesunden  Kanonier  berichten,  der  nach  über¬ 
eifrigem  Verladen  schwerer  Geschosse  vorübergehend  ein  sehr 
starkes,  objektiv  nachweisbares  Herzklopfen  bekam. 

Man  kann  einwenden,  dass  von  unzähligen  Ungeübten  über  Herz- 
klopfen  geklagt  wird,  sobald  sie  sich  geringe  Arbeit  zumuten,  der  ihr 
gesundes  Herz  völlig  gewachsen  ist.  Aber  auch  bei  ihnen  spielt  bei 
der  Erzeugung  des  Symptoms  mindestens  neben  neu  rast  he- 
nischen  Faktoren  die  Aenderung  und  Umstellung 
der  Herztätigkeit  eine  Rolle,  die  der  Uebergang  vom  Stuben- 
nockerdasein  zum  sportlichen  oder  militärischen  Training  verlangt, 
rür  ihre  Verhältnisse  arbeiten  solche  Herzen  stark. 

Auch  andere  Aenderungen  in  den  Arbeitsbe¬ 
dingungen  des  Herzens  rufen  Klopfen  hervor,  selbst 
bei  Menschen,  die  nie  daran  leiden  —  so  das  plötzliche  Anwachsen 
eines  Exsudates,  die  Anlegung  des  künstlichen  Pneumothorax.  Bei 
Klappenfehlern  kann  man  beobachten,  dass  das  werdende  Vi¬ 
tium  häufiger  Palpationen  erzeugt  als  das  konsolidierte.  So  auch 
der  werdende  Hypertonus.  Dieselbe  Beobachtung  (wenn 
auch  mit  anderer  Deutung)  findet  sich  u.  a.  bei  B  a  m  b  e  r  g  e  r  ver¬ 
zeichnet.  „.  ...  häufiger  aber  kommt  es  bei  Klappenfehlern  vor,  dass 
die  Kranken  sich  allmählich  so  sehr  an  die  gesteigerte  Herzaktion  ge- 
wohnen,  dass  sie  davon  durchaus  keine  Perzeption  haben  und  dem¬ 
nach  nie  über  Herzklopfen  klagen“. 

Ferner  ist  ein  starkes  und  wechselndes  Arbeiten  des  Herzens 
vorauszusetzen  in  vielen  Fällen,  wo  Basedow,  Hypertension,  Anämie, 
übermässiger  Kaffeegenuss  oder  seelische  Aufregungen  zu  Herz¬ 
klopfen  führen. 

Aber  es  gibt  Fälle,  wo  gerade  das  Gegenteil  zu  erwarten  sein 
sollte.  Herklopfen  bei  ausgesprochen  schwacher 
Aktion.  Bei  Myokarditis,  bei  Endokarditiden,  bei  manchen  Kachek- 
tischen  und  Anämischen,  bei  zahllosen  Rekonvaleszenten  und  ein¬ 
zelnen  Dekompensierten.  Fälle,  in  denen  die  Herztöne  leise,  die  Pulse 
klein  und  weich  sind;  Fälle,  in  denen  kein  Zweifel  sein  kann,  dass 
das  Herz  matt  und  die  Aktion  unternormal  ist.  Sehr  bemerkenswert 
ist  auch  das  Herzklopfen,  das  nach  grossen  Blutverlusten  auftritt. 

Bei  geschwächter  wie  bei  heftig  gesteigerter  Herzaktion  kommt 
Herzklopfen  vor,  bei  Ausgebluteten  und  bei  Plethora.  Da  kann  man 
in  der  lat  versucht  sein,  den  üblichen  Schluss  zu  ziehen:  das  Herz¬ 
klopfen  sei  eine  Sensibilitätsneurose  —  aufgepflanzt  auf  die  verschie¬ 
densten  Herzbefunde.  In  der  Tat  ist  feinere  Analyse  der  Herzaktion 
während  des  Herzklopfens  zu  fordern. 

Ich  glaube  indessen,  dass  man  auch  einen  Schritt  weiter  kommt, 
wenn  man  versucht  zu  analysieren,  was  denn  beim  Herzklopfen  emp¬ 
funden  wird.  Herzklopfen  ist  (nach  Mackenzie  u.  v.  a.)  das 
Bewusstwerden  des  Anschlagens  gegen  die  Brustwand.  Trifft  dies 
für  alle  oder  auch  nur  die  Mehrzahl  der  Fälle  zu?  —  Der  Kranke 
muss  bei  der  Sensationsanalyse  helfen.  Nur  intelligente  Kranke 
eignen  sich.  Sie  müssen  über  die  Herzaktion  und  deren  Phasen  unter¬ 
richtet  werden.  Dann  können  sie  zunächst  einmal  aussagen,  in 
welchem  Moment  der  Herzrevolution  ihre  Sensation  fällt.  ...  Dabei 
stellt  sich  heraus,  dass  es  ganz  verschiedene  Arten  von  Herzklopfen 
gibt.  Das  Herzklopfen  fällt  bald  in  die  Ventrikel¬ 
systole,  bald  trifft  es  deutlich  mit  dem  2.  Ton  zu¬ 
sammen:  Systolisches  und  diastolisches  Herzklopfen.  Ich  bringe 
kurz  einige  derartige  Beobachtungen. 

Dr.  K.  wurde  im  Verlauf  einer  nekrotisierenden  Angina  sehr  matt. 
Mehrere  untersuchende  Aerzte  haben  Mühe  den  1.  Ton  wahrzunehmen.  Auch 
an  der  Herzspitze  wird  verschiedentlich  nur  der  etwas  klappende,  2.  Ton 
gehört.  Im  übrigen  normaler  Herzbefund.  Der  Kranke  verspürt  Herzklopfen 
schon  nach  geringen  Bewegungen  im  Bett.  Er  kann  deutlich  feststcllcn,  dass 
die  abnorme  Sensation  mit  dem  2.  Herzton  zusammenfällt.  Sie  bestand  nur 
wenige  Tage. 


2 


1218 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  30. 


Derselbe  Arzt  macht  später  in  voller  Gesundheit,  aber  untrainiert,  eine 
Bergtour,  ln  der  Nacht  darauf  verspürt  er  Herzklopfen:  die  Empfindung  fällt 
in  die  Systole. 

Ruft  er  durch  starken  Kaffee  künstlich  Herzklopfen  bei  sich  hervor,  so 
ist  es  ebenfalls  systolisch.  . 

Der  Fall  ist  besonders  instruktiv,  weil  er  zwei  Arten  des  Herz¬ 
klopfens  zu  verschiedenen  Zeiten  beim  selben  Individuum  vorführt. 
Die  Deutung  muss  wohl  die  sein,  dass  während  einer  infektiösen 
Herzschwäche  oder  geringen  Myokarditis  der  üefässtonus  erhalten 
oder  nicht  in  gleichem  Maasse  geschädigt  war.  Infolgedessen  hatte 
schnelle  diastolische  Erschlaffung  des  Ventrikels  ein  beschleunigtes 
und  darum  heftiges  Schliessen  der  Seminurlarklappen  zur  Folge.  Dies 
wurde  als  diastolisches  Herzklopfen  empfunden.  —  Nach  der  Berg¬ 
tour  anderseits  arbeitet  in  überschiessender  Reaktion  der  untrainierte 
Herzmuskel  heftig.  Einen  erhöhten  üefässtonus  wird  man  nachts 
bei  Bettruhe  nicht  als  wahrscheinlich  annehmen.  So  wird  erklärlich, 
dass  eine  Sensation  in  der  Systole  eintritt.  Dabei  bleibt  noch  offen, 
was  denn  empfunden  wird.  Das  Anschlägen  des  Herzens  gegen  die 
Brustwand  scheint  es  nicht  zu  sein.  Man  könnte  sich  fragen,  ob  die 
energische  Herzkontraktion  als  solche  empfunden  wird.  Bei  der 
Empfindungslosigkeit  des  Herzens  chirurgischen  Insulten  gegenüber 
ist  solche  Vorstellung  nicht  ohne  weiteres  einleuchtend,  aber  bei  der 
Unklarheit,  die  noch  immer  über  den  Mechanismus  der  Viszeral- 
schmerzen,  z.  B.  der  Bauchorgane,  herrscht,  wäre  sie  nicht,  un¬ 
denkbar.  Ich  halte  für  möglich,  dass  auch  die  systolische  Palpitations- 
empfindung  oft  in  den  grossen  Gefässen  entsteht.  Es  scheint,  dass 
sie  bisweilen  gerade  am  Ende  der  Systole  (in  der  Austreibungszeit) 
„zwischen  den  Tönen“  empfunden  wird.  Schnelles  Ausströmen  eines 
vergrösserten  Schlagvolumens  würde  so  als  plötzlichere  Dehnung  der 
grossen  Gefässe  empfunden  werden.  Man  denke  an  die  Sensation, 
die  den  1.  Herzschlag  nach  einer  Extrasystole  begleitet.  Dass  auch 
Schmerzempfindungen  häufig  von  den  grossen  Gefässen  ausgehen 
Aortalgien  —  ist  uns  durch  Beobachtungen  von  R.  Schmidt  wahr¬ 
scheinlich  geworden.  Gelegentlich  pflanzt  sich  die  systolische  Emp¬ 
findung  bis  in  die  Karotiden  fort,  so  bei  starker  Kaffeewirkung,  so 
bei  Basedowischen,  bei  denen  dem  Herzerethismus  oft  ein  niederer 
Gefässtonus  gegenübersteht.  Es  würde  sich  so  erklären,  warum  die 
kompensierte  Aorteninsuffizienz  Herzklopfen  erzeugt,  die  dekompen- 
sierte  Mitralinsuffizienz,  trotz  hebenden  mächtigen  Spitzenstosses  oft 
nicht. 

M.  M.  Im  Anschluss  an  Polyarthritis  rheumatica  entstandene,  zirka 
Yi  Jahr  bestehende  Mitralstenose  mit  geringer  Mitralinsuffizienz.  2.  Pul¬ 
monalton  klappend  und  gespalten.  Bisweilen  starkes  Herzklopfen.  Objektiv 
ist  zu  diesen  Zeiten  nichts  Besonderes  festzustellen.  Die  leicht  erhöhte 
Frequenz  verhält  sich  wie  sonst.  Er  behauptet,  er  spüre  den  2.  Herzton. 

Ebenso  gibt  ein  zweiter  Mitralstenosekranker  mit  Bestimmtheit  an.  dass 
seine  Klopfsensation  auf  den  2.  Ton  fällt. 

V.,  ein  sehr  intelligenter,  etwas  nervöser  Sekundaner,  bekommt  unter 
meiner  Beobachtung  eine  Scharlachendokarditis.  Systolisches  Geräusch,  stark 
betonter  2.  Ton.  Klagt  über  Herzklopfen.  Er  spürt  während  einer  Herz¬ 
revolution  manchmal  nur  eine  Sensation,  manchmal  zwei.  Er  imitiert  die 
beiden  Möglichkeiten  so: 

Tick  —  tack - tick  —  tack 

wupp - wupp 

Man  kann  sich  fragen:  ist  es  ein  subjektives  Aequivalent  für  einen 
verstärkten  2.  Pulmonalton,  das  in  solchen  Fällen  als  diastolische 
Palpitationsempfindung  gemeldet  wird?  Sehr  wohl  aber  kann  man 
annehmen,  dass  bei  der  Mitralstenose  eine  beschleunigte,  diastolische 
Erschlaffung  der  Kammer  eintritt,  wodurch  ohne  periphere  Druck¬ 
erhöhung  ein  beschleunigter  heftiger  Klappenschluss  auch  der  Aorten¬ 
klappen  erzeugt  und  empfunden  werden  kann.  Diese  Beschleunigung 
des  Aortenklappenschlusses  wird  ja  herangezogen,  um  die  Spaltung 
des  2.  Tones  zu  erklären  (vergl.  Sahli). 

Es  scheint  nun,  dass  die  instruktiven  Fälle,  bei  denen  isoliert  eine 
Palpitationsempfindung  zeitlich  mit  dem  2.  Ton  zusammentrifft,  nicht 
sehr  häufig  sind.  Die  Analyse  der  Sensationen  wird  noch  schwieriger, 
wenn  deren  zwei  jeden  Herzschlag  begleiten.  Immerhin  gelingt  sie 
bei  intelligenten  Kranken  gelegentlich.  So  sagte  eine  Kranke  mit 
Endocarditis  rheumatica  und  der  Signatur  der  Mitralinsuffizienz  bei 
mässig  nach  links  vergrössertem  Herzen,  sie  habe  bei  jedem  Herz¬ 
schlag  zwei  Empfindungen,  die  sich  durch  ihre  Stärke  unterschieden 
und  von  verschieden  langen  Pausen  gefolgt,  auch  „anders  seien. 
Der  stärkeren  Sensation  folgte  die  grössere  Pause  —  wodurch  sie 
als  diastolisch,  als  dem  2.  Ton  zeitlich  zugeordnet,  gekennzeichnet 
wird. 

Ein  systolisches  Herzklopfen  bot  z.  B.  folgender  Fall. 

Frl.  B„  59  Jahre.  Seit  Juni  1921  zuerst  Herzklopfen,  damals  durch  Ruhe¬ 
kur  Besserung,  jetzt  seit  einer  Woche  erneut  besonders  starke  Palpitationen. 
Sie  wurden  angeblich  ausgelöst  durch  zahnärztliche  Behandlung  mit  Kokain- 
betäubng.  Aufregungen  jeder  Art  geben  oft  den  Anlass  zu  lang  anhaltendem 
Herzklopfen.  Die  Kranke  leidet  dann  an  Schlaflosigkeit  und  in  der  Nacht 
klopft  das  Herz  bis  in  den  Hals  hinein.  Sonst  schläft  sie  ausgezeichnet  und 
liebt  eine  lange  Nachtruhe.  Die  Menopause  ist  vor  11  Jahren  eingetreten, 
seitdem  schon  leidet  sie  an  Blutwallungen.  Objektiv  bietet  der  Kreislauf 
keine  Symptome  für  Arteriosklerose.  Die  Nierenfunktion  ist  intakt.  Herz 
mässig  nach  links  verbreitert.  2.  Aortenton  bisweilen  stark  klingend.  Oefter 
sieht  man  klopfende  Halsarterien,  ja,  wenn  Herzklopfen  da  ist,  eine  Andeutung 
von  Müsset  schem  Zeichen.  Der  Blutdruck  ist  dauernd  hoch,  dabei  sehr 
labil.  Wenn  Herzklopfen  da  ist,  Maximum  meist  über  200,  sonst  oft  nur  180. 
Die  nächtliche  Senkung  des  Blutdrucks  ist  erheblich  (85  mm  Hg).  Ein  ge¬ 
nauer  Parallelismus  zwischen  Blutdruckhöhe  und  Stärke  des  Herzklopfens 
besteht  dabei  nicht.  —  Diagnose:  Essentielle  Hypertonie. 


Die  Kranke  lernt  mit  dem  Schlauchstethoskop  die  Herztöne  auskultieren,  r 
Ihren  eigenen  2.  Herzton  erkennt  sie  sehr  leicht  an  seinem  klingenden  > 
Charakter.  Sie  gibt  ganz  präzise  und  zu  wiederholten  Malen  an.  sie  fühle  das; 
Herz  klopfen  „nicht  gleich  nach  dem  1.  Ton  (also  in  der  Austreibungszeit?.). j 
Derartige  Beobachtungen  legen  die  Frage  nahe,  ob  die  Empfindung  auch  des 
„systolischen“  Herzklopfens  nicht  von  der  Aorta  ausgeht.  Die  plötzliche 
Dehnung  durch  ein  ungewohnt  grosses  Schlagvolum  könnte  fühlbar  werden. 
So  ist  die  grosse  Systole  fühlbar,  die  auf  eine  Extrasystole  folgt.  Auch  diese 
Klopfsensation  setzt  sich  bisweilen  bis  in  die  Karotiden  fort. 

Häufig  wird  gerade  beim  Hypertonikerherzen  angegeben,  dass. 
2  Empfindungen  vorhanden  sind.  Bringt  man  dem  Kranken  das  Aus-, 
kultatieren  bei,  so  mag  bei  manchen  eine  gewisse  Suggestion  mit¬ 
spielen  die  sic  „zwei  1  öne“  fühlen  lässt.  Aber  häufig  scheint  mii 
diese  Doppelempfindung  echt.  Starke  Ventrikelarbeit  oder  unge¬ 
wohnt  starke  schnelle  Dehnung  in  der  Aorta  macht  eine  systolische 
Sensation,  wie  energischer  Schluss  der  Aortenklappen  die  diastolische 
Man  könnte  sich  vorstellen,  dass  ein  Fortbleiben  der  systolischer 
Empfindung  prognostisch  gelegentlich  verwertbar  wäre:  es  würde 
ein  Erlahmen  der  Herzkraft  gegenüber  dem  Druck  der  Peripherie 
anzeigen.  Das  diastolische  Herzklopfen  müsste  gleichzeitig  noch  be¬ 
tonter  werden.  Indessen  ist  mir  unter  der  kleinen  Zahl  für  derartige! 
Analysen  geeigneter  Kranker  ein  solcher  Fall  bisher  nicht  begegnet 
Eine  interessante  Kombination  beider  Empfindungen,  der  systoli¬ 
schen  und  diastolischen,  fand  ich  bei  dem  obenerwähnten  Kanonier 
Kanonier  B„  im  Zivilberuf  Zimmermann,  21  jährig,  ist  ein  grosser! 
kräftiger  Mann  mit  gut  entwickelter  Muskulatur.  Seine  Vorgeschichte  ist  ohnd 
Belang.  Vor  2  Tagen  hat  er  stundenlang  schwerkalibrige  Geschosse  eines! 
Frontdepots  in  Eile  verladen,  weil  das  Depot  vor  dem  Anrücken  des  Feindes! 
geräumt  werden  musste.  Dieser  grossen  Anstrengung  hatte  sich  der  Pflicht  I 
eifrige  Soldat  mit  ganzer  Kraft  und  zugleich  voller  Erregung  über  die  heraui 
ziehende  Katastrophe  des  deutschen  Zusammenbruchs  hingegeben.  Seitderrj 
leidet  er  an  heftigstem,  quälendem  Herzklopfen,  das  sich  bei  jeder  Anstrengung 


noch  verstärkt.  ...  ....  ,1 

Objektiv  ging  die  Herzdämpfung  nach  links  kaum  über  die  Mitteil 
Schlüsselbeinlinie  hinaus.  Geringe  Pulsation  iin  Epigastrium  am  stehendeij 
Kranken  sichtbar.  Vor  dem  Röntgenschirm  nach  links  im  unteren  Bogen  eiml 
Spur  ausgeladenes  Herz,  das  sehr  starke  Exkursionen  macht.  Frequenz  o.  B. 
Kapillarpuls.  Blutdruck  160/60  mm  Hg.  Sonst  nichts  für  Aorten¬ 
insuffizienz. 

Schon  am  nächsten  Tag  Kapillarpuls  verschwunden.  Ausser  einer  un¬ 
reinen  Systole  bietet  die  Auskultation  keinen  Befund.  Blutdruck  150/70  mmHg! 
Herzklopfen  besteht  weiter.  Der  Kranke  lernt  zunächst  an  anderen  Kranken! 
dann  am  eigenen  Herzen  mit  dem  Schlauchstethoskop  auskultieren.  Er  bei 
hauptet  übrigens  —  auch  schon  vor  dem  Unterricht  —  er  fühle  zwei  Dinge 
die  er  später  als  ziemlich  genau  mit  den  beiden  Herztönen  zusammenfailemj 

erkennt.  J 

Nach  2  weiteren  Tagen  war  der  Maximaldruck  bereits  130.  Durcl 
Räumung  des  Lazaretts  konnte  ich  die  Beobachtung  nicht  fortsetzen. 

Es  handelt  sich  wohl  um  eine  selten  schwere  akute  Ueberanstrenguntj 
eines  kräftigen  elastischen  Herzens.  Ein  Herz,  das  kräftig  und  schlaff  zugleicll 
ist,  das  ein  grosses  Volum  mit  Kraft  auswirft,  dann  aber  schnell  crschlafiu 
So  könnten  die  zwei  Empfindungen  zustande  kommen.  Dehnung  der  Aorta 
durch  das  grosse  Schlagvolum  macht  die  eine  Sensation,  die  andere  entsteh! 

rion  Vifsfticrpn  crvhnpllpn  nnftnschlllSS. 


Ich  bin  mir  vollkommen  darüber  klar,  dass  die  Ermittelung,  oli 
ein  Kranker  systolisches,  ob  er  diastolisches  Herzklopfen  hat  ode, 
2  Sensationen  empfindet,  sehr  selten  einwandfrei  durchgeführt  werj 
den  kann.  Die  Frage  beschäftigt  mich  seit  6  Jahren;  ganz  allmählich 
nur  habe  ich  weniges  brauchbares  Material  gewonnen.  Sehr  vieh 
Kranke  sind  ungeeignet  für  eine  feine  Sensationsanalyse. 

Und  seitens  des  Arztes  bedarf  es  dafür  eines  bisweilen  rech 
zeitraubenden  Eingehens  auf  die  Kranken.  Ich  teile  nicht  deshall 
meine  Beobachtungen  mit,  weil  ich  glaubte  diese  Sensationsanalys' 
sei  zu  breiter  praktischer  Anwendung  zu  empfehlen,  sondern  nui 
weil  einige  Folgerungen  aus  dem  Angeführten  gezogen  werdei: 
können. 

Dass  es  verschiedene  Arten  von  Herzklopfen  gib« 
dass  das  Symptom  bei  heftiger  wie  bei  geschwächte; 
Herzarbeit  —  und  durch  diese  Aenderung  —  auftreten  kann,  haj 


ein  gewisses  Interesse. 

Wichtiger  scheint  mir,  dass  wir  radikal  brechen  müssen  mit  de 
Auffassung,  es  sei  das  Herzklopfen  Ausdruck  einer  Empfindungs 
Störung  am  Herzen.  Eine  Arbeitsstörung  mit  inneres 
Re  ibungen  liegt  vor  —  ganz  abgesehen  von  der  Grösse  und  Gütl 
der  Kreislaufleistung.  Es  fehlt  etwas  an  der  feinen  Harmonie  in  de 
Abstimmung  der  Kräfte  und  Bewegungen  des  Kreislaufapparates,  di 
zu  einem  geordneten  asensiblen  Arbeiten  gehört  —  das  zugleicj 
auch  das  ökonomischste  sein  dürfte. 

Empfunden  wird  die  starke  Welle,  die  einer  Extrasystole  mi 
kompensatorischer  Pause  folgt;  empfunden  wird  die  Arbeitsänderun 
im  tachykardischen  Anfall,  aber  auch  heftigste  Arbeitssteigerung  au 
grosse  Anforderungen  oder  grosse  Reize.  Empfunden  wird  das  Hi. 
und  Her  der  Arbeitsänderung,  das  einhergeht  mit  der  launische; 
Druckkurve  der  labilen  Hypertonie.  Empfunden  wird  die  noc 
nicht  harmonische  Arbeitsänderung,  mit  welcher  de 
Kreislauf  ein  junges  Vitium  kompensiert,  wie  ja  allgemein  die  wer¬ 
dende  Wandlung  empfunden  wird  —  nicht  die  ge 

wordene.  ImDysergischenliegtdieQuellederOr 

gan  Sensationen.  Und  wenn  wir  weiterhin  gelten  lassen,  dass  di 
Palpitationen  mancher  organisch  Herzkranker  ein  überlagertes  ner 
vöses  Symptom  bedeuten,  so  werden  wir  dieses  nicht  mehr  a- 
Hyperästhesie  oder  sensible  Neurose  betrachten,  sondern  als  ein 
funktionelle  Dysergie,  die  an  einem  kranken  Herzen  leichter  einsetz 


8.  September  19 23. 


MÜNCHfeNER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


uirker  sich  auswirkt  als  am  gesunden.  Neu  geänderte  mechanische 
reislaufyerlialtnisse  erfordern  eine  geänderte  inadäquate  Arbcits- 
.unteJ  s°lchen  Umständen  kann  das  feine,  exakte  Zusammen- 
nel  der  Kontraktions-  und  Tonusphänomene  am  Herzen  und  i  m 
anzen  Kreislauf  besonders  leicht  Störungen  erfahren.  Inso- 
J'rn  müssen  I  alpitationen  bei  einem  Vitium  den  Verdacht  erwecken 
iss  eine  Iliase  der  Wandlung  mit  neuen  Einstcl¬ 
ingen  und  der  Disposition  zu  Dysergien  v  o  r  1  i.e  g  t. 
i-.,wUC  1  101  rein  fraktionellen  Herzklopfen  werden  wir  nicht  Sensi- 
Utats neu  rose,  sondern  den  Ausdruck  solcher  Dysergien  sehen.  M;i'T 
;.  slcl1  nun,  um  eir!  Adoleszentenherz  oder  die  Palpitationen  der 
ima.vum  den  psychisch  Verstimmten  oder  den  „vegetativ  Stigmati- 
erten  ,  um  den  Lnteroptotiker  oder  den  künftigen  Hypertoniker 
indeln  —  wir  werden  an  solche  Dysergien  zu  denken  haben.  Unser 
-rstandnis  für  deren  Möglichkeit  ist  gerade  jetzt  im  Wachsen.  Ich 
,‘rweise  auf  die  höchst  bemerkenswerten  Ausführungen  von  O  h  in 
’er  den  Ak  lonstonus  des  Herzens.  Ich  darf  auch  hinweisen  auf 
S.Sben,e,rs,clHenen,e  Kapillarwerk  Otfried  Müllers,  in  dem  er  sehr 
chdruckhch  von  den  funktionellen  Dysergien  des  Kreislaufs  handelt. 

i  schildert  vasoneurotische  Menschen  „deren  psycho-physisches  Ge¬ 
liehen  ganz  oder  teilweise  unter  dem  Signum  der  Unausgegliche.i- 
it,  des  mangelnden  Gleichmaasses  steht“.  —  Ueberlagerung  organi¬ 
nen  Krankseins  mit  solchen  Dysergien  ist  nicht  ungewöhnlich.  Wir 
ichten  uns  beschränken  auf  den  Hinweis,  dass  gerade  beim  schwer 
■rzkranken  in  den  Nöten  der  Dekompensation  sich  psychogene 

I  ’sergien  mit  Herzsensationen  unheilvoll  aufpflanzen.  Dann  kann 

ii  beruhigendes  Wort  wertvoller  sein  als  Herzmittel.  Ebenso  die 
|  bekannte  Morphiumdosis.  Sie  wirkt  wahrhaft  kurativ,  indem  sie 
jn  Circulus  vitiosus  blockiert  zwischen  Organsensation  und 
|  v'chogen  sich  steigernder  Dysergie. 

L^eanderHUng’  m^h.r  weniger  Plötzliche  Umstel¬ 
lt  d  5  r  Herzarbeit  und  Disharmonisierung  der 
”  S^he?uUüd  dynamischen  Faktoren,  die  den 
eislau  f  beherrschen,  das  sind  die  Bedingungen, 

mVrSeTe|V„kf'0P'fes"  e.rz'ue?";  bei  organisch  k?a£ 
*7  i  p  S  j,?’  ,wle  fr  e  1  m  Kreislaufneurotiker. 

Dass  Empfmdhchkeitssteigerung  sensibler  Nerven  eine  Nebenbc 
:  gung  darstellt,  soll  hiermit  nicht  bestritten  sein. 


1219 


I,  Literatur. 

aumueller? ^SS72i-T:->  LTehrbuch,  der  Krankheiten  des  Herzens.  Wien 
.  .  ,  .  .  .  Krehl:  Die  Erkrankungen  des  Herzmuskels. 

Lnc  PZI?  (M2,lde^  1913‘  ~  3-  Kuelbs:  Erkrankungen  der  Zir- 
jitionsorgane  im  Handbuch  der  Inneren  Medizin  von  Mohr  und 

en  hühL\nP't  t  B ‘r  (SpJinge")  }?14:  ~  4 •  Mackenzie:  Herzkrank- 
l  W  Üisol  c1  °  r  So,6-  Berhn  (Springer)  1910.  —  5.  Fr.  M  u  e  1 1  e  r : 
!  m-  1895US-  757  u-  783‘  —  6-  Otfried  Müller:  Die  Kapillaren  der 
ischhchen  Haut.  1922.  -  7.  0hm:  Klin.  Wschr.  1922.  —  8.  R.  S  c  h  rn  i  d  t: 

Kl.  1  b.  0  U.  36. 


,  Aus  der  Chirurgischen  Universitätsklinik  München. 
(Vorstand :  Geh.  Hofrat  Prof.  Dr.  F.  Sauer bruch.) 

h  Verflüssigung  fibrinreicher  Pleuraempyeme  durch 
’psinsalzsäure  als  Hilfsmittel  der  Bü  lau  sehen  Heber¬ 
drainagebehandlung. 

i  Dr.  med.  et  phil.  Adolf  Herrmannsdorfer,  Assistent 

der  Klinik. 


I  Einer  der  wichtigsten  Grundsätze  für  die  Behandlung  der  akuten 
liraempyeme  ist  die  vollständige,  dauernde  Entleerung  des  Er- 
,  pSV  i!e  f  HOpKenlegung  des  Brustraumes.  Das  älteste  Verfahren 
s  Erfüllung  dieser  Forderung  —  schon  von  Hippokrates  ge- 
—  ist  die  breite  Eröffnung  der  erkrankten  Brusthälfte.  Der 
Bache  Zwischenrippenschnitt  musste  im  Laufe  der  Zeit  der  Pleuro- 
Iie  mit  Entfernung  eines  Rippenstückes  weichen.  Seit  König 
J 2alt  die  Rippenresektion  als  Verfahren  der  Wahl  Allerdings 
i)  es  nie  an  Gegnern  dieser  Operation  gefehlt.  Besonders  von 
Urner  Seite  wurde  immer  wieder  betont,  dass  sie  bei  allen 
veren  Empyemen  mit  fibrinarmem  Ergüsse  und  fehlenden  Brust¬ 
genfellverklebungen  sehr  gefährlich  sei.  Der  Operations- 
o  c  k  und  vor  allem  der  offen«  Pneumothorax  mit  seinen 
idigunger i  der  Atmung  und  des  Kreislaufes  stellten  an  einen  ge- 
^achten  Kranken  zu  grosse  Anforderungen.  Der  Berechtigung 
er  Kritik  haben  sich  auch  die  Chirurgen  nicht  verschlossen.  Die 
"•  Prin?are  RjPPenresektion  bei  frischen  Eiteransammlungen 
er  Hrusthöhle  wird  daher  heute  auch  von  ihnen  verworfen  und 
1  Funktions-  oder  Saugvorbehandlung  verlangt.  Die  plötzlichen 
I™.  der  Zusammenziehung  der  Lunge,  der  Verschiebung  des 
iciteldes  und  des  Herzens,  der  schlagartig  eintretenden  Druck- 
t  rung  im  Brustraume  durch  einen  operativ  gesetzten  Pneumo- 
ix  werden  durch  Verlötungen  des  Lungen-  und  Rippenfelles,  die 
Funktionen  sich  zu  bilden  pflegen,  eingeschränkt.  Erst  das 
i  e  r  b  r  u  c  h  sehe  Druckdifferenzverfahren  jedoch  hat  die  von  der 
lindert  100  drohenden  Schädigungen  des  Kranken  wesentlich 

öie  reichen  Erfahrungen,  die  während  des  Krieges  und  bei  den 
•PeepKiemien  der  Jahre  1918  und  1919  mit  ihrer  Häufung  eitriger 
ttellentzundungen  gesammelt  werden  konnten,  boten  Gelegen¬ 


heit,  die  verschiedenen  Behandlungsvorschläge  für  das  Pleura- 
empyem  knHsch  miteinander  zu  vergleichen.  Als  Ergebnis  zeigt  sich 
-chrifttum  des  letzten  Jahrzehnts  ein  unverkennbares  Hinneigen 
»J  fu11  Massnahmen.  Die  einfache  Punktion  freilich,  aber 
auch  wiederholtes  Absaugen  des  Eiters  nach  Di e-ulafoy  oder  Potain 
erwies  sich  nach  wie  vor  nur  für  ganz  wenige,  günstig  geartete' 
/Kokungen  als  ausreichend.  In  Wettbewerb  mit  der  Rippenresektion 
d.gegen  neuerdings  wieder  mehr  denn  je  die  Bü  lausche 
Hcbcrdrainage  und  diejenigen  Verfahren,  welche  vermittelnd  die 

verbinden^110*1  mit  nachfoIgender  luftdicht  angelegter  Saugdrainage 


Biilau  hat  seine  1876  veröffentlichte  Behandlung  ausgesprochen 
von  dem  Gesichtspunkt  aus  ersonnen,  die  Vorteile  des  offenen  und 
geschlossenen  Vorgehens  beim  Empyem  miteinander  zu  vereinigen. 

Im  l  vdlgC  4ad  dauernde  Entleerung  des  Eiters 
solite  bei  Vermeidungdes  offenen  Pneumothorax  be- 
wirkt  werden.  Dieses  Ziel  wurde  indessen  nur  halb  erreicht  Dass 

nffHis  er  ir,a‘nT  Cn  ver.häIt,lismässig  leichter  und  schonender  Ein- 
gritt  ist,  dass  der  Operationsschock  dabei  zu  fehlen  nflcsrt  rLcc 
grossere  Druckschwankungen  in  der  Brusthöhle  durch  das  'regel- 
£fre  un,d  laiJSsame  Abfliessen  des  Ergusses  vermieden  werden,  dass 
fernei  die  Vorzüge  der  geschlossenen,  subkutanen  Heilung  (Bier) 
damit  verbunden  sind,  und  dass  nicht  zuletzt  die  Wiederentfaltung 
der  Lunge  durch  die  Saugkraft  des  Hebers  in  wünschenswerterWeise 
ftriHpn1"!  W  Hd’  ai  e  diese  .Vor,teile  werden  allgemein  anerkannt.  Be- 
stünmJ  w^.rde  abe.r  von  je,  dass  die  Ableitung  des  Exsudates  voll- 

Pamit  aber  stebt  und  falIt  das  Verfahren.  Schon 
Schede  und  neuerdings  Moszkowicz  haben  darauf  hin¬ 
gewiesen,  dass  auch  dünnflüssiger  Eiter  durch  Heberdrainage  öfters 
nicht  restlos  entfernt  werden  könne.  Denn  nach  physikalischen  Ge- 
setzen  höre  der  Abfluss  auf,  sobald  die  Kraft  der  Heberwirkung  nicht 
mehr  hinreiche,  die  _  zusammengezogene  und  oft  auch  schon  ge- 
schrumpfte  Lunge  weiter  zu  dehnen.  Dieser  Einwand  ist  theoretisch 
berechtigt;  praktische  Bedeutung  kommt  ihm  aber  nicht  zu.  Sobald 
infolge  mangelnden  Nachrückens  der  Lunge  an  die  Brustwand  die 
.  ekretentleerung  stockt,  kann  man  durch  das  Heberrohr  Luft  in  die 
Hohle  gelangen  lassen  und  so  den  letzten  Rest  der  Flüssigkeit  ent- 
fernen.  Dadurch  entsteht  zwar  ein  Pneumothorax,  aber  ein  ge- 
schlossencr,  denn  der  Drainageschlauch  wird  sofort  wieder 
unter  den  Spiegel  des  Auffanggefässes  getaucht.  Dünnflüssige 
Pleuraempyeme  lassen  sich  also  durch  Heb!r- 
r  a  i  n  a  g  e  g  an  z  1  i  c  h  entleeren.  Anders  ist  dagegen  der  Sach¬ 
verhalt,  wenn  der  Erguss  zäh  und  f  i  b  r  i  n  r  e  i  c  h  ist  Ver¬ 
stopfung  des  engen  Abflusses  durch  Faserstoff 
P'ni!s,,eI  mit  Eiterverhaltung,  Fieber,  Verklebungen  und 
Kammerbildung  im  Brustraume  sind  Nachteile,  die  man  der  Bülau- 
lmu\Be£a“d  Recht  zum  Vorwurf  macht.  Zwar  kommen 

vor  1CHhn  ,Zw.ls^hei.lfal’i?  aucl?  bel  der  Drainage  nach  Rippenresektion 
nnH  n!  V1-?  S1(h  hie£  1(:lchter  zu  beheben:  durch  Herausnehmen 
n!i?  ^nHCphSPHU  6 VdeS  Drains’  durch  Lösen  frischer  Abkapselungen 
mit  Sonde  oder  Koinzange  von  der  Wunde  aus.  Bülau  und  nach 
ihm  andere  haben  zur  Beseitigung  abflusshemmender  Fibrinfetzen 
Durchspritzen  des  Heberschlauches,  Ausstreichen  des  Rohres  und 
Saugen  daran  empfohlen.  Das  sind  Hilfsmittel,  die  vielfach  die  Lei- 
a  wieder  in  Gang  bringen,  aber  nicht  immer  zuverlässig  genug 
Auch  begeisterte  Anhänger  BÜIaus  sehen  sich  daher  bei  ES 
wieder  auftretenden  Verlegungen  gezwungen,  durch  nachträgliche 
Rippenresektion  diesem  Uebelstande  abzuhelfen. 

Das  Fibrin  kann  bei  der  Heberdrainage  nicht  nur  mechanisch 
Hinderlich  sein,  sondern  auch  aus  anderen  Gründen  die  Heilung 

r,srZSfnf0del  ?arnz  p-,Frage  stellen-  v-  Beust  betont,  dass  es 
als  Schlupfwinkel  für  Eitererreger  dient  und  dadurch  die  Infek¬ 
tion  u  n  t  er  h  a  1 1.  Er  wie  auch  Schaedel,  Odermattu  a 
landen  gerade  das  Grippeempyem  sehr  fibrinreich.  Die  Höhle  ist 
e  Faserstofflappen,  die  nach  Schaedel  3  Handflächen 

gross  sein  können,  förmlich  austapeziert.  Solche  Beläge  sind  wie 
em  Schwamm  vollgesaugt  mit  Keimen.  Zur  Reinigung  des 
Brustfell  raum  es  gehört  daher  nicht  nur  die  Ent¬ 
fernung  der  flüssigen,  sondern  auch  dieser  bak- 
tenenhaltigen,  fibrinösen  Ausschwitzungen, 
bchaedel,  Kleinschmidt  u.  a.  verlangen  ferner  die  Beseiti¬ 
gung  des  Faserstoffes  mit  dem  Hinweis,  dass  er  den  Grund  zur 
{i‘ld  u.n,g  dicker  Pleuraschwarten  lege.  A.  W.  F  i  s  c  h  e  r 
behauptet,  dass  die  konservativen  Behandlungsarten  des  Pleura¬ 
empyems  hauptsächlich  deshalb  erfolglos  seien,  weil  sie  die  Säube- 

AUngv,  ~.-r  ,  rpsthdhle.,  von  dem  keimhaltigen  Fibrin  nicht  erlaubten. 
Auch  die  besten  Spülungen  könnten  „diese  schwammigen,  voll  Bak- 
tenen  sitzenden  Gebilde  nicht  entfernen,  wenn  die  Pleura  nicht  weit 
offen  ist  Die  konservativen  Verfahren  seien  nur  da  anwendbar, 
wo  der  Eiter  keine  Fibrinmassen  enthalte.  Fischer  geht  sogar 
soweit,  zu  erklären:  „Der  Kernpunkt  bei  der  Behandlung  des  Pleura¬ 
empyems  ist  die  Entfernung  des  Fibrins.“  Diese  Auffassung  ist  aller¬ 
dings  zu  einseitig.  Sie  vernachlässigt  z.  B.  die  äusserst  wichtigen 
Bestrebungen,  die  auf  Beseitigung  der  Höhle  und  Wiederausdehnung 
der  Lunge  abzielen.  Sicher  ist  aber,  dass  gegen  die  aus¬ 
geb  reitetere  Verwendung  der  Heberdrainage  die 
Störungen  seitens  des  Faserstoffgehaltes  vieler 
r‘  :  r er  Ergüsse  das  Haupthindernis  ausmachen, 
hsei  aller  Anerkennung  ihrer  mannigfachen  Vorzüge  glauben  die 


1220 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT^ 


39 


meisten  Chirurgen  daher  doch,  wenn  es  sich  nicht  um  dünnflüssige 
und  harmlose  Exsudate  handelt,  zur  Sicherung  gründlicher  Entleerung 
und  Säuberung  des  Brustraumes  an  der  breiten  Eröffnung  durcli 
Rippenresektion  festhalten  zu  müssen.  Verkannt  wird  dabei  keines¬ 
wegs,  dass  eine  wirksame  Saugdrainage  ohne  Rippenopera¬ 
tion'  unzweifelhaft  idealer  sei  (Schede,  J  e  h  n,  A.  W.  bischer 

U  abie  Aufgabe,  das  Bülausche  Verfahren  durch  zuverlässigere 
und  ausgiebigere  Entleerung  des  Empyems  zu  verbessern,  lauft 
darauf  hinaus,  die  Weite  des  Abflusskanales  zu  Viskosität  und  festen 
Bestandteilen  des  Ergusses  in  das  richtige  Verhältnis  zu  bringen. 
Dafür  gibt  es  zwei  Möglichkeiten.  Entweder  man  reseziert  eine 
Rippe,  reinigt  die  Pleurahöhle  und  bringt  eine  luftdicht  schliessende 
dicke  Saugleitung  an,  wie  es  zuerst  Perthes,  dann  H  a  r  t  e  r  t, 

I  s  e  1  i  n,  Schmerz  u.  a.  empfohlen  haben.  Damit  passt  man 
den  Durchmesser  der  Ableitung  der  Beschaffen¬ 
heit  des  Exsudates  an.  Oder  aber  man  verfl  u  s  s  i  g  t 
den  Erguss  und  macht  ihn  so  geeignet,  auch  durch  einen  dünnen 
Heberschlauch  abzuströmen.  Es  ist  auffallend,  dass  dieser  zweite 
Weg  bisher  noch  nicht  beschritten  worden  ist.  Nur  G  e  r  h  a  r  d  t  hat 
einmal  versucht,  mit  Papayotin-  und  Trypsin  s  p  ü  l  u  n  g  e  n  (.) 
rahmige  und  fibrinreiche  Empyeme  zu  verdünnen.  Erfolg  war  ihm 

nicht  beschieden.  ... 

Seit  nunmehr  zwei  Jahren  benutzen  wir  an  der  Münchener 
chirurgischen  Klinik  Pepsinsalzsäure  zum  Zwecke  der  Pleuraexsudat¬ 
verflüssigung.  Die  Ergebnisse  sind  sehr  befriedigend.  Heberdrainage 
und  Fermentbehandlung  verbinden  wir  folgendermassen  miteinander: 

Am  tiefsten  Punkte  des  Ergusses,  am  besten  im  8.  oder  9.  Zwi¬ 
schenrippenraum,  möglichst  in  der  hinteren  Axillarlinie  wird  nach 
örtlicher  Betäubung  ein  etwa  7  mm  dickes  Rohr  aus  starkem,  derbem 
Gummi  durch  einen  Trokar  in  der  üblichen  Weise  soweit  in  die  Hohle 
eingeführt,  dass  seine  Mündung  eben  in  das  Exsudat  eintaucht.  Der 
Schlauch  ist  währenddessen  am  unteren  Ende  zugeklemmt. 

Dann  wird  ein  zur  Hälfte  eingeschnittener,  mit  Zinkpaste  einseitig  be¬ 
strichener  Tupfer  um  das  Rohr  auf  die  Brustwand  gelegt.  Lieber  den  Schlau  .h 
streift  man  ein  festes,  in  der  Mitte  durchloohtes  Gummischeibchen,  wie  es 
die  Bierflaschenverschlüsse  besitzen,  und  schiebt  es  bis  an  den  Tupfer  heran. 
Zwei  mit  einem  knopilochartigen  Schlitz  versehene  Pflasterstreifen  folgen 
dem  Gummiplättchen  und  werden  kreuzweise  an  die  Brustwand  geklebt. 
Dadurch  ist  das  Scheibchen  auf  dem  Tupfer  und  an  der  Brust  befestigt.  Es 
fasst  den  Heberschlauch  elastisch  und  hält  ihn  doch  sicher  in  der  gewünschten 
Lage;  dabei  kann  das  Rohr  jederzeit  nach  Belieben  weiter  in  die  Empyem¬ 
höhle  hineingeschoben  oder  mehr  herausgezogen  werden.  Legt  man  aber 
Tupfer,  Gummiplättchen,  Pflaster  noch  ein  paar  Bindentouren,  so  ist  damit 
auf  Wochen  hinaus  der  Verband  des  Kranken  erledigt. 

Das  Heberrohr  wird  nun  nach  unten  durch  ein  Ansatzstück  ver¬ 
längert  und  in  die  antiseptische  Flüssigkeit  des  Auffanggefässes  ein¬ 
geführt.  Jetzt  wird  der  Sekretabfluss  freigegeben. 

Diese  Drainage  lässt  sich  in  3—5  Minuten  anlegen.  Der  Kranke 
sitzt  dabei  mit  Unterstützung  oder  liegt  halb  auf  der  Seite.  Die 
kleine  Operation  greift  ihn  nicht  mehr  an  als  eine  Punktion.  Bei 
schlechtem  Allgemeinzustand  lässt  man  den  Eiter  ganz  langsam  oder 
in  Pausen  austreten.  Mit  Hilfe  einer  zuschraubbaren  Schlauch¬ 
klemme  ist  das  leicht  zu  regeln.  In  mehrkammerige  Höhlen  kann 
man  mehrere  Heberdrainagen  einlegen.  Ist  das  Exsudat  sehr  rahmig, 
oder  stockt  der  Abfluss  durch  Fibrinfetzen,  so  wird  mit  der  Spritze 
oder  besser  aus  einem  Irrigator  körperwarme  Pepsinsalzsäurelösung 
durch  den  Heberschlauch  in  die  Brust  gefüllt.  Das  Fermentgemisch 
soll  frisch  bereitet  sein,  da  es  nach  ungefähr  2  mal  24  Stunden  an 
Leistungsfähigkeit  einbüsst.  Erwärmen  über  45  0  C  zuerstört  das  En¬ 
zym.  Unsere  Lösung  hat  folgende  Zusammensetzung'): 

Rp.  Pepsin  20,0 

Acid.  mur. 

Acid.  carbol.  aä  2,0 

Aq.  dest.  ad  400,0 

Ist  viel  Fibrin  zu  lösen,  oder  soll  in  veralteten  Empyemen  be¬ 
ginnende  Schwartenbildung  bekämpft  werden,  kann  die  Höhle  mit 
y2  proz.  HCl-Lösung  vorgespült  werden.  Das  verstärkt  die  nach¬ 
folgende  Pepsinverdauung.  Eingedenk  der  Gefahren,  die  allen 
Pleuraspülungen  anhaften,  ist  jeder  Druck  dabei  zu  vermeiden.  Der 
Irrigator  ist,  wie  nochmals  hervorgehoben  sei,  der  Spritze  vor- 
zuziehen. 

Reagenzglasversuche  im  37  0  C  warmen  Wasserbade  haben  er¬ 
geben,  dass  daumenglieddicke  Fibrinklumpen  aus  Pleuraempyemen 
in  etwa  6  Stunden  völlig  aufgelöst  werden.  Daraus  erhellt,  dass 
einfache  Spülungen  mit  einem  noch  so  kräftigen  Verdauungs¬ 
gemisch  zur  Verflüssigung  eines  Exsudates  nicht  genügen 
können.  Die  Pepsinlösung  bleibt  daher  für  6—8—12  Stunden 
in  der  Brust.  Dazu  klemmt  man  die  Heberdrainage  nach  dem  Ein¬ 
füllen  für  diese  Zeit  zu.  Nach  Abnahme  des  Schlauchverschlusses 
fliesst  dann  eine  dünne  Flüssigkeit  aus  dem  Rohre  ab,  das  gelöste 
Exsudat.  Oft  genügt  einmalige  Anwendung.  Wenn  nicht,  wird 
nach  2—3  Tagen  oder  auch  täglich,  je  nach  der  Menge  des 
zu  verdauenden  Faserstoffes  und  nach  demAlter  des  Empyems,  in  glei¬ 
cher  Weise  verfahren.  Fibringehalt  und  Fassungsvermögen  der  Empyem¬ 
höhle  bestimmen,  wieviel  von  der  Fermentlösung  einzubringen  ist. 
Ueber  150—250  ccm  sind  wir  nicht  hinausgegangen.  Der  Kranke 
wird  während  des  Einfliessens  auf  das  Sorgfältigste  beobachtet. 
Eine  Hilfsperson  kümmert  sich  nur  um  den  Puls  und  die  Atmung. 
Werden  die  geringsten  Klagen  über  Druck  oder  Spannungsgefühl  auf 


einen  Teil  der  Flüssigkeit  ab,  bi; 


der  Brust  laut,  lässt  man  sofort 
zu  völliger  Beschwerdefreiheit.  ,.  .,  u  , 

Ueber  den  weiteren  Verlauf  der  Behandlung,  die  ihr  Hauptaugen 
merk  auf  Wiederentfaltung  der  Lunge  richtet,  ist  hier  nicht  zu  i eilen 
Es  genüge,  die  Mittel  gezeigt  zu  haben,  mit  denen  sich  a  u  c  h  d  a : 
fibrinreichste  und  zäheste  Exsudat  s  o  v  erflussi- 
gen  lässt,  dass  es  durch  ein  7  mm  dickes  Qummiroh 
restlos  entleert  werden  kann. 

Welche  Bedenken  bestehen  gegen  dieses  Verfahren?  Zur  Beant 
wortung  dieser  Frage  muss  kurz  auf  einige  wichtige,  physiologisch. 
Leistungen  des  Fibrins  eingegangen  werden.  Im  gesunden  Körpe 
findet  sich  dieser  Stoff  nicht,  sondern  nur  die  im  Blute  kreisend. 
Vorstufe  das  Fibrinogen.  Erst  unter  krankhaften  Verhältnissen  winl 
daraus  durch  Gerinnung  Fibrin.  Seine  funktionelle  Rolle  ist  vornehm 
lieh  die  eines  Kitt-  und  Ab  d  i  c  ht  u  ng  s  m  ittel  s,  z.  B.  bei  de 
Blutgerinnung,  aber  auch  bei  der  E  n  t  z  u  n  d  u  n  g.  Bei  diese  4 
kann  Faserstoffabscheidung  unter  Umständen  so  im  Vordergrum 
stehen,  dass  man  geradezu  von  einer  fibrinösen  oder  kruppösen  Ent, 
Zündung  spricht.  Sic  ist  ausgezeichnet  durch  verhältnismässige  Gut 
artigkeil  Das  ist  verständlich,  wenn  man  die  Gewebsvorgange  bej 
rücksichtigt.  Ein  dichtes  Faserstoffnetz  schlägt  sich  bei  ihr  m  del 
Lymphspalten,  Saftlücken  und  auf  den  Wundflächen  wie  ein  all 
Fugen  verschliessender  Mörtel  nieder  und  hindert  dadurch  die  Aul 
saugung  giftiger  entzündlicher  Stoffe,  umgrenzt  den  Krankheitsherd 
bis  zur  Abkapselung  und  macht  ihn  so  unschädlich  für  den  Korpeifi 
Lunge  und  Pleura  haben  die  Fähigkeit,  bei  entzündlicher  Reizung  mu 
Fibrinausschwitzung  zu  antworten,  in  besonders  hohem  Masse.  Wirk! 
hier  die  Pepsinverdauung  des  abdichtenden  Faserstoffes  nicht  schau, 
lieh,  indem  sie  den  kämpfenden  Organismus  einel 
wichtigen  Schutzmittels  beraubt?  Die  Frage  darf  wolj 
verneint  werden.  Nach  unseren  Erfahrungen  folgen  den  Pepsinful 
hingen  weder  Temperaturerhöhungen  noch  sonstige  Zeichen  all| 
gemeiner  Vergiftung,  die  bei  vermehrter  Aufsaugung  entzündliche! 
Stoffe  zu  erwarten  wären.  Am  ausgiebigsten,  weil  ringsum,  wird  daj 
frei  im  Brustraum  liegende  klumpige  und  fetzige  Fibrin  von  der  FeiJ 
mentlösung  umspiilt  und  verflüssigt.  In  geringerem  Grade  können  di 
weniger  allseitig  angreifbaren  Wandbeläge  der  Höhle  eingeschmolzej 
werden  Aber  selbst  wenn  sie  ganz  beseitigt  sind,  verbleibt  noch  dal 
i  m  Gewebe  der  Pleura  liegende  Fibrinnetz,  das  die  Saftlucken  vei| 
schliesst.  Hierhin  gelangt  das  Ferment  gar  nicht  oder  nur  ausser! 
schwer,  denn  lebendes  Gewebe  ist  gegen  Pepsinverdauung  eftall 
rungsgemäss  sehr  widerstandsfähig,  wie  schon  John  Hunter  U/h | 
wusste.  Der  bekannte  physiologische  Versuch,  bei  dem  ma 
durch  eine  Magenfistel  den  Schenkel  eines  Frosches  oder  das  Uli 
eines  Kaninchens  der  Pepsinwirkung  aussetzt,  spricht  nicht  hiergegen 
In  dieser  Anordnung  sind  die  Verhältnisse  für  das  Gewebe  doc 
wesentlich  ungünstiger.  Einmal  wird  das  dünne  Glied  von  allcj 
Seiten  von  dem  Verdauungsgemisch  umspült.  Dazu  kommt,  da: 
nach  Ansicht  der  Physiologen  zunächst  die  Mineralsäure  mit  ihn 
Aetzwirkung  das  Gewebe  des  Froschschenkels  abtötet  und  dann  er 
das  Ferment  peptolytisch  zu  wirken  beginnt.  In  der  eiternden  I  lcurij 
höhle  aber  wird  die  Salzsäure  durch  das  alkalische  Exsudat  sehr  bal 
abgestumpft,  wodurch  das  nur  in  saurer  Lösung  wirksame  Magei 
enzym  beträchtlich  an  Angriffskraft  einbüsst.  Immerhin  wäre  t 
denkbar,  dass  frische  Verklebungen  zwischen  I  leur 
p  u  1  m  o n a  1  i s  und  p  a  r i e  t  a  1  i s  der  Verdauung  v  en 
fallen  könnten  und  so  aus  einem  abgekapselten  ein  totalt 
Empyem  entstände.  Aber  auch  diese  Gefahr  scheint  nur  gering  , 
sein  'da  die  Lösung  die  Kittschicht  zwischen  den  Brustfellblattern  m 
an  der  Schmalseite  berührt.  Bei  unseren  Kranken  haben  wir  dies*} 
Ereignis  auch  niemals  beobachtet.  I 

Die  künstliche  Fibrinolyse,  die  wir  einleiten,  erstreckt  sich  haup 
sächlich  auf  das  freie  Exsudatfibrin  und  auf  die  Oberfläche  der  Warn 
beläge.  Das  aber  wollen  wir.  .  I 

Die  Widerstandsfähigkeit  lebenden  Gewebes  gegen  Pepsinve, 
dauung  ist  wohl  auch  der  Grund  dafür,  dass  wir  häufigere! 
Auftreten  von  L  u  n  g  e  n  f  i  s  t  e  1  n,  mit  dem  gerechnet  wurd 
vermissten.  Ausgangspunkt  eines  Pleuraempyems  sind  ja  häufig  ? 
der  Lungenrinde  gelegene  Entzündungsherde.  Zu  ihrem  Duic 
brechen  in  die  Brusthöhle  trägt  das  Pepsin  jedenfalls  nicht  mehr  bl 
als  das  peptolytische  Eiterferment. 

Eiweissstoffe  werden  durch  Pepsin  bis  zu  den  Peptonen  hin. 
abgebaut. 


Der  Karbolsäuregehalt  kann  auch  geringer  sein. 


Das  Molekül  der  Albumine,  Globuline  und  Proteide  wird  dadurch  ze 
trümmert  und  in  löslichere  Form  übergeführt.  (Hämoglobin  zerfällt  in  nämat 
und  Globin;  das  Globin  aber  wird  weiter  peptonisiert.  Die  Stoffe  des  ze 
kernes,  die  Nukleoproteide,  werden  gleichfalls  aufgespalten. 

Dies  ist  bedeutungsvoll;  geht  doch  daraus  hervor,  dass  nicht  nj 
das  Fibrin  eines  pleuritischen  Ergusses  durch  das  Pepsinsalzsaur 
gemisch  gelöst  wird,  sondern  dass  auch  eine  allgemeine  Verflüssigui 
dicken,  rahmigen  Eiters  zu  erwarten  ist.  Andererseits  wissen  w., 
dass  die  parenterale  Aufnahme  von  Eiweisszerfallskörpern  giuj 
wirkt.  Wir  haben  bei  unseren  Kranken  auch  auf  die  Erscheinung' 
einer  solchen  Pepton  -  oder  Eiweissvergiftung  geaclitj 
aber  nichts  bemerkt,  was  auch  nur  entfernt  daran  erinnern  könnt 
Die  Resorption  aus  einer  Empyemhöhle  ist  ja  infolge  der  Blocka' 
der  Lymphwege  durch  entzündliches  Infiltrat  gering.  Ausserdt 
leiten  wir  vdas  verdaute  Exsudat  immer  sehr  bald  nach  aussen  ab. 

„Künstlichen  Magensaft“  in  eine  Brusthöhle  zu  bringen,  mag  a 
den  ersten  Blick  unphysiologisch  erscheinen.  Unser  D 
mutet  aber  weniger  befremdend  an,  wenn  man  bedenkt,  dass  su 


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Pepsin  lind  das  Eiterkörperchenenzym  nicht  nur  in  ihrer  eiweissspal- 
enden  Fähigkeit,  sondern  auch  in  einer  ganz  auffälligen  chemischen 
Affinität  zum  Fibrin  gleichen!  Darauf  hat  auch  v.  Gaza  hin¬ 
gewiesen.  Durch  die  Untersuchungen  Er.  v.  Müllers  und  seiner 
'chiiler  wissen  wir,  dass  der  Körper  überschüssiges  oder  nicht  mehr 
genötigtes  Fibrin  durch  fermentative,  autolytische  Verflüssigung  be¬ 
seitigt,  Das  hiezu  erforderliche  Enzym  entstammt  vor  allem  den 
veissen  Blutzellen.  Es  ist  ferner  bekannt,  dass  der  Faserstoffgehalt 
■itriger  Brusthöhlenergüsse  mit  der  Zeit  erheblich  zurückgeht  und 
chliesslich  ganz  verschwindet.  Die  Fibrinolyse  besorgen  dabei  die 
Eiterkörperchen,  die  durch  positive  Chemotaxis  vom  Fibrin  angelockt 
yerden.  Demnach  ist  cs  unzweckmässig,  von  einem  fibrinös-eitrigen 
xsudat  den  Eiter  abzuleitcn.  den  Faserstoff  aber  zurückzulassen.  Er 
mterhält  die  Eiterung,  auch  wenn  er  nicht  mit  Bakterien  durchsetzt 
st.  da  er  Leukozyten  zur  Verflüssigung  braucht.  Lassen  wir  an  Stelle 
les  Eiters  Pepsin  in  die  Empyemhöhle  gelangen,  so  arbeiten  wTr 
leichsinnig  wie  die  Natur:  wir  lösen  den  Faserstoff.  Darüber  hinaus 
leseitigen  wir  eine  Quelle  der  Eiterung,  sparen  dem  kämpfenden 
Irganismus  weisse  Blutkörperchen,  rauben  krankmachenden  Keimen 
iren  Unterschlupf  und  beugen  der  Schwartenbildung  vor.  Die  Wir- 
ung  des  Pepsins  fällt  also  weitgehend  mit  der  der  Eiterzellen  zu- 
ammen.  Vor  Eiter  hat  es  den  Vorzug  der  Bakterien-  und  Giftfrei- 
eit,  ia  es  besitzt,  wie  schon  Spallanzani  (1785)  bekannt  war, 
usgesnrochen  gärungs-  und  fäulniswidrige  Eigen- 
chaften.  Hievon  wird  in  der  Bauch-  und  Gelenkchirurgie  Ge- 
rauch  gemacht  (v.  E  i  s  e  1  s  b  e  r  g:  Verband!,  d.  D.  Chir.-Kongr.  1922, 
ifhönbauer).  Auch  für  die  Behandlung  des  Pleuraempyems  ist 
ieser  Umstand  willkommen.  Freund  empfahl  Pepsinsalzsäure 
/ährend  des  Krieges  wegen  seiner  reinigenden  Wirkung  für  die 
Vundb'ehandlung,  U  nna  und  seine  Schüler  rühmen  sie  für  dermato- 
igische  Zwecke,  Pavr  wies  auf  zahlreiche  Möglichkeiten,  in  denen 
e  r  .Chirurg  davon  Nutzen  ziehen  kann,  hin.  Jen  ekel  erweicht 
amit  die  starren  Wände  von  Empyemresthöhlen.  Ueber  nennens¬ 
werte  Schädigungen  oder  Gefahren  bei  zweckentsprechendem  Vor- 
'ehen  findet  sich  im  Schrifttum  nichts.  Die  Verdauungsgemische  der 
utoren  unterscheiden  sich  in  unwesentlichen  Punkten  etwas  von¬ 
unander.  Von  der  Auffassung  ausgehend,  dass  der  Magensaft 
;  ii  r  die  Eiweis  s  Spaltung  jedenfalls  das  beste  Fer¬ 
ne  ii  t  s  ä  u  r  e  g  e  m  i  s  c  h  ist,  haben  wir  uns  der  oben  angegebenen, 
'iner  Zusammensetzung  am  nächsten  kommenden  Rezeptformel  be- 
ient. 

I  heoretische  Erwägungen  wie  die  klinische  Beobachtung  zeigen, 
'iss  Pepsinsalzsäure  bei  der  Empyembehandlung  mit  Bül  au  scher 
eberdrainage  ohne  Bedenken  und  mit  Vorteil  zu  Hilfe  gezogen  wer- 
m  kann.  Mitteilung  ausführlicher  Krankengeschichten  verbietet  der 
aum.  Einige  kurze  Auszüge  mögen  indes  hier  folgen: 

1.  S.  Br.,  42  jähr.  Schneider.  Diagnose:  Grippe.  Broncho- 
neiimonie.  Linikss.  Totalempyem.  Streptoc.  long.  haemolyt. 
ässig  viel  Fibrin,  aber  doch  Abflusshindernis.  Pepsin-Salzsäurefüllung  2  mal. 
irauf  Exsudat  flüssig.  Behandlungsdauer  des  Empyems:  5  Wochen.  Mit 
illig  entfalteter,  der  Brustwand  anliegender  Lunge,  bei  freiem  Sin. 
irenicocost.,  ohne  Schrumpfung  oder  Schwartenbildung,  mit  fest  vernarbter 
stel  entlassen. 

2.  J.  G„  22  jähr.  Installateur.  Diagnose:  Grippe,  Broncho- 
neumonie.  Links  s.  Pleuraempyem.  Fibrinreicher  Erguss, 
reptoc.  long.  haemolyt.  Nach  3  wöchiger  Krankheitsdauer  Beginn  chirur- 
scher  Behandlung.  Bülau.  Pepsinfüllung  4  mal.  Heilungsdauer:  12  Wochen, 
mgenkapazität  3000,  Lunge  völlig  wieder  ausgedehnt.  Wunde  fest  geheilt, 
i.'ine  Schrumpfung. 

3.  J.  P„  33  jähr.  Hilfsarbeiter.  Diagnose:  Kruppöse  Pneumonie, 
et  a  pneumonisches,  sehr  fibrinreiches  links  s.  E  m  - 

IV  em.  Streptoc.  long.  3  Wochen  lang  von  Internem  mit  Punktionen  und 
osaugen  behandelt.  Bülau.  Pepsin  1  mal.  Heilungsdauer:  loU  Wochen, 
mgenkapazität  3000.  Geringe  Schwarte.  Mit  fest  geschlossener  Fistel 
heilt  entlassen. 

4.  F.  F .,  29  jähr.  Metzger.  Diagnose:  Kruppöse  Pneumonie, 
et  a  pneumonisches,  links  s.  Totalempyem.  Pneumokokken, 
st  nach  6  Wochen  Beginn  chirurgischer  Behandlung.  Bülau.  Pepsin  1  mal. 
ilung  durch  erschwerte  Wiederausdehnung  der  Lunge  verzögert.  Dauer: 

Wochen.  Ohne  Resthöhle,  mit  3000  Lungenkapazität,  bei  massiger 
hrumpfung  der  linken  Brusthälfte,  mit  geschlossener  Fistel  entlassen. 

5.  S.  B.,  36  jähr.  Elektrotechniker.  Diagnose:  Friedländer- 
n  e  u  m  o  n  i  e.  Interlobärer  Abszess.  Empyem.  Mehr- 
mmerige  Höhle,  daher  2  Heberdrainagen.  Seröses  Exsudat  der  anderen 
itc  verschwindet  auf  Punktion.  Trotz  völligem  Sekretabfluss  aus  den 
iden  Höhlen  bei  Bülau-Pepsinbehandlung  keine  Heilungsneigung.  Rippen- 
'ektion  erweist  die  Kammern  des  Empyems  leer  von  Sekret!  Derbe 
hwarten.  Später  Durchbruch  eines  interlobären  Abszesses  in  die  obere 
mmer  der  Höhle  und  in  die  Lunge.  Dann  Ausheilung. 

6.  F.  Schw.,  26jähr.  Kaufmann.  Diagnose:  Links  s.  Lungentuber- 
jilose.  Künstlicher  Pneumothorax.  Pneumothorax- 
n  p  y  c  m.  Streptoc.  long.  und  Bact.  proteus  vulg.  Zunächst  Punktionen. 
nn  Bülau.  Exsudat  äusserst  fibrinreich,  wird  auf  Pepsin  (zeitweise  täglich) 
nnflüssig.  Entfieberung.  Wohlbefinden.  Nach  4  wöchentlichem  Bülau 

j  herrohr  wegen  heftiger  Interkostalneuralgien  entfernt.  Temperaturanstieg, 
rschlechterung.  Punktionsweiterbehandlung.  Extrapleurale  Thorakoplastik. 
mperatur  bleibt  septisch,  rascher  Verfall.  Resthöhlenoperation.  Un- 
•  haltsame  Verschlimmerung.  Exitus. 

Zusammenfassung  und  Indikationen. 

Der  Anwendungsbereich  der  B  ii  1  a  tt  sehen  Heberdrainage  lässt 
h  durch  Zuhilfenahme  der  Exsudatverdauung  mit  Pepsinsalzsäure- 
’Ung  erweitern.  Die  mannigfachen  Vorteile  einer  möglichst  ge¬ 
flossenen  Empyembehandlung  stehen  fest.  Die  bei  den  Grippe¬ 


epidemien  gemachten  Erfahrungen  zeigen,  dass  man  die  Gefahren  des 
offenen  Pneumothorax  und  eines  grösseren  Eingriffes  Schwerkranken 
nicht  immer  zumuten  darf  (L  owenburg,  Moszkowicz,  Nae- 
geli,  Schacdel.  Heller  usw.).  Rippenresektion  sollte  jedenfalls 
stets  unter  Druckdifferenz  nach  Sauerbruch  und  Jehn  vor¬ 
genommen  und  mit  luftdicht  schliessetidem  Verbände  beendigt  wer¬ 
den.  Wechsel  der  Verbände  erfolgt  ebenfalls  unter  Ucberdruck- 
atmung.  Nach  Sauerbruch  ist  diese  Methode  „am  besten  bei 
metapneumonischen  Empyemformen  im  Kindcsaltcr  und  allen  weniger 
virulenten  Infektionen  der  Erwachsenen“.  „Bei  allen  Fällen,  wo  eine 
Infektion  mit  hochvirulenten  Eitererregern  besteht,  und  wo  das  erste 
Gebot  eine  breite  Drainage  der  Brusthöhle  ist“,  empfiehlt  er  Vorsicht 
mit  der  Druckdifferenz.  Hier  kann  das  B  ii  1  a  u  sehe  Verfahren  in 
Verbindung  mit  der  Exsudatverdauung  einsetzen.  Denn  je  schwerer 
der  Allgemeinzustand  des  Kranken  ist,  und  je  weniger  Verlötungen 
zwischen  den  Brustfellblättern  bestehen,  um  so  schonender  soll  der 
operative  Eingriff  sein.  Freilich  nicht  auf  Kosten  der  Wirksamkeit 
der  Drainage.  Punktions-  und  Saugbchandlung  erfüllen  diese  For¬ 
derung  als  alleinige  Massnahmen  ungenügend. 

Der  Flüssigkeitsgrad  eines  Empyems  ist  für  die  Zulässigkeit  der 
Heberdrainage  nicht  massgebend,  da  wir  über  ihn  mit  Pepsinlösung 
verfügen  können.  Noch  weniger  kommen  bakteriologische  Gesichts¬ 
punkte  in  Betracht.  Die  Grenzen  für  die  Anwendbarkeit 
der  Bülau  drainage  sind  in  viel  wichtigeren,  patho¬ 
logisch-anatomischen  Verhältnissen  zu  sehen. 

Geeignet  für  Biilau-Pepsinbehandlung  sind  nur  solche  Pleura¬ 
empyeme,  die  nicht  von  einer  chirurgisch  anzugrei¬ 
fenden  Herderkrankung  ausgehen  und  unterhalten  werden. 
Tn  Frage  kommen  also  für  das  Verfahren  besonders  para-  und  meta¬ 
pneumonische  Empyeme,  sowohl  bei  lobärer  als  auch  lobulärer  Pneu¬ 
monie.  Metastatische  Brustfelleiterungqn  dürfen  in  den  Fällen,  in 
denen  man  zugrundeliegende  Lungenabszesse  nicht  operieren  kann, 
nach  Bülau  drainiert  werden.  Aehnliches  gilt  für  traumatische 
Empyeme,  die  jedoch  ungleich  häufiger  breite  Thoraxeröffnung  ver¬ 
langen.  Bei  mischinfizierten  tuberkulösen  und  Pneumothoiax- 
empvemen  ist  ein  Versuch  mit  Heberdrainage  berechtigt.  Ausheilung 
wird  man  damit  allein  kaum  erzielen.  Extrapleurale  Thorakoplastik 
(Spengler  und  Sauerbruch)  oder  Resthöhlenoperation  werden 
hinzukommen  müssen. 

Ganz  ungeeignet  für  die  Bül  au  sehe  Behandlung  sind 
aber  alle  Empyeme  bei  Lungenabszessen,  Lungengangrän,  Bronchi¬ 
ektasen,  Steckschüssen,  Lungensequestern  und  die.  welche  von  Nach¬ 
barorganen  (z.  B.  bei  subphrenischem  Abszess,  Perikarditis,  Medi¬ 
astinitis  und  Oesophagusdurchbruch)  ausgehen.  Breite  Eröffnung 
des  Brustraumes  unter  Druckdifferenz,  Angehen  des  Herdes  und 
Tamoonade  sind  hier  geboten. 

Der  Rippenresektion  Vorbehalten  bleiben  schliesslich  auch  alle 
Plenraeiterungen,  die  infolge  ihrer  versteckten  Lage  für  den  Trokar 
nicht  erreichbar  sind.  Dazu  gehören  die  meisten  interlobären,  die 
mediastinalen  und  die  diaphragmatischen  Empyeme. 

Schriftennachweis. 

1.  v.  Beiist:  Mitt.  a.  d.  Grenzgeb.  32.  H.  1.  —  2.  Bier:  D.m.W.  1917 
Nr.  33:  1918  Nr.  1:  B.kl.W.  1917  Nr.  9,  10,  30.  —  3.  Bülau:  Zschr.  f.  klin. 
Med.  1890,  18,  S.  31.  —  4.  A.  W.  Fischer:  Klin.  Wschr.  1922  Nr.  16  — 

5.  Freund:  M.m.W.  1915  Nr.  2.  —  6.  Gerhardt:  Mitt.  a.  d.  Grenzgeb. 
1918,  ßO.  H.  3.  —  7.  Ha  r  t  e  r  t:  M.m.W.  1918  Nr.  31.  —  8.  H  e  1 1  e  r:  Bruns’ 
Beitr.  1916.  102,  H.  3.  —  9.  I  s  e  1  i  n:  Bruns’  Beitr.  102.  H.  3.  —  10.  J  e  h  n: 
Jahreskurse  f.  ärztl.  Fortbildg.  1921  H.  12:  M.m.W.  1921  Nr.  12.  — 
11.  Jen  ekel:  M.m.W.  1921  S.  1156.  —  12.  K  1  e  i  n  s  c  h  m  i  d  t:  D.  Zschr. 
f.  Chir.  1920,  153,  S.  87.  —  13.  König:  Zbl.  f.  Ghir.  1880,  7.  S.  769.  — 
14.  Lippmann  und  Samson:  D.m.W.  1919  Nr.  37.  —  15.  Lowen- 
burg:  New  York  med.  journ.  1920,  112.  Nr.  4.  —  16.  Moszkowicz: 
M.K1.  1920  Nr.  8.  —  17.  Fr.  v.  Müller:  Verh.  d.  Naturforsch. -Ges.  in  Basel 
1901.  13.  H.  2:  Verh.  d.  20.  Kongr.  f.  inn.  Med.  1902,  Wiesbaden.  —  18.  Nae- 
geli:  Bruns’  Beitr.  1920,  119,  H.  3.  —  19.  Odermatt:  D.  Zschr.  f.  Chir. 
1920,  155,  H.  1/2.  —  20.  Payr:  Zbl.  f.  Chir.  1922  Nr.  1;  Verh.  d.  D.  Ges.  f. 
Chir.  1922,  46.  Tagg.  —  21.  Perthes:  Mitt.  a.  d.  Grenzgeb.  1901.  7.  — 
22.  Sauerbruch:  Chir.  d.  Brustorg.  1920.  1.  S.  108:  Hdb.  d.  ges.  Ther.  v. 
Pentzoldt  und  Stintzing  1914,  3,  5.  Aufl.,  S.  389;  Hdb.  d.  prakt.  Chir.  1913,  2, 

4.  Aufl..  S.  763.  —  23.  Schaedel:  D.  Zschr.  f.  Chir.  1920,  153.  H.  3/4.  — 
24.  Schede:  Hdb.  d.  Ther.  inn.  Krankh.  1902.  3.  S.  547.  —  25.  Schmerz: 
Zbl.  f.  Chir.  1916  S.  1.  —  26.  Schön  bau  er:  Arch.  f.  klin.  Chir.  1922,  120, 

H.  1.  —  27.  Spengler  und  Sauerbruch:  M.m.W.  1913  Nr.  51.  — 
28.  Unna:  Dermat.  Wschr.  1916,  1917,  1920. 


Die  endolumbale  Salvarsanbehandlung  der  meningealen 

Syphilis. 

Von  Prof.  Dr.  Wilhelm  Gennerich  in  Kiel. 

1.  Allgemeiner  Teil. 

Die  Urteile,  die  über  die  Zweckmässigkeit  der  endolumbalen  Be¬ 
handlung  bisher  vorliegen,  sind  trotz  zehnjährigen  Alters  der  Me¬ 
thode  ungemein  widersprechend,  so  dass  sich  der  Fernerstehende 
über  die  wirkliche  Sachlage  kein  rechtes  Bild  zu  machen  imstande  ist. 

Die  meisten  Neurologen  und  Psychiater  Deutschlands  verhalten  sich  ab¬ 
lehnend;  sie  halten  die  Behandlung  für  zu  gefährlich  und  glauben  mit  der 
Allgemeinbehandlung  dasselbe  zu  erreichen.  Nonne  und  Jako  bi- Jena 
beobachteten  je  zwei  Todesfälle  und  D  r  e  y  f  u  s  -  Frankfurt  einen  schweren 
Meningitisfall,  der  nur  mit  grosser  Mühe  am  Leben  erhalten  wurde.  D  r  e  y  - 


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MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


f  u  s,  F  u  c  K  s  und  Jakobi  betonen  ausserdem,  dass  die  von  mir  ange¬ 
gebene  Technik  genau  eingehalten  sei.  D  r  e  y  f  u  s  hat  etwa  100  endolumbale 
Behandlungen  ohne  einen  nennenswerten  Erfolg  ausgeführt.  Als  Dosierung 
hat  er  nur  ‘/io  mg  gegeben,  eine  viel  zu  geringe  Dosis,  welche  auch  nach 
unseren  Erfahrungen  absolut  wirkungslos  ist.  Lieber  diese  Tatsache  lesen 
aber  leider  viele  Autoren  hinweg,  weil  sie  selbst  über  Technik  und  Do¬ 
sierungsfrage  gar  nicht  unterrichtet  sind. 

Auch  aus  dem  Auslande  liegen  einige  ablehnende  Berichte  vor.  So  hält 
Villa  verde  die  endolumbale  Behandlung  der  Tabes  für  wenig  ver¬ 
sprechend,  bzw.  aussichtslos.  David  Kaliski  und  Israel  S  t  r  a  u  s  s  sind 
ebenfalls  gegen  die  intraspinale  Methode;  sie  halten  es  nicht  für  erwiesen, 
dass  Salvarsanserum  spirochätentötend  wirkt.  Die  Anwendung  von  Salvarsan 
selbst  im  Spinalkanal  sei  gefährlich  oder  bei  Anwendung  nichttoxischer  Dosen 
unwirksam.  ‘-r  ‘ 

Hierzu  ist  zu  bemerken,  dass  bei  uns  in  den  letzten  10  Jahren  wohl 
vereinzelt  geringe  chemische  Irritationen  durch  Ueberdosierung  des  intra- 
spinal  gegebenen  Salvarsans  beobachtet  worden  sind,  dass  sich  aber  toxische 
Einwirkungen  des  eniolumbal  einverleibten  Salvarsans  bisher  noch  niemals 
gezeigt  haben.  Auch  Förster,  Cassirer,  Siemerling  u.  a. 
Autoren  haben  sich  gegen  die  endolumbale  Methode  ausgesprochen;  För¬ 
ster-  Berlin  hat  sich  dahin  geäussert,  dass  keinerlei  Beweis  dafür  erbracht 
sei,  dass  das  endolumbal  eingeführte  Salvarsan  an  den  Krankheitsherd  hin¬ 
gelange  und  dort  zur  Wirkung  komme. 

In  ähnlicher  Richtung  bewegen  sich  auch  die  Ansichten  von  R.  D.  Ru¬ 
dolf  und  F.  M.  R.  Bulmer  (Canada).  Da  ihre  Versuche  sowohl  von 
ihnen  selbst,  als  auch  von  ihrem  Berichterstatter  U  1 1  m  a  n  n  -  Wien  gänzlica 
falsch  ausgelegt  und  verwertet  worden  sind,  und  für  den  Uneingeweihten 
Anlass  zu  einem  verhängnisvollen  Missverständnis  werden  könnten,  müssen 
wir  auf  die  Arbeit  der  beiden  genannten  Autoren  kurz  eingehen.  Sie  prüften 
das  Schicksal  des  Arseniks  nach  intravenöser  und  endolumbaler  Injektion.  Es 
ist  besonders  zu  beachten,  dass  es  sich  um  Injektionen  handelte.  Sie  fanden 
an  Kaninchenversuchen,  dass  nur  bei  grösseren  Dosen  intravenös  oder  in  den 
Lumbalsack  eingespritzter  Arsenik-  (Salvarsan-)  Präparate  ganz  geringe 
Spuren  davon  auch  in  der  Rückenmarkssubstanz  nachweisbar  wurden,  und 
zwar  nach  endolumbaler  Injektion  deutlich  in  dem  unteren  Teile  (der  der 
Stichöffnung  näher  lag)  etwas  mehr  als  in  dem  etwas  mehr  oberen,  dem 
Halsmark  näheren  Teile,  was  auf  eine  lokale  Adsorption  hinweist,  zumal  ja 
der  Rückenmarkskanal  der  Tiere  nicht  wie  beim  Menschen  vertikal,  sondern 
nahezu  horizontal  verläuft.  Sie  fanden  später  durch  physikalische  Versuche 
mit  langen  Olastuben,  dass  eine  nennenswerte  Diffusion  des  Arsens  von  einer 
bodenständigen  konzentrierten  Arsenlösung  aus  auf  eine  überschichtetfe  arsen¬ 
freie  destillierte  Wassersäule  selbst  in  der  Zeit  von  vielen  Stunden  nach 
obenhin  nicht  stattfindet,  demnach  beim  Menschen  die  «Verhältnisse  noch 
ungünstiger  seien,  als  wie  beim  Kaninchen.  Ganz  besonders  gering  war  der 
Arsengehalt  des  Rückenmarks,  wenn  man  nach  der  Methode  von  Swift 
und  E 1 1  i  s  salvarsanisiertes  Serum  in  den  Rückenmarkskanal  einspritzte. 
Sie  belegen  ihre  Versuche  mit  den  nötigen  Kontrollen  und  Arsenmaassskalen, 
die  photographisch  eine  sehr  genaue  Abschätzung  der  Arsenmengen  mit  freiem 
Auge  gestatten.  Die  Ergebnisse  ihrer  Arbeiten  werden  dahin  zusammen¬ 
gefasst,  dass  Arsenik  (Salvarsan),  intravenös  beigebracht,  nur  in  verhältnis¬ 
mässig  sehr  geringen  Mengen  in  das  Zentralnervensystem  gelangt,  in  thera¬ 
peutischen,  dementsprechend  also  kleineren  Dosen,  intralumbal  injiziert,  es 
nicht  einmal  in  diesen  kleinen  Mengen  chemisch  im  Rückenmark  nach¬ 
zuweisen  sei. 

Hierzu  äussert  sich  U  1 1  m  a  n  n  -  Wien,  wie  folgt: 

Durch  diese  Untersuchungen  wird  ein  weiteres  und  wichtiges  Beweis¬ 
mittel  gegen  die  seit  einigen  Jahren  in  übertriebener  Weise  gehegten  Hoff¬ 
nungen  von  dem  Werte  intralumbaler,  also  scheinbar  rationeller  Therapie, 
die  auf  die  Ausheilung  der  Syphilis  des  Zentralnervensystems  gesetzt  werden, 
erbracht.  !V(U'Ä! 

Hierzu  ist  zu  bemerken: 

1.  Zunächst  beweisen  die  Versuche  von  Rudolf  und  Bulmer  nichts 
anderes,  als  was  bei  uns  in  Deutschland  schon  seit  10  bis  30  Jahren  bekannt 
ist.  Der  H  e  n  s  e  n  sehe  Versuch,  der  wohl  mehr  als  30  Jahre  alt  ist,  zeigt, 
dass  ' Farblösungen  in  einem  1  m  langen  Glasrohr  ca.  14  Tage  gebrauchen, 
um  von  einer  Seite  aus  durch  die  Wassersäule  hindurch  auf  die  andere  Seite 
des  Rohrs  zu  diffundieren.  Weshalb  soll  das  bei  chemischen  Lösungen,  wie 
z.  B.  Arsenikalien,  anders  sein?  Dieser  Tatsache  musste  bei  der  endolumbalen 
Behandlung  Rechnung  getragen,  bzw.  von  ihr  ausgegangen  werden. 

2.  Seit  fast  10  Jahren  haben  wir  die  Anschauung  vertreten,  dass  die 
Liquorströmung  praktisch  gleich  Null  ist,  jedenfalls  für  eine  wirksame  Ver¬ 
teilung  des  Salvarsans  im  Lumbalsack  nicht  in  Betracht  kommt.  Die  klini¬ 
schen  Erfahrungen  haben  gelehrt,  dass  die  Wirkung  des  endolumbal  einver- 
leibtcn  Salvarsans  nur  so  hoch  in  den  Lumbalsack  nach  oben  hinaufreicht, 
als  es  der  in  die  Bürette  abgelassenen  und  hier  mit  Salvarsan  vermischten 
Liquormenge  entspricht.  Seit  dem  Jahre  1915  war  es  jedenfalls  völlig  klar, 
dass  endolumbal  zu  gebendes  Salvarsan  nur  so  weit  in  den  Lumbalsack  nach 
oben  gelangen  konnte,  als  es  mit  der  Bürette  nach  oben  gebracht  wurde. 
Während  anfänglich  nur  20  ccm  Liquor  zur  Salvarsanmischung  entnommen 
wurde,  gingen  wir  in  allmählicher  Steigerung  sehr  bald  zu  60  bis  90  ccm 
über,  d.  h.  wir  entnahmen  zur  Mischung  so  viel,  als  der  einzelne  Lumbalsack 
ohne  Gefahr  hergab.  Der  prompte  klinische  Erfolg  bewies  uns,  dass  wir 
auf  diese  Weise  leicht  das  Salvarsan  an  die  zerebralen  Meningen  heran¬ 
bringen  konnten. 

Die  endolumbalen  Versuche  von  Rudolf  und  Bulmer  stehen  also 
nicht  einmal  auf  dem  Niveau  unserer  ersten  endolumbalen  Versuche  aus  dem 
Jahre  1913,  weil  sie  lediglich  eine  Injektion  von  Arsenlösung  intraspinal  aus¬ 
führten,  die  selbstverständlich  mehr  oder  minder  um  die  Einstichstelle  herum 
liegen  bleibt,  bzw.  dort  zur  Adsorption  gelangen  musste. 

3.  Ebenso  selbstverständlich,  wie  die  vorstehenden  Ergebnisse  der 
Rudolf  und  Bulmer  sehen  Versuche,  ist  auch  das  Endergebnis  ihrer 
Arbeit,  dass  sie  nämlich  nach  der  intraspinalen  Injektion  therapeutischer 
Arsendosen  nichts  davon  im  Rückenmark  selbst  nachweisen  konnten.  Würde 
die  intakte  Pia  bei  endolumbaler  Injektion  grössere  Salvarsanmengen  zum 
Nervengewebe  durchlassen,  so  würden  beim  Rückenmark  Irritationen  und 
Funktionsausfall  die  Folge  sein.  Aber  selbst  in  diesem  Falle  würde  die 
Zirkulation  das  dorthin  gelangte  Salvarsan  sofort  aufnehmen  und  fortführen, 
so  dass  der  am  lebenden  Organismus  angestellte  Versuch  nichts  weniger  als 
massgebend  sein  würde.  Nur  an  ganz  frischen  Kadavern  lässt  sich  der  Ueber- 
tritt  von  Chemikalien  aus  dem  Lumbalsack  in  die  Nervensubstanz  nachprüfen. 
Unsere  diesbezüglichen  Versuche  zeigen,  dass  gewisse  Chemikalien  weder 
von  der  normalen  Pia.  noch  von  der  gewöhnlich  syphilitisch  verdickten  Pia 


direkt  zum  Nervengewebe  durchgelassen  werden.  Nur  dort,  wo  die  Pi: 
durch  den  chronischen  syphilitischen  Infiltrationsprozess  aufgelockert  und  zer  i 
mürbt  ist,  erfolgt,  wie  wir  späterhin  noch  erörtern  werden,  ein  unbehinderte 
Durchtritt  der  Chemikalien  durch  das  Gewebe  der  Pia  in  das  mit  diesen 
verwachsene  Rindengewebe.  Ohne  den  genannten  Zerstörungsprozess  ii 
der  Pia  lassen  sich  nur  geringe  Mengen  von  Chemikalien  in  den  binde 
gewebigen  Teilen  der  pialen  Gefässscheiden  und  Media  und  hier  nur  stellen 
weise  erkennen.  Im  übrigen  sind  jedoch  die  gewöhnlichen  Resorptionsverhäh 
nisse  der  in  den  Liquor  einverleibten  chemischen  Produkte  durch  die  Pia 
wie  es  besonders  Lewandowski  für  eine  Reihe  von  Alkaloiden  gezeigt 
hat,  verschieden.  Die  pialen  Durchtrittsverhältnisse  für  Farben  und  Chemi 
kalien  vom  Liquor  aus  sind  bereits  in  meinem  Buch  „Die  Syphilis  des  Zentral 
nervensystems“  ausführlich  erörtert,  so  dass  wir  hier  auf  ein  weiteres  Ein! 
gehen  auf  diese  Fragen  verzichten  können. 

Alles  zusammengenommen  sind  die  Untersuchungen  von  Ru* 
d  o  1  f  und  Bulmer,  die  auf  dem  Washingtoner  Aerztekongress  192. 
vorgetragen  wurden,  für  uns  längst  bekannte  Tatsachen.  Sic  habei 
uns  nicht  von  der  endolumbalen  Behandlung  abgehalten,  sondert 
waren  gerade  der  Anlass  zu  ihrem  weiteren  Ausbau.  Ihre  Berück 
sichtigung  brachte  uns  in  letzter  Konsequenz  auch  die  Doppelpunk 
tionsbehandlung,  bei  welcher  am  Rückenmark  vorbei  hohe  zerebral 
Dosen  nach  oben  geschickt  werden,  während  das  weit  empfindlicherqj 
Rückenmark  selbst  von  der  Behandlung  ausgeschaltet  wird. 

Wer  den  Entwicklungsgang  der  endolumbalen  Therapie  verfolg« 
hat,  für  den  kann  es  nur  ein  Rätsel  bleiben,  weshalb  Ullmann-Wiet 
in  den  Rudolf  -  und  Bulmer  sehen  Versuchen  ein  weiteres  wich 
tiges  Beweismittel  gegen  die  seit  einigen  Jahren  in  übertriebene 
Weise  gehegten  Hoffnungen  von  dem  Wert  intralumbaler  Thcrapi 
erbracht  sieht. 

M.  H.!  Die  intraspinale  Injektion  hat  mit  unserer  endolumbale: 
Behandlung  nichts  weiter  gemeinsam  als  den  Einstich.  Auf  die  son 
stigen  Beweise  Ul  1  man  ns  gegen  den  Wert  der  endolumbale) 
Therapie  darf  man  wohl  gespannt  sein. 

Als  Anhänger  der  endolumbalen  Salvarsanbehandlung  haben  sic 
in  Deutschland  besonders  B  e  n  e  d  e  k  und  Anneliese  W  i  1 1  g  e  n 
stein  hervorgetan.  Ersterer  berichtet  über  zahlreiche  subjektiv 
und  objektive  Besserungen  und  nur  über  Vereinzelte  Versager  be 
Tabes  und  Lues  cerebri. 

Wittgenstein  berichtet  über  3  Kategorien  von  Fällen: 

1.  Bei  symptomloser  Liquorlues  wurden  von  7  Spätfällen  3  intravenös 
die  anderen  endolumbal  assaniert. 

2.  Bei  Lues  cerebri  10  Fälle:  und  zwar  2  unbehandelt  und  8  erfolglo 
intravenös  behandelt.  Von  ihnen  wurden  8  endolumbal  assaniert,  1  blie 
resistent. 

3.  Tabes,  16  liquorpositive  Fälle:  9  erfolglos  intravenös  behandelt,  3  Fäll 
intravenös  gebessert,  4  Fälle  nur  endolumbal  behandelt.  Von  den  16  Falb 
wurden  12  endolumbal  assaniert. 

In  der  Schweiz  ist  die  endolumbale  Behandlung  durch  Theodor  Brun 
n  e  r  -  Zürich  eingeführt,  er  berichtet  über  eine  Reihe  von  Paralysefällcn.  di 
er  wieder  ihrem  Erwerbsleben  zuführen  konnte.  Septische  Störungen  hat  c 
nicht  beobachtet  und  hält  sie  bei  richtiger  Tecknik  für  ausgeschlossen.  Ebens 
günstig  äussert  sich  über  die  endolumbale  Behandlung  Müllcrn-Aspe 
g  r  e  n  -  Stockholm,  der  die  Methode  in  Schweden  eingeführt  hat.  Neben  de 
klinischen  Besserung  betont  er  vor  allem  die  Rückbildung  der  pathologische 
Liquorwerte  bei  planmässiger  endolumbaler  Durchbehandlung. 

Der  führende  Syphilologe  Amerikas  F  o  r  d  y  c  e  -  New  York  gibt  ein 
eindringliche  Empfehlung  der  intraspinalen  Behandlung  der  Nervenlues. 

Mit  der  intravenösen  Salvarsanbehandlung  sei  nicht  dasselbe  zu  erreichet’ 
Er  hat  besonders  Optikusatrophie  zum  Stillstand  gebracht. 

In  ähnlicher  Weise  äussern  sich  auch  K  e  y  d  e  1  und  Moore-  Baltimore; 

L  a  f  o  r  a  -  Madrid  steht  auf  dem  Standpunkt,  dass  bei  der  aus 
gesprochenen  Wirksamkeit  der  endolumbalen  Behandlung  der  Ner 
vensyphilis  diese  Behandlung  stets  angewendet  werden  muss  un 
keinesfalls  für  die  der  Allgemeinbehandlung  widerstrebenden  Fäll 
reserviert  werden  darf.  Die  Mehrzahl  der  Versager  und  Schädi 
gungen  führt  Lafora  auf  fehlerhafte  Technik,  auf  unrichtige  Dosie 
rung  und  auf  die  bei  der  Auswahl  der  Kranken,  begangenen  Irrtiime 
zurück,  alles  Fehler,  für  die  man  den  Arzt  verant 
wörtlich  machen  muss  und  nicht  das  Verfahre 
als  solches.  Jeder  Typus  der  pathologischen  Prozesse  gebrauch 
eine  bestimmte  Anwendungsart  der  Methode,  besonders  was  die  Häu 
figkeit  der  Behandlung  und  die  Dosierung  betrifft.  Die  Methode  dflrf 
nur  in  denjenigen  Fällen  angewendet  werden,  wo  ein  meningovasku 
Iärcr  Entzündungsprozess  vorliege,  nicht  aber  in  jenen  anderen  Fäl 
len,  wo  es  sich  fast  ausschliesslich  um  sklerotische  Läsionen  handelt 

M.  H.!  Ueber  die  Häufigkeit  latenter  meningealer  Prozesse  nac 
Salvarsan-  und  Quecksilberbehandlung  habe  ich  in  den  Jahren  191 
bis  1917  wiederholt  berichtet.  Die  Durchsicht  des  Krankenmaterial 
zu  verschiedenen  Zeiten  ergab,  dass  in  zirka  40  Proz.  aller  Fälle  trot 
vielfacher  und  starker  Vorbehandlung  mit  meningealen  Entzündunge 
zu  rechnen  ist.  Aehnliche  Beobachtungen  über  die  Häufigkeit  eine 
pathologischen  Liquors  finden  sich  auch  bei  denjenigen  Autorer 
welche  bei  alleiniger  Allgemeinbehandlung  mit  Quecksilber  und  Sa! 
varsan  das  Verhalten  des  Liquors  kontrolliert  haben. 

Bei  D  r  e  y  f  u  s  bleiben  von  54  Fällen  mit  pathologischen  Pupillcnphäm 
menen  39  pathologisch,  bzw.  progredient,  nur  bei  4  Fällen  wurde  ein  normale 
Liquor  konstatiert.  Fast  70  Proz.  bleiben  ungeheilt.. 

Bei  Finger-  und  Kyrles-Behandlungsergebnissen  sehen  Sie,  in.  H 
vor  allem  jene  bekannte  Tatsache  hervortreten,  dass  die  im  Latenz 
Stadium  vorhandenen  pathologischen  Liquors  mit  zunehmendem  Ir. 
fektionsalter  gegen  Allgcmeintherapie  immer  resistenter  werden. 

Im  zweiten  Krankheitsjahr  wurden  von  43  Fällen  noch  25  Fälle  glek 
58  Proz.  durch  Allgemeinbehandlung  im  Liquor  saniert,  im  3.  und  4.  Kran! 


28.  September  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1223 


hcitsjahr  /  gleich  37  Proz.,  im  5.  Krankheitsjahr  von  56  Fällen  7  gleich 
12,5  Proz.,  und  bis  zum  10.  Krankheitsjahr  von  41  Fällen  auch  nur  noch  7  gleich 
12  Proz.  Bei  17  Fällen,  die  bis  zu  20  Jahren  und  darüber  hinaus  alt  waren, 
wurde  überhaupt  keiner  mehr  saniert.  Von  77  älteren  Fällen  unbekannten 
Infcktionsalters  wurden  nur  15  gleich  19  Proz.  saniert. 

Auch  die  Behandlungsergebnisse  von  Viktor  Muclia  und  Viktor  Satkc 
ergaben  nach  Allgemeitibehandlung  Fortbestand  pathologischen  Liquors  in 
35  Proz.  der  FäMe  mit  einem  Infektionsalter  Uber  2  Jahre  hinaus,  und  in 
45  Proz.  bei  rällen  unbestimmten  Infektionsalters. 

|,  H.!  Die  angegebenen  Zahlen  stimmen  im  grossen  und  ganzen 

mt  denen  überein,  die  auch  noch  von  anderen  Autoren  über  die 
läufigkeit  eines  pathologischen  Liquors  bei  Syphilisfällen  der  ver- 
-chiedensten  Vorbehandlung  gebracht  worden  sind.  Die  patholo¬ 
gischen  Liquores  schwanken  in  den  älteren  Luesstadien  zwischen  35 
ind  60  Proz.,  je  nach  der  Güte  der  Behandlung.  Jede  Behandlung 
unterlasst  soviel  Meningorezidive,  als  sie  verdient,  d.  h.  eine  gute 
lehandlung  nur  wenig  und  eine  schlechte  Behandlung  einen  erheb- 
ichen  Prozentsatz. 

Lieber  die  Bedeutung  eines  pathologischen  Liquors  in  Latenzfällen  be¬ 
stehen  noch  geteilte  Ansichten.  Spontane  Rückbildungen  kommen  auch  in 
nseren  Breiten  zweifellos  noch  vor,  weil  die  Zahl  der  Metaluesfälle  wesent- 
j  ger,nSer  ]st,  als  der  Prozentsatz  der  latenten  meningeaien  Prozesse. 

,  unserem  Krankenmaterial,  das  allerdings  sehr  viel  frische  Luesstadien 
utwdst,  betragen  die  latenten  meningeaien  Prozesse  90  Proz.  und  die  klini- 
F..J1  nur  10  Proz.  Auf  die  sonstige  statistische  Forschung  über  die 

läufigkeit  der  Metalues  soll  heute  nicht  näher  eingegangen  werden;  es  liegen 
enugetid  Beweisgründe  dafür  vor,  die  Häufigkeit  der  gesamten  Spätsyphilis 
m  C.N.S.^  auf  ca.  20  Proz.  einzuschätzen. 

i  •  De(.  Standpunkt  Nonnes  und  seiner  Schüler,  dass  ein  pathologischer 
'q.i0r-..ei-esfa  s  !mm?r  einen  späteren  Ausgang  in  Metalues  bedeutet,  mag 
ic  leicht  für  eine  beschränkte  Anzahl  biologisch  sehr  träge  verlaufender  In- 
:k‘l0,le"  zutl;effen,  aber  keinesfalls  für  die  überwiegende  Mehrzahl  der  vor- 
lehandelten  alteren  Fälle  mit  erheblich  pathologischen  Liquorwerten,  die 
egen  der  bei  unserer  heimischen  Syphilis  überwiegend  vorhandenen  Allergie- 
Lhwache  die  zweifellose  Anwartschaft  auf  Metalues  besitzt.  Jedenfalls  cr- 
i 'eisen  sich  die  schwereren  Liquorveränderungen  der  älteren  Luesstadien 
ine  endolumbale  Behandlungen  als  vorwiegend  progredient,  was  oben  bereits 
ei  dem  D  r  e  y  f  u  s  sehen  Material  erwähnt  wurde. 

Endlich  sollte  die  absolute  Zahl  der  Fälle  mit  nervöser  Syphilis 
"d  ailch  die  schwere  Bedeutung  der  eingetretenen  Ausfallerschei- 
ungen  am  C.N.S.  einen  genügenden  Anlass  geben,  neue  Wege  zur 
lquorassanierung  zu  beschreiten,  falls  diese  dazu  auch  nur  einige 
ussicht  bieten. 

I  .Zunächst  muss  eine  möglichst  frühzeitige  Feststellung  des  patho- 
bgischen  Liquors  durch  planmässige  Liquorkontrollen  sichergestellt 
erden  Sodann  muss  die  Erfahrung,  dass  die  spezifische  Allgemein- 
,  Handlung  sehr  häufig  zur  Assanierung  der  meningeaien  Infektion 
eilt  ausreicht,  noch  mehr  Allgemeingut  aller  Aerzte  werden.  Bei 
:n  älteren  meningeaien  Entzündungen  wirkt  die  Allgemeinbehand- 
ng  gar  nicht  selten  dadurch  ungünstig,  dass  sie  nur  die  Körpcr- 
jfektion  immer  mehr  einschränkt,  wodurch  die  nur  wenig  beeinfluss- 
Itre  meningeale  Infektion  früher  zu  klinischen  Erscheinungen  führt 
s  ohne  spezifische  Behandlung. 

Pie  ungenügende  Wirkung  der  Allgemeinbeliandlung  erklärt  sich,  wie  in 
iheren  Arbeiten  ausführlicher  behandelt,  daraus,  dass  das  C.N.S.  und  seine 
l  e  Cy-  e  •  n,lc^  von  durchbluteten  Geweben,  sondern  von  einer  wässe¬ 
rt11  Llüssigkeit  umgeben  ist.  Die  Plexus  lassen  die  wenigsten  Chemikalien 
d  meist  nur  geringe  Spuren  von  ihnen  hindurchtreten;  dies  gilt  besonders 
die  organischen  Stoffe.  In  den  obersten  Piaschichten  gelangen  keine  ge¬ 
igenden  Salvarsanmengen  zur  Wirkung,  besonders  dann  nicht,  wenn  der 
^quor  bereits  in  die  entzündlich  aufgelockerte  Pia  eindringt  und  den  Ge- 
■bssaft  erheblich  verwässert.  Das  ist  schon  in  dem  Latenzstadium  1er 
ninge-Uen  Entzündung  in  hohem  Maasse  der  Fall;  dieser  Missstand  steigert 
h.  wie  Sie  aus  den  vorhin  angegebenen  Behandlungsergebnissen  gesehen 
(aen,  mit  zunehmendem  Infektionsalter.  Im  späten  Latenzstadium  der  menin- 
plen  Syphilis  kommen  nach  unseren  allerneuesten  Untersuchungen  sogar 
;ion  Liquordiffusionsvorgänge  bis  in  die  beiden  obersten  Rindenschichten  vor. 

Inwiefern  mm  das  uns  vorschwebende  Ziel  der  Assanierung  der 
mingen  auf  dem  Wege  der  endolumbalen  Salvarsanbehandkmg  zu 
reichen  ist,  möchte  ich  Ihnen,  m.  H..  in  möglichster  Kürze  vor  Augen 
iren.  Die  einzelnen  Entwicklungsphasen  der  neuen  Behandlungs- 
ithode  möchte  ich  heute  übergehen  und  Ihnen  nur  über  den  jetzigen 
ind  der  Erfahrungen  berichten. 

M.  H.!  Eine  technisch  einwandfreie  endolumbale  Behandlung 
ordert  die  Erfüllung  von  zwei  Voraussetzungen.  Die  erste  betrifft 
e  völlig  exakte  Ausführung  der  aseptischen  Vorbereitungen  und 
ie  sichere  Beherrschung  der  technischen  Fortschritte  der  Methode, 
-'rzu  ist  eine  praktische  Einführung  an  geeigneter  Stelle  und  atis- 
lliesslichc  Krankcnhausbehandlung  unbedingt  notwendig.  Da  schon 
■  richtige  Ausführung  einzelner  Handgriffe  sowohl  bei  der  Vorbe- 
tung  der  aseptischen  Massnahmen,  wie  bei  der  Behandlung  selbst 
den  aseptischen  Verlauf  und  für  die  Wirkung  bedeutungsvoll  ist. 
ist  es  dringend  zu  empfehlen,  dass  auf  den  vorliegenden  10  jährigen 
Nahrungen  weiter  aufgebaut  wird.  Selbst  die  Beherrschung  unserer 
nktionstechnik  ist  zweckmässig,  weil  es  sonst  schwierig  ist.  die 
eine  wirksame  Behandlung  notwendigen  Liquormengen  zu  erzielen. 

In  zweiter  Linie  ist  es  notwendig,  dass  der  endolumbale  Thera- 
it  ganz  auf  dem  Boden  der  mehrfach  von  uns  beschriebenen  Ge- 
-e  der  Metasyphilis  steht.  Auf  andere  Weise  ist  es  völlig  ausge- 
ilossen,  sich  bei  der  Auswahl  der  Kranken  für  die  endolumbale 
handlang  und  in  der  Dosierungsfrage  bei  den  verschiedenartigen 
inkheitsbildern  zurecht  zu  finden. 

Ein  direkt  ncurotropes  Virus  gibt  es  nicht.  Es  sind  vielmehr,  wie 
her  nachgewiesen,  durchaus  bekannte  biologische  Vorgänge, 


welche  den  Infektionsverlauf  eines  jeden  Virus  im  menschlichen  Or¬ 
ganismus  entscheidend  beeinflussen.  So  führt  z.  B.  ein  durch  spezi¬ 
fische  Therapie  in  den  Vorwirten  abgeschwächtes  Virus  zu  einer  be¬ 
sonders  langen  und  starken  Durchseuchung  und  damit  auch  zu  einer 
recht  ausgiebigen  meningeaien  Infektion,  die  aus  bekannten  Gründen 
tur  die  weitere  Prognose  des  Falles  von  ernster  Bedeutung  ist. 

Auch  durch  ungenügende  und  schlecht  dosierte  spezifische  Be- 
handlung  wird  kein  Syphilisvirus  neurotrop.  Wird  die  meningeale 
Infektion  durch  insuffiziente  Allgemeinbehandlung  in  den  Vordergrund 
des  weiteren  Verlaufs  gedrängt,  so  liandelt  es  sich  um  den  als  Provo¬ 
kation  vielfach  von  mir  beschriebenen  Krankheitsvorgang,  der  zum 
1  eil  in  den  gewöhnlichen  biologischen  Lebensäusserungen  des  Virus 
zuin  I  eil  in  den  anatomisch-physiologischen  Anlagen  des  Organismus 

S  p°r  !'n  g  eUr!)  hat'  Sie  le  die  Syphilis  des  ZNS.  im  Verlag  von 

„0.c?if-riJebergatlK,deir  c£ronischen  syphilitischen  Meningitis  zu  den 

T!i  ‘,m|nen  h  Ctu  uCtl?Cu  en  Blldunsen  erfolgt  sodann,  wie  seit  dem 
Jahre  1915  vielfach  berichtet,  mit  dem  Einbruch  der  Liquordiffusion 

I^SunernVOS!,0e^be  (Rinde’  Hinterstränge,  Optikus).  Sie  bricht 
durch  hochgradige  Verwässerung  des  Gewebssaftes  und  durch  Aus¬ 
laugung  der  Nervensubstanz  die  genuine  Resistenz  dieses  Gewebes 
gegen  die  Spirochäten,  so  dass  diese  hier  auf  den  ungewohnten  Nähr¬ 
boden  einwandern  können. 

Während  die  Liquordiffusion  früher  nur  durch  klinische  Beobach¬ 
tungen  nach  der  endolumbalen  Salvarsanbehandlung,  und  zwar  an 
den  Irritationen  die  nur  an  den  metaluetischen  Läsionen  zustande 
kam  erkenntlich  war,.  ist  es  uns  seit  einem  halben  Jahre  geglückt, 
die  Liquordiffusion  mittels  eines  Niederschlags  bei  allen  metalueti- 
schen  Bildungen  histologisch  zur  Darstellung  zu  bringen.  Dieser 
Niedei schlag  wird  bei  Tabesparalyseleichen  durch  endolumbale  In- 
fundierung  eines  Chemikaliums  (Ferrozyankalium),  das  im  Schnitt 
durch  ein  zweites  Chemikalium  (Kupfersulfat)  ausgefällt  wird  er- 
zeugt  Es  zeigt  sich  nur  dort  ein  Niederschlag  im  Parenchym ’(Ge- 
hirn,  hintere  Wurzel,  Rückenmark  und  Optikus),  wo  unter'  der  in¬ 
filtrativ  aufgelockerten  und  mit  ihm  verwachsenen  Pia  die  charak¬ 
teristischen  degenerativen  Veränderungen  zu  finden  sind.  Eine  nor¬ 
male  Pia  ist  frei  von  Niederschlag  und  lässt  auch  nichts  davon  zum 
arenchym  hindurch.  Nur  in  den  Gefässscheiden  und  in  der  Media 
können  geringe  Spuren  vorhanden  sein. 

Mit  diesem  Nachweis  der  Liquordiffusion  an  den  metaluetischen 
Krankheitsherden  wird  nicht  nur  ihre  ätiologische  Bedeutung  für  das 
Zustandekommen  der  charakteristischen  metaluetischen  Verände¬ 
rungen  des  Nervengewebes  auf  ein  sicheres  Fundament  gestellt 
sondern  es  wird  damit  auch  mit  plötzlicher  Tageshelle  die  therapeu¬ 
tische  Sachlage  beleuchtet.  Der  Liquoreinbruch,  sei  es  nur  in  der 
Pia,  oder  auch  schon  im  C.N.S.,  muss  das  im  Kreislauf  herangeführte 
Sa^arsan  hochgradig  verwässern,  während  das  mit  dem  Liquor  her- 
angetuhrte  Salvarsan  direkt  in  den  Krankheitsherd  hineindringt. 

So  erfreulich  an  sich  die  Feststellung  dieser  Tatsache  auf  den 
ersten  Blick  scheinen  möchte,  so  lehrt  doch  die  praktische  Erfah¬ 
rung,  dass  das  mit  dem  Liquor  so  leicht  in  das  Nervengewebe  ein- 
dringende  Salvarsan  auch  mehr  oder  weniger  erhebliche  Reizungen 
und  Funktionsstörungen  hervorrufen  kann. 

Es  hat  sich  herausgestellt,  dass  nur’ die  Hirnrinde  relativ  un- 
empfmdheh  ist,  während  die  Leitungsbahnen  am  Rückenmark  ausser¬ 
ordentlich  verletz  ich  sind  und  entsprechend  der  Lokalisation  des 
meningeaien  Krankheitsherdes  nur  ganz  bestimmte  endolumbale  Do¬ 
sierungen  vertragen.  Lumbale  Tabes  und  degenerative  Myelitis  bei 
denen  keine  nennenswerten  meningovaskuläre  Entzündungen  iiiehr 
vorhanden  sind,  zeigen  die  grösste  Empfindlichkeit,  während  die 
hoher  lokalisierten  spinalen  Herde  meistens  einer  grösseren  endo¬ 
lumbalen  Durchschnittsdosierung  noch  zugänglich  sind. 

Solange  Nonne  und  seine  Schüler  oder  andere  Autoren  mit 
^  pp  verschiedensten  Einwänden,  auf  die  ich  an  anderer  Stelle  aus¬ 
führlich  eingehen  werde,  die  Liquordiffusion  bei  der  Metalues  ab¬ 
lehnen,  bleiben  ihnen  die  theoretischen  und  praktischen  Grundlagen 
der  endolumbalen  Behandlung  völlig  unverständlich  und  damit  dieser 
Behandlungsweg  verschlossen. 

....  M,\  H-!  D.ifr  sanze  Dosierungsfrage  finden  Sie  in  meinem  Buche 
über  die  Syphilis  des  C.N.S.  eingehend  erörtert,  desgleichen  auch  die 
biologischen  Grundlagen  des  Syphilisverlaufs,  nämlich  die  durch  die 
spezifische  Behandlung  der  frischen  Syphilisstadien  erzeugte  Viru- 
lenzsch ädigung  und  Allergieschwäche,  welche  für  die  Entstehung  der 
Metalues  von  ausschlaggebender  Bedeutung  sind. 

Wir  unterscheiden  nun  heute  2  Arten  der  endolumbalen  Salvar¬ 
sanbehandlung:  1.  die  einfache  mit  einer  Bürette  und  2.  die  Doppel- 
punktionsbehandlung  mit  2  Büretten. 

Die  erstere  kommt  in  Frage  bei  allen  RiickonmarkssfPktioncn 
und  für  alle  diejenigen  Fälle,  bei  denen,  wie  z.  B.  bei  den  akuten  Me¬ 
ningorezidiven  der  frischen  Stadien,  die  ganze  Peripherie  des  ZNS. 
behandelt  werden  soll.  Die  zweite  dient  zur  Behandlung  aller  zere¬ 
bralen  Prozesse,  wo  höhere  endolumbale  Dosierungen  gegeben  wer¬ 
den  sollen,  als  für  ein  gesundes,  bzw.  krankes  Rückenmark  statt¬ 
haft  sind. 

Bei  der  einfachen  endolumbalen  Behandlung  wird  an  der  Lenden¬ 
wirbelsäule  zwischen  2.  und  3.  oder  3.  und  4.  Dornfortsatz  cinge- 
stochcn:  die  ganze  Situation  soll  vorher  in  gut  desinfiziertem  Terrain 
durch  feine  Jodstriche  angczeiclmet  werden.  Sobald  der  Liquor 
tropft,  wird  der  Schlauchkonus  der  Bürette  aufgesetzt  und  Liquor 


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MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  39. 


bis  zur  erträglichen  Grenze  sehr  langsam  unter  häufigem  Zudrücken 
des  Schlauches  abgelassen.  Bei  Frauen  lassen  sich  meistens  45  bis 
60  ccm.  bei  Männern  60— 90  ccm  zum  Abfluss  bringen.  Sobald  belüge 
Kopfschmerzen  vorhanden  sind,  wird  Salvarsan  zugesetzt,  der 
Schlauch  zur  Bürette  hin  ausgedrückt  (während  oben  am  Konus  ab¬ 
gekniffen  wird),  umgeschüttelt  und  das  Salvarsan-Liquorgemisch  zum 
Rücklauf  gebracht. 

Die  Dosierung  beträgt  in  den  frischen  Stadien  und  auch  späterhin 
bei  intaktem  Rückenmark  und  bei  zwei-  bis  dreiwöchentlicher  Be¬ 
handlung  1,35—1,5  mg  Neosalvarsan  auf  60—70  ccm  Liquor  Bei 
Myelitis,  ataktischer  Tabes  oder  Tabes  mit  gänzlich  erloschenen 
Reflexen,  Blasen-  und  Potenzstörungen  darf  Vz  mg  auf  60—70  ccm 
Liquor  für  gewöhnlich  nicht  überschritten  werden.  Bei  höherem  Sitz 
der  Tabes,  bei  erhaltenen  Achillessehnenreflexen  kann  allmählich  eine 
langsame  Steigerung  der  Dosierung  erfolgen,  wie  ich  schon  früher 
ausführlich  beschrieben  habe. 

Bei  der  Doppelpunktionsbehandlung  wird  die  obere  Nadel  zwi¬ 
schen  ersten  und  zweiten  und  die  untere  zwischen  4.  und  5.  Dorn¬ 
fortsatz  eingestochen.  In  die  obere  Bürette  werden  5  10  ccm  ent¬ 

leert,  dann  wird  Neosalvarsan  zugesetzt,  der  Schlauchinhalt,  während 
der  Schlauch  oben  abgekniffen  wird,  zur  Bürette  hin  ausgedrückt, 
geschüttelt,  der  Schlauch  bis  zum  Konus  von  der  Bürette  aus  wieder 
gefüllt  und  eine  Schlauchklemme  angelegt.  In  die  untere  Bürette  er¬ 
folgt  dann  weitere  Liquorentnahme,  bis  über  heftige  Kopfschmerzen 
geklagt  wird.  Sodann  erfolgt  zunächst  der  Rückfluss  der  oberen 
Bürette,  während  die  untere  Bürette  nur  wenig  erhoben  wird,  um  zu 
verhindern,  dass  aus  der  oberen  Bürette  salvarsanisierter  Liquor 
kaudalwärts  abfliesst.  Nach  Rücklauf  der  oberen  Bürette  wird  hier 
wieder  Schlauchklemme  angelegt,  während  von  der  unteren  Bürette 
noch  30—50  ccm  je  nach  der  abgelassenen  Gesamtliquormenge  sehr 
langsam  unter  geringer  Erhebung  der  Bürette  eingelassen  werden. 
Der  Rest,  30—50  ccm,  wird  zu  Untersuchungszwecken  zurückbe¬ 
halten.  Bei  jeder  endolumbalen  Behandlung  soll  wenigstens  LI  der 
entnommenen  Gesamtliquormenge  zurückgelassen  werden,  damit  im 
Lumbalsack  ein  Unterdrück  bleibt. 

Es  ist  ferner  zu  beachten:  1.  Dass  die  Liquorentnahme  bei  den 
ersten  Behandlungen  über  60—80  ccm  nicht  hinausgeht.  Manche 
Fälle  haben  bei  der  Entnahme  nur  wenig  Kopfschmerzen  und  Be¬ 
schwerden,  so  dass  man  leicht  versucht  ist,  noch  mehr  Liquor  zu 
entnehmen.  Es  können  sich  dann  Krampfanfälle  und  schwere  medul¬ 
läre  Störungen  entwickeln,  die  ohne  grosse  Erfahrungen  des  Thera¬ 
peuten  einen  unglücklichen  Ausgang  nehmen.  Man  muss  sich  auch 
mit  den  Liquorentnahmeverhältnissen  erst  in  jeden  Fall  allmählich 
hineinarbeiten.  Während  der  Liquormengc  muss  Pulsverlangsamung 
vermieden  werden. 

2.  Dass  der  Liquorrückfluss  sehr  langsam  und  ohne  Ueberdruck 
erfolgt.  Letzteres  ist  besonders  für  Paralyse  wichtig,  damit  Krampf¬ 
anfälle,  die  ausserhalb  des  Rahmens  einer  H  e  r  x  h  e  i  m  e  r  sehen 
Reaktion  liegen  und  durch  ein  gewaltsames  tieferes  Eindringen  des 
Liquors  in  die  Hirnrinde  entstehen,  vermieden  werden.  Auch  bei  der 
Doppelpunktionsbehandlung  ist  der  langsame  Rückfluss  der  unteren 
Bürette  sehr  beachtenswert,  damit  die  hohe  zerebrale  Dosierung 
restlos  nach  oben  befördert  wird  und  keine  spinale  Irritation  hervor- 
rufen  kann. 

3.  Dass  jeder  Kranke  nach  der  Behandlung  2—3  Tage  Bettruhe, 
und  zwar  24  Stunden  bei  erhöhtem  Fussende,  innehält,  damit  sich  das 
Punktionsloch  im  Lumbalsack  (nicht  an  der  Haut!)  leichter  schliesst. 
Stellen  sich  beim  Aufstehen  Kopfschmerzen,  Schwindel  und  Uebelkeit 
ein.  so  ist  das  ein  Zeichen  dafür,  dass  das  Punktionsloch  noch  offen, 
und  dass  durch  den  Druck  des  Gehirns  auf  die  Liquorsäule  Liquor 
abgeflossen  ist.  Es  ist  dann  nochmals  2 — 3  Tage  Bettruhe,  anzuordnen, 
bis  das  Punktionsloch  geschlossen  ist  und  der  als  Meningismus  be- 
zeichnete  Symptomenkomplex  sich  nicht  wieder  einstellt.  Vor  allem 
sind  die  Kranken  zu  belehren,  dass  gegen  diesen  gelegentlich  sich 
cinstellendcn  Eolgezustand,  der  an  sich,  d.  h.  bei  Bettruhe  völlig 
harmlos  ist,  nichts  anderes  als  Bettruhe  hilft. 

Was  die  sonstigen  Begleiterscheinungen  der  endolmubalen  Be¬ 
handlungen  anbelangt,  so  sind  diese  recht  verschieden,  je  nach  Art 
und  Lokalisation  des  Prozesses  und  je  nach  der  verschiedenen 
Empfindlichkeit  der  Hirnrinde. 

Bei  umfangreichen  Spirochätenherden,  wie  bei  den  frischen  me- 
ningealen  Entzündungen  und  auch  bei  Paralyse  ist  höheres  Fieber 
gar  nichts  seltenes.  Auch  mehr  oder  minder  heftige  Kopfschmerzen 
sind  besonders  bei  zerebralen  Prozessen  ziemlich  regelmässig  zu 
beobachten.  In  den  ersten  24  Stunden  nach  der  Behandlung  ist  auch 
häufig  mit  Uebelkeit  und  Brechreiz  zu  rechnen,  doch  ist  gerade  diese 
Erscheinung  individuell  und  unabhängig  vom  Krankheitsherd  sehr 
verschieden.  Nur  sehr  selten  sind  diese  Beschwerden  so  hochgradig, 
dass  sie  ein  Hindernis  für  die  weitere  endolumbale  Behandlung 
bilden. 

Bei  Tabes  kommt  es  stets  über  1 — \'A  Tag  zu  mehr  oder  minder 
deutlichen  Schmerzanfällen  oder  Krisen,  je  nach  der  Lokalisation  des 
Prozesses.  Sie  müssen  durch  Analgetika,  Eukodal  oder  Morphium 
gelindert  werden.  Bei  sehr  heftigen  gastrischen  Krisen  schicken  wir 
ev.  eine  paravertebralc  Behandlung  (mit  Novokain-Antipyrininjek- 
tionen)  1 — 2  Tage  voraus. 

Bei  Paralyse  und  Meningoenzephalitis  sind  bei  den  ersten  Be¬ 
handlungen  manchmal  Krampfanfälle  zu  erwarten,  die  aber  fast  immer 
gutartiger  Natur  sind.  Eine  direkte  Lebensgefahr  kann  nur  dann  ent¬ 


stehen,  wenn  zuviel  Liquor  entnommen  oder  reinfundiert  wird.  Beim 
Rücklauf  ist  ein  zu  hoher  Druck  stets  gefährlich.  I 

M.  H.!  Wir  kommen  nunmehr  zur  Betrachtung  der  endolumbalet 
Therapie  bei  den  einzelnen  Krankheitsformen. 

Neben  der  endolumbalen  Behandlung  soll  in  allen  Fällen  eim 
planmässige  Allgemeinbehandlung  in  Kuren  und  Zwischenkuren  ge 
ordnet  einhergehen.  Es  ist  auch  zweckmässig,  am  Tage  der  endo 
lumbalen  Behandlung  oder  1—2  Tage  später  eine  intravenöse  Sal 
varsaninjektion  zu  geben.  Zur  intravenösen  Salvarsanbehandlum 
benutzen  wir  fast  ausschliesslich  Natrium-Salvarsan  und  zur  endo 
lumbalen  Behandlung  Neosalvarsan.  Auf  Hg-Kombination  kann  be 
älteren  anfälligen  (debilen)  Kranken  verzichtet  werden,  währemj 
das  meist  recht  gut  verträgliche  Jod  im  Behandlungsplan  beizube, 
halten  ist. 

Bei  den  frischen  meningealen  Entzündungen,  sowohl  bei  den 
latenten  Prozessen,  wie  bei  klinischen  Neurorezidiven,  erfolgt  endoj 
lumbale  Behandlung  alle  14  Tage,  und  zwar  zunächst  zweimal  mi 
einfacher  Methode  (Dos.  1—1,8  mg  auf  50—90  ccm  Liquor)  und  da  j 
nach  mittels  Doppelpunktion.  Bei  letzterer  kann  die  zerebrale  Do| 
sierung  in  der  oberen  Bürette  bis  2,5  mg  betragen,  wodurch  di> 
Assanierung  der  Meningen  in  4—5  endolumbalen  Behandlungen  er 
ledigt  ist. 

Bei  der  Lues  cerebrospinalis  wird  in  ähnlicher  Weise  vorgej 
gangen;  die  zerebrale  Dosierung  soll  hier  nur  allmählich  gesteigerl 
werden  (1—2,5  mg  auf  10  ccm  Liquor),  damit  spinale  Reizungen  vcr. 
mieden  werden.  Bei  diesen  Fällen  sind  oft  schon  degenerative  spir 
nale  Veränderungen  in  Vorbereitung,  d.  h.  die  Pia  ist  bereits  ai 
einigen  Stellen  durchlässig  geworden,  ohne  dass  klinische  Symptom 
schon  darauf  hinweisen.  Es  ist  also  notwendig,  sich  langsam  mit  de 
Dosierung  einzuschleichen  und  eine  etwas  häufigere  Behandlung  nich 
zu  scheuen.  Solange  der  zerebrale  Prozess  bei  diesen  Fällen  noc 
nicht  als  eine  tiefere  Meningoenzephalitis  oder  Paralyse  anzusprechej 
ist,  kann  man  mit  der  heutigen  Doppelpunktionsbehandlung  eine  de, 
finitive  Ausheilung  erzielen. 

Ein  sehr  umfangreiches  Gebiet  ist  das  der  endolumbalen  Tabes 
behandlung.  Es  ist  hier  zunächst  zu  unterscheiden  zwischen  pro) 
gredienten  und  stationären  Fällen. 

Die  progedienten  Fälle  sind  ausnahmslos  endolumbal  zu  be 
handeln.  Es  gelingt  dadurch,  die  Schmerzanfälle  und  das  Schwindel 
gefiihl  zu  beseitigen,  Ataxie-,  Blasen-  und  Potenzstörungen  zu  besser 
und  den  Allgemeinzustand  ausserordentlich  zu  heben.  Besonder, 
günstig  ist  der  Behandlungserfolg  bei  inzipienten  Tabesfällen,  be 
denen  noch  höhere  Zellwerte  im  Liquor  auf  das  Vorhandensein  eine 
fortschreitenden  meningovaskulären  Entzündung  hinweisen.  Derartig 
Fälle  sind,  wie  6—7  jährige  Dauerbeobachtungen  zeigen,  meistens  z 
einem  völligen  Stillstand  zu  bringen.  Ausserordentlich  besserungs 
fähig  sind  auch  alle  älteren  Fälle,  bei  denen  noch  einige  entzündlich 
Liquorwerte  das  Vorhandensein  mem'ngovaskulärer  Entzündungen  zun; 
Ausdruck  bringen;  zum  Teil  sind  auch  sie  zu  einem  definitiven  Still; 
stand  und  normalen  Liquor  zu  bringen,  zum  Teil  behalten  sie  aber  auc 
nach  Assanierung  des  Liquors  noch  einen  Strangprozess  zurück,  de! 
von  Zeit  zu  Zeit  symptomatisch,  d.  h„  sobald  sich  geringe  rückfällig 
Erscheinungen  melden,  mit  geringer  Dosis  weiter  behandelt  werde 
muss.  Auch  liquornormale  Tabesfälle  (d.h.  mit  abgelaufener  menin;, 
gealer  Entzündung)  mit  heftigen  Beschwerden,  Parästhesiei 
Schmerzanfällen  oder  Krisen  sollen  mit  kleiner  Dosis  {XA — Vz  mg 
endolumbal  behandelt  werden,  zumal  wenn  das  Krankheitsbild  ein 
ständige  Verschlimmerung  aufweist.  Trotz  diesfcr  kleinen  endo: 
lumbaien  Dosierung  lassen  sich  in  diesen  Fällen  oft  noch  erheblich 
Besserungen  und  Linderung  der  Beschwerden  erzielen.  Die  weiter! 
Behandlung  soll  auch  hier  nur  symptomatisch  erfolgen;  aber  auf  ein 
völlige  Erfassung  des  schon  recht  hoch  in  den  Strang  aufgestiegenei 
tabischen  Prozesses  ist  bei  diesen  älteren  Fällen  mit  der  angegebene) 
kleinen  Dosierung  nicht  mehr  zu  rechnen. 

Die  endolumbale  Dosierung  richtet  sich,  wie  bereits  erwähnt,  voi 
wiegend  nach  der  Lokalisation  des  spinalen  Prozesses.  Bei  de 
schwer  ataktischen  Formen  soll  K — Vs  mg  auf  70  ccm  Liquor  nich 
überschritten  werden;  nur  bei  höheren  Lokalisationen  ist  eine  al 
mähliche  Erhöhung  der  Dosis  auf  1,2 — 1,3  mg  zulässig.  In  diese  D<j 
sierung  ist  stets  dasjenige  Salvarsan  mit  einberechnet,  das  in  dei 
in  der  Bürette  zurückbleibenden  Liquor  enthalten  ist. 

Bei  höheren  Eiweiss-,  WaR.-  und  Kolloidbefunden  des  Liquor 
ist  trotz  eines  rein  tabischen  Krankheitsbildes  zur  Dopnclpunktion1 
behandlung  überzugehen,  weil  diese  Befunde  stets  ein  Anzeicbe 
eines  mehr  oder  minder  umfangreichen  zerebralen  Prozesses  sine 
der  in  absehbarer  Zeit  zur  Paralyse  führt.  Die  zerebrale  Dosierun 
ist  in  diesen  Fällen  recht  vorsichtig  zu  handhaben  (1 — 1,8  mg),  un 
zwar  besonders  in  ataktischen  Fällen.  <  ■! 

Die  Erfolge  der  endolumbalen  Behandlung  bei  gastrischer  Tabej 
hängen  ganz  besonders  vom  Alter  des  Prozesses  und  von  einer 
bisher  noch  unbekannten  Faktor  ab,  der  wahrscheinlich  in  der  vei 
schiedenen  Lokalisation  des  Liquoreinbruchs  (hintere  Wurzel  ode, 
über  den  Hinterstrang  selbst)  zu  suchen  ist.  Ganz  frische  Fälle  lasse 
sich  bei  vorsichtiger  Dosierung  binnen  4 — 5  Monaten  zur  völlige 
Ausheilung  bringen.  -  J 

Aeltere  Fälle  sprechen  teilweise  recht  gut  auf  die  endolumbal 
Behandlung  an.  so  dass  die  gastrischen  Krisen  schon  nach  2—3 
handlangen  definitiv  verschwinden.  Bei  anderen  Fällen  gelingt  e 
wohl,  den  Liquor  völlig  zur  Norm  zu  bringen,  während  die  Krise 
über  viele  Tage  hin  in  schwerster  Form  fortbestehen  und  das  Lebe 


28.  September  192,"?. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT . 


ernsthaft  bedrohen.  Hier  wirken  paravertebrale  Einspritzungen  mit 
15 — 20  proz.  alkoholischen  Antipyrinlösungen  mit  einem  maximalen 
Novokainzusatz  oft  lebensrettend.  Der  Erfolg  dieser  paravertebralen 
Behandlung,  die  zwischen  6.  und  10.  Brustwirbel  beiderseits  vorge¬ 
nommen  werden  muss,  hält  jedesmal  14  Tage  an.  Gelingt  es,  auf  diese 
Weise  die  Kranken,  welche  auf  eine  endolumbale  Behandlung  nicht 
mehr  ansprechen,  wieder  in  einen  guten  Allgemeinzustand  zu  bringen, 
so  rate  ich  zur  E  ö  r  s  t  e  r  sehen  Operation.  Die  verschiedene  Zu¬ 
gänglichkeit  der  älteren  gastrischen  Tabes  beruht,  wie  schon  vorhin 
angedeutet,  sehr  wahrscheinlich  darauf,  dass  die  resistenten  Fälle  den 
Liquoreinbruch  nur  an  der  hinteren  Wurzel  haben,  so  dass  der  weit 
in  den  Strang  aufgestiegene  Prozess  nur  sehr  schwer  mit  der  zu¬ 
lässigen  Dosierung  erfassbar  ist,  während  die  leicht  zu  beeinflussen¬ 
den  Falle  auch  über  den  Hintersträngen  selbst  eine  piale  Läsion 
haben,  durch  die  der  salvarsanisierte  Liquor  leichter  zum  Krankheits¬ 
herd  Vordringen  kann. 

Geradezu  glänzend  zu  beeinflussen  ist  heute  die  tabische  Optikus¬ 
atrophie  mittels  der  Doppelpunktionsbehandlung.  Zum  mindesten 
wird  ein  völliger  Stillstand  des  Prozesses  erreicht.  Die  zerebrale 
Dosierung  entspricht  hier  derjenigen  bei  Tabesparalysen. 

Bei  den  stationären  Tabesfällen,  die  nur  noch,  selten  von 
Schmerzanfällen  heimgesucht  werden,  soll  bei  normalem  Liquor, 
von  jeder  spezifischen  Behandlung,  ausser  Jodkali,  abgesehen  werden! 

Stationäre  1  abesfälle  mit  stark  pathologischem  Liquor  müssen 
i  stets  mittels  Doppelpunktion  behandelt  werden,  weil  die  hohen  Li¬ 
quorwerte  auf  einen  ernsten  zerebralen  Prozess  binweisen. 

Seit  der  Einführung  der  Doppelpunktionstechnik  hat  auch  die 
I  endolumbale  Behandlung  der  Paralyse  erhebliche  Fortschritte  zu 
j  verzcicli n en .  Lohnend  ist  natürlich  nur  die  Behandlung  der  inzipierten 
balle,  und  zwar  besonders  solcher,  bei  denen  noch  entzündliche 
Liquorveränderungen  (höhere  Zellzahl)  vorhanden  sind,  und  nach 
|  f— 6  Behandlungen  auch  ein  wesentlicher  Rückgang  der  chronischen 
Liquorwerte  zu  verzeichnen  ist.  Die  dementen  Formen  sind  für  die 
I  endolumbale  Therapie  mehr  geeignet  als  die  expansiven  und  agitierten 
Formen.  In  prognostisch  zweifelhaften  Fällen  ist  ein  therapeutischer 
Versuch  immer  empfehlenswert.  Sollte  dieser  nach  4—6  Behand¬ 
lungen  keinen  befriedigenden  Erfolg  herbeiführen,  oder  sollten  sich 
I  auch  bei  den  späteren  endolumbalen  Behandlungen  immer  wieder 
schwere  Krampfanfälle  einstellen,  so  muss  auf  die  weitere  Behand- 
,  lung  als  nicht  lohnend  verzichtet  werden. 

I  ’i  •  Höhe  der  zerebralen  Dosierung  hängt  ab  von  der  erzielten 
Liquormenge  und  von  der  ev.  Beteiligung  des  Rückenmarkes.  Bei 
intaktem  Rückenmark  oder  bei  sehr  günstiger  Lokalisation  eines 
[  gleichzeitig  vorhandenen  tabischen  Prozesses  können  3—4  mg  auf 
|  10—15  ccm  Liquor  rein  zerebral  in  2— 3  wöchigen  Abständen  gegeben 
werden,  bei  tiefer  Lokalisation  der  Tabes  darf  die  zerebrale  Dosis 
j  aber  nur  selten  mehr  als  die  Hälfte  betragen.  Die  Technik  der  Dop- 
j  pelpunktionsbehandlung,  die  einschleichende  Dosierung  und  die  2-3- 
j  tägige  Bettruhe  sind  stets  peinlich  innezuhalten,  damit  spinale  Rei- 
\  zungen,  welche  für  lange  Zeit  oder  überhaupt  der  Weiterbehandlung 
einen  Riegel  vorschieben  können,  vermieden  werden. 

M.  H.l  Die  Schwierigkeit  der  endolumbalen  Behandlung  liegt 
weder  in  der  Asepsis,  noch  in  der  Technik  begründet;  beides  lässt 
sich  in  kurzer  Zeit  erlernen.  Etwas  anderes  ist  es  mit  der  Vermei¬ 
dung  der  spinalen  Irritation  durch  Ueberdosierung,  welche  entweder 
|  von  einer  unrichtigen  Beurteilung  des  Krankheitsbildes  herrührt,  oder 
j  darauf  beruht,  dass  man  darauf  aus  ist,  möglichst  schnell  eine  Rück¬ 
bildung  der  klinischen  Erscheinungen  zu  erreichen.  Jedenfalls  bedarf 
es  einer  genügend  langen  Erfahrung,  um  das  in  Frage  stehende 
Krankenmaterial  (hauptsächlich  Tabesparalysen)  im  Hinblick  auf  die 
endolumbale  Dosierung  richtig  zu  beurteilen,  die  sich  unter  der  Be¬ 
handlung  ergebenden  Beobachtungen  sachgemäss  zu  deuten  und  da¬ 
mit  die  Gefahr  einer  spinalen  Irritation  mit  zuriickbleibendcm  Funk¬ 
tionsausfall  zu  vermeiden.  Letzten  Endes  hängt  also  der  Erfolg  der 
endolumbalen  Therapie  bei  der  Spätsyphilis  des  C.N.S.  davon  ab.  ob 
der  betreffende  Therapeut  über  den  Diffusionsvorgang  des  Liquors  in 
die  Pia,  bzw.  in  das  Nervenparenchym  genau  unterrichtet  und  dadurch 
m  der  Lage  ist,  sich  mit  seinen  therapeutischen  Massnahmen  den  am 
Krankheitsherd  sich  abspielenden  Vorgängen  anzupassen.  Jedenfalls 
ist  jede  Art  von  hartnäckiger  spinaler  Schädigung  durch  die  endo¬ 
lumbale  Therapie  leicht  zu  vermeiden,  wenn  die  Dosierung  streng 
l  den  individuellen  Verhältnissen  angepasst  wird.  Bei  uns  ist  nur  ein 
■  einziger  Fall  dieser  Art  beobachtet  worden,  und  zwar  bei  einem 
Kranken,  der  bereits  12  Stunden  nach  der  Doppelpunktionsbehand- 
'  lung,  die  bereits  7  mal  bei  der  gleichen  Dosierung  reaktionslos  ver- 
;  tragen  worden  war,  mehrere  Stunden  aufgestanden  war,  was  dem 
Arzt  nicht  sofort  gemeldet  wurde.  Bei  sofortigem  Bekanntwerden 
|  dieses  Vorfalles  hätte  man  durch  eine  gründliche  Normosalspülung 
den  Eintritt  der  schweren  motorischen  Störung  verhüten  können. 

Fassen  wir  den  Stand  der  heutigen  Erfahrungen  nochmals  zusam¬ 
men,  so  ist  zunächst  die  Mortalität  infolge  septischer  Zwischenfälle 
gleich  Null,  falls  der  Operateur  unsere  Technik  beherrscht  und  sämt¬ 
liche  Vorbereitungen  und  Eingriffe  eigenhändig  ausführt.  Die  Mor¬ 
talität  durch  Krampfanfall  oder  andere  im  Krankheitsfall  beruhende 
Reaktionen  beträgt  unter  0,1  pro  Mille.  Die  Häufigkeit  vorüber¬ 
gehender  spinaler  Reizungen  beträgt  nicht  mehr  als  A  Proz. 

Vermittels  der  heutigen  endolumbalen  Technik  lässt  sich  das 
Salvarsan  an  diejenigen  Stellen  der  Meningen  hinbefördern,  wo  es 
benötigt  wird.  Eine  Verteilung  des  endolumbal  gegebenen  Sal- 
Nr.  39. 


varsans  durch  den  Liquor  selbst  kommt  für  therapeutische  Zwecke 
nicht  in  Betracht. 

.  Die  endolumbale  Behandlung  der  syphilitischen  Meningitis  ist 
m  den  frischen  Stadien  ungemein  einfach  und  gewährleistet  eine  defi¬ 
nitive  Assanierung  der  Meningen  und  damit  eine  Vorbeugung  jeder 
metaluischen  Prozesse. 

•  Im  endolumbale  Behandlung  der  Spätsyphilis  des  C.N.S.  ist  hin¬ 
sichtlich  der  Auswahl  der  Fälle  und  der  richtigen  Dosierung  erheblich 
schwieriger.  Hier  gibt  cs  eine  gewisse  Anzahl  von  Fällen,  wo  die 
Behandlung  nicht  mehr  lohnt  oder  wegen  schlechter  Verträglichkeit 
aufgegeben  werden  muss.  Im  Zweifelsfall  ergeben  Liquorbefund 
und  therapeutischer  Versuch  die  für  das  therapeutische  Handeln  not¬ 
wendigen  Anhaltspunkte.  Bei  Tabes  wird  oft  ein  definitiver  Still- 
,  erzielt,  während  bei  Paralyse  trotz  Wiederkehr  von  Erwerbs- 
au  ,  u  .  normaIer  Liquorverhältnisse  meist  in  mehrmonatlichen 
Abständen  eine  gewisse  Nachbehandlung  erfolgen  muss,  um  den 
therapeutischen  Erfolg  festzuhalten.  Die  Optikusatrophie  kommt 
durchdie  neue  Doppelpunktionsbehandlung  in  jedem  Falle  zu  einem 
definitiven  Stillstände. 

P.  ,  die  Kombination  der  endolumbalen  Behandlung  mit  der 
rieberbehandlung.  die  vorwiegend  für  die  wenig  vorbehandelten 
expansiven  Formen  der  Paralyse  in  Betracht  kommt,  wird  noch  im 
speziellen  I  eile  an  der  Hand  von  praktischen  Beispielen  näher  ein¬ 
zugehen  sein. 


Aus  der  chirurgischen  Universitätsklinik  zu  Marburg  a.  L. 
(Direktor:  Prof.  Dr.  A  Läwen.) 

Der  Einfluss  funktioneller  mechanischer  Beanspruchung 
auf  das  Längenwachstum  der  Knochen. 

Von  Priv.-Doz.  Dr.  Walther  Müller,  Assistent  der  Klinik. 

Wie  frühere  Untersuchungen  mir  zeigten,  reagieren  die  Wachs¬ 
tumszonen,  speziell  die  enchondralen  Ossifikationsprozesse  ausser¬ 
ordentlich  empfindlich  auf  alle  mechanischen  Zug-  oder  Druckkräfte, 
•ruck  hemmt  die  Bildung  neuen  Knochengewebes.  Unter  der  Wir- 
von  Zug-  und  Druckkräften  erfährt  auch  das  schon  fertig- 
gebildete  junge  Knochengewebe  wieder  regressive  Veränderungen, 
es  kommt  zur  Bildung  knorpeliger  und  osteoider  Zonen. 

Um  umgekehrt  auch  die  Wirkung  dauernder  Druckentlastung  an 
den  wachsenden  Knochen  experimentell  nachprüfen  zu  können,  habe 
ich  die  fügenden  Versuche  an  jungen  Ratten  angestellt:  Es 
wurde  bei  diesen  Tieren  die  eine  vordere  oder  hintere  Extremität 
nach  Entfernung  des  Hautüberzuges  in  die  Muskulatur  der  Thorax- 
oder  Bauchwand  durch  sorgfältige  Naht  hineinverlagert.  Die  be- 
treffende  Extremität  heilte  in  fast  allen  Fällen  reaktionslos  ein  und 
war  je  nach  der  Ausdehnung  der  Naht  mehr  oder  weniger  fest  fixiert 
Jeglicher  Gebrauch  der  Extremität  zu  irgendwelcher  Belastung  war 
ausgeschlossen.  Die  Tiere  entwickelten  sich  im  übrigen  ohne  alle 
11/  MUn?  kräftig  weiter.  Es  zeigte  sich  nun  schon  nach 
i  2  5n  bei  den  Deren  ziemlich  regelmässig  eine  Verlängerung 

der  1  lbia  bzw.  des  Radius  und  der  Ulna  im  Vergleich  zur  normalen 
Kontrollseite.  Die  Verlängerungen  wurden  an  genau  gleich  auf¬ 
genommenen  Röntgenbildern  der  anatomischen  Präparate  geprüft 
und  betrugen  an  den  kleinen  Rattenknochen  immer  etwa  1—1A  mm. 

Schon  0  1 1  i  e  r  hatte  bei  jungen  Kaninchen  den  Oberarmknochen  entfernt 
und  gefunden,  dass  dann  die  Vorderarmknochen  erheblich  mehr  in  die  Länge 
wachsen  als  auf  der  Kontrollseite,  offenbar  auch  infolge  des  Wegfallens  von 
Druckwirkungen. 

Damit  scheint  mir  experimentell  der  Beweis  erbracht  zu  sein, 
dass  jegliche  Druckbelastung  überhaupt  eine  Hemmung  des  enchon¬ 
dralen  Wachstums  bedeutet,  dass  bei  Wegfall  der  Druckbelastung 
sich  ein  Glied  mehr  in  die  Länge  streckt. 

Dass  der  Reiz  durch  die  Operation  reflektorisch  die  Verlänge¬ 
rung  bewirkt,  scheint  mir  nach  Kontrollversuchen  nicht  wahrschein¬ 
lich. 

Kassowitz  hatte  beobachtet,  dass  bei  wachsenden  Tieren  (Kaninchen) 
nach  Nierendurchschneidung  die  Knochen  sich  schneller  verlängern  als  an  der 
normalen  beite  und  erklärte  dieses  schnellere  Wachstum  durch  vasomotorische 
imalyse.  Cjhillini  wiederholte  diese  Versuche,  liess  aber  einen  Teil 
aer  Here  in  engen  Käfigen  halten,  während  die  anderen  Tiere  möglichst  be¬ 
wegt  wurden.  Bei  den  kaum  bewegten  Tieren  trat  Verlängerung  auf.  bei  den 
andeien  nicht,  hier  war  das  gelähmte  Glied  im  Gegenteil  oft  kürzer  als  das 
normale.  Cjhillini  folgert  daraus,  dass  die  Verlängerung  einem  veimin- 
derten  Druck  zuzuschreiben  ist. 

Für  diese  Tatsache  spricht  überdies  auch  eine  ganze  Anzahl  kli¬ 
nischer  Beobachtungen. 

Ein  Beispiel  dafür,  dass  Druckwirkungen  auf  die  Wachstums¬ 
zone  hemmend  wirken  und  dass  ohne  derartige  Einwirkungen  ein 
stärkeres  Wachstum  erfolgen  würde,  ist  die  typische  Verlängerung 
des  Radius,  wie  sie  regelmässig  bei  sehr  früh  aufgetretenen,  nicht 
reponierten  Luxationen  des  Radiusköpfchens  aufzutreten  pflegt 
(H  a  a  b). 

Es  ist  weiterhin  eine  immer  wieder  gemachte  Beobachtung,  dass 
Kinder,  die  wegen  irgendeines  mit  dem  Knochensystem  durchaus 
nicht  in  Zusammenhang  stehenden  Leidens  längere  Zeit  das  Bett 
hüten  mussten,  in  dieser  Zeit  ein  ganz  auffallendes  Längenwachstum 
aufwiesen. 


3 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  39. 


\  2h> 


Nach  V  e  r  n  e  u  i  I,  R  e  c  1  u  s,  Karewski  u.  a.  ist  verminderter  Druck 
bei  Huftgelcnksluxationen,  bei  spinaler  Kinderlähmung  etc.  die  Ursache  der 
Knochenverlängerung. 

Von  Interesse  sind  in  dieser  Hinsicht  auch  klinische  Beobachtungen  von 
Verlängerung  der  einen  Extremität  bei  poliomyelitischer  Lähmung  in  Fällen, 
wo  gleichzeitig  Rachitis  bestand.  Neurath  konnte  2  derartige  Beo" -ch- 
tungen  anführen,  wo  an  der  gelähmten  Seite  eine  Verlängerung  um  2  cm  be¬ 
stand.  Ich  habe  kürzlich  ebenfalls  einen  derartigen  Fall  gesehen,  wo 
bei  bestehender  erheblicher  Rachitis  die  gelähmte  Seite  fast  2  cm  langer  war 
als  die  nichtgelähmte.  Ich  möchte  mich  hier  durchaus  der  Neurath  sehen 
Erklärung  anschliessen,  dass  die  Ursache  nicht  in  einer  Längenzunahme  am 
gelähmten  Bein  liegt,  sondern  in  einem  Zurückbleiben  des  gesunden  Beines 
im  Wachstum  infolge  der  Belastung  wobei  die  Rachitis  als  begünstigender 
Faktor  insofern  anzusehen  ist,  als  hier  die  Empfindlichkeit  der  Wachstums¬ 
zonen  für  BelastungswiPkungen  erheblich  gesteigert  ist. 

Kalbs  zeigte,  dass  bei  Hunden  gleichen  Wurfes  die  schwer  arbeitenden 
Tiere  geringeres  Längenwachstum  der  Wirbelsäule,  aber  kräftigere  Muskula¬ 
tur  hatten.  Nach  Stuhls  Beobachtungen  hatten  die  Schiffsjungen  auf  Schul¬ 
schiffen  bei  der  anstrengenden  körperlichen  Arbeit  trotz  guter  Gewichtszunahme 
nur  geringe  Längenzunahme,  die  aus  höheren  Ständen  stammenden  Jungen 
gingen  sogar  in  ihrer  Länge  etwas  zurück.  Aus  ähnlichen  Gründen  ist  nach 
A  r  o  n  auch  das  relativ  geringere  Längenwachstum  bei  den  körperlich  meist 
schwer  arbeitenden  Landkindern  gegenüber  Stadtkindern  zu  erklären. 

Endlich  sei  noch  an  das  Wachstum  jugendlicher  Amputations- 
stümpfc  erinnert.  Hier  ist  in  Anbetracht  der  sicher  vorhandenen 
Inaktivität,  die  sich  auch  in  einer  röntgenologisch  stets  nachweis¬ 
baren  Knochenatrophie  äussert,  eher  auch  an  ein  Zurückbleiben  des 
Wachstums  zu  denken.  Dies  ist  aber  nicht  der  Fall,  wie  Reich 
in  seinen  Untersuchungen  über  die  Folge  von  Amputationen  im 
Kindesalter  angibt.  Er  betont,  dass  der  hemmende  Einfluss  der 
Funktionsbeschränkung  auf  das  Längenwachstum  kindlicher  Stümpfe 
weder  konstant  noch  erheblich  ist,  dagegen  ist  er  geneigt,  in  der 
Verringerung  des  physiologischen  Gegendruckes  für  den  wachsenden 
Knochen  ein  direkt  wachstumsförderndes  Moment  zu  sehen.  Auch 
V  e  r  n  e  u  i  1  kam  bei  Nachuntersuchungen  kindlicher  Amputations¬ 
stümpfe  zu  dem  Ergebnis,  dass  diese  Stümpfe  mit  einer  durch  die 
Amputation  von  gewissen  Hemmungen  befreiten  Energie  so  in  die 
Länge  wachsen,  dass  die  ursprüngliche  Proportionalität  zugunsten 
der  amputierten  Seite  geändert  wird.  Die  Stümpfe  mit  Erhaltung 
der  aktiveren  Epiphyse  (OberaVm-  und  Unterschenkelstümpfe)  neigen 
am  meisten  zu  einem  die  Proportionalität  zu  ihren  Gunsten  durch¬ 
brechenden  Längenwachstum,  und  je  früher  im  Wachstumsalter  die 
Amputation  erfolgte,  um  so  lebhafter  ist  dieses  Wachstum. 

Nach  Oberschenkelfrakturen  ist  bei  Kindern  trotz  deutlicher,  auf 
dem  Röntgenbild  sichtbarer  Dislocatio  ad  longitudinem  klinisch  häufig 
keine  Verkürzung  vorhanden,  was  freilich  auch  als  Fernwirkung  der 
Fraktur  auf  die  Epiphysenfugen  erklärt  werden  kann.  Auf  Grund  der 
oben  angeführten  eigenen  Untersuchungsergebnisse,  des  0  1 1  i  e  r  - 
sehen  Experimentes  und  der  zahlreichen,  auf  klinische  Beobachtungen 
gegründeten  Tatsachen  wäre  also  folgendes  festzustellen:  Wegfall 
von  Druckbeanspruchung,  insbesondere  das  Fehlen  der  durch  den 
Gebrauch  der  Extremität  durch  Belastung  und  Muskelwirkung  her¬ 
vorgerufenen  Druckwirkungen  hat  ein  Längerwerden  der  be¬ 
treffenden  Extremität  zur  Folge.  Druckwirkungen  sind 
demnach  für  das  Längenwachstum  stets  ein  hem¬ 
mender  Faktor,  und  die  Längenentwicklung  geht 
ohne  dieselben  unverändert,  ja  sogar  besser  vor 
sich.  Dieses  Ergebnis  steht  freilich-  in  einem  gewissen  Gegensatz  zu 
vielen  bisher  zu  diesem  Punkte  geäusserten  Anschauungen  und 
fordert  jedenfalls  zu  einer  Nachprüfung  der  bisher  herrschenden 
Meinungen,  insbesondere  über  die  funktionellen  Reize  auf. 

Gustav  Jäger  (1870)  vertrat  den  Standpunkt,  dass  das 
Längenwachstum  der  Knochen  in  geradem  Verhältnis  zu  ihren 
mechanischen  Leistungen  sowie  zur  Stärke  ihrer  Belastung 
durch  das  Körpergewicht  und  dem  Grade  bzw.  der  Häufig¬ 
keit  des  in  ihrer  Längsachse  geübten  Muskeldruckes  steht, 
dass  Förderung  des  Längenwachstums  durch  Druck  auf  die 
Endknorpel  erfolgt,  dass  also  erhöhter  Gebrauch  ein  stärkeres 
Wachstum  bedingt.  Schwalbe  brachte  das  raschere  Wachstum 
von  Tibia  und  Fibula  gegen  Ende  des  ersten  Lebensjahres  in  Zu¬ 
sammenhang  mit  den  beginnenden  üehbewegungen.  Roux  lehrt, 
dass  bei  häufigerem  Wechsel  der  Beanspruchung,  z.  B.  bei  vielem 
Springen,  die  jugendlichen  Knochen  durch  Anregung  des  Wachstums 
der  Epiphysenfugen  und  dadurch  vermehrter  Ossifikation  länger 
werden.  Roux  spricht  aber  jedenfalls  auch  der  Druckent¬ 
lastung  eine  erhebliche  Rolle  zu,  indem  er  betont,  dass  im  Gegensatz 
zu  der  offenbar  schädlichen  dauernden  Druckwirkung  intermittierende 
Druckbeanspruchungen  den  funktionellen  Reiz  für  das  Längenwachs¬ 
tum  abgeben.  Erinnert  sei  auch  an  die  schon  erwähnte  Anschauung 
B  c  n  e  k  e  s,  dass  die  wiederholten  Stosswirkungen  den  Anlass  zu 
Knochenansatz  geben  können.  Weiter  konnte  J  o  r  e  s  experimentell 
zeigen,  dass  Druck,  auch  wenn  er  niedrig  ist,  sehr  bald  das  enchon- 
drale  Knochenwachstum  hemmt,  dass  Wegfall  des  Druckes  dagegen 
einen  Wachstumsreiz  ausübt,  dass  jedenfalls  Wachstum  nur  dann  zu¬ 
stande  kommen  kann,  wenn  die  druckfreien  Perioden  in  ihrer  Wir¬ 
kung  überwiegen.  Damit  nähert  er  sich  dem  Standpunkt,  den  ich 
auf  Grund  der  oben  angeführten  Tatsachen  gewonnen  habe,  dass 
das  Fehlen  von  Druckwirkung  gerade  das  günstige  Moment  für 
das  Längenwachstum  darstellt,  dass  aber  die  Bedeutung  intermit¬ 
tierender  Druckwirkungen  als  funktionelle  Reize  (Springen  etc.)  doch 
wohl  dabei  überschätzt  worden  ist,  dass  sie  wohl  gar  nicht  eine 
conditio  sine  qua  non  darstellen  und  dass  die  Längenent¬ 


wicklung  jedenfalls  um  so  besser  vor  sich  geht,  je 
weniger  Druckinsulte  auf  die  Knorpelfuge  einwirken. 

Je  mehr  Druckwirkungen  erfolgen,  desto  mehr  erfolgt  Dicken¬ 
zunahme  der  Knorpelfuge  (infolge  mangelhafter  Knorpeleinschmel- 
zung)  und  diese  ist  immer  das  sichere  Zeichen  einer  Wachstums- 
hemmung.  Das  bedeutet  also,  dass  der  Einfluss,  funktioneller  Be¬ 
anspruchungswirkungen  für  das  Längenwachstum  jedenfalls  nicht  als 
ein  fördernder  Faktor  angesehen  werden  darf  und  jedenfalls  höch¬ 
stens  indirekt  (Besserung  der  Zirkulation  etc.)  etwa  wirken  könnte. 
Das  Längenwachstum  bedarf  zu  seinem  normalen 
Ablauf  nicht  der  funktionellen  Reize. 

Dass  der  Prozess  des  Längenwachstums  völlig  selbständig  und 
unabhängig  verläuft,  das  ergibt  sch  auch  aus  der  Iatsache,  dass  wie 
Aron  nachweisen  konnte,  bei  absolutem  Nahrungsmangel  das 
Längenwachstum  trotzdem  ungehemmt  weiterging  und  dass  die  not¬ 
wendigen  Aufbaustoffe  dann  den  anderen  Körpergeweben  entnommen 
werden,  es  tritt  dann  wohl  Gewichtsverlust  ein-  aber  das  Längen¬ 
wachstum  geht  trotzdem  ungehemmt  weiter,  ein  Verhalten,  das,  wie 
Bier  betont,  bei  dem  Prozess  der  Knochenregeneration,  also  im  Ver¬ 
laufe  einer  Frakturheilung  in  ganz  ähnlicher  Weise  zu  beobachten  ist. 


Aus  dem  Hygienischen  Institut  der  Universität  Giessen. 
(Direktor:  Prof.  Dr.  E.  Gotschlich.) 

Ueber  das  Vorkommen  von  Mikroorganismen  in  den 
Körperorganen  und  ihre  „Ausscheidung“  durch  Leber 

und  Niere*). 

Von  Prof.  Dr.  Huntemüller. 

Die  Art  und  Weise,  wie  sich  der  Körper  der  eingedrungenen 
Krankheitskeime  wieder  entledigt,  hat  naturgemäss  schon  bald  nach 
ihrer  Entdeckung  das  Interesse  der  Forscher  rege  gemacht.  Man 
glaubte  zunächst,  dass  durch  die  Niere  physiologischer  Weise  nicht 
nur  gewisse  gelöste  sondern  auch  organisierte  Gifte  ausgeschieden 
würden,  und  dass  deshalb  der  Harn  „ein  ausgezeichnet  günstiges 
Objekt  für  die  Untersuchung  auf  die  Anwesenheit  von  Organismen 
im  Körper  darbiete“  (Klebs). 

Die  Untersuchungen  von  Biedl  und  Kraus  und  anderen 
Autoren,  die  nachweisen  konnten,  dass  in  die  Blutbahn  injizierte  Bak¬ 
terien  nach  kurzer  Zeit  im  Urin  und  in  der  Gallenflüssigkeit  er¬ 
schienen,  konnten  diese  Annahme  zunächst  bestätigen  und  auch  für 
andere  drüsige  Organe  nachweisen  Doch  haben  weitere  Unter¬ 
suchungen  gezeigt,  dass  diese  Ausscheidung  erst  nach  Schädigung 
der  Organzellen  stattfindet  und  daher  nicht  als  ein  physiologischer 
Vorgang  bezeichnet  werden  kann. 

Als  Erster  hat  Wissokowitsch  das  Schicksal  der  ins  Blut 
gelangten  Mikroorganismen  verfolgt  und  feststellen  können,  dass  sie 
in  den  Organen,  besonders  in  denen  mit  langsamer  Blutströmung 
(Leber,  Knochenmark,  Milz)  abgelagert  werden.  Er  fand  sie  kurz 
nach  der  Injektion  in  den  Kapillaren  der  Wand  angelagert  und  später 
in  den  Endothelzellen.  I 

Die  Ablagerung  der  in  den  Blutkreislauf  eingeführten  Farbstoffe 
war  schon  früher  von  den  Pathologen  beobachtet  worden.  Doch 
während  diese  indifferenten  Bestandteile,  ohne  irgendwelche  Erschei¬ 
nungen  zu  machen,  ruhig  in  den  Endothelzellen  liegen  bleiben,  kommt 
es  bei  der  Phagozytose  von  lebenden  Bakterien  zu  einem  Kampf,  in 
dem  diese  entweder  unterliegen  und  vernichtet,  d.  h.  verdaut  werden, 
oder  sich  infolge  ihrer  Virulenz  vermehren  und  die  Endothelphago¬ 
zyten  schädigen  oder  selbst  zerstören  können. 

Neuerdings  sind  diese  Untersuchungen  wieder  aufgenommen  und 
die  Befunde  der  älteren  Autoren  bestätigt  worden.  W  Rosenthal 
kommt  zu  dem  Ergebnis,  „dass  die  Gefässendothelien  aller  Organe 
zur  Phagozytose  befähigt  sind,  dass  aber  die  Endothelzellen  der 
Leberkapillaren  in  dieser  Beziehung  am  tätigsten  erscheinen,  die 
Kupff  er  sehen  Sternzellen  sind  vermutlich  besonders  geeignete  Zu¬ 
stände  der  letzteren“. 

Nach  J.  K  o  c  h  hat  die  Injektion  von  Farbstoffteilchen,  Fett,  Milch 
oder  Proteinkörpern  den  Erfolg,  dass  es  in  den  Organen,  wo  die  Ab¬ 
lagerung  stattgefunden  hat,  also  insbesondere  in  Leber,  Milz,  Kno¬ 
chenmark,  zu  einer  Hyperämie  und  damit  zu  einer  Leistungssteige¬ 
rung  kommt.  Er  glaubt,  dass  durch  eine  solche  erhöhte  Tätigkeit  alte 
Infektionsherde  wieder  mobil  gemacht  werden  können  und  erklärt 
auf  diese  Weise  die  Malariarezidive  nach  Milchinjektionen.  Aber 
auch  bei  einem  starken  Zerfall  von  roten  Blutkörperchen  sehen  wir 
analoge  Vorgänge,  und  „die  charakteristische  Melanämie  der  inneren 
Organe  und  der  Haut  der  Malariakranken  kommt  zum  Teil  so  zu¬ 
stande,  dass  das  Hämosiderin  und  Melanin  der  zerstörten  Blutkörper¬ 
chen  von  den  Kapillarendothelien  der  Leber,  Milz  und  des  Knochen¬ 
markes  sowie  der  Haut  oft  in  enormer  Menge  aufgenommen  und  dort 
festgehalten  werden.  Die  Verteilung  des  Melanins  deckt  sich  voll¬ 
kommen  mit  dem  Verhalten  der  experimentell  in  die  Blutbahn  ein¬ 
gespritzten  Farbstoffe“. 

Demgegenüber  scheint  Sigismund  ein  wesentlicher  Koeffizient 
der  Reizkörperwirkung  in  einer  durch  erhöhte  Resorption  bedingten 
Aktivierung  mesenchymaler  Zellen  zu  suchen  zu  sein. 

*)  Nach  einem  in  der  Mediz.  Gesellschaft  in  Giessen  am  24.  Juli  ge¬ 
haltenen  Vortrage. 


28.  September  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1227 


Eine  wichtige  Aufgabe  fällt  den  Kapillarendothclien  auch  bei  den 
Bakteriämien,  den  septischen  Allgemeininfektionen,  zu,  denn  sic  sind 
es  vorzüglich,  die  die  im  Blute  kreisenden  Krankheitserreger  fassen 
und  unschädlich  machen  müssen.  Ihrer  Tätigkeit  gegenüber  tritt  die 
Leistung  der  Leukozyten  bei  weitem  zurück. 

Wie  As  ch  off  und  Kiyono  nachweisen  konnten,  entstammen 
auch  die  grossen  Mononukleären,  deren  Auftreten  wir  besonders  bei 
der  Malaria  beobachteten  und  diagnostisch  verwerten  können,  dem 
retikulo-endothelialen  System.  Sie  sind  losgelöste  Endothelzellen  und 
A  s  c  h  o  f  f  bezeichnet  sie  daher-  auch  als  „Endotheliozyten“  oder 
„Histiozyten“. 

Sind  nun  eine  grössere  Zahl  von  Krankheitskeimen  von  den  Kapil- 
larendothelien  aufgenommen,  oder  haben  sie  sich  in  ihnen  vermehrt, 
so  können  die  engen  Kapillaren  verstopft  werden,  und  es  kommt 
dann  zu  lokalen  Hyperämien.  Durch  Zerstörung  der  Endotlielzcllen 
kann  es  aber  auch  zu  Blutaustritten  aus  den  Gefässen  kommen.  Diese 
Vorgänge  sind  an  der  Haut  am  besten  zu  beobachten,  auf  ihnen  be¬ 
ruhen  die  Roseolen  bei  Typhus,  Fleckfieber  und  Syphilis,  ferner  die 
Petechien  bei  septischen  Erkrankungen  und  der  Pest. 

Aber  nicht  nur  das  Blut  sondern  auch  die  Krankheitskeime  selbst 
können  aus  den  Gefässen  in  das  benachbarte  Gewebe  gelangen  und 
hier  mehr  oder  minder  starke  Entzündungserscheinungen  oder  Ab¬ 
szesse  hervorrufen.  Die  perivaskuläre  Infiltration,  die  von  Eugen 
Fränkel  bei  Fleckfieber  und  von  Diirck  bei  Malaria  nach¬ 
gewiesen  wurde,  ist  wohl  auf  diese  Weise  zu  erklären. 

Auf  einigen  Diapositiven  *),  die  Herr  Gundermann  nachher 
demonstrieren  wird,  und  die  aus  angereichertem  Leber-  und  Gallen¬ 
blasenmaterial  stammen,  ist  diese  Infiltration  entlang  der  Gefässe 
mehrfach  gut  zu  erkennen. 

In  den  inneren  Organen  bekommen  wir  diese  Veränderungen  erst 
durch  die  Operation  bzw.  die  Autopsie  zu  Gesicht.  Häufig  lassen  sich 
aber  derartige  Schädigungen  von  Leber  und  Niere  durch  Nachweis 
von  Bakterien  in  Galle  und  Harn  feststellen,  denn  wie  schon  oben 
erwähnt,  ist  die  Ausscheidung  von  Bakterien  in  Galle  und  Harn  kein 
physiologischer  Vorgang,  sondern  wir  haben  immer  mit  Gewebs- 
läsionen  zu  rechnen,  die  aber  so  geringfügig  sein  können,  dass  sie  oft 
gar  nicht  festzustellen  sind. 


Diese  Bakterien  sind  infolge  des  Kampfes  mit  den  Abwehrkräf¬ 
ten  des  Körpers  häufig  sehr  geschwächt  und  in  ihrer  Wachstums¬ 
energie  herabgesetzt;  sie  sind  daher  auf  unseren  festen  Nährböden, 
auf  die  beim  Ausstreichen  von  Untersuchungsmaterial  zugleich 
Immunstoffe  mit  übertragen  werden,  oft  nicht  ohne  weiteres  zum 
Wachstum  zu  bringen.  Ich  habe  daher  in  gleicher  Weise,  wie  wir 
für  die  Blutkultur  eine  Anreicherung  in  flüssiger  Galle  vorzunehmen 
pflegen,  auch  Exkrete  und  Organstücke  einer  Anreicherung  in  flüssi¬ 
gen  Nährmedien  unterzogen  und  so  in  einem  weit  höheren  Prozent¬ 
sätze  als  bisher  Bakterien  nachweisen  können.  Ja,  aus  der  Gallen¬ 
blasenwand  konnten  in  100  Proz.  der  zur  Operation  gekommenen 
Cholezystitisfälle  Bakterien  nachgewiesen  werden. 

.  Diese  Untersuchungen  haben  nun  noch  eine  sehr  interessante  Tat¬ 
sache  ergeben.  Bisher  galt  das  Bact.  coli  als  der  Haupterreger  der 
Zystitis  und  Cholezystitis.  Demgegenüber  fanden  wir  im  steril  ent¬ 
nommenen  Harn  [1]  in  23,5  Proz.  Staphylokokken,  in  28  Proz.  Bact. 
coli  bei  64,34  Proz.  positiven  Befunden,  während  28,66  Proz.  der 
Proben  steril  und  7  Proz.  verunreinigt  waren.  In  den  Gallen¬ 
wegen  [2l,  wo  bei  der  Entnahme  Verunreinigungen  leichter  ver¬ 


mieden  werden  können,  fanden  sich  bei  100  positiven  Befunden  sogar 
in  59  Proz.  Staphylokokken  und  nur  in  12  Proz.  Bact.  coli. 

Diese  häufigen  Staphylokokkenbefunde  sind  dem  Kliniker  sehr 
überraschend  gekommen.  Dies  erklärt  sich  daraus,  dass  das  Bac- 
terium  coli  seinen  Infektionsweg  aufsteigend  durch  die  Urethra  bzw. 
durch  den  Choledochus  nimmt  und  daher  mit  den  Abwehrkräften  des 
Körpers  nicht  in  dem  Maasse  in  Berührung  kommt,  wie  die  auf  dem 
Blutwege  eingeschleppten  Staphylokokken,  daher  auch  nicht  so  sehr 
in  seiner  Wachstumsenergie  geschädigt  wird  und  leicht  durch  das 
Plattenkulturverfahren  nachgewiesen  werden  kann. 

Ich  möchte  an  dieser  Stelle  nochmals  hervorheben,  dass  es  bei 
nicht  einwandfreier  Entnahme  des  Harns  sehr  leicht  zu  Verunreini¬ 


gungen  kommen  kann,  und  dass  die  Voraussetzung  für  steriles  Arbei¬ 
ten  die  absolute  Beherrschung  der  Entnahmetechnik  ist.  Wie  unsere 
Erfahrungen  gezeigt  haben,  lässt  sich  aber  nur  durch  einen  gewissen¬ 
haften  und  geschulten  Fachmann  durchaus  einwandfreies  Unter- 
suchungsmaterial  gewinnen. 

Bei  den  obigen  Befunden  handelt  es  sich  fast  ausschliesslich  um 
aerobe  Keime,  nur  einmal  wurde  in  der  Blasenwand  ein  anaerobes 
Stäbchen  gefunden,  das  aber  nicht  näher  bestimmt  werden  konnte. 
Nachdem  von  mir  ein  neues,  einfaches  Verfahren  zur  Anaeroben- 
zucht  [3]  ausgearbeitet  ist,  soll  auch  den  anaeroben  Keimen  künftig 
mehr  Beachtung  geschenkt  werden. 


Literatur. 

I.  Huntemüller:  Ein  Anreicherungsverfahren  von  wenigen  oder  in 
ihrer  Wachstumsenergie  gehemmten  Keimen  im  menschlichen  Harn. 
M.m.W  1922  Nr.  10.  —  2.  Derselbe:  Die  entzündlichen  Erkrankungen 
der  Gallenwege  vom  Standpunkte  des  Bakteriologen.  Erscheint  spater 
mit  eingehender  Literaturangabe.  —  3.  Derselbe:  Ein  neues,  einfaches 
Verfahren  zur  Anaerobenzucht.  Erscheint  im  Zbl.  f.  Bakteriol. 


*)  Siehe  Gundermann:  Bakteriologie  und  Pathologie  der  Erkran¬ 
kung  der  Gallcnwege.  Erseh.  i.  d.  Mitteil.  a.  d.  Grenzgeb.  d.  Med.  u.  Cliir. 


|  Aus  dem  patholog.  Institut  des  Krankenhauses  München- 
Schwabing.  (Prof.  Oberndorfer.) 

lieber  Amyloiddegeneration  der  Leber  während  der 

Nachkriegsjahre. 

Von  Hans  Schrank,  med.  Praktikant. 

Die  in  unserem  Institut  gemachte  Beobachtung,  dass  nach  Ein¬ 
setzen  der  Hungersnot  in  Deutschland  die  Zahl  der  schweren  Amy¬ 
loiderkrankungen  sich  auffällig  vermehrte*),  gab  Anlass  zu  einer 
statistischen  Untersuchung  der  während  der  Jahre  1919,  1920  und  1921 
im  Krankenhause  München-Schwabing  zur  Sektion  gekommenen 
Fälle.  Sie  erstreckt  sich  auf  2056  Sektionen  dieser  3  Jahre.  Zum 
Vergleich  wurden  die  1089  Sektionsbefunde  der  Jahre  1911,  1912  und 
1913  herangezogen.  Dabei  ergibt  sich  folgendes: 

1.  Die  Gesamtzahl  der  Amyloiderkrankungen. 

Im  Jahre  1919,  das  den  Hungerjahren  am  nächsten  liegt,  beträgt 
der  Prozentsatz  der  Amyloidfälle  2,1,  eine  Zahl,  die  vom  Jahre  1912 
mit  3,6  und  vom  Jahre  1921  mit  2,3  wesentlich  überschritten  wird. 
Noch  geringer  ist  die  Zahl  der  Amyloidosen  im  Jahre  1920,  sie  beträgt 
nur  1,8  Proz.  der  Gesamtsektionen,  während  sie  im  Jahre  1921  2,3 
beträgt.  Die  Prozentzahlen  der  Jahre  1911,  1912  und  1913  sind  1,6, 
3,6  und  1,3.  Fasst  man  die  Jahre  1919—1921  und  1911—1913  zu¬ 
sammen,  so  stellt  sich  das  überraschende  Ergebnis  heraus,  dass  die 
Gesamtzahl  der  Amyloidfälle  aus  den  Nachkriegsjahren  mit  2  Pioz. 
um  V io  Proz.  hinter  der  2,1  Proz.  betragenden  Gesamtzahl  der  Amy¬ 
loidosen  aus  der  Vorkriegszeit  zurücksteht;  von  einer  absoluten 
Vermehrung  in  der  Nachkriegszeit  kann  also  keine  Rede  sein.  Eine 
wichtige  Rolle  für  das  Zustandekommen  dieser  Zahlen  spielt  der 
merkwürdig  hohe  Prozentsatz  aus  dem  Jahre  1912,  für  den  schwer¬ 
lich  eine  Erklärung  zu  finden  sein  dürfte.  Er  überragt  den  höchsten 
Prozentsatz  der  Nachkriegsjahre,  vom  Jahre  1921,  um  fast  J/3. 

2.  Die  Zahl  der  Leberamyloidosen. 

Ganz  anders  wird  das  Bild,  wenn  man  die  Schwere  der  Fälle 
berücksichtigt.  Dazu  eignet  sich  besonders  die  verhältnismässig  sel¬ 
tene  Leberamyloidose.  Unter  den  1089  Sektionen  der  Jahre  1911  bis 
1913  finden  sich  nur  6  solche  Erkrankungen,  das  sind  0,55  Proz., 
während  von  1919  bis  1921  unter  2056  Sektionen  18  Leberamyloidosen 
Vorkommen,  also  0,88  Proz.  Merkwürdig  ist  die  Tatsache,  dass  im 
Jahre  1913  keine  einzige  Leberamyloidose  beobachtet  ist;  der  Pro¬ 
zentsatz  der  übrigen  Amyloiderkrankungen  dieses  Jahres  ist  1,3,  der 
geringste  während  der  6  in  Frage  kommenden  Jahre.  Die  Zahlen  der 
Leberamyloidosen  von  1911  und  1912  mit  0,97  Proz.  und  0,90  Proz. 
überschreiten  die  der  Jahre  1920  und  1921,  jedoch  ist  der  Prozentsatz 
des  Jahres  1919  mit  1,1  Proz.  unerreicht. 

3.  Die  Schwere  der  Leberamyloidosen. 

Nicht  nur  der  Zahl  nach,  sondern  auch  nach  dem  Maasse  der  Amy¬ 
loidausbreitung  in  den  befallenen  Organen,  zumal  in  der  Leber,  mehrt 
sich  die  Erkrankung  in  der  Nachkriegszeit.  Einen  Massstab  •  dafür 
gibt  am  besten  das  Gewicht  der  Organe,  natürlich  ohne  Anspruch 
auf  quantitative  Genauigkeit.  Nimmt  man  das  Durch¬ 
schnittsgewicht  der  Leber  normaler  Erwachsener 
zwischen  1400 — 1600  g  an,  so  zeigt  sich,  dass  in  den  Vor- 
kr. iegsjahren  das  Normallebergewicht  durch  die 
Amyloiderkrankung  überhaupt  nur  einmal  wesent" 
lieh  überschritten  ist,  nämlich  bei  einer  48 jähri¬ 
gen  Frau  von  4 2XA  kg  Körpergewicht  mit  2900  g.  Zu¬ 
grunde  lagen  tuberkulöse  Koxitis,  chronische  Lungentuberkulose,  Ne¬ 
phritis  und  Zystitis.  Zwei  andere  Fälle  mit  1700  bzw.  1650  g  Leber¬ 
gewicht  bei  einem  51jährigen  Mann  und  einer  38  jährigen  Frau  über¬ 
schreiten  das  Durchschnittsgewicht  so  wenig,  dass  sie  kaum  als 
schwerere  Fälle  in  Betracht  kommen  dürften.  Die  übrigen  3  Leber¬ 
amyloidosen  bei  Kranken  im  Alter  von  16,  6  und  20  Jahren  weisen 
ein  so  geringes  Lebendgewicht  auf,  dass  es  gewiss  hinter  der  physio¬ 
logischen  Breite  zurückblcibt. 

Die  Jahre  1919  b  i  s  1921  dagegen  schliessen  allein 
7  Fälle  von  Leberamyloidose  ein,  bei  denen  das 
Normallebergewicht  bedeutend  überschritten  ist. 
Dabei  handelt  es  sich  nicht,  wie  bei  den  3  Vorkriegsfällen,  um  Er¬ 
wachsene  zwischen  38  und  51  Jahren,  sondern  nur  in  einem  Fall  um 
eine  59  jährige  Frau;  die  übrigen  Kranken  waren  ein  23  jähriges  Mäd¬ 
chen  mit  dem  in  allen  6  Jahren  nicht  erreichten  Lebergewicht  von 
3230  g,  ein  20  jähriges  Mädchen  mit  2140  g,  ein  18  jähriges  Mädchen 
mit  2000  g,  -ein  15  jähriger  Junge  mit  2150  g  und  zwei  14  jährige 
Jungen  mit  2750  und  2010  g  Lebergewicht.  Von  den  übrigen  Kranken, 
deren  Lebergewicht  die  physiologische  Gewichtsbreite  nicht  über¬ 
steigt,  ist  ein  7  jähriges  Mädchen  bemerkenswert,  bei  dem  das  Leber¬ 
gewicht  die  für  das  Alter  beträchtliche  Höhe  von  1140  g  erreicht; 
auch  hier  besteht  also,  obwohl  das  in  unserer  Statistik  nicht  zum  Aus¬ 
druck  kommt,  eine  bedeutende  Gewichtsvermehrung.  Die  übrigen 
Fälle  betreffen  Erwachsene  zwischen  23  und  46  Jahren. 

Während  die  erwähnten  3  Vorkriegsfälle  von  schwererer  Amyloi¬ 
dose  der  Leber  1  mal  Lues  und  2  mal  Tuberkulose  zur  Grundlage 
hatten,  sind  die  schweren  Nachkriegsfälle  der  Jugendlichen  sämtlich 

*)  Vergl.  O.  Meyer  und  E.  Wolff:  Zur  Amyloidfrage.  M.K1  1919 

Nr.  23. 


3' 


1228 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  39. 


auf  Tuberkulose  zurückzuführen.  Nur  die  59  jährige  Frau  mit  der 
Leber  von  3000  g  hatte  einen  Grawitzschen  Tumor. 

4.  Durchschnittsgewichte  der  amyloid  erkrankten  Milzen  und  Nieren. 

Die  Gewichtsverhältnisse  der  amyloid  erkrankten  Milzen  und 
Nieren  sind  nicht  mit  derselben  Genauigkeit  wie  bei  den  Lebern  fest¬ 
zustellen,  da  die  Gewichtsangaben  in  den  Sektionsberichten  zuweilen 
fehlen.  Unter  Ausschluss  der  bei  Kindern  vorkommenden  Amyloi¬ 
dosen  dieser  Organe  ergeben  sich  für  die  der  Erwachsenen  folgende 
Zahlen:  Von  1911—1913  beträgt  das  Durchschnittsgewicht 
der  Amyloidmilzen  185  g,  das  der  Amyloidnieren  326  g  (beide 
Nieren  zusammen).  Von  1919 — 1921:  Gewicht  der  Amyloidmilzen 
212  g,  das  der  Amyloidnieren  375  g. 

Also  auch  für  Milz  und  Niere  scheint  sich. aus  den  Durchschnitts¬ 
zahlen  der  Gewichte  eine  Zunahme  der  Schwere  der  Amyloiderkran¬ 
kung  nach  dem  Kriege  zu  ergeben.  Die  für  normale  Milzen  und 
Nieren  geltenden  Durchschnittsgewichte  von  150  bzw.  250  g,  letztere 
für  beide  Nieren  zusammen,  sind  demnach  bei  den  Nachkriegs¬ 
amyloidosen  erheblich  überschritten. 

5.  Die  Grundkrankheiten. 

Eine  Betrachtung  der  Grundkrankheiten,  die,  soweit  das  aus  den 
Sektionsberichten  ersichtlich  ist,  der  Amyloidose  zugrunde  liegen, 
ergibt  folgendes: 

Bei  den  23  Amyloidfällen  der  Jahre  1911 — 1913  kommt  18  mal 
Tuberkulose,  1  mal  Lues,  1  mal  Sepsis,  1  mal  Bronchiektasie  und 
Empyem,  1  mal  Lungengangrän  und  Ulcus  varicosum,  1  mal  chro¬ 
nische  Nephritis  als  Grundkrankheit  vor.  Der  Anteil  der  1  uberkulose 
beträgt  also  78  Proz.  Die  42  Amyloidosen  der  Jahre  1919 — 1921  wei¬ 
sen  34  Tuberkulosen,  2  Karzinome,  2  Grawitzsche  Tumoren, 
1  Empyem  der  Pleurahöhle,  1  chronische  Nephritis,  1  Pyelitis  und 
Pyelonephritis  und  1  perniziöse  Anämie  auf.  Die  Tuberkulose  be¬ 
teiligt  sich  mit  80  Proz.,  also  2  Proz.  mehr  als  vor  dem  Kriege. 

Für  die  Leberamyloidose  allein  ergibt  sich  eine  Zunahme  des 
Tuberkuloseanteils  bei  den  Grundkrankheiten  um  6  Proz.  Ueber- 
haupt  ist  der  Anteil  der  Tuberkulose  beim  Leberamyloid  grösser  als 
beim  Amyloid  der  übrigen  Organe,  er  beträgt  in  den  Vorkriegsjahren 
83  Proz.,  in  den  Nachkriegsjahren  89  Proz.  Auch  diese  Zahlen  be¬ 
stätigen,  dass  die  Tuberkulose  während  des  Krieges  und  nach  dem 
Kriege  sowohl  der  Zahl  wie  der  Schwere  nach  zugenommen  hat.  — 
Was  die  übrigen  Grundkrankheiten  für  die  Leberamyloidose  an¬ 
betrifft,  so  findet  sich  ausser  Tuberkulose  nur  1  mal  Lues  (Aortitis 
luica)  vor  dem  Krieg,  nach  dem  Krieg  1  mal  Carcinoma  uteri  und 
1  mal  ein  G  r  a  w  i  t  z  scher  Tumor. 


Ein  einfaches  Verfahren  zur  Behandlung  atrophischer 

Nasenschleimhäute. 

(Vorläufige  Mitteilung.) 

Von  Dr.  R.  v.  Scheven,  Spezialarzt  für  Ohren-,  Nasen- 
und  Halskranke  in  Hainmi.W. 

Die  Beobachtung,  dass  eine  irgendwie  erzielte  Verengerung  des 
Lumens  atrophischer  Nasen  geeignet  ist,  eine  Verminderung  des  Se¬ 
kretes  und  der  Borkenbildung  herbeizuführen,  hat  im  Laufe  der  Zeit 
zu  verschiedenen  dahinzielenden  Methoden  geführt.  Neben  der 
Paraffinplastik  hat  man  neuerdings  zu  plastischen,  zum  Teil  jedoch 
sehr  eingreifenden  Operationsmethoden  gegriffen.  Wie  alle  nicht¬ 
dringlichen  Operationen,  erfährt  deren  Anwendung  in  der  heutigen 
Zeit  aus  äusseren  Gründen  eine  starke  Einschränkung. 

Die  bei  guter  Ausführung  der  Paraffinplastik  schon  recht  be¬ 
friedigenden  Erfolge  Hessen  mich  die  Frage  erwägen,  ob  es  nicht 
eine  Methode  gäbe,  die  noch  vorhandenen  funktionellen  oder  binde¬ 
gewebigen  Bestandteile  der  atrophischen  Schleimhäute  wieder  zu 
einer  Volumenvermehrung  für  die  Dauer  zu  bringen. 

Aeussere  Applikation  auf  der  Schleimhaut  auch  unter  Zuhilfe¬ 
nahme  der  Massage  versprach  keine  grossen  Dauerwirkungen  oder 
nur  in  leichteren  Fällen.  Es  lag  daher  nahe,  zu  einer  Injektions¬ 
behandlung  zu  greifen.  Es  war  wünschenswert,  eine  Lösung  von 
physiologisch  gut  bekannter  Wirkungsweise  zu  benutzen.  Anderer¬ 
seits  musste  eine  starke  Reizkomponente  vorhanden  sein.  Ich  wählte 
aus  diesen  Gründen  10  proz.  sterile  Kochsalzlösung.  Der  sicheren 
Sterilität  halber  empfiehlt  sich  der  Bezug  in  5  ccm-Ampullen  durch 
die  Apotheke.  Die  Technik  ist  kurz  folgende: 

Nach  Säuberung  der  Nasenschleimhaut  durch  Spülung  werden 
die  Injektionsstellen  mit  10  proz.  Kokainlösung  unempfindlich  ge¬ 
macht.  Je  nach  dem  Grade  der  Atrophierung  setzt  man  mehrere 
Depots  von  hinten  nach  vorn,  bei  nicht  zu  hochgradiger  Atrophie  ge¬ 
nügt  eine  Injektionsstelle  in  der  Nähe  des  vorderen  Kopfes  der 
Muscheln.  Es  empfiehlt  sich,  nicht  zu  zahlreiche  Stellen  zu  injizieren, 
da  bei  den  folgenden  Injektionen  die  früheren  Stiche  die  Lösung  noch 
leicht  austreten  lassen.  Als  Menge  kommt  für  die  unteren  Muscheln 
etwa  2Va  ccm  auf  jeder  Seite  in  Betracht.  Im  ganzen  sind  wenig¬ 
stens  zwanzig  Einspritzungen  zu  geben,  zwei,  besser  drei  in  der 
Woche.  Zu  Hause  täglich  ein  bis  zwei  Nasenspülungen.  Die  Injek¬ 
tion  geschehe  langsam.  Manche  Kranke  klagen  kaum  über  irgend- 


!  welche  Beschwerden,  andere  haben  einige  Stunden  Kopfschmerzen. 
Sonstige  Nebenwirkungen  habe  ich  nicht  beobachtet.  Die  Aetiologie 
der  Atrophie  spielt  keine  Rolle. 

Die  Zahl  meiner  Fälle  und  die  Beobachtungszeit  ist  noch  zu 
klein,  um  allgemein  bindende  Schlüsse  zu  ziehen.  Ich  kann  aber  auf 
Grund  meiner  bisherigen  Erfahrungen  einen  Versuch  mit  dieser  Me¬ 
thode  nur  warm  empfehlen.  Es  gibt  vielleicht  auch  noch  wirksamere 
Stoffe  als  10  proz.  Kochsalzlösung,  für  den  Praktiker  kam  aber  nur 
ein  physiologisch  gut  bekannter  in  Frage. 


Aus  dem  Kranken-  und  Mutterhaus  vom  Roten  Kreuz 
Auguste- Viktoria-Heim,  Eberswalde. 

(Leitender  Arzt:  Prof.  Dr.  A.  Hildebrandt.) 

Tunnelierung  des  Beckenknochens  zur  Geschoss¬ 
entfernung. 

Von  Dr.  A.  Lehrnbecher,  Assistenzarzt. 

Ein  24  jähriger  Polizeiwachtmeister  wurde  am  24.  X.  22  im  Kampfe  mit 
einem  Einbrecher  von  diesem  aus  der  Entfernung  von  etwa  4  m  mit  einer 
8  mm  Militärpistole  in  die  rechte  Unterbauchgegend  geschossen.  Zwei  Stun¬ 
den  nach  der  Verletzung  Aufnahme  in  das  Äuguste-Viktoria-Heim. 

Schwerer  Schock,  schlechter  Puls.  Kalibergrosser  Einschuss  1  Quer¬ 
finger  medial  vom  MacBurney.  Ausschuss  nicht  vorhanden. 

Kochsalzinfusion,  Excitantia,  dann  Laparotomie  (Prof.  Hildebrandt). 

Längsschnitt  nach  oben  und  unten  von  der  Einschussstelle.  Zoekum  durch 
Explosivwirkung  stark  zerfetzt.  Naht  desselben.  Die  übrigen  Därme  intakt. 
Ausgiebige  Spülung  mit  NaCl-Lösung.  Gummidrainage  der  Nahtstelle  des 
Zoekums.  Der  schlechte  Zustand  des  Verletzten  drängte  zur  raschen  Be¬ 
endigung  des  Eingriffes  und  verbot  ein  Suchen  nach  dem  vermutlich  nach  dem 
Becken  zu  gelegenen  Geschoss. 

Kranker  erholte  sich  gut.  Es  entwickelte  sich  jedoch  nach  einigen  Tagen 
unter  intermittierendem  Fieber  vorn  oberhalb  des  Lig.  Pouparti,  der  Lacuna  I 
musculorum  entsprechend,  ein  grosser  Abszess,  der  am  18.  XI.  inzidiert  1 
wurde;  hierauf  zuerst  Absinken  der  Temperatur,  dann  wieder  erheblich  wech-  1 
selnde  Temperatursteigerungen.  Eine  Röntgenaufnahme  ergab,  dass  ein  wenig 
deformiertes  Geschoss  sich  auf  die  hintere  Randpartie  der  Beckenschaufel  i 
projizierte,  1  Querfinger  von  der  Articulatio  sacro-iliaca  entfernt,  l'A  Quer¬ 
finger  oberhalb  der  Linea  terminalis.  Dass  das  Geschoss  im  Knochen  selbst 
stak,  bewiesen  Einschmelzungsvorgänge;  es  lag  in  einer  deutlichen  Knochen-  , 
höhle  mit  reaktiver  Sklerose  der  Umgebung. 

Dieser  Befund  stellte  sicher,  dass  das  Geschoss  als  Keimträger  die  In-  i 
fektion  unterhielt,  hiermit  war  die  absolute  Indikation  zu  seiner  Entfernung 
gegeben.  Man  war  sich  darüber  klar,  dass  die  Operation  bei  der  schweren 
Zugänglichkeit  und  ausserordentlichen  Tiefe  des  Fremdkörpersitzes  technisch 
sehr  schwierig  sein  würde. 

Am  17.  III.  23  Operation  (Prof.  Hildebrandt);  Geringe  Verlange-  | 
rung  des  Inzisionsschnittes  nach  oben.  Nach  einigem  Suchen  lässt  sich  am 
Grunde  der  trichterförmig  gegen  die  Articulatio  sacro-iliaca  zu  sich  ver¬ 
jüngenden  Wunde  mittels  einer  langen  Kornzangc  in  etwa  15  cm  Tiefe  der 
Knochendefekt  feststellen.  Es  gelingt  jedoch  nicht,  das  Geschoss  mittels  einer  i 
feinen  Greifzange  zu  erreichen,  auch  nicht  beim  Ausleuchten  des  Wundgrundes.  ; 
mit  Rektoskoplampe  und  bei  Entfernung  der  Umrandung  der  Knochenhöhle 
mittels  vorsichtiger  Meisseischläge. 

Unbedingt  kontraindiziert  war  der  Versuch,  durch  Verlängerung  des  Haut- 
muskelschnittes  nach  oben  oder  medial  eine  grössere  Zugänglichkeit  zu 
schaffen,  es  bestand  die  Gefahr  in  unübersichtliche  Verwachsungen  zu  kommen 
und  die  Peritonealhöhle  unversehens  zu  eröffnen. 

Es  blieb  nun  noch  die  Möglichkeit,  von  hinten  aussen  her  an  das  Ge¬ 
schoss  zu  gelangen.  Ohne  Leitsonde  von  aussen  durch  die  Glutäalmuskulatur 
an  die  dem  Geschosssitz  entsprechende  Stelle  der  Beckenschaufclaussenscite 
vorzudringen  erschien  zu  gewagt,  es  bestand  bei  diesem  Vorgehen  zu  wenig 
Aussicht,  die  gewünschte  Stelle  im  Knochen  richtig  zu  erkennen,  da  ver¬ 
mutungsweise  irgendwelche  pathologische  Veränderungen  hier  nicht  zu  er¬ 
kennen  gewesen  wären. 

Es  wurde  daher  ein  elektrischer  Bohrer  von  der  Inzisionswundc  aus  in  j 
die  Knochenhöhle  eingeführt  und  Knochen  und  Weichteile  nach  aussen  durch¬ 
bohrt,  bis  der  Bohrer  unter  der  Haut  fühlbar  war.  Dabei  wurde  die  Rich¬ 
tung  des  Bohrers  so  gewählt,  dass  derselbe  dicht  unterhalb  der  Crista  iliaca  , 
nahe  der  Spina  iliaca  post.  sup.  zum  Vorschein  kommen  musste,  da  hier 
keine  grösseren  Gefässe  und  Nerven  verletzt  werden  konnten;  lediglich 
kleinere,  zum  Ursprungsbereich  des  Musculus  glutaeus  maximus  aufsteigende  I 
Muskeläste  der  Art.  glutaea  sup.  waren  gefährdet. 

Der  prompte  Erfolg  rechtfertigte  den  Entschluss.  Sobald  der  Bohrer 
unter  der  Haut  sichtbar  war,  wurde  hier  ein  3  cm  langer  Querschnitt  angelegt, 
die  Muskulatur  stumpf  auseinandergetrennt  und  nach  Freilegung  der  Becken¬ 
schaufel  die  Durchtrittsstelle  des  elektrischen  Bohrers  mittels  einiger  Meissei¬ 
schläge  erweitert.  Es  ergab  sich  nun  das  eigenartige  Bild,  dass  man  bei  seit¬ 
licher  Lagerung  des  Kranken  durch  das  tunnelierte  Becken  durchschen  konnte. 
Das  Geschoss  Hess  sich  mit  einer  schmalen  Zange  ergeifen  und  mit  Leichtig¬ 
keit  entfernen.  Es  war  ein  seitlich  abgeplattetes  Kupfermantelgeschoss  mit 
leicht  gerundeter  Spitze.  Drain  in  die  äussere  Inzisionswunde,  entsprechend 
der  Lage  sehr  günstige  Abflussbedingungen. 

Nach  der  Operation  einige  Tage  lang  stärker  erhöht'-  Temperatur,  dann  ! 
Entfieberung;  am  18.  IV.  23  mit  nahezu  verheilten  Wunden  in  ein  Genesungs¬ 
heim  entlassen. 

Es  handelte  sich  um  einen  Steckschuss  in  der  spongiosareichen 
hinteren  Randpartie  der  Beckenschaufel.  Entsprechend  der  Weich¬ 
heit  des  Knochens  an  dieser  Stelle  und  der  geringen  lebendigen  Kraft 
des  Geschosses  war  nur  ein  kalibergrosser  Defekt  entstanden.  An 
der  spröden  Darmbeinschaufel  sind  im  Gegensatz  hierzu  unregel¬ 
mässige  Substanzverluste  und  ausgedehnte  Fissuren  typisch  (Hilde- 
b  r  a  n  d  t).  Das  Geschoss,  welches  Kleidung,  Haut  und  Darm  durch¬ 
schlagen  hatte,  wirkte  als  Keimträger  und  implantierte  Infektions¬ 
erreger  in  den  Knochen.  So  resultierte  eine  Einschmelzungsstelle 


September  1923. 


M ÜNCHF.NER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRI FT. 


1229 


demselben,  und  es  wurde  von  hier  aus  eine  lang  dauernde  Eiterung 
|  rvorgerufen,  die  allen  konservativen  therapeutischen  Massnahmen 
>tzte.  Ls  sind  ja  auch  nach  den  Erfahrungen  des  Weltkrieges  bei 
rletzungen  der  spongiösen  Partie  des  Darmbeines  langsam  fort- 
iechende  Eiterungen,  manchmal  mit  Sepsis  im  Gefolge,  nicht  selten 
,  es  wurde  radikales  Vorgehen  in  dieser  Gegend  dringend  emp- 
uen  (rranz). 

Dass  schon  einmal  bei  einer  Steckschussoperation  unsere  etwas 
roisch  anmutende  Methode  angewandt  worden  ist,  konnte  in  der 
eratur  nicht  gefunden  werden.  Es  ist  jedoch  bei  dem  ungeheuren 
itenal  des  Weltkrieges  zu  erwarten,  dass  in  ähnlichem  Falle  auf 
:  icliem  Wege  vorgegangen  wurde. 

Es  fiagt  sich,  ob  auch  andere  Operationsverfahren  hätten  in 
I  ige  kommen  können. 


Ob  die  Anwendung  eines  grossen  Elektromagneten  zum  Ziele 
I  unrt  hatte,  sei  dahingestellt.  In  vielen  Fällen  widerstehen  ein- 
l  capselte  Fremdkörper  selbst  der  Zugkraft  grosser  Magneten  oder 
1  rden  durch  Knochenkanten  am  Austreten  verhindert. 

Mehr  Aussicht  hätte  wohl  die  röntgcnoskopischc  Operation  ver- 
ochen,  doch  ist  natürlich,  ganz  abgesehen  von  der  in  den  heutigen 
teil  kaum  zu  beschaffenden  Einrichtung,  die  Technik  dieses  Ver- 
rens  absolut  nicht  einfach. 

Selbstverständlich  kann  die  im  Vorliegenden  beschriebene  Me¬ 
ide  nur  dort  Anwendung  finden,  wo  die  topographischen  Verhält- 
ise !  ernstere  Nebenverletzungen  ausschliessen.  Die  Durchbohrung 
1  Deckenschaufel  in  unserem  Falle  ist  ohne  jede  Bedeutung  selbst 
s  ssere  Defekte  der  Beckenknochen  heilen  in  der  Regel  anstandslos 
|l  ohne  Funktionsstörungen  aus  (Franz). 


Literatur. 

Carl  Franz:  Becken-  und  Schenkelschüsse  im  Handbuch  der  ärztlichen 
ihrungeri  ,m  Weltkriege.  -  Graf  und  Hildebrandt:  Die  Verwun- 
gen  durch  die  modernen  Kriegswaffen.  2.  Bd.  Bibi.  v.Coler  — 

Fnlfürnn  c  ll£d  Tietze:  Steckengcblieben c  Fremdkörper  und 

Entfernung.  Handbuch  der  ärztlichen  Erfahrungen  im  Weltkriege. 


y  der  3-  medizinischen  (Nerven)  Abteilung  des  Allgemeinen 
Krankenhauses  Hamburg  St.  Georg. 

1  Sedimentator  für  Zellen-  und  feine  Niederschläge, 
besonders  für  Liquorzellen. 

Von  Dr.  Ernst  I  rö  m  n  e  r  -  Hamburg. 

Bei  meinen  Liquoruntersuchungen  vermisste  ich  schon  lange  ein 
iaiiren,  welches  gestattet,  spärliche  Zellinhalte  einer  Körperfliissig- 
i  direkt  auf  Glasplatten  niederzuschlagen.  Das  übliche  Verfahren 
tniugate  im  Spitzröhrchen  zu  sammeln  und  aus  diesem  durch 
I  illai  pipette  auf  Objektträger  zu  übertragen,  bedeutet  einen  Um- 
E,  weicher  unzuJängliche  Resultate  liefern  muss,  weil  nur  ein 
!  abler  1  eil  des  Sedimentes  auf  den  Träger  gelangt,  weil  dabei  ver- 
elte  Bakterien  oder  zerstreute  Sonderzellen  meistens  verloren 
r“  und  wei1  ausserdem  besonders  die  sehr  lädablen  Liquorzellen 
nt  verletzt  werden.  Deshalb  erschien  es  mir  erwünscht,  ein  Ver- 
s  en  zu  besitzen,  welches  sozusagen  das  ganze  Plankton  einer 
aerfluKs.gke.t  niederzuschlagen  ermöglicht.  Nachdenken  und  Ver- 
le  haben  mir  schliesslich  folgendes  Verfahren  als  einfachstes  ge- 
™.c,ht  7U  dünnwandiges  Röhrchen  von  Fingerlänge,  in  eine 
mugenhulse  hineinpassend,  wird  an  einer  Seite  mit  gut  sitzendem 
nmi-  oder  Korkstopfen  geschlossen  und  auf  diesen  Stopfen  ein 
Hes,  nicht  zu  dünnes  Deckgläschen  gelegt  (Fig.  1).  Dann  schüttet 
hre»  man  den  Liquor  hinein,  zentrifugiert  10—15  Minuten 

s|  (falls  elektrisch,  nicht  mit  zu  grosser  Geschwindigkeit, 

Ul  |  ,§>\  um  Liquorzellen  nicht  zu  schädigen),  giesst  ab,  entnimmt 
£  das  Deckgläschen,  färbt  dann  den  Niederschlag  in  üb- 
|&j  , gl)  lieber  Weise  und  bringt  das  Sediment  tragende  Deck- 
K !  <S/  gäschen  schliesslich  umgekehrt  auf  den  Objektträger. 

I  ^  Natürlich  erheischt  die  Behandlung  des  dünnen  Deck¬ 
gläschens  einige  Vorsicht.  Vorher  muss  man  die  Unter¬ 
seite  mit  einem  Glasstift  markieren;  sodann,  um  das  Haf¬ 
ten  der  Zellen  zu  befördern,  empfiehlt  sich  dünne  Be¬ 
feuchtung  der  Oberseite  mit  Eiweissglyzerin,  entweder 
mit  Hilfe  des  Fingers,  oder  noch  sauberer  mit  Hilfe  eines 
Ijj  DEC  gummibezogenen  Glasstäbchens;  dann  nach  dem  Wieder- 
l  gws  herausnehmen  klemmt  man  das  dünne  Plättchen  in  eine 
u%  geeignete  Klemmpinzctte,  fixiert  nun  entweder  durcli 
Eg  \  Wärme,  odeF  Methylalkohol,  oder  in  Formoldämpfen 
^.nac*1  Scöczi),  oder  in  Sublimateisessig  (nach 
Iw  •  Schlüchter)  und  färbt  schliesslich  in  gebräuchlich- 
J  Weise  mit  eosinsaurem  Methylenblau  nach  May- Jenner, 
auch  mit  Azur-Eosin  nach  Giemsa,  oder  mit  Tri- 
i  von  Ehrlich,  oder  dem  Hämatoxylin-Eosin  nach  Kafka  usf., 
ach  Sonderbedürfnis.  Schliesslich  überträgt  man  den  Objckt- 
’-'x  in  Glyzerin  oder  Kanadabalsam. 

iJass  bei  diesen  Prozeduren  die  zarten  Deckgläschen  gelegent- 
Izerbrechen,  ist  ein  Nachteil  der  Methode,  welcher  sich  vielleicht 
jh  Verwendung  von  Zellon-  oder  Galalithscheibchen  umgehen 
wenn  diese  Glasersatzstoffe  sich  nicht  leicht  bögen  und  vor 
'i  die  Einwirkung  von  Hitze  ertrügen.  Solange  uns  also  die 


Technik  noch  keinen  unzerbrechlichen  Glasersatz  liefert,  wird  uns 
Uebung  an  diese  Behandlung  gewöhnen  müssen. 

,  kiicKro^sen  Vorteile  meines  Röhrchens,  welches  ich  übrigens 
schon  1916  in  primitiver  Form  probierte,  zeigten  sich  schon  bei  den 
ersten  Versuchen,  ln  mehreren  Fällen  von  tuberkulöser  Meningitis, 
wo  das  bisherige  Verfahren  nur  geringen  Zellbeschlag  und  keine 
Bazillen  ergab,  zeigte  mein  Sedimentator  wesentlich  reicheren  Zell- 
beschlag;  die  Zellen  selbst  weniger  lädiert  und  zwischen  den  Zellen 
deutlich  farbbare  1  uberkelbazillen.  In  mehreren  Fällen  von  Neo¬ 
plasmen  fanden  wir  Geschwulstzellen. 

Ein  weite, er  Vorteil  ist  der,  dass  sich  der  Sedimentator  auch  zur 
quantitativen  Zellbestimmung  verwerten  lässt;  denn  da  der  Nieder¬ 
schlag  nach  genügend  langem  Zentrifugieren  ein  absolut  vollkom¬ 
mener  und  gleichmassig  über  die  ganze  Plättchenfläche  verteilt  ist, 
so  braucht  man  nur  einen  kleinen  I  eil  eines  mikrotomierten  Quadrat- 
m1  lmeters,  ev.  mit  Okularmikrometer,  auszuzählen,  um  den  gesamten 
Zellinhalt  der  Flussigkeitssäulc  bestimmen  zu  können. 

Selbstverständlich  kann  der  Sedimentator  auch  zur  Untersuchung 

Ln-d^i-e^  ,Kornerflussi^-lte.n,  dienen’  zweckmässig  natürlich  nur  bei 
möglichst  zellarmen  Flüssigkeiten;  sonst  müsste  die  Flüssigkeit  ent¬ 
sprechend  verdünnt  werden,  damit  der  Zellniedersciilag  nicht  zu  dicht 
und  unübersichtlich  wird;  oder  man  müsste  nur  eine  ganz  kurze 
Llussigkeitssaule  benützen,  oder  endlich  nur  kurze  Zeit  zentrifugie- 
£®n\  Uibe!  wurden  allerdings  zunächst  nur  die  spezifisch  schwersten 
Bestandteile  sinken.  Mit  Benutzung  dieses  Momentes  würde  es  aber 
in  exakter  Weise  möglich  sein,  gewissennassen  eine  fraktionierte 
1  rennung  verschiedener  Zellarten  zu  bewirken,  je  nach  ihrer  Grösse 
oder  Schwere.  Man  würde  nach  nur  kurzem  Zentrifugieren  (1—5  Mi¬ 
nuten)  die  Flüssigkeit  in  ein  zweites  Röhrchen  abgiessen,  dies  noch¬ 
mal  Kurz  zentrifugieren,  dann  in  ein  drittes  giessen  usw  So  könnte 
man  eine  Reihe  verschieden  schwerer  resp.  verschieden  grosser 
Zellen  und  Zellbestandteile  gewissermassen  absieben  können.  Ob 
dies  Verfahren  der  fraktionierten  Sedimentierung  noch  eine  Bedeu- 
lung  für  die  Klinik,  speziell  die  der  organischen  Zentralncrvenkrank- 
beiten  erlangen  wird,  muss  weitere  Bearbeitung  lehren. 

Hergestellt  wird  das  Röhrchen  nebst  Zubehör  und  geeigneter 
Klemmpinzette  von  der  Firma  La  u  t  e  n  s  ch  I  äg  e  r  -  Berlin 
Chausseestrasse. 


Ein  ungewöhnlicher  Fall  von  Oesophagusstenose. 

Von  Dr.  Alfred  Hirsch,  Facharzt  für  Magen-  und  Darm¬ 
krankheiten  und  Dr.  Julius  Wagner,  Facharzt  für  Chirurgie 

in  Stuttgart. 

...  cPcr  folgenden  mitzuteilende  Fall  von  Oesophagusstenose 
uiiiite,  soweit  wenigstens  die  Durchsicht  der  uns  zugänglichen  Litera- 
tur  ergab,  in  seiner  Art  noch  nicht  beschrieben  sein.  Seine  völlig 
aus  dem  Rahmen  der  bisher  bekannt  gewordenen  Ursachen  einer 
üesophagusstenose  herausfallende  Aetiologie  dürfte  die  Veröffent¬ 
lichung  in  dieser  Wochenschrift  rechtfertigen,  weil  er  die  dringende 
Mahnung  dem  Praktiker  vor  Augen  führt,  bei  Fällen  zunehmender 
Erschwerung  der  Durchgängigkeit  des  Oesophagus  in  höherem 
Lebensalter  stets  auch  an  die  Möglichkeit  einer  nicht  malignen  Ent¬ 
stehung  der  Stenosierung  zu  denken  und  demgemäss  auf  eine  Zu¬ 
ziehung  chirurgischer  Hilfe  in  allen  Fällen  der  Stenose  beim  Kranken 
Innzuwirken,  wenn  nicht  unbedingt  sichere  Anzeigen  gegen  einen 
chirurgischen  Eingriff  überhaupt  bestehen. 

Der  55  jährige  Metzger  Q.  aus  L.,  der  sonst  nie  krank  gewesen  war, 
suchte  den  einen  von  uns  (Dr.  H.)  am  24.  VII.  1922  mit  der  Klage  auf.  dass 
seit  4  Wochen  Erbrechen  der  Nahrung  aufgetreten  sei,  das  sich  rasch  immer 
mehr  verschlimmert  habe,  so  dass  jetzt  auch  flüssige  Nahrung  sehr  bald  nach 
der  Aufnahme  wieder  erbrochen  werde.  14  Tage  vorher  habe  er  eine 
Uruversitätspoliklinik  aufgesucht,  dort  habe  sich  bei  röntgenologischer  Unter¬ 
suchung  keine  Magenerkrankung  fcststellen  lassen,  dagegen  stiess  man  laut 
Bericht  von-  dort  beim  Versuch,  das  Probefrühstück  auszuhebern,  mit  der 
Magensonde  auf  einen  unüberwindlichen  Widerstand.  Der  Verordnung  nach 
zu  schliessen,  war  damals  ein  spastisches  Hindernis  angenommen  worden. 
Der.  Zustand  habe,  sich  seitdem  wesentlich  verschlimmert.  Der  mittclgrosse 
kräftig  gebaute  Mann  war  infolge  des  zunehmenden  Erbrechens  enorm  ab- 
gemagert.  Seine  Angabe,  dass  das  Erbrechen  reichliche  Mengen  von  Schleim 
herausbefördere,  erweckte  den  Verdacht  einer  Oesophagusstenose.  In  der 
Tat  war  es  nicht  möglich,  mit  dem  weichen  Schlauch  in  den  Magen  zu 
kommen.  In  etwa  30  cm  Tiefe  (von  der  Zahnreihe  an)  stiess  der  Schlauch 
auf  ein  unüberwindliches  Hindernis,  das  auch  für  mittlere  Olive  des 
Troussea.u  nicht  durchgängig  war.  Diie  dünnste  Olive  gelangte  dagegen 
glatt  in  den  Magen.  Nun  Hess  sich  nach  und  nach  die  ganze  Serie  der 
Oliven  durchbringen,  wobei  das  Gefühl  bestand,  dass  mit  zunehmender 
Stärke  der  Olive  ein  zunehmender  Widerstand  überwunden  werden  musste. 
Da  bei  der  vorletzten  Nummer  Blut  an  der  Olive  bemerkt  wurde,  wurde  auf 
die  Einführung  der  stärksten  Nummer  verzichtet.  Die  Diagnose  einer 
Stenosierung  der  Speiseröhre  durch  malignen  Tumor  schien  keinem  Zweifel 
unterworfen.  Das  Lebensalter,  die  rasche  Entwicklung  bei  einem  bisher 
stets  gesunden  Mann,  der  deutliche  Widerstand,  der  sich  bei  der  Dilatation 
fühlbar  machte  und  das  an  der  Olive  beobachtete  Blut  schienen  die  Diagnose 
zu  sichern.  Auffallend  blieb  nur  die  ungewöhnlich  rasche  Verschlimmerung, 
die  so  gedeutet  wurde,  dass  eine  Schleimhautwucherung,  die  beim 
Hindurchführen  der  Sonde  abgelöst  worden  war,  das  Lumen  plötzlich 
ganz  verlegt  hatte.  Um  dem  Kranken  unnötige  Kosten  zu  ersparen,  wurde 
zunächst  auf  eine  radiologische  und  ösophagoskopische  Untersuchung  ver¬ 
zichtet.  Der  Kranke,  der  nach  gelungener  Dilatation  sofort  wieder  gut 


1230 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  3 

— 


schlucken  konnte,  wurde  mit  der  Weisung  entlassen,  sich  nach  4  Wochen 
wieder  vorzustellen.  Am  2.  VIII.  1922  kam  er  wieder  mit  10  kg  Gewichts¬ 
zunahme  und  der  Angabe,  dass  er  seither  wieder  jede  Nahrung  anstandslos 
schlucken  könne.  Bei  der  Einführung  der  zweitstärksten  Trousseauolive  war 
diesmal  nur  ein  leichter  Widerstand  zu  überwinden,  auch  trat  dabei  keine 
Blutung  auf.  Am  30.  X.  1922  stellte  sich  dtr  Kranke  wieder  vor  und  gab  an, 
dass  in  letzter  Zeit  feste  Nahrung  wieder  schwieriger  geschluckt  werde  und 
nur  noch  flüssig-breiige  Nahrung  gut  durchgehe.  Das  Gewicht  hatte  um  3  kg 
abgenommen.  Bei  der  jetzt  vorgenommenen  Untersuchung  gelang  es  nicht 
einmal  mit  der  dünnsten  Olive  an  dem  Hindernis  vorbeizukommen,  keine  Ver¬ 
änderung  der  Körperlage  ermöglichte  ein  Durchkommen  durch  die  verengte 
Stelle.  Dem  Kranken  wurde  die  sofortige  Anlegung  einer  Magenfistel  angeraten, 
da  die  Befürchtung  bestand,  dass  die  Stenosierung  sich  rasch  wieder  zu  der 
ursprünglichen  Höhe  des  Leidens  entwickeln  würde.  Am  4.  XI.  1922  trat  der 
Kranke  ins  hiesige  Ludwigsspital  ein,  wo  er  am  Abend  vor  der  Operation 
noch  ösophagoskopiert  und  durchleuchtet  wurde.  Bei  der  Oesophagoskopie 
fiel  uns  auf,  dass  das  Rohr  in  30  cm  Tiefe  aufgehalten  wurde,  dass  sich  aber 
im  Lumen  des  Rohres  kein  Tumor  einstellen  liess:  die  wie  ein  Segel  dem 
Rohr  aufliegende  Schleimhaut  zeigte  keine  entzündlichen  Veränderungen,  nur 
an  einzelnen  Stellen  punktförmige  Blutungen.  Auf  Grund  dieses  Befundes 
nahmen  wir  an,  dass  durch  eine  oberhalb  des  Tumors  in  das  Lumen  vor¬ 
springende  Schleimhautfalte  der  Tumor  selbst  der  Besichtigung  entzogen  sei. 
Beim  Schlucken  eines  Baryumbissens  vor  dem  Leuchtschirm  wurde  handbreit 
oberhalb  des  Zwerchfells  ein  Steckenbleiben  des  Bissens  und  Auf-  und  Nieder¬ 
steigen  desselben,  ferner  eine  leichte  Erweiterung  der  Speiseröhre  oberhalb 
des  Hindernisses  beobachtet.  Bei  der  am  6.  XI.  vorgenommenen  Gastro¬ 
stomie  wurde  bei  der  Betastung  des  Magens  und  des  zugänglichen  Teiles  der 
Speiseröhre  keine  wahrnehmbare  Veränderung  festgestellt.  Am  2.  Tag  p.  op. 
trat  rechts  eine  Pneumonie  auf,  die  sich  rasch  auf  die  linke  Seite  ausdehnte 
und  zu  schweren  Herz-  und  Kreislaufstörungen  führte.  Am  11.  Tag  p.  op. 
ergab  die  Probepunktion  etwas  Eiter,  bei  dem  moribunden  Zustand  wurde 
von  einem  weiteren  Eingriff  abgesehen.  Noch  am  selben  Tage  trat  der 
Exitus  ein. 

Bei  der  Sektion  wurden  die  Brustorgane  im  ganzen  herausgenommen. 
Die  Lungen  zeigten  eine  Infiltration  beider  Unterlappen  mit  zahlreichen 
kleinen  Abszessen.  Im  rechten  Unterlappen  war  ein  hühnereigrosser  Gangrän¬ 
herd  in  die  Pleura  durchgebrochen.  Die  Besichtigung  der  Brustorgane  von 
hinten  ergab  normale  Verhältnisse,  vor  allem  fand  sich  zu  unserer  Ueber- 
raschung  der  erwartete  Tumor  nicht.  Der  Oesophagus  war,  soviel  man  von 
aussen  sehen  konnte,  nirgends  verdickt,  verengt  oder  abgedrängt,  das 
Gewebe  in  der  Umgebung  der  Speiseröhre,  oberhalb  des  Zwerchfells  war 
weich  und  zeigte  keinerlei  krankhafte  Veränderungen,  die  einen  Druck  auf 
die  Speiseröhre  hätten  erklären  können.  Nun  wurde  der  Oesophagus  an  der 
Hinterwand  aufgeschnitten.  Dabei  verfing  sich  die  geknöpfte  Schere  etwa 
5  cm  über  dem  Zwerchfell.  Die  Prüfung  dieser  Stelle  mit  dem  eingeführten 
kleinen  Finger  ergab  sowohl  bei  Untersuchung  von  oben  wie  vom  Zwerchfell 
her  glatte  Wände  und  eine  Stenose  etwa  für  einen  Bleistift  durchgängig. 
Die  Speiseröhre  wurde  vollends  aufgesohnitten,  es  war  jedoch  ausser  einer 
Verschmälerung  von  etwa  4  mm  und  kleinen  Schlcimhautblutungen  an  der 
fraglichen  Stelle  nichts  zu  sehen.  Die  Schleimhaut  war  überall  erhalten,  von 
normaler  Farbe,  Dicke  und  Festigkeit  und  zeigte  keinerlei  narbige  Ver¬ 
änderung.  Auch  auf  dem  Längsschnitt  war  an  der  Wand  makroskopisch 
nichts  Auffallendes.  Ueber  die  weitere  pathologisch-anatomische  Unter¬ 
suchung  erhielten  wir  von  Herrn  Obermed.-Rat  Dr.  Walz,  dem  wir  auch  an 
dieser  Stelle  für  seine  gütige  Unterstützung  in  der  Aufklärung  des  Falles 
unseren  Dank  aussprechen,  folgenden  Bericht: 

„Das  eingesandte  Stück  der  Speiseröhre  ist  15  cm  lang,  im  oberen  Teil 
4,2  cm,  im  unteren  3,8  cm  breit,  durchschnittlich  ziemlich  gleichmässig  4  mm 
dick.  In  natürlicher  Lage,  die  sich  auch  bei  der  Formalinhärtung  erhielt, 
zeigt  der  Oesophagus  in  seinem  unteren  Drittel  eine  S-förmige  Krümmung 
seines  Längsschnittes.  Denkt  man  sich  das  Rohr  des  Oesophagus  ge¬ 
schlossen,  so  muss  in  vivo  ein  Bild  ähnlich  einer  leichten  Invagination  vor¬ 
handen  gewesen  sein.  Eine  Fixierung  durch  Narbenzug  von  aussen  oder 
Narbenbildung  in  der  Wand  konnte  weder  makroskopisch  noch  mikroskopisch 
festgestellt  werden.  Histologisch  lässt  sich  nur  konstatieren,  dass  die  obere 
Hälfte  des  Speiseröhrenabschnittes  unverletzte  Schleimhaut  zeigt,  während 
die  untere  Hälfte  nur  noch  Epithelreste  aufweist  und  die  Submukosa  grossen- 
teils  frei  liegt,  jedoch  ohne  stärkere  entzündliche  Erscheinungen,  nur  hie  und 
da  minimale  Lymphozytenherdchen.  Nach  meiner  Erfahrung  trifft  man  nicht 
selten  hochgradig  verschiebliche  Schleimhaut  der  Speiseröhre  an.  Ich  halte 
es  auch  nicht  für  ausgeschlossen,  dass  gelegentlich  einmal  die  ganze  Wand 
der  Speiseröhre  gegenüber  dem  umgebenden  Zellgewebe  stark  gelockert  und 
verschieblich  ist  und  halte  es  nicht  für  undenkbar,  dass  das  am  Darm  so 
gewöhnliche  Bild  der  Invagination  auch  einmal  an  der  Speiseröhre  zustande 
kommen  kann.“ 

Das  Ungewöhnliche  des  mitgeteilten  Falles  liegt  in  dem  bis  jetzt 
anscheinend  nicht  beobachteten  Vorkommen  einer  Invagination  der 
Speiseröhre  im  untersten  Abschnitt  ihres  thorakalen  Verlaufs,  die 
post  mortem  an  dem  in  situ  belassenen  uneröffneten  Organ  als  ring¬ 
förmige  Verengerung  des  Lumens  bis  auf  Bleistiftdicke  imponierte 
intra  vitam  zu  Beginn  des  Leidens  für  jegliche  Art  der  Nahrung,  dann 
nach  zweimaliger  gelungener  Dilatation  der  Speiseröhre  für  festere 
Nahrung  einen  völligen  Verschluss  bewirkte.  Die  fortgesetzt  zu¬ 
nehmende  Lockerung  und  Verschieblichkeit  in  der  Längsrichtung 
scheint  innerhalb  der  4  monatlichen  Beobachtungszeit  sich  derart  ge¬ 
steigert  zu  haben,  dass  beim  dritten  Versuch,  mittels  Trousseauolive 
in  das  Lumen  zu  kommen,  die  Olive  sich  in  der  wie  ein  Segel  vor¬ 
springenden  Faltung  veifing,  und  dass  auch  im  Oesophagoskop  kein 
Lumen  einzustellen  war.  Die  Einfaltung  der  Speiseröhre  in  der 
Längsrichtung  erklärt  auch  die  Tatsache,  dass  das  Hindernis  der 
Kardia  wesentlich  näher  lag,  als  der  Befund  bei  der  Sondierung  hätte 
erwarten  lassen,  der  einem  Sitze  bei  30  cm  von  der  Zahnreihe  ent¬ 
sprach.  Die  vorgenommene  Gastrostomie  hätte  dem  Kranken,  wenn 
die  hinzutretende  Lungenkomplikation  nicht  den  vorzeitigen  Exitus 
herbeigeführt  hätte,  eine  weitere  Aufklärung  und  voraussichtlich  Hei¬ 
lung  bringen  können. 


Christian  Eijkman. 

Am  1.  Oktober  jährt  sich  zum  25.  Mal  der  Tag,  an  de 
Christian  Eijkman  die  Leitung  des  Hygienischen  Instituts 
Utrecht  übernommen  hat.  Ich  möchte  diesen  Gedenktag  benütze 
um  die  Erinnerung  an  die  bedeutsamen  Forschungen  von  Chr 
stian  Eijkman  (geboren  1858  in  Nijkerk,  Provinz  Gelderland 
Holland)  wachzurufen.  Eijkman  ging  im  Jahre  1883  als  Militärar 
nach  Java  und  wurde  Mitglied  der  wissenschaftlichen  Expedition  vc 
Pekelharing  und  Winkler  zur  Erforschung  der  Beri-Bei 
Diese  Krankheit  forderte  schwere  Verluste  unter  den  Truppen  d; 
Besatzungshecres  und  der  Blokadetruppen  in  Atjeh.  Eijkman  h 
seine  Forschungen  über  die  gestellten  Probleme  nach  den  Ursache 
der  Beri-Beri  in  einem  sehr  primitiv  eingerichteten  Laboratoriuf 
in  Weltevreden  (Batavia)  durchgeführt.  Es  galt  damals  die  Ber( 
Beri  ganz  allgemein  als  Infektions-  bzw.  Intoxikationskrankhe- 
E  i  j  k  m  a  n  hat  die  Forschung  dadurch  auf  einen  ganz  neuen  BodC 
gestellt,  dass  er  zu  Tierversuchen  überging  und  nachwies,  da:: 
Hühner,  die  mit  geschliffenem  Reis  ernährt  wurden,  unter  Kramp, 
und  Lähmungserscheinungen  erkrankten.  In  Uebereinstimmung  rrj; 
Vorder  man  kam  Eijkman  auf  Grund  seiner  Tierversuche  : 
der  Ueberzeugung,  dass  die  Ursache  der  beim  Menschen  und  bS 
Tieren  (Hühnern)  nach  Aufnahme  x'on  geschliffenem  Reis  auftretei) 
den  schweren  Erscheinungen  auf  das  übermässige  Abschleifen  d', 
Reiskornes  zurückzuführen  ist.  Eijkman  hat  mit  dieser  Fes| 
Stellung,  an  deren  Ausbau  sein  Schüler  Gryns  grosse  Verdienst: 
hat,  den  Grund  zur  Vitaminforschung  gelegt.  Er  hat  die  Grundstein 
zu  einem  Gebäude  zusammengetragen,  das  mit  der  Zeit  sich  zu  ein« 
stattlichen  Grösse  ausgewachsen  hat. 

Eijkman  hat  ausser  den  genannten  Forschungen  zahlreiche  Pr 
bleme,  die  mit  dem  Einfluss  des  Tropenklimas  auf  die  Ernährung,  dt 
Stoffwechsel  usw.  in  Zusammenhang  stehen,  verfolgt.  Er  kehrte  18| 
nach  Holland  zurück  und  übernahm  das  Hygienische  Institut  r 
Utrecht.  Er  setzte  in  dieser  Stellung  seine  Ernährungsstuditj 
fort.  Dazu  kamen  dann  noch  Arbeiten  auf  dem  Gebiete  der  Erio 
schung  der  Lebensbedingungen  einzelliger  Lebewesen  (Bakteriei 

Die  gesamte  Wissenschaft  verdankt  Eijkman  so  ausserorder 
lieh  viel,  dass  auch  die  deutsche  Wissenschaft  ihm  zu  seinem  Geden 
tage  die  herzlichsten  Wünsche  und  grossen  Dank  zum  Ausdruiii 
bringen  darf.  Möge  es  Eijkman  vergönnt  sein,  seine  Forschungj 
gleich  erfolgreich  fortzusetzen  wie  bisher. 

Emil  Abderhalden  -  Halle  a/S. 


Für  die  Praxis. 

Die  Behandlung  der  Placenta  praevia. 

Von  Prof.  Dr.  Opitz,  Freiburg  i.  Br. 

Drei  Gefahren  sind  es,  welche  die  Placenta  praevia  zu  eini 
unheilvollen  Komplikation  der  Geburt  für  Mutter  und  Kind  macht, 
Das  ist  die  Blutung,  die  Rissgefahr  und  die  vermehrte  Gefahr  d 
Infektion.  Wie  gross  die  Gefahr  auch  heute  noch  ist,  möchte  ich  n 
einigen  Zahlen  belegen,  die  ich  der  Monographie  von  H  i  t  s  c  h  m  a 
entnehme. 

Nach  einer  Sammelstatistik  von  5116  Fällen  aus  vielen  deutsch] 
Kliniken  beträgt  die  Gesamtsterblichkeit  an  Placenta  praev: 
7,6  Proz.  Davon  entfallen  auf  Blutung  5,8  Proz.,  auf  Sepsis  1,8  Pn, 
der  Todesfälle.  Was  das  bedeutet,  wird  dann  deutlich,  wenn  in;» 
sich  vergegenwärtigt,  dass  die  Sterblichkeit  an  Kindbettfieber  an  gji 
geleiteten  Kliniken  durchschnittlich  0,02  bis  höchstens  0,1  Prtj 
beträgt.  Dass  andererseits  auch  bei  Placenta  praevia  sehr  Gut] 
geleistet  werden  kann,  ergibt  sich  aus  der  Zusammenstellung  v<| 
1332  Fällen  aus  Polikliniken,  wo  die  Gesamtmortalität  2  Proz.,  di 
jenige  an  Blutung  1,3  und  an  Sepsis  0,6  Proz.  beträgt. 

Das  durfte  so  ziemlich  das  Erreichbare  an  Erfolgen  bei  Behan 
lung  der  Placenta  praevia  darstellen.  In  der  Praxis  sieht  sich  dr 
Sache  leider  viel  schlimmer  an.  Auch  heute  noch  beträgt  die  Ster, 
lichkeit  bei  Placenta  praevia  nach  den  allgemeinen  Statistiken  je  na] 
den  verschiedenen  Landestcilen  zwischen  10  bis  38  Proz.;  also  ei 
Vielfaches  der  in  der  Klinik  und  gar  in  der  poliklinischen  Prav 
erzielten  Erfolge. 

Sind  so  die  Resultate  für  die  Mütter  höchst  bedenklich,  so  ste- 
es  für  die  Kinder  noch  sehr  viel  schlimmer,  so  weit  man  sich  bishv 
nicht  entschlossen  hat,  in  der  Behandlung  der  Placenta  praevia  zu» 
Kaiserschnitt  überzugehen. 

Bei  Behandlung  der  Placenta  praevia  nach  Braxton  Hicl 
lassen  sich  die  angeführten  guten  Erfolge  nur  dann  erzielen,  wei 
auf  das  kindliche  Leben  vollkommen  verzichtet  wird.  Ergebnis:  n- 
etwa  20  Proz.  der  Kinder  werden  lebend  geboren. 

Ein  wenig  bessere  Erfolge  gibt  die  Behandlung  der  Placen 
praevia  mittels  Metreuryse.  Aber  auch  da  beträgt  die  Sterbiichki 
der  lebend  in  Behandlung  eingetretenen  Kinder  noch  immer  zwiscL 
20  bis  40  Proz.,  und  da  beinahe  ebensoviele  Kinder  schon  abgestorb 
sind,  wenn  die  Frauen  in  Behandlung  kommen,  so  ist  auch  damit  d 
Ergebnis  wenig  befriedigend. 

Es  besteht  also  aller  Grund  zu  dem  Versuch,  die  Erfolge  in  d 
Praxis  wesentlich  zu  verbessern.  Deshalb  ist  es  keine  ganz  leich 


.  September  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1231 


d  angenehme  Aufgabe,  dem  Praktiker  heute  Ratschläge  über  die 
'Handlung  dieser  gefährlichen  Komplikation  zu  geben. 

Der  Zug  der  Zeit  drängt  die  Aerzte  dazu,  möglichst  wenig  Halle 
is  der  Hand  zu  geben.  Aber  gerade  für  die  Placenta  praevia  gipfelt 
l;  Weisheit  für  den  Praktiker  darin,  die  Fälle  möglichst  frühzeitig 
r  klinischen  Behandlung  zuzuführen,  weil  in  dieser  für  Mutter  und 
:id  weitaus  Besseres  geleistet  werden  kann,  als  in  der  Praxis  mög- 
ti  ist.  Denn  dem  Kliniker  stehen  ausser  der  grösseren  Erfahrung 
(i.Ue.l’l!n£  der  Geburtshilfe  zwei  Vorteile  zur  Seite.  Das  ist 
die  Möglichkeit,  bis  zum  Eintritt  starker  Blutungen  abzuwa:  teil, 
die  Möglichkeit,  die  Entbindung  sofort  durch  Kaiserschnitt  \  or- 
•lehinen.  Dieser  spart,  so  merkwürdig  das  klingen  mag,  Blut  und 
treit  Mutter  und  Kind  im  Augenblick  aus  der  ihnen  drohenden 
'  tahr.  Die  Schnittentbindung  ist,  vorausgesetzt,  dass  die  Erau 
I  -htzeUig  und  nicht  infiziert  in  die  Hand  des  Klinikers  kommt,  fast 
Jllst  an  dg  sicher  im  Erfolg  für  Mutter  und  Kind.  Das  kann  kein 
!  'eres  Verfahren  von  sich  behaupten  und  deshalb  ist  dieses  Ver- 
i  ren  in  der  Mehrzahl  der  deutschen  Kliniken  das  Verfahren  der 
lull  bei  Placenta  praevia  geworden.  Ob  die  Begründung,  die 
nerzeit  Krönig  und  Seilheim  fast  gleichzeitig  für  die  Auf- 
ime  des  älteren  amerikanischen  Vorschlages,  die  Placenta  praevia 
te  s  Sectio  caesarea  zu  behandeln,  zutreffend  ist,  bleibe  dahin- 
te  t-  Die  l  atsache  ist  jedenfalls  über  allem  Zweifel  erhaben,  dass 
es,  bei  Beginn  der  Operation  noch  lebende  Kind  vermittels  des 
iserschnittes  auch  lebend  zur  Welt  befördert  werden  kann  und 
s  für  die  Mütter  die  Gefahr  der  Entbindung  durch  Kaiserschnitt 
neswegs  grösser,  nach  unseren  Erfahrungen  sogar  gerniger  ist, 
bei  Entbindung  auf  natürlichem  Wege.  Hitschman,  der  sich 
.en  den  Kaiserschnitt  bei  Placenta  praevia  gewandt  hat,  hat  an 
Hand  eines  grossen  Materials  tatsächlich  nur  den  Beweis  ge- 
ert,  dass  die  eben  aufgestellte  Behauptung  richtig  ist.  Voraus- 
zung  aber  bleibt,  dass  der  Praktiker  die  Fälle  „rechtzeitig 
d  nichtinfiziert“  einweist. 

Bei  der  Placenta  praevia  treten  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  schon 
,?.tei?.  [ei'  der  Schwangerschaft,  meist  etwa  von  der  28.  Woche 
plötzlich  Blutungen  auf,  mit  Vorliebe  nachts,  die  nach  einiger 
t  wieder  stehen.  Wenn  der  Arzt  kommt,  findet  er  meist  die 
uen  m  einer  Blutlache  liegend,  ohne  weitere  Blutung  und  ohne 
hen.  Meist  wird  dann  die  Tamponade  gemacht,  nach  einigen 
nden  entfernt.  Es  blutet  dann  bei  Bettruhe  einige  Tage  nicht 
ter,  die  Frau  steht  auf,  arbeitet  wieder  und  nach  längerer  oder 
zer  Zeit  wiederholt  sich  das  Spiel,  bis  die  Frau  endlich  so  aus- 
lutet  zur  Geburt  kommt,  dass  ein  nur  geringer  Blutverlust  genügt 
die  weitere  Lebensmöglichkeit  abzuschneiden.  —  Sehr  viel  sel- 
2r  ist  es,  dass  die  Blutungen  erst  unter  der  Geburt  anfangen, 
iei  sie  dann  verhältnismässig  häufig  von  Anfang  an  gleich  be- 
ders  stark  sind,  gelegentlich  so  stark,  dass  die  Frauen  bei  Ein¬ 
ten  des  Arztes  schon  verblutet  sind. 

Andere  Ursachen  für  die  Blutungen  in  der  Schwangerschaft  sind 
en  Die  nächst  häufige  Ursache  ist  die  vorzeitige  Lösung  der 
mal  sitzenden  Plazenta;  alles  übrige,  z.  B.  geborstene  Varizen, 
zinome,  Polypen  sind  ungewöhnlich  selten.  Alles  Ereignisse,  die 
leswegs  einfach  in  der  Behandlung  sind  und  in  der  Mehrzahl’  der 
e  die  Ueberfuhrung  in  die  Klinik  notwendig  machen. 

Deshalb  sollte  der  Praktiker  jede  Frau,  bei  der  es  in  der  letzten 
te  der  Schwangerschaft  stark  blutet,  ohne  Untersuchung  sofort 
nächst  gelegenen,  ihm  vertrauenswürdig  erscheinenden  Klinik 
Behandlung  uberweisen  und  zwar  möglichst  ohne  zu  tam- 
eren. 

Sämtliche  Statistiken  beweisen  übereinstimmend,  dass  die  In- 
lonsgefahr  für  die  Frau  durch  die  Tamponade  ganz  erheblich 
int  wird.  Zudem  wird  die  Tamponade,  wie  ich  nach  meiner  Er- 
ung  sagen  muss,  sehr  häufig  unsachgemäss  ausgeführt.  Einige 
in  den  Blutgerinnseln  der  Scheide  schwimmende  Wattekugeln 
locker  eingelegte  Gazestreifen  haben  selbstverständlich  gar 
en  Einfluss  auf  die  Blutung,  sie  stellen  nur  den  Schein  einer 
rapie  dar  und  bedeuten  eine  grosse  Gefahr  für  die  Frau.  Zudem 
“s  fast  immer  so,  dass  die  erste  Blutung  zwar  stark,  aber  kurz- 
:rnd  zu  sein  pflegt  und  von  selbst  steht,  wenn  auch  Ausnahmen 
cornmen.  Der  praktische  Arzt  gewinnt  bei  der  Ueberweisung 
Vorted,  dass  er  einer  Verantwortung  überhoben  ist,  die  eine 
lerholte  Blutung  ihm  aufbürdet,  ohne  dass  er  doch  ihren  Zeitpunkt 
lersagen  und  rechtzeitig  Hilfe  bringen  kann. 

Die  Erzwingung  der  Diagnose  ist  zwecklos  und  gefährlich,  da 
ihe  Gefahr  der  Infektion  und  stärkeren  Blutung  einschliesst;  des- 
i  sollte  man  von  vornherein  darauf  verzichten. 

,i  Nun  bleiben  freilich  Fälle  genug  übrig,  in  denen  entweder  die 
«ung  so  stark  ist  und  so  wenig  beherrscht  werden  kann,  dass  des- 
■  ein  Transport  in  die  Klinik  unmöglich  oder  wo  die  äusseren 
lande  ein  Fortschaffen  nicht  ermöglichen.  Hier  muss  also  der 
:tiker  selbst  eingreifen. 

Für  die  Praxis  stehen  eine  Reihe  von  Verfahren  zur  Verfügung: 

1-  dje  Wendung  nach  Braxton  H  i  c  k  s, 

2.  die  Einführung  des  Metreurynters, 

3.  die  Tamponade, 

4.  die  Blasensprengung. 

Für  die  Behandlung  ist  im  allgemeinen,  von  den  später  noch  zu 
innenden  Ausnahmen  abgesehen,  die  Ausdehnung  des  vorliegenden 
i'ens  der  Plazenta  nicht  von  besonderer  Bedeutung.  Ob  es  sich 


um  eine  Placenta  praevia  lateralis  oder  sog.  tiefen  Sitz,  oder  Pla¬ 
centa  praevia  partialis,  bei  der,  Eröffnung  des  Muttermundes  voraus¬ 
gesetzt,  nie  1  lacenta  nur  einen  Teil  des  Muttermundes  überdacht, 
oder  ob  es  sich  um  Placenta  praevia  totalis  handelt,  macht  im 
grossen  Ganzen  für  die  Gefährlichkeit  der  Komplikation  einen  ge¬ 
ringen  und  für  die  Behandlung  fast  gar  keinen  Unterschied.  Wir 
brauchen  das  also  nicht  zu  berücksichtigen.  Fälle,  wie  z.  B. 
die  sog.  I  lacenta  praevia  centralis,  bei  der  gerade  die  Mitte  der 
accnta  über  dem  inneren  Muttermund  gelegen  ist  und  einige  andere 
Besonderheiten  bilden  wohl  eine  Ausnahme,  aber  sie  lassen  sich 

v.° m.c„t  erkennen  und  können  deshalb  das  Handeln  des  Arztes 
nicht  beeinflussen. 

Die  Wendung  nach  Braxton  H  i  c  k  s  besteht  bekanntlich  darin, 
,man  ,  zxYe’  Fingern  durch  den  Zervikalkanal  eingeht,  die 
Eihohle  eröffnet,  einen  Fuss  hcrunterzieht,  bis  der  Steiss  die  Plazenta 
gegen  die  Uteruswand  andrückt  und  nun  die  Geburt  sich  weiter 
selbst  uberlasst  Vorbedingung  für  die  Behandlung  ist,  dass  der 
Muttermund  auch  wirklich  für  zwei  Finger  durchgängig  ist.  Diese 
Vorbedingung  ist  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  erfüllt,  auch  wenn  die 
Blutung  in  der  Schwangerschaft  ohne  Wehen  eintritt.  Ich  empfehle 
dringend,  bei  solchen  Fällen  nicht,  wie  es  häufig  geschieht,  erst  auf 
das  Eintreten  von  Wehen  zu  warten,  sondern  sofort  die  Wendung 
vorzunehmen.  Das  Kind  ist  doch  so  gut  wie  verloren,  so  dass  also 
ein  weiteres  Abwarten  des  Kindes  wegen  nicht  viel  Zweck  hat;  die 
Mutter  kommt  durch  die  Wiederholung  der  Blutung,  die  bei  fort¬ 
bestehender  Schwangerschaft  mit  fast  absoluter  Sicherheit  zu  er¬ 
warten  ist,  in  schwerste  Gefahr. 


Es  hat  sich  da  gezeigt,  dass  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  eine  sog. 
acenta  praevia  totalis  nicht  vorliegt,  wenn  auch  der  eben  für  zwei 
ringer  durchgängige  Muttermund  ganz  von  Plazentargewebe  erfüllt 
ist,  sondern  dass  man  bei  der  Untersuchung  schon  erkennen  kann, 
nach  welcher  Seite  die  freien  Eihäute  liegen.  Geht  man  nämlich  mit 
dem  Finger  am  inneren  Muttermund  herum,  so  fühlt  man  gewöhnlich 
dass  an  einer  Seite,  die  Plazenta  fest  an  der  Uteruswand  haftet,  an 
der  anderen  sich  leichter  ablösen  lässt.  An  dieser  Seite  kommt  man 
an  die  freien  Eihäute.  Es  ist  besser,  diese  zu  durchbohren,  statt 
sich  ein  Loch  durch  die  Plazenta  hindurchzugraben.  Ist  die  Wen¬ 
dung  vollendet,  so  ist  ganz  unbedingt  jeder  stärkere  Zug  am  herab¬ 
geschlagenen  Fuss  zu  unterlassen.  Nur  ein  leichtes  Anziehen  des 
Steisses,  bis  Wehen  eingetreten  sind,  oder  ein  ständiger  Zug  am 
heruntergeschlagenen  Bein  ist  gestattet,  der  aber  nicht  mehr  als 
500  g,  höchstens  1000  g  betragen  darf.  Jedes  Mehr  ist  von  Uebel. 
j  ,, 1 Geburt  muss  bis  zum  Ende  den  Naturkräften  überlassen  werden 
Belbst  die  sog.  Steisslagenhilfe  ist  nicht  gestattet,  denn  die  Erfahrung 
hat. gezeigt,  dass  auch  das  Herausbefördern  des  Kopfes  aus  dem 
Uterus  noch  häufig  Einrisse  in  die  Zervix  zur  Folge  hat.  Die  Riss- 
gefahr  ist  eben  bei  Placenta  praevia  ganz  ungeheuer  gross  und  zwar 
deshalb,  weil  das  untere  Uterinsegment  oder  der  Isthmus  uteri  in- 
tolge  der  Ansiedelung  der  Plazenta  in  diesem  Gebiete  ganz  ausser¬ 
ordentlich  zerreisslich  wird.  Wo  regelmässig  Sektionen  gemacht 
werden,  zeigt  sich  mit  erschreckender  Deutlichkeit,  dass  jeder  stär- 
kere  Zug  am  Kind,  ja  schon  die  blosse  Herausbeförderung  des  Kopfes 
nach  Spontangeburt  des  Steisses  in  einer  grossen  Anzahl  von  Fällen 
Risse  zur  Folge  hat.  Ein  Drittel  aller  Todesfälle  sind  nach  Placenta 
praevia  laut  Ausweis  der  Sektionsprotokolle  auf  Einrisse  zurück- 
zutuhren.  Man  muss  also,  wenn  man  die  Placenta  praevia  nach 
Braxton  Hicks  behandeln  will,  bewusst  auf  das  Leben  des  Kindes 
v  erzichten,  denn  es  ist  erklärlich,  dass  ein  Kind  in  Beckenlage,  das 
durch  die  Blutung  schon  schwer  gefährdet  ist,  in  den  letzten  Stadien 
der  üebuit  ersticken  muss,  wenn  der  Kopf  nicht  schnell  nach  der 
Geburt  des  Steisses  herausbefördert  wird. 


Wenn  das  Verfahren  in  diesem  Sinne  durchgeführt,  d.  h.  nach 
der  Wendung  nach  Braxton  Hicks  der  Spontanablauf  abgewartet 
wird,  so  sind  die  Resultate  für  die  Mütter  ausgezeichnet,  die  Blut¬ 
stillung  ist  sicher  und  Rissgefahr  besteht  nicht.  Das  Ergebnis  ist 
dann  das  oben  für  die  Polikliniken  mitgeteilte.  Wenn  ärztliche  Hilfe 
sofort  bei  der  ersten  Blutung  geholt  und  sofort  die  richtige  Therapie 
emgeleitet  wird,  so  verbluten  sich  nur  sehr  wenige  Frauen.  Dafür 
muss  man  aber  die  grosse  Kindersterblichkeit  in  Kauf  nehmen. 

Diese  zu  verringern,  ohne  die  Mütter  grösserer  Gefahr  auszu¬ 
setzen,  hat  man  das  Verfahren  der  intraovulären  Metreuryse  er¬ 
sonnen,  das  zuerst  in  grösserem  Umfange  in  der  Breslauer  Klinik 
von  Küstner  angewandt  und  erprobt  worden  ist.  Die  Vor¬ 
bedingungen  sind  hier  die  gleichen.  Es  ist  eine  irrige  Anschauung, 
anzunehmen,  dass  man  die  intraovuläre  Metreuryse  bei  geringerer 
Erweiterung  des  Muttermundes  vornehmen  könne,  als  die  Wendung 
nach  Braxton  Hicks.  Der  zusammengelegte  Metreurynter  in  der 
Zaijge  hat  etwa  denselben  Umfang,  wie  ein  dicker  Finger;  der  Zeige¬ 
finger  muss  mit  in  den  Zervikalkanal  eingeführt  werden,  um  dem 
Ballon  den  Weg  zu  zeigen  und  die  Eihäute  zu  sprengen.  Das  Ver¬ 
fahren  ist  nach  meiner  Erfahrung  etwas  schwieriger,  als  das  der 
Wendung  nach  Braxton  Hicks.  Man  führt  den  Metreurynter  (am 
besten  den  unnachgiebigen  zugfesten  nach  Arthur  M  u  e  1 1  e  r)  in  die 
Eihöhle  ein.  Der  Metreurynter  muss  mindestens  den  Umfang  haben 
wie  der  kindliche  Kopf,  d.  h.  einen  Umfang  von  35  cm,  was  einem 
Durchmesser  von  II  Vn  cm  entspricht.  Nach  Enführen  wird  der 
Ballon  mit  sterilem  Wasser  oder  einer  dünnen,  desinfizierenden 
Lösung  aufgefüllt;  auch  an  ihm  darf  man  höchstens  einen  Gewichts¬ 
zug  von  500  bis  1000  g  anbringen  und  dann  wird  die  Ausstossung  den 


1232 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.; 


Naturkräften  überlassen.  Sowie  die  Erau  presst,  ist  das  ein  Zeichen, 
dass  der  Metreurynter  den  Uterus  verlassen  hat  und  in  die  Scheide 
geboren  ist.  Nun  heisst  es  aufpassen.  In  der  Mehrzahl  der  Fälle 
ist  der  Kopf  seitlich  abgewichen,  da  ja  sein  Platz  durch  den  Ballon 
eingenommen  wird;  es  muss  nun  unmittelbar  an  die  Geburt  des 
Metreurynters  die  Wendung  und  Extraktion  angeschlossen  werden, 
die,  wenn  richtig  ausgeführt,  ohne  Gefahr  ist,  da  der  Muttermund 
vollständig  erweitert  worden  ist.  In  etwa  einem  Drittel  der  Fälle 
folgt  der  Kopf  von  selbst.  Dann  kann  die  Geburt  bis  zum  Ende  den 
Naturkräften  überlassen  werden.  Wenn  aber  dieses  nicht  geschieht, 
und  mit  der  Wendung  und  Extraktion  ein  wenig  gezögert  wird,  so 
erfolgt  gewöhnlich  eine  ungeheuer  starke  Blutung,  der  die  Frauen 
erliegen  können. 

Die  Ergebnisse  für  die  Mütter  sind  ungefähr  gleich,  wie  mit  der 
Wendung  nach  Braxton  H  i  c  k  s,  vielleicht  ein  wenig  schlechter,  weil 
sich  die  erwähnte  Blutung  nach  Ausstossung  des  Metreurynters 
nicht  immer  mit  Sicherheit  vermeiden  lässt.  Für  die  Kinder  sind 
sie  erheblich  besser,  als  bei  der  Wendung,  weil  ja  eben  das  Kind 
nach  Ausstossung  des  Metreurynters  sofort  aus  der  Gefahr  befreit 
werden  kann.  Immerhin  geht  auch  da  ein  grosser  Teil  der  Kinder 
während  des  Liegens  des  Ballons  durch  die  Kompression  der  Pla¬ 
zenta  zugrunde. 

Diese  beiden  Verfahren  dürfen  dem  Praktiker  als  das  Normal¬ 
verfahren  bei  Placenta  praevia  empfohlen  werden,  wobei  allerdings 
die  Wendung,  als  das  sichere  und  weniger  schwierige,  für  den  Un¬ 
geübten  den  Vorzug  verdient.  Die  Metreuryse  ist  auch  noch  in  ihrem 
Erfolge  abhängig  von  einem  tadellos  in  Stand  gehaltenen  Ballon. 
Wird  der  Metreurynter  nicht  häufig  benützt,  so  ist  er  meistens  un¬ 
dicht  und  verfehlt  deshalb  seinen  Zweck.  Die  Gefahr  der  Blutung 
nach  Ausstossung  des  Ballons  ist  auch  nicht  zu  unterschätzen,  denn 
diese  kann  sehr  stark  sein  und  sie  erfordert  die  ständige  Anwesen¬ 
heit  des  Geburtshelfers  am  Gebärbette,  weil  sonst  der  richtige  Zeit¬ 
punkt  verpasst  werden  kann. 

Sind  diese  beiden  Verfahren  sozusagen  das  normale,  so  gibt  es 
doch  Ausnahmen.  Diese  betreffen  die  freilich  seltenen  Fälle,  bei 
denen  die  Zervix  sehr  rigide  und  weder  genügend  erweitert,  noch 
erweiterbar  ist,  so  dass  man  die  Wendung  nicht  vornehmen  kann. 
Von  kräftigen  Versuchen,  die  Zervix,  wenn  sie  nicht  durchgängig  ist, 
durchgängig  zu  machen,  kann  ich  nur  aufs  allerdringendste  abraten. 
Sie  führen  sehr  häufig  zu  tiefen  Einrissen,  die  sich  bei  der  Aus¬ 
stossung  des  Kindes  noch  mehr  vertiefen.  Etwa  mit  H  e  g  a  r  sehen 
Dilatatoren  erweitern  zu  wollen,  ist  ein  Unding.  Für  einen  Finger 
ist  der  Zervikalkanal,  da  es  sich  in  der  weitaus  überwiegenden  Mehr¬ 
zahl  der  Fälle  um  Mehrgebärende  handelt,  bei  Placenta  praevia  so 
gut  wie  stets  durchgängig;  und  Hegarsche  Dilatatoren,  die 
grösser  sind  als  die  Dicke  eines  Fingers  ausmacht,  führt  ganz  gewiss 
der  Praktiker  nicht  in  seiner  geburtshilflichen  Tasche  mit  sich 
Sollte  es  doch  der  Fall  sein,  so  wird  das  stete  Bohren  in  die  Pla¬ 
zenta  mit  dem  Dilatator  ganz  abgesehen  von  der  Rissgefahr,  stets 
die  Blutung  erheblich  vermehren.  Erweiterung  nach  B  o  n  n  a  i  r  e 
ist  grundsätzlich  zu  verwerfen. 

Sollte  also  der  Praktiker  in  einem  Fall  finden,  was  sehr  selten 
vorkommt,  dass  es  bei  rigider  Zervix  und  uneröffnetem  Muttermund 
sehr  stark  blutet,  so  ist  das  einzige  Hilfsmittel  in  solchen  Fällen  die 
Tamponade.  Diese  kann  ausgeführt  werden  mit  einem  Kolpeurynter, 
der  aber  aus  weichem  Gummi  sein  muss,  oder  mit  Mull,  oder 
Gaze  oder  Watte.  Dieses  Ausstopfen  kann  aber  nur  dann  seinen 
Zweck  erfüllen,  wenn  es  die  Scheide  aufs  äusserste  ausdehnt. 
Nur  dann  übt  die  Tamponade  einen  solchen  Druck  von  aussen  gegen 
die  Plazenta,  dass  die  Blutung  aus  den  abgelösten  Partien  verhindert 
wird.  Das  Einführen  einiger  Wattekugeln  hat  nicht  den  geringsten 
Zweck. 

Ist  schon  sonst  peinlichste  Asepsis  gerade  bei  Placenta  praevia 
vonnöten,  so  gilt  das  ganz  besonders  für  die  Tamponade.  Gründliche 
Ausspülung  der  Scheide  mit  Wasserstoffsuperoxyd  oder  einem 
anderen  Desinfiziens  (nicht  Sublimat  oder  Karbolsäure!  Vergiftungs¬ 
gefahr!),  Entfalten  der  Scheide  im  Spiegel,  festes  Ausstopfen,  ohne 
dass  die  Gaze  bei  der  Einführung  mit  den  äusseren  Geschlechtsteilen 
in  Berührung  kommt,  sind  unbedingtes  Erfordernis.  Die  Tamponade 
darf  6,  höchstens  12  Stunden  liegen  bleiben.  Nach  ihrer  Entfernung 
nochmals  gründliche  Ausspülung  der  Scheide.  Man  findet  dann 
gewöhnlich  die  Zervix  so  erweitert,  dass  nunmehr  die  Wendung 
nach  Braxton  Hicks  vorgenommen  werden  kann.  Die  Tamponade 
ist  wirksam,  aber  nur  als  Notbehelf  anzusehen,  wegen  der  trotz  aller 
Vorsicht  sehr  grossen  Infektionsgefahr. 

Schliesslich  gibt  es  Fälle,  wo  man  mit  der  einfachen  Blasern- 
Sprengung  ankommt.  Es  sind  das  diejenigen,  bei  denen  der  Mutter¬ 
mund  schon  handtellergross  oder  darüber  ist,  wo  nur  ein  kleiner  Teil 
des  Muttermundes  von  der  Plazenta  überdacht  ist  und  Geradlage 
besteht.  In  solchen  Fällen  kann  man  mit  guter  Aussicht  auf  Erfolg 
durch  gründliche  Zerreissung  der  Blase  und  Abfliessenlassen  des 
grössten  Teiles  des  Fruchtwassers  die  Blutung  fast  sicher  zum 
Stehen  bringen.  Sind  diese  Vorbedingungen  nicht  erfüllt,  so  ist  es 
auch  in  Fällen  von  Placenta  praevia  lateralis  besser,  die  Wendung 
nach  Braxton  Hicks  zu  machen  oder  bei  Steisslage  einen  Fuss 
herabzuholen,  weil  die  Blutstillung  in  diesem  Falle  keinesfalls  durch 
die  Blasensprengung  allein  mit  der  genügenden  Sicherheit  herbei¬ 
geführt  werden  kann.  Und  ist  erst  einmal  die  Blase  gesprengt,  so 
ist  die  nachfolgende  Wendung  nach  Braxton  Hicks  wegen  des 


Fruchtwasserabflusses  erheblich  erschwert  und  die  Rissgefahr  di 
halb  vermehrt. 

Noch  ein  Wort  zur  Infektionsgefahr.  Diese  ist  bei  Placei 
praevia  aus  drei  Gründen  soviel  grösser,  als  bei  anderen  Geburt. 
Jede  Frau  bei  Placenta  praevia  verliert  Blut  und  ist  deshalb  me 
gefährdet  durch  Infektionen,  als  andere  Frauen.  Zweitens  sind  1 
Placenta  praevia  jedesmal  geburtshilfliche  Eingriffe  nötig,  die  t] 
kanntlich  ebenfalls  die  Infektionsgefahr  erhöhen.  Und  schliessli 
vollzieht  sich  der  Eingriff  regelmässig  an  oder  in  der  Nähe  der  P 
zentarstelle,  die  ja  an  den  inneren  Muttermund  heranreicht.  Gera 
die  Plazcntarstelle  ist  es,  von  der  aus  Infektionserreger  am  all., 
leichtesten  unheilvolle  Wirkungen  ausüben.  Deshalb  ist  noch  me1; 
als  sonst  allerpeinlichste  Wahrung  der  Asepsis  Vorbedingung  jed  \ 
Eingriffes  bei  Placenta  praevia. 

Die  Nachgeburtsperiode,  bei  der  es  ja  schon  physiologisj 
bluten  muss,  bildet  natürlich  auch  eine  besondere  Gefahr  für  J 
Frau  mit  Placenta  praevia,  die  schon  Blut  verloren  hat.  Es  koml 
noch  hinzu,  dass  bei  Placenta  praevia  häufiger  als  sonst  die  Lösul 
der  Plazenta  Schwierigkeit  macht.  Die  Ursache  will  ich  hier  nk| 
erörtern.  Die  praktische  Folgerung  daraus  ist  die,  dass  man  al 
weichend  vom  normalen  Geburtsverlauf  bei  Placenta  praevia  gut  t| 
sofort  nach  der  Geburt  des  Kindes  den  C  r  e  d  6  sehen  Handgriff  1 
versuchen  und  falls  dieser  nicht  Erfolg  hat,  die  manuelle  Lösung  cj 
Plazenta  vorzunehmen  und  den  Blutverlust  bei  Lösung  der  Plazeu 
zu  verhindern.  Es  empfiehlt  sich  weiter,  während  der  Geburt  ci 
Kindes  schon  eine  Doppelspritze  Sekakornin  oder  ein  anderes  zuvii 
lässiges  Sekalepräparat  zu  verabfolgen,  um  die  Kontraktion  ci 
Uterus  nach  Möglichkeit  anzuregen.  Sollte  es  doch  bluten,  I 
werden  die  Mittel  zur  Stillung  der  Blutung  angewandt  werdi 
müssen,  wie  ich  sie  vor  kurzem  an  gleicher  Stelle  beschrieben  hall 
Schnelles  Handeln  und  peinlichste  Asepsis  sind  vonnöten. 

Wenn  ich  meine  Ratschläge  noch  einmal  kurz  zusammenfasL 
so  sind  es  folgende: 

Wenn  irgend  möglich:  Ueberweisung  jeder  Frau  mit  starlt 
Blutung  gegen  Ende  der  Schwangerschaft  ohne  Untersuchung  u| 
falls  es  nicht  zu  stark  blutet,  auch  ohne  Tamponade  in  eine  EC 
bindungsanstalt.  Nur  wenn  das  nicht  möglich  ist,  selbst  handti 
Bei  Blutung,  einerlei  ob  Wehen  vorhanden  sind  oder  nicht,  Wetiduji 
nach  Braxton  Hicks  oder  Metreuryse  je  nach  Erfahrung  und  Uebuj 
des  Arztes.  Sind  diese  beiden  Verfahren  noch  nicht  anwendbar,  all 
nur  dann,  feste  Tamponade.  Bei  schon  stark  erweitertem  Mutt* 
mund,  Placenta  praevia  marginalis  und  Geradlage  genügt  die  einfact 
ausgiebige  Zerreissung  der  Eihäute. 

In  der  Klinik  wird  bei  uns  regelmässig  der  Kaiserschnitt  ail 
geführt.  In  allen  Fällen,  die  aseptisch  eingeliefert  werden  und  !i 
denen  das  Kind  noch  lebt,  können  wir  nach  Ausweis  unserer  f| 
fahrungen  regelmässig  Mutter  und  Kind  durch  den  Kaiserschnitt 
der  Gefahr  befreien.  Ist  die  Frau  durch  Untersuchung  oder  gar  duil 
Tamponade  gefährdet,  so  wird  die  Prognose  des  Kaiserschnittes  durl 
Infektionsgefahr  erheblich  getrübt,  während  wir  freilich  das  Kil 
noch  retten  können. 

Die  durchschnittliche  Sterblichkeit  beim  Kaiserschnitt  einschiiei 
lieh  der  infiziert  eingelieferten  Fälle  beträgt  bei  uns  rund  5  Pro; 
sämtliche  bei  Einlieferung  lebenden  Kinder  sind  auch  lebend  geboii 
worden.  Aber  auch  wo  die  Schnittentbindung  bei  Placenta  orae't 
in  Kliniken  nicht  durchgeführt  wird,  lassen  sich  in  der  Klinik  weitrs 
bessere  Erfolge  für  Mutter  und  Kind  durch  die  konservativen  Vl 
fahren  erzielen.  Mütterliche  Sterblichkeit  unter  6  Proz.  bei  ase 
tischen  Fällen  von  nur  1  Proz.  lässt  sich  dann  erreichen,  währel 
freilich  die  Kinder  bei  allen  anderen  Verfahren  eine  Sterblichkeit  vi 
etwa  20  Proz.  bis  40  Proz.,  soweit  sie  bei  der  Einlieferung  noch  1<| 
ten,  aufzuweisen  haben.  Das  sind  Ergebnisse,  die  in  der  allgemeir) 
Praxis  vorläufig  jedenfalls  unerreichbar  sind. 


Fortbildungsuorträge  und  uebersichtsreferate. 

Der  gegenwärtige  Stand  der  Diphtheriefrage. 

Von  Dr.  Georg  R i e b o  1  d -  Dresden. 

(Schluss.) 

Es  ist  demnach  zunächst  die  Frage  zu  erörtern,  ob  nach  klinisch 
Erfahrungen  das  Ueberstehen  einer  Diphtherie  vor  einer  Wied- 
erkrankung  schützt.  Die  alte  Schule,  ich  nenne  nur  Heubrni 
stand  unbedingt  auf  diesem  Standpunkt. 

Behring  hat  seinerzeit  in  der  ganzen  Literatur  kein 
nennenswerten  Autor  gefunden,  der  nicht  mindestens  zugesteht,  d;> 
eine  mein  malige  Erkrankung  an  Diphtherie  zu  den  Ausnahmen  ;t 
hört.  Auch  jüngere  Autoren,  z.  B.  Paul  Krause  [30]  vertre'i 
diese  Anschauung.  Ebenso  hat  Zucker  T31]  zweimaliges  Ueb- 
stehen  der  Diphtherie  nur  in  0,9  Proz.  der  Fälle  beobachtet. 

Demgegenüber  will  man  in  den  letzten  10 — 15  Jahren  Wied1 
erkrankungen  an  Diphtherie  häufig  beobachtet  haben.  Escherii 
z.  B.  urteilt  folgendermassen:  „Die  durch  das  Ueberstehen  d 
diphtherischen  Prozesses  erworbene  Immunität  ist  eine  ku- 
dauernde;  sie  vermag,  wie  ich  mich  an  der  Hand  zweifelloser,  bij 
teriologisch  kontrollierter  Beobachtungen  überzeugen  konnte,  nid 
vor  einer  zweiten  Erkrankung  zu  schützen.“  Dieses  Zitat  erkl 
die  neue  Lehre;  der  springende  Punkt  liegt  in  der  „bakteriologisch 


28.  September  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Kontrolle“.  Nach  Einführung  der  bakteriologischen  Schnelldiagnose 
der  Diphtherie  ist  das  klinische  Bild  zur  Nebensache  geworden.  Die 
Diphtherie  wird  heutzutage  viel  zu  oft  diagnostiziert  und  alle 
Statistiken  aus  den  letzten  Jahren,  die  fast  ausschliesslich  auf  der 
bakteriologischen  Diagnose  beruhen,  sind,  wie  Schanz  [37]  seit 
über  20  Jahren  wiederholt  hervorgehoben  hat,  wenig  zuverlässig. 
So  erklärt  es  sich,  dass  man  in  neueren  Statistiken  über  3,  4,  5,  ja 
sogar  über  9  malige  Diphtherieerkrankung  derselben  Person  be¬ 
richtet  hat. 

Ich  zweifle  nicht,  dass  es  sich  hierbei  um  „bakteriologisch  kon¬ 
trollierte  .  aber  nicht  um  klinische  Diagnosen  gehandelt  hat. 

Einen  fast  zwingenden  Beweis  für  die  Richtigkeit  der  alten  Lehre 
lieferen  ältere  Statistiken  über  die  Beteiligung  der  verschiedenen 
Lebensalter  an  der  Krankheit.  Nach  einer  70  0000  Fälle  umfassenden 
Statistik  aus  dem  Jahre  1878  (Lancet  1878)  erkrankten  an  Diphtherie 
zu  80  Proz.  Kinder  in  den  ersten  10  Lebensjahren,  zu  14  Proz 
Kinder  und  Jugendliche  vom  10.  bis  zum  20.  Lebensjahr,  und  nur 
zu  6  Proz.  Erwachsene  vom  20.  Lebensjahr  ab.  Diese  Feststellung 
kann  kaum  anders  erklärt  werden,  als  dass,  ebenso  wie  bei  Masern 
und  Scharlach,  das  einmalige  Ueberstehen  der  Krankheit  wohl  in  den 
weitaus  meisten  Fällen  eine  nahezu  völlige  Immunität  für  das  ganze 
Leben  gewährt.  Ich  erkläre  nun  die  Aetiologie  und  Pathogenese  der 
Diphtherie  folgend ermassen:  Erreger  der  Krankheit  sind  die  Di¬ 
phtheriebazillen.  Die  Frage,  ob  der  Infektion  mit  Diphtheriebazillen 
eine  Erkrankung  folgt,  richtet  sich  nach  dem  Verhältnis  von  Schädi¬ 
gung  zu  den  Widerständen. 

|  Als  schädigende  Faktoren  kommen  Zahl  und  Virulenz  der  Keime 
m  Betracht.  Virulenz  ist  in  diesem  Falle  identisch  mit  Pathogenität 
oder  Giftigkeit.  Wahrscheinlich  können  bei  fehlenden  Widerständen 
auch  die  nahezu  ungiftigen  Formen  in  geringer  Zahl  eine  Erkrankung 
herverrufen,  und  umgekehrt.  Die  Frage,  ob  beim  Menschen  die 
völlig  ungiftigen  Formen  in  giftige  übergehen  und  dann  zu  einer 
Erkrankung  führen  können,  steht  noch  offen.  Uffenhauer  [32l 
bekennt  sich  zu  dieser  Anschauung,  wenn  er  sagt:  „Wer  kann  dafür 
stehen,  dass  ein  als  apathogen  erkannter  Stamm  nicht  beim  neuen 
Auftreffen  auf  den  menschlichen  Körper  wieder  pathogen  wird.“  Die 
I klinische  Frfahrung  scheint  dagegen  zu  sprechen,  denn  sonst  müssten 
auch  Bazillenträger  mit  ungiftigen  Formen  öfter  die  Krankheit  ver¬ 
breiten,  als  es  der  Fall  zu  sein  scheint. 

,  Die  Widerstände,  die  der  Organismus  gegen  die  Erkrankung  ins 
reld  fuhrt,  sind  zweierlei  Art: 

1.  die  Immunität,  die  durch  das  Ueberstehen  der  Krankheit  er¬ 
worben  wird: 

2.  das  Diphtherieantitoxin,  das  einen  variablen,  sehr  schwan¬ 
kenden  Bestandteil  des  Blutes  darstellt. 

Es  ist  anzunehmen,  dass  diese  „Widerstände“  durch  das  Ueber¬ 
stehen  oder  gleichzeitige  Bestehen  anderer  akuter  oder  chronischer 
Infektionskrankheiten,  durch  äussere  Einflüsse,  klimatische  Ein¬ 
wirkungen,  Ernährungsstörungen  u.  dgl.  abgeschwächt,  gegebenen¬ 
falls  aber  auch  gesteigert  werden  können. 

So  ist  es  verständlich,  dass  Keime  derselben  Giftigkeit,  die  aus 
ierselben  Infektionsquelle,  z.  B.  von  einem  schweren  Diphtheriefall 
dämmen,  in  dem  einen  Fall  eine  schwere  Erkrankung,  in  dem 
mderen  Fall  eine  leichtere  Erkrankung  bedingen,  in  einem  dritten 
'all  aber  ganz  wirkungslos  bleiben,  oder  dass  Bazillenträger,  die  sich 
ange  Zeit  gegen  eine  diphtheritische  Erkrankung  wehrten,  plötzlich 
hre  W  iderstandskraft  verlieren  und  an  Diphtherie  erkranken. 

Ich  unterscheide  also  zwischen  dem  Krankheitsschutz,  der  durch 
las  Diphtherieantitoxin  gewährleistet  wird,  und  einer  wirklichen 
klinischen  Immunität,  die  unabhängig  vom  Antitoxin  auftritt,  und  die 
lurch  das  Ueberstehen  der  Krankheit,  wenn  auch  in  einer  ganz 
eichten  Form,  erworben  wird.  Schon  Wassermann  [25], 
(lein  Schmidt  \28]  u.  a.  waren  der  Ueberzeugung,  dass  leichte, 
arvierte  Formen  der  Diphtherie  viel  häufiger  Vorkommen,  als  all¬ 
gemein  angenommen  wird.  Gestützt  wird  diese  Anschauung,  die 
iuch  ich  vertrete,  durch  neuere  Mitteilungen  von  Grub  er  [20] 
-otte  L  a  n  d  6  [33l,  Rominger  [34,  36).  Elisabeth  H  o  1 1  a  t  z  \35] 
i.  a.,  aus  denen  hervorgeht,  dass  typische  diphtheritische  Erkran¬ 
kungen  bei  Neugeborenen  und  Säuglingen  ungemein  häufig  sind.  Es 
iandelt  sich  dabei  vorwiegend  um  Nasendiphtherie,  die  meist  einen 
eichten  Verlauf  nimmt,  nur  als  Säuglingsschnupfen  in  die  Erschei- 
ung  tritt  und  deshalb  leicht  übersehen  wird. 

'  Es  scheint  mir  sehr  wahrscheinlich,  dass  ein  grosser  Teil  der 
Menschheit  auf  diese  Weise  schon  im  Säuglingsalter  an  leichtesten 
'ormen  der  Diphtherie  erkrankt,  und  dadurch  immunisiert  wird; 
benso  wird  wahrscheinlich  ein  grösserer  Prozentsatz  in  den  ersten 
ebensjahren  durch  leichte,  larvierte,  unerkannte  diphtheroide  Er- 
rankungen  Immunität  erwerben.  Rechnet  man  hierzu  die  vielen, 
ie  eine  ausgesprochene,  typische  Diphtherie  durchmachen,  so 
4  es  verständlich,  dass  eine  fast  allgemeine  Durchseuchung  mit 
•iphtherie,  und  infolgedessen  eine  fast  allgemeine  Immunisierung  in 
en  ersten  Lebensjahren  stattfindet,  ähnlich  wie  bei  Masern,  dass 
-‘nseits  des  15.  Lebensjahres  Diphtherieerkrankungen  nur  selten  vor- 
ommen  und  dass  man  deshalb  ungemein  häufig  Bazillenträger  an- 
'ifft.  die  nicht  an  Diphtherie  erkranken,  weil  sie  immun  sind. 

2.  Ich  komme  jetzt  zur  Bedeutung  der  neueren  Untersuchungen 
ir  die  Diagnose  der  Diphtherie.  Schanz  [5.  37]  hat  seit  dem 
ahre  1896  wiederholt  darauf  hingewiesen,  dass  die  bakteriologische 
chnelldiagnose,  die  noch  heute  in  den  bakteriologischen  Unter¬ 


suchungsanstalten  angewendet  wird,  wenig  zuverlässig  ist.  Gleich¬ 
wohl  wird  auch  heute  in  der  Praxis  nach  wie  vor  das  Hauptgcwicnt 
bei  der  Diagnosestellung  auf  den  Nachweis  von  Diphtheriebazillen 
gelegt.  Es  gilt  als  eine  Unterlassung,  wenn  bei  zweifelhaften,  aber 
auch  bei  zweifellosen  Diphthericfällen  nicht  zunächst  der  Mandel¬ 
abstrich  bakteriologisch  untersucht  wird. 

Dabei  ist  es  unbestritten,  dass  man  Diphtheriebazillen  sehr  oft 
aU<4  j  nn  ™det,  wenn  von  Diphtherie  gar  keine  Rede  sein  kann, 
und  dass  man  gelegentlich  in  sicheren  Diphtheriefällen  mit  allen 
typischen  Komplikationen,  wenigstens  im  Beginn  der  Erkrankung, 
keine  Bazillen  findet.  Für  die  Diagnosestellung  sind  aber  ja  gerade 
dm  ersten  Untersuchungen  im  Beginn  des  Krankheitsfalles  wichtig. 

Jedenfalls  steht  es  fest,  dass  die  bakteriologische  Diphtherie¬ 
diagnose  weder  im  positiven,  noch  im  negativen  Sinne  völlig  zuver¬ 
lässige  Resultate  liefert. 

Um  so  unverständlicher  ist  es,  dass  diese  Auffassung  sich  nicht 
schon  langst  Bahn  gebrochen  hat,  und  dass  in  der  Praxis  der  bak- 
>  teriologischen  Diagnose  noch  immer  eine  so  grosse  ausschlaggebende 
Bedeutung  zugesprochen  wird.  — -  Wie  oft  ist  mit  Rücksicht  auf  das 
negative  Resultat  der  bakteriologischen  Untersuchung  eine  recht¬ 
zeitige,  energische  I  herapie  unterlassen  worden,  um  wie  vieles  öfter 
ist  aber  bei  einem  positiven  Bazillenbefund  eine  harmlose  Angina 

..iphtherie  gestempelt  und  damit  unnötig  Angst  und  Sorge 
in  die  Familie  gebracht  worden. 

Wir  müssen  also  wieder  lernen,  die  Diphtherie  nach  dem  klini¬ 
schen  Bilde  zu  diagnostizieren,  d.  h.  nur  dann,  wenn  wirklich  ein 
diphtheritischer  Prozess  vorhanden  ist. 

Die  Abortivfälle,  in  denen  Diphteriebazillen  nur  leichte,  katar¬ 
rhalische  Erscheinungen  der  Nasen-,  Rachen-  oder  Gaumenschleim¬ 
haut  ohne  jeden  Belag  verursachen,  können  wir  vorläufig  nicht 
diagnostizieren.  Da  aber  anscheinend  nur  im  ausgesprochenen 
diphtheritischen  Prozess  die  so  gefürchteten  Toxine  entstehen,  die 
die  mannigfachen  schweren  Komplikationen  der  Diphtherie  bedingen, 
so  haben  jene  Abortivfälle  praktisch  keine  grosse  Bedeutung.  Es  sei 
noch  besonders  betont,  dass  klinisch  leichte  Diphtheriefälle,  die  aber 
doch  als  solche  durch  die  Bildung  diphtheritischer  Membranen  kennt- 
hch  sind,  im  Gegensatz  zu  den  völlig  larvierten  Diphtherien  schwere 
Komplikationen  verursachen  können. 

3.  Die  Folgerungen,  die  sich  aus  alledem  für  die  Therapie 
ergeben,  sind  überaus  klar  und  eindeutig. 

In  jedem  Fall,  in  dem  klinisch  auch  nur  der  leiseste  Verdacht 
einer  Diphtherie  vorliegt,  soll  man  so  früh  als  möglich  und  in  ge¬ 
nügend  grosser  Dosis,  ohne  das  Resultat  einer  eventuellen  bakterio- 
Irischen  Diagnose  abzuwarten,  das  Diphtherieheilserum  anwenden, 
das  nach  dem  heutigen  Stande  der  Wissenschaft  als  ein  spezifisches 
Heilmittel  gegen  die  im  Diphtherieprozess  entstehenden  Toxine  an- 
zusehen  ist.  Die  von  Bingel  [38]  im  Jahre  1918  vertretene  An¬ 
sicht,  dass  mit  gewöhnlichem  „Normalpferdeserum“  derselbe  günstige 
Einfluss  auf  den  Krankheitsverlauf  ausgeübt  werden  könne,  wie  mit 
dem  Diphtherieserum,  hat  sich  nicht  bestätigt,  wenigstens  haben 
übereinstimmend  wohl  alle  Autoren,  die  die  Methode,  zum  Teil  auch 
experimentell,  nachgeprüft  haben,  sich  entweder  dagegen  gewendet, 

r  doch  die  Entscheidung  offen  gelassen,  ich  nenne  nur" 
Meyer  [39],  Bon  hoff  [40],  Friedberg  [4ll,  Dorn  T42l 
Joannovics  [43l,  Feer  [44],  Elisabeth  Herzfeld  [45]! 
Kastenmeyer  [46],  Brückner  [47],  Kraus  und  Sor- 
d  e  1 1  i  [48], 

Von  verschiedenen  Seiten  (Feer,  Brückner,  Kraus  und 
S  o  r  a  e  1 1  i)  wird  die  Möglichkeit  erörtert,  dass  bei  den  Bingel- 
sehen  Versuchen  antitoxinhaltiges  Pferdeserum  entweder  von  früher 
behandelten  Pferden  oder  von  Pferden  mit  einem  normalen  Anti¬ 
toxingehalte  angewendet  worden  ist. 

4.  In  der  Prophylaxe  der  Diphtherie  sind  wir  in  den  letzten 
15—20  Jahren  nicht  recht  vorwärts  gekommen.  Alle  Massnahmen,  die 
seither  ergriffen  worden  sind,  sind  auf  den  Verlauf  der  Epidemie 
fast  ohne  Einfluss  geblieben,  insbesondere  ist  es  nicht  geglückt,  die 
Verbreitung  der  Krankheit  einzudämmen. 

Schanz  [49]  hat  mit  Recht  wiederholt  darauf  hingewiesen, 
dass  wahrscheinlich  die  Voraussetzungen,  auf  denen  unsere  gegen¬ 
wärtigen  erfolglosen  prophylaktischen  Massnahmen  aufgebaut  sind, 
falsche  sind.  Unsere  heutige  Prophylaxe  zielt  darauf  ab,  die  Löff- 
1  e  r  sehen  Bazillen  zu  vernichten  und  die  Bazillenträger  zu  isolieren. 

Die  Vernichtung  der  Löf  fl  ersehen  Bazillen  etwa  durch 
Wohnungsdesinfektion  oder  dergl.  ist  von  vornherein  als  völlig  aus¬ 
sichtslos  zu  betrachten.  Alle  Versuche,  die  Diphtheriebazillen  auf 
der  Schleimhaut  der  Bazillenträger  durch  chemische  Mittel  ab¬ 
zutöten,  sind  fehlgeschlagen. 

Auch  mit  biologischen  Methoden,  mit  Bakterienextrakten  wie 
Pyozyanase  oder  Bakterienaufschwemmungen  von  Staphylokokkus, 
Bacillus  vulgaris  oder  Bacterium  coli  communine  (van  der 
Reis  [50],  Pesch  und  Zschocke  [51 1),  die  man  auf  die 
Schleimhaut  des  Nasenrachenraumes  bei  Bazillenträgern  aufgetragen 
hat.  ist  den  Diphtheriebazillen  nicht  beizukommen.  Das  Diphtherie¬ 
heilserum  ist  nur  wirksam  gegen  die  Toxine,  aber  nicht  gegen  die 
Bazillen. 

Kurz,  es  wird  uns  niemals  gelingen,  die  Diphtheriebazillen  zu 
vernichten. 

So  ist  man  dazu  gekommen,  die  Bazillenträger  nach  iiber- 
standener  Diphtherie  solange  zu  isolieren,  bis  einer  oder  auch 


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MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  39. 


mehrere  aufeinanderfolgende  Mandelabstriche  ein  negatives  Re¬ 
sultat  ergaben. 

Dabei  ist  ausser  acht  gelassen  worden,  dass  in  solchen  Fällen 
oft  schon  der  nächste  Abstrich  wieder  Bazillen  zeigt.  Wenn  man 
sich  vergegenwärtigt,  dass  diese  wahrscheinlich  nur  gelegentlich 
schubweise  aus  ihren  Verstecken,  den  Buchten  der  Mandeln,  ent¬ 
leert  werden,  so  ist  es  ganz  verständlich,  dass  man  bei  Bazillen¬ 
trägern  2,  3,  4,  5  mal  keine  Bazillen  findet  und  der  folgende  Ab¬ 
strich  ist  doch  wieder  einmal  positiv.  Natürlich  spielt  auch  die 
Technik  beim  Abstreichen  der  Mandeln  eine  Rolle.  Ein  tieferes  Ein¬ 
drücken  in  die  Mandelbuchten  wird  häufiger  Bazillen  zutage  fördern, 
als  ein  leichtes  oberflächliches  Darüberstreichen. 

Die  wahllose  Isolierung  der  Bazillenträger  bis  zu  dem  Zeit¬ 
punkte,  wo  zufällig  einmal  ein  oder  mehrere  Mandelabstriche  negativ 
waren,  wird  uns  also  in  der  Prophylaxe  der  Diphtherie  nicht  einen 
Schritt  weiterbringen. 

Wir  haben  nun  aber  gesehen,  dass  wahrscheinlich  nur  die  g  i  f  - 
t  i  g  e  n  Bazillen  infektiös  sind.  Die  zahllosen  Bazillenträger  mit 
ungiftigen  Formen  sind  demnach  harmlos,  und  es  ist  ganz  zwecklos, 
sie  zu  isolieren.  Der  Kampf  braucht  sich  nur  gegen  die  „giftigen“ 
Bazillenträger  zu  richten.  Diese  herauszufinden,  ist  praktisch  un¬ 
durchführbar,  da  in  dieser  Richtung  die  üblichen  bakteriologischen 
Untersuchungsmethoden  versagen,  und  nur  kostspielige  und  zeit¬ 
raubende  Tierversuche  Klarheit  bringen  können. 

Wir  müssen  also  nach  einem  anderen  Ausweg  suchen.  Nach 
den  Versuchen  Selma  Meyers  [7],  und  nach  den  täglichen  Er¬ 
fahrungen,  ist  anzunehmen,  dass  die  giftigen  Formen  des  Diphtherie¬ 
bazillus  sich  auf  der  gesunden  Schleimhaut  allmählich  entgiften. 
Nach  überstandener  Diphtherie  scheint  die  Entgiftung  bis  zu 
8  Wochen  in  Anspruch  zu  nehmen;  bei  Bazillenträgern,  die  mit  gif¬ 
tigen  Formen  infiziert  wurden,  ohne  selbst  zu  erkranken,  wird  die 
Entgiftung  vielleicht  etwas  schneller  vor  sich  gehen;  nach  meiner 
eigenen  Beobachtung  [27]  war  allerdings  ein  derartiger  Bazillenträger 
noch  3  Wochen  nach  der  Infektion  für  seine  Umgebung  infektiös.  In 
dieser  Richtung  sind  weitere  Untersuchungen  dringend  nötig. 

Es  scheint  mir  demnach  vorläufig  wohl  begründet,  jeden 
Diphtheriekranken  8  Wochen  lang  zu  isolieren,  und  ihn  dann  als 
gesund  und  nicht  mehr  ansteckungsfähig  zu  betrachten,  gleichgültig, 
ob  man  dann  noch  bei  ihm  Bazillen  findet  oder  nicht,  ebenso,  wie 
wir  ja  auch  beim  Scharlach  schon  6  Wochen  lang  isolieren. 

Uebrigens  ist  nach  Mitteilung  von  Klose  und  Knappe  [52]  in 
Preussen  durch  Erlass  des  Ministeriums  für  Volkswohlfahrt  bereits 
verfügt  worden,  dass  Bazillenträger  8  Wochen  nach  erfolgter  Ge¬ 
nesung  wie  Gesunde  zu  behandeln  und  demnach  wieder  zur  Schule 
zuzulassen  sind.  Diese  Verordnung  wäre  also  zweckmässig  auf  alle 
Diphtherierekonvaleszenten  zu  erweitern. 

Die  Forderung,  alle  gesund  gebliebenen  Bazillenträger  aus  der 
Umgebung  eines  Diphtheriekranken  ebenfalls  längere  Zeit,  etwa 
4  Wochen  lang,  zu  isolieren,  ist  wohl  kaum  durchführbar,  denn 
einmal  müsste  man  hierfür  bei  jedem  Diphtheriefall  in  der  Schule 
die  ganze  Klasse  durchuntersuchen,  und  dann  müsste  man  gegebenen¬ 
falls  völlig  Gesunde  längere  Zeit  absperren.  Wir  müssen  uns  in  diesen 
Fällen  damit  abfinden,  dass  die  gesund  gebliebenen  Bazillenträger 
nach  unseren  Erfahrungen  weit  weniger  die  Bazillen  verbreiten,  als 
die  hustenden  Kranken  und  Rekonvaleszenten,  und  deshalb  weniger 
gefährlich  sind. 

Die  Isolierung  der  Bazillenträger  stellt  aber  nur  eine  Behelfs¬ 
massnahme  dar,  die  niemals  zu  voll  befriedigenden  Resultaten  führen 
wird.  Eine  wirksame  Bekämpfung  der  Diphtherie  wäre  nur  dann 
denkbar,  wenn  es  gelänge,  ein  Mittel  zu  finden,  das  den  Eintritt  der 
Krankheit  sicher  verhütet,  wie  wir  es  z.  B.  bei  den  Pocken  in  der 
Pockenimpfung  kennen. 

Alle  Versuche,  die  bisher  in  dieser  Richtung  unternommen 
worden  sind  und  die  in  der  Literatur  als  Immunisierungsversuche 
beschrieben  werden,  zielen  darauf  ab,  dem  Körper  Antitoxin  zu¬ 
zuführen,  oder  die  Bildung  von  Antitoxin  anzuregen.  Wie  ich  mehr¬ 
fach  erwähnte,  wissen  wir  aber  heute,  dass  das  Diphtherieantitoxin 
keinen  spezifischen  Körper  darstellt,  dass  es  in  seinem  Gehalt 
grossen  Schwankungen  unterworfen  ist,  dass  es  für  längere  Zeit 
völlig  schwinden  kann,  dass  es  zwar  zweifellos  einen  nicht 
unerheblichen  Schutz  gegen  eine  Erkrankung  an 
Diphtherie,  aber  durchaus  keine  wirkliche  Immunität  gewährt. 
Die  Bezeichnung  „Immunisierungsversuch“  ist  demnach  für  diese 
Fälle  irreführend,  es  handelt  sich  hierbei  nur  um  Schutzmass- 
n  ahme  n. 

Die  Schick  sehe  Probe,  bei  der  auf  intrakutane  Injektion  von 
Diphtherietoxin  in  den  Fällen,  in  denen  kein  Antitoxin  im  Körper 
vorhanden  ist,  eine  örtliche  Hautreaktion  erfolgen  soll,  woraus  man 
auf  Empfänglichkeit  für  Diphtherie  geschlossen  hat,  möchte  ich  nur 
beiläufig  erwähnen.  Einmal  wird  die  Zuverlässigkeit  der  Methode 
von  R  ä  d  e  r  [56],  Grosser  [57]  u.  a.  bestritten  und  sodann  haben 
wir  gesehen,  dass  Mangel  an  Antitoxin  nicht  unbedingt  mit  Di¬ 
phtherieempfänglichkeit  identisch  ist,  denn  antitoxinfreie  Individuen 
können  gegen  Diphtherie  völlig  unempfänglich  sein  und  solche  mit 
Antitoxin  können  an  Diphtherie  erkranken. 

Die  einfachste  Methode,  einen  Diphtherieschutz  herbeizuführen, 
der  überdies  sofort  eintritt.  besteht  in  Injektionen  des  Behring- 
schen  Heilserums.  Da  aber  artfremde  Schutzstoffe  sehr  rasch  aus¬ 
geschieden  werden,  hält  dieser  „passive“  Schutz  nur  kurze  Zeit, 


etwa  3  Wochen  lang.  Deshalb  versuchte  schon  Behring,  und 
zwar  mit  Erfolg,  durch  Injektionen  von  Toxinverdünnungen,  oder  von 
Toxin-Antitoxingemischen  mit  geringem  Toxinüberschuss  die  Bildung 
von  Antitoxin  im  Körper  „a  k  t  i  v“  anzuregen.  Neuerdings  ist  be¬ 
sonders  Opitz  [53,  54,  55]  auf  diesem  Wege  fortgeschritten  und 
hat  gezeigt,  dass  ein  Toxinüberschuss  zur  Erzielung  einer  Anti¬ 
toxinproduktion  nicht  nötig  ist,  sondern  dass  eine  solche  auch 
durch  intrakutane  Injektionen  von  überncutralisicrten  Toxin-Anti¬ 
toxingemischen  herbeigeführt  werden  kann,  wodurch  der  Beweis 
erbracht  ist,  dass  in  vivo  eine  Lösung  der  Bindung  Toxin-Antitoxin 
stattfindet.  Da  aber  die  aktive  Erzeugung  des  Antitoxins  immer  erst* 
eine  gewisse  Zeit  in  Anspruch  nimmt,  suchte  man,  um  einen  schnellen^ 
und  länger  dauernden  Schutz  herbeizuführen,  die  aktive  und  passive^ 
Methode  zu  kombinieren,  indem  man  getrennte  Injektionen  von  Heil¬ 
serum  und  Toxin-Antitoxingemischen  vornahm.  Während  diese  Me-' 
thode  angeblich  in  Amerika  mit  Erfolg  angewandt  wurde,  konnte! 
Opitz  zeigen,  dass  eine  Hcilserumbehandlung  gewöhnlich  die  aktive! 
Produktion  von  Antitoxin  ausschlicsst. 

Bei  der  grossen  Abneigung,  die  in  Laienkreisen  ganz  allgemein' 
gegen  das  Diphtherieheilserum  herrscht  und  bei  der  Kostspieligkeit^ 
des  Verfahrens  wäre  es  sehr  zu  begrüssen,  wenn  es  gelänge,  eine! 
andere,  einfachere  und  billigere  Methode  zu  finden,  um  die  Anti-, 
toxinproduktion  im  Körper  anzuregen.  Nach  den  oben  mitgeteilteä 
Tierversuchen  Boehmes  aus  dem  Sächsischen  Serumwerk  scheint^ 
cs  nun  möglich  zu  sein,  durch  einfache  Hautimpfungen  mit  lebenden: 
Diphtheriebazillen  nach  Art  der  Pockenimpfungen  auch  beim  Men¬ 
schen  eine  Antitoxinbildung  herbeizuführen.  Eigene  Versuche  inl 
dieser  Richtung,  die  ich  zusammen  mit  Herrn  Dr.  B  o  e  h  m  e  mache,; 
und  über  die  wir  später  berichten  werden,  haben  tatsächlich  diese! 
Möglichkeit  bestätigt.  Ob  es  glücken  wird,  auf  diesem  Wege,  d.  h.| 
durch  eine  künstliche  Infektion  des  menschlichen  Organismus  mit 
lebenden  Diphtheriekeimen,  unter  der  Voraussetzung,  dass  diese  In¬ 
fektion  zu  einer,  wenn  auch  nur  ganz  leichten  örtlichen  Erkrankung 
führt,  neben  dem  Diphtherieschutz  durch  Erzeugung  von  Antitoxinen, 
auch  eine  wirkliche  klinische  Immunität,  wie  z.  B.  bei  den  Pocken, 
herbeizuführen,  ist  eine  Frage  der  Zukunft. 

Neben  den  von  mir  zunächst  angewandten  Haut  impfungen 
käme  auch  die  direkte  Uebertragung  ayirulenter  oder  doch  sehr 
wenig  virulenter  Keime  auf  die  Schleimhaut,  am  zweckmässig-: 
sten  wohl  auf  die  Nasenschleimhaut,  in  Betracht,  womit  man  eine 
völlige  Analogie  zum  natürlichen  Krankheitsvorgang  beim  Säugling, 
schaffen  würde.  Aehnliche  Versuche  haben  kürzlich  Moss  und1 
Guthrie  [58]  in  Amerika  bei  5  Erwachsenen  angestellt,  allerdings 
nicht  zu  limnunisicrungszweckcn,  sondern  um  die  Unschädlichkeit 
avirulenter  Diphtheriebazillen  darzutun. 

Jedenfalls  stehen  uns  noch  Wege  offen,  um  vielleicht  doch 
noch  eine  wirkliche  Diphtherieimmunisierung,  das 
letzte  Ziel  einer  allein  wirksamen  Diphtherie -[ 
Prophylaxe,  zu  erreichen. 

Literatur. 

I .  Fr.  Schanz:  D.rn.W.  1894  Nr.  49  u.  B.kl.W.  1896  Nr.  12.  —  2.  Der  -J 
selbe:  M.rn.W.  1898  Nr.  11.  —  3.  D  e  r  s  e  1  b  e:  Zschr.  f.  Hyg.  1899.  32.  — I 
4.  Derselbe:  B.kl.W.  1921  Nr.  24.  —  5.  Derselbe:  B.kl.W.  1920  Nr.  9. 

—  6.  Hetsch  u.  Schlossberger:  M.rn.W.  1920  Nr.  46.  —  7.  M  e  y  e  r: 
Zschr.  f.  Hyg.  1921,  94.  —  8.  W  e  i  n  e  r  t:  M.m.W.  1919  Nr.  51.  —  9.  An¬ 
se  h  ii  t  z  u.  K  i  s  s  k  a  1 1:  M.m.W.  1919  Nr.  2.  —  10.  Dönges  u.  E  1  f  e  1  d  t: 
D.m.W.  1919  Nr.  33.  —  11.  Läwcn  u.  Reinhardt:  M.m.W.  1919  Nr.  20. 

—  12.  Hoff  mann:  D.  Zschr.  f.  Chir.  158.  —  13.  Lippmann:  M.m.W. 

1921  Nr.  25.  —  14.  Port:  M.m.W.  1921  Nr.  30.  —  15.  Schanz:  M.K1. 
1913  Nr.  8.  - —  16.  Kirstein:  Zbl.  f.  Gyn.  1918  Nr.  40.  —  17.  Schanz:! 
Reichs-Med.-Anz.  1919  Nr.  24.  —  18.  Lietz:  Monatsschr.  f.  Geburtsh.  u. 
Gyn.  1920,  52.  —  19.  Wauschkuhn:  Zbl.  f.  Gyn.  1920  Nr.  30.  — 
20.  G  ruber:  M.m.W.  1919  Nr.  49.  —  21.  v.  Gröer  u.  Kassowitz:1 
Zschr.  f.  Immun. Forsch.  1919,  28.  —  22.  Fi  sc  hl  u.  v.  Wunsch  heim: 
Prag.  rn.  Wschr.  1895  Nr.  45 — 51.  —  23.  Karasawa  u.  Schick:  Jahrb.; 
f.  Kindcrhlk.  1910,  72.  —  24.  Wassermann:  Zschr.  f.  Hyg.  1895,  19.  — J 
25.  Selig  mann:  Zschr.  f.  Hyg.  87.  —  26.  Schick:  Verh.  d.  Natur- 
forschervers.,  Königsberg  1910.  —  27.  Riebold:  M.m.W.  1914  Nr.  17.  — ! 
28.  Kleinschmidt:  Jahrb.  f.  Kinderhlk.  1913,  78.  —  29.  Bauer:  Verh.l 
d.  Rhein. -Westf.  Ges.  f.  inn.  M.  1913.  —  30.  Krause:  Handb.  f.  inn.  M. 
von  Mohr  u.  Stähelin  1911,  1.  —  31.  Zucker:  zitiert  nach  Krause.  — 
32.  Uffenhauer:  M.m.W.  1921  Nr.  34.  —  33.  Lande:  B.kl.W.  1917 
Nr.  51.  —  34.  Romminger:  Zschr.  f.  Kinderhlk.  1919,  23.  —  35.  Hol¬ 
latz:  Zbl.  f.  Gyn.  1920  Nr.  8.  —  36.  Romminger:  Zschr.  f.  Kinderhlk. 
1921,  28.  —  37.  Schanz:  B.kl.W.  1897  Nr.  3.  —  38.  Bingel:  D.m.W. 
1918  Nr.  47.  —  39.  Meyer:  D.m.W.  1920  Nr.  38.  —  40.  B  o  n  h  o  f  f:  D.m.W. 

1918  Nr.  42.  —  41.  F  r  i  ed  b  e  r  g:  B.kl.W.  1919  Nr.  7.  —  42.  D  o  r  n:  B.kl.W. 

1919  Nr.  42.  - —  43.  Joannovics:  W.kl.W.  1919,  Nr.  9.  —  44.  Feer: 
M.m.W.  1919  Nr.  13.  —  45.  Herzfeld:  M.m.W.  1919  Nr.  34.  - 
46.  Kasten  in  eyer:  Arch.  f.  Kinderhlk.  67.  —  47.  Brückner:  Jahres¬ 
bericht  d.  Ges.  f.  Natur-  u.  Heilk.,  Dresden  1919.  —  48.  Kraus  u.  Sor-> 
delli:  Zschr.  f.  Immun. Forsch.  31.  —  49.  Schanz:  M.K1.  1913  Nr.  8.  — 
50.  van  der  Reis:  M.m.W.  1921.  —  51.  Pesch  u.  Zschocke:  M.m.W. 

1922  Nr.  35.  —  52.  K  1  o  s  e  u.  Knappe:  M.m.W.  1922  Nr.  31.  —  53.  Opitz: 
Jahrb.  f.  Kinderhlk.  1920,  92.  —  54.  Derselbe:  Jahrb.  f.  Kinderhlk.  1921. 
96.  —  55.  Derselbe:  Mschr.  f.  Kinderhlk.  1921,  22.  —  56.  Rae  der: 
Norsk  Magazin  for  Lacgcvidenskaben  1921.  —  57.  Grosser:  M.m.W.  1922 
Nr.  28.  —  58.  Moss  und  Guthrie:  Johns  Hopkins  Hosp.  Bull.,  Baltimore 
1921. 


28.  September  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCH  RI  FT. 


1235 


Aerztliche  Standesangelegenheiten 

Zur  bayerischen  Aerzteversorgung. 

Von  Sanitätsrat  Dr.  Bergeat 

Nunmehr  ist  in  Nr.  35  und  36  des  Bayer,  ärztl.  Korr. Bl.  die 
Satzung  der  Aerzteversorgung,  die  auch  schon  die  Genehmigung  des 
Staatsministerium  des  Innern  erhalten  hat,  veröffentlicht.  Ueber  ihren 
nhalt  hat  bereits  S  t  a  u  d  e  r  auf  dem  Aerztetag  in  Nürnberg  berichtet 
1s.  M.m.W.  Nr.  30  und  Bayer,  ärztl.  Korr.Bl.  Nr.  31).  Wenn  die 
Satzung  an  dieser  Stelle  eine  Besprechung  erfahren  soll,  so  kann 
liese  nur  von  dem  Ausdruck  der  Anerkennung  ausgehen,  dass  und 
n  welcher  Weise  das  schwere  Werk  vollendet  worden  und  der 
“reude,  dass  in  dieser  durch  und  durch  brüchigen  Zeit  gerade  in 
iayern  und  uns  bayerischen  Aerzten  diese  Tat  des  Aufbaues  ge¬ 
lingen  ist.  Es  wird  wohl  Schwer  sein,  etwas  vorzubringen,  was  nicht 
n  den  überaus  gründlichen  Vorverhandlungen  erörtert  worden  wäre; 
mmerhin  möchten  doch  einige  Punkte  einer  gewissen  Nachprüfung 
vert  erscheinen. 

Zunächst  die  Fiage  der  Aerztinnen:  die  Satzung  bestimmt,  dass 
erheiratete  Aerztinnen  nicht  in  die  Versorgung  aufgenommen,  sich 
erheiratende  mit  Verlust  der  Hälfte  der  geleisteten  Beiträge  (§11) 
usscheiden  sollen.  Was  die  bayerischen  Aerztinnen  selbst  davon 
.alten,  ist  nicht  bekannt,  ganz  befriedigend  erscheint  diese  Regelung 
iiclit.  Sie  scheint  von  der  formalen  Auffassung  auszugehen!  dass 
ine  jede  Frau  mit  ihrer  Verheiratung  an  sich  als  „versorgt“  zu  gel- 
en  habe.  Wenn  die  Vermutung  zutrifft,  dass  gerade  Aerztinnen 
ich  vielfach  mit  Angehörigen  freier  Berufe  (Aerzte,  An¬ 
halte,  Künstler,  Schriftsteller)  verheiraten,  so  weiss  man,  wie 
chlecht  es  da  oft  mit  der  wirklichen  Versorgung  aussieht.  Wenn 
ann  weiter  angenommen  werden  darf,  dass  heute  in  gar  manchen 
allen  der  selbständige  Erwerb  der  Frau  als  Aerztin  eine  wichtige 
/irtschaftliche  Grundlage  der  Eheschliessung  bildet,  so  wird  man 
uch  die  Sicherung  der  Zukunft  dieses  selbsterwcrbcnden  Eheteiles 
nd  der  Familie  als  eine  Notwendigkeit  oder  ein  berechtigtes  Inter- 
sse  gerne  anerkennen.  ,  Demnach  sollte  nicht  so  sehr  die  Ver- 
eiratung,  sondern  nur  das  Ausscheiden  aus  dem  Beruf  den  Grund 
)Um  Auscheiden  aus  der  Versorgung  bilden  und  würde  wohl  einer 
egelung  von  Fall  zu  Fall  Raum  gegeben  werden  können.  Stauder 
at  sich  auf  Bedenken  gegen  eine  Doppelversorgung  bei  der  Ehe 
jines  Arztes  mit  einer  Aerztin  bezogen.  Will  man  wirklich  die 
^legcntliche  Kumulation  rechtmässiger  Versorgungsansprüche 
-heuen,  so  könnten  für  solche  Fälle  ja  eigene  Bestimmungen  ge- 
often  werden.  Alles,  wie  gesagt,  vorbehaltlich  der  Meinung  der 
olIeginncn*selbst!  — 

Ein  zweiter  Punkt  sind  die  §§  6  und  18,  wonach  einem  Arzt  „aus 
:hwer wiegenden  Gründen“  die  Aufnahme  versagt  oder  die  Mit- 
iedschaft  durch  Entscheidung  des  Spruchausschusses  entzogen  wor¬ 
an  kann.  Es  ist  klar,  dass  in  einer  Einrichtung,  die  durchaus  aus 
am  idealen  Standesgedanken  herausgewachsen  ist,  kein  Platz  ist  für 
lemente,  die  ausserhalb  der  ethischen  Aerztegemeinschaft  stehen, 
s  wäre  aber  zu  empfehlen,  diese  recht  dehnbare  allgemeine  Bestim- 
ung  wenigstens  etwas  näher  zu  umschreiben.  In  Betracht  kommen 
obe  Verstösse  gegen  die  allgemeine  oder  berufliche  Ehrenhaftigkeit 
ld  gegen  die  Einrichtung  der  Versorgung  selbst.  In  ersteren  Fällen 
ird  es  nur  gut  sein,  wenn  sich  die  Entscheidung  des  Spruchaus- 
Jiusses  auf  feststehende  gerichtliche  und  ehrengerichtliche  Urteile, 
r-  auf  Gutachten  der  Aerztekammer  stützt  und  möglichst  wenig 
Ibst  mit  einem  richterlichen  Verfahren  belastet  wird,  wie  ich  es 
ich  für  selbstverständlich  halte,  dass  die  Versorgung  als  öffentliche 
echtsanstalt  nicht  zum  Organ  allgemeiner  Standes-  und  Organi- 
tionspolitik  werden  soll.  Dass  (§  18/1)  das  Ruhegeld  Und  die  Alters- 
nte  auch  noch  einem  Arzt  entzogen  werden  können,  der  sich  be- 
lts  auf  Grund  erworbener  Rechte  im  Bezug  von  Versorgungs- 
'stungen  befindet,  erscheint  rechtlich  doch  etwas  überraschend; 

•n  jran  testgehalten,  so  wird  jedenfalls  nur  in  den  schwersten 
dien  davon  Gebrauch  zu  machen  sein.  — 

Nebenbei  bemerkt  wäre  betreffend  die  Bildung  des  Spruch- 
sschusses  wohl  eine  Bestimmung  am  Platz,  aus  welchem  Personcn- 
oo/,(ÄedenfalIs  der  Mitglieder)  die  Beisitzer  zu  entnehmen  sind 

Der  wichtigste  Teil  der  Satzung  sind  die  finanztechnischen  Bc- 
immungen.  Hier  liegt  von  Anfang  an  und  heute  mehr  wie  je  das 
nze  Problem  der  Versorgung.  Hier  besteht  die  Aufgabe  nicht  in 
lern  starren  Vollzug,  sondern  in  der  möglichsten  Anpassung  an  die 
sserordentlichen  Zeitverhältnisse.  Deshalb  sind  die  Vollmachten, 
dche  dem  Vcrwaltungsausschuss  in  die  Hand  gegeben  sind  (§§  10, 
usw.)  fast  wichtiger  als  die  bindenden  Vorschriften.  Nur  in  einem 
hr  bedeutungsvollen  Punkt  scheinen  mir  die  Vorschriften  noch  zu 
irr  und  wegen  der  kurzgesetzten  Frist  eine  baldige  Aendcrung  er¬ 
lischt  zu  sein.  Im  §  17  ist  die  Möglichkeit  einer  Abminderung  der 
ahrigen  Wartezeit  um  Monate  bis  auf  3  Jahre  vorgesehen  und  hier¬ 
zugleich  eine  Frist  von  6  Monaten  nach  Errichtung  der  Vcrsor- 
ng  gesetzt.  Die  entsprechenden  monatlichen  Sonderzahlungen  sollen 
i  zum  5.  Jahr  der  Praxis  je  1ls o.  später  je  Vio  des  pensionsfälügen 
onatsgehaltes  eines  Beamten  der  Klasse  AI  (z.  B.  Schranken- 
irters)  betragen;  in  letzterem  Fall  sind  demnach  von  einem  älteren 
i\A  ’  wenn  er  2  Jahre  Nachlass  an  der  Wartezeit  anstrebt,  innerhalb 
1  Monaten  neben  dem  normalen  Jahresbeitrag  31  Iw,  d.  i.  der  2%  fache 


Monatsgehalt  eines  Schrankenwärters  aufzubringen,  d.  h.  zu  eriibri- 
gen,  was  heute  einen  beträchtlichen,  vielleicht  sehr  beträchtlichen 
Bruchteil  einer  Milliarde  ausmachen  wird.  Da  bei  der  bekannten, 
unter  Aufsicht  von  Wohlfahrtsministerien  geübten  Lohndrückerci  der 
ärztliche  Stand  bei  jeder  Teuerungsflut  sich  noch  mehr  von  dem  er¬ 
träglichen  Erwerbsdurchschnitt  entfernt,  so  wird  die  Zahl  derer, 
welche  dieses  Opfer  bringen  können,  immer  geringer  werden  und  eine 
Erleichterung  gerade  dieser  Bestimmung  gewiss  vielseitig  begrüsst 
werden.  — 

{m  übrigen  wäre  nur  noch  die  Frage  aufzuwerfen,  ob  nicht  aus¬ 
drückliche  Bestimmungen  nachzuholen  wären  über  die  Beitragspflicht 
oder  das  Ende  der  Beitragspflicht  derer,  welche  in  den  Genuss  des 
Alters-  oder  Ruhegeldes  eingetreten  sind. 

Es  würde  mich  freuen,  wenn  die  eine  oder  andere  dieser  wenigen 
Anregungen  als  nützlich  anerkannt  würde.  Die  schwersten  Aufgaben 
stehen  der  Leitung  der  Versorgungsanstalt  erst  noch  bevor  in  der 
praktischen  Durchführung  des  Gesetzes,  vor  allem  bei  den  Versor- 
gungsfällen,  welche  in  die  5  jährige  Wartezeit  hineinfallen.  Um  diese 
Wartezeit  durchzuhalten,  werden  alle  möglichen  Hilfsmittel  heran¬ 
gezogen  werden  müssen.  Darum  sei  es  mir  zum  Schluss  noch  ge¬ 
stattet,  einen  Gedanken  anzudeuten:  Die  gewiss  auch  für  viele  Aerzte 
einschlägige,  gewiss  aber  nur  wenigen  bekannte  und  von  wenigen 
benutzte  gesetzliche  Kleinrentnerfiirsorge  Hesse  sich  wahrscheinlich 
in  den  Händen  der  gesetzlichen  Aerzteversorgung  in  segensreicher 
Weise  nutzbar  machen  für  notleidende  Standesgenossen,  denen  vor¬ 
erst  das  Alters-  und  Ruhegeld  doch  auch  bestenfalls  nur  eine  be¬ 
scheidene  Beihilfe  gewähren  kann.  Dem  Studium  dieser  Frage  näher¬ 
zutreten  dürfte  sich,  soweit  ich  sehe,  wohl  verlohnen  und  zur  Er¬ 
leichterung  mancher  Schwierigkeiten  dienen  können. 

•  \  - - 

Bücheranzeigen  und  Referate. 

Katz  und  Blumenfeld:  Handbuch  der  speziellen  Chirurgie 
des  Ohres  und  der  oberen  Luftwege.  3.  vermehrte  und  verbesserte 
Auflage.  Mit  285  Abbildungen  im  Text  und  auf  151  Tafeln.  Leipzig 
Curt  Kabitzsch,  1922. 

Die  erste  Auflage  des  von  Katz,  B  1  u  m  e  n  f  e  1  d  und  von  dem 
jetzt  ausgeschiedenen  Pr  ey  sing  1911  herausgegebenen  Hand¬ 
buches  hat  die  auf  dasselbe  gesetzten  Erwartungen  übertroffen.  Sie 
hat  nicht  nur  eine  Zusammenfassung  der  gebräuchlichen  Operations- 
methoden  usw.  gebracht,  sondern  sie  hat  auch  die  Chirurgie  des 
Ohres  und  der  oberen  Luftwege  mächtig  gefördert. 

Die  zweite  Auflage  des  gross  angelegten  Handbuches  ist  bereits 
1913  erschienen  und  zwar  ohne  wesentliche  Aenderung. 

Um  so  zahlreicher  sind  die  Umarbeitungen  und  Ergänzungen, 
welche  die  dritte  Auflage  bringt.  Bisher  sind  der  1.  Band!  erste  und 
zweite  Hälfte,  sowie  der  4.  Band  erschienen.  Mit  welchen  Schwierig¬ 
keiten  die  Herausgeber  zu  kämpfen  hatten,  ersieht  man  daraus,  dass 
von  der  ersten  Auflage  die  Kapitel  über  Totalaufmeisselung  und 
otitische  Komplikationen  sowie  über  Operation  der  Tumoren  und  der 
Iuberkulose  bis  jetzt  noch  nicht  erschienen  sind.  Es  ist  das  eine 
recht  unangenehme  Störung. 

Die  topographische  Anatomie  der  Nasenhöhle  und  ihrer  Neben¬ 
höhlen  konnte  von  0  n  o  d  i  kurz  vor  seinem  Tode  neu  überarbeitet 
werden.  S  t  e  n  g  e  r  hat  wieder  die  topographische  Anatomie  des 
Gehörorgans,  S  o  b  o  1 1  a  die  des  übrigen  Kopfes,  des  Mundrachens, 
des  Halses  und  Mediastinums  und  Most  den  Lymphgefässapparat 
des  Kopfes  und  Halses  übernommen. 

An  der  zweiten  Hälfte  des  ersten  Bandes  haben  einige  neue 
Autoren  mitgearbeitet.  An  Stelle  des  verstorbenen  Pieniazek  hat 
J  host  die  Behandlung  der  Stenosen,  an  Stelle  des  verstorbenen 
P  o  r  t  hat  L  o  o  s  die  Prothesen  bearbeitet,  und  an  Stelle  des  zurück¬ 
getretenen  Kuttner  haben  Pfeiffer  und  Albanus  sich  in 
Röntgenuntersuchung  und  Strahlentherapie  geteilt.  Im  übrigen  sind 
die  Autoren  die  gleichen  geblieben,  und  zwar  entfallen  auf  Haecker 
allgemeine  Anästhesie,  auf  Hey  m  ann  Lokalanästhesie  des  Halses 
und  der  Nase,  Voss  Lokalanästhesie  am  Ohr,  I  s  e  m  e  r  Stauungs¬ 
therapie,  Röpke  Begutachtung  Operierter,  Joseph  korrektive 
Nasen-  und  Ohrenplastik,  S  t  e  i  n  Paraffintherapie,  Bocken  h  ei  imer 
plastische  Operationen,  E.  Meyer  die  phlegmonösen  Entzündungen 
der  oberen  Luftwege  und  schliesslich  Kissling  septische  Erkran¬ 
kungen. 

Im  vierten  Band  hat  anstatt  Hansberg,  der  zurückgetreten 
ist,  Seifert  die  Laryngofissur  übernommen,  die  übrigen  Mit¬ 
arbeiter  sind  die  gleichen  geblieben.  Gluck  und  Soerensen 
haben  diesmal  ihr  Arbeitsgebiet  in  scharf  begrenzte  Unterabteilungen 
geteilt  und  zwar  Exstirpation  und  Resektion  des  Kehlkopfes,  Opera¬ 
tionen  am  Pharynx  und  am  Anfangsteil  des  Oesophagus,  Chirurgie 
des  Oesophagus,  der  Trachea,  der  Mandibula,  der  Zunge,  der  Schild¬ 
drüse  und  der  Thymus  und  schliesslich  Ligatur  der  Karotis.  Die 
endolaryngealen  Operationen  hat  wieder  B 1  u  m  e  n  f  c  I  d,  die 
I  raclieotomie  Bockenheimer,  die  Tracheo-Bronchoskopie 
Mann  und  die  Oesophagoskopie  Stark  übernommen. 

Die  Rücksicht  auf  den  zur  Verfügung  stehenden  Raum  verbietet 
es,  auf  die  einzelnen  Kapitel  näher  einzugehen.  Jedenfalls  bedeutet 
die  neue  Auflage,  soweit  sie  bisher  vorliegt,  einen  wesentlichen  Fort¬ 
schritt  gegenüber  den  früheren  Auflagen.  Auch  die  Ausstattung  lässt 
kaum  etwas  zu  wünschen  übrig.  Das  Handbuch  sollte  in  der  Hand 


1236 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  39. 


jedes  Oto-Laryngologen,  aber  auch  jedes  Chirurgen  sein.  Leider 
wird  das  durch  den  naturgemäss  hohen  Preis  verhindert,  der  fast 
nur  für  das  Ausland  erschwinglich  ist.  S  c  h  e  i  b  e  -  Erlangen. 

Heyraans:  Die  Gesetze  und  Elemente  des  wissenschaftlichen 
Denkens.  Barth,  Leipzig,  1923.  4.  Aufl.  438  S.  Gdpr.:  12  M., 
geb.  15  M. 

Eine  auch  dem  Arzt,  der  sich  nicht  viel  mit  Philosophie  beschäf¬ 
tigt  hat,  leichtverständliche  und  deshalb  gewiss  manchem  willkom¬ 
mene  klare  Darstellung  der  Gesetze  des  Denkens,  wie  die  Philosophie 
sie  behandelt  (an  einer  einzigen  Stelle  gehen  mathematische  Voraus¬ 
setzungen  über  das  dem  Arzt  gewöhnlich  Zugängliche  hinaus).  Inter¬ 
essant  ist,  wie  der  philosophische  Logiker  beim  „naturwissenschaft¬ 
lichen  Denken“  sich  mit  der  „Wahrscheinlichkeit“  abfinden  muss,  die 
in  seine  logischen  Schemata  nicht  recht  hineinpasst;  er  kennt  nur 
„a  =  b“,  „a  nicht  =  b“,  „einige  a  =  b“  und  „einige  a  nicht  =  b“.  Ge¬ 
rade  das,  was  den  Nutzen  sowohl  wie  die  Schwierigkeit  des  Denkens 
ausmacht,  das  Schliessen  aus  Analogie  auf  etwas  vorher  Unbekann¬ 
tes,  d.h.  die  bei  biologischer  Betrachtung  so  selbstverständliche  Ab¬ 
wägung  von  vielen  a  und  wenigen  a,  die  b  sind,  muss  da  auf  Um¬ 
wegen  erkünstelt  werden,  und  wenn  man  die  verschiedenen  Mei¬ 
nungen  über  synthetische  und  analytische  Urteile  a  priori  und 
a  posteriori  liest  und  dabei  an  das  denkt,  was  man  alles  geleistet  hat, 
ohne  sich  darum  zu  kümmern,  so  kann  man  den  Gedanken  nicht  unter¬ 
drücken,  hier  wäre  das  Wichtigste  eigentlich  eine 
Untersuchung,  ob  diese  vier  Begriffe  überhaupt 
noch  einen  verwendbaren  Sinn  haben.  Diese  Bemer¬ 
kung  gilt  natürlich  nicht  der  hübschen  Darstellung  Heymans', 
sondern  der  alten  philosophischen  Richtung. 

E.  Bleuler-  Burghöl  :li. 

F.  Walther:  Ueber  Grippepsychosen.  Ernst  B  i  r  c  h  e  r, 
Bern,  1923. 

W.  bearbeitet  ein  recht  grosses  Material  (im  ganzen  60  Fälle) 
von  Psychosen,  die  in  irgendeinem  Zusammenhänge  mit  der  Grippe 
stehen,  und  zwar  trennt  er  nach  reinen  Grippepsychosen  und 
Psychosen  mit  geringerem  Grippeanteil,  bei  welch  letzteren  andere 
Ursachen  wesentlich  mitbestimmend  sind.  Alle  Psychosen,  lassen 
sich  in  zwei  grosse  Gruppen  ordnen,  solche  mit  vorwiegenden  Be¬ 
wusstseinsstörungen  und  andere  mit  vorwiegenden  affektiven  Stö¬ 
rungen,  die  durchaus  nicht  selten  sind.  Den  ersteren  ist  im  Vergleich 
mit  anderen  Infektionspsychosen  eine  Vorliebe  zu  höheren  Graden 
von  Verwirrtheit,  zu  psychomotorischer  Erregung  und  zu  depressiv¬ 
ängstlicher  Stimmungslage  eigen.  Die  letzteren  zeichnen  sich  fast 
immer  durch  exogene  Beimischungen  aus  (besondere  Labilität  des 
gesamten  Seelenlebens,  Sinnestäuschungen  und  Wahnideen,  Bewusst¬ 
seinstrübung).  Die  g&fährlichste  Zeit  ist  die  Rekonvaleszenzperiode. 
In  der  eigentlichen  Krankheitszeit  überwiegen  die  Zustände  mit  vor¬ 
wiegender  Bewusstseinsstörung,  nachher  die  vorwiegend  affektiven 
Krankheitserscheinungen.  In  die  spätere  Zeit  fallen  auch  die  meisten 
Störungen  mit  geringerem  Grippeanteil. 

In  dem  Buch  wird  allenthalben  der  Versuch  deutlich,  den  neueren 
und  neuesten  klinischen  Gesichtspunkten  Rechnung  zu  tragen.  Doch 
laufen  die  theoretischen  Auseinandersetzungen  des  Verfassers  recht 
lose  neben  seinem  Material  her.  Der  Hauptwert  der  Arbeit  liegt 
zweifellos  in  den  zum  grossen  Teil  sehr  guten  Krankheits¬ 
beobachtungen.  Johannes  L  a  n  g  e  -  München. 

Trattato  di  Anatomia  Pathologica  publicato  dal  Prof.  Pio  F  o  ä. 

Es  ist  eine  mit  Wehmut  gemischte  Freude,  das  Fortschreiten 
dieses  grossen  Handbuches  zu  verfolgen;  mit  Wehmut,  weil  in  abseh¬ 
barer  Zeit  ein  so  grosszügiges  zusammenfassendes  Werk  der  ge¬ 
samten  Pathologie  in  Deutschland  aus  bekannten  Gründen  keinen 
Absatz  finden  könnte,  mit  Freude,  weil  hier  wirklich  etwas  Ganzes 
geschaffen  wird,  wobei  auch  die  modernsten  Forschungsergebnisse 
bereits  mit  verarbeitet  sind.  An  neuen  Abschnitten  liegen  vor:  von 
Ottolenghi:  Pflanzliche  Mikroparasiten,  in  handbuchartiger 
Breite  geschildert,  von  Belfanti:  Immunität,  mit  einem  ausser¬ 
ordentlich  interessant  geschriebenen  Aufsatz  von  Cesaris  Demel 
über  die  pathologische  Anatomie  der  Anaphylaxie;  von  Volpino: 
Filtrierbares  und  unbestimmbares  Virus;  von  Fontana:  Spirochä- 
tosen;  von  Sangiorgi:  Menschen-  und  tierpathogene  Protozoen; 
von  Ravenna:  Tierische  Parasiten;  von  A 1  m  a  g i  a:  Physikalische 
Krankheitsursachen.  Besonders  erfreulich  ist,  dass  die  Tierkrank¬ 
heiten  überall  ausführlich  berücksichtigt  werden,  über  die  der  Arzt 
auch  orientiert  sein  muss,  wie  ja  überhaupt  die  vergleichende  Patho¬ 
logie  noch  ein  weites  und  dankbares  Feld  darbietet  *). 

Oberndorfer  -  München. 

Walter  Guttmann:  Medizinische  Terminologie.  Ableitung 
und  Erklärung  der  gebräuchlichsten  Fachausdrücke  aller  Zweige  der 
Medizin  und  ihrer  Hilfswissenschaften.  16.  bis  20.  Auflage  mit 
537  Abbildungen.  Urban  &  Schwarzenberg,  Berlin  und  Wien, 
1923. 

Gutt  man  ns  Terminologie  erneuert  sich  beständig.  Der  12. 
bis  15.  Auflage  (1920)  ist  rasch  die  16.  bis  20.  gefolgt.  So  ist  es  mög¬ 
lich.  das  Buch  fortwährend  zu  ergänzen,  überflüssig  gewordene  Stich¬ 
worte  auszuschalten,  neu  in  der  Literatur  aufgetauchte  zu  erklären. 


*)  Dank  dem  Entgegenkommen  des  Herrn  Oberndorfer  ist  das 
Werk  aus  der  Bibliothek  des  Aerztlichen  Vereins  München  erhältlich. 


Der  ausserordentliche  Fleiss,  die  erstaunliche  Belesenheit,  die  der 
Verfasser.  Gen.O.A.  Marie,  auf  die  Neubearbeitungen  seines  Buches 
verwendet,  bringen  es  zuwege,  dass  das  Buch  tatsächlich  „vollstän¬ 
dig“  zu  nennen  ist  und  so  gut  wie  nie  versagt.  Möge  die  Gunst  der 
Aerzte  dem  vortrefflichen  Buche  treu  bleiben  und  auch  fernerhin 
häufige  Neuauflagen  ermöglichen.  Das  Bedürfnis  nach  einem  Führer 
durch  die  immer  schwieriger  zu  beherrschende  medizinische  Termino¬ 
logie  ist  ja  für  jeden  Arzt  gegeben. 

Zeitschriften  -  Uebersicht. 

Zentralblatt  für  Gynäkologie.  1923.  Nr.  35  u.  36. 

Nr.  35. 

A.  L  a  b  h  a  r  d  t  -  Basel:  Subtotale  Kolpoperineoklelsis  als  Prolaps- 
Operation  bei  alten  Frauen. 

Statt  nach  Le  Fort-Neu  gebaucr  die  Scheide  bis  auf  2  seitliche 
Kanäle  zu  schliessen,  verschliesst  Verf.  sie  bis  auf  einen  medianen  sub¬ 
urethral  gelegenen  engen  Kanal.  Es  wird  nicht  nur,  wie  bei  der  gewöhn¬ 
lichen  Plastik,  der  Introitus,  sondern  auch  die  Scheide  auf  3 — 4  cm  weit  ins 
Innere  hinein  verengert,  wodurch  ein  sehr  dicker,  gewebsreicher  Damm  ge¬ 
bildet  wird. 

W.  Kocrting  (Univ. -Frauenklinik  Prag):  Eine  seltene  Form  der 
Eklampsie. 

Der  Fall  war  durch  besondere  psychotische  Momente,  puerile  Sprache, 
Greifen  in  den  eigenen  Kot  ausgezeichnet  und  deshalb  die  Abgrenzung  gegen¬ 
über  Epilepsie  und  Hysterie  erschwert.  Bei  Epilepsie  ist  nie  Eiweiss  vor¬ 
handen,  bei  Hysterie  müssen  neben  Krämpfen  auch  andere  hysterische 
Symptome  zu  finden  sein. 

G.  Conrad  (Rud.-Virchow-Krankenhaus  Berlin):  Schwangerschaft  im 
rudimentären  Nebenhorn. 

Bei  der  Nebenhornschwangerschaft  ist  ein  derber  Strang  meist  in  Höhe 
des  inneren  Muttermunds  abgehend  im  Gegensatz  zu  Adnextumor  und  ge¬ 
stieltem  Myom  neben  anderen  Schwangerschaftszeichen  zu  fühlen.  Wegen 
Ruptur-  und  Verblutungsgefahr  ist  das  Horn  zu  amputieren. 

B.  Ragusa  (Univ.-Frauenklinik  Rom):  Zur  sicheren  Asepsis  bei 

manueller  Lösung  der  Plazenta  und  bei  Wendung. 

Die  untersuchende  Hand  ist  von  einem  Gummischlauch  umhüllt,  der  sich 
oben  durch  Fingerspreizen  öffnen  lässt,  sobald  die  Finger  sich  der  Zervix 
gegenüber  befinden.  Dadurch  wird  das  Verschleppen  von  Keimen  nach  oben 
vermieden. 

F.  Eberhard  t-Baden-Badeu:  Augenerkrankungen,  speziell  Chorioiditis 
disseminata,  und  künstlicher  Abort. 

Die  Chorioiditis  disseminata  ist  Indikation  zur  Unterbrechung  der 
Gravidität,  weil  erhebliche  Gefahr  völliger  Erblindung  besteht. 

E.  E  c  k  s  t  e  i  n  -  Teplitz-Schönau:  Ueber  die  Indikationen  und  die 

Technik  der  Intrauterintamponade. 

Verf.  verwendet  seit  30  Jahren  mit  bestem  Erfolg  die  intrauterine 
Tamponade  nicht  nur  bei  atonischen  Blutungen,  sondern  auch,  was  heute  zu 
Unrecht  in  Vergessenheit  geraten  sei,  zur  Einleitung  des  artifiziellen  Abortes 
mensis  I — V  nach  vorheriger  Dilatation  bis  Hegar  6,  sowie  auch  beim  fieber¬ 
haften  Abort,  wenn  Retention  von  Eiresten  nicht  mit  Sicherheit  ausgeschlossen 
werden  kann. 

Nr.  36. 

O.  Gragert  (Univ.-Frauenklinik  Greifswald):  Ein  vereinfachtes  Ver¬ 
fahren  zur  Erzeugung  eines  künstlichen  Pneumoperitoneums. 

Die  durch  Watte  filtrierte  Luft  wird  mit  steriler  J  e  a  n  n  e  t  scher, 
200  ccm  fassender  Spritze,  die  mit  Schlauch,  Dreiwegehahn  und  gewöhnlicher, 
abgestumpfter  Lumbalpunktionskanüle  versehen  ist,  in  das  Abdomen  zur 
Röntgenuntersuchung  cingeblasen.  Abbildungen  und  genaue  Beschreibung 
der  Technik. 

K.  Fritsch  (Städt.  Kraikenhaus  Gera):  Ueber  Behandlung  des  Tetanus 

puerperalis. 

Die  Behandlung  des  ausgebrochenen  T.  p  ist  entgegen  Simon  nicht 
aussichtslos,  Verf.  empfiehlt  die  subdurale  Injektion  von  beiderseits  je  etwa 
5  ccm  Tetanusantitoxin  (Lösung  100  A.E.)  nach  Betz  und  Duhamel  in 
Lokalanästhesie  mittels  Trepanation  in  Kombination  mit  subkutaner  und 
intralumbaler  Injektion  von  Antitoxin  (etwa  15  ccm)  sowie  3  mal  täglich 
10  ccm  einer  20  proz.  Magnesiumsulfatlösung  als  Klysma. 

A.  Kaltner  (Tierärztl.  Hochschule  Wien):  Studien  über  das  Corpus 
luteum  graviditatis  beim  Rind. 

Während  bei  Schweinen  und  anderen  multiparen  Tieren  nachgewiesener- 
massen  mehr  Eier  abgegeben  und  befruchtet  als  später  Früchte  im  Uterus 
gefunden  werden,  fand  Verf.  beim  Rinde  unter  300  Fällen  295  mal  zahlen- 
mässiges  Uebereinstimmen  der  gelben  Körper  und  der  im  Uterus  vor¬ 
handenen  Föten. 

E.  Schwab  (Krankenhaus  Hamburg-Barmbeck):  Zur  Frage  der  Be¬ 
handlung  der  Uterusperforation. 

Nichts  Neues.  Jede  ausserhalb  der  Klinik  gesetzte  Perforation  soll  in 
die  Klinik  gebracht  werden.  Bei  stärkerer  Blutung,  Infektionsgefahr  und 
Verdacht  auf  Nebenverletzungen  ist  zu  laparotomicren.  Kasuistik  von 
9  Fällen. 

H.  S  t  r  u  b  e  -  Berlin-Moabit:  Ist  Morphium  ein  „Antidot“  bei  Skopo¬ 
laminvergiftung? 

Sehr  interessante  Arbeit  mit  genauer  Pharmakologie  des  Skopolamins. 
Verf.  warnt  vor  ihm  als  dem  „Chamäleon“  unter  den  narkotischen  Mitteln. 
Morphium  ist  kein  sicheres  Antidot  dagegen.  Skopolamin-Morphium  kann 
sogar  potenzierte  Wirkung  haben  und  ist  besser  zu  meiden. 

Robert  Kuhn-  Karlsruhe. 

Monatsschrift  fiir  Kinderheilkunde.  Bd.  XXVI.  H.  1  u.  2. 

Heft  1.  S  c  h  i  f  f  -  Berlin:  Das  asthenische  Kind. 

Referat,  gehalten  in  der  Berl.  Ges.  f.  innere  Med.  u.  Kinderhlk.  am 
11.  XII.  1922  (vgl.  d.  Wschr.  Jahrg.  1922). 

K.  L  c  w  k  o  w  i  c  z  -  Krakau:  Die  spezifische  Behandlung  der  epidemi¬ 
schen  Genickstarre.  VII.  Mitteilung:  Die  Bedingungen  für  die  Serumbehand¬ 
lung  bei  Verengerung  der  Gehirnventrikel. 

In  schweren  Fällen  der  Genickstarre  muss  man  zur  Erzielung  eines 
therapeutischen  Effekts  unbedingt  für  ununterbrochene  Einwirkung  des  Serums 


28.  September  1923. 


MÜNCHHNHR  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1237 


n  den  Ventrikeln  sorgen.  Sind  infolge  von  Gehirnödem  die  Ventrikel  ver- 
iigert.  so  genügen,  selbst  bei  beiderseitiger  Applikation  durch  die  Temporal- 
lUnktion,  nicht  einmal  jeden  Tag  wiederholte  Einspritzungen,  weil  in  solchen 
allen  das  Serum  aus  den  Ventrikeln  durch  die  Strömung  der  Zerebrospinal- 
lüssigkeit  sehr  bald  weggeschwernint  wird.  Hei  starker  Ventrikelverengerung 
and  die  Einspritzungen  2— 3  mal  täglich  zu  wiederholen. 

A.  Reiche-  Braunschweig:  Ueber  Neuralgien  im  Kiudcsalter. 

Diese  treten,  insbesondere  bei  Knaben,  sowohl  im  Spiel-  wie  im  Schul¬ 
der  häufiger,  als  bisher  angenommen  wurde,  auf.  Als  Ursache  der  Häufung 
ler  Erkrankung  in  den  letzten  Jahren  sind  die  immer  wiederkehrenden 
irippeepidemien  anzusprechen.  In  erster  Linie  erkranken  Neuropathen.  Die 
rognose  fiir  Ausheilung  ist  besser  als  beim  Erwachsenen.  In  schweren 
allen  wird  Vakzineurinbehandlung  angeraten. 

Ake  S  c h  e  1  e -Lund:  Ein  Fall  von  spät  auftretender  geburtstraiimati- 

eher  Meningealblutung. 

Erscheinungen  im  Alter  von  6  Wochen.  Riss  im  Tentorium. 

Otto  Iezner-Wien:  Weitere  Liquoruntersuchungen  bei  kongenital- 

uetisclien  Kindern. 

Positiver  Liquorbefund  in  43,3  Proz.  der  Fälle.  Im  Säuglingsalter  sogar 
ei  5b,  1  1  roz.  positiver  Befund.  Oie  Liquorveränderungen  scheinen  mit  dem 
velterweruen  der  Kinder  spontan  zu  schwinden.  Aus  dem  positiven  Befund 
m  .  äuglingsalter  kann  ein  Schluss  auf  eine  später  auftretende  Nerven- 
rkrankung  nicht  gezogen  werden. 

L  ü  art  je  -  Riga:  Ueber  Ueberempfindllchkeit  bei  konstitutionellem 

:kzem  der  Kinder. 

I  Unter  den  mit  konstitutionellem  Ekzem  behafteten  Kindern  gibt  es  eine 
iruppe,  die  eine  Hautüberempfindlichkeit  gegenüber  Fett  besitzt,  die  sich  als 
Ekzem  kundgibt.  Es  handelt  sich  um  magere  Kinder  mit  trockenem  Ekzem, 
leist  frei  von  anderen  exsudativen  Erscheinungen,  ln  hartnäckigen  Fällen 
leser  Art  kann  die  intrakutane  Injektion  von  Fettlösungen  eine  gewisse 
Uerapeutische  Bedeutung  beanspruchen. 

,  K  o  z  i  t  s  c  h  e  k  -  Wien:  Ueber  den  Einfluss  von  Gemüsepress- 

aft  auf  den  Kalkstoffwechsel  bei  Rachitis. 

Ein  fördernder  Einfluss  des  Pressaftes  auf  den  Kalkansatz  wird  für  einen 
all  angegeben,  bei  dem  bei  spontan  heilender  Rachitis  die  Kalkbilanz  schon 
(bernormal  positiv  war. 

Alf.  Koleczek:  Diabetes  mellitus  und  Ikterus.  Kasuistik. 

Otto  R  i  e  ih  sch  n  eid  e  r  -  Breslau:  Ueber  eine  tödliche  Blutung  infolge 
iefassarroslon  durch  Soor. 

Oesophagussoor  ohne  klinische  Erscheinungen.  Die  sonst  beobachtete 
eukozytenanlockung  und  Thrombenbildung  blieb  aus. 

. .  M<|ft  t2'  L,ewk°wicz-  Krakau:  Die  spezifische  Behandlung  der 
Pidemischen  Genickstarre.  VIII.  Mitteilung:  Die  Schwitzbehandlung  und  das 
mmedullar  sowie  intraventrikulär  eingespritzte  Serum. 

Die  Aussichten  der  Schwitzbehandlung  sind  sehr  begrenzt.  Das  Serum 
mgegen  wirkt  in  spezifischer  Weise  gegen  die  Infektion  und  erlangt,  wenn 
le  zu  seiner  Wirkung  nötigen  prinzipiellen  Bedingungen  erfüllt  sind,  in  der 
egel  in  4—5  Tagen  eine  völlige  Unterdrückung  der  Infektion.  Wenn  keine 
rschwerungen  im  Durchflusse  der  Flüssigkeiten  zwischen  Subarachnoideal- 
lum  des  Rückenmarks  und  Hirnventrikeln  bestehen,  so  kann  das  epimedullär 
jizierte  Serum  genügende  Wirkung  ausüben.  Wo  aber  die  Einwirkung  sich 
cht  auf  die  Ventrikel  erstreckt,  ist  die  Beeinflussung  des  Infektionsprozesses 
igenugend;  in  solchen  Fällen  ist  die  —  in  jedem  Falle  überlegene  —  intra- 
entnkulare  Einspritzung  nötig. 

Walter  Singer-Basel:  Die  Osteochondritis  deforraans  juvenilis. 

Diese  Erkrankung  bietet  klinisch  und  besonders  röntgenologisch  ein 
irchaus  eigenartiges  Krankheitsbild  des  kindlichen  Hüftgelenks.  Das  Leiden 
:ginnt  nur  ausnahmsweise  vor  dem  3.  Lebensjahre  und  zeigt  sich  selten  nach 
im  ersten  Dezennium.  Im  Gegensatz  zur  tuberkulösen  Koxitis,  mit  deren 
nlangsstadium  die  juvenile  Osteochondritis  häufig  verwechselt  wird,  ist  die 
rognose  in  bezug  auf  funktionelle  Wiederherstellung  fast  immer  eine  gute 
etiologisch  kommen  in  Betracht  das  Trauma,  die  Rachitis  und  eine  lokale 
isserst  milde  verlaufende  Entzündung  vielleicht  infektiös-rheumatischer 


*  tx  t:  : -  ““i»  »1V1H.1UU  xuicivuua-i  iieuriiauscner 

atur  event  Kombination  solcher  Prozesse.  Die  Therapie,  im  wesentlichen 


achtlos,  hat  dem  Schmerz  und  einer  aus  der  Gelenkdeformierung"  re  sül¬ 
zenden  ungünstigen  Beinstellung  entgegenzuarbeiten. 

Robert  S  t  e  i  n  k  o  -  Wien:  Die  röntgenologische  Untersuchung  des 
lysmas  im  Sauglmgsalter. 

Durch  das  Klysma  wird  auf  das  gesamte  Kolon  ein  reflektorischer  Reiz 

?«  «7  f,6  bxSt  bei  einer  Flüssigkeitsmenge  von  50  ccm  (vor-  und  rück- 

unge  Wellen). 

Th.  Fahr  und  C.  S  t  a  m  m  -  Hamburg:  Kurzer  Beitrag  zur  Frage  der 

denomegalie  Typ  Gaucher. 

|  Genaue  Analyse  eines  neuen  Falles.  Die  definitive  Aufklärung  des 
Mdens  gelingt  vorläufig  nicht. 

M  Semerau-Siemanowski  und  Fr.  Xaver  Cieszynski- 
arschau:  Zur  Extrasystolie  des  Kindesalters. 

Scherung  eines  Falles  von  Kammerextrasystolie  mit  den  Kennzeichen 
aer  echten  Bigemime.  Die  Erkrankung  stand  vermutlich  in  Beziehung  mit 
ler  abnormen  Tätigkeit  des  vegetativen  Nervensystems  und  besonders  einer 
regbarkcitssteigerung  des  sympathischen  Apparates.  Die  Einverleibung 
gotomscher  Mittel  wie  Physostygmin  und  Digitalis  führte  zu  einem  vorüber- 
nenden  Verschwinden  der  Bigeminie. 

Referate.  -  Albert  Uffenheimer  -  München. 


Jahrbuch  für  Kinderheilkunde.  Bd.  101.  Heft  5  u.  6. 

Karl  Kundratitz:  Ueber  Lues  congenita.  (Aus  der  Säuglings- 


.  in  ■  TT  A  L  1  vuimeimd.  irtus  ucr  »augnngs- 

teiiung  IPrim.  Dir.  Dr.  ZuppingerJ  und  der  internen  Abteilung  [Prim. 

. Dr-  L  e*nerJ  des  Mautner-Markhof  sehen  Kinderspitals  in 
'aii  'FHrsorge>  Schicksal  und  Behandlung  derselben,  Liquorbefunde  ) 

Alle  bisherigen  Fürsorgemassnahmen  gegenüber  der  Lues  congenita  sind 
ch  Ansicht  des  Verf.  unzureichend,  bzw.  zwecklos,  da  der  grössere  Teil  der 
Krankten  Kinder  doch  nicht  einer  ausgiebigen  Behandlung  zugeführt  wird. 
"•  ordert  den  gesetzlichen  Behandlungszwang.  Zur  Erkennung  und 
irchführung  empfiehlt  Verf.  die  zuerst  von  Gerhard  inger  empfohlene 
esetziiche  Neugeborenenschau“  in  etwas  erweitertem  Umfange.  Die 
ortalitat  der  gesamten  luetischen  Säuglinge  beträgt  nach  K.  ca.  24  Proz. 
.  ^  chc1  Slch  durch  eine  energische  spezifische  Behandlungsweise  auf 
1  T0Z-  herabdrücken  lässt.  Als  Behandlungsform  verwendet  Verf  die 
liehe  chronisch  mterrfiittierende  Art  mit  Neosalvarsan  allein  oder  mit  ver¬ 


schiedenen  Quecksilbcrpräparaten  kombiniert  —  es  wurden  dabei  31,7  Proz. 
Dauerheilungcn  erzielt.  Positive  Liquorbefunde  fand  K.  in  1 /B  der  unter¬ 
suchten  Lalle  bei  fast  einem  Drittel  der  Fälle  pathologischer  Befund. 
Literaturverzeichnis. 

•i  uAlf°r1*S  M  j  d  6  ,r.:  ßie  essentiellen  Aminosäuren  In  der  Kuh-  und  Frauen- 
milch.  'Ans  den  Univ. -Kinderklinik  in  Frankfurt  a.  M.  Direktor:  Prof 
Dr.  v.  M  e  1 1  e  n  h  e  i  m.) 

Als  zusammenfassendes  Ergebnis  teilt  Madcr  mit:  Mit  Hilfe  einer  für 
quantitative  Bestimmung  ausgearbeiteten  Ninhydrinreaktion  gelingt  es,  in 
den  Ultrafiltraten  von  Kuh-  und  Frauenmilch  essentielle,  intraglandulär  prä- 
forimerte,  abiurete  Eiweissstoffe  nach  Art  und  Menge  zu  bestimmen.  Es 
handelt  sich  um  Aminosäuren  mit  einem  N-Gehalt  von  18—25  mg  für  Kuh¬ 
milch  und  51  60  mg  für  Frauenmilch  im  Liter.  Einen  wesentlichen  Einfluss 

auf  die  Oberflächenspannung  ihres  Lösungsmittels  besitzen  diese  Substanzen 
nach  den  stalagmometrischen  Befunden  mit  hoher  Wahrscheinlichkeit  nicht; 
ihre  biologische  Bedeutung  ist  zurzeit  noch  nicht  geklärt. 

A  Adam:  Ueber  die  Biologie  der  Dyspepsie  coli  und  ihre  Beziehungen 
zur  Pathogenese  der  Dyspepsie  und  Intoxikation. 

Die  bisher  vorliegenden  Ergebnisse  über  die  Bakteriologie  der  In¬ 
toxikation  ergaben  folgende  Erscheinungen  als  eng  zusammenhängende 
Glieder  in  der. Pathogenese  der  Dyspepsie  und  Intoxikation:  Stoffwechsel- 
storung  infolge  exogener  oder  endogener  Schädigung;  darauf  beruhend 
runctio  laesa  des  Dünndarmes  mit  verminderter  Produktion  alikalischer 
.aenzen,  damit  Möglichkeit  der  Ansiedelung  von  Keimen,  insbesondere 
garungstuchtiger  Kolirassen,  und  endlich  Bakterienvermehrung  durch  Angebot 
wachstumsfördernder  Nahrungsbestandteile. 

L.  S  c  h  a  p  s  -  Berlin:  Pathologie  und  Therapie  der  Ernährungsstörungen. 
a  er‘-  (ent  seine  erfolgreichen  Ergebnisse  der  Behandlungsweise  mit 
„Acilacton  (Wulfling  Berlin)  mit,  die  sich  ihm  bei  Dyspepsien,  habituellem 
Erbrechen,  mangelhaftem  Gedeihen  und  Toxikosen  —  endlich  auch  gegenüber 
dem  Strophulus  und  Prurigo  vielfach  bewährt  haben.  Die  anregend  ge¬ 
schriebene  Arbeit  sei  zur  Einsicht  im  Urtext  empfohlen. 

Martin  H  o  h  1  f  e  l  d  -  Leipzig:  Erfahrungen  mit  der  Intubation.  (Aus  der 
Univ. -Kinderklinik  m  Leipzig.) 

„Die  falschen  Wege“  —  zu  deren  Prophylaxe  nach  H.  Uebung, 
Schonung  und  Selbstbeherrschung  dem  Intubator  die  Hand  führen  mögen. 

,  Erich  A  sch  en  h  e  i  m:  Ueber  psychische  Inanition  der  Säuglinge.  (Aus 
dem  Kleinkinderheim  Remscheid-Ehringhausen.) 

T  •ifY!rf'  ™acht  auf  die  „Vernachlässigung  der  Seele  des  Kindes“  als 
1  eilfak.or  des  Hospitalismus  aufmerksam;  „psychische  Inanition"  nach 
Pta  und  ler;  —  Vorschläge  zur  Vermeidung  derselben. 


0.  Rommel-  München. 


Deutsche  Zeitschrift  für  Nervenheilkunde.  79.  Bd.  1.  Heft. 

L.  B  e  n  e  d  e  k  -  Debreczin:  Erloschensein  der  Patellarreflexe  und  ge- 
steigertes  idiomuskuläres  Phänomen  bei  Erschöpfung. 

.  ,  Beobachtung  obenstehender  Erscheinungen  an  3  Kriegserschöpften  ohne 
jede  spinalen  Symptome. 

J.  Schuster-Pest:  Untersuchungen  zur  Frage  der  multiplen  Sklerose. 

Verf.  konnte  in  3  Fällen  von  multipler  Sklerose,  denen  1 — \Vi  Stunden 
post  mortem  Stücke  zur  Untersuchung  entnommen  wurden,  sowohl  in  den 
Kapillaren,  wie  um  die  Kapillaren  der  Umgebung  von  den  Markfleckenherden 
und  Rindenherden,  spirochätenähnliche  Gebilde  sowohl  mit  Giemsafärbung 
wie  mit  Silberimprägnation  nachweisen. 

E.  H  e  r  ma  n  -  Warschau:  Cavernoma  cerebrl,  Haeinorrhagia  spinalis 
memngealis  epi-,  mtra-  et  subduralis. 

..  ,r.al!  von  Kavernom,  bei  dem  es  im  Status  epilepticus  zu  Blutungen  in 
die  Ruckenmarkshäute  kam.  Letzteres  wohl  infolge  Platzens  der  brüchigen 
und  gestauten  Duralgefässe. 

,.  2:  H-  H  i  g  l  e  r  -  Warschau:  Die  gegenseitige  Stellung  in  klinischer, 

pathologischer  und  anatomisch-pathologischer  Hinsicht  der  selteneren  Formen 
der  entzündlichen,  degenerativen  und  blastomatösen  Hirnsklerosen  im  Lichte 
der  neuesten  Forschungen. 

Kritische  Besprechung. 

•*  °A  1  nn  r£"  Pfbreczin:  Ueber  die  Bestimmung  der  Liquorkonzentration 
mit  Hilfe  des  Refraktometers. 

_  Duich  die  Refraktometrie  lässt  sich  die  Konzentrationsänderung  des 
Liquors  feststellem  Der  Normalwert  des  refraktometrischen  Index  liegt 
zwischen  1,33486  bis  1,33517,  ist  bei  organischen  Erkrankungen  des  Zentral¬ 
nervensystems  höher.  Bei  den  luetischen  Erkrankungen  geht  der  R.I  nicht 
parallel  mit  der  Stärke  der  Globulinreaktion.  Die  Refraktometrie  ist  neben 
den  anderen  qualitativen  Proben  als  eine  bequeme  und  genaue  Methode  zu 
verwenden-  Renner-  Augsburg. 


Archiv  für  Hygiene.  93.  Band, 
v.  Q  r  u  b  e  r. 


1923.  Festschrift  für  Max 


H.  1 1  z  h  ö  f  e  r  -  München:  Ueber  den  Einfluss  des  Trainings  auf  Grund¬ 
umsatz  und  Arbeitsnutzeffekt. 

Die  Untersuchungen  wurden  an  9  Sportsleuten  während  und  ausserhalb 
des  Trainings  für  den  Streckenlauf  ausgeführt  und  zwar  mit  dem  Zuntz- 
u  e  p  p  e  r  t  sehen  Respirationsapparat.  Bei  den  meisten  Personen  war  der 
T->rUn  UmSa^-  ^  raining  auffallend  hoch  —  der  Energieverbrauch  um 

22  Proz.  grösser  als  ausser  Training.  Die  Lungenventilation  wurde  durch 
das  Training  günstig  beeinflusst.  Das  Training  für  eine  bestimmte  Muskel- 
arbeit  verbesserte  nicht  den  Nutzeffekt  einer  mit  ganz  anderen  Muskel- 
gruppen  ausgeführten  Arbeitsleistung.  Die  Nachwirkung  der  voraus¬ 
gegangenen  Muskelarbeit  auf  den  Stoffumsatz  hielt  im  Training  weniger  lange 
an,  denn  kurze  Zeit  (10  Minuten)  nach  Arbeitsbeendigung  war  der  Energie¬ 
verbrauch  schon  fast  zu  dem  vor  der  Arbeit  vorhandenen  Ruhewert  zurück¬ 
gekehrt. 

Karl  v.  A  n  g  e  r  e  r  -  München:  Ueber  das  optische  Verhalten  der 
Bakterien. 

Die  Trübung  in  einer  flüssigen  Bakterienkultur  ist  um  so  stärker,  je 
grösser  der  Brechungsexponent  der  Teilchen  und  je  kleiner  der  der  Flüssig¬ 
keit  ist.  Trübungen,  welche  durch  Partikelchen  von  Bakteriengrösse  bewirkt 
werden,  nehmen  mit  dem  Quadrat  des  Teilchenradius  ab.  Die  Schlieren,  die 
beim  Schütteln  einer  homogenen  Suspension  eines  Stäbchen-  oder  ketten¬ 
förmigen  Organismus  entstehen,  beruhen  darauf,  dass  diese  Gebilde  sich  mit 
ihrer  Längsachse  in  die  Richtung  der  Flüssigkeitsstrümung  einstellen.  In  aggluti- 


1238 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  3Ü. 


liierten  Stäbchenaufschwemmungen  verschwindet  die  Schlierenbildung.  Der 
Brechungsexponent  von  Bakterien  liegt  zwischen  1.33  und  1,40.  Die  ver¬ 
schiedene  Durchsichtigkeit  von  Kolonien  beruht  wahrscheinlich  darauf,  dass 
die  Zellen  in  durchsichtigen  Kolonien  ohne  Zwischensubstanz  dicht  aneinander 
liegen,  während  sie  in  undurchsichtigen  von  anders  brechenden  Schichten 
umgeben  sind. 

Rudolf  S  c  h  n  e  i  d  e  r  -  München:  Vergleichende  Untersuchungen  über 
den  K  o  c  h  -  W  e  e  k  s  sehen  Bazillus  und  das  Pfeiffersche  Influenza¬ 
stäbehen. 

Dem  Bakteriologen  ist  längst  bekannt,  dass  die  Koch-Week  sehen 
Bazillen  den  Pfeiffer  sehen  Influenzabazillen  morphologisch  sehr  ähnlich 
sind.  Durch  genaue  Vergleichsuntersuchungen  des  Verf.  kann  nunmehr  ais 
bewiesen  gelten,  dass  sie  in  der  Form  und  in  der  Kultur  nicht  auseinander¬ 
zuhalten  sind.  Die  Identität  geht  aber  noch  weiter.  Koch-Week-Scra 
agglutinicren  auch  Influenzabazillen  und  Iniluenzasera  agglutinieren  Koch- 
Week-Bazillen  bis  zum  Endtiter.  Hochwertige  agglutinierende  Koch-Week- 
Sera  präzipitieren  auch  Influenzabazillenextrakte  und  umgekehrt.  Ein  Unter¬ 
schied  zwischen  beiden  Arten  ist  also  nicht  festzustellen.  Der  Schluss  der 
Arbeit  bringt  eine  Kritik  der  Korrelationsrechnung. 

Traugott  B  a  u  m  g  ä  r  t  e  1  -  München:  Untersuchungen  über  Algen¬ 
phagozytose. 

Den  Studien  über  Algenphagozytose,  die  erstmalig  vom  Verf.  unter¬ 
nommen  wurden,  ist  zu  entnehmen,  dass  die  Algen  unter  bestimmten  Um¬ 
ständen  von  den  Leukozyten  aufgenommen  werden.  In  Zitratblutmischungen 
bzw.  mit  aktivem  Normalserum  geht  die  Aufnahme  am  besten,  während  die 
Phagozytose  im  Versuch  mit  Chlornatriumlösung  vollständig  und  mit  in¬ 
aktivem  Normalserum  fast  vollständig  ausblieb.  Darnach  werden  die  Algen¬ 
zellen  nur  dann  gefressen,  wenn  sie  hierfür  durch  einen  wärmeempfindlichen 
normalen  Blutbestandteil  präpariert  werden.  Bei  dichten  Algenaufschwem¬ 
mungen  bleibt  die  Phagozytose  nahezu  aus,  weil  die  Algenzellen  unter  dem 
Einfluss  des  Plasmas  zu  grossen  Haufen  verkleben. 

R  i  m  p  a  u  -  München:  Die  Regelung  der  Massnahmen  gegen  Typhus¬ 
bazillenträger  durch  das  Reich. 

Es  wird  in  einer  ausführlichen  Besprechung  dargelegt,  wie  wenig  ein¬ 
heitlich  die  Bestimmungen  über  die  Typhusbazillenträger  in  Deutschland  sind. 
Eine  erfolgreiche  Bekämpfung  ist  daher  nicht  gewährleistet.  Verf.  gibt  seine 
Vorschläge  in  Form  von  Beiträgen,  die  die  einzelnen  Punkte  regeln  sollen,  an. 

Th.  Fürst:  Die  Münchner  Fortbildungsschuliugend  nach  dem  Kriege. 

Albert  Uffenheimer  -  München:  Das  Frühexanthem  der  tuberkulösen 
Infektion  beim  Kinde.  (Zugleich  ein  Beitrag  zum  tuberkulösen  ,, Initialfieber“.) 

Verf.  erörtert  die  Frage  der  initialen  Fiebererscheinungen  und  des 
Exanthems  für  die  Frühdiagnose  der  Tuberkulose.  Nach  2  Monaten,  nach 
denen  in  der  Regel  die  Tuberkulinempfindlichkeit  ausgebildet  ist,  wird  man 
mit  den  ersten  auf  Tuberkulose  hinweisenden  Erkrankungssymptomen  rechnen 
können.  Exantheme  sind  zwar  nicht  allzu  häufig  beobachtet,  aber  bei  sorg¬ 
fältigem  Augenmerk  auf  diesen  Zustand  wird  man  sie  weit  häufiger  finden. 

Fritz  L  e  n  z  -  München:  Die  Uebersterblichkelt  der  Knaben  im  Lichte 
der  Erblichkeitslehre. 

Die  Untersuchung  bezieht  sich  auf  das  Tatsachenmaterial  aller  Länder, 
die  statistische  Angaben  machen.  Ueberall  ist  die  Uebersterblichkeit  der 
Knaben  nachzuweisen.  Ueber  die  Ursachen  dieser  Eigentümlichkeit  ist  viel 
diskutiert  worden.  Lenz  ist  der  Meinung,  dass  sich  die  Uebersterblichkeit 
zwanglos  mit  der  modernen  Erblichkeitslehre  erklären  lässt.  Da  das  weib¬ 
liche  Geschlecht  homogametisch,  das  männliche  heterogametisch  in  bezug  auf 
seine  Erbanlagen  ist,  kann  angenommen  werden,  dass  damit  ein  Teil  der 
rezessiven  krankhaften  Erbanlagen  in  der  Regel  nur  im  männlichen  Ge¬ 
schlecht  zur  Auswirkung  kommt. 

J.  K  a  u  p  -  München:  Der  Wert  der  Cholera-  und  Typhusschutz¬ 
impfungen  nach  den  Kriegserfahrungen. 

Der  Wert  der  Cholera-  und  Typhusschutzimpfung,  der  nach  den  Kriegs¬ 
erfahrungen  als  ausserordentlich  gross  angesehen  werden  muss,  ist  besonders 
von  Weil  und  Friedberger  angezweifelt  und  einer  starken  Kritik 
unterzogen  worden.  Die  vorliegende  Arbeit  ist  eine  Entkräftung  dieser 
Kritiken  und  bringt  in  streng  sachlicher  Ausführung  zum  Ausdruck,  dass  die 
Anschauungen  der  beiden  Autoren  nicht  aufrechtzuerhalten  sind. 

F.  K  o  e  1  s  c  h  -  München:  Die  gewerbeärztliche  Beurteilung  der  Arbeit  an 
automatischen  Webstühlen. 

Die  Automatenweberei  ist  für  die  deutsche  Textilindustrie  von  ausser¬ 
ordentlicher  Wichtigkeit.  Sie  muss  und  kann  aufrechterhalten  werden,  da  die 
Tätigkeit  an  den  Webstühlen,  wenn  sie  auch  flotte,  umsichtige  und  gesunde 
Arbeiter  benötigt,  keineswegs  gesundheitsschädlich  ist.  Die  Klagen  über 
schädliche  Einflüsse  auf  den  Magen  und  das  Nervensystem  sind  nach  den 
Erhebungen  des  Verf.  unbegründet.  Ein  geschickter  Mann  kann  ein  16-Stuhl- 
system  bequem  beaufsichtigen,  Leistungen  bis  zu  20  Stühlen  würden  aber  nur 
unter  bestimmten  Bedingungen  zuzulassen  sein.  Wichtig  erscheint  eine  ärzt¬ 
liche  Auslese  schon  bei  den  in  die  Lehre'  eintretenden  Jungen. 

E.  K  a  1 1  e  r  t  -  Hamburg:  Die  Hygiene  des  Gefrierfleisches. 

Unter  den  derzeitigen  Verhältnissen  ist  es  nicht  mehr  möglich,  dass  der 
Fleischbedarf  des  deutschen  Volkes,  der  dauernd  gesunken  ist,  mit  deutschem 
Vieh  gedeckt  werden  kann.  Es  ist  daher  zu  begrüssen,  dass  von  seiten 
grosser  Gesellschaften  der  Fleischimport  vom  Auslande  propagiert  wird,  ln 
erster  Linie  kommt  argentinisches  Fleisch,  das  im  Ursprungslande  einer  sehr 
genauen  sanitären  Untersuchung  unterzogen  und  in  vorzüglicher  Qualität  ge¬ 
liefert  wird,  für  uns  in  Frage.  Es  unterliegt  einer  Vorkühlung  und  gelangt 
dann  in  die  Gefrierräume,  die  auf  10 — 20°  C  unter  Null  gehalten  werden. 
Je  nach  der  Grösse  und  Dicke  der  Stücke  dauert  der  Gefrierprozess  80  bis 
100  Stunden.  Vor  dem  Verbrauch  wird  das  gefrorene  Fleisch  am  geeignetsten 
in  Auftauräumen  aufgetaut.  Die  Gefahr  einer  nach  dem  Auftauen  einsetzenden 
sofortigen  Zersetzung  ist  nicht  sehr  gross,  da  bei  sachgemässem  Vorgehen 
das  Fleisch  ruhig  8 — 10  Tage'  aufbewahrt  werden  kann,  ohne  ein  Verderben 
befürchten  zu  müssen.  Der  Nähr-  und  Genusswert  leidet  durch  den  Gefrier¬ 
prozess  nicht.  Auch  für  Kenner  ist  ein  sachgemäss  behandeltes  und  zu¬ 
bereitetes  Gefrierfleisch  von  frischem  Fleisch  mit  Sicherheit  nicht  zu  unter¬ 
scheiden. 

Martin  Hahn-Berlin:  Die  Verbilligung  der  Leichenbestattung.,  Eine 
hygiensch-wirtschaftliche  Studie. 

Wenn  sich  auch  in  manchen  Städten  die  Leichenverbrennung  wirt¬ 
schaftlich  rentiert  und  billiger  gestellt  hat  wie  die  Leichenbestattung,  so  tritt 
doch  zur  Zeit  der  finanziellen  Not  die  letztere  in  den  Vordergrund.  Die 
Leichenbestattung  ist  aber  so  teuer,  dass  armen  Privaten  ernstliche  Sorgen 


erwachsen,  wie  sie  ein  Begräbnis  Angehöriger  erschwingen  sollen.  Man  hat 
eine  Verbilligung  gesucht  in  der  Art  der  Ersatzsärge  aus  Pappe,  dünnstem 
Holz.  Gips  etc.  Auch  „Leihsärge“  und  „Uebersärge"  sind  in  Vorschlag  ge¬ 
bracht  worden.  Es  befriedigen  aber  nicht  alle  die  hygienischen  An¬ 
forderungen.  Ersatzsärge,  die  leicht  unter  der  Last  der  Erde  zusammeu- 
brechen,  sollen  vermieden  werden,  weil  die  schnellere  Zersetzung  eine 
massenhafte  Ausstreuung  (bei  infektiösen  Leichen)  von  gefährlichen  Bakterien 
in  die  Umgebung  bedingt,  die  durch  einen  resistenten  Sarg  hintangehalten 
wird.  Verf.  empfiehlt  zur  allgemeinen  Einführung  einen  Normalsarg  von 
40 — 50  cm  Höhe  und  2  cm  Wandstärke  in  billigster  Ausführung.  Sammel¬ 
transporte  von  Leichen  und  die  Verringerung  der  Grabestiefe  auf  1,2  m. 
Nach  Berechnungen  sollen  auf  diese  Art  die  Begräbniskosten  auf  etwa  die 
Hälfte  reduziert  werden  können. 

R.  G  r  a  s  b  e  r  g  e  r  -  Wien:  Krankheit,  Fortschritt  und  Hygiene. 

Eine  lesenswerte  Studie. 

A.  W  a  I  d  m  a  n  n  -  Berlin:  Sportärztliche  Erfahrungen  im  Reichsheere. 

Neben  dem  früheren  Geräteturnen  und  Freiübungen  werden  z.  Z.  auch 
Bewegungsformen,  wie  Laufen,  Springen,  Werfen  und  Spiele  getrieben. 
Ueber  die  hierbei  gemachten  Erfahrungen  wird  berichtet.  Grössere  Reihen 
von  Beobachtungen  über  das  Kreislaufsystem,  den  Puls,  den  Blutdruck,  das 
Herz,  die  Blutkörperchen,  die  Atmung  und  die  Körperwärme  liegen  vor  und 
werden  besprochen. 

K.  S  ü  p  f  1  e  -  München:  Mikrochemische  Untersuchungen  über  das  Ein¬ 
dringen  des  Sublimates  in  den  Bakterienleib. 

Durch  eine  sehr  geschickte  Darstellungsmethodc  konnte  gezeigt  werden, 
dass  Sublimat  in  Milzbrandbazillen  allmählich  cindringt  und  alsdann  durch 
Umwandlung  in  Quecksilbersulfid  mittels  Schwefelwasserstoff  sichtbar  ge¬ 
macht  wird.  Man  beobachtet  dann  das  Quecksilber  als  kleinste  schwarze 
Pünktchen,  besonders  schön  aber  bei  Dunkelfeldbeleuchtung. 

A.  N  i  s  s  1  e  -  Freiburg:  Theoretische  Erwägungen  über  die  Beziehungen 
zwischen  Parasit  und  Krankheit  unter  besonderer  Berücksichtigung  der 
progressiven  Paralyse. 

Verf.  gibt  nach  Besprechung  der  Literatur  eine  Erklärung  für  das  Zu¬ 
standekommen  des  Paralyseprozesses  unter  dem  Einfluss  der  Spiro  :häten 
und  geht  dann  auf  die  anscheinend  sehr  wichtige  Beteiligung  der  Haut  über, 
deren  Alteration  im  Syphilisverlauf  später  vor  Paralyse  zu  schützen  scheint. 
Therapeutisch  würde  eventuell  eine  Superinfektion  der  Haut  mit  Spirochäten, 
um  der  Paralyse  aus  dem  Wege  zu  gehen,  angebracht  sein. 

Alois  L  o  d  e  -  Innsbruck:  Hemmung  und  Bakterlophagenwlrkung  beim 
Bacillus  pyocyaneus. 

Rudolf  H  e  c  k  e  r  -  München:  Studien  über  Sterblichkeit.  Todesursachen 
und  Ernährung  Münchner  Säuglinge. 

Infolge  der  ausgezeichneten  Regelung  der  Münchner  Kinderfürsorge  be¬ 
finden  sich  80 — 84  Proz.  aller  Münchner  Säuglinge  in  Fürsorge.  Die  Sterb¬ 
lichkeit  beträgt  (1915 — 1919)  13,1  Proz.,  gegenüber  den  Kindern  ausserhalb 
der  Fürsorge  (Mittelstand,  Oberschicht),  deren  Sterblichkeit  19,5 — 23  Proz» 
beträgt.  Ein  sog.  Sommergipfel  der  Säuglingssterblichkeit  fehlt  vollkommen, 
dafür  zeigt  sich  ein  Spätwintergipfel,  der  aus  den  Atmungserkrankungui 
(Grippe)  zu  erklären  ist.  Ernährungsstörungen  geben  keine  Veranlassung  zu 
vermehrten  Todesfällen.  Die  Nichtgestillten  haben  eine  mehr  als  doppelt 
so  hohe  Sterblichkeit  als  wie  die  Gestillten  (21,9  Proz.  gegenüber  10,3  Proz.). 
Von  Fürsorgekindern  werden  etwa  70  Proz.  gestillt  und  zwar  meist 
18  Wochen,  die  Unehelichen  erhalten  die  Brust  im  Mittel  10  Wochen. 

P.  Uhlenhut  h,  L.  Lange,  H.  E.  Kersten:  Ueber  das  Fried¬ 
man  n  sehe  Tuberkuloseschutz-  und  Heilmittel.  II.  Mitteilung:  Immun!- 
sierungs-  und  Heilungsversuche  mit  den  Friedmann  sehen  Schildkröten¬ 
bazillen  an  Meerschweinchen  und  Kaninchen. 

Die  Verfasser  sprechen  sich  summarisch  dahin  aus,  dass,  abgesehen  von 
einer  gewissen  Verzögerung  in  einzelnen  Fällen,  eine  durchgreifende  Schutz- 
und  Heilwirkung  der  Friedmannbazillen  an  den  von  ihnen  geprüften 
Laboratoriumstieren  nicht  festzustellen  war. 

Uhlenhut  h  und  E.  Heiler:  Die  Desinfektion  tuberkulösen  Aus¬ 
wurfes  durch  chemische  Mittel.  IV.  Mitteilung:  Die  Verwendung  des 
Chloramins. 

Das  Chloramin  T  (Para-Toluolsulfonchloramid-Natrium)  eignet  sich 
zur  Desinfektion  des  Sputums  sehr  gut.  Es  ist  in  5  proz.  Lösung  (nicht  über 
8  Tage  alt)  in  doppelter  Menge  dem  Sputum  zuzusetzen.  Die  Desinfektion 
soll  4  Stunden  betragen.  R.  O.  Neumann  -  Hamburg. 

Klinische  Wochenschrift.  1923.  Nr.  34. 

G.  B  a  e  r  -  München :  Ueber  die  Indikationen  zur  chirurgischen  Behand¬ 
lung  der  Lungentuberkulose.  Uebersichtsaufsatz. 

W.  Stepp  und  G.  Düttmann  -  Giessen,  z.  T.  gemeinsam  mit 
B.  Behrens:  Ueber  die  Gewinnung  von  Gallenblaseninhalt  mittelst  der 
Duodenalsonde. 

Experimentell-klinische  Studien  über  den  Gallenblasenentleerungsreflcx. 
U.  a.  ist  durch  den  Augenschein  der  Beweis  erbracht,  dass  die  Gallenblase 
durch  Einspritzung  von  Wittepepton  ins  Duodenum  zur  Austreibung  des 
Inhalts  veranlasst  werden  kann. 

E.  P  r  i  b  r  a  m  -  Giessen:  Zur  Gewinnung  von  Blasengalle  mittelst  des 
Wittepeptonreflexes. 

Verf.  konnte  bei  Laparotomien  direkt  die  Wirkung  eingespritzten  Witte¬ 
peptons  auf  die  Gallenblase  sehen. 

G.  Musa- Berlin:  Ueber  die  Senkungsreaktion  der  roten  Blut¬ 
körperchen  und  ihre  Ursachen. 

Für  die  Diagnose  der  Gravidität  leistet  die  Senkungsreaktion  nicht  mehr 
als  die  bisherigen  anderen  Methoden.  Zu  den  Höher  sehen  Anschauungen 
wird  Stellung  genommen. 

J.  S  t  r  a  s  b  u  r  g  e  r  -  Frankfurt  a.  M.:  Behandlung  der  Migräne  mit 

Lumlnal. 

Es  werden  auffallend  günstige  Wirkungen  an  einer  Anzahl  von  Fällen 
mitgeteilt.  (0,1  g  pro  Tag,  sehr  lange  Zeit  fort.) 

A.  W.  F  i  s  c  h  e  r  -  Frankfurt  a.  M.:  Ueber  eine  neue  röntgenologische 
Untersuchungsmethode  des  Dickdarm:  Kombination  von  Kontrasteinlauf  und 
Luftaufblähung. 

Vergl.  Bericht  über  den  Chirurgenkongress  1923.  (Hier  bildliche 
Wiedergaben.) 

F.  Glaser-  Berlin-Schöneberg:  Die  Vcrdauungsleukozytose. 

Untersuchungen  an  300  lebergesunden  Menschen  zeigten,  dass  es  weder 

eine  alimentäre  Leukozytose,  noch  alimentäre  Leukopenie  gibt,  sondern  der 


>8.  September  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1239 


vVechscI  ist  das  normale  Verhalten.  Auch  der  Salzsäuregehalt  des  Magens 
st  nicht  das  entscheidende  Moment.  Gewisse  Spontanschwankungen  sind 
\usdruck  von  Tonussehwankungen  im  Gelässsystem. 

i  m  }  r  a  c  h  und  I  r.  S  i  m  h  a  n  d  1  -  Wien:  Ueber  den  Ca-  und  K-Gehalt 
les  Blutserums  bei  Ekzematikern. 

Die  Ansicht,  das  konstitutionelle  Ekzem  sei  eine  vagotonischc  Erkran- 
ung.  hisst  sich  aus  dem  Verhältnis  des  Ca-  zu  den  K-Werten  nicht  be¬ 
tätigen,  dieses  Verhältnis  ist  vielmehr  bei  den  Ekzematikern  normal. 
'Ve'tuclle  Erfolge  der  Ca-Therapie  sind  hieraus  nicht  zu  erklären. 

A.  M  ü  I  1  e  r  -  Rostock :  Ueber  Galvanopalpation. 

(aa'van°Palpation  als  diagnostische  Hilfsmethode  wird  abgelehnt 

W.  H  e  u  b  n  e  r  -  Göttingen:  Ueber  eine  Wirkung  fein  disperser  an- 

rganischer  Substanzen. 

F.  K  r  ö  m  c  k  e  -  Bonn:  Ueber  die  Chlninempfindliclikeit  von  Serum-  und 
irganhpasen.  Kurze  wissenschaftliche  Mitteilung. 

K.  H  e  1  1  in  u  t  h  -  Hamburg:  Beitrag  zur  operativen  Behandlung  der 

amatometra  etc.  Kasuistisches.  Grassmann  -  München. 


Deutsche  medizinische  Wochenschrift. 

Ni .  3-4.  O.  Minkowski-  Breslau:  Zur  Insulinbehandlung  des  Diabetes. 
Bericht  über  gute  Erfolge,  über  die  Bezugsquellen  und  weitere  Her- 
ellungsmöglichkeiten  des  Präparates. 

J.  van  der  H  o  e  d  e  n  -  Utrecht :  Die  Komplementbindungsreaktion  zur 
lagnostik  der  Echinokokkenkrankheit  beim  Menschen. 

90  Echinokokkenseren  reagierten  positiv.  Auch  Syphilisseren  reagieren 
lspezifisch  oft  positiv.  Seren  von  Band-  und  Spulwurmträgern  können  eine 
ruppenrcaktion  geben  (unspezifische  Reaktion  in  weniger  als  1  Proz  der 

alle). 

•  in'  P  1  e  1  n  e  w  -  Moskau:  Zur  Frage  über  die  Azidität  des  Magensaftes 
ii  Ulcus  ventriculi  und  duodeni  in  Zusammenhang  mit  Unterernährung. 

1  .  Die  Geschwüre  finden  sich  oft  bei  normaler  oder  niedriger  Azidität  Die 
zidität  ist  nur  ein  Symptom,  nicht  die  Ursache  des  Geschwürs.  Gesteigerte 
ziditüt  fand  sich  bei  Hungernden  ausnahmsweise  nur  beim  Duodenal- 
pschwür,  die  Regel  scheint  eine  Abnahme  der  Azidität  zu  sein. 

.R\.  F-  e,  iss-Berlin:  Zur  Diagnose  des  Magen-  und  Duodenal- 
iscinvurs  mittels  Proteinkörperinjektion. 

Nach  intravenöser  Injektion  von  Novoprotin  tritt  bei  organischen  Er- 
ankungen  des  Magens  oder  Darms  eine  Herdreaktion  in  Form  gesteigerter 
jnschriebcner  Druckempfindlichkeit  auf,  welche  zur  Unterscheidung  nament- 
h  von  psychogenen  Beschwerden  dienen  kann. 

i  .  Schürmann  -  Dresden:  Ausgedehnte  Achseldrüsenverkäsung  im 
.»folge  einer  Ponndorfimpfung.  Siehe  Bericht  M.m.W.  1923  S.  547. 

T  e  g  t  m  e  i  e  r  -  Landeshut:  Die  Senkungsgeschwindigkeit  der  roten 


utkörperclien  im  Zitratblut  bei  der  Lungentuberkulose. 

B.  I  e  n  c  kh  o  f  f  -  Elberfeld:  Die  Entstehungsursache  der  Achsen- 
ehung  innerer  Organe  und  die  Erklärung  des  K  ü  s  t  n  e  r  sehen  Gesetzes. 

T.  erörtert  namentlich  den  Einfluss  der  Gehbewegungen  auf  die  Dreh- 
:htung  lateral  gelegener  Organe. 

J:  ,Na  K  e  [-HaHe:  Therapeutische  Wirkung  des  Bismogenols  in  der 

pbilisbehandlung. 

Das  Bismogenol  (T  o  s  s  e)  ist  ein  zur  Syphilisbehandlung  durchaus  ge- 
tnetes  Präparat. 

E.  \\  e  i  s  s  -  Pistyan :  Zur  Physiologie  der  ,, Sprechphänomene“. 

R.  Klotz- Dresden:  Hypophysenextrakt  bei  Kreislaufschwäche  und  bei 

rmiähmung. 

K.  betont  die  sehr  guten  Erfolge  des  Hypophen-Gehe  bei  kapillarer 
leislauisch wache  und  bei  Tonusverminderung  der  Darmmuskulatur. 

B  r  ü  c  k  e  n  -  Köln:  Ueber  chronische  Benzolvergiftung 
2  Krankengeschichten  mit  Blutbefunden. 

I.  A  lsbe  r  g  -  Hamburg:  Eine  einfache  und  praktische  Stuhlunter- 

.•mungsmethode. 

I  A.  empfiehlt  die  Benzidinprobe  nach  Gregersen-Boas. 

....  Sc  hur  ig- Berlin:  Zur  Behandlung  von  Neuralgien  mit  hochfrequenten 
*  onJen*  uute  Erfolge  bei  Ischias,  Okzipital-Supraorbitalneuralgie  usw 

jhand^rmH  Hö^ensS“8  **  C°niunCtivitis  vernaIis  durch 

:  Pu  st- Jena:  Eine  Querstandszange.  (Mit  Abbildungen.) 

Bergeat  -  München. 


Schweizerische  medizinische  Wochenschrift.  1923.  Nr.  30^32. 

Nr.  30  G  a  1 1  i  -  Va  1  e  r  i  o  et  M.  de  W  e  r  r  a  -  Lausanne:  Premier  cas 
lfection  a  Hypoderma  bovis  de  Geer  chez  l’homme  du  Suisse. 

Ii  Ga^en15  P  '  BaSCl:  ZUF  Frage  d6r  Keratitis  traumat'ca  infolge  Einwirkung 

•  Aüf  ,Qrand  2°iahrieer  eigener  Erfahrung  betont  Verf.  gegenüber 
-re  bei,  dass  traumatische  Keratitis  nicht  nur  durch  Gaseinwirkung  in 
kosefabriken  sondern  auch  bei  Arbeiten  mit  Dimethylsulfat,  Chloressig- 
re,  Allylalkohol  auftritt.  Er  weist  auch  hin  auf  die  Einwirkung  von  H2S 
I  der  Kampfgase  (Gelbkreuz)  auf  die  Hornhaut. 

O.  B  a  y  a  r  d  -  St.  Niklaus:  Ueber  das  Kropfproblem.  (Schluss  folgt.) 

K  r  a  n  z  f  e  1  d  -  Zürich:  Intraabdominale  Blutungeil  aus  dem  Corpus 

mm. 

Beschreibung  von  3  Fällen  mit  genauer  histologischer  Untersuchung  des 
pus  luteum.  Es  ergab  sich  kein  Anhaltspunkt  für  Gravidität,  sondern  nur 
kulansation.  Die  Blutung  wird  begünstigt  durch  die  Hyperämie  während 
Periode  und  durch  Traumen. 

X  a  v  l  e  r  -  Lausanne:  La  recherche  de  l’hömoclasie  digestive  dans  les 
uelles  d  encüphalite  lethargique. 

Nr.  31.  H  o  1  s  t  -  Kristiania:  Kolilehydratstoffwechsetanomalien  und  Pan- 
asveranderungen  bei  Morbus  Basedowil. 

\erf.  fand  an  grösserem  Material  (191  Fälle)  von  Basedowkranken  in 
„--,r.oz\  Diabetes,  der  als  thyreogen  aufzufassen  ist.  Er  berichtet  über 
alle,  in  denen  die  Kohlehydrattoleranz  kontrolliert  wurde  und  fand  nicht 
en.  dass  die  Herabsetzung  derselben  den  Basedowsymptomen  parallel 
und  dass  günstig  durch  Operation  beeinflusste  Kranke  die  Glykosurie 
leren.  Bei  10  Sektionen  war  6  mal  das  Pankreas  verändert,  die  Zahl  der 
ngerhans  sehen  Inseln  vermindert. 

Je  s  sen  -  Davos:  Ueber  das  Friedmann  sehe  Tuberkulosemittel. 

Das  Mittel  wird  jetzt  auch  in  der  Schweiz  hergestellt  und  Verf. 


empfiehlt  seine  Anwendung  bei  geeigneten  Fällen,  da  die  Erfolge  in  der  Tier¬ 
medizin 1  (C a  sp  a  r  i  u  s)  für  seine  Wirksamkeit  sprechen.  Verf.  selbst  hat 
früher  das  Mittel  in  einer  kleinen  Reihe  von  Fällen  angewandt  und  ausser- 
ordenthehe,  jahrelang  anhaltende  Erfolge  gesehen  und  auch  einige  schlechte 

.  ’e»  Er  ‘lelrf  hervor,  dass  man  mit  Geduld  auf  den  Erfolg  warten  müsse,  der 
sich  erst  nach  Jahren  einstelle. 

W.  Hoff  man  n-St.  Gallen:  Zur  Verhütung  der  Diphtherie. 

minhthpriPin'vL  w',  c?\  50  Kindt;rn  das  Behring  sehe  Schutzmittel 
(  lphthentloxin-antitoxin)  angewandt  und  keine  Diphtherieerkrankung  danach 

gesehen  trotz  ungünstiger  äusserer  Verhältnisse  (kinderreiche  Proletarier- 
iamilicn),  auch  keinerlei  unangenehme  Nebenwirkungen. 

c  ty  a  NllcIlauts:  Ucber  das  Kropfproblem.  (Schluss.) 

Schon  1916  hat  Verf.  in  5  Familien  seines  Praxisbereichs  die  Kropf- 
prophy laxe  und  -therapie  durchgeführt,  indem  er  dem  Kochsalz  bestimmte 
Mengen  Jodkali  zusetzte.  Die  guten  Erfahrungen  bewogen  ihn,  die  Versuche 
auf  breiterer  Grundlage  fortzuführen.  An  die  ganze  Bevölkerung  von 
,\561  und  577  Einwohner)  wurde  jodiertes  Kochsalz  verabreicht 
wo  nW3ci  °’°“  S  dodkah,  au[.  5  kE  Kochsalz  (die  Jahresmenge  pro  Kopf). 

, .  ^  1  j.  ®  rumen  gmsen  deutlich  zurück,  um  so  ausgesprochener,  je  jünger 
die  Individuen  waren  Unbeeinflusste  Strumen  verkleinerten  sich  noch  bei 
Erhöhung  der  Dosis  (auf  0,1  g  Jodkali),  ohne  dass  unangenehme  Neben- 

S!:TrraU^ten'  1',örJ,‘llr  a|fgemeine  Kropfprophylaxe  in  der  Schweiz 
empfiehlt  Verf.  „A  mg  Jodkali  auf  5  kg  Kochsalz  im  ersten  Jahr  und 
Steigerung  auf  5,  lA  und  10  mg  in  den  folgenden  Jahren.  Er  glaubt,  dass 

Ia  der  Schwdz  durch  die  Kropfprophylaxe  auch  mehr  als  die  Hälfte  der 
Krebsfallc  vei  hüten  lässt,  weil  die  Schädigungen  durch  Hypothyreose  und  die 
Veränderung  der  Schilddrüse  leichter  zu  Krebs  führen. 

Nr.  32.  W  i  n  l  e  r -  Luzern:  Akute  gewerbliche  Quecksilbervergiftungen. 

In  einer  Kunstseidefabrik  erkrankten  10  Arbeiter,  die  Hg-Dämpfen  aus- 
gesetzt  waren,  nach  1—3  Tagen  an  typischer  Hg-Vergiftung,  alle  mit 
Stomatitis  und  Allgemeinerscheinungen  (Kopfschmerz,  Frösteln),  ein  Teil  auch 
mit  Durchfällen  oder  Verstopfung,  Albuminurie  und  Nephritis. 

5’  1  t?,e  r."  Zü™k:  Die  Röntgenbehandlung  des  Brustkrebses. 

Bericht  über  86  eigene  Fälle,  davon  34  nicht  operierte,  die  z.  T.  vorüber¬ 
gehend  gebessert  wurden,  52  operierte  und  nachbestrahlte.  Von  den  letzteren 
sind^22  wenigstens  3  Jahre  nach  der  Operation  beobachtet,  davon  8  gestorben, 

17  —  77  Proz.  haben  den  37.  Monat  erlebt.  Die  Methode  der  Wahl  ist 
Operation  und  Nachbestrahlung,  nicht  Bestrahlung  allein. 
v  R  0  ’-.n  m, a  n  n  "  Ragatz-Lugano :  Ueber  einige  wenige  praktisch  wichtige 
Kontraindikationen  der  Ueberweisung  kompensierter  Herzkranker  in  unsere 
schweizerischen  Kurorte. 

Kurortaufenthalt  in  der  Schweiz  ist  Uebungstherapie;  kontraindiziert  ist 
er  bei  kompensierter  Koronarsklerose,  wenn  der  Puls  frequent  ist  und  bei 
Bewegungen  rasch  ansteigt  unter  Schmerzen,  wenn  Pulsus  alternans  besteht, 
dessen  Propiose  infaust  ist,  wenn  latente  Angstideen  vorhanden  sind,  die  ' 
zu  Hause  oft  durch  das  Milieu  beherrscht  werden,  im  Kurort  aber  zum  Aus¬ 
bruch  kommen  und  den  Zustand  wesentlich  verschlechtern.  Bei  kompen¬ 
sierter  Dilatation  bildet  ebenfalls  die  latente  Angstidee  eine  Kontraindikation 
besonders  bei  gelegentlichem  Versagen  der  Digitalis,  und  toxische  Infektions¬ 
reste  nach  überstapdener  frischer  Infektion  besonders  bei  alten  Herzen. 

Silber  st  ein:  Ueber  ein  neues  Heilmittel  in  der  Herztherapie. 

Empfehlung  eines  Mittels  Eurython,  dargestellt  aus  dem  einheimischen 
Weissdorn  (Hausmann  A.G.,  St.  Gallen),  das  an  Stelle  von  Digitalis  und  mit 
dieser  kombiniert  günstig  wirken  soll. 

W  a  s  e  r  -  Lausanne:  Primäres  Spindelzellensarkom  des  Menschen. 


L.  Jacob-  Bremen. 


Oesterreichische  Literatur. 
Wiener  klinische  Wochenschrift. 


o  34‘  B  r  e  '  t  n  e  r  -  Wien:  Bemerkungen  zur  Jodwirkung  auf  die 

Schilddrüse. 

Das  Kolloid  ist  als  Speichersekret  der  Schilddrüse  aufzufassen  und  wird 
durch  Jod  aktiviert  und  nach  Bedarf  in  den  Kreislauf  übergeführt.  Im 
Parenchymkropf  wird  durch  Jod  die  Abfuhr  zunächst  gehemmt.  Diese 
Abfuhrhemmung  gelangt  auch  bei  gewissen  Formen  von  Basedow,  welche  auf 
Hyperthyreoidismus  beruhen,  zur  günstigen  Wirkung. 

D.  Scherf -Wien:  Zur  Frage  der  akuten  Leukämie  und  Leuko- 
sarkomatose.  Krankengeschichten  und  Obduktionsbefund  von  4  Fällen. 

P  r  i  t  z  i  und  L  i  c  h  tm  a  n  n-Wien:  Ueber  Azetonurie  in  der  Schwanger¬ 
schaft. 

Die  Untersuchungen  bestätigen  die  Angabe  von  N  o  va  k  und  P  o  r  g  e  s 
über  die  erhöhte  Bereitschaft  zur  Azetonurie  bei  Schwangeren  und  die 
diagnostische  Verwertbarkeit  dieser  Tatsache.  Positive  Reaktion  ist  sicher 
beweisend,  negative  macht  Schwangerschaft  unwahrscheinlich. 

F.  Fis  c  hl- Wien:  Die  Hauttuberkulose  als  Organsystemerkrankung. 

Nr.  35.  L.  K  a  r  c  z  a  g  -  Pest:  Ueber  die  Tangentialperkussion. 

Beschreibung;  der  Methode  und  ihrer  Vorteile  besonders  zur  Abgrenzung 
sternaler  Dämpfungsbezirke. 

K.  B  a  r  c  h  e  1 1  i  -  Wien:  Beitrag  zur  Klinik  der  Tuberkulose  im  Säug- 
hngsalter. 

Beschreibung  eines  Falles  mit  längerdauernder  Röntgenkontrolle  (Bilder). 

R.  Latzei- Wien:  Beeinflussung  der  Harn-  und  Blutzuckerwerte  und 
Azetonurie  beim  Diabetes  mellitus. 

Versuche  mit  Seruminjektionen  und  mit  Darreichung  von  rohem 
Schweinepankreas. 

L.  St  ein- Wien:  Zur  medikamentösen  Therapie  der  Angstzustände. 

Es  gibt  Angstzustände  (Phobien)  bei  gewissen  Psychopathen  und 
Neurasthenikern,  bei  welchen  eine  Hyperämie  der  kortikalen  und  sub¬ 
kortikalen  Arteriengebiete  im  Spiele  zu  sein  scheinen;  hier  wirken  Herzmittel 
oft  günstig  ein,  z.  B.  das  Digipurat,  bisweilen  auch  in  eklatanter  Weise 
Nitroglyzerintabletten  (0,0005  g). 


Wiener  medizinische  Wochenschrift. 

Nr.  24.  E.  M  a  y  e  r  h  o  f  e  r  -  Wien:  Ueber  die  epidemiologische  Be¬ 
ziehung  zwischen  Herpes  zoster  und  Varizellen. 

M.  verzeichnet  2  Fälle  von  Herpes  zoster,  an  die  sich  (in  der  Klinik) 
je  einige  Varizellenfälle  inndrhalb  der  Inkubationszeit  anschlossen.  Es 
empfiehlt  sich  daher  die  Isolierung  solcher  Herpesfällc. 


1240 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  39. 


Nr.  25.  E.  Sit  ta- Wien:  Beitrag  zur  Frage  der  Salvarsanerytheme. 

Fall  von  universellem  Erythem  (nach  der  3.  Injektion)  mit  sekundärer 
infektiöser  Dermatitis,  das  sich  bei  einer  späteren  Neosalvarsaninjektion 
wiederholte. 

Nr.  26.  K.  K  u  n  d  r  a  t  i  t  z  -  Wien:  Ueber  Masernprophylaxe  mit  Masern¬ 
rekonvaleszentenserum. 

K.  bestätigt  vollauf  den  Wert  des  Verfahrens.  Es  konnten  unter  den 
nötigen  Vorsichtsmassnahmen  die  Diphtherie-  und  Masernabteilung  der  Klinik 
zusa-mmengelegt  werden. 

Nr.  27.  F.  T  u  r  a  n  -  Franzensbad:  Gebärmutterblutungen  und  Moor¬ 
bäder. 

Die  günstige  Wirkung  von  Moorbädern  bei  verschiedenen  Formen  der 
krankhaften  Gebärmutterblutungen  ist  bekannt.  T.  wendet  auch  bei  Dys¬ 
menorrhöen  und  bei  der  physiologischen  Menstruation  mit  Erfolg  kurze  kühle 
Moorhalbbäder  an,  wie  er  überhaupt  dem  Bade  während  der  Menstruation 
das  Wort  redet.  B  e  r  g  e  a  t  -  München. 

Auswärtige  Briefe. 

Briefe  aus  China. 

Peking,  24.  VII.  23. 

Medizinschulen  in  China.  —  Das  Peking  Union  Medical  College. 

Das  Medizinstudium  in  China  hat  hauptsächlich  durch  die  Arbeit  und 
Hilfe  der  verschiedenen  Missionsgesellschaftcn  in  den  letzten  Jahren  grosse 
Fortschritte  gemacht.  Unter  den  27  Medizinschulen  in  China  eine  auf 
je  15  Millionen  Einwohner!  —  sind  14  rein  chinesische  Einrichtungen,  3  davon 
werden  von  der  Zentralregierung,  7  von  den  einzelnen  Provinzen  und  4  von 
privaten  Vereinigungen  aufrechterhalten  und  betrieben.  Als  Volluniversität 
in  unserem  Sinne  kann  höchstens  die  Nationaluniversität  in  Peking  angesehen 
werden,  die  übrigen  Hochschulen  sind  alle  mehr  oder  minder  unvollständig. 
Von  den  11  ausländischen  Medizinschulen  sind  8  in  Händen  von  Missionen, 
teilweise  recht  stattliche,  modern  eingerichtete  Institute,  an  2  Schulen  sind 
Ausländer  und  Chinesen  gemeinsam  beteiligt,  3  weitere  —  davon  eine  rein 
chinesisch  —  dienen  ausschliesslich  der  medizinischen  Ausbildung  weiblicher 
Studierenden.  Von  all  diesen  Schulen  sind  nur  3  im  eigentlichen  Innern,  alle 
andern  an  oder  nahe  der  Küste  gelegen.  Die  Gesamtzahl  der  Medizin¬ 
studierenden  beträgt  nach  den  neuesten  Zusammenstellungen  etwas  über  2000, 
darunter  etwa  100  Frauen,  %  aller  studieren  in  den  von  Ausländern  geleiteten 
Instituten. 

Die  Ausbildung  an  den  chinesischen  Regierungsschulen  lässt  durchweg 
noch  viel  zu  wünschen  übrig,  Laboratoriumseinrichtungen  fehlen  entweder 
ganz  oder  sind  recht  dürftig,  der  Unterricht  in  Anatomie  und  Naturwissen¬ 
schaften  wird  rein  theoretisch  an  Hand  von  Büchern,  günstigenfalls  mit  Hilfe 
von  Wandtafeln  und  Präparaten  gegeben.  Nicht  viel  besser  steht  es  meist 
mit  dem  klinischen  Unterricht. 

Unter  den  fremden  Schulen  nehmen  das  Hunan-Yale  Medical  College  in 
Changsha,  eine  Gründung  früherer  Schüler  der  amerikanischen  Universität 
Yale;  die  South-Manchurian  University  in  Mukden,  von  Japanern  gegründet 
und  von  der  South  Manchurian  Railway  Co.  unterhalten;  die  Shantung  Christian 
University  in  Tsinan,  die  englische  Universität  in  Hongkong  und  schliesslich 
das  Peking  Union  Medical  College  eine  hervorragende  Stellung  ein. 

Diese  letztere  Anstalt  entspricht  nicht  nur  allen  Anforderungen  eines 
wissenschaftlichen  Lehr-  und  Forschungsinstituts,  sondern  ist  durch  seine 
grosszügige  und  aufs  modernste  und  praktischste  ausgestattete  Anlage  zu 
einem  einzig  in  seiner  Art  dastehenden  Musterinstitut  geworden. 

Ursprünglich  eine  Gründung  der  Londoner  Mission  im  Jahre  1906  wurde 
das  Institut  durch  Zusammenschluss  zweier  weiterer  englischer  und  dreier 
amerikanischer  Missionen  vergrössert,  die  Kaiserin-Witwe  und  führende 
chinesische  Beamte  wurden  für  Zuschüsse  gewonnen  und  früh  schon  wurde 
das  College,  in  dem  damals  der  Unterricht  in  chinesischer  Sprache  erteilt 
worden  war,  vom  Unterrichtsministerium  als  Hochschule  anerkannt  und  den 
Absolventen  der  Doktortitel  verliehen.  Im  Jahre  1915  hatte  die  Rockefeller- 
stiftung,  welche  durch  mehrere  Kommissionen  seit  1908  die  Verhältnisse  in 
Ostasien  mit  Rücksicht  auf  die  Gründung  eines  grossen  medizinischen  Zentral¬ 
instituts  hatte  studieren  lassen,  durch  Vermittlung  des  inzwischen  von  ihr 
eingerichteten  China  Medical  Board  das  ganze  College  übernommen  und  mit 
dem  Neubau  der  Anlagen  und  der  Reorganisation  begonnen.  Das  mit  einem 
Aufwand  von  ca.  8  Millionen  Golddollar  errichtete  neue  Union  Medical 
College  der  Rockefellerstiftung  wurde  im  Herbst  1921  unter  Anwesenheit 
vieler  namhafter  medizinischer  Gelehrten  und  hoher  chinesischer  Würden¬ 
träger  eingeweiht. 

Die  14  grossen  Gebäude  auf  weitem  Areal  sind  im  Stil  der  klassischen 
chinesischen  Tempel  und  Paläste  gebaut  und  reihen  sich  mit  ihren  ge¬ 
schweiften,  mit  grünen  Lasurziegeln  belegten  Dächern  von  weitem  schon 
wohltuend  in  die  Gesamtarchitektur  der  Stadt  ein.  Die  scharlachroten 
Säulen,  die  grün,  blau  und  gold  bemalten,  reichen  Verzierungen  der  Dach¬ 
friese,  die  breiten  Drachenmuster  aus  karrarischem  Marmor,  welche  die 
Aufgangstreppen  zu  den  Gebäuden  im  vordem  Hof  teilen,  sind  von  chinesi¬ 
schen  Künstlern  nach  Muster  des  kaiserlichen  Sommerpalastes  entworfen  und 
tragen  dazu  bei,  den  chinesischen  Kranken,  die  das  im  selben  Stil  gehaltene 
Hospital  besuchen,  die  Scheu  vor  dem  Fremdländischen  zu  nehmen  und  sie 
in  gewohnter  Umgebung  sich  heimischer  fühlen  zu  lassen. 

Grosse,  hohe  Räume  und  weite  terrazzobelegte  Gänge,  welche  durch 
eine  Saugluftanlasre  und  elektrische  Ventilatoren  kühl  gehalten  werden,  er¬ 
leichtern  die  Arbeit  im  Sommer,  wenn  Temperaturen  über  40°  im  Schatten 
an  der  Tagesordnung  sind.  Besondere  Räume  zur  Aufbewahrung  von 
Laboratoriumsmaterial  werden  durch  eisgekühlte  Luft  ständig  auf  niederer 
Temperatur  gehalten.  Die  einzelnen  Institute,  jedes  in  besonderen  Gebäuden 
untergebracht,  sind  mit  Räumen  für  Unterricht,  Laboratorien  und  Sammlungen 
aufs  modernste  eingerichtet,  jedes  der  vielen  Laboratorien  ist  mit  Kalt-  und 
Heisswasser,  elektrischem  Strom  für  2  Qualitäten,  Gas  und  Druckluft  ver¬ 
sehen,  eine  besondere  Leitung  liefert  eisgekühltes,  keimfreies  Trinkwasser, 
eine  hier  draussen  im  Osten  besonders  wohltuende  und  geschätzte  Ein¬ 
richtung.  Der  rege  innere  Verkehr  zwischen  den  einzelnen  Abteilungen  wird 
durch  etwa  200  Telephone  erleichtert,  während  schriftliche  Mitteilungen  durch 
eine  Anzahl  ständiger  Boten,  die  regelmässig  die  einzelnen  Institute  durch¬ 
wandern,  übermittelt  werden.  Das  Rufsystem  für  die  Aerzte  besteht  aus 
Lichtsignalen,  die  in  den  Gängen  und  Abteilungen  aufflammen. 


Die  Krankensäle  der  dreistöckigen  Hospitalsbauten  haben  grosse  lages- 
räume  und  geräumige  Veranden  und  sind  mit  25  Betten  belegt,  die  aui  der 
Kinderstation  durch  hohe  Glasscheidewände  voneinander  getrennt  sind. 

Die  üesamtbettenzahl  ist  auf  250  beschränkt,  da  das  Hospital  wesentlich 
Unterrichts-  und  Studienzwecken  dienen  soll.  Angenehm  und  die  Nachtruhe 
der  Kranken  nicht  störend  wirkt  die  Bodenbeleuchtung,  eine  in  die  Mitte  des 
Saalbodens  eingelassene  und  mit  dickem  blauen  Glase  bedeckte  Glühlampe, 
durch  Steckkontakt  mit  Anschluss  an  den  Elektrokardiographen  in  allen 
Krankenräunien  und  dem  physiologischen  Laboratorium  wird  die  Aufnahme 
der  Kurven  für  Arzt  und  Kranken  bedeutend  vereinfacht.  Die  4  Operations¬ 
säle  befinden  sich  im  luftigsten  und  ruhigsten  obersten,  4.  Stock,  da  aber  alle 
Räume  der  durch  5  Lifts  untereinander  verbundenen  einzelnen  Stockwerke 
auf  gleicher  Ebene  liegen,  lässt  sich  der  Transport  der  Kranken  auf  Roll¬ 
betten  leicht  und  schnell  überallhin  bewerkstelligen. 

Während  das  anatomische  Institut  über  hinreichend  Leichenmaterial  ver¬ 
fügt,  das  in  grossen  mit  Steinöl  gefüllten  Tanks  aufbewahrt  sich  ausgezeichnet 
hält,’  ist  die  Zahl  der  Autopsien  einstweilen  noch  recht  klein.  Obwohl  seit 
1913  die  Sektion  von  Leichen  gesetzlich  erlaubt  ist,  stösst  man,  wenn  es  sich 
darum  handelt,  die  Erlaubnis  von  den  Anverwandten  zu  erlangen,  noch  auf 
grosse  Schwierigkeiten  und  oft  wird  ein  Schwerkranker  noch  in  extremis 
nach  Hause  weggeholt;  so  geht  dem  -pathologischen  Institut  viel  klinisch 
interessantes  Sektionsmatcrial  verloren,  wofür  das  aus  allen  Teilen  Chinas 
zugehende  Untersuchungsmaterial  einigen  Ersatz  bildet.  Die  parasitologische 
Abteilung  findet  dagegen  ein  um  so  grösseres  Feld  der  Betätigung,  die  reiche  , 
Helmintliensanimlung  zeigt,  welche  Arbeit  unter  der  Leitung  von  Dr.  Faust 
schon  geleistet  wurde.  Die  Versuchstierstation  umfasst  mehrere.  Tausend 
Tiere,  die  das  Herz  jedes  jetzt  von  Deutschland  kommenden  Mediziners  ent¬ 
zücken  würden,  nicht  minder  wie  das  Arbeiten  in  der  überaus  reich  aus-  i 
gestatteten  Bibliothek,  die  über  22  000  Bände  und  ca.  450  laufende,  zum  . 
grössten  Teil  medizinische  Zeitschriften  aller  Lander,  darunter  allem  120 
medizinische  in  deutscher  Sprache  enthält!  Besondere  Agenten  haben 

seinerzeit  Europa  bereist  und  ganze  Jahrgänge  aufgekauft. 

Die  von  modernen  Hilfsmitteln  weit  entfernte  Lage  des  Instituts  macht 
zur  rationellen  Bewirtschaftung  natürlich  die  Angliederung  einer  Anzahl  von 
technischen  Betrieben  und  grosser  Materialienlager  nötig.  Neben  eigenen 
elektrischen  Kraft-,  Gas-  und  tiefen  Quellwasseranlagen,  die  das  Institut 
unabhängig  von  den  städtischen  Zentralen  machen,  besorgen  eigene 
Schreinereien,  Schlosser-,  Mechaniker-  und  Malereiwerkstätten  die  nötigen 
Reparaturen  und  Neuarbeiten,  Schneider  und  Nähstuben  fertigen  Kranken-  und  , 
Operationswäsche,  die  Wäscherei  bewältigt  maschinell  täglich  ca.  3000  Stück 
Wäsche,  eine  photographische  Abteilung,  Druckerei  und  Poststation  ver¬ 
vollständigen  den  Betrieb.  In  2  abgegrenzten  Vierteln  mit  zusammen 
36  Häusern  in  der  Nähe  des  Instituts  hat  jeder  der  Dozenten  sein  eigenes, 
mit  allem  Komfort  eingerichtetes  Heim,  10  prächtig  gehaltene  Tennisplätze 
bieten  Dozenten  und  Assistenten  Gelegenheit  zur  nötigen  Körperbewegung,  t 
von  der  sich  kaum  einer  fernhält. 

Die  Zahl  der  Dozenten  und  Aerzte  am  College  und  Hospital  beträgt 
47  Amerikaner  und  Engländer,  nebst  einer  geringen  Anzahl  Angehöriger 
anderer  Staaten  und  43  Chinesen,  die  zum  grossen  Teil  ihre  Ausbildung  in 
Amerika  erhalten  haben.  Ausserdem  halten  noch  Besuchsprofessoren 
(Visiting  Professors),  die  führende  Stellungen  im  Ausland  innehaben.  Vor¬ 
lesungen,  für  die  sie  auf  kurze  Zeit  bis  zu  einem  Jahr  eingeladen  sind.  Auf 
diese  Weise  hat  uns  Prof.  E.  Fuchs  aus  Wien  im  letzten  Herbst  besucht 
und  einen  Vorlesungskurs  hier  gehalten. 

Die  Studenten  setzen  sich  aus  Schülern  und  Schülerinnen  chinesischer 
Mittelschulen  aller  Provinzen  zusammen,  die  dann  noch  4 — 5  Jahre  in  einem 
der  amerikanischen  oder  englischen  Colleges  zum  Medizinstudium  vorgebildet 
werden;  durch  pekuniäre  Zuwendung  des  obenerwähnten  China  Medical 
Board  an  etwa  15  Erziehungsinstitute  im  Lande  —  worunter  auch  an  die 
Medizinschule  der  Nationaluniversität  —  ist  für  guten  Nachwuchs  für  das 
Rockefellerinstitut  gesorgt.  Der  Lehrplan  am  Medical  College  umfasst 

3  Jahre  Vorklinikum  mit  englischem  und  wahlweise  deutschem  oder  französi¬ 
schem  Sprachunterricht  und  2  Jahre  klinischem  Studium,  nach  einem  weiteren 
praktischen  Jahr  auf  den  verschiedenen  Stationen  des  Hospitals  wird  wie  in 
Deutschland  erst  die  Approbation  erteilt. 

Zu  einer  besonderen  Aufgabe  hat  sich  das  College  die  Entwickelung  und 
Ausbildung  der  Krankenpflege  in  China,  gemacht.  Bis  jetzt  sind  noch  eine 
Anzahl  chinesischer  Wärter  auf  den  Abteilungen  tätig,  die  aber  nach  und 
nach  durch  weibliches  Personal  ersetzt  werden  sollen,  neben  26  amerikani¬ 
schen  Krankenschwestern  versehen  ca.  40  chinesische  -den  Pflegedienst.  Die 

4  jährige  Ausbildung  zur  geprüften  Krankenschwester  umfasst  nicht  nur 
theoretischen  und  praktischen  Unterricht  in  Krankenpflege  und  Diätküche, 
sondern  auch  Kurse  in  englischer  Sprache  und  Mittelschulfächern  auf  der 
hiesigen  amerikanischen  Universität,  die  nach  bestandenem  Examen  den 
Bachelor-Grad  verleiht.  Die  Pflegeschule  des  Instituts  bildet  somit  einen 
wichtigen  Faktor  bei  der  Förderung  der  modernen  weiblichen  Erziehung  in 
China.. 

Der  „Medizintempel“,  wie  -die  Chinesen  das  Institut  nennen,  erfüllt 
schliesslich  noch  über  den  engeren  Rahmen  eines  Krankenhauses  hinaus  eine 
Mission  als  soziale  Wohlfahrtseinrichtung.  Eine  besondere  Abteilung  (Social 
Service)  hat  die  Aufgabe,  aus  dem  Spital  entlassenen  Kranken  das  Fort¬ 
kommen  zu  erleichtern,  sie  mit  Kleidern,  Krücken  u.  dergl.  zu  versorgen, 
ihnen  geeignete  Stellen  zu  verschaffen,  der  Schonung  Bedürftige  und  leicht 
Tuberkulöse  möglichst  passend  unterzubringen;  ein  Erholungsheim  steht  zu 
diesem  Zweck  zur  Verfügung.  Durch  Verbindung  mit  Wohlfahrtseinrichtungen 
verschiedener  Missionsgesellschaften,  der  Y.  M.  C.  A.,  die  hier  in  China  eine 
grosse  Rolle  spielt,  der  Heilsarmee  usw.  wird  in  selbstloser  Weise  unendlich 
viel  Gutes  getan.  Durch  Vermittlung  genannter  Abteilung  wird  ferner  die 
Wiedervorstellung  entlassener  Kranker,  die  von  besonderem  klinischen 
Interesse  sind,  bewerkstelligt,  so  dass  in  den  ärztlichen  Fortbildungskursen,, 
die  2  mal  im  Jahre  stattfinden  und  an  denen  Aerzte  aus  ganz  China  ieil- 
nehmen,  besonders  reiches  und  ausgesuchtes  Material  gezeigt  werden  kann. 

Für  die  Erziehung  der  Studenten  ist  auf  mannigfache  Art  gesorgt,  sie 
wohnen  in  Alumnaten  zusammen,  haben  ihre  eigenen  Lese-  und  Spielzimmer 
und  Bücherei,  treiben  Sport,  der  in  China  noch  sehr  vernachlässigt  wird  und 
verbringen  abwechselnd  in  Gruppen  das  Wochenende  in  einem  schön  ge¬ 
legenen  Tempel  der  nahen  Westberge,  wohin  sie  mit  dem  grossen  Lastauto 
des  Instituts  gefahren  werden.  Im  Auditorium  maximum,  das  ein  besonderes 
Gebäude  umfasst,  finden  neben  regelmässigen  Kinovorstellungen  Theater-  und 


28.  September  1923. 


^MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


^uniessi'anUffÜhrUngen  Statt’  deren  ErträKnisse  z-  T-  dcm  Social  service-Fond 

Vorträge  über  die  verschiedensten  Themata  allgemeinen  Interesses, 
für  die  das  Institut  namhafte  Männer  aller  Nationen  bei  ihrem  Aufenthalt  in 
Peking  zu  gewinnen  weiss,  tragen  weiter  dazu  bei,  das  Peking  Union  Medical 
LoHege  zu  einem  geistigen  Zentrum  im  fernen  Osten  zu  machen,  das  unseren 
westlichen  hohen  Bildungsstätten  ebenbürtig,  als  Gegengewicht  gegen  die  Hin¬ 
auf  raschen  Gelderwerb  und  flaches  Geniesscn  gerichtete  Lebensweise  eines 
grossen  Teils  aller  Ausländer  hier  draussen  schon  eine  ganz  neue  Atmosphäre 
in  Peking  geschaffen  hat. 

Auf  dem  Gebiete  der  Reinlichkeit  und  Gesundheitspflege  hat  der  Einfluss 
“*5  Instituts  schon  manche  sichtbaren  Erfolge  erreicht:  Barbierstuben, 
Wäschereien  und  ähnliche  Betriebe  fangen  an  durch  das  „Wci-Sheng“  auf 
ihren  ausgehängten  Schildern  das  Publikum  darauf  hiiizuweisen,  dass  in 
ihren  Laden  nach  sanitären  Regeln  verfahren  wird.  Das  wachsende  Ver- 
trauen  der  Bevölkerung,  die  andernorts  sich  den  westlichen  Heilmethoden 
gegenüber  noch  recht  misstrauisch  verhält,  zeigt  sich  in  der  ständigen  Zu¬ 
nahme  der  ambulanten  Fälle  —  15300  im  letzten  gegen  11400  im  Vorjahre  — 
auch  erlebt  n,al1  als  Arzt  nicht  selten  Beweise  rührender  Anhänglichkeit  und' 
Dankbarkeit,  die  man  im  allgemeinen  von  Chinesen  nicht  gewohnt  ist.  v.  P. 


1241 


Vereins-  und  Kongressberichte. 

Medizinische  Gesellschaft  Giessen. 


Sitzung  vofh  19.  Juni  1923. 

Herr  J  e  s  s:  1.  Demonstrationen: 

a)  Doppelseitiges  Gliom  der  Netzhaut  unter  Behandlung  mit  Röntgen- 
>trahlen. 

b)  Das  Hesssche  Pupilloskop  mit  Hinweis  auf  die  Bedeutung  der 
uodernen  1  upilloskopie  für  beginnende  Störungen  der  Lichtreaktion  und  die 
irkennung  der  Farbensinnstörungen. 

Aussprache:  Herr  Erhard. 

2.  Zur  vergleichenden  Ophthalmologie  (Glaukom  und  Linsenluxation  bei 
I  feren.  Augenhintergrundsbilder). 

|  E*lc  bpi  Tieren  bisher  beobachteten  Glaukome  waren  stets  sekun- 
a  r  e,  meist  hervorgerufen  durch  vorausgegangene  Entzündungen  und  Ver- 
I Hebungen  des  Kammerwinkels  oder  des  Pupillarrandes.  Im  Gegensatz  zum 
umschlichen  Auge  ist  auch  das  ausgewachsene  Auge  vieler  Säugetiere  erheb- 
cher  Ausdehnung  fähig.  Die  Festigkeit  der  Horn-  und  Lederhaut  scheint 
enn  Ger  im  allgemeinen  geringer  zu  sein,  jedenfalls  wurde  die  Ausbildung 
ines  Hydrophthalmus  von  oft  enormer  Ausdehnung  bei  ausgewachsenen 
terden,  Rindern,  Hunden,  Katzen  u.  a.  Tieren  beobachtet.  Es  kommt  dabei 
lei  seltener  zur  typischen  Sehnervenexkavation.  Primäre  Glaukome  sind 
lSher  im  Tierauge  nodh  nicht  mit  Sicherheit  festgestellt. 

Makroskopische  und  mikroskopische  Bilddemonstration  eines  doppel- 
eitigen,  kongenitalen  Hydrophthalmus  bei  einem  1  tägigen  Küken  Es 
anddtc  sich  um  eine  angeborene  Verwachsung  der  Vorderblätter  der  Iris 
ti  I  upillargebiet  und  Verklebung  zwischen  Pupillenrand  und  vorderer  Linscn- 
apsel  mit  resultierender  hochgradiger  Na.pfkucheniris  und  enormer  Aus- 
ehnung  der  ganzen  vorderen  Bulbushälfte.  Der  Sehnerv  war  nicht  exkaviert 
le  wachsende,  noch  weiche  Linse  war  durch  den  ständigen  Zug  der  Zonula- 
isern  völlig  abgeflacht,  am  Aequator  vakuolisiert  und  zum  Teil  getrübt. 

■a  blj'dfpphthplnius  einer  17jährigen  Katze,  als  Folge  chronischer  endogener 
idozyklitis  bei  gleichzeitigem  Diabetes  und  Pankreasnekrose.  In  wenigen 
ochen  hatte  das  vorher  ganz  normale  Auge  sich  enorm  vergrössert  durch 
olhge  Abflussbehinderung  infolge  Verklebung  der  Iris  mit  der  Hornhaut- 
nterflache.  Starke  Sehnervenexkavation.  Die  Linsenkapsel  geborsten,  als 
urchsichtiges  Diaphragma  noch  an  den  Zonulafasem  hängend.  Der  getrübte 
ern  unten  im  verflüssigten  Glaskörper,  wie  eine  mazerierte  Linse  stern- 
rmige  Einschnürungen  zeigend. 

Aussprache:  Herren  Henneberg,  Vossius. 


Aerztlicher  Kreisverein  Mainz. 

(Offizielles  Protokoll.) 


Sitzung  vom  17.  Juli  1923. 


Herr  Gg.  B.  G  r  u  b  e  r:  Besprechung  einiger  dunkler  Krankheitsfälle  und 
rer  pathologischen  Anatomie  am  Lichtbildschirm. 

1.  Lymphangioma  polycysticum  subperitoneale  von  einer  Frau,  beob- 

litet  und  operativ  gewonnen  von  Ernst  P  u  p  p  e  1.  (Wird  im  Arcli  f  Gvn 
•röffentlicht.)  ‘  ’ 

2.  Ueber  primäre  und  sekundäre  Sarkome  im  Bereich  der  Leber.  Primäre 
trkome  auf  dem  Boden  des  Lebergewebes  sind  häufiger  als  diejenigen, 
eiche  aus  der  Gallenblase  hervorgehen.  Von  letzteren  liegt  etwa  ein 
itzend  Beobachtungen  überhaupt  vor.  Lebersarkome  entstehen  nicht  selten 

zirrhotischen  Lebern.  Die  Erfahrung  eines  aus  mehrfachen  Knoten  be¬ 
henden  Sarkoms  in  einer  zirrhotischen  Leber,  deren  Trägerin  nach  langem 
tcheii  noch  ein  kleines  periostales  Wirbelsäulensarkom  auffinden  liess.  mahnt 
r  Vorsicht  bei  der  Festlegung  -der  Diagnose  primärer  Lebersarkome. 

3.  Zahlreiche  Beispiele  von  Zystennieren  Erwachsener  teils  mit  mächtiger 
ganvergrösserung,  teils  ohne  Volumzunahme  der  Nieren.  Vorweisung  eines 
Ucs  einer  kugeligen,  vorspringenden  polyzystischen  Gewebsbildung  im 
:reich  eines  Renculus  des  unteren  Nierenpols  eines  alten  Mannes.  Histo¬ 
risch  erwies  sich  die  Bildung  als  ein  sehr  zellreiches  Cystadenoina  renis. 

beweist  die  Richtigkeit  der  Anschauung,  welche  in  den  Zystennieren  Fehl¬ 
dungen  ersieht,  welche  durch  geschwulstartiges  Wachstum  exzedieren 
nnen.  Klinisch  war  in  diesem  Fall  der  Tumor  ohne  Belang. 


Kleine  Mitteilungen. 


Antialk  oholkongresse. 

..  ,E^e  Sommcrs  fanden  unmittelbar  aneinander  anschliessend  drei  Anfci- 
albliotagfeMc^  statt,  ein  internationaler  in  Kopenhagen,  ein  nationaler  in 

Mitteblnun.ktl,Id-ei|n  ”nordwestdeUtscher  Alkoholgegnertag"  in  Bremen.  Im 
Mittelpunkt  des  Interesses  stand  auf  allen  drei  Tagungen  die  Verbotsfragc. 

TCrhnM.1  ZT  dao  X^n01  Amerika,  irl  Finnland,  in  Island,  das  Halb- 
I  ?inH°prn Norw.CKU"  ?  So11  und  ^nn  man  ähnliche  Gesetze  in  den  anderen 
hafteste  «rä/wt " ?  UfS  Warc"  dlc  Fragcn«  die  immer  wieder  auf  das  leb- 
2(1  fahrpn  Aii  er  w,lflrdetl-  Au,lld  dle  Gemüter  erregten,  ähnlich  wie  vor 
nicht  mehr  sTricf/t  Abstlnenz  oder  Massigkeit,  über  die  man  jetzt 

ri«r  r  1  k  a  Schatze"  die  Vcrbots  Regner,  dass  der  Verbrauch  nach 

dHf.  Trockenlegung  um  70  Proz.,  also  auf  30  Proz.  zurückgegangen  sei  Das 
schien  vielen  ein  sehr  anerkennenswerter  Erfolg,  anderen  genügte  cs  nicht,  um 
ÄL?«  bekannten  Nachteile  des  Verbots  in  Kauf  zu  nehmen.  Dilrch  Z 
i lt“ng,fn  glng  letzthin  eine  Mitteilung,  dass  sich  in  Amerika  die 
„Medical  Alliance  gegen  das  Verbot  ausgesprochen  habe.  Das  ist  aber  ein 

k1riere1tenusew  W<n!K  angesebener  Aerzteverein,  von  Leuten,  die  brieflich 
kurieren  _  usw.  Die  „American  medical  Association“  aber,  der 

nl.sc,he -A c r z  1  ey e r ei n “ ,  ha t  kürzlich  seine  Meinung  dahin  kundgegeben: 
A'kohol  hat  therapeutisch  häufig  günstige  Wirkungen,  ist  aber  ni.ht  un- 
Äf1?’  u".d  da.  jede,  ärztliche  Verordnung  den  Genuss  alkoholischer 
Getränke  im  allgemeinen  begünstigt,  sollte  man  sie  vermeiden.  Im  Verbots¬ 
lande  Amerika  also  stellt  der  allgemeine  Aerzteverein  diese  Richtlinien  auf 
die  ungefähr  dem  entsprechen,  was  die  Abstinenten  bereits  1907  auf  dem 
internationalen  Antialkoholkongress  in  Stockholm  forderten. 

..  n  F  1  a  n  d  ilält  ™ie  in  Amerika  trotz  der  grossen’  Widerstände,  die 
die  Durchführung  des  Verbots  zu  überwinden  hat,  Bevölkerung  und 
Pä r Iain ent  mit  grosser  Majorität  an  dem  Verbotsgedanken  fest.  Einem  groben 
Missbrauch  der  diesbezüglichen  Gesetze  durch  Apotheker  und  Zahnärzte 
wurde  neuerdings  durch  drakonische  Strafbestimmungen  die  Spitze  abge¬ 
brochen.  Auch  in  Norwegen  wird  viel  über  einen  groben  Missbrauch  ge¬ 
klagt,  den  die  Aerzte  mit  der  Erlaubnis,  alkoholische  Getränke  zu  verordnen 
treiben.  Die  skandinavischen,  insbesondere  die  Verbotsländer,  leiden 
ausserdem  schwer  durch  die  bezüglichen  Handelsverträge,  insbesondere  mit 
Frankreich  und  Spanien;  Norwegen  musste  mit  Rücksicht  darauf  den  er- 
laUibten  Alkoholgehalt  von  12  auf  25  Proz.  heraufsetzen. 

Sehr  lebhaft  wurde  über  den  Schmuggel  geklagt,  der  die  Wirkung 
der  Gesetze,  namentlich  von  Deutschland  aus  in  Skandinavien,  aber  auch  im 
allgemeinen  in  Ameiika  schwer  beeinträchtigt.  Seine  Bekämpfung  wird  in 
Skandinavien  durch  die  grosse  Valutadifferenz  sehr  erschwert.  Aber  man 
war  sich  doch  darüber  einig,  dass  zur  Bekämpfung  des  Schmuggels  und  zur 
Bekämpfung  des  Alkoholismus  im  allgemeinen  internationale  Vereinbarungen 
unbedingt  erforderlich  sind. 

In  H  a  m  b  u  r  g  handelte  es  sich  um  eine  geschlossene  Alkoholverbots¬ 
konferenz,  die  gemeinsam  vom  allgemeinen  Zentralverband  zur  Bekämpfung 
des  Alköholismus  (dem  Zusammenschluss  der  deutschen  Abstinenzvereine)  und 
dem  Ausschuss  für  Alkoholverbot  in  Deutschland  zur  Klärung  der  Verbots¬ 
frage  einberufen  war.  ln  den  Berichten  wurde  von  Gästen  aus  Amerika. 
Finnland,  Norwegen,  England,  Dänemark,  von  Deutschen,  die  die  Frage  in 
Amerika  studiert  hatten,  eine  Fülle  von  interessantem  Material  zur  Sprache 
gebracht.  In  der  lebhaft  benutzten  Aussprache  fehlte  es  nicht  an  Stimmen, 
die  dringend  vor  einer  sofortigen  Einführung  eines  Verbots  in  Deutschland 
warnten,  weil  das  deutsche  Volk  noch  nicht  reif  dafür  sei.  Aber  auch  unter 
ihnen  erklärte  z.  B.  Geheimrat  W  e  y  m  a  n  n  vom  Deutschen  Verein  gegen 
den  Alkoholismus,  er  würde  sich  mit  einem  Verbot  in  einzelnen  deutschen 
Gliedstaaten  nach  dem  Vorbild  Amerikas  wohl  einverstand  m  erklären 
können,  warne  aber  vor  der  Forderung  des  Verbots  für  ganz  Deutschland, 
aus  Rücksicht  auf  Bayern  und  das  Rheinland,  da  dort  sicher  solche  Forde¬ 
rungen  den  heftigsten  Widerstand  hervorrufen  würden.  —  Konflikte,  die 
unter  den  jetzigen  Verhältnissen  zu  vermeiden  wären.  Auf  der  anderen  ’srite 
aber  wurde  ein  sofortiges  Alkoholverbot  für  Deutschland  von  manchen 
Seiten  mit  viel  Temperament  gefordert  und  findet  bei  vielen  Alkoholgegnern, 
aber  offenbar  auch  in  nicht  alkoholgegnerisch  orientierten  Kreisen  immer 
mehr  Anhänger.  Bestimmte  Richtlinien  wurden  in  Hamburg  nicht  aufgestellt, 
wohl  aber  im  Anschluss  an  die  Konferenz  von  dem  deutschen  Verbots¬ 
ausschuss  (bereits  in  Nr.  37  d.  W.  veröffentlicht);  ausserdem  kam  als  Er- 
gebnis  der  vorhergehenden  Kongresse  die  allgemeine  Stimmung  wohl  richtig 
zum  Ausdruck  in  zwei  Entschliessungen,  die  in  Bremen  ange- 
nommen  wurden.  Die  eine  forderte  eine  sofortige  Notverordnung  der  Reiclis- 
regierung,  wodurch  jede  Verwendung  von  Nahrungsmitteln  zur  Herstellung 
berauschender  Getränke  verboten  wird  aus  Rücksicht  auf  die  gegenwärtige 
Not  und  den  zunehmenden  Alkoholismus.  Die  andere  Entschliessung  verlangt 
möglichst  baldige  Verabschiedung  des  Schankstättengesetzes  vom  Reichstag 
mit  dem  Gemeindebestimmungsrecht,  allerdings  mit  den  not¬ 
wendigen  Verbesserungen  gegenüber  dem  vorliegenden  Entwurf. 

Das  Gemeindebestimmungsrecht  wurde  auch  in  Kopenhagen  und  Ham¬ 
burg  begreiflicherweise  eingehend  besprochen  und  als  geeignete,  wenn  nicht 
unerlässliche  Vorstufe  für  die  Erlangung  eines  Verbotes  hingestellt.  In 
Dänemark  hat  man  damit  in  einer  sehr  eigenartigen  Form  bekanntlich  sehr 
gute  Ergebnisse  erzielt.  Der  Rückgang  des  Verbrauchs  alkoholischer  Ge¬ 
tränke  und  die  daraus  sich  ergebende  wesentliche  Besserung  der  Gesund¬ 
heitsverhältnisse  wurde  allerdings  in  Kopenhagen  von  H  i  n  d  h  c  d  e  auf  die 
seiner  Initiative  entsprungene '  Kricgsrationierung  zurückgeführt.  Er  trug 
seine  Grundsätze,  die  Vermeidung  des  Umweges  durch  das  Schwein  usw., 
mit  viel  Temperament  vor  und  konnte  sich  für  die  Richtigkeit  seiner 
Statistiken  auf  die  Aitorität  des  Volkswirtschaften  We'stcrgaard  in 
Kopenhagen  berufen. 

Der  Kopenhagener  Kongress  war  von  Deutschen  und  auch  Deutsch- 
Oesterreichern  recht  zahlreich  besucht,  was  uns  natürlich  nur  möglich  war 
durch  eine  sehr  weitgehende  Gastlichkeit  der  dänischen  Abstinenten,  für  die 
wir  ihnen  zu  grossem  Dank  verpflichtet  sind.  Am  Abend  des  ersten  Kongress¬ 
tages  in  Kopenhagen  wurde  der  Kongress  durch  die  städtischen  Behörden  in 
dem  wunderschönen  Rathaus  empfangen,  das  erstemal,  dass  einer  Abstinenz¬ 
organisation  diese  Ehre  zuteil  wurde.  Im  Anschluss  hieran  brachte  uns  die 
abstinente  Jugend  Kopenhagens  einen  Fackelzug. 


Delbrück  -  Bremen. 


1242 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  39. 


Frequenz  der  Scliweizerischen  medizinischen 
Fakultäten  i  m  S.-S.  1923:  Basel  264  (239  m.,  25  w.),  Bern  376  (338  m.. 
38  w),  Genf  245  (213  m..  32  w.),  Lausanne  149  (137  in..  12  w.).  Zürich  447 
(368  in.,  79  w.).  insgesamt  1385  (1211  tn„  174  w.),  davon  1075  (953  m.,  122  w.) 
Schweizer,  310  (258  in.,  52  w.)  Ausländer. 

Assistenten-  und  Studentcnbelange. 

Oesterreichische  Studentenhille. 

Der  Kreis  VIII  (Deutsch-Oesterreich)  der  Deutschen  Studentenschaft 
hat  50  rcichsdcutsehe  Studenten  zum  Studium  für  das  kommende  Semester 
an  die  Wiener  Hochschulen  eingeladen.  Die  Studenten  erhalten  freie  Fahrt 
von  Fassau  bis  Wien,  unentgeltliche  Unterkunft  in  den  Studentenheimen. 
Frühstück,  Mittag-  und  Abendessen.  Die  Kollcggebührcn  werden  vollständig 
erlassen.  Im  Falle  grosser  Mittellosigkeit  wird  auch  Taschengeld  abgegeben. 
Bevorzugt  sind  Studenten,  die  aus  dem  besetzten  Gebiet  stammen.  An¬ 
meldungen  und  Auskünfte  beim  Vorstand  der  Deutschen  Studentenschaft. 
Charlottenburg,  Berlincrstr.  171. 

Therapeutische  Notizen. 

Behandlung  der  epidemischen  Kinderlähmung. 

Ich  habe  im  Jahre  1913  6  Fälle  von  epidemischer  Kinderlähmung,  darunter 
2  schwere  zerebrale  Formen,  mit  Diphtherieserum  behandelt.  Sämtliche  so 
Behandelte  sind  ohne  Hinterlassung  irgendwelcher  Lähmungen  geheilt,  lm 
Herbste  1922  habe  ich  eine  akut  aufgetretene  Lähmung  der  linken  unteren 
Extremität  bei  einem  5  jährigen  Jungen,  der  nach  der  Anamnese  eine  nicht 
ärztlich  behandelte  Kinderlähmung  vor  ungefähr  einer  Woche  diirchgem.icht 
hatte,  nach  Diphtherieseruminjektion  in  kurzer  Zeit  heilen  gesehen.  Ich  bitte 
um  Nachprüfung  dieser  Beobachtungen.  Dr.  Bausewein  -  Koding. 

Als  Rasierseife  bei  Personen  mit  empfindlicher  Gesichtshaut  oder 
Hauterkrankungen  empfiehlt  A.  Jacobsberg  nach  eigenen  und  an  der 
Poliklinik  für  Haut-  und  Geschlechtskrankheiten  des  Krankenhauses  Friedrichs- 
hain-Bcrlin  angestellten  Versuchen  Obermeyers  Mcdizinal- 
Herba-Rasierseife.  Die  Seife  ermöglicht  ziemlich  schmerz.oses 
Rasieren  und  scheint  auch  den  Krankheitsprozess  wohl  durch  den  Hcilwert 
der  in  ihr  enthaltenen  Kräuter  (Angelica  25  Proz.,  Ocium  30  Proz^  Solanum 
20  Proz.,  Clematis  25  Proz.)  günstig  zu  beeinflussen.  (Darstellung:  Obermeyer 
&  Co.,  Hanau.)  (Ther.  d.  Gcgenw.,  Juli  1923.)  K.  b. 

Privatdozent  Dr.  H.  v.  Hayek-  Innsbruck  nahm  experimentelle  Unter¬ 
suchungen  über  Stibenyl-Heydcn,  p-aectylaminophenylstibinsaures  Natron 
vor.  Es  ergab  sich,  dass  Stibcnyl,  bei  Hunden  von  etwa  5  kg  per  os  gegeben, 
erst  bei  einer  Dosis  von  etwa  2,5  g  brechreizend  wirkt,  bei  Dosen  von  3  g 
und  darüber  erfolgt  Erbrechen  und  vorübergehend  Dünndarmreizung,  Ver- 
giftungserscheinungen,  speziell  Nierenreizung  treten  nicht  auf.  Die  Aus- 
Scheidung  von  Antimon  im  Harn  erfolgt  ziemlich  rasch.  Bei  der  raschen 
Resorption  und  Wiederausscheidung  erscheinen  therapeutische  Versuche  mu 
Stibenyl  per  os  im  Indikationsgebiete  des  Antimon,  so  bei  Leishmaniosen, 
Kala-Azar  u.  a.,  statt  der  bisher  üblichen  Injektion  in  Muskel  oder  Vene  nicht 
aussichtslos.  —  Stibenyltartrat-Hcyden  scheint  etwas  giftiger  und  zeigt  im 
übrigen  die  gleichen  Verhältnisse  wie  Stibenyl.  (Arch.  f.  Schiffs-  u.  1  ropen- 
Hyg.  1923.)  _  b- 


Tagesgeschichtliche  Notizen. 

München,  den  26.  September  1923. 

—  Nach  der  in  der  vor.  Nr.  d.  W.  abgedruckten  Verordnung  über  die 
Berechnung  der  Gebühren  für  Aerzte  und  Zahnärzte  nach 
einer  gleitenden  Skala  sind  unter  denjenigen  Körperschaften,  die  Anspruch 
auf  Anwendung  der  Mindestsätze  haben,  auch  die  Berufsgenossenscluiitcn, 
die  Landesversicherungsanstalten  und  die  Reichsversicherungsanstalt  für  An¬ 
gestellte  genannt.  Diese  ausserordentliche  Erweiterung  des  Kreises  der  zu 
den  Mindestsätzen  zu  behandelnden  Personen  ist  vom  preuss.  Minister  für 
Volkswohlfahrt  verfügt  (und  vom  bayer.  Staatsministerium  des  Innern  über¬ 
nommen)  worden,  ohne  dass  den  Vertretungen  der  Aerzte  überhaupt  Ge¬ 
legenheit  zur  Stellungnahme  geboten  war.  Der  Hartmannbund  hat 
in  seiner  Hauptversammlung  in  Leipzig  am  16.  ds.  mit  Recht  gegen  diese 
„unerhörte  Vergewaltigung  des  ärztlichen  Standes“  Verwahrung  eingelegt 
und  die  wirtschaftlichen  Vereinigungen  und  einzelnen  Aerzte  aufgef.irdcrt, 
auf  der  Durchführung  aller  bestehenden  Verträge  mit  jenen,  die  bessere 
Bedingungen  vorsehen,  zu  bestehen.  Mit  den  Berufsgenossenschaften  be- 
steht  aus  diesem  Anlasse  bereits  der  vertragslose  Zustand. 

—  Die  Hauptversammlung  des  Hartmannbundes  hat  ferner  Widerspruch 
erhoben  gegen  die  vom  preuss.  Minister  für  Volkswohlfahrt  in  seiner  Ver¬ 
ordnung  vom  28.  August  den  Aerzten  zugemutete  Verminderung 
der  bisherigen  Gebührensätze  um  20  Proz.  gegenüber  der  von 
ihnen  begründeten  Forderung  einer  mässigen  Erhöhung  mit  Rücksicht  auf  die 
ungewöhnliche  Steigerung  der  Berufsunkosten.  Die  Versammlung  beauftragte 
den  Vorstand  bei  weiteren  zentralen  Verhandlungen  die  Anerkennung  der 
ärztlichen  Forderungen  durchzusetzen  und  nötigenfalls  auch  vor  schärfsten 
Mitteln  der  Selbsthilfe  nicht  zurückzuschrecken. 

—  Des  weiteren  billigte  die  Hauptversammlung  in  Würdigung  der  schwe¬ 
ren  Bedrängnis,  in  die  zahlreiche  Krankenkassen  geraten  seien,  den  Plan  einer 
Notgemeinschaft  mit  dem  Hauptverband  deutscher 
Krankenkassen  und  das  zwischen  diesem  und  ihren  Unterhändlern  ver¬ 
abredete  Uebereinkommen  in  dem  Sinne,  dass  es  bei  Aufrechterhaltung  seiner 
wesentlichen  Bestimmungen  auch  als  Grundlage  fiir  eine  gesetzliche  Rege¬ 
lung  der  Kassenarztfrage  dienen  kann.  —  Mit  Rücksicht  auf  den  Ablauf 
des  Berliner  Abkommens  vom  23.  Dezember  1913  am  Ende  dieses 
Jahres  und  um  für  alle  Fälle  die  Hände  freizubekommen,  verpflichtet  die 
Hauptversammlung  sämtliche  Organisationen  und  einzelne  Aerzte,  alle  jetzt 
noch  laufenden  kassenärztlichen  Verträge,  die  auf  diesem  Abkommen  beruhen, 
rechtzeitig  für  den  31.  Dezember  1923  zu  kündigen  und  der  Hauptgeschäfts¬ 
stelle  des  Verbands  in  Leipzig  davon  Mitteilung  zu  machen,  vor  dem  Ab¬ 
schluss  neuer  Verträge  aber  deren  Weisungen  abzuwarten. 

—  Eine  neue  Verordnung  zur  prcussischen  Gebühren¬ 
ordnung  besagt:  Erfolgt  die  Zahlung  der  Gebühr  nicht  innerhalb  einer 
Woche  nach  der  Zahlungsanforderung,  so  ist  die  zur  Zeit  der  Zahlung 


geltende  Reichsindexziffer  der  Berechnung  zugrunde  zu  legen,  falls  diese 
Ziffer  nicht  niedriger  ist,  als  die  Reichsindexziffer  zur  Zeit  der  Verrechnung. 
Dieses  gilt  mit  Wirkung  ah  16.  September.  .  . 

—  Zu  Wilhelm  Uhthoffs  70.  Geburtstag  erschien  Band  71  der  Klini¬ 
schen  Monatsblätter  für  Augenheilkunde  als  Festschrift.  Den  zahl¬ 
reichen  wissenschaftlichen  Arbeiten  des  Bandes  geht  voraus  die  Rede,  die 
Prof  A  x  e  n  f  e  1  d  zur  Abschiedsfeier  in  der  Breslauer  Universitäts-Augen¬ 
klinik  am  25.  März  d.  J.  auf  U  h  t  h  o  f  f  gehalten  hat. 

—  Der  Reichsverband  der  privaten  g  e  in  c  l  n  n  u t  z  t  g  e  n 
Kranken-  und  Pflegcanstalten  Deutschlands  hält  Sonn¬ 
abend  den  29  September  1923.  vorm.  10  Uhr,  im  ehemaligen  Herrenhaus 
Berlin  W.,  Lcipzigerstr.  3  eine  Tagung  ab.  Einziger  Gegenstand  der  Iages- 
ordnung:  Durchgreifende  finanzielle  Selbsthilfe  der  Anstalten  durch  die 
„ Hilfskasse  gemeinnütziger  Wohlfahrtseinrichtungen  G.  m.  b.  H.“ 

—  Wegen  der  ungünstigen  wirtschaftlichen  Verhältnisse  ist  der  auf 
26. — 29.  September  d.  J.  angesetzt  gewesene  Urologenkongress  in 
Berlin  verschoben  worden. 

—  Die  fiir  den  6.  X.  23  in  Frankfurt  a.  M.  angesetzte  2.  Tagung 
der  Deutschen  Gesellschaft  für  Unfallheilkunde,  Versiehe  rungs-  und  Ver¬ 
sorgungsmedizin  kann  aus  politischen  und  wirtschaftlichen  Gründen  nicht 

- —  Man  schreibt  uns  aus  Utrecht:  Die  Notiz  in  Nr.  30.  S.  1004  Ihres 
Blattes,  der  Direktor  des  Hygienischen  Instituts  in  Utrecht,  Prof.  Uhr.  Ei  )k- 
man,  sei  vom  Lehramt  zurückgetreten,  ist  unrichtig.  Wahrscheinlich  liegt 
eine  Verwechslung  mit  Prof.  R.  H.  Salt  et  in  Amsterdam  vor. 

—  Pest.  Türkei.  Am  16.  August  2  Erkrankungen  in  Konstantmopel.  — 
Griechenland.  Im  August  7  Erkrankungen  und  4  Todesfälle  in  Syra,  am 

3.  August  1  Erkrankung  in  Piräus.  —  Palästina.  Vom  19.  bis  28.  Juni  n  Er¬ 
krankungen  in  Jaffa.  —  Syrien.  Vom.-J0.  März  bis  10.  Juli  7  Erkrankungen 
in  Beirut.  —  Aegypten.  Vom  23.  Juli  bis  19.  August  103  Erkrankungen, 
davon  in  Alexandrien  und  Suez  je  4  und  in  Port  Said  7.  In  der  Woche 

vom  12.— 18.  August  in  Paris  1  Erkrankung  festgestellt. 

—  Pocken.  England  und  Wales.  Vom  26.  August  bis  8.  September 

38  Erkrankungen,  davon  in  Gross-London  2. 

—  Flcckfieber.  Niederlande.  Vom  2. — 8.  September  2  Erkran¬ 
kungen  in  Boxmeer  (Proth  Nordbrabant). 

—  ln  der  34.  Jahreswoche,  vom  19.  bis  25.  August  1923.  hatten  von 
deutschen  Städten  über  100  000  Einwohner  die  grösste  Sterblichkeit  Gelseu- 
kirehen  mit  20,9,  die  geringste  Ludwigshafen  mit  6.9  Todesfällen  pro  Jahr 

und  1000  Einwohner.  .  . 

—  In  der  35.  Jahreswoche,  vom  26.  August  bis  bis  1.  September  19-3. 
hatten  von  deutschen  Städten  über  100  000  Einwohner  die  grösste  Sterb¬ 
lichkeit  Buer  mit  23,9,  die  geringste  Gelscnkirchen  mit  4,2  lodcsfallen 
pro  Jahr  und  1000  Einwohner.  Voff.  K.-U.-A. 

Hochschulnachrichten. 

Berlin.  Der  nichtplanmässige  a.  o.  Professor  mit  dem  Lehr¬ 
auftrag  für  soziale  Hygiene  an  der  Universität  Rostock  Dr.  med.  Hans 
Reiter  hat  einen  Ruf  zur  Vertretung  von  Geh.  Med.-Rat  Prof.  Martin 
Ficker  an  das  Kaiscr-Wilhelms-Institut  für  experimentelle  Therapie  in 
Berlin-Dahlem  angenommen,  (hk.)  —  Geh.  Med. -Rat  Prof.  Dr.  Julius 
Hirschberg  feierte  am  18.  ds.  in  erstaunlicher  Rüstigkeit  seinen  80.  Ge¬ 
ll  r  e  s  I  a  u.  Der  a.  o.  Professor  Geh.  San. -Rat  Dr.  Arthur  Gro  e  n  ob  w 
erhielt  einen  Lehrauftrag  zur  Vertretung  der  sozialen  Gesetzgebung  in  ihrer 
Beziehung  zur  Augenheilkunde,  der  a.  o.  Professor  Dr.  Georg  Lenz  einen 
Lehrauftrag  zur  Vertretung  der  Hygiene  des  Auges. 

Hamburg.  Prof.  Dr.  Eugen  F  r  a  e  n  k  c  1,  der  Vertreter  der  patho¬ 
logischen  Anatomie  an  der  Universität  Hamburg  und  Prosektor  am  Eppen- 
dorfer  Krankenhausc,  feiert  am  28.  ds.  seinen  70.  Geburtstag.  J 

Köln  Dem  a.  o.  Professor  für  allgemeine  und  pathologische  Fhjsn- 
logic  Dr.  med.  Bruno  Kisch  wurde  ein  Lehrauftrag  zur  Vertretung  der 
Pathologie  der  inneren  Sekretion  erteilt,  (hk.) 

Marbur  g.  Prof.  Dr.  Hermann  D  o  1  d  -  Marburg  wurde  zum  Direktor 
des  Instituts  *ür  experimentelle  Therapie  Emil  v.  Behring  in  Mu.biirg  als 
Nachfolger  des  Geh.  Rats  Uhlenhuth  ernannt.  Zugleich  ist  der  Privat- 
dozent  Dr.  Hans  S  c  h  m  i  d  t  -  Hamburg  als  Abteilungsleiter  in  das  gleiche 

Institut  eingetreten,  (hk.)  .  . . 

Münster  i.  W.  Der  a.  o.  Professor  und  Oberarzt  an  der  chirur¬ 
gischen  Klinik  der  Universität  Breslau  Dr  med.  Hermann  Cocncn  wurde 
zum  ordentlichen  Professor  der  Chirurgie  und  Direktor  der  chirurgischen 
Klinik  in  der  neuerrichteten  medizinischen  Fakultät  der  Universität  Munster 
ernannt  —  Der  Ordinarius  der  inneren  Medizin  Geh.  Med.-Rat  Proi. 
Dr.  Paul  Krause  in  Bonn  hat  den  Ruf  an  die  Universität  Münster  ange¬ 
nommen;  seine  Versetzung  in  gleicher  Eigenschaft  nach  Münster  ist  bereits 
erfolgt,  (hk.)  _ ' 


Bitte  der  Witwenkasse  des  bayer.  Invalidenvereins. 


Die  Witwenkasse  bittet  dringendst  um  Gaben.  Die  Unterstützungs-j 
bedürftigen  mehren  sich  täglich,  z.  Z.  165.  Das  Elend  wird  immer  grosser. 
Die  Teuerung,  so  wuchtig  und  nervenzerrütteud,  schreitet  ständig  vorwärts.. 
Was  ist  da  eine  Unterstützung  von  5  Millionen  und  wieviele  5  Millionen* 
brauchen  wir,  um  allen  165  zu  Unterstützenden  geben  zu  können!  Daru.i 
rule  ich  die  Kollegen  in  der  Heimat  und  im  Ausland  und  alle  Gönner  zum 
Kampf  auf  gegen  die  furchtbare  Not  unserer  armen  hungernden  und  frierenden 

Witwen  und  Waisen.  .  „  ..  ■  „ 

Senden  Sie  uns  eine  Weihnachtsgabe!  Helfen  Sie  bitte  alle  mit.  unseren 
Armen  einigermassen  sorgenfreie  Festtage  zu  bereiten! 

Gaben  nimmt  dankbarst  entgegen: 

Die  Witwenkasse  des  Invalidenvereins 


Dr. 


Postscheckkonto  6080  Nürnberg. 
Hollerbusch  -  Fürth,  Mathildenstr.  1. 


Reichsteuerungsindex. 


Der  Reichsteuerungsindex  für  Ernährung.  Heizung,  FScIeuchtung,  Wohnunc 
und  Kleidung  betrug  am  17.  September  14  244  900.  Basiszahl  1913  14  *1., 

Die  Buchhändler-Schlüsselzahl  ist  am  26.  Sept.  35  00U  uw 


Verlag  von  J.  F.  Lehmann  in  München  SW.  2.  Paul  lleyse-Str.  26.  -  Druck  von  E.  Mühlthaler's  Buch-  und  Kunstdruckerei  Q  m.b.H.  München. 


r rtls  «ft-r  einzelnen  Nummer  freibleibend  .  s.  u.  •  RezugS- 
ireis  n  Deutschland  und  Ausland  siehe  unter  Bezugsbedingungen. 
Zusendungen  sind  zu  richten 

iir  die  Schriftle  tune :  Arnulfstr.  26  (Sprechstunden  8%— 1  Uhr), 
fir  Bezug :/an  J.  F.  Lehmanns  Verlag,  Paul  Heyse-Strasse  26. 


Anzeigen-Annahnte : 

Deo  Waibel,  München,  Theatinerstrasse  t 
Anzeigenschluss! 

Immer  5  Arbeitstage  vor  Erscheinen. 


MÜNCHENER 

Medizinische  Wochenschrift 

ORGAN  FÜR  AMTLICHE  UND  PRAKTISCHE  ÄRZTE. 


r.  40.  5.  Oktober  1923. 


Schriftleitung :  Dr.  B.  Spatz,  Arnulfstrassc  26. 
Verlag:  J.  F.  Lehmann,  Paul  Heyse-Strasse  26. 


70.  Jahrgang. 


Der  Verlag  behält  sich  das  ausschliessliche  Becht  der  Vervielfältigung  und  Verbreitung  der  in  dieser  Zeitschrift  zum  Abdruck  gelangenden  Originalbeiträge  vor. 


Originalien. 

Aus  der  Universitäts-Frauenklinik  Leipzig. 
(Direktor:  Qeheimrat  Stoeckel.) 

ie  Senkungsgeschwindigkeit  der  roten  Blutkörperchen 
und  ihre  praktische  Bedeutung. 

Von  Prof.  Dr.  Georg  Linzenmeier. 

Seit  der  ersten  Bekanntmachung  meiner  Methode  zur  Bestim- 
ing  der  Blutkörperchensinkgeschwindigkeit  auf  dem  Gynäkologen- 
ngress  in  Berlin  1920  *)  hat  das  Problem  dieser  Reaktion  nicht  nur 
der  Gynäkologie,  sondern  auch  in  vielen  anderen  Disziplinen 
mer  grössere  Bedeutung  erlangt.  Neben  der  praktischen  ist  auch 
i  theoretische  Seite  besonders  durch  Arbeiten  aus  dem  Höher- 
hen  Institut  in  Kiel,  wo  ich  meine  ersten  Blutstudien  begann,  weit- 
hend  gefördert  worden.  Wenn  auch  nicht  alle  Fragen  dieses 
enso  interessanten  wie  schwierigen  Gebietes  gelöst  sind,  so  haben 
r  doch  allmählich  eine  gute  Vorstellung  über  die  Vorgänge,  die  bei 
r  Sedimentierung  des  Blutes  am  Werke  sind,  gewonnen.  Es  schien 
r  daher  angebracht,  über  den  heutigen  Stand  der  Forschung  zu 
richten,  um  damit  eine  gewisse  Grundlage  für  weitere  Unter- 
chungen  zu  geben  und  vor  allem,  um  der  praktischen  Verwertung 
r  Senkungsreaktion  in  den  Kreisen  Geltung  zu  verschaffen,  wo 
:  Methode  bisher  noch  nicht  Eingang  gefunden  hat. 

Auf  die  theoretische  Seite  der  Frage  werde  ich  nur  insoweit 
igehen,  als  es  zum  Verständnis  der  Reaktion  notwendig  erscheint. 

Wir  können  das  Blut  als  eine  Suspension  der  Blutkörperchen  im 
isma  auffassen,  und  dabei  besonders  bei  Versuchen  in  vitro  Gesetze 
Anwendung  bringen,  die  sonst  bei  Suspensionen  in  der  Physik 
bräuchlich  sind.  Wir  nennen  eine  Suspension  stabil,  wenn  die 
ilchen  im  Medium  sehr  lange  und  gleichmässig  verteilt  schwebend 
üben.  Die  Schnelligkeit  der  Sedimentierung  richtet  sich  nach  der 

rmel  von  Stokes:  v  =  —  •  g  •  ü  ^  d  •  r2. 

=  Senkungsgeschwindigkeit,  g  =  Beschleunigung  durch  Schwere, 
=  spez.  Gewicht  der  Flüssigkeit,  v  =  Koeffizient  der  inneren  Rei- 
ng,  r  =  Radius  der  Körperchen. 

Da  für  gewöhnlich  r  gleichbleibt,  spielen  die  Differenzen  der 
3z.  Gewichte  und  die  Viskosität  bei  der  Sedimentierung  die  grösste 
Ile.  Eine  Verminderung  der  Stabilität  ist  fast  immer  verursacht 
rch  ein  höheres  spez.  Gewicht  der  suspendierten  Teilchen.  So 
chtig  an  sich  diese  Tatsache  ist,  so  können  wir  damit  allein  die 
armen  Unterschiede  in  der  Blutsenkung  bei  den  verschiedenen 
ysiologischen  und  pathologischen  Zuständen  oder  bei  verschie- 
len  Tierbluten  nicht  erklären.  Die  spezifischen  Gewichte  der 
ythrozyten  und  des  Plasmas,  z.  B.  bei  Pferde-  und  Ochsenblut, 
d  ganz  gering  different,  trotzdem  sedimentiert  das  Pferdeblut  in 
—30  Minuten,  beim  Ochsenblut  dauert  es  bis  zu  einer  Woche;  oder 
anderes  Beispiel:  das  Neugeborenenblut  senkt  sich  frühestens  in 
Stunden,  das  normale  Frauenblut  in  3—5  Stunden.  Also  mit 
:zifischen  Gewichtsunterschieden  wie  B  ü  r  k  e  r 2)  andeutete,  ist 
>  Problem  nicht  zu  lösen.  Auch  die  Viskosität  kann  es  allein  nicht 
n,  denn  wir  erleben,  wie  wir  später  sehen  werden,  den  paradoxen 
fund,  dass  mit  steigender  Viskosität  auch  die  Senkungs- 
schwindigkeit  steigt. 

Schon  Fahraeus3),  der  sich  zuerst  eingehend  mit  der  Unter- 
:hung  über  das  Wesen  der  Senkungsgeschwindigkeit  beschäftigte, 
te  bald  herausgefunden,  dass  die  massgebende  Ursache  eine  ver- 
rkte  Geldrollenbildung  der  Erythrozyten  ist.  Durch  Zusammen- 
:  len  der  Blutkörperchen  zu  Aggregaten  sinken  sie  infolge  Ver- 
■  inerung  ihrer  Oberfläche  und  damit  ihrer  Reibungsfläche  nach 
n  physikalischen  Gesetzen  entsprechend  rasch  zu  Boden. 

Also  der  Faktor  r  spielt  die  Hauptrolle,  er  verändert  sich  bei 
'  Agglutination  ganz  bedeutend,  denn  man  kann  ja  mit  blossem 
ge  bei  rasch  sinkendem  Blut  die  Klümpchenbiidung  sehen,  sie  sind 
o  zum  Teil  100  mal  grösser,  als  die  einzelnen  Blutkörperchen,  und 
nit  verkleinert  sich  die  Oberfläche  und  Reibungsfläche  um  das 
dfache. 

Aber  damit  war  die  Frage  nur  verschoben,  nicht  erklärt,  wo- 
ch  es  zu  einer  verstärkten  Geldrollenbildung  kommt. 

*)  Zbl.  f.  Gyn.  1920  Nr.  30.  2)  M.m.W.  1922  Nr.  16. 

*)  The  Suspension-Stability  of  the  Blood.  Stockholm  1921. 


Man  kann  sich  vorstellen,  dass  im  Blut  ebenso  wie  es  die  Kolloid¬ 
chemie  für  ihre  Suspensionen  annimmt,  dadurch  die  Agglutination 
verhindert  wird,  dass  sich  die  Blutkörperchen  als  elektrisch  geladene 
Teilchen  gegenseitig  abstossen,  dass  aber  andererseits  die  Erythro¬ 
zyten  auch  entladen  werden  können,  die  sich  dann  zusammenballen 
und  dadurch  ihre  Stabilität  verlieren. 

Tatsächlich  hat  nun  H  öb  e  r  schon  1904  erwiesen,  dass  die  roten 
Blutkörperchen  elektrisch  negativ  geladene  Teilchen  sind  und 
Fahraeus4)  konnte  durch  Katophorese  einen  Parallelismus  zwi¬ 
schen  Ladungsabnahme  und  Senkungsbeschleunigung  feststellen. 

Damit  war  die  Bedeutung  kapillarelektrischer  Kräfte  für  die 
Blutsedimentierung  erkannt  und  es  galt  in  diesem  Sinne  weiterzu¬ 
forschen.  Es  gelang  mir  selbst5)  den  Nachweis  zu  führen,  dass  bei 
schnellsinkendem  Blute  im  Plasma  Stoffe  mit  positiver  Ladung  vor¬ 
handen  sind,  die  ich  mit  negativen  Adsorbentien  wieder  entfernen 
konnte.  Diese  Stoffe,  die  wahrscheinlich  durch  Umhüllung  der 
Erythrozyten  eine  Aenderung  ihrer  Oberflächenladung  bewirken,  sind 
die  Globuline:  Fibrinogen  und  andere  Serumglobuline.  Wir  finden 
immer  bei  schnell  sedimentierendem  Blute  eine  Zunahme  der  Glo¬ 
buline  und  Abnahme  der  Albumine.  Neuerdings  wurde  der  Haupt¬ 
wert  auf  die  Vermehrung  des  Fibrinogens  allein  gelegt;  das 
Fibrinogen  kann  aber  das  wirksame  Glied  schon  aus  dem  Grunde 
nicht  allein  sein,  weil,  auch  nach  der  Defibrinierung  deutliche  Unter¬ 
schiede  zwischen  rasch  und  langsam  sinkenden  Blutsorten  bestehen 
bleiben.  Ausserdem  wird  durch  die  Zunahme  der  Globuline  an  sich 
die  Stabilität  des  Plasmas  selbst  verändert,  sein  kolloidaler  Zustand 
wird  ein  anderer,  er  wird  grobdisperser,  das  Plasma  wird  labil,  wie 
Sachs  das  nennt,  es  nimmt  die  Neigung  zur  Flockung  zu  mit  der 
Zunahme  an  Fibrinogen  und  Globulin  und  der  Abnahme  der  Albumine. 

Neben  diesen  kapillarelektrischen  und  kolloidchemischen  Wir¬ 
kungen  auf  die  Bildung  von  Agglutination  kommt  noch  ein  Moment 
zur  Geltung,  was  ich  schon  bei  meinen  ersten  Versuchen  in  den 
Vordergrund  gestellt  habe,  was  aber  wenig  Anerkennung  fand,  und 
nun  neuerdings  durch  H  ö  b  e  r  s  Schüler  wieder  stark  betont  wird, 
nämlich  die  Klebrigkeit  des  Plasmas  bei  Vermehrung  der  Globulin¬ 
fraktion.  Durch  Zusatz  von  Gelatine  und  Gummi  arabicum  zu  Blut 
konnte  ich  eine  sehr  starke  Senkungsbeschleunigung  hervorrufen, 
und  bei  solchen  viskosen  Substanzen  kam  es  nicht  zu  einer  Ent¬ 
ladung  der  Erythrozyten.  Es  war  also  bei  solchen  Modellversuchen 
das  kapil-larelektrische  Moment  ausgeschaltet.  Eigentlich  musste 
man  infolge  der  erhöhten  inneren  Reibung  eine  Verlangsamung  er¬ 
warten,  aber  das  Gegenteil  war  der  Fall.  Hierbei  spielt  die  Klebrig¬ 
keit  eine  Rolle,  wie  es  schon  G  r  u  b  e  r  bei  seiner  Theorie  über  die 
Bakterienagglutination  angenommen  hat,  so  kommt  es  auch  bei  den 
Blutkörperchen  infolge  Vermehrung  von  Fibrinogen  und  Globulinen, 
die  ja  besonders  klebrig  sind,  wovon  man  sich  beim  Arbeiten  mit 
Plasma  leicht  überzeugen  kann“  zu  einer  gegenseitigen  Verklebung 
und  Verklumpung.  Diese  Theorie  konnte  in  jüngster  Zeit  durch 
Arbeiten  aus  der  Höher  sehen  Schule  neugestützt  werden. 

Neben  den  bisher  angeführten  Momenten  spielen  andere  Dinge 
für  die  Blutstabilität  nur  eine  untergeordnete  Rolle.  Beim  bekannten 
Reichtum  des  Schwangerenblutes  an  Cholesterin  lag  es  nahe,  an  den 
Einfluss  der  Lipoide  zu  denken.  Ich  konnte  aber  durch  künstliche 
Vermehrung  von  Cholesterin  keine  Wirkung  erzielen.  Kürten6), 
ein  Schüler  Abderhaldens,  wollte  eine  Senkungsbeschleunigung 
mit  Cholesterin  erreicht  haben,  inzwischen  wurden  aber  seine  Ver¬ 
suche  von  Abderhalden  selbst  wieder  in  Frage  gestellt.  Da¬ 
gegen  konnte  ich  durch  Lezithin  eine  starke  Verlangsamung 
bewirken,  was  auch  von  anderen  Untersuchern  bestätigt  worden 
ist.  Besonders  für  klinische  Untersuchungen  wichtig  zu  wissen  ist, 
dass  die  Zahl  von  Erythrozyten  von  Einfluss  ist;  Verminderung  der 
Erythrozyten  macht  Beschleunigung,  Vermehrung  Verlangsamung 
der  Sedimentierung. 

Bei  den  bisherigen  Besprechungen  haben  wir  den  Einfluss  der 
Blutkörperchen  selbst  ganz  ausser  acht  gelassen.  Meine  Unter¬ 
suchungen  an  Tierblutkörperchen  haben  aber  gezeigt,  dass  auch  die 
Blutkörperchen  selbst  in  Rechnung  zu  stellen  sind.  So  lässt  sich 
nämlich  zeigen,  dass  die  rasch  sinkenden  Pferdeblutkörperchen  im 
Ochsenplasma  ihre  schnelle  Sinkgeschwindigkeit  beibehalten  und 
ebenso  ihre  langsame  die  Ochsenblutkörperchen  im  Pferdeplasma. 


4)  Biochem.  Zschr.  1918,  89. 

5)  Pflügers  Arch.  1920,  181. 

8)  Pflügers  Arch.  1921,  185. 


2 


1244 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


In  neuester  Zeit  sind  von  V  o  r  s  c  h  ü  t  z 7)  Resultate  bekannt 
gegeben  worden,  die  vielleicht  <iuch  diesen  noch  dunklen  Punkt  «.iui- 
zuhellen  in  der  Lage  sind.  Er  fand  nämlich  bei  chemischer  Prüfung 
auf  den  Eiweissgehalt  der  verschiedenen  Tierblutkörperchen  einen 
sehr  unterschiedlichen  Gehalt  an  Nukleoproteiden:  so  beim  Pferd 
34  Proz.,  beim  Rind  nur  20  Proz.  und  glaubt,  dass  ähnlich  wie  im 
Plasma  auch  ein  erhöhter  Gehalt  der  Erythrozyten  an  Globulinen 
die  Blutsenkung  erhöht. 

Wie  aus  klinischen  und  experimentellen  Erfahrungen  hervorgeht, 
hängt  die  Veränderung  des  Blutes  im  Körper,  also  die  Verschiebung 
der  Eiweissfraktion  von  der  Albumin-  nach  der  Globulinseite  hin, 
von  der  parenteralen  Zufuhr  von  Eiweisskörpern  oder  von  Abbau¬ 
produkten  ab,  die  im  Körper  selbst,  sei  es  bei  der  Gravidität,  sei  es 
bei  entzündlichen  oder  ähnlichen  Prozessen,  entstehen.  Für  diese 
Blutveränderungen  ist  die  Senkungsreaktion  ein  feines  quantitatives 
Reagens.  Fahraeus  hatte  bereits  den  Unterschied  zwischen 
Männer-  und  Frauenblut  entdeckt,  das  letztere  sedimentiert  mehr  wie 
doppelt  so  schnell,  als  das  Männerblut.  Dann  habe  ich  die  enorm 
langsame  Sedimentierung  des  Nabelschnurblutes  gefunden,  das  nor¬ 
malerweise  immer  länger  als  24  Stunden  braucht  zur  vollkommenen 
Sedimentierung,  Frauenblut  braucht  nur  3—5  Stunden. 

Am  interessantesten  und  für  Fahraeus  der  Anlass  zu  seinen 
Blutsenkungsstudien,  ist  die  Senkungsbeschleunigung  des  Schwan¬ 
ge  renblut  es,  die  mit  dem  Fortschreiten  der  Gravidität  schritt¬ 
weise  zunimmt.  .  .. 

Unter  pathologischen  Verhältnissen  finden  wir  die  schnellste 
Blutsenkung  bei  entzündlichen  Prozessen,  und  zwar  geht  die  Sen¬ 
kungsreaktion  parallel  mit  der  Ausdehnung  und  Heftigkeit  der  Ent¬ 
zündung  und  mit  der  Möglichkeit  und  Schnelligkeit  der  Resorption 
entzündlicher  Produkte. 

Es  war  klar,  dass  man  versuchen  würde,  ein  so  einfaches  und 
offenkundiges  Symptom  für  klinisch-diagnostische  Zwecke  heranzu¬ 
ziehen.  Fahraeus8 *)  selbst  glaubte,  in  der  Senkungsreaktion  ein 
ausgezeichnetes  Frühdiagnostikum  für  die  Gravidität  gefunden  zu 
haben.  Tatsächlich  stellt  auch,  wie  ausgedehnte  eigene  Unter¬ 
suchungen“)  bestätigt  haben,  die  Senkungsbeschleunigung  ein  kon¬ 
stantes  Merkmal  der  Schwangerschaft  in  der  2.  Hälfte  dar,  aber  sie 
ist  keine  spezifische  Reaktion  für  Schwangerschaft,  da  ja  jeder  Ei¬ 
weisszerfall  im  Körper  besonders  bei  entzündlichen  Prozessen  die¬ 
selbe  Wirkung  ausübt;  also  nur,  wenn  andere  Ursachen  sich  aus- 
schliessen  lassen,  kann  die  Senkungsbeschleunigung  für  die 
Schwangerschaftsdiagnose  verwertet  werden.  Damit  verliert  die 
Reaktion  besonders  für  die  jungen  Graviditäten  viel  an  Wert,  weil 
gerade  in  dieser  Zeit  andere,  besondere  entzündliche  Affektionen  mit 
der  Schwangerschaft  differentialdiagnostisch  in  Konkurrenz  treten. 

Grosse  praktische  Bedeutung  hat  die  Senkungsreaktion  in  der 
Gynäkologie  gewonnen.  Infolge  der  feinen  Ausschl^ge>  ^ie 
auch  noch  geringgradige  entzündliche  Prozesse  anzeigen,  die  keine 
Temperaturerhöhungen  mehr  machen,  kann  die  Senkungsreaktion  für 
die  Indikationsstellung  zur  Operation  entzündlicher  Adnextumoren 
herangezogen  werden.  Wir  können  bei  langsamer  Blutsenkung  mit 
an  Sicherheit  grenzender  Wahrscheinlichkeit  akute  und  subakute 
Prozesse  ausschliessen.  Gerade  bei  den  Adnexoperationen,  bei 
fixierten  Lageveränderungen  und  ähnlichem  hängt  die  Operations¬ 
mortalität  und  -morbidität  und  auch  das  Dauerergebnis  im  wesent¬ 
lichen  ab  von  dem  richtigen  Zeitpunkt  des  vorzunehmenden  Ein¬ 
griffes.  Dafür  gibt  uns  die  Senkungsreaktion  vorzügliche  Hinweise. 
Bei  Blutsenkungszeiten  unter  1  Stunde  nach  meiner  Methode  können 
noch  virulente  Keime  vorhanden  sein,  wir  werden  in  solchen  Fällen 
besser  mit  der  Operation  noch  warten.  Bei  einer  Senkungsreaktion 
über  2  Stunden  können  wir  mit  grosser  Beruhigung  laparotomieren; 
es  sind  sicher  keine  latenten  Infektionsherde  mehr  zu  befürchten. 

Auch  zur  Unterscheidung  zwischen  Eileiterschwanger¬ 
schaft  und  frischer  Adnexerkrankung  kann  die  Senkungsreaktion 
mit  herangezogen  werden.  Beide  Affektionen  können  akute  Erschei¬ 
nungen  hervorrufen  und  bedürfen  oft  einer  raschen  Klarstellung  zur 
Bestimmung  des  therapeutischen  Vorgehens.  Bei  Extrauterin¬ 
gravidität  liegt  im  allgemeinen  die  Senkungszeit  nach  meiner  Me¬ 
thode  zwischen  40  und  60  Minuten,  bei  frisch  entzündlichen  Pro¬ 
zessen  ist  die  Senkungszeit  kürzer.  Doch  gibt  es  hierbei  Ausnahmen: 
1.  ist  bei  foudroyanten  intraabdominalen  Blutungen  die  Senkung  sehr 
rasch  und  2.  sind  Extrauteringraviditäten  nicht  so  selten  mit  Ent¬ 
zündung  kombiniert,  weil  doch  hin  und  wieder  in  Unkenntnis  der 
Sachlage  uterine  Abtreibungsversuche  vorgenommen  werden. 

Hier  wäre  noch  anzufügen,  dass  bei  Stieldrehung  von 
Ovarialtumoren  und  bei  Myomnekrose  ebenfalls  starke  Be¬ 
schleunigung  der  Blutsenkung  zustande  kommt. 

Interessant,  aber  noch  nicht  genügend  durchforscht  ist  die  Sen¬ 
kungsbeschleunigung  bei  Karzinom.  Bezüglich  der  Verwendung  bei 
beginnenden  Uteruskarzinomen  bin  ich  nach  meinen  Er¬ 
fahrungen  sehr  skeptisch  geworden,  obwohl  neuerdings  gerade  für 
die  Frühdiagnose  der  Wert  der  Senkungsreaktion  von  Gragert10) 
hervorgehoben  wird.  Aber  bei  den  operierten  Karzinomen  haben 
wir  schon  in  Kiel  beobachtet,  dass  mit  der  Heilung  des  Karzinoms 
die  Senkungsreaktion  zur  Norm  zurückkehrt,  und  dass  ein  post¬ 


7)  Arch.  f.  klin.  Med.  1923,  97,  H.  l/3. 

8)  Hygiea  1918. 

•)  Arch.  i.  Gyn.  1920.  131. 

10)  Arch.  f.  Gyn.  1922. 


operatives  Rezidiv  durch  die  Senkungsreaktion  angezeigt  winl 
bevor  wir  noch  mit  Palpation  etwas  von  Karzinom  finden  können 

Damit  sind  die  Hauptanwendungsgebiete  in  der  Gynäkologie  ei 
schöpft  Wir  haben  uns  an  unserer  Klinik  allmählich  so  an  die  Mi 
hilfe  der  Senkungsreaktion  bei  der  Diagnose  gewöhnt,  dass  wir  fa; 
bei  jedem  Fall,  der  zur  Operation  kommt,  die  Senkungsreaktion  at 
stellen,  genau  wie  wir  die  Temperatur  messen.  Stimmt  der  Ausfa 
nicht  zum  sonstigen  klinischen  Befund,  so  ist  das  für  uns  ein  Wai 
nungssignal  und  eine  Aufforderung  zur  Suche  nach  einem  Grund  fi 
die  Unstimmigkeit,  und  oft  fand  sich  dann  ein  versteckter  Infektion¬ 
herd,  an  anderer  Stelle.  Ich  möchte  bei  dieser  Gelegenheit  noc 
darauf  hinweisen,  dass  nach  einem  stattgehabten  infektiösen  1  nizes 
immer  eine  grössere  Spanne  Zeit  vergeht,  bis  die  Senkungsreaktio 
wieder  normale  Werte  zeigt.  Wenn  die  Temperatur  schon  läng; 
zur  Norm  zurückgekehrt  ist,  so  zeigt  die  Senkungsreaktion  an,  das 
das  Plasma  noch  nicht  normale  Zusammensetzung  gewonnen  ha 
Diese  Erkenntnis  ist  natürlich  besonders  wichtig  für  Aufstellung  vo 

Normalwerten.  .  ,  .  .  | 

In  der  Chirurgie  sind  auf  meine  Anregung  hin  besondetf 
von  W.  L  ö  h  r  “)  an  der  Klinik  in  Kiel  zahlreiche  Untersuchungel 
angestellt  worden.  Besonders  in  der  Knochenpathologie  fand  er  veil 
wertbare  Resultate.  Osteochondritis,  Gelenkmausbildung,  CalvG 
Perthes  sehe  Hiifterkrankungen  haben  keinen  Einfluss  auf  di 
Blutsenkung,  während  chronische,  klinisch  fast  abgeheilte  Gelen!! 
knochentubcrkulosen,  vollkommen  fieberlose  Fälle  von  Arthritf 
chron.  rheumatica  eine  sehr  deutliche  BlutsenkungsgeschwindigkeJ 

aufweisen.  ,  „  .  ! 

Ob  sich  die  Differentialdiagnose  zwischen  Ulcus  und  Carcinoml 
ventriculi  durch  die  Senkungsreaktion  stellen  lässt,  scheint  mir  noc 
nicht  hinreichend  geprüft. 

Neuerdings  wurde  von  chirurgischer  Seite  auf  den  Wert  de 
Senkungsreaktion  für  die  Unterscheidung  zwischen  akuter  Appen! 
d  i  z  i  t  i  s  und  Adnexerkrankung  hingewiesen.  Bei  Appendizitiden  i* 
ganz  akuten  Stadium,  bei  denen  die  ersten  Symptome  nicht  langü 
als  30  Stunden  zurückliegen,  soll  die  Senkungsreaktion  noch  norm;! 
sein,  erst  später  soll  der  entzündliche  Prozess  sich  geltend  mache'! 
während  bei  akuter  Adnexerkrankung  schon  von  vornherein  bei  de1 
ersten  akuten  Symptomen  rasche  Blutsenkung  bestehen  soll,  d; 
hierbei  der  entzündliche  Prozess  im  Genitale  ja  immer  schon  längt! 
besteht.  Eine  Nachprüfung  dieser  Befunde  erscheint  mir  wichtig.  ! 

ln  der  inneren  Medizin  hat  sich  die  Senkungsreaktion  nac 
den  Studien  von  Westergren“)  besonders  zur  Erkennung  un 
Beurteilung  der  Lungentuberkulosen  bewährt.  Vor  aller 
beweisen  normale  Werte,  dass  nur  ein  latenter  tuberkulöser  Proze; 
oder  überhaupt  keine  Tuberkulose  vorliegt.  I 

Die  Senkungsreaktion  soll  ein  feinerer  Indikator  für  die  Aktivit; 
eines  tuberkulösen  Prozesses  sein,  als  die  I  emperaturmessung  un 
soll  der  Bösartigkeit  des  anatomischen  Prozesses  in  den  Lunge 
parallel  gehen.  .  I 

Wichtige  Ausblicke  gewähren  die  Mitteilungen  von  Grafe 
über  Beobachtung  von  Senkungsbeschleunigung  bei  klinischen  It 
berkulininjektionen.  Es  steht  mir  selbst  kein  massgebendes  Urte 
über  den  Wert  der  Reaktion  bei  der  Tuberkulose  zu,  aber  nach  de! 
Berichten  über  den  T  u  b  e  rkulosekongress  in  Mannheim  wir 
der  Senkungsreaktion  gerade  von  den  Heilstättenärzten  grosse  B< 
deutung  zugemessen.  Eine  neue  Anwendungsform  scheint  die  Sei 
kungsreaktion  zu  finden  bei  der  funktionellen  Leber 
Prüfung  nach  W  i  d  a  1,  als  Ersatz  für  die  Leukozytenzählung.  ! 

Bekanntlich  hat  ja  W  i  d  a  1  gefunden,  dass  bei  Leberkranke 
die  nüchtern  z.  B.  300  g  Milch  trinken,  eine  Blutveränderun 
auftritt,  die  er  hämoklastische  Krise  nennt  und  auf  den  Ausfall  dd 
eiweissabbauenden  Tätigkeit  der  Leber  zurückführt.  Er  fand  a 
Kennzeichen  dieser  ohne  sichtbare  klinische  Symptome  verlaufende 
Blutveränderung:  Blutdrucksenkung,  refraktrometrische  Unterschiec 
des  Serum  und  vor  allem  Leukopenie.  Bei  der  praktischen  Au1 
fiihrung  der  W  i  d  a  1  sehen  Probe  hat  man  sich  im  allgemeinen  aij 
die  Leukozytenzählung  beschränkt.  In  jüngster  Zeit  ist  dj 
W  i  d  a  1  sehe  Probe  stark  bekämpft  worden,  man  hat  besonders  dt 
Leukozytensturz  anders  erklären  wollen.  Und  doch  muss  an  de 
Grundprinzip  der  W  i  d  a  1  sehen  Anschauung  etwas  Wahres  sei 
denn  die  Plasmaveränderungen  sind  in  der  Tat  vorhanden.  Dafi 
bildet  die  Senkungsreaktion  als  feinstes  Reagens  von  Eiweissve 
Schiebungen  im  Plasma  einen  guten  Beweis. 

Wiechmann”)  hat  zuerst  über  die  Verwendung  der  Sei 
kungsreaktion  bei  der  W  i  d  a  1  sehen  Probe  publiziert.  Ich  selb: 
hatte  schon  früher  bei  meinen  Untersuchungen  über  den  Icteri 
neonatorum  als  Kontrolle  der  Leukozytenzählung  die  Senkung 
reaktion  angestellt,  aber  wieder  aufgegeben,  weil  die  ersten  Ri{ 
sultate  nicht  recht  stimmten  und  eine  weitere  Prüfung  an  d< 
Schwierigkeit  der  Blutgewinnung  beim  Neugeborenen  scheiterten. 

Grössere  Reihenuntersuchungen  wurden  dann  von  Adels 
b  e  r  g  e  r  -  Berlin  bekanntgegeben,  die  sehr  hoffnungsvolle  Ausblick 
eröffnen.  Wir  haben  auch  mit  dieser  modifizierten  Widal 
sehen  Probe  bei  Schwangeren  begonnen,  und  ich  glaube,  wir  habe 
damit  eine  aussichtsreiche  Funktionsprüfung  der  Leber  gewönne 


“)  Zbl.  f.  Chir.  1921  Nr.  35. 

12)  Acta  med.  scandin.  1921,  54,  247. 

13)  Klin.  Wschr.  1922  Nr.  19. 

14)  Klin.  Wschr.  1923  Nr.  6. 


Oktober  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCH E  WOCHENSCHRIFT. 


1245 


rner  sind  zu  erwähnen  die  Veränderungen  der  Reaktion  durch 
irphilis.  Schon  Plaut1®)  fiel  eine  bedeutende  Blutsenkungs- 
schwindigkeit  bei  der  Paralyse  auf,  was  von  anderen  Autoren 
stätigt  wurde.  Aber  noch  auffallendere  Ausschläge  geben  die  pr i- 
iren  und  sekundären  Luesstadien.  Ob  für  die  Diagnose  der 
pliilis  bei  Erwachsenen  die  Senkungsreaktion  grössere  praktische 
deutung  gewinnen  wird,  möchte  ich  bei  den  sonst  vorhandenen 
rzüglichen  Serumreaktionen  bezweifeln.  Dagegen  messe  ich  der 
nkungsreaktion  bei  der  Lues  congenita  der  Neugeborenen 
icn  grossen  Wert  bei.  György18)  hat  diese  Entdeckung  der 
;chen  Blutsenkung  bei  Neugeborenenlues  gemacht.  Ich  konnte 
ne  Befunde  bestätigen.  Bei  der  sonst  so  sehr  langsamen  Sedi- 
ntierung  des  Nabelschnurblutes  und  bei  der  Konstanz  dieses  Be¬ 
ides  ist  die  rasche  Reaktion  besonders  in  die  Augen  springend, 
i  glaube,  man  kann  aus  der  Senkungsbeschleunigung  des  Nabel- 
murblutes,  da  andere  Infektionen  kaum  in  Frage  kommen,  mit  der 
ergrössten  Wahrscheinlichkeit  die  Diagnose  Lues  stellen. 

Bei  der  Billigkeit  der  Methode  haben  wir  es  in  der  Hand,  durch 
pelmässige  Anstellung  der  Senkungsreaktion  die  Lues  congenita, 
[  ja  sehr  zugenommen  hat,  rechtzeitig  zu  erkennen. 

Ich  möchte  bei  dieser  Gelegenheit  eine  die  Pädiater  inter- 
iiercnde  Beobachtung  mitteilen.  Beim  sogen.  Durstfieber  ist  die 
iikungsreaktion  langsam,  während  sie  bei  allen  infektiös  bedingten 
i'bern  sehr  schnell  ist.  Damit  habe  ich  nicht  alles,  aber  doch  wohl 
I  Hauptpunkte  erwähnt,  in  denen  die  Senkungsreaktion  praktische 
iJ  theoretische  Bedeutung  erlangt  hat,  ich  glaube  aber  doch,  dass 
::h  andere  Fächer  noch  mit  Hilfe  der  neuen  Reaktion  für  ihr  spe- 
jlles  Gebiet  Früchte  pflücken  können,  zumal  die  Senkungsreaktion 
ä  einfach  und  so  billig  ist. 

I  Was  speziell  die  Methode  der  Senkungsreaktion  betrifft,  so  hat 
äh  neuerdings  in  der  Literatur  ein  Streit  entwickelt  zwischen  der 
Ghodc  von  Westergren  und  der  meinigen.  Ich  will  auf  den 
.  ruchtbaren  Streit  an  dieser  Stelle  nicht  näher  eingehen,  nur  er- 
shnen,  die  W  e  s  t  e  r  g  r  e  n  sehe  Methode  ist  zweifellos  gut,  aber 
j  meinige  ist  für  den  praktischen  Betrieb  handlicher  und  billiger. 

Ich  verwende  6,5  cm  hohe  Röhrchen  mit  einer  Weite  von  5  mm; 
i  Inhalt  ist  1  ccm  bei  Marke  1,  18  mm  tiefer  ist  eine  zweite  Marke, 
i  zu  beobachtende  Grenze  zwischen  Plasma  und  Blutkörperchen- 
;  le.  Zur  Flüssigerhaltung  des  Blutes  verwende  ich  5  Proz.  Natr. 

:  ic.-Lösung.  Bei  Ausführung  der  Reaktion  werden  0,2  ccm  der 
i;ung  in  eine  graduierte  1  ccm-Spritze  aufgesogen,  durch  Venen- 
I iktion  die  Spritze  gefüllt  und  dann  in  ein  Senkungsröhrchen  ein- 
:  pritzt ;  zweimal  umgeschüttelt  und  die  Zeit  notiert.  Das  Intervall 
|i  Marke  1  ccm  bis  18  mm  wird  von  verschiedenen  Blutsorten  in 
r,  schieden  langer  Zeit  durchlaufen.  Es  ist  dies  die  zu  bestimmende 
Jikungszeit. 

|  So  einfach  die  Methode  ist,  so  müssen  doch  einige  Vorsichts- 
Issregeln  beachtet  werden.  Natürlich  muss  auch  mit  dieser  Me¬ 
lde  exakt  gearbeitet  werden,  es  müssen  also  genau  die  Mengen 
i|i  Natr.  citric.  und  Blut,  wie  ich  sic  angegeben  habe,  gemischt 
»rden.  Ist  z.  B.  beim  Aufsaugen  von  Blut  Luft  in  die  Spritze  gc- 
änmen,  so  muss  ein  neuer  Versuch  angesetzt  werden.  Dann  muss 
ji  mit  genau  geeichten  Spritzen  arbeiten,  die  Spritzen  sind  heut¬ 
ige  recht  ungenau.  Die  Spritze  muss  ganz  trocken  sein,  oder 
firmals  mit  Natr.  citric.  durchgespritzt  werden.  Auch  die  Sen- 
äigsröhrchen  müssen  peinlich  sauber  und  trocken  gehalten  werden, 
pn  ist  die  Natr.  citric.-Lösung  öfter  zu  erneuern,  da  sie  sich  leicht 
;  setzt  oder  konzentrierter  wird. 


Zum  Schluss  noch  ein  Ueberblick  der  Senkungszeiten  nach 
rner  Methode,  verglichen  mit  den  Zahlen  der  Westergren- 
len  Methode,  der  nach  1  Stunde  in  Millimeter  abliest. 


Linzenmeier 

Westergren 

jjnales  Nabelschnur!) lut  .  . 

über  1500  Min. 

1  mm 

i  congenita . 

10—60  Min. 

35 — 120  mm 

1  lerblut . . 

600  Min. 

2—3  mm 

1  enblut . 

200—350  Min. 

6—10  mm 

I'idität  . 

55  Min. 

35  mm 

|*n.  entzündlich,  noch  virulent . 

unter  100  Min. 

mehr  wie  15  mm 

Ite  exudat  Entzündungen . 

unter  35  Min.  3 

50 — 130  mm 

dem  pathologisch-anatomischen  Institut  der  deutschen 
Iversität  in  Prag  und  der  deutschen  Forschungsanstalt  für 
Psychiatrie  in  München. 

Veränderungen  im  Zentralnervensystem  bei  Parkin- 
nismus  in  den  Spätstadien  der  Encephalitis  epidemica. 

Von  Franz  Lucksch  und  Hugo  Spatz. 

(Vorläufige  Mitteilung.) 

'  Während  wir  bei  den  akuten  Stadien  der  Encephalitis  epidemica 
pn  seit  längerer  Zeit  über  die  anatomischen  Veränderungen  durch 
i grundlegenden  Untersuchungen  v.  Economos  und  seiner  Nach¬ 
her  unterrichtet  sind,  fehlt  vorderhand  eine  einwandfrei  dargetane 
ttomische  Grundlage  für  die  Endstadien  der  genannten  Krankheit, 
besonders  für  die  Formen,  welche  durch  die  Erscheinungen  des  sog. 

lÄ)  M.m.W.  1920  Nr.  10.  la)  M.m.W.  1921  Nr.  26. 


I  „Parkinsonismus“  ausgezeichnet  sind.  Durch  Beobachtungen  von 
Tretjako  ff,  L  h  e  r  m  i  1 1  c  und  C  o  r  n  i  1  in  Frankreich,  K.  Gold- 
stein  und  H.  Spatz  in  Deutschland  bei  einzelnen  derartigen 
Fällen  ist  die  Aufmerksamkeit  hier  auf  ein  ganz  bestimmtes  Zentrum, 
die  Substantia  nigra  Sömmeringii,  gelenkt  worden. 

Es  galt  nun  an  einer  grösseren  Reihe  von  Fällen  Untersuchungen 
zur  Klärung  dieser  Frage  vorzunehmen  und  dazu  eignete  sich  das 
grosse  Prager  Material  in  ganz  besonderer  Weise;  im  Münchener 
Forschungsinstitut  bereits  vorhandene  und  im  Laufe  der  Unter¬ 
suchungen  hinzugekommene  Fälle  vermehrten  dasselbe  noch,  so  dass 
wir  nunmehr  über  18  untersuchte  Fälle  berichten  können.  Das  Re¬ 
sultat  dieser  Untersuchungen,  deren  Einzelheiten  wir  mit  Zugrunde¬ 
legung  der  Krankengeschichten  noch  ausführlich  mitteilen  werden, 
sei  hier  gleich  vorweggenommen  und  kurz  zusammengefasst: 

Währe  n  d  sich  in  den  meisten  (besonders  in  den 
älteren)  Fällen  von  Parkinson  ismus  an  den  übri¬ 
gen  Prädilektionsstellen  der  Encephalitis  epi¬ 
demica  und  auch  sonst  im  Zentralnervensystem 
keine  oder  nur  geringgradige  Veränderungen  mehr 
nachweisen  liessen,  waren  diese  im  Bereiche  der 
Substantia  nigra  Sömmeringii  so  konstant  vor¬ 
handen  und  von  solcher  Intensität,  dass  wir  sie 
als  die  Ursache  des  „Parkinsonismus“  und  als 
pathognomonisch  für  diesen  hin  stellen  möchten. 

Welcher  Art  waren  nun  diese  Veränderungen  in  der  Substantia 
nigra?  Meist  manifestierten  sie  sich  schon  makroskopisch 
in  einer  mehr  oder  minder  deutlichen  Abblassung  oder  Verwaschen- 
heit  des  sonst  deutlich  sichtbaren  schwarzen  Bandes  und  einer  Ver¬ 
kleinerung,  einer  Atrophie  dieses  Gebietes. 

Mikroskopisch  konnte  eine  lückenlose  Reihe  zusammen- 
gestellt  werden,  an  deren  unterstem  Ende  Befunde  standen,  die  sich 
an  die  Bilder  anreihen,  welche  bei  den  akuten  Stadien  der  Encepha¬ 
litis  epidemica  gerade  auch  in  der  Substantia  nigsa  gefunden  werden. 
Neben  der  Anwesenheit  von  ausgedehnten  perivaskulären  Infiltraten, 
von  freien  Infiltratzellen  im  Gewebe,  von  diffuser  und  herdförmiger 
Gliawucherung  frischen  Charakters  und  der  charakteristischen  Pig¬ 
mentverlagerung  ist  hier  aber  auch  schon  ein  erheblicher  Nerven¬ 
zell  a  u  s  f  a  1 1  im  Bereich  der  schwarzen  Zone  der  S.  n.  nachweis¬ 
bar.  Am  oberen  Ende  der  Stufenleiter  lagen  die  Fälle,  bei  denen  die 
so  typischen,  bandförmig  angeordneten,  dunkel  pigmentierten  Gan¬ 
glienzellgruppen  der  schwarzen  Zone  durch  eine 
Glia  narbe  ersetzt  sind,  in  der  nur  mit  Mühe  eine  oder  die 
andere  melanotisch  pigmentierte  Ganglienzelle  zu  entdecken  war, 
während  die  Erscheinungen  der  Entzündung  und  der  frischen  Glia¬ 
wucherung  völlig  verschwunden  sind.  Zwischen  diesen  beiden  Polen 
lag  die  lange  Reihe  der  verschiedentlichst  zusammengesetzten  Ucber- 
gangsbilder.  Die  Rote  Zone  *)  der  Substantia  nigra  war  meist  un¬ 
verändert.  —  Besonders  betont  sei,  dass  sowohl  das  Striatum  (Nu- 
cleus  caudatus  +  Putamen)  als  das  Pallidum  keinen  Nervenzellausfall 
aufwiesen;  übrigens  gehören  diese  Zentren  auch  nicht  zu  den 
Prädilektionsstellen  der  akuten  Veränderungen. 

Es  fragt  sich  nun,  ob  der  von  uns  in  so  konstanter  Weise  er¬ 
hobene  Befund  imstande  ist.  die  so  schweren  klinischen  Erschei¬ 
nungen  zu  erklären.  Diese  Frage  glauben  wir  bejahen  zu  können. 
Es  erscheint  uns  die  S.  n.  als  ein  wichtiger  Bestandteil  des  extra- 
pyramidal-motorischen  Systems,  deren  Bedeutung  auch  hier,  wie  so 
oft,  erst  durch  ihren  Wegfall  erkannt  wurde.  Wir  hätten  diesem  Teil 
des  genannten  Systems  von  nun  an  grössere  Aufmerksamkeit  zu 
widmen. 

Auf  die  Unterscheidung  zwischen  den  Veränderungen,  die  wir 
bei  enzeDhalitischem  Parkinsonismus  fanden,  und  denen  der  Paralysis 
agitans  (echter  Parkinson  scher  Krankheit),  von  der  unsere  Affek¬ 
tion  den  Namen  hat  und  die  nach  Tretjakoff  gleichfalls  zum  Teil 
wenigstens  ihren  Sitz  in  der  S.  n.  haben  soll,  wollen  wir  in  unserer 
ausführlichen  Mitteilung  näher  eingehen.  Bei  zahlreichen  Kontroll- 
untersuchungen  haben  wir  die  S.  n.  niemals  ähnlich  verändert  ge¬ 
funden.  Interessant  erscheint  die  aus  unseren  Untersuchungen  her¬ 
vorgehende  Tatsache,  dass  trotz  der  grossen  Ausdehnung  und  Ver¬ 
breitung,  die  der  enzephalitische  Prozess  während  des  akuten 
Stadiums  für  gewöhnlich  zeigt,  einzig  die  S.  n.  dasjenige  Zentrum  ist, 
welches  anscheinend  recht  häufig  einen  sichtbaren  dauernden  Scha- 
d  c  n  erleidet.  Diese  Erscheinung  könnte  in  zweierlei  Weise  ihre 
Erklärung  finden:  es  kann  entweder  die  Einwirkung  des  Virus  an 
dieser  Stelle  eine  besonders  intensive  gewesen  sein  —  hiefiir  scheint 
u.  a.  zu  sprechen,  dass  schon  in  den  Frühstadien  die  Entziindunes- 
erscheinungen  hier  besonders  akzentuiert  sind  —  oder  den  Nerven¬ 
zellen  der  Substantia  nigra  kommt  eine  besondere  Empfindlichkeit 
gerade  gegenüber  der  Schädlichkeit  der  Encephalitis  epidemica  zu. 
Eine  Entscheidung  darüber  getrauen  wir  uns  vorderhand  nicht  zu 
treffen,  vielleicht  treffen  beide  Annahmen  zu.  Schliesslich  möchten 
wir  noch  darauf  hinweisen,  dass,  ebenso  wie  einerseits  die  so  mannig¬ 
faltigen  und  wechsclvollen  klinischen  Erscheinungen  während  des 
akuten  Stadiums  sehr  gut  mit  den  ausgebreiteten  Veränderungen  im 
Zentralnervensystem  in  Einklang  gebracht  werden  können,  anderer¬ 
seits  auch  die  Eintönigkeit  des  klinischen  Befundes  beim  Parkinsonis¬ 
mus  mit  der  Gleichartigkeit  dsr  von  uns  gefundenen  anatomischen 
Veränderungen  gut  übereinstimmt. 


*)  Siehe  Spatz:  D.  Zschr.  f.  Nervhlk.  1923,  77.  Die  Substantia  nigra 
und  das  extrapyramidal  motorische  System. 


1246 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT 


Nr.  40 


Aus  dem  Stadtkrankenhaus  im  Küchwald  Chemnitz. 
(Direktor:  Prof.  Dr.  Clemens.) 

Indikanämie  als  Zeichen  der  chronischen  Azotämie. 

(Vergleichende  Reststickstoff-Indikanuntersuchungen  im  Serum 
Nierengesunder  und  -kranker). 

Von  Dr.  Erich  Schilling  und  Dr.  Paul  Holzer. 

Die  Nierenfunktionsprobe  im  Urin  nach  V  o  1  h  a  r  d  und 
S  t  r  a  u  s  s,  die  sich  aus  den  Streitigkeiten  über  das  Wesen  und  die 
Einteilung  der  Nierenkrankheiten  herausgebildet  hat,  gibt  uns  nur 
einen  Einblick  in  den  augenblicklichen  Zustand  der  Niere,  ohne  dass 
wir  daraus  wesentliche  Schlüsse  auf  die  Prognose  des  Nierenleidens 
ziehen  können.  Wesentlich  wertvoller  für  uns  sind  die  Nierenfunk¬ 
tionsproben  im  Serum.  Neben  dem  Reststickstoff  hat  man  in  letzter 
Zeit  im  Serum  noch  andere  Eiweissschlacken,  wie  Indikan,  Harnstoff,' 
Kreatinin  usw.  untersucht,  um  dadurch  die  Funktionen  der  Niere  und 
ihre  Störungen  zu  prüfen.  Besonderes  Interesse  hat  man  in  letzter 
Zeit  der  Untersuchung  des  Indikans  im  Serum  zugewandt. 

Nachdem  1911  Obermeyer  und  Popper  [l]  die  Gegenwart 
von  Indikan  im  Serum  Urämischer  nachgewiesen  hatten,  haben  viele 
Autoren  ihre  Befunde  nachgeprüft.  Auf  technische  Einzelheiten  der 
Methodik  und  die  verschiedenen  Modifikationen  wollen  wir  hier  nicht 
eingehen.  Wenn  auch  alle  Autoren  darin  übereinstimmen,  dass  einer 
Vermehrung  des  Rest-N  im  Serum  oft  eine  Erhöhung  des  Indikans 
entspricht,  so  gehen  doch  die  Ansichten  darüber  im  einzelnen  aus¬ 
einander. 

Als  erster  führte  Haas  (2]  quantitative  Indikanbestimmungen  im  Serum 
aus  und  verglich  sie  mit  den  ermittelten  Rest-N-Werten.  Als  Norm  fand  er 
Indikanmengen  von  0,2 — 0,8  mg  im  Liter  Serum,  bei  abnormer  Indikanurie 
waren  diese  Werte  bis  1,45  mg  gesteigert.  Bei  Kranken  mit  Nieren¬ 
insuffizienz  jedoch  betrugen  sie  ein  Vielfaches.  Haas  nimmt  daher  1,4  mg 
als  die  höchste  Grenze  bei  einem  Nierengesunden  an,  Werte,  die  höher 
liegen,  sprechen  seiner  Ansicht  nach  mit  Sicherheit  für  eine  Niereninsuffizienz. 
Er  fand  bei  dieser  Rest-N-Erhöhung  auch  eine  Vermehrung  des  Indikans.  In 
einzelnen  Fällen  aber  war  das  Indikan  vermehrt  bei  normalem  Rest-N. 
Haas  schliesst  daraus,  dass  sich  eine  Niereninsuffizienz  früher  durch  eine 
Vermehrung  des  Indikans  zeigt  als  durch  eine  solche  des  Reststickstoffes. 

Bei  einer  Nachprüfung  dieser  Befunde  erhielt  Rosenberg  [3]  andere 
Resultate.  Einmal  fand  er  die  Grenze  des  normalen  Indikanspiegels  viel 
höher,  eine  Differenz,  die  sich  nach  den  Untersuchungen  von  Snapper  [4] 
ohne  Schwierigkeit  durch  die  verschiedene  Methodik  der  Untersucher  er¬ 
klären  lässt.  Weiter  wies  er  zuweilen  im  Serum  eine  beträchtliche  Rest-N- 
Erhöhung  bei  völlig  normalem  Indikan  nach.  Dabei  handelte  es  sich  stets 
um  Fälle  von  akuter  Nephritis. 

Auch  Snapper  fand  bei  akuten  Nephritiden  hohe  Ureawerte,  ohne 
dass  er  eine  Erhöhung  des  Indikans  nachweisen  konnte. 

Nach  Umber  [5]  kann  der  maximale  Normalwert  von  0,8  g  Indikan 
im  Liter  Serum  auch  ohne  Niereninsuffizienz  bei  Darmerkrankungen  bis  auf 
das  Vierfache  gesteigert  sein,  bei  Niereninsuffizienz  sogar  bis  auf  das  Hundert¬ 
fache.  Aus  einer  alleinigen  Reststickstofferhöhung  glaubt  er  daher  auf  eine 
akute  Azotämie  schliessen  zu  können,  eine  Erhöhung  des  Indikanspiegels 
spricht  für  chronische  Azotämie  und  drohende  Urämie.  Deshalb  hält  er  den 
Vergleich  zwischen  Rest-N  und  Indikanbefund  für  besonders  wertvoll. 

Auch  wir  prüften  prinzipiell  stets  den  Rest-N-  und  Indikan-Gehalt 
des  Serums  vergleichsweise1).  Wir  haben  etwa  300  Fälle  besonders 
gründlich  untersucht  und  wollen  40  Fälle  als  Beispiel  für  die  gesamten 
Untersuchungen  in  einer  Tabelle  demonstrieren. 


Bestimmungen  bei  nierengesunden 
Personen. 


Rest-N 

Indikan 

1.  S.  Asthma  bronchiale  36 

0,8 

2.  B.  Perikarditis 

32 

0,5 

3.  S.  Polyarthritis 

18 

0,5 

4.  R. 

36 

0.6 

5.  A.  Diabetes 

34 

0,4 

6.  S.  Ikterus 

38 

0.8 

7.  D.  Hysterie 

24 

0,23 

S.  P.  Parametritis 

28 

0.8 

9.  F.  Neurasthenie 

40 

0,7 

10.  O.  Zystitis 

35 

0.75 

Bestimmungen  bei  nierengesunden 
Personen  mit  starker  Indikanurie. 

Rest-N  Indikan 


11.  R.  Ulcus  ventr. 

40 

1.4 

12.  B.  Insufficientia  cord. 

25 

1.0 

13.  J.  Enteritis 

32 

1,2. 

14.  D.  Ulcus  ventr. 

28 

0.9 

15.  L.  ., 

26 

1.5 

16.  K.  „ 

38 

1.2 

17.  L.  Ulcus  duodeni 

38 

0,8 

18.  V.  Insufficientia  cord. 

30 

0.6 

19.  G. 

32 

1,2 

20.  H.  Enteritis 

36 

1.4 

Bestimmungen  bei  nierenkranken 
Personen  ohne  Reststickstofferhöh¬ 
ung. 


Rest-N 

Indikan 

21.  J.  Nephrosklerose 

34 

0,8 

22.  N. 

28 

1,6 

23.  B. 

34 

2.0 

24.  A.  Nephrose 

32 

0.8 

25.  A. 

35 

1,5 

26.  S.  akute  Nephritis 

28 

0,4 

27.  N.  chronische  „ 

26 

0,6 

28.  D.  Pyelitis 

35 

0.8 

29.  N.  akute  Nephritis 

24 

0,9 

30.  H.  chronische  ,. 

35 

0,5 

Bestimmungen  bei  Nierenkranken 
mit  Reststickstofferhöhung. 

Rest-N  Indikan 


31.  S.  akute  Nephrttis 

85 

3,2 

32.  H.  ., 

80 

0,7 

33.  B.  Nephrosklerose 

50 

1,6 

34.  H.  akute  Nephritis 

60 

2,7 

35.  W.  Pyelitis,  Prostata¬ 

hypertrophie 

58 

1.8 

36.  T.  chron.  Nephritis 

83 

9,5 

37.  >N.  akute  „ 

76 

0,9 

38.  B.  Nephrosklerose 

95 

10,0 

39.  R.  chron.  Nephritis 

85 

8,6 

40.  L.  Nephrosklerose 

120 

1,8 

Bei  organisch  völlig  gesunden  Personen  fanden  wir  stets  normale 
Reststickstoff-  und  Indikanwerte.  Die  Reststickstoffwerte  schwank- 


*)  Die  Rest-N-Bestimmung  führten  wir  nach  Strauss,.  die  Indikan- 
bestimmung  nach  Jolle  aus. 


ten  zwischen  18  und  40  mg,  die  Indikanwerte  zwischen  0,4  und  0.8  ms 
im  Liter  Serum.  Ein  Parallelismus  zwischen  beiden  bestand  iveht 
Sodann  suchten  wir  uns  Fälle  aus,  bei  denen  eine  abnorme  Indikan¬ 
urie  bestand.  Es  handelte  sich  dabei  um  Kranke  mit  Herz-  um 
Magendarmaffektionen.  Auch  in  diesen  Fällen  war  der  Reststickstoi 
überall  normal ;  wir  konnten  also  die  Befunde  von  Gunderraam 
und  Dkttmann  [6]  bei  Magen-  und  Duodenalulcera  nicht  bestäti 
gen.  Die  Indikanwerte  waren  in  etwa  75  Proz.  der  Fälle  erhöht,  sii 
schwankten  zwischen  0,6  und  1.5  mg.  Höhere  Werte  als  1,5  fandei 
wir  auch  bei  den  stärksten  Indikanurien  niemals.  Unsere  Befumh 
stimmen  also  mit  denen  von  Haas  und  M  a  1 1  h  e  s  überein,  die  nui 
bei  Niereninsuffizienzen  Werte  von  mehr  als  1,6  mg  feststellten.’ 
während  Umber  ja  auch  bei  anderen  organischen  Störungen  Werte 
bis  zu  3  mg  fand.  Solche  Fälle  scheinen  also  doch  immerhin  rechia 
selten  zu  sein. 

In  der  dritten  Gruppe  stellten  wir  Fälle  von  Nierenerkrankurgerj 
zusammen,  bei  denen  wir  normale  Rest-N-Werte  ermittelten.  Unteil 
etwa  100  derartigen  Fällen  fanden  wir  nur  einmal  das  Indikan  er¬ 
höht;  die  Steigerung  des  Rest-N  trat  allerdings  auch  bald  ein. 

Es  handelte  sich  um  einen  Kranken,  der  vor  einigen  Jahren  eine  akute 
Nephritis  durchgemacht  hatte,  die  in  ein  chronisches  Stadium  übergegangen 
war.  Als  er  in  unsere  Beobachtung  kam,  stand  eine  Herzinsuffizienz  im 
Vordergrund  der  Erscheinungen.  Er  klagte  über  Kurzatmigkeit  und  Herz-I1 
klopfen,  besonders  bei  Anstrengungen.  Die  Untersuchung  ergab  ein  hyper-i 
trophisches  und  etwas  diktiertes  Herz.  Der  Blutdruck  betrug  240  mm  Hs 
nach  Riva-Rocci,  der  Reststickstoff  36,  das  Indikan  2,0  mg.  Bei  der 
Nierenfunktionsprobe  zeigte  sich  Isosthenurie.  Unter  entsprechender  Be-j 
handlung  besserten  sich  die  Herzerscheinungen,  doch  betrug  der  Reststick- j 
Stoff  nach  2  Monaten  60  mg,  das  Indikan  4,6.  Nach  knapp  2  weiteren  Monaten 
starb  der  Kranke  unter  urämischen  Erscheinungen.  Es  handelte  sich  also 
um  eine  chronische  Azotämie.  Der  Verlauf  bestätigte  aus  dem  erhöhten 
Indikanwert  trotz  normalen  Rest-N-Wertes  die  von  uns  ungünstig  gestellte 
Prognose. 

In  die  letzte  Gruppe  reihten  wir  endlich  Fälle  zusammen,  bei* 
denen  sich  eine  Erhöhung  des  Reststickstoffs  als  Folge  einer  Nieren¬ 
insuffizienz  fand.  Im  allgemeinen  fällt  auf,  dass  die  Werte  des  Rest-) 
Stickstoffs  kaum  bis  auf  das  Doppelte  bis  Dreifache,  die  Indikanwerte 
dagegen  bis  auf  das  Vielfache  der  Norm  steigen.  Auch  diese  Be¬ 
funde  sind  ja  schon  früher  erhoben  worden.  Besondere  Besprechung!, 
verdient  Fall  H.  Nr.  34  und  Fall  L.  Nr.  40. 

Der  erste  Kranke  kam  mit  einer  akuten  Nephritis  ins  Krankenhaus.  Es; 
fanden  sich  Oedeme  an  den  Beinen,  im  Gesicht  und  an  Schleimhäuten  des 
Rachens.  Der  Blutdruck  betrug  150  mm  Hg.  Im  Urin  fand  sich  reichlich1 
Albumen  (etwa  6  Prom.),  im  Sediment  zahlreiche  Erythrozyten,  massig1 
reichlich  hyaline  und  granulierte  Zylinder.  Der  Reststickstoff  betrug  80,  das 
Indikan  0,7  mg.  Nach  3  Tagen  wurden  die  anfänglich  nur  geringen  Kopi-i 
schmerzen  unerträglich,  und  heftiges  Erbrechen  setzte  ein.  Ein  Aderlass  von  | 
700  ccm  Blut  brachte  wesentliche  Erleichterung.  In  dem  entnommenen  Blut  I 
betrug  der  Reststickstoff  120,  das  Indikan  0,8  mg.  Nach  5  Tagen  waren  die 
stürmischen  Erscheinungen  abgeklungen,  der  Kopfschmerz  war  fast  ganz 
verschwunden,  kein  Erbrechen  mehr.  Der  Reststickstoff  war  wieder  auf  85l 
gesunken,  das  Indikan  betrug  noch  0,8.  Nach  3  weiteren  Wochen  unten 
Schonungsdiät  usw.  war  weitere  allgemeine  Besserung  eingetreten,  etwa 
3  Prom.  Albumen,  Blutdruck  120  mm  Hg,  Reststickstoff  35,  Indikan  0,7  mg.| 
Nach  3  Monaten  bestand  nur  noch  geringe  Albuminurie,  im  Sediment  ver¬ 
einzelte  Zylinder,  keine  Erythrozyten  mehr,  Blutdruck  100 — 120  mm  Hg,, 
Reststickstoff  36,  Indikan  0,6  mg,  und  der  Kranke  verliess  wesentlich  ge¬ 
bessert  das  Krankenhaus.  Es  bestand  also  hier  eine  akute  Nephritis  mit 
Urämie  bei  einem  Reststickstoff  bis  120  mg.  Doch  stellten  wir  aus  dem  stets’ 
niedrigen  Indikangehalt  des  Serums  die,  Prognose  günstig.  Es  war  die  Er¬ 
höhung  des  Reststickstoffs  wohl  nur  eine  Folge  des  gesteigerten  Eiweiss-j 
Stoffwechsels,  der  Indikanspiegel  war  ein  Beweis  dafür,  dass  die  Aus- 1 
Scheidungsfähigkeit  der  Nieren  ungestört  war. 

Der  zweite  Fall  L.  betraf  eine  Kranke,  die  im  ganzen  dreimal  das 
Krankenhaus  aufsuchte.  Zum  erstenmal  kam  sie_  wegen  Kopfschmerzen.  Ein 
Arzt  hatte  bei  der  Untersuchung  Eiweiss  im  Urin  gefunden  und  die  Diagnose: 
auf  Urämie  gestellt.  Es  bestanden  nur  geringe  Oedeme  an  den  Beinen,  nnr 
Spuren  von  Albumen  im  Urin,  das  Södiment  zeigte  vereinzelte  Erythrozyten 
und  Zylinder.  Der  Blutdruck  betrug  110  mm  Hg,  der  Rest-N  36,  das  Indikan. 
0,6  mg.  Eine  Blutentnahme  brachte  keinerlei  Besserung  der  Beschwerden. 
Da  der  Wassermann  4 — I — I — b  war.  wurde  eine  spezifische  Kur  eingeleitet, 
darauf  wichen  die  Kopfschmerzen.  Die  Kranke  verliess  vor  Beendigung  der  • 
Kur  das  Krankenhaus  auf  eigenen  Wunsch.  Nach  etwa  einem  Jahr  kam  die. 
Kranke  wegen  Sehstörungen,  Kopfschmerzen  und  zeitweisem  Erbrechen 
wieder.  Der  Urinbefund  war  wie  früher.  Der  Blutdruck  betrug  180  mm  Hg. 
der  Reststickstoff  40,  das  Indikan  0,6  mg.  Es  wurde  von  neuem  eine 
spezifische  Kur  eingeleitet,  worauf  Kopfschmerzen  und  Erbrechen  ver¬ 
schwanden.  Die  Sehstörungen  waren  unverändert.  Nach  6  Monaten  kam  die 
unterdessen  völlig  erblindete  Kranke  wieder,  doch  hatte  sie  nie  mehr  Kopf-  i 
schmerzen  und  Erbrechen  gehabt.  Nur  unmittelbar  vor  der  Aufnahme  hatte  | 
sie  eine  Hämatemesis,  die  sich  kurz  nach  der  Aufnahme  wiederholte,  aber  1 
keine  Kopfschmerzen.  Nach  einigen  Tagen  verfiel  die  Kranke  zusehends, 
sie  jammerte  über  Uebelkeit  und  Kopfschmerz  und  wurde  bald  bewusstlos,  i 
Der  Blutdruck  betrug  205  mm  Hg.  der  Urin  enthielt  V:  Prom.  Albumen.  im 
Sediment  waren  vereinzelte  Erythrozyten  und  Zylinder,  der  Reststickstoff 
betrug  120,  Indikan  1,8  mg.  Nach  3  Tagen  erlag  die  Kranke  einer  kruppösen 
Pneumonie.  Die  Sektion  ergab  neben  einem  Magengeschwür  eine  beider¬ 
seitige  Schrumpfniere.  Wir  glauben  das  Verhältnis  zwischen  dem  hohen 
Reststickstoff  und  dem  relativ  niedrigen  Indikan  so  deuten  zu  können,  dass 
es  sich  hier  um  ein  plötzliches  Fortschreiten  handelt,  daher  auch  der  plötz¬ 
liche  Verfall  der  Kranken. 

Ueberblicken  wir  unsere  Befunde,  so  glauben  wir  sagen  zu 
können: 

1.  Bei  Nierengesunden  ist  der  Reststickstoff-  und  Indikangehalt 
,  im  Serum  nie  erhöht. 


Oktober  1923. 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1247 


2.  Auch  bei  abnormer  Indlkanurie  übersteigt  das  Indikan  den 
Wert  von  1,5  nicht. 

3.  Hei  hohem  Reststickstoffgehalt  ist  die  Prognose  zweifelhaft, 
denn  die  Erhöhung  des  Rest-N-Spiegels  kann  entweder  eine 
Folge  des  vermehrten  Eiweisszerfallcs  sein  oder  eine  Folge 
von  Niereninsuffizienz. 

4.  Bei  erhöhtem  Indikan  ist  die  Prognose  stets  ernst,  denn  sie 
weist  mit  Sicherheit  auf  eine  chronische  Azotämie  mit  drohen¬ 
der  Urämie  als  Folge  einer  Niereninsuffizienz  hin. 

5.  Der  Vergleich  zwischen  Indikan  und  Reststickstoff  erscheint 
daher  als  das  wertvollste.  Eine  alleinige  Indikanbestimmung 
ist  wertvoller  als  eine  alleinige  Reststickstoffbestimmung,  da 
sich  aus  ersterer  die  Prognose  des  Falles  stellen  lässt. 

Literatur. 

1.  Zschr.  f.  klin.  Med.  72,  232.  —  2.  D.  Arch.  f.  klin.  Med.  119.  M.m.W. 
15  Nr.  31,  1917  Nr.  42.  —  3.  M.m.W.  1916  Nr.  4  u.  26.  —  4.  Klin.  Wsclir. 
?2  Nr.  15.  —  5.  D.rn.W.  1923  Nr.  13.  —  6.  Grenzgeb.  33,  4. 

Zur  Behandlung  der  Coxa  vara. 

Von  A.  Schanz -Dresden. 

Bei  der  Behandlung  der  Coxa  vara  stellen  sich  uns  zwei  Auf- 
ben:  erstens  die  Aufgabe,  den  Prozess,  welcher  die  Deformität 
'eugt  und  vermehrt,  unwirksam  zu  machen;  zweitens  die  Aufgabe, 

>  entstandene  Deformität  zu  korrigieren. 

Diese  beiden  Aufgaben  können  sich  verschieden  kombinieren,  und 
:  Behandlung,  die  bei  einer  Coxa  vara  auszuführen  ist,  muss  dem- 
tsprechend  in  verschiedenen  Fällen  verschieden  zusammengesetzt 
n. 

Ich  will  die  in  Frage  kommenden  Möglichkeiten  nicht  durch- 
•echen,  ich  will  auch  ganz  die  Frage  der  Behandlung  des  defor- 
arenden  Prozesses  der  Coxa  vara  beiseite  lassen.  Ich  will  mich 
r  mit  der  Behandlung  der  Deformität  befassen. 

Es  sind  eine  ganze  Reihe  Korrekturoperationen  für  die  Coxa 
ra  angegeben  worden.  Ich  habe  von  jeher  nur  die  subtrochan- 
re  Osteotomie  ausgeführt. 

Ich  osteotomiere  dicht  unterhalb  des  Trochanter  minor,  horizon- 

lineär.  Dann  knicke  ich  das  proximale  und  das  distale  Fraktur- 
ck  so  gegeneinander  ab,  dass  ein  nach  der  lateralen  Seite  offener 
nkel  entsteht.  Das  Maass  der  Abknickung  entnehme  ich  dem 
asse  der  Abbiegung  des  Schenkelhalses.  Um  so  viel,  als  der 
lenkelhals  nach  abwärts  verbogen  ist,  knicke  ich  den  Femurschaft 
:h  aussen  ab. 

Die  Zurückführung  des  Beines  in  Parallelstellung  zur  Längsachse 
;  Körpers  ergibt  dann  eine  Aufrichtung  des  Schenkelhalses  und 
e  Einstellung  der  Schenkelhalsachse  in  ihre  normale  Richtung. 

Welche  schönen  funktionellen  Resultate  diese  Operationen  er¬ 
teil.  habe  ich  auf  dem  diesjährigen  Chirurgenkongress  gezeigt  durch 

Vorstellung  des  Kranken,  von  dem  die  Röntgenskizzen  Fig.  1 
I  2  gewonnen  sind. 

Der  Kranke,  jetzt  13  Jahre  alt.  hatte  vor  2  Jahren  beim  Rodeln  einen 
ss  gegen  die  rechte  Hüfte  erlitten.  Er  hatte  zunächst  davon  gar  keine 
rungen.  Nach  einiger  Zeit  stellten  sich  Schmerzen  und  Hinken  ein.  Als 
ihn  sah,  bestand  starkes  Hinken,  die  Hüfte  war  fast  unbeweglich.  Das 
itgenbild  (Fig.  1)  zeigte  eine  starke  Abbiegung  des  Schenkelhalses.  Ich 
Je  die  hohe  subtrochantere  Osteotomie  aus  und  stellte  eine  Abknickung 

fast  60°  her. 

Fig.  1.  Fig.  2. 


Als  ich  den  Knaben  5  Monate  nach  der  Operation  dein  Chirurgcnkon- 
f>s  zeigte,  war  von  dem  Hinken  auch  für  ein  geschultes  Auge  kaum  mehr 

•  ■  Spur  zu  sehen.  Das  Gelenk  hatte  ein  fast  normales  Bewegungsfcld. 
1  Kranke  konnte  ausdauernd  und  ohne  Beschwerden  gehen. 

:  Wenn  man  das  Röntgenbild  Fig.  2,  welches  so  schwere  Veränderungen 
Anatomie  der  Hüfte  zeigt,  betrachtet,  und  daneben  sieht,  wie  glatt  und 

•  der  Kranke  läuft,  so  ist  das  auch  für  den  Fachmann  eine  Ueberraschung. 

Ich  habe  in  Berlin  nur  den  einen  in  dieser  Art  operierten  Fall 
.eigt.  Der  war  aber  nicht  etwa  ein  Ausnahmefall,  sondern  er  war 
>us.  Jeder  analoge  Fall,  der  ebenso  angegriffen  wird  und  bei  dem 
Durchführung  des  Operationsplanes  gelingt,  ergibt  ein  ebenso 

'-s  Resultat. 

Nun  eignen  sich  aber  doch  nicht  alle  Fälle  von  Coxa  vara  für 

1  ^e  Operation. 


Die  angeborene  Coxa  vara  zeigt  in  Frühstadien  das  ein¬ 
fache,  bekannte  Bild  (Fig.  3).  Der  Schenkelhals  steht  ungefähr  hori¬ 
zontal,  und  senkrecht  durch  ihn  herunter  läuft  auf  dem  Röntgenbild 
eine  helle  Zone. 

Die  Kinder  zeigen  einen  an  die  angeborene  Htiftluxatlon  erinnern¬ 
den  Gang.  Beschwerden  haben  sie  nicht. 

Dieser  Zustand  ändert  sich,  ob  in  allen  Fällen,  weiss  ich  nicht, 
aber  jedenfalls  in  sehr  vielen,  mit  dem  Laufe  der  Jahre.  Das  Hinken 
wird  stärker,  es  treten  Schmerzen  auf,  das  Bcwegungsfeld  schränkt 
sich  mehr  und  mehr  ein. 

Wenn  die  Kranken  als  Erwachsene  zu  uns  kommen,  dann  findet 
man  ein  ganz  anderes  Röntgenbild. 

Der  Schenkelhals  ist  jetzt  in  einem  spitzen  Winkel  nach  abwärts 
gebogen.  Es  sieht  aus,  als  sei  der  Hüftkopf  über  den  Halsansatz 
nach  abwärts  gedreht,  und  —  das  ist  die  auffälligste  Veränderung  — 
der  Trochantersteh  t  über  den  Ansatz  des  Schenkel- 
halses  wie  ein  Zapfen  hoch  in  die  Höhe.  Man  hat  den 
Eindruck,  als  wäre  der  Schenkelhals  nicht  nur  nach  abwärts  gebogen, 
sondern  als  wäre  er  am  Schenkclschaft  heruntergerutscht. 

Fig.  4  zeigt  einen  solchen  Befund.  Die  Skizze  ist  gewonnen  von  einem 
24  jährigen  landwirtschaftlichen  Arbeiter. 

Die  Anamnese  ergab,  dass  der  Kranke  an  einer  angeborenen  Coxa 
vara  litt.  Er  suchte  Hilfe,  weil  das  Bein  mit  den  Jahren  immer  kürzer  und 
kürzer  geworden  war,  besonders  aber,  weil  sich  in  letzter  Zeit  so  hoch¬ 
gradige  Schmerzen  eingestellt  hatten,  dass  er  seinem  Beruf  nicht  mehr  nach¬ 
gehen  konnte. 

Für  einen  Fall  mit  einem  Röntgenbefund,  wie  ihn  dieser  hier  zeigte, 
eignet  sich  die  hohe  subtrochantere  Osteotomie  nicht.  Man  kann  nicht  einen 
Knickwinkel  einstellen,  der  die  hochgradige  spitzwinklige  Abbiegung  des 
Schenkelhalses  kompensiert. 

Für  den  Weg,  den  ich  hier  eingeschlagen  habe,  gaben  mir  die  Resultate, 
die  ich  mit  der  tiefen  subtrochanteren  Osteotomie  bei  nichtreponibler  a  n  - 
g  e  b  o  re  ne  r.  Luxation  erreicht  habe,  die  Richtlinien  an.  Ich  sagte  mir, 
wenn  sich  bei  diesen  Coxa-vara-Fällen,  die  Luxationsfällen  in  so  vielen 
Beziehungen  ähneln,  eine  Situation  herstelle,  die  eine  Wesensgleichheit  mit 
der  Luxation  bedeutet,  so  kann  ich  erwarten,  dass  die  Coxa-vara-Fälle.  ebenso 
behandelt  wie  die  Luxationsfälle,  ähnlich  gute  Resultate  ergeben. 

Ich  resezierte  den  Schenkelkopf  und  führte  die 
tiefe  subtrochantere  Osteotomie  aus. 


Fig.  3.  Fig.  4.  Fig.  5. 


Die  Situation,  die  ich  so  erzielte,  zeigt  die  Röntgenskizze  Fig.  5. 

Die  funktionellen  Resultate,  die  ich  damit  er¬ 
reichte,  haben  meine  Rechnung  bestätigt.  * 

Der  Kranke,  von  dem  Skizze  4  und  5  stammen,  ist  völlig  schmerzfrei 
geworden.  Er  ist  wieder  als  landwirtschaftlicher  Arbeiter  in 
voller  Tätigkeit. 

Das  Gangbild  hat  das  eigentümliche  Einknicken  des  Oberkörpers, 
das  man  bei  diesen  Fällen  sieht,  und  das  so  stark  an  das  Gangbild 
der  angeborenen  Luxation  erinnert,  völlig  verloren.  Es  besteht  nur 
ein  ganz  geringes  Verkürzungshinken. 

Noch  mehr  Freude  habe  ich  an  einem  anderen  Fall.  Da  handelt  es  sich 
um  eine  24  jährige  Kranke  mit  doppelseitiger  Coxa  vara.  Hier  wurde  Be¬ 
seitigung  der  Schmerzen  erreicht,  eine  normale  Rückenlinie  hergestellt.  Der 
watschelnde  Gang  ist  verschwunden.  Es  ist  nur  ein  ganz  leichtes  Wippen 
in  den  Füssen  geblieben.  Vor  allem  aber  wurde  das  absolute  Kohabitations- 
hindernis,  welches  durch  die  Einengung  des  Bewegungsfeldes  beider  Hüft¬ 
gelenke  gesetzt  war,  beseitigt.  Auch  diese  Kranke  habe  ich  dem  Chirurgen¬ 
kongress  dieses  Jahr  vorgestellt. 

Von  den  bisher  in  dieser  Weise  von  mir  operierten  Fällen  ent¬ 
spricht  nur  ein  Fall  meinen  Erwartungen  nicht.  Woher  der  Unter¬ 
schied  kommt,  ist  mir  noch  nicht  ganz  klar.  Wahrscheinlich  habe 
ich  in  diesem  Falle  bei  der  Resektion  des  Kopfes  die  Verbindung  der 
Kapsel  mit  dem  Halsstumpf  durchschnitten,  und  habe  dadurch  das 
feste  Band  zwischen  oberem  Femurrand  und  Pfanne,  welches  durch 
die  Kapsel  hergestellt  wird,  geschädigt.  In  Zukunft  werde  ich  auf 
die  Erhaltung  der  Kapselverbindung  sorgfältig  achten,  und  ich  emp¬ 
fehle,  das  zu  tun. 


1248 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  40. 


Zur  Klinik  der  Impotentia  generandi  ejaculatoria*). 

Von  Heinrich  Higie  r-  Warschau. 

Zum  Zustandekommen  eines  regelrechten  Koitus  müssen  drei 
physiologische  Akte  in  bestimmter  Reihenfolge  stattfinden:  Erektion, 
Orgasmus  und  Ejakulation.  Tritt  irgendwelche  Störung  in  dieser 
zeitlichen  Reihenfolge  ein  oder  fällt  der  eine  oder  der  andere  Akt 
aus,  so  können  wir  von  Impotenz  sprechen,  die  somit  dreierlei  Her¬ 
kunft  sein  kann. 

Im  Eheleben  spricht  man  in  der  Regel  von  zwei  Hauptformen 
der  Impotenz.  Am  bekanntesten  ist  die  psychische  Impotenz  der 
Flitterwochen  mit  Erektionsschwäche  des  Gliedes  (Impotentia 
crectiva),  die  im  günstigsten  Falle  plötzlich  schwindet.  Meist 
stellt  sich  jedoch  nach  Ueberwindung  der  Impotentia  coeundi  Aus¬ 
bleiben  des  Ejakulationsreflexes  oder  verspäteter  Erguss  (Ejacu- 
latio  retardata)  mit  allmählichem  Uebergang  zur  Norm  ein. 
Die  zweite  Form  von  Impotenz,  die  ziemlich  banale,  meist  gemischte 
Impotentia  coeundi  et  'generandi,  ist  der  verfrühte  Samenerguss 
(Ejaculatio  praecox  s.  praecipitata).  Der  Orgasmus  ist 
in  beiden  Fällen  etwas  herabgesetzt. 

Es  gibt  noch  eine  dritte,  bedeutend  seltenere,  den  Aerzten 
weniger  bekannte  Varietät,  die  eher  schon  zur  Gruppe  der  reinen 
Impotentia  generandi  gehört,  für  die  seinerzeit  Fürbringer  den 
Vergleich  mit  bedauernswerten  Jägern  geprägt  hat,  deren  zur  Unzeit 
sich  entladende  Schusswaffe  für  das  gewollte  Ziel  versagt.  Zu¬ 
fälligerweise  hatte  ich  die  Gelegenheit,  im  Laufe  eines  Monats 
zwei  Kranke  mit  dieser  seltenen  Form  von  Impotenz,  die  ich  als 
„ejaculative  Generationsimpotenz“  bezeichnen  möchte, 
zu  behandeln  und  zu  demonstrieren.  Sie  besteht  darin,  dass 
der  mit  intakten  Genitalien  und  normalem  Trieb 
a  u  s  g  e  s  t  a  1 1  e  t  e  Kranke  den  Koitus  regelrecht  mit 
ausreichender  Erektion  auszuführen  versteht, 
dass  er  jedoch  trotz  fortgesetzter  Friktionen 
und  stattgefundenem  Orgasmus  keine  Ejakulation 
erreichen  kann. 

Es  sollen  hier  die  Krankengeschichten  dieser  praktisch  bedeu¬ 
tungsvollen  Sexualstörung  im  Auszug  angeführt  werden,  die,  wie  ge¬ 
sagt,  dem  Gros  der  Praktiker  kaum  geläufig  ist. 

Beobachtung  I.  28  jähriger  Kaufmann.  5  Jahre  verheiratet.  Tadel¬ 
loses  Vorleben.  Vollkommene  Keuschheit.  Gut  gebaut.  Genitalien  intakt. 
Regelrechter  Geschlechtstrieb  mit  einer  ihn  liebenden  und  von  ihm  geliebten 
Frau.  Trotz  mehrjährigen  ehelichen  Verkehrs  hat  er 
bei  starker  und  andauernder  Erektion  kein  einziges 
Mal  einen  Samenerguss  erzielt.  Der  Koitus  pflegt  bis 
zu  beiderseitiger  Erschöpfung  und  beiderseitigem 
Orgasmus  fortgesetzt  zu  werden.  Normale  Erektionsfähigkeit 
mit  Ejakulation  bei  der  nur  wenige  Male  im  Leben  stattgehabten  Selbst¬ 
befriedigung.  Kranker  erinnert  sich  nicht,  im  Schlafe  unter  erotischen  Träu¬ 
men  und  spezifischen  orgastischen  Sensationen  einen  Samenerguss  erlebt  zu 
haben.  Harn  eiweiss-,  zucker-  und  samenfrei.  Weder  psycho-  noch  'neuro- 
pathisch  belastet.  Konsultiert  viele  Aerzte  wegen  heisser  Sehnsucht  nach 
Kindern.  Keine  Antipathie  gegen  die  Gattin. 

Beobachtung  11.  29  jähriger  neurasthenischer,  psychisch  sensitiver 

Schriftsteller.  Solides  Vorleben.  Nie  onaniert.  Gelegentlich  nächtlich  libidi- 
nöse  Pollutionen.  Seit  dem  22.  Lebensjahre  massige  Kohabitationsversuche. 
Herkulisch  gebaut.  Hat  es  nie,  trotz  kräftiger  und  nach¬ 
haltiger,  jedenfalls  ausreichender  Erektion  zum 
regelrechten  Samenerguss  gebracht.  Die  ersten  paar  Jahre 
vermochte  er  dem  Mechanismus  des  Geschlechtsverkehrs  vollkommen  zu  ge¬ 
nügen,  es  wurde  ihm  jedoch  unerträglich  die  Qual  des  Nichteintritts  der 
orgastischen  Befriedigung  trotz  stundenlangen  Bemühens.  Zuweilen  reich¬ 
liche  Schlafpollution  nach  misslungenem  Koitus.  Im  letzten  Jahre  ist 
es  ihm  wiederholt  gelungen.  Orgasmusgefühl  zu  er¬ 
reichen.  Ejakulation  trat  jedoch  erst  nach  dem  Koitus 
bei  halberschlafftem  Gliede  ein.  Harn  eiweiss-,  zucker-  und 
samenfrei.  Genitalien  stattlich  entwickelt.  Behandlung  erfolglos.  Keine 
sexuellen  Triebanomalien. 

Wir  sehen  somit  hier  nicht  die  längst  bekannte  Abspaltung  des 
Ejakulations-  vom  Erektionsmechanismus  (z.  B.  Ejakulation  ohne 
Erektion  oder  Erektion  ohne  Ejakulation),  sondern  die  viel  weniger 
geläufige  Abspaltung  der  Ejakulations-  vom  Orgas¬ 
musmechanismus,  den  Wegfall  der  Endphase  des  geschlecht¬ 
lichen  Aktes  infolge  ungebührlicher  Verzögerung  oder  gänzlichen  Aus¬ 
falles  des  Ejakulationsreflexes  trotz  scheinbar  regelrecht  stattgehabter 
Frektion  und  Orgasmus.  Der  zweite  unserer  Kranken  mit  verspäteter 
Ejakulation  gehört  zu  den  Raritäten,  die  nur  vereinzelte  Aerzte 
(Stekel,  Löwenfeld)  beobachteten.  Von  der  an  unseren 
Kranken  geschilderten  Ejaculatio  deficiens  gibt  es,  wie  die 
spärliche  diesbezügliche  Literatur  beweist,  ziemlich  bunte  Abarten. 

Bei  Einem  besteht  vollständiger  Mangel  an  Samenergüssen  in 
jeder  Form  und  jeder  Situation. 

Beim  Anderen  geschieht  die  Ejakulation  nachträglich  post  coitum 
statt  intra  coitum,  bei  halberigiertem  oder  kollabiertem  Glied,  ge¬ 
radezu  fliessend. 

Beim  Dritten  kommt  cs  nach  solch  einem  trotz  normaler  Potenz 
und  Libido  misslungenen  Koitus  gelegentlich  zur  normalen  Schlaf¬ 
pollution  oder  zur  masturbatorisch  auslösbaren  Ejakulation. 

Beim  Vierten  bleiben  auffallenderweise  die  durch  selbsteigene 
Onanie  lebhaft  ausgelösten  Ejakulationen  sowohl  beim  Koitus  als  bei 
mutueller  konjugaler  Masturbation  aus. 

*)  Nach  einer  Demonstration  im  Warschauer  Aerztevcrein  (16.  Januar 
1923). 


Orgasmus  ohne  Ejakulation  —  diese  seltenste  Impotenzform  — 
kommt  somit  bei  jeder  der  drei  Hauptvarietäten  sexueller  Betätigung 
(Koitus,  Pollution,  Onanie)  vor,  jedoch  nicht  bei  allen  gleichzeitig. 
M  a  r  c  u  s  e  meint,  gleichzeitiges  Vorkommen  im  Traum  und  Wachen 
sei  selten,  dagegen  sei  weniger  selten  Verbindung  von  kohabitativer 
und  masturbatorischer  Störung. 

,  Differentialdiagnostisch  kommt  vielleicht  bei  unserem , 
nervösen  Aspermatismus  mit  mangelnder  Ent¬ 
leerung  des  Spermas  nach  aussen  nur  eine,  ebenfalls 
äusserst  seltene  Form  von  Aspermatismus  in  Betracht,  Aspermatismus 
organischer  Herkunft  infolge  Deviation  der  Ductus  ejaculatorii  öden 
narbigem  —  meist  postgonorrhoischem  —  Verschluss  derselben. 1 
Beide  Hessen  sich  jedoch  ohne  weiteres  von  einander  trennen;  beimi 
nervösen  Aspermatismus  besteht  ausgezeichnete  Potenz  und  keine/ 
ejakulatorische  Entlastung,  beim  organischen  bestehen  nach  Für-) 
b  ringer  charakteristische  libidinös-orgastische,  unter  Umständenl 
schmerzhafte  Reflexstösse  als  Ausdruck  des  inneren  Samcnergusses.l 
der  gelegentlich  in  die  Blase  geleitet  wird  und  später  im  Harn  als] 
regurgitiertes  Sperma  nachweisbar  ist. 

Zur  Pathogenese  mich  wendend,  will  ich  vorausschicken,' 
dass  die  Mehrzahl  der  Autoren,  die  dieses  Thema  berührten,  eine  Un-i 
erregbarkeit  oder  Funktionsunfähigkeit  des  Ejakulationszentrums  an-| 
nimmt,  die  einen  (Cur  sch  mann)  infolge  Exzesse,  die  anderen^ 
(Fürbringer)  infolge  Abstinenz.  Ob  es  überhaupt  physiologisch < 
gedacht  ist,  von  einer  Trennung  des  Erektionszentrums  (vasomotori¬ 
sche  Funktion)  vom  Ejakulationszentrum  (myomotorische  Funktion)! 
zu  sprechen,  oder  von  verschiedenen  Erregbarkeitsgraden  derselben! 
resp.  von  totaler  Abspaltung  des  Ejakulationsmechanismus  voml 
Erektionsmechanismus,  mag  vorderhand  dahingestellt  bleiben.  Richtig! 
ist  in  der  ganzen  Frage  nur  die  Tatsache,  dass  das  Zusammen-, 
spielen  des  psychischen  und  rein  mechanischen', 
Reizes  in  verschiedener  Weise  sich  gestalten! 
kann:  bei  Einem  ist  die  Wirkung  der  Psyche  intensiver,  beim 
Anderen  die  des  mechanischen  Reizes  und  hier  auch  individuell,! 
stärker  bei  vaginaler,  bei  manueller,  bei  mutueller  Friktion.  Auch; 
der  psychische  Reiz  wirkt  hier  mehr  im  Wachen,  dort  mehr  im  Traum: 
beim  Wegfall  der  zerebralen  Hemmungswirkung. 

In  dieser  Weise  Hesse  sich  meines  Erachtens  am  einfachsten  die 
Vielförmigkeit  erklären,  speziell  wenn  man  die  Tatsache  in  Betracht 
zieht,  dass  man  schon  im  Kindesalter  Orgasmus  ohne  Ejakulation 
resp.  ohne  Erektion  zu  treffen  pflegt.  Der  Orgasmus  und  die  Ejakula¬ 
tion  sind  somit  beim  Erwachsenen  nur  beim  Sexualakt  normaliter  mit¬ 
einander  funktionell  verknüpft.  Es  kann  somit  in  Wegfall  kommenl 
bloss  die  Ejakulation  oder  Orgasmus  +  Ejakulation.  Die  gelegentliche 
Aufhebung  dieser  Funktionsgemeinsehaft  muss  nach  Marcusej 
nicht  auf  organischen  Veränderungen  beruhen,  sie  ist  vielmehr  durch 
psychische  Einflüsse  hinreichend  erklärbar. 

Die  Grundursache  des  funktionellen  Asper¬ 
matismus  oder  Funktionsunfähigkeit  des  Ejakula¬ 
tionszentrums  scheint  jedenfalls  kaum  im  Coitus 
interruptus,  in  der  Abstinenz  oder  in  sexuellen 
Abschweifungen  zu  liegen.  Die  Abstinenz  ist  doch  bis  zu 
einem  bestimmten  Alter  physiologisch  und  der  funktionelle  Aspcrnu- 
tismus  wird  ab  und  zu  schon  bei  jungen  Leuten  gefunden,  die  Exzesse 
führen  wiederum  schlimmsten  Falles  zur  Impotentia  coeundi,  aber 
nicht  zur  Impotentia  generandi. 

In  prognostisch-therapeutischer  Hinsicht  lässt 
sich  nur  soviel  sagen,  dass  beim  gänzlichen  Ausfall  der  Ejakulations- 
möglichkeit  die  Vorhersage  sich  infaust  gestaltet,  wo  sie  dagegen 
partiell  erwiesen  ist  (bei  Pollutionen  oder  A'lasturbation)  —  Im¬ 
potentia  sejuncta  —  die  Prognose  nicht  als  absolut  ungünstig 
zu  beurteilen  ist.  Einer  meiner  Kranken  wurde  durch  einen  Kur¬ 
pfuscher  ganz  rationell  in  der  Weise  belehrt,  dass  er  die  Einführung 
des  erigierten  Gliedes  in  die  Vagina  unmittelbar  vor  der  onanistischen 
Ejakulation  zu  bewerkstelligen  habe. 

Kommt  eine  ähnliche  Impotentia  generandi  beim  Weibe  vor?  Es 
fehlt  uns  leider  an  genauen  physiologischen  Daten.  Es  muss  als  Tat¬ 
sache  gelten,  dass  eine  Frau  auch  ohne  jede  geschlechtliche  Erregung 
befruchtet  werden  kann.  Dennoch  scheint  die  im  Volke  allgemein 
verbreitete  Anschauung  die  für  die  Mehrzahl  sicher  zutreffende  zu 
sein,  dass  auch  bei  der  Frau  der  Höhepunkt  der  Erregung  erzielt  sein 
muss,  der  etwa  dem  männlichen  Orgasmus  und  Ejakulation  entspricht. 
Für  sehr  kalte,  wenig  erregbare  Naturen  gilt  jedoch  und  galt  immer 
die  Regel  der  Anwendung  extraordinärer  Reizungen,  um  beiderseitige 
und  gleichzeitige  geschlechtliche  Stimmung  und  Routine  herzustellen. 
Bekannt  ist  die  langjährige  Unfruchtbarkeit  und  der  spätere  reiche  1 
Kindersegen  der  gesunden,  fortpflanzungsfähigen,  mit  einem  ganz 
potenten  Manne  versehenen  Kaiserin  Maria  Theresia.  Der  bekannte 
und  erfahrene  Kliniker  van  Swieten  erteilte  bei  der  Konsultation 
dem  Ehemanne  der  frigiden  Frau  den  erfolgreichen  Rat  (zit.  nach 
Orlowski):  Ego  vere  censeo,  vulvam  sacratissimae  MajSstaiis 
ante  coitum  diutius  esse  titillandam. 

Zum  Schluss  ein  Wort  über  die  Terminologie.  So  arm 
die  Kasuistik  an  Fällen  ist.  so  reich  ist  sie  an  Bezeichnungen:  Im¬ 
potentia  coeundi  (Moll),  Aspermatismus  psychicus 
(Orlowski).  Aspermatismus  functionalis  (Güter- 
bock),  Ejakulationsirtipotenz  (G.  F 1  a  t  a  u).  E  j  a  c  u  - 
1  a  t  i  o  deficiens  inter  congressum  (Fürbringer). 
Ejaculatio  sejuncta  (Hirsch  fei  d),  Orgasmus  prae- 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


5.  Oktober  1923. 


c  i  p  i  t  a  t  u  s  (R  o  h  I  e  d  e  r),  Orgasmus  sine  e  j  a  c  u  I  a  t  i  o  n  e 

(M  a  r  c  u  s  e). 

Mir  schien  die  im  Titel  angeführte  Bezeichnung  „I  m  p  o  t  e  n  t  i  a 
generandi  ejaculatoria“  als  die  weitumfassendste,  indem 
sie  darauf  hinweist,  dass  die  Impotenz  nicht  durch  fehlende  Erektion, 
abwesenden  Orgasmus  oder  wirklich  bestehenden  Aspermatismus 
bedingt  ist  und  dass  sie,  zur  Gruppe  der  Generationsimpotenz  ge¬ 
hörend.  nicht  als  Kohabitationsimpotenz  oder  Impotentia  coeundi  auf- 
gefasst  werden  kann.  Die  Frau  wird  jedenfalls  solch'  einen  Partner 
als  potent  bezeichnen,  sie  wird  auch  seinen  Orgasmus  wecken  und 
bei  fehlender  Ejakulation  ihn  auf  den  zum  Bewusstsein  des  Mannes 
nicht  immer  gelangenden  Aspermatismus  eventuell  aufmerksam 
machen. 

Literatur  s.  bei  Für  b  ringer:  1.  Nothnagels  Spezielle  Pathologie 
u.  Therapie  19,  3;  2.  D.m.W.  1922  Nr.  18. 


Aus  der  Pester  Hebammenanstalt. 

(Direktor:  Prof.  Dr.  Josef  Lovrich.) 

Die  konservative  Behandlung  des  Abortus. 

Von  Josef  Lovrich. 

Im  Jahre  1913  begann  ich  bei  der  Abortusbehandlung  Versuche 
in  konservativer  Richtung  anzustellen  und  überzeugte  mich  von  deren 
Zweckmässigkeit.  Die  aktive  Behandlung  führt  bei  einer  grossen 
Zahl  infektiöser  Fälle  zu  schweren  Komplikationen,  Verletzungen, 
oft  sogar  zum  Tode.  Ich  habe  mich  lange  mit  dem  Gedanken  ge¬ 
tragen,  eine  solche  Methode  auszuarbeiten,  die  auch  vom  praktischen 
Arzte  gut  durchgeführt  werden  kann  und  die  ungefährlicher  ist  als  die 
aktive  Behandlung. 

In  dieser  Frage  beeinflusste  mich  auch  der  Umstand,  dass  wir 
noch  immer  nicht  festzustellen  vermögen,  ob  die  Infektion  sich  nur 
innerlich  in  der  Gebärmutterhöhle  ausgebreitet,  oder  ob  sie  sich  schon 
parauterin  eingenistet  hat.  In  solchen  Fällen,  wo  absolut  keine  kli¬ 
nischen  Anzeichen  auf  Infektion  hindeuteten,  haben  wir  bei  aktiver 
Behandlung  äusserst  schwere  Komplikationen  gesehen.  Alltägliche 
Erfahrungen  lehren,  dass  das  Hervorrufen  des  Abortus  durch  un¬ 
befugte  Hände  —  welche  leider  fast  immer  im  Dunkeln  bleiben  — 
schwere  Fiebeierscheinungen  und  Schüttelfrost  mit  sich  bringt,  in 
welchem  Zustande  dann  die  Kranken  nicht  nur  auf  die  Hilfe  des 
Arztes,  sondern  auf  Aufnahme  in  eine  Klinik  angewiesen  sind.  Solche 
Fälle  bringen  dem  Arzte  oft  unangenehme  Ueberraschungen.  Wenn 
nun  bei  schon  vorhandener  Infektion,  ob  mit  oder  ohne  klinischen 
Anzeichen,  der  Arzt  auf  infektiösem  Gebiete  oder  in  dessen  Um¬ 
gebung  aktive  Eingriffe  vornimmt,  so  ist  die  infektiöse  Ausbreitung 
fast  unvermeidlich  und  unaufhaltsam  treten  die  Symptome  der  Sepsis, 
Pyämie  oder  gar  die  tödliche  Peritonitis  auf.  Häufig  wird  der  be¬ 
handelnde  Arzt  für  diesen  unglücklichen  Ausgang  verantwortlich  ge¬ 
macht,  welchen  doch  andere  verursacht  haben;  einzig  und  allein 
aus  dem  Grunde,  weil  dieser  Arzt  als  letzter  die  Behandlung  der 
Kranken  übernommen  hat. 

Durch  diesen  Gedankengang  geleitet,  gab  ich  1914  in  der  Pester 
gynäkologischen  Sektion  meine  ersten  Berichte  über  die  konservative 
Behandlung  der  Fehlgeburten  heraus.  Bei  nicht  sehr  grossem  Ma¬ 
terial  behandelte  ich  während  9  Jahren  324  Fehlgeburten,  ausschliess¬ 
lich  mit  der  konservativen  Methode.  Selbst  die  schwersten  I  alle 
inbegriffen,  hatte  ich  an  Todesfällen  nur  3  zu  verzeichnen.  Wenn  ich 
nun  dazu  die  in  den  letzten  9  Jahren  vorgekommenen  120  künstlichen 
Aborte  rechne,  wobei  wir  den  immer  wegen  schwerer  Krankheit 
mittels  Blasenstich  eingeleiteten  Abort  den  Kräften  der  Natur  über- 
liessen,  und  niemals  eine  Kranke  verloren  haben,  so  kann  ich  mit 
ruhigem  Gewissen  die  konservative  Behandlung  dem  praktischen 
Arzte  anempfehlen. 

Unser  Verfahren  ist  folgendes: 

Wir  geben  bei  Abortus  (incipiens  oder  incompletus)  Chinin;  in 
den  ersten  24  Stunden  nicht  mehr  als  1  g.  Laut  der  H  e  r  f  f  scheu 
Methode  geben  wir  später  Chinin  mit  Veronal  in  gleichem  Quantum, 
und  zwar  halbstündlich  eine  Dosis  von  Vi  g.  Oder  wir  verteilen 
1  g  in  5  Pulver  mit  gleichem  Quantum  Veronal  in  Dosen  zu  0,2  g, 
welche  wir  gleichfalls  halbstündlich  verabreichen.  Verschiedentlich 
geben  wir  auch  im  Anfänge  eine  Dosis  zu  0,4  g  und  später  halbstünd¬ 
liche  Verabreichungen  von  Dosen  zu  0,2  g.  Beginnt  nun  das  Chinin 
Schmerzen  auszulösen,  so  geben  wir  Hypophysenextrakte. 

Wir  verwenden  nur  zuverlässig  gute  Hypophysenpräparate 
(ungarisches  Glandnitrin,  Pituitrin  oder  Pituglandol).  Wenn  stärkere 
Blutung  einsetzt,  geben  wir  im  Zeiträume  von  10 — 15  Minuten  3  bis 
4  intravenöse  Hypophysininjektionen.  Dabei  müssen  wir  bemerken, 
dass  bei  nicht  gestörter  Schwangerschaft  weder  das  Chinin  noch  das 
Hypophysin  einzeln  oder  zusammen  irgendwelche  wehetierregendc 
Wirkung  hat.  Wir  haben  böse  Erfahrungen  mit  schlechtem  Kriegs¬ 
chinin  und  Kriegshypophysenextrakten  gemacht. 

Unsere  Statistik  lautet: 

Zahl  der  Aborte . 324 

Primiparae . 83  (ca.  25  Proz.) 

Pluriparae . 241  (ca.  75  Proz.) 

1.  Monat . 21  (  6,48  Proz.) 

2.  Monat  ,  1 .  80  (24.69  Proz.)  ' 

Nr.  40. 


1249 


3.  Monat .  66  (20,37  Proz.) 

4.  Monat .  54  (16,66  Proz.) 

5.  Monat . ' .  47  (14,50  Proz.) 

6.  Monat . 41  (l2,65  Proz.) 

7.  Monat . 15  (  4,63  Proz.) 

Inzipiens  .  212  (65,43  Proz.) 

Inkomplett .  112  (34,56  Proz.) 

Bei  der  Aufnahme  schwer  fiebernd,  mit  jauchigem  Ausfluss  26  (  8,02  Proz.) 

fiebernd  .  34  (10,49  Proz) 

subfebril  (37,5 — 38)  .  60  (18,52  Proz.) 

Bei  der  Aufnahme  fieberfrei .  192  (59,26  Proz.) 

fieberfrei,  aber  vorher  fiebernd  gewesen . 12  (  3,70  Proz.) 

sicher  kriminalgerichtlicli  gemeldet . 5  (  1,54  Proz.) 

Chinin  gaben  wir  in .  170  (52,47  Proz.) 


Der  Abort  war  durchschnittlich  in  38  Stunden 
Dosis  Chinin  beendet. 


nach  der  ersten 


0,5  g 
1,0  „ 

1.5  .. 
2,0  „ 
3,0  „ 
4,0  „ 

4.5  „ 
5,0  „ 
6,0  „ 

10,0  „ 
12,0  ., 


Chinin  gaben  wir  in 


.  4 

Fällen 

(  2,35 

Proz.) 

,, 

(41,20 

Proz.) 

** 

(15,30 

Proz.) 

.  37 

»» 

(21,76 

Proz.) 

.  15 

,, 

(  8,82 

Proz.) 

.  7 

,, 

(  4,12 

Proz.) 

Fall 

(  0,58 

Proz.) 

.  4 

Fällen 

(  2,35 

Proz.) 

»* 

(  2,35 

Proz.) 

.  1 

Fall 

(  0,58 

Proz.) 

1 

»» 

(  0,58 

Proz.) 

zusammen  in  170  Fällen. 


C  h  i  n  e  o  n  a  1  gaben  wir  in . 66  Fällen  (20,37  Proz.) 

(kleinste  Dosis  0,2  g,  grösste  Dosis  4,0  g) 

Qlanduitrin . 122  „  (37,65  Proz.) 

(kleinste  Dosis  1  ccm,  grösste  Dosis  29  ccm) 

Pituitrin . 23  „  (  7,13  Proz.) 

(kleinste  Dosis  1  ccm,  grösste  Dosis  11  ccm) 

Chinin  (allein) . 51  „  (15,74  Proz.) 

(der  Abort  war  in  durchschnittlich  18  Stunden  beendet) 

Qlanduitrin  (allein) . 8  Fällen  (  2,46  Proz.) 

(Beendigung  des  Abortes  in  12  Stunden,  durchschnittlich  1,5  ccm) 

Pituitrin  (allein) . 1  Fall  (  0,31  Proz.) 

(gegeben  wurde  1  ccm) 

Pituglandol  (allein) . 2  Fällen  (  0,62  Proz.) 

(hinnen  24  Stunden  beendet) 

Hypoglan  d  in  (allein) . .  1  Fall  (  0,31  Proz.) 

Chinin  +  Qlanduitrin . 77  Fällen  (23,77  Proz.) 

Chinin  +  Pituitrin . .20  „  (  6,17  Proz.) 

Chinin  +  Pituglandol . 6  .,  (  1,85  Proz.) 

Chinin  ~F  Hypoglan  d  in . 11  „  (  3,39  Proz.) 

Spontane  Beendigung  unter  324  Aborten, 

bei  denen  wiir  gar  nichts  verabreichten  in  .  64  „  (19,70  Proz.) 


Auffallend  gut  ist  das  Schicksal  derjenigen  Kranken,  die  im  Fieber¬ 
zustande  aufgenommen  wurden.  In  2 — 3  Tagen  verschwand  die  Tem¬ 
peraturerhöhung  sowie  der  böse  Ausfluss,  und  der  Puls  der  Kranken 
sank  auf  das  Normale.  Es  ist  ein  unbeschreibliches  Gefühl  der  Ruhe 
und  Sicherheit,  wenn  der  Abort  ohne  Komplikation  durch  Schüttel¬ 
frost  oder  Peritonitis  abläuft.  Solche,  welche  Fiebernde  oder  in  in¬ 
fektiösem  Verdachte  stehende  Kranke  neuerdings  aktiv  zu  behandeln 
wünschen,  wollen  wir  darauf  aufmerksam  machen,  dass  wir  noch 
immer  keine  sicheren  klinischen  Anzeichen  haben,  welche  die 
schwache  Virulenz  der  infektiösen  Keime  beweisen  würden.  Ich 
selbst  werde  nie  das  Gefühl  der  Unsicherheit  vergessen,  welches  mich 
in  der  Geburtsabteilung  der  Poliklinik  bei  den  vielen  tausenden  durch 
aktiven  Eingriff  behandelten  Kranken  erfasste,  wenn  es  sich  um  einen 
infektiösen  oder  im  Verdachte  der  Infektion  stehenden  Abort  han¬ 
delte.  Der  Hauptvorteil  der  konservativen  Behandlung  besteht  darin, 
dass  man  damit  keinen  aktiven  Schaden  anrichten  kann.  Sein  Nach¬ 
teil  hingegen  ist,  dass  man  dadurch  den  Verlauf  des  Abortes  ver¬ 
längert  und  hauptsächlich  der  Umstand,  dass  sich  die  schwangere  Frau 
solange  nicht  ruhig  fühlt,  bis  sie  nicht  von  der  Schwangerschaft  gänz¬ 
lich  befreit  ist.  Darum  finden  wir  nicht  nur  in  den  Aerzten,  sondern 
in  den  Frauen  selbst  die  grössten  Gegner  der  konservativen  Behand¬ 
lung.  Mit  dieser  Behandlungsmethode  wünsche  ich  durchaus  nicht 
denjenigen  Fachmännern  entgegenzutreten,  die  durch  ihre  grosse 
Technik,  Umsicht  und  Erfahrung  die  Kranken  vor  schweren  Kompli¬ 
kationen  und  vor  allem  vor  Verletzungen  durch  aktives  Vorgehen  zu 
behüten  wissen.  Der  Triumph  der  konservativen  Behandlung  ist  das 
gute  Wochenbett.  Wir  verzeiclineten  bei  unseren  Abortwöchne¬ 
rinnen  in  268  Fällen  kein  Fieber  =  82,7  Proz.  Einmal  Fieber 
—  18  Fälle  =  5,6  Proz.,  und  längeres  Fieber  =  28  Fälle  =  8,64  Pioz. 
Leichtere  Erkrankungen  beobachteten  wir  in  4  Fällen  =  1,23  Proz. 
Schwere  Erkrankungen  in  3  Fällen  =  0,92  Proz.  Von  den  Verstor¬ 
benen  ==  0,9  Proz.  ist  eine  nach  9  Tagen  an  Pyämie,  eine  nach 
4  Tagen  an  Peritonitis  verschieden.  Bei  letzterer  musste  wegen  Blu¬ 
tung  die  aktive  Behandlung  angewendet  werden.  Die  dritte  starb 
nach  20  Tagen  auch  an  Peritonitis.  Ich  muss  betonen,  dass  ab¬ 
gesehen  von  I — 2  Tamponaden  und  der  erwähnten  aktiven  Behand¬ 
lung,  Eingriffe  nicht  gemacht  wurden.  Bei  Aborten  mit  Blutungen 
ist  eine  aktive  Behandlung  nicht  notwendig,  da  ja  derartige  Blutungen 
von  der  Plazentalösung  stammen,  zu  deren  Entfernung  aus  der  Ge¬ 
bärmutter  der  Hypophysenextrakt  genügt. 


3 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


Nr.  4Ö. 


liSii 


Aus  der  Universitäts-Hautklinik  in  Erlangen. 
(Direktor:  Prof.  Dr.  Leo  Hauck.) 

Wismut  in  der  Syphilistherapie. 

Von  Assistenzarzt  Dr.  F.  Dietel. 

Seitdem  aus  Frankreich  Mitteilungen  über  Erfolge  in  der  Syphi- 
I ist licrapie  mit  Wismut  (in  erster  Linie  von  Levaditi)  erschienen 
sind,  hat  sich  auch  die  deutsche  chemische  Industrie  mit  der  Her¬ 
stellung  von  Wismutpräparaten  befasst  und  in  verhältnismässig  kur¬ 
zer  Zeit  ist  eine  grosse  Zahl  von  Wismut  enthaltenden  Mitteln  zur 
Behandlung  der  Lues  empfohlen  worden.  Ihre  Zahl  wächst  von 
Woche  zu  Woche.  Es  gehört  nun  wohl  auch  mit  zu  den  Aufgaben 
einer  Klinik,  diese  Präparate  —  soweit  sie  a  priori  Aussicht  auf  Er¬ 
folg  bieten  und  im  Tierversuch  bezüglich  ihrer  Toxizität  erprobt 
sind  —  am  klinischen  Material  nachzuprüfen,  um  sie  dann  bei  ihrer 
Eignung  dem  in  der  Praxis  stehenden  Arzt  zur  Behandlung  anzuraten. 

Auch  an  unseren  klinischen  und  ambulatorischen  Kranken  finden 
seit  längerer  Zeit  von  verschiedenen  chemischen  Fabriken  zu  Ver¬ 
suchszwecken  überlassene  Wismutpräparate  Verwendung,  und  zwar 
sind  Cs  deren  vier:  Bismogenol,  Bisuspen,  Wismulen  und 
Wismut-Diaspora  1. 

Wenn  ich  zunächst  auf  die  chemische  Zusammensetzung  der  ein¬ 
zelnen  Präparate  eingehen  darf,  so  handelt  es  sich  beim  Bismogenol,  das  von 
der  Firma  Tosse  in  Hamburg  hergestellt  wird,  um  eine  Bismuthylverbindung 
einer  physiologisch  hochwertigen  Oxybenzoesäure.  Sein  Qehalt  an  metal¬ 
lischem  Wismut  beträgt  59 — 60  Proz.  ln  der  gewöhnlich  gegebenen  Einzel¬ 
dosis  von  1  ccm  sind  0,05 — 0,06  g  metallischen  Wismuts  enthalten. 

In  dem  aus  der  Chemischen  Fabrik  von  Heyden  stammenden  Bisuspen 
(früher  Wismut  Heyden)  haben  wir  es  mit  einer  Oelsuspension  zu  tun,  die 
Wismutsubsalizylat  in  sehr  feiner  Verteilung  enthält,  ln  1  ccm  der  Sus¬ 
pension  ist  etwa  0,06  g  metallisches  Wismut. 

Im  Gegensatz  zu  diesen  beiden  intramuskulär  zu  verabreichenden 
Wismutverbindungen  wurde  von  Stroschein  in  Berlin  ein  wasserlösliches, 
organisches  Bi-Präparat,  das  Wismulen,  angegeben,  das  die  chemische 
Formel  CoHioNOsBi  hat  und  neutrale  Reaktion  besitzt.  Es  geht  mit  Salvarsan 
keine  Verbindungen  ein,  führt  auch  nicht  zu  Ausfällungen,  so  dass  es  sehr 
gut  in  Mischspritzen  Verwendung  finden  kann,  ln  1  ccm  der  neuerdings 
hergestellten  Ampullen  ist  0,04  g  metallisches  Wismut  enthalten. 

Ebenfalls  für  intravenöse  Anwendung  wurde  von  Dr.  Klopfer  in 
Dresden  das  Wismut-Diasporal  in  die  Luestherapie  eingeführt,  ein  kolloidales, 
hochdisperses  Wismuthydroxyid,  das  in  1  ccm-AmpuIlen  mit  10  mg  Bi(OH)a 
vertrieben  wird. 

Diese  Wismutpräparate  kamen  zur  Behandlung  aller  Stadien 
der  Lues  in  Anwendung,  insgesamt  bei  weit  über  100  Fällen.  Bei 
seronegativen  Primäraffekten  wurde  immer  Neosalvarsan  oder  Neo- 
silbersalvarsan  sofort  mitgegeben,  um  das  Gelingen  einer  Abortiv- 
heilung  nach  Möglichkeit  zu  gewährleisten.  Bei  seropositiven  Fällen 
kam  zuerst  immer  nur  (bei  den  klinisch  behandelten  Kranken)  ein 
Wismutpräparat  zur  Verwendung,  um  die  Einwirkung  auf  die  mani¬ 
festen  Erscheinungen  festzustellen.  Die  stärkste  Wirkung  konnten 
wir  hier  beim  Wismut-Diasporal  beobachten,  wo  manchmal  schon 
nach  2  Spritzen  Epithelisierung  der  breiten  Papeln  eingetreten  war. 
In  der  Regel  war  dies  erst  nach  5 — 6  Injektionen  zu  beobachten. 
In  einem  Fall  allerdings  konnten  noch  nach  viermaliger  Verabreichung 
von  Wismut-Diasporal  im  Dunkelfeld  lebende  Spirochäten  nach¬ 
gewiesen  werden.  Eine  sehr  gute  Wirkung  entfaltete  auch  das 
Bismogenol  und  in  etwa  gleichem  Maasse  das  Bisuspen,  während  das 
Wismulen  einen  geringeren  Einfluss  auf  die  klinischen  Erscheinungen 
der  Lues  ausübte.  In  die  gleiche  Reihenfolge  wären  die  einzelnen 
Präparate  bezüglich  ihrer  Einwirkung  auf  Manifestationen  des  Ter¬ 
tiärstadiums  zu  bringen  und  hier  erfolgte  ebenfalls  die  Rückbildung 
der  Prozesse  in  recht  befriedigender  Weise. 

Zusammenfassend  können  wir  sagen,  dass  das  Wismut  —  was 
das  Verschwinden  der  manifesten  Erscheinungen  in  allen  Stadien  der 
Lues  anlangt,  eine  sehr  prompte  Wirkung  entfaltete,  so  dass  wir 
den  Eindruck  gewannen,  dass  dieselbe  die  des  Quecksilbers  noch 
übertrifft. 

Weniger  deutlich  ausgesprochen  war  die  Beeinflussung  der 
Seroreaktionen  bei  allein  mit  Wismut  behandelten  Fällen,  bei 
denen  eine  Gegenindikation  gegen  Salvarsanbehandlung  voilag. 
Immerhin  gelang  es  in  einzelnen  Fällen  mit  Wismut  allein  einen  Um¬ 
schlag  der  Reaktion  ins  Negative  zu  erzwingen.  Ich  möchte  hier 
nebenbei  bemerken,  dass  an  unserer  Klinik  immer  mit  der  Wasser- 
m  ann  sehen  auch  die  Meinicke-Trübungsreaktion  vorgenommen 
wird,  die  sich  uns  als  feinerer  Indikator  als  die  WaR.  für  die  Lues¬ 
diagnose  erwiesen  hat  und  häufig  noch  positiv  ausfällt,  wenn  die 
WaR.  schon  ein  negatives  Ergebnis  zeigt.  Gegenüber  der  geringen 
Beeinflussung  der  Seroreaktion  durch  alleinige  Wismutbehandlung 
war  der  häufig  beobachtete  rasche  Umschlag  ins  Negative  bei  Kran¬ 
ken,  die  kombiniert  mit  Salvarsan  und  Wismut  behandelt  wurden, 
recht  auffallend.  Im  Verlauf  der  antiluetischen  Kuren  mehrmals  \or- 
genommene  Blutuntersuchungen  ergaben  oft  schon  nach  2%  g  Sal¬ 
varsan  und  7 — 8  ccm  Wismut  negativen  Befund. 

Bezüglich  der  Dosierung  ist  zu  sagen,  dass  wir  zweimal 
wöchentlich  1  ccm  und  für  eine  Kur  im  Durchschnitt  15  ccm  der  ein¬ 
zelnen  Wismutverbindungen  verabreichten. 

Es  wäre  noch  nachzuholen,  dass  wir  bei  keinem  unserer  Fälle 
eine  Herxheimer sehe  Reaktion  auftreten  sahen. 


Bezüglich  seiner  Wirksamkeit  möchten  wir  nach  unseren  Er¬ 
fahrungen  dem  Wismut  seinen  Platz  zwischen  dem  Salvarsan  und 
dem  Quecksilber  zuweisen,  wobei  es  sich  bis  jetzt  natürlich  nur 
darum  handeln  kann,  die  Einwirkung  auf  manifeste  Erscheinungen 
festzustellen. 

Nach  diesen  Erörterungen  über  den  Heileffekt  der  Wismut¬ 
behandlung  sei  auf  die  dabei  beobachteten  Nebenerschei¬ 
nungen  eingegangen.  Hier  mögen  zuerst  die  bei  der  Injektion  der 
unlöslichen  Bi-Präparate  eingetretenen  Reaktionen  Erwähnung  fin¬ 
den.  Sie  waren  durchweg  auffallend  gering.  Wer  gesehen  hat,  was 
die  Injektion  unlöslicher  Hg-Salze  für  Schmerzen,  ja  manchmal  sogar 
Gehstörungen  verursacht  hat,  ist  von  der  guten  Verträglichkeit  der 
Wismutsuspensionen  in  dieser  Beziehung  aufs  angenehmste  über¬ 
rascht.  In  den  allermeisten  Fällen  spürten  die  Kranken  von  der  In¬ 
jektion  überhaupt  nichts,  bei  einzelnen  Kranken  kam  es  zu  geringen 
ziehenden  Beschwerden,  während  das  Auftreten  direkter  Schmerzen 
nie  geklagt  wurde.  Auch  das  erwähnte  Ziehen  hielt  nur  etwa  1  bis  s 

2  Tage  an,  um  dann  wieder  vollständig  zu  verschwinden.  In  ganz 
vereinzelten  Fällen  nur  (3)  konnte  bei  späteren  Injektionen  durch  die 
eingestossene  Nadel  ein  von  einer  früheren  Einspritzung  stammendes  I 
Infiltrat  festgestellt  werden. 

Allgemeinerscheinungen  sahen  wir  bei  Bismogenol 
und  Bisuspen  nicht,  dagegen  traten  bei  Verwendung  des  Wismut- 
Diasporal  in  seiner  früheren  Form  einige  Male  sehr  stürmische  Stö- 
rungen  in  Gestalt  von  Schüttelfrost,  hohem  Fieber  und  heftigsten 
Kopfschmerzen  auf,  3  mal  kam  es  eine  halbe  Stunde  nach  der  Injektion 
unter  hohem  Fieber  zu  polyneuritisähnlichen  Zuständen,  die  in  voller 
Heftigkeit  bis  zu  5  Stunden  anhielten,  die  Anwendung  von  Morphium 
erforderlich  machten  und  noch  von  mehrere  Tage  anhaltenden  Mus¬ 
kelschmerzen  gefolgt  waren.  Die  Ursache  für  die  damals  beobachtete 
schlechte  Verträglichkeit  des  Mittels  lag  an  der  Art  des  Schutz¬ 
kolloids,  denn  seit  dieses  eine  Aenderung  erfahren  hat,  wurde  nur 
noch  gelegentlich  der  ersten  Injektionen  geringer  Temperaturanstieg 
(bei  einigen  Kranken  im  Verlauf  der  ersten  4  Einspritzungen)  bis  zu 
38  0  gesehen,  dabei  mehrere  Stunden  anhaltende,  nicht  sehr  heftige 
Kopfschmerzen  und  das  Gefühl  von  Mattigkeit  und  Schwäche.  Nach 
Wismulen  wurde  in  einem  Fall  am  Nachmittag  nach  der  Injektion 
über  leichte  Abgeschlagenheit  geklagt. 

•  I 

Ob  man  es  einer  Einwirkung  des  Wismuts  auf  den  Darmtrak- 
tus  zuschreiben  darf,  dass  wir  bei  2  unserer  mit  Wismutpräparaten 
behandelten  Kranken  Durchfälle  auftreten  sahen,  erscheint  mehr  als 
zweifelhaft,  da  zu  dieser  Zeit  noch  mehrere  andere  Kranke  der  Klinik 
(Hautkranke)  an  Enteritis  litten.  Dagegen  war  ein  Zusammenhang 
zwischen  der  Injektion  von  Wismulen  und  sofort  nach  der  Einverlei¬ 
bung  bei  2  Kranken  auftretenden  heftigen  Leibschmerzen,  die  nach 
etwa  halbstündiger  Dauer  wieder  abklangen,  unbedingt  anzunehmen,  i 
Diese  Schmerzen  waren  in  diesen  beiden  Fällen  so  heftig,  dass  die 
Kranken  nicht  aufgerichtet  vom  Behandlungsraum  zum  Saal  gehen 
konnten.  Bei  dem  einen  dieser  beiden  Fälle  waren  die  Schmerz¬ 
attacken  in  den  nächsten  Tagen  von  Obstipation  gefolgt. 

In  der  bis  jetzt  über  Nebenwirkungen  bei  der  Wismuttherapie 
erschienenen  Literatur  finden  sich  hie  und  da  Angaben  über  auf¬ 
getretene  Leberschädigungen.  Wir  konnten  eine  solche  bei 
keinem  unserer  Fälle  beobachten,  nie  trat  Ikterus  auf  oder  wurden 
Abbauprodukte  von  Gallenfarbstoffen  im  Urin  nachgewiesen. 

Ein  besonderes  Augenmerk  wurde  der  Beobachtung  von 
Nieren  Veränderungen  gewidmet  und  bei  einer  grösseren  Anzahl 
von  Kranken,  die  mit  den  verschiedensten  Wismutpräparaten  be¬ 
handelt  wurden,  täglich  das  Harnsediment  untersucht.  Dabei  machte 
sich  ein  deutlicher  Unterschied  zwischen  den  intravenös  verabfolgten 
Mitteln  gegenüber  den  intramuskulär  injizierten  bemerkbar.  Wäh¬ 
rend  beim  Wismut-Diasporal  und  eigentlich  noch  weniger  beim  Wis¬ 
mulen  nur  in  selteneren  Fällen  eine  Veränderung  im  Sediment  im 
Sinne  geringgradiger  Epithelurie  auftrat,  war  dies  bei  den  mit  Bi¬ 
suspen  und  Bismogenol  behandelten  Kranken  die  Regel.  Hier  konn¬ 
ten  nur  vereinzelte  Fälle  beobachtet  werden,  bei  denen  der  Urin 
auch  mikroskonisch  während  der  Dauer  der  Wismutkur  unbeeinflusst 
blieb.  Ich  möchte  gleich  hier  vorausschicken,  dass  die  Urinverände¬ 
rungen  bei  keinem  Kranken  so  waren,  dass  ein  Aussetzen  der  Wis¬ 
mutbehandlung  erforderlich  erschienen  wäre.  Nach  den  ersten  2  oder 

3  Injektionen  von  Bismogenol  oder  Bisuspen  war  das  Urinsediment 
unbeeinflusst,  die  Eiweissproben  waren  negativ.  Dann  machte  sich 
allmählich  eine  Wirkung  von  den  gesetzten  Wismutdepots  aus  gel¬ 
tend,  denn  nun  konnten  im  Zentrifugat  vermehrte  Epithelien,  z.  T.  ge¬ 
schwänzte,  festgestellt  werden,  nachdem  vorher  schon  Leukozyten, 
reichlicher  als  der  Norm  entsprechend,  angetroffen  wurden.  In  eini¬ 
gen  Fällen  fanden  sich  auch  wenige  rote  Blutkörperchen.  In  den 
nächsten  Tagen  mehrten  sich  dann  die  Epithelzellen  und  erschienen 
manchmal  in  Verbänden.  Dies  hielt  dann  entweder  bis  zum  Schluss 
der  Kur  an  oder  verminderte  sich  wieder,  und  nach  unseren  Be¬ 
obachtungen  war  das  letztere  eigentlich  häufiger  der  Fall.  Zur  Er¬ 
klärung  dieses  Befundes  haben  wir  eine  allmählich  eingetretene  An¬ 
passung  der  Nieren  an  die  Schädigung  durch  das  Wismut  an¬ 
genommen.  Nierenzylinder  haben  wir  in  keiner  Form  sehen  können, 
ln  4  Fällen  ergab  die  Eiweissprobe  unter  der  Kur  geringe  Opaleszenz, 
eine  deutliche  Albuminurie  trat  bei  der  von  uns  geübten  Dosierung 
an  keinem  Kranken  in  Erscheinung.  Es  ist  klar,  dass  gerade  bei 
diesen  4  Fällen  die  Fortführung  der  Kur  unter  genauester  Harnkon¬ 
trolle  vor  sich  ging;  dabei  zeigte  sich,  dass  die  Opaleszenz  bei 


MÜNCHENER  MEDIZINISCHE  WOCHENSCHRIFT. 


1251 


5  ^Oktober  1922. 

3  Fällen  nur  vorübergehend  war,  im  vierten  Fall  nicht  stärker  ge¬ 
worden  ist,  obwohl  bei  allen  4  Kranken  keine  Aenderung  in  der  Wis¬ 
mutbehandlung  stattgefunden  hatte.  Nachzuholen  wäre  noch,  dass 
bei  diesen  4  Kranken  Konzentrations-  und  Wasserversuch  angestellt 
wurde  und  gute  Nierenfunktion  ergab.  Bezüglich  der  Einwirkung 
der  Wismutpräparate  auf  die  Nieren  wäre  also  zu  sagen,  dass  ein 
schädigender  Einfluss  bei  Wismut-Diasporal  und  Wismulen  praktisch 
nicht  in  Frage  kam,  bei  Bisuspen  und  Bismogenol  sich  in  Form  -ver¬ 
mehrter  Epitheldesquamation  äusserte,  die  in  4  Fällen  vom  Auftreten 
geringer  Opaleszenz  im  Urin  begleitet  war.  Bei  keinem  der  von  uns 
behandelten  Kranken  kam  es  zu  einer  Nephrose  oder  Nephritis. 

Für  das  Zustandekommen  von  Veränderungen  in  der  M  und- 
höhle  war  der  Zustand,  in  dem  sich  diese  befand,  sowie  die  von 
den  Kranken  betriebene  Mundpflege  von  erheblicher  Bedeutung. 
Kranke  mit  einem  guten  Gebiss  bekamen  nie  Zahnschmerzen  oder 
einen  deutlicheren  Wismutsaum,  wenn  sie  unter  der  Behandlung  von 
Wismut-Diasporal,  Bisuspen  oder  Bismogenol  standen.  Das  Wismu¬ 
len  nahm  hier  eine  Sonderstellung  ein.  Bei  diesem  Präparat  traten 
nämlich  fast  regelmässig  kurze  Zeit  nach  der  Injektion  Zahnschmer¬ 
zen  —  teils  ganz  kurzdauernd  teils  bis  zu  einer  halben  Stunde  anhal¬ 
tend  —  auf,  die  bei  späteren  Injektionen  manchmal  zu  einem  Reissen 
im  ganzen  Unterkiefer  ausarteten.  Die  Beschwerden  waren  mehr¬ 
mals  so  heftig,  dass  ein  Wechsel  mit  dem  Wismutpräparat  vor¬ 
genommen  werden  musste.  Eine  interessante  Beobachtung  war  bei 
Behandlung  mit  Wismulen  in  einer  Reihe  von  Fällen  festzustellen,  in¬ 
dem  nämlich  bei  mehreren  Kranken  am  Tag  deY  Injektion  ein  deut¬ 
licher  Wismutsaum  meist  an  der  Prädilektionsstelle,  den  untern  mitt¬ 
leren  Schneidezähnan,  auftrat,  der  am  nächsten  Tag  fast  ganz  oder 
auch  vollständig  wieder  verschwand.  Bei  Wismut-Diasporal  wurde 
seltener  und  nur  geringgradig  Wismutsaum  beobachtet.  Unter  der 
Behandlung  mit  Bismogenol  und  Bisuspen  kam  es  bei  mehreren  Kran¬ 
ken  an  kariösen  Zähnen  zu  Zahnschmerzen  infolge  von  Pulpitis 
oder  Periodontitis,  so  dass  die  Zähne  extrahiert  werden  mussten. 
Bei  den  mit  den  letztgenannten  2  Bi-Präparaten  behandelten  Kranken, 
bei  denen  ein  Wismutsaum  auftrat,  konnte  man  in  der  Regel  schon 
mehrere  Tage  vorher  eine  entzündliche  Schwellung  der  Gingiva  be¬ 
obachten,  dann  trat  meist  an  den  beiden  itinern  untern  Schneide¬ 
zahnen,  manchmal  auch  zuerst  an  andrer  Stelle,  an  der  Zahnfleisch¬ 
grenze  ein  feiner,  grauschwarzer  Strich  auf,  der  sich  allmählich  ver¬ 
breiterte.  Zu  einer  schweren  Stomatitis,  insbesondere  mit  Ge- 
schwiirsbildung,  sahen  wir  es  bei  keinem  Kranken  kommen,  obwohl 
wir  bei  einigen  Kranken  mit  Wismutsaum  eben  zum  Zweck  der  wei- 
. ereil  Beobachtung  von  jeder  Behandlung  der  Mundhöhle  abgesehen 
hatten.  Die  durch  Wismut  gesetzten  Veränderungen  Hessen  sich 
leicht  durch  Mundspülen  mit  Kalium  chloricum  oder  Pinseln  mit 
10  proz.  Chromsäure  beheben. 

.  ,  An  der  Art  und  dem  Verlauf  des  Wismutsaums  glaubten  wir  einen 
iinweis  auf  die  Wirkung  und  Ausscheidung  des  Wismuts  bezüglich 
ler  Art  der  Verabreichung  sehen  zu  können.  Bei  der  intravenösen 
Darreichung  kam  es  entweder  zu  gar  keinen  oder  nur  flüchtigen  Ver- 
üiderungen,  die  dann  aber  sehr  schnell  verlaufen  konnten.  Das 
wismut  wirkt  hier  rasch,  aber  nur  kurze  Zeit.  Bei  der  intramusku- 
ar en  Anwendung  trat  der  Wismutsaum  erst  später  (nach  einigen 
njektionen)  in  Erscheinung,  um  dann  dauernd  anzuhalten.  Hier 
commt  die  Wirkung  des  Wismuts  nicht  sofort  in  voller  Stärke  zur 
-ntfaltung,  durch  die  gesetzten  Depots  bleibt  aber  der  Körper  viel 
ängcr  unter  dem  Einfluss  des  Medikaments. 

Sonstige  Nebenerscheinungen  bei  der  Bi-Behandlung  an  den  übri¬ 
gen  Organen  des  menschlichen  Körpers  haben  wir  nicht  beobachten 

:önnen. 

Zusammenfassend  lässt  sich  demnach  sagen,  dass  unsere 
-rfahrungen  mit  der  Wismuttherapic  insbesondere  bei  Verwendung 
’n,i  Bismogenol,  Bisuspen  und  Wismut-Diasporal  in  seiner  neuen 
.usammensetzung  als  sehr  günstig  bezeichnet  werden  können,  sowohl 
vas  ihre  Wirkung  auf  die  Lues  als  auch  was  die  Art  und  Schwere 
er  Nebenwirkungen  anlangt.  Nie  wird  das  Wismut  das  Salvarsan 
•erdrängen.  Schon  der  Nachweis  noch  lebender  Spirochäten  im 
.eizscrum  nach  mehreren  Injektionen  beweist  dies  deutlich.  Jedoch 
cheint  das  Wismut  sich  bei  der  kombinierten  Behandlung  mit  Sal- 
arsan  gut  zu  bewähren,  obwohl  natürlich  in  bezug  auf  Daucr- 
esultate  noch  abwartende  Haltung  geboten  ist.  Gegenüber  dem 
'uecksilber  sind  die  fehlende  Schmerzhaftigkeit  bei  der  intramusku- 
|ren  Verabreichung,  die  geringfügigen  Nierenveränderungen  sowie 
ie  relativ  harmlosen  Erscheinungen  in  der  Mundhöhle  —  ganz  ab¬ 
eschen  von  der  stärkeren  Wirkung  auf  die  Syphilis  —  hervor- 
uheben.  Aus  den  zuletzt  angeführten  Gründen  kann  das  Wismut 
ehr  wohl  in  Verbindung  mit  Salvarsan  zur  ambulanten  Behandlung 
mpfohlen  werden.  Die  oben  ausgeführten  Momente  und  die  guten 
henste,  die  uns  das  Wismut  in  solchen  Fällen  geleistet  hat,  wo  Sal- 
arsaii  aus  irgendwelchen  Gegenindikationen  heraus  nicht  oder  nicht 
lehr  gegeben  werden  konnte,  haben  uns  schon  jetzt  die  Wismut- 
lerapie  so  wertvoll  erscheinen  lassen,  dass  wir  sic  nicht  mehr  in 
"'-'“rem  Rüstzeug  gegen  die  Lues  missen  möchten. 


Lösliche  Quecksilbersalze  bei  der  Luesbehandlung, 

Von  Sanitätsrat  Dr.  Ries,  Stuttgart. 

Die  grosse  Reihe  löslicher  und  unlöslicher  Mittel  zur  Bekämpfung 
der  Syphilis,  die  in  den  Handel  kommen  und  alle  als  Spezifika  an¬ 
gepriesen  werden,  lässt  leider  den  Schluss  zu,  dass  das  Antilueti- 
kum,  d.  h.  ein  solches,  auf  dessen  unbedingte  und  dauernde  Wirkung 
man  sich  verlassen  kann,  noch  immer  nicht  gefunden  ist. 

Unter  den  vielen  Mitteln,  die  in  der  letzten  Zeit  versucht  wurden, 
verdient  zweifellos  das  Novasurol  (Bayer)  an  vorderster  Stelle 
i-  ij-  t-u'  ^as  Novasurol,  ein  lösliches  Quecksilberpräparat,  das 
die  Einführung  relativ  höherer  Hg-Dosen  ermöglicht,  stellt  ein  Dop¬ 
pelsalz  dar  von  oxymercurichlorphenoxylsaurem  Na  und  Diäthyl- 
malonylliarnstoff  und  enthält  33,9  Proz.  Hg.  Es  hat  alle  Vorzüge  und 
Schwächen  löslicher  Präparate,  d.  h.  die  löslichen  Präparate  sind 
nicht  fähig,  gleich  den  unlöslichen,  Depots  mit  ihrer  nicht  zu  unter¬ 
schätzenden  Wirkung  zu  schaffen,  die  Ausscheidung  aus  dem  Organis- 
niiis  ist  eine  zu  schnelle,  infolgedessen  treten  bei  löslichen  Präparaten 
Rezidive  schneller  auf  wie  bei  unlöslichen.  Dagegen  muss  anerkannt 
werden,  dass  mit  dem  raschen  Ausscheiden  auch  eine  rasche  Wir- 
kung,  d.  h.  eine  unmittelbare  und  schnelle  Beseitigung  ansteckender 
Erscheinungen  erreicht  wird.  Es  ist  also  durch  dieses  schnell¬ 
wirkende  Mittel  die  Gefahr  einer  Weiterübertragung  der  Lues  zwei¬ 
fellos  herabgemindert. 

Die  Injektionen  mit  Novasurol  sind  wie  die  meisten  mit  löslichen 
Präparaten  zumeist  schmerzlos,  ein  Vorzug  vor  den  Injektionen  mit 
unlöslichen  Mitteln,  die  zuweilen  erhebliche  Schmerzempfindungen 
auslösen  und  dem  Kranken  die  nicht  ganz  unwillkommene  Ver¬ 
anlassung  geben,  sich  der  Behandlung  zu  entziehen.  Tatsächlich  sind 
am  Tage  der  Injektion  und  an  den  beiden  nächsten  Tagen  zuweilen 
die  Schmerzen  nach  Einverleibung  unlöslicher  Präparate  so  empfind¬ 
lich  und  heftig,  dass  die  Kranken  geradezu  arbeitsunfähig  sind  und 
dass  auch  die  gewissenhaften  unter  ihnen  in  ihrer  Absicht,  sich  streng 
den  Anordnungen  des  Arztes  zu  fügen,  schwankend  werden.  Hand 
in  Hand  mit  der  raschen  Ausscheidung  des  Novasurols  gehen  auch 
seine  geringen  Nebenwirkungen.  Stomatitis,  Erbrechen,  Albuminurie 
treten  nur  ganz  vereinzelt  auf.  Nach  meinen  Erfahrungen  dürfte  sich 
das  Novasurol  ganz  besonders  als  Zwischenkur  zwischen  zwei  Haupt¬ 
kuren  oder  aber  kombiniert  mit  Salvarsan  empfehlen.  Auch  bei  Kin¬ 
dern,  sogar  bei  ganz  kleinen,  erzielte  ich  mit  dem  Präparat  gute  Er¬ 
folge.  Vor  allem  durfte  ich  beinahe  in  allen  Fällen  eine  nicht  un¬ 
erhebliche  Gewichtszunahme  feststellen. 

Die  günstigen  therapeutischen  Erfolge  bei  Syphilis  mit  der  kom¬ 
binierten  Quecksilber-Salvarsan-Behandlung  nach  Linser  wurden 
dadurch  noch  gesteigert,  dass  man  das  Salvarsan  statt  mit  Sublimat 
mit  Novasurol  kombinierte  und  es  so  ermöglichte,  ein  Quecksilber- 
piäparat  einzuführen,  das  auch  in  höheren  Einzeldosen  ohne  jede 
Venenschädigung  verabfolgt  werden  kann.  Diese  sog.  einzeitige 
intravenöse  Novasurol-Neosalvarsan-Behaudlung  wird  von  den 
meisten  Autoren  als  unschädlich  bezeichnet  und  die  Erfolge  sind  so¬ 
wohl  klinisch  als  serologisch  gut.  Ebenso  wie  mit  Novasurol  wurden 
sodann  andere  lösliche  Quccksilbersalze  mit  Neosalvarsan  gemischt 
oder  das  Neosalvarsan  durch  Silbersalvarsan  ersetzt;  bei 
allen  diesen  Modifikationen  konnten  gute  Erfahrungen  gesammelt 
und  befriedigende  Resultate  beobachtet  werden,  besonders  wenn  es 
sich  um  frische  Infektionen  handelte,  die  noch  unbehandelt  waren  oder 
aber  auch  um  solche  Fälle,  die  sich  refraktär  verhielten,  bei  denen 
trotz  energischer  wiederholter  Behandlung  der  Wassermann  immer 
noch  oder  wieder  positiv  war. 

Rein  technisch  haben  die  Mischspritzen  mit  Novasurol  plus  Nco- 
salvarsan  den  Vorteil,  dass  bei  ihnen  nicht  wie  bei  der  Mischung 
Neosalvarsan-Sublimat  ein  schwärzlicher  Niederschlag  entsteht,  der 
das  Einströmen  des  Blutes  in  die  Spritze  zu  sehen  verhindert,  sondern 
es  zeigt  sich  nach  anfänglicher  Trübung  eine  Lösung,  die  je  nach  der 
Dosis  der  beiden  gemischten  Präparate  von  gelblichgrün  bis  olivgrün 
schwankt. 

Die  Technik  erfolgt  am  einfachsten  nach  den  Angaben  von 
Bruck  und  Becher  in  der  Weise,  dass  selbstverständlich  die 
Mischung  jedesmal  frisch  bereitet  wird,  und  zwar  am  besten  in  der 
Spritze  selbst:  die  zu  verwendende  Neosalvarsandose  wird  am  besten 
in  etwa  5  ccm  destillierten  Wassers  gelöst,  in  die  Glasspritze  auf¬ 
gesogen  und  die  Novasuroldose  direkt  aus  der  käuflichen  Ampulle 
durch  die  Nadel  nachgesaugt.  Dann  wird  mit  einer  Luftblase  in  der 
Spritze  umgeschüttelt  und  etwa  eine  halbe  Minute  gewartet,  bis  die 
Umsetzung  der  Mischung  sich  vollzogen  hat.  Die  entstandene  gelb¬ 
lichgrüne  oder  olivgrüne